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Wenn du mich wieder so berührst

1. KAPITEL

Als sich die Türen des Lifts zu den Büros in der 23. Etage öffneten, klopfte JT Hartley das Herz bis zum Hals. Pia stand nur dreieinhalb Meter entfernt, mit dem Rücken zum Aufzug vor dem Schreibtisch, an dem die Empfangssekretärin saß.

Ihre kupferroten Haare trug sie ordentlich hochgesteckt. Ihr Körper – wie für die Sünde geschaffen – war inzwischen sogar noch weiblicher geworden. Selbst das strenge Kostüm – eine dunkelbraune, bis oben zugeknöpfte Jacke und der dazu passende Rock – ließ ihre sinnlichen Rundungen erahnen.

Ihm stockte der Atem. Das Bedürfnis, sie in die Arme zu nehmen, war überwältigend. Es war fast vierzehn lange Jahre her, dass sie ihm das erlaubt hatte.

Sein Anwalt Philip Hendricks räusperte sich und warf ihm einen fragenden Blick zu. Sie hatten eine Stunde lang auf dem Parkplatz im Geschäftsviertel Manhattans auf Pias Ankunft gewartet, bevor sie ihr ins Gebäude gefolgt waren.

JT hatte von einer der Mitarbeiterinnen am Empfang erfahren, dass Pia heute zurückerwartet wurde, obwohl sie eigentlich wegen einer Erkältung krankgemeldet war.

Jetzt war es an der Zeit, die nächste Phase seines Plans einzuleiten. Er würde endlich Anspruch auf das Geld seines leiblichen Vaters erheben. Schließlich stand es ihm rechtmäßig zu.

JT trat hinter sie. Sein Puls raste.

Pia nahm von der Empfangssekretärin die Nachrichten entgegen, die für sie hinterlassen worden waren. Trotz des geschäftsmäßigen Tonfalls hatte sie noch immer dieses heisere Timbre in ihrer Stimme. Er war ihr so nah, dass er ihren unverkennbaren Duft wahrnehmen konnte, den das Parfüm mit der blumigen Note nicht überlagerte.

Sofort kehrte die Erinnerung an damals zurück, wie sie auf dem Rücksitz seines Motorrads gesessen und sich an ihn geschmiegt hatte, als sie zu ihrem geheimen Platz am Strand gefahren waren. „Pia“, sagte er leise.

Überrascht ließ sie den Stift fallen und drehte sich zu ihm um. Für einen langen Moment hielten sie beide inne. JT sah in ihre veilchenblauen Augen, die ihm selbst nach all den Jahren der Trennung vollkommen vertraut waren.

Sie umklammerte einen Ordner und runzelte die Stirn. Fast hätte er ihr über die Stirn gestrichen, um die Falten zu glätten. Doch sie waren jetzt praktisch Fremde.

„Mr Hartley und ich würden gern mit Ihnen sprechen, Ms Baxter. Wir haben keinen Termin“, sagte Philip geschäftsmäßig.

Pia blinzelte, bevor sie sich zur Empfangssekretärin umdrehte. Offensichtlich plante sie ihre Flucht. Seit sie wusste, dass er beabsichtigte, das Testament seines leiblichen Vaters anzufechten, hatte sie fünf Terminanfragen abgelehnt.

Er konnte nachvollziehen, dass sie ihm aus dem Weg gehen wollte – die Trennung damals war ziemlich unschön verlaufen. Aber er war entschlossen, die Verwalterin des Nachlasses von Warner Bramson zu treffen. Deswegen hatte er ihr vor ihrem Büro aufgelauert.

„Ich fürchte, ich habe gleich einen Termin.“ Sie lächelte höflich. „Aber wenn Sie mit meiner Empfangssekretärin einen anderen …“

„Wir werden Ihre Zeit nicht lange in Anspruch nehmen, Ms Baxter“, unterbrach JT sie selbstsicher.

„Momentan ist das leider nicht möglich.“

Sie behandelte ihn, als wenn er nur einer ihrer verdammten Mandanten wäre. Glaubte sie wirklich, ihn einfach so wegschicken zu können?

