Logo weiterlesen.de
COLLECTION BACCARA BAND 343

CATHERINE MANN

In den Händen des Milliardärs

Wenn er mit seiner rauchigen Stimme sexy Songs singt, schmelzen seine weiblichen Fans dahin. Niemand ahnt, dass Malcolm Douglas ein Doppelleben führt: Er ist auch Agent. Als seine Teenagerliebe Celia bedroht wird, ist Malcom zur Stelle. Nur um sie zu beschützen, sagt er sich selbst. Doch die Leidenschaft macht sie beide schon bald so atemlos wie damals …

KAREN FOLEY

Heiße Küsse in dunkler Nacht

Es ist eine dunkle Nacht in Kentucky, als Lacey mit ihrem Wagen liegen bleibt. Ein bisschen unheimlich – bis der Mann mit dem Abschleppwagen auftaucht! Plötzlich kann Lacey sich nichts Besseres vorstellen als ein paar Stunden mit diesem Traummann. Aber der Morgen kommt viel zu früh. Und damit die Überraschung, wer ihr nächtlicher Lover wirklich ist …

SUSAN CROSBY

Rette mich – verführe mich!

Als Victoria Fortune auf seiner Ranch erscheint, schrillen bei Garrett Stone alle Alarmglocken: Victoria ist zu jung, zu verwöhnt – und viel zu verführerisch! Und er ist ein Mann mit dunkler Vergangenheit, der es nicht verdient hat, dass die High-Society-Prinzessin ihn für ihren persönlichen Helden hält. Nur weil er sie bei einem Tornado gerettet hat …

IMAGE

In den Händen des Milliardärs

1. KAPITEL

Der Schulchor probte gerade „It’s a Small World“, als ­Celia Patel erfahren musste, wie klein die Welt tatsächlich war.

Hastig brachte sie den Notenständer in Sicherheit und wich zur Seite aus, als ihre Schülerinnen begeistert kreischend von der Tribüne stürmten und den Boden der Turnhalle zum Beben brachten. Die Meute wild gewordener Mädchen kannte nur noch ein Ziel. Den hinteren Eingang der Halle. Denn da stand er.

Malcolm Douglas.

Entertainer und siebenmaliger Grammy-Gewinner.

Und der Mann, der ­Celias Herz gebrochen hatte, als sie beide sechzehn Jahre alt gewesen waren.

Zwei Dutzend aufgeregt kichernder Mädchen umringten den Superstar, während seine beiden Bodyguards unruhig mit den Füßen scharrten.

Malcolm hingegen hatte seinen Blick auf ­Celia gerichtet und schenkte ihr das berühmte Lächeln, das unzählige CD-Cover und Pressefotos zierte. Er hatte nichts von seinem jungenhaften Charme und seinem guten Aussehen eingebüßt. Er war einfach nur reifer geworden – und hatte jede Menge Selbstbewusstsein und etwa zwanzig Pfund Muskelmasse zugelegt.

Er trug verblichene Jeans und Designerschuhe mit der lässigen Selbstsicherheit eines Mannes, der sich in seiner Haut wohlfühlte. Die hochgekrempelten Ärmel seines Hemdes entblößten starke, gebräunte Unterarme und Musikerhände.

­Celia wollte lieber nicht darüber nachdenken, wie geschickt und zärtlich diese Hände sein konnten.

Sein goldbraunes Haar war noch genauso kräftig, wie sie es in Erinnerung hatte. Und immer noch ein wenig zu lang. Die Strähnen, die ihm in die Stirn fielen, verführten dazu, es zurückzustreichen. Und diese blauen Augen! Sie konnte sich gut an den Blick aus diesen Augen erinnern, kurz bevor er sie mit der ungestümen Leidenschaft eines verliebten Teenagers geküsst hatte.

Mittlerweile war er unübersehbar zum Mann geworden.

Was zur Hölle tat er hier? Malcolm hatte keinen Fuß mehr nach Azalea, Mississippi, gesetzt, seit ein Kollege ihres Vaters, des ehrenwerten Richters Patel, ihm vor beinahe achtzehn Jahren die Wahl zwischen Jugendgefängnis und einer Besserungsanstalt des Militärs gelassen hatte. Seit er sie zurückgelassen hatte – verängstigt … und schwanger.

Auch wenn er häufig in der Presse auftauchte, war es doch etwas anderes, ihn nach all den Jahren leibhaftig wiederzusehen. Nicht dass sie die Zeitungen nach Fotos von ihm durchsucht hätte. Doch angesichts seiner Popularität war es nahezu unmöglich, nicht immer wieder unerwartet auf ihn zu stoßen. Am schlimmsten war es, wenn sie das Radio einschaltete und unvermittelt seine verführerische Stimme hörte.

Gerade presste er ein Stück Papier gegen seinen Oberschenkel, um ein Autogramm für eine Schülerin zu schreiben. Als ­Celia ihn mit dem jungen Mädchen sah, zog sich ihr Herz schmerzhaft zusammen. Sie musste daran denken, was hätte sein können, wenn sie gegen alle Widerstände und jede Vernunft ihr Baby behalten hätte.

Doch sie hatte ihre neugeborene Tochter an ein Ehepaar weggegeben, das dem Kind all das geben wollte, was sie und Malcolm ihm nicht bieten konnten. An jenem Tag hatte sie auf einen Schlag all ihre jugendliche Unbekümmertheit verloren, alle Zukunftsträume waren ausgeträumt.

­Celia straffte ihre Schultern und ging langsam auf die Menschentraube zu, die sich am anderen Ende der Turnhalle versammelt hatte. Sie war entschlossen, diesen Überraschungsbesuch mit Haltung zu überstehen.

„Kinder, ihr müsst Mr Douglas ein wenig Platz zum Atmen lassen.“ Sie trat in die Mitte der Mädchen und unterdrückte den Drang, ihr gelbes Sommerkleid glatt zu streichen.

Malcolm verteilte die letzten Autogramme. „Danke, dass du mich rettest, ­Celia“, bemerkte er augenzwinkernd.

„­Celia?“, rief ein Mädchen überrascht. „Miss Patel, Sie kennen ihn? Oh, mein Gott! Woher? Warum haben Sie uns das nie erzählt?“

­Celia hatte nicht vor, dieses Thema zu vertiefen. „Wir waren zusammen auf der Highschool“, erklärte sie knapp. „So, und jetzt geht wieder auf eure Plätze. Ich bin sicher, dass Mr Douglas all eure Fragen gern beantworten wird. Immerhin hat er ja unsere Chorprobe unterbrochen.“

Er begegnete ihrem vorwurfsvollen Blick mit einem vergnügten Grinsen.

„Waren Sie beide ein Paar?“, fragte eine Schülerin neugierig.

Die Glocke läutete – dem Himmel sei Dank! – und beendete die Stunde, ohne dass noch Zeit für weitere Fragen blieb. „Los, Kinder, stellt euch für eure letzte Stunde auf.“

­Celia bemerkte, dass die beiden Wachleute drinnen nur ein Teil von Malcolms Sicherheitspersonal waren. Im Flur standen vier weitere muskelbepackte Männer, während eine extralange Limousine mit getönten Fensterscheiben vor den Glastüren der Eingangshalle wartete.

„Ich nehme an, du bist hier, um mich zu sehen?“, fragte ­Celia, nachdem die letzten Schülerinnen aus der Halle verschwunden waren.

„Ja, das bin ich“, sagte er ruhig, und seine sanfte Baritonstimme schmeichelte ihren Ohren. „Können wir uns irgendwo ungestört unterhalten?“

„Deine Bodyguards machen das wohl ziemlich unmöglich.“ Sie deutete in Richtung des bulligen Duos, das so ausdruckslos zurückstierte wie die Wachsoldaten vor dem Buckinghampalast.

Malcolm nickte den beiden zu, und sie zogen sich wortlos in den Flur zurück. „Sie bleiben vor der Tür. Doch sie sind weniger zu meinem Schutz hier als zu deinem.“

„Zu meinem Schutz?“, fragte sie verständnislos. „Ich bezweifle, dass deine Fans anfangen, mir nachzulaufen, nur weil wir beide uns vor Ewigkeiten einmal gekannt haben.“

„Das meine ich nicht.“ Er wählte seine Worte sorgfältig. „Ich habe Gerüchte gehört, dass es Drohungen gegen dich gibt. Da ist ein wenig extra Sicherheit doch ganz gut, oder?“

„Ach das. Das waren nur ein paar seltsame Anrufe und Zettel. Solche Sachen passieren öfters, wenn mein Vater einen schwierigen Fall verhandelt.“

Wie um alles in der Welt hatte Malcolm davon erfahren? Sie fühlte sich unbehaglich und spürte, wie Panik in ihr aufstieg.

Ach verdammt, sie war kein verängstigter Teenager mehr. Sie war eine selbstsichere, erwachsene Frau, und das hier war ihr Revier. Auch wenn ihre Nerven so gespannt waren wie Klaviersaiten, sie würde nicht zulassen, dass Malcolms plötzliches Auftauchen ihr den Boden unter den Füßen wegzog.

Mithilfe einiger hervorragender Psychotherapeuten hatte sie sich ihren Weg zurück ins Leben erkämpft. Sie weigerte sich zuzulassen, dass irgendetwas oder irgendjemand ihren Seelenfrieden bedrohte und ihr ruhiges, sicheres Leben aus der Bahn warf.

Schon gar nicht Malcolm Douglas.

Sich in ­Celia Patel zu verlieben, hatte Malcolms Leben für immer verändert. Ob zum Guten oder zum Schlechten, darüber stand das Urteil noch aus.

Beinahe achtzehn Jahre lang hatte Malcolm es geschafft, auf Distanz zu bleiben. Aber er hatte ­Celia nie aus den Augen verloren, selbst dann nicht, wenn sie sich auf verschiedenen Kontinenten aufgehalten hatten.

Das war auch der Grund, warum er jetzt hier war. Er wusste zu viel über ihr Leben. Diese Drohungen gegen sie hatten ihn in Alarmbereitschaft versetzt. Er musste ­Celia irgendwie davon überzeugen, dass sie sich helfen ließ. Auf diese Weise konnte er wiedergutmachen, dass er ihr Leben zerstört hatte. Vielleicht konnte er dann auch endlich diese verklärte Jugendliebe hinter sich lassen, die ihm nach so vielen Jahren schon fast wie eine Illusion vorkam.

