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Leidenschaftliches Wiedersehen mit dem Ex

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1. KAPITEL

Acht Jahre waren vergangen, seit Juliana Cane das letzte Mal mit Michael Shaylen gesprochen hatte. Acht Jahre seit jenem Tag, an dem sie beschlossen hatte: Wenn sie Shay schon verlieren musste, dann wollte sie den Zeitpunkt wenigstens selbst bestimmen.

Sie öffnete. ER stand vor ihr. Der Mann, der sie einmal unvorstellbare Lust hatte erleben lassen. Eine Lust, die sie weder vorher noch nachher so intensiv verspürt hatte. Ihr versagte die Stimme. Dabei hatte sie sich einige Worte zurechtgelegt. Ein unverbindliches „Hallo“ oder auch ein „Nett, dich zu sehen“ wäre passend gewesen für die Begrüßung eines Ex, der sich gestern plötzlich bei ihr gemeldet hatte.

Sein knappes „Ich muss mit dir reden“ hatte sie völlig aus dem Gleichgewicht gebracht. Der Schock wirkte offensichtlich noch nach, denn sie sagte lediglich: „Du hast ja gar keine Krücken mehr!“

Im Gegensatz zu damals, als sie ihn das letzte Mal gesehen hatte. Aber schließlich brauchte es keine acht Jahre, bis ein gebrochenes Bein heilte.

„Was nicht ist, kann ja noch werden.“

Das Lächeln, das über sein Gesicht glitt, weckte Erinnerungen in ihr. Und es erzeugte eine Art Kribbeln, das sie schon lange nicht mehr gespürt hatte.

Unglaublich! Nach all der Zeit reagierten sowohl ihr Verstand als auch ihr Körper immer noch vollkommen unkontrollierbar auf diesen Mann.

„Wie geht es dir?“, fragte er. „Du bist jetzt Doktor Cane, nicht wahr?“

„Richtig.“ Sie war Psychologin und somit von Berufs wegen bestens vorbereitet, um mit einem derartigen Besuch umzugehen – wenn nur ihr Puls sich wieder beruhigen würde! „Aber so nennen mich lediglich meine Patienten. Du hast am Telefon nicht erwähnt, wie lange dein Aufenthalt dauert. Hast du Zeit hereinzukommen?“

„Natürlich.“ Er sah hinüber zu der eleganten Limousine, die am Bürgersteig geparkt war.

„Ist noch jemand bei dir? Du kannst ihn oder sie gern mit hereinbringen. Hier ist jeder willkommen.“ Sogar ein Model mit blonder Mähne und Supermaßen. Seine übliche Begleitung, wenn sie den Medien glauben durfte. „Fühl dich ganz entspannt, Michael.“ Sein Name kam ihr nur schwer über die Lippen. Sie hatte ihn nie Michael genannt.

„Ich bin immer noch Shay.“ Er lächelte schief.

Shay. Sein übergroßes Ego schien die Veranda zu sprengen. Der von hartem Sport gestählte Körper hatte sich nicht verändert. Auf seinem Oberarm entdeckte sie eine neue lange Narbe. Erkennbar schlecht vernäht. Wahrscheinlich von einem Dritte-Welt-Doktor nach einem Zipline-Unfall mitten im Nirgendwo. Shay hatte sich nicht verändert.

Aber Juliana verspürte kein Bedürfnis, sich mit Wunden zu befassen, weder mit sichtbaren noch mit unsichtbaren. Sie trat einen Schritt zurück. „Bitte, komm doch herein.“

Shay warf wieder einen Blick zu der Limousine, bevor er ihr ins Haus folgte. Sie ging ihm voraus ins Wohnzimmer.

Wie konnte es sein, dass dieser Mann immer noch eine solche Wirkung auf sie hatte? Vielleicht, weil er immer noch atemberaubend aussah. Irgendwie ungezähmt … Eigentlich nicht ihr Typ, aber ihr Körper schien da anderer Meinung zu sein.

