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COLLECTION BACCARA BAND 332

BETH KERY

Heißes Wiedersehen in Chicago

Die Geschichte von Romeo und Julia ist nichts gegen unsere, denkt Mari, als sie Marc in Chicago wiederbegegnet. Damals war ihre Liebe wegen ihrer verfeindeten Familien unmöglich. Anders als früher sind sie heute jedoch erwachsen, unabhängig und vernünftig – aber das erotische Feuer zwischen ihnen brennt noch genauso lichterloh und wild …

ANNE MARIE WINSTON

Schenk mir eine Nacht voll Lust

„Du willst nicht länger Jungfrau sein? Ich kümmere mich darum.“ Sicherheitsexperte Sam Deering hat nicht geahnt, dass seine Mitarbeiterin Delilah so erotische Kurven unter ihrer weiten Sportkleidung verbirgt! Heute Abend sieht er sie zum ersten Mal im kleinen Schwarzen, mit High Heels – und einem kleinen Problem, für das er die perfekte Lösung hat …

KATHIE DENOSKY

Liebesleben – verzweifelt gesucht!

Schwanger? Unmöglich! Dafür braucht man ein Liebesleben. Und das hat Finola Elliott vor lauter Arbeit nicht, denn sie will unbedingt das Zeitungsimperium ihres Vaters übernehmen. Aber auf der anderen Seite: Da war diese Nacht mit dem sexy Rancher Travis Clayton in Montana. Weit weg von Manhattan … zu weit für Finola, um mit ihm für immer glücklich zu sein?

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Heißes Wiedersehen in Chicago

PROLOG

Drei Blocks weit war Marc ihr gefolgt, unschlüssig, ob er sie ansprechen sollte. Vielleicht sollte er sich lieber mit seinen Erinnerungen begnügen. Aber sie zog ihn an wie ein Magnet, und immer wieder sagte er sich, dass es keinen Grund für seine Scheu gab.

Was er und Mari einmal geteilt hatten, war heute jedoch von seinen bitteren Gefühlen und der Scham für das Verhalten seines Vaters überschattet. Seit vielen Jahren weigerte Mari sich zudem hartnäckig, auch nur mit ihm zu sprechen.

Kurz vor der Drehtür des Palmer House Hotels hätte er fast kehrtgemacht, aber im letzten Augenblick überlegte er es sich anders.

„Marianna?“

Marianna sah sich um. Das Blut wich ihr aus dem Gesicht.

Fast hatte er schon vergessen, wie ihr Anblick auf ihn wirkte. Jedes Mal.

Ein paar Sekunden lang bewegten sie sich beide nicht. Dieses eine Wort, ihr Name, war das erste seit jenem schicksalhaften Tag, an dem sie beide geliebte Menschen verloren hatten.

„Marc“, flüsterte Marianna.

„Ich war auf deinem Konzert“, sagte er. Aber sie sah ihn nur an, wie gelähmt. „Ich … ich wollte dir nur sagen, dass du … dass du wunderbar warst.“

Mari setzte ihren Cellokasten ab und drückte den Rücken durch, als müsste sie Kraft sammeln. Ein schwaches Lächeln erschien auf ihrem Gesicht, und das machte ihm Mut, einen Schritt näherzukommen. „Seit wann hört denn Marc Kavanaugh etwas anderes als Rockmusik?“

„Ein bisschen mehr könntest du mir schon zutrauen, Mari. In fünfzehn Jahren kann sich vieles ändern.“

„Zugegeben.“

Er verschlang sie förmlich mit Blicken. So lange schon hatte er auf ihren Anblick verzichten müssen. Jetzt trug sie ein schlichtes schwarzes Kleid – die Berufsuniform für die weiblichen Mitglieder des Symphonieorchesters –, das ihre Figur dezent zur Geltung brachte.

Alles am richtigen Platz, dachte Marc, während er den Blick zwei Herzschläge lang auf Maris vollen Brüsten verweilen ließ. Sie schien sich nicht ganz wohlzufühlen in ihrer Haut, stellte er fest, denn sie spielte nervös mit den Händen. Es waren die Hände einer Cellistin, feingliedrig und sensibel. Schon damals, als sie beide noch so jung waren, hatten diese Hände Marc wie magisch berührt.

„Marianna Itani“, sagte er jetzt. „Du bist erwachsen geworden.“

„Du auch.“

Vielleicht war es Einbildung, aber es schien, als musterte sie ihn genauso interessiert wie er sie.

Als sie ihm jetzt in die Augen sah, lächelte sie. „Ganz der Staatsanwalt von Cook County.“

„Woher weißt du das?“

Mari hob die Schultern. „Aus der Zeitung. Aber es hat mich nicht überrascht. Schließlich hattest du den Erfolg immer schon gepachtet.“ Ihre Stimme wurde ein wenig unsicher, und sie wandte den Blick ab. „Das mit deiner Scheidung tut mir leid.“

Marc hob eine Augenbraue. „Das stand aber nicht in der Zeitung.“

„Ein paar Kontakte habe ich noch zu Harbor Town, und du weißt ja, wie das in Kleinstädten ist. Da wissen alle alles.“

Mari trat von einem Fuß auf den anderen, während Marc darauf wartete, dass sie mehr sagte. Sie waren sich fremd geworden über die Jahre. Seltsam, dachte er, diese gleichzeitige Nähe und Distanz, als stünden wir uns auf den beiden Seiten einer Schlucht gegenüber, verbunden nur durch ein dünnes Band der Erinnerung.

Und doch war dieses Band stark genug gewesen, ihn erst in dieses Konzert zu führen und Mari dann aus einem Impuls heraus zu ihrem Hotel zu folgen.