Doch seine körperliche Reaktion auf ­Celias Nähe war keine Einbildung. Jetzt, wo sie nur einen Schritt von ihm entfernt war, konnte er sich an jedes Detail erinnern. Er wusste, wie seidig sich ihr langes schwarzes Haar anfühlte, das ihr in weichen Wellen bis weit über die Schultern reichte. Das leuchtend gelbe Sommerkleid schmiegte sich an die Kurven, die seine Hände damals liebkost hatten.

Es kam ihm vor wie gestern, als sie damals beide hier zur Schule gegangen waren. Er war extra dem Schulchor beigetreten, um ihr nahe zu sein. Die Sticheleien der anderen Jungs hatten ihn nicht interessiert. Es gab nichts, was er nicht für sie getan hätte.

Und daran hatte sich nichts geändert. Einer seiner Kontaktleute hatte Wind davon bekommen, dass ­Celias Vater, Richter Patel, einen Prozess gegen einen Drogenring führte, dessen Hauptverdächtiger anscheinend versuchte, ­Celia einzuschüchtern. Malcolm hatte die örtliche Polizei informiert, doch die hatten sich nicht einmal die Mühe gemacht, die Unterlagen zu sichten, die er ihnen zur Verfügung gestellt hatte. Unterlagen, die eine klare Verbindung zwischen dem Angeklagten und einem Auftragskiller belegten.

Die Polizei mochte keine Einmischung von Außenstehenden, doch jemand musste etwas unternehmen. Und dieser Jemand war offensichtlich Malcolm. Er würde ­Celia beschützen. Er musste das tun. Schon allein, um wiedergutzumachen, dass er sie vor achtzehn Jahren im Stich gelassen hatte.

­Celia führte ihn in ihr Büro hinter der Bühne. Der winzige Raum war vollgepackt mit Notenblättern und Musikinstrumenten, die sich kistenweise auf dem Schreibtisch und in den Wandregalen stapelten. Der Geruch von Papier, Tinte und Leder mischte sich mit ­Celias süßem Duft, der ihm so vertraut war.

Als sie sich zu ihm umdrehte und ihr langes Haar nach hinten warf, streifte eine der seidigen Strähnen sein Handgelenk. „Mein Büro ist eigentlich eher ein Schrank, in dem ich meine Unterlagen und Instrumente lagere.“

Dort, wo ihr Haar ihn berührt hatte, kribbelte seine Haut. „Genau wie früher. Hier hat sich nicht viel verändert.“

„Manches hat sich verändert, Malcolm. Ich habe mich verändert“, sagte sie in einem unterkühlten Ton, den er von ihr überhaupt nicht kannte.

„Willst du mich jetzt zusammenstauchen, weil ich deinen Unterricht gestört habe?“

„Das wäre unhöflich von mir.“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Dein Überraschungsbesuch war immerhin ein Highlight im jungen Leben meiner Schülerinnen.“

„Doch offensichtlich kein Highlight in deinem Leben.“ Er lehnte sich mit dem Rücken gegen die Tür und vergrub die Hände in den Hosentaschen, damit er nicht der Versuchung erlag, nach einem der Instrumente zu greifen. Er erinnerte sich daran, wie sie zusammen Gitarre und Klavier gespielt hatten und wie ihre gemeinsame Liebe zur Musik dazu geführt hatte, dass sie einander auch körperlich nähergekommen waren.

„Warum bist du hier? Du hast doch gar kein Konzert hier in der Gegend.“

„Du kennst meinen Tourneeplan?“

„Die ganze verdammte Stadt kennt jeden deiner Schritte. Ich müsste schon blind und taub sein, um nicht mitzubekommen, was über unseren Wunderknaben erzählt wird. Aber ich bin ganz bestimmt kein Mitglied des Malcolm-Douglas-Fanclubs.“

„Na, das ist ganz die ­Celia, wie ich sie kenne.“ Er grinste.

„Du hast meine Frage immer noch nicht beantwortet. Warum bist du hier?“

„Deinetwegen.“

„Meinetwegen? Da hast du Pech“, erwiderte sie kühl. „Ich bin heute Abend schon verplant. Du hättest vorher anrufen sollen.“

„Du bist viel ernster als früher.“ Er konnte den Ausdruck, der für einen kurzen Moment über ihr Gesicht huschte, nicht deuten.

„Damals war ich ein Teenager“, erwiderte sie. „Heute bin ich erwachsen. Und ich habe Verpflichtungen. Wenn du dich also bitte kurz fassen könntest.“

„Du hast vielleicht mein Leben nicht verfolgt, ich aber deins.“ Er wusste jede Einzelheit über die Anrufe, den zerstochenen Autoreifen und die anderen Drohungen, die täglich schlimmer wurden. Er wusste auch, dass sie ihrem Vater nicht einmal die Hälfte davon erzählt hatte. „Ich weiß, dass du dein Musikstudium an der University of Southern Mississippi mit Auszeichnung abgeschlossen hast und seitdem hier unterrichtest.“

„Du bist wohl kaum hergekommen, um mir nachträglich zum erfolgreichen Abschluss zu gratulieren, oder?“

„Okay. Lass uns zur Sache kommen.“ Er stieß sich von der Tür ab und blieb unmittelbar vor ihr stehen, als wolle er sich selbst beweisen, dass er in ihrer Nähe sein konnte, ohne sie gleich in seine Arme zu ziehen. „Ich bin hergekommen, um dich zu beschützen.“

Sie wich seinem Blick aus. „Ich verstehe nicht ganz, was du meinst.“

„Du weißt sehr wohl, wovon ich spreche. Diese Drohanrufe, die du eben erwähnt hast.“ Warum verheimlichte sie die Vorfälle vor ihrem Vater? Er ärgerte sich über ihren Leichtsinn, und er ärgerte sich über sich selbst, dass er diesen verführerischen Schritt auf sie zu gemacht hatte. Als ob das Zimmer nicht schon klein genug wäre. „Der aktuelle Prozess, den dein Vater leitet. Drogenkartell. Gangsterboss. Klingelt da etwas bei dir?“

„Mein Vater ist Richter. Er verurteilt die Bösewichte, und die können manchmal eben ungemütlich werden.“ Sie blickte ihm wieder ins Gesicht. Das Unbehagen in ihren Augen war einer gefassten Distanziertheit gewichen, die so gar nicht zu dem wilden Mädchen passte, das sie einmal gewesen war. „Und ich weiß wirklich nicht, was dich das alles angeht.“

Sie hatte recht. Es war nicht seine Aufgabe, auf sie aufzupassen. Doch das minderte seinen Beschützerinstinkt nicht im Mindesten. Ebenso wenig, wie ihr Kleid die Erinnerung daran mindern konnte, wie sie mit nichts als ihrem langen Haar um ihre nackten Schultern aussah. „Verdammt, ­Celia, sei doch nicht dumm.“

Sie presste ihre Lippen zu einer schmalen Linie zusammen. „Du gehst jetzt wohl besser.“

Malcolm musste sich eingestehen, was wirklich hinter seinem Ärger steckte – unerfülltes Verlangen. Er fühlte sich viel stärker zu ihr hingezogen, als er vermutet hatte. Verdammt, warum musste sie bloß noch sinnlicher sein als damals? „Entschuldige bitte, so war das nicht gemeint. Aber ich habe von diesem Stalker gehört, der dich bedroht, und ich mache mir Sorgen um dich.“

„Woher weißt du davon?“ Ihr Gesicht verriet Misstrauen. „Mein Vater und ich haben das alles von der Presse ferngehalten.“

„Dein Daddy mag zwar ein einflussreicher Richter sein, aber seine Macht reicht nicht überallhin.“

„Das erklärt nicht, wie du davon erfahren hast.“

Er konnte ihr das „Wie“ nicht erklären. Es gab Dinge in seinem Leben, von denen sie nichts ahnte. Nur wenn es ihm nicht gelang, sie auf andere Weise zu überzeugen, seine Hilfe anzunehmen, würde er ihr als allerletztes Mittel von seiner Arbeit abseits des Musikgeschäftes erzählen, von der nur eine Handvoll Leute wusste. „Aber ich habe doch recht, oder?“

„Einer der Prozesse meines Vaters ist … unerfreulich geworden“, gab sie zu. „Die Polizei ermittelt bereits.“

„Vertraust du wirklich diesem provinziellen Dorfladen, der sich Polizeirevier nennt?“ Er konnte einen gewissen Zynismus in seiner Stimme nicht verbergen.

„Ich habe Vorkehrungen getroffen. Dies ist nicht das erste Mal, dass unsere Familie aufgrund des Berufes meines Vaters bedroht wird.“

„Aber diesmal ist es viel ernster als sonst.“

„Du weißt ja anscheinend eine Menge über mein Leben.“ Sie musterte ihn mit diesen dunklen braunen Augen, die ihn immer noch in ihren Bann zogen.

„Ich sagte es doch schon, ­Celia. Du bedeutest mir so viel, dass ich dich im Auge behalten möchte. Und ich möchte sichergehen, dass es dir gut geht.“

„Danke. Das ist … nett von dir.“ Ihre abwehrende Haltung ließ ein wenig nach. „Ich weiß deine Sorge zu schätzen, und ich verspreche, vorsichtig zu sein. So, nun hast du deine … Pflicht oder was auch immer erfüllt. Ich muss jetzt wirklich meine Sachen zusammenpacken und nach Hause fahren.“

„Ich begleite dich zum Auto.“ Er schenkte ihr ein Lächeln. „Versuch nicht, mein Angebot abzulehnen. Ich könnte deine Bücher tragen. Es wäre genau wie früher.“

„Abgesehen von diesem ganzen Geheimagenten-Sicherheits-Getue.“

„Bei mir bist du sicher.“ Mehr, als sie ahnte.

„Das habe ich vor achtzehn Jahren auch gedacht.“ Erschrocken schlug sie eine Hand vor den Mund. „Entschuldige. Das war nicht fair.“

Ihre Worte hatten Erinnerungen geweckt. Erinnerungen an ihre leichtsinnige, jugendliche Leidenschaft, die dazu geführt hatte, dass sie ungeschützten Sex gehabt hatten. Jede Menge Sex. Er räusperte sich, doch seine Gedanken hingen immer noch in der Vergangenheit fest.

