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Atemlos am Strand

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1. KAPITEL

„Die Seele, nicht das Gesetz, erhält die Gerechtigkeit am Leben.“

Earl Warren

Wie immer waren die Straßen in Manhattan total verstopft und der Verkehr bewegte sich nur stockend. An einer roten Ampel drehte Victoria Holmes sich zu ihren beiden Freundinnen um. „Ich kriege diesen Auftrag, sonst …“

„Sonst was?“, hakte Calla Tucker nach und faltete die Zeitung auf ihrem Schoß zusammen.

„Sonst gibt sie uns die Schuld“, antwortet Shelby Dixon.

Zufrieden blickte Victoria nach vorn durch die Windschutzscheibe ihres Mercedes, sie hatten es kapiert, jetzt musste sich nur noch ihr Magen endlich beruhigen.

Wie ihre Mutter es bereits getan hatte, opferte auch sie sich auf für Coleman PR. Sie würde den Auftrag kriegen und befördert werden, komme, was wolle.

Aber deine Mutter ist eine Legende, der du nie das Wasser reichen wirst, meldete sich ihre innere Stimme zu Wort.

Victoria arbeitete oft bis spät abends und nahm an den Wochenenden und an Feiertagen immer Arbeit mit nach Hause. Ehrgeizig und selbstbewusst hatte sie große Aufträge an Land gezogen und der Firma vermögende Kunden eingebracht. Trotzdem wurde sie ständig mit ihrer Mutter verglichen, die in ihrem Alter bereits der jüngste Senior Vice President gewesen war. Immer wieder wurde sie auf irgendeine Weise von der Geschäftsführung daran erinnert.

Es war also überfällig, dass auch sie Senior wurde und ein Eckbüro bekam. Sie hatte es verdient, nicht länger im Schatten ihrer Mutter zu stehen, und würde allen beweisen, dass sie es allein schaffen konnte.

„Dieser Rutherford-Vertrag macht mich noch wahnsinnig“, murmelte sie.

Calla klopfte ihr besänftigend auf die Schulter. „Keine Sorge, wir halten dir den Rücken frei.“

Victoria war froh, dass ihre Freundinnen sie unterstützten. Shelby hatte ein langes Wochenende mit ihrem Freund geopfert, um ihr auszuhelfen. Sie war selbstständig mit ihrem Partyservice und hatte sich bereit erklärt, auf der Hausparty der Rutherfords in Southampton, zu der sie unterwegs waren, zu kochen.

Calla, die Reiseschriftstellerin war, hoffte, dass sie einen guten Bericht über die Party schreiben konnte und ein paar Fotos schießen durfte.

„Ich find’s wirklich toll, dass ihr mir helft. Diese Veranstaltung muss glattlaufen.“

„Über das Anwesen der Rutherfords wurde schon mehrmals in Architekturzeitschriften berichtet, ich kann es kaum erwarten, es zu sehen.“

„Der Extraverdienst tut mir auch gut. Nach all den Hochzeiten im Juni war bei mir eine ganze Weile nichts mehr los“, meinte Shelby.

„Wieso empfiehlt dein reicher Lover dich eigentlich nicht all seinen wohlhabenden Freunden?“, wollte Victoria wissen.

„Tut er doch, aber die maßgeblichen Leute verbringen den Sommer auf Long Island. Mein Unternehmen ist nicht groß genug, als dass ich jedes Wochenende meine Ausrüstung und Lebensmittel da rausschleppen könnte.“

„In Rose Rutherfords Gourmetküche gibt es sicher alles, was wir brauchen“, merkte Calla an.

„Die Haushälterin hat es mir versichert, und meine Lieferanten liefern alle Lebensmittel direkt dorthin, so muss ich nicht den Transporter nehmen.“

„Ich wäre niemals im Transporter dort aufgetaucht“, sagte Victoria, während sie sich zwischen zwei Taxis auf die rechte Spur drängelte.

„Es wäre ja auch schrecklich, wenn die wüssten, dass du eine Freundin hast, die Köchin ist“, zog Calla sie auf.

„Du weißt genau, dass ich kein Snob bin“, antwortete Victoria und blickte Calla im Rückspiegel in die Augen. „Doch das äußere Erscheinungsbild ist nun mal wichtig, damit ich diesen Auftrag bekomme.“

„Und ich bin keine Köchin“, korrigierte Shelby die Freundin entrüstet. „Wobei das nicht schlimm wäre. Aber dieses Wochenende geht es nur darum, dass du den Auftrag kriegst, auch wenn Calla stattdessen in der Sonne liegen und ich mich mit meinem Lover nackt im Bett rekeln könnte.“

„Mach mir nur ein schlechtes Gewissen“, antwortete Victoria trocken. Ihr war nicht nach Scherzen zumute.

