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COLLECTION BACCARA BAND 368

A.C. ARTHUR

Süße Melodie der Leidenschaft

Sie hat die Stimme eines Engels, der von verbotenen Träumen singt, und den verführerischen Körper einer Diva: Charlene Quinn ist für den Musikproduzenten Akil Hutton die ultimative Versuchung! Er begehrt sie, wie er noch nie eine Frau begehrt hat – aber kann Charlene seine Gefühle noch erwidern, wenn sie sein dunkelstes Geheimnis erfährt?

ELIZABETH BEVARLY

Wenn dich ein Fremder zärtlich küsst …

Sie sieht hinreißend aus, wie sie da allein auf der Terrasse steht, während alle anderen ausgelassen feiern. Doch auch so einsam … Garrett Fortune kann gar nicht anders, als Renee an sich zu ziehen und sie zu küssen. Er ahnt nicht, was er mit seinem Kuss in ihr weckt: eine heimliche Lust, die sie niemals stillen darf!

CHARLENE SANDS

Dieses brennende Verlangen

Immobilienmogul Casey Thomas hat zwei Gründe, der schönen Susanna zu helfen. Der eine: Er sieht, wie viel sie arbeitet. Sie hat eine exklusive Bäckerei eröffnet und kümmert sich allein um ihre kleine Nichte. Der andere: Vor zehn Jahren hat er sie in einer heißen Nacht verführt – und dann verlassen. Kein Tag vergeht, an dem er das nicht bereut …

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Süße Melodie der Leidenschaft

1. KAPITEL

Charlene war im siebten Himmel. Vor zwei Tagen hatte sie den Anruf ihrer Agentin Sofia Wellesley von Limelight Entertainment erhalten. Jetzt stand der geöffnete Koffer vor ihr auf dem Bett. Miami! Während sie packte, sang sie laut einen alten Song von CeCe Peniston.

Singen war ihre große Leidenschaft. Charlene arbeitete als Stimmbildnerin am College. Diese Aufgabe empfand sie gleichermaßen als herausfordernd und befriedigend. Ihre Eltern hingegen waren nicht sehr glücklich gewesen über ihre Berufswahl. Sie hätten es lieber gesehen, wenn sie die gleiche Richtung eingeschlagen hätte wie ihre drei Jahre ältere Schwester. Die Karriere von Candis Quinn hatte bereits im zarten Alter von einem Jahr begonnen, mit einem Werbespot für Baby-Windeln. Seither hatte Candis immer wieder vor der Kamera gestanden und ihre Fotos zierten die Seiten diverser Zeitschriften. Noch während ihrer Zeit an der Highschool hatte sie schließlich begonnen, als Model zu arbeiten.

Gewöhnlich verloren Kinder ihren Babyspeck zwischen dem dritten und vierten Lebensjahr, weil sie sich dann mehr bewegten. Bei Charlene war dies jedoch nicht der Fall gewesen, sie blieb ein pummeliges Kind. Daher war Candis der einzige Kinderstar der Familie.

Ihr Vater, Randall Quinn, hatte im Laufe der letzten dreißig Jahre gut über zwanzig populäre Sitcoms produziert. Und Marjorie war die perfekte Ehefrau und Mutter. Sie unterstützte ihren Mann, begleitete Candis zu allen Foto-Shootings und Werbeaufnahmen und versuchte, ihre jüngere Tochter zu etwas zu machen, das sie definitiv nicht sein konnte.

Als Charlene sechzehn wurde, hatte ihre Mutter schließlich genug von all den fehlgeschlagenen Diäten und ging mit ihr zum Arzt. Der stellte eine Schilddrüsenunterfunktion fest – offensichtlich produzierte ihre Schilddrüse nicht genügend Hormone. Zu den frühen Symptomen dieser Erkrankung zählten Müdigkeit, Gewichtszunahme und Wassereinlagerung – Probleme, die Charlene plagten, seit sie ein kleines Mädchen war. Meist trat dieses Phänomen erst später im Leben und überhaupt eher selten auf. Charlene war, wie der Arzt sagte, eine absolute Ausnahme.

Diese Diagnose änderte jedoch nichts daran, dass Charlene in Beverly Hills aufwuchs, wo es nur so wimmelte von Models und Schauspielerinnen, die mit einem Meter fünfundsiebzig, einer Wespentaille und üppigen Brüsten den absoluten Idealvorstellungen entsprachen. Noch jetzt fühlte Charlene sich unbehaglich mit ihrem Äußeren, obwohl sie mit ihrer Größe von eins fünfundsechzig, einem makellosen Teint und ihren leicht schräg gestellten Augen überaus apart wirkte.

Sie fühlte sich besser als früher, aber die Erinnerungen an die kränkenden Hänseleien in der Schule saßen tief. Damals hatte sie aber auch ihre beste Freundin Rachel kennengelernt. Sie waren beide in der dritten Klasse der Beverly Vista School gewesen. Bei einem warmen Kakao und klebrigen Makkaroni and Cheese hatten sie die Grundlage für eine lebenslange Freundschaft gelegt.

Rachel Wellesley war die jüngere Schwester von Charlenes Agentin Sofia. Erst vor drei Wochen war eine richtige Katastrophe über sie hereingebrochen. Passiert war, wovor Charlene und sie sich am meisten fürchteten: Rachel war in die Schlagzeilen der Regenbogenpresse geraten.

Wie Charlene kam Rachel aus einer prominenten Familie. Die Wellesleys betrieben die erfolgreiche Künstleragentur Limelight Entertainment. Das in Verbindung mit der Tatsache, dass sie in Beverly Hills lebten, brachte die Mädchen in eine Position, die sie hassten: Immer schwirrten Paparazzi und Reporter um ihre Elternhäuser oder auf dem Schulhof herum. Alle wollten einen Einblick in ihr Privatleben bekommen oder in das Leben ihrer prominenten Familien.

Es war abstoßend und beide Mädchen schworen sich, der Presse und den Medien als Erwachsene so weit wie möglich aus dem Weg zu gehen. Für Charlene war das bisher kein Problem gewesen.

Aber dann war sie mit Rachel in die Karaoke-Bar gegangen, um sich einen Mädelsabend zu gönnen. Und dieser Abend hatte alles verändert.

„Wieso singst du nicht etwas?“, hatte Rachel vorgeschlagen, nachdem ein Mann mit Bierbauch und Zauselbart die grottenschlechte Version eines bekannten Hits zum Besten gegeben hatte.

„Nein danke.“ Charlene nippte an ihrem Mineralwasser. „Stell du dich doch ans Mikrofon. Es wird dir guttun, die Sache mit Ethan und der Presse für eine Weile zu vergessen.“

Rachel schüttelte den Kopf. „Du weißt doch, dass ich nicht singen kann. Und unter gar keinen Umständen will ich der Presse noch mehr Munition gegen mich liefern.“

Charlene runzelte die Stirn. Sie hasste es, ihre sonst so fröhliche Freundin so unglücklich zu sehen. Spontan drückte sie ihre Hand. „Es wird vergehen. Du weißt doch, dass diese Geier alle fünfzehn Minuten ein neues Opfer finden. Dann ist Ethans Liebesleben Schnee von gestern.“

Rachels Versuch, ein Lächeln aufzusetzen, schlug jämmerlich fehl.

„Komm schon, Rachel, wenn du weiter so dreinschaust, bekomme ich noch Komplexe. Es kann doch nicht so schrecklich sein, den Abend mit mir zu verbringen.“

„Ich weiß, was meine Laune wirklich heben würde …“

„Nämlich?“

„Geh nach vorn und sing.“

Charlene hatte das Nein schon auf den Lippen. Sie mochte es nicht, im Mittelpunkt zu stehen, aber an diesem Abend ging es nicht um sie, sondern um ihre Freundin, die ihr über die Jahre bei all ihren Problemen immer zur Seite gestanden hatte. Nun war es an ihr, Rachel zu helfen. Wozu waren Freunde schließlich da?

„Okay, aber wenn ich das mache, dann möchte ich, dass du den Rest des Abends lächelst. Abgemacht?“

Rachel wusste, dass sie eine große Schlacht gewonnen hatte. Sie erwiderte Charlenes Händedruck. „Abgemacht. Komm, lass uns mal sehen, was sie für Songs anbieten.“

An der digitalen Jukebox klickten sie sich durch die Anzeige der verfügbaren Titel. Plötzlich deutete Rachel auf einen Song und rief: „Den da!“

Charlene sah ihre Wahl und musste lächeln. Es war einer ihrer Lieblingssongs während der Zeit an der Highschool gewesen.

Also betrat sie die kleine Bühne, während Rachel sich wieder an den Tisch setzte. Es war Freitagabend, kurz nach zehn, und die Bar füllte sich langsam. Charlene stellte das Mikrofon auf die richtige Höhe ein – der Mann mit dem Bierbauch war wesentlich größer gewesen als sie. Dabei fiel ihr Blick auf die Menschen, die erwartungsvoll zu ihr heraufsahen. Menschenmengen irritierten Charlene nur insofern, als sie es nicht mochte, angestarrt zu werden. Sobald sie anfing zu singen, ging sie so in der Musik auf, dass alles andere in den Hintergrund trat. Sie räusperte sich.

Einige der Gäste applaudierten aufmunternd.

„Sing, Baby! Sing!“ Ein schon nicht mehr ganz nüchterner Mann mit einer Zigarette im Mundwinkel prostete ihr zu. Geistesabwesend fragte sie sich, wie sich die Zigarette dort halten mochte. Dann nickte sie der Frau zu, die die Karaoke-Maschine bediente.

Sie brauchte den Text auf dem Teleprompter nicht, sie kannte ihn auswendig. Das Licht wurde gedimmt und ein Scheinwerfer auf sie gerichtet. Die ersten Takte der Musik erklangen. Sie spürte das vertraute Kribbeln in ihrem Inneren. So war es immer, wenn sie sang. Die Musik erfüllte ihren ganzen Körper, ihre ganze Seele.

Und dann setzte sie ein. Es war Hero, ein Song von Mariah Carey.

Charlene liebte den Text. Sie legte ihre ganze Seele hinein. Für den großen schlanken Mann, der ihr von einem Tisch hinten im Raum aus zuhörte, hatte sie keine Augen.