„Schon gut.“ Er wusste, dass er sie damals im Stich gelassen hatte. Ein Fehler, den er nicht noch einmal wiederholen würde. „Lass mich dich zum Abendessen ausführen. Dann können wir uns darüber unterhalten, wie sich deine Sicherheit bis zum Ende des Prozesses gewährleisten ließe. Ich habe da eine Idee.“

„Nein danke.“ Sie schloss den Laptop auf ihrem Schreibtisch und steckte ihn in ihre geblümte Umhängetasche. „Ich muss Zeugnisnoten fertig machen.“

„Aber du musst doch etwas essen.“

„Im Kühlschrank wartet ein Stück Pizza von gestern auf mich.“

Sie war so stur wie eh und je. „Na gut, du lässt mir keine andere Wahl, als es geradeheraus zu sagen. Ich habe Zugang zu vertraulichen Informationen. Diese Drohungen gegen dich sind ernst zu nehmen. Sehr ernst sogar. Du brauchst weitaus besseren Schutz, als die örtliche Polizei dir bieten kann.“

„Jetzt übertreibst du aber.“

„­Celia, Drogenbosse verfügen über nahezu unbegrenzte Mittel und keinerlei Skrupel.“ Als Teenager hatte er sich mit solchen Typen angelegt, um seine Mutter zu beschützen. Und er war ihnen in die Quere gekommen, als er in diesem Club gearbeitet hatte, in dem verzweifelten Versuch, genug Geld zu verdienen, um ­Celia und das Baby zu versorgen. „Die würden dir wehtun, ohne mit der Wimper zu zucken, oder dich sogar umbringen, um deinen Vater unter Druck zu setzen.“

„Glaubst du, das wüsste ich nicht?“ Er sah, wie sie die Zähne zusammenbiss. Nur dies verriet ihre Unsicherheit, ansonsten war sie absolut kontrolliert. „Ich habe alle notwendigen Vorkehrungen für meine Sicherheit getroffen.“

Malcolm erkannte seine Chance und griff zu. „Nicht alle.“

„Na gut, Mr Besserwisser“, sagte sie seufzend. „Was kann ich sonst noch tun?“

Er umfasste ihre Schultern. „Lass meine Bodyguards auf dich aufpassen. Begleite mich auf meine Europatournee.“

2. KAPITEL

Auf Europatournee? Mit Malcolm?

­Celia umklammerte ihre Tasche und versuchte den Schock über dieses aberwitzige Angebot zu überwinden. Das konnte er unmöglich ernst meinen. Nicht nach achtzehn Jahren, in denen es nur anfangs ein paar wenige Briefe und Anrufe gegeben hatte. Sie hatten sich getrennt, sich mehr und mehr aus den Augen verloren und schließlich jeden Kontakt zueinander abgebrochen, nachdem das Adoptionsverfahren abgeschlossen war.

Zu Beginn hatte sie oft davon geträumt, wie es wäre, wenn Malcolm plötzlich vor ihrer Tür stünde. Wenn er sie in seine Arme ziehen und sie dort weitermachen würden, wo sie aufgehört hatten.

Aber diese Fantasien waren nie wahr geworden. Und schließlich hatte ­Celia gelernt, ihre eigene Wirklichkeit zu gestalten – konkrete und vernünftige Pläne für die Zukunft.

Selbst wenn er wirklich aufgetaucht wäre, hätte sie nicht sagen können, ob sie mit ihm gegangen wäre. Sie hatte sich ihre psychische Gesundheit hart erkämpft. In ihrem empfindsamen Zustand hätte es riskant sein können, ihre Stabilität gegen das unbeständige Leben an der Seite eines erfolgreichen Musikstars einzutauschen. Dennoch hätte es ihr viel bedeutet, wenn sie wenigstens eine Wahl gehabt hätte.

Sein lächerlicher Vorschlag jetzt kam viel zu spät.

­Celia warf sich die Tasche über die Schulter. „Der Spaß ist vorbei, Malcolm. Natürlich werde ich dich nicht nach Europa begleiten. Wirklich sehr witzig, aber ich will jetzt endlich nach Hause. Vielleicht kannst du es dir leisten, Zeit mit albernen Spielchen zu vergeuden, aber ich habe Arbeiten zu benoten.“

Er umfasste ihre bloßen Arme, um sie aufzuhalten. „Ich meine es absolut ernst.“

­Celia spürte, wie sich die Härchen an ihren Armen aufrichteten und ihre Haut kribbelte. Es ärgerte sie, dass ihr Körper nach all dieser Zeit immer noch auf seine Berührungen reagierte. „Du meinst es nie ernst. Man braucht ja nur einen Blick in die Klatschpresse zu werfen. Die Zeitungen sind voll mit Berichten über deine ständig wechselnden Liebschaften.“

Er beugte sich näher, und sein fester Griff entfachte in ihr eine längst erloschen geglaubte Glut. „Wenn es um dich ging, habe ich es immer hundertprozentig ernst gemeint.“

Früher war sie immer die Abenteuerlustige gewesen, während Malcolm verbissen an einer besseren Zukunft gearbeitet hatte – bis man ihn verhaftet und in Handschellen abgeführt hatte.

­Celia brauchte einen Moment, bevor sie ihr Gleichgewicht wiederfand. „Ich werde auf gar keinen Fall mit dir nach Europa reisen. Aber danke für das Angebot.“

Er legte den Kopf zur Seite und sah sie herausfordernd an. „Du hast dir doch immer vorgestellt, wie es wäre, sich in Paris im Schatten des Eiffelturmes zu lieben.“ Seine Stimme war rau und lockend und ebenso wirkungsvoll wie die Berührungen seiner Finger.

Sie löste sich aus seinem Griff. „Und jetzt werde ich erst recht nirgendwo mit dir hingehen.“

„Na gut. Dann werde ich die Tournee absagen und dich wie ein Schatten verfolgen, damit dir nichts passiert.“ Er vergrub die Hände wieder in den Hosentaschen. „Aber meine Fans werden stinksauer sein. Manche können ziemlich rabiat werden.“

War er jetzt völlig verrückt geworden?

Sie ballte die Fäuste. „Was sagtest du noch, wie du von dem Prozess erfahren hast?“

Er zögerte einen winzigen Moment, bevor er antwortete. „Ich habe Kontakte.“

„Mit Geld kann man wohl alles kaufen.“

„Vor achtzehn Jahren hätte Geld uns sehr helfen können.“

Seine Worte beschworen die Erinnerung an ihren letzten Streit. Er hatte darauf bestanden, ein Konzert in diesem zwielichtigen Schuppen zu spielen, weil die Gage so gut war. Er wollte unbedingt, dass sie heirateten und als Familie zusammenblieben. Doch sie wusste, dass sie beide zu jung dafür waren. Am selben Abend war er bei einer Drogenrazzia in der Bar verhaftet worden. Und ­Celia hatte man bis zur Geburt des Babys auf ein Schweizer „Internat“ geschickt. Sogar jetzt konnte sie noch den Kummer und den Vorwurf in seinen Augen sehen.

­Celia kämpfte Tränen des Schmerzes und des Verlustes nieder. Sie weigerte sich, vor seinen Augen zusammenzubrechen.

„Mit größerer finanzieller Freiheit wären einige Dinge für dich besser gelaufen“, sagte ­Celia und dachte daran, wie er das Stipendium für die renommierte Juilliard School verloren hatte. „Aber keine Summe der Welt hätte meine Entscheidung ändern können.“ Sie schob sich an ihm vorbei. „Danke, dass du dich um mich sorgst, aber wir sind hier fertig. Leb wohl, Malcolm.“

Sie stürmte an ihm vorbei in die Turnhalle. Sie musste so schnell wie möglich fort von Malcolm, bevor sie völlig die Fassung verlor.

Tränen brannten in ihren Augen, als sie zum Ausgang eilte. Sie hörte seine Schritte hinter sich, doch sie ging unbeirrt weiter und trat hinaus in den schwül-heißen Nachmittag.

Der Lehrerparkplatz war eine Stunde vor Schulschluss noch voll belegt. Vom Schulhof her waren die fröhlichen Rufe spielender Kinder zu hören.

Die Arbeit hier war für sie eine zwiespältige Angelegenheit. ­Celia liebte ihren Beruf sehr, doch die Kinder erinnerten sie ständig an das, was sie aufgegeben hatte.

Warum zum Teufel musste Malcolm Douglas wieder in ihrem Leben auftauchen? Und warum hatte seine verfluchte Wirkung auf sie kein bisschen nachgelassen?

Hastig wischte sie die Tränen fort und näherte sich ihrem Auto. Der Asphalt unter ihren Füßen glühte. Der Wind wehte den Duft von Magnolienbäumen auf den Parkplatz hinüber. Ein Werbezettel steckte unter ihrem Scheibenwischer.

Erschrocken hielt sie inne. War das schon wieder eine verschleierte Drohung?

Seit einer Woche fand sie jeden Tag solche Flyer unter dem Scheibenwischer, und alle hatten einen Bezug zum Tod. Ein Bestattungsinstitut, ein Friedhofsprospekt, eine Lebensversicherung. Die Polizei hatte es als Zufall abgetan.

Sie griff nach dem Zettel. Eine Werbung für … Blumen?

­Celia atmete auf. Ein absolut harmloses Stück Papier. Erleichtert zerknüllte sie die Anzeige in ihrer Hand. Langsam wurde sie paranoid, was allerdings bedeutete, dass die Versuche, ihr Angst einzujagen, Erfolg hatten. Sie fischte den Autoschlüssel aus ihrer Tasche und öffnete mit der Fernbedienung die Zentralverriegelung. Dann streckte sie den Arm aus, um ihre Tasche auf dem Beifahrersitz abzulegen … und erstarrte.

Im Getränkehalter steckte eine schwarze Rose.

Die Botschaft war eindeutig. Irgendwie musste dieses makabre Symbol in ihren Wagen gelangt sein. Irgendjemand war in ihrem verschlossenen Auto gewesen.

Ihre Kehle war wie zugeschnürt. Ihre Gedanken rasten zurück zu der Werbung des Floristen an ihrer Windschutzscheibe. Sie nahm das zerknüllte Papier aus ihrer Tasche und strich es glatt.

Panik befiel sie. Sie stolperte rückwärts vom Fahrzeug weg. Als sie plötzlich gegen jemanden stieß, unterdrückte sie einen Schrei und fuhr herum.

Hinter ihr stand Malcolm.

Er legte beruhigend seine Hand auf ihre Schulter. „Was ist los?“

„In meinem Auto ist eine schwarze Rose“, antwortete sie mit zitternder Stimme. „Ich weiß nicht, wie sie da reingekommen ist. Ich habe heute Morgen abgeschlossen. Ich bin mir sicher, weil ich gerade aufschließen musste, um hineinzukommen.“

„Wir rufen sofort die Polizei.“

Sie schüttelte den Kopf und schob seine Hand fort. „Der Polizeichef wird mich für hysterisch halten und es als Schülerscherz abtun.“ Der Inspektor hatte bereits Andeutungen über ihre mentale Labilität in ihrer Vergangenheit gemacht. Es war unfair – und noch dazu gefährlich, dass man sie nicht ernst nahm.