„Hast du eigentlich noch was darüber gehört, ob der Seniorchef von Coleman wirklich in den Ruhestand geht?“, wechselte Shelby das Thema.

Victoria nickte. „Ja, sie geben es Anfang nächster Woche bekannt. Das weiß ich von seiner Sekretärin.“

„Und wieso erzählt sie dir so was?“, wollte Calla wissen.

„Na ja, weil ich im Gegensatz zu ihrem Chef nie ihren Geburtstag vergesse und auch nicht, dass ihre Lieblingsblumen Margeriten sind und dass sie Schokolade mit Karamellfüllung am liebsten mag.“

„Wie kannst du dir das alles merken?“

Victoria zuckte die Achseln. „Ich habe einen Ordner über jeden. Glaubt mir, Mädels, es ist unheimlich hilfreich, sich mit den wahren Machthabern, den Assistentinnen, gutzustellen, wenn man die Karriereleiter hoch will.“

Das hatte sie von ihrer legendären Mutter gelernt, doch da war ja nicht nur ihre Mutter, sondern auch ihr Vater, der Rechtsanwalt, ihr Großvater, der Herzchirurg, und die Holmes-Stiftung, die von ihrer Großmutter und ihrer Cousine geführt wurde. Alles in allem ein beängstigender Maßstab.

„Wenn Coleman Senior sich zur Ruhe setzt, wird Coleman Junior Vorsitzender, und der wertvolle Kunde Rutherford Securities ist zu haben“, meinte Shelby.

Victoria spürte, wie ihr Mund trocken wurde. „Und im Eckbüro des Senior Vice President sitzt dann jemand anderes.“

Shelby tätschelte ihr beruhigend den Oberschenkel. „Du kriegst den Auftrag ganz sicher. Niemand arbeitet so hart wie du. Mach dir keine Sorgen.“

Dank ihrer familiären Beziehungen war Victoria zur alljähr­lichen Sommerparty der Rutherfords eingeladen worden. Dort wollte sie mit Richard, dem Sohn von Rose Rutherford, über eine Strategie reden, wie man das neue Produkt von Rutherford Securities am besten bewerben könnte.

Ihre berufliche Zukunft und ihr Ruf hingen von den nächsten paar Tagen ab.

„Was ist denn das für ein Produkt, für das dieser Richard eine Werbestrategie braucht?“, erkundigte Calla sich.

„Ein Safe.“

Nachdenklich tippte sich Shelby mit ihrem Kugelschreiber an die Lippen. „So ein großes, schweres Ding aus Metall, in dem man seine Wertsachen unterbringt, oder was?“

„Ja“, erwiderte Victoria und errötete. Sie hielt das Konzept für völlig überholt.

„Na ja, das ist …“

„Eine wahnsinnige Neuheit“, beendete Calla den Satz für Shelby.

„Ach, hört schon auf. Ich weiß, es ist verrückt, aber jetzt, wo all die Banken versagen und niemand ihnen mehr traut, kann es doch sein, dass die Leute auf altbewährte Mittel zurückgreifen. Egal, Richard wird einen Haufen Geld hinblättern, um die Leute davon zu überzeugen, dass sie sich unbedingt so ein Teil anschaffen müssen.“

„Und er wird es in dich investieren“, bemerkte Calla.

„Ja.“ Victoria fuhr auf die Autobahn in Richtung Osten. „Denn ich hab es verdient, nicht wahr?“

Jared McKenna wischte sich den Schweiß von der Stirn, während er den vierten und letzten Jetski am Steg des Rutherford-Anwesens festband.

Obwohl er es das ganze Wochenende mit irgendwelchen Schnöseln zu tun haben würde, genoss er die harte Arbeit und die tolle Sicht. Am Himmel waren lediglich ein paar kleine Wölkchen zu sehen und auf dem blaugrünen Wasser des Atlantiks tanzten Schaumkronen. Es war stickig gewesen in den vergangenen Wochen, die kühle Luft war eine willkommene Abwechslung. Er kam aus Montana und hatte Mühe, sich an die Feuchtigkeit im Osten zu gewöhnen.