Er machte eine Bewegung in Richtung der gut besuchten Hotelhalle. „Darf ich dich auf einen Drink einladen?“

Sie zögerte, und er rechnete schon mit einer Ablehnung. Vielleicht hätte er die Idee vor fünf Minuten auch noch nicht so gut gefunden. Aber das war, bevor er ihr so nahe gewesen war, bevor er ihr ins Gesicht gesehen hatte.

„Vielleicht könnten wir in meiner Suite etwas trinken und ein bisschen reden. Ich meine … Also wenn du willst“, fügte sie hinzu, als er nicht gleich antwortete.

Marc sah wie gebannt auf ihre leicht zitternde volle Unterlippe.

Jetzt blinzelte er, als traute er seiner Wahrnehmung nicht. Vielleicht wollte er etwas sehen, was in Wirklichkeit gar nicht da war. In ihren Augen – die ihn immer schon an die Farbe von Cognac hatten denken lassen –, leuchtete etwas wie Begehren. Zumindest redete er sich das ein.

„Ja, das klingt gut.“

Mari nickte, aber sie rührte sich ebenso wenig vom Fleck wie er.

Dann aber setzte sie sich in Bewegung, und im selben Moment machte Marc einen Schritt auf sie zu und schloss die Arme um sie. Er spürte, wie sie sofort erstarrte, sich aber gleichzeitig gegen ihn drückte und zitterte.

„Schsch.“ Er fuhr mit der Hand durch ihr Haar und hob eine Strähne an seine Nase. Der zarte Duft stieg ihm direkt in den Kopf, und er verspürte ein heftiges Verlangen.

„Mari“, flüsterte er. Dann presste er die Lippen auf ihre Augenlider und Wangen. Sie wurde ganz still in seinen Armen, als er sie auf die Mundwinkel küsste. Langsam drehte sie den Kopf, bis ihre Lippen seine berührten. Ihrer beider Atem vermischte sich, und Marc wurde von seiner Lust fast überwältigt. Es schockierte ihn, wie mächtig dieses Bedürfnis war, und voller Hunger begann er, Mari zu küssen.

Nach einer Weile löste er sich von ihr.

„Es gibt tausend Gründe, warum wir das nicht tun sollten“, flüsterte Mari.

„Mir fällt kein einziger ein.“

So nahm sie seine Hand, und gemeinsam steuerten sie auf den Lift zu.

1. KAPITEL

Fünf Wochen später

Zum ersten Mal in ihrem Leben begriff Mari die volle Bedeutung des Wortes bittersüß, als sie nach fast fünfzehn Jahren Harbor Town zum ersten Mal wieder besuchte. Das Gefühl wurde stärker, als sie den Lake Michigan durch die Bäume schimmern sah.

„Ist hier nicht irgendwo die Silver Dune Bay?“, erkundigte sie sich bei Eric Reyes und winkte zugleich der Immobilienmaklerin, die ihnen gerade das Bürogebäude gezeigt hatte, zum Abschied zu.

„Ja. Was hältst du davon, wenn wir schwimmen gehen?“ Eric betrachtete Mari ein wenig besorgt. „Bei dieser Hitze täte das vielleicht ganz gut.“ Sein Blick wurde forschender. „Mari? Ist alles in Ordnung? Du bist so blass.“

Mari strich sich eine feuchte Haarsträhne aus der Stirn und lehnte sich an die Hauswand, bis die Übelkeit, die sie plötzlich überfallen hatte, wieder verschwunden war.

„Vermutlich habe ich mich bei meinem Sitznachbarn im Flugzeug angesteckt. Der hat den ganzen Flug über ununterbrochen gehustet.“

Eric betrachtete sie aus schmalen Augen. Er war Arzt, und zwar ein sehr guter, soviel Mari wusste.

„Kein Grund zur Beunruhigung“, versicherte sie ihm. „Es ist gleich wieder vorbei. Vermutlich ist die Hitze mit daran schuld.“

Mari löste sich von der Wand. Im Moment hatte sie keine Zeit, krank zu sein. Sie wollte ihre Mission möglichst schnell abschließen, und ihre unerwartete Begegnung mit Marc Kavanaugh vor fünf Wochen hatte diesem Wunsch noch sehr viel mehr Nachdruck verliehen.

Sie zwang sich zu einem Lächeln, als sie mit Eric zu seinem Wagen ging.

„Bist du damals eigentlich auch von der Klippe gesprungen wie die anderen?“, wollte sie von ihrem alten Jugendfreund wissen. „Dazu gehört sicher eine Portion Mut.“

Sie sah wieder ihre damals beste Freundin Colleen Kavanaugh mit ihren wehenden blonden Haaren vor sich. Die Furchtlosigkeit der Geschwister Kavanaugh hatte sie immer schon bewundert, diese selbstbewusste, aber sympathische Schönheit, die Offenheit und Fröhlichkeit, ihre Liebe zum Wagnis, das Temperament und vor allem die Loyalität gegenüber den Menschen, die sie liebten.

„Es geht siebzehn Meter in die Tiefe“, erwiderte Eric jetzt, als er neben ihr im Wagen Platz genommen und die Klimaanlage auf die höchste Stufe geschaltet hatte. „Klar bin ich auch gesprungen.“

Mari selbst hatte nur einmal den Mut zu diesem Sprung aufgebracht. Noch immer erinnerte sie sich daran, wie Marc sie damals angesehen hatte, den Mund zu diesem aufregenden kleinen Lächeln verzogen, das so unerhört sexy war.

Denk nicht so viel, Mari, spring.

Und sie war gesprungen. Es war in dem Sommer gewesen, in dem ihre Eltern ums Leben gekommen waren.