Minuten später brandete Applaus auf. Glücklich und wie benommen verließ Charlene die Bühne und begab sich zurück zu ihrer Freundin. Rachel strahlte sie an, aber noch bevor sie ihre Begeisterung kundtun konnte, war der Mann vom anderen Tisch zu ihnen getreten.

„Entschuldigen Sie, meine Damen …“

„Ja?“ Charlene sah ihn fragend an.

„Ich störe nur ungern, aber ich wollte Ihnen gratulieren, Ms. Quinn. Sie haben wunderbar gesungen. Und ich möchte mich vorstellen. Ich bin Jason Burke. Talentscout.“ Er reichte Charlene seine Karte. „Bitte rufen Sie mich an. Ich möchte einiges mit Ihnen besprechen. Meine Firma würde Ihnen gern ein Angebot machen.“

Charlene steckte die Karte ein, ohne seine Worte ernst zu nehmen.

„Ich rufe Sie an“, versicherte sie, um ihn loszuwerden. „Ist nächste Woche früh genug?“

Der Mann grinste. „Ja, ich freue mich darauf“, versicherte er und verließ den Club.

Charlene verdrehte die Augen. „Glaubt er wirklich, ich würde ihn anrufen?“

Rachel nippte an ihrem Drink. „Du hast es ihm versprochen.“

„Ich bitte dich! Ich kann singen, aber so gut nun auch wieder nicht. Und wahrscheinlich ist er gar kein Talentscout.“

„Zeig mal seine Karte.“

Charlene zog sie aus der Tasche ihrer Jeans, damit Rachel sie betrachten konnte.

„Ich finde, du solltest Sofia anrufen und sie bitten herauszufinden, ob das stimmt, was er sagt. Falls ja, würde ich ihn an deiner Stelle anrufen. Was hast du zu verlieren?“

Und damit kam die Sache ins Rollen. Sofia kannte durch Limelight Entertainment so gut wie jeden in der Musikbranche, beim Film und beim Fernsehen. Sie überprüfte den Mann und stellte fest, dass er tatsächlich zu Playascape gehörte, einem Label im Vertrieb des internationalen Konzerns Empire Music.

Charlene beriet sich mit ihr und beschloss, den Mann anzurufen. Gemeinsam mit Sofia, die sie offiziell als ihre Managerin begleitete, kam sie der Einladung zu einem Gespräch nach. Und so hielt sie zwei Wochen später ihren ersten Plattenvertrag in Händen.

Das Ganze kam Charlene vor wie eine aufregende Fahrt mit der Achterbahn. Und als sei das alles noch nicht genug, stand sie jetzt im Begriff, nach Miami zu fliegen, um mit dem Starproduzenten Akil Hutton zu arbeiten, dem Mann, der alle ihre Träume wahr werden lassen sollte.

Irgendetwas stimmte nicht.

Es konnte einfach nicht wahr sein! Das dachte Akil Hutton wohl schon zum tausendsten Mal, seit er am vergangenen Morgen die Sendung von Jason Burke erhalten hatte.

„Sie wird die nächste Whitney Houston, Ace. Ich sage es dir! Warte, bis du sie selbst kennenlernst.“

Jason nannte ihn Ace, seit sie vor Jahren gemeinsam als Praktikanten bei Empire angefangen hatten. Während der vergangenen zehn Jahre hatten sie sich ins Zeug gelegt, um ihr Label Playascape zur ersten Adresse im Bereich Hip-Hop und Rhythm & Blues zu machen. Schon als Praktikanten hatten sie gewusst, dass sie eines Tages ein Stück von diesem Kuchen für sich haben wollten. Da Jason ein untrügliches Gespür für neue Trends hatte, war er der ideale Mann für die A&R-Abteilung. Artists & Repertoire – das war sein Ding.

Akil hingegen hatte es immer ins Studio gezogen. Er liebte es, zusammen mit den Künstlern und den Tontechnikern am perfekten Sound zu arbeiten.

Neunzehn Nummer-eins-Hits, sieben Platin-CDs, drei Goldene Schallplatten und viele andere Auszeichnungen später arbeiteten Akil und Jason immer noch eng zusammen. Akil konnte sagen, dass Jason der einzige Mensch auf der Welt war, den er als seinen Freund bezeichnet hätte.

Und das war wirklich eine Schande.

Aber zurück zu seinem momentanen Dilemma.

Akil betrachtete das Foto einer hübschen Frau mit leicht gebräuntem Teint und dunkelbraunen Augen. Ihr Lächeln ließ entzückende Grübchen auf ihren Wangen erscheinen. Das dunkle Haar war zu einem Pferdeschwanz gebunden.

Obwohl ihr Gesicht ihn spontan ansprach, ließ der Rest ihn innehalten. Nachdem er nun schon seit Jahren in diesem Business war, wusste er, dass Stars groß und schlank sein mussten, fast ausgemergelt. Sie hingegen war eine Vollblutfrau mit richtigen Kurven. Sie trug eine dunkelblaue Hose und eine geknöpfte Bluse, High Heels und nur wenig Make-up.

Aus Sicht des Produzenten war das einfach Durchschnitt. Farblos. Unauffällig. Eine tödliche Kombination.

Aus persönlicher Sicht – darüber mochte er gar nicht weiter nachdenken.

Er schloss die Augen, verdrängte den visuellen Eindruck und lauschte der Stimme, die aus seinen Studioboxen kam. Ein rauer und doch voller Mezzosopran durchflutete den Raum.

Diese Demo-Aufnahme hatte er sich wohl schon ein Dutzend Mal angehört in den letzten vierundzwanzig Stunden. Er war wie süchtig nach diesem melodiösen Klang. Es gab keinen Zweifel, sie hatte eine Stimme. Eine gute, kräftige Stimme. Genau richtig für Rhythm & Blues. Jason hatte Gold gefunden.

Diese Charlene Quinn war den Unterlagen zufolge die Tochter eines Filmproduzenten und befreundet mit Sofia Wellesley von der Agentur Limelight Entertainment. Das sagte ihm zweierlei. Erstens: Sie war reich und privilegiert. Wahrscheinlich erwartete sie, dass die ganze Welt sie entsprechend behandelte. Zweitens: Sie hatte Beziehungen. Limelight zählte zu den ersten Adressen der Branche. Die Agentur vertrat viele Stars sowohl aus der Filmszene als auch im Musikbusiness. Aber für Akil zählte nur das Talent. Beziehungen und Geld bedeuteten ihm nichts, solange der Künstler kein Talent hatte, mit dem er arbeiten konnte.

Für die Demo-CD hatte sie drei Tracks aufgenommen. Das erste war ein alter Hit von Tina Turner. Akil wippte automatisch mit dem Fuß und spürte die emotionale Kraft, die bisher nur Tina hatte herüberbringen können. Der zweite Track war ein Song, den Jason sie in der Karaoke-Bar hatte singen hören. Hero von Mariah Carey. Wieder ein Song, an dem sich niemand außer der Originalinterpretin versuchen sollte, aber sie hatte es sehr gut gemacht. Ihr Stimmumfang war erstaunlich – sie traf die hohen Töne ebenso sicher wie die tiefen.

Den dritten Song kannte er nicht. Der Beat war langsam, jazzig und der Text sehr sinnlich. Charlene hatte mit einem leisen Intro begonnen, das seine Aufmerksamkeit sofort gefesselt hatte. „Das erste Mal, als wir uns liebten“, hieß es im Text und so, wie sie es sang, klang es, als erlebte sie dieses erste Mal noch einmal. Sehr emotional. Sehr gefühlvoll. Fasziniert lauschte Akil, er fühlte sich hineingezogen in das Herz des Songs, in die Seele der Sängerin.

Blieb nur der Gegensatz zwischen ihrem Aussehen und ihrem Sound.

Akil war der Produzent und als solcher verantwortlich für alle Stadien der Tonaufnahme. Er arbeitete mit dem Künstler, mit den Studiomusikern und den Tontechnikern. Das waren seine Standardaufgaben. Aber er wäre wohl kaum einer der erfolgreichsten Produzenten, wenn er sich mit dem Standard zufriedengeben würde.

Wenn er einen neuen Künstler aufbaute, dann ging er jeden Aspekt durch, von der künstlerischen Seite über die Performance auf der Bühne bis hin zum allgemeinen Image, das der Öffentlichkeit präsentiert werden sollte. Er wollte die beste Musik produzieren, wollte die beste Performance. Das war es, was ihn einzigartig machte in der Szene. Er war bekannt als Perfektionist. Einige bezeichneten ihn sogar als Sklaventreiber. Aber letztlich tat er alles für die Sache.

Er konnte auf eine beeindruckende Erfolgsbilanz zurückblicken, hatte einen hervorragenden Ruf und ein paar Millionen Dollar auf dem Konto. Und alles begann damit, dass er an das Potenzial eines Künstlers glaubte.

Sein Blick fiel noch einmal auf das lächelnde Gesicht auf dem Foto. Er schüttelte den Kopf. Er war sich einfach nicht sicher, ob das Gefühl bei Charlene Quinn reichte.

2. KAPITEL

Einige Männer standen auf Brüste, andere auf Po. Akil stand auf Schenkel. So war es kein Wunder, dass sein Puls schneller ging, als Charlene Quinn den Regieraum seines Studios betrat, wo er gerade am Mischpult saß.

Er hatte sie schon einmal persönlich gesehen, als sie sich kurz im Büro von Empire Music getroffen hatten. Deswegen überraschte es ihn nicht zu sehen, wie hübsch sie von Nahem betrachtet war. Aber der Anblick ihrer Schenkel, die von einer weichen blauen Hose umhüllt waren, nahm ihn so gefangen, dass er sich langsamer als gewöhnlich erhob.

Ihr breites Lächeln ließ ihre Augen blitzen – wenn man denn auf so etwas achten wollte. Auf jeden Fall lächelte sie, als sie ihm die Hand reichte, und er spürte seine gerunzelte Stirn, bevor er sich einen Ruck gab und ihr Lächeln erwiderte.

„Ms. Quinn, es freut mich, dass Sie gut angekommen sind.“ Ein Händedruck war üblich. Nicht üblich war die prickelnde Reaktion seines Körpers auf ihre Berührung. Hastig entzog er ihr die Hand und tat so, als beanspruche irgendetwas am Mischpult seine Aufmerksamkeit.