JT war sehr wütend gewesen, als er entdeckt hatte, dass sein Erzeuger in Wirklichkeit ein Milliardär war. Denn seine Mutter und er hatten in ärmlichen Verhältnissen gelebt, bevor er alt genug gewesen war, einen Job annehmen zu können.

Zwar hatte er als Erwachsener mit Grundstücksentwicklung und Immobiliensanierung Millionen verdient und war in der Lage gewesen, seiner Mutter jeglichen Komfort zu finanzieren. Doch sie hatte zu viele Opfer bringen müssen, um ihn großzuziehen. Sicherzustellen, dass sie – wenn auch zu spät – das bekam, was ihr zustand, war das Mindeste, was er tun konnte.

„Bitte, Pia.“ Er sah ihr an, dass sie innerlich mit sich kämpfte. Als sie jünger gewesen waren, hatte sie sich bis zuletzt damit schwergetan, ihm irgendetwas abzuschlagen. Er hielt weiter Blickkontakt mit ihr, um sie dazu zu bringen, dem Termin zuzustimmen.

Sie atmete tief aus und nickte. „Zwei Minuten. Folgen Sie mir.“

Er ging hinter ihr einen Flur hinunter und fühlte sich unwiderstehlich von dem Schwung ihrer Hüften und den schmalen Fesseln angezogen. Und schon wieder begehrte er sie stärker als jede Frau, die er nach ihr kennengelernt hatte.

Philip beugte sich zu ihm herüber. „Du kennst sie?“, flüsterte er. „Gibt es sonst noch irgendetwas, das du mir über Ms Baxter verheimlicht hast?“

JT runzelte die Stirn. Er hatte sein halbes Leben lang versucht, nicht an Pia zu denken. Als Siebzehnjähriger hatte er es mit Alkohol probiert, dann mit riskanten Sportarten, die ihm einen Adrenalinkick nach dem anderen versetzt hatten. Doch nichts hatte funktioniert.

Schließlich hatte er sich mit aller Macht darauf konzentriert, einfach alle Bilder von ihr aus seinem Kopf zu verbannen. Also ja, es gab viel mehr, dass er seinem Anwalt verheimlichte. Und so würde es weiterhin bleiben. Außerdem vertraute er anderen Menschen gewöhnlich keine wichtigen und vor allem keine persönlichen Dinge an. Die Frau mit dem erotischen Gang vor ihm hatte ihn davon kuriert. „Es wird keine Auswirkung auf diesen Termin haben.“

Der Anwalt grinste. „Ich hätte es wissen sollen. Eine schöne Frau – und jetzt stellt sich heraus, dass du etwas mit ihr hattest.“

Normalerweise hätte er das Grinsen erwidert. Aber es ging um Pia. Die komplexe Beziehung, die er als Teenager mit ihr hatte, war alles andere als eine bedeutungslose Affäre gewesen. Sie war die einzige Frau, bei der er sich dazu hatte hinreißen lassen, sie zu lieben – damals war er zu jung gewesen, um zu begreifen, wie dumm das war.

Sie betraten ein karg eingerichtetes Büro, in dem Chrom und Glas dominierten – was absolut nicht zu einer sinnlichen Frau wie ihr passte. Deshalb blieb er stehen, um sie genauer zu betrachten. Die weibliche Figur versteckte sie unter dem braunen Businesskostüm. Der strenge Chignon bändigte ihre Haare, und die Farbe ihres Lippenstifts war dezent.