Vor fünf Wochen in Chicago hatte sie sich ähnlich leichtsinnig verhalten. Dabei konnte sie sich mit ihren dreiunddreißig Jahren wohl kaum auf jugendliche Schwärmerei und Unbekümmertheit berufen. Ihr Magen verkrampfte sich, als sie daran dachte, wie Marc sie angesehen hatte, als er zu ihr gekommen war. Und sie hörte wieder seine Stimme, rau vor Lust und Begehren.

Darauf habe ich fünfzehn Jahre gewartet, Mari.

Sie schloss die Augen in der Erinnerung an dieses aufregende, wunderbare Zusammensein mit Marc. Als sie jetzt die Augen wieder aufschlug, stellte sie fest, dass Eric auf etwas zu warten schien.

„Willst du es besonders spannend machen? Oder was ist?“, fragte er, als er den Wagen auf die Straße lenkte.

„Wie meinst du das?“, fragte sie vorsichtig.

Ein verwunderter Blick traf sie. „Ich will nur wissen, wie dir das Anwesen gefallen hat.“

„Oh!“ Mari lachte erleichtert auf. Eine Sekunde lang hatte sie schon befürchtet, er hätte ihre Gedanken gelesen. „Ausgesprochen gut“, erwiderte sie dann. „Es ist schön ruhig gelegen gleich am See und beim Wald, und wir haben genug Platz, damit das Familienzentrum bei Bedarf wachsen kann. Vielen, vielen Dank für deine Vorarbeit, Eric. Du und Natalie, ihr habt viel mehr getan, als ich erwartet hatte.“

„So viel war das auch wieder nicht.“

„Die meisten Leute halten mich sowieso für total verrückt: eine Cellistin, die ein Zentrum für Opfer von Drogen- und Alkoholmissbrauch gründet.“

Eric hob die Augenbrauen. „Wie gut, dass die Reyes nicht die meisten Leute sind“, meinte er trocken.

Mari lächelte. Natürlich hatte er recht.

Fünfzehn Jahre war es jetzt her, dass Derry Kavanaugh, Marcs Vater, sich betrunken ans Steuer gesetzt hatte. In dieser Nacht hatte er einen Verkehrsunfall verursacht, bei dem er selbst, Maris Eltern und Erics Mutter ums Leben gekommen waren. Natalie, Erics Schwester, hatte dabei schwere körperliche und seelische Schäden davongetragen.

Deshalb war Mari jetzt nach all diesen Jahren nach Harbor Town zurückgekehrt. Sie wollte endlich die alten Wunden heilen. Aber das tat sie nicht nur für sich oder Eric und Natalie oder Marc, sondern für alle, die ähnlich traumatische Erlebnisse hinter sich hatten.

Eric nahm ihre Hand. „Nat und ich stehen hundertprozentig hinter dir. Bist du dir sicher, dass du für dich selbst nichts von dem Schmerzensgeld möchtest und wirklich die ganze Summe in diese Stiftung stecken willst?“

„Ganz sicher. Ich verfolge diesen Plan seit Jahren, es war ja keine spontane Entscheidung. Nie könnte ich das Geld für mich anrühren. Es ist einfach so …“ Sie machte eine kleine Pause und suchte nach den richtigen Worten. „Ja, irgendwie war das Geld für etwas Größeres bestimmt. Außerdem wollen wir das Haus an der Sycamore Avenue verkaufen. Damit haben Ryan und ich ein ganz hübsches finanzielles Polster.“

Mari sah auf die Reihen gepflegter Ferienhäuschen am See. In den Sommermonaten kamen viele Gäste nach Harbor Town, und der kleine Ort platzte aus allen Nähten.

Sie lächelte ein wenig, als sie ein kleines Mädchen mit Pferdeschwanz entdeckte, das gerade um eine Hausecke gerannt kam. Es trug einen pinkfarbenen Bikini und einen Schwimmring in Form eines grünen Drachens um den Bauch.

„Ich hoffe, dass die Zeit für alles reicht, was ich mir vorgenommen habe.“

Eric drückte Maris Hand. „Weißt du, was du unbedingt brauchst? Ein bisschen Spaß und Entspannung.“

„Denkst du dabei an etwas Bestimmtes?“

„Erzähl mir nicht, dass du den Umzug am 4. Juli vergessen hast!“

Mari lachte ein wenig. „Wie könnte ich so ein bedeutendes Ereignis vergessen?“

„Dann gönnen wir uns doch eine Pause und gehen hin. Unsere Pläne für das Familienzentrum können wir auch später noch besprechen.“

Mari zögerte. Sie wollte möglichst wenig in der Öffentlichkeit auftreten. Marc kam zwar nur noch selten nach Harbor Town, aber seine Mutter und Schwester lebten noch immer dort, und sie wollte keiner von beiden über den Weg laufen.

„Mari“, sagte Eric jetzt sanft. „Du hast keinen Grund, dich für irgendetwas zu schämen. Einer deiner Gründe, dieses Zentrum zu gründen, war doch, etwas gutzumachen. Du kannst dich nicht die ganze Zeit verstecken.“

Ihre Augen wurden feucht, und sie starrte aus dem Fenster, ohne etwas zu sehen. Natürlich hatte Eric recht. Und es gehörte ja zu ihrer eigenen Heilung, nicht immer nur an diesen Schmerz und an dieses Leid zu denken, sondern auch an die schöne Zeit in Harbor Town.