Mit einer einladenden Geste deutete sie auf die elegante blaue Couch. Diese war eigentlich groß genug für zwei Personen, doch als Shay mit seinen eins neunzig Platz genommen hatte, wirkte sie plötzlich viel kleiner.

Juliana setzte sich in den Queen-Anne-Sessel neben der Couch.

„Das mit Grant und Donna tut mir leid“, sagte sie. Der Tod seiner Freunde und Geschäftspartner ging ihm sicher sehr nahe. „Wie war die Beerdigung?“

„Schrecklich.“ Trauer spiegelte sich in seinen grünen Augen.

Sie hätte ihn gern getröstet, ihn gehalten, bis der Schmerz nachließ. Sie tat nichts dergleichen. Sie waren jetzt mehr oder weniger Fremde füreinander – oder sollten es zumindest sein. Nach acht Jahren musste die beinahe magische Anziehungskraft verflogen sein, die immer zwischen ihnen geherrscht hatte.

Das war eindeutig nicht der Fall, aber Juliana wollte es ignorieren.

Früher einmal war sie fasziniert gewesen von Shays unbändiger Lebenslust, von seiner starken Persönlichkeit und seiner Leidenschaft – besonders für sie. Er hatte sie förmlich überwältigt.

Und jetzt? Wieso war er hier? Statt gleich zum Punkt zu kommen, begann sie das Gespräch mit einem unverfänglichen Thema. „Erzähl mir von der Beerdigung.“

„Wir hatten eine Feier für beide zusammen. So war es schneller vorbei. Das war leichter zu ertragen.“

„Natürlich“, sagte sie leise. Eigentlich hatte es keine Alternative gegeben.

Grant und Donna Greene waren bei der Explosion eines Raumschiffs umgekommen – eines Prototyps, der für den Weltraumtourismus entwickelt worden war. Alle Nachrichtensender hatten pausenlos von dieser Katastrophe berichtet. Juliana mochte sich die Details gar nicht vorstellen. Sie waren zu schrecklich. Stattdessen wollte sie Shays Freunde so in Erinnerung behalten, wie sie vor acht Jahren waren. Als sie die beiden zuletzt gesehen hatte – auf der Bungee-Plattform, auf der sie zu viert darauf gewartet hatten, sich in die Tiefe zu stürzen.

Einer nach dem anderen waren sie gesprungen. Zuerst Shay, weil er immer der Erste gewesen war, wenn es um einen neuen Adrenalinkick ging. Dann Grant, dann Donna. Sie waren alle gesprungen.

Bis auf Juliana.

Sie konnte es nicht. Konnte nicht einmal über den Rand der Plattform in die Tiefe sehen. Sie war einfach nur zurückgewichen. Hilflos. Wortlos. Zu überwältigt von dem Grauen, das die Aussicht auf den Sprung in ihr auslöste.

Shay kannte keine Angst. Im Gegensatz zu ihr. Sie passten nicht zueinander, und sie wusste, dass er das irgendwann begreifen würde. Irgendwann würde er sich bestenfalls mit ihr langweilen – und schlimmstenfalls würde er sie verachten.

Juliana schüttelte die Erinnerungen ab und konzentrierte sich auf die atemberaubenden Berge, die sie von ihrem Sessel aus durch die deckenhohen Fenster sehen konnte. Sie war nicht ohne Grund von Dallas nach New Mexico gezogen. Sie wollte keinen Mann, der ständig sein Schicksal herausforderte. Sie konnte sich nicht vorstellen, eine Zukunft mit ihm zu haben. Oder Kinder.

In New Mexico hatte sie sich ein neues Leben aufbauen wollen, ruhig und geordnet. Anders als alles, was sie in ihrer Kindheit erlebt hatte. Oder mit Shay.

Doch es kam nicht so.

„Wie wirst du damit fertig?“ Julianas professioneller Tonfall ließ nicht erkennen, woran sie gerade gedacht hatte und welche Gefühle in ihr tobten.