Wo waren die leuchtenden Farben und schönen Kleider geblieben? Und wo die üppige kupferrote Mähne, die ihr in weichen Wellen bis über die Schultern gefallen war? Und noch etwas war anders als früher. Sie sah ihn düster an. Er lächelte charmant. „Danke, dass Sie sich Zeit für uns nehmen.“

Pia setzte sich hinter ihren Schreibtisch und deutete ihnen mit einer Handbewegung an, auf den Stühlen davor Platz zu nehmen. „Dieser Termin macht keinen Sinn. Das habe ich Mr Hendricks auch jedes Mal gesagt, als er um ein Treffen gebeten hat.“

JT lehnte sich im Stuhl zurück. „Sie sind die Verwalterin der Erbmasse meines Vaters. Ich finde, es gibt ein paar Themen, über die wir uns unterhalten sollten.“

„Mr Hendricks hat mich darüber informiert, dass Sie Warner Bramsons Testament anfechten wollen“, sagte Pia unbeeindruckt von seinem Charme. „Wenn die Klage eingereicht ist, kümmert sich das Gericht darum.“

Und dann würde er zweifellos gewinnen. Er bekäme seinen gerechten Anteil an Bramsons Milliarden. Aber in der Zwischenzeit hatte JT einige Fragen. Allerdings wusste er, dass er sie nicht zu sehr bedrängen durfte. „Wie geht es Bramsons legitimen Söhnen angesichts der Anfechtungsklage?“

„Das müssen Sie die Erben fragen“, sagte sie tonlos. Pias Miene verriet nichts. „Ich bin sicher, Ihnen ist bewusst, dass ich darüber keine Auskunft geben kann.“

„Meine neuen Brüder weigern sich, sich mit mir zu treffen.“ Das erschwerte es ihm, die gewünschten Informationen zu bekommen. Sollten sie tatsächlich Beweise dafür haben, dass ihr Vater von seiner Existenz gewusst hatte, würde er den Prozess verlieren. Denn dann hätte ihn sein Vater vorsätzlich nicht in seinem Testament bedacht, und JT würde keinen Cent vom Erbe kriegen.

„Da kein Beweis vorliegt, dass Sie tatsächlich Mr Bramsons Sohn sind, kann man sie rechtlich nicht als Ihre Brüder bezeichnen“, stellte Pia richtig.

Vor Jahren hatten sie sich in den Armen gehalten und versucht, den anderen mit Vorschlägen zu überbieten, wer sein Vater sein könnte – und jetzt, da er die Wahrheit kannte, glaubte sie ihm nicht. Das traf JT tief. Doch er ließ sich nichts anmerken. „Meine Worte haben für Sie kein Gewicht?“

Damals, als sie die Prinzessin in der Stadt und er ein Junge aus dem Armeleuteviertel gewesen war, hatte sie ihm als Einzige vertraut. Nichts war von Dauer – das hätte er nie vergessen sollen, nicht mal für einen Augenblick.

„Das hat nichts mit meiner Sicht der Dinge zu tun“, erwiderte Pia leidenschaftslos. „Es handelt sich um eine juristische Angelegenheit.“

Er beugte sich nach vorn. „Angesichts der Tatsache, dass mein mutmaßlicher Vater tot ist und meine mutmaßlichen Brüder sich weigern, eine Probe für eine DNA-Analyse zur Verfügung zu stellen, ist es ziemlich schwierig für mich, die Familienzugehörigkeit zu beweisen.“

„Das ist etwas, das Sie wirklich mit Mr Hendricks besprechen und vorbringen sollten, wenn Sie das Testament anfechten. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen …“, Pia stand auf, „… ich komme zu spät zu einem Meeting.“

JT rührte sich nicht. „Beantworten Sie mir noch eine Frage. Dann gehe ich.“

Sie sah erst ihn, dann Philip und dann wieder ihn an. „Ich habe genug gesagt. Falls es noch weitere Fragen gibt, bitte ich darum, sie schriftlich einzureichen. Entweder werden mein Assistent oder ich sie dann beantworten.“

„Eine Frage“, beharrte er.

Als sie seinen Blick schweigend erwiderte, nahm er die Gelegenheit wahr. „Ich möchte eine verbindliche Zusage von Ihnen, dass Sie sich den in diesen Fall verwickelten Leuten gegenüber möglichst objektiv über mich äußern.“

Ihre reichen Eltern aus der feinen Gesellschaft hatten ihm unterstellt, nur hinter ihrem Geld her zu sein. Damals fragte er sich oft, ob Pia ebenfalls in dem Glauben gewesen war, als sie mit ihm Schluss gemacht hatte.

