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COLLECTION BACCARA BAND 342

KATHERINE GARBERA

Sweet Dreams – bittersüße Küsse

Seine Stimme klingt wie bittersüße Schokolade: warm, samtig, verführerisch. Warum kommt sie Alysse so bekannt vor? Der fremde Anrufer will in ihrem Laden Sweet Dreams einen spektakulären Schokoladenkuchen für eine ganz besondere Frau bestellen. Alysse ahnt nicht, wer der Mann am Telefon ist: Jay, mit dem sie nur eine Woche verheiratet war …

SARA ORWIG

Stürmisch wie die Sehnsucht

Verräterische Blicke! Die schöne Camille spürt, wie Marek ihre Beine, ihre Kurven betrachtet. Männliche Bewunderung liest sie darin – aber vor allem sehr viel Skepsis, was sie eigentlich von ihm will. Als sie es ihm schließlich sagt, ändert sich sein Blick sofort. Und dann macht er ihr einen Vorschlag, der ihr den Atem raubt …

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Leidenschaftliches Wiedersehen mit dem Ex

Selfmade-Milliardär und Playboy Michael Shaylen liebt Herausforderungen. Doch dann steht er plötzlich vor einer nie gekannten Aufgabe: Er will seine Exfreundin Juliana zurückerobern! Sie fand, sie kamen aus unterschiedlichen Welten – wie kann er sie überzeugen, dass sie gerade deshalb so gut zusammenpassen, weil Gegensätze sich anziehen?

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Sweet Dreams – bittersüße Küsse

1. KAPITEL

„Heiraten Sie mich.“ Sergeant Mac nahm die kleine Schachtel Schokoladen-Cupcakes, die Alysse Dresden ihm reichte.

„Sie lieben mich doch nur wegen meiner Kuchen“, entgegnete sie und grinste vergnügt. Der Marineoffizier, der regelmäßig in der Konditorei Sweet Dreams einkaufte, bat sie immer wieder aus Spaß um ihre Hand.

„Ihre sonstigen Vorzüge lieben zu lernen, sollte mir nicht schwerfallen“, meinte er, bereits auf dem Weg zur Ladentür.

Kopfschüttelnd wandte sie sich dem nächsten Kunden zu. Fast täglich erhielt sie Heiratsanträge von Bewunderern ihrer Backkunst, dazu mehrere Schwüre ewiger Liebe. Ihre Mutter hatte recht: Der Weg zum Herzen eines Mannes führt durch seinen Magen.

Leider hat sie mir nicht verraten, wie man ihn anschließend hält, schoss es ihr durch den Kopf, sonst wäre meine Ehe nicht gescheitert.

„Nimm den Antrag doch an.“ Staci Rowland kam mit einem Tablett voller bunt dekorierter Cupcakes aus der Backstube und stellte es auf die Theke.

„Den von Mac?“ Den Fehler, einen Mann zu heiraten, den sie kaum kannte, hatte Alysse schon einmal begangen. Ein zweites Mal würde ihr das nicht passieren.

„Ja, oder den eines anderen Kunden.“

Die beiden Frauen waren seit fast vier Jahren Geschäftspartnerinnen. Sie hatten Sweet Dreams gemeinsam aufgebaut, nachdem sie sich zuvor bei regionalen Koch- und Backwettbewerben als erbitterte Konkurrentinnen gegenübergestanden hatten.

„Leider haben sie es nur auf meine Törtchen abgesehen.“ Insgeheim bedauerte Alysse, dass keiner ihrer „Verehrer“ auch nur auf die Idee kam, sie um ein Date zu bitten.

„Der Typ sieht wirklich toll aus, und dir täte es gut, endlich einmal wieder auszugehen.“ Die knapp einen Meter sechzig große, kurvenreiche Staci mit dem flotten Kurzhaarschnitt bildete nicht nur optisch einen deutlichen Kontrast zu ihrer hochgewachsenen, sportlich schlanken Freundin. Sie neigte dazu, ohne Zögern zu springen und auf eine weiche Landung zu hoffen, während Alysse jeden ihrer Schritte gründlich durchdachte. Tiefe Zuneigung und das Bestreben, Sweet Dreams zum Erfolg zu führen, verband die beiden.

„Deswegen ist er noch lange nicht der Richtige für mich.“ Der attraktive Soldat erinnerte sie zu sehr an ihren Exehemann, an den sie gerade an diesem Tag nicht denken wollte: Vor exakt vier Jahren war sie wenige Tage nach der Hochzeit mutterseelenallein in der Flitterwochensuite des Golden Dream Hotels in Las Vegas aufgewacht. Staci hatte sie von ihrer kurzen Ehe allerdings nie erzählt.

„Dass er der Falsche ist, heißt es auch nicht. Was hast du eigentlich gegen Männer in Uniform?“

„Sie sind eingebildet und bindungsunfähig. Außerdem stimmt es nicht, dass ich nie ausgehe.“

„Verabredungen mit deinem Bruder zählen nicht. Manchmal drängt sich mir der Eindruck auf, dass du überhaupt keinen Mann finden willst.“

Tatsächlich scheute Alysse trotz gelegentlicher Anflüge von Einsamkeit das Risiko, sich erneut in den Falschen zu verlieben. Nie wieder wollte sie Qualen erleiden, wie Jay sie ihr zugefügt hatte. „Du suchst auch nicht gerade wild entschlossen nach deinem Traummann.“

„Ich bin gern Single und gehe im Gegensatz zu dir häufig aus.“

„Dass ich dich gestern Abend nicht begleiten konnte, tut mir wirklich leid. Ich hatte meinem Bruder schon lange versprochen, mich mit ihm zu treffen.“

„Ich wundere mich, dass du ihn wirklich getroffen hast – und die fünfzehn anderen heißen Jungs.“

Alysse schüttelte den Kopf. „Mit denen bin ich praktisch aufgewachsen. Ich habe mit Tobys Freunden gesurft, Beachvolleyball gespielt … Wir haben einfach Spaß miteinander.“

„Weil es ungefährlich ist. Wieso weichst du bloß jedem Risiko aus?“

Verzagt zuckte sie mit den Schultern. Die Freunde ihres Bruders behandelten sie wie eine kleine Schwester. „Wer lässt sich schon gern das Herz brechen?“

Mit wenigen Schritten war Staci bei ihr und nahm sie in die Arme. Ihr mitfühlendes Wesen hatte Alysse anfangs überrascht, denn nach außen hin gab Staci sich unnahbar und hart.

„Sicherheit genügt nicht, Süße. Etwas fehlt in deinem Leben. Ich will doch nur, dass du glücklich bist.“

„Das wünsche ich mir auch.“ Natürlich sehnte sie sich nach Glück. Anfangs hatte sie gedacht, die Konditorei wäre der Schlüssel dazu, doch trotz Erfolg, Lob und Anerkennung empfand sie in ihrem Inneren eine große Leere.

In diesem Moment klingelte das Telefon, ein altmodischer, an der Wand montierter Apparat, den sie zusammen mit dem Laden übernommen hatten. Alysse nahm den Hörer ab. „Sweet Dreams – Cupcakes und andere Kuchenträume“, meldete sie sich.

„Hallo.“ Die tiefe, raue Stimme des Anrufers kam ihr vage bekannt vor, was kein Wunder war, da sie häufig telefonische Bestellungen entgegennahm.

Staci signalisierte ihr, dass sie die Diskussion bei Gelegenheit weiterführen würden, ehe sie sich einer Kundin zuwandte, die gerade das Geschäft betrat.

„Was kann ich für Sie tun?“, fragte Alysse.

„Es handelt sich um einen Dessert-Notfall.“

„Wir werden uns alle Mühe geben, Ihnen zu helfen.“ Die Spezialität von Sweet Dreams waren personalisierte Köstlichkeiten, individuell für den Käufer angefertigt – eine zeitraubende und schwierige, aber ungemein befriedigende Aufgabe, wie sowohl Staci als auch Alysse fand. Die Kundschaft nahm das Angebot begeistert an, und der Geburtstagskuchen für den Bürgermeister von San Diego hatte ihnen bereits einen langen Artikel in einer Regionalzeitung beschert.

„Darauf habe ich gehofft.“

Was für eine tolle Stimme, dachte Alysse und schloss genießerisch die Augen. Gleich darauf riss sie sie wieder auf. Das ist mein Problem, schoss es ihr durch den Kopf. Wenn Männer leibhaftig vor ihr standen, fühlte sie sich unbehaglich. Flirten übers Telefon, aus sicherer Entfernung, fiel ihr dagegen leicht.

„Was kann ich für Sie tun?“ Sie griff nach Bestellblock und Stift, um den Auftrag zu notieren.

„Ich brauche etwas … Besonderes, um mich bei einer wunderbaren Frau für einen riesigen Fehler zu entschuldigen.“

Für große romantische Gesten hatte Alysse eine Schwäche. Einmal war sie die ganze Nacht aufgeblieben, um eine Torte zum Hochzeitstag anzufertigen. Der Mann hatte vergessen, sie rechtzeitig in Auftrag zu geben. Sie hatte ihm wegen der Nachtarbeit zwar den doppelten Preis berechnet, fand es im Grunde aber lobenswert, dass er seinen Fehler erkannt hatte und ihn auszubügeln versuchte.

„Dann sollte es wirklich etwas Großartiges sein. Erzählen Sie mir von ihr.“

„Das ist gar nicht so einfach. Sie ist schwer zu beschreiben. Ich werde nicht schlau aus ihr.“

Alysse fand es höchst interessant, wie Männer über die Frauen dachten, die sie liebten. Alljährlich am Valentinstag veranstalteten sie und Staci einen Wettbewerb für Paare, bei dem es darum ging, den Partner möglichst genau zu beschreiben und das exakt zu ihm passende Dessert auszuwählen.

„Aus diesem Grund fühlen Sie sich vermutlich zu ihr hingezogen. Männer lieben Geheimnisse.“

Er seufzte. „Gut möglich. Für gewöhnlich löse ich sie allerdings.“

Rasch kritzelte sie „geheimnisvoll“ auf das Bestellformular. Sie wusste, wie schwer es Männern fiel, Frauen zu verstehen. Dabei ist es ganz einfach, dachte sie, ihr müsst nur genau hinhören. Auf ihre Art teilte jede Frau dem Partner ihre Bedürfnisse mit.

„Was können Sie noch über sie berichten?“, hakte sie nach.