Malcolms finsterem Blick nach zu urteilen, nahm er sie jedoch ohne jeden Zweifel sehr ernst. Sanft führte er sie vom Fahrzeug weg und in die Nähe seiner Bodyguards. Dann ging er zurück zum Wagen, sah sich die Rose an und warf dann einen Blick unter das Fahrzeug.

Suchte er etwa nach einer Bombe?

­Celia schluckte schwer und wich einen Schritt zurück. „Lass uns doch lieber die Polizei holen, Malcolm. Bitte, geh weg da.“

Er richtete sich auf und sah sie an. „Ich bin ganz deiner Meinung.“ Er trat zu ihr und fasste sie am Arm. „Gehen wir.“

„War etwas unter dem Auto?“

„Nein, aber ich habe noch nicht unter die Motorhaube gesehen. Ich werde dich von hier fortbringen, während meine Männer überprüfen, ob der Parkplatz sicher ist, bevor die ganzen Schüler herauskommen.“

Die Schüler? ­Celia nahm wieder die entfernten Rufe der spielenden Kinder wahr, und ihr Magen zog sich vor Angst zusammen. Würde jemand wirklich eine ganze Schule in Gefahr bringen? Sie konnte sich nicht vorstellen, dass wer auch immer sie bedrohte, so viel Aufmerksamkeit riskieren würde – oder so viele Leben. Doch dieser neue Vorfall war zweifellos noch teuflischer als die bisherigen.

Malcolm zog sie weiter vom Wagen weg.

„Wohin gehen wir?“ Sie warf einen besorgten Blick über ihre Schulter in Richtung des Schulgebäudes. „Ich muss alle warnen.“

„Meine Leibwächter kümmern sich bereits darum“, versicherte er ihr. „Meine Limousine ist mit Sicherheitsglas und einer gepanzerten Karosserie ausgestattet. Dort können wir die nächsten Schritte besprechen.“

Sicherheitsglas? Gepanzerte Karosserie? Er hatte wahrhaftig weitaus mehr Möglichkeiten, sie zu schützen, als die örtlichen Behörden.

­Celia überließ sich Malcolms tröstender Nähe, während er sie zu seiner Limousine führte.

Erst als sie endlich in seinem gepanzerten Wagen saßen und auf dem Weg zu ­Celia waren, entspannte sich Malcolm ein wenig.

Zwei seiner Leute waren bei ihrem Auto geblieben, um auf die Polizei zu warten und ihn über alles auf dem Laufenden zu halten. Er glaubte zwar nicht, dass von dem Fahrzeug weitere Gefahr ausging, aber er wollte unbedingt sichergehen, dass bei den Ermittlungen nicht geschlampt wurde. Fürs Erste hatte er alles in seiner Macht Stehende für ­Celia und die Sicherheit der Schule getan.

Während er die eingegangenen Nachrichten auf seinem Handy checkte, blickte Malcolm immer wieder besorgt zu ­Celia hinüber, die neben ihm auf dem Rücksitz saß. Sobald er sie nach Hause gebracht hatte, würde er sich mit seinen Informanten kurzschließen, um herauszufinden, wer genau hinter den Drohungen steckte.

Vor vielen Jahren hatte Malcolm einmal für einen miesen Drogendealer die Schuld auf sich genommen, als Gegenleistung dafür, dass die Bande endlich seine Mutter in Ruhe ließ. Damals hatte er niemanden gehabt, der ihm aus der Patsche hätte helfen können, doch jetzt war er kein mittelloser Teenager mehr. Heute verfügte er über das Vermögen und die Möglichkeiten, für ­Celia da zu sein. Vielleicht würde er sich dann endlich verzeihen können, dass er sie damals im Stich gelassen hatte.

Als sie die von Azaleen gesäumte Hauptstraße entlangfuhren, spürte er auf einmal ihren Blick auf sich ruhen. Er steckte sein Handy weg und schenkte ihr seine ungeteilte Aufmerksamkeit. „Was ist los?“

„Mir ist gerade ein Gedanke gekommen.“ Sie starrte ihn misstrauisch an. „Hast du etwa diese Blume in mein Auto gelegt? Um mir Angst einzujagen, damit ich mit dir komme?“

„Das kannst du unmöglich glauben.“

„Im Moment weiß ich überhaupt nicht, was ich glauben soll. Ich habe dich seit fast zwei Jahrzehnten nicht gesehen. Und genau an dem Tag, an dem du hier auftauchst, um mir deinen Schutz anzubieten, passiert so etwas. Die Vorstellung, dass sie hier waren, an der Schule, in der Nähe meiner Schüler …“ Sie schnappte nach Luft und beugte sich nach vorne. „Ich glaube, mir wird schlecht.“

„Du kennst mich. Du weißt, wie gern ich mich damals um dich gekümmert hätte. Du weißt doch besser als sonst jemand, wie wütend ich darüber war, dass mein Vater nicht da war, um sich um meine Mutter zu kümmern. Und du fragst mich ernsthaft, ob ich die Rose in deinem Auto platziert habe?“ Er unterdrückte die Wut aus Teenagertagen, als er weder für ­Celia noch für seine Mutter sorgen konnte. Die Zeiten hatten sich geändert.

Sie strich sich das Haar aus dem Gesicht und sah ihn an. Ihr Atem ging immer noch flach. „Okay. Ich glaube dir, und es tut mir leid. Obwohl sich ein Teil von mir wünscht, du wärst es gewesen, denn dann müsste ich mir keine solchen Sorgen machen.“

„Die Polizei wird dein Auto untersuchen und den Parkplatz absperren, falls es ein Problem gibt.“

„Vor zehn Minuten hast du noch behauptet, die Polizei könne mich nicht beschützen.“

Sanft legte er ihr die Hand auf den Rücken und bezwang seinen Wunsch, sie an sich zu ziehen. „Es wird alles wieder gut. Jeder, der dir etwas anhaben will, muss erst einmal an mir vorbeikommen.“

Ihr langes dunkles Haar streifte seinen Arm. Es war noch genauso seidig, wie er es in Erinnerung hatte. Malcolm zog die Hand zurück, solange er noch konnte. Er mochte zwar nicht mehr an die Macht der Liebe glauben, doch er hatte einen Heidenrespekt vor der Macht der Leidenschaft. Sein Körper reagierte immer noch auf sie. Aber dies hier war nicht irgendeine Frau, die ihm gefiel. Dies war ­Celia. Und er war hergekommen, um seine Fehler von damals wiedergutzumachen. Was sie einmal verbunden hatte, war vorüber.

„Wo ist dein Vater? Bei Gericht?“

„Bei seinem Hausarzt, zum jährlichen Gesundheitscheck. Sein Herz macht ihm Probleme. Er hat davon gesprochen, sich nach diesem Prozess zur Ruhe zu setzen.“ Sie ließ sich in den Ledersitz sinken. „Ich kann nicht fassen, dass das alles wirklich passiert.“

Er holte eine kleine Flasche Mineralwasser aus dem Minikühlschrank. „Niemand kann dir jetzt etwas anhaben. Die Limousine ist stahlgepanzert, mit kugelsicheren Scheiben.“

„Paparazzi können wohl sehr lästig sein.“ Als sie die Flasche entgegennahm, achtete sie sorgsam darauf, seine Finger nicht zu berühren. „Gefällt dir das eigentlich, ständig so belagert zu werden?“

„Ich lebe mein Leben genau so, wie ich es will.“

„Das freut mich für dich.“ Sie trank einen Schluck. Alle Anzeichen von Furcht waren wieder verschwunden.

Doch Malcolm ließ sich nicht täuschen, auch wenn sie heute viel besser darin war, ihre Gefühle zu verbergen als damals. „Das Schuljahr ist morgen zu Ende. Danach hast du Sommerferien. Komm mit mir nach Europa. Tu es für deinen Dad, tu es für deine Schüler, aber lehne mein Angebot nicht aus Stolz ab.“

Sie drehte die Flasche zwischen ihren Händen und sah ihn ernst an. „Wäre es nicht egoistisch von mir, dein Angebot anzunehmen? Was, wenn ich dich dadurch in Gefahr bringe?“

Malcolm unterdrückte ein Lächeln. Sie hatte nicht Nein gesagt. Sie dachte tatsächlich über seinen Vorschlag nach.

„Die ­Celia, die ich früher kannte, hätte sich darüber keine Gedanken gemacht.“

Als die Limousine durch ein Schlagloch fuhr, wurde ­Celia gegen ihn geschleudert. Instinktiv schloss er die Arme um sie, und im gleichen Moment wurde er von seinen Gefühlen überwältigt. Ihr süßer Duft. Ihre weichen Brüste, die gegen seine Seite gepresst wurden, ihre Hand, die auf seiner Brust lag. Was würde er nicht darum geben, ihre Lippen zu schmecken? Und als sie zu ihm aufblickte, erkannte er in ihren großen braunen Augen das gleiche sinnliche Begehren, das durch seine Adern strömte.

­Celia wich zurück und setzte sich ans andere Ende der Sitzbank.

„Wir sind jetzt erwachsen. Da wäre eine vernünftigere Herangehensweise angemessener“, sagte sie förmlich. „Ich kann nicht mal eben mit dir nach Europa gehen. Das ist einfach … undenkbar. Und was meine Schüler angeht, du hast gerade selbst festgestellt, dass das Schuljahr vorüber ist. Falls die Drohungen tatsächlich mit dem Prozess meines Vaters zu tun haben, dann wird das Problem bis zum Ende des Sommers gelöst sein. Siehst du? Ganz logisch. Trotzdem danke für das Angebot.“

„Hör auf, mir zu danken“, fuhr er sie an. Er wusste selbst zu gut, dass er versagt hatte, als es darum ging, sich um sie und ihr gemeinsames Kind zu kümmern.

Die Limousine fuhr durch die vertrauten Straßen von Azalea. Es hatte sich nicht viel verändert. Nur ein paar der altmodischen, familiengeführten Restaurants und Geschäfte waren Imbissketten oder kleinen Einkaufszentren gewichen.

Abgesehen davon war es fast so wie früher, als sie in der Stadt herumgefahren waren, um einen einsamen Ort zu finden, an dem sie anhalten und knutschen konnten. Sie hatten beide ihre Jungfräulichkeit auf dem Rücksitz des BMW verloren, den ­Celia zum sechzehnten Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Die Erinnerungen daran …

Verdammt, er musste einen klaren Kopf behalten.

