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COLLECTION BACCARA BAND 366

LAUREN CANAN

Überwältigt von heißem Verlangen

Mit ihrer Widerspenstigkeit fordert die faszinierend schöne Shea den erfolgsverwöhnten Bauunternehmer Alec Morreston heraus wie niemand zuvor. Er wird alles tun, um an ihr Land zu kommen – und wenn er sie dafür heiraten muss! Ein folgenreicher Fehler? Schon bald lässt Sheas sinnliche Anziehungskraft Alec gefährlich schwach werden …

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Überwältigt von heißem Verlangen

1. KAPITEL

Shea Hardin musste einräumen, dass Alec Morreston ganz bestimmt nicht wie ein Teufel aussah, jedoch teuflisch gut … Durch sein dichtes, meisterlich gestyltes mahagonifarbenes Haar blitzten auch keine Hörner hervor, nur einige freche Locken fielen träge über seine Stirn. Der breite Mund mit den wohlgeformten Lippen wirkte zwar unnachgiebig, doch als Alec bei der Begrüßung gezwungen lächelte, war zu erkennen, dass er glücklicherweise keine Reißzähne hatte. Eigentlich hatte sein fein gemeißeltes Gesicht das Potenzial, außerordentlich attraktiv zu wirken. Doch weil außer kalter Gleichgültigkeit keine anderen Emotionen zu erkennen waren, reduzierte sich dieses Potenzial auf ganz passabel.

Sie hatte seinen Blick mehrere Mal auf sich gespürt, seit sie den Konferenzraum betreten hatte. Er beobachtete sie. Wortlos, die ersten Eindrücke speichernd, vermutlich ihre Fähigkeiten abschätzend, ihre Stärken abwägend, hellwach für jedes Anzeichen von Schwäche.

Ihr weiblicher Instinkt sagte ihr, dass sich seine Bewertung nicht allein darauf beschränkte, wie sie mit dieser Situation umzugehen vermochte. Er beurteilte auch ihre Figur, beobachtete jede ihrer Bewegungen. Es war eine unverblümte Einschätzung ihrer weiblichen Attribute, ohne dass er sich auch nur die geringste Mühe gab, sein Interesse zu verbergen. Intuitiv wusste sie, dass er ein Mann war, der wusste, was eine Frau brauchte – und es ihr auch geben konnte. Seine subtile Arroganz war gleichermaßen beleidigend wie reizvoll.

Sie wollte schlucken, doch ihr Mund war trocken. Darum bemüht, nicht zu zeigen, dass dieser Mann sie nicht kaltließ, schlug sie die Beine übereinander, warf das Haar zurück und richtete ihren Blick auf die alte Pendeluhr an der Wand. Doch trotz ihrer Entschlossenheit, ihn zu ignorieren, konnte sie die Hitze nicht leugnen, die sich in ihrem Körper ausbreitete, ihre Sinne entflammte und das ungewollte Verlangen tief in ihr anheizte.

Sie nahm einen Stift und kritzelte wild auf dem geöffneten Notizblock herum. Sie reagierte wie ein verliebter Teenager. Wie konnte sie auch nur irgendetwas für diesen Mann empfinden? Er war dabei, Vergangenes unwiederbringlich zu zerstören, indem er die kostbaren Überbleibsel vergangener Epochen abriss und sie durch kalte Glas- und Stahlkonstruktionen ersetzte. Und dieser Mann wollte nun ihre Ranch. Und so wunderte und ärgerte sie sich über die verräterische Reaktion ihres Körpers.

Sie würde sich von ihm und seinem Anwalt nicht einschüchtern oder zu irgendetwas verleiten lassen. Allein der Grund, aus dem die beiden Männer ihr gegenübersaßen, sollte ihr den Gedanken verbieten, dass Alec Morreston jemand sein könnte, den sie gern näher kennenlernen würde.

„Ich schlage vor, wir fangen an“, sagte Ben Rucker, ihr Anwalt und ein langjähriger Freund der Familie. Er schaltete den kleinen Rekorder ein, der zwischen Papieren, Notizblöcken und amtlichen Dokumenten auf dem polierten Konferenztisch stand.

„Heute ist der sechsundzwanzigste April. Zweck des Treffens ist, die Frage des Pachtverhältnisses der Ranch zu klären, die gegenwärtig von Shea Hardin bewohnt und bewirtschaftet wird. Anwesend sind Alec Morreston, Eigentümer des Anwesens, sein Anwalt Thomas Long, Shea Hardin und ich, Ben Rucker, Rechtsbeistand von Miss Hardin.“

Shea lächelte Ben an. In seinen müden, aber klugen Augen spiegelte sich seine Sorge um die Situation wider. Fast vierzig Jahre hatte er als Anwalt praktiziert, und sie hatte vollstes Vertrauen in seine Fähigkeiten, genau wie schon ihr Vater vor ihr.

„Zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts erwarb William Alec Morreston fünftausendeinhundertzwanzig Morgen Land entlang der Westgrenze bis zum heutigen National Forest and Grasland-Schutzgebiet/Reservat in Calico County, Texas. Später in diesem Jahr übertrug er das gesamte Land der Witwe Mary Josephine Hardin. Seitdem leben die Nachkommen von Mary Hardin auf dem Land, der heutigen Bar H Ranch.“

Ben setzte seine Brille auf und nahm die Originalurkunde zur Hand.

„Diese Übertragung wurde auf eine Art gehandhabt, die vergleichbar ist mit dem, was wir heute Pacht nennen.“ Er blickte über seinen Brillenrand hinweg. „Jeder von Ihnen hat eine Kopie der Originalurkunde, ist das richtig?“ Als alle nickten, fuhr er fort. „Sie werden feststellen, dass die Dauer neunundneunzig Jahre beträgt, mit der Option auf Verlängerung.“

Er hielt kurz inne. „Der erste Pachtvertrag wurde von Sheas Urgroßvater Cyrus Hardin verlängert. Der zweite, zurzeit gültige, läuft Ende des Monats aus – in fünf Tagen, genauer gesagt. Miss Hardin möchte die Pacht verlängern. Mr. Morreston hat Eigenbedarf angemeldet. Das ist jedoch nur dann möglich, wenn Miss Hardin bis Ende des Monats nicht alle nötigen Anforderungen zur Verlängerung erfüllt.“

Shea sah zu Alec Morreston und spürte erneut die volle Wucht seines intensiven Blickes. Eine gewaltige Energie strahlte von ihm aus, deren geballte Kraft auf sie gerichtet war. Sie schluckte und sah weg, wobei sie das steigende Tempo ihres Pulsschlags bestmöglich ignorierte.

„Wir haben das Haus und die Nebengebäude nicht begutachtet“, teilte Mr. Long ohne Vorrede mit. „Aber alles scheint in einem zufriedenstellenden Zustand zu sein. Wir räumen ein, alle Anforderungen an den Zustand des Anwesens sind erfüllt.“

Shea schloss erleichtert die Augen. Sie streckte die Hand nach Ben aus, drückte angesichts der ehrlichen Einschätzung froh seinen Arm und schaffte es sogar, ein dankbares Lächeln in Alecs Richtung zu schicken. Er neigte zögernd den Kopf, als wollte er sagen: „Gern geschehen.“ Doch sie kam nicht umhin, seine hochgezogenen Augenbrauen zu bemerken und den Anflug eines Grinsens, fast, als wüsste er etwas, das ihr nicht bekannt war.

Shea richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf Ben. Er lächelte nicht und schien auch ihre Erleichterung nicht zu teilen. Niemand stellte den Rekorder aus. Niemand stand auf. Es war, als leuchtete in einem nach unten rasenden Fahrstuhl die stumme Warnung auf, dass die Bremsen nicht funktionieren.

„Zusätzlich zu dem Zustand des Anwesens“, sagte Ben, immer noch ihrem Blick ausweichend, „hielten die Vorfahren von Mrs. Hardin und Mr. Morreston es für notwendig, eine, wie ich sagen würde, sehr persönliche Klausel hinzuzufügen.“

„Persönliche Klausel?“ Mit finsterem Gesicht blätterte Shea durch ihre Kopie des alten, handgeschriebenen Dokuments.

„Auf Seite vier, im letzten Drittel.“ Ben setzte die Brille ab und legte das Papier auf den Tisch, als würde er die Worte auswendig kennen. Seine Stimme war ruhig, sein Verhalten ungewöhnlich sanftmütig. „Es heißt dort, wenn die Verlängerung des Pachtvertrages einer Frau obliegt, sie spätestens an dem Tag, an dem der alte Vertrag ausläuft, verheiratet sein muss.“

Shea riss den Kopf hoch, starrte Ben ins Gesicht.

„Was?“ Ihr fiel die Kinnlade hinunter. Sie runzelte die Stirn, verstand nicht oder wollte nicht glauben, was sie da gerade gehört hatte.

„Weiter heißt es …“ Ben setzte wieder die Brille mit den dicken Gläsern auf und hob das Kinn, damit er durch den unteren Teil seiner bifokalen Brille sehen konnte. „Wenn die Pächterin keinen Ehemann oder Verlobten hat, dann wird der älteste unverheiratete Nachkomme der Morrestons mit ihr in der Ehe verbunden werden, vor dem Gesetz und vor Gott. Sie sollen für ein Jahr als Mann und Frau leben, damit sie vor allen Gefahren geschützt ist, Hilfe bei der Arbeit auf der Ranch hat und sichergestellt ist, dass sie eine gerechte und gleichwertige Behandlung erfährt.“

Er legte eine kurze Pause ein. „Wenn einer der Beteiligten diese Bedingung nicht erfüllt, dann fällt das Anwesen an den anderen. Wenn die Beteiligten heiraten, dann kann die Ehe nach einem Jahr beendet werden, und das Land geht an die Familie Hardin für weitere neunundneunzig Jahre.“

Er setzte sich zurück und warf das Dokument auf den Tisch. Ein drückendes Schweigen breitete sich in dem kleinen Raum aus.

