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Ein Playboy entdeckt die Liebe

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1. KAPITEL

Urubamba, Peru

Nachdenklich betrachtete Emilio Santana den Aktenordner, der auf dem massiven Schreibtisch aus Mahagoni lag. Schon seit sieben Generationen benutzte das jeweilige Oberhaupt der Familie diesen Schreibtisch, und bis vor zwei Wochen hatte er seinem Bruder gehört. Nun war es seiner.

Dass Arturo bei einem Unfall ums Leben gekommen war, erschütterte Emilio noch immer. Doch in dem riesigen Unternehmen der Santanas konnte niemand auf das Ende seiner Trauer warten, es musste weitergehen. Emilio war in den Chefsessel katapultiert worden und musste innerhalb kürzester Zeit unglaublich viel lernen. Diese Verantwortung würde er nun tragen müssen … sein Leben lang.

Immer war es Arturo gewesen, der sich um alles gekümmert hatte. Während Emilio in seinem Privatjet um die Welt flog, Partys feierte und mit den schönsten Frauen ausging, hatte Arturo den Familiensitz in Urubamba geleitet, die Firmen in Lima und die internationalen Wertpapierdepots und Grundstücke verwaltet, aus denen das Vermögen der Santanas bestand.

Außerdem hatte Arturo seinem ungestümen jüngeren Bruder immer wieder aus der Patsche geholfen. Emilio hatte sich jederzeit auf ihn verlassen können. Und nun drang nur allmählich die Tatsache in sein Bewusstsein, dass sein Bruder tot war.

Nach der Beerdigung hatte er viel Zeit damit verbracht, die Akten in Arturos Arbeitszimmer durchzusehen. Rechnungen, Verträge, Geschäftsbriefe. Er hatte nichts Ungewöhnliches entdeckt.

Bis jetzt.

Der braune Umschlag mit der Aufschrift „Persönlich“ steckte ganz hinten in dem Aktenschrank. Darin lag ein amtlicher Briefumschlag, der an Arturo adressiert und zehn Monate zuvor in Tucson, Arizona, abgeschickt worden war. In dem Kuvert steckte ein gefalteter Brief aus weißem Papier. Er war mit einer energischen weiblichen Unterschrift versehen.

Sehr geehrter Mr Santana,

ich bedaure, Ihnen mitteilen zu müssen, dass meine Stiefschwester Cassidy Miller am 1. März dieses Jahres an einem Gehirntumor verstorben ist …

Cassidy war tot? Ungläubig starrte Emilio auf das Blatt Papier. Cassidy war so schön und so voller Lebenslust gewesen. Das Model mit dem Ruf eines Partygirls hatte sich gerade wegen eines Modeshootings in Cusco aufgehalten, als Emilio ihr begegnete. Nach dem Shooting hatte er sie und einige mit ihr befreundete Mädchen eingeladen, ein paar Tage auf dem Anwesen in Urubamba zu verbringen. Ein Blick auf Arturo hatte genügt, und sie sagte den bevorstehenden Auftrag ab, um bei ihm zu bleiben.

Nie hatte Emilios Bruder glücklicher ausgesehen als in den fünf Wochen, die er mit Cassidy verbrachte. Dann war sie von jetzt auf gleich aus seinem Leben verschwunden. Emilio wunderte sich zwar darüber, doch selbst wenn Arturo den Grund kannte – er hatte nie ein Wort darüber verloren. Emilio schluckte seine Gefühle hinunter und las weiter.

Ich weiß, dass diese Nachricht ein Schock für Sie ist. Cassidy hat mich angefleht, Ihnen nichts von ihrer Krankheit zu erzählen. Aber nun, wo sie nicht mehr lebt, fühle ich mich aus einem anderen Grund verpflichtet, Ihnen zu schreiben. In den letzten Tagen ihres Lebens hat Cassidy einen Jungen zur Welt gebracht. Da er am 26. Februar geboren wurde, neun Monate, nachdem sie mit Ihnen in Peru war, habe ich Grund zu der Annahme, dass er Ihr Sohn ist.