Sobald er fertig war, machte er sich auf den Weg zum Haus, um zu sehen, ob die Gäste alle eingetrudelt waren. In der Küche traf er auf Mrs Keegan, die Haushälterin. „Wie geht es der hübschesten Frau in ganz New York?“, fragte er und zwinkerte sie verschmitzt an.

Mrs Keegan errötete. „Sie sind ein schlimmer Kerl“, scherzte sie. Ihr irischer Akzent war nicht zu überhören.

Jared grinste sie freundlich an.

„Wir haben dieses Wochenende eine echte Küchenchefin hier bei uns“, bemerkte Mrs Keegan, während sie ihm ein Glas Limonade einschenkte.

„Wirklich?“

„Ja, dieses Mal grillt Master Richard nicht selbst.“

Jared hatte bereits mehrmals für Rose Rutherford gearbeitet und war auch ihrem Sohn Richard begegnet, der ihm nicht wirklich sympathisch war. Allein die Tatsache, dass er „Master“ genannt werden wollte, sagte schon alles.

Richard hatte seine Firma mit dem Geld seiner Familie gegründet, doch wie er damit so erfolgreich geworden war, war Jared schleierhaft, denn der Mann schien sich hauptsächlich im Golfclub aufzuhalten.

„Und warum nicht?“

„Ein Partyservice aus der Stadt wurde engagiert.“ Die Miene der Haushälterin erhellte sich. „Die Chefin heißt Shelby und ihr Lieferant hat tolle Zutaten gebracht. Ich kann’s kaum erwarten, sie kochen zu sehen.“

„Aha, ein Abenteuer-Wochenende für Gourmets.“ Bei all den sportlichen Aktivitäten, die er mit den Gästen ausüben sollte, fragte er sich, ob die am Abend überhaupt noch gerade sitzen können würden, geschweige denn Gourmetgerichte zu sich nehmen wollten.

„Sie wissen doch, dass Master Richard viel Wert auf das Erscheinungsbild legt.“

Allerdings, dem ging es nur darum, seinen Einfluss und seine Männlichkeit zur Schau zu stellen.

„Die Chefköchin ist mit Victoria Holmes befreundet.“ Mrs Keegan zog die Augenbrauen hoch.

Der Name Holmes war ihm ein Begriff, er hatte mal für ­Victorias Mutter Joanne Holmes und für die Stiftung der Familie ein Wochenende auf einer Ranch organisiert. Die Dame hatte sich ihm gegenüber kühl und distanziert verhalten, obwohl er sich sehr bemüht hatte, den Teenagern ein echtes Erlebnis auf dem Land zu bieten.

Er bekam es öfter mit schwierigen Kunden zu tun, trotzdem liebte er seinen Job. Was allerdings kaum jemand ahnte, war, dass er es eigentlich nicht nötig hatte zu arbeiten. Er war vermutlich ebenso vermögend wie die Leute, die ihn anheuerten, nur behielt er das gern für sich.

Außer seinem Steuerberater, seinem Geschäftsstellenleiter und den engsten Familienangehörigen wusste niemand, dass er nicht nur für Flaming Arrow Adventure Tours arbeitete, sondern dass ihm die Firma gehörte.

Er war hergekommen, weil er Rose Rutherford mochte und weil er die Herausforderung liebte, sportliche Wochenenden für erfolgreiche Führungskräfte zu organisieren. Die behandelten ihn zwar oft von oben herab, aber das störte ihn nicht.

Sein Großvater, sein Vater und er selbst hatten schwer gearbeitet für ihren Erfolg. Das war vermutlich auch der Grund, wieso er Richard nicht leiden konnte, denn der schien immer den bequemen Weg zu gehen.

Ruthanne, Richards Frau, betrat die Küche. Auf dem Kopf trug sie einen Strohhut mit breiter Krempe. Die Energie, die sie ausstrahlte, stand in starkem Kontrast zur aufgeblasenen Selbstgefälligkeit ihres Mannes.

„Was für ein wunderschöner Tag!“

„Ja, Miss Ruthie“, erwiderte Mrs Keegan höflich. „Ich habe Limonade gemacht. Möchten Sie welche?“

„Das ist aber lieb. Ja, bitte.“ Freundlich lächelte Ruthanne die Haushälterin an.

„Die Jetskis sind bereit“, meldete sich Jared zu Wort.