„Wenn Sie mich fragen, Shea“, sagte Ben nach einer Weile, „dann standen sich die Familien sehr nah, und das war ihre Art, die Frau zu schützen, die möglicherweise Single und Haushaltsvorstand ist, wenn die Pacht ausläuft. Wie Sie wissen, war es damals eine Männerwelt, und eine Frau, die auf sich allein gestellt war, hatte keine Chance. Dieses eine Jahr Ehe sollte vermutlich sicherstellen, dass sie volle Unterstützung auf der Ranch bekam. Wenn einer der Partner nach Ablauf eines Jahres nicht verheiratet bleiben wollte, dann musste er es auch nicht.“ Er sah Alec Morreston aus zusammengekniffenen Augen an. „Die Klausel sollte wohl die weiblichen Mitglieder der Hardin-Familie vor Gaunern schützen, die versuchen könnten, sie auszunutzen.“

Die einzige Reaktion von Alec Morreston war, dass sich die feinen Linien um seine Augen vertieften, ein stummer Hinweis darauf, dass ihn Bens Einschätzung amüsierte.

„Aber …“ Shea beugte sich vor, stützte sich mit den Ellbogen auf dem Tisch ab und rieb ihre Schläfen. „Sie wollen mir sagen, dass die Pacht nicht verlängert werden kann, weil ich unverheiratet bin?“

„Mit Verlaub“, warf Thomas Long ein. „Einfach ausgedrückt bedeutet es, dass Sie, um die Pacht zu verlängern, entweder verheiratet sein müssen, oder Sie stimmen zu, Alec innerhalb der nächsten fünf Tage zu heiraten und mindestens ein Jahr mit ihm verheiratet zu bleiben. Wenn Sie nicht zustimmen, ist der Vertrag annulliert. Wenn Sie zustimmen, aber Alec nicht, dann wird der Pachtvertrag verlängert.“

Einen Moment lang war sie sprachlos. Ihr Blick blieb starr auf Mr. Long geheftet, während ihr Verstand versuchte, die Bedeutung seiner Worte zu verstehen. Sie war entsetzt.

„Das muss ein Witz sein. Ein schlechter Scherz. Absolut vorsintflutlich.“ Vergeblich versuchte sie, ruhig zu bleiben. „Das ist nicht legal.“ Sie sah zu Ben, der ganz still geworden war und nervös mit seinem Stift auf den Tisch klopfte. „Oder?“

Ben zögerte kurz, als suchte er nach den richtigen Worten für seine Antwort. „Soweit ich herausgefunden habe, konnte der Eigentümer jede gewünschte Klausel, jede Maßgabe oder Einschränkung in dem Pachtvertrag festlegen, solange sie nicht gegen das damals geltende Gesetz verstieß. Durch die Zustimmung des Pächters wurde die Vereinbarung bindend. Zu der Frage, ob sie bei heutiger Gesetzeslage noch bindend ist, so kann es sein, dass das nicht der Fall ist.“

Hoffnung flackerte in ihr auf.

„Das Problem ist, wenn wir beantragen, dass die Klausel gestrichen wird, dann könnte das Gericht den gesamten Vertrag für null und nichtig erklären. In dem Fall wäre Mr. Morreston nicht verpflichtet, den Pachtvertrag zu verlängern. Und selbst wenn das Gericht die Klausel nicht für gesetzeswidrig befinden würde, so wäre bis zur Entscheidung die Frist auf jeden Fall abgelaufen. Ganz egal also …“ Ben machte eine kleine Geste mit den Händen, die die Hoffnungslosigkeit der Situation anzeigte.

Sie setzte sich zurück und starrte aus dem Fenster. Wie konnte ein so herrlicher Frühlingsmorgen plötzlich so dunkel und hässlich sein? Sie richtete ihren Blick auf Alec Morreston.

„Sie wussten davon, nicht wahr?“

„Ja“, erwiderte er mit tiefer, rauer Stimme. „Thomas ist über die Klausel gestolpert und hat mich darüber in Kenntnis gesetzt. Vielleicht möchten Sie Ihren Anwalt fragen, warum er es nicht für angebracht gehalten hat, Sie zu informieren. Da er wusste, dass Sie unverheiratet sind, hätte es uns viel Zeit ersparen können.“

Ihr Blick wanderte zu Ben, der mit den Schultern zuckte und den Kopf schüttelte. „Tut mir leid, meine Liebe. Ich dachte, Mr. Morreston würde diese haarsträubende Klausel als das sehen, was sie ist. Ich bin nicht auf die Idee gekommen, dass er sie zu seinem Vorteil nutzen könnte, um das Land zu bekommen.“

„Ich glaube es nicht“, murmelte sie. „Ich glaube es einfach nicht. Versuchen Sie gerade, mir zu sagen, dass ich diesen … diesen Irrsinn ernst nehmen muss? Dass ich mein Zuhause, meine Ranch, alles, wofür mein Vater und mein Großvater gearbeitet haben, verlieren werde, weil ich nicht verheiratet bin und ihn nicht heiraten werde?“

Der Ton in ihrer Stimme beschrieb „ihn“ als etwas Widerwärtiges und Niederträchtiges – was im Moment haargenau stimmte. Trotz seiner erotischen Ausstrahlung sagte ihr der Verstand, dass Alec Morreston nichts weiter als ein gefühlloser Opportunist war. Und was diesen … Pachtvertrag … betraf, wie konnte sich jemand, der bei Verstand war, solch eine Klausel ausdenken?

„Sie werden für Ihren Verlust entschädigt, Miss Hardin.“ Alec ignorierte bewusst ihren Ausbruch. Seine beherrschte Stimme durchbrach das Schweigen, das sich vorübergehend über den kleinen Raum gelegt hatte. „Ich bin bereit, Sie für die Gebäude einschließlich des Wohnhauses zu entschädigen und Ihnen das Einkommen eines Jahres zu erstatten. Und natürlich gehört Ihnen der Erlös aus dem Verkauf des Viehbestands und der Gerätschaft, vorausgesetzt, Sie wollen verkaufen und nicht woanders weitermachen.“

Shea starrte ihn wortlos an. Diesen Mann mit dem Teufel zu vergleichen, war viel zu freundlich gewesen.

„Außerdem“, fuhr Morreston fort, „bin ich bereit, Ihnen hinreichend Zeit zu geben, ein neues Zuhause zu finden. Uns ist bewusst, dass der Standortwechsel länger als die standardmäßigen sechzig Tage dauern wird.“

„Das ist ein äußerst großzügiges Angebot, Miss Hardin.“ Thomas Long sah sich offensichtlich gezwungen, dies extra zu betonen.

Shea ignorierte den Anwalt und richtete ihr Augenmerk direkt auf die Quelle dieses Irrsinns, auf den Teufel in Menschengestalt. Er saß lässig zurückgelehnt, wirkte entspannt und völlig desinteressiert an dem, was für sie das Ende ihres bisherigen Lebens bedeutete. Ihre Grundprinzipien, ihre Erziehung, ihre Träume, der Stolz auf ihre Familie – alles war Teil dieser Ranch. Ein Leben außerhalb der Ranch konnte sie sich nicht vorstellen.

„Warum tun Sie das?“ Ihre Stimme klang fest, doch ihr Herz hämmerte wie verrückt, und ihr Magen war kurz davor, zu rebellieren.

„Nehmen Sie es nicht persönlich, Miss Hardin.“ Alec neigte den Kopf und ließ seinen Blick über ihr Gesicht wandern. „Es ist rein geschäftlich.“

„Ach wirklich? So nennen Sie das? Das Leben eines Menschen zu zerstören, ist ‚rein geschäftlich‘?“ Erstaunt schüttelte sie den Kopf. „Sie scheinen zu glauben, dass Ihnen dieser Deal ein Vermögen einbringt.“

„Die Möglichkeit besteht“, räumte er ein und zuckte mit seinen breiten Schultern.

„Ich bin neugierig. Was soll es werden? Eine Touristenranch für Ihre Freunde aus der Stadt? Oder billige Wohnungen, die in zehn Jahren auseinanderfallen?“

„Ich glaube nicht, dass Alecs Pläne hier zur Debatte stehen …“

„Es ist gutes Land in bester Lage“, unterbrach Alec seinen Anwalt. „Und die Zeit für Bebauung ist gekommen.“ Er sah sie unverwandt an, sein Tonfall war hart und emotionslos.

„Sie könnten die Klausel übergehen und den Pachtvertrag verlängern.“

„Könnte ich“, räumte er ein. „Werde ich aber nicht.“

Wortlos betrachtete sie seine harten Gesichtszüge.

„Dann gibt es also nichts mehr zu sagen, oder?“ Sie stand auf, sammelte ihre Unterlagen zusammen und steckte sie in eine Mappe. Sie würde vor keinem Mann zu Kreuze kriechen, vor allem nicht vor einem arroganten Fremden aus New York, zumal sie wusste, dass es nichts nützen würde. Ihre Hände zitterten, doch sie wehrte sich dagegen, vor diesem herablassenden Fremden Schwäche zu zeigen.

„Ben.“ Sie presste die Lippen aufeinander, um das Beben zu verbergen. „Wir bleiben in Verbindung wegen der nächsten Schritte.“

Ihr Anwalt nickte, sie lächelte verkrampft und verließ den Raum. Irgendwie schaffte sie es, die Tür nicht hinter sich zuzuknallen. Erst als sie auf dem Bürgersteig stand, ließ sie ihrem Frust und ihrer Wut freien Lauf und hielt die Tränen nicht länger zurück. Vor sieben Monaten hatte sie ihren Vater begraben. Und jetzt hatte sie soeben erfahren, dass sie ihr Zuhause verlieren würde.

Shea verdrängte die aufkommende Panik. Die Ranch war ihr Zufluchtsort, ihre Sicherheit. Ihre Vergangenheit und ihre Zukunft. Ihr Vater hatte sie ihr anvertraut, und sie hatte ihm kurz vor seinem Tod versprochen, dass seine Arbeit – und die Arbeit der Hardins davor – nicht umsonst gewesen war.

Sie war die einzige Nachfahrin, die das Erbe der Hardins in die Zukunft führen konnte. Zweihundert Jahre Kampf und Aufopferung, zweihundert Jahre unerschütterliche Stärke, Mut und Entschlossenheit seitens ihrer Vorfahren für ein besseres Leben. Und plötzlich lastete die Zukunft schwer auf ihren Schultern.

Sie schlüpfte hinters Lenkrad ihres alten Chevy Pick-ups und versuchte, sich einzelne Elemente der Diskussion in Erinnerung zu rufen. Zwar hatte Ben das Meeting geleitet, doch Alec Morreston hatte die gesamte Darbietung geschickt inszeniert. Bis zu ihrem Abgang. Das bewusste Herunterspielen einiger Punkte des Vertrages, der starke Fokus auf andere. Er war gut. Das musste sie ihm zugestehen.

