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Können seine Küsse lügen?

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1. KAPITEL

„Ruhig, Junge.“ Cole McAllister zog die Zügel an und ließ seinen Blick über die tausend Hektar Familiengrundbesitz schweifen, während die Junisonne den mächtigen Rocky Mountains entgegensank.

Er brauchte keine Uhr. Die Sonne am strahlend blauen Himmel von Montana verriet ihm, dass er gerade noch genug Zeit hatte, nach Hause zu reiten und zu duschen, bevor seine Schwester ankommen würde. Die Party würde schon in vollem Gange sein, aber er machte sich nichts aus solchen Veranstaltungen. Ihm wäre ein ruhiges Abendessen im Kreise der Familie lieber gewesen, um Rachels Rückkehr nach ihrem Collegeabschluss zu feiern.

Er freute sich, dass seine einzige Schwester zurückkehrte, und ebenso freute er sich, dass er nicht mehr für die Studiengebühren aufkommen musste. Die Ranch stand vor dem finanziellen Ruin. Keiner wusste besser als er, wie dringend die Familie Geld brauchte. Seine beiden Brüder ahnten von den Schwierigkeiten, Jesse mehr noch als Trace. Cole hatte den Eindruck, dass Jesse nach zwei Einsätzen in Afghanistan kaum etwas entging.

Trace war erst sechsundzwanzig und ihn interessierte vor allem, wann er endlich seinen alten Pick-up gegen ein neues Modell eintauschen konnte.

Cole hatte zwar kein Geheimnis aus ihren finanziellen Problemen gemacht, aber die Brüder wollten ihre Mutter und Rachel nicht belasten. Von Monat zu Monat wurde das Geld knapper.

Die Leute kauften weniger Rindfleisch, die Preise für Benzin und Getreide hingegen waren gestiegen. Die Lage war schwierig, und nicht nur die McAllisters waren betroffen. Die meisten Rancher in Blackfoot Falls waren verschuldet und verzweifelt.

Cole fühlte sich verantwortlich. Seit über sechs Generationen wurde die Sundance Ranch an den ältesten Sohn weitergegeben, und in der Vergangenheit hatten die McAllisters auch schwierige Zeiten überstanden. Es wäre eine Schande für Cole, als erster McAllister um Almosen bitten zu müssen.

Es war schlimm genug gewesen, dass Männer, die Cole sein ganzes Leben kannte, ihn um Arbeit gebeten hatten, als die ersten kleineren Farmen pleitegegangen waren. Arbeit hätte er beim besten Willen genug gehabt, aber bezahlen konnte er nicht. Die Männer abzuweisen, brach ihm das Herz, aber er musste an seine eigenen Arbeiter denken, die sein Vater teilweise schon vor seiner Geburt eingestellt hatte.

Damals, vor elf Jahren, hatten sie der Familie Trost gespendet, als Coles Vater seinen Kampf gegen den Krebs endgültig verloren hatte. Sie hatten den strengen, aber gerechten Gavin McAllister wie einen Bruder geschätzt und hatten ebenso unter dem Verlust gelitten.

Keiner von ihnen hatte Cole im Stich gelassen. Er war eine Woche vor dem Tod seines Vaters einundzwanzig geworden und viel zu jung, um die über tausend Hektar große Viehranch zu verwalten. Zu jung, um in die großen Fußstapfen seines Vater zu treten. Doch er hatte keine Wahl und selbst wenn, er hätte sich dafür entschieden. Er war letztendlich stolz darauf, die Zügel zu übernehmen. Wer hätte gedacht, dass es so weit kommen würde?

Er blickte ein letztes Mal über die Felder und die wenigen Wildblumen – die letzten in diesem Sommer. Bei dem Gedanken, auch nur einen Quadratmeter Land verkaufen zu müssen, drehte sich ihm der Magen um, was sogar sein Pferd zu merken schien. Tango bäumte sich auf. Cole zog an den Zügeln, beugte sich vor und streichelte den Nacken des Wallachs, um ihn zu beruhigen.

„Na, mein Freund. Freust du dich, dass Rachel nach Hause kommt?“ Er trieb Tango an und sie galoppierten davon – durch die Bäume hindurch auf das offene Feld. Cole spürte die heiße Sonne auf seinem Rücken.

