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Wie verführt man einen Traummann?

1. KAPITEL

Er hatte sich hoffnungslos übernommen.

Und nicht nur das, er konnte keiner seiner Aufgaben mehr gerecht werden. Das war schneller geschehen, als ihm lieb war.

Jake Castro, Polizist in New Orleans, strich sich mit einer Hand durch seine zerstrubbelten Haare – als ob ihm das irgendwie helfen würde, auch seine Gedanken in Ordnung zu bringen, den Nebel daraus zu vertreiben, der sich seit einigen Wochen in seinem Kopf festgesetzt hatte. Seit den fürchterlichen Ereignissen, die sein Leben so grundlegend verändert hatten.

Mit einem tiefen Seufzer blickte er auf die Uhr auf seinem Nachttisch.

Fünf Minuten. Mehr hatte er nicht bekommen. Fünf Minuten.

Fünf Minuten Schlaf, bevor Marlie angefangen hatte zu schreien, laut genug, um Tote aufzuwecken. Oder zumindest ihn.

Immer noch im Halbschlaf, erhob er sich und stolperte zur Wiege hinüber, die seit Kurzem in seinem Junggesellenschlafzimmer stand. Übernächtigt starrte er die kleine Gestalt darin an.

„Ich kaufe dir ein Auto, wenn du mich noch fünfundzwanzig Minuten länger schlafen lässt.“

Sein Bestechungsversuch traf auf taube Ohren. Wenn Marlie überhaupt eine Reaktion zeigte, dann schrie sie jetzt noch lauter.

So viel also zum Thema Bestechung.

Mit einem weiteren resignierten Seufzer griff Jake in die Wiege und hob seine sieben Monate alte Tochter hoch.

Sie beruhigte sich sofort, und normalerweise wäre er darauf stolz gewesen, hätte es als Zeichen gesehen, dass das Baby eine Beziehung zu ihm aufbaute. Aber er war viel zu fertig, um sich davon trösten zu lassen.

Er ging auf dem Zahnfleisch, und das seit Tagen.

„Ich kann so nicht weitermachen, verstehst du?“, fragte er, während er zum Schaukelstuhl ging, der ebenso neu war wie sein Status als alleinerziehender Vater.

Marlie mochte es am liebsten, wenn sie herumgetragen wurde, aber Jake war zu müde, um mit ihr auf und ab zu gehen. Er hatte eine lange, kraftzehrende Schicht hinter sich und war später als üblich nach Hause gekommen, worüber Mrs Rutherford, die Frau, die gegen Bezahlung auf Marlie aufpasste, gar nicht glücklich gewesen war.

Kaum drei Wochen jonglierte er jetzt mit all seinen Aufgaben und musste zu seinem Verdruss feststellen, dass er nicht tagsüber Officer Castro, der Super-Cop, sein konnte, um sich dann des Nachts in Super-Dad zu verwandeln. Irgendwann zwischendrin brauchte er – dringend – Schlaf, wenn er nicht völlig zusammenbrechen wollte.

„Ist alles mein Fehler“, sagte er zu dem kleinen menschlichen Wesen in seinen Armen.

Doch Marlie blieb von den Worten ihres Vaters gänzlich unbeeindruckt. Stattdessen steckte sie sich einen Daumen in den Mund und nuckelte daran, als könnte der irgendeine Art von Nahrung abgeben, wenn sie nur heftig genug saugte. „Ich hätte nur Nein sagen müssen. ‚Nein, Maggie, ich werde das nicht tun‘, und nichts hiervon wäre passiert. Verdammt … tut mir leid.“

Jake hörte abrupt auf, sich Vorwürfe zu machen. Keine Flucherei mehr im Haus, wenigstens nicht, wenn Marlie ihn hören konnte. Diese Regel hatte er selbst aufgestellt, aber es fiel ihm schwer, sich daran zu halten, besonders wenn er sich so zerschlagen fühlte.

„Himmel“, lenkte er ein, „wem will ich hier etwas vormachen? Deine Mutter war so stur, sie hätte jemand anderes gefunden, in kürzester Zeit.“ Einen anderen, der den männlichen Part beigetragen hätte, um dieses winzige Naturwunder zu erschaffen, das Wunder mit den kräftigen Lungen, das er hier in den Armen hielt.

