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COLLECTION BACCARA BAND 345

CHARLENE SANDS

Verführt von einer Fremden

War es ein Traum – oder hatte er in der Nacht wirklich heißen Sex? Verwirrt erwacht Luke. Diese Schmerzmittel haben ihn richtig benebelt … und so erinnert er sich nicht an Audrey, die süße Schwester seines besten Freundes, die er im Dunkel der Nacht geliebt hat. Obwohl sie ihm verändert vorkommt, als sie ihn einen Monat später überraschend besucht …

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Verführt von einer Fremden

1. KAPITEL

Normalerweise brachte Audrey Faith Thomas so schnell nichts aus der Fassung. Doch der Sturz ihres großen Bruders beim Amarillo-Rodeo vor sechs Monaten, bei dem seine Wirbelsäule schwer verletzt worden war, war zu viel gewesen. Die Situation war so ernst, dass Audrey im letzten Semester die Hochschule für Veterinärmedizin verlassen hatte, um ihn gesund zu pflegen.

Audrey erschauerte bei der Erinnerung daran und dankte dem Allmächtigen, dass Casey lebte und so streitlustig war wie eh und je. Doch die Angst, die sich jetzt in ihr ausbreitete, als sie hinter dem Steuer ihres Trucks saß und ihrem Schicksal entgegenfuhr, hatte nichts mit Caseys schrecklichem Fünf-Sekunden-Ritt und dem daraus resultierenden Abschied vom Rodeo zu tun. Es war eine andere Angst. Eine Angst, die sie verrückt machte und an sich selbst zweifeln ließ. Eine Angst, die in ihr das Verlangen auslöste, den Pick-up zu wenden und nach Reno zurückzufahren, anstatt unangemeldet auf der Sunset Ranch zu erscheinen.

Um Lucas Slade gegenüberzutreten.

Dem Mann, den sie verführt und dann mitten in der Nacht verlassen hatte.

Audrey schluckte und versuchte, sich ihr Verhalten zu erklären. Es gelang ihr nicht. Noch immer konnte sie nicht glauben, was sie getan hatte. Und auch wenn sie sich das Motiv für ihr Handeln immer wieder vorgebetet hatte – nichts hatte sich geändert.

Letzten Monat, nach einem Streit mit ihrem Bruder und anschließender dreiwöchiger Funkstille, hatte sie ihr Zuhause in Reno verlassen und sich zu seiner Hütte am Lake Tahoe gewagt, um sich mit ihm zu versöhnen.

Doch als sie ankam, schlief Casey tief und fest auf der Couch. Und der Letzte, mit dem sie im Gästezimmer, in ihrem Bett, gerechnet hatte, war Luke Slade – der Mann ihrer Träume, der Mann, an dem sie jeden anderen maß. Schon als Teenager hatte sie für ihn geschwärmt.

Bei seinem Anblick hatte sie augenblicklich ihren Verstand in den Urlaub geschickt. Das war ihre Chance. Und ihre prüde Erziehung würde sie nicht daran hindern, sich zu holen, was sie brauchte. Sein rechter Arm war eingegipst. Kein Grund für sie, sich ihm nicht zu nähern.

Luke hatte sie angeblinzelt. „Komm näher“, klang damals seine raue Stimme durch die Dunkelheit. Sie hatte seine Worte als Einladung betrachtet, zu ihm ins Bett zu klettern. Über die Konsequenzen hatte sie nicht nachgedacht. Warum auch? Es war eine wundervolle Nacht mit dem Mann gewesen, den sie seit Jahren heimlich liebte.

Audrey sah ihre getigerte Katze Jewel, die in der Transportbox auf dem Beifahrersitz schlief, entschuldigend an. „Es war ja nicht irgendein Typ. Es war Luke“, sagte sie, als erklärte dies alles. Die Katze öffnete die Augen, starrte Audrey an und kehrte dann ins Land der Katzenträume zurück. Audrey konzentrierte sich wieder auf die kurvenreiche zweispurige Straße, eine Abkürzung durch die Sierra Nevada zur Sunset Ranch.

Die gleißende Sonne blendete sie, also zog sie ihre knallig pinkfarbene Baseballkappe tiefer ins Gesicht. Nachdem sie den Gebirgspass überquert hatte, bog sie von der Straße ab. In der Ferne konnte sie schon die Sunset Lodge erkennen. Das elegante Resort war eins der überaus erfolgreichen Geschäftsfelder der Slades. Eine halbe Meile von der Lodge entfernt lag schließlich die Ranch.

„Wir sind gleich da“, sagte sie zu der schlafenden Katze.

Audrey konnte sich allerdings nicht so entspannen wie Jewel. Krampfhaft umklammerte sie das Lenkrad, und ihr Herz schlug wie verrückt, als ihre Zweifel und ihre Angst immer größer wurden.

Sie hätte in jener Nacht bei Luke bleiben und ihm am nächsten Tag mutig gegenübertreten sollen. Doch jedes Mal, wenn ihr dieser Gedanke durch den Kopf schoss, stellte sie sich vor, wie Casey aufwachen und sie im Bett mit seinem Freund finden würde. Er wäre ausgerastet. Deshalb hatte sie entschieden, dass es besser war, Luke und die Hütte zu verlassen.

Zwei Tage später, als sie endlich den Mut aufbrachte, ihren Bruder anzurufen, hatte sie den Grund für Lukes Besuch erfahren. Er wollte sich in Caseys Hütte am Lake Tahoe von seinem eigenen schrecklichen Unfall erholen, bei dem er unters Pferd gekommen war und sich den Arm und drei Rippen gebrochen hatte.

Jetzt würde sie Luke endlich treffen. Sie würde ihn auf die gemeinsame Nacht ansprechen und ihm vielleicht sogar ihre Liebe gestehen. Sie fragte sich, ob sie für ihn leichte Beute gewesen war, ein One-Night-Stand, eine Frau, die nicht wusste, was sie wollte. Wie dachte er darüber, dass sie ihn noch in derselben Nacht verlassen hatte?

Bald würde sie es wissen. Sie näherte sich dem Tor zur Sunset Ranch. Das schmiedeeiserne Emblem, das die untergehende Sonne am Horizont darstellte, markierte die östliche Einfahrt zur Ranch. Sie verlangsamte die Geschwindigkeit, rollte nur noch im Schritttempo vorwärts, spürte, wie sie der Mut verließ.

Noch könnte sie umdrehen und nach Hause fahren.

Hinter ihr drückte der Fahrer eines vollbeladenen Heuwagens auf die Hupe und riss sie aus ihren Träumen. Sie nahm es als Omen. Fahr weiter. Tritt deinem Schicksal mutig entgegen. Was auch immer es für dich bereithält.

Also los! Ein paar Minuten später parkte Audrey ihren Truck, nahm die Katzenbox und klopfte an Lukes Tür.

Nach ein paar endlosen Sekunden wurde die Tür geöffnet, und sie stand Lucas Slade gegenüber. Sein dunkelblondes Haar glänzte in der Sonne, die Strahlen küssten sein unrasiertes Gesicht. Faszinierend.

Wortlos starrte sie ihn an. Sie wollte nicht das Falsche sagen und damit alles vermasseln. Also schwieg sie und wartete darauf, dass er etwas sagte.

„Bist du das unter der Kappe, Audrey Faith?“

Himmel, sie hatte die verdammte Kappe vergessen. Sie nickte und schob sie zurück.

Luke strahlte. „He, komm her.“

Er wartete nicht, bis sie sich rührte, sondern trat mit ausgestreckten Armen vor. In diesem Moment war all ihre Angst vergessen. Er freute sich, sie zu sehen. Gott sei Dank.

Aber wenn sie damit gerechnet hatte, dass er sie umarmen und so küssen würde, wie er sie in der Hütte geküsst hatte, so wurde sie enttäuscht. Stattdessen zog er sie in eine geschwisterliche Umarmung und klopfte ihr zweimal freundschaftlich auf den Rücken, bevor er einen Schritt zurücktrat, um sie anzusehen.

„Was führt dich zur Sunset Ranch?“ Er blickte über ihre Schulter. „Ist Casey mitgekommen?“

„Oh … nein. Casey ist nicht bei mir.“

„Okay.“ Er nickte. „Komm ins Haus. Raus aus der Hitze. Und bring deine Katze mit.“

Sie hatte ihre Tigerkatze in der Transportbox ganz vergessen. „Das ist Jewel. Sie ist vor zwei Monaten von einem Wagen angefahren worden und stand eine Weile unter Schock. Jetzt leidet sie unter Trennungsangst, wenn ich sie zu lange allein lasse.“

Luke schaute sich die Katze genauer an. „Sie hat die ganze Reise von Reno hierher mitgemacht?“

Ihr Pulsschlag beschleunigte sich, als er seinen Blick wieder auf sie richtete. Sie nickte.

„Glückliche Katze. Ich wette, sie genießt bei dir eine fürstliche Behandlung.“

Audrey stand da, völlig verwirrt über Lukes Reaktion. Er machte keine einzige Bemerkung über das Wiedersehen. Oder über die Nacht, die ihre Welt aus den Angeln gehoben hatte. Er schien nicht verärgert zu sein, nicht verletzt, erleichtert oder überhaupt irgendetwas. Sie konnte nicht sagen, was genau sie erwartet hatte, aber diese höflichen Floskeln ganz sicher nicht.

Wie angewurzelt stand sie da, doch dadurch ließ Luke sich nicht aus der Ruhe bringen. Er nahm einfach die Transportbox und trug sie ins Haus.

Audrey riss sich zusammen und folgte ihm.

„Gut siehst du aus, Audrey Faith“, sagte er.

Du auch, dachte Audrey. Ihre Kehle war wie zugeschnürt, als sie sich an die erotischen Träume der letzten vier Wochen erinnerte. Und jetzt stand sie dem Held ihrer Träume gegenüber. „Nenn mich bitte nur Audrey. Das Faith lasse ich seit ein paar Jahren weg.“

Luke lachte. Es war ein tiefes, sinnliches Lachen, genau wie sie es in Erinnerung hatte. Sicher, damals als Teenager hatte sie von Sinnlichkeit keine Ahnung gehabt. Sie wusste nur, dass sie den Klang seines Lachens liebte. „In Ordnung, Audrey“, sagte er sanft.

Gnade. Allein seine Art, ihren Namen auszusprechen, erregte sie.