Er wurde erst langsamer, als er seine treuen Arbeiter aus der Ferne sah, und gab ihnen ein Zeichen, zur Ranch zurückzukehren. Die alten Spinner würden bis zum Sonnenuntergang arbeiten, wenn er nichts sagte. Deshalb war es auch so verdammt schwierig. Alle, von Chester, dem Koch, bis zum jüngsten Viehtreiber, waren stolz auf die Sundance Ranch, als wäre es ihre eigene. Wie konnte er da jemanden entlassen?

Cole wollte nicht daran denken. Aber was blieb ihm übrig? Land zu versteigern? So weit würde es nicht kommen. Er wusste ganz genau, dass Wallace Gunderson als Erster auf der Matte stehen und mit seinem Scheckbuch wedeln würde. Er war der Einzige in der Gegend, der das nötige Kleingeld besaß, und hatte, schon seit Cole denken konnte, ein Auge auf die Ländereien der McAllisters geworfen.

Als Coles Vater noch lebte, hatte der alte Gunderson eine beachtliche Summe für die Viehweide im Norden auf den Tisch gelegt. Das war eines der beiden Male, als Cole sah, wie sein Vater die Beherrschung verlor. Er hätte den Mann und dessen Sohn beinahe hinausgeworfen.

Es war kein Geheimnis, dass sich die McAllisters und die Gundersons seit über vier Generationen nicht leiden konnten. Cole wusste nicht, ob sich irgendjemand daran erinnerte, wie die Fehde entbrannt war. Aber das war auch nicht wichtig. Cole würde lieber eine Bank ausrauben, bevor er Wallace auch nur einen Quadratmeter Land verkaufte. Er mochte den Mann nicht, und das hatte nichts mit der Familiengeschichte zu tun. Er konnte es einfach nicht ertragen, wie dieser Mistkerl seine Tiere behandelte.

Stall und Schlafbaracke waren eingehüllt in eine dichte Rauchwolke, die von der Grillkohle aufstieg. Chester hatte schon früh morgens damit begonnen, Maisbrot zu backen und Hähnchen und Rippchen für die Party vorzubereiten. Die Tische waren aufgestellt, weiße Lampions schmückten die Kiefern und den Koppelzaun, bunte Luftballons hingen an den Pfosten.

Jesse war noch nicht mit Rachel vom Flughafen zurück, aber einige Nachbarn waren schon da. Cole sah zwei schwarz-rote Trucks in der Einfahrt. Auf der anderen Seite des Stalls stiegen die Richardson-Jungs sowie Ida und Henry Pickens aus ihren Pick-ups.

Cole wusste nicht, wie viele Leute seine Mutter zusammengetrommelt hatte, aber er vermutete, dass es über fünfzig waren. Die meisten gehörten ebenso zu Rachels Leben wie Cole und seine Brüder.

Wäre Cole nicht eingeschritten, hätte seine Mutter bestimmt noch mehr Gäste eingeladen. Er hatte den schockierten Gesichtsausdruck seiner Mutter über das Budget noch genau vor Augen.

Was ihn noch mehr getroffen hatte, war ihr trauriges, resigniertes Nicken – sie schien zu ahnen, dass sie in Schwierigkeiten steckten. Doch sie hatte keine weiteren Fragen gestellt, sondern in ihrer gütigen Art einfach gelächelt und gesagt, wie sehr sie sich freute, dass Rachel wieder nach Hause kam.

Seine Schwester war da anders. Sie würde die längst fälligen Reparaturen sofort bemerken und eine Erklärung verlangen. Er konnte ihr keine Vorwürfe machen, aber er freute sich auch nicht gerade auf das Gepräch.

Um kurz nach zehn brachen auch die letzten Gäste auf. Normalerweise würde Cole sich jetzt hinlegen, da er jeden Tag um fünf Uhr aufstehen musste. Aber Rachels Blicke verrieten ihm, dass sie nicht bis morgen warten würde, um ihn ins Kreuzverhör zu nehmen.

Rachel strich dem kleinen Johnny Weaver über sein goldblondes Haar. Der Junge hörte auf zu gähnen und schenkte ihr ein zahnloses Grinsen. Seine Mutter Peggy lächelte und umarmte Rachel kurz. „Schön, dass du wieder da bist. Wenn du richtig angekommen bist, komm zum Essen vorbei.“

„Mach ich.“

Cole verabschiedete sich mit einem Nicken, und Rachel begleitete die Weavers bis zur Einfahrt. Cole wusste, dass Rachel irgendwann eine eigene Familie wollte, und sie würde bestimmt eine tolle Mutter werden. Aber bis es so weit war, würde sie sich auf Cole und die Sundance Ranch konzentrieren.