Außerdem war er schon halb verliebt gewesen in Maggie O’Shea, als sie zum ersten Mal in die Wache spaziert war und Lieutenant Franco ihm eröffnet hatte, diese Erscheinung in blauer Uniform sei seine neue Partnerin. Maggie war scharfsinnig und witzig und so verdammt umwerfend mit ihren roten Haaren, dass es ihn vor Verlangen schmerzte, wenn er sie nur ansah.

Ihre Beziehung war gut, sowohl im Job als auch sonst. Irgendwann einmal sprachen sie über ihre Zukunftsvorstellungen, ihre Ziele und Wünsche. So erfuhr er, dass sie alles sein wollte – eine überragende Polizistin und eine perfekte Mutter.

Sie war dabei, ihr erstes Ziel zu erreichen, als ihre biologische Uhr zu ticken begann. Das zerrte an Maggies Nerven, und Maggie wiederum begann, sachte an ihm zu zerren, bearbeitete ihn Tag um Tag, immer erbarmungsloser, bis er schließlich nachgab.

Einen flüchtigen Moment lang glaubte er, sie würden die Sache auf die altmodische Art angehen. Aber Maggie vertrat ihre Absichten ihm gegenüber klar und deutlich. Sie wollte keinerlei romantische Verwicklungen und definitiv keinen Körperkontakt mit ihm.

„Ich fühle mich durchaus zu dir hingezogen, Castro“, hatte sie gesagt. „Aber ich mag keine Komplikationen. Mochte ich noch nie.“

Das war die reinste Ironie, wenn man all die Komplikationen bedachte, mit denen er sich jetzt konfrontiert sah.

Ihren Plan hatte sie ihm genau erklärt. Alles würde klinisch und höchst professionell ablaufen. Und sobald der Eingriff geglückt wäre, würde es ihm freistehen weiterzuziehen, wie Maggie erklärte. Sie würde nichts weiter von ihm verlangen.

Bis sie alles von ihm verlangte.

Irgendwann zwischen seiner Zustimmung zu dieser künstlichen Befruchtung und dem Beistand, den er ihr während der Geburt leistete, weil sonst niemand aus ihrer Familie erreichbar war, erkannte Jake, dass er sich in Maggie verliebt hatte. Sehr.

Auch sie erkannte es.

Sah es in seinen Augen, hörte es in seiner Stimme. So deutlich, dass es sie verschreckte und dazu brachte, einen neuen Partner zu verlangen, sobald sie wieder im Dienst war.

Das war auch so ein Streitpunkt zwischen ihnen. Seiner Meinung nach war sie viel zu früh in den Dienst zurückgekehrt. Er wollte nicht, dass sie Marlie so bald schon verließ, und sorgte sich insgeheim – oder vielleicht nicht so geheim – wegen den Risiken, die sie jeden Tag, an dem sie ihre Marke an der Brust trug, einging.

Aber er konnte sie nicht davon abhalten. Je mehr er auf sie einredete, desto weniger hörte sie ihm zu. Das Ende vom Lied war, dass Maggie drei Monate nach der Geburt in den Dienst zurückkehrte.

Und weitere drei Monate später war sie tot.

Er wusste noch genau, wie er sich gefühlt hatte, als er die Nachricht über Funk gehört hatte. Als hätte ihm jemand ein Messer in den Bauch gerammt und es langsam umgedreht. Der Tacho war auf über hundertsechzig geklettert, während er zum Krankenhaus gerast war, in das sie Maggie gebracht hatten.

Sie hatte noch gelebt, als er angekommen war. Lange genug, um ihm das Versprechen abzunehmen, sich um ihr kleines Mädchen zu kümmern – als ob er erlaubt hätte, dass jemand anderes das Baby bekäme. Marlie war alles, was ihm von Maggie blieb.

Maggie starb, sobald er Ja gesagt hatte. Starb mit einem Lächeln auf den Lippen.

Starb, obwohl er ihre Hand so festhielt, als könnte er sie zurückholen ins Reich der Lebenden.

Natürlich war es unmöglich. Er konnte Maggie nicht retten. Sie war vor seinen Augen gestorben, hatte ihn mit gewaltigen Schuldgefühlen zurückgelassen. Schuldgefühle, die von seiner Überzeugung herrührten, dass er, Partner oder nicht, für sie hätte da sein, sie schützen müssen. Sie beschützen.

Aber er hatte sie nicht beschützen können. Jetzt war sie fort, und er war hier, versuchte weiterhin der zu sein, der er gewesen war, bevor seine Welt einen Riss bekommen hatte und in ihren Grundfesten erschüttert worden war. Versuchte, er selbst zu sein und auch etwas Neues. Ein Vater.