„Also gut. Du hast mich überzeugt.“

Mari stand neben Eric an der Hauptstraße, umgeben von einer fröhlich geräuschvollen Ansammlung von Einheimischen, Urlaubern und Tagesausflüglern. Eine Posaune gab einen ziemlich schrägen Ton von sich, und Mari verzog schmerzlich das Gesicht. Hinter der marschierenden Blaskapelle folgte ein riesiges Segelboot, begleitet von Mitgliedern des arabisch-amerikanischen Wirtschaftsrates. In Harbor Town hatten sich viele arabischstämmige Menschen angesiedelt, und die Stadt war ein lebendes Beispiel dafür, dass eine Minderheitengruppe sich nicht nur in eine Gesellschaft integrieren, sondern diese Gesellschaft auch bereichern und verbessern kann. Maris Eltern, Kassim und Shada Itani, waren Mitglieder der orthodoxen libanesischen Christengemeinde, der Maroniten, gewesen.

Als Kind hatte Mari nie so richtig begriffen, welchen Einfluss die Herkunft und die religiösen Ansichten ihrer Eltern auf sie selbst hatten. Ihr Bruder Ryan war als junger Mann oft ausgegangen und hatte mit vielen Mädchen geflirtet. Aber als sie selbst dann fünfzehn gewesen war, hatte sie schnell am eigenen Leib verspürt, dass an sie andere Maßstäbe angelegt wurden als an Ryan – vor allem, wenn es um Marc Kavanaugh ging, Ryans Freund.

Dabei hatten ihre Eltern Marc sogar sehr gern gehabt, und er war häufig zu Gast gewesen im Wochenendhaus der Familie. Aber an ihrem fünfzehnten Geburtstag hatte sich mit einem Mal alles verändert. Marc Kavanaugh stand plötzlich oben auf einer neuen Liste unerwünschter Freunde.

Mari sah sich jetzt um und entdeckte die beiden großen dunkelblonden braun gebrannten Männer in der Menge. Sie erstarrte. Einer der beiden trug ein kleines Mädchen auf den Schultern. Liam und Marc Kavanaugh.

In Shorts und T-Shirt sah Marc genauso gut aus wie in dem grauen Anzug, den er in Chicago getragen hatte.

Ihr Blick fiel auf die Frau neben ihm – Brigit Kavanaugh, die ausgerechnet jetzt zu ihr herübersah. Offene Wut stand in Brigits Augen, und Mari fühlte sich, als hätte man ihr mitten ins Gesicht geschlagen.

Mari wusste, dass Marc gelegentlich zu Besuch nach Harbor Town kam – welch ein Zufall, dass er sich dieselbe Zeit wie sie dafür ausgesucht hatte.

Andererseits … Heute war Unabhängigkeitstag, und morgen jährte sich der Unfall. Vielleicht kam die Familie jedes Jahr an diesem Tag an Derry Kavanaughs Grab zusammen. Damit hätte sie eigentlich rechnen müssen.

Mari versuchte, sich wieder auf den bunten, fröhlichen Umzug zu konzentrieren. Aber sie spürte fast körperlich, dass Marc sie beobachtete. Diese blauen Augen hatten immer wieder eine magische Kraft auf sie ausgeübt, und sie konnte sich gut vorstellen, dass es im Gerichtssaal nicht anders war.

In Chicago hatte sie die Macht dieser Augen zum letzten Mal gespürt.

Vermutlich war er ziemlich böse auf sie gewesen, als sie nicht zu ihrer Verabredung erschienen war und dann auch auf seine Anrufe nicht reagiert hatte – vor allem nach dieser Nacht im Hotel.

„Na, wenn das nicht Marianna Itani ist!“, rief Liam Kavanaugh verwundert.

Marc folge Liams Blick und fand Mari sofort. Sie trug ihr langes Haar offen, das gelbe Kleid unterstrich ihre golden schimmernde Haut und brachte ihre aufregenden Kurven aufs Vorteilhafteste zur Geltung.

„Marianna Itani?“, wiederholte Colleen Kavanaugh hinter ihren Brüdern ungläubig. „Wo?“

„Wusstest du, dass sie hier ist, Mom?“, wollte Marc von seiner Mutter wissen.

„Ja. Sie will das Haus in Ordnung bringen, bevor es verkauft wird. Unglaublich, dass sie und Ryan so lange damit gewartet haben. Aber sie scheinen auf das Geld nicht angewiesen zu sein“, bemerkte Brigit bitter.

„Mommy, können wir mit der Parade laufen?“, bettelte die sechsjährige Jenny. „Brendan sieht so lustig aus, ich will ihn noch mal sehen.“

Marc bückte sich, um seine Nichte von seinen Schultern absteigen zu lassen.

„Gehst du nicht mit, Onkel Marc?“ Jenny zog an seiner Hand.

„Nein. Ich leiste Grandma noch ein bisschen Gesellschaft. Du kannst mir ja später erzählen, ob Brendan irgendeinen Unsinn gemacht hat.“

Jenny zerrte ungeduldig an Colleens Hand, und bald waren die beiden nicht mehr zu sehen.

Liam lachte. „Offenbar gibt es für kleine Mädchen kein größeres Vergnügen, als ihre Brüder in erniedrigenden Situationen zu ertappen.“

„Das liegt vermutlich daran, dass Jungen dazu neigen, ihre Schwestern zu übersehen“, erwiderte Marc. Er konnte den Blick nicht von Mari lösen.

„Sieht so aus, als hätte Mari sich sehr erfreulich entwickelt“, meinte Liam jetzt.

Marc versuchte immer noch, sich von dieser unerwarteten Begegnung zu erholen. Sein erster Gedanke war gewesen, dass Maris Besuch in Harbor Town irgendetwas mit dieser Nacht in Chicago zu tun hatte. Aber als sie ganz offensichtlich seinen Blick mied, war er sich nicht mehr so sicher.

„Ist Ryan auch da?“, wollte Marc wissen. Wie Ryan sich damals vor Gericht benommen hatte, gehörte zu seinen unangenehmsten Erinnerungen.

