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COLLECTION BACCARA BAND 333

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Kann diese Liebe Sünde sein?

Lex soll Bess bei der Suche nach einem „sündigen“ Buch helfen – und verliebt sich in sie! Er genießt ihre Küsse, doch nach einer traumatischen Erfahrung bezweifelt er, dass er sie glücklich machen kann …

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Sie hatten einfach nicht die gleichen Träume. Aber als Trisha die Scheidung mit Clayton besprechen will, verspürt sie plötzlich wieder dieses Prickeln. Und hofft, dass er bereit ist, ihr zu verzeihen …

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Auf der Highschool schwärmte Ryder für Chloe, konnte aber nicht bei ihr landen. Aus dem frechen Jungen von früher ist ein attraktiver und erfolgreicher Unternehmer geworden. Hat er jetzt eine Chance?

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Kann diese Liebe Sünde sein?

1. KAPITEL

Der ehemalige Ranger und jetzige Wachdienstmitarbeiter Lex Sanborn blickte fragend auf die kopierte Bibelseite, die er in seiner Hand hielt. Ungläubig las er, was dort stand. „Du sollst Ehebruch begehen?“ Gewiss, er war seit Jahren nicht in der Kirche gewesen und sein Religionsunterricht lag auch schon eine ganze Weile zurück, aber dennoch war er ziemlich sicher, dass dieses Gebot anders lautete.

Brian Payne, Jamie Flanagan und Guy McCann, die Inhaber der Sicherheitsfirma, für die Lex seit Kurzem arbeitete, lachten angesichts seines entgeisterten Blickes. Sie amüsierten sich über ihn.

„Deshalb nennt man sie die ‚Böse Bibel‘“, erklärte Payne. „Diese Version hier wurde im Jahre 1636 gedruckt. Man hat versehentlich das ‚nicht‘ vergessen. Es existieren weltweit nur noch elf Exemplare. Die öffentliche Bibliothek von New York stellt eines davon in der Abteilung über seltene Bücher aus. Ein weiteres befindet sich im Bibelmuseum in Branson, Missouri. Außerdem besitzt die staatliche Bibliothek in Großbritannien ein Exemplar.“

„Dieser Fehldruck ist sehr wertvoll“, fügte Jamie hinzu. Er saß entspannt in einem bequemen Ledersessel und nippte ab und zu an einem Energiedrink, den er in seiner Hand hielt.

Lex hatte Jamie vom ersten Moment an gemocht. Genauso wie seine anderen beiden Vorgesetzten.

Jamie Flanagan hatte ein ziemlich bewegtes Leben geführt, bis er Colonel Garretts Enkeltochter kennengelernt und geheiratet hatte. Er war überdurchschnittlich intelligent, und sein schneller Verstand sowie sein durchtrainierter Körper machten ihn zu einem Mann, mit dem man rechnen musste.

Guy McCann gelang offenbar alles, was er in Angriff nahm. Indem er gekonnt ebenso skrupellos wie perfektionistisch agierte, riss seine Glückssträhne offenbar nie ab.

Brian Payne hingegen war als kühler, effizienter Rechner in der Branche hoch geschätzt. Seine Begabung, Strategien zu entwickeln, grenzte an Vollkommenheit. Brian hatte einen unvergleichlichen Blick fürs Detail. In seiner Welt gab es keine halben Sachen. Er tolerierte sie einfach nicht.

Lex war froh, dass er den Job bei ihnen gefunden hatte. Voller Dankbarkeit dachte er an Colonel Carl Garrett, der bei den dreien ein gutes Wort für ihn eingelegt hatte. Zwar wäre ihm früher nicht im Traum eingefallen, jemals für eine Sicherheitsfirma zu arbeiten. Aber nachdem er vor sechs Monaten beinahe gestorben wäre, hatten sich einige Dinge für ihn grundlegend geändert. Er selbst hatte sich in einer Art verändert, die er nie für möglich gehalten hätte. Lex war nicht besonders stolz darauf.

„Heute ist die Bibel ungefähr einhunderttausend Dollar wert“, sagte Guy.

Lex pfiff anerkennend. Allmählich bekam das Ganze einen Sinn. Er sah auf das Foto, das Payne ihm gegeben hatte, und suchte darauf nach verwertbaren Hinweisen. Auf dem Schnappschuss war ein altes Coca-Cola-Schild aus Blech abgebildet, das neben einem Einweckglas mit einem verrosteten Metalldeckel, einer hölzernen Garnrolle und einem alten Teekessel auf einer verstaubten Tischplatte lag. Vor dem Teekessel lag der schwarze Einband der Bibel.

„Und hinter dieser Bibel sind wir also her“, fragte er.

„Ja“, antwortete Payne. „Zumindest nehmen wir das an. Bess hat mir das Foto gestern gegeben. Sie sagte, sie hätte ein paar merkwürdige Mails deswegen bekommen. Sie hatte das Coca-Cola-Schild nicht nur in ihrem Laden, sondern auch in ihrem Internetshop angeboten und diverse Anfragen bekommen. Allerdings wollten die Absender nur wissen, wo das Foto aufgenommen wurde. Bess hätte es auf keinen Fall verraten, aber sie kann sich sowieso nicht daran erinnern.“

„Sie handelt mit Trödel?“, fragte Lex.

„Sie rettet Antiquitäten“, korrigierte Payne mit einem amüsierten Grinsen. Er deutete auf die schmale alte Pumpe aus Glas, die in der Ecke stand. „Die habe ich zum Beispiel von ihr gekauft. Sie hat ein gutes Auge für besondere Dinge. Ich kenne sie schon seit Jahren.“ Payne zwinkerte Lex zu. „Und ich an deiner Stelle würde das Wort ‚Trödel‘ niemals in ihrem Beisein erwähnen.“

Lex nickte. Er war dankbar für den Tipp. Wenn er schon mit dieser alten Frau zusammenarbeiten musste, war es wohl besser, nicht gleich ihren Unwillen auf sich zu ziehen. Seine Erfahrungen mit älteren Menschen beschränkten sich auf seine Großeltern, und die waren sehr eigen mit ihren alten Sachen. Nach Paynes Bemerkung zu urteilen, war Bess Cantrell in dieser Hinsicht nicht anders.

„Jedenfalls“, setzte Payne seinen Bericht fort, „hat sie keine weiteren Mails mehr bekommen. Sie hatte das Ganze schon fast vergessen, bis vorletzte Nacht in ihren Laden eingebrochen wurde. Außer der externen Festplatte ihres Computers wurde nichts gestohlen. Während die Polizei noch dabei war, ihre Aussage aufzunehmen, rief einer ihrer Kunden an. Sein Name ist Walker Wiggins. Er erzählte ihr, dass ein Mann wegen eines Buchs bei ihm gewesen sei.“

„Vermutlich das Buch von dem Foto“, sagte Lex mit einem grimmigen Lächeln.

„Ja. Als Walker sich weigerte, den Fremden ins Haus zu lassen, wurde der gewalttätig. Er stieß Walker beiseite und wollte sich an ihm vorbeidrängen. Zum Glück hat Walker einen großen und mutigen Hund. Er ist auf den Eindringling losgegangen und hat ihn verscheucht, aber Walker hat sich dennoch ziemlich erschreckt. Jetzt macht er sich natürlich Sorgen um seine Sicherheit.“

Lex war froh, zu hören, dass Walkers Hund so mutig war. Auch er mochte Hunde. Bevor er zum Militär gegangen war, hatte er es eine Zeit lang überlegt, ob er nicht besser Tiermedizin studieren sollte

Nachdenklich runzelte er die Stirn. „Warum hat Walker Bess angerufen und ihr das alles erzählt?“

„Weil der Fremde ihm weismachen wollte, er sei ein Freund von Bess und hätte seine Adresse von ihr bekommen.“ Payne zuckte die Schultern. „Aber Walker kennt Bess viel zu gut, als dass er dem Fremden geglaubt hätte. Also hat er sie angerufen, um sie zu warnen. Seit diesem Vorfall sind noch drei andere Kunden aufgesucht worden. Und beim letzten Mal ist wirklich jemand verletzt worden.“

Lex schnaufte. Wer immer dieser Idiot auch sein mochte, er war offenbar ein ebenso gefährlicher wie brutaler Typ. Du elender Bastard, dachte Lex wütend. Höchstwahrscheinlich waren die meisten von Bess’ Kunden in ihrem Alter oder noch älter und wurden nun aus heiterem Himmel in ihren eigenen Häusern belästigt und misshandelt. Und das wegen eines Buches, das, falls sie es überhaupt besaßen, ihr rechtmäßiges Eigentum war.

„Natürlich möchte Bess nicht, dass noch weitere Personen verletzt werden, schon gar nicht einer ihrer Kunden. Sie glaubt nicht, dass die Polizei ihr wirklich helfen und einen weiteren Einbruch oder brutalen Überfall verhindern kann.“ Payne sah Lex besorgt an.

„Und hier kommst du ins Spiel“, sagte Flanagan mit Blick auf Lex. „Wir werden als Sicherheitsmaßnahme einen Mann in ihrem Laden postieren. Du aber machst dich mit Bess an die Ermittlungen. Ihr werdet versuchen, diesen Kerl zu schnappen und das Buch zu finden, bevor er es tut. Offenbar hat der Besitzer der Bibel keine Ahnung, wie wertvoll sie ist. Wir können zweifelsfrei annehmen, dass auch der Unbekannte davon ausgeht.“

Lex nickte. Er sah keine Probleme, diesen Auftrag erfolgreich auszuführen. Allerdings hoffte er, Bess würde ihn nicht allzu sehr behindern. Natürlich gab es viele sehr agile ältere Menschen, die sich durch die richtige Ernährung und viel Bewegung fit hielten. Wenn er Glück hatte, gehörte Bess Cantrell dazu. Falls nicht, hätte er ein ernsthaftes Problem. Er sah sich schon neben einer alten Dame mit Gehgestell durch die Gegend ziehen und unterdrückte eine abfälliges Grinsen.

Eigentlich gab es keinen stichhaltigen Grund, weshalb Bess ihn begleiten sollte. Ohne sie würde alles viel schneller gehen. Wenn sie ihm ihre Kundenliste überließ, wäre er sehr gut in der Lage, den Job allein zu bewältigen.

Er räusperte sich. „Also, ich weiß es zu schätzen, dass Mrs Cantrell sich selbst um …“

„Miss Cantrell“, berichtigte Payne. „Sie ist nicht verheiratet.“

Also eine alte Jungfer, dachte Lex und fuhr dann fort: „… ihre Kunden kümmern möchte. Aber gibt es ein stichhaltigen Grund, weshalb ich den Auftrag nicht allein ausführen kann?“

Jamie Flanagen und Guy McCann tauschten einen kurzen Blick. McCann verbiss sich offensichtlich ein Grinsen. Lex war ziemlich sicher, dass das kein gutes Zeichen war. Ein Blick in die Gesichter seiner drei Vorgesetzten zeigte ihm, dass sie mehr wussten und sich auf seine Kosten amüsierten.