Trotz seines derzeitigen Wohlstands könnte ein solcher Ruf Einfluss darauf haben, wie seine Brüder ihn wahrnehmen würden. „Geben Sie ihnen die Gelegenheit, mich völlig unvoreingenommen als Bruder kennenzulernen und anzuerkennen. Versprich es mir, Prinzessin.“

Sie funkelte ihn an und straffte die Schultern. „Mein Name ist Pia. Nein – für Sie Ms Baxter. Und ich habe Ihnen schon mehr Zeit geschenkt, als ich Ihnen zugestanden hatte.“ Sie drückte einen Knopf auf ihrem Schreibtisch. Als ein Mann eine Verbindungstür öffnete, wandte sie sich ihm zu. „Arthur, begleiten Sie die Gentlemen bitte hinaus.“ Dann verschwand sie durch die Verbindungstür.

JT wollte ihr nachgehen, wusste jedoch, dass es besser war, ihr Zeit zu lassen. Er war heute Morgen völlig unerwartet aufgetaucht und konnte daher gut nachvollziehen, dass sie genauso aufgewühlt war wie er. Also stand er auf und nickte Arthur zu. „Wir kennen den Weg.“

Pia schaffte es, Fassung zu bewahren, als sie durch das Büro ihres Assistenten und den Flur hinunter zur Damentoilette ging. In der Kabine, die am weitesten vom Eingang entfernt war, verriegelte sie die Tür, und lehnte sich mit dem Rücken an die Wand.

JT Hartley war zu ihr gekommen. Fast vierzehn Jahre lang hatte sie diesen Tag halb gefürchtet und halb herbeigesehnt. Und jetzt, wo er gekommen war, hätte der Zeitpunkt nicht schlechter gewählt sein können.

Sie schlug die Hände vor das Gesicht und versuchte, ihre Emotionen unter Kontrolle zu bekommen. Das Letzte, was sie jetzt gebrauchen konnte, war ein Zusammenbruch bei der Arbeit – besonders da sich für sie eine potenzielle Partnerschaft in der großen Anwaltskanzlei abzeichnete.

Pia musste dringend ihren Chef aufsuchen. Vor dem Spiegel zog sie ihre Jacke glatt und ging dann zum Büro des Seniorpartners.

„Was kann ich für Sie tun, Pia?“, fragte Ted Howard.

„Es geht um die Angelegenheit, über die wir vor einem Monat geredet haben.“ Sie versuchte, sich auf die juristischen Belange zu konzentrieren und nicht daran zu denken, wie leidenschaftlich JTs Augen geglitzert hatten. „Den neuen Anspruchsteller bezüglich des Bramson Testaments.“

„Ah, der Mann, den Sie früher einmal gekannt haben.“

Sie bemühte sich, gleichmäßig zu atmen. „Ja.“

„Wir haben entschieden, dass die Sache weit genug zurückliegt und nicht wichtig genug war, um zu rechtfertigen, dass Sie den Fall abgeben. Haben Sie Ihre Meinung geändert?“

„Nein.“ Pia hatte Bramson als Mandant für die Kanzlei gewonnen, und Ted hatte ihr damals gesagt, dass die anderen Partner so beeindruckt waren, dass sie eine gute Chance auf eine Partnerschaft hätte. Sich den Fall entgehen zu lassen, kam nicht infrage – ganz egal, welche Tricks JT anwenden würde. „Aber Sie sollten wissen, dass er gerade hier war.“

Der ältere Mann betrachtete sie aufmerksam. „Hartley ist in Ihr Büro gekommen?“

„Er hatte keinen Termin, und ich habe ihn nur etwa sechs Minuten lang gesehen. Es wird keinen weiteren Kontakt geben.“

„Was wollte er?“

Dieselbe Frage ging ihr seit diesem sinnlosen und frustrierenden Treffen im Kopf herum. „Vermutlich war er auf Informationen aus, die hilfreich für seine Klage sein könnten.“

„Hat er Erfolg gehabt?“

„Natürlich nicht.“ Pia reckte das Kinn.