Im Moment versagte er, seiner Ansicht nach elend, an beiden Fronten.

Marlie begann wieder zu jammern, brachte ihre Unzufriedenheit immer lauter zum Ausdruck. Jake kannte diesen Ton. Sie hatte Hunger. Wurde er besser in der Interpretation ihrer Laute oder hatte er einfach Glück beim Raten?

Er wusste es nicht.

Er drückte die Kleine an seine Brust und stand auf, um in die Küche zu gehen.

Dort hatte er bereits einen kleinen Topf mit Wasser vorbereitet, das nur noch auf dem Herd erhitzt werden musste. Zielstrebig öffnete er den Kühlschrank.

In Reih und Glied standen die Flaschen mit Muttermilchersatz im obersten Fach. Gleich neben ebenso großen Bierflaschen. Sie klirrten leise, als er einige zur Seite drückte, um an die Milch zu kommen.

„Das war die Lieblingsmarke deiner Mom“, erzählte er Marlie und hielt inne, damit sie hineinsehen konnte. „Deine Mom hat es geliebt, sich am Ende eines Tages ein oder zwei davon zu gönnen, um sich zu entspannen – natürlich bevor sie mit dir schwanger wurde“, schränkte er ein.

Jake kickte die Tür mit seiner Hüfte zu und lehnte sich kurz dagegen, versuchte, sich zusammenzunehmen.

Er musste aufhören, sich das anzutun. Er durfte nicht länger alles und jedes mit Maggie in Verbindung bringen. Sie mit jeder einzelnen Sekunde seines Lebens zu verweben, würde nichts ändern.

Würde sie nicht zurückbringen.

Jake schaltete auf Autopilot, er wusste wie im Schlaf, was zu tun war. Dann stand er da und starrte auf die Flasche, die er in den Topf gestellt hatte, wartete, dass sie warm wurde.

Drei Minuten später nahm er das Fläschen heraus und testete dessen Wärme an seinem Handgelenk. Es war eiskalt.

„Warum …?“ Der Rest seiner Frage löste sich in Luft auf, als er zum Herd blickte. Kein Wunder, dass die Milch nicht warm geworden war. Er hatte den Herd nicht eingeschaltet.

Er brauchte Hilfe.

Jake legte die Flasche zurück in den Topf und schaltete den Herd ein. Dann griff er nach dem schnurlosen Telefon an der Wand und rief seine Schwester an.

Es klingelte fünfmal. Jake wollte schon auflegen und neu wählen, als er eine schläfrige Stimme hörte. „Hallo?“

Selbst flüsternd erkannte er Erins Stimme.

„Ich gebe auf“, sagte er. „Du hast recht. Ich brauche Hilfe. Ich bin gnadenlos überfordert.“

„Jake?“ Seine Schwester klang immer noch verwirrt, aber sie flüsterte nicht mehr.

Im Hintergrund hörte er eine tiefe, männliche Stimme. „Wer ist das, Erin?“

Jetzt klang es, als würde Erin den Hörer mit der Hand zudecken, um jemandem im Hintergrund etwas zu sagen. „Ich glaub, es ist Jake.“

„Ja, ich bin’s“, bestätigte Jake. „Wie viele andere überforderte Männer kennst du?“

„Keine, die um zwei Uhr morgens hier anrufen würden“, antwortete sie. „Ich habe gerade friedlich geschlafen, ehe mich das Klingeln geweckt hat.“

„Verdammt … Himmel“, korrigierte Jake sich erneut mit Rücksicht auf das Kind in seinen Armen. Aufs Fluchen zu verzichten, stellte sich als schwieriger heraus, als er gedacht hatte.

„Ich habe den Zeitunterschied vergessen“, gab er zu. Er rief von New Orleans aus an. Seine Schwester lebte in Thunder Canyon in Montana. „Tut mir leid, dass ich dich geweckt hab. Ich rufe morgen früh wieder an.“

„Nein, nein“, sagte Erin sofort, ihre Stimme klang schon viel klarer. „Leg nicht auf.“

Es war halb Bitte, halb Befehl. Erin kannte ihren großen Bruder. Sie wusste nur zu gut, dass er nicht noch einmal anrufen würde. Jake würde sich lieber die Zunge abbeißen, als ein zweites Mal um Hilfe zu bitten. Aber solange er so verzweifelt war wie im Moment, konnte sie es zu ihrem – und, noch wichtiger, zu seinem – Vorteil nutzen.

