Logo weiterlesen.de
COLLECTION BACCARA BAND 362

MAUREEN SMITH

Jetzt will ich so viel mehr!

Atemlos starrt Lexi ihrem besten Freund Quentin in die Augen: Diesen Kuss wird sie nie vergessen! Noch nie hat Quentin solche Gefühle in ihr entfacht. Aber Lexi weiß, dass es für sie keine gemeinsame Zukunft gibt: Niemals würde sie sich auf einen Frauenhelden wie ihn einlassen! Und doch brennt sein Kuss wie ein süßes Versprechen der Lust auf ihren Lippen …

JENNIFER GREENE

Lügen, Leidenschaft – und Liebe?

Wie kann sein Bruder ihr das antun und Kelly verlassen, obwohl sie schwanger ist? Mac tobt vor Wut – und trifft eine folgenschwere Entscheidung: Er selber wird die bezaubernde Kelly vor den Traualtar führen, um sie und seine Familie vor einem Skandal zu bewahren. Er sagt Ja zu ihr – dabei ahnt er, dass Kellys Herz für einen anderen schlägt …

ANDREA LAURENCE

Sinnliche Stunden mit dem Boss

Nach einem schrecklichen Unfall hat sich Brody von der Welt abgewandt. Er lebt und arbeitet zurückgezogen – bis plötzlich seine neue Sekretärin Samantha in sein Büro platzt. Frech und einfühlsam zugleich überwindet sie seine Abwehr. Doch selbst nach den leidenschaftlichen gemeinsamen Stunden zweifelt Brody: Liebt Samantha wirklich ihn oder nur sein Geld?

IMAGE

Jetzt will ich so viel mehr!

1. KAPITEL

Ein großer Ballsaal. Ein Meer von Masken, schwarze und weiße, besetzt mit Pailletten oder geschmückt mit Federn – mehr sah Lexi nicht.

Langsam schob sie sich durch die Menge der Gäste. In einer halben Stunde würde die Uhr zwölf schlagen und damit das neue Jahr einläuten. Lexi konnte sich keine schönere Art vorstellen, das neue Jahr zu begrüßen, als bei einem Maskenball im Schloss der legendären Modedesignerin Asha Dubois. Diese Feier war eines der angesagtesten Events in ganz Frankreich – für alle, die in der Modewelt Rang und Namen hatten. Das bedeutete, Lexi konnte Miuccia Prada treffen oder John Galliano, ohne auch nur zu ahnen …

Ein Mann mit einer mit Federn geschmückten schwarzen Maske stieß sie versehentlich an und murmelte: „Excusez-moi.“

„Ce n’est pas grave“, versicherte Lexi ihm in flüssigem Französisch und lächelte unter ihrer weißen Maske, die die obere Hälfte ihres Gesichts bedeckte.

Unter der Stuckdecke hing ein Baldachin mit glitzernden Lichtern. Reich dekorierte Wandbehänge und Marmorsäulen ließen die Größe der französischen Renaissance wieder aufleben. Ein fünfzehnköpfiges Orchester spielte einen Wiener Walzer, der schon viele Paare auf die Tanzfläche gelockt hatte.

Während Lexi die Tanzenden betrachtete, wünschte sie sich unwillkürlich, für diesen Abend ein Date zu haben. Wie viel romantischer war es doch, das neue Jahr in den Armen eines Mannes zu begrüßen, den man liebte?

Aber sie hatte in dieser Hinsicht Pech gehabt und war solo.

Ein leichtes Lächeln glitt über ihre Züge, als ihr Blick auf Michael und Reese Wolf fiel, zwei ihrer engsten Freunde, die soeben an ihr vorübertanzten. Michael trug einen schwarzen Smoking, während Reese in einem langen weißen Kleid glänzte, das sanft über ihren runden Babybauch floss. Die Tatsache, dass sie bereits im achten Monat war, hatte ihr nichts von ihrem gewohnten Schwung genommen.

Lexi musste an das fehlende Mitglied ihrer Gruppe denken. Quentin Reddick hatte am Vorabend angerufen, um sie wissen zu lassen, dass er es in diesem Jahr nicht zur Party schaffen würde, weil es bei einem seiner Fälle zu irgendwelchen Problemen gekommen war. Lexi war sehr enttäuscht gewesen. Quentin war ihr bester Freund. Über die Jahre hatten sie viele Partys zusammen besucht, und einer hatte dabei oft als Schein-Date für den anderen gedient.

Nicht, dass Quentin je ein Problem damit gehabt hätte, ein richtiges Date zu finden. Die Frauen umschwärmten ihn wie die legendären Motten das Licht. Wäre er jetzt hier, wäre er mit Sicherheit umgeben von zahlreichen langbeinigen Supermodels.

Doch trotz seiner Beliebtheit bei den Damen hatte Lexi immer sicher sein können, dass Quentin einen oder zwei Tänze für sie reservierte. Wenn sie in einigen Tagen nach Atlanta zurückkehrte, wollte sie ihm ein paar Takte dazu sagen, dass er sie so im Stich gelassen hatte.

Nach einem letzten leicht neiderfüllten Blick auf die tanzenden Paare begab Lexi sich zu den schmalen Türen, die auf die mit Efeu umrankte Terrasse führten. Sie hatte beschlossen, das neue Jahr draußen zu begrüßen. Das war immer noch besser, als im Saal von Paaren umringt zu sein, die sich um Mitternacht umarmten und küssten.

Erleichtert registrierte sie, dass die Terrasse leer war. Zweifellos hatte die kühle Temperatur die anderen Gäste davon abgehalten, hier einen romantischen Augenblick unter dem Sternenhimmel zu suchen.

Lexi lehnte sich an die weiße Steinbalustrade und genoss die frische Nachtluft. Sie war begeistert gewesen, als Michael und Reese sie eingeladen hatten, den Silvesterabend mit ihnen in Frankreich zu verbringen. Ihr wäre jeder Ort recht gewesen, aber nicht in ihren kühnsten Träumen hätte sie sich vorstellen können, in einem Schloss in einer der bekanntesten Weinbauregionen Frankreichs zu landen. Burgund war das Mekka für die Liebhaber exquisiten Essens und Trinkens. Lexi konnte es gar nicht erwarten, sich hier in den kommenden Tagen umzusehen.

Plötzlich bemerkte sie, dass das Orchester im Saal verstummt war. Stimmengewirr war zu hören, bis Asha Dubois sich über die Lautsprecher zu Wort meldete. „Bonsoir, mes amis. Ich hoffe, Sie haben alle einen schönen Abend.“ Sie lachte leise, als sie die einhellige begeisterte Zustimmung vernahm. „Très bien. Es freut mich, das zu hören. Meine lieben Freunde, uns trennen nur noch wenige Minuten vom neuen Jahr. Falls Sie noch kein Glas Champagner in der Hand haben, nehmen Sie sich eins von einem der Tabletts, die von unserem freundlichen Personal herumgereicht werden. Schließlich müssen Sie das neue Jahr gebührend begrüßen.“

Lexis Blick fiel auf ihre leeren Hände auf der Balustrade. War sie die Einzige …?

„Für alle, die heute zum ersten Mal unseren Maskenball besuchen“, fuhr Asha fort. „Wir pflegen eine sehr schlichte Tradition: Um Mitternacht nimmt jeder seine Maske ab und zeigt sich. Ich möchte Ihnen jetzt ein wundervolles neues Jahr wünschen – mit viel Liebe, Lachen und Freude. Und mit heißem, atemberaubendem Sex!“

Lexi musste unwillkürlich lächeln, als die Menge laut auflachte und zustimmte. Der Countdown ging los: „… fünf, vier, drei, zwei …“

Und dann kam das Feuerwerk.

Unzählige Salven wurden in den Nachthimmel geschossen. Plötzlich fühlte Lexi sich von einem Paar starker Arme umfasst und herumgezogen. Vage registrierte sie eine schwarze Maske und breite Schultern. Es war wie ein Schock, als warme, weiche Lippen sich auf ihre drückten. Rein instinktiv wollte sie zurückweichen, aber die unerwartete Woge der Lust, die ihren Körper durchlief, machte es ihr unmöglich, sich zu wehren.

Der große Fremde verstärkte den Druck seiner Lippen, während er sie an seinen harten, muskulösen Körper zog. Ihr Puls begann zu rasen. Der Mann – wer auch immer er sein mochte – konnte küssen wie kein Zweiter. Seine Zungenspitze fuhr leicht über die Konturen ihrer Lippen und löste köstliche Schauer des Verlangens in ihr aus. Sie öffnete ihren Mund. Ihre Zungen liebkosten einander.

Unwillkürlich stöhnte Lexi vor Lust. Er vertiefte den Kuss. Erkundete ihren Mund mit sinnlichen Bewegungen, die sie erbeben ließen. Sie schmiegte sich an ihn. Wollte mehr.

Viel zu schnell hob er den Kopf.

Für einen Moment schwankte Lexi leicht, bis seine starken Hände ihre Arme packten und sie hielten. Sie öffnete die Augen.

„Ein glückliches neues Jahr!“ Die tiefe Stimme war nur zu vertraut.

Lexi erstarrte vor Schock. Das konnte nicht sein. „Quentin?“

Langsam nahm er seine Maske ab.

Lexi wich zurück. „W…was um alles in der Welt machst du hier?“

„Ich wünsche dir ein gutes neues Jahr“, murmelte Quentin.

„Und das konntest du nicht tun, ohne mich zu küssen?“ Sie war immer noch wie gelähmt.

Eine neuerliche Salve von Feuerwerkskörpern ließ sie das Lachen in seinen braunen Augen erkennen. „Komm schon!“, raunte er. „Was ist schon ein kleiner Kuss zwischen alten Freunden?“

Lexi schnappte förmlich nach Luft. „Das war alles andere als ein kleiner Kuss, Quentin! Das war ein französischer Kuss!“

Er lachte leise. „Immerhin sind wir in Frankreich!“

Lexi musterte ihn skeptisch. „Hast du getrunken?“

„Nein.“ Quentin schob lachend die Hände in die Hosentaschen. Auch im klassischen Smoking wirkte er einfach umwerfend.

„Hast du nicht gesagt, du kannst nicht kommen?“

„Die Dinge haben sich geändert.“

„Inwiefern?“

Er trat auf sie zu. Erschreckt wich Lexi zurück, bis sie gegen die Steinbalustrade stieß. „Du …“

„Entspann dich!“ Sanft zog er ihr die Maske vom Gesicht, legte sie beiseite und ließ den Blick über ihr tief ausgeschnittenes, trägerloses weißes Kleid gleiten. „Du bist wunderschön, Lexi“, murmelte er.