Es gab aber eine Sache, die Morreston garantiert nicht in Betracht gezogen hatte. Ihr Vater hatte immer gesagt, dass sie eine sture, eigensinnige Frau war, die nicht wusste, wann sie ihre Niederlage eingestehen musste. Auch jetzt würde sie sich nicht von diesem arroganten, geldgierigen Mistkerl geschlagen geben.

Vielleicht verlor sie ihr Zuhause. Vielleicht aber auch nicht.

Ben hatte gesagt, dass sie verheiratet sein musste, bevor der Vertrag auslief. Er hatte nicht gesagt, dass sie mit Alec Morreston verheiratet sein musste, so wie dessen Anwalt impliziert hatte. Irgendwo da draußen gab es sicherlich einen Mann, der zustimmen würde, sie auf rein geschäftlicher Basis für ein Jahr zu heiraten. Sie würde ihn finden.

Entschlossen straffte sie die Schultern und ließ den Wagen an. Es gab viel zu tun und nur wenig Zeit.

Alec und Thomas sammelten ihre Unterlagen zusammen. Miss Hardins abrupter Aufbruch hatte jeglichen Bedarf an einer weiteren Diskussion beendet.

Alec musste zugeben, dass er von Shea Hardin beeindruckt war. Sie war ganz anders als erwartet. Obwohl erst Mitte zwanzig, zeigte sie mehr Reife als viele Ältere. Dieses Gespräch musste niederschmetternd für sie gewesen sein, trotzdem hatte sie weder geschrien noch geweint oder sonst eine Szene gemacht, wie andere in ihrer Situation es getan hätten. Sie war bestürzt gewesen, das war verständlich. Die ruhigen Abschiedsworte zu ihrem Anwalt wiesen darauf hin, dass sie die Situation und alles, was jetzt kommen würde, akzeptierte.

Aber hatte sie wirklich aufgegeben? Sein geschäftlicher Erfolg lag zum großen Teil daran, dass er seinem Bauchgefühl folgte. Er war jetzt sechsunddreißig, und sein Instinkt hatte ihn nur selten getäuscht. Und jetzt sagte ihm sein Bauchgefühl, dass Shea Hardin sich nicht geschlagen gab.

Von den Spitzen ihres seidig schimmernden blonden Haars bis zu den langen, schlanken Beinen in verführerisch engen Jeans bedeutete diese Frau Ärger. Fügte man dann noch die zarten, fast engelsgleichen Gesichtszüge und die großen, unschuldig blickenden blauen Augen hinzu, hatte man alles, was man für ein Riesenproblem brauchte. Shea Hardin würde ohne Mühe einen tumben, törichten Mann finden, der sie für ein Jahr heiratete. Sie hatte fünf Tage Zeit. Und wenn sie Erfolg hatte, dann konnte er sich sein Projekt abschminken.

Alec bedauerte tatsächlich ein wenig, die junge Frau auf diese Art aus ihrem Zuhause vertreiben zu müssen. Er hatte sogar schon einen Anflug von Reue verspürt, noch bevor ihr Anwalt sie über die Aussichtslosigkeit ihrer Situation informiert hatte.

Er steckte die Dokumente in seine Aktentasche. Reue war allerdings nicht das Einzige, was er empfunden hatte. Sein Körper hatte ungewöhnlich schnell und intensiv auf Shea Hardin reagiert. Er ahnte, dass Sex mit ihr heiß und wild und aufregend sein würde. Und die Vorstellung, dass sie einen anderen Mann heiratete und mit ihm im Bett lag, versetzte ihm merkwürdigerweise einen Stich. Er schüttelte den Kopf, dieser Gedanke war doch völlig abstrus. Unter den gegebenen Umständen wäre er der Letzte, den sie jemals an sich heranlassen würde.

Ihm ging durch den Kopf, dass er sie suchen und sich bei ihr entschuldigen sollte, dafür, dass er das Land für sich beanspruchte und … und was?

Er würde sein Projekt niemals aufgeben. Er hatte schon zu viel Zeit und Geld investiert. Was also würde er mit einer Entschuldigung erreichen? Nichts. Shea verlor ihr Zuhause, und keine Entschuldigung konnte daran etwas ändern.

Auf dem Weg zum Parkplatz spürte Alec jedoch, dass irgendetwas an ihm nagte. Verdammt! Er wurde den Gedanken nicht los, dass es falsch war, jetzt schon abzureisen. Lag es an der Sorge um das Projekt? Oder widerstrebte es ihm, sich von Shea Hardin zu entfernen? Er hatte keine Ahnung, was es war.

„Thomas“, sagte er, als sie den Wagen erreichten. „Sie fliegen allein nach Boston zurück. Vereinbaren Sie bitte für morgen ein Treffen mit Rolston und bringen Sie die Pläne für sein neues Hotel zum Abschluss. Sie wissen, was wir brauchen. Lassen Sie die Verträge unterzeichnen. Wir sehen uns in ein paar Tagen in New York.“

„Sie bleiben hier?“ Überrascht zog Thomas die Augenbrauen hoch. „Glauben Sie wirklich, dass das nötig ist?“

„Ja. Ich habe das Gefühl, dass Miss Hardin nicht so schnell aufgeben wird.“

„Okay. Halten Sie mich auf dem Laufenden.“ Thomas öffnete die Wagentür und warf sein Jackett hinein. „Alec, jetzt haben Sie bloß kein schlechtes Gewissen wegen dieser Frau. Sie haben ihr viel Geld angeboten, was Sie nicht hätten tun müssen, und Sie haben ihr nahezu alle Zeit der Welt für den Umzug gelassen. Mann, es ist Ihr Land.“

„Ich bin ganz Ihrer Meinung. Ich bleibe nur ein paar Tage. Heute Abend rufe ich an und erkundige mich nach Scotty. Mom wollte heute mit ihm in den Zoo gehen.“

„Ihre Mutter passt auf Ihren Sohn auf?“

Alec nickte. „Miss Bishop hat gekündigt. Und ihre Vertretung war nach zwei Wochen schon ganz fertig.“ Alec zuckte mit den Schultern. „Mutter hat angeboten, auf ihn aufzupassen. Ich habe sie kurz vor unserer Abreise von Saint Petersburg einfliegen lassen.“

Thomas lachte. „Der Junge kann einen ganz schön auf Trab halten.“

Alec lächelte. „Wem sagen Sie das?“

Kurz darauf machte Alec sich in einem Mietwagen auf den Weg Richtung Norden. Eigentlich sollte er nach Boston oder zurück nach New York unterwegs sein. Stattdessen steckte er in einem Ort im Norden von Texas, in dem es Kojoten und Cowboys gab, Schlägereien, schmutzige Straßen und Autos mit Aufklebern, die den Aufstieg des Südens verkündeten. Er gehörte nicht hierher. Er wollte nicht hier sein. Doch er musste seinen Anspruch auf das Land sichern. Wenn es bei der Verlesung des Testaments seines Großvaters nicht erwähnt worden wäre, dann hätte er überhaupt nicht gewusst, dass es existiert. Jetzt aber würde er es sich nicht durch die Lappen gehen lassen.

„Danke, dass du gekommen bist, Leona.“ Shea stieß die Fliegentür auf und hieß ihre Nachbarin willkommen. „Ich brauche wirklich deine Hilfe.“

Drei Tage waren seit dem Treffen in Bens Büro vergangen, und Shea hatte noch immer keinen Plan, wie sie die Ranch retten konnte.

„Alles okay mit dir?“ Leona betrachtete Shea eingehend. „Du hast am Telefon schrecklich geklungen. Ich habe richtig Angst bekommen. Dachte, du wärst wieder von diesem verdammten Hengst getreten worden.“

„Mit mir ist alles in Ordnung.“ Shea lächelte die ältere Frau an. „Zumindest körperlich. Komm rein, ich hole uns ein Glas Tee.“

Leona Finch war wie eine Mutter für Shea, seit ihre leibliche gestorben war, als Shea gerade fünf Jahre alt war. Sie liebte Leona sehr. Sie war Mitte sechzig, ihr sonnengebräuntes Gesicht zeigte deutliche Spuren eines arbeitsreichen Lebens auf einer Farm. Ihre Ausdrucksweise war ein bisschen derb, aber sie war verständnisvoll, einfühlsam und trotz ihrer bescheidenen Bildung sehr weise.

„Wenn du nicht verletzt bist, was ist dann los?“ Leona ging in die Küche, zog einen Stuhl hervor und setzte sich an den Tisch, während Shea Eiswürfel in zwei Gläser gab.

Sie schenkte Tee ein und fügte einen Zweig Minze hinzu. Dann stellte sie die Gläser auf den Tisch und setzte sich Leona gegenüber.

„Ich habe … ich habe ein Problem“, begann sie. „Ein großes.“

„Lass hören.“ Leona trank einen Schluck und lehnte sich zurück. „Es gibt kein Problem, das nicht gelöst werden kann. Du sagst mir, was dich so aufregt, und dann überlegen wir gemeinsam, was wir dagegen tun können.“

„Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Vor drei Tagen wurde ich zu einem Meeting in Bens Büro gerufen. Es ist alles so bizarr …“ Sie verstummte und sah ihrer Freundin ins Gesicht.

„Ich brauche einen Ehemann“, stieß Shea schließlich hervor. „Und ich habe nur noch zwei Tage Zeit, einen zu finden.“

2. KAPITEL

„Du brauchst was?“ Leona suchte in Sheas Gesicht nach Anzeichen dafür, dass es sich um einen Witz handelte.

„Wenn ich bis Ende des Monats nicht verheiratet bin, dann verliere ich die Ranch.“

„Sagt wer?“

Shea erzählte, was sich in Ben Ruckers Büro vor drei Tagen zugetragen hatte.

