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Stürmisch wie die Sehnsucht

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1. KAPITEL

Marek Rangel blickte auf die Uhr und schob die Papiere zur Seite, die vor ihm auf dem Schreibtisch lagen. Es war der Morgen des 2. April, ein sonniger Frühlingstag. In zwei Minuten war er mit der Opernsängerin verabredet. Er hatte keine Ahnung, weshalb Camille Avanole um einen Termin gebeten hatte oder wie es ihr gelungen war, an seine Privatnummer zu kommen.

Er besuchte keine Opernaufführungen, und diese Art von Veranstaltungen gehörte zudem nicht zu den vielen kulturellen Einrichtungen, die seine Familie förderte. Er hatte kurz überlegt, Camilles Bitte um ein Treffen abzulehnen, hatte sich dann jedoch aus Höflichkeit dafür entschieden, sie kurz zu empfangen.

Er blickte sich in seinem Büro um. Es lag im 21. Stockwerk des Gebäudes, in dem sich auch der Sitz seines Unternehmens, der Rangel Energy Inc., befand. Er hatte seine Sekretärin angewiesen, das Treffen nach dreißig Minuten zu unterbrechen, falls Ms Avanole länger bleiben sollte, als er für sie vorgesehen hatte.

Es klopfte leise an der Tür, und er erhob sich.

Seine Sekretärin steckte den Kopf durch den Türspalt. „Camille Avanole ist da.“

„Bitten Sie sie herein“, erwiderte er und trat vor seinen überdimensionalen antiken Mahagonischreibtisch.

Eine schwarzhaarige Frau kam mit ausgestreckter Hand auf ihn zu, ihre Augen sprühten vor Energie. Sie lächelte und entblößte zwei Reihen perfekter weißer Zähne. Sie sah atemberaubend aus in ihrem schlichten schwarzen Kleid und dem locker um den Hals geschlungenen Tuch. Sofort war ihre Präsenz im ganzen Raum spürbar, und Marek merkte, wie sein Interesse erwachte.

„Mr Rangel“, begrüßte sie ihn. „Ich heiße Camille Avanole.“

Ihre warme Hand war weich, ihr Händedruck dennoch fest.

Als sie ihn berührte, passierte etwas Merkwürdiges: Etwas durchfuhr ihn wie ein elektrischer Schlag, und er fühlte sich augenblicklich von dieser Frau angezogen. So etwas hatte er seit dem Tod seiner Verlobten nicht mehr erlebt. Als ihm auffiel, dass er sie anstarrte, ließ er sofort ihre Hand los.

„Bitte, nehmen Sie Platz.“

Marek beobachtete sie dabei, wie sie anmutig durch den Raum ging, und bemerkte ihre schmale Taille. Sicherlich hatte ihre Schönheit einen nicht geringen Anteil an ihrem beruflichen Erfolg.

„Nennen Sie mich Marek“, forderte er sie auf.

Sie nahmen gegenüber voneinander Platz auf zwei antiken Lehnstühlen, die vor dem Schreibtisch standen. Camille schlug die langen, wohlgeformten Beine übereinander und sah ihn an.

„Sind Sie für einen Auftritt hier in Dallas, oder leben Sie hier?“, fragte er höflich, während er in ihre großen blauen Augen blickte, die von dichten schwarzen Wimpern umrahmt waren. Wunderschöne Augen. Er war gefesselt von ihrem Anblick.

„Ich habe hier demnächst einen Auftritt.“

„Was müssen Sie denn nun unbedingt persönlich mit mir besprechen?“

Ihr Lächeln verschwand, und sie richtete sich auf. Ihre Gegenwart war faszinierend. Marek konnte sie sich in keiner anderen Rolle als der Hauptrolle vorstellen. Selbst im Hintergrund würde sie jedem anderen die Show stehlen.

„Sie haben im März vor einem Jahr Ihren Bruder und Ihre Verlobte verloren. Das tut mir sehr leid“, erwiderte sie.

„Danke“, antwortete er kurz angebunden und wunderte sich, weshalb sie darauf zu sprechen kam.

„Ich kannte Ihren Bruder“, fuhr sie leiser fort.