Ihr Chef lächelte. „In Ordnung. Das ändert nichts, denke ich. Sagen Sie mir einfach Bescheid, falls er erneut Kontakt zu Ihnen sucht.“

„Das werde ich.“ Sie verließ das Büro.

An diesem Abend kniete Pia auf dem Teppich vor ihrem Wäscheschrank im Schlafzimmer und holte aus der hintersten Ecke eine Schachtel hervor, die sie bei ihrem Einzug vor anderthalb Jahren dorthin gestellt hatte. Ihr Herz hämmerte, als sie sich mit dem Rücken an die Wand lehnte und die Schachtel ungeöffnet auf ihren Schoß stellte.

Es war nur eine gewöhnliche Schuhschachtel, die sie mit einem roten Band verschnürt hatte. Aber der Inhalt war alles andere als gewöhnlich. Sie zögerte. Was brächte es, sich mit noch mehr schmerzlichen Erinnerungen zu konfrontieren?

Nur weil JT Hartley unangemeldet aufgetaucht war, alte Wunden aufgerissen und sie völlig aus dem Gleichgewicht gebracht hatte, hieß das nicht, dass sie die Situation noch verschlimmern musste. Aber dann öffnete sie die Schachtel doch, fast automatisch, atmete tief ein und betrachtete den Inhalt.

Ganz oben lag ein Foto, das JT mit siebzehn und sie selbst im Alter von sechzehn Jahren zeigte. Er trug ein zerknittertes T-Shirt, hatte grinsend den Arm um sie geschlungen. Seine Augen blitzten übermütig.

Er war ihre erste Liebe gewesen und ihr erster Liebhaber. Er hatte ihr mehr am Herz gelegen, als es irgendjemand sonst jemals getan hatte. Pia blinzelte. Sie sah so jung, so glücklich aus und war so naiv gewesen. Sie hatte geglaubt, die Welt läge ihr zu Füßen.

Seitdem hatte sie sich oft gewünscht, noch denselben Glauben an sich, einen anderen Menschen oder die Welt zu haben. Doch JT und sie hatten sich etwas vorgemacht und in einer Fantasiewelt gelebt.

Auf dem Foto darunter waren sie beide zusammen mit Theresa Hartley zu sehen. Seine Mutter hatte sie in der kleinen Familie mit offenen Armen willkommen geheißen. Und da ihre eigene Mutter nie besonders mütterlich gewesen war, hatte sie sich bei Theresa gut aufgehoben und geliebt gefühlt.

Sie war die Einzige gewesen, die Pia nach der Trennung von JT davor bewahrt hatte, völlig zu verzweifeln. Ein- oder zweimal im Jahr traf sie sich immer noch mit Theresa zum Mittagessen – es war ein festes Ritual geworden, das sie sehr schätzte.

Pia legte die Fotos zur Seite. Ebenso wie die getrockneten Wiesenblumen und andere Andenken an ihre Jugendliebe. Sie hatte auch so noch die Erinnerungen vor sich, die sie in ihren Träumen verfolgt hatten.

Ein Paar unbenutzte Babyschuhe, ein Buch mit Babynamen sowie ein Ultraschallfoto. Sie schloss einen Moment lang die Augen, um gegen die aufsteigenden Emotionen anzukämpfen. Es gab nicht viel, was dieser kleine Mensch, der nie geboren wurde, hinterlassen hatte. Außer der endlosen Liebe einer Mutter.

Brianna.

Ihr Kater Winston kletterte lautlos auf ihren Schoß. In diesem Augenblick war Pia dankbar, die Wärme des Tieres zu spüren. Sie hielt den Kater so fest, wie er es zuließ, und erinnerte sich daran, wie glücklich JT gewesen war, als sie ihm gesagt hatte, dass sie schwanger war. Er hatte Pläne gemacht, wie er Verantwortung für seine kleine Familie übernehmen würde.