„Im Bett ist sie rassig und temperamentvoll. Sie weiß, wie man einen Mann befriedigt, und weckt gleichzeitig den Wunsch nach mehr.“

Die ideale Frau also, dachte Alysse, die ziemlich klare Vorstellungen von Männerträumen hatte. Sie machte sich noch einige Notizen, ehe sie den Stift beiseitelegte.

„Passt der Begriff süß zu ihr?“

„Eher zartbitter. Meist ist sie sanftmütig und die Güte in Person, dann wiederum ein echter Hitzkopf.“

„Gut, ich glaube, ich hab’s. Soll ich einen kleinen Kuchen backen, oder bevorzugen Sie Cupcakes?“ Sie wusste inzwischen, was sie machen würde – den „Verzeih mir“-Kuchen. Der Schokoladenkuchen ließ sich mit speziellen Zutaten und Verzierungen individuell auf die jeweilige Person abstimmen.

„Das überlasse ich ganz Ihnen.“

„Wann brauchen Sie ihn?“ Im Geist plante sie, noch in derselben Nacht das Rezept zu entwickeln und mehrere Varianten auszuprobieren, bis der Kuchen perfekt gelang. Das war nicht billig, doch der Kunde würde einen reellen Gegenwert für sein Geld erhalten.

„Heute Abend.“

„Heute schon? Das ist knapp. Wir schließen um sechs.“ Sie dachte kurz nach. Falls Staci sich im Laden um die Kundschaft kümmerte, könnte sie den Nachmittag über in der Backstube an dem Rezept feilen.

„Sechs Uhr passt. Bitte liefern Sie den Kuchen im Hotel Del Coronado ab.“

„Wir liefern nicht aus.“

„Nur dieses eine Mal“, bat der Mann mit verführerisch tiefer Stimme.

Unwillkürlich jagte ihr ein Schauer über den Rücken. Irgendetwas an ihm erinnerte sie an ihren Exmann – wie alles, was sie sexy fand. Allerdings würde Jay Michener sich niemals dermaßen ins Zeug legen für eine Frau. Ganz im Gegenteil: Er machte sich aus dem Staub ohne einen Blick zurück.

„Sie sind meine einzige Chance“, flehte er, als er ihr Zögern bemerkte.

„Also gut. Soll ich den Kuchen an der Rezeption abgeben?“ Wieso habe ich nur so eine Schwäche für Romantik? fragte sie sich kopfschüttelnd.

„Nein, ich lasse das Dinner am Strand servieren. Können Sie ihn dorthin bringen?“

Dass er sich solche Mühe gab, seine Frau zurückzugewinnen, faszinierte sie. „Wird gemacht. Jetzt brauche ich noch Ihren Namen.“

„Fragen Sie einfach nach dem Marine.“

„Und Ihre Kreditkartennummer?“

„Ich zahle bar bei Lieferung.“ Ehe sie etwas einwenden konnte, hatte er schon aufgelegt.

Alysse hängte den Hörer ein und wandte sich zu Staci um, die sie neugierig ansah.

„War das eine Bestellung?“

„Ein geheimnisvoller Auftrag von einem Mann mit sexy Stimme“, meinte sie leichthin, obwohl genau das Empfindungen in ihr wachrief, die sie üblicherweise verdrängte.

„Worum geht es?“

Verlegen zuckte Alysse mit den Achseln. Wie sollte sie beschreiben, was er von ihr verlangte, ohne Staci wissen zu lassen, wie ihr dabei zumute war? „Er möchte etwas Besonderes, um eine Frau zurückzugewinnen.“

„Was schwebt dir vor?“ Staci als Profi konzentrierte sich sofort auf den Kuchen.

„Ich bin mir noch nicht ganz sicher, habe aber einige Zutaten im Sinn, die passen könnten.“ Herausforderungen dieser Art liebte Alysse. Sie kannte sämtliche Grundrezepte auswendig und probierte so lange mit verschiedenen Gewürzen und anderen Ingredienzien herum, bis ein einzigartiges Produkt entstand.

„Wie ist sie denn? Lass mich raten: sexy?“

Alysse lachte. Dieses Wort fiel den meisten ihrer Kunden als Erstes ein, wenn sie ihre Frauen oder Freundinnen beschreiben sollten. Erst auf Nachfrage ließ sich Genaueres in Erfahrung bringen. „Sie ist etwas Besonderes: rassig, mysteriös und bittersüß.“

„Eine Herausforderung also. Bis wann muss das Meisterwerk fertig sein?“

„Heute noch. Ich habe ihm versprochen, den Kuchen ins Del Coronado zu bringen.“

„Wieso das? Wir haben keinen Lieferservice.“

„Er hat mich nett darum gebeten – und seine Stimme ist wirklich sexy.“

„Denk dran, er ist schon vergeben. Der Kuchen ist für seine Geliebte bestimmt.“

„Ich weiß. Aber das Ganze ist so … romantisch. Dass er sich dermaßen ins Zeug legt, um etwas wiedergutzumachen …“

„Was er zuvor verpfuscht hat“, beharrte die Realistin Staci.

Auch wenn das stimmte, änderte es nichts an der Tatsache, dass er seinen Fehler ausbügeln wollte. Das rechnete Alysse ihm hoch an.

„Würdest du einem Mann verzeihen, nur weil er dich zu einem eleganten Dinner am Strand einlädt?“

„Das hängt von dem Mann ab. Vergeben fällt mir schwer.“

„Mir auch.“

Möglicherweise hatte sie gerade aus diesem Grund eingewilligt, den Kuchen zu liefern. Sie wollte dem Paar helfen, seine Beziehung zu retten. Selbst hatte sie keine Gelegenheit dazu gehabt. Ihr Mann hatte sich nie um eine zweite Chance bemüht.

Ich hätte sie ihm auch nicht gewährt, dachte sie, als sie aus dem Laden in die Backstube ging, um sich an die Arbeit zu begeben.

Während sie Kakao und Mehl abwog und beides behutsam vermischte, versuchte sie, das Bild von Jay zu vertreiben, das ihr immer wieder vor Augen stand. Vergebens. Der sexy Soldat aus dem Marine-Korps ließ sich nicht ignorieren. Er war schuld daran, dass sie weder bei Blind Dates noch beim Speed-Dating Erfolg hatte. Automatisch maß sie jeden Mann, den sie kennenlernte, an ihm – genauer gesagt an dem Mann, für den sie ihn bei der Hochzeit gehalten hatte. Niemand wurde ihm gerecht, vermutlich nicht einmal er selbst.

Mit der schützenden Wand im Rücken trank Jay Michener einen Schluck Bier. In der zur Straße hin offenen Bar fühlte er sich jedoch nicht wohl. Seit seiner Rückkehr aus Afghanistan fiel es ihm schwer, sich im Freien zu entspannen.

Seit Kurzem war er in der Pendleton-Kaserne in Oceanside stationiert. Aktuell verbrachte er seinen Urlaub im zwanzig Minuten entfernten San Diego.

Mit ihm am Tisch saßen drei Männer. Unter anderem Lucien, der in derselben Einheit gedient hatte und mehrmals mit ihm im Mittleren Osten gewesen war, ehe er vor zwei Jahren aus der Truppe ausgeschieden war, um mit den beiden anderen einen privaten Sicherheitsdienst aufzubauen.

Die anderen Kollegen kannte Jay nur vom Sehen. Dank der gemeinsamen Vergangenheit beim Militär empfand er sie aber als Kameraden, und es war ihm nicht schwergefallen, mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

In diesem Moment standen die beiden auf, um eine Runde Billard zu spielen, und Lucien lud Jay ein: „Komm morgen zu mir ins Büro. Ich führe dich herum, damit du eine Vorstellung vom freien Leben bekommst.“

„Frei? Wie im Gefängnis fühle ich mich nicht beim Militär.“ Die Army war sein Leben – nicht, weil es ihm an Alternativen gemangelt hatte, sondern aus freien Stücken.

„Du bist seit deinem achtzehnten Geburtstag dabei und kennst nichts anderes. Findest du nicht, dass es mit knapp dreißig an der Zeit ist, etwas Neues auszuprobieren?“

„Kann schon sein“, lenkte Jay ein. „Ich versuche, morgen bei dir vorbeizuschauen.“

„Sei um zehn Uhr da.“

„Okay.“ Es konnte nicht schaden, sich die Firma anzusehen.

„Was machst du heute Abend?“

„Wieso?“

„Ich möchte dich meiner Freundin vorstellen. Sie will die Jungs kennenlernen, von denen ich ständig erzähle.“

„Heute geht es leider nicht“, entschuldigte Jay sich höflich. Er warf einen Blick auf die Uhr. „Ich muss auch schon los.“

Er war kein Freund unkalkulierbarer Risiken, für Alysse nahm er aber eines in Kauf. Sie war anders als alle Frauen, die er kannte. Vermutlich hatte er sie aus diesem Grund vor vier Jahren geheiratet – und eine Woche später wieder verlassen.

Damals hatte er Urlaub in Las Vegas gemacht. In Freizeitkleidung und ohne sein Gewehr hatte er sich nackt gefühlt. Alysse war ihm wie die Verheißung von Normalität erschienen. In der Woche mit ihr war ihm jedoch bewusst geworden, dass er durch sie allzu verletzlich wurde.

Über all die Jahre hatte er sie nie vergessen können. Jede Nacht stahl sie sich in seine Träume, was ihn nicht störte, solange es darin um Sex ging. Was ihn aus dem Gleichgewicht brachte, waren die Bilder vom Alltag mit ihr. Sah er sie in einer Schürze vor sich, mit Kindern zu ihren Füßen, überfielen ihn Schuldgefühle. Er hatte ihr nicht gegeben, was sie sich gewünscht hatte.

„Ich dachte, du machst Urlaub. Was hast du denn Wichtiges vor?“, wollte Lucien wissen.

„Ein Rendezvous.“

Nach einigen Kommentaren über Dates mit heißen Frauen ließ Lucien ihn endlich ziehen. Jay ging zum nahe gelegenen Parkplatz, auf dem er sein Motorrad, eine Ducati 1100, abgestellt hatte, setzte den Helm auf und fuhr zum Del Coronado Hotel. Zwar verdienten Schützen bei den US-Marines nicht gerade üppig, aber er gab wenig aus. Er lebte in der Kaserne, den Urlaub verbrachte er im Hotel statt in einem eigenen Haus, und das Motorrad, seinen einzigen Luxus, lagerte er während der Auslandsaufenthalte ein.