„Ja, das war kein Problem – dank der Privatmaschine, die Sie mir geschickt haben.“

Ihre Stimme war tiefer, als er sie in Erinnerung hatte, rauer, fast so, wie wenn sie sang. Und was auch immer sie für ein Parfum benutzte – es reizte seine Sinne. Glücklicherweise war Akil nicht ganz unerfahren, er wusste, wie er mit den Bedürfnissen seines Körpers umgehen musste. Und er wusste auch, dass Bedürfnisse, die in die Richtung einer seiner Künstlerinnen gingen, ausgeschlossen waren. Außerdem: Dies war Charlene Quinn, der kommende Star von Playascape. Er würde alle Hände voll zu tun haben damit, ihr Image zu verändern. Da war es nur sinnvoll, die Situation nicht durch Sex unnötig kompliziert zu machen.

„Ich habe hier ein paar Songs von einem großartigen Texter, mit dem ich schon ein paarmal gearbeitet habe. Ich möchte, dass Sie sich die Lieder heute Abend ansehen und ein Gefühl für sie bekommen, damit wir dann morgen früh gleich mit der Arbeit beginnen können.“

Er saß wieder am Mischpult. Sah sie nicht an, wusste aber, dass sie noch da war.

„Ich dachte, wir essen heute Abend zusammen.“ Sie räusperte sich. „Ich meine, Jason sagte, ich würde das Team heute Abend beim Essen kennenlernen. Werden Sie nicht dabei sein?“

Akil nickte. „Doch, ich werde da sein. Aber ich möchte nicht, dass Sie das als eine große Einladung missverstehen. Wir sind hier, um zu arbeiten. Ich habe Sie in meinem Haus untergebracht, weil ich mich besser konzentrieren kann, wenn wohnen und arbeiten unter einem Dach stattfinden. Und für diese CD werden wir sehr viel arbeiten müssen.“

Ihr gefiel nicht, in welchem Ton er das sagte.

Ihr gefiel eigentlich überhaupt nichts an Akil Hutton. Noch nie hatte sie jemanden getroffen, der derart unhöflich und arrogant war. Aber sie hätte es wissen sollen. Er war einer der angesagtesten Produzenten der Szene. Es war ein Schock für sie gewesen, als Jason ihr sagte, dass sie mit Akil Hutton zusammenarbeiten würde. Aber bei Licht betrachtet war ja die ganze jetzige Situation ein Schock für sie.

Charlene hatte immer gern gesungen, aber sie hatte nie erwogen, das Singen zu ihrem Beruf zu machen. Gut, das stimmte vielleicht nicht ganz. Wieso sonst hatte sie eine fertige Demo-CD in der Schublade liegen, als Jason danach fragte? Die Aufnahme hatte sie vor gut einem Jahr gemacht. Einer ihrer Studenten hatte einen Song geschrieben und sie gebeten, ihn zu singen. Als sie es tat, erbot er sich, ein Demo für sie aufzunehmen. Charlene hatte die fertigen CDs genommen und sie in ihrer Schublade verschwinden lassen. Sie wusste, sie würde niemals den Mut aufbringen, sie irgendjemandem zu schicken. Die Aufnahme zeigte sie als eine starke Frau voller Selbstvertrauen und Intelligenz, aber Charlene kannte auch ihre Schwächen – und die größte war ihr Körper.

Sie war nie schlank gewesen wie Candis oder zierlich und kurvig wie Rachel. So hatte die Natur sie nicht vorgesehen, das musste sie akzeptieren. Aber an manchen Tagen schickte sie doch ein stummes Stoßgebet zum Himmel und flehte darum, ein paar Zentimeter in der Taille und an den Schenkeln abzunehmen. Letztlich musste sie jedoch schon froh sein, wenn sie dank ihrer täglichen Dosis Levoxyl, das die Schilddrüsenfunktion anregte, ihr Gewicht auf dem jetzigen Level hielt.

Das war der Grund, wieso sie nie weiter über eine Karriere als Sängerin nachgedacht hatte. Sie wollte nicht, dass die Menschen sie anstarrten und vielleicht über sie spotteten. Der Job am College war ideal, weil er ihr die Chance gab zu tun, was sie liebte, ohne dass sie sich der Öffentlichkeit stellen musste. Jetzt hatten Rachel und Sofia sie überzeugt, dass sie sich diese einmalige Chance nicht entgehen lassen durfte. Im Grunde ihres Herzens wusste sie, dass die beiden recht hatten. Bei allen Vorbehalten war es doch das Klügste, es wenigstens zu versuchen. Nicht jede Sängerin bekam eine solche Gelegenheit geboten. Es wäre mehr als undankbar gewesen, sie auszuschlagen.

Und hier war sie nun in Miami, stand im Studio des berühmten Akil Hutton und wünschte sich nichts sehnlicher, als entweder auf der Stelle das Haus zu verlassen oder aber im Boden zu versinken, damit Hutton sie nicht mehr bemerkte. Aber stattdessen stählte sie sich, atmete tief durch und fuhr fort: „Wir hatten in L. A. kaum Gelegenheit, über das Projekt zu sprechen. Was für eine CD schwebt Ihnen vor?“

Akil sah sie nicht einmal an, während er eine ungeduldige Handbewegung in ihre Richtung machte. „Dazu kommen wir später. Nehmen Sie einfach die Songs mit und lassen Sie sich von Nannette Ihr Zimmer zeigen, damit Sie sich zum Essen umziehen können.“

Sie war entlassen – und doch blieb sie einfach stehen. Blieb stehen und sah ihn an.

Er war nicht unansehnlich. Glatte Haut mit dunklem Teint, kurz geschnittenes dunkles Haar und ein glatt rasiertes Gesicht. Er trug eine schwarze Hose und ein eng anliegendes Hemd, unter dem sich feste Muskeln an Oberarmen und Bauch abzeichneten. Während er weiter die Knöpfe des Mischpults drehte, bemerkte sie, dass er schlanke lange Finger hatte wie ein Pianist. Er trug eine goldene Armbanduhr, aber sonst keinen Schmuck, was heutzutage ungewöhnlich war – die meisten Produzenten behängten sich ebenso mit Schmuck wie ihre Künstler.

„Ist noch etwas?“ Sein unfreundlicher Ton riss sie abrupt zurück in die Wirklichkeit.

„Nein, nichts“, beschied sie ihn knapp. „Wir sehen uns dann beim Abendessen.“

Sie machte auf dem Absatz kehrt, dankte dem Himmel, dass ihre Füße sie trugen, und verließ das Studio.

Falls das Ganze ein Vorgeschmack auf die Zusammenarbeit war, dann stand zu befürchten, dass diese CD niemals das Licht der Welt erblickte.

Das Haus war wunderbar, keine Frage. Die Mauern waren weiß, die Fensterläden schwarz, das Dach trug rote Schindeln. Das Ganze nur fünfundvierzig Minuten entfernt vom Flughafen und mitten im Wald – es passte zu dem geheimnisvollen Akil Hutton.

Bei ihrer Ankunft war Charlene nervös gewesen. Der Chauffeur, der sich auf dem Flughafen als Cliff vorgestellt hatte, hatte ihre zwei Koffer ins Haus getragen.

Jetzt, zwei Stunden später, stand sie am Fenster des Zimmers, das ihr Nannette, das hübsche südamerikanische Hausmädchen, gezeigt hatte, und fragte sich, was um alles in der Welt sie hier eigentlich machte. Das Zimmer ging nach hinten hinaus und bot einen Blick auf einen Pool, an dem man aus Felsbrocken einen Wasserfall gebaut hatte.

Das Anwesen war beeindruckend, ohne sie zu überwältigen. Das Haus ihrer Familie in L. A. war ebenso groß wie dieses und einige Freunde ihrer Familie hatten Häuser, die noch größer waren. Es war also nicht ihre Umgebung, die sie nervös machte. Sie schob es auf den Mann, von dem ihre Karriere als Sängerin abhing – er konnte sie mit einem Fingerschnippen beenden.

Das melodische Klingeln ihres Handys riss sie aus den Gedanken. Sie meldete sich.

„Hallo, Charly! Wie nett, dass du mich hast wissen lassen, dass du heil in Miami angekommen bist.“

„Hi, Candis. Tut mir leid, dass ich nicht angerufen habe, aber ich war beschäftigt.“

„Wirklich?“ Ihre ältere Schwester lachte leise. „Womit? Mit diesem Wahnsinnstypen Akil Hutton? Ich kann es immer noch nicht glauben, dass er deine CD produzieren wird. Du weißt ja gar nicht, was für ein Glück du hast.“

Charlene musste nicht einmal die Augen schließen, um sein Gesicht wieder vor sich zu sehen. Sie seufzte leise. „Ach, hör doch auf! Akil Hutton interessiert sich nur und ausschließlich für seine Arbeit. Aber das soll mir nur recht sein, denn ich möchte das hier so schnell wie möglich hinter mich bringen.“

„Hmmm. Du scheinst nicht sonderlich begeistert von der Chance, die dir da geboten wird. Du bist verrückt! Singen ist doch dein Leben!“

„Ich weiß, aber das Unterrichten macht mir auch Spaß.“

„Spaß, Spaß! Du sollst glücklich sein, und das bist du nur, wenn du singst.“

Dem konnte Charlene wenig entgegensetzen. „Aber es war okay, es nur mit meinen Studenten zu tun, Candis. Ich habe keine Erfahrung darin, vor Publikum aufzutreten. Was werden die Leute von mir denken? Was, wenn sie mich nicht mögen?“

„Und was, wenn morgen eine Atombombe hochgeht? Was, wenn ich extra zu einem Shooting nach Paris fliege und morgens einen Riesenpickel auf der Stirn habe? Wenn, wenn!“ Sie seufzte. „Charly, du kannst dich nicht immer was wäre, wenn fragen! Du hast eine gottgegebene Gabe. Nutze sie und teile sie mit der Welt!“

„Aber …“

„Nichts aber. Hör einfach auf, dir ständig Sorgen zu machen. Die Leute von dem Plattenlabel waren offensichtlich überzeugt genug von dir, um dir einen Vertrag anzubieten. Das tun sie doch nicht nur einfach so!“

Charlene nickte. Candis hatte ja recht. Das Problem war nur: Talent war nur eine Seite der Medaille. Es gab genügend Menschen, die Talent zum Singen hatten. Sie brauchte nur an die Casting-Shows im Fernsehen zu denken. Viele der größten Talente erreichten nie die Endausscheidung. Und immer wieder war von den Juroren zu hören, dass es nicht nur um die Stimme ging, sondern um das Gesamtpaket. Charlene wusste nicht, ob sie den Ansprüchen eines solchen Gesamtpakets genügen konnte.