Na, toll, dachte er ironisch.

„Du kannst nicht allein arbeiten, weil sie es nicht zulassen wird“, sagte Payne seufzend. „Es handelt sich um ihre Kunden. Sie fühlt sich verantwortlich, weil diese Menschen durch sie gefährdet sind. Außerdem vertrauen diese Leute Bess. Wenn du ohne sie auftauchst, bist du für sie nicht viel vertrauenswürdiger als dieser widerliche Kerl. Ich weiß, dass du anders darüber denkst. Aber es ist besser, wenn sie dich begleitet.“

Lex nickte. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als die Entscheidung zu akzeptieren. Es war sein erster Auftrag. Außerdem war er daran gewöhnt, Befehle auszuführen. Auch wenn er in seinem neuen Job keine wirklichen Befehle bekam, war es bestimmt besser, Anordnungen oder Ratschläge seiner Vorgesetzten ernst zu nehmen. Er hatte keine Lust, Ärger zu bekommen.

Als der Arzt ihm eröffnet hatte, dass sein Schultergelenk nie wieder voll beweglich sein würde und es für ihn keine Chance gab, zu seiner Einheit zurückzukehren, war er zugleich niedergeschmettert und erleichtert gewesen. Diese Tatsache hatte ihn sehr erstaunt. Er war am Boden zerstört, weil seine Karriere beim Militär ein so frühes Ende fand, aber er war auch erleichtert, weil er sich neuerdings vor dem Tod fürchtete. Er schämte sich dafür und fürchtete, dass er mit dieser Angst seinen Beruf nicht mehr angemessen ausüben konnte.

Ein ängstlicher Soldat war vermutlich schon sehr bald ein toter Soldat.

Lex stammte aus einem sehr pflichtbewussten Elternhaus. Er war in dem Bewusstsein aufgewachsen, diese Welt in einem besseren Zustand verlassen zu müssen, als er sie vorgefunden hatte. Sein Vater hatte zwanzig Jahre lang beim Militär gedient und war nach seinem ehrenvollen Abschied Polizist geworden. Seine Mutter, eine Lehrerin, half nach ihrer Pensionierung ehrenamtlich den Insassen der örtlichen Strafvollzugsanstalt, ihre Schulabschlüsse nachzuholen. Sein Bruder war Arzt bei der Air Force und gerade in Afghanistan. Seine Schwester arbeitete als Krankenschwester.

Jedes Familienmitglied war unaufhörlich damit beschäftigt, dem Gemeinwohl zu dienen. Lex war unglaublich stolz auf jeden Einzelnen von ihnen. Jeder schien seine Bestimmung gefunden zu haben. Bis vor sechs Monaten hatte er das auch von sich selbst geglaubt. Er war beim Militär glücklich gewesen und hegte tiefen Respekt vor den Männern und Frauen, die dort ihren Dienst versahen. Es hatte ihn mit Stolz erfüllt, ein Teil dieser Gemeinschaft zu sein. Aber die ganze Zeit hatte auch der vage Verdacht an ihm genagt, dass er in Wahrheit etwas ganz anderes tun wollte.

Natürlich war es vermessen zu behaupten, dass er in einer Laufbahn als Sicherheitsexperte seine Erfüllung finden würde. Aber es war eine berufliche Perspektive außerhalb des Militärs, die ihm genügend Zeit gab, seine anderen Interessen zu ergründen.

Lex müsste lügen, würde er behaupten, er hätte sich bei seinem Abschied vom Militär nicht schuldig gefühlt. Er hatte das Gefühl, seine vielen Freunde, die ihren Dienst in Kampfgebieten versahen, im Stich zu lassen. Besonders Jeb Andersen, mit dem Lex schon das Ausbildungsprogramm für Offiziere am College absolviert hatte. Nach Hause zu kommen, während Jeb noch an der Front war, fühlte sich grundlegend falsch an.

Manchmal war Lex ganz zerfressen von Schuld, Bedauern und Scham.

Dennoch war er glücklich, wieder zu Hause zu sein. Und er war dankbar, nicht mehr in der Schusslinie zu stehen.

In den ersten Monaten nach der Schussverletzung hatte er schreckliche Albträume gehabt. Er war von vier Kugeln in die Schulter getroffen worden, die seine Muskeln zerfetzt, seine Arterie verletzt und den Knochen zerschmettert hatten. Das Einzige, was ihm in der Zeit wirklich geholfen hatte, war der streunende Hund gewesen, den er eines Tages auf dem Weg von der Therapiesitzung zum Auto entdeckt hatte. Der Hund war halb verhungert und sehr schmutzig gewesen, doch er hatte Lex mit seinen großen braunen Augen so flehend angesehen, dass dieser nicht lange überlegte und ihn mitnahm.

Lex hatte die struppige Streunerin mit den großen Ohren Honey getauft, weil ihr Fell nach dem Baden einen goldenen Farbton zeigte. Die erste Nacht schlief Honey noch auf einem Teppich neben seinem Bett. Doch als er von einem seiner furchtbaren Albträume geplagt wurde, war sie in sein Bett gekrochen und hatte sich an seinen Rücken geschmiegt. Honeys Nähe beruhigte Lex. Innerhalb einer Woche verschwanden seine furchtbaren Träume nahezu gänzlich. Lex wusste, dass sie sich auf seltsame Weise gegenseitig gerettet hatten. Und allmählich bekam er das Gefühl, sich auf dem Weg der Besserung zu befinden.

Tiere hatte Lex schon als Kind geliebt. Auf jedem Stützpunkt, den er während seiner Militärzeit bewohnte, hatte er sich um streunende Tiere gekümmert. Mit Honey besaß er nun einen eigenen Hund, mit dem er auch dann sprach, wenn er sonst mit niemandem reden wollte. Er ging mit ihr spazieren und kümmerte sich um sie. Ihre bloße Anwesenheit half ihm mehr über die schmerzhaften Erfahrungen und Erinnerungen hinweg, als er in Worte fassen konnte. Honey liebte ihn auf eine bedingungslose und unaufdringliche Weise.

Zum Glück hatte Payne ihm zugesichert, dass er Honey in seiner neuen Wohnung halten konnte. Das Apartment gehörte zu dem unglaublichen Paket an Vergünstigungen, das jeder Angestellte der Firma erhielt. Auch hatte niemand etwas dagegen einzuwenden, dass Lex Honey mit zur Arbeit nahm. Er wusste natürlich, dass das nicht immer möglich sein würde. Es würde Zeiten geben, in denen sich jemand anderes um Honey kümmern musste. Daher war er ebenso dankbar wie erleichtert, als er von Payne erfuhr, dass dessen Frau nicht nur Tierärztin war, sondern auch bereit, von Zeit zu Zeit für Honey zu sorgen.

Trotz seiner Schuldgefühle und der nie vollkommen ausheilenden Verletzung hatte Lex zum ersten Mal seit Langem das Gefühl, sich seinem inneren Frieden zu nähern. Er wollte alles daransetzen, seine wahre Bestimmung zu finden und seinem Leben einen wirklichen Sinn zu geben. Dabei war es ihm gleichgültig, was andere davon hielten oder von ihm erwarteten. Dennoch betrachtete er seinen derzeitigen Job nicht nur als Zwischenstation. Er hatte ihn nicht mit der Absicht angetreten, bei nächstbester Gelegenheit wieder zu kündigen. Er wollte seinen Beruf nur nicht mehr wie bisher zu seinem Lebensinhalt machen. Lex war fest entschlossen, das Beste aus seinem Leben herauszuholen.

Seit er im Kampfeinsatz beinahe getötet worden war, hatte er das Leben auf eine völlig neue Art schätzen gelernt. Er wollte keinen Moment mehr vergeuden. Jede Wahl, die er traf, jede Entscheidung, die er fällte, hatte heute eine tiefere für ihn.

Nachdem er dem Tod im Kampf ins Auge geblickt hatte, hatte sich seine Sichtweise auf das Leben geändert. Er wollte es in vollen Zügen auskosten.

„Bist du schon in dein Apartment eingezogen?“, unterbrach Payne seine Gedanken.

„Ja“, antwortete Lex. Er lächelte Payne dankbar an.

Die Wohnung war sehr schön und zum Glück voll möbliert. Sie verfügte über jeden nur erdenklichen Komfort. Ähnlich wie der Konferenzraum, in dem sie sich nun gerade befanden. Sie war mit modernen Elektrogeräten, wertvollen Antiquitäten und erstklassigen, bequemen sowie hochmodernen Möbelstücken ausgestattet.

Die Antiquitäten stammten sehr wahrscheinlich von Bess Cantrell, vermutete Lex. Die Küchenschränke und der Kühlschrank waren mit Lebensmitteln gefüllt und auf dem Tresen in der Küche stand eine Flasche mit bestem irischen Whisky. Der war ein Geschenk von Jamie.

In dem Apartment hatte zuvor Seth McCutcheon gewohnt, der nach seiner Hochzeit in das Haus seiner jungen Frau in Marietta gezogen war. Seth arbeitete die meiste Zeit von zu Hause aus. Er kam nur dann nach Atlanta, wenn es nötig war. Lex hatte ihn noch nicht persönlich kennengelernt, aber alle in der Firma lobten ihn in den höchsten Tönen.

Lex hatte an den verschiedensten Orten der Welt gelebt, dennoch war der Süden der Vereinigten Staaten immer seine Heimat geblieben. Er stammte aus Blue Creek in Alabama, einem hübschen kleinen Ort am Ufer des Tennessee River. Atlanta lag vier Autostunden von dort entfernt.

Seit dem Ende der Schulzeit hatte Lex nicht mehr so nah bei seinem Geburtsort gewohnt. Er verspürte zwar nicht das geringste Verlangen, nach Blue Creek zurückzukehren, denn dort wurden um fünf Uhr nachmittags die Gehwege hochgeklappt, aber es war schön zu wissen, dass er sonntags zum Abendessen zu seinen Eltern fahren oder seine Schwester und ihre Kinder besuchen konnte, ohne in ein Flugzeug steigen zu müssen.

Das hatte ihm sehr gefehlt, wie er erst jetzt bemerkte.

„Bist du mit unseren Zusatzleistungen für Angestellte zufrieden?“, fragte Jamie unvermittelt.

„Oh ja, sehr“, antwortete Lex lächelnd.