Seit einem Vorfall bei seinem letzten Einsatz hegte er jedoch erstmals Zweifel daran, dass er sein ganzes Leben beim Militär verbringen wollte. Sein Vertrag lief demnächst aus. Er musste in den kommenden Tagen entscheiden, ob er ihn verlängern oder sich einen neuen Job suchen und ein normales Leben führen wollte. Er hatte keine Ahnung, ob er sich dafür eignete. Er stand an einem Scheideweg.

Aus diesem Grund war er nach San Diego gekommen, wo Alysse lebte. Die kurze Zeit mit ihr war die einzige gewesen, in der er jemals so etwas wie ein bürgerliches Leben geführt hatte. Er hoffte, dass die Begegnung mit ihr ihm bei der Entscheidungsfindung helfen würde. Obendrein wollte er sie gern wiedersehen.

Wenn alles lief wie geplant, würde er seinen Urlaub mit ihr verbringen und dabei herausfinden, wie ihm das „normale“ Leben gefiel. Außerdem schuldete er ihr eine Erklärung für sein Verhalten in Las Vegas.

Mit einem romantischen Dinner hoffte er sie dazu zu bewegen, ihm eine zweite Chance zu geben.

Im Hotel duschte er und zog sich um, ehe er zum Strand ging. Die Frage, wie er an sie herantreten sollte, hatte ihn lange beschäftigt. Sie anzurufen und um eine Verabredung zu bitten, war keine Option gewesen. Dazu hatte er sie zu tief verletzt. Doch er musste mit ihr ins Reine kommen. Nicht ohne Grund hatte er sie vier Jahre lang nicht aus seinen Gedanken verbannen können.

Am Strand angekommen, sah er sich zufrieden um. Das Hotelpersonal hatte seinen Anweisungen entsprechend in einem Badehäuschen unter Palmen einen Tisch geschmackvoll gedeckt. Die Vorhänge rundum waren zurückgezogen, sodass es wie ein luftiger Pavillon wirkte. Eine Lichterkette sorgte für romantisches Licht.

Sofort macht die fehlende Rückendeckung ihn wieder nervös. Sich zu entspannen, fiel ihm an diesem Abend doppelt schwer. Er setzte sich erst an den Tisch, stand aber gleich wieder auf, um nach dem Wein zu sehen, der in einem Eiskübel bereitstand. Dann lehnte er sich gegen eine der Palmen an einer Ecke des Häuschens. Im Schatten war er kaum auszumachen.

Während ihm durch den Kopf ging, dass er sich in einer Szenerie wie aus einem Werbespot für ein All-inclusive-Hotel befand, entdeckte er Alysse. Sie war wunderschön, und er fragte sich verwundert, wie er das hatte vergessen können.

Die Sonne stand schon tief am Himmel, als sie näher kam. Jeans und eine einfache Bluse betonten ihren sportlichen Körper. Ihre Bewegungen wirkten anmutig und selbstbewusst. Es gelang ihm nicht, den Blick von ihr abzuwenden, und er war dankbar, dass seine Augen hinter einer Sonnenbrille verborgen waren.

Der Wind fuhr ihr durch das rote Haar und blies ihr eine Strähne ins Gesicht. Unvermittelt hielt sie inne. Fürchtete sie sich etwa, ganz allein am Strand?

„Hallo? Marine?“, rief sie.

Jay blieb, wo er war. Ein wenig kam er sich vor wie ein Voyeur, doch er wusste, er würde keine weitere Gelegenheit erhalten, sie ungestört zu betrachten, sobald sie ihn erst erkannt hatte. Unwillkürlich erfasste ihn Panik. Für einen Moment überlegte er, ob er nicht besser auf seine Ducati steigen und davonbrausen sollte, fort von dieser Frau.

„Hallo?“, rief sie mit unsicherer Stimme.

Nun wusste er, dass er bleiben würde. Es gab einen Grund für seine Anwesenheit.

„Hallo, Alysse.“ Mit einem Schritt trat er aus dem Schatten.

Verblüfft schüttelte sie den Kopf und nahm die Sonnenbrille ab. Sie kam direkt auf ihn zu. „Jay? Bist du es wirklich?“

Er ging ihr entgegen, bis er ihr so nah war, dass er ihren vertrauten Duft nach Vanille riechen und die Sommersprossen auf ihren Wangen erkennen konnte.

„Ja.“

Schwungvoll stellte sie die Kuchenschachtel auf dem Tisch ab und ballte die Hände zu Fäusten. „Du Mistkerl!“

„Das habe ich verdient.“

Sie schüttelte den Kopf. „Mehr als nur das.“

„Ja, Madam.“

„Ich hätte nie gedacht, dich jemals wiederzusehen“, sagte sie mehr zu sich selbst und machte auf dem Absatz kehrt.

Als ihm klar wurde, dass sie gehen wollte, rief er: „Warte.“

„Wieso?“

Er streckte die Hand nach ihr aus, aber sie trat einen Schritt zurück.

„Ich … Es tut mir leid, dass ich damals fortgelaufen bin.“

Alysse nickte nur. Jay konnte ihrer Miene nicht entnehmen, was sie dachte. „Ich musste in die Kaserne zurückkehren. In den turbulenten Tagen, in denen wir uns kennengelernt und geheiratet haben, ergab sich keine Gelegenheit, dir zu sagen, dass ich nur eine Woche Urlaub hatte.“

„Du konntest mich nicht aufwecken, um mir das zu sagen? Oder mir eine Notiz hinterlassen?“

„Eigentlich wollte ich gar nicht heiraten.“

„Das ist mir klar. Las Vegas war schuld daran. Hier ist dein Dessert. Offenbar hast du, was Frauen angeht, nichts dazugelernt, wenn du schon wieder einen riesigen Fehler begangen hast.“

„Der Kuchen ist für dich bestimmt.“

Alysse schluckte, fasste sich aber sofort wieder und straffte die Schultern.

„Was du mir angetan hast, macht kein noch so guter Cupcake wett.“

„Das ist mir bewusst. Bleib zum Dinner.“

Energisch schüttelte sie den Kopf. „Wieso sollte ich?“

„Weil es für uns noch etwas zu erledigen gibt.“

„Mein Leben läuft bestens, auch ohne dich.“

Diese Bemerkung tat Jay weh, und das war vermutlich Alysses Absicht gewesen. Er erkannte, dass er kämpfen musste wie nie zuvor, um sie zurückzuerobern. Ihm stand die schwierigste Aufgabe seines Lebens bevor.

2. KAPITEL

Als Alysse erkannte, dass Jays romantische Geste ihr galt, gefiel sie ihr auf einmal nicht mehr. Mit keinem Dessert der Welt ließ sich wiedergutmachen, dass er sie am letzten Tag ihrer Flitterwochen bei Nacht und Nebel verlassen hatte.

Weder ihr Bruder noch seine Freunde richteten ihre Leben nach ihren Frauen aus. Im Gegensatz zu Jay gelang es ihnen allerdings, Karriere und Beziehung unter einen Hut zu bekommen.

Dennoch faszinierte der attraktive Marine sie immer noch. Er sah einfach zu sexy aus in dem eng anliegenden schwarzen T-Shirt, das seine muskulöse Brust betonte. Als sie eine Narbe links an seinem Kinn bemerkte, fragte sie sich unwillkürlich, wie er dazu gekommen war. Immerhin wusste sie von ihren Versuchen, ihn im Rahmen ihrer Scheidungsbemühungen ausfindig zu machen, dass er sich mit seiner Einheit in einem Kriegsgebiet aufgehalten hatte.

„Was siehst du mich so an?“, fragte er, während er ihr einen Stuhl heranzog. „Willst du mich wieder beschimpfen?“

Ihr Ausbruch war Alysse zwar peinlich, andererseits fühlte sie sich im Recht. Ihm Schimpfworte an den Kopf zu werfen, war allemal besser, als ihrem ersten Impuls nachzugeben und zu weinen. Wie tief er sie damals verletzt hatte, war ihm vermutlich nicht bewusst – sie hatten sich gerade erst knapp eine Woche gekannt. Die kurze Zeit hatte jedoch genügt, ihr Leben von Grund auf zu verändern.

„Warum nicht?“, meinte sie leichthin, obwohl sie nichts dergleichen beabsichtigte. Vielleicht sollte ich doch bleiben, überlegte sie. Sie wünschte sich Antworten auf viele offene Fragen. Sollte er ihr diese verweigern, würde sie nach einem gemeinsamen Abendessen zumindest besser verstehen, was sie ursprünglich zu ihm hingezogen hatte – und warum selbst eine Scheidung nicht ausreichen würde, ihn zu vergessen.

Zögernd setzte sie sich. In einem Eiskübel neben dem Tisch stand eine Flasche Wein bereit, ihre Lieblingssorte. Gut für dich, dass du dich wenigstens daran erinnerst, dachte sie, aber kein Grund, vor Dankbarkeit auf die Knie zu fallen.

„Ich bedauere unendlich, dass ich mich damals so klammheimlich davongemacht habe“, sagte er. „Das war unverantwortlich und feige.“

„Gibt es beim Militär keine Vorschrift, wie man in solchen Situationen vorgeht?“

„Leider nein.“ Er lächelte schief.

Seine charmante, lässige Art hatte sie von Anfang an fasziniert, tatsächlich war Jay Michener aber alles andere als locker.

„Warum hast du es dann getan?“

Wieso hast du mich überhaupt geheiratet? fügte sie in Gedanken hinzu. Über ihre eigenen Beweggründe war sie sich im Klaren. Eine Hochzeit hatte in ihre Pläne gepasst. Sie hatte gerade die Ausbildung zur Köchin abgeschlossen, der nächste Schritt in ihrer Lebensplanung war die Gründung einer Familie gewesen. Die Begegnung mit Jay in Las Vegas war ihr wie ein Wink des Schicksals erschienen.

„Ich weiß es nicht.“

„Hast du nicht wenigstens eine Ahnung?“

„Ich glaube, ich habe dich verlassen, weil die Versuchung zu bleiben zu stark wurde. Letztendlich war mir mein Job wichtiger.“

Was hast du erwartet? fragte sie sich, tief getroffen von seiner brutalen Offenheit. Sie nahm sich vor, sich nicht wieder von seinem Charme einwickeln zu lassen.

