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Sweet Dreams – bittersüße Küsse

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1. KAPITEL

„Heiraten Sie mich.“ Sergeant Mac nahm die kleine Schachtel Schokoladen-Cupcakes, die Alysse Dresden ihm reichte.

„Sie lieben mich doch nur wegen meiner Kuchen“, entgegnete sie und grinste vergnügt. Der Marineoffizier, der regelmäßig in der Konditorei Sweet Dreams einkaufte, bat sie immer wieder aus Spaß um ihre Hand.

„Ihre sonstigen Vorzüge lieben zu lernen, sollte mir nicht schwerfallen“, meinte er, bereits auf dem Weg zur Ladentür.

Kopfschüttelnd wandte sie sich dem nächsten Kunden zu. Fast täglich erhielt sie Heiratsanträge von Bewunderern ihrer Backkunst, dazu mehrere Schwüre ewiger Liebe. Ihre Mutter hatte recht: Der Weg zum Herzen eines Mannes führt durch seinen Magen.

Leider hat sie mir nicht verraten, wie man ihn anschließend hält, schoss es ihr durch den Kopf, sonst wäre meine Ehe nicht gescheitert.

„Nimm den Antrag doch an.“ Staci Rowland kam mit einem Tablett voller bunt dekorierter Cupcakes aus der Backstube und stellte es auf die Theke.

„Den von Mac?“ Den Fehler, einen Mann zu heiraten, den sie kaum kannte, hatte Alysse schon einmal begangen. Ein zweites Mal würde ihr das nicht passieren.

„Ja, oder den eines anderen Kunden.“

Die beiden Frauen waren seit fast vier Jahren Geschäftspartnerinnen. Sie hatten Sweet Dreams gemeinsam aufgebaut, nachdem sie sich zuvor bei regionalen Koch- und Backwettbewerben als erbitterte Konkurrentinnen gegenübergestanden hatten.

„Leider haben sie es nur auf meine Törtchen abgesehen.“ Insgeheim bedauerte Alysse, dass keiner ihrer „Verehrer“ auch nur auf die Idee kam, sie um ein Date zu bitten.

„Der Typ sieht wirklich toll aus, und dir täte es gut, endlich einmal wieder auszugehen.“ Die knapp einen Meter sechzig große, kurvenreiche Staci mit dem flotten Kurzhaarschnitt bildete nicht nur optisch einen deutlichen Kontrast zu ihrer hochgewachsenen, sportlich schlanken Freundin. Sie neigte dazu, ohne Zögern zu springen und auf eine weiche Landung zu hoffen, während Alysse jeden ihrer Schritte gründlich durchdachte. Tiefe Zuneigung und das Bestreben, Sweet Dreams zum Erfolg zu führen, verband die beiden.

„Deswegen ist er noch lange nicht der Richtige für mich.“ Der attraktive Soldat erinnerte sie zu sehr an ihren Exehemann, an den sie gerade an diesem Tag nicht denken wollte: Vor exakt vier Jahren war sie wenige Tage nach der Hochzeit mutterseelenallein in der Flitterwochensuite des Golden Dream Hotels in Las Vegas aufgewacht. Staci hatte sie von ihrer kurzen Ehe allerdings nie erzählt.

„Dass er der Falsche ist, heißt es auch nicht. Was hast du eigentlich gegen Männer in Uniform?“

„Sie sind eingebildet und bindungsunfähig. Außerdem stimmt es nicht, dass ich nie ausgehe.“

„Verabredungen mit deinem Bruder zählen nicht. Manchmal drängt sich mir der Eindruck auf, dass du überhaupt keinen Mann finden willst.“

Tatsächlich scheute Alysse trotz gelegentlicher Anflüge von Einsamkeit das Risiko, sich erneut in den Falschen zu verlieben. Nie wieder wollte sie Qualen erleiden, wie Jay sie ihr zugefügt hatte. „Du suchst auch nicht gerade wild entschlossen nach deinem Traummann.“