Jake konnte unglaublich stur sein. Es war nie leicht, ihn zur Einsicht zu bringen. Sie konnte nicht riskieren, sich diese Gelegenheit entgehen zu lassen.

„Mein Hilfsangebot steht, Jake. Du kannst mit dem Baby so lange bei Corey und mir bleiben wie nötig“, sagte sie und bezog so ihren frisch angetrauten Ehemann mit ein. Wie die ganze restliche Familie war Jake zur Hochzeit da gewesen und dann nach New Orleans zurückgekehrt. „Wir haben wirklich mehr als genug Platz.“

Jake lachte kurz auf. Er wusste das Angebot zu schätzen, aber er war nicht so egozentrisch oder verzweifelt, dass er sich nicht in die Lage seines neuen Schwagers versetzen konnte.

„Das würde mich bei Corey sicher sehr beliebt machen“, sagte er zu seiner Schwester. „Nichts geht über eine dritte – und eine vierte – Person im Haus, während man versucht, als frisch verheiratetes Paar einen gemeinsamen Alltag zu leben.“

Erin musste zugeben, dass ihr Bruder da nicht ganz unrecht hatte. „Okay, aber wir haben ein großes Haus“, stellte sie klar. „Du könntest wochenlang hier sein, ohne dass wir es bemerken. Außerdem könnte ich mich um meine neue Nichte kümmern.“

Jake seufzte. In seiner Verzweiflung war er selbstsüchtig gewesen, und das wusste er auch. „Du hast dein eigenes Leben, Erin.“ Er konnte sich nicht aufdrängen, nur weil er vollkommen überfordert war.

Das hätte ich wissen müssen, dachte Erin. Selbst wenn ihr Bruder eigentlich ihrer Meinung war, konnte er eine Sache ganz schön verkomplizieren. Aber sie würde Jake nicht erlauben, Gründe zu finden, nicht nach Thunder Canyon zu kommen. Jake brauchte Hilfe, das hatte er zugegeben, wenn auch nur flüchtig.

„Die Familie steht an erster Stelle“, erinnerte Erin ihn. An dieses Prinzip glaubte sie aus vollem Herzen, ebenso wie Corey. „Außerdem kenne ich eine Babysitterin, die einspringen kann, wenn du eine Pause brauchst und ich nicht verfügbar bin.“

„Eine Babysitterin?“ Er legte einiges an Verachtung in das Wort. „Soll ich einem Teenager eine Stange Geld hinblättern, damit sie die ganze Nacht an ihrem Handy hängt, rumzwitschert …“

„Twittert“, korrigierte Erin geduldig. Auch wenn sie die Erste war, die zugab, wie klug und kompetent Jake war – wenn es um etwas Elektronisches ging, war er immer noch hilflos wie ein Säugling.

„Wie auch immer“, sagte er ungeduldig. „Oder einer alten Frau, die nach Katzen riecht und einschläft, sobald ich die Tür zumache?“, fuhr er fort. „Nein danke.“

„Calista Clifton ist kein Teenager“, klärte Erin ihn über die junge Frau auf, an die sie dachte. „Und sie riecht nicht nach Katzen. Sie ist intelligent und fröhlich und kommt aus einer großen Familie, also ist sie vertraut mit spuckenden Babys und vollen Windeln. Du wirst sie mögen.“ Erin verzichtete vorerst darauf, die anderen Vorzüge der jungen Frau zu erwähnen.

Vom anderen Ende der Leitung kam keine Antwort. „Hallo? Hallo! Jake, bist du noch da?“

Jake zuckte zusammen und riss die Augen auf, als die Stimme seiner Schwester endlich wieder in sein Bewusstsein drang. Unglaublich, er musste im Stehen eingeschlafen sein. Das Telefon lag auf dem Tresen, es musste ihm aus der Hand geglitten sein.

Im selben Moment bemerkte er, dass das Wasser im Topf fast völlig verkocht war.

Er nahm das Telefon und presste es wieder ans Ohr. Mit einer Erklärung oder gar einer Entschuldigung hielt er sich erst gar nicht auf. Damit würde Erin nur noch mehr die Oberhand gewinnen. „Ja, ich bin dran“, antwortete er.