„Weshalb hast du mich hierhergelockt? Hast du wieder frei und bist auf ein Abenteuer aus?“

„Ich schulde dir eine Erklärung. Ja, und Urlaub habe ich tatsächlich auch.“

Alysse lehnte sich zurück und betrachtete aufmerksam ihre Umgebung. Der Tisch, an dem sie saßen, war mit einem strahlend weißen Damasttuch, funkelndem Kristall und edlem Porzellan gedeckt. Das Meer glitzerte golden im Licht der tief stehenden Sonne, und der Strand war menschenleer. Eine romantischere Szenerie konnte sie sich nicht vorstellen. Leider war Jay nicht der Richtige, um sie mit ihm zu genießen.

„Verstehe ich richtig: Du bist zu mir gekommen, um mir endlich deine Flucht zu erklären?“

„Ich wollte mit dir reden und dich um eine zweite Chance bitten.“

„Um was?“ Alysee dachte, sie hätte sich verhört.

„Lass es uns noch einmal miteinander versuchen.“

Ungläubig schüttelte sie den Kopf. Dann begriff sie, dass er nicht ihretwegen gekommen war. Er war hier, um seine Vergangenheit zu bewältigen. Als ihr das klar wurde, fühlte sie sich ausgenutzt. Und ehrlich gesagt hatte Jay sie bereits genug für den Rest ihres Lebens ausgenutzt. „Kein Interesse.“

Doch so leicht ließ Jay sich nicht entmutigen. „Ich habe erfahren, dass du Single bist.“

„Derzeit konzentriere ich mich ganz auf mein Geschäft.“ Es irritierte sie und schmeichelte ihr gleichzeitig, dass er offensichtlich Erkundigungen über sie eingeholt hatte. „Was willst du eigentlich von mir hören?“

„Dass du uns eine zweite Chance gibst.“

„Ich bin doch nicht verrückt!“

„Mir ist es nie gelungen, dich zu vergessen. Kein Tag ist vergangen, an dem ich nicht an dich gedacht habe. Ich habe dir wehgetan und verdiene dich nicht, dennoch bitte ich dich darum.“

Es schien ihm ernst zu sein, aber ihr Vertrauen in Jay war zerstört. Vor allem konnte sie ihn nicht mehr einschätzen. Früher war das anders gewesen. In erster Linie hatte sie sich auch deswegen in ihn verliebt, weil der ruhige Einzelgänger das Gegenteil der extrovertierten Sportler war, mit denen sie üblicherweise ihre Zeit verbrachte.

„Alles Gute für dein weiteres Leben.“ Entschlossen griff sie nach ihrer Handtasche, stand auf und ging davon.

Jay sprang auf, setzte ihr nach und packte sie am Arm. Diesmal ließ er sich nicht abschütteln. „Geh nicht. Ich hätte dich nicht überrumpeln dürfen, wusste aber nicht, wie ich sonst mit dir ins Gespräch kommen sollte. Es gibt Dinge, über die ich mir klar werden muss, die nichts mit der Armee zu tun haben. Dabei benötige ich deinen Rat.“

„Dein Leben geht mich nichts an.“ Irgendwie schmeichelte es ihr, dass er um ihre Meinung bat.

„Was ich damals getan habe, bedauere ich. Lass mich dir beweisen, dass ich mich geändert habe.“

„Hast du das?“

„Ich hoffe es. Seit unserer letzten Begegnung kam ich allerdings kaum zum Luftholen. Ich wurde von einem Einsatz zum nächsten geschickt.“

Alysse entzog ihm ihren Arm und betrachtete ihn nachdenklich. Es wäre gut für mich, einen Schlussstrich zu ziehen, überlegte sie. Anschließend wäre sie endlich in der Lage, nach vorn zu blicken. Aus Angst vor Verletzungen war sie seit der Scheidung Single geblieben. Jay hatte sie stürmisch umworben, sie hatte sich ihm ganz geschenkt – und sich die Finger verbrannt. Es war an der Zeit, ihr Herz zurückzufordern. Ja, ein sauberer Abschluss würde ihr guttun.

„Ich bleibe, aber mach dir keine Hoffnungen auf eine zweite Chance. Mein Vertrauen in dich ist zerstört.“

„Dann ist es meine Aufgabe, es mir erneut zu verdienen.“

Darüber musste sie erst nachdenken. In den vergangenen Jahren hatte sie sich ganz und gar Sweet Dreams gewidmet. Inzwischen lief das Geschäft ausgezeichnet. Was ihr fehlte, war eine neue Herausforderung. Mit Staci hatte sie über die Eröffnung einer zweiten Niederlassung gesprochen. Die zusätzliche Arbeit hätte ihr eine gute Ausrede geliefert, ihr auf Eis gelegtes Privatleben nicht wiederaufleben zu lassen. Nun allerdings bot Jay ihr die Gelegenheit, die Vergangenheit aufzuarbeiten und endlich durchzustarten.

„Also gut. Ich bin einverstanden, dass wir versuchen, einander kennenzulernen. Aber ich warne dich, Jay: Ich werde die Gelegenheit nutzen, um über dich hinwegzukommen.“

Das wäre nicht so schwer, wenn du dich in den vergangenen Jahren hättest gehen lassen, dachte sie, als er die muskulösen Arme vor der Brust verschränkte. Körperlich war er in Topform. Das dichte braune Haar trug er kurz geschnitten, die Sonne hatte einige neue Fältchen um seine Augenwinkel hinzugefügt. Zwar wirkte er etwas älter als früher, gleichzeitig strahlte er eine neue Gelassenheit und Souveränität aus, die ihm ausgezeichnet stand. Sosehr sie sich auch dagegen sträubte, körperlich fühlte sie sich stark zu ihm hingezogen.

Unter halb geschlossenen Augenlidern warf sie ihm einen Blick zu. Sie würde gut auf sich achtgeben und ihr Herz beschützen müssen, um der Begierde und den starken Gefühlen zu widerstehen, die er in ihr weckte. Insgeheim gestand sie sich ein, dass sie ihn begehrte. Das war kein Wunder: Es war vier Jahre her, dass sie zum letzten Mal mit einem Mann geschlafen hatte.

Ihm eine zweite Chance einzuräumen, war riskant. Doch diesmal beabsichtigte sie, als Siegerin aus der Begegnung hervorzugehen.

Jay erkannte bestürzt, dass Alysse sich nicht so leicht einwickeln ließ wie gedacht. Er hatte geglaubt, sie mit seiner Entschuldigung milde zu stimmen, sodass sie einem Neuanfang aufgeschlossen gegenüberstand. In diesem Punkt hatte er sich getäuscht.

Wie sollte er nur ihr Vertrauen gewinnen? Er war sich nicht einmal selbst darüber im Klaren, ob es richtig für ihn war, die Armee zu verlassen und ein bürgerliches Leben zu beginnen.

Im Feld verließ er sich ganz auf seine durch hartes Training erworbenen Fähigkeiten. Er wusste, dass er ein anvisiertes Ziel auch traf. Dieses Selbstvertrauen fehlte ihm Alysse gegenüber.

„Komm zurück an den Tisch und trink ein Glas Wein mit mir“, bat er.

„Gut. Aber zum Essen bleibe ich nicht.“

Jay begleitete sie zum Tisch zurück und goss Wein in zwei Gläser, während er sich fragte, weshalb er sie so überstürzt geheiratet hatte. An ihrer Seite hatte er sich unbekümmert und jung gefühlt wie nie zuvor. Eine Woche lang waren sie kaum aus dem Bett gekommen, bis zu jener letzten Nacht. Doch daran wollte er in diesem Moment nicht denken.

Stattdessen bewunderte er ihr herrliches rotes Haar. Sie war leger gekleidet, kam offenbar gerade von der Arbeit. Dennoch erschien sie ihm als die schönste Frau der Welt. Ihre Anziehungskraft auf ihn war nach wie vor ungebrochen.

„Erzähl mir von dir. Bist du bei Sweet Dreams als Bäckerin angestellt?“ Er hatte sie über die Scheidungsunterlagen aufgespürt, auf denen als Anschrift die Konditorei angegeben war.

„Sweet Dreams gehört mir und meiner Partnerin.“ Lächelnd streichelte sie mit den Fingerspitzen über die erhabenen Buchstaben auf der Dessertschachtel.

„Es heißt, das Geschäft liefe hervorragend.“ Bei seinen Erkundigungen hatte er von der sexy Rothaarigen gehört, die im Laden bediente. Die Bewunderung, die andere Männer ihr zollten, erfüllte ihn mit Eifersucht. Sie hatte ihm gehört – ehe er jeglichen Anspruch auf sie aufgegeben und sie verlassen hatte.

„Wir setzen uns auch sehr dafür ein. Staci und ich stehen jeden Morgen ab vier Uhr in der Küche und backen, experimentieren und entwickeln neue Ideen.“

„Das ist gewiss sehr anstrengend.“ Abends, wenn sie nach Hause kam, musste sie völlig erschöpft sein.

„Ich liebe meine Arbeit. Sie hat mir über schwere Zeiten hinweggeholfen.“ In ihrer Stimme schwangen Leidenschaft und Freude mit.

Sie hat ihre Berufung gefunden und liebt ihr Leben, dachte er.

„Ich war ein Idiot, dass ich dich verlassen habe. Wieso hast du mich überhaupt geheiratet? Du wirkst nicht wie eine Frau, die sich Hals über Kopf verliebt.“

Den Blick in die Ferne gerichtet, zuckte sie mit den Schultern. „Das lag an der Atmosphäre in Las Vegas. Meine Freundinnen und ich haben dort den Abschluss der Kochausbildung gefeiert. Dass das Leben dort nicht real ist, war mir irgendwie nicht bewusst: die bunten Lichter, die fröhlichen Menschen, du mit deinen großartigen Gesten. Ich kann mich nicht einmal mehr an deinen Heiratsantrag erinnern, nur an den Moment, als ich in der Hochzeitskapelle stand.“

„Mir geht es genauso.“

„Wieso hast du mich geheiratet?“

„Mit dir habe ich mich als Teil der Welt gefühlt, nicht nur als Beobachter.“

Dass er zum Militär gehen wollte, hatte Jay sehr früh gewusst. Von Kindesbeinen an ein Waffennarr, war er ab dem Alter von acht Jahren mit seinem Vater zur Jagd gegangen. Beim Schießen verfügte er über eine Art siebten Sinn.