„Danke.“ Sie atmete einmal tief durch. Es irritierte sie, dass dieser Mann sie derart aus dem Gleichgewicht bringen konnte. „Asha hat Kleider für Reese, Samara und mich entwerfen lassen. Ich habe wirklich Glück, eine Freundin zu haben, deren Stiefmutter eine berühmte Designerin ist.“

In Quentins dunklen Augen blitzte ein Lachen. „Ihre Wünsche für das neue Jahr waren ja wirklich denkwürdig. Die sollte man beherzigen.“

Der Gedanke an den Wunsch nach heißem, atemberaubendem Sex ließ Lexi das Blut ins Gesicht steigen, sie wusste selbst nicht, wieso. Normalerweise hätte sie darüber nur gelacht und irgendeine flapsige Bemerkung über Quentins hyperaktives Sexleben gemacht. An diesem Abend aber brachte sie nur ein unverbindliches „Hmmm“ hervor.

Im Saal spielte das Orchester inzwischen eine verlängerte Version von Auld Lang Syne, während die Gäste nun ohne Masken lachend umhergingen, Hände schüttelten und gute Wünsche austauschten. Einige waren an die Terrassentüren getreten, um das Feuerwerk zu betrachten.

„Wann bist du angekommen?“ Lexi sah Quentin fragend an.

„Vor ungefähr einer halben Stunde.“ Lächelnd berührte er ihr Gesicht. „Seither habe ich dich gesucht.“

„Na, nun hast du mich ja gefunden und kannst zurück zur Party gehen. Falls es dir noch nicht aufgefallen ist: Der ganze Saal ist voller schöner Frauen, die nur darauf warten, verführt zu werden. Gerade ist ein Model vorbeigegangen. Ich glaube, sie hat ein Auge auf dich geworfen, Quentin.“

Sie erwartete, dass er den Köder annehmen und einen Blick über die Schulter werfen würde. Zu ihrer Überraschung wandte er den Blick nicht von ihr ab.

Unwillkürlich legte Lexi ihm eine Hand auf die Stirn, als fühle sie seine Temperatur. „Ist alles okay mit dir, Darling?“

Er lachte leise. „Alles bestens.“

„Bist du sicher? Irgendwie bist du nicht du selbst. Vielleicht liegt es am Jetlag. Oder …“

„… vielleicht freue ich mich einfach, dich zu sehen“, beendete er ihren Satz.

Der warme, raue Unterton seiner Stimme ließ ihr Herz schneller schlagen. Sie lächelte unsicher. „Ich freue mich auch, dass du da bist, Quentin.“

Und das stimmte. Wobei es ihr lieber gewesen wäre, der Start wäre nicht ganz so erregend gewesen. Dieser Kuss … Oh Gott, falls dieser Kuss Rückschlüsse zuließ auf Quentins Fähigkeiten als Liebhaber, dann war es kein Wunder, dass er eine derartige Wirkung auf Frauen hatte.

„Du schuldest mir einen Tanz“, sagte er in ihre Gedanken hinein.

Lexi schüttelte rasch den Kopf. Allein die Vorstellung, wieder in seinen Armen zu liegen, machte ihr eine Heidenangst. „Tut mir leid, aber das müssen wir verschieben. Diese hohen Absätze bringen mich um.“

„Zieh die Schuhe doch aus.“

„Das würde nicht viel ändern, der Schaden ist schon angerichtet. Außerdem wollte ich ohnehin bald gehen. Asha ist den ganzen Tag mit uns durch Paris gelaufen, ich bin völlig kaputt.“ Sie hielt sich die Hand vor den Mund und heuchelte ein weites Gähnen.

Quentin schüttelte den Kopf. „Spielverderberin!“

Sie lachte. „Es ist nicht meine Schuld, dass du so spät gekommen bist. Aber keine Sorge – ich lasse dich in guten Händen. Du erinnerst dich an das Supermodel, das ich gerade erwähnt habe? Sieh nicht hin, aber sie ist zurück. Nur gut, dass wir nichts miteinander haben, Q, sonst hätte ich noch die Krallen ausfahren müssen, weil sie sich an meinen Mann heranmacht.“

Lachend warf Quentin einen Blick über die Schulter. Die schlanke, groß gewachsene Schöne verweilte in der Nähe der Terrassentür. Sie erwiderte Quentins Blick, lächelte vielsagend und bewegte die Finger zu einem kleinen Winken.

Er erwiderte ihr Lächeln, bevor er sich wieder Lexi zuwandte. „Ich habe das Zimmer neben deinem.“ Und das war nun das Letzte, was sie hatte hören wollen! „Falls du noch wach bist, wenn ich heraufkomme, können wir ja vielleicht noch eine Runde Karten spielen oder etwas in der Art.“

„Glaub mir, ich werde nicht mehr wach sein. Und irgendetwas sagt mir, du wirst nicht mehr an Kartenspielen denken, wenn du in dein Zimmer kommst“, setzte Lexi mit einem vielsagenden Blick Richtung Tür hinzu.

Quentin beugte sich näher. „Lex …“

„Oh, da sind Michael und Reese!“ Lexi war dankbar für die Unterbrechung. „Sie sagten, sie würden gleich nach Mitternacht gehen. Ich werde mich ihnen anschließen. Gute Nacht!“ Sie hauchte rasch einen Kuss auf Quentins Wange und eilte in den Saal.

Obwohl sie sich früh zurückzog, erwartete sie nicht, viel Schlaf zu bekommen. Die Erinnerung an Quentins Kuss würde sie wachhalten – in dieser und noch in vielen weiteren Nächten …

2. KAPITEL

Ich habe Lexi geküsst! Mit diesem Gedanken schlief Quentin ein, mit diesem Gedanken wachte er auf.

Bei Tageslicht schien sein Verhalten irgendwie unwirklich. Lexi war seine beste Freundin. Eine Frau, die stets mehr eine Schwester für ihn gewesen war als irgendetwas anderes. Aber seine Gefühle waren alles andere als brüderlich gewesen, als er sie in seine Arme gezogen und geküsst hatte. Das Gefühl, das ihr zierlicher Körper in ihm ausgelöst hatte, als er sie an seinen gepresst hatte, hatte ihn fast um den Verstand gebracht.

Das Erschütternde war, dass es nicht einmal seine Absicht gewesen war, sie zu küssen. Aber etwas hatte ihn tief ergriffen, als er sie in diesem göttlichen weißen Kleid so ganz allein auf der Terrasse gesehen hatte. Und statt sich einfach nur anzuschleichen und ihr ein Happy New Year! ins Ohr zu flüstern, hatte er sie plötzlich in seine Arme gezogen und sie geküsst. Und es hatte sich so verdammt gut angefühlt, dass er einfach nicht mehr aufhören konnte.

Fluchend rollte Quentin sich auf den Rücken und starrte an die Decke.

Was zum Teufel hast du angerichtet, Reddick?

Er und Lexi waren seit mehr als zwanzig Jahren die besten Freunde. Während der ganzen Zeit war er ihr kein einziges Mal zu nahe getreten, obwohl er schon blind hätte sein müssen, um nicht zu bemerken, was für ein süßes Ding sie war. Mit ihrem gebräunten Teint, den vollen Lippen und den langbewimperten, exotischen Augen, die mit einem Blick vernichten oder betören konnten, hatte Lexi immer die Aufmerksamkeit der Männer auf sich gezogen. Auf Partys oder in Nightclubs hatten sie nie auch nur drei Schritte tun können, ohne dass irgendein Loser sich bemüßigt fühlte, sie bei der Hand zu nehmen und mit ihr Richtung Tanzfläche zu steuern – bis er Quentin und Michael sah, die mit drohenden Mienen hinter ihr standen. Die beiden Freunde hatten sich seit Collegezeiten als Lexis Beschützer gefühlt. Hatten sie unter ihre Fittiche genommen wie eine geliebte kleine Schwester. Obwohl sie beide einen Ruf als Frauenhelden hatten, hatte sie ihnen vertraut und es für sicher gehalten, mit ihnen befreundet zu sein.

Sie bedeutete Quentin mehr als jede andere Frau. Unter gar keinen Umständen wollte er diese Freundschaft gefährden, nur weil er sich für einen Moment nicht unter Kontrolle gehabt hatte. Obwohl Lexi voller Leidenschaft auf seinen Kuss reagiert hatte, war sie zuerst wie benommen und dann wütend gewesen, als sie entdeckte, dass er hinter der Maske steckte. Soweit er wusste, konnte sie sehr wohl den Rest der Nacht damit verbracht haben, Rachepläne gegen ihn zu schmieden – vielleicht mit einer Voodoo-Puppe, durch die sie ihm in den unmöglichsten Momenten Schmerzen zufügen konnte. Vielleicht, wenn er gerade ein Plädoyer vor Gericht hielt. Oder mit einer schönen Frau flirtete.

Quentin unterdrückte ein grimmiges Lächeln und beschloss, die Situation auszuloten. Er klopfte viermal gegen die Wand, sein Code für die Frage: Bin ich in Schwierigkeiten?

Er wartete mit angehaltenem Atem auf die Antwort.

Einmal klopfen bedeutete, dass sie ihm verziehen hatte. Zweimal klopfen hieß, dass er einiges tun musste, um wieder in Gnaden aufgenommen zu werden.

Eine Ewigkeit schien vergangen zu sein, bis Lexi endlich antwortete. Ein Klopfen. Stille.

Quentin atmete erleichtert auf. Es war wieder alles okay zwischen ihnen. Und mit etwas Glück würde es so bleiben.

Lexi verbrachte eine lange, ruhelose Nacht damit, immer wieder diesen glühenden Kuss zu durchleben, den Quentin und sie geteilt hatten. Aber als sie am Morgen erwachte, war sie erfreulicherweise in der Lage, die Situation nüchtern zu betrachten.

Der Vorfall der vergangenen Nacht war ein Irrtum gewesen. Zuzuschreiben dem besonderen Umstand des Silvesterabends, dem Maskenball und dem Feuerwerk über der Terrasse – alles perfekte Umstände für ein romantisches Tête-à-Tête. Wer hätte sich in einem solchen Augenblick nicht hinreißen lassen?

Sie und Quentin waren zwei reife, vernünftige Erwachsene. Der Leichtsinn eines Augenblicks konnte ihrer Freundschaft nichts anhaben. Es war ein Moment der Leidenschaft gewesen, aber eben auch nicht mehr als das – ein Moment.

Es war Zeit, diesen Kuss zu vergessen. So wie sie Quentin kannte, hatte er das längst getan.