„Ich habe nicht die Absicht, alles, was ich liebe und wofür Dad so hart gearbeitet hat, kampflos aufzugeben. Ich habe die letzten drei Tage am Telefon verbracht und versucht, einige meiner Freunde aus der Schulzeit ausfindig zu machen. Die, die ich gefunden habe, sind verheiratet oder zumindest liiert.“

Es hatte zwei große Lieben in ihrem Leben gegeben. Die erste an der Highschool, aber der Mann war mittlerweile verheiratet und hatte zwei Kinder. Die zweite am College. David Rollins. Eine Zeit lang waren sie unzertrennlich gewesen, hatten sogar von Hochzeit gesprochen. Doch irgendwann hatten sie festgestellt, dass sie verschiedene Dinge im Leben wollten. In Davids Pläne passte kein Leben auf einer Ranch im Norden von Texas. Und sie hatte sich nicht vorstellen können, irgendwo anders zu leben. Verzweifelt hatte sie versucht, David zu erreichen. Ohne Erfolg. Einige von ihren Freunden hatten gehört, dass er wieder im Osten lebte, aber niemand wusste, wo genau. Einige hatten angeboten, nach ihm zu suchen, doch bisher hatte er sich nicht gemeldet.

„Ich habe eine Liste mit ein paar möglichen Kandidaten erstellt …“ Sie schüttelte frustriert den Kopf, als sie Leona den Block zuschob. „… aber es ist lange her.“

„Du denkst nicht im Ernst darüber nach, irgendeinen Mann zu bitten, dich zu heiraten.“ Es war eher eine Feststellung als eine Frage.

Sie zuckte mit den Schultern. „Habe ich eine andere Wahl?“

„Hast du überhaupt eine Ahnung, worauf du dich einlassen willst?“

„Es ist ein geschäftliches Abkommen, rein platonisch.“

„Ja, sicher“, murmelte Leona und rieb sich das Gesicht. „Allmächtiger Gott. Das ist die verrückteste Situation, von der ich je gehört habe.“

Leona ging die Namen auf der Liste durch. „Tommy Hall. Ist das der Sohn von John und Grace?“

„Ja.“

„Er hat vor zwei Wochen geheiratet. Einer unserer Arbeiter war sein Trauzeuge.“ Leona strich den Namen durch.

„Duncan Adams. Er trinkt. Viel. Cecil Taylor? Ich habe gehört, dass er drüben in Bossier City mit Pferden mehr verliert als gewinnt. Du kannst ihn von der Liste streichen, es sei denn, du willst seine Spielsucht finanzieren.“

Leona strich einen Namen nach dem anderen durch, bis schließlich nur noch einer von vierzehn übrig blieb. Tim Schultz.

„Wie wär’s mit ihm?“, fragte Shea, wobei sie versuchte, nicht allzu verzweifelt zu klingen.

„Vielleicht. Ist sein Vater nicht Prediger in der kleinen Kirche östlich der Stadt? Ich habe noch nie etwas Negatives über ihn gehört. Ziemlich ruhig. Etwa in deinem Alter, richtig?“

„Ja“, bestätigte Shea. „Seine Familie ist erst vor ein paar Jahren in diese Gegend gezogen, aber ich hatte am College ein paar Vorlesungen mit ihm. Er ist ganz nett.“

„Und wie willst du ihm deinen Plan beibringen? Willst du einfach zu ihm gehen und sagen: ‚Hallo. Willst du mich heiraten und ein Jahr mein Mann sein? Ach, übrigens, es ist rein geschäftlich, und du musst die Finger von mir lassen.‘ Ich würde zu gern Mäuschen spielen, wenn du ihm das sagst.“

„Natürlich würde ich ihm die Umstände erklären.“

„Mädchen, gebrauch deinen Verstand. Wenn du vielleicht noch einmal mit diesem Morreston sprichst …“

„Nein.“ Shea setzte sich zurück und verschränkte die Arme. Alec Morreston. Schon bei der Erwähnung seines Namens stieg ihr die Röte ins Gesicht. Das begierige Blitzen in seinen Augen war ihr noch lebhaft in Erinnerung. Und auch seine totale Gleichgültigkeit dem Chaos gegenüber, das er in ihrem Leben anrichtete.

Resolut schüttelte sie den Kopf. „Ich sage dir, es hätte keinen Sinn. Er ist Bauunternehmer. Er wohnt in New York, vermutlich in einem eleganten Penthouse. Das Land interessiert ihn nicht. Ihn interessiert nur, wie er noch mehr Geld machen kann. Vermutlich hat er sich noch nie im Leben die Hände dreckig gemacht.“

„Was, wenn du den Spieß einfach umdrehst?“, fragte Leona und trank noch einen Schluck Tee.

Shea runzelte die Stirn. „Wie meinst du das?“

„Nun, Ben hat doch gesagt, dass Morreston dich gemäß Vertrag heiraten muss, wenn du Ende des Monats noch Single bist. Wenn er das nicht will, muss er der Vertragsverlängerung zustimmen. Richtig?“

Shea nickte. Sie hatte plötzlich Angst, wohin das Ganze führte.

„Also sag ihm, dass du ihn heiraten willst.“

Entsetzt riss Shea den Mund auf.

„Soll er doch das Problem lösen“, überlegte Leona. „Denk darüber nach. Er ist ein Stadtmensch. Er wird dich nicht heiraten und auf der Ranch leben wollen. Er glaubt, dass er dich dazu gebracht hat, genau das zu tun, was du gerade tust: Du siehst ihn nicht als Lösung deines Problems.“

Shea schüttelte den Kopf. „Auf keinen Fall, Leona.“ Die Idee war mehr als absurd. „Ganz bestimmt nicht.“ Sie hatte noch achtundvierzig Stunden Zeit.

„Ich wünschte, dein Vater würde noch leben“, murmelte Leona.

„Ich auch, Leona“, flüsterte Shea, als sie aufstand und ans Telefon ging, um Tim Schultz anzurufen. „Ich auch.“

Shea trank einen Schluck von dem eisgekühlten Wasser und versuchte, ruhig zu bleiben. Bis Mitternacht musste sie verheiratet sein. Tim hatte heute Morgen endlich ihren Anruf erwidert. Da er offensichtlich die Dringlichkeit spürte, hatte er zugestimmt, sie um ein Uhr im Barstall’s City Diner zu treffen. Er verspätete sich.

Was sollte sie sagen? Wie würde er reagieren? Würde er lachen? Würde er aufstehen und gehen? Oder würde er ihrem Plan zustimmen?

Bevor Leona gestern ging, hatte sie Shea noch einmal ermutigt, es darauf ankommen zu lassen und Morreston anzurufen. Doch Shea hielt daran fest, dass nichts auf der Welt sie dazu bringen konnte, darüber auch nur nachzudenken. Die arme Frau, die diesen Mann einmal heiratete.

Instinktiv wusste sie, dass Alec Morreston fordernd sein würde, im Bett und auch außerhalb. Selbst unter anderen Umständen würde eine kurze Affäre mit einem Mann wie Morreston mehr von ihr abverlangen, als sie geben konnte. Sie vermutete, dass eine solche Liaison zu einer emotionalen Achterbahnfahrt würde, und das war das Letzte, was sie in ihrem Leben gebrauchen konnte.

Aber es war müßig, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Morreston war lange weg. Ohne Zweifel ging er davon aus, dass sie ihr Zuhause verlassen und leise verschwinden würde. Nun, er konnte sich auf eine Überraschung gefasst machen.

„Hallo, Miss Hardin.“ Shea zuckte beim Klang der tiefen Stimme links neben sich zusammen. Sie riss den Kopf herum und wurde blass, als sie in die bernsteinfarbenen Augen von Alec Morreston blickte.

„Darf ich mich zu Ihnen setzen?“

Bevor sie antworten konnte, zog er schon einen Stuhl hervor und setzte sich. Er sah ihr ins Gesicht und amüsierte sich sichtlich über ihren bestürzten Blick.

„Was … was machen Sie hier?“, stammelte sie.

„Mittag essen“, erwiderte er treuherzig und als hätte er die wirkliche Bedeutung ihrer Frage nicht verstanden.

Shea starrte ihn an.

Alec zuckte mit den Schultern. „Ich habe beschlossen, ein paar Tage zu bleiben und mir die Gegend anzusehen. Dachte, es könnte … vorteilhaft … für die Entwicklung meines Projekts sein.“ Er antwortete, als würde er seine Worte sorgfältig auswählen. „Haben Sie schon bestellt?“

„Ob ich … nein.“ Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Ich bin verabredet.“ Sie blickte zum Eingang, nicht sicher, ob sie sich noch freuen würde, wenn Tim jetzt eintrat.

Alec betrachtete sie einen Moment schweigend. „Verstehe. Ich setze mich an einen anderen Tisch, sobald sie … oder er? … kommt.“

Wenn Shea vor Morrestons unerwartetem Eintreffen schon nervös war, dann war dieses Gefühl lächerlich schwach gewesen verglichen mit dem, was sie jetzt verspürte. Wie sollte sie Tim ihr Problem schildern, wenn Morreston in der Nähe war?

„Gebratenes Hähnchen klingt gut“, sagte er, als er die Speisenkarte las. „Was können Sie empfehlen?“

„Sie wollen doch nicht wirklich eine Antwort von mir.“

Er sah sie über den Rand der Karte hinweg vermeintlich überrascht an. Doch die winzigen Linien um seine Augen verrieten ihr, dass er ihre Bemerkung amüsant fand.

Bevor sie aber über das neueste Kapitel in diesem nicht enden wollenden Albtraum nachdenken konnte, hörte sie eine andere Stimme.

„Entschuldigung. Shea?“ Tim Schultz lächelte sie an. „Tut mir leid, dass ich mich verspätet habe.“

„Tim!“ Sie lächelte nervös. „Ist schon okay.“

Sie blickte zu Morreston und hielt an der irrealen Hoffnung fest, dass er still und leise verschwinden würde. Offenbar sollte das nicht der Fall sein, und so verlangte es die Höflichkeit, dass sie die beiden Männer miteinander bekannt machte.

„Tim, das ist Alec Morreston … Tim Schultz.“

Alec stand auf, und die beiden Männer gaben sich die Hand. Fast einen Meter neunzig groß, überragte er den jüngeren Mann um einige Zentimeter. Die breiten Schultern und die schmale Taille wiesen auf einen muskulösen, athletischen Körper hin. Im Vergleich dazu wirkte Tim wie ein Hänfling. Sein rotblondes Haar und die helle Haut wirkten blass, fast krank gegenüber Morrestons dunklem Teint.

„Wenn Sie mich entschuldigen würden.“ Ein Grinsen umspielte Alecs wohlgeformte Lippen. „Ich bin sicher, Sie beide haben viel zu besprechen. Ich möchte nicht stören.“

„Bleiben Sie doch sitzen“, bot Tim an.