Dann klemmte er den Hörer zwischen Ohr und Schulter und schob den Topf auf eine andere Herdplatte.

Jake unterdrückte einen Aufschrei, als er sich die Hand am Metallgriff des Topfes verbrannte.

Er holte tief Luft und bemühte sich, den Schmerz zu ignorieren. „Okay, du hast mich überredet. Ich kündige meinen Job und komme zu euch. Du kannst dieser Callous Bescheid geben …“

„Calista“, korrigierte Erin.

„Ja, genau der“, stimmte er zu. Und dann kam der Polizist in ihm durch, als er hinzufügte: „Aber ich will sie befragen, bevor sie auf Marlie aufpassen darf.“

Seine Schwester lachte. Der warme Klang war beruhigend. „Anders würde ich es gar nicht haben wollen, großer Bruder.“

Sie brauchte das Geld eigentlich nicht.

Mit dem Sommerpraktikum bei ihrem Cousin Bo, der zufällig der Bürgermeister von Thunder Canyon war, und ihrem Halbzeitjob im Tattered Saddle, dem örtlichen Antiquitätenladen, hatte sie zwar nicht gerade Geld im Überfluss, aber es reichte. Und schon mit zwei Jobs blieb Calista Clifton kaum Freizeit.

Aber Fakt war, dass sie Kinder mochte, insbesondere Babys. Und sie gern anderen Menschen einen Gefallen tat. Also konnte sie kaum ablehnen, als Erin Traub ihr die Situation mit ihrem älteren Bruder erklärte, denn hier spielte beides eine Rolle: ein Baby und Hilfe.

Aber ausschlaggebend für ihre Entscheidung war Jake Castro selbst gewesen. Sie hatte zugestimmt, ihn zu treffen, und saß in Erins großem, sonnendurchflutetem Wohnzimmer, als Jake das Zimmer betrat, seine sieben Monate alte Tochter auf dem Arm.

Wenn sie ehrlich war, musste Calista zugeben, dass sie das Baby erst auf den zweiten Blick bemerkt hatte. Denn Jake Castro war womöglich der attraktivste Mann, der jemals ihren Weg gekreuzt hatte.

Als sie ihn sah, fingen in ihrem Bauch sofort einige Schmetterlinge an, aufgeregt zu flattern, und ihre Handflächen wurden feucht. Letzteres war ihr nicht mehr passiert, seit sie mit sechzehn in den Kapitän des Footballteams verliebt gewesen war. Leider hatte der sich als ebenso dumm und seelenlos wie attraktiv herausgestellt.

Jake wirkte nicht, als wäre er dumm oder seelenlos. So, wie er das Baby hielt, konnte er das gar nicht sein.

„Es wäre nicht so oft“, sagte er, nachdem Erin sie einander vorgestellt und dann das Zimmer verlassen hatte. „Höchstens ein-, vielleicht zweimal die Woche, aber …“

Nicht nötig, mich zu überreden, dachte Calista. Sie war in der Sekunde überzeugt gewesen, als er hereingekommen war. Schon bevor er das erste Wort gesagt und sie diese Baritonstimme gehört hatte.

„Ja“, unterbrach sie ihn begeistert.

Jake hielt inne und strich Marlie beruhigend über den Rücken. Es war verblüffend, wie die Kleine immer den ungünstigsten Moment fand, um zu jammern.

Er blickte die junge Frau an, die seine Schwester ausgesucht hatte. „Was?“

„Ja“, wiederholte Calista mit derselben lächelnden, sonnigen Begeisterung.

„Ja?“ Erleichtert stellte er fest, dass er seine besten Verkaufsargumente noch nicht einmal hatte nennen müssen. Er mochte es nicht, um Hilfe zu bitten, auch wenn er dafür bezahlen würde. Aber dieses kleine Fünfkilobündel in seinen Armen schien sein persönliches Waterloo zu werden.

Calista lächelte. „Ja, ich kann ein- oder zweimal die Woche babysitten. Oder auch öfter, wenn nötig.“ Ihr Kalender war übervoll, aber sie würde das schon schaffen. Dazu war sie fest entschlossen.

Calista biss sich auf die Unterlippe, als sie einen Fleck auf seinem Hemd bemerkte. Irgendwie fühlte sie sich in Jakes Gegenwart unsicher. Sollte sie ihm sagen, dass ihm seine Tochter auf die Schulter gespuckt hatte? Sie an seiner Stelle wäre dankbar für den Hinweis.