Eric hatte diese Doktor-Cane-Stimme immer gehasst. Er mochte es nicht, wenn sie seine Fragen mit einer Gegenfrage beantwortete. Shay schien es nicht zu stören, dass sie sich hinter ihre berufliche Fassade zurückgezogen hatte.

„Ich lebe von einem Tag zum anderen.“ Er starrte an die Decke, bevor er fortfuhr: „GGS, das steht für Greene, Greene & Shaylen, beschäftigt ein paar gute Leute. Die können die Firma weiterführen, bis ich mir über einiges im Klaren bin.“

„Es tut mir alles sehr leid, Shay. Möchtest du etwas trinken?“

„Zuerst möchte ich dir sagen, wieso ich hier bin. Das Testament …“ Er räusperte sich. „Grant und Donna haben einen Sohn hinterlassen. Du hast wahrscheinlich davon gehört. In ihrem Testament haben sie mich zu seinem Vormund ernannt.“

Juliana schluckte. Das arme elternlose Baby! Wahrscheinlich war es hin und her geschoben worden, ohne große Rücksicht darauf, was für ein Trauma sich aus der Situation entwickeln konnte. Instinktiv legte sie eine Hand auf ihren Bauch. Sie selbst war nie schwanger gewesen „In den Nachrichten wurde ein Baby erwähnt“, sagte sie leise. „Ich war davon ausgegangen, dass es zu Verwandten kommt.“

„Ich bin ein Verwandter“, erklärte Shay knapp. „Kein Blutsverwandter, aber Grant war in jeder Hinsicht wie ein Bruder für mich.“

Juliana erschrak, als sie sah, wie sich seine Züge verhärtet hatten. „Ja, natürlich – ich wollte dich nicht verletzen.“

Shay strich sich eine widerspenstige Strähne aus der Stirn. Während der zwei Jahre, in denen sie zusammen gewesen waren, hatte er fast immer eine Baseballkappe getragen, um das dichte braune Haar zu bändigen. Hatte er die Kappe gegen etwas anderes getauscht, oder ging er jetzt immer ohne?

„Tut mir leid“, sagte er. „Die letzten Wochen waren einfach furchtbar. Ich komme gleich zum Punkt. Ich bin jetzt Vater. Ich schulde Grants Sohn die beste Kindheit, die ich ihm bieten kann. Doch ich brauche deine Hilfe.“

„Meine Hilfe? Ich habe Grant und Donna seit dem College nicht mehr gesehen.“

Und auch damals hatten sie nicht zu ihrer, sondern zu Shays Welt gehört. Die drei waren immer zusammen gewesen und hatten über irgendwelchen komplizierten Plänen gebrütet. Es war um Antriebsbeschleunigung gegangen, um Hitzeschilde und tausend andere Probleme, die mit der Raumfahrttechnik zu tun hatten. Drei geniale Köpfe, die nach Lösungen suchten, um auf optimale Art abzuheben. Immer darauf aus, die Erde – und Juliana – schnellstmöglich hinter sich zu lassen.

„Du bist Expertin für Kinder. Das ist es, was ich brauche.“

Er hatte ihren Weg also verfolgt. Warum überraschte sie das? Sie hatte das schließlich auch bei ihm getan. Mit dem Unterschied, dass Michael Shaylen permanent in den Schlagzeilen war. Vor allem während der letzten Jahre, seit eine Reihe von Regierungsaufträgen die drei Gründer des Raumfahrtunternehmens GGS Aerospace innerhalb kürzester Zeit auf die Liste der Milliardäre katapultiert hatte.

Julianas Leben hingegen war weit weniger spektakulär verlaufen. Zuerst eine Dissertation, in der sie sich für eher traditionelle Erziehungsmethoden starkmachte. Dann die Ehe mit einem passenden Mann. Vier fehlgeschlagene Versuche künstlicher Befruchtung. Eine ruhige Scheidung. Ein Jahr des Neuanfangs. Aber sie hatte ihren Weg nun gefunden. Ihre Praxis florierte. Ein neues Buch zum Thema Erziehung war in Planung. Wenn sie selbst schon kein Kind haben konnte, wollte sie wenigstens anderen helfen, gute Eltern zu sein.