Es war eine sternenklare Nacht, und Cole dachte daran, wie er als Kind auf der Wiese gelegen und geträumt hatte. Seine Träume waren zwar nicht wahr geworden, aber das hatte ihn nicht davon abgehalten, ihnen weiterhin nachzuhängen, ganz besonders nicht, nachdem Lizzie Adams ihn ganze drei Sekunden auf den Mund geküsste hatte. Bei dem Gedanken musste er lächeln.

Was war aus dem kleinen fröhlichen Jungen mit den leuchtenden Augen geworden? Realität, Rechnungen, Dürre, Gehaltsabrechnung … Das alles hatte ihn eingeholt.

Und jetzt ließ Rachel nicht locker. Sobald die Weavers davongefahren waren, ging sie schnurstracks auf ihn zu. Aus dem Augen­winkel sah er, dass Jesse und Trace innehielten, als ob gleich ein Donnerwetter losgehen würde.

„Kann ich kurz in deinem Büro mit dir reden?“, fragte Rachel und sah zu ihrer Mutter hinüber, die mit Aufräumen beschäftigt war und sie nicht beachtete.

„Klar. Aber es sieht ganz so aus, als wären wir nicht allein“, erwiderte Cole und deutete mit dem Kinn auf seine Brüder. Eigentlich wollte er es endlich hinter sich bringen, also war es besser, sie einzuweihen.

Gemeinsam gingen sie in das Büro. Jesse machte es sich auf der braunen Ledercouch bequem, Trace nahm den uralten Schreibtischstuhl. Cole schloss dir, Tür und war nicht überrascht, dass Rachel lieber stehen blieb. Cole und seine Brüder waren über eins achtzig groß, wie alle McAllister-Männer, aber Rachel kam nach ihrer Mutter. Sie hatte rotblonde Haare, grüne Augen und eine zierliche Statur.

Cole sank in seinen Chefsessel. Wie er Rachel kannte, würde das eine Weile dauern, und sie war wahnsinnig stur, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte.

Sie sah Cole an. „Was ist hier los?“

„Was genau meinst du?“

„Das hier …“ Sie zeigte um sich und starrte zum Fenster. „Die Bruchbude hier.“

„Vielen Dank auch, Rachel“, fauchte Trace. „Es ist nicht so, dass wir faul herumgesessen haben …“

„Das habe ich auch nicht gesagt.“ Rachel starrte Trace an.

Nun ergriff Cole das Wort. „Das Geld ist knapp.“

„Das verstehe ich nicht …“ Rachel schüttelte den Kopf. „Ist etwas passiert?“

„Ja, die Wirtschaft ist kopfüber den Bach runter.“

Trace zuckte mit den Schultern. „Wir sind nicht die Einzigen, die Probleme haben. Ich habe heute Abend gehört, dass die Circle Four Ranch pleite ist. So eine Schande.“

Cole fuhr sich mit einer Hand über das Gesicht. Er hatte das letzte Woche schon gehört, aber nichts gesagt, da er keine Panik verbreiten wollte.

„Pleite?“ Rachel riss ihre Augen weit auf und sank neben Jesse auf das Sofa. Ihr Bruder legte ihr den Arm um die Schultern. „Ich glaube nicht, dass jemand hier in unserer Gegend jemals pleite war. Meint ihr, das stimmt?“, fragte sie und blickte verängstigt zu Cole.

„Es würde mich nicht wundern. Die Transportkosten für Rindfleisch zwingen uns alle in die Knie. Die Ausgaben steigen immer weiter. Wenigstens mussten wir noch niemanden ent­lassen.“

Rachel wurde blass. „Wie schlimm ist es? Für uns, meine ich.“

Die Stunde der Wahrheit war gekommen. „Schlimm. Sehr schlimm.“

Rachels Stimme zitterte, als sie fragte: „Weiß Mom Bescheid?“

„Wir haben noch nicht darüber gesprochen, aber sie ist ja nicht blöd. Ihr sind bestimmt die gleichen Dinge aufgefallen wie dir.“ Cole seufzte. „Verdammt, hier muss alles repariert werden. Bis jetzt konnte ich mir die Gläubiger vom Leib halten, aber ich habe nichts außer unserem guten Ruf.“

„Wir dürfen das Problem nicht vor ihr verheimlichen.“

Diesen Vorwurf konnte Jesse nicht auf sich sitzen lassen. „Wir verheimlichen nichts, wir versuchen nur zu überleben. Was sollen wir denn sagen, ohne eine Lösung in Sicht?“ Er sah Cole an. „Es ist nicht nur dein Problem – das hier betrifft uns alle.“

Natürlich betraf es sie alle, deshalb fühlte sich Cole auch so verdammt schuldig. Denn er allein war dafür verantwortlich, dass die Ranch Gewinn abwarf.

Trace löste ungeduldig den Kragen seines blauen Westernhemds. Er sah betroffen aus, aber Cole verstand seinen schuldbewussten Blick nicht. Es war nicht sein Fehler. Vielleicht war es ihm unangenehm, dass er die Tragweite des Problems nicht erkannt hatte. Doch an ihrer Misere war Cole allein schuld, das konnte er nicht bestreiten.

Als er den Blick von Trace abwandte, sah Jesse ihn grimmig an. „Mein Gott, du glaubst, du bist schuld?“ Jesse schüttelte ungläubig den Kopf. „Du arroganter Mistkerl.“

„Ach komm. Du weißt, dass Dad …“

„Hört auf.“ Rachel starrte sie abwechselnd an. „Was ist los mit euch beiden?“

Cole lächelte nur. Seine Schwester hatte wohl vergessen, dass Cole und Jesse sich auf diese Weise in Schach hielten.

Rachel verdrehte die Augen. „Okay, ihr zwei Neandertaler. Die wirtschaftliche Lage ist mies, aber dass es keine Lösung gibt, glaube ich nicht.“ Sie hielt inne, und keiner riss sich darum, das Schweigen zu brechen. Sie schien in sich zusammenzusacken und sagte kleinlaut. „Oh Gott, und ich habe so viel Geld für das College ausgegeben … Du hättest mir das sagen sollen.“

„Ach, Rachel“, sagte Cole, „das ist doch Unsinn.“

Jesse knuffte sie freundschaftlich. „Hey, ich habe auch Geld für die Schule gebraucht.“

„Das war damals, als wir es uns noch leisten konnten.“

„Das waren noch Zeiten …“ Jesse nahm sie in den Schwitzkasten. „Du kleiner Zwerg. Daran kannst du dich doch gar nicht erinnern, da warst du doch noch viel zu jung.“

Sie war tatsächlich noch sehr jung, und Cole fühlte sich mit seinen zweiunddreißig Jahren schon uralt. Jesse war nur ein Jahr jünger, aber Cole vermutete, dass er mehr gesehen hatte als andere in ihrem ganzen Leben.

Rachel hatte sich inzwischen losgemacht und nahm Trace ins Visier. „Bist du nicht aufs College gegangen, weil kein Geld übrig war?“ Ihre Stimme klang traurig.

„Nein.“ Er zog eine Grimasse. „Ich hasse es, den ganzen Tag in einem Raum eingesperrt zu sein. Das weißt du doch.“ Er fuhr sich durch das Haar. „Tut mir leid, Cole. Ich wusste, dass wir die Reparaturen verschieben mussten, und uns keine neuen Geräte leisten konnten, aber ich glaube, ich wollte nicht wahrhaben, wie schlimm es ist. Du hättest mich bestimmt am liebsten auf den Mond geschossen, als ich vor ein paar Monaten nach einem neuen Truck gefragt habe.“

„Du bist sechsundzwanzig. Natürlich willst du einen neuen Truck.“

„Okay …“ Rachel richtete sich auf. „Was können wir tun, um wieder auf die Beine zu kommen?“

Cole lächelte. Rachel war die Optimistin in der Familie. „Es ist nicht so einfach. Wir haben zu viele Probleme.“

„Zum Beispiel?“

„Hohe Benzinpreise, die Verbraucher haben weniger Geld, der Mais ist sehr teuer geworden …“ Cole fuhr fort, und Rachel hörte konzentriert zu.