Audrey rief sich zur Ordnung und folgte ihm ins Haus. Sie schaffte es sogar, den Blick nicht auf den knackigen Hintern in den engen Jeans zu heften. Stattdessen konzentrierte sie sich auf Lukes dunkelblondes Haar, das ihm über seinen Kragen bis auf die Schultern fiel. Es war länger als in jener Nacht. Sie erinnerte sich, wie sie ihre Finger durch die dicken Locken hatte streifen lassen. Wie sehr sehnte sie sich danach, es wieder zu tun.

Die Nacht mit ihm schien ihr immer mehr wie ein unwirklicher Traum.

Luke stellte die Box auf das Sofa und drehte sich zu Audrey. „Es ist wirklich schön, dich zu sehen. Es ist lange her.“

Lange her? Sie hatte ihn erst vor einem Monat gesehen.

„Ich freue mich auch.“ Die Unterhaltung verlief anders als erwartet. In ihren schönsten Fantasien war Luke begeistert gewesen, sie zu sehen. Er hatte sie in sein Schlafzimmer getragen, ihr seine Liebe gestanden und sie angefleht, ihn nie wieder zu verlassen. Der Worst Case war gewesen, dass er geschimpft hatte, weil sie ungeschützten Sex mit ihm gehabt hatte und dann mitten in der Nacht weggelaufen war.

Aber dieses Gespräch war einfach nur merkwürdig.

„Ich freue mich wirklich über deinen Besuch.“ Luke bot ihr einen Platz an.

Sie setzte sich neben die Katzenbox. Luke nahm ihr gegenüber in einem Ohrensessel Platz. „Du siehst super aus.“

Lügner. Wie immer trug sie eine karierte Bluse und ausgebeulte Jeans. Die viel zu langen Haare hatte sie unter die Baseballkappe gestopft. „Danke, du auch. Geht es dir besser?“

„Ich kann nicht klagen. Mein Arm ist wieder in Ordnung.“ Als sie sich geliebt hatten, war er noch eingegipst gewesen, was Luke aber nicht daran gehindert hatte, sie in jener Nacht tausend herrliche Tode sterben zu lassen.

„Das ist … gut.“

„Was hast du so gemacht?“, fragte er höflich.

„Ich … Luke?“ Es gefiel ihr gar nicht, dass sie so verzweifelt klang, aber Luke ließ das Ich-bin-mitten-in-der-Nacht-über-dich-hergefallen – Thema völlig ungerührt links liegen.

Jetzt aber wurde sein Blick weich, und in seiner Stimme schwang Mitgefühl mit. „Was ist los, Honey? Hast du wieder mit Casey gestritten? Ist er immer noch so unerträglich?“

Sie lehnte sich verwirrt zurück. Gab er sich absichtlich so begriffsstutzig? Er musste doch wissen, warum sie den langen Weg zur Ranch auf sich genommen hatte.

„Wir streiten immer noch“, sagte sie, „aber anders.“

„Und wie?“ Er schien wirklich interessiert.

„Er kann mir keinen Hausarrest mehr aufbrummen, deshalb gebe ich ihm ordentlich Kontra.“

Luke lachte. „Das kann ich mir lebhaft vorstellen.“

Audrey rang sich ein Lächeln ab. Sie verstand es einfach nicht. Luke verhielt sich so, als wären sie nicht intim gewesen, als hätten sie keinen heißen Sex im Gästezimmer gehabt. War Sex etwas so Alltägliches für ihn, dass er gar nicht darüber nachdachte?

„Casey hat begriffen, dass ich erwachsen bin. Er benimmt sich mir gegenüber nicht mehr so herrisch wie früher.“

Sie wollte Luke klarmachen, dass Casey keine Rolle spielte. Was zwischen ihnen beiden passiert war, ging ihren großen Bruder nichts an.

„Dann hat er es also endlich geschafft loszulassen?“

„Er bemüht sich. Es ist besser als früher.“

Luke nickte, und sie starrten sich wieder an. „Kann ich dir etwas zu trinken anbieten?“

„Nein danke.“

„Okay.“ Er nickte wieder. Audrey merkte, dass er verstohlen auf seine Uhr sah.

„Halte ich dich von etwas ab?“

„Nein.“ Er richtete sich auf und schenkte ihr seine ganze Aufmerksamkeit.

Audrey wusste, entweder jetzt oder nie. Sie musste mit Luke über jene Nacht sprechen.

„Es gibt tatsächlich einen Grund, warum ich gekommen bin, Luke“, sagte sie leise. „Ich glaube, du weißt warum, aber wenn du willst, dass ich anfange …“

Luke zog nachdenklich die Stirn kraus. Dann schien der Groschen zu fallen. „Ach … Audrey.“ Er hob die Hand, um sie zum Schweigen zu bringen. „Sag nichts mehr. Ich hätte es in dem Moment wissen sollen, als ich dich vor meiner Tür stehen sah.“

Erleichtert lockerte Audrey die verspannten Schultern. Endlich. Jetzt würden sie über alles reden.

„Du hast von dem Job gehört, der auf der Ranch zu vergeben ist“, sagte er. „Casey hat dir wahrscheinlich davon erzählt. Wenn ich darüber nachdenke, dann gibt es niemanden, der so geeignet ist wie du, meinen eigensinnigen Hengst zu bändigen. Ich hätte selbst darauf kommen sollen, aber wir haben seit Jahren nicht miteinander gesprochen, deshalb bin ich gar nicht auf die Idee gekommen. Es ist tatsächlich so, dass ich Tribute zähmen und ausbilden muss. Eine große Aufgabe. Casey hat mir gesagt, dass du erst im Herbst wieder zurück an die Hochschule für Veterinärmedizin gehst.“

Audrey wurde blass, und ein Beben ging durch ihren Körper. Gleich würde er ihr ansehen, wie niedergeschmettert sie war. Das durfte nicht passieren.

Reiß dich zusammen, Audrey.

So langsam kapierte sie. „Ich … ja, das war der Plan“, stammelte sie.

Sie wünschte, sie hätte tatsächlich kehrtgemacht und wäre nach Reno zurückgefahren, statt hierherzukommen. Denn was sie gerade erlebte, war ein absoluter Albtraum.

Wir haben seit Jahren nicht miteinander gesprochen.

Sie könnte das wörtlich nehmen. Eigentlich hatten sie nicht gesprochen. Sie hatten die ganze Nacht lang nur geächzt und gestöhnt. Doch sie war nicht so naiv zu glauben, dass Luke das gemeint hatte.

Der Luke, den sie von früher kannte, hätte nicht um dieses Thema herumgeredet. Er wäre offen und ehrlich gewesen. Er hätte sich vermutlich entschuldigt, und das schlechte Gewissen hätte ihn gequält, weil er mit der Schwester seines besten Freundes geschlafen hatte. Audrey konnte nur eine logische Schlussfolgerung daraus ziehen.

Luke weiß nicht, dass wir miteinander geschlafen haben.

Wenn ihr jemand einen Dolch ins Herz gestoßen hätte, wäre der Schmerz nicht größer gewesen.

„Was sagst du dazu, Honey?“ Seine dunkle, melodische Stimme durchbrach ihre Seelenqual.

„Willst du den Rest des Sommers mit mir auf der Sunset Ranch verbringen?“

„Es sind Formalitäten, Audrey, aber wir müssen sie erledigen“, sagte Luke, als er ihr ein Bewerbungsformular für den Job auf der Sunset Ranch reichte.

Sie saßen in dem Büro der Slades. Audrey spürte Lukes Blick auf sich, als sie anfing, den Personalbogen auszufüllen. Ihr Verstand war auf Autopilot gestellt, als sie sich darauf festlegte, die nächsten zwei Monate als Pferdeflüsterin in Lucas Slades sehr lukrativem Pferdezuchtunternehmen zu arbeiten.

Audrey war mit dem Formular fertig und beugte sich vor, um Luke den Personalbogen zu reichen. Der frische Duft seines Aftershaves weckte Erinnerungen an ihre Küsse auf seinen Hals, seine Schultern und seine Brust. Es war derselbe Duft, den sie noch in der Nase gehabt hatte, als sie schon lange die Hütte ihres Bruders verlassen hatte.

Luke blickte flüchtig über den Personalbogen, dann lächelte er und stand auf. „Damit hast du den Job. Komm, ich zeige dir dein Zimmer.“

Ein paar Minuten später stand Audrey allein in ihrem neuen Zimmer. Ihr war ganz schwindlig, so viel war in den letzten dreißig Minuten passiert.

Sie hatte entdeckt, dass sie Sex mit einem Mann gehabt hatte, der sich nicht daran erinnerte.

Er hatte ihr einen Traumjob angeboten.

Und er hatte darauf bestanden, dass sie in einem Gästezimmer wohnte, das keine zehn Meter von seinem Schlafzimmer entfernt lag.

Audrey schaute auf Jewel, die es sich auf der Tagesdecke gemütlich gemacht hatte, ein getigertes Fellknäuel auf einer schwarz-gelb geblümten Decke. Das Zimmer war wunderschön und größer als jeder Raum, den sie bisher ihr eigen genannt hatte. Trotzdem hinterfragte sie ihre Entscheidung. Was habe ich getan?

Sie musste nicht lange nachdenken. Sie hatte getan, was sie tun musste. Sie hätte nicht gehen und riskieren können, Luke nie wiederzusehen. Nein, sie war da, wo sie sein musste. Sie hatte eine zweite Chance mit Luke bekommen.

Sicher, es tat weh, dass Luke sich nicht an die Nacht erinnerte, die für sie unvergesslich war. Hemmungslos hatte sie seine heißen Küsse erwidert und sich ihm so wild und leidenschaftlich hingegeben, dass sie im Nachhinein selbst erstaunt gewesen war.

Ich werde es nie vergessen.

Unwillkürlich gab sie ein zufriedenes Schnurren von sich. Die Katze hob den Kopf.

Audrey unterdrückte ein Kichern und trat ans Bett. „Schlaf weiter, Jewel“, flüsterte sie, setzte sich und streichelte die Katze, bis diese die Augen wieder schloss.

Oh, wie gern würde sie jetzt mit dem Tier tauschen. Keine Sorgen und keinen Kummer zu haben und den ganzen Tag schlafen zu können – was konnte es Schöneres geben?

Audrey erlaubte sich einen Moment des Selbstmitleids, bevor sie versuchte, das Leben wieder von der heiteren Seite zu betrachten. Luke vertraute ihr. Das war ein Vorteil. Er hatte ihr einen Job gegeben, der auf einer höchst angesehenen Ranch nicht leicht zu bekommen war. Und das nicht, weil er mit Casey befreundet war, sondern weil sie mit Tieren umgehen konnte. Er vertraute auf ihre Fähigkeiten und brauchte ihre Hilfe bei dem verdammten Pferd, das auf ihn getreten war und ihn schwer verletzt hatte.