„Es wird nicht lange dauern, bis du sie dir ehrlich verdient hast“, bemerkte Guy. „Wir bieten unseren Kunden einen hochspezialisierten Service, dementsprechend gut zahlen sie auch. Ohne unsere ehemaligen Ranger könnten wir die erstklassige Qualität unserer Arbeit nicht halten. Wie dir bekannt sein dürfte, gehören die Ranger zu den am besten ausgebildeten Soldaten der Welt.“

Sie brauchten ihn also und bezahlten ihm genau das, was er ihrer Meinung nach wert war. Lex hoffte, dass er niemanden enttäuschen würde. Vor seiner Schussverletzung hatte er nie an seinen Fähigkeiten gezweifelt. Aber jetzt …

„Wenn wir nicht davon überzeugt wären, dass du für diese Arbeit geeignet bist, hätten wir dich nicht eingestellt“, bemerkte Payne, dessen scharfen Blick nichts entging, auch nicht die Zweifel im Gesicht seines neuen Mitarbeiters. „Wir haben deine Entlassungspapiere studiert und den medizinischen Bericht gelesen. Wir gehen davon aus, dass du den körperlichen Anforderungen dieses Jobs gewachsen bist.“

Lex atmete tief aus. Er nickte. „Sollte ich jemals an einen Punkt gelangen, an dem das nicht mehr gegeben ist, werde ich es euch wissen lassen. Ich werde auf gar keinen Fall aus purem Stolz einen Auftrag aufs Spiel setzen. Auch wenn mich das ziemlich viel Überwindung kosten wird.“

McCann lachte. „Ich schätze, da geht es uns allen ähnlich.“

„Wann soll ich anfangen?“, erkundigte sich Lex.

„Jetzt“, antwortete Payne und überreichte ihm die Akte des Falles. „Die Adresse steht auf der ersten Seite. Hast du ein Navigationsgerät?“

Lex nickte.

„Gut“, sagte Payne. „Bess hat ihre Kundenliste, und du hast einen Laptop mit Schnittstellen für die gesamte Technologie in diesem Büro. Ruf uns bitte an, falls du etwas brauchst.“

„In Ordnung“, sagte Lex.

Payne stand auf und breitete die Arme aus. „Willkommen an Bord.“

„Danke“, sagte Lex und erhob sich gleichfalls. „Es ist wirklich gut, hier zu sein.“

Und das war es. Oder würde es sein, wenn er seinen ersten Auftrag erfolgreich abgeschlossen hatte.

Payne beobachtete, wie Lex Sanborn die Tür hinter sich schloss und wartete, bis er sicher außer Hörweite war. Dann wandte er sich an Jamie und Guy und hob die Augenbrauen. „Also?“

„Garrett ist zwar ein Geschwür am Hintern der Menschheit, aber wir sollten dem alten Mistkerl dennoch etwas Gutes tun“, erklärte Guy und lehnte sich in seinem Sessel zurück. „Er weiß wirklich, was er tut, wenn er uns einen Bewerber schickt.“

„Ich habe das Gefühl, dass Lex etwas unsicher ist wegen seiner Schulter“, sagte Jamie. „Aber davon abgesehen macht er einen sehr guten Eindruck.“

Payne nickte zustimmend. Er glaubte fest daran, dass Lex den Wechsel ins zivile Leben um einiges besser bewältigen würde als die meisten anderen ehemaligen Soldaten. Er hatte das selbst einmal durchgemacht und wusste, wie schuldig Lex sich fühlte, weil er den Dienst quittierte. Aber das war völlig normal. Lex war bis vor einer Woche Berufssoldat gewesen. Und er ließ Kameraden an der Front zurück. So etwas nahm einen mit.

Aber Payne hatte bei Lex auch andere Schwingungen wahrgenommen. Er konnte es nicht beschwören, aber es schien ihm, als ob Lex sich befreit fühlte. Lex war angeschossen worden und beinahe gestorben. Daher wäre es nur verständlich, wenn er sich nun, da er den Dienst hinter sich gelassen hatte, erleichtert fühlen würde.

„Nimmt er wirklich diesen Hund mit?“, fragte Jamie und lachte leise auf.

Payne nickte. Er selbst mochte Tiere sehr und war mit einer Tierärztin verheiratet. Daher konnte er es sehr gut nachvollziehen, wenn jemand sein Haustier innig liebte. Aber eine so enge Bindung wie die zwischen Lex und Honey hatte er noch nie gesehen. Die Hündin war nie weiter als einen halben Meter von Lex entfernt und schien ständig bereit, sich zwischen eine mögliche Gefahr und ihren Herrn zu werfen. Diese bedingungslose Liebe wurde klar erwidert.

„Bess hat bestimmt nichts dagegen“, sagte Payne. „Und es wäre bestimmt ziemlich hart für den Hund, wenn er in dieser neuen Umgebung gleich allein bleiben müsste.“

„Auch dann, wenn Emma sich um ihn kümmert?“, fragte Guy. „Sie ist doch so etwas wie die Mutter Teresa des Tierreiches.“

Payne musste lachen. „Diese Bemerkung werde ich ihr nicht vorenthalten. Da kannst du sicher sein.“

Jamie nickte nachdenklich. „Ich glaube, Lex ist eine gute Ergänzung für unser Team.“

„Das glaube ich auch“, sagte Payne.

Guy grinste breit. „Wäre es nicht besser gewesen, wenn wir erwähnt hätten, dass Bess kein a…“

„Nein“, unterbrach ihn Jamie. „Er findet es noch früh genug selbst heraus.“

Payne lächelte amüsiert. Er hätte viel darum gegeben, Lex ins Gesicht zu sehen, wenn er Bess zum ersten Mal begegnete.

2. KAPITEL

Bess Cantrell betrachtete die aufmüpfigen Züge, die sich auf dem Gesicht ihrer Assistentin ausbreiteten und unterdrückte ein frustriertes Seufzen. Im Moment ging wirklich so viel schief, da konnte sie nicht auch noch einen von Elsies berüchtigten Auftritten gebrauchen.

Aber wenn sie diese Dramen nicht gewollt hätte, hätte Bess diese überaus exzentrische, selbsternannte Hellseherin nach dem Tod ihres Großvaters niemals einstellen dürfen. Bess hatte Elsies Hilfe gebraucht und sie engagiert.

„Ich habe ein sehr, sehr schlechtes Gefühl bei der Sache“, verkündete Elsie mit sorgenvollem Blick. „Du hörst ja nie auf mich. Aber dieses Mal wirst du dir noch wünschen, du hättest es getan. Mir ist klar, dass ich nicht immer richtig liege, aber …“

„Wie an jenem Tag, an dem du mich angeblich bei einem Strandurlaub gesehen hast, während die Rohrleitung unter der Küchenspüle geplatzt ist?“, unterbrach Bess und verdrehte die Augen.

„Ich sage dir, diesmal …“

„Oder wie an jenem Tag, an dem du vorausgesehen hast, ich würde eine heiße Liebesnacht mit dem Mann vom Paketdienst verbringen, und am nächsten Tag erschien sein Bild auf der Titelseite der Zeitung, weil er in der Nacht ein Kaufhaus in Brand gesteckt hatte?“ Bess kontrollierte ihre Kundenliste ein letztes Mal und steckte sie in eine Mappe.

Elsies Wangen liefen rot an, aber sie gab nicht auf. „Das mag sein, wie es will. Aber jetzt habe ich eindeutig das schreckliche Gefühl, dass du …“

„Oder sprichst du von dem Mal, an dem du mich vor dem Gang in den Supermarkt in der Lentil Street gewarnt hast, weil dort etwas Furchtbares geschehen würde? Du hast mich zum Einkauf in die Hillengrove Street geschickt, wo ich, wie du dich vielleicht erinnerst, während eines Raubüberfalles über eine Stunde als Geisel festgehalten wurde.“

„Ich habe die beiden verwechselt!“, verteidigte sich Elsie. „Meine Voraussagen sind nicht immer perfekt. Wie oft muss ich dir das noch erklären? Immerhin habe ich vorhergesehen, dass etwas Schlimmes passieren würde. Und es ist ja auch etwas Schlimmes passiert, nur eben im falschen Supermarkt.“

Es klang, als ob Elsie diesem winzigen Detail keine große Bedeutung zumessen würde. Und wie Bess ihre Assistentin kannte, tat es das auch nicht.

Bess wartete auf den Sicherheitsexperten, den Brian Payne ihr vorbeischicken wollte, und blickte zum Schaufenster ihres Ladens hinaus. Brian Payne gehörte zu ihren besten Kunden. Sie hatte keine Ahnung, was die Dienste seiner Firma wohl kosten mochten, aber sie war bereit, jeden Preis zu zahlen.

Da Brian aber darauf bestanden hatte, im Gegenzug mit Waren beliefert zu werden, war sie auf der Suche nach Stücken, die ihn interessieren könnten. Im Laufe der Jahre hatte er alles Mögliche bei ihr gekauft, angefangen von antiken Lampenschirmen bis hin zu alten Pumpen. Sein Geschmack war ausgefallen und sehr vielseitig.

Als die Polizei Bess keine Hoffnungen machen konnte, den Dieb ihrer Festplatte zu schnappen und diese Person begann, ihre Kunden zu belästigen, hatte sie sofort an Brian gedacht. Sie hatte nicht gewusst, dass das Buch auf dem Foto ein Exemplar der ‚Bösen Bibel‘ war. Sie hatte ja nicht einmal gewusst, dass ein solcher Fehldruck überhaupt existierte. Doch als Brian ihr erzählte, um was für eine Rarität es sich handelte und dass ein Exemplar dieser Bibel auf einer Auktion für einhunderttausend Dollar den Besitzer gewechselt hatte, wurde ihr klar, wie reizvoll diese ‚Böse Bibel‘ war.

Elsie seufzte theatralisch. „Du wirst nicht auf mich hören, obwohl ich die Dinge voraussehen kann, nicht wahr? Das Hellsehen ist eine Gabe.“ Sie hielt inne und deutete mit ihrem Arm in ausladender Geste in Richtung Himmel. „Du bist so störrisch wie ein Maultier. Genau wie dein Großvater. Du bist ihm überhaupt sehr ähnlich. Das war schon so, als du noch Windeln getragen hast.“

„Vielen Dank“, sagte Bess, obwohl sie wusste, dass Elsie ihre Bemerkung keineswegs als Kompliment verstand.

Bess hatte ihren Großvater abgöttisch geliebt. Und sie hatte jeden seiner Wesenszüge zu schätzen gewusst. Nachdem er vor drei Jahren verstorben war, war kein Tag vergangen, an dem sie ihn nicht furchtbar vermisste.

Bess hatte ihren Vater bei einem Autounfall verloren, als sie sieben Jahre alt war. Ihre Mutter hatte den Verlust nicht verwunden und sich ein Jahr nach seinem Tod das Leben genommen. Seitdem lebte Bess bei ihrem Großvater, selbst Witwer.