Als das Telefon klingelte, schloss sie kurz die Augen. Am liebsten hätte sie das Gespräch nicht entgegengenommen, doch ihre wichtigeren Mandanten hatten ihre Privatnummer, und sie stand so kurz vor der Beförderung, dass sie sich keine Nachlässigkeit leisten konnte. Also nahm sie das Handy aus ihrer Handtasche, die sie auf das Bett gelegt hatte. „Pia Baxter.“

„Pia.“

Sie erschauerte. Die tiefe Stimme rief erotische Erinnerungen wach. Ein Anruf von JT Hartley war das Letzte, was sie gebrauchen konnte, wenn sie sich so verletzlich fühlte.

„Bist du dran?“, fragte er, als sie nichts erwiderte.

Sie schluckte. „Woher hast du meine Nummer?“

„Du wärst überrascht, wie einfallsreich ich sein kann, wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe.“

Tatsächlich überraschte sie fast überhaupt nichts mehr, was diesen Mann anging. „Zuerst ein Besuch und jetzt ein Anruf. Das muss mein Glückstag sein“, konterte sie sarkastisch.

JT lachte leise. „Du bist also immer noch so schlagfertig.“

Pia legte die Babyschuhe zurück in die Schachtel. „Warum rufst du an?“

„Du hast im Büro meine Frage nicht beantwortet.“

Obwohl nur ein paar Stunden vergangen waren, seit er wieder in ihr Leben geplatzt war, konnte sie sich an kaum etwas erinnern – außer an seine strahlend grünen Augen mit den langen, dunklen Wimpern und an sein Lächeln. „Du musst mir auf die Sprünge helfen.“

„Ich habe dich gebeten, mir zu versprechen, dass du Warners Söhne nicht gegen mich aufhetzen wirst – auch nicht unabsichtlich. Immerhin bist du mir gegenüber ziemlich voreingenommen.“

Pia hatte geglaubt, dass er sie besser kannte und keine Antwort benötigte. „Warum sollte ich voreingenommen sein?“

JT machte eine Pause. „Das mit uns ist nicht gut ausgegangen.“

„Ich trage dir nichts nach. Außerdem nehme ich meine Pflichten als Nachlassverwalterin ernst und verhalte mich immer professionell – ganz gleich, wie meine persönlichen Gefühle auch aussehen mögen“

Ihr Berufsethos ließ etwas anderes auch gar nicht zu. Sie hatte gegenüber den Mandanten der Kanzlei ihre Verpflichtungen, und falls Warner Bramson wirklich JTs Vater war, war sie die Letzte, die ihm noch mehr Hindernisse in den Weg legen würde. Sie wäre absolut neutral.

„Dann triff dich mit mir.“ Seine Stimme klang verführerisch. „Jetzt. Heute Abend.“

Ein Prickeln erfasste Pia. „Nein.“

„Warum nicht?“

Weil du mich total durcheinanderbringst. Weil du das Schlechteste in mir zutage förderst. Weil ich hart dafür gearbeitet habe, die Person zu werden, die ich schon immer sein wollte. Weil die Erinnerungen an unser Baby zurückkehren, wenn ich dich treffe, und ich im Moment nicht noch mehr davon ertragen kann. Doch sie riskierte nicht, ihm zu sagen, was in ihr vorging. „Weil es keinen Grund für ein Treffen gibt.“

„Wir müssen angesichts der Situation ein paar Grundregeln festlegen, damit wir auf dem gleichen Stand der Dinge sind. Schließlich geht die Vermögensverteilung meines Vaters uns beide an. Triff dich nur ein einziges Mal mit mir, dann lasse ich dich in Ruhe.“

Pia seufzte. Das klang vernünftig. Sie hatte selbst ein paar Grundregeln aufgestellt, auf die sie sich mit ihm verständigen wollte. Angefangen damit, dass er sie nicht mehr im Büro aufsuchen sollte, um ihre Beförderung nicht zu gefährden. Dennoch – war es das wert? Würde Ted Howard verstehen, dass sie JT nur durch ein weiteres Treffen am besten auf Distanz halten konnte? Sie atmete tief aus. „JT …“

„Nur einmal, Prinzessin“, sagte er weich.