Trib war eine Herausforderung, die sie meistern konnte.

Luke dazu zu bringen, sie nicht nur als die kleine Schwester seines Freundes zu sehen, würde mehr Arbeit erfordern.

„Ich weiß, dass wir zusammen gut sind“, hatte Luke gesagt.

Audrey seufzte.

Wenn er nur wüsste, wie recht er hatte.

Gleich nachdem Luke Audrey ihr Zimmer gezeigt hatte, ging er zurück ins Büro, um sich ihren Bewerbungsbogen noch einmal anzusehen. Audrey Faith Thomas, Halbschwester von Casey – obwohl niemand mehr erwähnte, dass sie nur eine Halbschwester war –, hatte ihre Eltern früh verloren, und Casey hatte sie großgezogen. Sie war die kleine Schwester gewesen, die ihm auf dem Rodeogelände immer hinterhertrottete. Luke fand, dass Audrey im Leben zu kurz gekommen war. Casey war überfürsorglich und sehr streng gewesen in seinem Bemühen, ihr Vater und Mutter zu ersetzen.

Die Tiere waren ihr Ausgleich gewesen, besonders die Rodeo­pferde. Wenn Audrey kam, wurden sie lammfromm.

Ihrer Bewerbung entnahm er, dass sie nach dem College in einer Tierarztpraxis in Reno gearbeitet hatte, bevor sie entschied, Veterinärmedizin zu studieren. Luke fiel auf, dass sie sehr oft ehrenamtlich in Tierheimen und auf Gnadenhöfen für Pferde gearbeitet hatte. Außerdem gehörte sie der Organisation „Freedom for Wild Horses“ an.

Luke nahm das Telefon und gab Caseys Nummer ein. „Hallo“, sagte er, als sein Freund sich meldete.

„Hi.“

„Deine kleine Schwester ist hier. Sie arbeitet jetzt für mich.“

Schweigen am anderen Ende der Leitung. Dann: „Das hat sie mir nicht gesagt.“

Oh, oh. Luke mochte es gar nicht, zwischen die beiden zu geraten. „Nun, es hat sich so ergeben. Du musst mal erwähnt haben, dass ich Leute brauche. Egal, sie stand vor meiner Tür, und ich habe sie für die nächsten Monate als Pferdewirtin eingestellt.“

„Verdammt, Luke, ich kann mich nicht erinnern, mit ihr darüber gesprochen zu haben. Offensichtlich werde ich alt und vergesslich.“

Luke lachte. Casey war dreiunddreißig. „Ja, anscheinend. Hast du ein Problem damit, dass sie hier arbeitet?“ Nicht, dass Audrey seine Erlaubnis brauchte. Sie war vierundzwanzig und traf ihre eigenen Entscheidungen. Er hatte Casey aus einem ganz anderen Grund angerufen.

Casey zögerte. „Absolut nicht. Es ist nur, dass sie sich in letzter Zeit etwas komisch verhält. Du weißt schon, will allein sein und so etwas. Ich dachte, sie würde zur Hütte kommen und mit mir den Sommer dort verbringen. Sie war in Reno mit so einem Versager zusammen und hat sich endlich von ihm getrennt. Der Mistkerl hat sie betrogen. Meine kleine Schwester war wirklich am Boden zerstört. Ich glaube nicht, dass sie schon darüber hinweg ist. Ich hätte den Kerl am liebsten umgebracht.“

„Das kann ich mir vorstellen. Nun, jetzt ist sie hier. Sie wohnt im Haupthaus. Du musst dir keine Sorgen machen. Ich passe auf sie auf.“

„Wie immer. Ich weiß das sehr zu schätzen, Luke. Und ich verlasse mich darauf, dass du dafür sorgst, dass ihr keiner der Rancharbeiter das Herz bricht.“

„Mann, sie wird diejenige sein, die den Männern das Herz bricht.“

Casey lachte. „So rum ist das in Ordnung.“

„So, so. Mach dir keine Sorgen um Audrey. Außerdem kannst du jederzeit zu Besuch kommen.“

„Ich soll meine Hütte verlassen? Ich habe Bier, meinen Grill und kann den ganzen Tag tolle Frauen am See anschauen.“

Luke schoss das Bild einer besonders tollen Frau durch den Kopf – eine Blondine mit langen Beinen und einem strahlenden Lächeln –, die uneingeladen zu der Party am See gekommen war, die Casey an Lukes letztem Abend für etwa fünfzig Gäste geschmissen hatte. Die Frau hatte sofort Lukes Aufmerksamkeit auf sich gezogen, doch er hatte nicht einmal ihren Namen herausgefunden. Sie war spät gekommen und früh gegangen, hatte Luke aber immer wieder verführerische Blicke zugeworfen. Er wollte sich ihr gerade nähern, als er von jemandem aufgehalten wurde, der etwas über seine Tage beim Rodeo hören wollte.

„Hast du herausgefunden, wer diese Blondine war?“ Luke hatte guten Grund zu fragen.

„Du meinst diesen heißen Feger?“, fragte Casey. „Ich war zwar betrunken, aber nicht so betrunken, dass ich sie nicht gesehen hätte.

„Dann weißt du also, von wem ich spreche.“

„Ich habe herausgefunden, dass sie Desiree heißt.“

„Und?“

„Sie ist eine Bekannte eines meiner Nachbarn. Sie lebt irgendwo an der Ostküste und ist schon wieder weg. Mehr weiß ich nicht. Du hast deine Chance verpasst.“

Luke würde Casey keinesfalls verraten, was ihm selbst mit der Blondine passiert war. Luke behielt Privates für sich. Doch da er die Gastfreundschaft seines Freundes genossen und einige Wochen in Caseys Hütte gewohnt hatte, verspürte er ein schlechtes Gewissen, weil er Casey gegenüber nicht ganz ehrlich war. Aber wer prahlt schon gerne mit einem One-Night-Stand mit einer Fremden, egal, wie schön sie war? Nicht in der heutigen Zeit und in seinem Alter. Er war keine achtzehn mehr. Zu seiner Entschuldigung konnte er nur sagen, dass er wie betäubt gewesen war. Von den starken Schmerzmitteln.

Ständig quälten ihn vage Erinnerungen an die Nacht.

Zumindest wusste er jetzt, wer die geheimnisvolle Frau war. Sie war in jener Nacht die Aktive gewesen, was ihm sehr gelegen gekommen war, da er wegen seiner Verletzungen in seiner Beweglichkeit eingeschränkt gewesen war. Manchmal dachte er, dass er alles nur geträumt hatte, doch er erinnerte sich an kleine Details, wie zum Beispiel ihren frischen blumigen Duft, ihre langen blonden Haare, die seine Wangen streichelten, und seine totale Befriedigung und gute Laune, als er am nächsten Morgen erwacht war.

„Nun, damit ist das Geheimnis gelöst“, sagte Luke und dachte, dass es das Beste war, dass sie so weit weg wohnte. One-Night-Stands waren nicht sein Ding, komplizierte Affären noch viel weniger. Bisher hatte er keine Frau kennengelernt, die ihn länger als sechs Monate interessierte. Liebe konnte man nicht erzwingen. Das hatte er einmal auf der Highschool versucht, und am Ende war er derjenige gewesen, der an nicht enden wollendem Liebeskummer litt.

„Schade“, sagte Casey. „Sie war verdammt heiß.“

Ja, das war sie. Soweit er sich erinnern konnte, war sie im Bett eine Granate gewesen. Doch das behielt Luke für sich und lenkte stattdessen die Unterhaltung auf das neue Projekt, das Casey eventuell in Angriff nehmen wollte.

Ein paar Minuten später beendete Casey das Telefonat mit einer letzten Bemerkung. „Danke, dass du meiner kleinen Schwester hilfst, Luke. Du bist wie ein Bruder für sie. Ich weiß, dass du dich um sie kümmern wirst.“

„Das verspreche ich dir, Case. Ich werde dich nicht enttäuschen.“

2. KAPITEL

Audrey holte ihre Reisetasche aus dem Truck. Sie hatte keinen Schimmer, was sie erwarten durfte, wenn sie hier ohne Einladung auftauchte – ganz sicher nicht, dass sie einen Job auf der Ranch bekam –, aber sie hatte Kleidung zum Wechseln und das Allernotwendigste mitgebracht für den Fall, dass mit Luke alles klappte. Etwas Optimismus war doch erlaubt, oder? Zumindest hatte sie angenommen, dass Luke sich erinnerte, Sex mit ihr gehabt zu haben. Es war unbestreitbar … hatte sie zumindest gedacht. Es hatten zwei Menschen in dem Bett gelegen und fast eine Stunde lang heißen Sex gehabt.

Da sie die nächsten Monate als Angestellte auf der Ranch blieb, würde sie in die Stadt fahren und sich Kleidung kaufen müssen. Vor einer halben Stunde hatte sie mit ihrer Freundin Susanna Hart telefoniert, die einen Schlüssel zu ihrem Haus – eigentlich Caseys Haus – in Reno besaß. Susanna hatte versprochen, Kleidung, den Laptop, einige Fotos und Jewels Lieblingsnapf einzupacken und zu schicken. Audrey hatte ihrer Freundin keine Einzelheiten erzählt, nur, dass sie den Sommer über auf der Sunset Ranch mit Pferden arbeiten würde.

Audrey ging ins Bad, um sich frisch zu machen, und stieß einen entsetzten Aufschrei aus, als sie in den Spiegel blickte. Sie sah fürchterlich aus. Unter den Augen hatte sie dunkle Ringe, und ihre Haare, die unbedingt geschnitten werden mussten, schauten kreuz und quer unter der Kappe hervor. „Meine Güte, Audrey, wie siehst du aus?“

Hastig begab sie sich daran, ihr Erscheinungsbild ein wenig zu optimieren.

Sie sehnte sich danach, zu den Pferden zu gehen. Auf der Fahrt hierher hatte sie die Pferdekoppel und zehn oder mehr Pferde gesehen, die im Schatten der gigantischen Eichen standen.

Sunset Lodge hatte eigene Stallungen mit gutmütigen, sanften Pferden, die hauptsächlich von den Gästen der Lodge geritten wurden. In den Ställen der Ranch dagegen standen einige der erlesensten Hengste, Stuten und Wallache, die es im Westen der USA gab.