Weil Elsie schon damals für ihren Großvater gearbeitet hatte, sah Bess nach seinem Tod davon ab, die alte Assistentin zu entlassen und jemand anderen einzustellen, der kompetenter war. Elsie gab sich große Mühe. Und obwohl zwischen ihrem Großvater und Elsie nie eine romantische Beziehung bestanden hatte, war sie für Bess doch immer so etwas wie eine Großmutter gewesen.

Das Haus des Großvaters gehörte nun Bess. Sie hatte es renoviert und nach ihrem Geschmack eingerichtet. Aber es gab auch einige Dinge, die sie nicht anzutasten wagte. Seine Tabakdose stand noch immer auf dem Tisch neben seinem alten ledernen Ohrensessel und die kleine Fußbank mit dem Gobelinbezug davor wartete noch immer auf ein paar schmerzende Füße. Bess musste lächeln.

Jetzt war es für gewöhnlich sie, die ihre Füße darauf bettete.

Bess und ihr Großvater waren ein tolles Team gewesen. Erst sehr viel später hatte er ihr erzählt, dass sie in dem ersten Jahr nach dem Selbstmord ihrer Mutter kein Wort mehr gesprochen hatte. Sie hatte genickt oder den Kopf geschüttelt. Sie hatte geweint. Aber sie hatte weder gesprochen noch gelächelt. Der Großvater behielt Bess zu Hause und unterrichtete sie selbst, bis sie bereit dazu schien, auf eine öffentliche Schule zu gehen. Weil sie jedoch sehr verstört darauf reagierte, gab er den Versuch schnell wieder auf.

Bis zu ihrem Eintritt ins College lehrte der Großvater Bess Latein sowie die griechische und römische Mythologie. Er las mit ihr die Klassiker der Literatur und brachte ihr alles über das Sonnensystem bei, was er wusste. Er interessierte sich sehr für Geschichte und besuchte mit ihr viele historische Orte. So wurde dieses Fach für sie so lebendig. Bess teilte die Leidenschaft ihres Großvaters bis zum heutigen Tag.

Während er mit ihr zusammen durch den Süden fuhr, um immer neue interessante antike Objekte zu ergattern, übte er mit ihr mathematische Theoreme oder fragte sie nach den Urhebern berühmter Zitate ab. Er besaß zahllose Bücher und gab ihr viele davon zu lesen, vor allem Biografien.

„In einer Welt ohne Bücher könnte ich nicht leben“, sagte er stets und zitierte damit Thomas Jefferson, den dritten Präsidenten der Vereinigten Staaten.

Ihr Großvater bestand darauf, dass Bess einen Collegeabschluss machte. Ihr sollten noch andere berufliche Wege als der Handel mit Antiquitäten offenstehen. Doch Bess wollte nie etwas anderes tun, als in alten Häusern und Scheunen nach ausrangierten Dingen zu suchen, die von den meisten Menschen als Trödel bezeichnet und abfällig behandelt wurden. Sie hasste dieses Wort. In ihren Augen war keines der Objekte, für die sie sich interessierte, Trödel. Alles hatte seinen Wert und seinen Zweck. Und ihre Aufgabe bestand darin, historische Objekte vor der Müllhalde zu retten.

Für unkundige Besucher befand sich in ihrem Haus und in ihrem Laden ein Sammelsurium nutzloser Gegenstände. Für Bess jedoch war hier ein Hort für Dinge, die beinahe verloren gegangen wären. Sie bewahrte sie sicher auf, bis sich jemand fand, der sie ebenso zu schätzen wusste.

„Ich sehe, dass du dich bereits entschieden hast“, sagte Elsie wütend. Ihre Nasenflügel bebten vor Zorn.

Für diesen Schluss bedurfte es keiner Hellseherei, denn Bess’ Reisetasche stand gepackt an der Tür. Bess unterdrückte eine Bemerkung und lächelte in sich hinein.

„Allerdings. Brian schickt jemanden, der den Laden im Auge behalten wird. Du bist also in Sicherheit. Ich nehme das Handy mit. Du kannst mich also jederzeit anrufen, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert, während ich mit dem anderen Sicherheitsmenschen unterwegs bin.“ Sie hielt inne und warf Elsie einen strengen Blick zu. „Und mit ‚unvorhergesehen‘ meine ich ein tatsächliches Ereignis und keine weiteren Voraussagen, verstehst du?“

Elsie atmete zischend aus. Sie schüttelte missbilligend den Kopf. „Der arme Nostradamus. Allmählich bekomme ich einen Eindruck, wie er sich gefühlt haben muss.“

„Bitte achte einfach nur auf den Laden und organisiere die Internetauktionen. Wenn wir Glück haben, dauert die ganze Sache nicht allzu lange.“

Bess schnaufte ungeduldig. Wo blieb nur dieser Sicherheitstyp? Je länger es dauerte, bis sie den Mistkerl verfolgten, der ihre Kunden terrorisierte, desto größer war die Gefahr, dass er weitere Menschen verletzte.

Ihr einziger Vorteil war, dass nur Bess wusste, welche der Kunden auf der Liste Käufer und welche Verkäufer waren. Der Dieb hingegen verfügte nur über eine Gesamtliste ohne nähere Zuordnung oder Bezeichnung. Er musste alle Adressen auf der Liste aufsuchen und schien sich dabei von Ort zu Ort vorzuarbeiten. Wenn er bei diesem Muster blieb, dürfte es nicht allzu schwer sein, ihn zu erwischen.

Am Anfang hatte Brian noch versucht ihr auszureden, ihren Mitarbeiter zu begleiten. Aber dann hatte er gründlich nachgedacht und ihrer Anwesenheit zugestimmt. Immerhin handelte es sich ja um ihre Kunden, die ihr vertrauten und die durch einen dummen Fehler von Bess in Gefahr geraten waren.

Bess hatte wie üblich ein Foto des angebotenen Objekts für eine Online-Auktion ins Internet gestellt. So war es am einfachsten und schnellsten. Sie war von ihrer Rundreise nach Hause gekommen, hatte das Foto auf ihren Computer geladen, die Beschreibung verfasst und die Auktion gestartet.

Wenn sie sich bloß daran erinnern könnte, wo sie das Foto von diesem Coca-Cola-Schild aufgenommen hatte. Sie hatte den Tag immer wieder Revue passieren lassen, aber ihr fiel absolut nicht ein, wo sie das Schild gesehen und wer es ihr verkauft hatte. Es konnte ebenso gut jemand sein, den sie regelmäßig besuchte, wie jemand, den sie zum ersten Mal getroffen hatte.

Wenn sie eine vielversprechende Scheune oder ein altes Haus mit rostigen Autos oder Fahrrädern auf dem Hof sah, hielt sie für gewöhnlich an und klopfte spontan an die Tür. Zwar machte sie sich immer einen Vermerk, wo sie etwas gekauft hatte, aber in der letzten Zeit hatte sie Dutzende von Coca-Cola-Schildern erworben, weil sie sich so gut verkauften. Deshalb wusste sie beim besten Willen nicht mehr, wo sie das fragliche Schild neben der Bibel entdeckt hatte.

Zum Glück war sie gerade dabei, ihre Bestandslisten zu ordnen. Sie befanden sich derzeit nur auf dem Laptop und nicht auf der externen Festplatte. Der Dieb, den sie im Gedanken nur Mistkerl nannte, hatte also keinen Zugriff darauf.

Ohne diese Listen suchte der Mistkerl nach einer Nadel im Heuhaufen. Bei diesem Gedanken lächelte Bess zufrieden.

„Oh, ich glaube, da ist er“, murmelte Elsie und zeigte aufgeregt aus dem Fenster. Sie versuchte erfolglos, sich das zerzauste Haar glatt zu streichen, und befeuchtete die grell geschminkten Lippen. „Das muss er sein. Er trägt Khakihosen und einen Strickpullover. Du weißt, wie sehr ich Strickpullover an Männern mag. Und, oh, er hat einen Hund mitgebracht!“

Tatsächlich, dachte Bess, während sie aus dem anderen Fenster schaute. Normalerweise wäre sie an dem Hund mehr interessiert als an dem Mann. Aber dieses Mal lag der Fall anders.

Hilfe, dachte Bess nur.

Sie atmete tief ein und spürte sofort eine kribbelnde Gänsehaut. Ihr Herz pochte erregt und ihr Mund wurde trocken. Bess verspürte ein seltsames Ziehen in der Nabelgegend. Ihr wurde heiß. Es war viel zu warm im Raum. Warum war ihr das nur nicht früher aufgefallen?

Der Typ war groß und breitschultrig. Sein dichtes dunkelbraunes Haar sah aus, als hätte er es an diesem Morgen nur schnell mit den Fingern gekämmt. Bess verspürte das dringende Bedürfnis, mit beiden Händen durch sein Haar zu fahren, nur um festzustellen, ob es sich genauso glatt und geschmeidig anfühlte, wie es aussah.

Er hatte ein gut geschnittenes markantes Gesicht mit hohen Wangenknochen und einem ausgeprägten Kinn. Seine Nase sah aus, als wäre sie mindestens einmal gebrochen gewesen. Das gab seinem Gesicht einen verwegenen Zug. Und sein Mund war einfach unglaublich. Seine vollen Lippen waren so sinnlich, dass Bess sich unwillkürlich mit der Zunge über ihre eigenen fuhr und sich fragte, wie es wohl wäre, ihn zu küssen. Sie seufzte leise und trat näher ans Fenster.

Wie Elsie gesagt hatte, trug der Mann Khakihosen, die zwar bequem aussahen, aber doch so eng saßen, dass seine langen muskulösen Beine, die schmalen Hüften und sein knackiger Hintern betont wurden. Unter dem Strickpullover zeichneten sich muskelbepackte Schultern und Arme sowie eine muskulöse Brust ab.

Das Einzige, was Bess nicht genau erkennen konnte, waren seine Augen. Sie waren hinter einer dunklen Pilotenbrille verborgen. Bess wünschte sich, er würde sie abnehmen. Ich wette, er hat braune Augen, dachte sie. So braun wie dunkle Schokolade, mit langen schwarzen Wimpern.

Der Sicherheitsmann öffnete die hintere Wagentür, um seinen Hund anzuleinen. Das Tier war ein Mischling von unbestimmbarer Herkunft, aber sehr hübsch mit guten Proportionen und hellem honigfarbenem Fell.

Mit einem anmutigen Satz sprang der Hund auf den Gehweg. Der Mann betrachtete aufmerksam die Umgebung und schätzte mit seinem Blick die Eingangstür zum Laden gründlich ab. Sein unerhört sinnlicher Mund verzog sich zu einem etwas abfälligen Lächeln. Bess verspürte einen Anflug von Enttäuschung. Aber sie schüttelte dieses Gefühl rasch ab. Nur weil er der attraktivste Mann war, den sie je gesehen hatte, hieß das noch lange nicht, dass er sich von seinen Geschlechtsgenossen unterschied. Oder von allen anderen Menschen, die ihre Leidenschaft für Antiquitäten nicht verstanden.