Ich schreibe nicht, um Anspruch auf Ihr Vermögen zu erheben. Wenn Sie einverstanden sind, würde ich den Jungen sogar gern selbst erziehen. Hier bei mir ist für den kleinen Zac gut gesorgt. Mein Anwalt hat mir geraten, Sie über die Geburt des Jungen zu informieren und Ihr Einverständnis einzuholen, bevor ich weitere Schritte unternehme.

Wenn ich nichts von Ihnen höre, gehe ich davon aus, dass Sie an dem Jungen kein Interesse haben, und bemühe mich um die Adoption.

Mit freundlichen Grüßen

Grace Chandler

Emilio las den Brief noch einmal. Cassidy war tot. Und Arturo hatte einen Sohn … Warum hatte er ihn nie erwähnt?

Auf der Suche nach Erklärungen faltete Emilio ein weiteres Blatt Papier auseinander … eine Fotokopie von Arturos Antwortschreiben.

Sehr geehrte Miss Chandler,

herzliches Beileid zu Ihrem Verlust. Sie können den Jungen unter der Bedingung adoptieren, dass er niemals in Kontakt mit der Familie Santana tritt und keinen Rechtsanspruch auf ihr Vermögen erhebt. Ich habe vor, bald zu heiraten und eine eigene Familie zu gründen. Das Auftauchen eines außerehelichen Sohnes würde eine Unannehmlichkeit bedeuten, die ich um jeden Preis zu vermeiden wünsche. Wenn ich darauf vertrauen kann, dass Sie meine Wünsche respektieren, werde ich Ihnen in dieser Sache freie Hand lassen.

Mit freundlichen Grüßen

Arturo Rafael Santana y Morales

Nachdenklich betrachtete Emilio den Brief. Wie schroff, ja sogar kalt die Worte seines Bruders klangen. Doch nachdem Cassidy verschwunden war, hatte Arturo selbst oft kühl und verschlossen gewirkt. Als er diesen Brief schrieb, war er bereits mit Mercedes Villanueva verlobt, der Tochter eines reichen Nachbarn. Die Hochzeit hatte nie stattgefunden, doch Emilio verstand, warum Arturo nicht wollte, dass ihm ein uneheliches Kind „dazwischenkam“.

Unehelich. Was für ein hässliches Wort. Er drehte sich um und sah aus dem Fenster, das einen Blick auf das gesamte Anwesen der Santanas erlaubte. Es lag im fruchtbaren Heiligen Tal der Inkas, und das Land gehörte seiner Familie schon seit dem 17. Jahrhundert, als der spanische Eroberer Miguel Santana es als Zuwendung vom König bekam. Santana heiratete eine Inka-Prinzessin und ließ sich als Gutsherr nieder.

In der jüngeren Vergangenheit hatte die Familie weniger Glück gehabt. Emilios erstgeborener Bruder war an einer Kinderkrankheit gestorben. Nun, wo auch Arturo nicht mehr lebte, war Emilio der einzige männliche Nachkomme. Wenn er nicht heiratete und einen Erben zeugte – eine Aussicht, die so drohend näher rückte wie eine Gefängnisstrafe –, würde der Familienbesitz von der Regierung beschlagnahmt oder unter entfernten Verwandten aufgeteilt werden.

Emilio las beide Briefe noch einmal. Arturo hatte bestimmt kein Kind zeugen wollen. Die heißblütige Cassidy musste ihn unvorbereitet erwischt haben. Aber was jetzt zählte, war die Tatsache, dass sein Bruder einen Sohn hinterlassen hatte. Der Junge musste inzwischen beinah ein Jahr alt sein.

Ehelich oder nicht, Emilio würde sein eigen Fleisch und Blut auf keinen Fall im Stich lassen. Vor allem nicht, wenn dieses Kind der Schlüssel war, das Vermächtnis der Santanas zu retten. Vielleicht ließ diese Grace Chandler mit sich reden. Und wenn nicht, verfügte er über Mittel, die Rechte seiner Familie geltend zu ­machen.