Casey hatte von Slades Pferden immer geschwärmt. Ihr Bruder hatte keine Ahnung, dass sie jedes Mal ein Kribbeln im Bauch verspürte, wenn sie irgendetwas hörte, was mit Luke zu tun hatte. Erinnerungen an ihn und die Tatsache, dass er nie geheiratet hatte, ließen sie häufiger von ihm träumen, als sie zugeben wollte. Ihre Gefühle für ihn hatten sie für andere Männer blind gemacht. Bis sie Toby kennenlernte. Mit ihm war sie eine Beziehung eingegangen, und sie hatte ihn trotz seiner Fehler gemocht, bis sie eines Tages von seinen diversen Seitensprüngen erfahren hatte.

Das war bitter gewesen.

Das Schlimmste an der Geschichte aber war, dass sie mehr und mehr das Gefühl hatte, sich nie mit einem anderen Mann als Luke zufrieden geben zu können.

Und das war ein Traum, der niemals in Erfüllung gehen würde.

Sie setzte ihre Kappe auf, und ein paar Minuten später stand sie am Zaun der Pferdekoppel, in der Nähe eines Baumes, unter dem sich drei Pferde zusammendrängten. Eines der Pferde blickte zu ihr. Es war ein wunderschöner brauner Wallach mit einem Stockmaß von hundertsiebzig Zentimetern, die Beine mit weißen Socken gezeichnet.

„Ja, komm, Junge“, sagte sie leise.

Das Pferd trottete zu ihr, und Audrey streckte die Hand über den Zaun und ließ das Tier ihren Duft schnuppern und in ihre Augen sehen. „Du bist ja ein ganz Hübscher.“

Das Pferd wieherte, und als sie sicher war, dass der Wallach sich mit ihr wohlfühlte, legte sie die Hand an sein Fell und streichelte über den Widerrist.

„Wir beide werden Freunde sein.“

Ein weiteres Pferd kam angelaufen, und schon bald stupsten sich die drei Pferde gegenseitig zur Seite, um von Audrey gestreichelt zu werden.

Sie lächelte und merkte, dass sie sich seit Tagen nicht mehr so gut gefühlt hatte.

Pferde waren immer ihre Rettung gewesen.

Ein Hund huschte vorbei und bellte die Pferde aus unersichtlichem Grund an, während er am Zaun entlangrannte. Audrey merkte, dass es ein Spiel unter den Tieren war. Die Pferde kümmerten sich kaum um den schwarz-weißen Border-Collie.

Kurz darauf erschien ein kleiner Junge. Auf seinen kurzen Beinen rannte er so schnell er konnte hinter dem Hund her. Er blieb abrupt stehen, als er Audrey sah.

„Hallo“, sagte sie.

„Hi.“ Der Knirps blickte zu Boden.

„Ich heiße Audrey. Ich bin eine Freundin von Luke und werde mich um die Pferde kümmern. Wie heißt dein Hund?“

„D…das ist nicht m…mein Hund. Ich p…passe für Mr Slade auf ihn a…auf. Er heißt Bl…Blackie.“

Audrey nickte. „Schöner Name. Ich wette, du hast auch einen schönen Namen.“

Der Junge lächelte. „E…Edward. Nicht Eddie. S…so nennt mich k…keiner.“

„Dann werde ich es auch nicht tun, Edward.“

„Danke. I…ich muss los. Meine Gr…Grandma wartet.“

„Okay. War nett, dich kennenzulernen, Edward.“

Der Junge nickte und rannte los.

Audrey lächelte in sich hinein, und so fand Luke sie, als er eine Minute später neben sie trat. „Ich sehe, du hast Edward und Blackie kennengelernt.“

Beim Klang seiner Stimme verspürte sie schon wieder dieses Prickeln. Sie konnte ihn nicht ansehen. Stattdessen schaute sie zu den Pferden, die immer noch um ihre Aufmerksamkeit buhlten. „Ja, er scheint ein netter Junge zu sein.“

„Ja, das ist er. Er ist zehn Jahre alt. Seine Großmutter leitet die Küche in der Sunset Lodge. Es ist eine lange Geschichte, aber er lebt gern dort. Mein Bruder Logan und ich geben ihm hier kleine Aufgaben. Blackie auszuführen gehört auch dazu.“

„Verstehe.“ Endlich drehte sie sich zu ihm, doch es fiel ihr schwer, in sein attraktives Gesicht und die tiefblauen Augen zu sehen.

Reiß dich zusammen, Audrey. Du musst ihn jetzt jeden Tag ansehen.

Lukes Magen knurrte, und er lachte. „Entschuldige. Die Haushälterin hat Urlaub, und ich bin ein hoffnungsloser Fall in der Küche. Ich wollte zur Lodge, um mir dort ein Essen zu erbetteln. Kommst du mit?“

„Ich … nein danke. Sieh mich an. Für die Lodge bin ich nicht richtig angezogen.“

Er zog ihr die Kappe liebevoll ins Gesicht, so wie er es früher immer getan hatte. „Natürlich bist du das.“

„Nein, wirklich nicht.“ Ihre Augen blitzen. Sie wusste, dass sie schrecklich aussah. Kaum zu glauben, dass sie in diesem Aufzug bei ihm geklingelt hatte. „Ich brauche eine Dusche und frische Kleidung. Außerdem will ich Jewel nicht zu lange allein lassen. Sie muss sich an die neue Umgebung erst gewöhnen.“

Faule Ausrede … die glückliche Katze verschlief vermutlich den ganzen Nachmittag.

Luke betrachtete Audrey einen Moment nachdenklich. „Kannst du kochen?“

„Ich bekomme ein Essen auf den Tisch, wenn es sein muss.“

„Ich erinnere mich. Du bist eine ziemlich gute Köchin. Was hältst du davon, wenn du duschst und dich umziehst und wir uns dann in der Küche treffen? Wir beide schaffen es schon, einen essbaren Lunch zu zaubern. Ich würde lieber mit dir auf der Ranch essen als allein in der Lodge.“

Sie durfte es nicht zu wörtlich nehmen, dass er lieber mit ihr aß. Diese achtlos dahingeworfene Bemerkung war typisch für Luke. Er war zu allen herzlich.

Sie könnte ablehnen. Sie könnte ihm sagen, dass sie sich ausruhen wollte, aber wem machte sie eigentlich etwas vor? Durch ihren Körper pumpte genug Adrenalin, dass sie einen Marathonlauf bewältigen könnte. „Okay. Wir treffen uns in einer halben Stunde in der Küche.“

Sein Magen fing wieder an zu knurren, und Luke grinste wie ein kleiner Junge. „Ich werde da sein.“

Audrey regulierte die Wassertemperatur und stellte sich unter die Dusche. Als der Wasserstrahl auf ihren nackten Körper traf, schloss sie die Augen und entspannte sich. Gedanken an eine schrecklich einsame Zeit in ihrem Leben schossen ihr durch den Kopf.

Sie war sechzehn und hatte sich geärgert, dass sie den Tanzabend auf der Highschool verpasst hatte. Sie war zwar keine große Tänzerin, aber es wäre ihr wichtig gewesen, unter Freunden zu sein. Sie war alles andere als glücklich damit, die Wochenenden mit Casey auf der Straße zu verbringen, und an diesem Samstagabend war sie besonders schlecht gelaunt.

Deshalb ließ sie sich von Judd Calhoon und seinem Freund – beide nur geringfügig älter als sie und ziemlich harmlos – überreden, gegen Caseys Regeln zu verstoßen und sich aus dem Wohnwagen zu schleichen, der ihr und Caseys zweites Zuhause war. Er ist sowieso nur mein Halbbruder, hatte sie damals gedacht. Und sie war seine überfürsorgliche Art leid.

Sie traf sich mit den Jungs um Mitternacht – während Casey seinen Rausch ausschlief. Eine halbe Meile von der Rodeo-Arena entfernt zündeten sie auf einem freien Feld ein kleines Lagerfeuer an. Sie hatten viel Spaß, und Audrey fühlte sich richtig gut, weil sie mal den Aufstand probte. Sie trank sogar ein oder zwei Schluck von dem Whiskey, den die Jungs mitgebracht hatten.

Und bevor sie sich’s versah, brach Judds Freund neben ihr zusammen und schlief laut schnarchend auf dem Boden ein. Auch Judd hatte reichlich getrunken – doch er war hellwach und wurde plötzlich aufdringlich. Seine Hände waren überall und sein pickeliges Gesicht über ihrem. Judd Calhoon, der Bruder des Rodeo-Clowns, war alles andere als ein Romeo, und Audrey schob ihn weg mit den Worten, dass es blöd von ihm sei, so eine Nummer abzuziehen.

Judd jedoch ließ ihr Nein nicht gelten. Er wurde immer zudringlicher, und ehe sie merkte, wie ihr geschah, lag er auf ihr. „Runter!“, rief sie und versuchte ihn wegzustoßen.

Doch er war zu groß, zu schwerfällig und zu stark für sie.

„Ach, komm schon, Audrey. Keiner wird es erfahren.“

Er roch nach Whiskey und Zigaretten. Er küsste ihr Kinn, ihre Wange, verpasste ihren Mund aber immer wieder, weil Audrey das Gesicht schnell genug wegdrehte. „Ich sagte, runter von mir“, schrie sie ihn an.

Und endlich fügte er sich. Nur, dass Judd nicht von allein aktiv wurde, sondern dass Luke ihn an den Schultern packte und durch die Luft schleuderte. Mit vor Wut hochrotem Gesicht hielt er ihm dann eine gehörige Standpauke.

„Alles okay mit dir?“, fragte er Audrey, als er mit Judd fertig war. Er half ihr auf die Beine, und sie klopfte sich den Staub von der Kleidung. Sie war Luke dankbar, aber sie hatte auch Angst vor dem, was sie zu hören bekommen würde.

„Alles okay.“

„Ich wollte ihr nichts tun, ich schwöre es“, winselte Judd.

Luke blickte Audrey unverwandt an, während er in Richtung Judd zwischen zusammengebissenen Zähnen knurrte: „Halt die Klappe, oder ich bringe dich zum Sheriff.“

Dann ergriff Luke Audreys Hand und führte sie zu seinem Truck. Sie stieg ein und schwieg auf der Rückfahrt. Sie wusste, dass Luke vor Wut kochte, und ein Teil seines Zorns galt ihr.

„Das war wirklich blöde, mitten in der Nacht abzuhauen.“

„Ich weiß.“

„Und auch gefährlich. Die Jungs sind dumm und unberechenbar.“

Audrey nickte.

Luke hielt fünf Meter von dem Wohnwagen entfernt, den sie mit Casey teilte.