Als er den Plan entwickelt hatte, ihr zu helfen, hatte er nicht erwartet, dass er sie immer noch so begehren würde. Er hatte über die Jahre andere Frauen kennengelernt. Er konnte jede Frau haben, die er wollte. Dennoch sehnte er sich so sehr nach dieser Frau, dass es schmerzte. Sein Plan, gemeinsam durch Europa zu reisen und gemeinsam in Hotels zu wohnen, schien auf einmal doch keine so kluge Idee mehr zu sein.

„Malcolm?“ Ihre Stimme holte ihn wieder in die Gegenwart. „Warum bist du gerade jetzt wieder aufgetaucht?“

Er schluckte. Um diese Zeit des Jahres lastete die Erinnerung immer besonders schwer auf seinem Gewissen. „Ich habe diese Woche an dich denken müssen. Du weißt schon …“

­Celia schloss kurz die Augen. „Ihr Geburtstag.“ In ihrem ­Gesicht spiegelte sich tiefer Schmerz – das erste wahrhaftige Gefühl, das sie zeigte, seit er sie wiedergesehen hatte. „Es tut mir leid.“

„Ich habe die Papiere damals auch unterschrieben.“ Er hatte keine Wahl gehabt. Er hatte das Sorgerecht aufgegeben, weil er wusste, dass er seinem Kind nichts zu bieten hatte. Zu diesem Zeitpunkt konnte er froh sein, nicht ins Gefängnis zu müssen, auch wenn das Militärinternat in North Carolina beinahe ebenso hart gewesen war.

„Aber du wolltest es nicht.“ Sanft berührte sie seinen Arm, das distanzierte Misstrauen in ihren Augen wich einer tiefen Verletzlichkeit. „Ich verstehe das.“

Seine Selbstbeherrschung stieß fast an ihre Grenzen, so gern hätte er den Schmerz in ihren Augen fortgeküsst.

„Es wäre egoistisch von mir gewesen, mich dagegenzustellen. Ich hatte keinerlei Möglichkeiten, für euch beide zu sorgen.“ Dann stellte er die Frage, die ihn all die Jahre gequält hatte. „Denkst du manchmal an sie?“

„Jeden Tag.“

„Und an uns?“, drängte er weiter und hielt den Blick auf ihre Hand gerichtet, die immer noch auf seinem Arm ruhte. Ihre Berührung brannte auf seiner Haut. „Denkst du manchmal an uns zurück? Bereust du es?“

„Ich bereue, dass du verletzt worden bist.“

Er legte seine Hand auf ihre und hielt sie ganz fest. „Komm mit mir nach Europa. Nicht nur zu deiner Sicherheit, sondern auch, um mit der Vergangenheit abzuschließen. Es ist an der Zeit. Lass mich dir jetzt helfen, wie ich es damals nicht konnte.“

Die Limousine hielt vor ­Celias Haus. Hastig zog sie ihre Hand zurück und griff nach ihrer Tasche. „Das geht mir alles viel zu schnell. Ich muss nach Hause und nachdenken.“

Sie hatte nicht Nein gesagt. Das musste ihm zunächst reichen.

Malcolm stieg aus, ging um das Fahrzeug herum und öffnete ihr die Tür. Instinktiv legte er ihr die Hand auf den Rücken, als er sie zu dem kleinen Kutscherhaus begleitete, das zu einem säulenverzierten Anwesen gehörte. Er hatte nicht vor, mit hineinzugehen und die Nacht bei ihr zu verbringen, aber er musste sich vergewissern, dass alles in Ordnung war.

„Woher wusstest du eigentlich, wo ich wohne?“

„Das ist doch kein Geheimnis.“ Genau genommen war ihr Leben für seinen Geschmack viel zu einsehbar.

Er musste zugeben, dass ihn ihre Wahl eines Zuhauses überrascht hatte. Sie wohnte nicht mehr in der Villa ihres Vaters, wie er eigentlich erwartet hatte. Auch wenn sie in ihrer alten Heimatstadt geblieben war, hatte sie sich ihren eigenen Platz zum Leben gesucht.

Leider war das weiße Kutscherhäuschen unter Sicherheitsaspekten ein absoluter Albtraum. Schwach beleuchtete Stufen führten zum Haupteingang über der Garage. Er folgte ihr über die Treppe nach oben und konnte seinen Blick nicht von den sanft schwingenden Bewegungen ihrer Hüfte wenden.

Sie blieb auf dem kleinen Balkon vor ihrer Haustür stehen und drehte sich zu ihm um. „Danke, dass du mich nach Hause gebracht hast. Ich weiß deine Hilfe ehrlich zu schätzen.“

Wie oft hatte er sie vor der Haustür zum Abschied geküsst? Öfter, als er zählen konnte. Er verspürte den Wunsch, sie an sich zu ziehen, um herauszufinden, ob der alte Zauber noch wirkte. Doch inzwischen war er ein geduldigerer Mann. Er richtete seinen Blick auf das größere Ziel.

Er musste sie dazu bringen, mit ihm das Land zu verlassen.

Damals auf der Militärschule hatte er sich jeden Tag ausgemalt, wie er im Haus ihres Vaters auftauchen und beweisen würde, dass er nichts mit dieser Drogengeschichte zu tun gehabt hatte. Auch während seiner Zeit am College klammerte er sich an dieses Ziel, während er Abend für Abend in Kneipen und Bars Musik machte, um sich sein Studium zu finanzieren. Niemals hätte er damals geahnt, welchen Weg im Leben er tatsächlich einschlagen würde.

Als er mit seiner Musik die ersten Erfolge hatte, war er selbst überrascht gewesen. Er hatte nie geplant, ein berühmter Star zu werden, dessen Gesicht Poster und Plakatwände zierte. Und dann war eines Abends nach einem Konzert völlig unerwartet ein alter Bekannter in seiner Garderobe aufgetaucht, um ihm dieses verrückte Angebot zu unterbreiten, das seinem Leben noch einmal eine ganz unerwartete Wendung gegeben hatte.

Sein ehemaliger Direktor vom Militärinternat wollte ihn als freien Agenten für Interpol anwerben, da seine Musikerkarriere mit weltweiten Konzertreisen die perfekte Tarnung für verdeckte Ermittlungen bot.

Diese Arbeit hatte Malcolms Leben eine neue, starke Ausrichtung gegeben und für ihn seither immer höchste Priorität gehabt. Bis heute.

„Sobald ich deine Wohnung gecheckt habe, bin ich weg.“ Er streckte die Hand aus. „Die Schlüssel, bitte!“

­Celia zögerte einen Augenblick, bevor sie ihm die Schlüssel in die Hand legte. Er öffnete das Schloss – ein Schloss, dass er in Sekunden hätte knacken können – und trat durch die Tür in eine luftige, helle Wohnung mit hauchzarten Vorhängen und einem sauberen zitronenfrischen Duft.

Malcolms sechster Sinn war in Alarmbereitschaft. Irgendetwas stimmte nicht, aber seine Instinkte waren in ­Celias Nähe getrübt. Verdammt, das durfte er auf keinen Fall zulassen. Er konzentrierte sich auf seine Aufgabe. „Hast du das Licht im Wohnzimmer angelassen?“

Sie sah ihn erschrocken an. „Nein. Das tue ich nie. Ich …“

Er zog sie hinter sich in Deckung, bevor er einen vorsichtigen Blick in den Raum warf. Und dann sah er ihn.

­Celias Vater saß auf dem Sofa.

Malcolm musste sich beherrschen, nicht überrascht zurückzuweichen. Richter Patel war alt geworden. Natürlich wusste Malcolm, dass die Jahre an niemandem spurlos vorübergingen, aber es so deutlich zu sehen, war irgendwie verstörend.

Wie wütend er damals auf diesen Mann gewesen war. Wie sehr er ihn gehasst hatte. Doch letztlich hatten sie beide das gleiche Ziel vor Augen – für ­Celias Sicherheit zu sorgen.

Nur dass Malcolm dieser Aufgabe besser gewachsen war, und dieses Mal würde er sich von Richter Patel nicht daran hindern lassen.

3. KAPITEL

­Celia blickte zwischen ihrem Vater und Malcolm hin und her und wartete auf die Explosion.

Die beiden waren nie miteinander ausgekommen. Malcolm hatte sie zur Selbstständigkeit ermuntert, während ihre Eltern sie immer nur behüten und beschützen wollten. Sie hatten ihre Beziehung zu Malcolm für gefährlich gehalten. Und auf gewisse Weise hatten sie sogar recht gehabt.

Doch das Verbot, sich mit ihm zu treffen, hatte ­Celias Entschlossenheit, mit ihm zusammen zu sein, nur noch verstärkt. Malcolm hingegen hatte die ablehnende Haltung ihrer Eltern verletzt. Das Ganze hatte in einer emotionalen Katastrophe geendet.

Das letzte Mal, als sie alle zusammen gewesen waren, hatten ihre Eltern gerade von ­Celias Schwangerschaft erfahren. Während ihre Mutter schluchzend zusammengebrochen war, hatte ihr Vater Malcolm einen Kinnhaken verpasst. Malcolm hatte sich nicht gewehrt, obwohl er fast einen Kopf größer gewesen war als ihr Vater.

Hoffentlich würde es jetzt keinen Streit geben. Schon der Gedanke daran machte ­Celia ganz krank. Erst recht am Ende dieses schrecklichen Tages, der sie ohnehin schon völlig aus dem Gleichgewicht geworfen hatte.

Malcolm nickte ihrem Vater zu. „Guten Abend, Sir.“

Ihr Vater erhob sich und streckte seine Hand aus. „Willkommen zu Hause.“

Erleichtert sah ­Celia, wie die Männer sich die Hände schüttelten. Auch wenn sie einander ein wenig misstrauisch beäugten, bemühten sich beide, höflich zu sein.

Dennoch wollte ­Celia das Schicksal lieber nicht herausfordern und legte Malcolm sanft die Hand auf den Arm. „Wie du siehst, ist hier alles in Ordnung. Du kannst also jetzt gehen. Trotzdem vielen Dank.“

Sie schauderte bei dem Gedanken daran, wie es gewesen wäre, wenn sie die makabre Rose allein gefunden und die Polizei ihre Sorge wieder einmal als Hysterie abgetan hätte. Malcolm hatte sofort erkannt, dass dies kein dummer Schülerstreich gewesen war. Bis zu diesem Moment war ihr gar nicht klar gewesen, wie viel ihr sein bedingungsloser Rückhalt bedeutete.

„Wir reden morgen weiter“, sagte er leise. „Aber sag nicht Nein, nur weil ich derjenige bin, der das Angebot macht.“ Er nickte ihrem Vater erneut zu. „Gute Nacht, Sir.“

Das war alles? Er ging tatsächlich? ­Celia war verblüfft über Malcolms schnellen Abgang. Sie schloss die Tür hinter ihm und atmete tief durch.