„Nein!“ Shea schrie fast. Beide Männer sahen sie an – der eine neugierig, der andere diabolisch grinsend.

„Danke, Tim“, sagte Alec, und Shea blieb fast das Herz stehen. „Aber ich glaube, Shea möchte unter vier Augen mit Ihnen sprechen. Vielleicht ein anderes Mal?“

Er weiß es. Er weiß genau, warum ich mich mit Tim Schultz treffe. Und offensichtlich fand er die Situation extrem komisch.

„Sie wussten, dass ich hier bin, oder?“ Es war kein Zufall, dass Alec Morreston genau in dem Moment aufkreuzte, in dem sie sich mit Tim traf, auch wenn es Lunchzeit war und dies das einzige vernünftige Restaurant in der Stadt. „Woher?“

„Ich glaube, sein Name ist Hank. Ihr Vorarbeiter? Er sagte, dass Sie möglicherweise hier zu Mittag essen.“

Alec entfernte sich mit einem Augenzwinkern von ihrem Tisch. Sie verbiss sich die wütende Antwort, die ihr auf der Zunge lag. Ignorier ihn, sagte sie sich. Sei einfach dankbar, dass du ihn los bist.

Aber bevor sie sich auch nur eine Sekunde freuen konnte, zog Morreston einen Stuhl am Nebentisch hervor. Dort würde er jedes Wort ihrer Unterhaltung mit Tim verstehen. Panik ergriff sie.

„Also“, sagte Tim und setzte sich auf den Stuhl, auf dem Alec zuvor gesessen hatte. „Wie geht es dir, Shea? Wir haben uns lange nicht gesehen … drei Jahre? Dein Anruf hat mich überrascht. Was gibt es?“

Sie rang sich ein Lächeln ab und griff nach ihrem Glas. Ihre Hand zitterte leicht, und etwas Wasser schwappte auf den Tisch. Auf der Suche nach den richtigen Worten schwankte ihr Blick von rechts nach links, und sie ertappte sich dabei, wie sie direkt in das spöttische Gesicht von Alec Morreston blickte.

„Shea?“

Sie hörte Tims Stimme, doch ihr Blick wurde festgehalten von bernsteinfarbenen Augen.

„Shea? Stimmt irgendetwas nicht?“

Wutentbrannt stürmte sie aus dem Restaurant. Am liebsten würde sie Alec Morreston umbringen.

Jedes Mal, wenn sie Tim den Grund ihres Treffens erklären wollte, hatte Morreston sich geräuspert oder dazwischengesprochen und Tim eine Frage gestellt oder einen dämlichen Kommentar abgegeben. Dazwischen hatte er sich arrogant lächelnd zurückgelehnt und sie nicht aus den Augen gelassen.

Und gerade als sie Tim bitten wollte, sie zu ihrem Wagen zu bringen, hatte Morreston seine Serviette zusammengefaltet, auf den Tisch gelegt und eine Unterhaltung mit ihm begonnen. Wenn sie jetzt aufgebrochen wären, wäre Morreston ihnen mit Sicherheit gefolgt. Also hatte sie Kopfschmerzen vorgeschoben, sich entschuldigt und Tim gefragt, ob sie ihn später anrufen dürfte.

Jetzt, auf dem Weg zum Wagen, steigerte sich ihre Angst. Ihre Zeit war fast abgelaufen. In ein paar Stunden würde sie ihr geliebtes Zuhause verlieren. Sie war kurz davor gewesen, sich mitten ins Restaurant zu stellen, laut ihr Problem zu erklären und zu fragen, ob es irgendjemanden gab, der sie jetzt sofort heiraten würde. Wenn ihr nicht ganz schnell etwas einfiel, dann würde es vielleicht noch so weit kommen.

Shea wollte gerade den Parkplatz verlassen, als die Tür des Restaurants geöffnet wurde und Morreston herauskam – mit Tim an seiner Seite. Schlagartig wusste sie, dass sie keine zweite Chance bekommen würde, mit Tim zu sprechen. Dafür würde Morreston sorgen. Er wusste genau, was sie plante, und er war entschlossen, es zu verhindern. In diesem Augenblick hatte der Teufel Hörner bekommen.

Gleichzeitig merkte sie, dass sie an die Grenze ihrer Geduld gestoßen war. Sie trat auf die Bremse und legte den Rückwärtsgang ein, ohne noch einmal darüber nachzudenken. Sie setzte den Wagen zurück und kam direkt vor den Männern zum Stehen.

Shea kurbelte das Fenster hinunter, ein falsches Lächeln im Gesicht. Alec beobachtete sie mit vorsichtigem Interesse.

„Tut mir leid, dass ich die Herren unterbreche. Aber, Alec …?“ Sie sprach ihn mit Vornamen an, implizierte damit eine Vertrautheit, die es nicht gab und die es auch nie geben würde, wenn es nach ihr ging. Sie sah ihn an wie die Unschuld vom Lande.

„Wissen Sie, ich habe über unser Treffen Anfang der Woche nachgedacht. Über das kleine Problem.“

Seine Aufmerksamkeit gehörte ihr.

„Ihr Anwalt hatte wohl recht, als er auf die Sorge Ihrer Familie hinwies, dass eine alleinstehende Frau unmöglich eine Ranch leiten kann … allein.“ Ihre Stimme triefte vor Sarkasmus. Ihr Tonfall war giftig.

Tim blickte von einem zum anderen, sichtlich überfordert, der Unterhaltung zu folgen.

„Da Mr. Long so freundlich war, meine Alternativen aufzuzählen und … nun, da Sie sich die Mühe gemacht haben, zu bleiben für den Fall, dass ich Sie brauche, und angesichts der Sorge und des Verständnisses, das Sie gezeigt haben, glaube ich, dass Sie absolut recht haben.“ Sie sah ihm direkt in die Augen. „Ich werde Sie heiraten, Alec. Wie könnte ich mich unter den gegebenen Umständen weigern?“

Nur Alec verstand die wahre Bedeutung ihrer Worte. Er kniff die Augen zusammen, und ihr falsches Lächeln wurde fast ein echtes, als sie die Verärgerung in seinem kantigen Gesicht aufflackern sah.

„Treffen wir uns in … sagen wir, einer Stunde in Ben Ruckers Büro? Ich bin sicher, er kann uns helfen, alle Fragen zu klären, die es vor der Zeremonie noch gibt.“

Bevor sie sich an Tim wandte, bemerkte sie zufrieden, dass Morreston das Grinsen endgültig vergangen war.

„Tim, tut mir leid, dass ich keine Chance hatte, im Restaurant mit dir darüber zu sprechen“, entschuldigte sie sich. „Aber der Grund, warum ich dich hierhergebeten hatte, war, dass ich dich bitten wollte, deinen Vater zu überreden, so kurzfristig die Trauung vorzunehmen. Tust du mir den Gefallen und sprichst mit ihm?“ Sie war selbst überrascht, wie schnell und überzeugend ihr die Lüge über die Lippen kam.

„Natürlich.“ Tim zuckte mit den Schultern. Wenn ihm die Unterhaltung rätselhaft erschien, dann verbarg er es gut. „Ich treffe ihn heute Nachmittag. Wann ist die Hochzeit? Und wo?“

„Heute Abend. Bei mir zu Hause.“ Sie sah zu Alec und bemerkte mit großer Genugtuung, dass er wütend war. „Ist acht Uhr in Ordnung?“, fragte sie.

Es dauerte, bis Alec antwortete. „Acht Uhr passt“, sagte er schließlich, seine Stimme knirschte wie Kies.

Sie legte den Gang ein und lächelte ihn an. Alec kniff die Augen zusammen. Eine stumme Kriegserklärung. Sie vermutete, dass ihr Triumph von kurzer Dauer sein würde, doch sie wollte ihn auskosten, solange er dauerte.

„Ich kann nicht zulassen, dass Sie das tun“, sagte Ben Rucker zum dritten Mal. „Stellen Sie sich vor, der Mann weigert sich nicht, Sie zu heiraten? Was dann?“

„Dann heiraten wir eben“, sagte sie bestimmt. „Um acht Uhr heute Abend. Keine Sorge, Ben, Sie sind eingeladen.“

„Das ist nicht lustig!“ Ben nahm die Brille ab und stand auf. „Um Gottes willen, tun Sie das nicht, Shea. Nehmen Sie das Geld, das er Ihnen angeboten hat, und kaufen Sie sich irgendwo ein Stück Land. Ich helfe Ihnen. Sie können …“

„Nein, Ben. Dies ist mein Zuhause, das Zuhause meiner Familie. Seit sechs Generationen. Ich kann nicht einfach zweihundert Jahre Erinnerungen einpacken und die Tür hinter mir schließen. Wenn Morreston dieses Land will, mein Land, dann wird er dafür kämpfen müssen.“

„Kann ich Sie nicht davon abbringen?“

„Nein, außer Alec Morreston verlängert den Pachtvertrag.“

„Wozu er nicht bereit ist“, erklang eine tiefe Stimme hinter ihr. Shea und Ben blickten sich um und sahen das Objekt ihrer Unterhaltung lässig in den Raum schlendern.

Er hatte Jackett und Krawatte abgelegt, sein offenes Hemd steckte in einer blauen Hose. Sie schmiegte sich um seine schmale Hüfte und deutete die muskulösen Schenkel an. Irgendwie schienen seine Schultern jetzt breiter als vor einer Stunde. Sein energisches Kinn verriet wilde Entschlossenheit.

„Tun Sie es nicht, Morreston“, flehte Ben.

„Ich habe nichts damit zu tun“, antwortete er, den Blick auf Shea gerichtet. „Miss Hardin hatte die Wahl, und offensichtlich hat sie sich für diese Alternative entschieden.“

„Sie haben ihr keine Wahl gelassen, das wissen Sie genau“, widersprach Ben. „Was für ein Mann sind Sie bloß, dass Sie sie so ausnutzen?“

Alec ignorierte geflissentlich die Frage. „Ich würde gern allein mit Miss Hardin sprechen.“ Unverwandt sah er sie an.

„Sie können alles, was gesagt werden muss, vor …“

„Nein, Ben. Es ist in Ordnung“, unterbrach Shea. Diesen Kampf musste sie allein ausfechten. Sie konnte sich nicht hinter ihrem Anwalt verstecken. „Sollen wir ins Nebenzimmer gehen, Mr. Morreston?“

Alec folgte ihr in das kleine Konferenzzimmer und schloss die Tür hinter ihnen. Einen Moment lang sahen sie sich wortlos an.