Morgen würde er nach Arizona fliegen und der Lady einen Besuch abstatten.

Tucson, Arizona

„Wie wär’s mit Lunch, mein Großer?“ Grace hob Zac aus dem Buggy und trug ihn ins Haus. Mit elf Monaten wurde er allmählich schwer, doch bald würde er zu laufen beginnen.

Sie setzte ihn in den Hochstuhl und stellte ihm ein Schälchen mit Brei hin. Cassidys Sohn war ein schönes Kind mit tiefschwarzen Locken und herzzerreißenden braunen Augen. Es war das Erbe seines peruanischen Vaters. Doch wenn Grace den kleinen Jungen ansah, war es, als würde Cassidy ihren Blick erwidern.

Als sie herausgefunden hatte, dass Cassidy vermutlich nicht lange genug leben würde, um ihren Sohn selbst aufzuziehen, hatte Grace sich entschlossen, das Baby ihrer Stiefschwester zu adoptieren. Der Papierkram hatte Monate gedauert, doch in wenigen Wochen würde Zac endlich ihr rechtmäßiger Sohn sein … das einzige Kind, das sie je haben würde.

Platsch! Ein Klecks Karottenbrei traf sie an der Wange und blieb dort hängen. Zac kicherte wie ein kleiner Kobold.

„Du bist ja richtig stark, kleiner Mann. Bestimmt wirst du ein guter Baseballspieler.“ Lachend hob sie ihn aus dem Hochstuhl und nahm ihm das Lätzchen ab. „Zeit zum Waschen. Auf geht’s.“

Zac hatte genauso viel von seinem Mittagessen auf Gesicht und Händen verteilt, wie er sich in den Mund gesteckt hatte. Als Grace am Spiegel im Flur vorbeiging, erhaschte sie einen flüchtigen Blick auf sich. Zwischen ihrer morgendlichen Laufrunde und Zacs Lunch verwandelte sie sich regelmäßig in ein schwitzendes, klebriges Etwas. Erst wenn der kleine Unruhestifter sein Mittagsschläfchen hielt, hatte sie Zeit zum Duschen.

Grace betrat mit dem Baby auf dem Arm gerade das Badezimmer, als es an der Haustür klingelte.

Super Timing … Wahrscheinlich ein Vertreter. Wenn sie nicht reagierte, würde er vielleicht aufgeben und wieder gehen.

Doch es klingelte noch einmal, dieses Mal energischer. Seufzend setzte sich Grace das Baby auf die linke Hüfte, ging zur Haustür und öffnete.

Der große dunkelhaarige Mann auf der Veranda war ein Fremder. Doch Grace kannte ihn von Fotos, die sie im Supermarkt auf den Titelseiten der Boulevardblätter gesehen hatte. Der peruanische Playboy, so hatte ihn ein Skandalblättchen genannt.

Arturo Santanas Bruder kam garantiert nicht vorbei, um einfach mal Hallo zu sagen. Graces Magen verkrampfte sich, als sie seinem durchdringenden Blick begegnete. Der Grund für sein Kommen musste etwas mit Zac zu tun haben.

Sie drückte das Baby an sich und machte sich auf Schwierigkeiten gefasst.

Emilio musterte die Frau und das Kind. Sie hatte eine sportliche Figur, und die langen gebräunten Beine steckten in weißen Laufschuhen. Dunkelblonde Strähnen waren aus dem Schweißband gerutscht und hingen ihr um das von Möhrenbrei verschmierte Gesicht. Aus großen Augen funkelte sie ihn trotzig an. Mit ihrem goldbraunen Teint und dem herausfordernden Benehmen erinnerte sie ihn an eine Löwin, die ihr Junges verteidigt.

Und was das Baby betraf … In Emilios Brust zog sich etwas zusammen, als er den Jungen betrachtete. Die dunklen Haare und Augen waren die seiner eigenen Familie, doch er konnte auch Cassidys Züge erkennen.