„Warum hast du das getan, Audrey Faith?“

Sie starrte durch die Windschutzscheibe in die Dunkelheit und öffnete Luke ihr Herz. Sie vertraute ihm an, wie einsam sie war, wie traurig, dass sie nicht bei ihren Schulfreunden war, und wie sehr sie das Rodeo langweilte. Sie erzählte weiter, dass Casey sie mit seinen Regeln und Vorschriften einengte, dass er nur ihr Halbbruder war und dass sie das Gefühl hatte, nirgendwo zu Hause zu sein. Ihr einziges Glück war ihre Liebe zu den Pferden. Sie weinte, und Luke beugte sich zu ihr und wischte ihr zärtlich die Tränen mit seinem Taschentuch weg.

Er ermunterte sie, sich alles von der Seele zu reden, hörte ihr wirklich zu und kam schließlich mit einem Kompromissvorschlag. Er würde Casey nicht erzählen, was passiert war, aber zu Judd und seinem Freund gehen und dafür sorgen, dass die beiden sie nie wieder belästigten, wenn sie im Gegenzug gelobte, zu ihm zu kommen, bevor sie aus lauter Frust wieder irgendetwas Dummes oder Gefährliches anstellte. Er ermutigte sie, mit Casey über alles zu sprechen, versprach aber auch, für sie da zu sein, wenn sie ihn brauchte.

Audrey hatte dem Deal sofort zugestimmt, und Luke hatte den kleinen Pakt mit einem brüderlichen Kuss auf die Wange besiegelt.

Audrey wusste nicht, ob ein sechzehnjähriges Mädchen wirklich überblickte, was Liebe war, aber sie war zu neunundneunzig Prozent sicher, dass sie sich in dieser Nacht in Lucas Slade verliebt hatte.

Jetzt trat sie aus der Dusche und trocknete sich energisch ab, wie, um die Erinnerung wegzuwischen. Sie war absolut ratlos, was Luke betraf.

Und in zehn Minuten trafen sie sich bereits in der Küche.

„Du hast ein Problem, Audrey“, murmelte sie, als sie in die einzige frische Kleidung schlüpfte, die sie bei sich hatte.

Sie kämmte sich, band die Haare zu einem Pferdeschwanz zusammen und blickte in den Spiegel. Die Kleidung war eine leichte Verbesserung gegenüber heute Morgen – neue schwarze Hüftjeans und eine weiße Bauernbluse mit kurzen Ärmeln, dazu dunkelbraune, gut eingelaufene Stiefel. Die bequemsten Schuhe, die sie besaß.

Drei Minuten vor der Zeit verließ sie ihr Zimmer. Auf dem Weg zur Küche fragte sie sich, ob das alte Sprichwort „Liebe geht durch den Magen“ noch galt. Wenn es doch nur so wäre …

„Hi“, sagte Luke, als sie die Küche betrat. Er stand vor dem Kühlschrank und prüfte den Inhalt. „Wir haben noch einen Rest Roastbeef, Pute, Schinken und drei Sorten Käse. Passt. Ich habe Lust auf ein ordentliches Sandwich.“

Als Audrey an ihm vorbeirauschte, nahm sie den frischen Duft seines Aftershaves wahr. Fall jetzt nicht in Ohnmacht. Luke riecht gut. Punkt. „Okay, du bekommst ein Sandwich à la Audrey.“

Seine Mundwinkel verzogen sich nach oben. „Was ist das?“

„Ein Sandwich für reiche Männer. Lass dich überraschen.“

Luke setzte sich lachend an die Kücheninsel und sah Audrey zu.

Sie fand eine Pfanne, Butter, Paniermehl und Sesamkörner. Es war keine große Kunst, aus den verfügbaren Zutaten etwas Leckeres zu zaubern, trotzdem war sie stolz auf ihre Kreation: eine flache Frikadelle mit einer Schicht Käse zwischen zwei Brötchenhälften. „Bitte schön.“

Luke blickte auf den Teller und zog die Augenbrauen hoch. „Übrigens, ich bin nicht so reich.“

„Doch, das bist du.“ Als Teilhaber von Sunset Lodge und Sunset Ranch und, so wie Casey erzählt hatte, einem halben Dutzend anderer Kapitalanlagen war er wohlhabend. „Aber ich werfe es dir nicht vor. Guten Appetit.“

Er nahm das Brötchen und biss herzhaft hinein. Dann schloss er langsam die Augen, kaute genüsslich und machte ein zufriedenes Gesicht. „Hmm. Lecker.“

„Freut mich.“

Er biss noch zweimal ab, bevor er Audrey wieder ansah. „Isst du auch eins?“

Sie schüttelte den Kopf. „Mir reicht ein Käsesandwich. Soll ich dir noch so eins machen?“

Er betrachtete seinen leeren Teller, dann schlug er sich auf seinen harten Bauch. „Sehr verlockend, aber besser nicht. Sophia und Logan kommen heute Abend zum Essen. Sie kocht uns eine ihrer Spezialitäten.“

Uns? Sie würden heute Abend also zu viert sein, aber nicht zwei Paare. „Ich habe gehört, dass Logan geheiratet hat.“

„Ja. Für meinen Bruder ist Sophia der absolute Glücksfall, wenn du mich fragst.“

„Logan ist ein toller Mann. Ich wette, Sophia ist sehr glücklich. Ich freue mich, sie kennenzulernen.“

„In ein paar Stunden.“

Audrey bereitete sich ein Käsebrot mit Tomate zu, während Luke einen Krug mit Limonade aus dem Kühlschrank holte. Er schenkte zwei Gläser ein und reichte ihr eins.

„Was machst du, nachdem du das gegessen hast?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Ich weiß noch nicht.“

„Wenn du Lust hast, dann gehe ich mit dir zu Trib.“

„Das Pferd, das dich beinah umgebracht hat.“

„Das ist eine Übertreibung. Ich hatte nur ein paar gebrochene Rippen.“

„Und einen gebrochenen Arm.“

Luke starrte sie an. „Ich sehe, dein Bruder hat dich über meine Verletzungen genau informiert.“

Ja, Casey hatte es ihr im Nachhinein erzählt, aber sie wusste auch aus eigener Erfahrung, dass sein Arm eingegipst gewesen war. Aber, Himmel, der Mann hatte sie mit der linken Hand ebenso gut befriedigen können.

„Du hattest auch eine Gehirnerschütterung.“

„Jetzt bin ich wieder kerngesund.“

„Ich bin froh, dass alles geheilt ist.“

„Daran bestand nie ein Zweifel, trotzdem danke.“

Sie aß ihr Sandwich auf und räumte dann zusammen mit Luke die Küche auf, bevor sie sich auf den Weg zu den Pferdeställen machten.

Luke führte Audrey zu einem weit entfernt liegenden Stall, der speziell für Fälle wie Tribute gebaut worden war, einen wunderschönen Hengst bester Abstammung, aber extrem temperamentvoll. Das Tier bereitete den Rancharbeitern täglich große Probleme. Einmal hatte Luke geglaubt, er hätte den Willen des Pferdes gebrochen. Das war der Tag, an dem das Tier ihn ins Krankenhaus befördert hatte.

„Ich möchte nicht, dass du in seine Nähe gehst, wenn ich nicht bei dir bin“, sagte Luke. Sie traten aus dem strahlenden Sonnenschein in die kühle Scheune.

„Du weißt, ich kann nicht viel erreichen, wenn du ständig in meiner Nähe herumhängst.“

„Das weiß ich nicht. Du kannst dein Wunder an dem Tier auch vollbringen, wenn ich hinten in der Scheune bin. Etwas anderes kommt nicht infrage.“

„Jetzt klingst du wie Casey. Herrisch.“

Er musste lächeln. „Vielleicht. Trotzdem, du kommst nur hierher, wenn ich bei dir bin. Verstanden?“

Audrey machte ein finsteres Gesicht, nickte dann aber. „In Ordnung.“

Sie kamen zu der Box und blickten über die halb hohe Tür auf den Hengst, der wiehernd herumlief. Die Box war größer als die anderen, der Boden mit Stroh und Zedernspänen bedeckt.

„Was für ein Prachtkerl“, flüsterte Audrey ehrfurchtsvoll. Ihre Augen blitzten sehnsüchtig, und Luke konnte sehen, dass es in ihrem Kopf bereits arbeitete. Sie würde einen Weg finden, eine Beziehung zu dem Tier aufzubauen.

„Ja, das ist er. Ich würde ihn nur ungern weggeben, auch wenn ich mit dem Gedanken gespielt habe, nachdem er mich fast totgetrampelt hatte. Aber er ist edler Abstammung und wird eines Tages ein tolles Pferd sein. Falls … und das ist ein großes Falls … wir seine sanftmütige Seite entdecken können.“

Das Pferd verharrte an der hinteren Wand und sah sie aus wachsamen Augen an. Es kannte Luke, aber es vertraute ihm trotzdem nicht. Und jetzt kam auch noch Audrey dazu. „Auf der Koppel ist er friedlicher, aber er kann nicht mit anderen Pferden zusammen sein. Er ist ein Einzelgänger.“

„Das muss sich ändern, und das wird es auch. Zu gegebener Zeit.“

„Du hast ein paar Monate Zeit.“

„Es ist eine große Herausforderung, aber ich werde mein Bestes geben.“ Ihre Augen verdunkelten sich, und ihre Stimme klang ernst. „Ich weiß, dass es wichtig für dich ist, Luke.“

Sie war süß, und er war dankbar für ihre Hilfe. Impulsiv senkte er den Kopf, um sie auf die Wange zu küssen, doch sie drehte genau in diesem Moment den Kopf, und sein Kuss landete direkt auf ihrem Mund.

Plötzlich waren seine Sinne geschärft. Audreys Lippen waren weich und zart. Sie schmeckte vertraut, wie Wildbeeren im Frühling. Ihr Duft erinnerte ihn an etwas, doch er konnte nicht sagen, an was. Sie schnurrte leise. Ein Geräusch, das absolut sexy klang.

Es war ein kurzer, flüchtiger Kuss, aber eines hatte er gezeigt: Audrey war kein kleines Mädchen mehr. Sie war eine leidenschaftliche Frau. Sie ist Caseys Schwester, schoss es ihm durch den Kopf, und sämtliche Alarmglocken schrillten.

Was hatte Casey gesagt? Sie hat sich gerade von ihrem untreuen Freund getrennt und ist noch nicht darüber hinweg. Er durfte ihre Verletzlichkeit nicht ausnutzen.

„Entschuldige“, sagte er daher so ruhig wie möglich.