Sie hatte diesen Gedanken noch nicht zu Ende geführt, als sie Quentin an ihre Wand klopfen hörte. Viermal. Sie musste lächeln. Sie hatten diesen Code erfunden während eines Ausflugs nach Cabo San Lucas. Dort hatten sie sich eines Abends fürchterlich gestritten, nachdem Quentin sie in einem Nightclub hatte hängen lassen.

Nur um ihn ein wenig zu quälen, nahm sie sich Zeit mit der Reaktion – so wie sie es schon vor Jahren getan hatte. Erst dann hob sie die Hand und klopfte. Einmal. Sie lachte leise, als sie sich Quentins erleichterte Miene vorstellte. Sie konnte ihm nie lange böse sein.

Eine Stunde später hatte sie geduscht und trug ihre Lieblingsjeans und einen hellen Kaschmir-Sweater. Um Quentin zu zeigen, dass wieder alles okay war, wollte sie bei ihm klopfen, um dann mit ihm gemeinsam nach unten zum Frühstück zu gehen.

Noch bevor sie zwei Schritte auf dem Korridor gemacht hatte, ging seine Tür auf – und heraus kam das Supermodel vom vergangenen Abend. Der Rock ihres Kleides endete gerade ein paar Zentimeter unter dem Po und zeigte unendlich lange schlanke Beine. Ihr schwarzes Haar war zerzaust, so als käme sie geradewegs aus Quentins Bett.

Lexi erstarrte und sah zu, wie die Frau kokett lächelte und Quentin zuwinkte. Er stand in der Tür, bekleidet nur mit seiner Pyjamahose. Nachdem die Frau verschwunden war, schüttelte er amüsiert den Kopf und schloss die Tür.

Lexi war froh, dass er sie nicht bemerkt hatte. Aber sie verwarf die Idee, bei ihm zu klopfen, und eilte allein nach unten. Wie erwartet hatte Quentin ihren Kuss längst vergessen und genoss sein Leben als Womanizer. Es war also alles wieder beim Alten.

Genau, wie sie es wollte.

Oder?

Natürlich! Was sonst?! Lexi ärgerte sich, dass sie es überhaupt infrage stellte. Am besten war doch, so zu tun, als habe es den Kuss nie gegeben. Je eher sie ihn vergaß, desto besser.

Leichter gesagt als getan!

Energisch zwang Lexi ihre Aufmerksamkeit auf ihre Umgebung. Ashas Schloss war von innen ebenso eindrucksvoll wie von außen. Lexi hatte das Gefühl, zurückversetzt zu sein in die Zeit der französischen Könige. Jeder Raum war eingerichtet mit kostbaren Antiquitäten, großen Kaminen und Ölgemälden neben alten Gobelins.

Die breite Marmortreppe führte in eine große Eingangshalle, die von einem riesigen Kristall-Leuchter erhellt wurde. Lexi folgte dem Klang lachender Stimmen zu einer Tür, die in den Frühstücksraum führte. Im Kamin brannte ein heimeliges Feuer, und das Licht der hellen Wintersonne fiel durch eine Reihe von Fenstern, die auf die parkähnlichen Gärten des Schlosses hinausgingen.

Alle Gäste hatten bereits an dem langen Mahagonitisch Platz genommen. An den Kopfenden saßen Asha und Sterling Wolf, die ihre Kinder im vergangenen Jahr mit der Neuigkeit geschockt hatten, dass sie beabsichtigten zu heiraten. Sie waren so unterschiedlich wie Tag und Nacht, aber jeder konnte sehen, dass sie wie füreinander geschaffen waren.

Das galt auch für die zwei anderen Paare am Tisch. Reese hatte ihren Kopf an Michaels Schulter gelehnt, während er zärtlich ihren Bauch massierte. Sein jüngerer Bruder Marcus konnte den Blick nicht von seiner Frau Samara wenden, die ihm gegenübersaß.

Als Lexi hereinkam, wurde sie von einem Chor herzlicher Begrüßungen empfangen.

„Guten Morgen allerseits.“ Lexi hauchte einen liebevollen Kuss auf die Wange von Sterling Wolf. Er war immer wie ein Vater für sie gewesen – auf jeden Fall mehr als der Mann, der sie verlassen hatte, als sie noch ein Kind war. Daher hatte Sterling darauf bestanden, dass sie ihn Dad nannte – und daher hatte sie ihn auch gebeten, sie bei ihrer Hochzeit vor vier Jahren zum Altar zu führen. Und das war letztlich das einzig Gute gewesen an dieser Ehe, die sich schnell zu einem Fiasko entwickelt hatte.

„Wo ist Quentin?“ Er sah sie fragend an.

„Noch in seinem Zimmer.“ Lexi nahm neben Reese Platz, die sie sichtlich enttäuscht ansah. „Wieso?“

„Wir hatten gehofft, du würdest ihn mitbringen“, sagte Reese. „Du weißt ja, dass er grundsätzlich zu spät kommt, aber das Baby und ich kommen um vor Hunger.“

Lexi war entsetzt. „Heißt das, du hast noch nichts gegessen? Es ist fast zehn Uhr!“

„Ich habe eine Kleinigkeit gehabt“, bekannte Reese ein wenig verlegen. „Aber darum geht es nicht. Du sorgst doch immer dafür, dass Quentin rechtzeitig da ist. Das ist quasi deine Rolle.“

Lexi zuckte mit den Schultern. „Ich wollte ihn nicht stören. Er … äh … hat eine kurze Nacht gehabt.“

„Er hat den Ball genau eine halbe Stunde nach dir verlassen“, ließ sich Asha vernehmen.

Lexi sah überrascht auf. „Wirklich?“

„Oui.“ Asha hielt ihrem Blick stand. „Allein.“

„Oh.“ Mehr konnte Lexi dazu nicht sagen.

Vielleicht hatte das sexy Model die Nacht tatsächlich nicht mit Quentin verbracht. Aber das hieß nicht, dass er nicht mit ihr geschlafen hatte. Vielleicht war sie früh am Morgen zu einem Quickie in sein Zimmer gekommen. Und vielleicht hatte sie noch geschlafen oder war im Bad gewesen, als Quentin seinen Code an die Wand geklopft hatte.

Asha betrachtete sie nachdenklich. Voller Unbehagen musste Lexi daran denken, wie Samara ihr einmal von Ashas Gespür für die dunkelsten Geheimnisse eines Menschen erzählt hatte. Aber falls sie nicht zufällig am vergangenen Abend auf der Terrasse gewesen war, konnte sie nicht wissen, dass Quentin Lexi geküsst hatte.

Oder? Voller Unbehagen fragte Lexi sich, ob ihr die Wahrheit nicht direkt vom Gesicht abzulesen war.

Asha lächelte leicht. „Ich möchte hoffen, dass du dir meine Neujahrswünsche zu Herzen nimmst, Alexis.“

Lexi sah sie fragend an. „Wie meinst du das?“

„Bitte nimm es mir nicht übel, ma chère, aber meine Worte galten nicht denjenigen von uns, die bereits jetzt heißen, atemberaubenden Sex haben.“

„Mom!“ Samara war entsetzt.

Michael und Marcus stöhnten bei der Vorstellung, dass ihr gut sechzigjähriger Vater noch Sex hatte – ganz zu schweigen von heißem, atemberaubendem Sex. Aber wie sollte er nicht, wenn er mit Asha verheiratet war – einer großen, kurvigen und attraktiven Frau, die mehr Sex-Appeal hatte als manch andere Frau, die nur halb so alt war wie sie?

Während Sterling leise lachte, seufzte Samara schwer. „Wenn andere Mütter einen Toast ausbringen, dann wünschen sie den Menschen Gesundheit, Glück und Reichtum. Aber nicht meine Mutter. Meine Mutter rät einem ganzen Saal voller Menschen, fröhlich zu poppen!“

Asha ließ sich nicht beirren. „Entspann dich, Darling. Zumindest musstest du dieses Mal keine kleinen Ohren zuhalten.“

„Wo sind denn die Zwillinge überhaupt?“, fragte Lexi – einerseits, um das Thema zu wechseln, andererseits, weil sie wirklich neugierig war.

„Die Jungen haben schon gegessen.“ Samara lachte. „Sie waren in aller Herrgottsfrühe wach und haben uns in den Ohren gelegen, wir sollten mit ihnen nach draußen gehen. Moms Gärtner hat sich dann ihrer erbarmt.“

Lexi grinste. „Da der Park riesig zu sein scheint, werdet ihr wohl erst mal eine Weile Ruhe haben vor euren Nachfahren.“

Die Eltern tauschten einen verschwörerischen Blick. „Das ist doch zu hoffen!“

Alle lachten.

„Fangt die Party nicht ohne mich an!“, ließ sich eine vergnügte Stimme von der Tür her vernehmen.

Alle drehten sich um, als Quentin hereinschlenderte. Er trug eine dunkle Jeans, die gefährlich tief auf den Hüften hing, und dazu einen grünen Rollkragenpullover, unter dem sich sein muskulöser Oberkörper deutlich abzeichnete. Während Lexi ihn ansah, musste sie daran denken, was es für ein Gefühl gewesen war, seine Arme um sich zu spüren. Sie hatten sich schon oft umarmt, aber erst am vergangenen Abend hatte sie das Bedürfnis verspürt, sich an ihn zu schmiegen. Sie hatte keinen Freund umarmt, sondern einen Mann. Würde sie ihn je wieder ansehen können, ohne daran zu denken?

„Wurde aber auch Zeit, dass du kommst“, meinte Michael. „Meine Frau wollte dich schon holen, weil sie Hunger hat.“

Quentin lachte. „Oh, tut mir leid.“ Er gab Reese einen Kuss auf die Wange. „Ich wollte dich nicht warten lassen. Verzeihst du mir noch einmal?“

„Ausnahmsweise.“ Reese lächelte ihn an.

Lexi seufzte stumm. Es schien, keine Frau war immun gegen Quentin Reddicks Charme. Nicht einmal schwangere, glücklich verheiratete Frauen.

Quentin nahm Lexi gegenüber Platz. Er zwinkerte ihr zu. Mit Mühe brachte sie so etwas wie ein schiefes Lächeln zuwege.

Einige Mädchen trugen Platten mit heißen, duftenden Crêpes herein, das typische Neujahrsfrühstück in Frankreich.

Während sich alle bedienten, wanderte Lexis Blick immer wieder zu Quentin, der sich mit Marcus unterhielt. Es war, als sähe sie ihn das erste Mal: die schweren schwarzen Brauen, die braunen Augen mit den langen geraden Wimpern, eine kräftige Nase, markante Wangenknochen, wohlgeformte Lippen und ein kantiges Kinn. Das schwarze Haar war kurz geschnitten. Sobald es ein wenig länger wurde, wellte es sich leicht, so wie sie es auch auf Fotos seines verstorbenen Vaters gesehen hatte.