Die vertraute Umgebung des kleinen Kutscherhauses schenkte ihr am Ende dieses turbulenten Tages Trost und Halt. Es war winzig im Vergleich zu dem Anwesen, in dem sie aufgewachsen war. Doch sie war stolz darauf. Sie war stolz darauf, wie sie es mit ihren eigenen bescheidenen Mitteln eingerichtet hatte. Sie hatte in Trödelläden und auf Flohmärkten herumgestöbert und sich ein Heim eingerichtet, das ihre Liebe zu Antiquitäten und zur Musik widerspiegelte.

Ihre Wohnung war für sie zum Symbol dafür geworden, wie sie ihr Leben wieder in den Griff bekommen hatte. Und seit sie die Verantwortung für sich und ihre Fehler übernommen hatte, konnte sie endlich auch ihre eigenen Erfolge anerkennen.

­Celia wandte sich ihrem Vater zu. „Was machst du hier, Dad? Ich dachte, du hättest einen Arzttermin.“

„Neuigkeiten verbreiten sich in einer so kleinen Stadt schnell.“ Er ließ sich wieder aufs Sofa sinken. Die Sorgenfalten und dunklen Augenringe ließen ihn erschöpft aussehen. „Als ich von Malcolms Überraschungsbesuch an der Schule gehört habe, habe ich dem Doktor gesagt, er solle sich ein bisschen beeilen.“

Manchmal überraschte es sie, wie grau sein Haar geworden war. Genauso, wie es sie überrascht hatte festzustellen, dass ihr unbezwingbarer Vater nicht einmal einen Meter siebzig groß war. Ihr war er immer riesig vorgekommen. Doch an dem Tag, an dem ihre Mutter gestorben war, war ihr Vater mit einem Mal klein und gebrechlich geworden.

Sie hatte natürlich immer gewusst, dass ihr Vater und ihre Mutter älter waren als die Eltern ihrer Freundinnen. Das war wohl ein Grund dafür, dass sie überfürsorglich waren und ihre Tochter furchtbar verwöhnt hatten. So sehr, dass es ­Celia heute peinlich war, darüber nachzudenken, was für ein verzogenes Gör sie gewesen war und wie viele Menschen sie verletzt hatte.

Einschließlich Malcolm.

Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. „Er ist vor einer knappen Stunde in der Schule aufgetaucht. Du musst ja förmlich hierher gerast sein.“

„Wie ich schon sagte, es ist eine kleine Stadt.“

In Azalea konnte man kaum ein Geheimnis für sich bewahren. Umso erstaunlicher war es, dass niemand von ihrer Schwangerschaft erfahren hatte. Man hatte sie damals als „Austauschschülerin“ in die Schweiz geschickt, in ein Chalet, in dem sie bis zur Geburt privat unterrichtet wurde.

Sie setzte sich auf die Sofalehne. „Was hat der Arzt denn zu deiner Schweratmigkeit gesagt?“

„Ich bin doch hier, oder etwa nicht? Doc Graham hätte mich nicht gehen lassen, wenn nicht alles in Ordnung wäre.“ Er rückte seine silberne Brille zurecht. „Ehrlich gesagt, mache ich mir mehr Sorgen um dich und darüber, dass es dieser Stalker auf dich abgesehen hat.“

„Sag mir eins, Dad. Wie schlimm ist dieser Prozess?“

„Du weißt, dass ich darüber nicht sprechen darf.“

„Aber es ist ein wichtiger Fall, oder?“

„Jeder Richter träumt davon, mit einem großen Prozess abzutreten.“ Er tätschelte ihre Hand. „Und jetzt hör auf, vom Thema abzulenken. Warum ist Malcolm Douglas hier aufgetaucht?“

„Er macht sich Sorgen, weil er davon erfahren hat, dass ich mehrere Anzeigen wegen Belästigung erstattet habe. Was ich wiederum seltsam finde, zumal das hier anscheinend niemand ernst nehmen möchte.“

„Und der weltberühmte Popstar Malcolm Douglas eilt einfach so herbei, nachdem ihr euch achtzehn Jahre nicht gesehen habt?“

„Ich weiß, es klingt verrückt.“ Sie schwieg einen Moment. „Ehrlich gesagt, glaube ich eher, dass es etwas mit dem Jahrestag zu tun hat.“

„Was für ein Jahrestag?“

Dass er überhaupt fragen musste, tat ihr im Herzen weh. „Dad, heute ist ihr siebzehnter Geburtstag.“

„Denkst du denn immer noch an sie?“

„Natürlich tue ich das.“

„Aber du sprichst nie von ihr.“

In der Therapie hatte sie nichts anderes getan, als über ihr Baby zu sprechen. Zu weinen und weiterzusprechen. Bis sie schließlich an einem Punkt angelangt war, von dem aus sie wieder nach vorn schauen konnte. „Hör zu, Dad, mir geht es gut. Ehrlich. Ich muss jetzt wirklich meine Zeugnisnoten fertig machen.“

Ihr Vater sah sie besorgt an. „Du solltest nach Hause kommen.“

„Das hier ist mein Zuhause“, erinnerte sie ihn sanft. „Ich habe dir erlaubt, mir eine Alarmanlage installieren zu lassen. Die gleiche wie in deinem Haus, wie du sicherlich noch weißt. Immerhin hast du selbst den Sicherheitscode eingestellt. Und jetzt geh bitte nach Hause und ruh dich aus.“

Sie betrachtete ihren Vater. Er war blass und machte einen müden Eindruck. Sein Job wäre sicher leichter, wenn sie nicht in der Nähe wäre und er sich keine Sorgen um sie machen müsste. Auf einmal kam es ihr sehr egoistisch vor, dass sie Malcolms Angebot zurückgewiesen hatte. „Dad, ich möchte dir etwas sagen, aber ich will nicht, dass du es falsch verstehst oder dich aufregst.“

„Wenn du nicht willst, dass mein Blutdruck steigt, dann hör auf, um den heißen Brei herumzureden.“

Sie holte tief Luft, bevor sie weitersprach. „Malcolm möchte, dass ich ihn auf seine Tournee begleite.“

Richter Patel zog die Augenbrauen hoch, nahm die Brille ab und putzte sie sorgfältig mit einem Taschentuch. „Hat sein Angebot mit den Vorfällen zu tun, die du bei der Polizei gemeldet hast?“

­Celia überlegte, ob sie ihm von dem „kleinen Geschenk“ erzählen sollte, das sie heute erhalten hatte. Vermutlich würde er es ohnehin bald erfahren. „Es hat heute einen weiteren Zwischenfall gegeben.“

Bedächtig setzte er seine Brille wieder auf. „Was ist passiert?“

„In meinem Auto lag eine schwarze Rose.“ Sie versuchte, die Sache ein wenig herunterzuspielen. „Nächstes Mal legen sie mir vielleicht ein totes Pferd ins Bett, wie in diesem Mafiafilm.“

„Das ist nicht komisch. Du musst wieder mit nach Hause kommen.“

Als sie sah, wie die Ader an seiner Stirn pulsierte, wurde ihr nur noch mehr bewusst, wie schwer sie es ihm machte, wenn sie hierblieb. „Malcolm hat mir Schutz durch seine eigenen Sicherheitsleute angeboten. Ich schätze, Fans können ebenso lästig werden wie Auftragskiller.“

„Auch das ist nicht komisch.“

„Ich weiß, entschuldige, Dad.“ Sie seufzte. „Ich fürchte, er hat recht. Ich mache dich angreifbar, wenn ich bleibe. Möglicherweise habe ich sogar meine Schüler in Gefahr gebracht, weil ich zu lange gewartet habe. Wenn ich mit auf Europatournee ginge, würde das eine Menge Probleme lösen.“

Insgeheim musste sie sich allerdings eingestehen, dass hinter ihrer Überlegung noch mehr steckte. Malcolm hatte ihr nicht nur Schutz angeboten. Er wollte ihr eine Chance bieten, mit ihrer Vergangenheit abzuschließen. Und die Tatsache, dass sie ihn nicht sofort abgewiesen hatte, bewies, dass es auch für sie noch ungeklärte Fragen gab.

„Ist das der einzige Grund für deine Entscheidung?“, wollte ihr Vater wissen.

Sie hatte sich noch gar nicht entschieden. Oder doch? „Fragst du mich, ob ich immer noch etwas für ihn empfinde?“

„Und? Tust du das?“ Seltsamerweise klang er gar nicht verärgert.

„Wir haben seit Jahren nicht miteinander gesprochen.“ Sie sah ihren Vater irritiert an. „Willst du mich denn gar nicht mehr überreden, zu dir zu ziehen?“

„Eigentlich nicht. Geh nach Europa“, sagte er ruhig. „Schließ mit diesem Kapitel deines Lebens endlich ab. Ich würde gern erleben, dass es dir gut geht, bevor ich sterbe.“

„Es geht mir gut“, versicherte sie. „Wirklich, Dad.“

Ihr Vater erhob sich seufzend und küsste sie auf die Stirn. „Du wirst schon die richtige Entscheidung treffen.“

„Dad …“

„Gute Nacht, ­Celia.“ Er tätschelte ihren Arm und nahm dann sein Jackett von der Garderobe. „Schalte den Alarm wieder scharf, wenn ich raus bin.“

Sie begleitete ihn verblüfft zur Tür. Hatte sie richtig gehört? Hatte ihr Vater sie wirklich gerade dazu ermuntert, einfach so mit der einstigen Liebe ihres Lebens durch Europa zu reisen? Einem Mann, der berühmt dafür war, dass er rund um den Erdball reihenweise Frauenherzen brach?

Doch seltsamerweise kam ihr der Gedanke, Malcolm nach Europa zu begleiten, immer vernünftiger vor. Es würde ihre Probleme hier lösen. Sie wäre in Sicherheit. Außerdem war es vermutlich die letzte Chance, in Malcolms Nähe zu sein. Das wilde Mädchen, das sie früher einmal gewesen war, drängte sie dazu, es zu wagen. Und sogar die neue, vernünftige ­Celia fand, dass die Reise mit ihm das kleinere von zwei Übeln war.

Sie schloss die Tür hinter ihrem Vater und aktivierte die Alarmanlage. Dann kehrte sie zurück ins Wohnzimmer.

Ein Geräusch hinter ihr im Flur ließ sie zusammenzucken.

Sie fuhr herum, griff hastig nach einer Gitarre, die gegen einen Stuhl gelehnt stand, und hielt sie wie einen Baseballschläger in die Höhe. Im nächsten Moment tauchte eine große Gestalt aus ihrem Schlafzimmer auf.