„Nein. Er ist bei der Air Force und derzeit in Afghanistan stationiert, kann also nicht hier sein. Aber dass Mari ihr Haus verkaufen will, höre ich zum ersten Mal. Ich finde es gut. Ein Haus sollte bewohnt werden.“

„Es ist ein Schandfleck!“, erklärte Brigit. „Nicht einmal als Ferienwohnung wurde es genutzt.“

„Wenn Mari und Ryan das Haus an Urlauber vermietet hätten, hättest du dich genauso aufgeregt, Ma. Außerdem hält Joe Brown das Haus in Schuss.“

Brigit sah Liam böse an, und Marc schnitt seinem Bruder eine Grimasse. Selbst schuld, sollte sie heißen. Liam sollte allmählich wirklich wissen, dass es nicht ratsam war, irgendetwas Vernünftiges über die Itanis zu sagen. Hatten sie denn nicht vor all diesen Jahren gelernt, dass Logik ausgedient hatte, wenn es um Freundschaft, Mitgefühl … Liebe ging?

„Wer ist das denn neben Mari?“, erkundigte sich Liam.

Marc erstarrte. Er hatte sich so sehr auf Mari konzentriert, dass ihm der große, gut aussehende Mann neben ihr gar nicht aufgefallen war.

„Eric Reyes“, erklärte Brigit. „Er ist Arzt geworden. Mari und er scheinen viel zu bereden zu haben.“ Mit einem letzten gekränkten Blick setzte sie sich in Bewegung, um sich auf die Suche nach Colleen und ihrer Enkeltochter zu machen.

Aha, das also war Eric Reyes. Der zappelnde dürre Knirps, an den er sich erinnerte, hatte sich zu einem imposanten Mann ausgewachsen. Und er war Arzt geworden? Vermutlich hatte er das Geld, das ihm in dem Prozess zugesprochen worden war, in sein Studium investiert.

Marc wurde das Herz schwer, aber das hatte nichts mit diesem Prozess zu tun. Schließlich war er Staatsanwalt und stand damit vor allem auf der Seite der Opfer. Schon vor langer Zeit hatte er sich damit abgefunden, dass in Katastrophen wie der, die sein Vater verursacht hatte, der Schaden der Opfer nicht allein von der Versicherung gedeckt war. Und so war auch ein großer Teil des Familienvermögens auf Gerichtsbeschluss in die Wiedergutmachung für die Familien Itani und Reyes geflossen.

In all der Zeit war es ihm jedoch nicht gelungen, seiner Mutter seine Sicht der Dinge begreiflich zu machen. Brigit hatte das Gefühl, dass sie und ihre Kinder für das Verbrechen ihres Mannes bestraft worden waren. Dass die beiden anderen Familien vor Gericht gegangen waren, um Geld zu erstreiten, hatte sie tief verletzt. Sie hatte das Haus der Familie in Chicago verkaufen und in das Sommerhaus in Harbor Town ziehen müssen. Außerdem hatte sie einen Gutteil der familiären Ersparnisse hergeben müssen, um die Schuld ihres Mannes abzutragen.

Seitdem waren die beteiligten Familien verfeindet.

Mari selbst hatte sich nie um das Verfahren gekümmert. Ihre Tante und ihr älterer Bruder hatten sie mit nach Chicago genommen und beschützt. Achtzehn Jahre alt war sie damals gewesen. Als Marc jetzt ihr Profil betrachtete, fragte er sich zum hundertsten Mal, wie wohl ihre Sicht der tragischen Geschichte war. Ob sie auch ihm Vorwürfe machte? In dieser wilden, spontanen Nacht in Chicago hatten sie das Thema nicht berührt. Da waren sie mit anderen Dingen beschäftigt gewesen.

Er verzog das Gesicht in der Erinnerung daran. Irgendwie empfand er es als zutiefst symbolisch, dass er und Mari sich so nahe gekommen waren und jetzt voneinander getrennt auf zwei verschiedenen Straßenseiten standen. Wie die Königskinder …

In diesem Moment legte Reyes den Arm um Maris Schultern und strich ihr über die Wange. Marc erinnerte sich noch allzu gut daran, wie weich und zart ihre Haut war.

Mari und Reyes, das hatte einen gewissen Sinn. Blut war dicker als Wasser, und diese Weisheit traf vermutlich noch viel mehr auf vergossenes Blut zu. Das schweißte wohl noch mehr zusammen als die Herkunft.

Da konnte er nicht mithalten.

Er wusste nicht einmal, ob er das überhaupt wollte – nicht mehr, nachdem Mari ihn seit dieser unglaublichen Nacht ignorierte.

„Willst du mit ihr reden?“, fragte ihn Liam jetzt.

Auf Marcs Stirn erschienen Falten. „Keine Ahnung. Ich habe das Gefühl, dass sie nichts mit mir zu tun haben will.“

Liam wollte etwas entgegnen, aber ein Blick in Marcs grimmiges Gesicht ließ ihn schweigen.

Als Marc in Begleitung von Colleen und Liam gegen zehn Uhr an diesem Abend in Jake’s Place eintraf, war er schlechtester Laune. Er hatte sich inzwischen erfolgreich eingeredet, dass Mari ihn zu Recht mied. Diese Nacht in Chicago war ein Fehler gewesen, irgendwie eine späte Reaktion auf ihre gemeinsame Geschichte als Jugendliche.

Vor achtzehn Monaten war er erst geschieden worden, und er hatte sich damals geschworen, sich in absehbarer Zeit nicht mehr zu binden.