Überrascht beugte er sich vor. „Woher?“

„Wir haben uns auf einer Silvesterparty kennengelernt. Ihr Bruder war sehr charmant.“

„Ja, Kern hatte ein sehr einnehmendes Wesen“, erwiderte Marek, während die Gedanken durch seinen Kopf rasten. Hatten sie und Kern etwa ohne sein Wissen geheiratet? Unmöglich. Kern hätte ihm davon erzählt. „Lassen Sie uns bitte nicht länger Zeit verschwenden. Weshalb sind Sie hier?“

„Das, was ich Ihnen jetzt sage, wird Ihnen sehr nahegehen.“

„Machen Sie es nicht so spannend, und schießen Sie los.“ Er hatte keine Ahnung, worum es sich handeln könnte.

Camille sah ihn kurz prüfend an, dann nahm sie ein Foto aus ihrer Handtasche und reichte es Marek. Auf dem Bild war ein Baby zu sehen. Ein Junge mit großen dunklen Augen, der ihn anlächelte. Marek stieß erschrocken den Atem aus. Das Foto sah genauso aus wie die unzähligen Fotos, die im Haus seiner Eltern hingen. Das Baby hatte die gleichen Augen wie sein Bruder – und ebenso schwarze Haare wie sein Bruder und er selbst. Marek blickte auf. „Wer ist das?“

„Ich bin sicher, Sie wissen, wer das ist“, erwiderte Camille ruhig. „Das ist mein Sohn. Ihr Bruder war sein Vater.“

Obwohl Marek bereits so etwas vermutet hatte, versetzte ihm Camilles Eröffnung einen Stich. „Ich kann die Ähnlichkeit nicht bestreiten, aber Kern hätte mir davon erzählt. Es tut mir leid, es fällt mir schwer, Ihnen zu glauben. Vielleicht sieht er meinem Bruder nur zufällig ähnlich. Wie alt ist er?“

„Er ist sechs Monate alt. Noah wurde letztes Jahr am 4. Oktober geboren.“

„Sechs Monate“, wiederholte Marek tonlos. „Kern hat mir nie von Ihnen erzählt. Er hätte es mir gesagt.“

„Als wir uns vor anderthalb Jahren auf der Silvesterparty kennengelernt haben, hat Kern mir gefallen. Wir hatten gemeinsame Bekannte, und ich fühlte mich sicher bei ihm. Wir haben zwei sehr leidenschaftliche Nächte miteinander verbracht. So etwas habe ich nie zuvor und auch danach nie wieder erlebt. Obwohl wir verhütet haben, bin ich schwanger geworden. Da ich erst jetzt langsam bekannt werde und Opernsänger in der Öffentlichkeit normalerweise nicht das gleiche Interesse wie Filmstars hervorrufen, war es nicht schwer, meine Schwangerschaft vor der Presse zu verbergen.“

„Ich kann nicht glauben, dass das Baby wirklich von Kern sein soll.“

„Es ist aber so. Wir können gerne einen Vaterschaftstest machen lassen.“

Marek konnte die Augen nicht von dem Foto wenden. „Wie heißt er?“

„Noah Avanole.“

„Ich kann es immer noch nicht fassen, dass Kern mir nichts davon erzählt hat.“

„Er wollte es Ihnen sagen, aber er hatte wahrscheinlich nicht mehr die Gelegenheit dazu.“

„Sie haben sicher recht.“ Marek hielt es nicht länger auf seinem Platz aus. „Wie lange vor dem Flug hat er davon erfahren?“

„Am Abend, bevor er losflog, habe ich ihm gesagt, dass ich schwanger bin. Er hat es also am Abend vor dem Absturz erfahren.“

Marek atmete tief ein. „Ob er sich damit beschäftigt hat, als er nach Denver geflogen ist?“

„Das hat er bestimmt“, erwiderte sie leise.

Wieder fühlte sich Marek, als hätte ihm jemand einen Stich versetzt. Letztes Jahr im März war sein Bruder im Privatjet an seiner Stelle zu einer Pferdeauktion nach Kansas City geflogen – als Pilot am Steuer. Auf dem Rückweg hatte er in Denver haltgemacht, um Mareks Verlobte mitzunehmen, die dort auf einer Hochzeit gewesen war. Das Flugzeug war in einen Sturm geraten und abgestürzt. Jetzt fragte sich Marek, ob alles anders gekommen wäre, wenn sein Bruder nicht abgelenkt gewesen wäre. Er wandte sich wieder zu Camille.

„Ich danke Ihnen, dass Sie es mir gesagt haben. Ich gehe davon aus, dass Sie etwas von mir erwarten. Lassen Sie uns also zum eigentlichen Anlass Ihres Besuchs kommen.“

„Ich habe lange darüber nachgedacht, was ich tun soll. Ich kann selbst für Noah sorgen, aber ich möchte, dass er seine Familie väterlicherseits und das Leben auf der Ranch kennenlernt. Die Familie Rangel ist ein Teil von ihm.“

Marek wäre tatsächlich sehr überrascht, wenn es ihr wirklich nicht um Geld ging.