Ihr Blick glitt zurück zu seinen Lippen und verweilte. Unwillkürlich musste sie daran denken, wie sie sich angefühlt hatten. Erlebte wieder, wie seine Zunge sich an ihrer rieb. Es brauchte nur Sekunden der Erinnerung, um sie von Kopf bis Fuß mit pulsierendem Verlangen zu füllen.

In diesem Moment drehte Quentin den Kopf und fing ihren Blick auf. Lexi musste an Comics denken, wo zwischen zwei Figuren plötzlich vibrierende Linien erschienen.

„Was ist denn mit deiner Freundin?“, rutschte es ihr heraus. Sie hätte sich auf die Zunge beißen können.

„Mit wem?“, fragte er verblüfft.

„Falls du Giselle meinst – die habe ich mit meinem Fahrer zurück ins Hotel geschickt.“ Asha lächelte fein.

Das Schloss wäre groß genug gewesen, um einen König nebst Hofstaat aufzunehmen, aber dennoch hatte Asha das Gros ihrer Übernachtungsgäste in einem nahe gelegenen Hotel untergebracht. Nur Mitglieder der Familie sowie Lexi und Quentin durften im Schloss wohnen.

Lexi nippte an ihrem Café au lait. „Da wird Giselle sicher sehr enttäuscht gewesen sein.“

„Mag sein.“ Asha warf ihr einen vielsagenden Blick zu. „Aber keine Frau ist gern das fünfte Rad am Wagen.“

Lexi überlegte unwillkürlich, wem wohl diese undankbare Rolle zugefallen wäre. Da es Giselle gewesen war, die am Morgen aus Quentins Zimmer gekommen war, lag der Schluss nahe, dass das Schicksal ihr, Lexi, diese Rolle zugedacht hatte.

Irritiert wandte sie sich wieder den Crêpes zu und nahm sich dabei vor, nach dem Frühstück dem Koch ein Kompliment zu machen. Als Absolventin einer bekannten französischen Kochschule wusste Lexi ein gut zubereitetes Crêpe immer zu schätzen – auch wenn sie plötzlich keinen Appetit mehr darauf hatte.

„Es freut mich, dass du doch noch kommen konntest, Quentin“, sagte Asha nun. „Wir waren sehr enttäuscht, als du angerufen und abgesagt hast. Besonders Alexis war sehr traurig. Nicht einmal ein Tag in Paris mit Sightseeing und Shopping konnte sie wieder aufheitern.“

„Ach, wirklich?“ In Quentins Augen blitzte ein Lachen.

Lexi unterdrückte ein Stöhnen. Was hatte sie Asha getan, dass sie sie derart bloßstellen musste?

Aber gleich darauf fuhr Asha fort: „Ich fand es übrigens ganz rührend, wie du dich gleich nach deiner Ankunft auf die Suche nach Alexis gemacht hast. Meine Güte, du hast dir ja kaum Zeit genommen, sonst jemanden zu begrüßen. Wüsste ich es nicht besser, würde ich meinen, du seist nur ihretwegen gekommen.“

Schweigen senkte sich über den Tisch, während neugierige und scheinbar wissende Blicke getauscht wurden.

Lexi und Quentin sahen sich stumm an.

Um die merkwürdige Spannung zu vertreiben, die plötzlich zwischen ihnen herrschte, zwang Lexi sich zu einem Lachen. „Natürlich wollte Quentin zu mir. Wir haben während der vergangenen zwanzig Jahre jedes Silvester gemeinsam verbracht. Alte Gewohnheiten!“

„Ist das so?“ Asha schien skeptisch.

Lexi räusperte sich und beschloss, ein anderes Thema anzuschneiden. „Unternehmen wir heute wieder etwas zusammen?“

„Darüber haben wir gerade gesprochen, bevor du kamst“, erklärte Reese. „Bitte, sei mir nicht böse, Lexi, aber ich schaffe nicht noch einen Tag Sightseeing. Meine Füße sind noch geschwollen, und mein Rücken tut weh. Ich muss es gestern Abend auf der Party wohl ein wenig übertrieben haben.“

„Ich sage ihr immer wieder, sie soll es langsamer angehen lassen“, warf Michael ein, „aber du weißt ja, wie dickköpfig sie sein kann.“

Lexi lachte voller Mitgefühl. „Da Reese Hebamme ist, glaubt sie eben, es am besten zu wissen.“

„Weil es so ist!“ Reese rieb sich den runden Bauch. „Aber mein übervorsichtiger Ehemann hat vorgeschlagen, einen Tag mit ihm vor dem Kamin zu verbringen und Filme mit ihm anzusehen.“

Lexi rollte die Augen. „Du Ärmste!“

„Ich weiß.“ Reese seufzte dramatisch. „Aber ich werde es überleben.“

Alle lachten.

Lexi wandte sich hoffnungsvoll an Samara und Marcus. „Und? Was habt ihr vor?“

Samara schnitt eine Grimasse. „Ich fürchte, wir müssen dich auch im Stich lassen. Dad und Marcus haben den Jungen versprochen, heute mit ihnen angeln zu gehen, und irgendwie sind Mom und ich in die Sache mit hineingeschlittert, das heißt, wir müssen sie begleiten.“

Lexi war entsetzt. „Angeln? Im Januar?“

„Der Winter ist die beste Jahreszeit dafür“, versicherte Sterling, ein überzeugter Frischluftfanatiker. „Jetzt sind weniger Leute draußen, und ich habe zu dieser Zeit schon manchen großen Barsch gefangen.“

Asha lachte leise. „Glaub mir, ma chère, ich würde viel lieber mit Michael und Reese am Feuer sitzen, aber versprochen ist versprochen. Sieht also ganz so aus, als wärst du bis zum Abendessen allein mit Quentin.“

„Ja, sieht ganz so aus“, bestätigte Lexi beklommen.

Als sie es wagte, einen Blick zu Quentin hinüberzuwerfen, zwinkerte er ihr mit einem Lächeln zu, das sie nur allzu gut kannte. Zum ersten Mal hatte sie Angst davor, allein zu sein mit ihm.

So viel also dazu, dass sich zwischen ihnen nichts geändert hatte.

Eine Stunde später saßen Lexi und Quentin auf dem Rücksitz einer Limousine und ließen sich nach Dijon fahren, der Hauptstadt Burgunds.

Die schmalen Straßen wanden sich durch eine Landschaft sanft rollender Hügel, bedeckt mit Wäldern und Weingärten. Gelegentlich auftauchende Dächer wirkten wie Farbtupfer in der grünen Landschaft. Es war wie eine Idylle aus einem Gemälde von Van Gogh.

„Oh, sieh mal!“ Aufgeregt deutete Lexi auf eine Kuhherde.

„Kühe?“ Quentin sah sie verblüfft an.

„Das sind nicht einfach nur Kühe, sondern Charolais-Rinder. Sie werden speziell gezüchtet für das Fleisch, aus dem man Boeuf bourguignon macht.“

„Warte mal – hast du das nicht schon mal für mich gekocht?“

Sie lächelte. „Mehrmals.“

Quentin betrachtete die Tiere jetzt sichtlich mit anderen Augen. „Gott segne euch alle!“

Beide lachten, und die Spannung zwischen ihnen verflog. Lexi hoffte, dass es so blieb, aber sie ahnte, dass das Wunschdenken war.

Bald erreichten sie Dijon, eine wunderbare alte Stadt mit vielen historischen Gebäuden und alten Kirchen, mit Kunstgalerien und Museen, teuren Boutiquen, Antiquitätenläden und alten Fachwerkhäusern an schmalen Straßen mit Kopfsteinpflaster. Es gab unzählige Cafés und Restaurants, die Gerichte aller Art anboten.

Lexi zog Quentin aufgeregt wie ein kleines Kind von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten. Als sie an einem alten Wunschstein vorbeikamen, konnten sie der Versuchung nicht widerstehen, für einen Moment schweigend eine Hand daraufzulegen.

„Was hast du dir gewünscht?“, wollte Quentin anschließend wissen.

„Das darf man nicht verraten, sonst geht der Wunsch nicht in Erfüllung.“

Und das darf nicht sein, setzte sie stumm hinzu. Weder hatte sie sich Ruhm und Ehre für ihr erstes Kochbuch gewünscht, das im kommenden Monat erscheinen sollte, noch ein besseres Verhältnis zu ihrer Mutter. Stattdessen gab es für sie nur einen Wunsch: dass Quentin und sie immer die besten Freunde bleiben würden. Sie konnte den Gedanken nicht ertragen, ihn zu verlieren.

Ehe sie es sich versahen, gerieten sie auf einen Bauernmarkt, auf dem Brotsorten aller Art, Käse, Wein und Gewürze angeboten wurden. Lexi hatte sich nur kurz umsehen wollen, aber dann konnte sie nicht widerstehen und erstand eine Delikatesse nach der anderen, wobei sie sich im Geiste immer neue Rezepte ausdachte.

Quentin zeigte schließlich Erbarmen und kaufte einen Korb für sie. „Vergiss nicht, was Asha gesagt hat“, sagte er dabei.

Lexi war mit ihren Gedanken bei einem besonderen Käse, den sie zu einer Flasche Chablis reichen wollte. Geistesabwesend fragte sie: „Was hat sie gesagt?“

„Mike und du – ihr seid an diesem Wochenende ihre Gäste. Das heißt, du darfst die Küche nicht betreten.“

Lexi stöhnte. „Das ist so unfair! Einer Köchin in Frankreich das Kochen zu verbieten, das ist so, als würdest du einen Formel-1-Fahrer dazu verdonnern, auf dem Beifahrersitz Platz zu nehmen.“

Quentin lachte. „Ich mache dir einen Vorschlag, Darling. Wenn du diese Sachen nicht wegwerfen willst, darfst du in zwei Tagen für mich kochen, wenn wir wieder zu Hause sind.“

Lexis Miene erhellte sich. „Das ist doch mal eine gute Idee!“

Er grinste. „Immer zu Diensten.“ Er tat so, als sei es ein wahres Opfer, sie für sich kochen zu lassen, aber in Wahrheit liebte er es ebenso sehr, von ihr bekocht zu werden, wie sie es liebte, für ihn zu kochen.

Nachdem sie ihre Einkäufe in der Limousine verstaut hatten, beschlossen sie, noch einen kleinen Bummel durch die malerische Stadt zu machen.