„Ich bin gern Single und gehe im Gegensatz zu dir häufig aus.“

„Dass ich dich gestern Abend nicht begleiten konnte, tut mir wirklich leid. Ich hatte meinem Bruder schon lange versprochen, mich mit ihm zu treffen.“

„Ich wundere mich, dass du ihn wirklich getroffen hast – und die fünfzehn anderen heißen Jungs.“

Alysse schüttelte den Kopf. „Mit denen bin ich praktisch aufgewachsen. Ich habe mit Tobys Freunden gesurft, Beachvolleyball gespielt … Wir haben einfach Spaß miteinander.“

„Weil es ungefährlich ist. Wieso weichst du bloß jedem Risiko aus?“

Verzagt zuckte sie mit den Schultern. Die Freunde ihres Bruders behandelten sie wie eine kleine Schwester. „Wer lässt sich schon gern das Herz brechen?“

Mit wenigen Schritten war Staci bei ihr und nahm sie in die Arme. Ihr mitfühlendes Wesen hatte Alysse anfangs überrascht, denn nach außen hin gab Staci sich unnahbar und hart.

„Sicherheit genügt nicht, Süße. Etwas fehlt in deinem Leben. Ich will doch nur, dass du glücklich bist.“

„Das wünsche ich mir auch.“ Natürlich sehnte sie sich nach Glück. Anfangs hatte sie gedacht, die Konditorei wäre der Schlüssel dazu, doch trotz Erfolg, Lob und Anerkennung empfand sie in ihrem Inneren eine große Leere.

In diesem Moment klingelte das Telefon, ein altmodischer, an der Wand montierter Apparat, den sie zusammen mit dem Laden übernommen hatten. Alysse nahm den Hörer ab. „Sweet Dreams – Cupcakes und andere Kuchenträume“, meldete sie sich.

„Hallo.“ Die tiefe, raue Stimme des Anrufers kam ihr vage bekannt vor, was kein Wunder war, da sie häufig telefonische Bestellungen entgegennahm.

Staci signalisierte ihr, dass sie die Diskussion bei Gelegenheit weiterführen würden, ehe sie sich einer Kundin zuwandte, die gerade das Geschäft betrat.

„Was kann ich für Sie tun?“, fragte Alysse.

„Es handelt sich um einen Dessert-Notfall.“

„Wir werden uns alle Mühe geben, Ihnen zu helfen.“ Die Spezialität von Sweet Dreams waren personalisierte Köstlichkeiten, individuell für den Käufer angefertigt – eine zeitraubende und schwierige, aber ungemein befriedigende Aufgabe, wie sowohl Staci als auch Alysse fand. Die Kundschaft nahm das Angebot begeistert an, und der Geburtstagskuchen für den Bürgermeister von San Diego hatte ihnen bereits einen langen Artikel in einer Regionalzeitung beschert.

„Darauf habe ich gehofft.“

Was für eine tolle Stimme, dachte Alysse und schloss genießerisch die Augen. Gleich darauf riss sie sie wieder auf. Das ist mein Problem, schoss es ihr durch den Kopf. Wenn Männer leibhaftig vor ihr standen, fühlte sie sich unbehaglich. Flirten übers Telefon, aus sicherer Entfernung, fiel ihr dagegen leicht.

„Was kann ich für Sie tun?“ Sie griff nach Bestellblock und Stift, um den Auftrag zu notieren.

„Ich brauche etwas … Besonderes, um mich bei einer wunderbaren Frau für einen riesigen Fehler zu entschuldigen.“

Für große romantische Gesten hatte Alysse eine Schwäche. Einmal war sie die ganze Nacht aufgeblieben, um eine Torte zum Hochzeitstag anzufertigen. Der Mann hatte vergessen, sie rechtzeitig in Auftrag zu geben. Sie hatte ihm wegen der Nachtarbeit zwar den doppelten Preis berechnet, fand es im Grunde aber lobenswert, dass er seinen Fehler erkannt hatte und ihn auszubügeln versuchte.