Das also war Arturos Sohn.

Er räusperte sich. „Grace Chandler? Ich bin Emilio Santana.“

„Ich weiß, wer Sie sind.“ Sie schloss das Baby fester in die Arme. „Ich weiß allerdings nicht, was Sie hier wollen.“

„Das zu erklären, könnte etwas dauern. Darf ich herein­kommen?“

„Selbstverständlich.“ Widerwillig trat sie zur Seite, um Emilio eintreten zu lassen. Das Haus war klein, aber gepflegt und geschmackvoll eingerichtet. Nichts deutete darauf hin, dass ein Mann anwesend war, und die Frau trug auch keinen Ring. Gut … das würde die Sache einfacher machen.

„Setzen Sie sich doch“, sagte sie und deutete mit einem Kopfnicken auf einen Ledersessel. „Als Sie geklingelt haben, wollte ich den Kleinen gerade umziehen. Wenn Sie mich bitte entschuldigen würden …“

„Lassen Sie sich Zeit. Ich warte.“

Als er allein war, lehnte Emilio sich in dem Sessel zurück. Er war dankbar für diese Pause, in der er seine Gedanken ordnen konnte. Es hatte ihm den Atem verschlagen, so plötzlich den Sohn seines Bruders vor sich zu sehen. Doch eines war jetzt schon klar: Der kleine Zac war die letzte Verbindung zu Arturo und der einzige Erbe des Namens Santana. Dieser Junge würde dafür sorgen, dass das Vermächtnis der Familie nicht verloren ging, egal, ob Emilio heiratete oder nicht.

Ohne dieses Kind würde er nicht nach Peru zurückkehren.

Und die Frau … Auf dem Privatflug von Lima hatte er im Internet recherchiert. Grace Chandler war eine erfolgreiche Kinderbuchillustratorin. Auf der Website gab es kein Foto von ihr, sodass ihre Schönheit ihn angenehm überraschte … vor allem diese endlos langen Beine …

Aber solche Gedanken würde er sich für eine passendere Gelegenheit aufheben.

Er musterte den kleinen Raum … farbige Kissen, Bücherregale, blühende Zimmerpflanzen und eine Gitarre in einer Ecke an der Wand. Alles wirkte behaglich und gepflegt, wenn auch weit von dem Luxus entfernt, an den er gewöhnt war.

Auf einem Regal entdeckte er ein Foto. Es zeigte Cassidy, die sich an ein Eisengeländer lehnte. Hinter ihr war der Himmel zu sehen, ihre smaragdgrünen Augen funkelten, das prächtige tizianrote Haar flatterte im Wind. Er schluckte. Wie konnte jemand sterben, der so voller Lebensfreude war?

In jenen Wochen, die sie bei ihnen zu Hause verbracht hatte, schien sie bei bester Gesundheit zu sein. Doch jetzt erinnerte Emilio sich an die Kopfschmerzen, die sie regelmäßig gequält hatten. Hatte Cassidy schon damals gewusst, dass sie sterben würde?

Ob sie es darauf angelegt hatte, von Arturo schwanger zu werden?

Emilio brannte vor Neugier … und die einzige Hoffnung, eine Antwort auf seine Fragen zu bekommen, war Grace Chandler.

Grace schloss mit zitternden Händen Zacs Windel und knöpfte den frischen blauen Body zwischen seinen pummeligen Beinchen zu. Wenigstens war er jetzt vorzeigbar für … Sie wagte das Wort kaum zu denken. Seinen Onkel?

Wie konnte das passieren? Nach Arturos Brief hatte sie geglaubt, dass sie die Adoption problemlos vorantreiben konnte. Und nun tauchte wie aus dem Nichts ein dunkeläugiger Fremder auf und würde ihr möglicherweise einen Strich durch die Rechnung machen.

Was wollte er?