Kaum hatten sie Jake’s betreten, als er Mari entdeckte. Sie saß mit Eric Reyes an einem Tisch und lachte gerade über etwas, das Eric erzählte. Obwohl Marc sich soeben vorgenommen hatte, dass er und Mari so viel Distanz wie möglich zwischen sich legen sollten, kollidierten seine Gefühle mit seiner Vernunft. Und mit Logik hatte es sowieso nichts zu tun.

Ohne sich um Colleens Einwände zu kümmern, bahnte er sich seinen Weg durch die anderen Gäste. Er kannte nur noch ein Ziel.

Maris Augen wurden groß, als er vor ihr stehen blieb.

„Darf ich bitten?“

2. KAPITEL

Mari brachte kein Wort heraus. Marc wirkte auf sie ebenso überwältigend wie damals in Chicago.

Sein einst so helles Haar war zu einem attraktiven Altgold gedunkelt. Inzwischen trug er es kurz, aber die Naturwelle war trotzdem noch zu erkennen. Jetzt hatte er ein Polohemd und aufregend gut sitzende Jeans an, und Mari fand, dass sie noch nie einen so schönen Mann gesehen hatte.

Er war noch so schlank wie mit einundzwanzig, nur muskulöser. Mit Mühe schaffte sie es, sich vom Anblick seiner schmalen Hüften und kräftigen Schenkel loszureißen.

Ja, er sah gut aus – und wütend. Unmittelbar bevor er aufgetaucht war, hatte sie Eric erzählt, wie erschöpft sie sich nach diesem ereignisreichen Tag fühlte. Aber ein Blick auf Marc, und das Blut schoss durch ihre Adern und vertrieb jedes Zeichen von Müdigkeit.

„Äh … ja“, stammelte sie. „Gern.“

Ihr fiel nicht der geringste Grund ein, warum sie einen Tanz mit ihm ablehnen sollte, ohne unhöflich zu erscheinen. Die Leute würden wahrscheinlich annehmen, dass da zwei miteinander tanzten, die einmal ein Paar gewesen waren. Nichts, worüber man sich aufregen könnte.

Auf dem Weg zur Tanzfläche schwiegen sie beide. Die Kapelle spielte alte Hits aus den Achtzigern. Marc legte den Arm um Maris Taille, und sie bewegten sich so selbstverständlich miteinander, als läge ihr letzter Tanz erst ein paar Tage zurück.

Mari sah Marc nicht an, aber mit jeder Faser ihres Körpers spürte sie ihn. Wie gut sie zusammenpassten, wie vollkommen sie sich zusammen bewegten …

Das hatte sie auch vor fünf Wochen gedacht, als sie sich in dem Hotel in Chicago geliebt hatten. Als sie jetzt wieder daran dachte, wurde ihr heiß. Es gab so vieles, was sie trennte. Aber warum fühlte es sich dann so richtig, so natürlich an, in Marcs Armen zu liegen?

Nach dieser Nacht hatte sie ihm im dämmrigen Licht des frühen Morgens beim Anziehen zugesehen. Er hatte noch einen Termin und wollte zu Hause duschen und etwas anderes anziehen. Aber sie hatten verabredet, mittags zusammen zu essen.

Diese Nacht würde für immer in ihrem Gedächtnis bleiben, diese fast unerträgliche Lust, ihn zu berühren, von ihm berührt zu werden, dieses Einssein mit ihm … Es war, als wären sie nie getrennt gewesen.

Marcs Handy hatte geklingelt, war dann verstummt, nur um kurz darauf wieder anzufangen.

„Vielleicht solltest du drangehen“, meinte Mari. „Scheint wichtig zu sein.“

Er sah ihr tief in die Augen, als er das Handy aus seiner Jackentasche angelte.

„Hallo, Mom.“

Mari war, als hätte man ihr einen Eimer mit eiskaltem Wasser über den Kopf geschüttet. Auf einmal war alles wieder da, der Schmerz und Kummer, die Erinnerung daran, warum sie und Marc auseinandergerissen worden waren.

Ryan hatte ihr erzählt, dass Brigit Kavanaugh ihn nach dem ersten Tag im Gericht angegriffen hatte: „Ist dir eigentlich nicht klar, dass ich bei diesem Unfall meinen Mann verloren habe? Warum willst du mich zusätzlich noch bestrafen, indem du mir und meinen Kindern alles nimmst?“

Mari hatte den Prozess nicht persönlich verfolgt, aber natürlich wusste sie um all die Verletzungen, die zwischen den Kavanaughs und Itanis standen.

Und deshalb hatte sie dann auch an diesem Tag in Chicago, kaum dass Marc sie verlassen hatte, ihre Sachen gepackt und war nach San Francisco geflohen. Manches sollte einfach nicht sein, auch wenn es sich noch so richtig anfühlte.

Beim Tanzen rieben ihre Schenkel, ihre Hüften sich aufreizend aneinander, und immer wieder berührte ihre Brust seine. Ihre Brustspitzen reagierten überempfindlich, fast schmerzhaft auf ihn. Diese flüchtigen Liebkosungen erregten sie, und eine verheerende Mischung aus Gefühlen tobte in ihr – Nervosität, Unsicherheit, Sehnsucht …

Begehren.

Ohne wirklich etwas zu sehen, blickte sie über seine Schulter. Sie sah und hörte nichts und fühlte nur seinen harten, sehnigen Körper, nahm seinen männlichen Geruch wahr. Mit Mühe bekämpfte sie ihren Impuls, den Kopf an seine Schulter zu legen.

„Ich vermute mal, dass es nichts bringt, wenn ich dich frage, warum du mich in Chicago versetzt hast?“ Marcs raue Stimme ließ eine Gänsehaut über Maris Nacken laufen.