Auf jeden Fall besser, als es ihre eigenen Eltern gewesen waren. Sie hatten sich nie viel um sie gekümmert. Waren zu sehr damit beschäftigt gewesen, ständig umzuziehen – immer auf der Flucht vor ihren Gläubigern. Irgendwann hatte sie aufgehört, ihnen zu erklären, wie verloren sie sich fühlte. Sie hatte aufgehört, überhaupt mit jemandem über ihre Probleme zu sprechen.

All ihre Ängste, all ihre Sehnsüchte sollten in das Buch einfließen, das sie vor einigen Wochen in groben Zügen entworfen hatte.

„Ja, ich bin Kinderpsychologin. Aber wie kann ich dir helfen?“

„Wie soll ich ihn erziehen? Wie soll ich mich um ihn kümmern?“ Shay sah ihr in die Augen. Der Nachdruck, mit dem er sprach, ließ sie die vergangenen acht Jahre vergessen. „Jeder kann mir zeigen, wie man Brei anrührt und Windeln wechselt. Dich bitte ich, mir beizubringen, wie ich ein guter Vater werde.“

Juliana zwang sich, ihre Gefühle zu unterdrücken. Er wollte ihre Hilfe, und zwar als Psychologin. Doch wie sollte sie mit ihm zusammenarbeiten, wenn er eine derart verheerende Wirkung auf sie hatte? „Du solltest eine Nanny einstellen.“

„Natürlich werde ich das. Aber erklär mir, wie ich eine gute finde. Erklär mir, wie ich die richtige Schule für ihn aussuche. Das richtige Spielzeug. Grant hat mir seinen Sohn anvertraut, und ich muss alles richtig machen.“ Er sah sie bittend an.

Er meinte es ernst.

Nie im Leben hätte sie vermutet, dass dieser Erfolgsmensch ein derartiges Verantwortungsbewusstsein zeigen könnte.

Vor acht Jahren hatte sie die Beziehung zu Shay beendet, weil sie Kinder haben wollte. Und einen Mann, der sie zusammen mit ihr erziehen würde. Sie wollte niemanden, der jeden Tag sein Leben riskierte, nur weil er ständig nach einem neuen Adrenalinkick suchte.

War es nicht Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet er nun die Verantwortung für ein Baby trug?

„Bitte, Juliana!“ Shay hatte ihren Namen lange nicht mehr ausgesprochen. Hatte sich nicht einmal erlaubt, an sie zu denken. Acht Jahre lang. Es war eine Katastrophe für ihn gewesen, als sie ging. „Willst du es dir überlegen? Falls nicht, bin ich gleich wieder weg.“

Vor vierundzwanzig Stunden hatte er sie angerufen. Seit vierundzwanzig Stunden konnte er an nichts anderes denken als an Juliana Cane. Er erinnerte sich daran, dass ein leises Lächeln auf ihren Lippen gelegen hatte, wenn sie Geige spielte. Dass sie ihren Kopf vor Lust in den Nacken geworfen hatte, wenn er sie liebte. Und an das Blau ihrer Augen.

„Was genau erwartest du? Ich habe Patienten. Eine Praxis. Ein Leben.“

Ein Leben. Das hatte er auch. Oder zumindest hatte er es gehabt. Zurzeit hatte das Leben die schreckliche Angewohnheit, morgens, wenn er aufwachte, an einem Punkt zu sein, und abends, wenn er schlafen ging, an einem völlig anderen. Wenn er überhaupt schlafen konnte.