„Ich weiß kaum etwas von dir, nur dass du im Marine-Korps bist.“ Alysse schob sich eine Haarsträhne hinters Ohr, neigte den Kopf zur Seite und betrachtete ihn nachdenklich.

Unwillkürlich fragte Jay sich, was sie in ihm sah. „Ich bin Scharfschütze.“ Über seine Arbeit sprach er nie. Um sie nicht unnötig zu belasten, würde er auch ihr nichts Näheres darüber berichten.

„Gefällt es dir?“

„Ich denke schon.“ Dass er in Afghanistan nur knapp dem Tod entronnen war und ihm die Vorstellung zusetzte, dass niemand um ihn trauern würde, erzählte er ihr nicht.

„Wenn du mein Vertrauen erringen willst, musst du dich mir schon stärker öffnen“, monierte Alysse.

„Leicht machst du es mir nicht.“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Einfach hattest du es beim ersten Mal – und du weißt, was passiert ist.“

Jay war sich bewusst, dass sie seinetwegen gelitten hatte. Wenn sie jetzt versuchte, den Spieß umzudrehen, konnte er ihr das nicht zum Vorwurf machen. Verdient hatte er es.

Trotzdem atmete er erleichtert auf, als er Schritte hörte. Ein Kellner servierte den Vorspeisensalat. Jay hoffte, beim Essen keine weiteren unangenehmen Fragen beantworten zu müssen. Mittlerweile war er nicht mehr vom Gelingen seines Plans überzeugt. Er würde sich etwas Neues einfallen lassen müssen, was ihm schwerfiel, da Alysse ihn ablenkte: ihr Parfum, ihr Haar, das ihm Wind wehte …

Nachdem der Kellner gegangen war, hob er das Glas zu einem Toast: „Auf die zweite Chance.“

„Sofern man sie verdient.“ Alysse trank einen Schluck Wein. „Entschuldige, das war gemein …“

„Du brauchst dich nicht dafür zu entschuldigen, dass du wütend auf mich bist. Im Gegenteil, ich danke dir, dass du zum Essen bleibst.“

„Das hatte ich ursprünglich nicht vor, aber ich habe noch so viele Fragen über das Ende unserer Ehe, zu dir …“

„Ich werde sie dir beantworten – nur nicht heute.“

Beim Essen plauderten sie über Nebensächliches wie Bücher und Filme. Von gelegentlichem peinlichem Schweigen ließ Jay sich nicht aus dem Konzept bringen. Umso stärker erschütterte ihn die Erkenntnis, wie sehr er Alysse immer noch begehrte.

„Wie lang dauert dein Urlaub?“, erkundigte sie sich.

„Zwei Wochen. Danach muss ich entscheiden, ob ich mich für weitere Jahre verpflichte.“

„Und diese freie Zeit möchtest du mit mir verbringen? Erwarte nicht, dass ich mein Leben deinetwegen umstelle.“

„Ich bin schon dankbar, dass du zum Dinner bleibst.“

Sie lächelte. „Recht so. Hast du ernsthaft vor, aus dem Militärdienst auszuscheiden?“

„Das hängt zum großen Teil von dir ab.“

„Oh nein. Diese Entscheidung musst du allein treffen, unabhängig von mir.“

Nervös fuhr er sich mit den Händen durchs Haar. „Das fällt mir schwer. Ich bin mir nicht mehr sicher, was ich von der Zukunft erwarte.“

„Wieso? Was ist geschehen? Nicht einmal unsere Hochzeit konnte deine Pläne auch nur ein winziges bisschen beeinflussen.“

„Nichts“, wehrte er ab. „Ich werde älter.“

Diese schwache Erklärung ließ Alysse nicht gelten. Sie bemerkte, dass Jay etwas vor ihr verbarg. Energisch legte sie die Serviette auf den Teller und stand auf. „Es war nett mit dir, aber ich gehe.“

„Wieso? Was habe ich gesagt?“

„Es geht um das, was du nicht sagst. Du bittest mich um eine zweite Chance, aber sobald ich dich nach etwas Wichtigem frage, verschließt du dich.“ Sie betrachtete ihn eine Weile. Als er nichts erwiderte, schüttelte sie den Kopf. „Siehst du? Alles Gute, Jay.“

„Warte. Lass uns ein paar Schritte gehen, dann erzähle ich dir, was los ist.“

„Einverstanden. Denk dran: Ich kann dir nur vertrauen, wenn du auch mir traust.“

„Ich versuche es, so schwer es mir auch fällt. Vielleicht wäre ich besser gar nicht zu dir gekommen, aber ich will mehr“, gestand er ihr. „Bei meinem letzten Einsatz bin ich nur knapp dem Tod entronnen. Mir ist bewusst geworden, dass ich nicht den Rest meines Lebens allein sein will – ohne dich.“

Wie gut Alysse das nachvollziehen konnte … ihr ging es ähnlich. Sie wartete seit Jahren auf den Richtigen, so wie sich auch Jay eine Frau an seiner Seite wünschte. Sie indes würde diese Frau nicht wieder sein.

Dieser Mann war nicht leicht zu durchschauen, das hatte sie von Anfang an gewusst. Wie kompliziert er tatsächlich war, begann sie allerdings erst in diesem Moment zu verstehen. Die Woche damals in Las Vegas war wie im Traum verflogen. Sie hatte Jay nur als den wahrgenommen, den sie sich wünschte: als einen Mann, der sie so liebte, dass er sie vom Fleck weg heiratete.

„Was wünschst du dir genau?“, hakte sie nach.

„Mir bleiben zwei Wochen, um das herauszufinden. Morgen treffe ich jemanden, der vor einiger Zeit aus der Armee ausgeschieden ist und sich selbstständig gemacht hat. Vielleicht kommt bei dem Gespräch etwas heraus. Wenn ich keinen Job finde, könnte ich ja bei dir als Tortendekorateur anfangen.“

„Das ist nicht so einfach, wie es aussieht. Man braucht eine ruhige Hand.“ Sie beschloss zu akzeptieren, dass er erneut ein unverfängliches Thema aufgriff. Mehr Ehrlichkeit konnte sie an diesem Abend nicht ertragen. Ihm zu begegnen, war aufregend genug – zu erfahren, dass er beinahe gestorben wäre … Darüber wollte sie gar nicht erst nachdenken.

„Ruhige Hände habe ich.“ Er hob die großen, sonnengebräunten Hände mit den sauberen, ordentlich geschnittenen Fingernägeln. Wie früher legte er Wert auf ein gepflegtes Äußeres, ohne zu übertreiben.

„Das reicht lange nicht. Du musst sie auch geschickt einsetzen.“ Ein kleiner Flirt, wie mit den Marines in ihrem Laden, erschien ihr ungefährlich.

„Hast du etwa vergessen, wie gut ich damit umzugehen weiß?“

Sofort fiel ihr ein, wie er sie gestreichelt hatte. Oh ja, er wusste etwas mit seinen Händen anzufangen und war ein hingebungsvoller Liebhaber, der sich Zeit für sie genommen hatte, soviel sie wollte. In seinen Armen war sie sich wie die faszinierendste Frau der Welt vorgekommen.

„Es geht um eine andere Art von Handarbeit.“

„Tatsächlich?“ Er grinste.

„Du würdest dich innerhalb kürzester Zeit langweilen. Staci und ich lieben diesen Teil der Arbeit, dir würde die Abwechslung fehlen.“

„Ihr seid mit ganzem Herzen bei der Sache, weil euch der Erfolg eurer Konditorei wichtig ist. Das merkt man euren Produkten auch an.“

„Lass dich von meiner Nachspeise überzeugen.“

„Was hast du für meine mysteriöse Frau zubereitet?“

„Warte ab.“

„Ich glaube nicht, dass ich mich im Sweet Dreams langweilen würde. Du wärst schließlich da, jede Menge Zuckerguss …“

„Genug. Das ist eine erste Verabredung, kein …“

„Kein was? Weißt du nicht mehr, wie unsere allererste Verabredung geendet hat?“

„Doch … Aber was anschließend passiert ist, möchte ich nicht noch einmal erleben.“

„Ich auch nicht.“ Er ergriff ihre Hand und streichelte sie.

Ein Gefühl wie ein Stromschlag durchzuckte Alysse, und ein Schauer lief ihr über den Arm bis zu den Schultern. Unwillkürlich verspürte sie ein Ziehen in ihren Brüsten, sie fühlten sich voll und schwer an. Auch damals hatte Jay sie nur zu berühren brauchen, um sie zu entflammen.

Unwillkürlich verschränkte Alysse ihre Finger mit seinen. Als er ihre Hand an die Lippen hob und küsste, zog sie sie aber hastig zurück. Das Feuer zu schüren, das zwischen ihnen brannte, kam nicht infrage. Nicht jetzt. Irgendwann würde sie es tun, das war ihr klar, und schon jetzt fürchtete sie sich davor, sich darin zu verlieren.

3. KAPITEL

Jay lehnte sich bequem im Stuhl zurück. In der zunehmenden Dämmerung konnte Alysse seine Augen nicht erkennen, spürte aber, dass er sie beobachtete.

„Wie hast du den Schritt in die Selbstständigkeit geschafft?“

„Mit einem Kredit von der Bank.“ Sie lächelte ein wenig gezwungen. Unterstützung durch ihre Mutter hatte sie abgelehnt. Nachdem ihre Ehe gescheitert war, hatte sie es diesmal aus eigener Kraft schaffen wollen.

„War es schwierig?“

„Das kannst du dir nicht vorstellen!“

„Deswegen frage ich ja. Die Frau, die ich geheiratet habe, wollte eine Familie gründen.“

„Das hat nicht funktioniert.“

„Wie ist es dir ergangen, nachdem ich verschwunden war?“

Skeptisch betrachtet sie Jay. Gegen ihren Willen genoss sie seine Gesellschaft. Ihr wäre es lieber gewesen, er hätte sich in einen unsympathischen Menschen verwandelt. Dann wäre sie leichten Herzens aufgestanden und gegangen. Doch er verwirrte sie und machte sie nervös. Um ihre Unsicherheit zu überspielen, setzte sie die Sonnenbrille auf.