Sie wurde rot und mied seinen Blick. „Ist das nicht offensichtlich?“

„Wenn es um dich und mich geht, gibt es nichts Offensichtliches.“ Er sah sie an. „Es war der Anruf meiner Mutter, habe ich recht? Bist du deshalb weggelaufen?“ Wie bitter das klang.

Mari sah zu ihm auf, als er verstummte. Einen Moment lang war sie in seinem Blick gefangen. „Der Grund tut nichts zur Sache“, sagte sie dann. „Chicago war ein Fehler, das ist alles.“

„Das sehe ich anders.“

„Dann einigen wir uns eben darauf, dass wir unterschiedlicher Meinung sind.“ Mari entging nicht, wie Marc das Kinn vorschob. Der Stolz und die Arroganz der Kavanaughs waren nur zu bekannt. Sie seufzte und wechselte das Thema. „Ich hatte ganz vergessen, wie gut du tanzt.“

„Und ich hatte vergessen, wie schwer es ist, dich in den Armen zu halten und nicht lieben zu dürfen.“

Mari hielt unwillkürlich den Atem an. So viel zu unverfänglichen Gesprächsthemen. Vorsichtshalber machte sie einen Schritt weg von ihm. „Nicht, Marc.“

„Nicht was? Es nicht komplizierter machen, als es ohnehin schon ist? Dazu ist es zu spät“, sagte er leise.

Mari war von Marcs Lächeln so hypnotisiert, dass sie sich nicht wehrte, als er sie wieder in die Arme zog und anfing, sich im Rhythmus der Ballade zu bewegen. Er hielt sie so eng an sich gedrückt, dass es sich für Mari fast so anfühlte, als wären sie nackt.

„Entspann dich“, sagte Marc. „Es gibt eine Zeit zum Reden und eine Zeit zum … Tanzen.“

Mari warf ihm einen verärgerten Blick zu, aber er war mehr Ausdruck von Selbstverteidigung als echtem Ärger. Es machte Mari zu schaffen, wie heftig sie auf Marc reagierte – und es machte ihr Angst. Natürlich hätte sie sich einreden können, das sei nur die Erinnerung an die Gefühle von damals. Aber ganz so leicht war es nicht. Sie war nicht mehr das junge Mädchen von damals, aber sie reagierte noch genauso heftig auf ihn, obwohl inzwischen fünfzehn Jahre vergangen waren. Wenn sie ehrlich war, war ihre Reaktion sogar noch stärker.

Sie hielt sich zunächst ganz gerade, während sie sich zur Musik bewegten, aber es dauerte nicht lange, bis sie sich ergab und an ihn schmiegte, als erkenne ihr Körper seinen idealen Gegenpart, selbst wenn ihr Verstand sich noch sträubte. Wärme durchströmte sie.

Als Marc die Hand auf ihren Po legte und leichten Druck ausübte, gab Mari ihren Widerstand endgültig auf und lehnte mit einem Seufzer den Kopf an seine Schulter. Er roch wunderbar, nach einem würzigen Aftershave und ganz einfach nach Marc. Als er das Kinn auf ihre Haare legte, schloss sie die Augen. Dann spürte sie flüchtig seine Lippen an ihrem Hals, und ein Zittern durchlief sie. Jedes Stückchen Haut, das er mit seinem Mund berührte, schien zu glühen.

Die Musik verklang, und Mari hob den Kopf – und sah mitten in Marcs Augen. Sein Blick war verklärt, und seine Erektion war mehr als deutlich zu fühlen. Es schien, als stünde sie unter seinem Bann. Anders konnte sie sich nicht erklären, dass sie mitten in einer vollen, lauten Bar von dermaßen heftigen erotischen Gedanken überfallen wurde – und dann ausgerechnet noch in Harbor Town!

Sie löste sich aus Marcs Armen und legte die Fingerspitzen an ihre heißen Wangen.

„Entschuldige mich“, murmelte sie und wand sich aus seiner Umarmung, um sich in den Erfrischungsraum zu flüchten. Sie kühlte das Gesicht mit kaltem Wasser, aber das half nicht. Die Hitze wollte nicht so einfach verschwinden. Mit geschlossenen Augen tastete sie nach einem Papierhandtuch und presste es auf das Gesicht, verzweifelt bemüht, ihr seelisches Gleichgewicht wiederzufinden.

Marc hatte damals schon die Macht gehabt, sie aus der Fassung zu bringen, und offenbar hatte sich nichts daran geändert.

Die Vorstellung, dass sie nicht ewig in diesem Waschraum bleiben konnte, sondern wieder hinaus in die Bar musste, zu Marc und all diesen Menschen, versetzte sie in Panik. Marc und sie hatten auf der Tanzfläche förmlich aneinandergeklebt. Und dann hatte er sie auch noch auf den Hals geküsst – was sie nicht nur zugelassen, sondern auch voll ausgekostet hatte. Bei der Erinnerung daran geriet sie in einen schockartigen Zustand. Sie musste hier weg – und sie musste Harbor Town verlassen, so schnell wie möglich.

Morgen würde sie sich bei Eric für ihre überstürzte Abreise entschuldigen.

Irgendjemand, wohl eine Frau, rief ihr etwas nach, als sie die Bar fluchtartig verließ. Sie sah zurück. Liam und vor allem Colleen Kavanaugh beobachteten sie mit offenkundiger Besorgnis. Anscheinend hegte Colleen nach all den Jahren keinen Groll mehr gegen sie. Darüber freute sie sich, aber im Augenblick fühlte sie sich nicht in der Lage, alte Freundschaften zu erneuern.

Wie hatte sie je auf die verrückte Idee kommen können, überhaupt zurückzukommen? Und wie hatte sie nur glauben können, dass sie sich ihrer Vergangenheit stellen müsste, um so endlich ihren Frieden zu finden?