Schade, dachte sie. Ihr Körper hatte so heftig auf den bloßen Anblick dieses Mannes reagiert, wie sie es noch nie zuvor erlebt hatte.

Doch dieser Reiz war sofort wieder verfolgen, als er ihr Geschäft begutachtet und offenbar für ebenso schrullig und uninteressant befunden hatte, wie viele andere es taten. Und dabei hatte er sie noch nicht einmal kennengelernt.

Die Türglocke schrillte, als er schließlich den Laden betrat. Er ging schnurstracks auf den Tresen zu, hinter dem Elsie stand und ihm begeistert entgegenlächelte. Obwohl er die Sonnenbrille abnahm, konnte Bess seine Augenfarbe immer noch nicht erkennen.

„Lex Sanborn, Miss Cantrell“, stellte er sich vor und streckte die rechte Hand zur Begrüßung aus. „Es ist mir eine Freude, Sie kennenzulernen.“

Elsie, die noch nie jemand als Mauerblümchen bezeichnet hatte, strahlte ihn an und ergriff seine Hand. „Die Freude ist ganz meinerseits“, gurrte sie entzückt.

Bess rollte die Augen und hielt sich die Hand vor den Mund, um nicht laut loszuprusten. Auf Lex Sanborns Gesicht zeichnete sich ein deutliches Entsetzen ab. Offenbar stellte er sich gerade vor, gemeinsam mit einer äußerst triebhaften Seniorin auf Verbrecherjagd zu gehen. Bess beschloss, im Hintergrund zu bleiben und die amüsante Szene noch eine Weile zu genießen.

Lex Sanborn versuchte, seine Hand wegzuziehen, aber Elsie hielt sie unbeirrt fest. Sie hielt ihre Augen geschlossen und war offenbar auf dem Weg in eine ihrer übersinnlichen Trancen, während sie unverständliche Wörter murmelte. Plötzlich erschauderte Elsie. „Sie waren sehr nah dran, nicht wahr?“

Lex lächelte unsicher. „Wie bitte?“

Elsie tätschelte seinen Handrücken, öffnete die Augen und sah ihn mit warmen Blicken an. „Aber es war noch nicht Ihre Zeit.“

Aus seinem Gesicht wich jegliche Farbe. Der Hund drängte sich an seine Beine, als würde er die Stimmung seines Herrn spüren. „Wenn Sie so weit sind, sollten wir uns jetzt auf den Weg machen“, sagte Lex Sanborn mit brüchiger Stimme.

Bess runzelte die Stirn. Seine Reaktion verwirrte sie. Sie warf einen Blick auf Elsie, die sich auf einem Hocker hinter der Ladentheke niedergelassen hatte. Der alten Frau sah man ihr Alter selten an, was durchaus beabsichtig war, aber in diesem Moment war ihr jedes ihrer fünfundsiebzig Lebensjahre deutlich anzumerken. Was ist denn da gerade passiert? fragte sich Bess.

„Auf den Weg? Wohin?“, fragte Elsie abwesend. Sie schien sich noch immer in geheimnisvollen überirdischen Sphären zu befinden.

„Wir wollen doch den Mann verfolgen, der Ihre Festplatte gestohlen hat und Ihre Kunden belästigt“, antwortete Lex. Seinem Ton war anzuhören, dass er Elsie für leicht senil hielt.

Elsie kicherte. „Oh nein, ich komme nicht mit“, erklärte sie nachsichtig, als ob er derjenige wäre, dessen Sinne verwirrt waren.

Er blinzelte. „Nein?“

„Nein, Bess fährt mit Ihnen.“

Er schüttelte den Kopf. „Dann sind Sie gar nicht Bess?“

Elsie lachte laut auf. „Du meine Güte, nein. Aber ich hätte nichts dagegen, für ein paar Tage mit ihr zu tauschen.“

Mit diese Bemerkung bezog sie sich auf Lex’ gutes Aussehen, das wusste Bess nur zu gut.

Als Elsie über seine Schulter hin zu Bess spähte, wandte sich Lex um.

„Ich bin Bess“, sagte sie und trat auf ihn zu. Er starrte sie an, und Bess hatte plötzlich das Gefühl, durch den Raum zu schweben.

Das Geheimnis ist gelüftet, dachte sie.

Seine Augen sind strahlend blau.

3. KAPITEL

Lex hatte für einen Moment das Gefühl, als hätte ihm jemand eine gusseiserne Bratpfanne über den Schädel gezogen. Entgeistert blickte er die Frau an, die da auf ihn zukam.

Sie war jung, sehr jung, und auf keinen Fall so alt, wie er angenommen hatte. Er versuchte, sich wieder zu fangen. Noch vor ein paar Sekunden hatte er geglaubt, in einen schrecklichen Albtraum geraten zu sein, in dem eine senile Nymphomanin ihn während seines ersten Auftrags permanent sexuell belästigt.

Und dann kam diese junge Frau und war auch noch schön. Nicht einfach nur ansehnlich oder hübsch, nein.

Bess Cantrell war hinreißend schön.

Sie hatte langes seidiges rotbraunes Haar. Ihre großen Augen waren so leuchtend klar und grün, wie er es noch nie zuvor gesehen hatte. Die Augenwinkel waren ein wenig nach oben gebogen, was ihnen einen exotischen Ausdruck verlieh. Ihre fesselnden Augen wurden von langen dunklen Wimpern umkränzt, und unter ihren hohen Wangenknochen zeichneten sich leichte Vertiefungen ab. Ihre Nase war schmal und zierlich und ihre Haut so hell, rein und glatt, dass der Begriff ‚Porzellanteint‘ für ihn endlich einen Sinn ergab. Auf ihrem vollendet geformten Mund spielte ein leichtes Lächeln. Sie sah aus, als würde sie sich gerade aus ihm unbekannten Gründen amüsieren. Und zwar auf seine Kosten.

Sie war klein, grazil und hatte sehr aufregende Kurven. Sie brachte vermutlich ein wenig mehr auf die Waage, als es dem derzeitigen Schönheitsideal entsprach, aber das störte Lex nicht im Geringsten. Im Gegenteil, er hatte schon immer Frauen bevorzugt, die ausgeprägte weibliche Formen besaßen. Sein ganz persönliches Schönheitsideal waren die kurvenreichen Pin-up-Girls aus den vierziger Jahren.

Lex dachte an seine Vorgesetzten und den kleinen Scherz, den sie sich mit ihm erlaubt hatten. Seine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. Natürlich wäre es schön gewesen, wenn sie ihn vorgewarnt hätten, aber sie hatten ihn in dem Glauben gelassen, Bess Cantrell wäre eine verschrobene alte Dame. Gewiss hatten sie sich nach seinem Abgang vor Lachen gebogen. Aus unerfindlichen Gründen waren sie ihm deshalb noch sympathischer als zuvor.

Bess schüttelte ihm die Hand. Er spürte diese unverbindliche Berührung bis ins Mark.

Dann beugte sie sich vor und lächelte ihn verschwörerisch an. „Ich hoffe, ich bin das kleinere von zwei Übeln.“ Dabei deutete sie mit dem Kinn auf Elsie, die noch immer hinter der Theke saß.

Ihre Stimme war klar und melodisch mit einem leicht rauchigen Unterton. Sie klang unerhört sexy. Unwillkürlich dachte Lex an zerwühlte Laken und nackte Haut.

Bess Cantrells nackte Haut.

„Lex Sanborn“, stellte er sich vor. „Von Ranger Security.“

Sie nickte. „Bess Cantrell. Ich freue mich, Sie kennenzulernen.“ Sie warf einen Blick auf seinen Hund. Auf ihren sinnlichen Lippen zeichnete sich ein freundliches Lächeln ab. „Und wer ist das?“

„Das ist Honey“, antwortete Lex. „Hoffentlich haben Sie nichts dagegen, dass ich sie mitgebracht habe.“

„Überhaupt nicht. Das ist aber ein schöner Hund.“ Sie beugte sich zu Honey hinunter und streckte die Hand aus, damit das Tier sie beschnüffeln konnte.

Honey blickte zu Lex auf, um sein Einverständnis zu erbitten. Als Lex nickte, drückte sie die Nase in Bess’ Handfläche.

Da das Eis gebrochen schien, strich Bess der Hündin über den Kopf und kraulte sie hinter den Ohren. „Das ist gut, nicht wahr? Das gefällt dir. Du bist ein ganz braves Mädchen.“

Bess sprach zärtlich und gänzlich unbefangen mit dem Hund. Lex wunderte sich immer wieder, wie wenigen Menschen dies gelang. Ihm fiel es viel leichter, mit Tieren zu reden als mit Menschen, nur hatte er das bis zu dem Moment, in dem er Honey traf, vollkommen vergessen.

Bess richtete sich auf und blickte ihn an. „Wir sollten uns wohl allmählich auf den Weg machen, oder?“

Er nickte ein wenig verärgert. Es wäre sein Job gewesen, sie daran zu erinnern. Nicht umgekehrt. Was war nur los mit ihm? Schließlich war sie nicht die erste schöne Frau, der er begegnete. Mit einigen von ihnen hatte er sogar flüchtige Affären gehabt. Also, was war an dieser Frau so besonders, dass er beinah seinen Auftrag vergaß? Und warum schlug sein Herz bis zum Hals? Er kannte sie doch kaum zwei Minuten.

Bess ging hinter die Theke und umarmte Elsie. „Ich rufe dich an, sooft ich kann. Und du meldest dich, wenn etwas Wichtiges sein sollte. Aber nur bei etwas wirklich Wichtigem.“

Mit einem unbehaglichen Gefühl betrachtete er die alte Frau. Als sie seine Hand festgehalten und diese Bemerkung gemacht hatte, dass er nahe dran gewesen wäre, war ihm ein eiskalter Schauer über den Rücken gelaufen. Er hatte plötzlich den Eindruck gehabt, als ob diese Frau bis auf den Grund seiner Seele blicken und all seine verborgenen Geheimnisse bloßlegen konnte. Das verwirrte und bestürzte ihn.

Lex blickte zu Bess und zu ihrem wohlgerundeten Hinterteil. Sie war zweifellos das kleinere von beiden Übeln.

„Natürlich“, erwiderte Elsie mit einem unschuldigen Blinzeln.

„Und du fütterst Severus für mich?“

„Aber sicher. Immer morgens und abends. Er wird garantiert nicht verhungern.“

Bess lächelte die alte Dame dankbar an. „Vielen Dank, Elsie. Du bist ein Schatz.“ Dann wandte sie sich zur Tür und ergriff ihre Reisetasche. „Ich bin bereit, wenn Sie es sind.“

Lex eilte ebenfalls zum Ausgang und nahm ihr die Tasche aus der Hand. Dann öffnete er die Tür für sie und ließ ihr zuvorkommend den Vortritt. Wenn er im Moment auch sonst alles vergaß, dann doch nicht seine guten Manieren.