„Ich habe an zahllosen Kochwettbewerben teilgenommen und etliche davon gewonnen, was mir Auftritte in der TV-Show ‚Good Morning, Los Angeles‘ eingebracht hat. Bei den Wettkämpfen traf ich immer wieder auf Staci. Wir waren Konkurrentinnen, doch irgendwann, nach ein paar Margaritas zu viel, haben wir beschlossen, gemeinsam eine Konditorei zu eröffnen.“

Jay betrachtete sie schweigend, und sie rutschte unruhig auf dem Stuhl hin und her. Sie wollte seine Aufmerksamkeit nicht und sich erst recht nicht zu ihm hingezogen fühlen, kam aber nicht dagegen an. So schwer es ihr fiel, es sich einzugestehen: Sie begehrte ihn.

Er faszinierte sie jetzt nicht weniger als vor vier Jahren. In Las Vegas war er selbstbewusst zu ihr an den Roulettetisch getreten und hatte sie um einen Kuss gebeten, der ihm Glück bringen sollte. Sie hatte ihm seinen Wunsch gern erfüllt – und er hatte tatsächlich einen großen Betrag gewonnen. Von da an hatte er sie seinen Talisman genannt und nicht mehr von seiner Seite gelassen. Dabei hatte er ihr das Gefühl vermittelt, die schönste und aufregendste Frau der Welt zu sein.

Hast du denn gar nichts dazugelernt? fragte sie sich entsetzt, denn sie sehnte sich danach, um den Tisch herumzugehen, sich auf seinen Schoss zu setzen und ihn wie verrückt zu küssen.

„Du trinkst immer noch Margaritas?“

„Ich sollte sie besser aufgeben.“ Ihrem Jawort damals waren einige Erdbeer-Margaritas vorausgegangen.

„Wieso? Sweet Dreams ist ein Erfolg, jeder kennt es. Ich hätte allerdings nie gedacht, dass du eines Tages mit Kuchenbacken dein Geld verdienst.“

„Was hast du dir vorgestellt?“

Er zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Vielleicht, dass du auf mich wartest?“

„Du warst fort, ich habe die Scheidung eingereicht.“

„Es war ja nur ein Traum. Du bist eine starke Persönlichkeit mit eigenen Wünschen und Ideen. Vielleicht war das mit ein Grund für mich, dich zu verlassen.“

Alysse nickte. Einem Soldaten hinterherzureisen, wäre ihr niemals eingefallen. Sie war von jeher fest in Südkalifornien verwurzelt.

„Ich freue mich jedenfalls über deinen Erfolg.“

„Hättest du mich nicht sitzen lassen, gäbe es Sweet Dreams nicht. Dafür schulde ich dir Dank.“

Alysse hatte ihr Leben lang von einem weißen Ritter geträumt, der sie auf sein Pferd hob und aus dem langweiligen Alltag rettete. Leider hatte sich ihr Held als Mann mit Fehlern und Problemen herausgestellt, der obendrein ihren Traum von einem gemeinsamen Leben nicht teilte. Sie hatte drei Monate auf seine Rückkehr gewartet und sich nach einer kurzen Zeit der Hoffnungslosigkeit entschlossen, allein weiterzumachen.

Sweet Dreams hatte ihr über die schwere Zeit hinweggeholfen. Inzwischen stand sie finanziell gut da, und die Aussicht, ihr Geschäft ein Leben lang zu führen, gefiel ihr und half ihr über Momente der Einsamkeit hinweg.

Nun bot Jay ihr mit seiner Rückkehr die Gelegenheit, ihre Wunden zu heilen und ihren Stolz zurückzugewinnen. Die Art, wie er sie verlassen hatte, hatte sie tatsächlich an ihrer Wirkung auf das andere Geschlecht zweifeln lassen.

„Alysse?“, riss er sie aus ihren Überlegungen. „Bist du fertig mit dem Salat? Der Kellner möchte weitermachen.“

„Ja, entschuldige.“ Ich muss aufhören zu träumen, nahm sie sich vor. Jay würde nicht zögern, ihre Schwächen auszunutzen.

Der Kellner räumte ab, servierte den Hauptgang – gegrillten Thunfisch mit einem cremigen Spargelrisotto – und füllte ihre Gläser nach. Dann ließ er sie wieder allein.

Alysse ließ den Blick über den Strand schweifen. Die Sonne war fast untergegangen, die Sonnenbrille war eigentlich überflüssig.

„Ist alles okay?“, fragte Jay, als sie schwieg.

„Dieses Dinner mit dir kommt mir so unwirklich vor – noch surrealer als die Nacht, in der ich einen Fremden geheiratet habe.“

„Hauptsache, du langweilst dich nicht.“

Sie musste lachen, obwohl seine Bemerkung nicht besonders witzig war. Unvermittelt traten ihr Tränen in die Augen. Verdammt, wein bloß nicht, ermahnte sie sich, wandte den Kopf zur Seite, schob die Sonnenbrille auf den Kopf und wischte sich mit dem Handrücken über die Augen.

„Langweilig war es mit dir nie. Womit hast du dir die Zeit vertrieben?“

„Kämpfen – das ist mein Job.“

Seine unverblümte Antwort überraschte sie.

„Der Satz steht auf einem T-Shirt, das mir jemand zu Weihnachten geschenkt hat.“

„Oh. Ich habe eins mit der Aufschrift ‚Ich träume zartbitter‘.“

Sie lächelten einander an und begannen zu essen. Jay schlug einen leichten Ton an und erwies sich als ausgesprochen charmant. Er erzählte unter anderem von Streichen, die er Kameraden gespielt hatte – Namen nannte er keine.

„Haben deine Freunde keine Namen oder Spitznamen?“, fragte Alysse, während sie die letzten Bissen verzehrte.

„In unserem Job entstehen kaum enge persönliche Bindungen. Ich denke an meine Kollegen nur im Zusammenhang mit ihrer Funktion. Da wäre beispielsweise mein Scout. Er ist der vierte, mit dem ich zusammenarbeite, seit ich beim Militär bin.“

„Was ist seine Aufgabe?“

„Er unterstützt mich im Feld, hilft mir, mein Ziel aufzuspüren, prüft Windrichtung und – stärke und gibt mir Rückendeckung.“

„In Filmen sind Scharfschützen immer Einzelgänger.“

Er zuckte die Achseln, was sofort ihre Aufmerksamkeit auf seine breiten Schultern lenkte. Unter dem T-Shirt zeichneten sich seine harten Muskeln deutlich ab. „Ich würde lieber allein arbeiten.“

„Wieso?“ Sie legte das Besteck beiseite und betrachtete ihn neugierig, aber nicht überrascht. Sogar im Urlaub in Las Vegas hatte ihn ein Hauch von Einsamkeit umgeben.

„Ich müsste mich auf niemand anderen verlassen als auf mich.“

Den Kopf zur Seite geneigt, fragte sie: „Bist du deswegen gegangen?“

„Ich sah keine andere Möglichkeit.“

„Was meinst du damit?“

Er setzte die Sonnenbrille wieder auf. „Ich wollte nicht, dass du dich auf mich einlässt und ich dich dann im Stich lasse.“

Jay hatte sich vorab zurechtgelegt, was er Alysse an diesem Abend sagen wollte, hatte aber ihre Reaktion nicht vorhergesehen. Sie schwankte zwischen Wut und Trauer, wirkte zwischendurch aber immer wieder entspannt. Es tat ihm leid, ihr ruhiges Leben durcheinanderzubringen, doch um seines Seelenfriedens willen hatte er sie wiedersehen müssen.

„Also hast du dich entschlossen, es sofort hinter dich zu bringen und mich zu verlassen.“

Einen Moment ließ er den Kopf hängen. Ganz so einfach war es nicht, wenngleich sie im Prinzip recht hatte. Manchmal fragte er sich, ob er nicht besser für immer allein bleiben sollte. Er war kein tiefgründiger Mann und wusste nicht, wie Beziehungen funktionierten. Doch dass man auch als Soldat ein Privatleben führen konnte, bewiesen einige verheiratete Kameraden.

„Lass uns das Thema wechseln, erzähl mir lieber, was du heute so treibst.“

Alysse trank einen Schluck Wein und lächelte. Sein Blick blieb an ihrem Mund hängen. Die Farbe ihrer Lippen erinnerte ihn an die ihrer Brustwarzen. Sogleich verzehrte er sich nach ihr, heftiger als je zuvor.

„Ich arbeite, treffe Freunde, besuche meine Familie. Ich führe ein ganz normales Leben.“

„Bist du glücklich?“

„Meistens. Was willst du wirklich wissen?“

„Wirble ich mit meinem Auftauchen dein Leben durcheinander?“, fragte er unvermittelt. „Ich hatte nicht vorhergesehen, dass du so …“

Sie lachte, ganz entspannt diesmal. „So was?“

„Dass du so real bist.“

Sie stützte die Ellbogen auf den Tisch und blickte ihm tief in die Augen. „Las Vegas war ein Traum.“

„Jetzt weiß ich das auch.“ Die Lichter der Stadt, die Atmosphäre, die alles möglich erscheinen ließ, hatten ihn ebenso stark geblendet, wie Alysse ihn magisch angezogen hatte. Er hatte an nichts anderes gedacht, als sie im Arm zu halten.

In diesem Moment legte sie die Hände auf den Tisch und betrachtete ihn aufmerksam. Jay fragte sich, was sie zu entdecken erwartete. Hoffentlich etwas, das ihr weiterhalf.

„War dir das wirklich nicht bewusst? Selbst mir war es klar.“

„Ohne Waffe in der Hand und ein Ziel vor Augen fällt es mir schwer, zwischen Realität und Fantasie zu unterscheiden.“

Ihr enttäuschter Blick verriet ihm, dass ihr diese Antwort nicht genügte. Eine andere hatte er jedoch nicht. „Wieso hast du dich damals überhaupt auf mich eingelassen?“

Nachdenklich strich sie sich eine Strähne hinters Ohr und biss sich auf die Unterlippe. „Ich habe gehofft, dass unsere Beziehung auch über Las Vegas hinaus Bestand hätte. Ich war davon überzeugt, es ging so schnell mit uns, weil es echt war.“

Du hast deinen Traum gelebt, dachte er. Letztendlich hatte ihre unterschiedliche Wahrnehmung dazu geführt, dass er sie verlassen hatte. Alysse trug daran keine Schuld, sie war einfach wunderbar gewesen.

„Wie geht es jetzt weiter?“, fragte sie.