„Ich muss darüber nachdenken, was Sie mir erzählt haben, und mit meinen Anwälten sprechen.“

Sie lächelte. „Ich hoffe, dass wir keinen Anwalt brauchen. Ich wollte einfach, dass Sie es wissen, und ich hätte es falsch gefunden, es Ihnen am Telefon oder per E-Mail zu sagen.“

„Das Flugzeug ist vor dreizehn Monaten abgestürzt. Warum sind Sie erst jetzt zu mir gekommen?“

„Ich war damit beschäftigt, mich um Noah zu kümmern, und wusste nicht, was ich tun sollte. Darüber musste ich mir erst klar werden. Es wäre schön, wenn Sie für Ihren Neffen so etwas wie eine Vaterfigur sein könnten.“

Marek verschluckte sich fast. Vaterfigur – ohne Vorwarnung. Was für eine riesige Verantwortung. Aber wenn das Baby wirklich von Kern war, wollte Marek es kennenlernen und für es da sein. Er konnte immer noch nicht ganz glauben, dass es das Kind seines Bruders war.

„Ich hoffe, dass Sie mich besuchen kommen, um ihn kennenzulernen. Aber natürlich bleibt es Ihnen überlassen zu entscheiden, was Sie tun wollen. Sie wissen ja jetzt, wie Sie mich erreichen können.“

Er sah sie an. Sie schien vollkommen aufrichtig und ohne Hintergedanken zu sein. „Danke, dass Sie gekommen sind. Ich informiere meine Schwester. Um ganz sicherzugehen, bitte ich Sie, einen Vaterschaftstest machen zu lassen. Nichtsdestotrotz glaube ich Ihnen, dass das Baby von Kern ist.“

Sie lächelte und sah erleichtert aus. „Natürlich lassen wir einen Vaterschaftstest machen. Davon bin ich sowieso ausgegangen. Und wir können gerne einen Termin vereinbaren, an dem Sie und Ihre Schwester Noah kennenlernen.“

Er nickte und wusste für einen Moment nicht, was er sagen sollte. Er musste erst verdauen, was sie ihm erzählt hatte, und entscheiden, wie er weiter vorgehen sollte.

„Sie bleiben nicht in Dallas wohnen, oder?“

„Anfang Juli ziehe ich nach New Mexico, weil ich dort ein Engagement habe.“

„Und das Baby nehmen Sie mit?“

„Natürlich, aber ich hoffe trotzdem, dass er eine Beziehung zu Ihnen und Ihrer Familie aufbaut. Ich bin sicher, dass Sie eine gute Vaterfigur für ihn sein können. Kern wäre bestimmt ein wunderbarer Vater gewesen.“

Marek räusperte sich und wartete einen Moment, bevor er sagte: „Sie hätten mir nie davon erzählen müssen. Ich hätte es nie erfahren. Jetzt müssen Sie Noah teilen.“

Camille sah ihn unverwandt an. „Es wäre falsch gewesen. Natürlich habe ich darüber nachgedacht, und es wäre bestimmt einfacher gewesen, Ihnen nichts zu sagen. Aber ich liebe Noah, und eines Tages will er mehr über die Familie seines Vaters wissen.“

„Ich bin sehr froh, dass Sie sich so entschieden haben“, erwiderte Marek und versuchte, die heftige emotionale Reaktion, die ihre Worte in ihm hervorgerufen hatten, unter Kontrolle zu behalten. „Sind Sie noch hier, wenn ich mich demnächst bei Ihnen melde?“

„Ja, im Juni trete ich noch hier auf. Im Juli fliegen wir dann nach Santa Fe für meinen dortigen Auftritt. Da ich in Dallas eine Gesangslehrerin gefunden habe, mit der ich sehr gerne zusammenarbeite, bin ich in Zukunft vermutlich häufiger hier.“

„Sie sind sehr beschäftigt. Vielen Dank, dass Sie zu mir gekommen sind. Sie hätten uns nie etwas davon erzählen müssen“, wiederholte er und konnte immer noch kaum glauben, dass sie es getan hatte.

