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COLLECTION BACCARA BAND 341

CATHERINE MANN

Heiße Küsse im Casino Royal

„Du musst deinen Ring nicht verspielen, Darling.“ Eiskalt läuft es Jayne bei der dunklen Stimme über den Rücken. Wie typisch für ihren Noch-Ehemann Conrad, sie in seinem Casino bloßzustellen, als sie ihren Fünfkaräter auf den Spieltisch wirft! Sie ist schließlich gekommen, um Conrad um die Scheidung zu bitten. Warum tut ihr dieser Einsatz bloß so weh?

CHARLENE SANDS

Die Rückkehr des Showgirls

Hass, Sehnsucht – widersprüchliche Gefühle toben in Sophia, als sie vor Logan Slade steht. Dass der sexy Cowboy wütend ist, weil sein Vater ihr die Hälfte der Sunset Ranch vererbt hat, liest sie in seinem kalten Blick. Aber vielleicht erinnert Logan sich irgendwann an jenen heißen Kuss, den er ihr damals geraubt hat – und den sie nie vergessen konnte …

HEIDI BETTS

Sag mir leise, was du willst …

Wenn ein Mann sie verführen will, sagt Maya immer Nein. Denn sie liebt nur einen: Creed Fortune. Der sie niemals beachtet! Bis eines Nachts ihr Telefon klingelt. In aller Unschuld fragt er sie, wie es ihr geht. Oh, das kann sie ihm sagen! Plötzlich ist es Maya egal, wie provokant es ist: Sie verrät ihm ihre erotischen Wünsche …

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Heiße Küsse im Casino Royal

1. KAPITEL

Monte Carlo, Casino de la Méditerranée

Es war nicht gerade alltäglich, dass eine Frau ihren fünfkarätigen Verlobungsring beim Roulette setzte. Doch etwas anderes fiel Jayne Hughes nicht ein, um ihren störrischen Noch-Ehemann davon zu überzeugen, dass er den Klunker zurücknehmen sollte.

Mehrfach hatte sie auf Conrads Mailbox gesprochen, damit er sich mit ihrem Anwalt in Verbindung setzte, doch Conrad ignorierte die Nachrichten. Ihr Anwalt hatte seinen angerufen – vergeblich. Die Scheidungspapiere waren Conrads Assistentin von einem Kurier ausgehändigt worden. Sie hatte Anweisung, unter keinen Umständen den Empfang zu quittieren.

Als Jayne sich durch die Menschenmenge ihren Weg zum Roulettetisch bahnte, hielt sie den Verlobungsring, den ihr Mann ihr sieben Jahre zuvor geschenkt hatte, in der Faust. Conrad gehörte das Casino de la Méditerranée, und wenn sie ihren Einsatz verlor, würde der Ring wieder in seinen Besitz gelangen. Es gab nur alles oder nichts. Um zu gewinnen, musste sie verlieren, denn sie wollte endlich einen klaren Schnitt.

Jayne warf den Ring auf das Feld mit der roten Zwölf. Der Jahrestag ihrer Trennung fiel auf den zwölften Januar, und der war in einer Woche. Drei von sieben Ehejahren hatten sie getrennt verbracht. Mittlerweile müsste Conrad akzeptiert haben, dass jeder von ihnen sein eigenes Leben führte.

Vertraute Geräusche hallten unter dem kuppelförmigen Dach wider. Gelächter und Begeisterungsrufe mischten sich mit dem enttäuschten „Ohhhh“ der Verlierer. Diese mit Fresken geschmückten Wände hatte Jayne während der vier gemeinsamen Jahre mit Conrad als ihr Zuhause betrachtet.

Zwar hatte sie sich an den Luxus gewöhnt, doch aufgewachsen war sie in einem bescheidenen Haus in Miami. Die Zahnarztpraxis ihres Vaters hatte der Familie ein gutes Auskommen ermöglicht. Allerdings wäre es ihnen noch besser gegangen, hätte er nicht insgeheim eine zweite Familie unterhalten.

Der Ring von Van Cleef & Arpels hatte ein einzigartiges Design, das Jayne schon als kleines Mädchen fasziniert hatte.

Nun aber war Cinderella aus dem Schloss ausgezogen. Die gläsernen Schuhe waren zerbrochen, genau wie ihr Herz. Der Märchenprinz existierte nicht. Und jetzt würde sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen.

Sie nickte dem Croupier zu und gab ihrem Ring einen kleinen Schubs, sodass er mitten auf der roten Zwölf liegen blieb. Der Casinomitarbeiter rückte seine Krawatte zurecht. Mit einem Stirnrunzeln warnte er sie gerade noch rechtzeitig, bevor … Conrad.

Sie konnte seine Anwesenheit spüren, ohne sich umzusehen. Das war einfach nicht fair. Selbst nach drei Jahren Trennung, in denen sie ihn kein einziges Mal gesehen hatte, erinnerte sich ihr Körper an ihn. Begehrte ihn. Ihre Haut unter dem beigen Abendkleid aus Seide prickelte, und sofort kam ihr die Erinnerung an ein gemeinsames Wochenende in den Sinn. Vor allem die Erinnerung an die sanfte Mittelmeerbrise, die durch die Balkontüren hereindrang, als sie miteinander schliefen.

Conrads Atem streichelte ihr Ohr schon, bevor seine Stimme erklang. „Jetons sind links von dir erhältlich, mon amour.“

Meine Liebe.

Wohl kaum. Eher betrachtete er sie als seinen Besitz. „Und die Scheidungspapiere kannst du bei meinem Anwalt bekommen.“

Sie war Hospizschwester und keine verdammte Prinzessin.

„Aber warum sollte ich mich scheiden lassen, wenn du so scharf aussiehst, dass jedem Mann die Luft wegbleibt?“

Plötzlich war er ihr so nah, dass die Hitze seines Körpers sie zu versengen schien … so wie ihr Verlangen und der Ärger, die heiß durch ihre Adern strömten.

Sie wirbelte herum und blickte ihm ins Gesicht. Er war noch immer so unglaublich attraktiv, dass ihr der Atem stockte.

Warum um Himmels Willen waren ihre weiblichen Instinkte stärker als ihr Verstand, sobald sie in seiner Nähe war?

Sein tiefschwarzes Haar glänzte unter den ausladenden Kristallleuchtern. Sie erinnerte sich gut daran, wie dicht es war und wie wunderbar weich. In vielen Nächten hatte sie ihn beobachtet, wenn er schlief, und war ihm mit den Fingern durchs Haar gefahren. Viel schlief er nicht. Er litt an Schlaflosigkeit, als könnte er die Kontrolle über die Dinge niemals aus der Hand geben. Deshalb hatte sie diese seltenen Momente geliebt, in denen sie ihn ungestört beobachten konnte.

Wenn Conrad Hughes auftauchte, zog er sofort die Blicke aller Frauen auf sich. Auch in diesem Moment war das nicht anders. Er war mehr als gut aussehend … egal ob im Smoking oder in Jeans und T-Shirt … auf eine verwegene und finstere Art. Zwar war er ein waschechter Amerikaner aus New York, doch er wirkte so exotisch wie ein russischer Adliger aus einem vergangenen Jahrhundert.

Außerdem war er unglaublich arrogant.

Conrad nahm den Fünfkaräter vom Tisch, und Jayne blieb nur eine Sekunde, um ihren Sieg zu feiern. Schon legte er ihr den Ring in die Handfläche. Der kühle Stein erwärmte sich, als seine Hand ihre Finger zu einer Faust formte.

„Conrad!“, fauchte sie und versuchte, sich ihm zu entziehen.

„Jayne“, erwiderte er mit fester Stimme und drückte ihre Hand, sodass sich der Ring in die Haut bohrte. „Ich glaube, das hier ist nicht der richtige Ort für unsere Versöhnung.“

Er setzte sich in Bewegung, und weil er sie nicht losließ, blieb ihr nichts anderes übrig, als ihm zu folgen, vorbei an tuschelnden Spielern und marmornen Säulen. Unter den Gästen entdeckte sie einige vertraute Gesichter, doch sie konnte nicht stehen bleiben, um mit ihnen zu plaudern und sich über das Wiedersehen zu freuen.

Das Casino ihres Mannes war ein Treffpunkt für die Oberschicht, ja sogar Mitglieder der fürstlichen Familie konnte man hier öfter antreffen. Als sie zuletzt gezählt hatte, besaß Conrad ein halbes Dutzend Spielbanken auf der ganzen Welt, doch das Casino de la Méditerranée hatte er stets bevorzugt. Es hatte einen ganz besonderen Flair, zu dem insbesondere die alten Spieltische beitrugen, deren Innenleben jedoch die neueste Technik barg. Außerdem war Monte Carlo Conrads erster Wohnsitz.

Die Leute machten hier Urlaub, um an alten Traditionen festzuhalten, und sie trugen piekfeine Smokings aus der Savile Row und Abendroben von Dior. Diamanten glitzerten, und dabei handelte es sich ohne Zweifel um Originale von Cartier oder Bulgari. Jaynes fünfkarätiger Verlobungsring war zwar beeindruckend, doch im Casino de la Méditerranée nichts Besonderes.

Ihre High Heels klapperten immer schneller über die Marmorfliesen, und die metallicschwarze kleine Handtasche rutschte ihr in der Eile auf den Ellbogen hinunter. „Hör auf damit.“

„Nein. Vielen Dank.“ Er blieb vor dem vergoldeten Jugendstilgitter des Aufzugs stehen und drückte auf den Knopf.

„Immer noch derselbe sarkastische Mistkerl.“ Sie seufzte leise.

„Oh.“ Er legte ihr einen Arm um die Schultern. „Das hab ich ja noch nie gehört. Ich denk mal drüber nach.“

Jayne schüttelte seinen Arm ab und blieb abrupt stehen. „Ich komme nicht mit in deine Suite.“

„In unser Penthouse.“ Mit einer schroffen Geste nahm er ihr den Ring aus der Hand und ließ ihn in ihre schwarze Handtasche fallen. „Unser Zuhause.“

Ihr Zuhause? Wohl kaum. Doch hier in der Lobby, wo jeder zuhören konnte, wollte sie nicht mit ihm streiten. „Also gut. Ich muss mit dir reden. Allein.“

Die Türen glitten auseinander. Mit einer Geste gab er dem Fahrstuhlführer zu verstehen, dass er verschwinden sollte, und führte Jayne hinein. Dann waren sie allein in der verspiegelten Kabine. „Wenn du mir Papiere zustellst, heißt das noch lange nicht, dass ich sie auch unterschreibe.“

Das hatte sie bereits gemerkt, und sie war sehr enttäuscht darüber. „Du kannst doch nicht ernsthaft verheiratet bleiben wollen, obwohl wir schon so lange getrennt sind.“

„Vielleicht wollte ich nur sehen, ob du den Mut aufbringst, mit mir persönlich zu reden, anstatt wieder einen Boten zu schicken …“ Um seine dunkelbraunen Augen wurden Fältchen sichtbar. „Um mir zu sagen, dass du den Rest deines Lebens verbringen willst, ohne jemals wieder mit mir ins Bett zu gehen.“

Mit ihm ins Bett gehen?

Auf keinen Fall.

Sie konnte ihm nicht vertrauen. Von keinem Mann würde sie sich so an der Nase herumführen lassen … oder sich das Herz brechen lassen, wie ihr Vater ihrer Mutter das Herz gebrochen hatte. „Du meinst, du willst in mein Bett springen, wenn du zufällig mal in der Stadt bist, nachdem du wochenlang verschwunden warst. Darüber haben wir schon oft genug geredet. Ich kann nicht mit einem Mann schlafen, der Geheimnisse vor mir hat.“

Er hielt den Aufzug an. Ein Anflug von Enttäuschung lag in seinem Blick. „Ich habe dich nie belogen.“

„Nein. Du gehst einfach weg, wenn du eine Frage nicht beantworten willst.“

Er war clever. Viel zu clever. Mit Worten spielte er genau so geschickt wie mit Geld. Im zarten Alter von fünfzehn hatte er seinen riesigen Treuhandfonds dazu benutzt, den Aktienmarkt zu manipulieren. Nur der Einfluss seiner Familie hatte ihn davor bewahrt, im Jugendgefängnis zu landen.

Stattdessen verurteilte ihn ein Richter dazu, eine Militärschule zu besuchen. Dort besserte er sich nicht. Im Gegenteil, seine Fähigkeit, sich durchzusetzen, bekam den letzten Schliff.

Gegen seine Ausstrahlung war Jayne immer noch wehrlos. Deshalb war sie auf Distanz geblieben und hatte versucht, die Scheidung vom Ausland aus zu organisieren.

Als sie noch zusammen waren, hatte Jayne nach einer Mammografie einen auffälligen Befund. Sie hatte furchtbare Angst gehabt und hätte dringend seine Unterstützung gebraucht, konnte ihn aber eine Woche lang nicht ausfindig machen. Es waren die längsten sieben Tage ihres Lebens, und sie hatten das Fass endgültig zum Überlaufen gebracht.

Die Wucherung in ihrer Brust erwies sich als gutartig, aber was war mit ihrer Ehe? Der Befund lautete: hundert Prozent bösartig. Sie hatte gewartet, bis Conrad wieder zu Hause war, und ihm eine letzte Chance gegeben, ehrlich zu sein. Und wieder hatte er ihr einen Bären aufgebunden. Er sei geschäftlich unterwegs gewesen, und sie könne ihm ganz und gar vertrauen.

In jener Nacht war sie gegangen und hatte nur eine Reisetasche mitgenommen. Dummerweise hatte sie damals nicht daran gedacht, ihre Ringe zurückzulassen.

Nun stand sie hier in diesem engen Aufzug, klassische Musik erklang aus den Lautsprechern, und alles, woran sie denken konnte, war, wie er sie an die Spiegelwand gedrückt und geliebt hatte, bis sie nicht mehr klar denken konnte.

Und er schwieg immer noch.

„Also Conrad? Hast du mir nichts zu sagen?“

„Das Problem hier bin nicht ich. Du vertraust mir einfach nicht.“ Sanft schob er mit den Fingern den Träger ihrer metallicschwarzen Schultertasche an den richtigen Platz zurück. „Ich bin nicht dein Vater.“

Bei diesen Worten verwandelte sich der Rest ihrer Leidenschaft in Ärger … und Schmerz. „Das geht unter die Gürtellinie.“

„Habe ich recht oder nicht?“

Er stand nur wenige Zentimeter von ihr entfernt, so nahe, dass sie sich leicht in einem Kuss hätten verlieren können. Doch diesen Fehler durfte sie nicht noch einmal machen. Angezogen von seinem Duft und dem schmerzlichen Verlangen in ihrem Schoß machte sie einen Schritt auf ihn zu. Die Anziehung war so intensiv, dass sie ihre ganze Willenskraft aufbieten musste, um sich wieder von ihm zu entfernen. „Und wer sagt mir, dass du nicht wie dein Vater bist?“

Nachdem Conrad als Teenager verhaftet worden war, lauteten die Schlagzeilen meistens so: „Wie der Vater, so der Sohn.“ Und tatsächlich war Hughes senior der Verurteilung für seine Wirtschaftsverbrechen dank desselben hochbezahlten Anwalts entgangen, der seinen Sohn vor einer härteren Strafe bewahrt hatte.

Tief in ihrem Herzen wusste Jayne, dass ihr Ehemann anders war als sein alter Herr. Conrad war in die Computernetze von Wall-Street-Unternehmen eingedrungen, um seinen Vater und seinesgleichen zu entlarven. Das wusste sie … doch mit den Ausflüchten und der Mauer aus Schweigen zwischen ihnen konnte sie einfach nicht leben.

Sie griff in ihre Handtasche, zog einen Stapel sorgfältig gefalteter Papiere heraus und hielt sie Conrad hin. „Hier. Das erspart dir die Fahrt zur Anwaltskanzlei.“

Dann drückte sie auf den Knopf, der sie zu ihrer Gästesuite bringen würde. Sie konnte die Vorstellung nicht ertragen, in ihrer alten Unterkunft zu wohnen, die sie einst voller Liebe und Hoffnung gestaltet hatte.

„Conrad, betrachte den Scheidungsantrag als offiziell zugestellt. Mach dir keine Gedanken über den Ring. Ich werde ihn verkaufen und das Geld für einen wohltätigen Zweck spenden. Alles, was ich von dir will, ist eine Unterschrift.“

Die Türen des Fahrstuhls öffneten sich vor dem Zimmer, das sie unter falschem Namen vorbestellt hatte. Hoch erhobenen Kopfes trat sie hinaus in den mit weichen Teppichen ausgelegten Flur.

Sie ließ Conrad stehen und schaffte es beinah, die Tatsache zu ignorieren, dass er ihr noch immer das Herz brechen konnte.

Mit zweiunddreißig Jahren hatte Conrad bereits zehn Vermögen verdient und neun davon wieder ausgegeben. Doch heute Abend hatte er endlich den Jackpot geknackt und den größten Gewinn der letzten drei Jahre eingestrichen. Er hatte die Chance, die Sache mit Jayne endlich abzuschließen, sodass sie ihn nicht für den Rest seines Lebens in seinen Träumen verfolgen würde.

Er ging durch den Flur, der zum Casino führte, um für heute Abend die Aufsicht über das Spiel abzugeben. Als ihm gemeldet worden war, dass Jayne sich im Casino aufhielt, hatte er den abgesetzten Thronerben stehen lassen, mit dem er sich gerade unterhielt. Das glänzende hellblonde Haar seiner Frau und die vertraute Kurve ihres schlanken weißen Halses zogen ihn magisch an. Mit Jayne zu sprechen, hatte für ihn absolute Priorität.

Es war nicht gerade angenehm gewesen, ihr dabei zuzusehen, wie sie ihren Ring auf die rote Zwölf setzte. Doch was sollte er von dem vielsagenden Blick ihrer himmelblauen Augen halten? Nein, trotz der Scheidungspapiere, mit denen sie ihm vor der Nase herumgewedelt hatte: Zwischen ihnen war noch nicht alles aus.

Heute Nacht würde sie unter seinem Dach schlafen. Er faltete die Papiere noch einmal und schob sie in sein Jackett.

Als er an der Bar vorüberging, deutete der Barkeeper mit einem Kopfnicken auf den letzten Barhocker … und auf einen wohlbekannten Stammkunden.

Mist. Das konnte er jetzt überhaupt nicht gebrauchen. Jedoch konnte er Colonel John Salvatore, seinen früheren Schuldirektor und jetzigen Kontaktmann bei Interpol, auf keinen Fall abwimmeln. Die Einsätze für Interpol hatten ihn von Jayne weggeführt. Zu ihrer eigenen Sicherheit war es besser, wenn sie nichts davon wusste.

Conrads großzügiger Lebensstil und sein gesellschaftlicher Einfluss verschafften ihm leicht Zutritt zum Kreis der Mächtigen. Wenn Interpol zugreifen wollte, wurde eine ausgewählte Gruppe von Auftragsagenten zusammengerufen, deren Leiter John Salvatore war. Normalerweise griff Salvatore nur ein- oder zweimal im Jahr auf Conrads Dienste zurück, um nicht zu riskieren, dass das ganze Spiel aufflog.

Ein Teil von ihm wusste, dass er Jayne einfach von seiner zweiten „Karriere“ hätte erzählen sollen. Er hätte sich auf das Wesentliche beschränken und ihr die Details verschweigen können. Doch er wollte, dass seine Frau ihm vertraute, anstatt zu glauben, dass er kriminell sei wie sein Vater oder ein Betrüger wie ihr eigener Dad.

Der Colonel erhob sein Glas und prostete Conrad zu. „Da ist aber jemand bis über beide Ohren verliebt.“

Conrad setzte sich auf einen Hocker neben dem Colonel und machte sich nicht die Mühe, Salvatores Anspielung abzustreiten. „Beinahe hätte Jayne Sie gesehen.“

Wenn der Colonel hier auftauchte, konnte der Grund dafür nur Arbeit sein. Vor allem in den vergangenen drei Jahren hatte Conrad die gelegentlichen Aufträge von Interpol gern genutzt, um die Leere in seinem Leben zu füllen. Doch in diesem Augenblick war das nicht der Fall.

„Sie würde glauben, dass dein alter Direktor auf einen Drink vorbeikommt. Wenn ich schon mal in der Gegend bin, um an der Côte d’Azur das Konzert eines ehemaligen Schülers zu besuchen.“ Salvatore trug den üblichen grauen Anzug, die rote Krawatte und seine unerschütterliche Ruhe wie eine Uniform.

„Das ist kein guter Zeitpunkt.“ Wenn Jayne plötzlich auftauchte, würde sein ganzes Leben auf den Kopf gestellt.

„Ich überbringe dir persönlich ein paar Dokumente von unserem letzten … Experiment.“ Er gab Conrad eine CD. Zweifellos mit verschlüsselten Daten.

Das Experiment war die Falschgeldaffäre Zhutov, die sie einen Monat zuvor aufgeklärt hatten.

Wäre Conrad gerade nicht so hormongesteuert, wäre ihm klar, dass der Colonel es niemals riskieren würde, ihn so früh zu einem neuen Einsatz zu schicken. Vor weniger als einer Stunde war Jayne wieder in seinem Leben aufgetaucht, und schon richtete sie ein Chaos in seinem Kopf an.

„Heute will wohl jeder irgendwelchen Papierkram bei mir loswerden.“ Er klopfte sich auf die Brusttasche, und das Knistern des Papiers erinnerte ihn daran, dass zum Ende seiner Ehe nur noch eine Unterschrift fehlte.

„Du bist heute Abend ein gefragter Mann.“

„Ich bin sarkastisch und arrogant.“ Jedenfalls, wenn man Jayne glaubte, und die war eine intelligente Frau.

„Oh, wie selbstkritisch.“ Colonel Salvatore trank sein Glas aus, wobei er die Umgebung im Auge behielt. „So warst du immer schon, sogar in der Schule. Am Anfang wussten die meisten Jungs nicht, was sie wert waren. Aber du warst dir deiner Stärken immer bewusst.“

Es gefiel Conrad gar nicht, an seine Teenagerzeit zu denken. Damals war sein Vater von dem Podest gestürzt, auf das Conrad ihn gestellt hatte. „Schwelgen wir hier nur zum Spaß in Erinnerungen, oder gibt es einen Grund dafür?“

„Du kanntest deine Stärken, aber noch nicht deine Schwächen.“ Der Colonel schob das Kristallglas zur Seite und stand auf. „Jayne ist deine Achillesferse, und wenn du das nicht begreifst, wirst du dich selbst zerstören.“

„Ich werde darüber nahdenken.“ Die bittere Wahrheit in Salvatores Worten schmerzte.

„Jedenfalls bist du so stur wie eh und je.“ Salvatore klopfte Conrad auf die Schulter. „Ich bleibe am Wochenende in der Stadt. Treffen wir uns übermorgen zum Lunch, um die Sache mit Zhutov unter Dach und Fach zu bringen. Gute Nacht, Conrad.“

Der Colonel warf Trinkgeld auf den Tresen. Bevor Conrad verstand, was der alte Knabe ihm gerade gesagt hatte, war er schon in der Menschenmenge verschwunden. Salvatore irrte sich selten, und er schätzte auch Jaynes Wirkung auf Conrad richtig ein.

Und was die gute Nacht betraf … Es war ziemlich unwahrscheinlich, dass sie gut wurde. Doch Conrad machte sich durchaus Hoffnungen. Der Abend war noch nicht zu Ende … wie Jayne bald merken würde, wenn sie in ihre Suite ging und feststellte, dass ihre Koffer in das Penthouse gebracht worden waren, das sie früher gemeinsam bewohnt hatten. Ein Grund mehr, die Casino-Aufsicht seinem Stellvertreter zu übergeben und schnurstracks zum Penthouse zurückzugehen. Jayne würde stinksauer sein.

Ein großartiger Anblick, den er nicht verpassen wollte.

Schnaubend vor Wut über Conrads eigenmächtiges Handeln fuhr Jayne im Fahrstuhl in die Etage, in der das Penthouse war. Zur Hölle mit ihm.

Es war ihr sehr schwergefallen hierherzukommen und sie wollte Abstand wahren, indem sie in einer anderen Suite wohnte. Das Casino verfügte über Unterkünfte für besondere Gäste. Außerdem war ihre Trennung schon lange kein Geheimnis mehr.

Sie bog und streckte die Zehen, um sich zu entspannen, und konzentrierte sich darauf, Conrad zu finden.

Und ihre Sachen.

Das vergoldete Gitter des Aufzugs öffnete sich und gab den Blick auf den luxuriösen Eingangsbereich frei. Sie wappnete sich innerlich gegen den Anblick der Louis-Seize-Stühle und des Tisches im Flur, die sie so sorgfältig ausgewählt hatte. Und dann sah sie, dass …

Conrad hatte alles verändert. Sie hatte nicht erwartet, dass die Wohnung so aussehen würde, wie sie sie verlassen hatte … na ja, vielleicht doch … aber mit einer solchen Generalüberholung hatte sie nicht gerechnet.

Fassungslos betrat Jayne die mit massiven Ledermöbeln vollgestellte Männerhöhle. Ein riesiger Fernsehbildschirm war halb hinter einem Ölgemälde versteckt, das zur Seite geschoben werden konnte. Sogar die Gardinen vor dem Panoramafenster waren neu und gaben den Blick auf das mondbeschienene Mittelmeer frei. Die Lichter der Jachten im Hafen funkelten auf dem Wasser wie die Sterne am Himmel. Die Einrichtung war edel, doch es fehlten die weiblichen Details.

Offenbar hatte Conrad sie alle entfernt, nachdem sie gegangen war.

Sie hatte Jahre darauf verwendet, das Penthouse im französischen Landhausstil einzurichten. Es war eine Mischung aus Eleganz und Wärme, die jedes Zuhause ausstrahlen sollte. Hatte er im Zorn alles zerstören wollen? Oder war es ihm einfach egal? Sie wollte gar nicht so genau wissen, was mit ihren alten Möbeln passiert war.

In diesem Augenblick interessierte sie nur, ihren zukünftigen Exmann zu finden, um ihm die Meinung zu sagen. Sie musste nicht lange nach ihm suchen.

Conrad hatte es sich in einem übergroßen Sessel bequem gemacht und hielt ein Kristallglas in der Hand. Eine offene Flasche Whisky stand auf dem Mahagonitisch neben ihm. Dort hatte früher ein seidig glänzendes Sofa gestanden, auf dem sie sich mehr als einmal geliebt hatten …

Vielleicht war es klug, dass er sich von all den Möbeln getrennt hatte.

Sie stellte ihre Handtasche auf das antike Weinregal an der Wand. Zornig stapfte sie über den flauschigen marokkanischen Teppich, in dem ihre Absätze versanken. „Wo ist meine Tasche? Ich brauche etwas zum Anziehen.“

„Dein Gepäck ist natürlich hier.“ Er rührte sich nicht vom Fleck, blinzelte nicht einmal … „Wo sollte es sonst sein?“

„In meiner Suite. Wie du sicher weißt, habe ich eine andere Unterkunft bezogen.“

„Darüber hat man mich in der Sekunde informiert, in der du den Schlüssel bekommen hast.“ Er kippte den Rest seines Drinks hinunter.

„Und du hast einfach meine Sachen holen lassen.“ Was wollte er mit solchen Spielchen erreichen?

„Tja, ich bin eben arrogant, weißt du noch? Du hättest dir doch denken können, dass die Mitarbeiter am Empfang meine Frau erkennen.“

Vielleicht hatte sie es tatsächlich gewusst und wollte einfach ihren Stolz unter Beweis stellen. „Wie dumm von mir zu glauben, dass mein Wunsch respektiert werden könnte … der Wunsch deiner Frau.“

„Und wie dumm von mir zu glauben, dass du mich vor meinen Mitarbeitern nicht bloßstellen würdest.“

Nun verspürte sie doch ein schlechtes Gewissen. Was auch immer am Ende ihrer Ehe zwischen ihnen passiert war, sie hatte ihn sehr geliebt. Und sie hatte genug davon, dass sie sich gegenseitig verletzten.

Erschöpft ließ sie sich in den Sessel neben ihm sinken. Das hier musste aufhören, damit sie weiterleben und eine Familie mit jemandem gründen konnte, der wunderbar langweilig und unkompliziert war. „Es tut mir leid. Du hast ja recht. Es war gedankenlos von mir.“

„Warum hast du das gemacht?“ Er stellte sein Glas auf dem Tisch ab und beugte sich zu ihr hinüber. „Du weißt, dass im Penthouse jede Menge Platz ist.“

Auch wenn er es nicht fertigbrachte, vollkommen ehrlich zu sein … sie konnte es. „Weil ich Angst habe, mit dir allein zu sein.“

„Mein Gott, Jayne.“ Vorsichtig umfasste er ihr Handgelenk. „Ich bin zwar ein verdammter Mistkerl, aber niemals … wirklich niemals … würde ich dich verletzen.“

Die sanfte Berührung bestätigte seine Worte. Und Jayne wusste, dass er recht hatte. In all den Jahren hatte er selbst im heftigsten Streit niemals die Kontrolle über sich verloren. Sie wünschte, sie selbst hätte ihr unberechenbares Gefühlsleben ebenso im Griff wie er seines.

Worte … ehrliche Worte … kamen über ihre Lippen, bevor sie darüber nachdachte. „So war es nicht gemeint. Ich habe einfach Angst, dass ich der Versuchung nicht widerstehen kann, mit dir zu schlafen.“

2. KAPITEL

Jaynes Geständnis hallte noch in seinen Gedanken nach. Jetzt untätig herumzusitzen, fiel Conrad unglaublich schwer … beinahe so wie damals, als Jayne ihn verlassen hatte. Doch er musste nachdenken, und zwar schnell. Eine falsche Bewegung, und dieses Wiedersehen würde ihm um die Ohren fliegen.

Jede Zelle seines Körpers gierte danach, sie aus dem Ledersessel zu heben, in sein Schlafzimmer zu tragen und die ganze Nacht zu lieben. Und genau das hätte er getan … wenn er geglaubt hätte, dass sie ihrem Wunsch tatsächlich nachgeben würde.

Doch er kannte Jayne. Sie begehrte ihn, aber sie war immer noch wütend. Bevor er den Knoten ihres hellblonden Haars gelöst hätte, würde sie ihre Meinung ändern. Er brauchte Zeit, um ihre Bedenken zu zerstreuen.

Also zog er seine Hand zurück und goss sich noch einen Drink ein. „Ich habe dich nicht darum gebeten, mit mir zu schlafen.“

Kerzengerade saß sie in dem Sessel. „Das musst du auch nicht. Du verführst mich mit deinen Blicken.“ Ihr Kinn zitterte. „Wenn ich dich ansehe … will ich dich.“

Vielleicht sollte ich doch nicht mehr warten. „Was ist daran falsch?“

In ihren hellblauen Augen spiegelte sich ihr innerer Kampf. Er verstand gut, was in ihr vorging. Die letzten drei Jahre hatten sie getrennt verbracht, und für ihn war es die Hölle gewesen. Irgendwann aber hatte er akzeptiert, dass ihre Ehe zu Ende war. Er war nur nicht bereit, die Nachricht von einem Kurier entgegenzunehmen.

Sollte sie ihn doch für stur halten … er wollte, dass Jayne ihm in die Augen blickte, wenn sie mit ihm Schluss machte. Und sein Wunsch war in Erfüllung gegangen … nur, dass sie ihn noch immer begehrte.

Der Sex zwischen ihnen war immer fantastisch gewesen. Ein letztes gemeinsames Wochenende war das Beste, was er sich vorstellen konnte. Sie würden den nagenden Hunger befriedigen und dann wieder ihrer eigenen Wege gehen. Er musste sie nur davon überzeugen, dass das eine gute Idee war.

Ihr inneres Ringen blieb sichtbar, bis sie schließlich den Kopf schüttelte. Eine blonde Haarsträhne löste sich. „Dieses Mal gewinnst du nicht.“ Sie stand auf. „Gib mir meine Sachen zurück. Und wage nicht, mir zu sagen, dass ich sie selbst aus dem Schlafzimmer holen soll.“

„Sie sind schon im Gästezimmer.“

Vor Überraschung blieb ihr der Mund offen stehen. „Oh, tut mir leid, dass ich so schlecht von dir gedacht habe.“

Er zuckte mit den Schultern. „Meistens liegst du damit richtig.“

„Ach, Conrad“, sagte sie mit sanfter Stimme, und ihre Gesichtszüge entspannten sich. „Ich will nur deine Unterschrift und meinen Frieden.“

„Und ich wollte dich immer nur glücklich machen.“ Er stand auf und streckte die Hand aus, um ihr die Strähne aus dem Gesicht zu streichen. „Jayne, ich habe dich zwar nicht gebeten, mit mir zu schlafen, aber denk nochmal darüber nach. Wir waren ein verdammt gutes Team.“

Er fuhr ihr mit den Fingern durchs Haar und streifte ihre Schultern, als er die kleine Spange herauszog, die lose in ihrer Hochsteckfrisur hing. Ihre Pupillen weiteten sich vor Verlangen, und Siegesgewissheit pulsierte in seinen Adern.

Dann ließ er sie los. „Schlaf gut, Jayne.“

Mit zitternden Händen schob sie die Haarsträhne zurück. Kein Wort brachte sie heraus. Schnell drehte sie sich auf ihren High Heels um, schnappte sich ihre Handtasche und machte sich auf den Weg ins Gästezimmer.

Jayne schloss die Tür hinter sich, lehnte sich mit dem Rücken dagegen und atmete tief durch. Sie würde sich Conrad nicht in die Arme werfen.

Es überraschte sie, wie stark ihr Verlangen nach ihm war. Vor ihrem inneren Auge lief ein Film ab, in dem sie sich in dem riesigen Sessel auf seine Knie setzte und sich über seine Schenkel hochschob, bis sie rittlings auf seinem Schoß saß.

Sie liebte dieses Gefühl von sinnlicher Kraft. Innerhalb einer Sekunde konnte sie das Kommando übernehmen … ein Funkeln in seinen Augen würde ihr verraten, wenn es so weit war … Und dann würde sie seine Krawatte lösen, den Reißverschluss seiner Hose öffnen und …

Jayne seufzte. Das hier war schwieriger als erwartet.

Wenigstens hatte sie ein Bett für sich allein. Sie sah sich in dem roten Zimmer um, wie Conrad das Gästezimmer nannte. In diesem Raum hatte er nichts verändert. Es verblüffte sie, dass sie deswegen erleichtert war. Warum bedeutete es ihr so viel, dass er nicht alle Spuren ihres gemeinsamen Lebens beseitigt hatte?

Sie löste sich von der Tür und berührte mit den Fingerspitzen eine altmodische Sitzbank, die als Gepäckablage benutzt wurde. Sogar die Vorhänge aus rotem Leinen waren noch da.

Conrad hatte ihr einen Korb gegeben, obwohl sein Blick verriet, wie sehr er sie begehrte. Seinen Körper kannte sie wie ihren eigenen. Aber würde sie diesen Mann jemals verstehen?

Sie warf die Handtasche auf das Bett, wobei ihr Handy herausrutschte. Als sie es aufhob, sah sie, dass sie drei Anrufe verpasst hatte. Das Display zeigte dreimal dieselbe Nummer an.

Schuldgefühle stiegen in ihr auf, obwohl es überhaupt keinen Grund dafür gab. Schließlich war sie nicht mit Anthony Collins zusammen. Sie waren gute Freunde, seitdem sie sich im Hospiz um seinen betagten Großonkel gekümmert hatte, der schließlich an Lungenkrebs gestorben war.

Jayne versuchte, sich in Miami wieder ein eigenes Leben aufzubauen. Und dafür musste sie einen Schlussstrich unter ihre Ehe setzen.

Sie drückte die Kurzwahltaste des Handys und lauschte …

„Jayne … ich komme gerade bei dir rein …“ Anthonys vertraute Stimme kam pfeifend aus dem kleinen Lautsprecher und vermischte sich mit dem Bellen ihrer Französischen Bulldogge Mimi. Er hatte sich bereit erklärt, für sie den Hundesitter zu spielen. „Wie war dein Flug? Ruf mich an, wenn du Zeit hast.“

Piep. Nächste Nachricht.

„Ich mache mir langsam Sorgen um dich. Hoffentlich hängst du nicht auf irgendeinem Flughafen fest.“

Piep. Noch mal Anthony. Dieses Mal hatte er aufgelegt, ohne etwas zu sagen.

Sie sollte ihn zurückrufen. Aber sie konnte es nicht ertragen, seine Stimme zu hören, während das Verlangen nach Conrad noch heftig in ihren Adern pulsierte. Also wählte sie die feige Lösung und schrieb ihm eine SMS.

Gut in Monte Carlo angekommen. Danke, dass Du an mich denkst. Zu müde zum Reden. Rufe später an. Gib Mimi ein extra Leckerli von mir.

Sie schickte die SMS ab und wurde noch immer von Gewissensbissen gequält. Du Feigling. Sie warf das ausgeschaltete Telefon wieder in ihre Handtasche.

Das scheppernde Geräusch, mit dem es auf Metall traf, erinnerte sie daran, dass Conrad den Ring wieder in ihre Tasche geschmuggelt hatte. Die erste Schlacht hatte sie gewonnen, indem sie ihm endlich die Scheidungspapiere gegeben hatte. Und sie konnte sich viele Wohltätigkeitsprojekte vorstellen, die eine Spende gut gebrauchen konnten. Wenn … falls … sie den Ring verkaufte.

Sie setzte sich auf den Rand des Bettes und starrte auf die Reisetasche, die mit ihren Initialen verziert war. Gut, dass sie ihren E-Reader eingepackt hatte, denn sie würde garantiert nicht schlafen können.

Conrad saß in dem verglasten Teil seines Balkons und blätterte auf seinem Tablet-PC die Unterlagen zum Fall Zhutov durch.

In Monte Carlo schlief nachts kaum jemand. Es war die perfekte Umgebung für einen chronisch Schlaflosen wie ihn. Draußen vor dem Fenster schaukelten Jachten in der Bucht und Lichter glommen sanft in der Dunkelheit. Zweifellos herrschte im Casino unten noch immer Hochbetrieb, doch seine Wohnung war schallgeschützt.

Die Scheidungspapiere lagen neben Conrad auf dem schmiedeeisernen Frühstückstisch. Er hatte sie schon durchgesehen und war genauso frustriert wie bei dem Gespräch, in dem sein Anwalt ihm die Details dargelegt hatte. Ja, er wusste, was in den Papieren stand, auch wenn er Jayne etwas anderes weisgemacht hatte.

Sie bestand darauf, kein Geld von ihm zu nehmen. Doch er hatte bereits eine Ergänzung entworfen, die einen Fonds für sie vorsah. Mit dem Geld konnte sie tun, was immer sie wollte. Vor Gott hatte er geschworen, diese Frau bis ans Ende ihres Lebens zu beschützen, und diesem Schwur würde er treu bleiben.

Als er Salvatores Bericht über Zhutov las, wurde Conrad immer missmutiger. Für Fälle wie diesen hatte er seine Ehe geopfert, also sollte er wenigstens Erfolg haben. Sonst hätte er Jayne für nichts und wieder nichts verloren.

Die Welt würde ein besserer Ort sein, wenn dieser Verbrecher hinter Gittern saß. Zhutov war der Drahtzieher des größten Geldfälscherrings in Europa und Asien. Seinen Einfluss hatte er genutzt, um das Machtgleichgewicht zwischen zwei Ländern zu verändern, indem er die Währungen manipulierte. In einer Zeit, in der viele Nationen um ihr finanzielles Überleben kämpften, konnte die geringste wirtschaftliche Flaute verheerende Folgen haben.

Interpol dabei zu helfen, solche Ganoven aus dem Verkehr zu ziehen, war nicht einfach nur ein Job. Es war Conrads Art, das wiedergutzumachen, was er auf der Highschool getan hatte. Damals hatte er ein Verbrechen begangen, das dem von Zhutov in gewisser Weise ähnelte, und er war mit einem Klaps auf die Hand davongekommen. Als er den Aktienmarkt manipulierte, hatte er sich eingeredet, dass er damit für Gerechtigkeit sorgte. Er bestahl die bösen Reichen und gab ihr Geld denen, die es mehr verdient hatten als sie.

Völliger Blödsinn.

Als Fünfzehnjähriger hätte er es besser wissen müssen. Doch er war gefangen in einem selbstsüchtigen Bedürfnis zu beweisen, dass er ein besserer Mensch war als sein betrügerischer Vater.

Zwar war er dem Gefängnis entgangen, doch er hatte noch immer eine Schuld zu begleichen. Als Salvatore von seinem Posten als Direktor der Militärschule North Carolina Military Prep zurücktrat und den Job bei Interpol annahm, war Conrad einer seiner ersten Mitarbeiter gewesen.

Das Geräusch der Balkontür holte ihn in die Gegenwart zurück. Er musste sich nicht umdrehen, denn Jaynes verführerischer frischer Duft stieg ihm bereits in die Nase.

Oh ja, er erinnerte sich gut daran, so wie an fast alles, was mit ihr zu tun hatte. Zum Beispiel wusste er auch, dass sie normalerweise schlief wie ein Stein.

Dass sie jetzt keinen Schlaf fand, wertete er als Erfolg. Es war schon nach zwei Uhr.

Er schloss die Akte und klickte auf dem Rechner ein Spiel an. Noch immer saß er mit dem Rücken zu ihr.

„Conrad?“ Ihre rauchige Stimme heizte sein unterdrücktes Verlangen an. „Warum bist du so spät noch wach?“

„Geschäfte.“ Pistolenschüsse explodierten auf dem Bildschirm, als sein Avatar in Alpha Realms IV sich aus einem Hinterhalt befreite.

Leise lachend trat Jayne auf den Balkon hinaus. Nur das Rascheln ihres seidenen Morgenmantels war zu hören. „Verstehe. Ein neues Spielzeug von deinem Kumpel Troy Donavan?“

Conrad hatte kostenlosen Zugriff auf Videospiele, seitdem ein ehemals krimineller Schulfreund von ihm eine florierende Softwarefirma führte. „Ich nehme mir eine Auszeit und muss dafür nicht mal die Stadt verlassen. Kann ich etwas für dich tun?“

„Ich habe mir gerade ein Glas Wasser geholt und gesehen, dass du noch wach bist. Du warst schon immer ein Nachtmensch.“

Oft war sie früher nachts hinter ihm aufgetaucht, hatte ihm die Arme um die Schultern gelegt und ihm eine entspannende Massage angeboten. Und jedes Mal war daraus mehr geworden.

„Setz dich doch.“ Er ließ seinen Avatar in den Ruinen einer apokalyptischen Stadt um eine Ecke biegen. „Aber ich kann dir nicht versprechen, dass ich ein anregender Gesprächspartner bin.“

„Spiel ruhig weiter.“

„Mmh …“ Aus dem Augenwinkel beobachtete er, wie Jayne sich auf den Liegesessel gleiten ließ. Der seidene Morgenmantel zeichnete ihre Kurven so genau nach, dass sie beinahe nackt wirkte.

Sie kreuzte die Fesseln, flauschige Pantoffeln baumelten von ihren Zehen. „Warum arbeitest du weiter, wenn du dich eigentlich zur Ruhe setzen könntest?“

Weil mein rasanter Lebensstil unter lauter Promis die perfekte Tarnung ist, um Verbrecher wie Zhutov zu Fall zu bringen. „Du wusstest doch von Anfang an, dass ich für die Arbeit lebe.“

„Ich erinnere mich noch an unsere erste Begegnung“, sagte sie.

Das Licht der Wandleuchte hob ihr Gesicht aus der Dunkelheit hervor. „Du warst einer der unausstehlichsten Patienten, die mir in der Notfallaufnahme je begegnet sind.“

Conrad war in Miami für Salvatore einer Spur nachgegangen. Am nächsten Morgen wäre er wieder in Monte Carlo gewesen, hätte ihm nicht am Flughafen ein Kofferträger eine schwere Tasche auf den Fuß fallen lassen. Selbst wenn er die Zähne zusammenbiss, konnte er nicht auftreten. Also landete er in der Notfallaufnahme. Und hörte nicht auf zu protestieren.

Seine Laune hatte sich erst gebessert, als die Oberschwester der Nachtschicht das Wartezimmer betrat, um herauszufinden, warum er das Personal herumscheuchte. „Ich war überrascht, dass du überhaupt mit mir reden wolltest, nachdem ich mich wie der letzte Idiot benommen hatte.“

„Und ich kann immer noch nicht glauben, dass du darauf bestanden hast, von uns neue Schuhe zu bekommen, um zu verschwinden. Du hättest ein wichtiges Treffen, das du wegen eines angestoßenen Zehs nicht verpassen wolltest. So hast du es genannt.“

„Ja, es war nicht gerade meine Sternstunde.“

„Aber es war clever, dem Personal Blumen zu schicken, nachdem du ihnen so auf die Nerven gegangen bist.“ Sie fuhr sich mit der Hand durchs Haar. „Ich glaube, ich habe es dir nie gesagt. Aber als sie dich brachten, habe ich gedacht: Der gehört mir.“

„Und ich wollte dich herumkriegen. Da fand ich es clever, mich bei deinen Kollegen zu entschuldigen.“ Unter dem Vorwand, sich nach Immobilien umsehen zu wollen, hatte er seinen Aufenthalt in Miami verlängert.

Drei Monate später waren sie durchgebrannt und hatten in einer schlichten Zeremonie am Meer geheiratet. Zwei seiner ehemaligen Mitschüler waren Trauzeugen gewesen.

Jayne nippte an ihrem Wasser, und ihre Augen glänzten, als hielte sie die Tränen zurück. „Das war’s also jetzt für uns.“

„Schön zu wissen, dass es für dich nicht leichter ist als für mich.“

Als sie das Glas abstellte, zitterte ihre Hand. „Natürlich ist es nicht leicht für mich. Aber ich will es endlich hinter mich bringen. Und wieder glücklich sein.“

Verdammt, es ging ihm wirklich unter die Haut, dass er ihr noch immer etwas bedeutete. „Es tut mir leid, dass du unglücklich bist.“ Vor langer Zeit hätte er Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um ihr zu geben, was immer sie wollte. Nun schien er nichts mehr für sie tun zu können, außer in die Scheidung einzuwilligen.

„Wirklich?“ Sie setzte sich auf die Ecke des Liegesessels. „Warum hast du dann so lange damit gewartet, die Papiere zu unterschreiben?“

„Meine Güte, Jayne, ich will nur, dass wir beide glücklich sind. Auch wenn das bedeutet, dass wir getrennte Wege gehen. Aber im Augenblick scheinen wir uns mit einem glatten Schnitt schwerzutun.“

„Wie meinst du das?“

Um sie zurückzuholen, würde er sich mehr einfallen lassen müssen, als ihren Kollegen ein paar Rosen zu schicken. „Ich glaube, wir sollten uns ein paar Tage Zeit nehmen, um mit allem abzuschließen.“

„Wir waren sieben Jahre verheiratet.“ Aus der Tasche ihres Morgenmantels zog sie die kleine Schatulle, in der ihr Verlobungs- und ihr Ehering lagen, und öffnete sie. „Wie willst du in zwei Tagen einen Schlussstrich ziehen, wenn uns das in den letzten drei Jahren nicht gelungen ist?“

Er wollte diese Ringe nicht mehr sehen. Es sei denn, sie waren dort, wo sie hingehörten … an ihrem Finger.

„Und, konntest du mich vergessen? Mir ist das nicht einmal mit einem Ozean zwischen uns gelungen.“

„Ich will nicht mit dir streiten.“ Sie schloss die Finger um die beiden Ringe. „Was genau stellst du dir vor?“

Jetzt rückte sein Sieg in greifbare Nähe. Doch er musste behutsam sein, denn wenn er zu forsch vorging, riskierte er, Jayne zu vertreiben.

„Ich schlage vor, dass wir einfach zusammen ausgehen, ganz unverbindlich. Mein alter Kumpel Malcolm Douglas spielt morgen Abend ganz in der Nähe. Ich habe Karten. Komm doch mit.“

„Und wenn ich Nein sage?“

Auf keinen Fall. Er spielte seine Trumpfkarte aus. „Willst du meine Unterschrift auf dem Scheidungsantrag oder nicht?“

Sie ließ die Ringe auf den Laptop fallen, der zufällig auf den Papieren lag. „Willst du mich etwa erpressen?“

„Nennen wir es lieber einen Deal.“ Er nahm den fünfkarätigen Diamanten, den er damals für sie ausgesucht hatte. Nur für sie. „Gib mir zwei Tage, und du bekommst die Papiere. Unterschrieben.“

„Nur zwei Tage?“ Argwöhnisch musterte sie ihn.

Er drückte ihr den Ring wieder in die Hand und schloss ihre Finger darum. „Achtundvierzig Stunden.“

Achtundvierzig Stunden Zeit, um sie ein letztes Mal in sein Bett zu kriegen.

3. KAPITEL

Jayne saß kerzengerade im Bett und schnappte nach Luft. Sie war aus dem Schlaf gerissen worden … vom Sonnenlicht.

Hell schien die Morgensonne durch den Spalt zwischen den Gardinen. Es war schon später Vormittag. Sie warf einen Blick auf den Wecker neben dem Bett: 10:32 Uhr?! Verwirrt schob sie sich das zerzauste Haar aus der Stirn und blinzelte. Doch der Wecker zeigte noch immer dieselbe Uhrzeit an.

Sie verschlief nie und hatte auch sonst eigentlich keine Probleme mit Jetlag. Das lag an all den Jahren, die sie als Krankenschwester in der Notfallaufnahme in Wechselschicht gearbeitet hatte. Nur gestern Abend hatte sie sogar nach einem ausgiebigen Schaumbad Probleme gehabt, Schlaf zu finden. Und sie hatte mit dem Feuer gespielt, indem sie in einer Mondnacht am Mittelmeer Conrad nahegekommen war.

Er hatte sie überredet hierzubleiben.

Konnte sie ihm heute überhaupt in die Augen blicken, nach allem, was sie zu ihm gesagt hatte? Sie hatte ihm ein beinahe eindeutiges Angebot gemacht. Und er hatte abgelehnt.

Alles, was er wollte, war ein Abschied, bei dem sie sich gegenüberstanden und sich die Hand gaben. Also sollte sie sich jetzt endlich wie eine reife Frau benehmen und die nächsten achtundvierzig Stunden durchstehen, ohne sich noch einmal vor diesem Mann lächerlich zu machen.

Sie schob die Bettdecke zur Seite, stand auf und blickte in den Spiegel. Mit den zerzausten Haaren und den dunklen Ringen unter den Augen sah sie schlimmer aus als nach einer Doppelschicht im Krankenhaus.

Ihr Stolz verlangte nach einer Dusche und nach frischer Kleidung, bevor sie Conrad gegenübertrat. Denn der würde ohne Zweifel scharf aussehen, egal was er trug.

Als sie eine halbe Stunde später aus dem Bad kam, trug sie ihre hautenge schwarze Lieblingsjeans und eine Piratenbluse mit einem Gürtel auf der Taille.

Nervös öffnete sie die Tür zum Salon, und Kaffeeduft stieg ihr in die Nase. Beim Gedanken daran, dass sie Conrad gleich beim Frühstück gegenübersitzen würde, fühlte sie sich alles andere als entspannt.

Aber sie hatten eine Vereinbarung getroffen, und sie würde sich von ihm nicht die Butter vom Brot nehmen lassen … und ihn vor allem nicht noch einmal bitten, mit ihr zu schlafen.

Sie ging durch das Wohnzimmer, das eher einer Räuberhöhle glich, zum Esszimmer. Und … Grundgütiger … er hatte ihre elegante Essecke gegen einen grob gezimmerten Tisch ausgetauscht, der eher in einen irischen Pub gehörte. Sie traute ihren Augen nicht.

Der Tisch war für zwei Personen gedeckt, doch Conrad war nirgendwo zu sehen. Ein klapperndes Geräusch aus der Küche kündigte den Teewagen an, der nun hereingerollt wurde.

Der Wagen wurde von einer Frau geschoben, die Jayne noch nie gesehen hatte. Darauf standen ein Teller mit Gebäck, eine Schale Obst und zwei Silberkannen. In diesem Augenblick war Essen das Letzte, was sie interessierte. Sie wollte vielmehr wissen, wer die Fremde war. Diese rothaarige Schönheit, die sich in Conrads Haus ausgesprochen wohl zu fühlen schien.

„Guten Morgen. Ich bin Jayne Hughes. Und wer sind Sie, bitte?“

Da der langbeinige Rotschopf Jeans und eine Seidenbluse trug, konnte sie kaum zum Hauspersonal gehören.

„Ich bin Hillary Donavan. Die Ehefrau von Conrads Freund.“

„Troy Donavan, der mit Computern Millionen gemacht hat und mit Conrad zur Schule gegangen ist.“ Nun fügten sich die Teile des Puzzles ineinander. Plötzlich kam sie sich ausgesprochen albern vor.

Hillary Donavan war hübsch … und glücklich. Das Strahlen einer frisch verheirateten Frau ging von ihr aus, und Jayne fühlte sich plötzlich traurig und müde.

Sie zwang sich zu lächeln. „Ich nehme an, das Frühstück ist für uns?“

„Warum … äh … ja, es ist für uns“, antwortete Hillary und zeigte auf den Teller mit den Blätterteigtaschen. „Mit Frischkäse gefüllt. Die essen Sie doch am liebsten, stimmt’s? Dazu Schoko-Minze-Tee für Sie und Kaffee für mich.“

Jayne konnte der Versuchung nicht widerstehen, herauszufinden, wer diese Auswahl getroffen hatte. „Wie nett vom Küchenpersonal, sich an meine Vorlieben zu erinnern.“

„Also … ehrlich gesagt …“ Hillary schob den Teewagen zwischen zwei Stühle und gab Jayne mit einem Wink zu verstehen, dass sie sich setzen sollte. „Ich war mal Eventmanagerin, Neugier ist meine Berufskrankheit. Ich habe Conrad gefragt, und er konnte mir genau sagen, was Sie mögen.“

Daran erinnerte er sich? Sie musterte die neuen Möbel und fragte sich, wie oft er sich wohl ihren Wünschen untergeordnet hatte, ohne dass sie es ahnte.

Jayne berührte den goldenen Rand eines Tellers, der zu ihrer Aussteuer gehört hatte. „Ich wusste gar nicht, dass Sie und Troy jetzt in Monte Carlo leben.“

„Eigentlich sind wir nur zu einem Klassentreffen hergekommen und um Malcolms Wohltätigkeitskonzert heute Abend zu besuchen. Es ist ausverkauft. Anscheinend erobert er die Côte d’Azur im Sturm.“

Sie wollten mit Conrad und ihr zu diesem Konzert? Jayne fühlte sich wie ein Mädchen, das geglaubt hatte, es wäre als einziges ins Kino eingeladen worden, und dann feststellen musste, dass die ganze Klasse mitging.

„Ich bin richtig ins Schwärmen geraten, als ich Malcolm Douglas kennengelernt habe.“ Hillary goss sich Kaffee aus der silbernen Kanne ein. „Oh, und ich soll Ihnen sagen, dass heute Nachmittag ein paar Abendkleider gebracht werden, damit Sie sich eins aussuchen. Hoffentlich nehmen Sie es mir nicht übel, dass ich mich einmische.“

„Ich freue mich über die Gesellschaft. Nicht viele von Conrads Freunden sind verheiratet.“ Immer wenn Troy zu Besuch gekommen war, hatte sie sich eine Freundin gewünscht, mit der sie sich die Zeit vertreiben konnte. Nun hatte sie endlich eine … obwohl es eigentlich zu spät war.

„Sie kommen jetzt erst in das Alter.“ Lachend schüttelte Hillary den Kopf. Ihre unkomplizierte Freundlichkeit war ansteckend. „Schließlich hätte es auch niemand für möglich gehalten, dass mein Mann, der Robin Hood unter den Hackern, häuslich werden würde.“

Der Robin Hood unter den Hackern war als Jugendlicher in das System des Verteidigungsministeriums eingedrungen und hatte einen Korruptionsskandal aufgedeckt. Und war danach zusammen mit Conrad auf dem Militärinternat in North Carolina gelandet. Malcolm Douglas war später zu ihnen gestoßen, nachdem er wegen seines Geständnisses Strafmilderung in einem Prozess wegen Drogenmissbrauchs bekommen hatte.

Kopfschüttelnd nahm Jayne sich eine Pastete und schnitt sie auf. „Sie sind nicht gerade, was ich erwartet habe, als ich las, dass Troy geheiratet hat.“

„Was haben Sie denn erwartet?“

„Jemanden, der nicht so … normal ist.“ Sie hatte sich in Conrads Kreisen immer einsam gefühlt. Nie hätte sie geglaubt, dort eine Freundin zu finden, die den Nachbarskindern ähnelte, mit denen sie aufgewachsen war. „Ich habe mich ungeschickt ausgedrückt. Ich hoffe, Sie haben das nicht falsch verstanden.“

„Kein Problem. Troy ist ein bisschen exzentrisch, und ich … na ja … ich bin es eben nicht.“ Sie drehte den mit Diamanten und Smaragden besetzten Ehering an ihrem Finger und lächelte zufrieden. „Wir ergänzen uns.“

Dasselbe hatte Jayne vor langer Zeit über Conrad und sich selbst gedacht. Sie war die Romantikerin, er der dunkle Held. Und ihr größter Wunsch war es gewesen, seine gequälte Seele zu heilen.

Das Silberbesteck klirrte gegen die Porzellanteller, als sie aßen, und das Schweigen zog sich in die Länge. Jayne spürte Hillarys neugierige Blicke, ihre unausgesprochenen Fragen.

Sie hob die Teetasse. „Fragen Sie ruhig.“

„Ich möchte nicht unhöflich sein.“ Hillary legte ihre Gabel neben den Teller. „Aber ich bin überrascht, Sie und Conrad zusammen zu sehen. Hoffentlich bedeutet das, dass Sie sich versöhnt haben.“

„Nein, die Scheidung wird bald endgültig sein.“

Anfangs war sie noch davon ausgegangen, dass Conrad sich ändern würde. Doch nie hatte er ihr seine geheimnisvollen Reisen erklärt. Wenn er verschwand, hinterließ er keine Notiz und rief auch nicht an. Seine Entschuldigungen bei der Rückkehr waren fadenscheinig. Sie hätte so gern geglaubt, dass er nicht wie sein Vater war … oder wie ihrer.

Doch sie würde sich nicht zum Narren halten lassen. Er vertraute ihr nicht. Also war er nicht der Mann, den sie sich erhofft hatte, und wahrscheinlich hatte er sie auch nie wirklich geliebt.

Jetzt war sie froh, dass er sie gestern Abend abgewiesen hatte. Denn wenn sie mit ihm im Bett gelandet wäre, hätte sie es am nächsten Morgen bitter bereut. Ihr Körper und ihr Verstand waren sich noch nie einig gewesen, wenn es um ihren Ehemann ging.

Doch ihr gebrochenes Herz erinnerte sie daran, besser nur auf ihren gesunden Menschenverstand zu hören.

Conrads gesunder Menschenverstand sagte ihm, dass er heute Abend einen Vorteil haben würde, wenn er tagsüber auf Abstand ging.

Ihr Anblick auf dem Bildschirm, der Kameraaufnahmen aus dem Schwimmbad zeigte, machte es ihm allerdings nicht leicht.

Der Überwachungsraum des Casinos war der sicherste Ort, um sich mit seinen Kumpels von der Highschool zu treffen. Nichts würde von hier nach außen dringen.

Troy Donavan und Malcolm Douglas waren ebenfalls von Colonel Salvatore für Interpol angeheuert worden. Der Colonel hatte seine eigene kleine Armee von freien Mitarbeitern aus den Reihen seiner ehemaligen Schüler rekrutiert. Sie waren einander eng verbunden, weil jeder von ihnen versuchte, sein Leben wieder auf die Reihe zu kriegen.

Sie waren die Alphabruderschaft. Und sie konnten alles schaffen.

Und die Arbeit für Salvatore schweißte sie noch enger zusammen.

Die Reste vom Lunch standen noch auf dem Tisch. Normalerweise hätte Conrad sich bei diesem Treffen königlich amüsiert. Heute nicht. Zu sehr war er in Gedanken bei Jayne, und sein Blick wurde magisch von dem Bildschirm angezogen.

Wie gebannt beobachtete er Jayne, die mit Troy Donavans Frau am Indoor-Pool lag. Sie wirkte entspannt und glücklich.

Troy ließ seinen Hut durch den Raum segeln. Er streifte Conrad an der Schulter. „Alles in Ordnung, Kumpel?“

Conrad hob den Hut vom Boden auf und warf ihn auf den Tisch neben seinen halb leer gegessenen Teller Ratatouille. „Ja, warum?“

„Ach, ich weiß nicht …“ Malcolm fuhr den Drehstuhl ein wenig hinunter. „Vielleicht, weil du die ganze Zeit auf dem Monitor da deine Exfrau anstarrst.“

„Noch ist sie nicht meine Exfrau.“ Er widerstand der Versuchung, Malcolm anzuschnauzen.

Conrad zwang sich, den Blick von Jayne abzuwenden. Er schob die Teller zur Seite und griff nach einem Kartenspiel. „Hat jemand Lust auf eine Partie?“

Und wenn er es nicht schaffte, eine letzte Nacht mit Jayne zu verbringen? Dann würde für den Rest seines Lebens dieser Hunger an ihm nagen, sobald er einer blonden Frau begegnete. Obwohl keine ihn innerlich so berührte wie Jayne, egal, welche Farbe ihr Haar hatte.

Erst wenn er heute Abend nach dem Konzert mit Jayne auf dem Sofa liegen und sie wieder ihm gehören würde, wäre er zufrieden.

In den letzten drei Jahren hatte Jayne kein einziges Date gehabt. Und nun nahm ausgerechnet ihr Noch-Ehemann sie auf eine Charity-Gala an der Côte d’Azur mit …

Sie musste zugeben, dass sein Vorschlag, einen friedlichen Mittelweg zu finden, durchaus Vorteile hatte … obwohl er sie beinah erpresst hätte, um sie zur Kooperation zu bewegen.

In dem historischen Opernhaus konnte sie wenigstens in der Menschenmenge untertauchen, einfach neben Conrad sitzen und die Musik genießen. Malcolm Douglas sang Songs aus den Vierzigerjahren und begleitete sich dazu auf dem Piano.

Was machte es schon, dass ihr Ehemann den Arm um sie gelegt hatte?

Tatsächlich war sie überrascht, wie sehr er sich tagsüber zurückgehalten hatte. Allein aufzuwachen, war eine Sache. Aber den ganzen Tag ohne Conrad zu verbringen …

Er schien sich also ihren Wünschen zu fügen. Oder nicht?

Als die Mittagszeit vorbei war, fragte sie sich, ob sie sein Angebot, zusammen auszugehen, richtig verstanden hatte.

Doch dann brachte eine Hausangestellte eine Auswahl an Abendgarderobe in Jaynes Größe. Sie wählte ein schulterfreies silberfarbenes Kleid. Das Wetter war hier so mild, dass sie nur ein Tuch aus schwarzem Satin dazu tragen musste.

Als Conrad in die Suite kam, um sie abzuholen, waren ihre Nerven zum Zerreißen gespannt. Seine breiten Schultern füllten das Jackett des Smokings perfekt aus. Es war geradezu gemein, wie attraktiv er war.

Auf dem Weg zur Limousine erwartete Jayne, dass Conrad jetzt einen Vorstoß wagen würde. Doch dann sah sie Troy und Hillary Donavan im Wagen sitzen. Sie wollten vor dem Konzert noch mit ihnen essen gehen.

Der Abend war perfekt.

Jaynes Enttäuschung auch.

Mit dem Daumen fuhr Conrad über die empfindsame Haut ihrer Halsbeuge, da, wo ihr Puls zu spüren war. Sie schnappte nach Luft.

Hillary beugte sich zu ihr und flüsterte: „Alles in Ordnung?“

Jayne zuckte zusammen und widerstand der Versuchung, Conrads Arm wegzuschieben. „Ja, ich genieße nur.“

Das Gefühl von Conrads Hand auf ihrer nackten Haut.

Grundgütiger.

Er verlagerte das Gewicht auf seinem Sitz und streichelte ihren Oberarm. Schauer der Erregung liefen über ihr Rückgrat. Es kostete sie große Mühe, nicht zu stöhnen und wieder Hillarys Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Er musste doch wissen, was er da tat.

Vor ihrem inneren Auge tauchten lebhafte Erinnerungen an die Zeit auf, als er eine private Loge für eine Aufführung von La Bohème gemietet und ihr die Hand unter das Kleid geschoben hatte, um sie zu verwöhnen.

Warum ließ er sie jetzt so zappeln?

In der Pause gingen die Lichter an, und Conrad ließ sie los, um zu applaudieren.

Sie biss sich auf die Unterlippe, um nicht zu seufzen.

Er stand auf und beugte sich über sie. „Macht es dir etwas aus, Hillary Gesellschaft zu leisten? Ich muss mit Troy übers Geschäft reden. Er entwickelt gerade eine neue Software gegen Hackerangriffe auf das Casino.“

„Natürlich.“ Sie hatte kein Recht mehr zu widersprechen, seit sie ihn vor drei Jahren im Stich gelassen hatte. Bald würde ihre Trennung offiziell und rechtsgültig sein.

„Danke“, sagte er und nahm ihr Gesicht einen Moment lang sanft in die Hände, bevor er sich wieder aufrichtete. Als er ging, blickte er über die Schulter zurück. „Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber du bist noch schöner als an dem Abend, als wir La Bohème gesehen haben.“

Ihr blieb der Mund offen stehen.

Es war kein Zufall, dass er jene unglaubliche Nacht erwähnte. Conrad wusste genau, was er tat. Ohne Zweifel hatte ihr cleverer Ehemann den ganzen Tag lang jeden seiner Schritte geplant, um sie umzustimmen.

Tat er das, um sie noch einmal abweisen zu können? Oder wollte er sichergehen, dass sie es sich nicht in letzter Sekunde anders überlegte?

So oder so, zu diesem Spiel gehörten zwei.

4. KAPITEL

Conrad schaltete einen Gang herunter, als er mit dem Jaguar die Kurve der Küstenstraße nahm. Auf dem Beifahrersitz saß Jayne.

Nach dem Konzert hatten sie sich von Troy und Hillary verabschiedet. Der Jaguar stand in einer Nebenstraße, denn er war Teil seines Plans, Jayne zu verführen.

Sie liebte nächtliche Spritztouren an der Küste, und da keiner von ihnen viel Schlaf brauchte, wollte er den verlängerten Heimweg nutzen, um sie herumzukriegen.

Er wollte sichergehen, dass sie direkt in seinem Bett landeten. Oder auf dem Teppich vorm Kamin. Selbst das Weinregal hätte es getan, solange Jayne nur nackt in seinen Armen lag. Das Verlangen hatte tagsüber reichlich Zeit gehabt, vor sich hin zu brodeln, und nun kochte es fast über.

Er blickte seine Frau von der Seite an. Im Mondlicht spielte sie mit einer Strähne ihres blonden Haars, und am liebsten wäre er mit den Fingern durch die seidige Mähne gefahren.

Sie berührte ihn leicht am Arm. „Bist du sicher, dass du heute Abend nicht lieber mit Malcolm plaudern möchtest?“

Auf keinen Fall. „Damit er auf seine Groupies verzichten muss?“ Er ließ die Hand auf dem Schaltknüppel liegen und genoss es, dass Jayne ihn berührte. „Nicht einmal ich bin so egoistisch.“

„Wenn du meinst.“ Sie zog die Hand zurück. Die leichte Berührung hatte ihn elektrisiert.

Conrad beschleunigte. „Wir haben uns heute Nachmittag schon unterhalten. Troy war auch dabei.“ Er zwang sich, wieder auf die Straße zu sehen, damit er den Wagen nicht über den Abhang ins Meer jagte. „Du und Hillary, ihr scheint euch gut zu verstehen.“

„Ja, sie ist nett. Und es war gut, die Meinung einer anderen Frau zum Kleid für heute Abend zu hören.“ Sie fuhr sich mit dem Daumen über das nackte Schlüsselbein. Das schwarze Tuch war ihr längst auf die Taille gerutscht.

Das silberfarbene Abendkleid funkelte im Schein des Armaturenbretts und schien ihn aufzufordern, an die Seite zu fahren und mit ungeteilter Aufmerksamkeit das enge Mieder aufzuschnüren …

Sieh auf die Straße …

Er lenkte den Jaguar um die nächste Kurve. Weit unter ihnen funkelten die Lichter der Jachten auf dem Wasser.

Sie neigte den Kopf zur Seite. „Worüber denkst du nach?“

„Sag mir lieber, woran du denkst.“

„Äh … hallo?!“ Sie stieß ein trockenes Lachen aus. „Du wolltest doch, dass ich an den Abend in La Bohème denke. Das ist dir gelungen.“

Wie elegant sie den Spieß umdreht. Er mochte die Art, wie sie die Kontrolle behielt. Es erinnerte ihn daran, wie sie ihn damals nach der Aufführung in seinem Lieblingssessel verführt hatte. „Na ja … das war sicher ein … denkwürdiger Abend.“

„Nicht alles an unserer Ehe war schlecht“, gab sie zu.

„Die italienische Oper wird immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben“, sagte er und grinste.

Er hatte den verdammten Sessel weggeworfen, nachdem sie gegangen war. Und dann hatte er auch die meisten anderen Möbel verhökert. Zum Beispiel den Esstisch, der ihn daran erinnerte, wie sie mit einer Erdbeere im Mund wie ein Panther auf ihn zu­gepirscht war.

Vorsichtig schob Jayne das Tuch wieder auf ihre Schultern. Jetzt in der Nacht war die Temperatur auf zehn Grad gefallen. „Ich dachte, deine Lieblingsoper sei Don Giovanni.“

„Die Geschichte eines Helden, der für seine Sünden in der Hölle landet?“ Wie passend. „Ja, lange war das meine Lieblingsoper. Komisch, dass du dich daran erinnerst.“

„Du wusstet doch auch noch, was ich zum Frühstück mag.“

Er hatte sich viele Dinge gemerkt, die sie mochte. Und er hatte wie ein Pferd geschuftet, um sie glücklich zu machen, als er spürte, dass ihre Ehe unter ihm nachgab wie Treibsand. „Wir waren immerhin vier Jahre zusammen. Und ich wollte den Rest meines Lebens mit dir verbringen.“

„Glaubst du, ich nicht?“ Ihre Stimme klang schmerzerfüllt, so dunkel wie die Wolken, die sich vor die Sterne geschoben hatten. „Ich wollte eine Familie mit dir gründen.“

Noch einer ihrer Träume, den er zerstört hatte. Die Beweise seines Versagens türmten sich vor ihm auf. Sein Zorn auf sich selbst wuchs ins Unermessliche.

In einer einsamen Haltebucht brachte er den Wagen zum Stehen. Er zog die Handbremse an und wünschte, die Wut ließe sich genauso leicht abstellen wie der Jaguar. „Ich habe dir einen Welpen geschenkt, verdammt.“

„Aber ich wollte ein Baby.“

„Also gut …“ Er beugte sich zu ihr und hoffte beinahe, dass sie ihn ohrfeigen würde. Alles war besser, als die Tränen in ihren Augen zu sehen. „Dann lass uns ein Baby machen.“

Hart presste sie ihm die Handflächen gegen die Brust und schob ihn weg. Ihr zuckender Kiefer verriet, dass sie allmählich wütend wurde. „Wage es nicht, dich über mich lustig zu machen!“

„Ich meine es ernst. Ich möchte mit dir zusammen sein.“

„Bist du mir deshalb ständig aus dem Weg gegangen?“, schrie sie ihn an und umklammerte die Aufschläge seines Jacketts. „Volle drei Jahre lang?“

Es erwischte ihn kalt. „Das hat dir etwas ausgemacht?“

„Drei Jahre lang hast du mich ignoriert.“ Sie riss sich los und lehnte sich gegen die Tür, die Arme unter der Brust verschränkt. Der Anblick war wundervoll. „Hast du mich heute hingehalten oder nicht?“

Sorgfältig wählte er seine Worte. Er wollte endlich mit ihr schlafen, aber ohne dass die Vergangenheit wie ein Damoklesschwert über ihnen schwebte. „Ich dachte nur, wir bräuchten nach gestern beide etwas Abstand, damit wir den Abend zusammen genießen können.“

„Okay, das hört sich vernünftig an“, gab sie zu.

„Ich bin ein logisch denkender Mann.“ Er war so nahe daran, sie herumzukriegen, dass er sie schon zu spüren glaubte.

„Mag sein, aber ich verstehe nicht die Hälfte von dem, was du tust, Conrad. Ich weiß nur eins: Wenn du mich wirklich lieben würdest, dann wärst du ehrlich gewesen.“ Die Worte sprudelten nur so aus ihr heraus. „Du willst nur nicht verlieren. Ich bin eine Trophäe für dich. Für dich ist alles nur ein Spiel.“

„Beruhige dich“, sagte er mit sanfter Stimme, und mit der Hand berührte er leicht ihr seidiges Haar. „Das Risiko wäre mir viel zu hoch. Ich bin nicht in der Stimmung zu spielen.“

„Was tust du dann? Denn dieses Hin und Her, diese Folter … das hat nichts mit Frieden zu tun.“

„Du hast recht.“ Mit der Fingerspitze zeichnete er die Umrisse ihres Ohres nach, hinunter bis zur sanften Neigung ihres Halses.

Sie schloss die Augen, die Luft schien beinahe zu knistern. „Machst du das, damit ich bei dir bleibe?“

„Ich habe dir gesagt, was ich will. Eine Chance für uns, auf Wiedersehen zu sagen.“ Er fuhr mit dem Daumen über die pulsierende Ader an ihrem Hals, und es erregte ihn, sich vorzustellen, dass ihr Herz seinetwegen schneller schlug. „Du wolltest gehen, nicht ich, aber nach drei Jahren habe ich verstanden, dass du es ernst meinst.“

Ihre Lider flatterten. „Und du akzeptierst meine Entscheidung?“

„Vor gerade mal dreißig Sekunden hast du mich angeschrien.“

Er zeichnete mit dem Zeigefinger die Kontur ihrer Lippen nach und spürte ihren heißen Atem an seiner Handfläche.

„Willst du mich etwa als Furie bezeichnen?“ Sie knabberte an seinem Finger.

Er hielt den Atem an. „Natürlich nicht.“

„Immerhin habe ich dich beschimpft.“

„Dazu hattest du jedes Recht.“ Er nahm ihr Gesicht in beide Hände. Sie sollte endlich verstehen, wie viel sie ihm bedeutet hatte und noch immer bedeutete. „Ich bin ein Mistkerl. Aber ich bin auch der Mann, der jeden Tag deines Lebens für dich da gewesen ist.“

Ungläubig blickte sie ihm in die Augen. Sein Mund war ihrem so nah, dass ihr Atem sich vermischte. Etwas in ihrer Miene ließ ihn zögern.

„Na klar, Conrad. Es sei denn, du warst gerade nicht erreichbar.“

Seufzend ließ er sich gegen die Lehne seines Sitzes fallen. „Ich habe Firmen auf der ganzen Welt.“

„Immer dieselbe Leier“, sagte sie, und ihre Stimme klang gleichzeitig wütend und erschöpft. „Aber wer bin ich, dich zu verurteilen? Du bist nicht der Einzige, der ein Geheimnis wahren kann.“

Schlagartig wurde ihm eiskalt. „Was soll das heißen?“

„Willst du wissen, was das Fass zum Überlaufen gebracht hat? Warum ich gegangen bin?“ Ihre Augen füllten sich mit Tränen.

„Es hat ein paar Tage gedauert, bis ich zurückgerufen habe, und da hattest du die Nase voll.“ Er hatte die Sekretärin gefeuert, die Jaynes Anrufe nicht durchgestellt hatte.

„Sieben Tage, Conrad. Sieben.“ Sie zeigte mit dem Finger auf ihn. Ihre Stimme zitterte, und schon rollte ihr eine Träne über die Wange. „Ich habe angerufen, weil ich dich brauchte. Es war nach der Mammografie, und der Arzt wollte gleich eine Gewebeprobe entnehmen.“

Ihre Worte trafen ihn wie ein Schlag in die Magengrube. „Meine Güte, Jayne … Wenn ich das gewusst hätte …“

„Hast du aber nicht.“ Langsam schob sie seine Hände weg. „Und mach dir keine Sorgen. Der Knoten war gutartig, aber ich hätte dich damals wirklich gern in meiner Nähe gehabt. Also erzähl mir nicht, du wärst an jedem Tag meines Lebens für mich da gewesen.“

Plötzlich wurde ihm überdeutlich bewusst, dass er Jayne im Stich gelassen hatte. Er schloss die Augen und unterdrückte den Drang, aus dem Wagen zu springen und vor Wut auf sich selbst laut zu schreien.

Dann atmete er tief durch und gewann allmählich die Fassung wieder. Er drehte sich zu ihr. „Was ist mit dem Welpen passiert?“

„Wie bitte?“ Sie fuhr sich mit dem Handrücken über die feuchte Wange.

„Was ist aus Mimi geworden, nachdem du mich verlassen hast?“ Mimi, die nach der Heldin aus La Bohème benannt worden war.

„Oh, ich habe sie natürlich behalten. Sie ist bei … bei einem Hundesitter.“

Natürlich hatte sie den Hund behalten. Jayne war kein Mensch, der die guten Dinge des Lebens wegwarf. So ein Mensch war er.

Nur eine Sekunde lang nahm er Jaynes meeresfrischen Duft wahr, bevor sie sein Gesicht in die Hände nahm und ihn küsste, in dem verzweifelten Bemühen, die Vergangenheit zu vergessen. Das tosende Geräusch der Wellen, die sich am Ufer brachen, schien ihre eigene innere Unruhe zum Ausdruck zu bringen.

Er nahm sie in die muskulösen Arme und erwiderte ihren Kuss leidenschaftlich.

Was für eine köstliche Mischung aus Gewohntem und völlig neuen Empfindungen! Eine Gänsehaut überzog Jaynes Arme, und ihr ganzer Körper prickelte. Sie ließ die Hände von den Bartstoppeln an seinem Kinn zu seinen Schultern hinunterwandern.

Himmel, das hier hatte sie sich seit der Sekunde gewünscht, in der sie ihn im Casino hinter sich gespürt hatte. Die berauschende Wärme seines Körpers und der Duft seines Rasierwassers zogen sie magisch an.

Die Art, wie er ihr das Haar aus dem Gesicht strich und ihre Arme streichelte, entfachte eine vertraute Hitze in ihr. Es war richtig, ihn zu verführen. Hier, in seinen Armen, musste sie nicht mehr über die Schmerzen der Vergangenheit nachdenken. Zur Hölle mit ihrem inneren Frieden und der Lösung ihres Problems! Es brachte nur neuen Kummer, sich immer wieder mit dem Schnee von gestern zu befassen. Noch ein letztes Mal würde sie diese Lust auskosten.

Und dann: Leb wohl!

Er bedeckte ihren Hals mit Küssen, und sein Dreitagebart kratzte erregend auf ihrer Haut. Sie neigte den Kopf weit zur Seite, ein wohliges Seufzen entfuhr ihr. Zärtlich strich sie über den edlen Stoff seines Smokings, der sich über kräftigen Muskeln spannte, und ließ die Finger durch sein Haar gleiten. Sie wollte ihm mehr geben und mehr von ihm nehmen. Sanft zog sie an ihm, um seinen Mund wieder auf ihren Lippen zu spüren.

Wie eine Welle rollte bittersüße Lust durch ihren Körper und erinnerte sie daran, wie gut sie zueinander passten. Ihre Brüste schmerzten vor Verlangen, von ihm berührt zu werden. Sie wand sich, um ihm noch näher zu kommen, und presste sich gegen seine harten Brustmuskeln. Dann versuchte sie, ein Bein über ihn zu schwingen … und stieß an den Steuerknüppel.

„Mist.“ Sie spürte Conrads erstickten Fluch mehr, als sie ihn hörte, doch der Gedanke, jetzt aufzuhören, war unerträglich.

Sie schob die Hände unter sein Jackett und grub die Nägel in den feinen Stoff des Hemdes. Drei Jahre ohne Sex … ohne ihn

Federleicht strich er ihr mit der Hand über das Bein und suchte sich einen Weg unter ihr Kleid, wie er es vor Jahren immer getan hatte. Seine kräftigen Hände rieben über ihre Haut und entfachten eine intensive Lust in ihr. Sie wollte mehr davon, immer mehr.

Allerdings war die private Opernloge wesentlich geräumiger gewesen als der Jaguar. Und sie wollte mehr als nur seine Hände auf ihrem Körper.

„Nimm mich …“, keuchte sie.

„Genau das habe ich vor.“ Seine tiefe Stimme vibrierte in seiner Brust, und die Schwingungen übertrugen sich auf sie.

„Nicht hier. Bring mich nach Hause.“

Er lehnte sich zurück und blickte sie an, als wollte er einschätzen, wie riskant es war, eine Pause einzulegen. Er streichelte ihr über die Wange. „Bist du sicher?“

„Absolut.“

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