„Meinen Sie es wirklich ernst?“

„Ja“, antwortete sie, ohne zu zögern.

„Sie würden einen Fremden heiraten, um das Land zu behalten?“

„Ja.“

„Es gibt noch anderes Land.“

„Dann sollten Sie sich darum bemühen.“

Alec starrte sie an. „Wie viel wollen Sie?“, fragte er ruhig.

Hatte der Mann noch nie in seinem Leben etwas geliebt, das unbezahlbar war? Verstand er nicht, für welches Vermächtnis sie kämpfte?

„Zwei Millionen“, sagte sie flapsig. Als er ihre ungeheuerliche Forderung abnickte, war sie versucht, herauszufinden, wie viel er zu zahlen bereit war, doch die Vernunft hielt sie davon ab.

„Ich will Ihr Geld nicht, Mr. Morreston. Hier geht es nicht um Geld. Es geht um mein Zuhause. Mein Leben. Familiäre Werte und Tradition. Dinge, von denen Sie offensichtlich keine Ahnung haben.“

Er steckte die Hände in die Hosentaschen und ging an ihr vorbei zum Fenster. Lange blickte er wortlos hinaus. Aus den Augenwinkeln beobachtete sie, wie er sich den Nacken rieb. In seinem dunklen Haar fing sich das Licht, das durch das Fenster fiel. Als er sich zu ihr umdrehte, sah sie schnell weg.

„Es wird nicht funktionieren.“ Seine Stimme kratzte leicht, was sie unter anderen Umständen vermutlich extrem sinnlich gefunden hätte. „Selbst wenn ich zustimme, eine Ehe kann unter diesen Voraussetzungen kein Jahr halten. Irgendwann geben Sie sich geschlagen, und das Land fällt an mich zurück. Es ist unvermeidlich. Warum wollen Sie das auf sich nehmen?“

„Das ist eine sehr chauvinistische Haltung, Mr. Morreston. Was macht Sie so sicher, dass ich diejenige sein werde, die einen Schlussstrich zieht?“

Er antwortete nicht sofort, sondern lächelte leicht amüsiert. Doch dieser Anflug von Humor verschwand sofort wieder. Langsam kam er näher, bis er direkt vor ihr stand. Ohne Vorwarnung streckte er die Hand aus und strich über ihre Wange.

Sie holte tief Luft, wich aber trotz der unerwarteten Berührung nicht von der Stelle. Er ließ seine Hand von ihrem Gesicht zu ihrem Nacken gleiten, und mit etwas Druck zog er sie noch näher zu sich. Sie sah, wie sein Blick eine schier endlose Zeit über ihr Gesicht wanderte, dann an ihrem Mund hängen blieb. Sie bemerkte den Schatten, der sein Gesicht verdunkelte, als er den Kopf senkte. Seine Lippen öffneten sich leicht, als wollte er sie küssen, doch er stoppte einen Atemzug entfernt, und nur sein Daumen berührte ihren Mund und zeichnete die Konturen in einer unglaublich intimen Geste nach.

Die Zeit stand still. Sheas Puls raste. Sie schluckte die aufsteigende Panik herunter und versuchte, wegzusehen.

Alec hob sanft ihr Kinn und zwang sie so, ihm in die Augen zu sehen. Der bittersüße Duft seines Aftershaves kitzelte ihre Sinne, und sie spürte, wie kraftvoll und männlich sein Körper war. Die Muskeln in ihrem Bauch zogen sich unwillkürlich zusammen, als eine heiße Welle durch ihren Körper schoss. Sie konnte sich nicht rühren, ihr Atem wurde flacher. Irgendetwas in ihr schrie verzweifelt, sie sollte weglaufen, solange sie noch konnte.

3. KAPITEL

„Okay, Miss Hardin.“ Alecs raue Stimme durchbrach die Stille im Raum und katapultierte Shea in die Wirklichkeit zurück. „Wir machen es so, wie Sie es wünschen. Wir werden sehen, was passiert. Ich akzeptiere die Bedingungen unserer Vorfahren. Wir werden heiraten. Und es wird keine Baumaßnahmen auf dem Land geben, solange die Ehe andauert oder wenn diese … Vereinigung … ein Jahr überschreiten sollte.“

Er hielt inne und neigte leicht den Kopf, als beobachtete er ihre Reaktion. „Aber eines müssen Sie wissen …“ Der Ton in seiner Stimme spiegelte den Ernst seiner Worte wider. „Sie werden meine Frau sein, wie im Ursprungsvertrag vereinbart. Vor dem Gesetz und vor Gott, mit Körper und Seele. Sie werden mein Leben teilen und auch mein Bett. Verstehen Sie, was ich sage?“

Es war an der Zeit, auszusteigen. Sie wusste es, doch sie rührte sich nicht. Er sagte ihr gerade detailliert, womit sie sich einverstanden erklären musste. Er gab ihr die Gelegenheit, einen Rückzieher zu machen. Sie holte tief Luft und hoffte, dass sie genauso stark wie stur war.

„Ich habe es verstanden.“ Ihre Stimme war fest, auch wenn sie im Flüsterton sprach.

„Wirklich?“ Alec Morrestons bernsteinfarbene Augen funkelten. „Ich vermute mal, das finden wir heute Nacht heraus, nicht wahr?“

Er ließ sie los und ging in Richtung Tür, zögerte jedoch, bevor er sie öffnete. „Eins noch. Ich verlange einen Ehevertrag. Thomas kann ihn Ihrem Anwalt faxen, bevor …“

„Nein.“

„Miss Hardin, glauben Sie wirklich, dass ich eine Frau heirate, die ich nicht kenne, und damit riskiere, die Hälfte dessen zu verlieren, was ich jetzt besitze?“

„Sie erwarten von mir, dass ich viel mehr aufgebe. Kein Ehevertrag, Mr. Morreston. Ich will nichts von dem, was Sie besitzen. Ich will nur meine Ranch. Entweder Sie vertrauen mir …“, Shea sah ihn kalt lächelnd an, „… oder Sie können Ihren Flug nach Hause buchen.“

Sie sah, wie die Muskeln in seinem Gesicht arbeiteten.

„Mein Privatvermögen hat nichts mit diesem Landproblem zu tun. Wenn Sie, wie Sie sagen, außer der Ranch nichts wollen, dann sollte die Unterschrift unter einen Ehevertrag nicht zu viel verlangt sein.“

„Dass ich mein Zuhause behalten will, auch nicht“, konterte sie. „In dem Pachtvertrag steht nichts von einem Ehevertrag. Ich weigere mich, einen zu unterschreiben. Wenn Sie mich allein aus diesem Grund nicht heiraten wollen, dann gehört das Land mir. Ihre Entscheidung.“

Ihr Herz pochte so laut, dass er es vermutlich hörte. Sie hoffte nur, dass sie nach außen hin ruhiger wirkte, als sie sich innerlich fühlte.

Schweigen breitete sich aus. Eine kaum merkliche Veränderung in seiner Haltung, von angespannt bis zu einer fast übertriebenen Gleichgültigkeit, zeigte, dass er seine Gefühle unter Kontrolle hatte. Er beäugte sie, als versuchte er, einzuschätzen, wie entschlossen sie wirklich war. Unverschämt ließ er seinen Blick von ihrem Gesicht zu ihren Brüsten gleiten, dann zu ihrem Bauch, ihren Händen – die sie zu Fäusten geballt an den Seiten hielt – über ihre Beine bis zu ihren Füßen. Shea spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss, als er sie frech inspizierte und wie bei einer Ware ihre weiblichen Attribute einschätzte.

„Okay, Miss Hardin“, sagte er schließlich. Seine Stimme klang bedrohlich. „Wir kämpfen mit harten Bandagen, wenn Sie unbedingt wollen. Sie haben gerade den Einsatz erhöht, und ich wäre ein Idiot, wenn ich es nicht darauf ankommen ließe. Sei heute Abend bereit, Schätzchen. Bereit für mich.“

Er öffnete die Tür. Shea ging zitternd, aber resoluten Schrittes hindurch. Sie war kurz verunsichert gewesen wegen seiner unerwarteten Ankündigung, wusste aber, dass sie die Ehe nie vollziehen würden. Er wollte sie einschüchtern. Das war alles.

Sie hatte nicht die Absicht, sich von einem egoistischen Verrückten verführen und benutzen zu lassen. Sie war vielleicht gezwungen worden, einen Pakt mit dem Teufel zu schließen, doch er würde schnell herausfinden, dass sie alles andere als ein Bauernopfer war. Alec Morreston war ein Städter durch und durch. Er hatte keine Ahnung von dem harten Leben auf einer Ranch. Sie könnte wetten, dass er keinen Monat durchhielt.

„Alec …“ Die Sorge in Thomas’ Stimme war auch durchs Telefon zu hören. Alec sah direkt vor sich, wie er den Hörer so fest umklammerte, dass seine Knöchel weiß wurden. Es tat ihm fast leid, dass er ihm die Neuigkeit von der bevorstehenden Hochzeit nicht persönlich übermitteln konnte. „Wissen Sie wirklich, was Sie da tun?“

Alec nahm dem Anwalt nicht übel, dass dieser Zweifel an Alecs Geisteszustand hatte. Er hatte ja selbst das Gefühl, fremdgesteuert zu sein.