Malcolm.

Er grinste. „Deine Alarmanlage ist ein Witz.“

­Celia stieg die Zornesröte ins Gesicht, während sie die Gitarre sinken ließ. „Du hast mich zu Tode erschreckt.“

„Tut mir leid.“ Er trat ins Wohnzimmer, das mit antiken Musikinstrumenten dekoriert war, die er zu gern ausprobieren wollte. Später. Erst hatte er etwas mit ­Celia zu besprechen. „Es beunruhigt mich eben, wenn du hier allein bist.“

„Deshalb brichst du in mein Haus ein?“

„Nur um zu beweisen, wie jämmerlich deine Sicherheitsvorkehrungen sind.“ Er hatte die Alarmanlage kurzgeschlossen, war in die Zweige der alten Eiche im Garten geklettert und durch ihr Schlafzimmerfenster eingestiegen. „Denk mal drüber nach. Wenn ein harmloser Musiker wie ich hier problemlos einbrechen kann, was ist dann erst mit einem echten Kriminellen, der es auf dich abgesehen hat?“

„Okay, ich habe verstanden.“ Sie zeigte zur Tür. „Und jetzt geh bitte.“

„Aber dann bist du immer noch allein in diesem unzureichend gesicherten Apartment. Mein Ehrenkodex lässt das nicht zu.“ Er schlenderte gemächlich durchs Wohnzimmer und betrachtete die alte Piccoloflöte, die auf einem Ständer auf dem Kaminsims stand. „Wie ich dem Gespräch mit deinem Dad entnommen habe, hast du nicht vor, zu ihm zu ziehen.“

„Du hast uns belauscht?“

„Ja, habe ich.“ Er nahm die Flöte, blies hinein und probierte eine kleine Melodie. Nicht schlecht für ein Instrument, dass vermutlich über zweihundert Jahre alt war.

„Du bist schamlos.“ Sie nahm ihm die Flöte weg und stellte sie zurück an ihren Platz.

„Stimmt, aber ich bereue es nicht, denn ich mache mir wirklich Sorgen.“ Er setzte sich auf den Hocker vor dem antiken Klavier. „Und da wir gerade so ehrlich sind. Ich habe alles gehört. Auch, dass dein Vater einverstanden ist, dass du mit mir kommst.“

„Ich brauche sein Einverständnis nicht.“

„Verdammt richtig.“

­Celia setzte sich in einen Schaukelstuhl neben dem Klavier. Sie spielte nervös mit dem Stoff ihres Kleides, ohne zu merken, wie sie dabei den Saum höher zog und ihre bezaubernden Knie entblößte. „Du versuchst, mich zu manipulieren“, bemerkte sie misstrauisch.

„Ich versuche, für deine Sicherheit zu sorgen.“ Er nahm ihre Hand vorsichtig in seine. Das seidige Gefühl ihrer Haut erinnerte ihn an Zeiten, als er jeden Zentimeter ihres Körpers erkundet hatte. „Und vielleicht können wir dabei auch etwas von dem alten Ballast abwerfen.“

„Das ist mir gerade alles zu viel.“

„Dann entscheide dich heute Abend nicht mehr. Wir reden morgen früh beim Frühstück weiter.“ Er drückte ihr kurz die Hand, dann stand er auf. „Wo ist ein Laken für das Sofa?“

Sie starrte ihn ungläubig an. „Du lädst dich selbst ein, über Nacht zu bleiben?“

Das hatte er gar nicht vorgehabt, doch irgendwie waren ihm die Worte einfach herausgerutscht. Als hätte die kurze Berührung seinen Leichtsinn entfacht.

„Erwartest du etwa, dass ich auf der Veranda schlafe?“ Eigentlich hatte er vorgehabt, in der Limousine zu schlafen. So war er eben. Auch wenn man ihn für altmodisch hielt, er war der Meinung, dass man Frauen beschützen sollte. Niemals hätte er einfach so davongehen können. „Ich würde uns ja zwei Zimmer in einem Hotel mieten, aber wir könnten gesehen werden. Mein Manager mag es zwar, wenn ich in der Presse auftauche, aber mir wäre etwas weniger öffentliche Aufmerksamkeit lieber.“

„Es wäre ziemlich kompliziert, wenn man uns zusammen in einem Hotel sehen würde.“ Sie grub die Finger in den Stoff, den sie gerade erst glatt gestrichen hatte.

„Allerdings.“ Malcolm bemühte sich, nicht andauernd auf ihre Beine zu starren. Alles in ihm drängte danach, sie zu küssen, sie in seine Arme zu ziehen, sie ins Schlafzimmer zu tragen und mit ihr zu schlafen, bis sie beide zu erschöpft waren, um weiter zu streiten. Doch er durfte sich jetzt nicht von seinen Impulsen leiten lassen. „Lass mich zum Abendessen bleiben und nachher auf deinem Sofa schlafen. Ich verspreche auch, dass wir heute Abend nicht mehr über Europa reden werden, es sei denn, du fängst davon an.“

„Was hält denn deine Freundin davon, dass du hier bist?“

Freundin? Was für eine Freundin? „Ach, diese verfluchten Klatschblätter. Ich habe keine Freundin. Mein Manager verbreitet solche Geschichten, um Publicity zu machen.“

Er war mit Frauen „ausgegangen“, deren PR-Agenten öffentliche Auftritte mit seinem Manager vereinbarten. Echte Beziehungen waren ihm viel zu kompliziert. Und was den Sex anging … Sein Ehrenkodex hielt ihn davon ab, sich mit den Groupies einzulassen, die immer hinter der Bühne auf ihn warteten. Aber es gab immer Frauen, die es zwanglos mochten und sich nicht binden wollten. Frauen, die von der Liebe ebenso ernüchtert waren wie er.

„Ist das der eigentliche Grund, warum du hier bist? Du hast gerade keine Freundin und etwas freie Zeit?“

„Warum ist es so schwer zu glauben, dass ich mir Sorgen um dich mache?“

„Ich brauche meinen Freiraum, Malcolm“, erklärte sie seufzend. „Ich genieße es, allein zu sein.“

„Heißt das, dass es keinen Mann in deinem Leben gibt?“ Verdammt, wo ist denn diese Frage plötzlich hergekommen?

Sie zögerte eine Sekunde zu lang.

„Wer ist es?“ Und warum zum Teufel war der Typ nicht hier, um auf sie aufzupassen?

„Ich bin nur ein- oder zweimal mit unserem Schulleiter ausgegangen.“

In den Berichten, die er über sie angefordert hatte, hatte nichts davon gestanden.

„Etwas Ernstes?“, fragte er und merkte, dass ihre Antwort ihm viel zu wichtig war.

„Nein.“

„Wird etwas Ernstes daraus werden?“ Er hob beschwichtigend die Hand. „Ich frage nur als ein alter Freund.“

„Dann kannst du die Frage sicher auch ohne diesen eifersüchtigen Unterton stellen.“ Er war für sie immer schon ein offenes Buch gewesen.

„Natürlich.“ Er sah sie aufmerksam an. „Und?“

Sie zuckte die Schultern. „Ich weiß es nicht.“

Er holte tief Luft. „Da habe ich mich so bemüht, eine Antwort zu bekommen, und das ist alles?“

„Sieht so aus.“ Sie erhob sich aus dem Schaukelstuhl. „Okay. Du hast gewonnen.“

„Was soll das heißen?“, fragte er.

„Du kannst heute Nacht hierbleiben. Auf dem Sofa.“

Er unterdrückte ein triumphierendes Grinsen. „Ich bin froh, dass wir uns einig geworden sind.“

„Du wirst nicht mehr ganz so froh sein, wenn du hörst, was es zum Abendessen gibt. Ich habe nur noch ein kleines Stückchen Pizza. Kaum genug für mich allein.“

„Das Abendessen ist schon unterwegs.“ Malcolm hatte seinem Chauffeur entsprechende Anweisungen gegeben, bevor er in ihr Haus eingestiegen war. Ihm gefiel die Vorstellung von einem intimen Dinner mit ­Celia, bei dem er neue Geheimnisse über sie erfahren konnte. „Mein überaus diskreter Fahrer wird es gleich liefern.“

„Warst du dir so sicher, dass ich zustimmen würde? Du bist wirklich noch viel eingebildeter, als ich dachte.“

„Vielen Dank.“

„Das war kein Kompliment.“

Er sah das angespannte Flackern in ihren braunen Augen und wie sich ihre Brust mit jedem Atemzug schneller hob und senkte. Er sehnte sich danach, sie zu berühren, ihren Körper erneut kennenzulernen, herauszufinden, ob sie immer noch die gleichen empfindsamen Stellen hatte und ob neue dazugekommen waren. „Es ist ohnehin besser, wenn wir nicht allzu viele Nettigkeiten austauschen.“

„Warum?“

„Weil …“, antwortete er mit leiser, rauer Stimme, während in seinem Körper eine Glut aufloderte, die auch nach achtzehn Jahren kein bisschen abgekühlt war. „Weil ich dich so wahnsinnig gern küssen würde, dass ich kaum die Hände von dir lassen kann.“

4. KAPITEL

Malcolms Worte jagten einen sinnlichen Schauer durch ­Celias Körper. Seine verführerische Stimme, seine markanten Gesichtszüge, die athletische Kraft seines erwachsenen Körpers – sie fand ihn immer noch umwerfend attraktiv. Und die Tatsache, dass sie in der Vergangenheit bereits viele Male miteinander geschlafen hatten, machte ihr Verlangen nur noch drängender.

Das war gefährlich.

Sie hob das Kinn und stählte sich gegen die Versuchung. „Den Spruch hattest du schon vor achtzehn Jahren drauf. Ich hätte gedacht, du hättest dich mittlerweile verbessert. Oder wird man als Superstar in Bezug auf Romantik ein wenig träge?“

Er lächelte. „Wenn ich mich recht erinnere, warst du damals ganz zufrieden mit meinen Bemühungen.“

„Wie du dir wohl denken kannst, haben sich meine Ansprüche und Erwartungen seitdem verändert“, erwiderte sie unbeirrt.

„Du willst, dass ich mich mehr anstrenge?“ Sein Blick verriet, wie sehr ihn die Herausforderung reizte.

„Das habe ich nicht gemeint.“

„Was hast du dann gemeint?“ Seine Hand glitt über die Tasten des Klaviers, ohne einen Ton anzuschlagen.