„Ich bin mir nur nicht hundertprozentig sicher bei der ganzen Sache, das ist alles.“

Playascape hält dich für gut und möchte eine CD mit dir auf den Markt bringen. Akil muss der Meinung sein, dass du seine Zeit wert bist. Also mach den Mund auf und sing!“

Candis hatte wirklich eine denkwürdige Art, eine Sache auf den Punkt zu bringen. Aber Charlene nahm ihr die brutale Offenheit nicht übel. Sie wusste, dass sie sich auf sie verlassen konnte. Nur zu gut erinnerte sie sich an ihre Kindheit, wenn die Mädchen aus der Nachbarschaft vorbeigekommen waren, um mit Candis abzuhängen. Natürlich waren sie alle gertenschlank und bildhübsch. Eines Tages, als sie sich über die pausbäckige kleine Schwester lustig machten, warf Candis sie kurzentschlossen allesamt aus dem Haus. Sie war immer bereit, Charlene zu beschützen, auch wenn Charlene sie lange Jahre nur beneidet und zeitweise sogar gehasst hatte.

„Okay.“ Charlene seufzte. „Ich tue einfach das, was ich kann, und bete, dass es genug ist.“

„Na, endlich!“ Candis lachte leise. „Ich habe heute Abend ein heißes Date und muss mich noch zurechtmachen.“

Ihre Worte erinnerten Charlene daran, dass Candis auf der anderen Seite der Welt in Paris war. „Dann wünsche ich dir viel Spaß!“

„Übrigens: Da du mich nicht angerufen hast, nehme ich an, dass du auch Mom und Dad nicht angerufen hast. Melde dich doch kurz bei ihnen, damit sie sich keine Sorgen machen.“

„Ich bin nicht du. Um mich machen sie sich keine Sorgen.“

„Das redest du dir schon seit Jahren ein, aber glaub mir, du irrst dich.“

Charlene hatte keine Lust, sich weiter auf diesen uralten Streitpunkt einzulassen. „Okay, ich rufe sie an – damit du Ruhe gibst.“

Nachdem sie sich verabschiedet hatten, konnte Charlene einen tiefen Seufzer nicht unterdrücken. Sie liebte ihre ältere Schwester, aber die Beziehung zu ihren Eltern war eine andere Sache. Sie würde sie später anrufen.

Sie konnte nur hoffen, dass es richtig war, mit Akil und seinem Team zusammen zu essen – wo ihr eigentlich der Sinn danach stand, dem Starproduzenten ein paar Takte zum Thema Höflichkeit zu sagen.

Shula’s Steak House überraschte Charlene. Sie hatte für das erste Treffen mit dem Produktionsteam etwas Eleganteres erwartet, aber die dunklen Holzfußböden und das moderne Ambiente des Raums, in den man sie geführt hatte, ließen sie sich sofort wohlfühlen.

Akil traf wenige Minuten nach ihr ein, begleitet von einer attraktiven Frau. Seine Bodyguards, zwei große Muskelmänner, die Charlene bereits im Haus bemerkt hatte, sahen sich aufmerksam nach allen Seiten um. Dass Akil eine Frau an seiner Seite hatte, erstaunte sie nicht weiter, aber der Anblick der schlanken Taille und der langen Beine löste für einen Moment Neid bei ihr aus.

Die Frau mochte knapp einen Meter achtzig groß sein, daher überragte Akil sie nur um wenige Zentimeter. Ihr Kleid war leuchtend rot. Und sexy. Unglaublich sexy. Die helle Haut und das lange dunkle Haar gaben ihr etwas Exotisches.

Unsicher ließ Charlene die Hand an ihren vollen Brüsten und ihrer Taille entlang zu den kräftigen Schenkeln gleiten. Sie atmete ein paarmal tief durch und versuchte, nicht daran zu denken, dass diese Frau alle Idealvorstellungen übertraf. Sie war der Typ Frau, den man an der Seite erfolgreicher Sportler, Musiker oder eben Starproduzenten wie Akil erwartete.

„Hi, Charlene! Wie schön, dich wiederzusehen.“

Erfreut sah Charlene sich Jason Burke gegenüber, dem Talentscout von Playascape, der sie in der Karaoke-Bar entdeckt hatte.

„Hi, Jason. Ich freue mich auch, dich zu sehen.“ Und das kam wirklich von Herzen. Sie hoffte, dass er als eine Art Puffer dienen könnte zwischen ihr und Akil mit dem optischen Leckerbissen an seiner Seite.

„Ace! Du hast es geschafft!“ Jason schüttelte Akil die Hand.

Der Produzent wirkte cool und entspannt, verbreitete aber gleichzeitig eine Aura von Macht und Bedeutung. Mit der Hand dirigierte er seine Begleitung zu dem Stuhl neben Charlene – als wollte er damit klarstellen, dass er selbst dort nicht Platz nehmen würde. Charlene zwang sich zu einem Lächeln. „Guten Abend, Akil.“

„Charlene.“ Er nickte ihr kurz zu. „Das ist Serene Kravitz, Leiterin der Abteilung Artist Development. Serene – Charlene Quinn.“

Es fiel Charlene leichter als gedacht, der anderen Frau die Hand zu reichen – sah sie einmal davon ab, dass Serene sie musterte wie ein Löwe seine nächste Mahlzeit.

„Es freut mich, Sie kennenzulernen“, sagte Charlene höflich.

„Ganz meinerseits.“ Serene betrachtete sie eingehend. „Okay, ich sehe, was du meinst, Akil“, bemerkte sie. „Da steht uns ein schönes Stück Arbeit bevor.“

Wovon redete sie? Charlene spürte, wie die innere Ruhe, die sie sich mühsam errungen hatte, schnell schwand.

„Tja …“ Akil räusperte sich. „Wir wollen uns setzen, dann können wir anfangen.“

Jason und Serene nahmen neben Charlene Platz, Akil saß ihr gegenüber. Sie hatten einen Raum für sich, sodass sonst niemand da war außer der Bedienung, die die Wassergläser füllte und einen Kübel mit einer Flasche Champagner bereitstellte.

„Wo sind Five und Seth?“, erkundigte sich Jason.

Akil legte sich eine Serviette auf den Schoß. „Ich habe ihnen gesagt, dass wir uns morgen früh sehen. Ich wollte Charlene heute Abend nicht überfordern.“

„Aber es ging mir darum, dass Seth sie kennenlernt und eine Vorstellung von ihrer Stimme bekommt.“ Jason sah so verwirrt aus, wie Charlene sich fühlte.

„Ihre Stimme ist okay. Ich glaube, in der Richtung müssen wir nicht viel tun.“ Akils Blick schien sie förmlich zu durchbohren. Charlene musste ihre ganze Selbstbeherrschung aufbieten, um nicht aufzuspringen und nach draußen zu rennen. Was hatte er an sich, das sie derart irritierte? „Aber an allem anderen werden wir arbeiten müssen.“

Seine Worte trafen sie wie ein Schauer spitzer, harter Eiszapfen. „An allem anderen?“ Die Frage war heraus, noch ehe Charlene überlegen konnte, ob es klug war, sie zu stellen.

„Es geht um das Image.“ Serene strich Charlene leicht über die Hand. „Darum kümmere ich mich. Ich schaffe für jeden Playascape – Künstler das richtige Image und lanciere es, lange bevor die CD auf den Markt kommt.“

Sie war also nicht seine Frau, sondern hatte nur beruflich mit ihm zu tun. Aus irgendeinem Grund registrierte Charlene es mit Genugtuung. Sie hatte das Gefühl, dass sie Serene nicht mögen würde.

„So wollen wir jetzt vorgehen?“ Jason sah fragend von Serene zu Akil.

„Ich glaube, das hat Priorität“, bemerkte der Produzent angespannt.

„Unsere Priorität war immer die Musik.“

„Du weißt doch, dass wir Wert legen auf das Gesamtpaket.“

Plötzlich begriff Charlene, was Akil meinte. Es ging um ihr Erscheinungsbild. Sah sie aus wie die Sängerinnen, die die Charts beherrschten? Nein.

Charlenes Blick fiel auf ihren grauen Rock und die weiße Bluse, die in der Taille mit einem breiten Ledergürtel zusammengehalten wurde. Nichts von Beyonces Kurven und ihrem offenen Sex-Appeal. Sie fuhr sich mit der Hand über die schweren Locken, die auf ihre Schultern herabfielen, wenn sie ihr Haar nicht zu einem Pferdeschwanz band. Nichts verglichen mit den sexy Frisuren einer Rihanna. Sie spielte einfach nicht in derselben Liga wie diese Künstlerinnen. Dass sie singen konnte, war keine Frage, aber alles andere …

„Ich verstehe, was er meint, Jason“, bemerkte sie laut. „Wir müssen dafür sorgen, dass jeder Aspekt der CD top ist. Nicht nur der Gesang, sondern auch alles andere. Ist das richtig, Akil?“

In seinem Inneren schien sich alles zusammenzuziehen, als er seinen Namen von ihren Lippen hörte. Sie sah ihn direkt an und hatte dabei eine Braue fragend in die Höhe gezogen.

Er hatte sich sehr bemüht, cool zu wirken. Und um das zu bewerkstelligen, musste er es nach Möglichkeit vermeiden, sie anzusehen. Am Nachmittag im Studio hatten ihre üppigen Formen ein ganz spontanes Verlangen in ihm ausgelöst. Jetzt sollte er ihren Produzenten geben, dabei fand er es fast unmöglich, einen klaren Gedanken zu fassen, so sehr lenkte ihr Sex-Appeal ihn ab.