Audrey sah ihn unverwandt an. Stille breitete sich in der Scheune aus. Nicht einmal Trib machte ein Geräusch. Schließlich flüsterte sie: „Du musst dich nicht entschuldigen.“

„Ich wollte dich auf die Wange küssen.“

„Ich weiß.“

Es war ein kurzer Moment gewesen, ein zufälliges Kopfdrehen und dadurch ein ungewolltes Zusammentreffen ihrer Lippen, doch irgendetwas löste das bei ihm aus. Er holte tief Luft und bemerkte das erste Mal, wie einzigartig Audreys Duft war. „Nimmst du ein Parfum?“

Sie schüttelte den Kopf. „Lipgloss. Es heißt Süß und sinnlich.“

Luke richtete den Blick auf ihren Mund. Er mochte den Geschmack ihrer süßen, sinnlichen Lippen.

„Hast du ein Problem damit?“

Luke grinste. „Nein. Glaube mir, ich kann mit süß und sinnlich umgehen.“

Sie senkte den Blick, doch Luke hatte gerade noch ihren merkwürdigen Gesichtsausdruck gesehen. „Das dachte ich mir.“

Luke warf einen letzten Blick auf Trib. Das Pferd musterte sie immer noch. „Er schätzt uns ab.“

„Er fühlt sich bedroht. Weil wir zu zweit sind“, sagte Audrey.

„Er wird sich daran gewöhnen müssen. Von jetzt an gibt es nur noch ihn und dich und mich.“

Sie seufzte, und ihr süßer Atem erreichte seine Nase. Er hatte das ungute Gefühl, dass Süß und sinnlich ihn heute Nacht in seinen Träumen verfolgen würde. Aber er behielt den Gedanken für sich, als er die Hand an Audreys schmalen Rücken legte und sie aus der Scheune führte.

Audrey musste sich nach dem Zusammentreffen mit Luke erst einmal beruhigen. Sie legte sich neben Jewel aufs Bett. Die Katze begann sofort laut zu schnurren.

„Du freust dich, mich zu sehen, nicht wahr? Nun, ich mich auch.“ Sie streichelte das Tier und entspannte sich dabei merklich, bis ihr schließlich die Augen zufielen.

„Audrey?“

Verwirrt hob Audrey den Kopf.

Es folgte ein leises Klopfen. Die Katze sprang vom Bett und tapste zur Tür. „Audrey? Hier ist Sophia, Logans Verlobte. Alles in Ordnung mit dir?“

Audrey blickte auf die Uhr. Es war schon nach sieben Uhr! Sie sprang aus dem Bett, öffnete die Tür und sah sich einer atemberaubend schönen Frau in einem pastellfarbenen Sommerkleid mit Spaghettiträgern gegenüber. Sie hatte langes dunkles Haar, bernsteinfarbene Augen und einen Teint, wie von der Mittelmeersonne geküsst. „Hi.“

„Hallo, tut mir leid, wenn ich dich geweckt habe.“

Audrey hob entsetzt die Hand an ihr zerzaustes Haar. Sie musste schrecklich aussehen. „Normalerweise schlafe ich nachmittags nicht.“

Die Frau lächelte. „Ich heiße Sophia.“

„Freut mich. Ich heiße Audrey.“ Sie streckte die Hand aus. Statt sie zu schütteln, nahm Sophia sie zwischen beide Hände und drückte sie leicht.

„Schön, dich kennenzulernen.“

„Habe ich das Dinner verschlafen?“

„Nein“, erwiderte Sophia. „Luke war nur ein wenig besorgt, weil du nicht nach unten gekommen bist, deshalb habe ich angeboten, nach dir zu sehen.“

„Es ist alles in Ordnung. Ich bin nur etwas müder als gewöhnlich. Tut mir leid, dass ihr wegen mir mit dem Essen warten müsst.“ Audrey trat von der Tür zurück. „Komm doch herein. Ich bürste nur schnell diesen Wust von Haaren.“

Sophia trat ins Zimmer, und Audrey wühlte in ihren Sachen, bis sie die Bürste gefunden hatte. „Ich habe nicht viel mitgebracht. Meine Freundin schickt mir meine Kleidung, aber im Moment muss ich mich mit dem begnügen, was da ist.“

„An deinem Aussehen ist nichts auszusetzen“, sagte Sophia.

Audrey mochte Logans Verlobte sofort. „Ich gratuliere zu eurer Verlobung.“

„Danke. Logan ist ein toller Mann. Zuerst konnte ich ihn nicht leiden, das hat sich dann aber geändert.“ Sophia verzog die Lippen zu einem spitzbübischen Lächeln.

Audrey seufzte, als sie ihre Haare bürstete und mit dem einen oder anderen Knoten kämpfte. Sie und Luke hatten keine Schwierigkeiten. Für ihn war sie nichts weiter als eine alte Freundin. Es gab keine Leidenschaft, keine Liebe-Hass-Beziehung. Er wusste nicht einmal mehr, dass er Sex mit ihr gehabt hatte. Und dieser Gedanke tat weh.

Sie schob beide Hände durch ihr Haar und band die blonde, lockige Mähne im Nacken zusammen. Der Pferdeschwanz fiel ihr bis auf den Rücken. „Fertig.“

„Du hast tolle Haare“, stellte Sophia fest.

Zusammen gingen sie in Richtung Küche, und während Audrey mit Sophia Montrose sprach, entspannte sie sich immer mehr. Sophia war wirklich sympathisch und nahm ihr die Nervosität. Sie erzählte, wie sie zur Sunset Ranch gekommen war und welch aufregendes Leben sie geführt hatte, bevor sie bei Logan eingezogen war. Audrey wollte unbedingt mehr hören, doch sie hatten die Küche schon erreicht. Zwei attraktive Slades erhoben sich höflich von ihren Stühlen. Eine Geste, die Frauen nicht mehr allzu oft erlebten.

Audrey sah zu Luke, und ihre Blicke trafen sich. Ihr Herz fing an zu hämmern, und ihre Atmung beschleunigte sich. Sie fluchte innerlich und bemühte sich, nicht zu zeigen, wie nervös sie war.

„Da seid ihr ja“, sagte Logan. „Schön, dich wiederzusehen, Audrey.“ Er umarmte sie und schenkte ihr sein strahlendes Lächeln.

„Ich freue mich auch.“

„Die Kleine wird schon fünfundzwanzig. Kannst du dir das vorstellen?“, mischte Luke sich ein.

„Kleine. Sag nicht, dass er dich so nennt“, sagte Logan.

Audrey lachte. „Das wagt er nicht, wenn ihm sein Leben lieb ist.“

Luke brach in lautes Lachen aus. „Sie meint es ernst.“ Er zwinkerte ihr zu, wie er es schon getan hatte, als sie noch ein Kind war.

Logan zog Sophia in seine Arme und küsste sie auf die Wange. „Meine Verlobte hast du ja schon kennengelernt.“

„Wollen wir jetzt essen?“, fragte Sophia. „Es gibt Paella Valenciana. Ich hoffe, sie schmeckt dir, Audrey. Es ist ein Rezept meiner Mutter, und Logan liebt sie – die Paella.“

„Ich auch“, sagte Luke. „Lasst uns endlich anfangen.“

Luke öffnete eine Flasche Rotwein. „Zur Paella passt am besten ein Merlot.“ Er schenkte ein, und alle setzten sich. Sophia neben Logan, Audrey neben Luke.

Es war ihr nicht unangenehm, Luke nah zu sein. Irgendwann zwischen Paella und einem halben Glas Wein normalisierte sich auch ihr Herzschlag. Die Unterhaltung war lebhaft, und Audrey erfuhr so einiges über die Slades und Sophia. Sie lernte, dass Sophia und Luke als Kinder eng befreundet gewesen waren, dass Logan sich immer ausgeschlossen gefühlt hatte und deswegen eifersüchtig gewesen war. Sophia ging nicht weiter ins Detail, doch es war etwas, was Audrey neugierig machte. Sie wollte mehr wissen und hoffte, dass Sophia eines Tages mehr erzählen würde.

„Luke ist immer noch mein bester Freund“, sagte Sophia. Logan nickte zustimmend. „Und ich habe gehört, dass er für dich auch wie ein großer Bruder war, Audrey.“

Audrey schluckte den letzten Tropfen Wein hinunter. Nicht schon wieder dieses Bruder-Schwester-Ding. Sie war es leid, aber Sophia machte nur höfliche Konversation und konnte unmöglich wissen, wie sehr Audrey das Thema hasste. Deshalb erwiderte sie mit derselben Höflichkeit: „Ja, wenn Casey nicht da war, dann hat Luke auf mich aufgepasst.“

Sie sah zu Luke und merkte, wie dieser sie anstarrte. Sein Blick blieb einen langen Moment auf ihre Augen gerichtet, dann wanderte er zu ihrem Mund. Ihr wurde heiß, und die Erinnerung an den Kuss heute Nachmittag flammte auf.

„Mein Bruder ist der Musterknabe in unserer Familie“, sagte Logan. „In diesem Fall bin ich aber froh, dass er auf euch aufgepasst hat.“

„He“, sagte Luke. „Wenn eine schöne Frau meine Hilfe braucht, dann bin ich zur Stelle.“

Luke nannte sie eine schöne Frau. Himmel, sie durfte nicht jedes seiner Worte so ernst nehmen. Es war nicht das erste Mal, dass er ihr ein Kompliment gemacht hatte. Er ist eben ein netter Kerl, rief sie sich in Erinnerung.

Nach dem Dinner tranken sie ein weiteres Glas Wein. Anschließend räumten sie die Küche auf. Die Männer boten ihre Hilfe an, doch Sophia vertrieb sie ins Wohnzimmer, damit sie sich ein Baseballspiel ansahen.

„Die Paella war köstlich“, sagte Audrey. Sie stellte die leeren Teller neben das Spülbecken.

„Danke. Ich gebe dir gern das Rezept, wenn du es haben möchtest.“

„Sehr gern. Ich weiß nur nicht, wann ich mal die Zeit haben werde, es auszuprobieren. Wenn ich hier mit meinem Job fertig bin, dann fängt mein Studium wieder an.“

„Luke hat uns erzählt, dass du dein Studium unterbrochen hast, um dich um deinen verletzten Bruder zu kümmern.“

„Casey brauchte mich, da konnte ich gar nicht anders. Er hat so viel für mich getan, und ihm nach dem Unfall zu helfen war das Mindeste, was ich für ihn tun konnte. Sicher, er würde nicht wollen, dass ich das sage … er und ich geraten immer wieder in Streit.“

Sophia spülte die Teller ab und nickte. „So ist das in einer Familie.“ Der Hauch von Sehnsucht schwang in ihrer Stimme mit. „Ich hatte keine Geschwister, mit denen ich streiten konnte. Vielleicht sind Luke und ich deshalb so gute Freunde geworden.“ Sophia wurde einen Moment sehr nachdenklich, ihr Blick ging ins Nichts. „Meine Mutter und ich standen uns sehr nah. Ich vermisse sie sehr.“

„Tut mir leid mit deiner Mutter, Sophia. Ich kenne meine Mom gar nicht. Sie starb, als ich noch ein Baby war. Kurz darauf hat mein Vater Caseys Mom geheiratet. Aber wir haben beide bei einem schrecklichen Tornado verloren, der ein paar Jahre später durch unserer Stadt fegte.“

„Das ist ja schrecklich.“ Sophias Augen weiteten sich vor Entsetzen.