Er sprach länger als geplant. Es nahm ihm ein Stück weit den Druck, aber er unterbrach seinen Vortrag, als er Traces betrübtes Gesicht sah. Jesse war tiefer in die Couch gesunken und starrte auf seine Stiefel.

Nur Rachel saß aufrecht und mit leuchtenden Augen da, bereit, für ihre Sache zu kämpfen.

„Ich habe eine Idee – das könnte vielleicht eine Lösung sein … zumindest kurzfristig … und wer weiß, vielleicht auch langfristig …“

Cole freute sich, dass Rachel helfen wollte, aber er musste ihr beibringen, dass es keine einfache Lösung geben würde. „Und das wäre …?“

„Lass mich bitte ausreden, auch wenn es dir schwerfällt.“

„Warte, Rachel, wir haben einfach kein Geld. So einfach ist das.“

„Hör mir doch erst mal zu.“

„Na gut“, sagte Cole zähneknirschend.

„Ich habe diese Idee schon lange, eigentlich schon seit mehreren Jahren, seitdem die Mädels aus meiner Verbindung durchgedreht sind, als sie die Bilder von der Sundance Ranch auf meinem Computerbildschirm gesehen haben.“ Sie setzte ein breites Lächeln auf. „Was haltet ihr von einer Ferienranch?“

Wie vom Blitz getroffen, starrten Cole und Jesse sie an.

Trace schnaubte. „Eine was?“

„Eine Ferienranch. Hier können die Leute dann Urlaub machen und ausreiten, Rodeos ansehen, grillen, raften und …”

„Ich weiß, was eine Ferienranch ist“, sagte Trace abschätzig. „Ich frage mich nur, ob du noch ganz dicht bist.“

Rachel presste die Lippen zusammen. „Deine Reaktion überrascht mich nicht.“ Sie sah Trace an, drehte sich dann zu Cole und Jesse. „Aber wir haben so viel Platz, den wir überhaupt nicht nutzen. Wir müssten kaum investieren.“

„Dies ist eine Viehranch“, sagte Cole ruhig. Er und Trace waren einer Meinung. Ihre Schwester war übergeschnappt. „Wir haben keine Ahnung von Gastronomie, und wir können uns keine Hilfe leisten.“

„Mom, Hilda und ich könnten uns um die Zimmer und die Verpflegung kümmern. Trace und die Arbeiter könnten abwechselnd die Ausflüge begleiten.“

Trace fluchte vor sich hin, aber Rachel fuhr munter fort: „Ich übernehme die Werbung und die Online-Buchungen und entwerfe die Website. Das wird kaum etwas kosten.“

Cole schüttelte den Kopf. „Wir müssen streichen, wir werden eine Versicherung brauchen, und wenn hier Kinder rumrennen, dann …”

„Und wenn wir erst mal Urlaub ohne Kinder anbieten?“, fragte Rachel. „Später können wir unser Angebot auch auf Familien ausweiten, aber fürs Erste sollten wir nur Urlaub für Single-Frauen anbieten. Ich weiß genau, was ich tun muss, damit sie Schlange stehen.“

„Verdammt, du spinnst“, murmelte Jesse. Cole hatte es völlig die Sprache verschlagen.

„Jetzt wartet doch mal.“ Trace hatte Gefallen an Rachels Idee gefunden. „Lasst sie ausreden.“

Rachel lächelte triumphierend. „Und ich denke, dass sich auch die Arbeiter mit der Idee anfreunden können.“

„Nein“, sagte Cole nüchtern.

„Hast du eine bessere Idee?“

„Ja, habe ich. Darüber wollte ich mit euch sprechen.“

„Schieß los.“

„Dein Vorschlag ist nicht realistisch“, sagte Cole gereizt, „und das weißt du auch.“

Trace zuckte mit den Schultern. „Ich finde Rachels Idee eigentlich gar nicht so schlecht.“

Cole und Jesse sahen ihn vorwurfsvoll an.

Rachel fing Coles Blick ein. „Also, großer Bruder … Wir sind ganz Ohr.“

Cole atmete tief durch. „Wir haben über hundert Hektar Land südlich des Bachs, das wir jahrelang nicht genutzt haben. Um ehrlich zu sein, haben wir es nie richtig gebraucht und …“

Drei Augenpaare sahen ihn an, als wäre er dabei, Hochverrat zu begehen.