In der Nacht nach Grants und Donnas Tod hatte er kein Auge zugemacht, sondern die ganze Zeit gegrübelt. Er hatte sich vorgeworfen, die Benzinleitung nicht selbst überprüft zu haben. Hatte erfahren, dass die Redensart von starken Männern, die nicht weinen, Unsinn war …

Shay ließ sich zurücksinken. „Klingt so, als würdest du Ja sagen.“

Sie zupfte den Saum ihres klassisch geschnittenen Rocks zurecht und schlug die Beine übereinander. „Ich werde darüber nachdenken. Wie wäre es jetzt mit einem Eistee?“

„Okay.“

Er hasste Eistee. Hatte ihn schon immer gehasst. Was bedeutete es, dass sie sich daran nicht erinnerte? Wahrscheinlich, dass sie ihrem Leben einen neuen Inhalt gegeben hatte, und das zu Recht. Sie hatten acht Jahre lang keinen Kontakt gehabt, und ohne seine neue Lebenssituation hätte sich daran nichts geändert.

Shay folgte Juliana in die Küche. Hohe Absätze. Nicht schlecht. Sie brachten ihre ohnehin atemberaubenden Beine noch besser zur Geltung. Diese Beine, die sie früher in Ekstase um ihn geschlungen hatte. Die Erinnerung ließ Bilder von erhitzten Körpern in zerwühlten Laken vor seinem geistigen Auge entstehen.

Ihre Beziehung war unglaublich gewesen. Genauso wie der Sex. Nun, Jahre später, war das Feuer erloschen. Aber die Glut war noch da. Er spürte es.

Die Küche verriet vieles über Juliana Cane. Ordentlich beschriftete Dosen standen ordentlich aneinandergereiht auf ordentlichen Regalen. Kein Geschirr in der Spüle, nicht einmal am Samstag. An der Kühlschranktür klebten einige Kinderzeichnungen – der einzige Unterschied zu einer Küche in einem eleganten Einrichtungsstudio.

Sie schien die erste Anwärterin auf den Oscar für Langeweile. Konnte jemand, der einmal so voller Leidenschaft gewesen war, damit glücklich sein? Die Falten um ihre Mundwinkel offenbarten mehr als Worte.

„Ich biete dir einen Job an“, sagte er. „Einen Job als Beraterin. Nenn mir deinen Preis.“

„Verhandeln war noch nie dein Ding, oder?“

Sie schob sich eine blonde Strähne hinter das Ohr. Eine vertraute Geste. Damals hatte Juliana ihr Haar immer offen getragen, offen und sexy. Es war ihr über die Schultern gefallen und hatte einen Mann förmlich dazu eingeladen, seine Finger hindurchgleiten zu lassen. Er hätte es auch jetzt gern getan, aber das war nicht der Zweck seines Besuchs. Mikey brauchte ihn. Bei Juliana sah das anders aus.

„Verhandlungen sind für Menschen, die es sich leisten können zu gehen, falls die Bedingungen nicht ihren Vorstellungen entsprechen. Ich habe keine Wahl.“

Der Eistee, den sie gerade einschenken wollte, verfehlte das Glas um mehrere Zentimeter.

Er hatte sie aus dem Konzept gebracht. Gut so. Es fiel ihm schwer, Juliana in dieser Frau wiederzuerkennen. Sie sah aus wie damals, hatte dieselben Gesten wie damals. Aber ihre Zurückhaltung irritierte ihn. Er war sich nicht sicher, was er erwartet hatte, doch bestimmt nicht diese förmliche Fremde.

„Ich verstehe.“ Sie wischte den Tee auf, ohne Shay dabei anzusehen. „Es scheint, wir hätten noch ein paar Dinge zu besprechen, bevor wir über eine Beratertätigkeit reden können.“

Nein! Unter gar keinen Umständen wollte er jetzt diskutieren, was vor acht Jahren im College passiert war. „Was vorbei ist, ist vorbei. Wir wollen nicht mehr daran rühren. Nenn deinen Preis!“

Mit ausdrucksloser Miene reichte sie ihm das Glas. „In Ordnung, belassen wir es dabei – zumindest bis ich entschieden habe, ob ich deinen Vorschlag annehme oder nicht. Es gibt vieles zu bedenken.“

Der Anruf vom vergangenen Tag hatte widersprüchliche Erinnerungen in ihm geweckt, aber er war es Grant und Donna schuldig. Ihr Sohn Mikey verdiente das Beste. Shay durfte nicht ohne Julianas Zustimmung gehen. „Dann lass mich die Herz-Karte spielen. Bin gleich zurück.“

Ohne auf eine Antwort zu warten, ließ er Juliana und den schrecklichen Tee in der Küche stehen und ging zur Eingangstür. Auf sein Zeichen stieg seine Assistentin Linda aus dem Wagen, den schlafenden Mikey auf den Armen. Vorsichtig nahm Shay ihr das Kind ab.

Linda hielt ihm die Tür auf und ging zum Wagen zurück. Er hatte ihr in den letzten Tagen einiges abverlangt. Daran änderte auch die Gehaltserhöhung nichts. Falls Juliana bereit war, ihm bei Mikey zu helfen, durfte seine Assistentin sich auf eine bezahlte Kreuzfahrt freuen.

Kaum hatte Shay die Tür hinter sich geschlossen, als Juliana aus der Küche kam.

„Oh! Ich wusste gar nicht, dass du ihn mitgebracht hast.“

„Ich dachte, mir könntest du absagen, aber nicht diesem kleinen Kerl.“ Er blickte lächelnd auf das gerade einmal nicht schreiende Baby. „Das ist Michael Grant Greene. Wir nennen ihn Mikey.“

Juliana fühlte Tränen in sich aufsteigen. „Sie haben ihn nach dir genannt.“

Es war keine Frage, doch er nickte. Er hätte im Moment keinen Ton herausgebracht. So war es in den vergangenen Wochen eigentlich immer gewesen. Viel Nicken. Viel so tun als ob. So tun, als bereite es dem Mitbegründer eines Millionen-Dollar-Unternehmens keine Probleme, ein Kind großzuziehen. Und Mikey war nicht nur einfach ein Kind. Mikey war sein Kind. Er hatte bereits angefangen, alles Nötige für die Adoption in die Wege zu leiten.

Wieso hatte ihn niemand davor gewarnt, dass es mehr als eine Unterschrift auf einem Papier brauchte, um sich in einen guten Vater zu verwandeln? Er tat, was er immer tat – er stellte sich der Herausforderung. Aber wieso hatte er dann das Gefühl, keinen Boden unter die Füße zu bekommen? Wieso wurde er diese Panik nicht los, die ihn vierundzwanzig Stunden am Tag in ihren Klauen hielt?

Die elegante blonde Frau, die ihn mit ihren blauen Augen forschend ansah, würde ihm helfen. Sie hatte immer den Eindruck vermittelt, als könne sie mit allen Problemen fertigwerden. Ruhig und beharrlich. Das hatte er vermisst.

Sie hatte er vermisst.

Woher kam das?

Die Vergangenheit war vorbei, aber es war kein sauberes Ende gewesen. Er hatte viel gebrüllt, und Juliana hatte viel geweint, doch letztlich war alles geblieben, wie es war: Juliana bodenständig, er mit der Sehnsucht abzuheben. Keiner von ihnen war bereit gewesen, einen Kompromiss einzugehen.

Er liebte sie. Sehr sogar. Aber nicht genug, um mit dem Stricken anzufangen, nur damit sie die Garantie hatte, dass er am Abend noch heil und ganz war. Also hatte sie ihn verlassen. Sie konnte ihn nicht so lieben, wie er war. Er war ein absoluter Adrenalinjunkie, doch er hatte auch viel Energie in ihre Beziehung investiert. Manche Frau hätte wer weiß was dafür gegeben, so geliebt zu werden. Es versetzte ihm immer noch einen Stich, dass sie nicht dazugehörte.