Ihr Herz verkrampfte sich. Als Sechzehnjährige hatte sie es geliebt, wenn er sie zärtlich Prinzessin genannt hatte. Jetzt war sie eine erwachsene Frau und er praktisch ein Fremder.

Dennoch schmolz sie innerlich ein wenig dahin – das war zu viel, zu intim. Ein weiterer Punkt auf der Liste der Grundregeln. Vielleicht mussten sie sich nur dieses eine Mal treffen … Sie hob Winston von ihrem Schoß und stellte die Schachtel in den Schrank zurück. „Wo?“

„In deinem Büro oder in meinem. Du hast die Wahl.“

Sie konnte sich nicht erneut mit ihm in der Kanzlei treffen. Denn das würde ganz schnell zu dummen Gerüchten führen. Dasselbe konnte passieren, wenn sie in sein Büro ging, weil es sich in einem bekannten Gebäude im Geschäftsviertel befand.

Pia stöhnte leise. Um ungestört mit ihm reden zu können, blieb nur eine Möglichkeit. „In einer halben Stunde in meinem Apartment.“ Sie nannte ihm die Adresse und wusste, dass sie es später bereuen würde. Verdammt, sie bereute es jetzt schon.

„Ich werde da sein.“

„Das ist eine einmalige Sache, JT.“ Sie legte auf und ließ den Kopf an die Wand hinter ihr sinken.

2. KAPITEL

Als Pia das dumpfe Dröhnen eines Motorrads hörte, zog sie den Vorhang zur Seite. Ihr Puls beschleunigte sich. JT saß mit seinen langen muskulösen Beinen auf der schweren Maschine und stellte gerade den Motor aus. Er nahm den Helm vom Kopf und stieg ab. Der Wind strich durch seine Haare und Pia wurde bei seinem Anblick nervös.

Seine Ankunft auf dem Motorrad weckte Erinnerungen … Er trug seine Motorradkluft, sah höllisch sexy aus und war im Begriff, in ihr Apartment zu kommen … Sie lehnte den Kopf an die Fensterscheibe. Das war wohl die dümmste Idee, die sie jemals gehabt hatte.

Statt des aus ergatterten und getauschten Ersatzteilen zusammengebauten Motorrads, mit dem sie als Teenager unterwegs gewesen waren, fuhr er heute ein schnittiges, silberfarbenes Modell, das offensichtlich sehr teuer gewesen war.

Pia beobachtete, wie er sich auf den Weg zum Foyer des Apartmenthauses machte und öffnete ihm Sekunden später die Tür zu ihrer Wohnung im Erdgeschoss.

JT überragte sie beinahe um einen Kopf. Zu der schwarzen Lederjacke trug er dunkle Jeans und schwere Stiefel. Mit dem Mann, der heute Morgen in ihrem Büro gesessen hatte, hatte er nur wenig Ähnlichkeit. Er wirkte zerzauster, verwegen und mehr wie der junge JT, der ihr den Kopf verdreht und sie zur Frau gemacht hatte. Pia erschauerte. „Nettes Motorrad.“ Sie hoffte, lässig zu klingen.

Während er sich in im Wohnzimmer umsah, zog er die Lederjacke aus und nahm sie in die Hand. Darunter trug er ein eng anliegendes weißes T-Shirt. „Eine MV Augusta. Ich habe sie eine Weile nicht mehr gefahren. Es schien irgendwie … passend zu sein.“

Als er lächelte, fiel ihr Blick auf die winzige Narbe über seiner Oberlippe. Die Verletzung hatte er sich zugezogen, als er mit seinem Motorrad ein ziemlich gewagtes Kunststück vollführt hatte, mit dem er ihr fürchterliche Angst eingejagt hatte.

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