„Dann sollte es wirklich etwas Großartiges sein. Erzählen Sie mir von ihr.“

„Das ist gar nicht so einfach. Sie ist schwer zu beschreiben. Ich werde nicht schlau aus ihr.“

Alysse fand es höchst interessant, wie Männer über die Frauen dachten, die sie liebten. Alljährlich am Valentinstag veranstalteten sie und Staci einen Wettbewerb für Paare, bei dem es darum ging, den Partner möglichst genau zu beschreiben und das exakt zu ihm passende Dessert auszuwählen.

„Aus diesem Grund fühlen Sie sich vermutlich zu ihr hingezogen. Männer lieben Geheimnisse.“

Er seufzte. „Gut möglich. Für gewöhnlich löse ich sie allerdings.“

Rasch kritzelte sie „geheimnisvoll“ auf das Bestellformular. Sie wusste, wie schwer es Männern fiel, Frauen zu verstehen. Dabei ist es ganz einfach, dachte sie, ihr müsst nur genau hinhören. Auf ihre Art teilte jede Frau dem Partner ihre Bedürfnisse mit.

„Was können Sie noch über sie berichten?“, hakte sie nach.

„Im Bett ist sie rassig und temperamentvoll. Sie weiß, wie man einen Mann befriedigt, und weckt gleichzeitig den Wunsch nach mehr.“

Die ideale Frau also, dachte Alysse, die ziemlich klare Vorstellungen von Männerträumen hatte. Sie machte sich noch einige Notizen, ehe sie den Stift beiseitelegte.

„Passt der Begriff süß zu ihr?“

„Eher zartbitter. Meist ist sie sanftmütig und die Güte in Person, dann wiederum ein echter Hitzkopf.“

„Gut, ich glaube, ich hab’s. Soll ich einen kleinen Kuchen backen, oder bevorzugen Sie Cupcakes?“ Sie wusste inzwischen, was sie machen würde – den „Verzeih mir“-Kuchen. Der Schokoladenkuchen ließ sich mit speziellen Zutaten und Verzierungen individuell auf die jeweilige Person abstimmen.

„Das überlasse ich ganz Ihnen.“

„Wann brauchen Sie ihn?“ Im Geist plante sie, noch in derselben Nacht das Rezept zu entwickeln und mehrere Varianten auszuprobieren, bis der Kuchen perfekt gelang. Das war nicht billig, doch der Kunde würde einen reellen Gegenwert für sein Geld erhalten.

„Heute Abend.“

„Heute schon? Das ist knapp. Wir schließen um sechs.“ Sie dachte kurz nach. Falls Staci sich im Laden um die Kundschaft kümmerte, könnte sie den Nachmittag über in der Backstube an dem Rezept feilen.

„Sechs Uhr passt. Bitte liefern Sie den Kuchen im Hotel Del Coronado ab.“

„Wir liefern nicht aus.“

„Nur dieses eine Mal“, bat der Mann mit verführerisch tiefer Stimme.

Unwillkürlich jagte ihr ein Schauer über den Rücken. Irgendetwas an ihm erinnerte sie an ihren Exmann – wie alles, was sie sexy fand. Allerdings würde Jay Michener sich niemals dermaßen ins Zeug legen für eine Frau. Ganz im Gegenteil: Er machte sich aus dem Staub ohne einen Blick zurück.

„Sie sind meine einzige Chance“, flehte er, als er ihr Zögern bemerkte.

„Also gut. Soll ich den Kuchen an der Rezeption abgeben?“ Wieso habe ich nur so eine Schwäche für Romantik? fragte sie sich kopfschüttelnd.