„Warte einen Moment.“

Verblüfft sah Lexi, wie er an einen Blumenstand trat. Er wechselte ein paar Worte mit der jungen Verkäuferin. Sie schien die Brocken zu verstehen, die Lexi ihm beigebracht hatte. Als er sein Killer-Lächeln anwarf, errötete die junge Frau und strahlte ihn an.

Lexi rollte die Augen zum Himmel. Ein weiteres Opfer!

Einen Moment später stand Quentin vor ihr, die Hände hinter dem Rücken verborgen. Noch ehe sie etwas sagen konnte, reichte er ihr einen wunderschönen Strauß frisch geschnittener Blumen – Rosen und Anemonen, wie auf dem Druck von Van Gogh, den er ihr vor Jahren geschenkt hatte.

„Oh, Quentin …“

„Ein Vorab-Dankeschön für dein Kochen.“ Er strahlte.

„Sie sind eine beneidenswerte Frau!“, rief das Blumenmädchen ihr zu.

„Merci beaucoup!“, rief Lexi zurück, ohne die Annahme der jungen Frau zu korrigieren, sie und Quentin seien ein Paar.

Quentin warf einen Blick auf die Uhr. Dann nahm er Lexi bei der Hand und ging zielstrebig die Straße hinunter.

„Wohin willst du?“, fragte Lexi neugierig.

„Du wirst schon sehen.“

Etwas in seinem Ton ließ ihre innere Alarmanlage schrillen. Hastig entriss sie ihm die Hand. „Ich mache keinen weiteren Schritt, solange du mir nicht sagst, was du vorhast.“

„Verdammt!“, knurrte er. „Wieso kannst du dich nicht einfach überraschen lassen?“

„Quentin!“ Ihr warnender Unterton war unmissverständlich.

„Okay, ich möchte eine Ballonfahrt mit dir machen.“

„Was?“ Lexi wurde bleich. „Ausgeschlossen.“

„Wieso?“

„Du weißt, dass ich Höhenangst habe.“

„Ich weiß.“

„Wieso willst du mich unbedingt dazu zwingen?“

„Du weißt, dass ich dich immer beschützen werde.“

„Wenn der Ballon abstürzt, kannst selbst du nichts machen, Q.“

„Vertraust du mir?“

Sie sah ihn forschend an. Hatte das Gefühl, dass es ihm um mehr ging als die Ballonfahrt. „Natürlich vertraue ich dir“, versicherte sie ihm. „Du bist mein bester Freund.“

„Dann fahr mit mir!“

Sie sah ihn an. Lange. Schweigend. Dann gab sie sich einen Ruck. „Okay. Aber falls etwas schiefgeht und wir dabei umkommen, wird mein Geist deinen bis in alle Ewigkeit verfolgen!“

Quentin gab ihr lachend einen Kuss auf die Stirn. „Das Risiko gehe ich ein.“

Die Firma für die Ballonfahrten hatte ihren Sitz am Kanal. Der freundliche, englisch sprechende Pilot gab ihnen einige Verhaltensanweisungen, bevor er ihnen die geplante Strecke erklärte. Und ehe Lexi noch ihre Meinung ändern konnte, enterten sie bereits den Korb. Der Platz des Piloten war ein wenig abgetrennt, damit die Gäste das Gefühl hatten, unter sich zu sein. Der Korb war innen ganz mit Kissen ausgelegt und schien stabiler, als Lexi es sich vorgestellt hatte.

Aber Minuten später, als der Ballon sich über ihnen aufgebläht hatte und sie abhoben, verkrampfte sich alles in ihrem Innern. Sie klammerte sich an Quentin, schloss die Augen und vergrub ihr Gesicht an seiner Lederjacke. Er legte die Arme um sie und strich ihr immer wieder beruhigend über den Rücken.

Sie spürte, wie der Ballon höher stieg. Ihr Puls raste. Kalter Schweiß brach ihr aus, und sie zitterte am ganzen Körper. Quentin öffnete seine Jacke, und ohne lange nachzudenken, schmiegte sie sich schutzsuchend an seine Brust.

„Alles wird gut“, murmelte Quentin. „Einfach nur tief durchatmen.“

Lexi befolgte seinen Rat. Sie hasste ihre Höhenangst. Hasste sie, weil sie sie so klein machte. So kläglich.

Sie wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war. Irgendwann wich das Gefühl der Panik. Wich einem Gefühl der Ruhe, das ihr Stärke verlieh. Sie gewann so etwas wie Selbstbeherrschung zurück.

„Lex“, sagte Quentin leise. „Sieh doch nur, was dir entgeht …“

Vorsichtig öffnete sie ein Auge. Dann auch das zweite. Sie atmete tief durch.

Sie schwebten – schwebten! – über Burgund.

Ein ganzes Kaleidoskop an Formen und Farben öffnete sich vor ihr. Die Hänge der Weinberge schillerten in allen Nuancen von Grün. Die Dächer der Burgen und Schlösser glänzten in der späten Nachmittagssonne in den unterschiedlichsten Schattierungen. Dörfer mit alten Kirchen waren wie kleine Flecken in der Landschaft verteilt. Das dunkle Band des Kanals wand sich behäbig durch die Wälder. Das Tal der Saône öffnete sich unter ihnen, und eine breite Palette an Braun- und Goldtönen verriet die östliche Region Burgunds, das Département Côte-d’Or.

Fasziniert ließ Lexi den Blick umherschweifen. „Oh mein Gott, Quentin“, seufzte sie. „Das ist ja … ich bin sprachlos.“

Er lachte leise. „Das kommt ja nun wirklich nicht sehr oft vor.“

„Sehr witzig!“, konterte sie, ohne den Blick von der Landschaft zu wenden – so als fürchtete sie, der Anblick könnte wieder verschwinden. Sie hob ihr Gesicht zum azurblauen Himmel und genoss Sonne und Wind, während der Ballon dahintrieb. Es war unglaublich. Ein Fest für alle Sinne!

Während der nächsten Stunde genossen Quentin und sie die Aussicht und verständigten sich dabei ohne viele Worte. Wenn Lexi aufgeregt auf etwas hinwies, nickte er nur und lächelte zustimmend. Gelegentlich meldete der Pilot sich zu Wort, um etwas zu erklären, aber meist überließ er seine Gäste ihren eigenen Wahrnehmungen.

Lexi hatte für einen Moment die Augen geschlossen, als sie plötzlich einen Korken knallen hörte. Verblüfft sah sie sich um. Quentin war dabei, Champagner in zwei Gläser zu gießen. Eines reichte er ihr.

„Ich dachte, mit dem Champagner feiert man die sichere Landung!“, sagte sie erstaunt.

„Ich habe gebeten, diesmal eine Ausnahme zu machen.“ Er lachte leise. „Ich war davon ausgegangen, dass du an irgendeinem Punkt der Fahrt etwas Alkohol zur Stärkung deines Nervensystems gebrauchen könntest.“

„Sehr klug vorausgesehen!“

Quentin hob sein Glas. „Auf dich! Darauf, dass du dich mutig deiner Höhenangst gestellt hast.“

„Ich weiß nicht, ob ich sie schon ganz besiegt habe.“

„Aber du bist hier oben, oder?“

Sie sah ihn dankbar an. „Ohne dich hätte ich es nicht geschafft, Quentin.“

„Wir sind ein gutes Team.“

„Immer.“

Sie stießen an und tranken.

Lexi seufzte zufrieden. „Was für ein erstaunlicher Tag das doch gewesen ist. Fast würde ich mir wünschen, wir müssten Montag nicht wieder nach Hause.“

„Ich auch.“

„Heute Abend würde ich gern in einem dieser Sterne-Restaurants essen.“

„Dann lass uns das doch machen.“

„Das geht nicht“, erinnerte sie ihn. „Ashas Koch bereitet ein spezielles Neujahrsessen vor. Außerdem haben wir nichts reserviert.“

„Dann machen wir es morgen Abend.“ Quentins Finger streifte ihre Wange, als er ihr eine Strähne aus dem Gesicht schob.

„Ja, warum nicht?“

Ihre Blicke blieben aneinander hängen. Ein merkwürdiges Gefühl eines leichten Schwindels durchlief Lexi. Lag es an der Höhe? Am Champagner?

Sie wusste es besser.

Zwischen Quentin und ihr hatte sich etwas geändert. Der gestohlene Kuss auf der Terrasse hatte etwas in Gang gesetzt. Etwas, das sie ins Unbekannte hinaustrieb.

Wo sie landen würden, war ungewiss.

3. KAPITEL

„Wie war deine Reise?“

Lexi erschrak. Die Stimme ihrer Mutter hatte sie aus einem Tagtraum gerissen. Einem Traum von Burgund. Und Quentin.

Ihre Mutter stand in der Tür und rauchte. Carlene Austin war am Telefon gewesen, als Lexi vor einer halben Stunde eingetroffen war. Sie hatte ihrer Tochter flüchtig zugewinkt und ihr Gespräch fortgesetzt, während Lexi in die Küche gegangen war. Der Anblick des benutzten Geschirrs ließ sie stumm aufseufzen. Dann rollte sie die Ärmel hoch und machte sich an die Arbeit.

Carlene sah sich um. „Danke, dass du dich um den Abwasch gekümmert hast. Der Geschirrspüler zickt wieder.“

„Das habe ich mir schon gedacht. Hast du jemanden bestellt?“

„Nein, kann ich mir nicht leisten.“ Nach dreißig Jahren im Öffentlichen Dienst klagte Carlene immer noch darüber, dass das Geld hinten und vorn nicht reichte.

„Ist vielleicht auch gut so.“ Lexi stellte das Wasser ab. „Der Geschirrspüler ist schon alt. Es hat keinen Sinn, noch mehr Geld hineinzustecken. Wir können dir am Wochenende einen neuen kaufen.“

„Du zahlst?“

„Natürlich.“

„Danke, Baby.“ Carlene nahm am Küchentisch Platz und drückte den Rest ihrer Zigarette in einen Aschenbecher, der schon voller Kippen war. Sie war einmal sehr hübsch gewesen, mit makellosem Teint und langem schwarzem Haar, das sie liebevoll gepflegt hatte. Aber die Zeit und die zunehmende Verbitterung, nicht zuletzt das Rauchen, hatten ihren Tribut gefordert. Jetzt waren ihre Züge verhärtet. Sie hatte dunkle Schatten unter den Augen, und die Haut wirkte fahl. Die einst wohlgeformte Figur war ausgezehrt.

Lexi wischte die Spüle aus. Dann setzte sie sich zu ihrer Mutter an den Tisch.

„Wann gehst du wieder zur Arbeit?“, wollte Carlene wissen.