„Wir lernen einander besser kennen und finden heraus, ob das Band zwischen uns noch existiert.“

Nachdenklich stand sie auf, trat an eine Ecke des Häuschens und blickte aufs Meer hinaus.

Jay ging zu ihr und legte ihr eine Hand auf die Schulter. Sie schob sie beiseite.

„Was denkst du?“, fragte er.

„Je mehr Zeit ich mit dir verbringe, desto schwerer fällt es mir, nicht zu vergessen, dass ich mich weiterentwickelt habe.“

„Ich möchte nicht für immer der Mann bleiben, der dir wehgetan hat, und du willst nicht länger die Frau mit dem gebrochenen Herzen sein.“

„Du hast recht. Aber ich warne dich, leicht werde ich es dir nicht machen.“

Er lächelte anerkennend. „Genau so will ich dich haben.“

„Willst du mich haben oder nur eine Seite von mir? Wir sind nicht mehr in Las Vegas, wo ich den ganzen Tag mit dir im Bett verbringe.“

Allein bei dem Gedanken daran schoss das Blut heiß durch seine Adern. Natürlich war er scharf auf sie, aber er begehrte sie nicht nur körperlich. Anfangs hatten sie miteinander geflirtet und zarte süße Küsse ausgetauscht. Keine andere hatte jemals so gut geschmeckt wie Alysse oder hatte so perfekt in seine Arme gepasst.

„Von Sex war nicht die Rede.“

Mit zwei Schritten war sie bei ihm und streichelte ihm mit der flachen Hand über die Brust. „Sei ehrlich: Dir geht es um Verführung.“

Jay holte tief Atem. „Im Bett ist unsere Beziehung zumindest sehr viel einfacher.“

„Miteinander zu schlafen, ist keine Beziehung.“

„Ich weiß, sonst wären wir heute noch ein Paar.“

„Ich verstehe dich nicht“, seufzte sie.

Noch vor wenigen Tagen hatte Jay geglaubt, an einer Kreuzung zu stehen und lediglich die richtige Richtung einschlagen zu müssen. Nun hatte er ein ernstes Problem. Wenn er versagte, würde er einsam und verbittert enden wie sein Vater. Er setzte seine ganze Hoffnung in Alysse.

„Daran können wir arbeiten.“

„Du glaubst ernsthaft, das mit uns könnte funktionieren?“

„Einen anderen Plan habe ich nicht.“

„Wir sind nicht mehr in Las Vegas, und so passiv wie damals bin ich längst nicht mehr.“

Unwillkürlich musste er lachen. „Passiv? Du hast mich von Anfang an um den kleinen Finger gewickelt.“

„Nein, es war umgekehrt!“

Uns verbindet mehr als Sex, dachte Jay, sonst hätte sie ihn nicht in seinen Träumen rund um die Welt verfolgt. Doch sie schien seine Gefühle zu teilen, und das erfüllte ihn mit neuer Hoffnung.

Ein Kellner brachte Kaffee und entzündete Petroleumfackeln rund um das Badehäuschen. Alysse warf einen Blick auf die Uhr. Es war spät, sie sollte gehen, doch dazu war sie noch nicht bereit.

Jay vermittelte ihr das Gefühl, als wäre dieser Abend der Beginn eines neuen Lebens. Wogegen sie nichts einzuwenden hätte: Seit der Eröffnung ihres Geschäfts verliefen ihre Tage gleichförmig. Wenn sie mit ihrem Bruder und seinen Freunden Beachvolleyball spielte, fühlte sie sich wie das fünfte Rad am Wagen. Alle anderen hatten Partner, sie nicht – weil sie seit Jay nicht mehr die Courage hatte, sich auf einen Mann einzulassen. Nun aber konnte sie ihr Selbstvertrauen wiedererlangen. Künftig würde sie sich nehmen, was das Leben zu bieten hatte, denn passiv war sie wirklich nicht. Sie gab sich zwar gern locker, setzte aber gleichzeitig ihren Willen entschlossen durch.

Vielleicht hatte Jay das gespürt und sie verlassen, weil er ahnte, dass sie ihr Leben auf Dauer nicht nach ihm ausrichten würde.

Wie stark sie sich im Lauf der Jahre tatsächlich verändert hatte, wurde Alysse erst an diesem Abend bewusst. In Las Vegas hatte sie sich erwachsen und klug gefühlt. Erst jetzt erkannte sie, wie viel sie noch hatte lernen müssen. Sich in Jay zu verlieben, war einfach gewesen, weil sie nie zuvor einen Verlust erlitten hatte. Setzte sie zu hohe Erwartungen in ihn? Oder waren sie nicht hoch genug?

„Komm zurück an den Tisch“, bat er.

Sie nickte und setzte sich wieder. Sosehr es sie auch drängte, sich in Sicherheit zu bringen, sie würde nicht gehen, ehe sie nicht alles wusste, was sie interessierte.

„Wie hast du die letzten Jahre verbracht?“, fragte sie.

„Mit jeder Menge Routine und Disziplin.“

„Magst du Routine?“

„Sehr. In der Armee gibt es für fast alles klare Regeln. Wer sich daran hält, erzielt die gewünschten Ergebnisse.“

„Das ist auch beim Backen so.“

Als er lachte, stockte ihr der Atem. Sie hatte ganz vergessen, wie toll er aussah, wenn er sich amüsierte.

„Du arbeitest nach Rezepten. Mir gefällt die Ordnung daran.“

„Ich liebe es allerdings zu variieren, ausgehend von der Basis.“

„Im Krieg sind Variationen nicht möglich.“

„Darüber weiß ich nichts. Erzähl mir davon – und über dich.“

„Da gibt es nicht viel zu sagen.“

Alysse runzelte die Stirn. „So einfach lasse ich mich nicht abspeisen. Wenn ich dich kennenlernen soll, muss ich erfahren, wer du wirklich bist.“

„Also gut. Ich wache um fünf Uhr dreißig auf, auch im Urlaub, und laufe fünf Kilometer. Dann dusche ich und frühstücke.“

„Was isst du?“ Da er Routine liebte, nahm sie an, dass es jeden Tag das Gleiche war. Nur in Las Vegas hatte er spontan gehandelt.

„Müsli. Das schmeckt überall auf der Welt ähnlich.“

Gern hätte sie ihm weitere Fragen gestellt, aber er schien in Gedanken versunken.

„Wenn ich keinen Freigang habe, überprüfe ich meine Waffen, melde mich zum Dienst und erledige, was mir aufgetragen wird. Anschließend kehre ich nach Hause zurück.“

„Wie sehen deine Aufträge aus?“

„Das willst du nicht wissen.“

„Doch.“

„Erzähl mir lieber von deinem Tag.“

„Du bist sogar noch dickköpfiger als ich.“ Sie überlegte, ob sie auf stur schalten sollte, kam dann aber zu dem Schluss, dass es sie nicht weiterbrachte. „Ich wache um vier Uhr auf, drücke zweimal auf die Schlummertaste, ehe ich aus dem Bett springe und kurz dusche. Bei meiner Ankunft im Geschäft bin ich fast wach. Ich koche Kaffee und fange an zu backen. Staci fängt gleichzeitig mit mir an. Die ersten fünfzehn Minuten schweigen wir. Sobald wir munter werden, unterhalten wir uns.“

„Worüber?“

„Über alles. So geht der Tag schnell vorbei. Um sechs Uhr schließen wir den Laden, und ich fahre nach Hause.“

„Das ist ein langer Arbeitstag.“

„Mir gefällt es so. Sonntags und montags bleibt das Geschäft geschlossen. Dennoch wache ich um vier Uhr auf und kann nicht wieder einschlafen. Das ärgert mich.“

Er lachte, und für einen Moment vergaß sie die Vergangenheit und den Ballast, der sie belastete. Zum ersten Mal seit Langem entspannte sie sich.

„Passiert dir das auch?“, fragte sie.

Als er den Kopf schüttelte, musste sie lachen. Das sah ihm ähnlich! Vermutlich befahl er seinem Körper zu schlafen. Eine Maschine war er dennoch nicht, sondern ein Mann, der etwas von ihr wollte … oder brauchte: ein Zeichen, dass das Leben mehr zu bieten hatte. Sie fürchtete sich davor, ihm diesen Weg zu weisen, dachte aber nicht daran zu kneifen.

4. KAPITEL

Dass das Schicksal sich beeinflussen ließ, glaubte Jay nicht, dazu hatte er zu viele Kameraden mit Glücksklee-Tattoo sterben sehen. Sein persönliches Glück musste man selbst in die Hand nehmen. Während er mit Alysse am Strand saß und die Wellen ans Ufer schlagen hörte, fühlte er sich glücklich wie nie zuvor. Dabei kannte er sie kaum.

Wieso habe ich sie verlassen? überlegte er. War es aus Angst vor ihrer großen Familie und den hohen Erwartungen, die sie in ihn setzte? Als er in jener letzten Nacht in Las Vegas neben ihr in dem riesigen Bett aufgewacht war, hatte er im tiefsten Inneren gewusst, dass er Alysse irgendwann verletzen würde. Also hatte er es so rasch wie möglich hinter sich gebracht in der Hoffnung, der Schmerz würde ebenso schnell vergehen.

Durch den Vorfall in Afghanistan zum Nachdenken angeregt, war er jetzt wieder nach San Diego gekommen, um an die Vergangenheit anzuknüpfen. Er wollte herausfinden, wie das Leben mit ihr, das er nie geführt hatte, hätte aussehen können.

„Erzähl mir, was dir zugestoßen ist“, bat sie leise.

Alysse war in seinen Augen die schönste Frau der Welt. Vom ersten Moment an hatte sie ihn fasziniert und bis heute nichts von ihrer Anziehungskraft verloren. Im Lauf des Abends war es ihm gelungen, sie milde zu stimmen, doch ein Fehler würde genügen, und sie würde ihn ohne einen Blick zurück verlassen.

„Es gab einen Bombenanschlag. Ich lag im Sand und glaubte zu sterben. In diesem Moment wurde mir bewusst, dass ich völlig allein bin, auch hier zu Hause. Ich machte mir Gedanken, was ich vom Leben erwarte und mir wünsche.“

Sie streckte den Arm aus, ergriff seine Hand und drückte sie. „Es tut mir leid, dass du allein warst.“

Jay nickte und sah beiseite, peinlich berührt, dass sie seine Einsamkeit bedauerte, obwohl er sie verlassen hatte. Du bist zu gut für mich, schoss es ihm durch den Kopf.