„Nein, ich lasse das Dinner am Strand servieren. Können Sie ihn dorthin bringen?“

Dass er sich solche Mühe gab, seine Frau zurückzugewinnen, faszinierte sie. „Wird gemacht. Jetzt brauche ich noch Ihren Namen.“

„Fragen Sie einfach nach dem Marine.“

„Und Ihre Kreditkartennummer?“

„Ich zahle bar bei Lieferung.“ Ehe sie etwas einwenden konnte, hatte er schon aufgelegt.

Alysse hängte den Hörer ein und wandte sich zu Staci um, die sie neugierig ansah.

„War das eine Bestellung?“

„Ein geheimnisvoller Auftrag von einem Mann mit sexy Stimme“, meinte sie leichthin, obwohl genau das Empfindungen in ihr wachrief, die sie üblicherweise verdrängte.

„Worum geht es?“

Verlegen zuckte Alysse mit den Achseln. Wie sollte sie beschreiben, was er von ihr verlangte, ohne Staci wissen zu lassen, wie ihr dabei zumute war? „Er möchte etwas Besonderes, um eine Frau zurückzugewinnen.“

„Was schwebt dir vor?“ Staci als Profi konzentrierte sich sofort auf den Kuchen.

„Ich bin mir noch nicht ganz sicher, habe aber einige Zutaten im Sinn, die passen könnten.“ Herausforderungen dieser Art liebte Alysse. Sie kannte sämtliche Grundrezepte auswendig und probierte so lange mit verschiedenen Gewürzen und anderen Ingredienzien herum, bis ein einzigartiges Produkt entstand.

„Wie ist sie denn? Lass mich raten: sexy?“

Alysse lachte. Dieses Wort fiel den meisten ihrer Kunden als Erstes ein, wenn sie ihre Frauen oder Freundinnen beschreiben sollten. Erst auf Nachfrage ließ sich Genaueres in Erfahrung bringen. „Sie ist etwas Besonderes: rassig, mysteriös und bittersüß.“

„Eine Herausforderung also. Bis wann muss das Meisterwerk fertig sein?“

„Heute noch. Ich habe ihm versprochen, den Kuchen ins Del Coronado zu bringen.“

„Wieso das? Wir haben keinen Lieferservice.“

„Er hat mich nett darum gebeten – und seine Stimme ist wirklich sexy.“

„Denk dran, er ist schon vergeben. Der Kuchen ist für seine Geliebte bestimmt.“

„Ich weiß. Aber das Ganze ist so … romantisch. Dass er sich dermaßen ins Zeug legt, um etwas wiedergutzumachen …“

„Was er zuvor verpfuscht hat“, beharrte die Realistin Staci.

Auch wenn das stimmte, änderte es nichts an der Tatsache, dass er seinen Fehler ausbügeln wollte. Das rechnete Alysse ihm hoch an.

„Würdest du einem Mann verzeihen, nur weil er dich zu einem eleganten Dinner am Strand einlädt?“

„Das hängt von dem Mann ab. Vergeben fällt mir schwer.“

„Mir auch.“

Möglicherweise hatte sie gerade aus diesem Grund eingewilligt, den Kuchen zu liefern. Sie wollte dem Paar helfen, seine Beziehung zu retten. Selbst hatte sie keine Gelegenheit dazu gehabt. Ihr Mann hatte sich nie um eine zweite Chance bemüht.

Ich hätte sie ihm auch nicht gewährt, dachte sie, als sie aus dem Laden in die Backstube ging, um sich an die Arbeit zu begeben.

Während sie Kakao und Mehl abwog und beides behutsam vermischte, versuchte sie, das Bild von Jay zu vertreiben, das ihr immer wieder vor Augen stand. Vergebens. Der sexy Soldat aus dem Marine-Korps ließ sich nicht ignorieren. Er war schuld daran, dass sie weder bei Blind Dates noch beim Speed-Dating Erfolg hatte. Automatisch maß sie jeden Mann, den sie kennenlernte, an ihm – genauer gesagt an dem Mann, für den sie ihn bei der Hochzeit gehalten hatte. Niemand wurde ihm gerecht, vermutlich nicht einmal er selbst.

Mit der schützenden Wand im Rücken trank Jay Michener einen Schluck Bier. In der zur Straße hin offenen Bar fühlte er sich jedoch nicht wohl. Seit seiner Rückkehr aus Afghanistan fiel es ihm schwer, sich im Freien zu entspannen.

Seit Kurzem war er in der Pendleton-Kaserne in Oceanside stationiert. Aktuell verbrachte er seinen Urlaub im zwanzig Minuten entfernten San Diego.

Mit ihm am Tisch saßen drei Männer. Unter anderem Lucien, der in derselben Einheit gedient hatte und mehrmals mit ihm im Mittleren Osten gewesen war, ehe er vor zwei Jahren aus der Truppe ausgeschieden war, um mit den beiden anderen einen privaten Sicherheitsdienst aufzubauen.

Die anderen Kollegen kannte Jay nur vom Sehen. Dank der gemeinsamen Vergangenheit beim Militär empfand er sie aber als Kameraden, und es war ihm nicht schwergefallen, mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

In diesem Moment standen die beiden auf, um eine Runde Billard zu spielen, und Lucien lud Jay ein: „Komm morgen zu mir ins Büro. Ich führe dich herum, damit du eine Vorstellung vom freien Leben bekommst.“

„Frei? Wie im Gefängnis fühle ich mich nicht beim Militär.“ Die Army war sein Leben – nicht, weil es ihm an Alternativen gemangelt hatte, sondern aus freien Stücken.

„Du bist seit deinem achtzehnten Geburtstag dabei und kennst nichts anderes. Findest du nicht, dass es mit knapp dreißig an der Zeit ist, etwas Neues auszuprobieren?“

„Kann schon sein“, lenkte Jay ein. „Ich versuche, morgen bei dir vorbeizuschauen.“

„Sei um zehn Uhr da.“

„Okay.“ Es konnte nicht schaden, sich die Firma anzusehen.

„Was machst du heute Abend?“

„Wieso?“

„Ich möchte dich meiner Freundin vorstellen. Sie will die Jungs kennenlernen, von denen ich ständig erzähle.“

„Heute geht es leider nicht“, entschuldigte Jay sich höflich. Er warf einen Blick auf die Uhr. „Ich muss auch schon los.“

Er war kein Freund unkalkulierbarer Risiken, für Alysse nahm er aber eines in Kauf. Sie war anders als alle Frauen, die er kannte. Vermutlich hatte er sie aus diesem Grund vor vier Jahren geheiratet – und eine Woche später wieder verlassen.

Damals hatte er Urlaub in Las Vegas gemacht. In Freizeitkleidung und ohne sein Gewehr hatte er sich nackt gefühlt. Alysse war ihm wie die Verheißung von Normalität erschienen. In der Woche mit ihr war ihm jedoch bewusst geworden, dass er durch sie allzu verletzlich wurde.

Über all die Jahre hatte er sie nie vergessen können. Jede Nacht stahl sie sich in seine Träume, was ihn nicht störte, solange es darin um Sex ging. Was ihn aus dem Gleichgewicht brachte, waren die Bilder vom Alltag mit ihr. Sah er sie in einer Schürze vor sich, mit Kindern zu ihren Füßen, überfielen ihn Schuldgefühle. Er hatte ihr nicht gegeben, was sie sich gewünscht hatte.

„Ich dachte, du machst Urlaub. Was hast du denn Wichtiges vor?“, wollte Lucien wissen.

„Ein Rendezvous.“

Nach einigen Kommentaren über Dates mit heißen Frauen ließ Lucien ihn endlich ziehen. Jay ging zum nahe gelegenen Parkplatz, auf dem er sein Motorrad, eine Ducati 1100, abgestellt hatte, setzte den Helm auf und fuhr zum Del Coronado Hotel. Zwar verdienten Schützen bei den US-Marines nicht gerade üppig, aber er gab wenig aus. Er lebte in der Kaserne, den Urlaub verbrachte er im Hotel statt in einem eigenen Haus, und das Motorrad, seinen einzigen Luxus, lagerte er während der Auslandsaufenthalte ein.

Seit einem Vorfall bei seinem letzten Einsatz hegte er jedoch erstmals Zweifel daran, dass er sein ganzes Leben beim Militär verbringen wollte. Sein Vertrag lief demnächst aus. Er musste in den kommenden Tagen entscheiden, ob er ihn verlängern oder sich einen neuen Job suchen und ein normales Leben führen wollte. Er hatte keine Ahnung, ob er sich dafür eignete. Er stand an einem Scheideweg.

Aus diesem Grund war er nach San Diego gekommen, wo Alysse lebte. Die kurze Zeit mit ihr war die einzige gewesen, in der er jemals so etwas wie ein bürgerliches Leben geführt hatte. Er hoffte, dass die Begegnung mit ihr ihm bei der Entscheidungsfindung helfen würde. Obendrein wollte er sie gern wiedersehen.

Wenn alles lief wie geplant, würde er seinen Urlaub mit ihr verbringen und dabei herausfinden, wie ihm das „normale“ Leben gefiel. Außerdem schuldete er ihr eine Erklärung für sein Verhalten in Las Vegas.

Mit einem romantischen Dinner hoffte er sie dazu zu bewegen, ihm eine zweite Chance zu geben.

Im Hotel duschte er und zog sich um, ehe er zum Strand ging. Die Frage, wie er an sie herantreten sollte, hatte ihn lange beschäftigt. Sie anzurufen und um eine Verabredung zu bitten, war keine Option gewesen. Dazu hatte er sie zu tief verletzt. Doch er musste mit ihr ins Reine kommen. Nicht ohne Grund hatte er sie vier Jahre lang nicht aus seinen Gedanken verbannen können.

Am Strand angekommen, sah er sich zufrieden um. Das Hotelpersonal hatte seinen Anweisungen entsprechend in einem Badehäuschen unter Palmen einen Tisch geschmackvoll gedeckt. Die Vorhänge rundum waren zurückgezogen, sodass es wie ein luftiger Pavillon wirkte. Eine Lichterkette sorgte für romantisches Licht.

Sofort macht die fehlende Rückendeckung ihn wieder nervös. Sich zu entspannen, fiel ihm an diesem Abend doppelt schwer. Er setzte sich erst an den Tisch, stand aber gleich wieder auf, um nach dem Wein zu sehen, der in einem Eiskübel bereitstand. Dann lehnte er sich gegen eine der Palmen an einer Ecke des Häuschens. Im Schatten war er kaum auszumachen.

Während ihm durch den Kopf ging, dass er sich in einer Szenerie wie aus einem Werbespot für ein All-inclusive-Hotel befand, entdeckte er Alysse. Sie war wunderschön, und er fragte sich verwundert, wie er das hatte vergessen können.

Die Sonne stand schon tief am Himmel, als sie näher kam. Jeans und eine einfache Bluse betonten ihren sportlichen Körper. Ihre Bewegungen wirkten anmutig und selbstbewusst. Es gelang ihm nicht, den Blick von ihr abzuwenden, und er war dankbar, dass seine Augen hinter einer Sonnenbrille verborgen waren.

Der Wind fuhr ihr durch das rote Haar und blies ihr eine Strähne ins Gesicht. Unvermittelt hielt sie inne. Fürchtete sie sich etwa, ganz allein am Strand?

„Hallo? Marine?“, rief sie.

Jay blieb, wo er war. Ein wenig kam er sich vor wie ein Voyeur, doch er wusste, er würde keine weitere Gelegenheit erhalten, sie ungestört zu betrachten, sobald sie ihn erst erkannt hatte. Unwillkürlich erfasste ihn Panik. Für einen Moment überlegte er, ob er nicht besser auf seine Ducati steigen und davonbrausen sollte, fort von dieser Frau.

„Hallo?“, rief sie mit unsicherer Stimme.

Nun wusste er, dass er bleiben würde. Es gab einen Grund für seine Anwesenheit.

„Hallo, Alysse.“ Mit einem Schritt trat er aus dem Schatten.

Verblüfft schüttelte sie den Kopf und nahm die Sonnenbrille ab. Sie kam direkt auf ihn zu. „Jay? Bist du es wirklich?“

Er ging ihr entgegen, bis er ihr so nah war, dass er ihren vertrauten Duft nach Vanille riechen und die Sommersprossen auf ihren Wangen erkennen konnte.

„Ja.“

Schwungvoll stellte sie die Kuchenschachtel auf dem Tisch ab und ballte die Hände zu Fäusten. „Du Mistkerl!“

„Das habe ich verdient.“

Sie schüttelte den Kopf. „Mehr als nur das.“

„Ja, Madam.“

„Ich hätte nie gedacht, dich jemals wiederzusehen“, sagte sie mehr zu sich selbst und machte auf dem Absatz kehrt.

Als ihm klar wurde, dass sie gehen wollte, rief er: „Warte.“

„Wieso?“

Er streckte die Hand nach ihr aus, aber sie trat einen Schritt zurück.

„Ich … Es tut mir leid, dass ich damals fortgelaufen bin.“

Alysse nickte nur. Jay konnte ihrer Miene nicht entnehmen, was sie dachte. „Ich musste in die Kaserne zurückkehren. In den turbulenten Tagen, in denen wir uns kennengelernt und geheiratet haben, ergab sich keine Gelegenheit, dir zu sagen, dass ich nur eine Woche Urlaub hatte.“

„Du konntest mich nicht aufwecken, um mir das zu sagen? Oder mir eine Notiz hinterlassen?“

„Eigentlich wollte ich gar nicht heiraten.“

„Das ist mir klar. Las Vegas war schuld daran. Hier ist dein Dessert. Offenbar hast du, was Frauen angeht, nichts dazugelernt, wenn du schon wieder einen riesigen Fehler begangen hast.“

„Der Kuchen ist für dich bestimmt.“

Alysse schluckte, fasste sich aber sofort wieder und straffte die Schultern.

„Was du mir angetan hast, macht kein noch so guter Cupcake wett.“

„Das ist mir bewusst. Bleib zum Dinner.“

Energisch schüttelte sie den Kopf. „Wieso sollte ich?“

„Weil es für uns noch etwas zu erledigen gibt.“

„Mein Leben läuft bestens, auch ohne dich.“

Diese Bemerkung tat Jay weh, und das war vermutlich Alysses Absicht gewesen. Er erkannte, dass er kämpfen musste wie nie zuvor, um sie zurückzuerobern. Ihm stand die schwierigste Aufgabe seines Lebens bevor.

2. KAPITEL

Als Alysse erkannte, dass Jays romantische Geste ihr galt, gefiel sie ihr auf einmal nicht mehr. Mit keinem Dessert der Welt ließ sich wiedergutmachen, dass er sie am letzten Tag ihrer Flitterwochen bei Nacht und Nebel verlassen hatte.

Weder ihr Bruder noch seine Freunde richteten ihre Leben nach ihren Frauen aus. Im Gegensatz zu Jay gelang es ihnen allerdings, Karriere und Beziehung unter einen Hut zu bekommen.

Dennoch faszinierte der attraktive Marine sie immer noch. Er sah einfach zu sexy aus in dem eng anliegenden schwarzen T-Shirt, das seine muskulöse Brust betonte.

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