„Morgen.“ Lexi arbeitete als Dozentin am Cordon Bleu, einem Koch-Institut. Sie konnte es gar nicht erwarten, ihren Studenten von ihrer Reise nach Burgund zu erzählen.

Carlene zog an ihrer Zigarette und blies den Rauch durch die Nase. „Wirst du weiterarbeiten, wenn dein Kochbuch erscheint?“

„Natürlich. Du weißt doch, dass ich gern unterrichte.“

Ihre Mutter gab etwas Unverständliches von sich. Die Vorstellung, Freude an der Arbeit zu haben, passte nicht in ihr Weltbild. Ihr Job war ihr immer nur ein Mittel zum Zweck gewesen – schließlich musste sie irgendetwas tun, um ihre drei kleinen Kinder zu ernähren, nachdem ihr Mann sie verlassen hatte. Die gescheiterte Ehe und eine Reihe weiterer ebenso katastrophaler Beziehungen hatten Carlene im Laufe der Jahre zu einer verbitterten Frau werden lassen.

Lexi sah, wie die Asche von der Zigarette ihrer Mutter auf den Tisch fiel. Carlene schien es nicht zu bemerken. Wortlos erhob Lexi sich und holte einen Lappen, um die Asche zu beseitigen.

„Ich dachte, du wolltest aufhören mit dem Rauchen“, sagte sie leise.

„Fang nicht wieder damit an!“, brummte Carlene. „Ich brauche mir keine Vorträge von dir anzuhören.“

„Das hatte ich nicht vor.“ Lexi zählte stumm bis zehn. „Aber du solltest wirklich besser auf dich achtgeben, Ma. Dein Doktor hat recht. Du spielst Russisch Roulette mit deinem Leben, wenn du so viel rauchst.“

Carlene sog tief an ihrer Zigarette und blies Lexi den Rauch direkt ins Gesicht. Obwohl es ihr in den Augen brannte, weigerte sich Lexi, den Blick zu senken. Diese Genugtuung wollte sie ihrer Mutter nicht gönnen.

Die Strategie wirkte.

Mit kurzen, heftigen Bewegungen und unter Flüchen drückte Carlene ihre Zigarette aus. „Ich bin es wirklich leid, mir von dir sagen zu lassen, was ich in meinem eigenen Haus tun und lassen darf!“

Sachlich betrachtet gehörte das Haus ebenso Lexi wie Carlene. Sie hatte ihrer Mutter beim Kauf geholfen, indem sie für den Kredit mit unterschrieben und das Startkapital gestellt hatte. Falls ihr Kochbuch sich gut verkaufte, wollte sie ihrer Mutter ein paar neue Möbel kaufen. Das war ihr seinerzeit nicht möglich gewesen, weil sie ihr ganzes Erspartes in den Kauf des Hauses gesteckt hatte.

„Du hast meine Frage noch nicht beantwortet“, sagte Carlene missmutig. „Wie war Paris?“

„Prima. Aber wir waren nicht direkt in Paris. Asha hat ein Schloss auf dem Land.“

„Ein Schloss? Tse! Na sieh mal an, wie du herumkommst!“

Lexi hätte sich ohrfeigen können. Sie hatte gegen eine ihrer eisernen Regeln verstoßen: Immer das eigene Glück herunterspielen, um kein Salz in die Wunden der Mutter zu streuen!

„Ich habe dir etwas mitgebracht.“ Sie zog eine Flasche Wein aus der Tasche.

Carlene betrachtete kritisch das Etikett.

„Pinot noir“, erklärte Lexi ihrer Mutter nervös. „Das ist ein Rotwein.“

„Was hat er gekostet?“

„Es ist ein Geschenk von Asha. Aus ihrem Weingut.“

Lexi erwartete mehr oder weniger, dass ihre Mutter die Flasche fluchend an die Wand werfen würde, aber Carlene zog erstaunt die Brauen in die Höhe. „Ein Weingut hat sie auch? Neben ihrem Modelabel? Himmel, was macht sie denn noch alles?“

Lexi zuckte mit den Schultern. „Sie ist Connaisseur. Ähm – sie liebt guten Wein“, setzte sie rasch hinzu, um sich nicht wieder vorwerfen lassen zu müssen, sie rede gestelzt. „Als sie das Schloss vor ein paar Jahren gekauft hat, wollte sie nicht, dass die Weinberge, die dazugehören, ungenutzt bleiben. Daher hat sie die Kellerei erhalten. Ihre Angestellten kümmern sich darum.“

„Während sie immer reicher wird.“ Carlenes Ton troff vor Neid. „Muss ja schön sein, so leicht an sein Geld zu kommen.“

Lexi schwieg. Sie hatte nicht die Absicht, sich zu einer Diskussion über Asha Dubois provozieren zu lassen. Davon hatten sie bereits etliche gehabt, besonders nachdem Carlene erfahren hatte, dass Lexi Silvester in Frankreich verbringen wollte. Sie hatte ihr vorgeworfen, lieber mit Fremden als mit der eigenen Familie zu feiern – obwohl Lexi gerade erst Weihnachten bei ihr verbracht hatte. Im Gegensatz zu ihren Geschwistern, die es klugerweise vorgezogen hatten, über die Feiertage in New York zu bleiben.

Wie oft hatte Lexi sich schon gefragt, was sie überhaupt in Atlanta hielt. Nachdem sie die Ausbildung in New York abgeschlossen hatte, wäre es ihr ein Leichtes gewesen, in der Stadt zu bleiben. Aber sie war wieder nach Hause gekommen, aus Gründen, die sie selbst nicht verstand. Ihre Geschwister bezeichneten es als ihre masochistische Ader, und wahrscheinlich hatten sie recht.

„Danke für den Wein“, sagte Carlene. „Ich bin sicher, er wird mir schmecken.“

Lexi schickte ein stummes Dankgebet gen Himmel. Alles schien friedlich abzugehen.

„Was macht Michael?“, fragte Carlene.

„Er und Reese freuen sich auf das Baby. Sie haben das Kinderzimmer schon eingerichtet und warten jetzt auf den großen Tag.“

„Das ist schön.“ Carlene seufzte. „Eine Schande, dass du ihn dir nicht schnappen konntest, bevor sie es getan hat. All die Jahre eurer Freundschaft – so verschwendet.“

Da sind wir wieder beim Thema! Lexi schwieg. Ihre Mutter und sie hatten nun schon so oft darüber diskutiert, dass sie genau wusste, was jetzt kommen würde. Und richtig …

„Wenn du nicht immer versucht hättest, wie die Jungen zu sein, hätte Michael vielleicht die Frau in dir gesehen, die er lieben kann.“

Lexi zwang sich, die Ruhe zu bewahren. „Ich weiß, du kannst es dir nicht vorstellen, Ma, aber ich war nie an Michael als Mann interessiert. Und ich bin froh, dass er in mir nie mehr als eine gute Freundin gesehen hat. Er und Reese sind absolut perfekt füreinander. Ich bin sehr glücklich für sie und wünschte, du könntest es auch sein.“

Carlene schnaubte verächtlich. „Ich habe nie gesagt, dass ich mich nicht für sie freue. Ich habe nur darauf hingewiesen, dass du Michael schon länger kennst als Reese. Wenn jemand das Recht gehabt hat, ihm die Junggesellenflügel zu stutzen, dann doch wohl du.“

Lexi schüttelte den Kopf über die Logik ihrer Mutter. „Mit Quentin bin ich schon genauso lange befreundet“, sagte sie.

„Quentin?“ Carlene lachte verächtlich. „Oh, Baby, bei dem ist Hopfen und Malz verloren. Ein absoluter Taugenichts! Sogar seine eigene Mutter weiß, dass er nie eine Familie gründen und ihr Enkel schenken wird.“

„Menschen können sich ändern“, hörte Lexi sich sagen.

„Nicht Quentin Reddick. Selbst wenn du sein Typ wärest …“

„Quentin hat keinen Typ“, sagte Lexi hitzig. „Er mag alle Frauen.“

Carlene sah sie verblüfft an. „Wieso regst du dich denn plötzlich so auf? Es ist doch nicht so, als ob du an Quentin interessiert wärest.“

„Natürlich nicht.“ Lexi klang gereizt. „Aber wenn du so redest, gibst du mir das Gefühl, ich wäre so unattraktiv, dass ich nicht einmal jemanden wie Quentin interessieren könnte.“

„Das ist doch Unsinn! Aber du kannst noch so gut aussehen – du kannst keinen Mann halten, der es liebt, sich herumzutreiben. Das weißt du doch genauso gut wie ich.“

Lexi wand sich innerlich, als die Spitze traf. Sie hätte inzwischen immun sein sollen gegen die Sticheleien ihrer Mutter, aber sie war es nicht. Nachdem Carlene jahrelang über die Untreue der Männer hergezogen war, hatte sie sich nur bestätigt gefühlt, als Lexi ihren Mann mit einer anderen überraschte. Seit der Scheidung hatte Carlene sich keine Gelegenheit entgehen lassen, ihrer Tochter klarzumachen, dass sie mehr Gemeinsamkeiten hatten, als ihr lieb sein mochte.

„Nur ein einziges Mal!“, sagte sie gequält. „Könntest du nicht wenigstens ein einziges Mal so tun, als täte es dir leid, dass meine Ehe nur zwei Jahre gehalten hat?“

Carlene fuhr auf. „Wieso redest du so mit mir? Ich habe Mitgefühl mit dir gehabt!“

„Dann hast du aber eine merkwürdige Art, es zu zeigen.“

„Ich habe dir von Anfang an gesagt, dass Adam McNamara nicht gut ist für dich, aber du musstest ihn ja unbedingt heiraten! Wenn du auf mich gehört hättest …“

Lexi hob eine Hand. „Können wir das Thema für heute beenden? Schlimm genug, dass in der nächsten Woche unser Hochzeitstag gewesen wäre.“

„Oh.“ Carlene war nun doch irgendwie betroffen. „Das hatte ich vergessen.“

Lexi lächelte bitter. „Ich wollte, ich könnte es auch.“

Carlene zog ihre Schachtel Zigaretten aus der Tasche, betrachtete sie unschlüssig und schob sie widerstrebend beiseite. „Du hast noch nicht zu Ende erzählt von deiner Reise.“

Lexi zögerte einen Moment, bevor sie beschloss, das unausgesprochene Friedensangebot anzunehmen. „Es war wunderbar.“

„Und was genau?“

„Alles. Das Essen, der Wein, die Landschaft.“ Sie lächelte versonnen. „Der Höhepunkt war eine Fahrt mit einem Heißluftballon.“

„Wie bitte?“ Carlene sah sie entgeistert an.