„Ich kann das auch sehr gut selbst machen“, protestierte Bess. „Ich trage häufig Sachen, die viel schwerer sind.“

Das konnte er sich lebhaft vorstellen. Dennoch würde er auf dieser Reise für das Gepäck verantwortlich sein. Er hielt Bess die Beifahrertür seines SUV auf und versuchte vergeblich, den Blick von ihrem knackigen Po abzuwenden, der in der engen Jeans so gut zur Geltung kam. Geschmeidig glitt sie auf den Sitz. Nachdem er ihre Tasche in den Kofferraum neben seine gestellt hatte, ließ er Honey auf die Rückbank springen und löste ihre Leine.

„Sie wird mich dafür hassen, dass ich vorn sitzen darf, oder?“, fragte Bess.

Lex mochte die Art, wie ihr das Haar über die Schultern und auf die wohlgerundeten Brüste fiel. Dieser Anblick war sehr sexy. Unvermittelte spürte er, wie eine Welle der Erregung in ihm aufbrandete.

Das ist nicht so gut, dachte er, während er sich auf den Fahrersitz niederließ. Er steckte den Zündschlüssel ins Schloss und startete den Motor. Mit einem Blick über die Schulter fädelte er sich in den Verkehr ein. Dabei wurde ihm bewusst, dass er keine Ahnung hatte, wohin sie eigentlich fahren wollten. Sie hätten es vor der Abfahrt besprechen sollen.

Aber dafür war es jetzt zu spät.

Ihm war bewusst, dass er aufpassen musste, um nicht die Kontrolle zu verlieren.

„Das ist schon in Ordnung“, beantwortete er ihre Frage nach dem Hund. „Payne hat mich ausführlich über diesen Fall informiert. Er erwähnte, dass der Dieb eine Adresse nach der anderen aufsucht. Immer die, die am nächsten liegt. Ist das richtig?“

Na bitte. Das hört sich wenigstens einigermaßen professionell an, dachte er zufrieden.

„Ja, das ist es“, erwiderte Bess. Sie zog einen Aktendeckel aus der Handtasche und entnahm ihm einige Papiere, die sie sorgfältig studierte. „Wenn wir von der Adresse ausgehen, die er zuletzt aufgesucht hat, müsste der nächste Anlaufpunkt Waycross sein.“

„Waycross?“

„Ja. Wenn er sich an den Plan hält, immer die nächstgelegene Adresse anzufahren. Ich glaube, er bleibt erst einmal in Georgia. Dann folgen Mississippi, Tennessee und North und South Carolina.“

Lex machte große Augen. Er hatte ja keine Ahnung gehabt, wie groß das Gebiet war, um das es bei diesem Auftrag ging. Allmählich bekam er eine Vorstellung davon, welche Strecken Bess auf ihrer Suche nach Antiquitäten zurücklegte.

„Haben Sie Ihre Kunden in Waycross vorgewarnt?“, erkundigte er sich.

„Dort gibt es nur einen“, erwiderte sie. „Und ja, ich habe Gus schon angerufen. Er weiß, dass der Kerl nicht in meinem Auftrag unterwegs ist. Und er besitzt nichts, was der Bibel auch nur annähernd ähnlich ist. Außerdem ist er bewaffnet. Möglicherweise erleidet unser Dieb den Schock seines Lebens.“

„Das freut mich zu hören“, sagte Lex zufrieden. „Haben Sie schon gefrühstückt?“

„Frühstück?“, fragte Bess. Sie blinzelte erstaunt über den plötzlichen Themenwechsel.

„Ja, die erste Mahlzeit des Tages“, antwortete er lächelnd. „Das frühe Stück, vermutlich Brot. Auf Englisch heißt es ‚breakfast‘. Das bedeutet Fasten brechen.“

„Ich weiß, was Frühstück bedeutet“, erklärte sie und lächelte amüsiert. „Aber vielen Dank für die Lektion.“

Lex konnte einfach nichts gegen seine Leidenschaft für Sprache tun. Er wollte nicht nur wissen, was ein Wort bedeutete, sondern auch, wie es entstanden war. Wie schon sein Großvater war er ein Kreuzworträtsel-Fan.

„Also?“, fragte er beharrlich.

Sie sah ihn verwirrt an. „Also was?“

Er lachte leise. „Haben Sie schon gefrühstückt?“

„Eigentlich schon“, antwortete sie. „Aber ich habe nichts dagegen, Ihnen beim Essen zuzusehen.“

„Ich habe auch bereits gefrühstückt, aber wir sollten unsere Route genauer planen. Wollen wir dies nicht vielleicht bei einer kurzen Kaffeepause erledigen?“

Bess nickte. „Gern. Das hört sich gut an.“

Lex fand einen Coffeeshop mit einer Außenterrasse. Bess blieb bei Honey, während er hineinging, um für sie zu bestellen. Die Luft schien sich etwas abzukühlen, aber es war noch warm genug. Bess hatte die Hündin an ihrem Stuhl festgebunden und war damit beschäftigt, sie zu streicheln, als Lex wieder herauskam. Honey hatte natürlich die ganze Zeit unverwandt auf die Tür gestarrt, hinter der er verschwunden war.

„Sie mag es überhaupt nicht, wenn Sie außer ihrer Sichtweite sind“, bemerkte Bess, während er die Getränke und ein Plunderstück auf ihrem Tisch ablud.

Honey kam sofort zu ihm, setzte sich zu seinen Füßen und legte den Kopf auf sein Knie. Er strich ihr sanft über die Ohren.

„Sie hängt wirklich sehr an Ihnen. Wie lange haben Sie sie schon?“, fragte Bess.

„Ungefähr fünf Monate“, antwortete Lex.

Während Bess an ihrer Apfelschorle nippte, betrachtete er sie verstohlen. Sie trug eine kleine grüne Mütze mit einem dazu passenden Schal und sah damit einfach hinreißend aus.

„Also war sie kein Welpe mehr“, stellte sie fest.

„Nein. Der Tierarzt meinte, sie ist etwa eineinhalb Jahre alt.“ Er schob sich ein Stück von seinem Plunderstück in den Mund. „Und was ist mit Ihnen? Was ist ein Severus?“

Sie lachte leise. „Ein Severus ist ein schwarzer Kater und der inoffizielle Chef in meinem Haus.“

„Der inoffizielle Chef?“

„Ja, denn der offizielle Chef bin ich“, erwiderte sie. „Aber sagen Sie ihm das bloß nicht.“

„Und er heißt Severus wie Severus Snape, der verhasste Lehrer für Zaubertränke an der Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei?“

Wieder lachte sie. „Sie interessieren sich nicht nur für Wortstämme, sondern Sie kennen auch noch Harry Potter?“

Lex hatte sämtliche Bände gelesen, als er sich von seiner Kriegsverletzung erholte. Es war das erste Mal seit Jahren, dass er wirklich Muße zum Lesen und jede Minuten intensiv genossen hatte.

„Oh ja, ich habe alle Bände verschlungen. Ich fand sie unglaublich.“ Es war sehr nett, mit Bess zu plaudern, nur leider brachte sie das ihrem Ziel kein Stück näher. Er legte die Straßenkarten auf den Tisch und nahm einen roten Stift zur Hand. „Damit wir eine bessere Übersicht haben, sollten wir jede Adresse auf der Karte markieren.“

Bess zog einen Atlas aus ihrer Tasche und schlug die Seite mit dem Staat Georgia auf. „Meinen Sie in etwa so?“

Lex begann sich zu fragen, weshalb er eigentlich hier war. „Ja, genau so“, erwiderte er mit Blick auf die Karte und zwang sich zu einem Lächeln.

Ihr entging seine leichte Verstimmung nicht. Sie lächelte ihn entschuldigend an. „Es tut mir leid. Das habe ich gestern Abend gemacht. Nach meiner Information hat Payne Sie erst heute Morgen auf den neusten Stand der Dinge gebracht. Deshalb dachte ich, diese Vorbereitung wäre nützlich.“

Das war sie in der Tat. Er hatte eigentlich keinen Grund, verärgert zu sein, aber er war es dennoch. Dies war sein erster Auftrag, aber bis jetzt hatte Bess die ganze Arbeit erledigt. Es war höchste Zeit, dass er etwas unternahm, um sich sein Geld zu verdienen.

„Das hilft uns auf jeden Fall weiter“, erklärte er, nahm den Atlas zur Hand und blätterte darin. Sie hatte die Markierungen nicht nur für Georgia, sondern auch die angrenzenden Staaten vorgenommen. Offenbar war sie sehr sorgfältig und exakt vorgegangen. Er hätte es selbst nicht besser machen können. Das Problem war nur, dass er es eben nicht getan hatte.

Er schaute auf und atmete seufzend aus. „Kann ich Sie etwas fragen, Bess?“

„Aber sicher.“

„Sind Sie eine gute Schützin?“

Verwundert runzelte sie die Stirn. „Sie meinen, mit einer Waffe?“

„Ja.“

„Nicht besonders“, murmelte sie zögernd.

Gut, dachte er. Dann war sie ihm wenigstens in dieser Hinsicht nicht voraus und er hatte noch eine Chance, zu diesem Auftrag etwas beizutragen. Vorausgesetzt, dass er auf jemanden schießen musste.

Ich habe nicht wirklich gelogen, dachte Bess schuldbewusst. Sie war wirklich keine gute Schützin, sie war hervorragend. ‚Gut‘ bedeutete Mittelmaß, und davon war Bess meilenweit entfernt.

Nach dem Selbstmord ihrer Mutter hatte sie anfangs vor jeder Art von Waffe entsetzliche Angst gehabt. Selbst bei der Fehlzündung eines vorbeifahrenden Fahrzeugs oder dem Geräusch eines Schusses im Fernseher war sie heftig zusammengezuckt. Der bloße Anblick einer Waffe genügte schon, um sie in heillose Panik zu versetzen.

Gemessen an ihren Reaktionen hätte man annehmen können, sie hätte sich im Haus aufgehalten, als ihre Mutter sich das Leben nahm. Doch das war nicht der Fall gewesen. So verzweifelt und depressiv ihre Mutter auch gewesen sein mochte, sie hatte die Umsicht und die Güte besessen, Bess vorher zum Spielen zu einer Freundin zu schicken. Außerdem hatte sie eine Nachricht an die Eingangstür geheftet, die verhindern sollte, dass man Bess ins Haus ließ. Sie wollte auf jeden Fall verhindern, dass ihr eigenes Kind sie tot auffand. Der Nachricht hatte sie ein Foto beigefügt, auf dem sie selbst, ihr Mann und Bess abgebildet waren. Auf die Rückseite des Fotos hatte sie geschrieben, wie leid ihr alles tat. Es war eines der wenigen Erinnerungsfotos aus ihrer Kindheit, die Bess besaß.