Sie erschauderte bei der Erinnerung daran, wie er vor langer Zeit ebenso sachte ihre Haut berührt hatte. „Ich war sechzehn.“ Sie spielte am anderen Ende der Tastatur eine kleine Melodie, um ihre angespannten Nerven ein wenig zu beruhigen. „Das war ein leichtes Spiel, nicht wahr?“

„Oje, mein armes Ego.“ Er spielte eine Tonleiter.

„Tut mir leid, wenn ich dich gekränkt habe.“ Sie spielte seine Tonfolge nach.

„Weißt du was, ­Celia?“ Er sah sie aufmerksam an. „Es ist schön, jemanden um sich zu haben, der echt ist. Jemanden, dem ich vertrauen kann.“

„Soll ich jetzt etwa Mitleid haben mit dem armen reichen Popstar?“

„Keineswegs.“ Er setzte sich auf den Klavierhocker, seine Tonleitern gingen in eine Melodie über.

Die Musik entspannte und erregte ­Celia zugleich. Sie konnte nicht widerstehen, sich neben ihn zu setzen. Mühelos verbanden sich ihre Töne mit seinen.

„Weißt du, was mich damals besonders zu dir hingezogen hat? Die Tatsache, dass du dich niemals vom Reichtum und Einfluss meines Vaters hast beeindrucken lassen.“

„Ich respektiere deinen Vater – auch wenn er dafür gesorgt hat, dass man mich von dir fortgeschickt hat. Zur Hölle, wenn ich eine Tochter hätte und jemand …“ Seine Melodie stockte. „Ach, verdammt …“

„Ich weiß, was du meinst.“ Sie ließ ihre Hand in den Schoß sinken, und das Klavier verstummte. „Kein Vater ist glücklich darüber, wenn seine sechzehnjährige Tochter Sex hat. Ganz zu schweigen von ungeschütztem Sex.“

Er hob die Hand und umfasste ihre Wange. „Ich hätte besser auf dich aufpassen müssen“, sagte er schuldbewusst.

„Wir hätten beide verantwortungsvoller sein müssen.“ Ohne darüber nachzudenken, legte sie ihre Hand auf seine. In seiner Nähe bewegte sich ihr Körper immer noch wie von selbst, ob es nun um Musik ging oder um Zärtlichkeit.

Innerhalb weniger Stunden waren sie wieder in den vertrauten Gleichklang verfallen, der sie früher schon verbunden hatte – und das jagte ihr eine Heidenangst ein. Sie hatte sich mit anderen Männern getroffen. Sie hatte auch mit anderen Männern geschlafen, aber mit keinem von ihnen hatte sie je diese Art ungezwungener Selbstverständlichkeit gespürt. Sie fühlte, wie sie schon wieder von ihm angezogen wurde.

Magnetisch.

Erwartungsvoll öffnete ­Celia die Lippen …

Da läutete es an der Tür.

Erschrocken fuhr sie hoch. Wieso hatte sie nicht gehört, dass jemand sich dem Haus genähert hatte?

Malcolm erhob sich. „Das ist unser Dinner.“ Er lauschte einen Moment. „Und mein Telefon“, stellte er fest und zog sein Handy aus der Tasche.

„Dinner?“ Sie hatte schon ganz vergessen, dass er seinen Fahrer beauftragt hatte, ihnen etwas zu essen zu bringen. Er hatte Tag und Nacht einen ganzen Stab von Mitarbeitern zur Verfügung. Ein weiterer Beweis dafür, wie unterschiedlich ihre Lebensstile heute waren.

Auf dem Weg zur Tür warf Malcolm ihr einen Blick über die Schulter zu. „Ich muss kurz diesen Anruf annehmen. Mein Chauffeur wird in der Zwischenzeit alles vorbereiten. Ich brauche dann nur noch eine Decke und ein Kissen für das Sofa.“

Bevor sie etwas erwidern konnte, öffnete er die Tür, winkte seinen Fahrer herein und trat mit seinem Handy hinaus auf die Veranda. Offensichtlich wollte er nicht, dass sie das Gespräch mithörte.

Sie fragte sich, worüber er wohl sprach. Und mit wem.

Er hätte sie fast geküsst. Wie zum Teufel hatte er es so weit kommen lassen können?

Malcolm umfasste die hölzerne Balkonbrüstung auf dem Treppenabsatz vor ­Celias Haustür und holte tief Luft.

Sein Handy klingelte unablässig, aber er konnte jetzt nicht drangehen. Er würde zurückrufen, sobald sich sein Puls wieder normalisiert hatte.

Er war hergekommen, um bei ­Celia wiedergutzumachen, was er damals verbockt hatte. Um endlich diese schrecklichen Schuldgefühle loszuwerden. Sex hatte damit nicht das Geringste zu tun.

Heutzutage hatte er seine Libido unter Kontrolle und genoss lockeren, sicheren Sex. Er hatte nie wieder im Leben vergessen, ein Kondom zu benutzen. Doch Safer Sex würde nicht ausreichen, um sein Herz vor Enttäuschung zu schützen. Er wusste, wenn er sich wieder auf ­Celia einlassen würde, riskierte er, sich an etwas zu klammern, das längst vorüber war.

Malcolm zog sein Handy aus der Tasche, drückte die Rückruftaste und wartete darauf, dass Colonel John Salvatore antwortete. Sein langjähriger Mentor und ehemaliger Direktor des Militärinternats war heute sein Kontaktmann bei Interpol.

„Salvatore hier“, meldete sich eine raue, befehlsgewohnte Stimme.

„Ich melde mich zurück, Sir. Irgendetwas Neues über ­Celia Patels Fahrzeug?“

„Die örtliche Polizei hat verschiedene Fingerabdrücke gesichert, aber man konnte keine zuordnen.“

Verdammt. „Und die Überwachungskameras?“

„Nichts Konkretes. Wir konnten zwar die Zeit genauer eingrenzen, in der der Werbezettel an die Scheibenwischer geklemmt wurde, aber wir konnten nicht erkennen, wer es getan hat. Es war während der Mittagspause, und eine große Gruppe von Schülern ging gerade an der Kamera vorbei. Als sie wieder weg waren, war der Zettel da.“

Malcolm warf einen Blick auf die Straße jenseits der Gartenmauer und hielt nach verdächtigen Zeichen Ausschau. „Das heißt, dass derjenige, der den Flyer dort platziert hat, sich mit dem Sicherheitssystem der Schule gut auskennt.“

„Anscheinend. Einer meiner Männer ist schon darauf angesetzt, das zu überprüfen.“

„Ich danke Ihnen, Sir.“

Salvatore organisierte eine Gruppe freier Agenten und verdeckter Ermittler, die er aus seinen ehemaligen Schülern rekrutiert hatte. Männer, die Erfahrung darin hatten, über ihre Grenzen hinauszugehen. Beruflich erfolgreiche Männer, deren Jobs ihnen die Möglichkeit boten, sich in einflussreichen Zirkeln zu bewegen, um dort Informationen zu sammeln.

„Ich muss Sie um einen Gefallen bitten, Sir.“

„Worum geht es?“, fragte Salvatore, ohne zu zögern.

„Ich brauche ein anderes Auto und ein paar Ausweispapiere. Noch heute Nacht.“ Eine Notfallausrüstung, um mit ­Celia am nächsten Morgen verschwinden zu können, falls sich sein Bauchgefühl als richtig erwies. Und er hatte gelernt, sich auf sein Bauchgefühl zu verlassen.

„Kein Problem. Aber ich bin ein wenig neugierig“, antwortete Salvatore trocken. „Warum überlässt du das nicht deinen Leuten?“

„Das hier ist zu wichtig.“ ­Celia war zu wichtig. „Wenn es nur um mich ginge, wäre es etwas anderes. Aber wenn jemand ­Celia im Visier hat …“ Ihm stockte die Stimme.

„Verstehe.“ Keine weiteren Fragen. Die beiden Männer waren es gewohnt, vertrauensvoll miteinander zu arbeiten. „Du kriegst alles, was du brauchst.“

„Danke. Ich bin Ihnen etwas schuldig.“ Mehr als er je zurückzahlen konnte.

Colonel Salvatore war für ihn zur Vaterfigur geworden. Die einzige echte Vaterfigur, die er je kennengelernt hatte, seit sein biologischer Vater beschlossen hatte, seine Familie mitten in der Nacht sitzen zu lassen, um mit seiner lausigen Rockband auf Tournee zu gehen. Seitdem hatte er nie wieder etwas von ihm gehört.

„Ich könnte ein erstklassiges Team von Sicherheitsleuten für sie zur Verfügung stellen“, bot Salvatore an.

„Danke, aber bei mir ist sie sicherer.“

Er hörte Salvatore leise lachen. „Wenn es um sie geht, traust du niemand anderem? Bist du sicher, dass du dir selbst trauen kannst?“

Verdammt, er hasste es, wie leicht Salvatore ihn durchschauen konnte.

„Ich würde alles für ihre Sicherheit tun. Alles.“ Er ließ seinen Blick über den kleinen Garten neben dem Kutscherhaus wandern. Blüten leuchteten in verschiedenen Farben. Er erkannte Lavendel, den ­Celia so liebte. An der Gartenmauer plätscherte ein kleiner Springbrunnen, neben dem ein kleiner schmiedeeiserner Tisch und ein Stuhl standen.

Ein Stuhl. Dort saß sie. Allein.

Er hatte kein Recht, darüber nachzudenken, mit wem sie sich traf. Aber er konnte nicht verleugnen, dass er froh war, dass sie für ihren Freund, den Schuldirektor, noch keinen Stuhl aufgestellt hatte.

„Und wenn ich beschließe, dass ich deine Dienste an anderer Stelle brauche?“, fragte Salvatore.

„Zwingen Sie mich nicht zu einer Entscheidung“, antwortete Malcolm ernst.

„Offensichtlich hast du deine Entscheidung bereits gefällt.“

„Das habe ich.“ ­Celias Sicherheit ging vor, selbst wenn das bedeutete, dass er sich mit Salvatore überwarf. Malcolm hoffte bloß, dass es nicht dazu kommen würde. „Sir, ich mache mir Gedanken darüber, warum der Bericht über ­Celia unvollständig war.“

„Ich weiß nicht, was du meinst“, antwortete sein Boss ausweichend.

„Bei allem Respekt, Sir, das glaube ich nicht.“ Malcolm zwang sich, ruhig zu bleiben. „Warum halten Sie Informationen vor mir zurück?“

„Sollen wir dieses Spiel noch lange weiterspielen, Malcolm?“

„Sind Sie auf meiner Seite oder nicht?“

„Es sind mehr Leute auf deiner Seite, als du glaubst.“ Als Malcolm nicht antwortete, fuhr Salvatore fort. „Zum Beispiel ­Celias Vater.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Collection Baccara Band 343" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen