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COLLECTION BACCARA BAND 367

EMILY MCKAY

Verbrenn dir nicht die Finger, Darling

Erst verführt er Meg, dann will er sie heiraten: Alles nur, um sich an ihrem Vater zu rächen. Aber Grants perfider Plan geht gründlich schief. Denn plötzlich machen ihm seine eigenen zärtlichen Gefühle Angst. Er verlässt sie – doch zwei Jahre später sieht er Meg, mit der er unvergessliche Nächte verbracht hat, wieder …

NICKI NIGHT

Verführung in schwarzem Leder

Blake Barrington hält sich wohl für unwiderstehlich! Für Cadence Grund genug, ihn abzuweisen. Auf der anderen Seite: Er ist unwiderstehlich! Schon im Anzug macht der Star-Anwalt eine fantastische Figur. Und dann sieht sie ihn auf seinem Motorrad, ganz in schwarzem Leder. Heiß! Dabei hat sie sich geschworen, nie wieder einen Kollegen zu daten …

CHRISTINE RIMMER

Die Nacht mit dem Tycoon

So schön der Verlobungsring auch funkelt, den Connor der hübschen Tori ansteckt – sie wissen beide, dass es nur eine Scheinverlobung ist. Doch plötzlich überfällt Connor heißes Verlangen, und als Tori und er in einer leidenschaftlichen Nacht im Bett landen, wird es richtig kompliziert. Denn er glaubt schon lange nicht mehr an die Ehe …

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Verbrenn dir nicht die Finger, Darling

PROLOG

Grant Sheppard schlief noch keine drei Wochen mit Meg Lathem, aber er hatte sich bereits an ihre kleinen Eigenheiten gewöhnt. Er wusste sofort, dass sie nicht da war, als er erwachte, denn sie liebte es, sich im Schlaf an ihn zu schmiegen und den Kopf auf seine Schulter zu legen.

Langsam stieg Grant aus dem Bett und zog die Jeans über, die er achtlos auf den Schaukelstuhl geworfen hatte, der in einer Ecke des Schlafzimmers stand. Dann machte er sich auf die Suche.

In einem Haus dieser Größe war das nicht schwer. Meg war in dem kleinen Bungalow direkt am Marktplatz von Victoria in Texas aufgewachsen. Für einen Mann wie Grant, der der wohlhabenden Oberschicht von Houston entstammte, war die kleine Stadt unweit der Küste an sich uninteressant. Er war nur wegen Meg hier.

Es war normal, sie um drei oder vier Uhr am Morgen in der Küche zu finden. Auch jetzt backte sie wieder, und der Duft – eine Kombination aus gerösteten Nüssen und Karamellzucker – war einfach himmlisch. Allein dieser Duft hätte ihn schon aus dem Bett gelockt.

Grant lehnte gegen den Türrahmen und beobachtete Meg. Sie hatte sich das schwarze Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden, der mit jeder ihrer Bewegungen auf und ab wippte. Das knappe Nachthemd reichte gerade über ihren Po. Darüber hatte sie sich eine Schürze umgebunden. Ihre Füße waren nackt, die Nägel blau lackiert. Das Tattoo hinten auf ihrem Schenkel blitzte jedes Mal unter dem Saum ihres Nachthemds hervor, wenn sie sich vorbeugte. Sie hatte mehr Sex-Appeal als jedes Pin-up-Girl. Er musste an sich halten, um sie nicht in seine Arme zu ziehen.

Wenn er sich so in der Küche umsah, hatte er das Gefühl, in die vierziger Jahre zurückversetzt zu sein. Nur die blau lackierten Fußnägel und das Tattoo zerstörten diese Illusion. Das und der Gourmetbrenner, den Meg soeben angezündet hatte.

Er sah zu, wie sie die blaue Flamme über das Meringue-Topping fahren und es goldbraun werden ließ. Erst als sie den Brenner abschaltete und sich aufrichtete, trat Grant näher.

„Was hast du denn diesmal gezaubert?“

Sie lachte leise. „Ich dachte doch, ich hätte dich lechzen gehört!“ Sie schwenkte anzüglich die Hüften.

„Und ich finde, ich habe mich sehr anständig und geduldig verhalten!“

Wie eine Balletttänzerin drehte sie sich auf den Zehenspitzen und präsentierte ihr Werk: „Meine neueste Kreation! Eine Kruste aus Haselnuss-Crackern. Darauf dunkler Schokoladenpudding mit einem Meringue-Topping und Marshmallows. Der neueste S’more Pie!“

Er seufzte gespielt dramatisch. „Und ich muss warten, bis der Laden aufmacht, um probieren zu können.“

Sie trat beiseite und deutete einladend auf einen zweiten, kleineren Pie. „Du weißt doch, dass ich nie etwas anbiete, das ich nicht selbst getestet habe. Gib mir nur noch eine Sekunde, um …“

Aber er konnte nicht länger warten. Mit wenigen Schritten war er bei ihr und schob seine Hände unter den Saum ihres Nachthemdes – über ihren blanken Po! Er musste sie nur ein paar Zentimeter anheben, um ihren weichen Körper an seiner Männlichkeit zu spüren. Sie schlang die Beine um seine Hüften.

Als er sie küsste, schmeckte sie nach dunkler Schokolade und Meringue – so süß, dass es schon fast zu viel des Guten war.

Das war typisch Meg – eine unwiderstehliche Kombination des Sinnlichen und des Süßen. Und immer fast zu viel des Guten.

Er setzte sie auf die Arbeitsplatte …

Ihr Verlangen war so groß, dass sie fast schneller kam als er.

Das war wieder typisch Meg. Sie war so sexy wie keine andere Frau. Sexy und voller Leidenschaft. Fast zu gut, um wahr zu sein.

Grant fragte sich, ob sie dasselbe auch von ihm dachte.

Nach einer heißen Dusche und einem noch warmen Stück Pie gingen sie wieder ins Bett – glücklich und erschöpft. Meg war schon fast eingeschlafen, als Grant fragte: „Wieso eigentlich S’more Pie?“

Sie seufzte und murmelte schläfrig: „Weil er die gleichen Zutaten enthält, wieso sonst?“

„Nein, das meine ich nicht. Wieso hast du an S’mores gedacht?“

S’mores waren leckere Snacks aus Schokolade, Keksen und Marshmallows, die man gern über dem Lagerfeuer zubereitete.

„Ich weiß nicht“, meinte sie nach kurzem Überlegen. „Vielleicht weil sie so typisch sind für ein Ferienlager. Und … ich meine, das zwischen uns – es ist irgendwie wie in einem Ferienlager, findest du nicht?“

Er lachte leise. „Du kannst mir glauben – das was wir hier tun, habe ich in einem Ferienlager nie gemacht.“

Sie puffte ihn in die Seite. „Quatschkopf! Ich meine, es ist perfekt, aber auch irgendwie vergänglich. Flüchtig. So wie die Tage in einem Ferienlager.“

Er hielt den Atem an. Es wäre der perfekte Moment gewesen. Der Moment, auf den er seit Wochen wartete. Es muss nicht vergänglich sein. Komm mit mir nach Houston. Heirate mich.

Es hätte funktioniert. Sie wäre darauf hereingefallen – genau, wie sie auf ihn hereingefallen war.

Aber er sagte es nicht. Er brachte die Worte nicht über die Lippen.

„Mein Grandpa hat die besten S’mores gemacht“, fuhr sie fort.

„Ich dachte, S’mores sind alle gleich.“

Sie schien nicht zu bemerken, wie distanziert er plötzlich klang.

„Absolut nicht. Ob ein S’more perfekt ist oder nicht, hängt davon ab, wie perfekt das Marshmallow geschmolzen ist. Und darin war Grandpa nicht zu toppen. Er hatte eine Engelsgeduld.“ Nach kurzem Schweigen setzte sie hinzu: „Ich wollte, du hättest ihn kennengelernt. Er hätte dir gefallen.“ Und dann kam das völlig Unerwartete: „So wie du ihm gefallen hättest.“

„Das wage ich zu bezweifeln.“ Er sagte es mehr zu sich selbst, aber sie verstand ihn dennoch.

„Nein. Du hättest ihm gefallen, das weiß ich“, erklärte sie energisch. „Du bist ein guter Mensch, Grant Sheppard.“

Sie hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen, bevor sie sich wieder in die Kissen sinken ließ.

Eine Stunde später, als sie tief schlief, zog er sich geräuschlos an und verließ ihr Haus. Und während er das letzte Mal durch Victoria fuhr, hatte er immer noch den Geschmack ihrer Küsse und ihres Pie auf den Lippen.

Sie hielt ihn für einen guten Menschen. Weil sie seinen Plan nicht kannte. Er hatte vorgehabt, Hollister Cains verschollene Tochter zu finden. Wollte sie dazu bringen, sich in ihn zu verlieben und ihn zu heiraten. Dadurch wollte er genug Einfluss auf Cain Enterprises bekommen, um das Unternehmen in den Ruin treiben zu können.

So plante kein guter Mensch. So plante ein Mensch, dem die persönliche Rache über alles ging. Er war ein Bastard. Er wusste es.

Das Problem war nicht einmal, dass sie es nicht wusste. Das Problem war: Wenn sie ihn so ansah, dann wollte er der Mann sein, für den sie ihn hielt. Und diese Schwäche konnte er sich nicht leisten.

Er musste einen neuen Plan machen.

1. KAPITEL

Gut zwei Jahre später.

Meg Lathem saß in ihrem staubigen, verbeulten Chevy und verfluchte die Hitze von Texas, die verstopften Straßen von Houston und ihre kleine Blase.

Sie hätte in Bay City einen Stopp einlegen und die Toilette aufsuchen sollen. Aber auch wenn sie es getan hätte, wären ihre Nerven jetzt zum Zerreißen gespannt gewesen. Heute sollte sie Grant Sheppard zum ersten Mal nach so langer Zeit wiedersehen.

Sie ertappte sich dabei, dass sie an ihrer Unterlippe nagte. Automatisch griff sie nach ihrer Handtasche, um nach ihrem Labello zu suchen. Sie fand nur ihren Cherry-Bomb-Lippenstift, den sie für gewöhnlich nur am Ende eines besonders langen Arbeitstages benutzte, wenn sie ein wenig Pep und Sex-Appeal brauchte. Im Moment brauchte sie weder das eine noch das andere – sie brauchte nur eines: einen klaren Kopf.

Sie warf den Lippenstift zurück, schnappte sich die Tasche und wollte gerade den Wagen verlassen, als ihr Handy klingelte.

Wäre die angezeigte Nummer nicht die ihrer Freundin Janine gewesen, hätte sie die Mailbox antworten lassen. Aber Janine, die auch ihre Mitarbeiterin in der Konditorei war, kümmerte sich heute um Megs Tochter Pearl. Ohne lange nachzudenken, zog Meg die Wagentür wieder zu, um den Verkehrslärm auszuschließen, und meldete sich mit: „Ist alles okay mit Pearl?“

„Alles im grünen Bereich, Honey. Sie ist glücklich und zufrieden.“

„Und warum rufst du dann an?“

„Hast du es schon hinter dich gebracht?“

„Die Fahrt von Victoria hierher dauert zwei Stunden. Ich bin gerade erst angekommen.“

„Ha! Bisher hast du dich doch noch nie an Geschwindigkeitsbeschränkungen gehalten. Ich wette, du warst schon vor einer halben Stunde dort und sitzt jetzt im Auto und himmelst den Schriftzug über seiner Tür an: Sheppard Bank and Trust.“

„Das stimmt nicht.“ Meg warf einen Blick auf die Uhr. Sie war erst seit zweiundzwanzig Minuten hier. Und der Schriftzug der Bank stand nicht über der Tür sondern in riesigen Lettern in Höhe des zweiundvierzigsten Stockwerks. Außerdem konnte von Anhimmeln keine Rede sein – eher hatte sie das Gebäude mit grimmiger Miene betrachtet. „Ich habe keine Gefühle mehr für Grant Sheppard, das weißt du. Der Mann ist ein verlogener, hinterhältiger …“

„Du musst es nicht machen“, unterbrach Janine sie ruhig.

„Ich weiß.“ Meg rieb sich die Stirn.

„Wir können eine andere Möglichkeit finden.“

„Ich weiß“, sagte sie noch einmal. Nur gab keine andere Möglichkeit. Ihre Tochter brauchte eine Operation am Herzen. Meg konnte den Eigenanteil der Kosten nicht zahlen, ohne die Konditorei zu verkaufen. Und wenn sie die Konditorei verkaufte, hatte sie keinen Job mehr und konnte nicht für ihren Lebensunterhalt sorgen. Ihre Freunde hatten eine Spendenaktion in Victoria organisiert. Die halbe Stadt war gekommen. Es war ein wirklich herzerwärmender Tag gewesen, aber letztlich hatte er nur neuntausend Dollar gebracht.

Doch allein für die Operation brauchte sie schon fast fünfzigtausend. Anschließend kamen noch die Kosten für die Physiotherapie dazu, und sicher auch weitere Arztkosten. Kosten, die sie nicht aufbringen konnte. Aber Pearls Vater hatte das Geld. Geld war sein Geschäft.

War es nicht fair, dass er sich an den Kosten beteiligte?

Immerhin war er Pearls Vater!

Zu ihm zu gehen hieß nicht zu betteln. Es war ihr Recht.

Es wäre nur so viel einfacher, wenn er schon wüsste, dass er eine Tochter hatte.

„Hör auf, deine Stirn zu reiben“, unterbrach Janine das lange Schweigen. „Du weißt, wie empfindlich deine Haut ist. Und wenn du Grant Sheppard nach so langer Zeit zum ersten Mal wiedersiehst, willst du doch nicht überall rote Flecken haben.“

Meg riss hastig ihre Hand zurück und klappte den Spiegel herunter. Verdammt! Janine hatte recht!

Sie klappte den Spiegel zurück. Was spielte es für eine Rolle, ob sie Flecken hatte oder nicht? Sie wollte Geld von Grant, nicht mehr und nicht weniger!

„Und nun gib dir einen Ruck! Du schaffst das!“ Janine legte auf.

„Okay“, murmelte Meg und seufzte schwer. „Auf geht’s!“

Sie stieg aus. Das Hochhaus der Sheppard-Bank befand sich an einem Platz, der im Schatten großer Eichen lag. Der Springbrunnen in der Mitte war umgeben von Bänken. Etliche Angestellte verbrachten hier offensichtlich ihre Mittagspause und genossen dabei das gute Wetter.

Meg war noch auf der dem Hochhaus gegenüberliegenden Seite des Platzes, als die großen Eingangstüren der Bank aufgingen und ausgerechnet Grant Sheppard höchstpersönlich herauskam. Automatisch verlangsamte Meg ihren Schritt. Irgendwo hupte ein Auto.

Plötzlich hatte sie so etwas wie einen Tunnelblick. Es gab nur noch Grant für sie. Mehr als zwei Jahre waren vergangen, seit sie ihn das letzte Mal gesehen hatte. Er sah gut aus. Genauso groß und attraktiv wie damals. Sein hellbraunes Haar war etwas länger als früher. Etwas zerzaust. Vielleicht zu verwegen für diese konservative Stadt. Aber sein Anzug war einfach perfekt. Seine Lippen verzogen sich immer noch zu diesem halben Lächeln. Lippen, die in jeder Frau sofort den Wunsch weckten, sie zu küssen.

Lippen, die eine Frau um den Verstand bringen konnten.

Meg gab sich einen Ruck. Sie rief sich in Erinnerung, dass nicht einfach gut zwei Jahre vergangen waren, seit sie ihn das letzte Mal gesehen hatte. Vor gut zwei Jahren hatte er sich mitten in der Nacht aus ihrem Bett geschlichen und war spurlos verschwunden.

Das war ein Unterschied, und sie tat gut daran, es nicht zu vergessen.

Gerade wollte sie einen Schritt auf ihn zu tun, als ihr Tunnelblick sich weitete und sie die Frau an seiner Seite wahrnahm. Es war eine schlanke Blondine, die fast ebenso groß war wie er. Er hatte seinen Arm um ihre Taille gelegt – es war eine beschützende Geste, die Zuneigung und Vertrautheit verriet. Meg glaubte, das Schrillen einer Alarmsirene zu hören.

Sie wusste, was sie sehen würde, noch ehe die Frau sich herumdrehte. Die Frau war schön und weltgewandt. Sie hatte Stil und Klasse. Alles das, was Meg nicht hatte.

Und sie war bestimmt schwanger.

Meg war sich so sicher, dass sie für einen Moment glaubte, ihren Augen nicht trauen zu können, als sich die Frau schließlich so drehte, dass sie sie von der Seite sehen konnte.

Die Frau war nicht schwanger. Schlimmer.

Sie hatte ein Baby auf dem Arm. Ein schönes, gesundes Baby. Ein perfektes Baby.

Grant Sheppards perfekte Frau hatte ihm ein perfektes Baby geschenkt.

Mit Meg hatte er dagegen eine Tochter, die das Downsyndrom und ein Herzproblem hatte.

Für Meg war sie dadurch nicht weniger perfekt. Ja, das winzige Loch in ihrer Herzscheidewand bedeutete, dass sie Probleme hatte, die Meg gelegentlich in Angst und Schrecken versetzten. Aber Pearl war auf ihre eigene Weise perfekt.

Würde Grant das erkennen? Würde er begreifen, wie wunderbar Pearl war? Würde sie Pearl beschützen können, falls er es nicht tat?

Und unter dem Bedürfnis der Mutter, ihr Kind zu beschützen, gab es noch ein anderes, komplizierteres Gefühl.

Ein winziger Hauch von Neid, der nichts mit dem Baby zu tun hatte oder mit Pearl, sondern mit der Frau an Grants Seite.

Meg wollte nicht so sein wie diese perfekte Frau, die Grant offenbar geheiratet hatte. Weder wollte sie ihren Reichtum, noch ihr Haar oder ihre Garderobe oder ihr Baby, dessen Herz wahrscheinlich keinen Defekt hatte. Sie war glücklich mit ihrem eigenen Bankkonto, mit ihrem Haar, ihrer Kleidung und ihrem Kind. Sie wollte nichts von diesen Dingen. Aber zum ersten Mal begriff sie, dass ein Teil von ihr vielleicht immer noch an Grant interessiert war. Und das machte ihr Angst. Eine Höllenangst.

Wie konnte sie jetzt zu Grant gehen, um mit ihm zu reden?

Es war ausgeschlossen. Nicht, solange sie noch andere Möglichkeiten hatte.

Sie hatte ihrer Mutter und ihrem Großvater versprochen, es nie zu tun. Sie hatte sich selbst versprochen, es nie zu tun. Aber nun würde sie ihr Versprechen brechen. Sie würde ihren Vater aufsuchen. Würde einen Pakt mit dem Teufel schließen.

Wie der Zufall es wollte, lebte der Teufel – beziehungsweise Hollister Cain – ebenfalls in Houston, unweit der City in dem vornehmen Viertel River Oaks. Das herrschaftliche Haus lag in der Nachbarschaft der Villen ehemaliger Präsidenten, abgesetzter gekrönter Häupter und ungekrönter Stars der Musikszene.

Dank Google Maps Street View kannte sie sein Haus vom Sehen. Und dank Google wusste sie auch, wie ihr Vater aussah. Begegnet war sie ihm noch nie.

Meg war Hollisters ungeplante Tochter, von der er nichts wusste. Vor gut sechsundzwanzig Jahren hatte er ihre Mutter geheiratet – und kurze Zeit später verlassen. Und das nicht nur, weil er ein gefühlloser Bastard war, sondern aus kalt berechnetem Kalkül. Hollisters Verhalten hatte dazu geführt, dass es mit ihrer Mutter sehr schnell bergab gegangen war.

Das war der Grund, aus dem Meg bei ihrem Großvater aufgewachsen war. Sie hatte die Wahrheit über das Verhältnis ihrer Mutter mit Hollister immer gekannt und ging wie selbstverständlich davon aus, dass auch er von ihr wusste, dass er nur nie ein Interesse an ihr gehabt hatte. Das war okay für sie. Absolut okay. Sie brauchte weder ihn noch seine Familie.

Aber jetzt war es anders. Sie brauchte Geld.

Natürlich bestand die Möglichkeit, dass Hollister sie nicht anerkannte. Dann musste sie sich einen Anwalt nehmen und einen Vaterschaftstest machen lassen. Letztlich gab es keinen Zweifel daran, dass sie Hollisters Tochter war.

Aber sie ging nicht davon aus, dass es so weit kommen würde. Sie kannte Geheimnisse aus Hollisters Vergangenheit. Geheimnisse, an deren Veröffentlichung ihm nicht gelegen sein konnte. Ihre Beweise für seine kriminellen Machenschaften konnten das Unternehmen der Cains ruinieren. Sie hatte keinerlei Skrupel, dieses Wissen an die Öffentlichkeit zu bringen. Falls er Schwierigkeiten machte, würde sie nicht zögern, ihm damit zu drohen.

In ihrer Vorstellung sah das Treffen mit ihrem Vater so aus: Sie würde hereinkommen und erklären, wer sie war und was sie wollte. Er würde ihr einen Scheck über zweihunderttausend Dollar ausstellen. Sie würde dafür unterschreiben, dass sie nie zurückkommen und noch mehr fordern würde. Ende der Woche konnte sie dann wieder bei Pearl sein. Nichts einfacher als eine kleine Erpressung innerhalb der Familie!

Das Problem war nur: Sie war es nicht gewohnt, mit Drohungen dieser Art zu arbeiten. Und zweihunderttausend Dollar waren nicht eben wenig. Sie hatte hin und her gerechnet und war zu dem Schluss gekommen, dass das die Summe war, die sie letztlich brauchen würde. Fünfzigtausend für die Operation und der Rest für alle Folgekosten. Es blieb zu hoffen, dass die Summe ausreichend war. Sie hatte nicht die Absicht, Hollister noch ein zweites Mal um Geld zu bitten. Einmal wollte sie es wagen, dann nie wieder.

Das erklärte wohl ihre Beklemmungen, als sie im Wagen saß und zu der großen Villa auf der anderen Straßenseite hinüber sah. Mit Sicherheit hatten sie nichts mit den frischen Erinnerungen an Grant zu tun. An Grant und die blonde Göttin an seiner Seite.

Ihr Telefon klingelte, aber sie ignorierte es. Janine hatte sie in der vergangenen Stunde wohl alle fünfzehn Minuten angerufen, zweifellos um zu hören, wie das Treffen mit Grant gelaufen war. Meg hatte nicht den Mut, ihr zu gestehen, dass sie gekniffen hatte. Sie würde Janine nach dem Gespräch mit ihrem Vater anrufen.

Kurz entschlossen stieg sie aus und ging die gefühlt endlose Auffahrt zur Villa der Cains hinauf. Ehe sie sich umbesinnen konnte, drückte sie die Klingel. Und begann, die Sekunden zu zählen.

Niemand, der in diesem Haus lebte, spielte eine Rolle für sie. Nicht die geringste. Aber sie war nun schon sehr lange allein. Und stand im Begriff, ihre Familie kennenzulernen. Vielleicht öffnete sogar ihr Vater!

Oder jemand, der für die Familie arbeitete.

Hatten die Cains … Diener?

Vielleicht einen Butler oder etwas in der Art?

Oder …?

In diesem Moment ging die Tür auf. Statt ihres Vaters oder eines Bediensteten sah Meg eine blonde Frau mit der Andeutung eines Bäuchleins. Portia Calaham. Die Exfrau von Dalton Cain.

Meg hätte jeden der Cains erkannt – sie gehörten zur Prominenz von Houston und tauchten daher häufig in der Presse auf. Portia hatte sie sogar einmal persönlich getroffen – als sie das erste Mal in Houston gewesen war, gleich nachdem sie erfahren hatte, dass Pearl eine Operation brauchte.

Einen Moment lang starrten sie einander wortlos an. Dann entfuhr es Meg: „Sie hier?“ und gleichzeitig sagte Portia: „Sie …!“

Sie schwankte und verdrehte die Augen. Meg sprang vor. Sie konnte Portia gerade noch packen, bevor sie zu Boden ging. Portia mochte schlank sein, aber sie war wesentlich größer, sodass Meg unter ihrem Gewicht zusammenbrach.

Mist! Mist! Mist! ging es ihr immer wieder durch den Kopf. Nicht, weil Portia ohnmächtig geworden war, sondern weil sie nicht hätte hier sein sollen! Portia gehörte nicht mehr zur Familie der Cains. Und sie erinnerte sich offensichtlich daran, dass sie einander schon einmal begegnet waren.

Für einen Moment erwog Meg, die Flucht zu ergreifen und an einem anderen Tag zu versuchen, Kontakt zu ihrem Vater aufzunehmen. Oder das Geld irgendwie anders aufzutreiben. Aber ihr lief die Zeit davon. Schritte kamen rasch näher.

Meg sah zwei Frauen und drei Männer, die durch die Eingangshalle auf sie zueilten. Die Männer erkannte sie sofort. Es waren ihre Brüder, Dalton und Griffin Cain sowie Cooper Larson. Sie vermutete, dass es sich bei den Frauen um Laney und Sydney handelte, ihre Schwägerinnen.

Zu Megs Überraschung war es Cooper, der den Schritt beschleunigte und neben Portia auf die Knie ging. Er stützte ihren Kopf und die Schultern ab, sodass Meg sich unter ihr hervorschieben konnte.

„Sie ist ohnmächtig geworden“, sagte sie rasch. „Ich habe versucht, sie aufzufangen.“

„Danke.“ Cooper seufzte. „Sie wird sauer sein!“

„Ich habe versucht, sie aufzufangen“, wiederholte Meg und wich zurück.

„Sie wird nicht auf Sie sauer sein“, sagte er rasch. „Sie hasst es, ohnmächtig zu werden. Und das ist nun schon das zweite Mal in dieser Woche.“

Die rothaarige Frau – Sydney, falls Meg sich recht an die Fotos der Klatschkolumnen erinnerte – kniete neben Cooper. „Ist alles okay mit ihr?“

Er nickte, aber sein Lächeln konnte die Sorge nicht verdecken. „Der Arzt sagt, es ist nicht ungewöhnlich während der ersten Schwangerschaftsmonate.“

Sydney sah zu Meg auf. „Vielen Dank, dass Sie … Oh, mein Gott!“

„Was ist?“ Meg wich noch weiter zurück. Ihr Blick glitt von Sydney zu Cooper und dann zu den drei anderen. „Ich habe sie nicht …“

Ihr Blick traf Daltons, und er murmelte ein leises Verdammt!.

Nun starrten alle sie an – so als hätte sie plötzlich zwei Köpfe. Oder als ob sie alle wüssten, dass sie hier war, um ihren Vater zu erpressen.

Meg hob abwehrend die Hände. „Ich habe nichts getan.“ Noch nicht.

Die andere Frau, Laney – mit ihrem langen schwarzen Haar sah sie aus wie ein modernes Schneewittchen – bedachte die anderen mit einem vorwurfsvollen Blick. „Ihr macht ihr Angst!“ Lächelnd trat sie auf Meg zu. „Niemand glaubt, dass Sie Portia etwas getan haben. Wir sind alle sehr froh, dass Sie sie auffangen konnten. Nicht wahr?“ Sie stieß Dalton einen Ellenbogen in die Seite.

Er trat nun auch vor. „Ja, das sind wir.“

Meg sah abschätzend von einem zum anderen. Dankbarkeit für ihre Hilfe konnte dieses Verhalten nicht erklären. Sie spürte Panik aufsteigen. „Ich glaube, ich gehe jetzt besser.“

Dalton, Laney, Griffin und Sydney protestierten fast wie im Chor.

Das wurde nun wirklich unheimlich.

„Ich … äh …“ Sie bewegte sich Richtung Tür.

„Sie können nicht gehen“, sagte Laney. Alle anderen verharrten regungslos, so als sei Meg ein scheues Wild, das schon durch eine leichte Bewegung verscheucht werden konnte.

Super! Sie konnte nicht fort. Aus irgendeinem Grund hatte sie eine reiche Schwangere dazu gebracht, in Ohnmacht zu fallen. Und nun versuchten sie, sie festzuhalten – wahrscheinlich bis die Polizei hier war. Meg sah sich schon gefesselt im Kerker schmachten …

„Wieso kann ich nicht gehen?“, fragte sie vorsichtig.

Portia schien wieder zu sich zu kommen. Sie stöhnte und stützte sich auf einen Ellenbogen.

„Nicht schon wieder.“ Sie sah sich um. „Habe ich etwas verpasst?“

Cooper strich ihr zärtlich eine Strähne aus der Stirn. „Die Ohnmacht war nur kurz.“

Laney nutzte die Ablenkung der anderen und trat auf Meg zu, um ihre Hand zu nehmen. „Sie … du kannst nicht fort, weil du die Tochter von Hollister bist, die alle suchen. Du bist ihre Schwester!“ Sie deutete auf die Männer.

„Ich weiß, dass es so ist. Aber woher wissen Sie es?“

Wieder war sie der Mittelpunkt ungeteilter Aufmerksamkeit.

Und fast im Chor kam die Frage: „Du weißt es?“

2. KAPITEL

Eine halbe Stunde später. Meg war inzwischen selbst fast einer Ohnmacht nahe. Endlich gelang es den Cains, sie dazu zu bewegen, aus dem Eingangsbereich mit in ein elegantes Büro in einem der vorderen Räume zu kommen. Dalton hatte allen Drinks eingeschenkt. Als die Reihe an Meg war, sah er sie fragend an.

„Nur Wasser, bitte.“ Sie musste einen klaren Kopf bewahren. Ihre Mutter hatte sie immer wieder vor den Reichen gewarnt. Und am schlimmsten von allen seien die Cains.

Nachdem Dalton ihr ein Glas gereicht hatte, deutete er einladend auf einen Sessel, aber unter gar keinen Umständen wollte sie hier quasi auf dem heißen Stuhl in der Mitte sitzen.

„Okay …“ Sie atmete einmal tief durch. „Wieso glaubt ihr, ich wäre eure Schwester?“ Unter den Umständen schien es ihr nicht angebracht, bei dem förmlichen Sie zu bleiben.

Wieder war es Portia, die das Wort ergriff. „Deine Augen, eindeutig.“

„Meine Augen?“

„Du hast die charakteristischen blauen Augen der Cains.“ Griffin zwinkerte ihr zu. „Sehr ungewöhnlich. Alle Cains haben diese Farbe.“

„Ihr glaubt, ich wäre eure Schwester, nur weil ich blaue Augen habe? Es dürfte Millionen Menschen geben, die blaue Augen haben.“

„Ungefähr fünf Millionen.“ Alle sahen Portia verblüfft an. Sie zuckte die Schultern. „Ich habe es nachgesehen. Aber dieser genaue Ton ist einzigartig.“

„Aber das dürfte ja wohl nicht ausreichen, um mich als eine Cain auszuweisen.“

„Aber du bist eine Cain, oder?“ Dalton sah sie forschend an.

Sie sah in die Runde. „Und was wäre wenn?“

„Wir haben dich gesucht.“

„Und ich glaube, du hast auch versucht, Informationen über uns zu bekommen“, bemerkte Portia.

Meg wich ihrem Blick aus. Portia hatte natürlich recht. Als sie vor einem Jahr in Houston gewesen war, hatte sie versucht, so etwas wie ein Gefühl für die Cains zu entwickeln. Sie wollte herausfinden, wie groß ihre Verzweiflung sein musste, um sie um Hilfe zu bitten. Sie hatte Portia getroffen – natürlich unter einem falschen Namen – und sich mit ihr unterhalten. Sie war so sicher gewesen, dass sie keinen Verdacht geschöpft hatte!

Meg zwang sich, Portias Blick standzuhalten. Sie sagte nichts. Räumte nicht ein, dass sie einander schon einmal begegnet waren, aber der Triumph im Blick der anderen war unverkennbar.

Sydney räusperte sich. „Weißt du, wieso wir dich gesucht haben?“

„Nein.“ Ihr ganzes Leben lang hatte sie zu hören bekommen, ihr Vater habe ihre Mutter und sie verlassen und keiner von den Cains habe ein Interesse an ihnen. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass jemand lange nach ihr gesucht hatte – schließlich lebte sie in derselben Stadt, in der sie auch geboren war, weniger als fünf Meilen entfernt von dem Standesamt, auf dem Hollister und ihre Mutter getraut worden waren. „Es gibt keinen Grund, wieso jemand mich nicht finden sollte, wenn er mich sucht. Ich habe mich ja nicht gerade versteckt.“

Die Cains tauschten Blicke, so als versuchten sie zu entscheiden, wer von ihnen ihr die schlechte Nachricht offenbaren sollte.

Laney beugte sich vor. Aha, Schneewittchen also.

„Ich weiß nicht, ob du weißt, dass es seit Jahren mit Hollisters Gesundheit bergab geht.“

„Falls er gerade gestorben ist, glaubt nicht, ihr müsstet es mir schonend beibringen.“ Ihr Vater starb Tage, bevor sie sich endlich entschlossen hatte, ihn aufzusuchen? Ja, das wäre typisch. Nicht, dass sie es bedauert hätte, ihn nicht kennengelernt zu haben, aber es schien unwahrscheinlich, dass sonst jemand auf ihre Erpressung eingehen würde.

„Nein, nein, Hollister lebt“, versicherte Laney ihr. „Aber vor ein paar Jahren, als es sehr schlimm um ihn stand und wir alle erwarteten, dass er sterben würde, erhielt er einen Brief.“ Erneut wechselten die Familienmitglieder bedeutungsschwangere Blicke. Dalton drückte Laney leicht die Schulter, wie um ihr Mut zuzusprechen. „Der Brief kam anonym von einer Frau, die behauptete, deine Mutter zu sein. Sie erklärte, sie habe ihm vor vielen Jahren eine Tochter geboren und habe es ihm absichtlich verschwiegen, um das Mädchen vor ihm zu beschützen. Um dich zu beschützen. Er sollte in der Gewissheit sterben, keine Macht über dich zu haben. Sie reizte ihn ganz bewusst damit.“

Meg runzelte die Stirn. „Der Brief kann nicht von meiner Mutter gewesen sein. Sie ist gestorben, als ich noch ein Kind war.“ Viele Menschen in ihrem Umfeld hassten Hollister, aber keiner hasste ihn genug, um kurz vor seinem Tod eine solche Bombe platzen zu lassen. „Ich kenne niemanden, der das getan haben könnte. Ihr glaubt doch nicht, ich hätte den Brief geschrieben, oder? Weil …“

„Nein, nein“, sagte Dalton rasch. „Darum geht es nicht. Die Frau, die den Brief geschrieben hat, kannte Hollister gut genug, um zu wissen, dass es ihn wahnsinnig machen würde – die Tatsache, dass er eine Tochter hatte, die ihm für immer entzogen war. Also hat er uns dreien ein Ultimatum gestellt.“ Dalton deutete auf seine Brüder und sich. „Derjenige von uns, der dich findet, sollte alles erben. Falls keiner von uns dich vor seinem Tod fände, sollte alles an den Staat fallen.“

„Wie bitte?“ Meg verschlug es für einen Moment die Sprache. Nach allem, was sie wusste, besaß Hollister ein Millionenvermögen. Hunderte von Millionen. „Was ist das denn für ein … ein Mensch, der seinen Söhnen eine solch verrückte Aufgabe stellt?“

Dalton nickte nur. Griffin lächelte grimmig.

Cooper lachte leise. „Wahrscheinlich hat er gehofft, dass wir uns alle vor Gier umbringen.“

Meg sah sich um. Wenn Hollister die Absicht gehabt hatte, seine Söhne gegeneinander aufzubringen, war er offensichtlich gescheitert. Sie schienen einander sehr nahe zu stehen.

„Ihr scheint gut miteinander auszukommen, obwohl es um so viel Geld geht.“

Griffin zuckte die Schultern. „Wir waren uns von Anfang an einig, dass es am besten ist, mit offenen Karten zu spielen und das Vermögen zu teilen. In vier Teile, wie es aussieht. Es war sehr schwer, dich zu finden, da wir keinerlei Anhaltspunkte hatten, wo wir suchen sollten.“

„Aber nun, wo du von dir aus gekommen bist …“ Griffin sah die anderen an. „Ich nehme an, wir müssen neu entscheiden. Sollten wir ihr den größeren Anteil geben?“

„Einen Moment mal! Ihr – wem? Mir?“

Laney lächelte. „Die drei haben von Anfang an geplant, dir ein Viertel des Vermögens zu geben.“

Meg sprang auf. Panik hatte sie erfasst. Sie wusste nicht, wie viele Millionen Hollister hatte, aber ein Viertel von vielen Millionen waren immer noch viele Millionen. Sie hob abwehrend die Hände. „Ich will nichts von diesem Geld.“ Okay. Das war nicht ganz die Wahrheit. „Ich brauche nur eine kleine Summe.“

Laney setzte ein reines Schneewittchen-Lächeln auf. „Die Neuigkeiten scheinen dich aufzubringen. Vielleicht ist es am besten, du setzt dich wieder.“

Meg spürte, wie ihr die Knie weich wurden. Unter gar keinen Umständen wollte sie es riskieren, wie Portia in Ohnmacht zu fallen. Das war nicht ihre Art. War es noch nie gewesen. Nicht einmal während ihrer Schwangerschaft – und bei einem Zwölf-Stunden-Arbeitstag in der Konditorei.

Sie versuchte verzweifelt, ihre Gedanken zu ordnen. Sie war hierhergekommen, um einen kleinen Erpressungsversuch zu starten und das … ja, das an sich war schon irritierend genug. Sie hatte nicht erwartet, dass ihr die Situation so rasch entgleiten würde.

Plötzlich wurde ihr bewusst, dass sie sich irgendwann gesetzt hatte und ihren Kopf zwischen beiden Händen hielt. Als sie den Blick hob, bemerkte sie, dass alle sechs Cains sie völlig überrascht ansahen.

Sie waren es eindeutig nicht gewohnt, dass jemand Angst hatte vor Geld.

Sydney war die Erste, die die Sprache wiederfand. „Du weißt, dass Hollister dein Vater ist. Aber du scheinst überrascht, dass es sonst jemand weiß. Und du scheinst das Erbe nicht zu wollen, das dir rechtmäßig zusteht.“

„Ich will es nicht“, sagte Meg rasch. Ihre Mutter hatte sie immer vor den Reichen gewarnt. Damit wollte sie nichts zu tun haben.

„Wieso bist du dann gekommen?“

„Weil ich Geld brauche.“

Dalton runzelte die Stirn. „Dir ist klar, dass das Erbe von Hollister mit viel Geld verbunden ist, oder?“

„Ich mag arm sein, aber ich bin nicht blöd!“ Meg sprang auf und trat ans Fenster, um blind auf den gepflegten Garten zu starren. Aus den Augenwinkeln hätte sie beobachten können, wie Griffin Dalton in die Seite knuffte. „Ich will Hollisters Erbe nicht. Und ich brauche kein Geld in zwei oder fünf Jahren oder wann auch immer Hollister stirbt. Ich brauche das Geld jetzt.“

„Wie viel?“, fragte einer der Männer – sie kannte sie noch nicht gut genug, um an der Stimme zu erkennen, wer es war.

Meg warf einen Blick über die Schulter. Überrascht bemerkte sie, dass alle drei Männer nach ihren Brieftaschen gegriffen hatten. Als ob sie einfach mal eben so jede Summe auf den Tisch blättern könnten.

„Zweihunderttausend Dollar.“ Wie im Trance nannte sie die Summe, die sie für alle Kosten errechnet hatte, die mit Pearls Operation verbunden waren.

„Wofür?“, fragte Dalton nach kurzem Zögern.

„Das möchte ich mit Hollister besprechen.“ So kam sie nicht weiter. „Wenn ihr mir bitte einfach sagen könntet, wo ich ihn finde …“

Griffin trat vor. „Er ist gerade nach Vail gefahren. Aber wenn du ihn das erste Mal triffst, sollte jemand von uns dabei sein.“

„Damit er behaupten kann, mich gefunden zu haben, und sich damit das Vermögen sichert?“ Meg konnte sich die spitze Bemerkung nicht verkneifen. Warum musste sie ausgerechnet an einem Tag nach Houston kommen, an dem Hollister nicht da war? Es wäre so viel einfacher gewesen, es nur mit einem Cain zu tun zu haben als gleich mit sechs!

„Ich glaube, Griffin hat eher daran gedacht, dich zu beschützen“, warf Sydney ein.

„Ich brauche keinen Schutz vor einem Siebzigjährigen.“ Zumindest ging sie davon aus. Sie stellte sich Hollister als einen gebrechlichen alten Mann vor. Andererseits hatte sie vor, ihn zu erpressen. Das würde ihn wahrscheinlich aufbringen.

„Mein Vater …“ Griffin räusperte sich. „Unser Vater ist kein sehr umgänglicher Mensch.“

„Damit kann ich fertig werden.“

„Falls du glaubst, Hollister schiebt dir die zweihunderttausend Dollar einfach so über den Tisch, dann irrst du dich“, warf Dalton ein. „Er wird es dir so schwer machen wie nur irgend möglich. Einfach aus Prinzip.“

Meg zögerte. Dalton mochte recht haben. Und sie war darauf vorbereitet. Sie hatte nicht erwartet, dass es leicht werden würde. Offensichtlich sahen die anderen ihr das Unbehagen an.

„Wofür brauchst du das Geld?“, fragte Dalton noch einmal.

„Das geht euch nichts an.“

„Bist du in Schwierigkeiten? Ist es etwas Illegales?“

„Nein!“ Sie war empört.

„Ich wollte dir nicht zu nahe treten“, sagte Dalton. „Ich will nur helfen.“

„Richtig! Die Cains sind ja bekannt für ihre Hilfsbereitschaft!“ Meg konnte ihren Spott nicht zurückhalten.

„Okay.“ Er lächelte trocken. „Ich glaube, wir finden einen Weg, mit dem beiden Seiten geholfen ist. Bleib noch ein paar Tage hier und mach, wie du es für richtig hältst. Bring Hollister dazu, dich anzuerkennen und sein Testament zu ändern. Dann kann ich dir die zweihunderttausend Dollar beschaffen. Ohne irgendwelche Bedingungen. Zusätzlich zu allem, was du von Hollister erbst, wenn es so weit ist.“

Zweihunderttausend – einfach so? Den Cains musste wirklich sehr daran gelegen sein, die Kontrolle über die Situation zu wahren.

„Und du kannst die Summe einfach so besorgen?“ Sie hatte keinen Zweifel daran, wollte einfach nur Zeit gewinnen zum Nachdenken.

Dalton zuckte die Schultern. „Gib mir zweiundsiebzig Stunden und ich kann dir hunderttausend in bar geben.“

„Ich auch“, sagte Griffin.

„Kein Problem.“ Cooper nickte.

„Das wäre der Deal: Du bleibst so lange, bis du Hollister bewiesen hast, dass du die Tochter bist, die er sucht, und drei Tage später hast du das Geld. Anschließend bleibst du so lange, bis wir ein neues Testament haben, das niemand anfechten kann. Abgemacht?“ Dalton hielt ihr die Hand hin.

Meg überlegte. Ein Handschlag galt in Texas immer noch als verbindlich. Sie musste sicher sein.

„Wenn Hollister nach mir gesucht hat, wieso sollte er dann daran zweifeln, dass ich seine Tochter bin?“

Die Cains tauschten Blicke. Schienen unschlüssig, wie viel sie sagen wollten.

Schließlich seufzte Dalton. „Hollister ist seit ein paar Jahren unberechenbar. Wir werden uns alle besser fühlen, wenn das Testament, in dem er einfach nur bestätigt, was er uns versprochen hat, unter Dach und Fach ist.“

Okay, sie machten sich also nur Sorgen um ihre eigenen Interessen. Das konnte sie nachvollziehen.

Eine garantierte Zusage auf zweihunderttausend Dollar war wesentlich besser als die Aussicht auf eine Erpressung mit unsicherem Ausgang.

Andererseits hieß es, sie musste in Houston bleiben. Zumindest für ein paar Tage.

Sie wusste, dass Janine sich gern um Pearl kümmern würde. Aber … so lange getrennt von der Kleinen? Aber letztlich war es nur eine Zwei-Stunden-Fahrt. Sollte etwas passieren, konnte sie schnell in Victoria sein.

Sie musste nur dafür sorgen, dass sie Grant nicht über den Weg lief, solange sie hier in Houston war. Aber das konnte ja wohl nicht so schwer sein. Houston war eine Stadt mit mehr als zwei Millionen Einwohnern. Da sollte sie ihm wohl aus dem Weg gehen können. Sie musste nur unauffällig bleiben.

Meg reichte Dalton die Hand. Sie hatte erwartet, einen Deal mit dem Teufel zu machen. Und nun machte sie ihn mit seinem Sohn. „Abgemacht.“

Sich unauffällig zu verhalten war etwas anderes.

Meg stand in der Tür zum großen Ballsaal des Kimball-Hotels und starrte auf die wohl zweihundert Menschen, die die High Society Houstons repräsentierten. Die jährliche Gala zugunsten der Stiftung Hoffnung für Kinder war eines der größten gesellschaftlichen Ereignisse der Stadt. Das Durchschnittsvermögen der hier versammelten Menschen mochte leicht das Jahresbudget eines Entwicklungslands übertreffen. Durch ihre Anwesenheit wurde der Durchschnitt natürlich ein wenig gesenkt. Oder würde es zumindest, wenn sie sich dazu durchringen könnte, über die Schwelle zu treten.

Sydney tätschelte ihr aufmunternd den Arm. „Nur Mut!“, flüsterte sie.

„Werden wir nicht irgendwie angekündigt?“

„Ich glaube, das macht man nur in England.“

„Okay.“ Meg atmete tief durch und rieb sich die feuchten Hände an dem geborgten Kleid, bevor sie einen unsicheren Schritt in den ebenfalls geborgten Schuhen machte – um sich gleich darauf wieder umzudrehen. Sydney und Griffin fingen sie ab und schoben sie zurück in den Saal. „Es ist eine schreckliche Idee!“, protestierte sie.

„Ganz im Gegenteil!“, murmelte Sydney. „Portia und Caro organisieren dieses Event seit Jahren. Es ist ihre Party. Wenn Portia dich als Hollisters lange verschollene Tochter vorstellt, wird ihr niemand widersprechen. Und wenn Caro dich dann mit offenen Armen willkommen heißt, ist die Sache gelaufen.“

„Wer ist Caro?“

„Hollisters Exfrau. Sie haben sich vor gut einem Jahr scheiden lassen. Es war nicht leicht für sie, weil Hollister alles getan hat, um sie zu vernichten, aber jetzt hat sie ihr Leben wieder im Griff und hat viel Einfluss in der Stadt.“

„Bis Hollister aus Vail zurück ist, wird das Ergebnis des DNA-Tests vorliegen, den wir gestern eingeschickt haben. Hollister wird es anerkennen müssen. Und am Montag hast du dann unser Geld auf dem Tisch.“

Ein simpler Plan. Was sollte noch schiefgehen?

Meg seufzte stumm. Ihre einzige Sorge war, Grant Sheppard zu begegnen.

Das wäre die totale Katastrophe.

Sie hatte versucht, Portia dazu zu bewegen, ihr die Gästeliste zu zeigen, aber Portia hatte alle Bedenken beiseitegewischt. „Es sind ein paar große Namen dabei. Ein paar Politiker und ein paar Stars aus der Sportszene. Nichts, worüber du dir Sorgen machen müsstest. Und wir werden die ganze Zeit bei dir sein.“

Nichts, worüber du dir Sorgen machen müsstest! Den Satz wiederholte Meg im Geiste immer wieder. Aber woher sollten die anderen wissen, was ihr Sorgen machte? Bisher hatte sie nicht den Mut gefunden, ihnen zu sagen, dass sie eine Affäre mit dem Sohn ihres Erzfeindes gehabt hatte.

Aber sicher würde Grant hier nicht auftauchen. Gut, es war ein großes Event, aber wieso sollte er zu einem Ball erscheinen, der von den Cains organisiert wurde?

Meg, Sydney und Griffin gingen gemeinsam von einer Gästegruppe zur nächsten. Griffin stellte sie immer als die verloren geglaubte Schwester vor, und Sydney erstickte mit ihrer unbeschwerten Freundlichkeit alle unangenehmen Fragen im Keim. Der Abend lief genau wie geplant. Irgendwann reichte jemand Meg ein Glas Champagner. Und dann noch eines.

Es hatte lange Diskussionen im Familienkreis gegeben, wer Meg auf die Party begleiten sollte und in welcher Reihenfolge alle eintreffen sollten. Als Organisatoren waren Portia sowie Caro bereits Stunden vor Beginn der Party vor Ort, genau wie Cooper, der den beiden behilflich war. Dalton hatte vorgeschlagen, er solle Meg bringen, weil er jetzt, wo Hollister nicht mehr oft in Gesellschaft erschien, allgemein als das Familienoberhaupt angesehen wurde. Griffin hatte entgegengehalten, dass die Gesellschaft Dalton zwar für einen exzellenten Geschäftsmann hielt, aber gleichzeitig für kalt und herzlos.

„Und? Was willst du damit sagen?“

„Ich sollte sie begleiten“, erklärte Griffin. „Auf die Weise lernt sie viele Leute kennen, noch bevor du mit Laney auf der Bildfläche erscheinst. Die Leute werden euch im Blick haben, wenn ihr kommt. Alle wissen, dass du ein herzloser Klotz bist. Und wenn du sie dann mit einem warmen Lächeln begrüßt, wird dieser Beweis einer menschlichen Regung alle überzeugen, dass Meg wirklich unsere Schwester ist!“

Meg wollte protestieren, dass das alles viel zu ausgefeilt war und dass dabei viel zu viel schiefgehen konnte, aber niemand hörte auf sie. Und was wusste sie schon? Sie kannte sich mit Torten und Pies aus, mit Süßigkeiten und Kaffee. Aber von gesellschaftlichen Anlässen dieser Art hatte sie nicht die leiseste Ahnung.

Sie konnte nur höflich lächeln, versuchen, sich ein paar Namen zu merken und Themen zu meiden, die – ja, eigentlich alle Themen. Damit lief sie zwar Gefahr, als langweilig oder dumm eingestuft zu werden, aber damit konnte sie leben. Sie hatte nur ein einziges Ziel: die nächsten Tage mit Anstand hinter sich zu bringen und Grant Sheppard nicht über den Weg zu laufen.

Wenn sie ehrlich war, lag ihr absolut nichts daran, ihn oder seine Frau noch einmal zu sehen. Sie war immer noch zu wütend darüber, wie er sie behandelt hatte. Zu empört. Zu verletzt.

Als jemand ihr das dritte Glas Champagner reichte, betraten Dalton und Laney den Saal. Sie kamen schneller durch die Menge als alle anderen – es war fast so, als wiche die Gesellschaft zurück, um ihnen den Weg freizugeben. Und wie Portia vorhergesagt hatte, folgten ihnen alle Blicke. Wie auf ein geheimes Stichwort hin kamen in diesem Moment auch Portia und Caro zu Meg. Eine Vereinigung der gesamten Familie.

Auch wenn sie diese Menschen erst seit zwei Tagen kannte, auch wenn sie ihnen nicht wirklich vertraute und es vielleicht nie tun würde, fühlte sie sich merkwürdig beschützt in ihrer Gegenwart. Sie machte sich keinerlei Illusionen über die Dauer ihrer Zuneigung, aber für diesen Abend war die Familie vereint. Vor der versammelten High Society von Houston.

Laney umarmte sie herzlich, während gleichzeitig Dalton Portia begrüßte, seine Exfrau und jetzige Schwägerin, bevor er sich Meg zuwandte und sie ebenfalls umarmte. Zum ersten Mal im Leben hatte sie das Gefühl, wirklich einen Bruder zu haben.

Und dann kam der Moment, den sie gefürchtet hatte.

Grant Sheppard trat ein.

3. KAPITEL

Grant Sheppard hasste Veranstaltungen dieser Art. Natürlich wollte er, dass es Hoffnung für Kinder gab. Aber er sah wirklich keinen Sinn darin, fünfzigtausend Dollar auszugeben für eine Party, die dann gerade fünfundsiebzigtausend Dollar an Spenden brachte. Das war ökonomischer Unsinn. Ein rundum vergeudeter Abend.

Davon einmal abgesehen: Die Gala der Stiftung Hoffnung für Kinder war immer eine Art Familientreffen der Cains. Ein weiterer Grund, sie zu hassen, und gleichzeitig der einzige Grund zu kommen. Niemand sollte sagen können, er lasse sich von den Cains vertreiben.

Im Allgemeinen ging er ihnen aus dem Weg. Einerseits wegen der seit Jahrzehnten andauernden Feindschaft zwischen den beiden Familien. Andererseits hatte er inzwischen auch einen weit persönlicheren Grund. Er konnte keinen Cain sehen, ohne an Meg zu denken. Die süße Meg. Die einzige Frau, in die er sich fast verliebt hätte.

Meg, die süß wie Zucker schmeckte. Meg, die für einen Moment sein Herz in ihren Händen gehabt hatte. Meg, die ihn wahrscheinlich hasste, weil er sich mitten in der Nacht einfach davongemacht hatte. Und die ihn noch mehr hassen würde, wenn sie die Wahrheit erführe …

Nein, er erlaubte sich nicht oft, an Meg zu denken. Sie war ein weiterer Grund, die Cains zu hassen, jeder Cain ließ ihn an sie denken, sie war schließlich eine von ihnen.

Die Feindschaft zwischen den Cains und den Sheppards währte schon weit über zwanzig Jahre. Begonnen hatte sie damit, dass Hollister seinen Partner Russell Sheppard aus dem Unternehmen gedrängt hatte, das von ihren Vätern gemeinsam gegründet worden war. Es gab Dinge, von denen ein Mann sich nicht erholte. Vom besten Freund und Geschäftspartner ausgetrickst zu werden, gehörte dazu. Und Grants Vater hatte sich von diesem Schlag nie erholt. Oh, er hatte noch zehn Jahre gelebt, aber er war nie wieder derselbe gewesen.

Hollister Cain hatte Russell Sheppard vernichtet. Und Grant hatte sich geschworen, Hollister und seiner Familie das Gleiche anzutun. Nach vielen Jahren taktischen Manövrierens hatte er sein Ziel fast erreicht. Er stand so kurz davor, Cain Enterprises zu vernichten, dass er den Sieg schon fast zu spüren meinte.

Das war mit einer der Gründe, wieso er an diesem Abend gekommen war. Fünf der sieben Mitglieder des Aufsichtsrates von Cain Enterprises sollten hier sein. Alles Männer und Frauen, die er gesellschaftlich und beruflich kannte. Bald würde er zum letzten Schlag gegen das Unternehmen ausholen, und wenn es so weit war, brauchte er sie auf seiner Seite.

Er steuerte die Bar an. Normalerweise trank er nicht viel. Es war nicht sehr erfreulich gewesen, mit ansehen zu müssen, wie der Alkohol seinen Vater zerstört hatte. Aber ein Drink in der Hand gab ihm etwas zu tun, während er sich durch dieses Haifischbecken bewegte.

Der Barkeeper hatte ihm gerade seinen Patron gereicht, als eine atemberaubend schöne Brünette sich an seine Seite schob.

„Becca.“ Er nickte ihr lächelnd zu.

„Grant.“ Sie hauchte ihm einen Kuss auf die Wange und schmiegte sich diskret an ihn. „Wie geht es dir?“

„Wie immer.“

Vor einigen Jahren hatten sie eine kurze Affäre gehabt, bis sie begriff, dass er kein Interesse an einer Heirat hatte. Inzwischen war sie die Frau eines dreiundsechzigjährigen Öl-Magnaten. Eines der Aufsichtsratsmitglieder von Cain Enterprises. Grant kam gut aus mit dem Mann.

„Ich habe Klatsch für dich“, erklärte sie mit verschwörerischer Miene.

„Du weißt, ich interessiere mich nicht für Klatsch.“

„Es geht um die Cains. Du wirst es ohnehin bald genug erfahren, aber ich möchte die Erste sein, die es dir sagt.“ Sie machte einen Schmollmund. „Bitte!“

Grant sah, dass Beccas Mann sich mit einem einflussreichen Politiker unterhielt. Er wandte ihr wieder seine Aufmerksamkeit zu. „Du siehst aus, als könntest du einen Drink gebrauchen.“

Lächelnd sah sie ihm nach, als er zur Bar ging. Fünf Minuten später kam er zurück mit einem Pinot Grigio. Becca zog eigentlich etwas Härteres vor, trank aber nie in der Öffentlichkeit. Zumindest nicht auf einer Veranstaltung wie dieser. Wie er war Becca am äußeren Rand der High Society von Houston aufgewachsen. Gerade reich genug, um dazuzugehören, aber nicht reich genug, um auf Augenhöhe zu sein. Ihre beiden Familien hatten einmal zum alten Geldadel gehört und dann Pech gehabt. Sie waren in der Gesellschaft geblieben, aber am untersten Ende der Hackordnung.

In vieler Hinsicht war Becca ihm ähnlich. Er hatte sich mit knallharten Geschäftspraktiken den Weg zurück nach oben erkämpft. Sie hatte dasselbe erreicht durch eine vorteilhafte Heirat. Keiner von ihnen war sonderlich stolz auf die angewandten Mittel, aber sie verstanden einander. Vor Jahren hatte er gedacht, er und Becca könnten füreinander bestimmt sein. Aber sie waren beide so ehrgeizig um den Aufstieg bemüht, dass sich keiner von ihnen mit einem Ehepartner begnügt hätte, der ebenso tief in der sozialen Hackordnung stand wie er selbst. Sie hatten eine Affäre gehabt, aber keiner von ihnen trauerte dem anderen groß nach. Das war ein weiterer Grund, wieso er Becca mochte. Es sprach vieles für eine Frau, die er einfach verlassen konnte, ohne sich weiter nach ihr zu sehnen.

Sie nippte an ihrem Wein. „Danke.“

„Und was ist mit deiner Klatschgeschichte?“

„Erinnerst du dich, dass Hollister Cain vor ein paar Jahren fast verrückt wurde, als er erfuhr, dass er eine Tochter hat?“

„Natürlich. Er hat gedroht, alle drei Söhne zu enterben, wenn es nicht einem von ihnen gelingt, diese Tochter zu finden und zurück in die Familie zu bringen.“

„Genau.“ Becca strahlte. „Die Gerüchte haben Cain Enterprises sehr geschadet. Es hat nicht viel genützt, dass Hollister als Chef zurückgetreten ist und Dalton übernommen hat.“

„Auch wenn Dalton wesentlich kompetenter ist, als man gedacht hätte“, räumte Grant widerstrebend ein.

„Der Punkt ist, Hollister verliert allmählich den Bezug zur Wirklichkeit.“

„Das weiß ich schon seit Jahren.“

„Aber es könnte sich bald ändern.“ Sie beugte sich vor und flüsterte: „Falls du etwas gegen Cain Enterprises unternehmen willst, solltest du es jetzt tun.“

„Wieso?“ Je länger sich die Gerüchte über den schlechten Gesundheitszustand von Hollister hielten und über seinen nachlassenden Geschäftssinn, desto besser für Grant.

„Weil sie die Cain-Tochter gefunden haben.“

Für einen Moment glaubte er, ihm bliebe das Herz stehen. „Nein. Das glaube ich nicht.“

Sie konnten sie nicht gefunden haben, ohne dass er davon erfahren hätte. Die Gerüchte über Hollisters Tochter hatten ihn selbst Nachforschungen anstellen lassen. Über die privaten und geschäftlichen Unterlagen seines Vaters aus der Zeit der zu vermutenden Geburt dieser Tochter hatte er Meg schon sehr bald gefunden. Ursprünglich hatte er vorgehabt, sie gegen die Cains zu benutzen, aber den Gedanken hatte er fallen lassen, als er begann, Gefühle für sie zu entwickeln.

Und auch wenn er aus ihrem Leben verschwunden war, hatte er ein Auge auf sie gehalten. Sheppard Bank and Trust hatte zwei Filialen in Victoria, eine davon direkt gegenüber ihrer Konditorei. Er hatte sowohl den Bankmanager als auch die Leute von der Security angewiesen, nach Mitgliedern der Cain-Familie Ausschau zu halten – vorgeblich aus Angst vor Firmenspionage. Sicher hätte er es gehört, wenn jemand von den Cains sich auch nur auf hundert Meter Meg oder ihrer kleinen Konditorei genähert hätte.

Er kannte die Cains und er kannte Meg. War es wirklich so absurd, dass er sie vor ihnen beschützen wollte?

„Doch, es stimmt.“ Becca vibrierte förmlich vor Erregung. „Sie ist heute Abend hier.“ Sie deutete mit dem Kopf in Richtung Tanzfläche. „Dort drüben. Das letzte Mal, als ich sie gesehen habe, tanzte sie mit Dalton. Sieh doch selbst!“

„Sie ist hier?“

„Die ganze Familie ist hier, um sie in die Gesellschaft einzuführen.“ Becca warf sich das Haar über die Schulter und heuchelte Gleichmut. „Etwas voreilig, finde ich. Offensichtlich haben sie sie erst in dieser Woche gefunden. Und ich möchte schwören, dass das Kleid, das sie trägt, Portia gehört.“

Becca redete weiter, aber Grant hörte nicht mehr zu. Er ließ den Blick über die Tanzenden gleiten und versuchte die Frau zu finden, von der Becca gesprochen hatte.

Es war nicht Meg, das wusste er. Es konnte nicht sein.

Aber konnte es nicht noch eine weitere Tochter geben? Es war doch sehr wohl möglich, dass Hollister noch eine Tochter gezeugt hatte, von der er nichts wusste. Und diese Tochter hatten die Cains vielleicht gefunden.

Schließlich waren sie nicht so dumm, einfach irgendeine Frau als Hollisters Tochter zu präsentieren. Nicht, wenn DNA-Tests inzwischen so schnell und eindeutig waren. Es musste noch eine zweite Tochter geben.

Grant nippte an seinem Drink und überlegte. Während der vergangenen zwei Jahre hatte er auf die langfristige Lösung gesetzt. Er war davon ausgegangen, dass die Cains so sehr mit ihrer Suche beschäftigt sein würden, dass er unbemerkt Aktien aufkaufen und einfach darauf warten konnte, dass das Unternehmen ihm mehr oder weniger in den Schoß fiel. Falls Hollister früher starb und vielleicht auch noch seine Söhne enterbte, umso besser.

Sein Plan war bisher nicht aufgegangen. Hollister lebte immer noch, und Griffin war ein zu kluger Geschäftsmann, um das Unternehmen in den Ruin zu treiben.

Dennoch blieb es eine Tatsache, dass Grant inzwischen ein beachtliches Aktienpaket an Cain Enterprises hielt. Drei der sieben Mitglieder des Aufsichtsrates hatte er bereits auf seine Seite gezogen. Er war fast am Ziel.

Und nun das! Eine geheimnisvolle Frau drohte seine Pläne zunichte zu machen.

Er entschuldigte sich bei Becca und schob sich durch die Menge, immer Ausschau haltend nach der Frau, die die Cains aus dem Hut gezaubert hatten. Nur ein einziger Gedanke konnte ihn trösten: Wer auch immer sie sein mochte, das Ganze konnte Meg nicht schaden. Ganz gleich, was passierte. Ganz gleich, wie er Cain Enterprises zu Fall brachte – Meg würde nicht in die Schusslinie geraten.

Dann teilte sich die Menge vor ihm und er hatte einen freien Blick auf die Tanzfläche. Er entdeckte Dalton. In seinen Armen eine zierliche Frau. Ihr Haar war zu einer eleganten Frisur hochgesteckt. Es war von einem rötlichen Braun, das nicht natürlich sein konnte. Eine schwarze Strähne zog sich hindurch.

Dalton wirbelte die Frau herum und Grant erhielt einen Blick auf ihr Gesicht.

Verdammt.

Sie hatten seine Meg gefunden.

Meg musste es noch wenigstens eine Stunde auf dieser endlosen Party aushalten. Das hatte Portia ihr gesagt, als Meg wissen wollte, wie viel länger sie noch wie eine Art Trophäe herumstehen sollte, die darauf wartete, dem Sieger übergeben zu werden.

„Um zehn Uhr beginnt die Versteigerung. Du kannst vielleicht um kurz nach zehn gehen, falls Griffin und Sydney dann auch gehen möchten.“

Sie hatte die beiden inständig angefleht, und sie hatten sich bereit erklärt, sie zu begleiten. Nun musste sie nur noch eine Stunde hinter sich bringen, ohne Grant in die Arme zu laufen. Wie ihr das gelingen sollte, wusste sie nicht. Die Cains hatten alles so arrangiert, dass mit Sicherheit alle über sie sprachen.

Und ganz gleich, wo sie stand oder mit wem sie sprach – sie war sich die ganze Zeit über bewusst, dass Grant im selben Raum war. Sie versuchte, nicht nach ihm Ausschau zu halten, aber jedes Mal, wenn sie den Blick umherschweifen ließ, blieb er unweigerlich an Grant hängen. Immer mit einer anderen Frau, eine atemberaubender als die andere, wie ihr schien. Sie sah sich nach der blonden Mutter seines Kindes um, konnte die Frau aber nirgends entdecken. Vielleicht war er ohne sie gekommen. Das sähe ihm ähnlich!

Mit einer Frau unterhielt er sich besonders lange. Sie hatte langes braunes Haar und den Körper eines Models.

Als Meg das Gefühl hatte, nicht noch einen Moment länger mit irgendwelchen Fremden reden zu können, bat sie Dalton, mit ihr zu tanzen.

„Dalton? Tanzen?“ Griffin lachte. „Wenn du tanzen möchtest, biete ich mich gern an.“

Sie sah Dalton bittend an und er reichte ihr die Hand.

Einen Moment später bewegten sie sich zu irgendeinem langsamen Walzer, den Meg nicht kannte. Sie atmete tief durch und versuchte, etwas von ihrer Anspannung abzuschütteln.

„Wieso wolltest du nicht mit Griffin tanzen?“, fragte Dalton leise. „Er ist der bessere Tänzer.“

„Er hätte reden wollen.“

„Ich nehme an, du bist ein wenig überwältigt von allem hier?“

„Würde es dir nicht so gehen?“

Dalton nickte kurz und schwieg dann – entweder, weil er wusste, dass sie nicht reden wollte, oder aber weil es ihm ebenso ging, das konnte sie nicht sagen. Auf jeden Fall war sie dankbar dafür. Und für die Illusion der Unsichtbarkeit, die das Tanzen mit ihm ihr vermittelte. Alle drei Brüder waren sehr groß. Sicher konnte niemand sie sehen, wenn sie sich hinter Dalton versteckte.

Nur wenige Minuten schienen vergangen zu sein, als jemand Dalton auf die Schulter tippte. „Darf ich?“

Der Klang dieser Stimme! Meg schloss für einen Moment die Augen, so als könne sie damit vom Erdboden verschwinden. Auch als sie sie wieder öffnete, weigerte sie sich, den Mann anzusehen.

Dalton führte sie an den Rand der Tanzfläche. „Nein, du darfst nicht“, beschied er Grant knapp.

„Ich habe gehört, Gratulationen sind angesagt.“ Grant ging nicht auf Daltons Unhöflichkeit ein. „Ihr habt eure verschollene Schwester gefunden.“

Meg sah ihn an. Nichts in seinem Blick verriet, dass er sie erkannte. Aber das war ausgeschlossen, das wusste sie.

„Das haben wir.“ Dalton verstärkte den Druck seiner Hand auf ihrem Rücken. „Meg Lathem – Grant Sheppard, Geschäftsführer von Sheppard Bank and Trust.“

„Sehr erfreut.“ Er schüttelte ihr die Hand.

Sie zwang sich, seine Hand zu nehmen. Wappnete sich dagegen, zum ersten Mal seit gut zwei Jahren seine Haut an ihrer zu fühlen.

„Willkommen in Houston.“ Sein Ton blieb kühl und unpersönlich.

Daltons Hand lag immer noch auf ihrem Rücken. Sie lächelte strahlend. „Danke, aber ich bin nicht zum ersten Mal hier.“

Seine Lippen verzogen sich zur Imitation eines Lächelns. „Darf ich um den Tanz bitten?“

Sie war versucht abzulehnen, aber es sahen so viele Leute zu. Irgendwie hatte sie das Gefühl, das alles sei eine Art Test. Nie würde sie in diese Welt passen. Die Welt der Cains und Sheppards. Da wollte sie sich nichts vormachen.

Aber in Pearls Interesse musste sie sich zumindest überzeugen, dass sie eine Cain war. Und keine Cain ließ sich von irgendjemandem einschüchtern. Sicher nicht von einem Sheppard.

„Du musst es nicht“, sagte Dalton leise.

„Nein.“ Sie schenkte ihm ein Lächeln. „Ich mache es gern.“

Sie schob Zweifel und Ängste beiseite. Schob ihre Sorgen um Pearl beiseite und den Gedanken daran, was sie jetzt vielleicht gerade machte. Sie verdrängte sogar die Erinnerung an Grant und die blonde Frau mit dem Kind. Und an die Brünette, mit der er noch vor wenigen Minuten an der Bar gestanden hatte.

Der Mann spielte ein falsches Spiel.

Sie konnte von Glück sagen, dass er aus ihrem Leben verschwunden war und nun fern von ihrer Pearl. Zum ersten Mal seit Jahren war sie aufrichtig dankbar dafür, dass er sie mitten in der Nacht verlassen und ihr das Herz gebrochen hatte. Ohne zu zögern begab sie sich in seine Arme und ließ sich von ihm über die Tanzfläche führen. Solange sie daran dachte, was für ein falsches Spiel er spielte, musste sie nicht daran denken, wie gut es sich anfühlte, in seinen Armen zu liegen.

„Arbeiten Sie gern im Bankgeschäft, Mr. Sheppard?“ Sie sah ihn ausdruckslos an.

Er musterte sie einen Moment verblüfft, bevor er den Druck seiner Hand auf ihrem Rücken leicht verstärkte. „So wollen wir es spielen?“

„Ich weiß nicht, was Sie meinen.“

„Du willst so tun, als ob wir uns nicht einmal kennen?“

„Kenne ich Sie denn?“

„Meg …“ Seine Stimme hob sich kaum über ein Flüstern.

„Nicht!“, bat sie heftig. „Du hast kein Recht, meinen Namen so zu sagen …“

„Wie?“

„So sexy. So intim.“ Seine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, und sie musste dem Drang widerstehen, ihm eine schallende Ohrfeige zu versetzen. Er wirkte so verdammt selbstgefällig. Als ob ihre Worte ihm verraten hätten, wie stark sie immer noch auf ihn reagierte. Als ob er genau wüsste, was in ihr vorging – wo sie es doch selbst kaum wusste. „Tu nicht so, als würdest du mich kennen! Das tust du nicht!“

„Ich …“

„Ich bin nicht mehr die Frau von damals. Genauso wie du nicht der Mann bist, in den ich glaubte, mich verliebt zu haben. Aber der warst du ja eigentlich nie, oder?“ Sie meinte, für einen Moment so etwas wie einen Ausdruck des Schmerzes in seinem Blick zu erkennen.

„Es ist nicht in unser beider Interesse, hier darüber zu sprechen.“

„Wieso? Weil deine Freundin uns sehen könnte? Oder weil deine Frau später davon erfahren könnte?“

„Meine Frau? Was soll das denn heißen?“ Er schüttelte den Kopf, so als wolle er keine Antwort von ihr hören.

Nicht, dass ihr selbst sonderlich daran lag, das Thema zu vertiefen. Freundin und Ehefrau zu erwähnen war ein großer Fehler gewesen. Das musste ja den Eindruck erwecken, als sei sie noch an ihm interessiert. Und es verriet, dass sie ihn in der vergangenen Woche gesehen haben musste.

Glücklicherweise war der Tanz zu Ende. Sie löste sich abrupt von ihm und zwang ihn damit, seine Arme sinken zu lassen. „Vielen Dank für den Tanz. Es war ganz besonders erleuchtend.“

„Warte!“ Er packte sie am Arm. „Wir können hier nicht reden. Kann ich dich morgen zum Brunch einladen? Oder zum Abendessen?“

„Du bittest mich um ein Date?“ Sie hatte Mühe, ein hysterisches Lachen zurückzuhalten.

„Nein“, sagte er leise. „Ich bitte dich um ein Gespräch.“

„Vergiss es! Ich werde weder zum Brunch mit dir gehen noch zum Abendessen. Ich würde nicht einmal ein Kaugummi mit dir teilen.“

Er zog seine Hand zurück, wandte sich aber nicht ab. Stand einfach nur da und sah sie an. Wirkte irgendwie verloren. „Wir müssen reden, Meg.“

Sie spürte, dass sie Aufmerksamkeit erregten, und trat deswegen ein wenig näher, sodass niemand außer Grant sie verstehen konnte. „Du bist ein verlogener Mistkerl! Ich habe dir nichts zu sagen. Und du könntest mir nichts sagen, was ich hören möchte.“

Sie gab ihm keine Möglichkeit zu antworten. Aber als sie in den Kreis ihrer Familie zurückkehrte, fragte sie sich, ob sie nicht nur ihm, sondern auch sich selbst etwas vormachte.

Es gab so vieles, was sie ihm hätte sagen sollen. Als sie sich damals entschieden hatte, ihm nichts von dem Kind zu sagen, war es so logisch erschienen. Logisch und sinnvoll. Und jetzt? Nun war sie sich da nicht mehr so sicher.

Und schlimmer noch: Ein Teil von ihr wollte wirklich wissen, was er ihr zu sagen hatte. Ein Teil von ihr würde sich immer fragen, wieso er gegangen war.

4. KAPITEL

Grant fluchte stumm, als er Meg nachsah. Was zum Teufel machte sie hier? Er hatte alles getan, die Cains von ihr fernzuhalten. Die Unterlagen seines Vaters, die ihm geholfen hatten, sie zu finden, hatte er gut verborgen. Er hatte sichergestellt, dass niemand – nicht einmal seine Stiefmutter – sie finden konnte. Und er hatte dafür gesorgt, dass man ihn sofort informierte, sollte sich ein Cain in ihrer Nähe zeigen.

Was war schiefgelaufen?

Becca tauchte an seiner Seite auf. Sie lehnte ihren Kopf an seine Schulter und sah Meg nach. „Ich habe das Gefühl, das ist nicht so gelaufen, wie du es dir vorgestellt hast.“

„Du hast wie immer recht.“

„Dann wird Hollisters Aktienpaket wohl in der Familie bleiben.“

Für einen Moment schloss er die Augen. Er erinnerte sich daran, wie es gewesen war, Meg nach all dieser Zeit in seinen Armen zu halten. Da Becca auf eine Antwort wartete, gab er sich einen Ruck und erklärte kühl: „Nicht, wenn ich es verhindern kann.“

Er beobachtete, wie Meg zuerst mit Sydney und dann mit Griffin und Dalton sprach. Portia trat zu ihnen. Er musste kein Wort verstehen, um zu wissen, worum es ging. Meg wollte gehen. Jetzt gleich. Nicht später oder wann auch immer der Familienplan es vorgesehen hatte.

Auch auf die Entfernung hin glaubte er die Entschlossenheit in ihrem Blick zu erkennen. Ja, sie war eine Cain, kein Zweifel. Aber das hatte er ja immer gewusst. Er hatte diese Kraft immer in ihr gesehen.

„Möchtest du tanzen?“, raunte Becca ihm zu.

Er hatte keine Lust, wollte sie aber nicht vor den Kopf stoßen. „Ich glaube nicht, dass es Russell recht wäre.“

„Russell ist beschäftigt“, murmelte sie, nicht ohne eine Spur von Bitterkeit im Unterton.

Grant ließ den Blick durch den Raum gleiten und entdeckte Russell an der Bar. Neben ihm saß eine Blondine – jünger als Becca – und lachte, als sei er der geistreichste Mann auf Erden.

Er verspürte so etwas wie Mitleid mit Becca. Aber er kannte sie gut genug, um zu wissen, dass sie zu ihrer Entscheidung stand, ganz gleich, wie wenig ihr die Suppe schmecken mochte, die sie sich eingebrockt hatte. Sie würde bleiben, bis Russell sie vor die Tür setzte.

Und was sie konnte, konnte er auch. Er hauchte ihr einen Kuss auf die Wange. „Heute Abend nicht. Ich habe noch etwas vor.“

In der stillen Hoffnung, Meg noch einmal allein anzutreffen, folgte er ihr, Sydney und Griffin aus dem Hotel. Sie steckten die Köpfe zusammen und besprachen offenbar, wer Meg begleiten sollte. Ohne lange zu überlegen ließ Grant seinen Wagen kommen. Als Meg schließlich allein in ein Taxi stieg, wartete Grant bereits mit seinem Lexus am Ende der Auffahrt.

Er redete sich ein, dass er sie nicht verfolgte, er beschützte sie nur.

Erstaunt registrierte er, dass das Taxi sie nicht zur Villa der Cains brachte, sondern in den Highway 45 einbog und nach Süden fuhr. Sie hatten schon den Stadtrand erreicht, als sie eine Abfahrt nahmen und schließlich vor einem der schäbigsten Motels der Stadt hielten. Die Neonwerbung flackerte, und einige Fenster waren mit Brettern vernagelt. Er hätte nicht angenommen, dass das Motel überhaupt noch in Betrieb war.

Aber das Taxi hielt am äußersten Ende des L-förmigen Gebäudes, und Meg stieg aus. Er parkte den Lexus und eilte über den von Schlaglöchern übersäten Parkplatz. Kurz vor der Treppe, die in den ersten Stock führte, hatte er sie eingeholt.

„Himmel, Meg, was machst du hier um diese Zeit?“

Sie stieß einen Schrei aus und presste sich eine Hand auf das Herz. „Meine Güte, Grant! Du hast mir echt Angst gemacht!“

Erst jetzt bemerkte er, dass sie in der einen Hand ihre Tasche und in der anderen eine Spraydose hatte. Es hätte nicht viel gefehlt, und er hätte eine Ladung Pfefferspray in die Augen bekommen! Aber gut zu wissen, dass sie sich verteidigen konnte.

Er trat einen Schritt zurück und hob die Hände in einer gespielten Geste des Ergebens.

„Belästigt der Kerl Sie?“, rief der Taxifahrer in diesem Moment. Er stand neben seinem Wagen. „Alles okay, Miss?“

Sie ließ Grant einen Moment zappeln, bevor sie dem Fahrer zurief: „Alles in Ordnung. Mr. Sheppard ist ein alter Freund der Familie. Aber vielen Dank, dass Sie aufgepasst haben.“

Der Fahrer starrte Grant einen Moment lang durchdringend an, wohl um sicherzugehen, dass er ihn jedem Polizeizeichner akkurat beschreiben könnte, falls nötig. Dann verschwand er in seinen Wagen und fuhr los.

„Danke.“

„Wofür?“ Meg musterte Grant mit einem Blick, als sei er eine der Ratten, die über den Parkplatz huschten.

„Dafür, dass … dass du mir gute Absichten unterstellst.“

Sie lachte leise und ging die Stufen hinauf. „Falls morgen früh meine Leiche gefunden wird, wirst du der Erste sein, den die Polizei in die Mangel nimmt. Dir sollte also sehr an meiner Sicherheit gelegen sein.“

„Danke, dass du mir wenigstens die Chance gibst, vorher noch mit dir zu reden“, bemerkte er trocken, während er ihr folgte.

Sie blieb vor einem der Zimmer stehen. „Wer sagt, dass ich dir die Chance gebe?“

Hätte er nicht rasch den Fuß vorgeschoben, hätte sie ihm die Tür vor der Nase zugeschlagen. „Nur fünf Minuten!“ Prima. Jetzt bettelte er schon. Eine hervorragende Gesprächstaktik!

Sie musterte seinen schwarzen Schuh, als sei es die Kanone einer eindringenden Armee. „Okay, fünf Minuten“, erklärte sie schließlich unwirsch und ließ ihn herein.

Er hätte es nicht für möglich gehalten, aber das Motel war innen noch schrecklicher, als es von außen gewirkt hatte. Billiges Linoleum. Eine Glühbirne über dem nackten Holztisch. In der Ecke eine verrostete Spüle.

„Meine Güte, das ist ja das letzte Loch!“, entfuhr es ihm.

Sie schloss die Tür hinter ihm. „Willkommen in meinem bescheidenen Heim.“

„Du wohnst hier?“ Er sah sich fassungslos um. „Solange du in Houston bist?“

„Genau das wollte ich damit sagen.“ Für einen Moment trafen sich ihre Blick in dem fast blinden Spiegel über der Kommode. „Du kannst dich jetzt noch weiter über meine Bleibe auslassen, oder du kannst zum Punkt kommen. Du hast noch vier Minuten. Ticktack, die Uhr läuft!“

„Wie lange wirst du in der Stadt bleiben?“

„Solange es sein muss.“

„Um was zu tun?“

„Hollister überzeugen, dass ich seine Tochter bin.“

„Haben sie dir gesagt, was sie wollen? Wieso sie Hollister überzeugen müssen, dass du seine Tochter bist?“

„Ja, natürlich. Sie haben mir von der Suche erzählt, auf die er sie geschickt hat. Und von dem Erbe“, setzte sie trocken hinzu. „Sie waren ausgesprochen nett zu mir.“

„Natürlich waren sie das! Du bist die Henne, die die goldenen Eier für sie legt! Die Antwort auf all ihre Gebete.“ Er trat hinter sie. „Sie benutzen dich.“

Sie hielt seinen Blick im Spiegel fest.

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