Sie gab sich einen Ruck. „Ähm, das Baby – Marlie, richtig?“

„Stimmt, Marlie“, bestätigte er. Der Name war nicht gerade sein Favorit gewesen. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte sie einen weniger ausgefallenen bekommen, aber Maggie hatte ihn in die Namenswahl nicht einbezogen. Maggie hatte immer sehr genau deutlich gemacht, was sie von ihm gewollt hatte – und was nicht.

„Marlie hat dir gerade auf die Schulter gespuckt“, sagte Calista.

„Was?“ Das klang eher peinlich berührt als verärgert.

„Warte, ich nehme sie dir ab“, bot Calista an. Im nächsten Moment schloss sie das Baby in ihre Arme und trat einen Schritt zurück.

Jake verrenkte sich den Hals, um den Schaden zu begutachten: Ein Viertel ihrer letzten Mahlzeit hatte seine Tochter auf seinem Hemd verteilt. Jetzt hatte er nur noch ein Hemd, das nicht mit Babynahrung oder Milch getauft worden war.

Er unterdrückte den Fluch, der ihm automatisch auf der Zunge lag. Was das anging, befand er sich immer noch in der Trainingsphase. Aber er wurde besser.

Jakes Schwester hatte nur kurz angedeutet, in welcher Lage ihr Bruder sich befand – ein Kind mit einer Frau, mit der er nicht verheiratet gewesen war. Eigentlich ein Junggeselle also, und Calista musste keine Hellseherin sein, um zu wissen, was er gerade dachte. „Wenn du mir das Hemd gibst, kann ich dir zeigen, wie du es behandeln musst“, sagte sie.

Verwirrt sah er sie an. Er wirkte etwas begriffsstutzig. „Wie behandeln?“

„Ich kann dir zeigen, wie du diesen Fleck rausbekommst“, erklärte sie. „Vor allem, wenn du es mir gibst, bevor er Zeit hat einzutrocknen. Das Timing ist bei solchen Flecken entscheidend.“

An seinem Gesichtsausdruck konnte sie erkennen, dass er sich fühlte, als steuerte er ein Schiff durch unbekannte Gewässer. Die meisten Männer kannten sich mit den Alltagsdingen des Lebens nicht aus, das wusste Calista von ihren Brüdern. Saubere Kleidung war für sie eine Selbstverständlichkeit und nichts, worum man sich bemühen musste.

Dann sah sie, wie Jake begann sein Hemd aufzuknöpfen.

Sie starrte ihn an, benommen von dem Anblick, der sich ihr bot, während jeder geöffnete Knopf ein Stück mehr nackte Haut freigab. Ihr Mund wurde trocken. „Was machst du da?“

Verwirrt zog er die Augenbrauen zusammen. „Ich mache, was du mir gesagt hast. Du wolltest das Hemd doch lieber früher als später, stimmt’s?“

„Stimmt“, murmelte Calista, die Stimme kaum lauter als ein Wispern. Ihre Augen weiteten sich. Sie konnte den Blick nicht von Jakes Haut abwenden.

Der Mann hatte muskulöse Arme, und seine Bauchmuskeln wirkten, als hätte sie ein geradezu göttlich begabter Künstler geschaffen. Einen ähnlich perfekten Oberkörper hatte sie mal in einem Katalog eines New Yorker Museums gesehen.

Jake streckte ihr das Hemd hin, tauschte es gegen seine Tochter. Während er Marlie gegen seine Brust drückte, betrachtete er die benommen wirkende junge Frau, die vor ihm stand und ihn mit weit aufgerissenen Augen anstarrte. Schokoladenbraunen Augen.

„Stimmt was nicht?“

Calista blinzelte, dann senkte sie den Blick. Idiotin, schalt sie sich selbst.

„Nein, alles in Ordnung“, antwortete sie etwas zu schnell. „Ich bin nur froh, dass Marlie nicht auf deine Jeans gespuckt hat.“

„Oh.“ Hätte er ihr das Hemd nicht gleich geben sollen? „Ich habe gedacht, du meintest, man müsste so einen Fleck bearbeiten, bevor er eingetrocknet ist, was immer das bedeutet.“

Was man bei Wäsche alles beachten musste, hatte ihn noch nie interessiert. Er schmiss einfach alles zusammen in die Maschine und hoffte das Beste. Bisher hatte das auch funktioniert. Bis Marlie in sein Leben gekommen war.

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