„Als ich erfuhr, dass ich schwanger bin, dachte ich, dass damit meine Karriere zu Ende ist. Ich wusste nicht, was ich tun sollte und was nicht, ob ich es Kern sagen sollte. Wir hatten nur ein einziges Wochenende miteinander verbracht. Aber je länger ich darüber nachgedacht habe, desto klarer wurde mir, dass ich wollte, dass Kern und die Rangels eine Rolle im Leben meines Kindes spielen.“

Marek begleitete sie zur Tür. Wieder fiel ihm auf, wie schön sie war, und er verstand, was seinen Bruder zu ihr hingezogen hatte. „Ich melde mich, sobald ich mit meiner Familie gesprochen habe.“

Sie nickte. „Ich bin sehr froh, dass ich Sie endlich kennengelernt habe und Ihnen von Noah erzählen konnte. Ich freue mich, von Ihnen zu hören.“

Er sah ihr hinterher, bevor er sich umdrehte und zurück in sein Büro ging. Die Gedanken wirbelten durch seinen Kopf. Jetzt gab es also noch ein Kind in der Familie. Er dachte an seine zwei bezaubernden Nichten. Und nun gab es noch einen kleinen Jungen von Kern.

Marek sagte alle weiteren Termine für den Tag ab und rief seinen Piloten an, damit er ihn zur Ranch zurückflog.

Er stand in dem geräumigen Wohnzimmer seiner Ranch, sah aus dem Fenster und hielt sich das Telefon ans Ohr. Auf dem Flug hatten sich die letzten Zweifel an der Echtheit dessen, was Camille ihm erzählt hatte, in Luft aufgelöst.

Er hatte das Foto von Kerns Baby selbst gesehen und konnte die Ähnlichkeit nicht bestreiten. Außerdem hatte Camille, ohne zu zögern, darin eingewilligt, einen Vaterschaftstest vornehmen zu lassen.

Marek wollte dieses Kind als Teil seiner Familie. Wenn der Kleine nun Kern ähnlich wäre? Vielleicht würde er einen Teil seines Bruders wiederbekommen? Am anderen Ende nahm seine Schwester Ginny den Hörer ab.

„Kern hat ein Kind?“ Ginnys Stimme drohte zu versagen.

„Ja, einen Sohn. Am Tag vor dem Absturz hat er erfahren, dass er Vater wird.“

„Oh mein Gott. Ist es wirklich Kerns Kind? Vielleicht ist sie nur eine von diesen Frauen, die versucht hat, ihn auszutricksen …“

„Ginny“, unterbrach Marek sie brüsk. „Hör mir zu. Ich habe ein Foto von dem Kind gesehen, und seine Mutter hat keinen Grund, uns anzulügen. Sie kann für sich selbst und das Baby sorgen und ist bereit, einen Vaterschaftstest machen zu lassen. Sie hat auf mich nicht den Eindruck einer Betrügerin gemacht.“

„Ich glaube, ich muss mich setzen. Das ist ein Schock. Ein Baby!“

„Der Kleine heißt Noah und ist sechs Monate alt. Die Mutter heißt Camille Avanole. Ich frage sie, ob sie morgen mit mir zu Abend isst. Dann kann ich alles Weitere mit ihr besprechen.“ Während er das sagte, wurde ihm bewusst, dass er sich sogar darauf freute, sie wiederzusehen. Es war das erste Mal seit Jillians Tod, dass eine Frau ihn interessierte. Vielleicht ließ der lähmende Schmerz nach ihrem Verlust endlich nach. Vielleicht lag es aber auch an Camilles Schönheit und ihrer umwerfenden Ausstrahlung. „Ich kann das Baby nicht verleugnen. Ich weiß, dass es Kerns Sohn ist. Das Foto …“

„Wer ist sie? Können wir das Baby sehen?“

„Sie ist Opernsängerin. Ich habe alles über sie nachgelesen, was ich im Netz finden konnte. Sie ist noch ziemlich jung. Erst fünfundzwanzig. Ihr Lebenslauf ist beeindruckend“, berichtete er und dachte, dass auch ihr Aussehen ziemlich beeindruckend war.

„Opernsängerin? Wo hat Kern sie kennengelernt?“

„Auf einer Party. Sie sagte, dass sie gemeinsame Bekannte hatten.“

„Was hast du jetzt vor? Wir müssen das Baby kennenlernen. Es ist schließlich Teil der Familie.“ Ginny schien nun auch keinen Zweifel mehr daran zu haben, dass das Baby von Kern war.

„Ich weiß es noch nicht. Erst mal rede ich mit Mom und Dad. Wir werden das Baby bald sehen, das verspreche ich dir.“

Er verabschiedete sich von Ginny, rief seine Eltern an und verbrachte die nächste halbe Stunde damit, ihnen die Neuigkeiten mitzuteilen.