„Gut. Vermutlich …“ Als sie sah, wie die Haushälterin am Boden kniete, hielt sie inne. „Mrs Keegan, was machen Sie denn da unten?“

„Ich habe ein wenig Limonade verschüttet, Miss Ruthie.“ Mrs Keegan stand wieder auf. „Eine Küche muss sauber sein.“

„Diese Küche ist immer blitzsauber. Meine Freunde sind nicht so, da muss man nicht vornehm tun.“ Ruthannes Mund wurde schmal. „Allerdings bin ich mir bei dem Pärchen, das mein Mann in letzter Minute eingeladen hat, nicht so sicher“, fügte sie etwas abwesend hinzu. „Jared?“, wandte sich Ruthie an ihn. „Meine Freunde werden Ihnen gefallen. Mein Mann hat wie üblich zwar auch was Geschäftliches zu besprechen, aber wir werden uns ein tolles Wochenende machen.“

Der Türsummer ertönte. „Rutherford-Residenz“, meldete sich Mrs Keegan.

„Victoria Holmes, Shelby Dixon und Calla Tucker hier für Rose Rutherford.“

„Ja, Sie werden schon erwartet. Fahren Sie die Auffahrt rauf, bitte.“ Mrs Keegan gab einen Code auf dem Ziffernfeld ein, damit das Tor sich öffnete.

„Was haben Sie denn mit uns vor?“, wandte sich Ruthanne wieder an ihn.

Jared zählte die verschiedenen Aktivitäten auf. Außer mit den Jetskis zu fahren, wollte er mit den Gästen segeln gehen, Wasserski fahren, tauchen und angeln.

„Wollen Sie das alles an einem Wochenende machen?“ Ruthie lächelte ungläubig.

Er schaute auf seine Armbanduhr. „Wenn wir uns beeilen, schaffen wir es sogar bis zum Sonnenuntergang.“

Als die Haustürglocke ertönte, rannte Mrs Keegan sofort los, wobei sie sich die Hände an der Schürze abwischte.

„Ich habe sie so noch nie erlebt“, meinte Ruthie und blickte der Haushälterin nach. „Es ist beinahe so, als würde uns eine Berühmtheit besuchen kommen.“

Jared hörte mehrere Frauenstimmen und kurz darauf betraten eine Blondine, eine Schwarzhaarige und eine Rothaarige die Küche. Wie abwechslungsreich.

Alle umarmten Ruthie, er wurde lediglich angestarrt. Vermutlich lag das an seiner Größe. Mit seinen eins neunzig wirkte er auf manche Leute einschüchternd.

Sofort erkannte er die Holmes-Erbin. Irgendwie sah sie aus wie ihre Mutter, andererseits auch wieder nicht. Ihre eisblauen Augen nahmen einen warmen Ausdruck an, als sie sich mit ihren Freundinnen unterhielt. Mit den hohen Absätzen, die sie trug, war sie mindestens eins achtzig groß.

Sie war atemberaubend schön, aber ganz und gar nicht sein Typ. Kühle Perfektion, eingehüllt in teure Kleidung. Als Ruthie sie einander vorstellte, blieb ihr Lächeln distanziert. Sie streckte ihm die Hand hin und sagte: „Meine Vorstellung von Abenteuer ist eine Massage in einem Spa. Ich glaube also nicht, dass wir dieses Wochenende viel miteinander zu tun haben werden.

Als er Victorias Hand in seine nahm, kam es ihm vor, als durchströme ihn eine unsagbare Hitzewelle, was ihn völlig überraschte. Diese Frau hatte was an sich … eine herausfordernde interessante Art.

„Ihre Mutter mochte mich zunächst auch nicht, das hat sich irgendwann geändert.“ Er lächelte sie an, doch ihr Blick hatte nun etwas Misstrauisches.

2. KAPITEL

Die Berührung von Jared McKennas Hand löste ein merkwürdiges Kribbeln in ihr aus, schnell zog Victoria ihre zurück. „Sie kennen meine Mutter?“

„Ich habe mit ihr und ein paar Teenagern aus der Stiftung letztes Jahr ein Cowboy-Wochenende veranstaltet.“

Ihre Großmutter hatte ihr davon erzählt, Victoria war damals froh gewesen, dass sie nichts damit zu tun hatte. „Meine Mutter ist auf einem Pferd geritten?“ Argwöhnisch zog sie die Augenbrauen hoch.

„Nein, aber die Kinder und das Personal, und sie fanden es toll. Ihre Mutter war natürlich glücklich darüber.“

Wie konnte er behaupten, dass ihre Mutter glücklich gewesen war? Hatte sie vielleicht tatsächlich gelächelt? Ihm ein Kompliment gemacht? Joanne erwärmte sich nicht so schnell für jemanden, auch nicht für einen großen, gut aussehenden Natur­burschen.