Jesse sprach zuerst. „Du willst doch nicht etwa verkaufen?“

In diesem Augenblick öffnete sich knarrend die Tür. Alle drehten sich um und sahen ihre Mutter, die langsam über die Schwelle trat. Ihr Gesichtsausdruck ließ keinen Zweifel daran, dass sie das Gespräch mitgehört hatte.

„Nein“, sagte Cole. Er schluckte die bittere Niederlage herunter und sah wieder zu Rachel hinüber, die sich gnädigerweise ein Grinsen verkniff.

2. KAPITEL

Jamie Daniels nahm das fliederfarbene Taftkleid und ging damit zum Schrank. In diesem Leben würde sie es bestimmt nicht mehr tragen.

Was hatte sich Linda nur dabei gedacht, als sie den mit Rüschen besetzten Albtraum ausgesucht hatte? Und das für eine Hochzeit in Los Angeles an einem Nachmittag im August.

Jamie wäre fast die Kinnlade runtergefallen, als ihre Freundin sie und die beiden anderen Brautjungfern in das Brautmodengeschäft bestellt hatte, um sie nach ihrer Meinung zu fragen. Alle Kleider, die zur Auswahl gestanden hatten, waren schrecklich gewesen. Aber Linda hatte sich Lila und Rüschen gewünscht und davor gab es kein Entkommen. Jill und Kaylee hatten einige Monate vor Linda geheiratet und hatten die Sache wesentlich entspannter betrachtet. Offensichtlich hatten alle das gleiche Traumhochzeitsgen und nicht einmal guter Geschmack konnte da etwas ausrichten.

Jamie seufzte und hängte das Brautjungfernkleid zu den anderen in die hinterste Ecke ihres begehbaren Kleiderschranks. Das blaue würde sie vielleicht auf einer Cocktailparty wieder tragen, aber die anderen beiden würde sie spenden und den albernen Traum einer anderen Braut wahr werden lassen.

Oh Gott, seit wann war sie so unromantisch? Sie selbst hatte zwar noch nie ans Heiraten gedacht, aber deswegen war es ja nicht gleich albern. Und außerdem freute sie sich wirklich für ihre beiden Freundinnen und ihre Cousine Kaylee. Nur fühlte sie sich plötzlich einsam.

Sie war ein bisschen überrascht, dass sie sich das eingestand. Aber sie würde sich schnell wieder fangen. Das hatte sie früh gelernt. Ihre Eltern waren als Diplomaten oft umgezogen, und Jamie hatte häufig Schule und Freunde gewechselt, neue Sprachen gelernt und sich an neue Kulturen gewöhnen müssen. Durch ihre ungewöhnliche Kindheit hatte sie gelernt, sich anzupassen.

Als sie jedoch für drei Jahre nach Georgia zu Tante Liz und Onkel Philip und ihrer Cousine Kaylee auf die Farm geschickt worden war, war es ihr schwergefallen. Denn die ersten neun Jahre ihres Lebens war sie höchstens einige Tage von ihren Eltern getrennt gewesen. Aber dann war die Botschaft angegriffen worden, in der ihre Eltern gearbeitet hatten, und bereits am nächsten Tag saß sie allein in einem Militärflugzeug nach Amerika. Kein Weinen und Flehen hatte daran etwas ändern können.

Sie hatte geglaubt, sie würde ihre Eltern nicht mehr wiedersehen. Aber sie besuchten sie ein Jahr später … für eine knappe Woche, bevor sie wieder in die Höhle des Löwen zurückkehrten. Jamie sollte bei Tante und Onkel bleiben, bis sie in eine andere Stadt versetzt wurden.

Jamies Eltern hatten die besten Universitäten besucht und waren sehr erfolgreich. Aber sie hatten nicht erkannt, wie sensibel eine Kinderseele war. Sie hatten ihre Karrieren vorgezogen, und drei Jahre lang hatte sich Jamie gefragt, ob sie lieber kinderlos geblieben wären.

An ihrem zwölften Geburtstag waren sie dann überraschend aufgetaucht und hatten sie nach Singapur mitgenommen. Zwei Jahre später wurde sie auf ein Internat geschickt, und die Beziehung zu ihren Eltern hatte sich für immer verändert.

Jamie ging zum Fenster und blickte auf die Skyline von Los Angeles. Sie liebte ihre Eigentumswohnung mitten in der Stadt, auch wenn sie nicht oft zu Hause war.

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