Es war dieselbe ungläubige Reaktion, die Audrey immer wieder erlebte, wenn sie von der Tragödie sprach. Was sie normalerweise nicht gern tat.

„Wie konntet ihr euch retten?“

„Casey und ich haben gerade mit Freunden auf der anderen Straßenseite gespielt. Der Tornado hat uns nicht erwischt. Es ist komisch, weißt du. Eine Straßenseite kann völlig zerstört sein, und die andere bleibt unberührt.“

Audrey sah Mitgefühl in Sophias Augen. „Ich habe es im Fernsehen gesehen und mich immer gefragt, wie so etwas möglich ist.“

„Es war wirklich ein Albtraum für uns. Aber wir haben es geschafft. Wir hatten keine andere Wahl.“ Audrey zuckte mit den Schultern. Das Leben war danach schwer gewesen, aber Casey hatte immer für sie gesorgt. Er war ein erfolgreicher Rodeoreiter gewesen und hatte mehr als genug verdient, um ihnen ein Dach überm Kopf zu sichern und reichlich Essen auf den Tisch zu stellen. Audrey verweilte nicht bei der Vergangenheit. Sie wehrte sich dagegen, voll Selbstmitleid durchs Leben zu gehen. „Seitdem gab es immer nur Casey und mich.“

Sophia stellte lächelnd das Geschirr in die Spülmaschine. „Ich glaube, wir haben viel gemeinsam, Audrey. Es ist schön, noch ein weibliches Wesen auf der Ranch zu haben.“

„Ich freue mich auch auf die Zeit hier.“ Sie tat es wirklich. Sie hatte zwar den Mut verloren, Luke auf die Nacht anzusprechen, doch auch etwas gewonnen. Einen Job und die Chance, etwas zu tun, was sie konnte und liebte. Sie freute sich darauf, mit Trib und den anderen Pferden zu arbeiten, Zeit auf der Ranch zu verbringen und Sophia besser kennenzulernen. „Wer weiß, vielleicht können wir zu viel Testosteron in der Luft ausgleichen.“

Sophia lachte. „Wir können es versuchen. Ich glaube, du und ich wir werden gute Freundinnen.“

Audrey wurde warm ums Herz. Sie konnte eine Freundin gebrauchen. „Das glaube ich auch.“

„Hallo, ihr zwei. Ich möchte euch Katherine Grady vorstellen. Genannt Kat.“

Beim Klang von Lukes Stimme wirbelte Audrey herum. Ein Marilyn-Monroe-Typ mit platinblonden Haaren stand neben Luke in der Tür, die großen grünen Augen passend zu dem hübschen grün-blauen Outfit geschminkt. Sie hielt sich an Lukes Arm fest, was Audrey sofort auffiel. Sofort musste sie an Rodeo-Groupies denken – roter Schmollmund und all das –, und es kostete sie viel Mühe zu verhindern, dass ihr die Gesichtszüge entglitten.

„Nett, euch kennenzulernen“, sagte Kat mit butterweicher Stimme.

Plötzlich schien sich das Zimmer um Audrey zu drehen. Es war wie damals, als sie auf den mechanischen Bullen in Dustys Dancehall in Texas geklettert war. Sie war sechzehn gewesen und wollte den Jungs beweisen, dass sie kein Kind mehr war. Als der Bulle anfing zu bocken, verschwamm in der Spelunke plötzlich alles vor ihren Augen. Nur, dass dies hier noch schlimmer war.

Ihr wurde schwindelig. Ihre Beine gaben nach. Sie wollte sich an der Arbeitsplatte festhalten, erreichte sie aber nicht. Hilflos ruderte sie mit den Armen. Sie brauchte Halt. Aber es war zu spät.

Um sie herum wurde es schwarz, und sie verlor das Bewusstsein.

3. KAPITEL

Als Audrey wieder zu sich kam, sah sie Lukes Gesicht direkt über sich. Sie lag auf dem Küchenboden und hatte furchtbare Kopfschmerzen. Sie starrte in seine besorgt blickenden Augen. Seine Hand lag an ihrer Wange, und sie vermutete, dass er ihr eine oder zwei Ohrfeigen verpasst hatte. Erleichterung schwang in seiner Stimme mit, als er sagte: „Audrey Faith, du hast uns einen ganz schönen Schreck eingejagt.“

Sie versuchte den Kopf anzuheben. Plötzlich sah sie zwei Lukes. Sie blinzelte, bis sie nicht mehr doppelt sah, und als sie sich wieder zurücklegte, stützte Luke mit der anderen Hand ihren Kopf. „Wie lange war ich weg?“, fragte sie ruhig.

„Nicht lange. Passiert das öfter?“

„Das war das erste Mal.“ Sie kam sich albern vor. Vier Augenpaare – einschließlich dem der blonden Frau – beobachteten sie.

„Du bist ohnmächtig geworden.“ Sophia sprach leise. In der Hand hielt sie ein Fläschchen Eau de Cologne. „Luke war sofort bei dir, und du bist zu dir gekommen, bevor wir dir dies unter die Nase halten konnten. Es waren nur ein paar Sekunden.“

Ein paar Sekunden zu viel, dachte sie.

„Was ist passiert, Honey?“, fragte Luke.

„Ich weiß nicht. Mir war plötzlich schwindelig. Und dann wurde alles schwarz.“

„Logan ruft gerade den Arzt an“, sagte Sophia.

„Ich brauche keinen Arzt.“ Audrey richtete sich wieder vorsichtig auf, und als sie keinen zweiten Luke mehr sah, ging sie davon aus, dass alles in Ordnung war. „Mir ist nicht mehr schwindelig. Es ist nur …“

Ja, was? Sie konnte sich nicht erklären, warum sie ohnmächtig geworden war. Es konnte nicht an dieser Kat liegen. Sie hatte Luke schon früher mit anderen Frauen gesehen.

Allerdings war sie heute ziemlich erschöpft und gestresst. Eine halbwegs vernünftige Erklärung fiel ihr ein. „Vielleicht habe ich mir ein Virus eingefangen.“

„Jetzt tut es mir doch leid, dass ich dich zum Essen geweckt habe“, sagte Sophia. „Du hast den Schlaf vermutlich gebraucht.“

Logan kam mit dem Telefon am Ohr ins Zimmer. „Ich kann den Arzt nicht erreichen. Vielleicht sollten wir sie ins Krankenhaus bringen.“

Luke nickte. „Gute Idee.“

„Nein, das ist nicht nötig.“ Audrey nahm all ihre Kraft zusammen und stand auf, ohne sich an Lukes Arm festzuhalten. Na also. Es ging doch. Was passiert war, war sonderbar, aber es war vorbei. „Es geht mir schon besser. Ich brauche nur etwas Schlaf. Ehrlich.“

Die Männer sahen sich an. „Was meinst du dazu?“, sagte Luke zu Logan.

Logan zuckte mit den Schultern. „Sie macht einen gesunden Eindruck.“

Sophia fügte hinzu: „Du kannst heute Nacht noch einmal nach ihr sehen, Luke.“

Kat, die die ganze Zeit nichts gesagt hatte, zog eine perfekt gezupfte Augenbraue hoch.

„Bist du sicher, dass es dir gut geht?“ Lukes ehrliche Sorge rührte sie zutiefst.

Sie nickte. „Ich schwöre, es ist alles in Ordnung.“

„Also gut. Ich bringe dich zu deinem Zimmer.“

Sie wollte protestieren. Sie konnte allein gehen, doch der neidische Blick in den Augen dieser Kat Wie-auch-immer ließ sie das Angebot annehmen. „Gern.“

Sie verabschiedete sich mit einer Umarmung von Sophia und Logan. Und dann erst reichte sie Kat großherzig die Hand. „War nett, Sie kennenzulernen“, sagte sie, als hätte es die Ohnmacht gar nicht gegeben.

„Ich hoffe, es geht Ihnen bald besser.“ Kat nahm ihre Hand und drückte sie leicht.

Sie erreichten das Schlafzimmer, und Luke öffnete die Tür. „Ich sehe später noch einmal nach dir.“

„Das ist nicht nötig. Wirklich nicht.“

„Ich bestehe darauf, Audrey.“

Ihr gefiel der Gedanke überhaupt nicht, dass Luke nachts in ihr Zimmer kommen würde. Nun, es wäre etwas anderes, wenn er aus einem anderen Grund käme.

Als sie nichts sagte, fügte er hinzu: „Solange du unter meinem Dach wohnst, bin ich verantwortlich für dein Wohlergehen. Du bist heute Abend ohnmächtig geworden, und wir wissen nicht, warum.“

„Ich habe doch gesagt, weshalb.“

„Du nimmst es an, weißt es aber auch nicht genau.“

Er ließ nicht locker. Mr Nice Guy war auch ein guter Samariter.

Ihr kam eine Idee. „Wie wäre es, wenn du mir eine SMS schickst?“

Er lachte, und seine Augen blitzten schelmisch. „Du schläfst nur drei Türen weiter.“

„Es wäre vielleicht ganz lustig. Und du müsstest nicht aufstehen.“

Luke verdrehte die Augen. „Okay, ich schicke dir eine SMS.“

„Super. Dann gute Nacht.“

„Schlaf gut, Audrey.“

Nachdem sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, atmete sie tief aus und lehnte sich erschöpft gegen die Tür. Sie war müder, als sie den Slades gegenüber zugegeben hatte. Und sie war noch nie ohnmächtig geworden. Was war mit ihr los? Sie führte es auf die emotionale Anspannung zurück, Luke wiederzusehen. Bei allen Höhen und Tiefen, die sie heute durchgemacht hatte, war es kein Wunder, dass sie völlig fertig war. Das Schlimmste war die Erkenntnis, dass Luke sich nicht an ihre gemeinsame Nacht erinnerte. Bisher hatte sie keine Zeit gehabt, das zu verdauen.