Sie legte Zac in sein Gitterbettchen und tauschte ihr schmutziges T-Shirt gegen ein sauberes schwarzes Top mit V-Ausschnitt. Dann nahm sie das Stirnband ab, spritzte sich Wasser ins Gesicht und fuhr mit der Bürste durch das schulterlange Haar. Gleichzeitig wurde ihr klar, dass ihr Aussehen jetzt keine Rolle spielte. Ihr Instinkt sagte ihr, dass der Besucher wegen Zac hier war.

Und sie würde mit allen Mitteln um den Jungen kämpfen.

Emilio Santana stand auf, als sie mit dem Kind auf dem Arm wieder ins Wohnzimmer kam. In verwaschenen Jeans, offenem weißem Hemd und lässigem schwarzem Jackett sah er so stylisch aus wie ein Filmschauspieler.

Grace ließ sich auf der Couch nieder und setzte Zac auf den Teppich. „Entschuldigen Sie, aber ich kann Ihnen nur Eistee anbieten. Auf Besuch war ich nicht eingestellt.“

„Bitte sagen Sie Emilio zu mir. Und machen Sie sich wegen des Tees keine Gedanken.“ Er setzte sich. Sein Englisch war fehlerfrei, die Stimme mit dem leichten Akzent tief und voll. Bei geschlossenen Augen hätte Grace Antonio Banderas vor sich gesehen. Doch dieser beunruhigende Mann sah sogar noch besser aus.

Zac hatte inzwischen beschlossen, sich den Gast genauer anzusehen. Er krabbelte auf allen Vieren zu dem Sessel, in dem Emilio saß. Grace widerstand der Versuchung, den Jungen zurückzuhalten. Sie war bei seiner Geburt dabei gewesen und hatte ihn auf dem Arm gehalten, als er erst wenige Minuten alt war. Wenn dieser anmaßende Mensch glaubte, dass sie ihm das Kind übergeben und ihn dann einfach gehen lassen würde …

„Wie ist sein vollständiger Name?“ Emilio betrachtete das Baby. „Izac? Zachary?“

„Nein, einfach nur Zac … Cassidy wollte es so. Zac Miller. Aber er soll meinen Nachnamen tragen, sobald die Adoption rechtsgültig ist.“ Grace betonte das Wort sobald.

„Soweit ich weiß, sind Sie keine Blutsverwandte des Jungen.“

Graces Magen zog sich zusammen. „Nein, aber Cassidy wollte, dass er bei mir aufwächst. Und ich habe einen Brief von Ihrem Bruder, in dem er sich mit der Adoption einverstanden erklärt.“

„Ich weiß. Ich habe eine Kopie in seinen Akten gefunden.“ Seine Stimme klang tonlos. „Arturo ist tot. Er ist letzten Monat bei einem Autounfall ums Leben gekommen.“

Grace spürte, wie sie aller Mut verließ. Sie blickte Emilio an und wartete auf den nächsten Schlag, der mit Sicherheit kommen würde.

„Als Testamentsverwalter meines Bruders fordere ich Sie auf, mit der Adoption noch zu warten.“

„Warum?“, stieß Grace hervor. Ihr Herz hämmerte, und ihr war übel.

„Mein Bruder hat der Adoption unter der Bedingung zugestimmt, dass der Junge nicht mit unserer Familie in Berührung kommt. Doch jetzt ist alles anders. Soweit ich weiß, ist dieser Junge Arturos einziges Kind.“

Zac war mittlerweile bei dem Sessel angekommen und zog sich an der gepolsterten Lehne hoch. Dort stand er und sah Emilio an. Sein Blick hätte Steine erweicht. Mit einer Fingerspitze fuhr Emilio ihm über die seidigen Locken … eine besitzergreifende Geste.

Schnell nahm Grace das Baby auf den Arm. „Sie wollen ihn also mitnehmen. Und wenn ich Nein sage?“

Emilios Gesichtsausdruck beantwortete ihre Frage. „Ich habe bereits mit meinen Anwälten in Los Angeles gesprochen. Wenn nötig, bringen sie die Sache vor Gericht.“

Grace schloss Zac fester in die Arme. Die Adoption hatte sie schon Tausende von Dollar gekostet; für einen langwierigen Rechtsstreit hatte sie keine Mittel mehr. Aber wie könnte sie je auf dieses wundervolle Kind verzichten und es bei Fremden aufwachsen lassen?