„Ich meine, was wissen wir eigentlich über diese Frau?“

„Sie ist ganz in Ordnung, Thomas.“

„Und was, wenn nicht? Wenn das alles eine Falle ist? Müssen Sie sie wirklich heiraten? Vielleicht reicht es, ihr mehr Geld zu bieten.“

„Sie hat zwei Millionen ausgeschlagen.“

„Sie …“ Alec hörte, dass Thomas schluckte. „Meine Güte! Wie viel will sie?“

„Sie will kein Geld. Sie will das Land. Ich glaube, dass sie die Wahrheit sagt. Sie glaubt wirklich, dass sie diese Geschichte durchziehen kann und ich einen Rückzieher mache. Pech für sie, dass ich vertraglich dazu verpflichtet bin, diesen Hotel- und Entertainment-Komplex zu bauen. Ich kann nicht zurück.“

„Vielleicht könnten wir versuchen, eine Alternative zu finden. Ich könnte meine Fühler ausstrecken …“

„Ein Freund, der auf Grundbesitz spezialisiert ist, hat das bereits fast ein Jahr lang getan. Ich wollte diesen Komplex eigentlich im Osten bauen. Er hat die Möglichkeiten in einem Radius von hundert Meilen um jede größere Stadt von New York bis Florida gecheckt. Überall gab es irgendein größeres Problem. Diese Location ist perfekt. Etwas weiter westlich als eigentlich geplant, aber es läuft besser als gedacht. Das Land liegt ziemlich zentral in den Vereinigten Staaten, es grenzt an den Red River und ist nur fünfzig Meilen vom Dallas / Ft. Worth International Airport entfernt.“

Alec hatte bereits Land direkt an der Staatsgrenze von Oklahoma gekauft, und die meisten Baubewilligungen auf der Seite des Flusses lagen vor. „Ich habe schon viel Arbeit und Geld in die Sache investiert, und ich wehre mich dagegen, noch mehr hineinzustecken, nur damit Miss Hardin weiter ihre Kühe züchten kann. Geben Sie mir ein paar Tage Zeit, höchstens ein paar Wochen, dann ist sie weg.“

„Okay.“ Thomas dachte einen Moment nach. „Wie sieht es mit einem Ehevertrag aus? Sie öffnen der Frau praktisch Tür und Tor. Allein Ihre Bankkonten …“ Thomas hielt inne. „Ich lasse einen Vertrag aufsetzen und schicke ihn an …“

„Nein danke, Thomas.“

Nein? Alec …“

„Wir haben darüber bereits diskutiert. Sie wehrt sich dagegen.“

„Dann heiraten Sie sie nicht. Lassen Sie ihr das verdammte Land. Selbst unter Berücksichtigung der Summe, die Sie in dieses Projekt gesteckt haben, es ist nicht einen Bruchteil dessen wert, was Ihre anderen Besitztümer wert sind. Alec …“

„Thomas, ich weiß Ihre Sorge zu schätzen. Aber sollte sie bei der Scheidungsklage auf meinen Besitz zugreifen wollen, dann wird der groteske Grund für diese Ehe – dass ich gezwungen war, diesen Weg einzuschlagen, um das Recht auf mein eigenes Land wiederzugewinnen – jeden anderen Anspruch aufheben.“

„Aber wir können nicht sicher sein.“

Wie konnte er Thomas erklären, dass ihm sein Bauchgefühl sagte, dass es dieses Problem nicht gegeben würde? Shea Hardin hatte etwas an sich, das ihm sagte, sie wollte wirklich nur ihre Ranch.

„Ich habe nicht die Absicht, auch nur eine Sekunde länger als unbedingt nötig verheiratet zu bleiben. Sobald dieser Kampf ausgefochten ist, werde ich dafür sorgen, dass sie schnellstens ihre Sachen packt und verschwindet. Dann eine Annullierung der Ehe und Schluss.“

Er hatte schon zähere Gegner als Shea Hardin gehabt und sich trotzdem durchgesetzt.

Alec wechselte das Thema. „Rufen Sie bitte Valturego an. Fragen Sie nach, ob er bereit ist, den Vertrag für den Bau seines Casinos zu unterschreiben. Ich kontaktiere ihn, sobald ich wieder im Büro bin.“

„Gleich nach unserem Telefonat rufe ich ihn an“, versprach Thomas. „Aber, Alec, zurück zu diesem Ehevertrag …“

„Hat Rolston unterschrieben?“

Thomas verstand den Wink und erzählte vom Ausgang seines Treffens mit dem Banker.

Als sie fertig waren, warf Alec sein Handy auf das Bett in dem kleinen Hotelzimmer und blickte auf die Digitaluhr auf dem Nachttisch. Nach sechs. Er sollte sich langsam fertig machen.

Bei seiner letzten Hochzeit waren mehr als fünfzehnhundert geladene Gäste anwesend gewesen – einige hatte er gekannt, die meisten nicht. Monatelang war geplant worden. Der Duft von Tausenden von Blumen hatte die Luft durchdrungen, fast erdrückend für die vielen Gäste, die sich in der großen Kirche versammelt hatten. Er erinnerte sich an die spannungsgeladene Atmosphäre in Erwartung des Spektakels, das bevorstand.

Sondra hatte es so gewollt, und sie hatte dafür gesorgt, dass all ihre Wünsche erfüllt wurden. Im Nachhinein sagte er sich, dass er damals schon die Zeichen hätte erkennen müssen. Sie war ein Partygirl gewesen, und er hatte vermutet, dass sie auch Drogen nahm. Doch er hatte weder ihre Drogensucht beweisen können, noch hatte er von seinem Nebenbuhler gewusst. Bis er eines Tages nach Hause kam und die Notiz fand. Keine Ausflüchte. Keine Entschuldigung. Eine fremde Frau an seiner Tür gab ihm ein Baby und sagte, es wäre seins. Plötzlich war er mit einem Säugling allein. Einen Monat später erfuhr Alec, dass Sondra an einer Überdosis gestorben war.

Mit den Jahren war seine Wut über ihre Untreue verraucht, doch die Lektion über Vertrauen, die sie ihm erteilt hatte, hatte ihn verändert. Er schwor sich, nie wieder den Fehler zu begehen, zu heiraten. Fast fünf Jahre hatte er sich daran gehalten. Aber in weniger als einer Stunde würde er erneut vor einem Priester stehen und Liebe und Treue schwören – und dieses Mal einer Frau, die er nicht kannte und die er nicht leiden konnte.

Shea Hardin machte ihn ratlos. Sie passte in kein Schema. Sie war ein wandelnder Gegensatz – intelligent und doch naiv, wunderschön, aber natürlich, verdammt sexy und doch irgendwie unschuldig. Sie wirkte zart und sensibel, aber nach dem heutigen Tag hatte er eher den Eindruck, dass das Gegenteil der Fall war.

Sie forderte ihn heraus. Sie faszinierte ihn.

Und dann ihr Mund – volle Lippen, die einen Mann verrückt machen konnten. Er hätte sie im Büro des Anwalts fast geküsst, war erst in dem Moment zurückgewichen, als er merkte, dass ihm ein einziger Kuss nicht gereicht hätte.

Nein, sein Problem war nicht, Shea Hardin einzuschüchtern. Sein Problem war, auf Distanz zu ihr zu bleiben.

Später am Nachmittag stand Shea vor ihrem Kleiderschrank und starrte auf die wenigen Kleider, die dort hingen. Sie brauchte selten etwas anderes als saloppe Kleidung, und deshalb war die Auswahl an schicken Outfits begrenzt.

Sie nahm ein schlicht gemustertes Kleid, hielt es sich vor und betrachtete sich im Spiegel. Irgendwie passte es nicht.

Sie zog ein anderes heraus. Falscher Stil. Als Nächstes wählte sie ein dunkelgrünes Kostüm. Auch nicht richtig. Rot? Nein. Schwarz? Frustriert schüttelte sie den Kopf. Zum Shoppen hatten sie keine Zeit mehr. Vielleicht sollte sie einfach saubere Jeans anziehen – und fertig.

Sie konnte immer noch nicht glauben, wie schnell diese Hochzeit organisiert gewesen war. Old Doc Hardy hatte sofort den gesetzlich vorgeschriebenen Bluttest gemacht, und Jane Simmons im Gericht hatte erreicht, dass Richter Lamb die Heiratserlaubnis ohne dreitägige Wartezeit ausstellte. Es war genauso unglaublich wie der Grund, weshalb sie dort war.

Ihr Blick fiel auf die Zederntruhe am Fußende ihres Bettes. Erinnerungen an ihre Kindheit wurden wach. Wie sie sich als kleines Mädchen auf die Truhe gestellt hatte, um so groß zu sein, dass sie das lange Seidenkleid tragen konnte, das ihre Mutter in der Truhe verwahrte. Schon lange hatte sie nicht mehr an das Kleid gedacht. Aus einer Laune heraus öffnete sie den Deckel. Ein leichter Zedernduft stieg auf.

Oben lagen Kissenbezüge, Taschentücher und Gästehandtücher, bestickt von ihrer Mutter. Mit einem wehmütigen Lächeln legte Shea die Dinge zur Seite. Darunter fand sie zwei handgefertigte Decken, die Farben noch erstaunlich frisch. Sie bemerkte eine Jahreszahl in der Ecke von einer Decke. „A. H. – 1812“. Ihre Urgroßmutter musste sie gefertigt haben. Vielleicht sogar die Ururgroßmutter. Sie legte sie ebenfalls auf den Boden.

Vorsichtig entfernte sie einige Lagen Seidenpapier. Da war es, genau wie sie es in Erinnerung hatte. Das Brautkleid ihrer Mutter. Shea zog es aus der Truhe.

Der zarte Cremeton war mit den Jahren nachgedunkelt, doch die Zeit hatte der Eleganz des Kleides nichts anhaben können.

Sehnsüchtig dachte sie an ihre Mutter, die sie nie wirklich gekannt hatte. Konnte sie es wagen, dieses wunderschöne Kleid bei der Horrorveranstaltung zu tragen, die ihre Eheschließung sein würde? Oder würde sie damit die Hochzeit ihrer Eltern in den Dreck ziehen? Doch der Gedanke, es wieder in der dunklen Truhe verschwinden zu lassen, fühlte sich falsch an. Irgendetwas drängte sie, das Kleid anzuprobieren.

Zehn Minuten später trat sie vor den Spiegel und erkannte sich fast nicht. Das Kleid passte perfekt. Der schlichte Stil verlieh ihr eine Aura von Selbstsicherheit und Eleganz.

Sie zog die Unterlippe zwischen die Zähne und wünschte, ihre Ehe würde aus Liebe und Respekt und mit der Zuversicht und Hoffnung auf eine glückliche Zukunft geschlossen. Keine vertragliche Vereinbarung mit einem arroganten Fremden.

Alec Morreston würde sich köstlich amüsieren, wenn sie in einem Brautkleid erschien. Er würde sie für absolut verrückt halten. Sie kaute auf ihrer Unterlippe. Wie würde sie sich fühlen, wenn sie in diesem Kleid das Trauzimmer betrat? Wie eine Idiotin? Vermutlich ja. Trotzdem, eine Frau heiratete nur einmal zum ersten Mal. Richtig oder falsch, das hier war’s.