„Es war meine eigene Schuld.“

„Du warst also halb tot und dir bewusst, dass niemand um dich trauert, falls …“

„Gleichzeitig habe ich mich gefragt, ob das schon alles war.“ Im Angesicht des Todes hatte er erkannt, dass er mehr wollte. Alysse war der Schlüssel dazu. Sie war die einzige Frau, mit der er mehr als eine Nacht verbracht hatte. Verraten würde er ihr das allerdings nicht, sie stand seinem Vorschlag ohnehin skeptisch gegenüber.

„Hast du die Antwort gefunden?“

„Das letzte Mal, als ich außerhalb der Armee glücklich war, war ich mit dir zusammen.“

Fassungslos schüttelte sie den Kopf. „Du erwartest also, dass ich dir deine Fragen beantworte?“

„Das habe ich dir doch gesagt.“

Als sie die Hand zurückzog, raufte er sich das Haar. Eine Einheit durchtrainierter Guerillas setzte ihm nicht so zu wie diese Frau. Dass er sie immer noch fürchtete, bewies ihm erneut, dass es ihm um mehr ging als um Sex.

„Ich verstehe, dass du mir nicht vertraust, und ich verdiene deine Freundlichkeit nicht …“

„Hör auf. Du kannst mir kein schlechtes Gewissen einreden. Ich … Das wird mir alles zu viel. Ruf mich morgen an.“

Er musste sie gehen lassen, zumindest, bis er sich darüber im Klaren war, was er von ihr und für sie wollte – und für sich. Das würde noch eine Weile dauern.

„Kann ich dich nach Hause bringen?“

„Nein, ich bin mit dem Auto da. Danke für das Dinner.“

„Hey, das war nicht irgendein Date. Ich würde gern wissen, was du gerade fühlst.“

„Ich bin gleichzeitig nervös, aufgeregt und ängstlich und habe keine Ahnung, was als Nächstes geschieht. Irgendwie werde ich den Verdacht nicht los, dass ich einen Fehler begehe. Ehrlich gesagt, ich bin nie ganz über dich hinweggekommen.“

„Das ist gut.“ Jays Zuversicht wuchs.

„Meinst du? Du bist hier, um dein Leben in den Griff zu bekommen. An meinem wolltest du keinen Anteil haben.“

„Wer weiß? Eine zweite Chance …“

„Ich lasse nicht zu, dass du noch einmal mein Leben auf den Kopf stellst.“

Nichts lag ihm ferner. Dennoch ließ er sich nicht so einfach zurückweisen. Zwar wusste er nicht, welche Rolle Alysse in seinem Leben spielen würde, aber sie war ein Trumpf, den er nicht aus der Hand geben durfte.

„Danke, dass du zum Dinner geblieben bist.“

„Gern.“ Sie wandte sich zum Gehen, als sein Blick auf die Kuchenschachtel fiel.

„Das Dessert!“, rief er. Es war die Ausrede, mit der er sie hierhergelockt hatte, und vielleicht auch der Grund, dass sie blieb. „Du darfst erst gehen, wenn wir es gekostet haben.“

Sie schob die Sonnenbrille auf den Kopf, und er sah den Schmerz und die Angst in ihren schönen blauen Augen.

„Bitte“, flehte er. Mehr fiel ihm nicht ein.

„Lass uns endlich einen Schlussstrich ziehen“, entgegnete sie müde.

„Du hast Angst davor, dass ich dir wehtue, aber eher würde ich sterben.“

„Wenn es doch geschieht, verlieren wir beide.“

„Es geht nicht ums Gewinnen.“ Rasch trat er zu ihr und zog sie in seine Arme. „Es geht um …“

Aus einem Impuls heraus legte sie ihm die Hände auf die Schultern, stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn auf die Lippen. Doch sie löste sich nicht von ihm … vielmehr öffnete sie den Mund – und küsste Jay leidenschaftlich.

Jay schmolz förmlich dahin. Er vergaß alles, was er sich vorgenommen hatte, und wusste nur noch, dass diese Frau in seine Arme gehörte. Sie war sein.

Alysse hatte von Anfang an gespürt, dass es ein Fehler war, den Kuchen an den Strand zu bringen. Doch der Gedanke an den Marine, der sich bemühte, seine Freundin zurückzuerobern, hatte sie in eine romantische Stimmung versetzt. Zu entdecken, dass sie diejenige war … nun, ein Cupcake würde sie nicht umstimmen, dazu bedurfte es nur Jay allein. Leider. Sie hatte jahrelang auf ihn gewartet und war bereit für ihn.

Die Kontrolle über den Kuss blieb ihr nur für einen Moment, dann packte Jay sie um die Taille und zog sie fest an sich. Von Emotionen überwältigt, hielt sie sich an seinen Schultern fest. Als sie jedoch die Tränen spürte, die in ihren Augen brannten, brach sie den Kuss ab und barg den Kopf an seiner Schulter.

Verzweifelt kämpfte sie gegen den Drang zu weinen an. Vergeblich. Als Jay ihr mit einer Hand über den Rücken rieb, fielen die ersten Tränen.

„Alysse, es tut mir so leid.“

„Mir auch“, gestand sie sich und ihm endlich die Wahrheit ein. Es war ihr unmöglich, sich Jay gegenüber gleichgültig zu verhalten. Dabei wusste sie, dass sie niemals fähig sein würde, ihn loszulassen, wenn sie es jetzt nicht schaffte. So gut sie ansonsten ihre Gefühle im Griff hatte – sobald es um Jay ging, war es um ihre Beherrschung geschehen.

Jay umfasste ihr Kinn, hob es an und sah ihr tief in die Augen, ehe er sie erneut küsste. Mit den Händen umfasste er ihr Gesicht, während er so zuversichtlich und selbstbewusst wie vor Jahren mit den Lippen ihre streifte.

Es war ein zärtlicher Kuss, gleichwohl fordernd. Und als ihre Zungen sich erneut berührten, stellte Alysses Verstand den Dienst ein, und sie gab sich ganz ihren Emotionen hin. Heiße Schauer jagten ihr über den Rücken, ihre Brüste fühlten sich prall und empfindlich an. Sie begann, sich mit den Hüften an ihm zu reiben. Jay stöhnte auf und drängte sich ihr entgegen, ließ sie seine Erregung spüren. Und als er sich seinerseits an ihr rieb, entfuhr ihr ein Seufzer.

So lebendig wie in diesem Moment hatte sie sich seit Jahren nicht mehr gefühlt. Nichts anderes zählte. Nun schob Jay die Hände unter ihr T-Shirt und streichelte ihren Rücken, sie bog sich ihm entgegen, um ihm noch näher zu sein. Sie wollte ihn so sehr.

Jay spürte das – und es stachelte seine eigene Lust weiter an, er wusste, dass sie beide in wenigen Augenblicken eins werden würden. Er fieberte diesem Moment entgegen, konnte es kaum abwarten. In einer geschmeidigen Bewegung hob er Alysse hoch, ließ sich auf einen Stuhl sinken und setzte sie rittlings auf seinen Schoß.

„Ich will dich“, stöhnte er. Mit den Fingerspitzen zeichnete er ihr Gesicht nach, bis hinab zu einer besonders empfindsamen Stelle an ihrem Hals. Gänsehaut.

„Das spüre ich“, raunte sie ihm ins Ohr und rieb mit den Hüften verheißungsvoll über seine Härte.

„Ich konnte noch nie verbergen, was du mich empfinden lässt.“

„Mir gefällt das.“ Aber Alysse war nicht nach Reden zumute. Sie fürchtete, ins Grübeln zu geraten, Angst zu bekommen und davonzulaufen. Es war zu lange her, dass ein Mann sie zum letzten Mal auf diese Weise im Arm gehalten hatte.

Daher hauchte sie ihm eine Reihe winziger Küsse auf Kinn und Lippen. Als sie seinen Mund berührte, vergrub Jay die Finger in ihrem Haar, zog sie an sich und erwiderte den Kuss begierig. Alysse rutschte unruhig auf seinem Schoß herum. Allein ihn zu küssen, brachte sie fast zum Höhepunkt.

Sie schob die Hand zwischen ihre Oberkörper und streichelte seine Brust durch das T-Shirt hindurch. Er fühlt sich wunderbar an, schoss es ihr durch den Kopf, während sie nach dem Saum griff und ihm das Shirt über den Kopf zog.

Voller Bewunderung betrachtete sie die breite Brust und fuhr mit der Hand darüber, dann über den straffen Bauch bis zum Bund der Jeans und tiefer. Unwillkürlich schnappte Jay nach Luft und spannte die Bauchmuskeln an.

„Verdammt, Alysse …“

„Gefällt dir das?“ Macht über ihn auszuüben, fühlte sich gut an, das Bewusstsein, die Situation zu kontrollieren.

„Und wie!“

„Gut.“ Sie rutschte auf seinem Schoß nach hinten, um ihn auf die Brust zu küssen, erst die Muskeln, dann die dunklen Brustwarzen.

Doch er wollte mehr, also umfasste er ihre Taille fester, ehe er ihr die Bluse über den Kopf zog. Hastig warf er sie beiseite, umfasste mit den Händen ihre Brüste und neigte sich nach vorn.

Sie spürte seinen heißen Atem auf ihrer Haut, dann seine Zunge unter dem spitzenbesetzten Saum ihres BHs, erst auf der einen Seite, dann auf der anderen. Alysse erschauerte vor Wonne unter seinen verlockenden Berührungen. Ihre Gefühle drohten sie zu überwältigen.

Mit den Daumen umkreiste er ihre Brustwarzen unter dem zarten Stoff, bis er endlich darüberstreichelte. Alysse stöhnte auf. Jay fachte ihre Lust immer weiter an, bebend suchte sie mit den Lippen nach seinem Mund. Sie fand ihn, und Jays Reaktion – hungrige Leidenschaft – steigerte ihr Verlangen ins Unermessliche. Sie wollte mehr von ihm, brauchte es. Jetzt. Wieso trug er noch die Jeans?

Sie griff nach seinem Reißverschluss, aber er stoppte sie. „Noch nicht. Wir haben alle Zeit der Welt.“

„Ich kann nicht warten“, stöhnte Alysse. Allein seine zärtlichen Berührungen hatten sie an den Rand der Selbstbeherrschung gebracht.

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