Audrey zog sich bewusst langsam aus. Sie wollte das Schicksal nicht herausfordern. Eine plötzliche Bewegung, und sie könnte wieder auf dem Boden liegen. Ohne einen Retter in der Nähe.

Sie hängte ihre Bluse in den großen Schrank und legte ihre Jeans auf einen Sessel. Anschließend wusch sie sich das Gesicht und putzte sich die Zähne, dann legte sie sich neben Jewel ins Bett und schaltete den Fernseher ein. Sinnloses Geschwätz ließ sie vielleicht einschlafen. Sie entschied sich für eine der vielen Reality-Shows, für die Susanna ständig schwärmte. Ihre Freundin, ein Reality-Show-Junkie, sah sich alle an und hatte Audrey diese ganz spezielle, Wannabes and Wranglers, empfohlen.

Auf einmal war der Klingelton ihres Handys zu hören, und Jewel hob den Kopf und lauschte. „Es ist nur eine SMS“, erklärte Audrey der Katze.

Sie nahm ihr Telefon und las Lukes Nachricht.

Schläfst du schon?

Nein.

Was machst du?

Ich sehe mir Wannabes and Wranglers an. Es geht mir gut.

Gut. Ich sehe mir die Sendung auch an.

Wirklich? Luke sah sich Reality-Shows an? Schwer zu glauben.

Weil Beth so heiß ist?

Ja. Aber mir gefällt auch das Konzept.

Was hältst du von John?

Er lernt nicht besonders schnell.

Beth lenkt ihn ab.

Mich auch. Sie weiß mit einem Hengst umzugehen.

Ah, John hat das Pferd endlich richtig gesattelt. Jetzt bringt Beth ihm das Besteigen bei.

Das sollte ein Mann von Natur aus können.

Machte er Witze? Sofort schrieb sie zurück:

Eine Frau auch, wenn der Hengst es wert ist.

Ein Bild schoss ihr durch den Kopf, wie sie auf Luke saß und sie beide dem Gipfel der Lust entgegentrieb. Er bäumte sich unter ihr auf und begegnete ihren Bewegungen mit einer Heftigkeit, die ihr durch und durch ging. Diese Vorstellung erregte sie.

Seine nächste SMS kam.

Ich meinte, ein Pferd besteigen.

Natürlich. Du kannst mir nichts vormachen, Luke.

Das habe ich nie getan. Bist du schon fertig fürs Bett?

Ja. Du kannst auch schlafen gehen. Mir geht es gut.

Weck mich, wenn du mich brauchst, Audrey.

Das war eine gefährliche Bemerkung, denn sofort fielen ihr ein Dutzend Bedürfnisse im Zusammenhang mit Luke ein.

Gute Nacht, Luke.

Gute Nacht.

Nun, es war kein SMS-Sex oder Ähnliches, aber Audrey stellte den Fernseher aus und schlief mit einem Lächeln im Gesicht ein.

Um sieben Uhr am nächsten Morgen wurde Audrey mit einer weiteren SMS von Luke begrüßt:

Bist du schon auf?

Sie gehörte nicht zu den Langschläfern. Auf und angezogen, gab sie in das Handy ein und fügte dann hinzu: Und es geht mir gut.

Keine fünf Sekunden später klopfte Luke an ihre Schlafzimmertür. „Das ging schnell“, murmelte sie, warf ihr Handy aufs Bett und öffnete die Tür.

Er lehnte am Türrahmen und musterte sie von oben bis unten. Sie wünschte, sie hätte noch etwas anderes anzuziehen als ihre verwaschenen Jeans und das XL-Shirt. Zumindest hatte sie ihre Haare ordentlich gebürstet und zu einem Pferdeschwanz gebunden.

Luke war rasiert, und der Duft seines frischen Aftershaves hing in der Luft. Seine Haare lockten sich an den Spitzen. Eine Strähne fiel ihm in die Stirn. Audrey seufzte innerlich. In seinen engen Jeans und dem figurbetonten blauen Hemd sah er umwerfend aus. „Morgen.“

„Hallo.“

„Hast du gut geschlafen?“

„Sehr gut.“ Das war keine Lüge.

„Keine Ohnmachtsanfälle heute?“

„Nein, ich fühle mich großartig.“

Lukes Mundwinkel gingen nach unten. „Tu mir den Gefallen, und mach das nie wieder.“

„Keine Sorge.“

„Eigentlich bin ich gekommen, um dir zu sagen, dass das Frühstück fertig ist. Müsli und Toast. Es sei denn …“

„Es sei denn … ich bereite vor, was leckerer ist. Was hältst du von Schinken und Eiern?“

„Dazu noch Pfannkuchen, und wir sind uns einig.“

„Okay, aber nur, wenn du zugibst, dass du gestern Abend noch in meinem Zimmer warst.“

Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich gebe gar nichts zu.“

„Welches Müsli möchtest du?“

Luke ließ die Schultern sinken und seufzte. „Okay. Ja, ich habe nach dir gesehen. Ich konnte besser schlafen, nachdem ich mich davon überzeugt hatte, dass Caseys kleine Schwester tief und fest schläft.“

Sie verdrehte die Augen. Wie alt musste sie denn noch werden, bis Luke aufhörte, sie als Caseys kleine Schwester zu sehen. „Du kochst den Kaffee – ich gehe davon aus, dass du das kannst – und ich kümmere mich um den Rest.“

„Abgemacht.“

Die Katze sprang vom Bett und lief zu Luke. Sie strich um Lukes Beine und beugte den Rücken durch. Dabei schnurrte sie laut. Audrey könnte in Sachen Flirten noch einiges von ihrer Katze lernen.

Luke ging in die Knie, um sie zu kraulen. „Es wird Zeit, dass Jewel aus diesem Zimmer kommt.“

„Stimmt. Ich wollte dich fragen, ob es in Ordnung ist, wenn sie über die Ranch stromert.“

„Sicher. Sie ist vermutlich klug genug, Problemen aus dem Weg zu gehen.“

„Sie hat erst eins ihrer sieben Leben gelebt, sechs bleiben ihr also noch.“

Während des Frühstücks erwähnte Luke Kat, und Audrey stellte Fragen. „Sie ist nur eine Freundin“, sagte er mit einem Achselzucken.

Nach dem Frühstück führte Luke sie über die Ranch und erklärte ihre Aufgaben als Pferdewirtin. Sie musste die Tiere pflegen und trainieren, dafür sorgen, dass sie richtig gefüttert wurden und dem Chef-Pferdewirt, Ward Halliday, assistieren.

Schließlich überließ er sie der Obhut von Hunter Halliday, Wards Sohn, der in ein paar Wochen ans College gehen würde. Der große, gut gebaute Junge mit dem freundlichen Lächeln unternahm mit ihr einen Rundgang durch die Scheune und stellte ihr im Laufe des Tages die Rancharbeiter vor.

„Wir verkaufen nicht jeden Tag ein Pferd“, sagte Hunter. „Manchmal nur eins oder zwei in der Woche, aber wenn sie fort sind, dann vermisst man sie. Das Beste ist, Sie reiten und trainieren sie, ohne eine zu große Bindung aufzubauen.“

„Ich habe zu Hause ehrenamtlich auf einer Pferde-Rettungsstation gearbeitet. Ich weiß, dass es nicht einfach ist, sich von ihnen zu verabschieden.“

Hunter nickte.

Bis zum Nachmittag arbeiteten sie Seite an Seite. Die Kleidung klebte an ihrem Körper, und die Haut, der heißen Sonne ausgesetzt, war mit einer feinen Staubschicht überzogen. Ihre Lippen waren trocken, ihre Kehle wie ausgedörrt, ihr taten alle Knochen weh, doch sie war so glücklich wie nie, sie war in ihrem Element.

Nach getaner Arbeit lief sie leise summend ins Haus, duschte und machte sich fertig für ihren Einkaufsbummel mit Sophia.

„Sophia, ich kann all diese Sachen unmöglich anziehen.“ Über dem Arm trug sie zwei Freizeithosen, drei Designerjeans, vier Blusen, eine schicke Lederjacke und einen aufreizenden kirschroten Badeanzug, den sie vermutlich nie in der Öffentlichkeit tragen würde.

„Unsinn“, sagte Sophia und beäugte ein weiteres Teil, das sie im Sunset Lodge Shop vom Regal genommen hatte. „Man kann gar nicht genug Klamotten haben.“ Sophia fügte den Sachen, die sie überm Arm hatte, noch weiße Jeans mit Nieten hinzu. „Die Sachen sind ein Geschenk von Logan, Luke und mir.“

„Sie wissen von unserer Shoppingtour?“

Sophias Lachen klang warmherzig und freundlich. „Es ist unser Laden, aber ich kümmere mich allein darum.“

Das Geschäft war praktisch ein Komplettanbieter, angefangen bei klassischen Designersachen wie paillettenbesetzten Abendtäschchen, Damenbekleidung und Schmuck, der zum Leitgedanken der Sunset Lodge passte. In einer Ecke stand ein Regal mit Herrenhemden, die jeder Cowboy tragen konnte. Alles war geschmackvoll ausgestellt und sprach das Auge an. Kurz gesagt, alles trug Sophias Handschrift.

„Das ist sehr lieb von euch“, sagte Audrey, etwas eingeschüchtert angesichts der Großzügigkeit.

„Gern geschehen. Wir haben ein paar wirklich tolle Sachen gefunden.“

„Ja, die Pferde werden mich darin lieben.“

Sophia lächelte und hielt nach weiteren Dingen Ausschau. Was suchte sie noch?

„Ich habe nicht an die Pferde gedacht.“ Sie nahm Audrey die Sachen ab und brachte sie zur Kasse. „Ich lasse alles für dich einpacken. Wir holen es ab, nachdem ich dir die Lodge gezeigt habe.“

„Danke.“ Audrey fand keine weiteren Worte, um ihre Dankbarkeit auszudrücken.

Sophia sprach mit einem jungen Mädchen, das an der Kasse assistierte, dann verließen sie das Geschäft und gingen in die Lobby der Lodge.

„Ich kann mich nicht erinnern, jemals hier gewesen zu sein. Ich war ein paarmal auf der Ranch, als ich noch jünger war, aber nie in der Lodge. Es ist wunderschön hier. Irgendwie ländlich und doch elegant. Ich mag die Kombination aus Alt und Neu.“

„Ich weiß, was du meinst. Meine Mutter hat die Lodge geleitet, als ich ein Kind war. Sie war stolz, hier arbeiten zu dürfen.“

„Das kann ich verstehen.“

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