„Weißt du was, Pumpkin? Grotesk oder nicht, dies ist meine Hochzeit. Ich werde es tragen.“ Kaum waren die Worte über ihre Lippen, wusste sie, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hatte. Ihr würde noch genug Zeit bleiben, das Kleid aufzufrischen, bevor Morreston und Reverend Schultz eintrafen.

Doch zuerst musste sie mit Hank Minton reden, dem Vorarbeiter. Schnell zog sie das Kleid aus, legte es aufs Bett, schlüpfte in eine Jeans und machte sich auf den Weg zur Hauptscheune.

4. KAPITEL

„Nehmen Sie, William Alec Morreston, diese Frau zu Ihrer rechtmäßig angetrauten Frau, werden Sie sie lieben und ehren, in guten und schlechten Tagen, in Reichtum und Armut, in Krankheit und Gesundheit?“

Shea wurde ganz schwindelig. Das konnte nicht wahr sein. Wenn sie schnell genug zwinkerte, dann erwachte sie vielleicht aus dem Albtraum.

Alec beantwortete Reverend Schultz’ Frage mit einem deutlichen Ja. Er hob Sheas Hand an seine Lippen, küsste zart die Fingerspitzen, bevor er den mit Brillanten besetzten Ehering, den er heute Nachmittag gekauft hatte, auf den Ringfinger ihrer linken Hand schob.

Den wenigen, von Leona geladenen Gästen erschien die Geste vermutlich echt. Was würden ihre Freunde sagen, wenn sie die Wahrheit wüssten? Sie fühlte sich wie eine Verräterin, weil sie sie ihnen verheimlichte. Aber Leona hatte gemeint, die Wahrheit würde nur unnötige Sorge hervorrufen und zusätzlichen Druck auf Shea ausüben. Ihr Fokus musste auf dem Kampf gegen diesen Mann liegen. Und wenn sie siegte, dann würde niemand merken, was gespielt worden war.

Also war Alec Morreston als alter Freund vom College vorstellt worden, den sie geliebt und verloren geglaubt hatte, weil sie wegen familiärer Entscheidungen getrennt worden waren. Doch jetzt war er in ihr Leben zurückgekehrt, und beide konnten es nicht abwarten, zu heiraten.

„Nehmen Sie, Shea Elizabeth Hardin, diesen Mann zu Ihrem gesetzmäßig angetrauten Ehemann …“

Widerwillig gab sie ihr Jawort und schob ihm mit zusammengebissenen Zähnen den Ring über den Finger.

„Hiermit erkläre ich Sie zu Mann und Frau.“ Reverend Schultz lächelte Shea an, bevor er sich zu Alec drehte. „Sie dürfen die Braut jetzt küssen.“

Die Wirklichkeit wurde unwirklich, als sie Alec ansah, diesen Fremden, der jetzt ihr Ehemann war. Sie hatte nur Sekunden, die volle Bandbreite dessen zu begreifen, was sie getan hatte, dann zog er sie schon in seine Arme und hob ihr Gesicht an.

„Zu spät, es zu bereuen, Mrs. Morreston“, flüsterte er, als könnte er ihre Gedanken lesen. Er senkte den Kopf, und sein Mund legte sich auf ihren.

Es war, als würde sie ein Blitzschlag treffen, irgendetwas explodierte in ihr, ihr schwanden die Sinne, der Raum drehte sich um sie. Sie griff nach seinem Revers, um sich festzuhalten.

Routiniert öffnete er ihre Lippen mit der Zunge und drängte sich in ihren Mund. Er legte die Hand an ihren Hinterkopf und vertiefte den Kuss. Trotz ihres Vorsatzes, immun gegen diesen Mann und seine Berührung zu bleiben, merkte sie, dass sie auf seine sinnliche Verführung reagierte.

Sie hob die Hand von seiner Schulter an sein Gesicht und ließ die Fingerspitzen über sein energisches Kinn gleiten, bis sie schließlich an die Stelle kam, wo ihre Lippen aufeinandertrafen.

In diesem Moment wich er von ihr zurück, und sie verspürte zugegebenermaßen einen Anflug von Enttäuschung. Mit dem Daumen wischte er sanft über ihre feuchten Lippen.

Ein sexy Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus, und seine Augen blitzten vielsagend, bevor er an ihre Seite trat und die Glückwünsche entgegennahm. Sie holte tief Luft, frustriert über ihre Schwäche.

Der Fotograf, den Leona organisiert hatte, stellte sie für die Hochzeitsfotos auf. Irgendjemand machte eine anzügliche Bemerkung über die Hochzeitsnacht. Alle lachten, doch ihr machte es nur den Irrwitz ihrer Situation klar.

Sie fröstelte. Was für ein Mann war Alec Morreston? Würde er ihre Gefühle verstehen, oder wäre er völlig unsensibel? Immer wieder blickte sie verstohlen zu dem Mann, der die Zukunft der Ranch in den Händen hielt.

Alec blickte zu seiner Braut. Sofort bemerkte er, wie angespannt sie war, und er kannte auch den Grund. Sein Lachen verblasste. Sie hatte Angst.

Vor ihm.

Eigentlich sollte ihn das glücklich machen. Es war der erste Schritt in die richtige Richtung. Sie würde bald verschwinden. Dieser schnelle Erfolg sollte süß schmecken. Warum fühlte er sich dann so elend wegen ihrer Angst?

Jetzt trafen sich ihre Blicke, und das glitzernde Blau ihrer Augen faszinierte ihn. Irgendwo blitzte ein Licht auf, der intensive Moment wurde für immer festgehalten.

Dann schien sie auf einmal alle Kräfte zu mobilisieren. Kaum merklich straffte sie die Schultern und hob das Kinn. Die Angst war dem Stolz gewichen, die Panik verflogen. Stattdessen funkelte in ihren Augen beharrliche Entschlossenheit. Unvermittelt wurde Alec bewusst, dass er oft die Schönheit von Frauen bewundert hatte, aber nie ihre Persönlichkeit oder ihre innere Stärke.

„Gut geworden“, hörte er jemanden sagen. „Wenn Sie sich bitte hierherdrehen würden … und lächeln!“

Alec erkannte in diesem Moment, dass er ein Problem hatte. Er schluckte. Zwar hatte er sich zu Shea hingezogen gefühlt, doch hatte er bislang die Funken ignoriert, die zwischen ihnen sprühten, sobald sie sich in die Augen sagen. Er hatte sich eingeredet, dass er alle Frauen so ansah wie Shea Hardin.

Er hatte sich selbst belogen.

Er war noch nie von einer Frau so hin und weg gewesen. Was auch immer er anfangs für Sondra verspürt haben mochte, es war hiermit nicht vergleichbar. Und die sanfte Röte, die über Sheas Gesicht zog, als sie ihn dabei erwischt hatte, wie er sie anstarrte, sagte ihm, dass die Anziehung nicht einseitig war.

Zwischen ihnen bahnte sich definitiv etwas an. Die Luft schien zu knistern, sobald sie in die Nähe des anderen kamen. Was das für ihn ganz allgemein bedeutete, konnte er nicht sagen. Er wusste, dass eine Affäre die Situation nur verkomplizieren würde, doch die Versuchung, alle Vorsicht in den Wind zu schießen, war überwältigend.

Als Shea die Tür hinter dem letzten Gast schloss, merkte sie, dass sie Alec für einen kurzen Moment tatsächlich vergessen hatte. Sie nahm ein Weinglas vom Tisch und war schon einige Schritte in Richtung Küche gegangen, als sie ihn bemerkte.

Er lehnte an einem Treppenpfosten, die Arme lässig verschränkt, die Krawatte gelockert, das weiße Hemd am Kragen aufgeknöpft. Die Ärmel hatte er aufgekrempelt, und Shea bemerkte eine goldene Armbanduhr an seinem Handgelenk. Sie sah auch das Funkeln des goldenen Eherings – und wurde blass.

Panik breitete sich in ihr aus, und sie hielt das Weinglas krampfhaft fest, während sie versuchte, äußerlich entspannt zu wirken. Sie ging in die Küche. Alec folgte ihr. Er trat hinter sie, nahm ihr das Glas aus der Hand und stellte es neben das Spülbecken. Was hatte er vor? Shea wurde immer nervöser, und so war das schrille Klingeln des Telefons eine willkommene Störung. Sie eilte an den Apparat und nahm beim zweiten Klingeln ab.

„Ich habe gehört, du hast nach mir gesucht“, sagte eine männliche Stimme. „Das wurde auch Zeit!“

„David?“ Nein. Nein. Nein. Das konnte nicht wahr sein. Nicht jetzt.

„Wer sonst?“ Seine Stimme klang so jovial, wie sie sie in Erinnerung hatte. „Wie geht es dir, Shea?“

„Ich … mir geht es gut. Es tut so gut, deine Stimme zu hören.“ Untertreibung. Ausrufezeichen.

„Gleichfalls. Also, ich habe einen Anruf von Marcy Allen bekommen. Sie sagte, dass du versucht hast, mich zu erreichen. Wie kann ich dir helfen?“

Heirate mich! wollte sie schreien. Sie schloss die Augen. Hätte er nicht gestern anrufen können? Oder heute Morgen?

„Ach … es ist nichts. Ich meine, das Problem hat sich erledigt.“

„Sicher?“

Shea riskierte einen Blick in Alecs Richtung. Er grinste schon wieder. Oder?

„Ja. Sicher.“ Zumindest, was David betraf. Ihr Problem begann gerade. Es war kurz nach Mitternacht, und die groteske Ehe mit Alec Morreston war in vollem Gange.

Sie unterhielten sich noch einen Moment, dann verabschiedeten sie sich mit dem Versprechen, in Kontakt zu bleiben.

„Alter Freund?“, fragte Alec ruhig.

Sie nickte.

„Zu schade. Einen Tag zu spät.“ Er klang absolut nicht so, als täte es ihm leid. Sie ging zurück ans Spülbecken. Alec folgte ihr und legte die Arme um ihre Taille. Sein Gesicht streifte ihr Haar, sein Körper drückte sich gegen ihren Rücken. Sie spürte seine Wärme.

„Ich mag deine Freunde, die heute Abend hier waren“, murmelte er. Sein Atem war heiß in ihrem Nacken, und die empfindliche Haut reagierte mit einem wohligen Prickeln. Shea klammerte sich an der Kante der Arbeitsfläche fest.

„Es sind gute Menschen.“

„Es war nett, dass sie so kurzfristig gekommen sind.“

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