Ihr Großvater war davon überzeugt, dass er die Ängste seiner Enkeltochter gegenüber Waffen nur heilen konnte, wenn er ihr beibrachte, verantwortungsvoll mit ihnen umzugehen. Bedächtig und behutsam hatte er Bess an den Umgang mit Waffen gewöhnt und sie dann, als sie so weit war, mit auf den Übungsplatz genommen. Als er entdeckte, welche Treffsicherheit seine Enkelin besaß, war er hocherfreut.

Sie blickte zu Lex, der immer noch die Landkarten studierte. Offenbar war er dabei, ihre genaue Route zu planen. Bess dachte, dass es keine gute Idee wäre, ihm von ihren Schießkünsten zu erzählen. Auch, dass sie wegen ihrer vielen, teils auch nächtlichen Fahrten über Land immer eine kleine Pistole bei sich trug, würde sie ihm besser verschweigen. Irgendwie hatte sie das Gefühl, dass er sich schon jetzt etwas nutzlos vorkam.

Obwohl sie ein lebloses Ziel mit großer Genauigkeit treffen konnte, hieß das noch lange nicht, dass sie in der Lage war, auf einen Menschen zu schießen. Sie nahm an, sie könnte es, um ihr eigenes Leben oder das eines anderen zu retten. Aber sie hoffte inständig, niemals in eine solche Situation zu kommen.

Da Lex ein ehemaliger Ranger war, fühlte sie sich bei ihm absolut sicher.

Seine Augen waren nicht einfach nur blau, wie sie zuerst geglaubt hatte. Es war vielmehr eine außergewöhnliche Mischung aus Blau und Grün, während der Rand seiner Iris sehr dunkel war. Bess empfand seine Augen als unerhört fesselnd.

Und nicht nur seine Augen. Sie hatte vom ersten Moment an gewusst, dass sie mit Lex in Schwierigkeiten geriet. Sie hatte sich sofort zu ihm hingezogen gefühlt, und dieses Gefühl wurde mit jeder Minute, die sie mit ihm verbrachte, stärker. Eine solche Intensität hatte sie noch nie erlebt. Natürlich war sein gutes Aussehen eine gute Erklärung dafür. Er war groß und muskulös und strahlte eine faszinierende Selbstsicherheit und Gelassenheit aus. Das allein machte ihn schon attraktiv für sie.

Wenn er ihr den Kopf zuwandte, erweckte die markante Linie seines Kinns in ihr den Wunsch, sie mit den Fingern nachzuzeichnen. Alles an ihm war auf eine sehr männliche Art makellos, vor allem sein unglaublich sinnlicher Mund. Sie beobachtete, wie er mit dem Zeigefinger auf der Karte eine Strecke entlangfuhr und verspürte ein Ziehen in der Magengegend. Seine Hände waren groß und sehnig. Man konnte die Kraft darin förmlich sehen. Unwillkürlich stellte sie sich diese Hände auf ihrer nackten Haut vor.

Sie wurde rot und nahm schnell noch einen Schluck von ihrer Apfelschorle.

„Ist etwas nicht in Ordnung?“

Nur meine fehlgeleitete Libido, dachte sie und blinzelte unschuldig. „Nein, alles bestens.“

Er lächelte amüsiert.

„Lachen Sie mich aus?“, fragte sie und wartete darauf, dass seine Lippen sich zum Sprechen öffneten. Ihr Anblick war erotisch und faszinierend zugleich.

„Nein“, antwortete er. „Nicht Sie.“

„Aber Sie fanden doch gerade irgendetwas lustig.“

„Eigentlich habe ich gerade gedacht, dass Sie dieses unschuldige Blinzeln von Elsie haben müssen. Sie hat genauso geguckt, als Sie ihr sagten, sie solle nur anrufen, wenn etwas wirklich Wichtiges passiert.“

Bess musste lachen. „Es kann gut sein, dass ich es von ihr habe. Ich kenne sie schon mein ganzes Leben lang.“

„Sie ist … wirklich ein Original“, sagte er vorsichtig.

Das war, fand Bess, viel freundlicher, als zu sagen, Elsie wäre ein verrücktes Huhn. Denn das dachten viele Leute über sie. Auch Bess selbst dachte so, wenn sie ehrlich war. Aber diese Verrücktheit machte auch einen gehörigen Teil von Elsies Charme aus.

„Das ist sie zweifellos“, erwiderte sie mit einem Nicken. „Sie hat die Sehergabe, wissen Sie.“

„Sie hat was?“

„Nun, sie glaubt, sie könne hellsehen“, sagte Bess.

Unwillkürlich kehrten ihre Gedanken zu dem Moment zurück, als Elsie seine Hand gehalten hatte. Irgendetwas hatte ihn dabei sehr erschreckt. Bess war ganz sicher. Über all seiner Selbstsicherheit lag ein spürbarer, merkwürdiger Schatten. Es war, als würde ihn irgendetwas verfolgen. Plötzlich war Bess sehr neugierig auf seine Lebensgeschichte. Jeder hatte doch eine Geschichte. Und sie wollte seine unbedingt erfahren.

Lex lachte leise und ahmte ihre Geste nach, indem er sie unschuldig anblinzelte.

Bess stimmte in sein Lachen ein. Doch dann wurde sie unvermittelt ernst. „Elsie hat Sie vorhin ganz schön aus der Fassung gebracht, nicht wahr?“

Er biss sich auf die Innenseite seiner Wange. „Sie meinen, als sie sich praktisch über die Theke hinweg auf mich stürzte und ihre Stimme zu einem gefährlichen Gurren wurde?“

„Sie mag jüngere Männer“, erwiderte Bess lächelnd.

„Und mögen die jüngeren Männer sie auch?“

„Sie schafft es immer wieder, sich mit welchen zu verabreden.“

„Aber jünger heißt in diesem Fall, dass es sich immer noch um ältere Herren handelt, oder? Es gehört nicht so viel dazu, jünger als Elsie zu sein.“

„Ja, das stimmt.“

„Aha.“ Lex grinste. „Das dachte ich mir. Sie ist nämlich mehr als doppelt so alt wie ich.“ Er schüttelte sich. „Ich habe irgendwie das Gefühl, ein Bad nehmen zu müssen.“

Bess lachte so sehr, dass ihr die Tränen in die Augen stiegen. „Ach, kommen Sie schon. So schlimm kann es doch nicht gewesen sein.“

„Doch, das war es“, sagte er trocken. „Ich dachte nämlich, das wären Sie.“

Mittlerweile tat Bess der Bauch weh vor Lachen. „Ich weiß“, schnaufte sie atemlos.

Seine Augen weiteten sich vor Entrüstung. „Sie wissen es? Soll das etwa heißen, Sie haben die ganze verdammte Szene mit angesehen?“

Sie nickte nur und hielt sich die Seiten vor Lachen.

„Das … das … Also, das war wirklich gemein“, platzte es aus ihm heraus, und er blickte sie empört, aber auch anerkennend an.

Bess zuckte die Schultern. „Ich habe Sie aus dem Wagen steigen sehen. Ich hätte Ihren Irrtum gern richtiggestellt, aber Sie waren so in Eile …“ Mühsam unterdrückte sie das erneut aufsteigende Gelächter. „Und dann war es einfach zu witzig, Sie zu beobachten.“

„Da bin ich aber froh, dass ich zu Ihrer Unterhaltung beitragen konnte, Mylady. Lassen Sie es mich wissen, wenn ich Ihnen in dieser Hinsicht wieder zu Diensten sein kann.“

Oh, oh, dachte Bess. Jetzt wird es gefährlich. Sie hatte das sichere Gefühl, dass er Stunde um Stunde zu ihrer höchst lustvollen, aufregenden und erotischen Unterhaltung beitragen könnte, wenn sie ihn lassen würde.

Und in Anbetracht der Hitze, die bei dieser Vorstellung in ihr aufstieg, geschah das vermutlich noch, bevor sie ihre Aufgabe erfüllt hatten.

4. KAPITEL

Nach einer Stunde in Bess’ Gesellschaft begann Lex, sich zu fragen, ob Elsie nicht doch die geeignetere Reisegefährtin gewesen wäre. Es wäre vermutlich einfacher gewesen, seine Tugenden ihr gegenüber zu verteidigen, als mit einer Frau im Wagen zu sitzen, von der er seit dem ersten Augenblick kaum die Hände lassen wollte

Er war sich ziemlich sicher, dass es nicht zu seiner Stellenbeschreibung gehörte, eine Kundin zu verführen. Außerdem war Bess mit Brian Payne befreundet. Brian hatte erwähnt, dass er Bess seit Jahren kannte und ihr Fall ein ganz besonderer war. Bestimmt gewährte er ihr auf die Kosten dieses Auftrages einen Nachlass. Er hatte keine Ahnung, was sie mit dem Verkauf von diesem alten Trödel verdiente, aber sehr viel konnte es nicht sein. Trödel, erinnerte er sich, war nach Paynes Aussage ein Begriff, den Bess nicht ausstehen konnte. Er beschloss, ihn auch aus seinen Gedanken zu streichen.

Aus den Augenwinkeln beobachtete er, wie Bess ihre Kundenliste neben ihm auf dem Beifahrersitz noch einmal durchging. Vermutlich versuchte sie sich zu erinnern, wo sie das Foto von der Bibel aufgenommen hatte. Bess hatte ihre Brauen vor Konzentration zusammengezogen, und ab und an befeuchtete sie mit der Zunge ihre Lippen.

Er fand Bess in diesem Moment unglaublich begehrenswert.

„Ach“, seufzte sie und rieb sich die Schläfen. „Sie glauben gar nicht, wie sehr es mich quält, dass ich mich nicht an den Verkäufer dieses Coca-Cola-Schilds erinnern kann. Ich habe mir doch einen Vermerk gemacht. Schon mein Großvater hat immer darauf bestanden, dass ich mir Notizen mache. Ich weiß genau, dass die Adresse hier irgendwo steht. Aber ich kann den Vermerk einfach nicht finden.“

„Haben Sie das Geschäft von Ihrem Großvater geerbt?“, fragte er.

Sie nickte und lächelte bei der Erinnerung an den gütigen und liebevollen alten Mann. „Ja. Er hat bereits als Jugendlicher mit dem Sammeln angefangen. Dann hat er den Laden eröffnet und ist bis zu seinem Tod dabei geblieben.“

„Sammeln?“, hakte er nach.