Hätte er gewusst, dass ihre Gegenwart diese Erinnerungen wieder heraufbeschwören würde, hätte er sicher nicht zum Telefon gegriffen.

Ihre Stimmen weckten Mikey. Der Kleine schrie ohne Vorwarnung los. Das war das Kind, mit dem er während der vergangenen beiden Wochen gelebt hatte. Shay wiegte ihn in den Armen. „Ja, ist ja gut.“

Das Gebrüll ging weiter.

„Lass mich mal.“ Juliana nahm ihm das Kind ab. Ihre Augen leuchteten. Sie drückte das Bündel aus Tüchern und Baby an sich. Mikey schmiegte das Gesicht an ihre Brust – und das Geschrei verstummte.

Summen. Juliana summte! Darauf wäre er nie gekommen.

Nacht für Nacht hatte er das schreiende Kind auf den Armen gewiegt. Nichts hatte es beruhigen können. Und in dieser Not war ihm Juliana eingefallen. Sie hatte immer für alles eine Lösung gefunden.

„Siehst du?“, flüsterte er. „Du bist perfekt für diesen Job. Sag Ja.“

Ihr Lächeln ließ Hoffnung in ihm aufsteigen.

„Fünfzigtausend Dollar. Und ich möchte ein Buch darüber schreiben.“

Wusste sie nicht, wie vermögend er war? Er hätte, ohne zu zögern, auch eine Million gezahlt. „Ein Buch?“

„Einen Eltern-Ratgeber.“ Sie schob Mikey ein wenig höher und streifte mit ihren Lippen sanft sein feines Haar. „Ich habe schon eine Weile über ein solches Projekt nachgedacht, mir fehlte nur der richtige Aufhänger. Und jetzt habe ich ihn: einem Mann beizubringen, Vater zu sein. Dieser Aufhänger und dein Name werden das Buch zu einem Bestseller machen.“

„Du willst meinen Namen nennen?“ Das war ja fast so, als würde er seine Geschichte an irgendeine Frauenzeitschrift verkaufen. „Das geht ein bisschen zu weit.“

„Du wolltest meinen Preis hören. Nicht ich habe hier das Problem.“

„Nur wenn du mir das Buch zur Freigabe vorlegst, bevor es in den Druck geht. Und nur wenn du in meinem Haus wohnst, damit du mir jederzeit zur Verfügung stehen kannst.“ Das hätte er sicher auch anders ausdrücken können! Ihm zur Verfügung stehen! Wenn das nicht zweideutig war! Aber wenn er es recht bedachte – eine hübsche, unverheiratete Frau in seinem Haus … Sie würde dort essen und schlafen… Ob sie immer noch nackt schlief?

Juliana sah ihn kühl an. „Ich würde eine Videokonferenz bevorzugen. Das ist genauso effektiv wie ein persönliches Coaching.“

„Für mich nicht. Ich möchte, dass du dich komplett einbringst. Mikey reagiert auf dich. Ich weiß kaum, wie man Windeln wechselt, und ich habe keine Ahnung, was ich sonst noch alles nicht weiß. Ich möchte ein Dad sein, der mit seinem Sohn Fußball spielt und ihm ein Pflaster auf das Knie klebt. So etwas ergibt sich nicht von allein.“

Nicht einmal, wenn es der leibliche Vater war. Shays Vater hatte das alles nie getan. Doch nachdem Shay die Vormundschaft angetreten und Mikey zum ersten Mal auf den Arm genommen hatte, wusste er instinktiv, dass er es besser machen wollte als sein eigener Vater. Er wollte der Vater sein, den er sich immer gewünscht hatte. Er wollte das Vertrauen rechtfertigen, das Grant in ihn gesetzt hatte.

Julianas Züge wurden weicher. „Da hast du recht. Es braucht viel Liebe und Hingabe – und es beginnt an der Wiege. Einige Eltern verstehen das nicht. Es spricht für dich, dass du anders denkst.“

„Danke.“

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