Lexi musste lachen. „Quentin hat mich überredet, mit ihm eine Ballonfahrt zu machen. Hältst du das für möglich? Ausgerechnet ich – wo ich schon Beruhigungstabletten nehmen muss, wenn ich in ein Flugzeug steige. Das ist doch wirklich schockierend, oder?“

„Nein, eher nicht“, sagte Carlene trocken. „Der Kerl kann eine Frau offensichtlich zu allem überreden.“

Lexi war mit ihren Gedanken abgeschweift. „Weißt du, Ma, ich habe mich immer gefragt, wieso ich solche Angst vor Höhen habe. Es ist fast, als ob … Ich weiß auch nicht. Es ist schwer zu erklären.“

Schweigen.

Carlene betrachtete ihre Zigaretten wie ein Junkie den rettenden Schuss.

„Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich glauben, mir wäre irgendetwas passiert, als ich noch ein Baby war. Vielleicht hat mich eine Schwester im Krankenhaus fallen lassen oder …“

Carlene fuhr auf. „Oder was? Was willst du damit sagen?“

Lexi schreckte zurück. „N…nichts. Ich wollte nur …“

„Was zum Teufel ist heute mit dir los? Zuerst wirfst du mir vor, ich hätte nicht genug Mitleid gehabt wegen deiner gescheiterten Ehe. Und nun wirfst du mir was vor? Kindesmissbrauch?“

Lexi sah sie entsetzt an. „Natürlich nicht.“

„Ich weiß doch, worum es geht!“ Carlene hatte sich in Wut geredet. „Du hast das Wochenende mit dieser reichen Frau verbracht und findest, sie wäre eine bessere Mutter als ich. Sie ist reich und weltgewandt und trinkt guten Wein. Ich will dir was sagen: Ich habe alles für dich und deine Geschwister getan, als ihr klein wart. Alles! Ich habe nichts zu …“

Mit einem Ruck schob Lexi den Stuhl zurück und erhob sich. „Mir reicht es für heute. Ich gehe jetzt.“

Carlene sagte nichts, während Lexi ihren Mantel vom Haken nahm.

„Gute Nacht, Ma“, sagte Lexi müde, und während sie die Haustür hinter sich zuwarf, fragte sie sich wohl zum x-ten Mal, was um alles in der Welt sie eigentlich hier in Atlanta hielt.

4. KAPITEL

Am anderen Ende der Stadt saß Quentin allein an der langen Mahagoni-Bar im Wolf’s Soul, dem Restaurant, das seinem Freund Michael gehörte. Seit einer halben Stunde hielt er sich nun schon an einer Flasche Bier fest.

„Wessen Beerdigung war denn heute?“ Michael setzte sich zu ihm. „Was ist los, Mann?“

„Nichts weiter. Ich habe nur einiges zu begrübeln.“

Michael nickte. „Morgen beginnt ja der große Prozess. Marcus redet schon seit Wochen von nichts anderem.“

Im vergangenen Jahr hatte Marcus Wolf seine Kanzlei umbenannt in Wolf & Reddick, um Quentins Status als Partner hervorzuheben. Jetzt vertrat Quentin einen Fall als Hauptanwalt vor dem Berufungsgericht von Georgia. Es ging um einen Angestellten, dem von seinem Arbeitgeber, einer Versicherungsgesellschaft, gekündigt worden war, nachdem er offen über die betrügerischen Praktiken gesprochen hatte, mit der die Firma Zahlungsverpflichtungen abwehrte.

Dieser Prozess hätte Quentin an diesem Abend beschäftigen sollen. Der Adrenalinkick, der mit der Vorbereitung eines großen Falls einherging – das war es, wofür er lebte. Wieso also drehten sich alle seine Gedanken um eine Frau, die er nicht haben konnte – und die er nicht begehren sollte?

Michael sagte etwas. Seine Stimme verschmolz mit dem allgemeinen Stimmengewirr des gut besuchten Restaurants. „… sagt, du bist der beste Anwalt gegen diese Haie aus der Versicherungsbranche. Er sagt, du freust dich schon darauf, sie vor Gericht zu Hackfleisch zu machen.“

Quentin nahm einen langen Zug aus seiner Flasche und murmelte ein unverbindliches „Mmh“, um Michael zu zeigen, dass er zuhörte. Auch, wenn er das nicht tat.

Es entstand eine Pause.

„Wenn ich mich recht erinnere“, fuhr Michael fort, „ist Marcus sicher, dass du die Sache an die Wand fährst. Er ist überzeugt, dass die gegnerischen Anwälte dich in der Luft zerpflücken werden.“

„Mm, hm“, stimmte Quentin zu. In Gedanken war er in Burgund. Im Korb eines Heißluftballons. Mit Lexi. Er dachte daran, wie fasziniert sie die Landschaft betrachtet hatte, die unter ihnen dahinglitt. Nach einer Weile hatte er nur noch Augen für Lexi gehabt …

„… plant eine Überraschungsparty für das Baby. Und Lexi sagt, sie wird …“

Quentin fuhr auf und sah Michael fragend an. „Was sagst du da?“

„Aha.“ Sein Freund nickte. „Das war es also, was dich beschäftigt hat. Lexi!“

Quentin nippte stirnrunzelnd an seinem Bier. Er spürte Michaels nachdenklichen Blick und wusste instinktiv, was in seinem Freund vorging.

„Was ist da zwischen dir und Lexi?“

„Nichts“, log Quentin.

„Unsinn. Ich habe doch gesehen, was am Wochenende mit euch los war. Es knisterte nur so vor Spannung zwischen euch.“

Quentin schwieg und starrte auf sein Bier. Er und Michael waren bereits seit Kindesbeinen beste Freunde. Außer Lexi kannte niemand ihn besser als Michael. Das hieß, er kannte sowohl seine guten wie seine schlechten Seiten. Wenn es um Frauen ging, überwogen letztere.

Michael holte tief Luft. „Sieh mal, Q, du weißt, nichts würde mich mehr freuen, als meine zwei besten Freunde glücklich zu sehen. Es wäre ziemlich verrückt, wenn Lexi und du … ich meine, wenn ihr nach all diesen Jahren zusammenkommen würdet.“ Er grinste schief. „Aber ich würde es akzeptieren – solange ihr beide bereit seid, etwas daraus zu machen.“

Quentin wusste, dass nur seine Fähigkeit – und Bereitschaft – in Frage gestellt war.

„Ich möchte unter gar keinen Umständen, dass Lexi noch einmal verletzt wird“, fuhr Michael ruhig fort. „Wir wissen beide, wie sie in der Ehe mit diesem Bastard gelitten hat.“

Der Gedanke an Adam McNamara konnte Quentin immer wieder hochbringen. Der Kerl hatte ihr übel mitgespielt und ihr auch den letzten Rest an Illusionen geraubt, was Männer anging. Auch jetzt noch, zwei Jahre nach der Scheidung, wurde Quentin aggressiv, wenn er an den Mann dachte. Der einzige Grund, wieso er ihn noch nicht umgebracht hatte, war, dass Lexi geschworen hatte, ihn nicht im Gefängnis zu besuchen. Das Risiko wollte er nicht eingehen. Er hatte ihr versprochen, ihrem Exmann nichts anzutun, und er hatte die Absicht, sein Wort zu halten. Aber sollte er McNamara jemals nachts allein in einer dunklen Straße treffen, könnte er für nichts garantieren …

„Er hatte sie nie verdient“, knurrte Quentin.

„Absolut nicht“, pflichtete Michael ihm bei. „Nach allem, was sie hinter sich hat, braucht sie jetzt einen Mann, der bereit ist, sich wirklich an eine Frau zu binden und sie zu lieben.“

Quentin lächelte zynisch. „Und du glaubst, das könnte ich nicht? Weil ich mich nicht ändern kann?“

Michael musterte ihn durchdringend. „Und? Kannst du dich ändern?“

Sie starrten sich an. Die Luft zwischen ihnen schien elektrisch geladen vor Spannung.

Michael brach den Blickkontakt als Erster. Die Art, wie sich seine Züge veränderten, verriet Quentin, wer hereingekommen war. Er warf einen Blick über die Schulter. Und richtig, Reese kam zu ihnen herüber. Der runde Bauch wölbte sich unter dem offenen Hebammenkittel. Das Stethoskop hing noch um ihren Hals. Einige Gäste riefen ihr einen Gruß zu, den sie fröhlich erwiderte.

„He, Jungs“, sagte sie, als sie die beiden Männer an der Bar erreicht hatte.

„He, Baby!“ Quentin lächelte sie an.

„Hallo, Sweetheart!“ Michael zog sie am Stethoskop zu sich, um sie zärtlich zu küssen. „Du hast vergessen, das Ding abzulegen. Ein hektischer Tag?“

„Das kann man sagen. Wir haben acht Babys auf die Welt gebracht, dabei sogar Zwillinge.“ Lächelnd sah sie ihm in die Augen. „Und wie war dein Tag?“

„Gut. Und nun noch besser, seit du hier bist.“

Quentin rollte die Augen.

Reese lachte. „Ich glaube, wir gehen unserem Freund hier auf die Nerven.“

„Ich weiß. Ist das nicht schön?“

„Absolut!“

Sie wechselten einen vielsagenden Blick, der Quentin ein leises Lachen abnötigte.

„Hast du Hunger?“ Michael sah Reese fragend an.

„Habe ich das nicht immer?“

„Ich mache dir schnell etwas Leckeres, damit du von den Füßen kommst.“

„Nein, nein, bleib sitzen“, sagte sie rasch, als er aufstehen wollte. „Ich bin ja keine Invalidin. Ich kenne den Weg zur Küche. Redet ihr nur zu Ende.“

„Nein, nein“, widersprach Quentin. „Nimm deinen Mann ruhig mit. Er stört mich beim Meditieren.“

„Beim Meditieren?“ Amüsiert sah Reese sich um. „Hier?“

„Das ist eben das Schöne am Meditieren. Man kann es überall machen.“ Quentin grinste. „Ganz im Gegensatz zu einigen anderen Dingen …“

„Geh nur schon vor“, bat Michael hastig. „Ich komme gleich nach.“

Reese verschwand lachend.

Michael sah Quentin ernst an. „Wir sind uns also einig, oder?“

„Wegen Lexi?“

Michael nickte. „Wenn du bereit bist, dich wirklich auf eine Beziehung einzulassen, dann mach es. Aber falls du ihr wehtust, bekommst du es mit mir zu tun.“ Sein grimmiges Lächeln verriet Quentin, dass er es ernst meinte.

Quentin sah seinem Freund mit gerunzelter Stirn nach. Widerstrebend musste er sich eingestehen, dass Michael allen Anlass hatte, seine Haltung zu Lexi in Frage zu stellen.

„Entschuldigen Sie – ist der Platz hier noch frei?“

Quentin warf einen Blick über die Schulter. Eine Frau stand hinter ihm. Aus reiner Gewohnheit ließ er den Blick rasch über sie gleiten. Schlank und attraktiv. Zarte Haut. Langes Haar. Ein nettes Lächeln. Hübsch.

Aber sie war nicht zierlich. Und sie hatte auch nicht genügend Kurven. Oder diese Augen, in deren Blicken ein Mann glaubte ertrinken zu können. Oder sinnliche Lippen, die wie für die Sünde gemacht schienen.

Weil sie nicht Lexi war.

Lexi.

Abrupt erhob er sich.

Verblüfft sah die Frau zu, wie er einige Geldscheine auf den Tresen warf. „Die Drinks gehen auf mich, Ma’am.“

„Sie gehen schon?“ Sie war sichtlich enttäuscht.

„Richtig.“

„Allein?“

„Allein.“

Lexi ging zu Hause zuerst einmal unter die Dusche. Wenn sie bei ihrer Mutter gewesen war, hatte sie immer das Gefühl, wie ein übervoller Aschenbecher zu riechen. Sie hasste es. Genüsslich ließ sie den heißen Wasserstrahl über ihren Körper perlen und shampoonierte ihr Haar.

Anschließend zog sie sich frische Dessous über und griff nach dem Fön. Sie war gerade fertig damit, ihr Haar zu trocknen, als jemand an ihre Badezimmertür klopfte.

„Lex!“, rief eine tiefe männliche Stimme.

„Quentin?“

Er lachte leise. „Wie viele Männer haben einen Zweitschlüssel für dein Haus? Noch jemand außer mir?“

„Ich erinnere mich nicht.“

Nach einer kurzen Pause: „Das ist nicht witzig, Lex.“

Sie lachte, insgeheim erleichtert darüber, dass sie die Badezimmertür immer zuzog, um den Dampf nicht in der ganzen Wohnung zu haben. Die Vorstellung, Quentin könnte sie beim Duschen beobachtet haben, ließ sie vor Verlegenheit rot werden. Nicht, dass er je derart in ihre Intimsphäre eingedrungen wäre. Sie hatte sich oft im selben Zimmer wie er umgezogen, und er hatte ihr dabei immer den Rücken zugekehrt – ganz der perfekte Gentleman. Aber natürlich bekam er auch mehr als genug Brüste zu sehen. Er war nicht darauf angewiesen, bei seiner besten Freundin ein Auge zu riskieren.

„Was machst du denn hier?“, rief Lexi durch die geschlossene Tür, während sie nach dem Topf mit der Mango-Body-Butter griff, um sich einzucremen. „Solltest du nicht im Büro sein und dich auf den Prozess vorbereiten?“

„Ich brauche eine Pause.“

„Du schlaffst ab!“, neckte sie ihn.

„Ich komme gerade aus dem Restaurant.“

Lexi musste nicht fragen, welches er meinte. Es verging keine Woche, in der nicht einer von ihnen oder sie beide gemeinsam im Wolf’s Soul aßen. Abgesehen davon, dass sie sich dort wohlfühlten – das Essen war einfach nicht zu toppen!

„Wie lange bist du schon hier?“

„Nicht lange. Ich habe ein paarmal geklingelt. Als sich nichts rührte, dachte ich mir, dass du im Bad bist. Deswegen habe ich mir dann selbst aufgemacht.“

„Kein Problem.“ Sie begann, die duftende Creme zu verreiben. Zuerst an einem Arm, dann am anderen.

„Bist du bald fertig?“

„Fast. Ich creme mich nur noch ein.“

„Oh.“ Quentins Stimme klang merkwürdig belegt. „Das heißt, du bist noch nicht angezogen?“

„Nicht ganz.“

Quentin schwieg.

Lexi stützte einen Fuß auf den Rand der Badewanne und rieb sich die Creme über die Schenkel. Langsam massierte sie sie bis hinunter zum Fuß, bevor sie das Bein wechselte.

„Ich habe dir etwas zu essen gebracht.“ Quentins Stimme war immer noch merkwürdig rau.

„Nett von dir!“

„Ich dachte mir, dass du wahrscheinlich noch nicht zu Abend gegessen hast.“

„Du hast recht – wie immer.“ Bildete sie es sich nur ein, oder war seine Stimme jetzt näher an der Tür?

Sie schluckte und fuhr sich mit der Zungenspitze über die Lippen. Ihr Blick hing an ihrem Spiegelbild, während sie begann, sich den Bauch einzureiben. Ihre Muskeln spannten sich. Langsam ließ sie die Hände über die Brüste gleiten. Ein Schauer prickelnder Erregung überlief sie.

Ohne Vorwarnung gaukelte ihr Verstand ihr plötzlich vor, der Türgriff werde heruntergedrückt. Einen Moment später stand Quentin hinter ihr. Ihre Blicke trafen sich im Spiegel.

Wortlos kam er zu ihr. Griff wie selbstverständlich in den Topf und nahm sich genügend Creme, um beide Handflächen damit zu befeuchten. Ihr Körper vibrierte vor Erwartung. Ein sinnliches Lächeln umspielte seine Mundwinkel.

Mit kreisenden Bewegungen begann er, die Creme auf ihren Brüsten zu verteilen. Begann von außen und arbeitete sich langsam zu den dunklen Brustwarzen vor. Ließ seine Daumen hinübergleiten, rieb sie sanft und doch nachdrücklich. Heißes Verlangen durchlief ihren Körper.

Quentin massierte und liebkoste ihre Brüste, bis ihr Blick trunken war vor Lust. Während seine warmen Lippen eine heiße Spur ihren Hals hinunterzogen, glitt eine Hand langsam über ihren Körper. Ihr Puls raste. Sie bebte vor Erwartung. Sehnte sich nach seiner Berührung. Seine Finger schoben sich unter das Gummi ihres Höschens. Berührten …

„Lex? Bist du okay?“

Quentins Stimme ließ Lexi jäh aus ihrem erotischen Tagtraum erwachen.

Entsetzt betrachtete sie sich im Spiegel. Der Anblick ihrer erregten Brustwarzen verriet mehr als viele Worte. Sie schlang die Arme um sich, so als könnte sie die Erregung damit vor sich selbst verbergen.

„Lex?“, fragte Quentin noch einmal.

„J…ja, alles okay.“ Sie musste sich räuspern, bevor die Stimme ihr gehorchte.

„Bist du sicher? Du hast gestöhnt. So als ob du Schmerzen hättest.“

Oh Gott! Ihr schoss das Blut in die Wangen. „Ich … äh … mir ist etwas auf den Fuß gefallen. Aber es ist nicht so schlimm. Wirklich!“

Nach einem langen Moment des Schweigens: „Okay, dann zieh dich erst mal an.“

Ja! Bitte geh! „Ich bin gleich fertig!“

„Okay.“

Lexi musste sich am Waschbecken abstützen. Was um alles in der Welt machte sie? Hatte erotische Tagträume von Quentin! Quentin! Er war ihr bester Freund! Ihr Vertrauter. Der letzte Mann auf Erden, den sie begehren sollte. Und genau das tat sie! Der Tagtraum war derart real und heiß gewesen, dass sie kurz davor gewesen war zu kommen, hätte Quentin ihn nicht unterbrochen.

Lexi spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht. Es war alles seine Schuld! Sein gestohlener Silvesterkuss hatte alle möglichen Gefühle geweckt, von deren Existenz sie bis dahin nicht einmal etwas geahnt hatte. Hätte er sie nicht einfach geküsst, stünde sie jetzt nicht so hier – um Atem ringend, mit weichen Knien und schmerzhaft verhärteten Brustwarzen. Und das alles nur als Auswirkung eines Tagtraums! Wie viel stärker mochte die Realität sein? Was, wenn er sie wirklich geliebt hätte?

Ein tiefer Schauer durchlief sie. Stopp! Sie rief sich energisch zur Ordnung. Nie im Leben würden Quentin Reddick und sie im Bett landen. Niemals!

Ganz gleich, wie sexy Quentin sein mochte – und sexy war er wirklich! –, sie durfte sich nicht emotional auf ihn einlassen. Wenn schon ein Kuss ihre Gefühlswelt derart durcheinanderbrachte, dann müsste alles Weitere ihr Leben unabänderlich in neue Bahnen lenken. Und wenn sie bedachte, dass sie die vergangenen zwei Jahre damit verbracht hatte, sich ein neues Leben aufzubauen, dann war ein emotionales Chaos wirklich das Letzte, was sie jetzt gebrauchen konnte.

Sie atmete einmal tief durch und zog sich ein unförmiges, uraltes T-Shirt und schwarze Leggings an. Kritisch betrachtete sie ihr Spiegelbild. Aber hatte Quentin sie nicht schon mit Lockenwicklern, hässlichen Flanellpyjamas und einer Gurkenmaske im Gesicht gesehen? Wieso also jetzt eitel werden?

Zufrieden damit, dass sie ihre Hormone halbwegs wieder im Griff hatte, machte Lexi sich auf die Suche nach Quentin. Sie fand ihn in der Küche. Er hatte Anzugjacke und Krawatte abgelegt und die Hemdsärmel aufgerollt. Unwillkürlich glitt ihr Blick über seine breiten Schultern zu den schmalen Hüften und den langen Beinen.

Ihr Mund war plötzlich wie ausgedörrt. Hatte er schon immer diese rohe Männlichkeit ausgestrahlt? Diesen Sex-Appeal? Falls ja, wie hatte sie dann die ganzen Jahre immun dagegen sein können?

In diesem Moment wandte er den Blick von der Mikrowelle und sah sich zu ihr um. Konnte den Blick nicht von ihr lösen.

Verlegen wechselte Lexi von einem Fuß auf den anderen. „Was ist?“

„Nichts. Dein T-Shirt erinnert mich irgendwie an das College.“

Außer, dass ich im College keine Tagträume davon hatte, wie du in mein Badezimmer kommst und deine Hände über meinen nackten Körper gleiten lässt!

Lexi spürte, wie sie rot wurde. Sie musste sich ablenken. „Das duftet aber gut!“

„So wie du!“

„Im Gegensatz zu dem, wie ich normalerweise dufte?“

Er grinste und zwickte sie leicht in die Nase. Das hatte er schon tausendmal getan, aber noch nie hatte er damit einen Schauer des Verlangens bei ihr ausgelöst.

„Benimm dich, oder ich esse alle Rippchen allein.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Collection Baccara Band 362" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen