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Man nehme: etwas Rache, sehr viel Lust

1. KAPITEL

New Yorker Abendblatt

12. April

Finanzmogul oder Finanz-Mogelei?

Hallo, liebe New Yorker!

Wir alle wissen, was in dieser Stadt wirklich zählt – Macht und Popularität. Und es scheint, als ob der Möchtegern-Tycoon Maxwell Banfield beides endlich fest in den Händen hält.

Er ist nun stolzer Besitzer des Crown Jewel, des beliebten Luxushotels auf der 42. Straße. Neben dem noblen Vier-Sterne-Hotelrestaurant Golden ist die legendäre Bar im dreißigsten Stockwerk das eigentliche Juwel im Crown Jewel. Dort geben sich schon seit den 50er-Jahren Stars und Sternchen die Klinke in die Hand.

Hoffen wir nur, dass Maxwell Banfield seine prominente Klientel zufriedenstellen kann. Schließlich ist er in der Vergangenheit eher durch windige Geschäfte und spektakuläre Misserfolge aufgefallen.

Andererseits kann Banfield mit einem bemerkenswerten gesellschaftlichen Hintergrund aufwarten. Er ist der nächste rechtmäßige Earl of Westmore – so lautet der Adelstitel seines Vaters in England.

Nun hat der zukünftige Earl dem Namen seiner respektablen Familie nicht gerade Ehre gemacht, wenn man all seine Auftritte in der Klatschpresse bedenkt. Wie es heißt, hat der gute alte Daddy seinem Sohn den Geldhahn ab­gedreht.

Trotzdem hat er genügend Kohle für ein Luxushotel?

Da kommt man schon mal ins Grübeln, oder?

Aber vielleicht hat Max die dreißig Millionen Dollar ja einfach unter dem Sofakissen gefunden?

Wir halten die Ohren offen und euch auf dem Laufenden!

„Wir müssen etwas unternehmen.“

Mit angewidertem Gesichtsausdruck schob Shelby Dixon die Zeitung beiseite. „Woher hat dieser Betrüger Banfield Geld, um ein Hotel zu kaufen?“, fragte sie aufgebracht ihre beiden besten Freundinnen, mit denen sie in ihrem Lieblingscafé saß.

„Anscheinend gibt es außer deinen Eltern noch mehr Opfer seiner Schwindeleien“, antwortete Calla Tucker mitfühlend.

Victoria Holmes, die Dritte im Bunde, kniff ihre eisblauen Augen zusammen. „Für dreißig Millionen muss es verdammt viele Opfer geben.“

Shelby, die eigentlich aus Georgia stammte, war vor fünf Jahren nach New York gezogen, um die Kochschule zu besuchen. Mittlerweile hatte sie sich mit einem eigenen kleinen Unternehmen, dem Big Apple Catering, selbstständig gemacht, und sie hatte nicht vor, je wieder von hier fortzugehen.

Sie liebte das brodelnde Stadtleben, das Chaos und die aufregenden Gegensätze unterschiedlicher Kulturen und Lebensweisen. An ihr winziges Apartment hatte sie sich ebenso gewöhnt wie an die Touristenmassen, die vollen U-Bahnen und die nie endende Symphonie hupender Taxis.

Hier war sie zu Hause.

Friedliche Südstaatengemütlichkeit war mehr nach dem Geschmack ihrer Eltern.

Doch dank Max Banfields betrügerischem Investmentplan hatte sich deren Traum vom Altersruhesitz an der Küste in einen Albtraum verwandelt. Ihr Sparkonto war leer, ihr Lebensmut gebrochen, ihre neue Eigentumswohnung stand kurz vor der Zwangsversteigerung.

„Er hat einen reichen Vater.“ Shelby überflog noch einmal den Artikel in den Klatschspalten. „Vielleicht kann ich mich an den wenden.“

Victoria schüttelte den Kopf. „Hör auf zu träumen. Typen wie Max zahlen ihre Zeche nie.“

Callas Augen nahmen einen verträumten Ausdruck an. „Ich war übrigens letzte Woche auf einen Drink in dieser Bar ganz oben im Crown Jewel. Sehr schick. Schummrige Beleuchtung, intime Nischen und eine Theke, an der bestimmt fünfzig Gäste Platz haben.“ Sie seufzte. „Wenn ich so darüber nachdenke … der Barkeeper war heißer als mein Date.“

„Könnten wir uns wieder auf mein Problem konzentrieren?“, unterbrach Shelby ihre Schwärmerei. „Ich bekomme die Polizei einfach nicht dazu, im Fall meiner Eltern irgendetwas zu unternehmen. Und wenn es mir nicht gelingt, ihr Geld zurückzuholen, werden sie über kurz oder lang bei mir einziehen müssen.“

Calla biss genüsslich in ihr Törtchen – eins von denen, die Shelby selbst an das Café lieferte. Sie hatte viel Energie darauf verwandt, gute Beziehungen zur örtlichen Gastronomie aufzubauen. War all diese harte Arbeit in Gefahr?

Ihre Eltern konnten unmöglich mit in ihrem Ein-Zimmer-Apartment wohnen, doch eine größere Wohnung konnte sie sich einfach nicht leisten. Sie hatte die Bank angefleht, ihnen mehr Zeit zu geben, sie hatte sogar ihr Cateringunternehmen als Sicherheit angeboten. Was wäre, wenn sie ihre Firma tatsächlich aufgeben und nach Savannah zurückziehen müsste, um ihre Eltern zu unterstützen?

Das würde ihr das Herz brechen. Es musste einen anderen Weg geben.

„Wie kann es Zwietracht und Verzweiflung geben, solange es solche Köstlichkeiten gibt?“ Genüsslich leckte sich Calla die Krümel von den Fingern. „Die sind wirklich himmlisch, Shelby.“

„Zwietracht?“ Victoria blickte spöttisch. „Wo sind wir denn jetzt gelandet? Im Mittelalter oder was?“

„Wenn es nur so wäre“, seufzte Calla. „Dann könnte Shelby einfach als edler Ritter mit erhobenem Schwert die Tyrannei der Ungerechtigkeit bezwingen und Frieden und Hoffnung über das ganze Land bringen.“

„Du bist eine talentierte Reisejournalistin, Schätzchen, aber denk bitte nicht daran, dich an historischen Romanen zu versuchen.“

„Warum denn nicht? Ich denke da an ein aufregendes Abenteuer mit …“

„Einen Moment“, unterbrach Shelby sie. „Warum soll ausgerechnet ich der Ritter sein?“

„Wer denn sonst?“

„Na ja, mit Messern kann ich umgehen“, bemerkte Shelby. „Aber Schwerter sind mir eine Nummer zu groß.“

„Und Kettenhemden tragen so schrecklich auf“, fügte Victoria trocken hinzu.

Calla biss sich auf die Unterlippe. „Aber es muss doch einen Weg geben.“ Plötzlich funkelten ihre Augen vor Begeisterung. „Wir machen es wie Robin Hood.“

„Hattest du Whiskey im Kaffee?“, fragte Victoria misstrauisch.

Calla schüttelte den Kopf. „Ach was, ich bin absolut nüchtern.“

„Wie kommst du dann darauf, dass Robin Hood die Finanzkrise von Shelbys Eltern lösen könnte?“

„Du hast mich mit deinem Gerede vom Mittelalter selbst darauf gebracht“, wehrte sich Calla. „Robin Hood hat sich doch auch das Geld von den Reichen zurückgeholt.“

„Dann schlägst du also vor, dass wir die Ersparnisse meiner Eltern von Max Banfield zurückstehlen?“, fragte Shelby skeptisch.

„Robin Hood hat nicht gestohlen“, versicherte Calla. „Er kämpfte gegen eine korrupte Obrigkeit, um Menschen zu helfen, die sich selbst nicht wehren konnten.“

„Nach modernen Maßstäben war er ein Strauchdieb“, argumentierte Victoria.

„Mag sein. Aber er war im Recht, oder nicht? Und ich will ja auch nicht, dass wir irgendetwas stehlen. Ich finde bloß, dass wir dem Gesetz ein wenig auf die Sprünge helfen sollten. Dieser Investmentplan von Maxwell Banfield muss doch vielen Menschen geschadet haben. Wir sollten sie finden und uns mit ihnen zusammenschließen.“

„Wir sammeln Beweise für seine Betrügereien“, murmelte Shelby nachdenklich.

„Genau.“ Calla war offensichtlich begeistert von ihrer eigenen Idee. „Dieses neue Hotel liefert uns einen perfekten Vorwand. Ich könnte ihn vielleicht sogar zu einem Interview überreden. Wir tragen einfach Informationen zusammen, die beweisen, dass er ein verlogener, betrügerischer Schuft ist.“

Victoria war immer noch unbeeindruckt. „Etwas, wozu die Polizei von New York bisher nicht in der Lage war.“

„Nur weil sie es gar nicht richtig versucht haben“, entgegnete Calla verärgert.

Shelby musste zugeben, dass sie Max Banfield zu gern in Handschellen sehen würde. Aber war so etwas überhaupt legal? Was, wenn Banfield in Amerika diplomatische Immunität genoss? Dann konnte die Polizei nichts gegen ihn unternehmen, und man würde sie und ihre Freundinnen noch wegen Belästigung einsperren. „Ich weiß es sehr zu schätzen, dass du mir helfen willst, Calla. Aber ich muss Victoria recht geben. Ich kann mir auch nicht vorstellen, wie eine Köchin, eine Reisejournalistin und eine PR-Agentin einen Fall lösen können, an dem selbst die Polizei gescheitert ist.“

Trotzig hob Calla das Kinn. „Wir können es. Wir müssen nur …“

Victoria hob abwehrend die Hand. „Es gibt doch eine ganz einfache Lösung des Problems. Ich werde Shelbys Eltern die nötige Geldsumme leihen.“

Shelby schüttelte den Kopf. „Nein. Auf gar keinen Fall. Sie könnten dir den Kredit nie zurückzahlen. Alles, was sie gespart hatten, haben sie in die Anzahlung ihrer Eigentumswohnung gesteckt.“

„Damit wären wir also wieder bei Robin Hood“, bemerkte Calla zufrieden. „Außerdem wäre es sicher ein Riesenspaß, dem widerlichen Betrüger das Handwerk zu legen, findet ihr nicht?“

Die Vorstellung schien sogar Victoria zu gefallen. „Vielleicht hast du recht. Ein Versuch kann ja nicht schaden.“

Shelby sah in die erwartungsvollen Gesichter ihrer Freundinnen.

„Na gut“, seufzte sie. „Ich bin dabei.“

„Trevor, dein Bruder ist auf Leitung eins.“

Trevor Banfield blickte von dem Finanzbericht auf, den er gerade studierte, und sah seine Assistentin Florence im Türrahmen stehen.

„Er ist sehr beharrlich.“

„Darauf wette ich.“ Max steckte zweifellos wieder in irgendeinem Schlamassel. Wie jedes Mal, wenn er anrief.

„Er ist unverschämt, dreist und völlig verzogen.“

Trevor schmunzelte über die hitzige Empörung der Frau, die früher sein Kindermädchen gewesen war. „Das war ich auch mal.“

Sie stemmte die Hände in die ausladenden Hüften. „Du warst bloß lebhaft, vielleicht ein bisschen übermütig und außerdem ein Kind. Er ist ein erwachsener Mann.“

„Zumindest äußerlich.“

Florence lächelte. „Eines Tages muss man das Vögelchen aus dem Nest werfen.“

„Hättest du bei mir auch die Geduld verloren?“

„Er ist nicht du.“

„Wofür ich aufrichtig dankbar bin. Trotzdem ist er mein Bruder.“

„Dein älterer Bruder“, erinnerte ihn Florence, bevor sie sich wieder zurückzog.

Trevor wusste, worauf sie hinauswollte. Der ältere Bruder sollte der Vernünftige sein, der sich um den jüngeren kümmert. Irgendwie hatte sich das in seiner Familie von Anfang an umgekehrt.

Er war auf alles gefasst, als er zum Hörer griff.

„Hey, Trevor, was weißt du über das Hotelgewerbe?“, fragte Max lässig.

Trevor war es gewohnt, dass sein Bruder seine verrückten Geschäftsideen mit ihm besprach, nur um dann seinen Rat zu ignorieren. Obwohl Trevor ihn gewarnt hatte, hatte er vier gebrauchte Heißluftballons gekauft, weil er die abwegige Vorstellung hatte, mit Rundflügen über Manhattan ein Vermögen zu verdienen.

„Das Hotelgewerbe ist sehr komplex, arbeitsintensiv, und du solltest einen weiten Bogen darum machen.“

„Hm …“ Max schwieg einen Moment. „Äh … okay. Wie fandest du das Jets-Spiel am letzten Sonntag?“

Trevor hatte ein ungutes Gefühl im Magen. Die Jets spielten Football, und jetzt, Mitte April, war gar keine Saison.

„Was hast du ausgefressen?“

„Ich?“, fragte sein Bruder mit gut einstudierter Ahnungslosigkeit. „Gar nichts. Ich hatte gestern Abend nur ein heißes Date mit einer feurigen Dame aus Venezuela. Vielleicht hat sie ja eine Schwester, dann kannst du uns nächstes Mal begleiten.“

Wirklich entzückend. „Ich kann mich selbst um meine Dates kümmern, vielen Dank. Hast du Miss Venezuela mit in ein Hotel genommen?“

„Nein, in mein Apartment.“

„Hattet ihr Dinner in einem Hotelrestaurant?“

„Äh … lass mich überlegen.“

Trevor hatte keine Zeit zu warten, bis Max sich eine Ausrede zurechtgelegt hatte. „Wo habt ihr gegessen?“

„Irgendwo im Theater District. Ich kann mich nicht mehr an den Namen erinnern …“, antwortete Max ausweichend. „Ich war etwas angetrunken. Wir hatten ein paar Cocktails in der Bar im obersten Stockwerk.“

Es gab unzählige Hotels im Theater District. Aber nur ein Hotel mit einer Bar in der obersten Etage.

„Golden.“

Max hüstelte. „Ach, verflixt, ich habe einen Anruf auf der anderen Leitung. Ich muss Schluss machen.“ Dann legte er auf.

Als Trevor am Nachmittag aus San Francisco zurückgekommen war, hatte er am Flughafen eine Zeitung gekauft. Auf dem Heimweg im Taxi hatte er die Schlagzeilen überflogen, doch bisher noch keine Zeit gehabt, sich in die Artikel zu vertiefen.

Ein kurzer Blick ins Internet ergab jedoch mehrere Verweise auf einen Artikel im New Yorker Abendblatt mit der Überschrift „Finanzmogul oder Finanz-Mogelei?“.

„Finanzmogul“, murmelte er kopfschüttelnd. „Seit wann?“

Als er zu der Stelle über das Crown Jewel kam, schloss er ungläubig die Augen. Verfluchter Mist, Max hatte ein Hotel gekauft.

Trevor zwang sich weiterzulesen. Er seufzte, als der Titel seines Vaters erwähnt wurde. Vermutlich würde er spätestens morgen einen wütenden Anruf aus England erhalten. Max war schon häufiger in dubiose Situationen geschlittert, und zweifellos würde man erwarten, dass Trevor die Angelegenheit wieder einmal ausbügelte.

Sein Bruder war der rechtmäßige Erbe des Titels Earl of Westmore. Als zweiter Sohn war Trevor weitgehend überflüssig. Er hatte immer gewusst, dass er seinen Weg durchs Leben aus eigener Kraft gehen musste.

Ehrlich gesagt, war Trevor erleichtert gewesen, als sein Bruder aufs Internat gegangen und nur gelegentlich mit einer Horde arroganter Kumpel eingefallen war, die alle glaubten, aufgrund ihrer zukünftigen Titel unantastbar zu sein.

„Die Scheidung hat ihn härter getroffen als dich“ oder „Er trägt die Last des Titels auf seinen Schultern“ waren immer Entschuldigungen für Max’ schlechtes Benehmen gewesen.

Trevor hingegen war unter Florences liebevoller Obhut förmlich aufgeblüht. Von ihr hatte er Besonnenheit und Disziplin gelernt. Und sie hatte ihm beigebracht, seine eigenen Vorteile zu nutzen – eine beachtliche Portion Charme, eine große Dosis Vernunft und einen Treuhandfonds, der ihm ermöglichte, seine Zukunft nach Belieben zu gestalten.

Während sein Vater das Scheitern seiner Ehe beklagte, und Max dessen Unaufmerksamkeit ausnutzte, um allerlei Unsinn anzustellen, hatte Trevor beschlossen, ein eigenes Unternehmen zu gründen, in dem er allein die Zügel in der Hand halten würde.

Doch sogar nachdem er mit Anfang zwanzig nach Amerika gegangen war, war er immer wieder in Max’ Probleme hineingezogen worden. Er hatte ihm mehrmals aus finanziellen Engpässen herausgeholfen, Wogen geglättet und versucht, ihn so gut es ging aus der Regenbogenpresse herauszuhalten.

Er empfand das als seine Pflicht. Trevor hatte immer gewusst, dass alles, was er tat, auf die Familie zurückfiel. Max hingegen liebte Partys, Frauen … und sich selbst. Darin glich er ihrer Mutter – wie sie war er flatterhaft und unberechenbar. Und er erwartete immer, dass andere ihm aufhalfen, wenn er stolperte.

Einige fanden insgeheim, dass Trevor der bessere Erbe gewesen wäre. Doch die Rollen waren nun einmal fest verteilt.

Die Gegensprechanlage summte. „Dein Vater ist in der Leitung.“

„Fabelhaft“, erwiderte Trevor resigniert.

2. KAPITEL

Das Schlafzimmer einer Hotelsuite gehörte zu den ungewöhnlicheren Orten, an denen Shelby bislang ihre transportable Küche aufgebaut hatte. Gerade richtete sie ein Tablett mit winzigen Krabbenpastetchen an, als Calla hereinstürmte.

„Ich bin an Banfield dran“, verkündete sie triumphierend.

„Das ging aber schnell. Du bist doch erst seit knapp zehn Minuten hier.“

„Ich bin selbst beeindruckt von mir.“ Calla grinste. „Obwohl es natürlich hilft, dass er wahnsinnig von sich eingenommen ist.“

„Kann ich mir denken. Ist Victoria schon da?“

„Gerade gekommen.“

„Sorg dafür, dass sie ihn nicht verschreckt.“

„Ach was, sie wird spielend mit ihm fertig.“

Shelby fühlte, dass ihr Herz vor Aufregung schneller schlug. Dieser verrückte Robin-Hood-Plan konnte womöglich funktionieren.

Die Freundinnen hatten sich ein wenig umgehört und herausgefunden, dass Max als neuer Besitzer des Crown Jewel eine Einweihungsparty in der Präsidentensuite des Hotels geben wollte. Victoria war es gelungen, eine Einladung zu ergattern, indem sie ihre Dienste als PR-Agentin anbot und versprach, Pressevertreter – also Calla – mitzubringen. Sie hatte auch Shelbys Cateringfirma empfohlen. Max war direkt darauf angesprungen, weil die Hotelküche zurzeit unterbesetzt war.

Sie wollten sich unters Volk mischen und die Ohren offen halten. Womöglich stießen sie dabei auf Beweise für seine betrügerischen Finanzgeschäfte, die sie an die Polizei weiterleiten könnten.

Calla wollte mit Max ein Interview für das City Magazine führen. Die Tatsache, dass sie sich bereits das Vertrauen ihrer Zielperson erschlichen hatten, war eine gute Voraussetzung.

„Ihr seid die Besten“, versicherte Shelby dankbar.

„Vergiss nicht, dass es meine Idee war“, erwiderte Calla übermütig. Dann warf sie ihren blonden Pferdeschwanz nach hinten und ging hinüber in den Salon, den größten Raum der Hotelsuite.

Shelby folgte ihr und warf auf dem Weg einen kurzen Blick in den Spiegel. Sie hatte versucht, ihre schulterlangen, kastanienbraunen Locken zu zähmen. Doch die schweißtreibende Arbeit und der heiße Dampf aus dem Ofen hatten ihre Frisur wieder in eine wilde Mähne verwandelt.

Egal. Schließlich waren es ja Calla und Victoria, die Banfield den Kopf verdrehen sollten. Ihr Job war es nur, ihn und seine Gäste zu beköstigen.

Auf einer Hand balancierte sie das Tablett und trat in den Salon, als sie plötzlich einen Stoß von der Seite spürte. Hilflos sah sie, wie zwei der kostbaren Krabbenpasteten zu Boden fielen.

„Verzeihung“, sagte eine dunkle Stimme mit englischem Akzent.

„Ist nicht schlimm“, erwiderte Shelby schnell und blickte auf.

Beinahe hätte sie die ganze Platte fallen gelassen, als sie den Mann sah, dem die Stimme gehörte.

Gewelltes schwarzes Haar, Augen so blau wie Bergseen und ein athletischer Körper in einem maßgeschneiderten schwarzen Anzug.

Verdammt. Warum kann meine Frisur nicht besser sitzen?

„Darf ich probieren?“, fragte er und nahm eine der Pasteten von ihrem Tablett.

Wow, und einen tollen Mund hat er auch noch.

Sie sah in seine Augen, und ihr wurde schwindelig. Galt sein sinnlicher Blick ihr? Oder war er nur besonders begeistert von ihren Krabbenpasteten?

Er nahm er einen Schluck von seinem Martini und lächelte. „Sind Sie die Köchin?“

„Ja.“

„Mehr Krabben als heiße Luft“, bemerkte er. „Das ist selten bei solchen Veranstaltungen.“

„Eine Frage der Südstaatenehre. Eigentlich komme ich aus Georgia.“

Er neigte den Kopf. „Der Dialekt passt. Ich hatte so ein Gefühl, dass Sie nicht von hier stammen.“

„Sie aber auch nicht.“

Er nickte. „Ich bin in London aufgewachsen.“

„Passt auch.“ Es war wohl eine besondere Ironie des Schicksals, dass ihr mitten in ihrer Spionagemission ein leibhaftiger James Bond über den Weg lief. „Shelby Dixon“, stellte sie sich vor und streckte ihm die Hand entgegen.

„Trevor“, erwiderte er.

Sie blickten einander unverwandt an, während sie sich die Hand gaben.

Shelby hätte nichts dagegen gehabt, wenn dieser Moment für die nächsten ein bis zwei Jahre angedauert hätte, aber sie hatte zu tun.

Neue Gäste waren eingetroffen. Trevor anzuhimmeln, musste bis später warten.

Warum hatte er seinen Nachnamen nicht genannt? War das nicht seltsam? Doch als sie sich zu ihm umdrehte, um mehr zu erfahren, ging er schon davon … geradewegs auf Maxwell Banfield zu.

Der stolze Hotelbesitzer begrüßte ihn breit grinsend.

„Verdammt“, murmelte Shelby.

Sie hätte es wissen müssen. Kein Mann war perfekt. Wahrscheinlich war er Maxwells Buchhalter oder noch Schlimmeres. Wenn Trevor einer von Max’ Mitarbeitern war, wunderte es sie gar nicht, wie dieser Schuft an dreißig Millionen Dollar gekommen war.

Widerstrebend wandte sie den Blick von Max und Trevor und begann, mit ihrem Tablett durch den Salon zu gehen, um die Gäste zu bedienen.

Calla unterhielt sich gerade mit dem Hotelmanager. Hoffentlich bekam sie wertvolle Insiderinformationen über Max und seine Machenschaften. Ein voller Magen und ein bis zwei Cocktails waren die beste Geheimwaffe, wenn es darum ging, Menschen zum Reden zu bringen. Vielleicht sollte sie diesen Tipp mal an die Polizei weitergeben.

Shelby trat mit ihrem Tablett zu Victoria, die am Fenster stand.

„Ich liebe New York“, hauchte Victoria, während sie mit verklärtem Blick in Trevors Richtung starrte.

„Stell dir vor, er hat auch noch einen englischen Akzent.“

Victoria seufzte. „Wundervoll.“

„Allerdings scheint er sich auch sehr gut mit Max zu verstehen“, bemerkte Shelby kühl. „Damit steht er auf Platz zwei unserer Liste verdächtiger Personen in diesem Raum, ganz egal, wie gut er aussieht.“

„Bei mir steht er auf Platz eins.“ Victoria leckte sich über die Lippen.

„Komm wieder zu dir.“ Shelby wedelte mit der Hand vor dem Gesicht ihrer Freundin. „Max ist der Erzfeind beim Projekt Robin Hood. Er ist unser Sheriff von Nottingham. Und jeder, der ihm nahesteht, wird damit automatisch zu seinem Komplizen.“

„Stimmt. Und deshalb werde ich ihm zur genaueren Untersuchung mal ein wenig auf die Pelle rücken.“ Victoria machte einen Schritt in Trevors Richtung.

„Nicht so schnell, Sherlock.“ Shelby hielt ihre Freundin am Arm fest. „Ich denke, einfaches Observieren ist zunächst einmal die bessere Methode. Außerdem habe ich bereits Kontakt aufgenommen.“

„Ach ja?“

„Ich habe ihn zuerst gesehen.“

Viktoria verschränkte die Arme vor der Brust. „Wirklich?“

„Sein Name ist Trevor.“

„Trevor und weiter?“

Errötend zuckte Shelby die Schultern.

„Ein Gespräch, das nicht einmal lang genug dauerte, um seinen Nachnamen herauszufinden? Da kannst du ihm ja wohl nicht allzu nahe gekommen sein. Außerdem dachte ich, er wäre Feind Nummer zwei.“

Ja, das war er.

Und der bestaussehende Mann, den sie je gesehen hatte.

Es war, als ob das Schicksal ihr wieder einmal einen bösen Streich spielen wollte.

„Los, geh und plaudere mit ihm“, sagte sie zu Victoria. „Vielleicht kannst du ja seinen Nachnamen herausfinden.“

„Oh, nein. Der gehört nun dir ganz allein.“ Mit einem vielsagenden Lächeln nahm Victoria ihr das Tablett ab.

Nun, sie hatte es herausgefordert. Jetzt sollte sie mutig genug sein und die Gelegenheit ergreifen.

Auf dem Weg zu ihrem Opfer bemerkte Shelby, dass Trevor von mehr Frauen umringt war als Max. Das wunderte sie nicht. Max war zwar auch eine elegante Erscheinung, doch er war kleiner und ein wenig stämmiger als der gut aussehende Engländer, und sein Blick hatte etwas Verschlagenes.

Doch bevor sie in seine Nähe kommen konnte, wurde Shelby von einem anderen Gast aufgehalten. „Entschuldigen Sie. Ob ich wohl noch eine dieser köstlichen Pasteten bekommen könnte?“

„Natürlich, sofort.“

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