Ihr dagegen waren seine breiten Schultern sofort aufgefallen. Er hatte muskulöse Arme und seine Haut war tief gebräunt, was vermutlich daher kam, dass er die meiste Zeit draußen verbrachte. So, wie er da barfuß vor ihr stand, in seinem zerknitterten T-Shirt und Shorts und mit dem vom Wind zerzausten dunklen Haar, entsprach er zwar nicht ihrem Typ Mann, aber er hatte ein Wochenende mit ihrer Mutter überlebt, das bewunderte sie.

„Hi, Ruthanne“, hörte Victoria ihre Freundin Shelby sagen. „Ich freue mich, Sie endlich kennenzulernen.“

„Kommen Sie, wir machen einen Rundgang zur Speisekammer“, forderte Ruthie ihre beiden Freundinnen auf. Mrs Keegan folgte den drei Frauen.

„Rundgang zur Speisekammer?“, wiederholte Victoria für sich selbst. Wo lag denn diese Speisekammer?

„Sie hatten mal einen Kammerdiener.“ Jared grinste. „Er hat ihnen die Sachen von der Speisekammer in die Küche getragen, doch er war nicht schnell genug, da haben sie ihn entlassen.“

Victoria lächelte. „Kammerdiener arbeiten nicht in der ­Küche.“

„Sie müssen es wissen.“

„Ach, und wieso das? Ich wohne in einer Wohnung in Manhattan. Ich brauche keinen Kammerdiener.“

„Ein Hausmädchen?“

„Eine Putzfrau.“

„Jeden Tag?“

„Nein, einmal die Woche.“ Victoria verschränkte die Arme vor der Brust. „Gibt es einen besonderen Grund, weshalb meine häusliche Situation Sie so interessiert?“

Jared lächelte hinterlistig. „Wo wir schon mal dabei sind: Wohnen Sie mit Ihrem Freund zusammen?“

„Nein“, platzte Victoria heraus, bevor ihr überhaupt bewusst wurde, was er sie da gefragt hatte, und dass ihn das gar nichts anging.

„Übernachtet er ab und zu bei Ihnen?“

„Was soll denn das? Sie …“

„Ah, Sie reagieren recht sauer darauf. Also würde ich mal sagen nein. Sie schmeißen die Männer sicher eine Viertelstunde nach dem Sex raus, oder?“

„Das tue ich nicht.“

„Ach so, noch ein Gläschen und dann …“

„Nein!“

Ihre Liebhaber waren immer zufrieden, wenn sie nach Hause gingen. Was wollte er damit andeuten? Dass sie kalt und systematisch vorging wie ihre Mutter? Im nächsten Moment wurde ihr bewusst, dass Jared McKenna nach nur einer Minute mehr über ihr Privatleben wusste als ihre Assistentin nach fünf ­Jahren.

Sie starrte ihn böse an. „Wirken sich die Muskeln in Ihren Oberarmen eigentlichen negativ auf Ihre Gehirnleistung aus?“

Sein Blick wurde weich, als er sie ansah, einen Arm hob und den Muskel anspannte. „Sie haben es also gesehen?“

Was war denn das für eine peinliche Anmache? Das war doch hoffentlich ein Witz. „Hören Sie.“ Victoria beugte sich zu ihm und flüsterte: „Ich habe keine Zeit für Ihre Spielchen und ich bin auch nicht zum Flirten oder wegen Sex hier – bei dem ich, nebenbei bemerkt, gut bin. Ich bin hier, um befördert zu werden. ­Richard Rutherford soll mir die Zukunft absichern, alles andere ist unwichtig.“

„Haben Sie eine Ahnung, wie sexy Sie gerade sind?“

Verwirrt sah sie ihn an. „Ich …“ Oh Gott, wie peinlich. Sie spürte, wie ihr ganz heiß wurde. Normalerweise schaffte es niemand, sie derart zu überrumpeln.

„Sie sollten mal lieber einen großen Schritt zurücktreten, Cowboy“, riet sie ihm mit eindringlicher Stimme.

„Ich? Sie sind näher gekommen. Gehen Sie doch einen Schritt zurück.“

„Auf keinen Fall.“

„Was sollen wir also Ihrer Meinung nach tun, wo wir uns schon so nahe sind?“

„Wir werden gar nichts tun“, erwiderte Victoria empört.