„So haben wir es immer genannt. Es bedeutet, die ausrangierten Sachen von anderen Leuten nach verborgenen Schätzen zu durchsuchen.“

„Wie Sperrmüllsammler?“

„In gewisser Weise. Nur, dass wir nicht in Müllcontainer klettern, sondern Scheunen, Schuppen und Hinterhöfe durchforsten. Eben die Orte, wo die Leute ihren Trödel abstellen. Obwohl ich das Wort überhaupt nicht mag. Nichts ist Trödel. Jede Sache hat ihren Wert. Sie wartet nur darauf, von der richtigen Person gefunden zu werden.“

Lex gab ein nachdenkliches Brummen von sich.

„Was ist?“, fragte sie neugierig.

„Nichts. Ich habe das nur noch nie auf diese Weise betrachtet.“

„Damit sind Sie nicht allein. Den meisten Menschen geht es so. Deshalb wandern leider viele historische Stücke auf die Mülldeponie, bevor Sammler wie ich sie retten können.“

„Und was für Sachen sind es genau, die sie retten wollen?“, fragte er neugierig. Es gefiel ihm, wie ihr Verstand arbeitete. Sie war nicht nur schön, sie war auch intelligent und hatte ihre eigenen Standpunkte. Es war sehr interessant, sich mit ihr zu unterhalten.

Schönheit und Intelligenz, dachte er. Zweifellos eine gefährliche Mischung.

Sie lächelte. „Alles. Werbeschilder aus Metall, alte Motorräder und Autos oder Teile davon. Fahrräder, Straßenlaternen, Spielzeug, alte Registrierkassen, Koffer und so weiter. Alles eben.“

„Aber bestimmt haben Sie auch Kunden, die nach speziellen Sachen suchen, oder?“

„Oh ja. Brian Payne zum Beispiel ist ganz versessen auf Autoteile und alte Pumpen. Er restauriert historische Wagen.“

„Tatsächlich?“, fragte er erstaunt. Er kannte seinen Chef noch nicht lange genug, um über dessen private Hobbys Bescheid zu wissen.

Sie nickte. „Ich erinnere mich an das erste Stück, das er bei mir gekauft hat. Es war die Kühlerhaube für einen Oldsmobile Rocket 88 aus dem Jahr 1955.“

„Daran können Sie sich erinnern, aber Sie erinnern sich nicht an den Ort, an dem Sie das Coca-Cola-Schild gekauft haben?“, fragte er lächelnd.

Sie seufzte frustriert. „Ich weiß! Das treibt mich noch in den Wahnsinn. Aber ich kaufe sehr viele von diesen Schildern, verstehen Sie? Sie finden immer Abnehmer und bleiben nicht lange bei mir. Viele Leute sammeln die Dinger.“

Lex hatte noch nie in seinem Leben etwas gesammelt. Abgesehen von dem Stapel von Playboy-Magazinen, die er als Jugendlicher unter einem losen Dielenbrett in seinem Zimmer versteckt hatte. „Ich begreife das nicht. Warum sammeln die Leute solches Zeug?“

„Wer weiß? Vielleicht hat schon der Vater damit begonnen. Die Menschen neigen eben dazu, Dinge zu horten, die ihnen etwas bedeuten. Schnapsgläser stehen zum Beispiel derzeit hoch im Kurs. Das habe ich auch noch nie verstanden. Aber wenn Sie in irgendeinen beliebigen Souvenirladen auf dieser Welt gehen, finden Sie unter Garantie Schnapsgläser.“

Das konnte Lex in gewisser Weise nachvollziehen. Sie waren klein und billig. „Und was ist mit Zuckerlöffeln und Fingerhüten? Die dürfen Sie nicht vergessen.“

Sie musste lachen. „Ich habe selbst welche, wie ich gestehen muss. Allerdings sind sie wirklich antik und ziemlich wertvoll. Nicht wie diese Dinger, die es in den Souvenir-Shops mit einem Aufdruck des Urlaubsortes zu kaufen gibt.“

„Also sammeln Sie Fingerhüte?“

„Unter anderem“, antwortete sie vage und blickte aus dem Fenster.

„Sie machen mich neugierig“, insistierte er. „Wenn etwas besonders schön ist oder ich keinen Käufer finde, behalte ich es.“

Lex sah sie von der Seite an. „Dann sieht Ihr Haus von innen aus wie ein Antiquitätengeschäft?“

„Nicht direkt.“

„Und Ihr Hinterhof wirkt nicht wie ein Schrottplatz?“

„Überhaupt nicht“, antwortete sie. „Sie haben mein Haus übrigens schon gesehen. Es liegt genau gegenüber von meinem Geschäft.“

Er blinzelte überrascht. „Das giftgrüne Haus mit der roten Tür?“

„Die Tür ist nicht rot. Die Farbe heißt ‚Wassermelone‘.“ Sie schnaufte und verdrehte die Augen. „Und mein Haus ist nicht giftgrün, also wirklich!“

Er lachte. „Tut mir leid. Wie würden Sie denn diesen Farbton dann bezeichnen?“

„Er nennt sich ‚Pistazie‘“, sagte Bess und zog die Augenbrauen hoch.

„Ach so“, erwiderte er amüsiert. „Das passt ja gut zum Thema Essen.“

„Essen?“

„Sie sagten, der Farbton der Tür heißt ‚Wassermelone‘. Pistazien passen dazu.“

Sie räusperte sich. „Wenn Sie es so verdrehen wollen, ergibt es sogar einen Sinn.“

„Ach, Logik ist also verdreht?“

„Ihre schon“, gab sie zurück.

Er schüttelte den Kopf und lachte. „Ich hoffe, Sie meinen das als Kompliment.“

„So ist es. Sie sind ganz anders, als ich erwartet habe.“

„Wie meinen Sie das?“, fragte er neugierig.

„Ich kann es nicht genau benennen“, antwortete Bess und nagte auf ihrer Unterlippe.

„Versuchen Sie es“, bat Lex.

„Ich weiß nicht“, begann sie nachdenklich. „Ich glaube, ich habe jemanden wie Payne erwartet. Kühl, ein wenig despotisch und immer davon überzeugt, dass der eigene Weg der einzig richtige ist.“

Lex gefiel diese Beschreibung nicht, aber wenn sie ihn bis jetzt nicht ständig übertrumpft hätte, würde er ihr zustimmen. „Ach, und das bin ich nicht?“

„Sie wären es vielleicht, wenn ich Sie lassen würde“, erwiderte sie mit einem spitzbübischen Lächeln. Dann drehte sie die Lautsprecher des Autoradios auf. „Oh, die Rascal Flatts! Ich liebe ihre Musik!“

Lex zuckte zusammen. Ihm wurde schlagartig klar, dass Bess ihn die ganze Zeit manipuliert hatte. Und er hatte es zugelassen. Aber das würde er sofort ändern.

Ich hätte ihn nicht so reizen dürfen, dachte Bess reumütig. Aber sie hatte einfach nicht anders handeln können. Sie wollte ihn begleiten und verantwortungsvolle Aufgaben übernehmen. Aber sie hätte ihm nicht unbedingt sagen müssen, wie geschickt sie ihn ausmanövriert hatte.

Nun war ein kämpferischer Ausdruck in sein Gesicht getreten. Er blickte versteinert vor sich hin und Bess wusste, dass sie ihn maßlos provoziert hatte.

Manchmal benahm sie sich wirklich zu dumm.

„Weiß Ihr Kunde in Waycross, dass er sich bei Ihnen melden soll, wenn der Kerl bei ihm auftaucht?“, fragte Lex, um das Gespräch wieder auf eine sachliche Ebene zu bringen.

„Ja.“

„Haben Sie ihm auch gesagt, dass er versuchen soll, den Namen des Mannes herauszukriegen und sein Kfz-Kennzeichen zu notieren, wenn es möglich ist?“

„Nein“, erwiderte Bess kleinlaut. Daran hatte sie nicht gedacht. Ihre Selbstgefälligkeit bröckelte. Ein Seitenblick auf Lex zeigte ihr, dass seine Laune sich besserte. Nun war es an ihm, sich selbstgefällig zu geben

Sie holte ihr Handy aus der Handtasche und wählte die Nummer von Gus. „Guten Morgen, hier ist Bess“, begrüßte sie ihn, als er sich meldete. „Hatten Sie schon Besuch?“

„Er war gerade hier“, berichtete Gus.

Sie japste nach Luft und warf Lex einen bedeutungsvollen Blick zu. „Er war gerade da? Was ist passiert?“

„Ich habe genau das getan, worum Sie mich gebeten haben. Ich habe diesen miesen Schuft zum Teufel gejagt.“

Bess spürte, wie eine lähmende Übelkeit in ihr hochstieg. „Hatten Sie irgendwelche Probleme?“

„Dazu habe ich ihm keine Chance gegeben“, sagte Gus. Er war offenbar sehr stolz auf sich selbst. „Er kam zu Fuß, weil ich das Tor zur Auffahrt geschlossen hatte. Ich habe einen Warnschuss abgegeben.“

Etwa ohne zu abwarten, bis er seine Identität preisgeben konnte? „Gus, sind Sie sicher, dass es wirklich der Dieb war?“

„Ja, allerdings. Er gab an, ein Freund von Ihnen zu sein.“

Bess atmete erleichtert auf. „Gut. Hat er Ihnen seinen Namen genannt?“

„Ich glaube schon, Bess. Aber ich kann mich beim besten Willen nicht daran erinnern. Bei all der Aufregung habe ich ihn vergessen.“

„Die Hauptsache ist, dass Ihnen ist nichts passiert ist, Gus. Es tut mir leid, dass ich Ihnen solche Probleme verursacht habe.“

„Machen Sie sich keine Sorgen, Bess. Es ist nicht Ihre Schuld. Der Mann ist in Ihr Geschäft eingebrochen und hat Sie bestohlen. Es ist ja nicht so, dass Sie diesem lausigen Subjekt meine Adresse verkauft hätten.“

Das entsprach zwar der Wahrheit, dennoch fühlte sich Bess verantwortlich. „Hören Sie, Gus, konnten Sie erkennen, was für einen Wagen er fährt?“

„Leider nicht. Meine Sehkraft ist längst nicht mehr das, was sie früher einmal war. Und meine Auffahrt ist ziemlich lang, verstehen Sie?“

„Ja. Kein Problem“, antwortete sie enttäuscht.

„Kommen Sie noch bei mir vorbei?“, wollte Gus wissen.

Sie waren noch drei Stunden von Waycross entfernt, und das nächste Ziel des Diebes war vermutlich Valdosta. „Besser nicht, Gus. Wir müssen zur nächsten Adresse fahren. Schließlich wollen wir diesen miesen Typen möglichst bald erwischen.“

Der alte Herr lachte leise. „In Ordnung. Lassen Sie es mich wissen, wenn ich noch etwas tun kann.“

„Das werde ich. Vielen Dank, Gus. Passen Sie gut auf sich auf.“

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