Anschließend machte er mit Camille ein Treffen für den folgenden Abend aus. Er würde sie in Houston zum Abendessen ausführen.

„Du triffst dich nicht mit ihm“, schimpfte Stephanie Avanole und blitzte ihre Schwester an.

„Doch, genau das mache ich. Ich habe lange darüber nachgedacht und mit euch darüber gesprochen. Er ist mit Noah verwandt“, erwiderte Camille und wischte sich den Schweiß von Stirn und Nacken, als sie vom Laufband herunterstieg. „Ich weiß zwar, dass du anderer Meinung bist, aber ich finde, dass die Rangels ein Recht darauf haben, ihren Enkel und Neffen kennenzulernen.“

„Vielleicht wollen sie ihn dir wegnehmen oder dir erzählen, wie du ihn erziehen sollst. Sie werden uns nicht einfach in Ruhe lassen. Die Rangels sind eine reiche und mächtige Familie. Sie sind daran gewöhnt, ihren Willen zu bekommen.“

„Morgen Abend höre ich mir an, was Marek Rangel zu sagen hat. Stephanie, er hat einen furchtbaren Verlust erlitten, und von Noah zu hören, hat ihm einen Schock versetzt.“

„Ich bin mir sicher, dass es dir eines Tages noch leidtut. Du hättest Marek Rangel nie von Noah erzählen und noch weniger zustimmen sollen, morgen Abend mit ihm auszugehen. Er ist ein knallharter Geschäftsmann. Ich weiß, was die Leute über ihn reden.“

„Ich musste es ihm sagen. Hier geht es vor allem um Noah.“

„Ich warne dich nur“, antwortete Stephanie und runzelte die Stirn. „Eines Tages bereust du deine Entscheidung. Marek Rangel wird doch bestimmt einen Platz in Noahs Leben einnehmen wollen.“

„Das ist sein gutes Recht. Und ich glaube nicht, dass er irgendeine Bedrohung darstellt.“ Sie dachte an den gut aussehenden Mann mit den sorgenvollen braunen Augen. Ein Mann, der nach außen sehr hart wirkte. Ein Mann, der kaum Ähnlichkeit mit seinem charmanten, leichtherzigen Bruder hatte.

Spät am Nachmittag des folgenden Tages machte Camille sich für die Verabredung mit Marek zurecht. Sie wählte ein langärmeliges dunkelblaues Kleid mit V-Ausschnitt. Die Haare drehte sie zu einem Knoten und steckte sie an der Seite hoch. Sie hoffte, selbstsicher, attraktiv und erfolgreich zu wirken. Sie konnte sich zwar nicht erklären, weshalb sie Schmetterlinge im Bauch hatte, aber vielleicht war sie doch beunruhigter über Mareks mögliche Erwartungen, als sie ihrer Schwester gegenüber eingestanden hatte.

Als er schließlich in einem dunklen Anzug mit einem weißen Stetson auf dem Kopf und Stiefeln an den Füßen vor ihrem Haus stand, sah er genau so wie der erfolgreiche Rancher aus, der er war. Er strahlte Macht und Entschiedenheit aus, und sie hatte Angst davor, welche Rolle er in ihrer Zukunft und der ihres Sohnes spielen würde. Stephanies Warnung kam ihr wieder in den Sinn.

Sein verschlossener Gesichtsausdruck konnte nicht davon ablenken, wie attraktiv er war, und ihr Puls ging schneller. Einen kurzen Moment lang gingen die Nerven mit ihr durch, und sie musste den Impuls unterdrücken, sich nervös durchs Haar zu fahren. Sie atmete einmal tief durch – das half.

„Kommen Sie bitte.“ Sie ließ ihn herein und fühlte sich dabei, als ob ihr Leben von nun an nie wieder dasselbe sein würde. „Noah ist noch wach.“

2. KAPITEL

Seine Stiefel quietschten auf den polierten Eichendielen, als er in die Eingangshalle trat. Marek atmete tief durch. Er war ungewohnt nervös und hoffte, dass Camille es nicht bemerkte. „Ich würde Noah gerne kennenlernen“, erwiderte er, und seine Stimme hörte sich seltsam fremd für ihn an.

„Folgen Sie mir ins Kinderzimmer. Meine Schwestern sind gerade bei ihm.“

Er lief neben ihr her und spürte, wie seine Nervosität zunahm. „Es ist schon länger her, dass ich mit einem Baby zu tun hatte.“

Sie lachte und sah ihn verständnisvoll von der Seite an. „Vor Noahs Geburt ging es mir genauso, und ich hatte ganz schön Angst davor, ob ich es schaffen würde, mit einem Baby richtig umzugehen. Zum Glück lernt man es sehr schnell, wenn das Kind erst mal da ist.“

Er legte ihr die Hand auf den Arm. „Es tut mir leid, dass Kern nicht bei Ihnen war, als Noah geboren wurde. Er hätte Sie nicht im Stich gelassen. Ich tue, was Kern sich gewünscht hätte, aber ich kann niemals seine Stelle einnehmen. Er war einzigartig.“

„Ich habe mir gewünscht, dass Sie das sagen würden, und ich bin mir sicher, dass Sie Ihre Sache wunderbar machen.“

Er folgte ihr in ein hellblau gestrichenes Kinderzimmer mit bunten Tierbildern an den Wänden. Zwei attraktive Frauen sahen ihm entgegen. Eine von ihnen, eine hübsche Braunhaarige, blickte ihn neugierig an. „Ashley, das ist Marek Rangel, Noahs Onkel. Marek, das ist meine Schwester Ashley Avanole.“ Camille wandte sich an die zweite Frau, die ihren Schwestern weniger ähnlich sah.

Die Feindseligkeit in ihrem Blick ließ ihn kurz innerlich zusammenzucken. „Stephanie, darf ich dir Marek Rangel vorstellen. Marek, meine Schwester Stephanie.“

Marek begrüßte sie, während er daran dachte, dass er gleich endlich seinen Neffen kennenlernen würde. Sein Blick wanderte zu dem Baby, das auf einem Kissen auf dem Boden lag.

Camille nahm es hoch und lächelte ihn an. „Marek, darf ich Ihnen Ihren Neffen Noah Avanole vorstellen?“ Noah wedelte mit den Armen und prustete vergnügt. Sie hielt Marek das Baby entgegen, der es vorsichtig auf den Arm nahm und fassungslos ansah. Sein Neffe! Er zog den Kleinen eng an sich und blickte in die großen braunen Kinderaugen, mit denen Noah ihn verschmitzt ansah, während er weiter brabbelte und sabberte. Mareks Knie wurden weich, und wenn er noch einen letzten Anflug von Zweifel daran gehabt hatte, dass Noah wirklich Kerns Baby war, war der jetzt verschwunden.

„Er ist wie Kern“, flüsterte er, ohne zu bemerken, dass er laut sprach. Noah und Ginnys Töchter würden die Kinder in seinem Leben sein. Nachdem er Jillian verloren hatte, ging er nicht mehr davon aus, irgendwann einmal zu heiraten oder Vater zu werden. Er hatte das Gefühl, als ob vom ersten Moment an eine starke Verbindung zwischen ihm und dem Baby bestand, und er wusste, dass ihn nichts davon abhalten konnte, dieses Baby zu lieben.

„Ist er immer so zufrieden?“

„Ja“, antwortete Camille. Sie lächelte und trat näher an Marek heran, um ihren Sohn anzusehen. „Er ist ein tolles Baby.“ Sie ließ ihn das Baby noch einen Moment länger halten. „Wenn Sie so weit sind, nehme ich ihn, und wir können los.“

Obwohl er es gerne noch länger in den Armen gehalten hätte, gab Marek ihr das Kind.

Dann wandte er sich an Ashley, um sie in die Unterhaltung miteinzubeziehen. „Und Sie sind seine Nanny?“

„Ja, als er geboren wurde, hatte Camille eine Kinderkrankenschwester eingestellt, die mir einiges gezeigt hat. Jetzt kümmere ich mich um ihn.“

„Und ich manage meine Schwester“, fuhr Stephanie dazwischen. „Wir lieben Noah sehr.“

Obwohl ihr Tonfall höflich war, wurde Marek misstrauisch. In ihren Augen lag eine Warnung, und zum ersten Mal kam es Marek in den Sinn, dass es vielleicht nicht immer leicht sein würde, Noah zu sehen.

Es war deutlich, dass sich die Schwestern nicht einig waren, Noah mit der Familie seines Vaters zu teilen.

Höflich verabschiedete er sich von den Frauen und warf von der Tür aus einen letzten Blick auf Noah, der wieder auf dem Kissen lag, mit einer Rassel spielte und mit den Beinchen strampelte. Marek folgte Camille in den Eingangsbereich.

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