Wusste sie, welche Wirkung sie auf ihn hatte? Ahnte sie, dass er am liebsten alle anderen fortgeschickt hätte, um allein zu sein mit ihr, wenn sie ihre Hände so über ihre Schenkel gleiten ließ, um ihren Rock glatt zu streichen? Als ihre Finger das Haar berührten, musste er ein Stöhnen unterdrücken. Unwillkürlich stellte er sich vor, wie es sich anfühlen mochte. Und der zarte Duft ihrer Haut drängte selbst das verführerische Aroma der perfekt zubereiteten Steaks in den Hintergrund.

Nein, sie hatte keine Ahnung, was für eine Wirkung sie auf ihn hatte. Er hätte es gespürt, wenn es ihr bewusst gewesen wäre, weil sie dann einen Hauch von Triumph im Blick gehabt hätte. Er nannte es den Blick des Jägers – und der ging Charlene vollständig ab. Sie passte eindeutig in keine der gängigen Schubladen. Eine irritierende Vorstellung.

„Das ist richtig“, bestätigte er. „Die heutigen Musikfans sind weit mehr am Leben und Aussehen eines Künstlers interessiert, als das in der Vergangenheit der Fall war. Jeder möchte ein Stück der großen Glitzerwelt für sich haben. Und wenn er es nicht selbst haben kann, versucht er zumindest, am Leben eines Künstlers teilzuhaben.“

„Deswegen verkauft jemand wie Beyoncé Millionen Platten“, bemerkte Charlene trocken.

„Sobald wir Sie in Form gebracht haben, werden Sie das auch“, sagte Serene lächelnd. „Ich glaube, wir sollten Carlo runterkommen lassen, damit er sie sich ansieht, Akil. Du weißt, er kann wahre Wunder wirken. Vielleicht muss sie eine Woche oder so in die Klinik. Ich möchte sie in zwei Monaten bei den Vibe Awards der Öffentlichkeit vorstellen.“

„Nein!“ Akil sagte es so laut, dass Charlene zusammenzuckte.

„Meine Güte, was ist heute Abend mit dir los?“ Jason sah ihn fragend an. „Zuerst sagst du, wir müssen uns um die äußere Erscheinung kümmern, und dann ist es dir nicht recht, wenn Serene es angehen will.“

Akil schüttelte den Kopf. Er wusste, wie Serene vorging. Das musste er verhindern. Okay, er hatte anfangs ebenso gedacht wie sie, aber das war gewesen, bevor Charlene hier in Miami aufgetaucht war. Bevor sie so nah bei ihm gestanden hatte, dass er förmlich glaubte, sie riechen, sie schmecken zu können.

„Das ist nicht das, was ich mir vorstelle“, erklärte er schließlich und bedeutete dem Ober, die Champagnerflasche zu öffnen. „Ich will auch, dass sie bei den Vibe Awards auftritt, aber ich will nicht, dass sie sich bis dahin auf Modelmaß herunterhungert.“ Er nippte an seinem Glas. „Ich finde, wir sollten sie als die etwas andere Künstlerin präsentieren. Wir sollten R & B zurückführen zu den Wurzeln.“

Zu seiner Überraschung hob Charlene das Glas für den Ober und ließ es füllen. „Das heißt, Sie lassen mich singen wie Tina Tuner und Gladys Knight, ohne mich in ein Standardpaket zu schnüren?“

Akil nickte. „Genau das werden wir tun.“

3. KAPITEL

Musik hatte etwas Beruhigendes für ihn. So war es immer gewesen und Akil vermutete, so würde es immer sein.

Er lehnte sich in seinem Regiestuhl zurück und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Es war schon spät. Im Hintergrund der Musik, die er aufgelegt hatte, waren die Bässe zu hören. Nach dem Geigenpart musste das Klaviersolo einsetzen. Es war ein fesselnder Beat. Eine sehr emotionale Ballade, die er unlängst komponiert hatte, für die es aber noch keinen Text gab.

Mach es besser als ich, Akil. Versprich mir, dass du es besser machst.

Die Worte gingen ihm durch den Sinn. Seit zwölf Jahren hörte er sie immer wieder. Ein Flüstern von trockenen, aschfahlen Lippen. Das Flehen der Frau, die er mehr als jede andere geliebt hatte.

Er hatte ihr das Versprechen gegeben. Und er hatte es gehalten. Dank seiner Zielstrebigkeit hatte das Leben ihm Geld und Ansehen beschert. Alles, was er sich je erträumt hatte.

Aber es hatte ihn auch viel gekostet.

Es waren Zeiten wie diese, wenn alles still war und er nur die Musik seines Herzens hörte, dass er an seine Vergangenheit dachte, an das Leben, das er zurückgelassen hatte. Er dachte an die Frau, der er so verzweifelt zu helfen versucht hatte. An die Frau, die es nun nicht mehr gab.

„Akil.“

Der Klang seines Namens riss ihn aus seinen Gedanken.

„Es tut mir leid, ich wollte Sie nicht stören.“ Charlene wandte sich zum Gehen.

„Nein, nein.“ Er sah sie an. „Es ist okay. Bleiben Sie.“

Sie war in weite Lounge-Pants geschlüpft und trug dazu ein T-Shirt, das ihr bis kurz über die Knie fiel. Ihr Gesichtsausdruck dehnte seine ohnehin bereits angespannten Nerven noch weiter. Wie machte sie das? Wie konnte sie einerseits so naiv und unschuldig wirken und andererseits den Mund auftun und so weise scheinen, wie er es nie sein würde?

„Ich wollte mir ein Glas Wasser aus der Küche holen und da habe ich die Musik gehört.“

„Es tut mir leid, dass ich Sie geweckt habe. Ich hätte die Studiotür schließen sollen.“

Sie schüttelte den Kopf und brachte damit ihren Pferdeschwanz zum Wippen. „Sie haben mich nicht geweckt. In der ersten Nacht in einer fremden Umgebung kann ich nie schlafen.“ Sie zuckte die Schultern, als sei es belanglos. „Die Musik ist schön. Haben Sie sie geschrieben?“

Er nickte.

„Wie heißt der Titel?“

„Sie hat noch keinen Namen. Ich hatte die Melodie neulich plötzlich im Kopf, deswegen habe ich sie aufgenommen. Einen Text dazu gibt es noch nicht.“

„Es klingt traurig“, bemerkte sie versonnen.

„Ja, irgendwie schon.“

„Gleichzeitig aber auch ermutigend.“

Er beugte sich vor und stützte die Ellenbogen auf die Knie. „Sie wächst. Lernt.“

„Sie?“

„Für mich sind meine Songs immer weiblich. Frauen haben wesentlich mehr Emotionen als Männer.“

Sie lächelte. „Finden Sie? Ja, das stimmt wohl.“

„Da Sie eine Frau sind, ging ich davon aus, dass Sie mir zustimmen würden.“

Sie lauschte einen Moment. „Er gibt ihr etwas …“

„Etwas, das sie höher hinaufträgt.“

„Es bewegt sie beide. Sehen Sie – hier!“ Sie hob einen Finger, als das Klaviersolo die Hauptstimme übernahm. „Das ist der Moment, wo aus ihrem Song ihrer beider Song wird. Hier beginnt ihre gemeinsame Reise, ihr gemeinsames Leben.“

Er ließ ihre Worte einsinken, zusammen mit der Musik. „Sie haben recht“, bemerkte er schließlich mit einem Ausdruck ungläubigen Staunens. „Sie haben ein gutes Ohr.“

„Ich habe Komposition studiert.“

Er lehnte sich zurück und sah sie an. Er hatte das Gefühl, ständig neue Seiten an ihr zu entdecken. Sie war schwach insofern, als sie neu war in diesem Metier, und stark in ihrer Entschlossenheit, das Beste aus der Situation zu machen. Das bewunderte er.

Und es machte ihm Angst.

„Sie sollten jetzt schlafen. Wir werden morgen früh anfangen und wahrscheinlich den ganzen Tag durcharbeiten. Haben Sie sich die Songs schon angesehen, die ich Ihnen gegeben habe?“ Er stoppte das Band und begann, die Geräte abzuschalten.

„Ich werde bereit sein“, sagte sie leise. „Sie müssen sich keine Sorgen machen, Akil. Ich bringe meinen Studenten das Singen bei und wahrscheinlich weiß ich darüber ebenso viel wie Sie.“

Er kam nicht mehr dazu zu sagen, dass er es nicht so gemeint hatte, weil sie schon fort war.

Fluchend erhob Akil sich und stieß den Sessel so heftig zurück, dass er ein paar Meter weiter gegen die Wand prallte. „Verdammt!“ Er schaltete das Licht aus und verließ das Studio.

Wieso sagte er immer das Falsche zu ihr?

Das ist es! Charlene stand in der Tür zum Studio und sah sich um. Durch die Scheibe des Regieraums sah sie, dass ein Gitarrist bereits in der Schallkabine war und sich einspielte. Wahrscheinlich war der Soundtrack weitgehend fertig, jetzt mussten nur noch die Stimme und vielleicht ein paar Soloinstrumente darübergelegt werden. Sie hatte sich mehrere Stunden lang intensiv mit den Songs beschäftigt, die Akil ihr gegeben hatte. Hatte sich alle Feinheiten der Arrangements eingeprägt. Sie war bereit.

Charlene holte tief Luft, um ihr Nervenflattern zu beruhigen, trat über die Schwelle und wünschte rundum einen guten Morgen. Alle Blicke richteten sich sofort auf sie.

„Guten Morgen, Sunshine.“ Jason hauchte ihr einen Kuss auf die Wange. „Jemand sollte die Polizei rufen. Es muss ein Verbrechen sein, wenn eine Frau so früh am Morgen schon so gut aussieht.“

Charlene lachte leise. „Erstens ist elf Uhr nicht früh und zweitens war das ja wohl eines der abgedroschensten Komplimente der Menschheit.“

Jason stimmte in ihr Lachen ein. „Ich bekenne mich schuldig.“

Ein großer junger Mann mit Irokesenkamm und Goldzahn reichte ihr die Hand. „Ich bin Five“, stellte er sich vor und grinste breit.

Charlene mochte ihn sofort. Felix Five Hernandez war einer der besten Tontechniker der Branche. Glaubte man der Legende, so hatte er vor zwei Jahren innerhalb von fünf Minuten einen Nummer-eins-Hit für Lady X geschrieben – daher sein Spitzname Five. Jason hatte Charlene am Vorabend beim Essen alles über die Crew erzählt – während Serene ein stummes Duell mit Akil ausgefochten hatte über die Richtung, die er mit dem neuen Projekt einschlagen wollte.

„Und ich bin Seth, der Toningenieur. Das da am Bass ist T-Rock. Ach, übrigens – wir sind hier alle per Du. Ist das okay?“

Charlene nickte. Sie empfand die Geste wie einen Ritterschlag. So, als sei sie in die Gemeinschaft aufgenommen.

Gerade wollte sie einem kleineren Mann mit gebräuntem Teint und grünen Augen die Hand reichen, als Akil sich unwirsch bemerkbar machte.

„Wenn ihr jetzt fertig seid, sie anzustarren, als hättet ihr noch nie eine Frau gesehen, können wir ja vielleicht endlich anfangen.“

Sein Ton war wie ein arktischer Windstoß, der die Stimmung augenblicklich um ein paar Grad abkühlte.

„Es geht los mit Never Before Like This.“ Er gab ein paar knappe Anweisungen. Charlene sah, wie Five seinen Platz neben Akil einnahm. Seth stand an der DAW, der Digital Audio Workstation – einem Verbund diverser Geräte, mit denen die Aufnahme aufgezeichnet und abgemischt wurde. Ihr fiel auf, dass Akil zusätzlich ein Mischpult hatte, mit dem er selbst Veränderungen am Sound einbringen und die akustische Verbindung zum Aufnahmeraum herstellen konnte. Durch die große Scheibe hatte der Regieraum Sichtkontakt mit allen anderen Räumen.

Jason brachte sie zur Schallkabine und half ihr mit den Kopfhörern.

„Das kann sie allein, Jase“, fuhr Akil ihn an. „Komm schon, wir haben heute noch viel vor.“

Vom Kontrollraum aus hatte er alles im Blick. Er ging völlig auf in der Produktion, führte auf seine kühle Art Regie – während er am Vorabend an derselben Stelle fast menschlich auf sie gewirkt hatte.

„Es geht schon, Jason. Danke.“ Charlene rückte die Kopfhörer zurecht, legte die Notenblätter auf den Ständer und stellte sich vor das Mikrofon.

Wenn der große Starproduzent heute ganz professionell sein wollte, dann würde sie ihm in nichts nachstehen. Sie würde diesen Song und jeden anderen, den er ihr hinlegte, singen, als hinge ihr Leben davon ab. Akil Hutton sollte sie nicht kleinbekommen. Nicht hier und nicht heute. Nie.

Noch nie wie heute. Nein, nie wie jetzt. Noch nie so geliebt. Noch nie so geküsst. Noch nie so gefühlt.

Charlene hatte den Song nun schon zum fünften Mal gesungen. Es faszinierte Akil, wie sie dem Text ihre ganz eigene Note gab. Ihre Stimme schien jeden Nerv seines Körpers zu berühren. Sie war stark, erfahren, professionell. Sie traf jeden Ton und traf ihn beim nächsten Mal noch ausdrucksvoller. Seine Hände wurden feucht, sein Puls ging schneller.

Seit Stunden waren sie jetzt im Studio, hatten nur eine knappe Stunde Mittagspause gemacht. Sie schwächelte nie. Er hatte schon mit vielen Frauen gearbeitet. Mit Frauen, die heißer wirkten als ein Dutzend Stripperinnen. Frauen, die keine wahren Sängerinnen waren. Er wusste es, aber dann bearbeitete er das Band mit den Mitteln der Technik und machte aus dünnen Stimmchen wahre Stimmwunder. Diese Frauen konnten eine professionelle Show abliefern, konnten vor ausverkauften Häusern auftreten und brachten ihm und Playascape eine Menge Geld ein.

Aber am Ende des Tages, nachts, wenn er im Bett lag und nachdachte, dann kam er sich vor wie ein Betrüger. Er produzierte keine Musik, er produzierte Geld. Doch jetzt, als er Charlene Quinn singen hörte, hatte er wieder das Gefühl, das sich einschlich, wenn er Aretha und Ella hörte, Gladys und Dionne. Er spürte, dass Charlene dasselbe Talent hatte wie sie.

„Okay, einmal noch. Dann machen wir Schluss für heute. Das Abmischen können wir ohne dich machen.“

Er wusste, dass sein Ton knapp und distanziert war. Aber so musste es sein. So wollte er es haben. Sonst würde er mehr verlieren als nur die Chance, mit diesem neuen Talent zu arbeiten – sonst würde er sich selbst verlieren.

„Okay, sagst du mir, was los ist?“ Jason sah Akil fragend an, als sie allein im Aufnahmeraum waren. Seth und Five waren damit beschäftigt, den Track abzumischen, den Charlene eingesungen hatte. Serene war bereits gegangen. Nicht ohne noch einmal darauf hinzuweisen, dass Carlo so bald wie möglich herkommen sollte, aber Akil hatte ihr wie schon am vergangenen Abend seine Meinung gesagt.

„Keine Diät. Ich möchte ihr Image auf dem aufbauen, was sie mitbringt. Verstanden?“

Nein, Serene verstand ihn nicht und auch Jason hatte seine Mühe damit, deswegen stellte er seinen Partner und langjährigen Freund jetzt zur Rede.

„Was soll los sein? Wir machen eine CD, das ist los.“

„Ich habe den Eindruck, du bist im Moment mit etwas anderem beschäftigt als mit der Musik. Und ich habe den Eindruck, dass es unsere Arbeit stören könnte.“

„Komm schon, Jason, du solltest mich besser kennen. Nichts ist für mich wichtiger als die Musik.“

Jason verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich gegen die Wand. „Sag mir, was du planst.“

Akil antwortete nicht so schnell wie gewöhnlich – eine Tatsache, die Jason nicht entging und die ihm Sorgen machte.

„Wie ich schon gestern Abend gesagt habe, finde ich, wir sollten zurückkehren zu den Wurzeln von R & B. Wir sollten auf das ganze kommerzielle Brimborium verzichten.“

„Aber dieses kommerzielle Brimborium hat uns in den vergangenen zehn Jahren reich gemacht.“

„Das will ich nicht leugnen.“

„Es hat uns einen Ruf eingebracht. Unser Label kann mithalten mit allem, was Sony, Columbia und die anderen zu bieten haben. Wir sind im Moment absolut top. Wieso willst du das aufs Spiel setzen?“

Akil seufzte. „Weil ich es satthabe. Ich habe keine Lust mehr auf die Null-acht-fünfzehn-Gruppen, die wir hochpuschen, obwohl sie weder eine Ahnung von Musik noch von Gesang haben. Ich möchte einmal wieder richtigen Rhythm & Blues machen. Kannst du das nicht verstehen?“

Diese Worte musste Jason erst einmal einsinken lassen. Er dachte an das Geld, das sie verlieren konnten, falls die Idee nicht aufging. „Ist das dein Ernst?“

„Absolut. Ich glaube, Charlene hat wirklich Talent, Jase. Ich glaube, sie hat die Power, es bis ganz nach oben zu schaffen. Und ich bin auch überzeugt, dass Playascape etwas Neues, etwas anderes braucht. Wir müssen uns weiterentwickeln.“

Jason nickte. „Ich verstehe, was du meinst. Und ich bin ganz deiner Meinung, was Charlene betrifft. Sie ist völlig anders als die anderen, mit denen wir gearbeitet haben. Aber ich weiß, dass Empire viel Geld in dieses Projekt investiert. Ich weiß nicht, ob es sinnvoll ist, jetzt gegen den Strom zu schwimmen und dieses Geld aufs Spiel zu setzen.“

„Es ist sinnvoll“, beharrte Akil. „Empire vertreibt uns schon seit Jahren. Sie wissen, dass wir das Geld im entscheidenden Moment wieder hereinbringen. Sie vertrauen uns. Die Frage ist nur: Vertraust du mir?“

Es war ein Moment der Wahrheit. Jason hatte Zweifel, aber sie wogen wenig verglichen mit den vielen Malen, an denen Akil mit seinen Ideen recht behalten hatte. Und hatte er nicht auch seinem Bauchgefühl vertraut, als er Charlene singen gehört und darauf gedrungen hatte, sie sofort unter Vertrag zu nehmen? Jetzt vertraute er darauf, dass Akil mit seiner Vision richtiglag.

„Ja, Mann. Du weißt, dass ich dir vertraue.“

Akil umarmte ihn. „Es wird ein Riesending, glaub mir. Das Größte, was wir je gemacht haben.“

Akil griff noch einmal zum Telefon. Es war in den frühen Morgenstunden und er wusste, er sollte schlafen, aber er fand keine Ruhe.

Charlenes Stimme hatte Erinnerungen zurückgebracht. Einige schmerzlich, andere glücklich – und wieder andere mussten endlich einmal angesprochen werden.

Er wählte die Nummer und setzte sich auf sein Bett, während er darauf wartete, dass die Verbindung zustande kam. Versonnen drückte er die Zehen in den dicken dunkelblauen Teppich, mit dem das ganze Schlafzimmer ausgelegt war. An der Tür, die auf die Terrasse führte, fand sich das Blau wieder in der Maserung des schwarzen Marmors. Die Wände waren hellgrau gestrichen, die Möblierung sparsam, aber elegant und teuer. Eine ganze Wand wurde beherrscht von einem Soundsystem mit großen Boxen und einem riesigen Flachbildschirm. Musik war sein Leben und umgab ihn überall – sogar in seinem ebenfalls in Blau und Schwarz gestylten Bad.

Er hatte es geschafft. War reich und berühmt geworden, wie er es immer gewollt hatte. Seine Kindheit war nicht leicht gewesen, genauso wie ihre. Er hatte ihnen beiden damals das Versprechen gegeben, sie aus dieser Misere herauszuholen und sie beide glücklich zu machen. In einem Bereich hatte er es geschafft, im anderen drastisch versagt.

Sie hasste ihn. Hatte es ihm so oft gesagt, dass er es schon nicht mehr zählen konnte. Und dennoch hatte sie einen festen Platz in seinem Herzen.

An all das erinnerte Charlene ihn. Sie erinnerte ihn an Lauren.

Endlich war die Auslandsverbindung hergestellt. Eine Frauenstimme meldete sich in schnellem Italienisch, das Akil nur mit Mühe verstand.

„Centro di riabilitazione del Seminary di Buona Mattina.“

Er räusperte sich. „Lauren Jackson, bitte.“

„Chi è questo?“

„Akil Hutton.“

Er wartete. Sein Puls raste, seine Hände waren feucht geworden. Er hatte seit Jahren nicht mit ihr gesprochen. Es war nicht nur seine Schuld. Er hatte erst vor Kurzem eine neue Telefonnummer gefunden, unter der er sie vielleicht erreichen konnte.

„Ms. Jackson non è disponibile. Non denomini ancora!“, sagte die Frau und legte auf.

Akil zog zwei Schlüsse aus den wenigen Worten der Italienerin. Zum einen, dass Lauren wirklich Patientin in dieser Entzugsklinik war, und zum anderen, dass sie nicht mit ihm sprechen wollte. Die Auskunft nicht zu sprechen und das strenge Rufen Sie nicht mehr an! waren eindeutig.

Lauren war in Mailand und sie machte einen Entzug. Das hieß, sie bekam die Hilfe, die sie so dringend brauchte. Er musste keine Schuldgefühle mehr haben.

Und doch quälten sie ihn und er konnte nichts dagegen tun.

4. KAPITEL

„Und? Wie läuft es?“ Rachel brannte vor Neugier, als sie Charlene kurz nach zehn Uhr am Morgen anrief.

„Es geht so.“ Charlene ließ sich auf das Bett fallen. Sie hatte schon geduscht und war angezogen. Die Arbeit im Studio sollte um halb elf beginnen. Hinter ihr lag eine unruhige Nacht. Sie konnte den widersprüchlichen Akil Hutton nicht aus dem Sinn bekommen.

„Oh, das klingt ja nicht besonders gut.“ Rachel kannte sie gut genug, um aus den wenigen Worten ihre Schlüsse zu ziehen. „Was ist los? Gefallen dir die Songs nicht? Oder ist es der Produzent?“

„Nein, das ist es nicht. Akil ist ein absoluter Perfektionist.“

„Magst du ihn nicht?“

Charlene fürchtete, dass die Antwort auf diese Frage das eigentliche Problem war. Sie atmete tief durch. „Er ist anders.“

„Anders als all die anderen Starproduzenten, die deine erste CD mit dir machen wollten?“

„Nein, so habe ich das nicht gemeint. Du weißt, ich bin dankbar für diese Chance. Meine Güte, ich wäre ja gar nicht hier, wenn du mich nicht mehr oder weniger auf die Bühne geschubst hättest in diesem Karaoke-Club.“

Rachel lachte leise. „Irgendwie klingt das nicht wirklich dankbar.“

„Himmel, hast du dich mit Candis zusammengetan? Ihr beiden setzt mir im Moment ganz schön zu!“

„Du hast mit Candis gesprochen? Wo ist sie gerade?“

„In Paris.“

„Die Glückliche!“

„Du kannst dich doch auch nicht beklagen – mit diesem göttlichen Schauspieler an deiner Seite!“

„Über Ethan möchte ich im Moment nicht sprechen. Jetzt geht es um dich. Vielleicht sollte ich nach Miami kommen.“

Charlene wusste, dass Rachel am Set der Serie Paging the Doctor arbeitete. Sie war zuständig für Maske und Kostüm. Die Dreharbeiten der neuen Staffel standen kurz vor dem Abschluss, aber Rachel hatte sich zwei Wochen Sonderurlaub genommen, nachdem die Presse Wind bekommen hatte von ihrer Affäre mit Ethan Chambers. Charlene war sicher, dass ihre Freundin jetzt nicht einfach in ein Flugzeug steigen und nach Miami kommen konnte.

„Keiner von euch muss etwas unternehmen, weder du noch Sofia. Es ist alles in Ordnung.“

„Das ist gut, denn Sofia hat im Moment alle Hände voll zu tun. Ich weiß nicht, was passiert, wenn sie es nicht endlich ruhiger angehen lässt und anfängt, das Leben zu genießen.“

Sofia war Rachels ältere Schwester. Charlene kannte sie schon, solange sie mit Rachel befreundet war, aber da Sofia neun Jahre älter war, hatten sie früher nur wenig miteinander zu tun gehabt. Als Rachel von Jasons Interesse erfuhr, hatte sie Sofia als ihre Agentin vorgeschlagen. Sofia hatte den Job gern übernommen. Sie liebte ihre Arbeit in der Künstleragentur und wartete auf den Tag, Limelight Entertainment allein leiten zu können. Im Moment war sie in der Nachfolge ihres verstorbenen Vaters gleichberechtigte Partnerin neben dem Bruder ihres Vaters, ihrem Onkel Jacob Wellesley. Er und seine Frau hatten die beiden Mädchen nach dem frühen Tod ihrer Eltern aufgezogen.

„Sie arbeitet immer noch fünfundzwanzig Stunden am Tag, acht Tage die Woche?“ Das war ein alter Witz zwischen Charlene und Rachel. Sofia arbeitete so viel, dass man glauben konnte, ihre Woche habe Extrastunden, damit sie ihre vielen Termine schaffte. Charlene wusste, dass ihre Freundin sich Sorgen machte um ihre Schwester. „Wir wollen hoffen, dass sie bald Vernunft annimmt.“ Vernunft! Charlene warf einen Blick auf die Uhr. „Himmel, so spät schon! Ich muss los, sonst ist Akil sauer!“

„Sag bloß, er arbeitet mit der Stechuhr?“

„Nein, das nicht. Aber ich sollte um halb elf im Studio sein und jetzt ist es schon zehn Minuten vor elf!“

Rachel lachte. „Okay, saus los! Aber ich glaube nicht, dass er dir die Minuten von der Gage abzieht.“

„Darum geht es nicht. Unpünktlichkeit ist nicht professionell.“

„Das musst du mir nicht sagen. Du weißt, dass ich in der Hinsicht auch sehr genau bin. Sag Akil, es sei meine Schuld, und versichere ihm, dass es mir wirklich leidtut. Falls das nicht funktioniert, muss ich vielleicht wirklich selbst kommen.“

„Bleib, wo du bist. Ich komme schon allein klar mit unserem Starproduzenten.“

„Brauchst du einen persönlichen Weckruf, Charlene?“

Charlene hatte eine spitze Reaktion auf der Zunge, aber sie hielt sich zurück. Sie war ja wirklich zu spät. „Entschuldige. Ich habe telefoniert und …“

Akil winkte ab. „Du wirst lernen, dass Zeit in unserem Business Geld ist. Und meist ist es das Geld anderer. Also sei fortan pünktlich und wir werden weiterhin gut miteinander auskommen.“

Weiterhin? Gut? Waren sie je gut miteinander ausgekommen?

Charlene eilte wortlos in die Schallkabine. Sie wusste nicht, welcher Song heute Morgen zuerst angesetzt war, aber es spielte keine Rolle. Sie hatte alle Texte im Kopf.

„Da du deine Stimme am Telefon verschwendet hast, lass uns ein paar Aufwärmübungen machen“, ließ sich Akils Stimme über die Boxen vernehmen.

Charlene warf einen raschen Blick durch die Scheibe in den Regieraum. Sie versuchte sich nicht anmerken zu lassen, dass er ihr auf die Nerven ging – eine Tatsache, die die Situation nur noch komplizierter machte. Trotz allem, was gegen ihn sprach, musste sie es sich eingestehen: Sie fand Akil attraktiv. Auch jetzt wieder suchte sie unwillkürlich den Blick seiner unwiderstehlichen braunen Augen.

„Du kennst dich aus mit Aufwärmübungen, nehme ich an?“

Natürlich. Sie hatte sie täglich mit ihren Studenten gemacht. Wieder unterdrückte Charlene eine spitze Bemerkung. Konzentriert begann sie mit ihren Atemübungen. Sie war im Arbeitsmodus und nicht einmal die Launen ihres Starproduzenten sollten sie davon abbringen.

Sie ist perfekt! Akil war alarmiert.

Eine perfekt ausgebildete Sängerin, korrigierte er sich, fand aber auch diese Einschätzung nicht angemessen. Als er Charlene so ansah, spürte er, dass da mehr war – etwas, das ihn in seinem tiefsten Inneren berührte. Ein Gefühl, das unwillkommen war, weil es ihm Angst machte.

Das war ihm klar geworden, als sie am Vortag begonnen hatte zu singen. Sie hatte den Song vorher geprobt, das war das Erste, was ihn überraschte. Für gewöhnlich musste er einen Song mit einem Künstler mindestens einen Tag durchgehen, bevor er auch nur daran denken konnte, das Band mitlaufen zu lassen. Aber gegen Mitternacht hatte er bereits mit Jason am Mischpult gesessen und ihren Track mit dem der Instrumente gemischt, bis sie schon fast eine perfekte Aufnahme hatten.

Ihr Talent war erstaunlich und Akil wünschte, dass seine Bewunderung für sie an diesem Punkt aufhörte.

Bedauerlicherweise umfasste sie aber auch den ganzen Rest von Charlene Quinn. Von ihrem ansteckenden Lächeln, das ihn an die wenigen glücklicheren Momente seines Lebens erinnerte, bis hin zu dem Feuer in ihrem Blick, wenn sie sang – sie war einfach umwerfend. Und unglaublich sexy. Jetzt zum Beispiel. Er hatte ihr befohlen, Aufwärmübungen zu machen. Im Grunde hatte er nur sehen wollen, wie sie auf diese Aufforderung reagierte. Würde sie ihm offen sagen, dass das überflüssig war? Nein, sie tat einfach, was er wollte, und nun zahlte er den Preis dafür.

Sein Blick hing an ihren Lippen, als sie die Tonleitern herauf- und heruntersang. Ihre Töne kamen perfekt. Ihre Lippen glänzten ein wenig. Sie sahen weich und voll aus. Wie mochten sie schmecken?