„Es gibt Bindungen, die sind stärker als Blut“, sagte sie. „Eine davon heißt Liebe. Zac ist in jeder Hinsicht mein Sohn. Nichts kann mich dazu bringen, ihn gehen zu lassen.“

„Verstehe.“

„Ich glaube kaum.“

„Und Sie, Grace? Verstehen Sie?“ Sein ebenholzschwarzer Blick bohrte sich in ihren. „Dieser Junge könnte ein riesiges Vermögen erben. Sie lieben ihn wie einen Sohn … wollen Sie dann nicht das Beste für ihn? Ich habe einen Plan. Lassen Sie mich wenigstens ausreden.“

„Wir brauchen das Geld Ihrer Familie nicht, wenn es das ist, was Sie meinen. Ich verdiene genug, um über die Runden zu kommen, und Cassidy hatte einen Treuhandfonds für Zacs Ausbildung eingerichtet.“

„Hören Sie zu.“ Seine Stimme klang ungeduldig. „Es geht nicht um Geld. Es geht um den Jungen. Sie beide zu trennen, wäre grausam … und egal, was Sie von mir denken, ich bin nicht grausam.“

Verwirrt starrte Grace ihn an. Wollte er ihr Zac überlassen und wieder gehen?

„Ich schlage vor, dass Sie mit mir nach Peru kommen. Sie sehen sich die Hazienda an, auf der Zac aufwachsen und ein privilegiertes Leben führen würde. Danach haben Sie die Wahl. Sie können mir das Sorgerecht für ihn überlassen und nach Hause fahren. Wir können eine Art Besuchsvereinbarung treffen. Oder Sie entscheiden sich dafür, in Peru zu bleiben und den Jungen aufzu­ziehen.“

Als seine Worte in Graces Bewusstsein drangen, spürte sie den Schock bis in die Knochen. Das also war die Wirklichkeit. Emilio Santana war Zacs leiblicher Onkel. Er wollte seinen Neffen mitnehmen. Wenn sie versuchte, ihn hierzubehalten, hatte dieser Mann die Macht, eine ganze Armee von Anwälten gegen sie zu aufzustellen.

Zitternd sog sie die Luft ein. „Das heißt also, wenn ich in Peru bleibe, kann ich mich um Zac kümmern, aber ich darf ihn nicht adoptieren.“

„Genau. Sie haben die Wahl.“

Mit dem Baby auf dem Arm stand sie auf und blickte Emilio ins Gesicht. „Aber dann wäre ich nur so etwas wie eine Tagesmutter, nicht seine richtige Mutter.“

Der Blick aus Emilios schmalen Augen wirkte bedrohlich. „Sie wären immerhin Teil seines Lebens. Sonst müssen Sie für immer auf ihn verzichten.“

Grace drückte sich ans Fenster, als der kleine Privatjet zum Landeanflug auf Lima ansetzte. Weit im Westen tauchte die Abendsonne die Wolken in feuerrotes Licht. Atemberaubend nah ragten die schneebedeckten Gipfel der Anden unter dem Flugzeug auf wie Dolche.

„Unglaublich“, murmelte sie.

„Ja, nicht wahr?“ Emilio tauchte aus dem Cockpit auf, wo er sich mit seinem Piloten beraten hatte. Grace war nur ein Tag Zeit geblieben, um zu packen und jemanden zu beauftragen, im Haus nach dem Rechten zu sehen. Am nächsten Morgen wurden sie und Zac in einer Limousine mit Chauffeur zum Flughafen gebracht, wo Emilios Privatjet bereits wartete. Ehe sie sich versah, befand sie sich schon in der Luft, trank heißen Kaffee und aß frische Käsecroissants.

Wie ein Wirbelsturm hatte Emilio sie und Zac einfach aus ihrem Leben gerissen und in einer anderen Welt abgesetzt … einer Welt, die Grace noch vollkommen unwirklich vorkam.

„Wie geht es dem Jungen?“ Emilio setzte sich auf einen Ledersitz auf der anderen Seite des Mittelgangs. Er hatte den Großteil des Fluges im Cockpit des Flugzeugs verbracht und es Grace überlassen, sich in der Kabine um Zac zu kümmern. Wahrscheinlich hatte er gar kein Interesse an ihrer Gesellschaft. Als Betreuerin seines Neffen hatte sie für ihn wahrscheinlich den Rang eines Dienstmädchens.

Grace musterte Zac, der friedlich schlafend in seinem Autositz lag. „Die kleine Nervensäge hat den ganzen Tag gespielt. Ich hoffe, er ist für heute erledigt. Ich bin es jedenfalls.“

Emilios blickte das schlafende Baby lange an, als würde er in seinen Gesichtszügen nach Spuren seines Bruders suchen. „Ein schönes Kind, nicht wahr?“

„Wie seine Mutter.“ Die Vorstellung, dass dieser Mann das Recht hatte, ihr das geliebte Kind wegzunehmen, war absurd. Doch genau das passierte gerade.

„Sie sehen erschöpft aus, Grace.“ Emilio betrachtete ihr müdes Gesicht. Er selbst sah sogar nach diesem langen Tag unerträglich gut aus in seiner Kakihose und dem schlichten Polohemd. Sogar der Bartschatten auf seinem Kinn wirkte, als gehörte er dort hin.

„Bei mir zu Hause werden Sie jede Hilfe bekommen, die sie brauchen“, sagte er. „Sie können sich die Gegend ansehen, zeichnen, wann immer Sie wollen …“

Grace murmelte etwas Unverständliches. Bisher war Zac ein Vollzeitjob. Doch was steckte hinter Emilios Angebot? Wenn er heiratete … und das würde sicher irgendwann passieren … würde seine Frau sie wahrscheinlich zwingen, den Jungen zu verlassen. Versuchte Emilio deshalb, Zac von seinen Hausangestellten abhängig zu machen anstatt von ihr?

Emilio blickte aus dem Fenster. „Dort unten liegt Lima. Kommen Sie, Grace.“

Er stand auf, damit sie auf den Fensterplatz schlüpfen konnte. Als ihr Körper den seinen streifte, spürte sie ein erregendes Prickeln. Selbst durch ihre Kleidung fühlte er sich warm und kräftig an, und seine Haut duftete leicht nach Salbei.

Sie drängte sich an ihm vorbei und setzte sich. Wusste er, dass ihr Puls sich bei seiner Berührung beschleunigt hatte? Warum dachte sie überhaupt darüber nach? Ein Mann wie Emilio Santana wusste genau, welche Wirkung er auf Frauen hatte … sogar auf sie, die jeden Grund hatte, ihn nicht zu mögen.

Doch Grace hatte nicht die Absicht, seinem Zauber zu erliegen. Aus Furcht vor seinem Einfluss hatte sie ihr Leben auf den Kopf gestellt und die Adoption gestoppt, die sie sich mehr als alles andere wünschte. Wenn sie nun noch seinem Charme nachgab … wozu würde er sie sonst noch bringen?

„Da unten.“ Er legte ihr die Hände auf die Schultern und drehte sie so, dass sie die Aussicht genießen konnte. Die Anden waren zu einem schmalen Küstenstreifen abgefallen.

Emilio ließ die Hände auf ihren Schultern liegen, und die Berührung rief sanfte Hitzeschauer in ihr hervor. „Da … von hier aus können Sie die Lichter der Stadt sehen.“

Wie ein Schleier lag die Abenddämmerung über dem Wasser und dem riesigen Lichtermeer, aus dem die Hauptstadt von Peru zu bestehen schien. Im Sinkflug näherte sich das Flugzeug der Stadt …

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