„Ach? Sie haben gar keine Idee?“

Er hob die rechte Hand und strich mit dem Daumen langsam über die Unterlippe.

„Mir würden da ein paar Dinge einfallen.“

„Hallo, allerseits.“

Als sie Richard Rutherfords Stimme hinter sich hörte, sprang Victoria erschrocken einen Schritt zurück. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals hinauf. Was tat sie denn da? Wie hatte sie sich auf diese zweideutige Situation einlassen können?

Schnell schob sie die aufwühlenden Gedanken an Jared beiseite und ging zielstrebig auf ihren Gastgeber zu, der an der Küchenanrichte lehnte. Sie war wieder ganz die erfolgreiche Geschäftsfrau und lächelte ihn freundlich an. „Richard, schön Sie zu sehen. Was für ein tolles Haus für eine Wochenendparty.“

„Danke, Victoria.“

Richard war gekleidet wie der typische wohlhabende Mann an einem Golfwochenende: beige-braun-gelber Pullover mit Rautenmuster, dazu Kakihose.

„Schön, dass Sie kommen konnten.“

Seine Förmlichkeit kam ihr merkwürdig vor. Verdammt, dieser Jared hatte so eine witzige lockere Art, und obwohl Richard immer eher zurückhaltend war, kam ihr das in diesem Moment irgendwie falsch vor.

„Ja, es wird sicher toll“, erwiderte sie höflich. „Ich hoffe allerdings, dass wir uns auch irgendwann ein paar Minuten über die neue Kampagne unterhalten können.“

Richard lächelte. „Bestimmt wird sich dafür ein Zeitpunkt ergeben. Wir verbinden das Geschäft einfach mit dem Vergnügen.“

Gut, sie hatte sich wieder gefasst. Sie empfand Richards Verhalten als normal, wie hatte sie sich nur von diesem barfüßigen Möchtegerncowboy aus dem Konzept bringen lassen können? Ach nein, er war ja Abenteuertour-Führer. Was war das überhaupt für ein Job?

Wieder surrte die Gegensprechanlage. „Das sind vermutlich die anderen Gäste, Mrs Keegan“, kündigte Richard an, und die Haushälterin kam sofort in die Küche zurückgeeilt. „Führen Sie sie in den Salon. Wir werden dort zunächst einmal Tee trinken, damit sich alle kennenlernen können.“

Mit wenigen Schritten war Jared an der Hintertür. „Dann geh ich mal nachsehen, ob die Ausrüstung bereit ist.“

„Nein, nein, bleiben Sie ruhig da und schließen Sie sich uns an. So kann ich Sie mit allen bekannt machen.“

Jared schien das gar nicht recht zu sein. Victoria konnte sich diesen großen Mann auch nicht mit einer eleganten Teetasse in der Hand auf einem von Roses antiken Sofas vorstellen, aber das war nicht ihr Problem.

„Wer kommt denn sonst noch?“, erkundigte sie sich. „Irgendjemand, den ich kenne?“

Vielleicht hatte Richard ein paar Führungskräfte seiner Firma eingeladen. Es wäre äußerst günstig, sollte sie wichtigen Direktoren begegnen. Dann könnte sie alle gleichzeitig beeindrucken und von sich überzeugen, und der Auftrag wäre am Dienstag, wenn Coleman Senior seinen Rücktritt bekannt gab, zum Unterzeichnen bereit. Sie konnte fast schon die Champagnerkorken knallen hören.

Sie war so in Gedanken versunken, dass sie den Namen, den Richard nannte, beinahe nicht gehört hätte. „Haben Sie gerade Peter Standish gesagt?“, fragte Victoria leise. Sie war völlig perplex und brachte kaum einen Ton heraus.

Richard nickte. „Zusammen mit Emily, seiner Frau. Ein reizendes Paar. Sie sind wirklich …“

„Entschuldigung.“ Victoria war zwar selbst erschrocken darüber, dass sie Richard unterbrach, aber sie musste es wissen, denn sie befand sich kurz vor einer Panikattacke. „Der Peter Standish, der bei Coleman arbeitet?“

„Ganz genau der. Wir sind doch alle eine große glückliche Familie, oder?“

Richard lächelte sie erwartungsvoll an, als habe er ihr gerade ein großes Geschenk gemacht. Victoria spürte, wie ihr Mund trocken wurde. „Aber …“

Calla, die in die Küche zurückgekommen war, stürzte auf sie zu und legte ihr einen Arm um die Taille. Sie hatte offensichtlich gemerkt, dass sie Unterstützung brauchte.

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