Ihre Brüste hoben und senkten sich. Der Anblick löste eine Flut von Gefühlen aus in ihm, ebenso der ihrer Schenkel, die sich unter den Jeans deutlich abzeichneten. Waren sie ebenso weich wie ihre Lippen? Die Bluse, die sie heute trug, lag nicht eng an – wie die meisten ihrer Kleidungsstücke, das war ihm gleich aufgefallen. Aber der weiche Stoff schmeichelte ihr auf eine Art, die ihn sofort hart werden ließ, als er sie ins Studio kommen sah. Das war wahrscheinlich der Grund dafür, dass er sie so angefahren hatte.

Zu einer anderen Zeit und an einem anderen Punkt seines Lebens hätte sein physisches Verlangen nach ihr ihn wahrscheinlich nicht weiter irritiert. Aber in letzter Zeit verspürte er eine innere Unruhe, die er nicht mehr gehabt hatte, seit er als Teenager in den dunklen Straßen Baltimores um sein Leben gekämpft hatte. Irgendetwas würde passieren, er wusste nur nicht was.

Vielleicht war es Charlene Quinn.

Zwölf Stunden waren sie jetzt schon im Studio. Sie kamen heute wesentlich langsamer voran als am Vortag. Charlene schrieb es der Laune ihres Produzenten zu.

Einerseits konnte sie nicht leugnen, dass Akil ein sehr feines Gespür für die Musik hatte. Er wusste genau, was funktionierte und was nicht. Andererseits war seine schroffe Art gewöhnungsbedürftig.

Den ganzen Tag hatte sie am Mikrofon gestanden und gesungen. Hatte seine Anweisungen befolgt und immer wieder neu angesetzt. Der Song Break You Down hatte einen Tanzrhythmus, war schnell, sexy und hip. Es gab sogar einen Rap-Part. Jason fand, sie sollten versuchen, Young Jeezy, Drake oder Ludacris dafür zu gewinnen. Ihre persönliche Wahl wäre Ludacris gewesen, aber Akils Blick nach zu urteilen, mit dem er Jasons Vorschlag quittierte, behielt sie ihre Meinung besser für sich.

Jetzt war es schon nach Mitternacht, sie war müde, hungrig und gereizt.

„Okay, wir wollen versuchen …“, begann Akil gerade, als Jason zu Charlene in die Schallkabine kam, um zu sehen, wie es ihr ging. Er drückte auf den Knopf der Gegensprechanlage.

„Ich glaube, es ist genug für heute, Akil. Charlene braucht eine Pause.“

Akil runzelte die Stirn und suchte ihren Blick. Sie sagte nichts, obwohl sie Jason gern zugestimmt hätte. Stumm wartete sie auf Akils Reaktion. Ihre Blicke hingen aneinander, als gebe es außer ihnen niemanden sonst. Es war fast unheimlich.

„Okay“, knurrte er schließlich unwirsch.

Erleichtert atmete Charlene auf.

„Hör mal, es tut mir wirklich leid. Ich weiß nicht, was mit ihm los ist“, bemerkte Jason. „So ist er normalerweise nicht.“

Charlene reckte sich. „Du meinst, so ein Ekelpaket?“

Jason lachte leise. „Genau.“

Sie nickte. „Vielleicht liegt es an mir“, bemerkte sie nachdenklich, während sie zur Tür ging.

„Vielleicht.“

Sie sah ihn verblüfft an. „Du glaubst, ich habe irgendetwas getan, um ihn so aufzubringen?“

„Nein, nein“, sagte Jason rasch. „So habe ich das nicht gemeint. Du machst deinen Job prima. Ich habe schon mit vielen Künstlern gearbeitet und du schlägst alle um Längen.“ Er legte einen Arm um sie, während sie den Regieraum betraten. „Mach dir keine Sorgen.“

„Okay. Also ich verschwinde jetzt ins Bett. Wir sehen uns dann morgen.“

„Du weißt, dass wir hier viel Geld investieren, Charlene. Falls es zu viel für dich ist, sag es!“, bemerkte Akil vom Regiepult her.

Ihre klügere Seite riet, freundlich zu lächeln und ihm eine gute Nacht zu wünschen. Aber die temperamentvolle Frau in ihr ließ sie herumfahren. Sie blitzte ihn an. „Das weiß ich, Akil. Ich mache meinen Job. Falls du ein Problem damit hast, sag es!“

Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich habe ein Problem mit deiner lockeren Haltung. Im Gegensatz zu dem, was andere dir vielleicht gesagt haben“, er warf Jason einen giftigen Blick zu, „spielen wir hier nicht herum. Wir arbeiten hart, um ein Produkt zu bekommen, mit dem wir alle glücklich sein können. Eine CD, die die Leute mögen und die Gewinn bringt.“

Charlene stemmte die Arme in die Seiten und trat einen Schritt näher zu Akil. „Und du glaubst, ich will das nicht?“

„Ich glaube, dir ist nicht bewusst, wie ernst das alles ist.“

„Ich bin hierhergekommen, oder? Ich habe die Songs einstudiert, die du mir gegeben hast. Ich habe gestern elf Stunden am Mikrofon gestanden und heute gut zwölf. Ich habe die Aufwärmübungen gemacht, die du gefordert hast, obwohl wir beide wussten, dass sie überflüssig waren. Ich habe alle Veränderungen an den Songs hingenommen, obwohl wir auch da beide wussten, dass sie nicht nötig waren. Was soll ich noch tun? Durch einen brennenden Reifen springen und dabei Kinderreime rückwärts singen?“

Jason vergrub die Hände in den Hosentaschen. Verblüfft sah er von einem zum anderen.

Akil stand einfach nur da. Er war wie vom Donner gerührt.

„Gute Nacht, Charlene“, brachte er nach einer gefühlten Ewigkeit mühsam heraus.

Sie verkniff sich, was ihr noch auf der Zunge lag, und sah Jason an.

„Gute Nacht, Jason.“

Er war ein Idiot.

Ein zehnfacher Idiot!

Wütend auf sich selbst, stapfte Akil die Treppe zu seinem Zimmer hinauf.

„Du machst einen Fehler“, hatte Jason nur gesagt, als Charlene gegangen war.

Akil musste ihm recht geben. So ging er für gewöhnlich nicht mit Frauen um, schon gar nicht mit Künstlerinnen, mit denen er zusammenarbeitete. Was zum Teufel war los mit ihm?

Akil hatte keine Antwort auf diese Frage, aber zumindest konnte er sich für sein Verhalten entschuldigen.

Entschuldige dich einfach und sag Gute Nacht! befahl er sich, als er vor Charlenes Tür stand. Morgen machst du einen neuen Anfang.

Er klopfte.

Eine Ewigkeit schien zu vergehen und nichts geschah. Er wollte schon aufgeben, weil er vermutete, dass sie bereits schlief, als sie die Tür öffnete.

„Akil?“

Allein der Klang ihrer Stimme gab ihm einen Kick.

„Wolltest du mir noch etwas sagen?“ Ihr Ton war frostig geworden.

Er hatte es nicht besser verdient.

„Ja, allerdings.“ Er atmete tief durch und sah ihr in die Augen. Nein, er fiel in dieses Meer von Wärme und Aufrichtigkeit, das er dort sah.

„Hör mal, es tut mir leid, dass ich mich heute so blöd benommen habe.“

„Heute?“ Sie hob eine Braue.

„Okay.“ Er seufzte. „Es tut mir leid, dass ich mich die ganze Zeit so blöd benommen habe, seit du hier eingetroffen bist. Ich war unfreundlich und grob, obwohl du nicht den geringsten Anlass dafür gegeben hast.“

„Ich nehme deine Entschuldigung an.“ Sie trat einen Schritt zurück und schien die Tür schließen zu wollen.

Nein! Das konnte er nicht zulassen.

Während er die Technik heruntergefahren hatte und dabei mit sich ins Gericht gegangen war, hatte sie sich ein bodenlanges Nachthemd angezogen. Es war eigentlich nicht sonderlich sexy, denn es ließ nichts weiter sehen als ihre nackten Arme. Aber ihre Haut schien noch ebenmäßiger zu strahlen und ihre Augen wirkten eine Spur exotisch.

Fasziniert ließ er den Blick hinunter, und wieder hinaufgleiten, hinunter und noch einmal hinauf. Als sie sich bewegte, packte er sie spontan beim Ellenbogen und trat einen Schritt näher. Dicht stand er vor ihr.

Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen. Sie würde ihm sagen, dass er verschwinden sollte, und er würde sich weigern. Es würde zu nichts führen. Also senkte er stattdessen einfach den Kopf und drückte seine Lippen leicht auf ihre.

Er hob beide Hände und umfasste ihr Gesicht, um ihren Kopf ein wenig nach hinten zu biegen und den Kuss zu vertiefen. Er hatte es langsam angehen lassen wollen – aber als seine Zunge ihre berührte, war alles vergessen. Es konnte kein langsam geben, kein kurz.

Stattdessen löste der Kuss einen wahren Sturm der Leidenschaft aus. Akil zog Charlene an sich und ihre Zungen fanden sich zu einem heißen Tanz. Irgendwann hörte er sie stöhnen. Spürte, wie sie ihre Hände an seine Brust legte. Er konnte sich nicht lösen von diesen unglaublich weichen, verführerischen Lippen.

Sie seufzte noch einmal. Oder war er es?

Ihre Hände sanken tiefer. Legten sich um seine Taille.

Er stöhnte – aber ebenso hätte sie es gewesen sein können.

Seine Daumen glitten über ihre Wangenknochen, während seine Zähne sich leicht in ihre Unterlippe drückten.

Mit der Zunge fuhr sie über seine Lippen. Ein Schauer durchlief seinen ganzen Körper. Er war wie getrieben. Wollte mehr. Musste es noch einen Moment länger auskosten.

Gleichzeitig glaubte er warnende Sirenen zu hören. Einen Alarm, der ihm befahl, aufzuhören. Schließlich lehnte er seine Stirn an ihre und atmete schwer, als sei er soeben einen Marathon gelaufen. Auch sie hatte erkennbar Mühe, das innere Gleichgewicht wiederzufinden.

„Mein Benehmen dir gegenüber bedeutet nicht, dass ich dich mag“, sagte er rau.

„Dann verstellst du dich ebenso gut, wie du Musik produzierst“, erwiderte sie, schob ihn von sich und schloss leise die Tür.

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