Vor Jake’s Place atmete sie mehrmals tief durch und lief dann weiter zum Parkplatz. Dort spürte sie plötzlich Hände auf den Schultern und fuhr herum.

„Marc …“ Bis zu diesem Augenblick war ihr nicht klar gewesen, dass sie seine Berührung gleichzeitig fürchtete und herbeisehnte.

„Lauf nicht vor mir davon, Mari. Bitte.“

Sie schwankte. So gern hätte sie geglaubt, dass sie diesen Abgrund zusammen überwinden konnten, und ihm vertraut. Aber das war nichts als ein Traum.

Der Traum eines jungen Mädchens.

Mari sah ihm in die Augen „Marc, es geht nicht. Nicht noch einmal“, flüsterte sie und wollte sich von ihm lösen, aber er ließ es nicht zu.

„Woran liegt es, Mari? Was mache ich falsch?“ Mit einem Mal sah Marc müde aus. „Ich bin nicht mein Vater, verdammt. Wenn es hochkommt, trinke ich einmal ein Bier, wenn überhaupt. Niemals würde ich mich betrunken ans Steuer setzen. Ich habe deine Eltern nicht umgebracht.“ Ärger schwang in seiner Stimme mit.

Mari sah erschrocken zu ihm hoch. In stillem Einverständnis hatten sie sich im Lauf der Zeit darauf geeinigt, dieses Thema zu meiden.

„Das habe ich auch nicht behauptet.“

„Ich habe bei dem Unfall auch meinen Vater verloren“, sagte Marc jetzt.

„Als wüsste ich das nicht!“ Maris Kehle war eng geworden.

„Ich weiß überhaupt nicht, was ich glauben soll. Vor fünf Wochen bist du wortlos verschwunden, und das, nachdem du dich fünfzehn Jahre geweigert hattest, auch nur mit mir zu sprechen. Es war genau wie damals. Dieser Unfall hat uns auseinandergerissen. Ein paar Tage danach warst du Tausende von Meilen weg.“

„Marc, wir waren damals noch halbe Kinder, und meine ganze Welt war gerade in Trümmer gefallen.“

„Aber du bist nach Harbor Town zurückgekommen. Warum?“

„Ich habe meine Gründe.“ Mari wandte den Blick von seinem Gesicht. Was er wohl von dem Familienzentrum halten würde? Sie war nie auf die Idee gekommen, ihm davon zu erzählen, schon allein aus Furcht, er könnte sich darüber mokieren. Vermutlich würde er ohnehin nicht verstehen, was sie damit erreichen wollte.

Wieder schloss sie die Augen, als könnte sie damit Ruhe in ihre sich überschlagenden Gedanken bringen.

„Dass ich zurückgekommen bin, hat nichts mit dir zu tun. Und ich möchte mit dir nicht über die Vergangenheit sprechen, Marc.“

„Mit wem dann? Mit Reyes? Weil ihr beide Opfer seid und ich der Sohn des Ungeheuers, das euch eurer Eltern beraubt hat?“

„Marc, nicht. Bitte.“

Er wirkte so verletzt, dass es ihr wehtat und sie die Sehnsucht verspürte, diese Traurigkeit von ihm zu nehmen. Aber das lag nicht in ihrer Macht. Die Brust wurde ihr eng. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass die alte Wunde so schnell wieder aufbrechen würde.

Marc strich ihr über die Arme. „Du zitterst ja. Es tut mir leid …“

„Was ist hier los? Mari?“

Mari sah über Marcs Schulter und entdeckte Eric hinter ihm. Er war sichtlich wütend.

„Ach, sieh an“, bemerkte Marc mit leichtem Sarkasmus. „Da steht ja unser anderes Opfer. Vermutlich in der edlen Absicht, Mari vor dem Ungeheuer zu retten. Was haben Sie vor, Reyes? Wollen Sie sich mit mir prügeln?“

„Marc“, warnte Mari.

„Nein, Kavanaugh, das dürfte eher Ihre Spezialität sein, wenn ich mich recht erinnere“, gab Eric zurück.

Mari hielt Marc an den Schultern fest und versuchte, ihn zu sich umzudrehen. „Marc …“

„Ich wette, er hat dir nie davon erzählt. Oder doch, Mari?“, fragte Eric. „Ich weiß, dass Ryan dir das ersparen wollte. Oder wusstest du, dass Kavanaugh deinen Bruder nach der richterlichen Entscheidung auf dem Gerichtsparkplatz zusammengeschlagen hat?“ Er verzog verächtlich den Mund, als er Marc mit Blicken musterte.

Marc schloss für einen Moment die Augen, als könnte er so seinen Ärger und seine Frustration in Schach halten. Dann sah er Mari wieder an.

„Hat Ryan es dir wirklich nie erzählt?“, fragte er. „Ich dachte, dass du mich deshalb all die Jahre gemieden hast.“

Etwas in ihrem Gesichtsausdruck sagte ihm, dass sie keine Ahnung hatte.

„Damals war ich zweiundzwanzig, Mari, das ist eine Ewigkeit her.“

Marc und Ryan waren immer unzertrennlich gewesen, die besten Freunde. Wie traurig, dachte Mari.

„Gibt es Schwierigkeiten?“, erkundigte sich plötzlich jemand hinter ihnen mit scharfer Stimme.

Liam, der Jüngste der Kavanaugh-Geschwister, kam mit langen Schritten auf die kleine Gruppe zu. Von Marc hatte Mari erfahren, dass er bei der Polizei war. Jetzt gebärdete er sich, als hätte er die Absicht, eine berüchtigte Chicagoer Verbrecherbande dingfest zu machen.

„Verschwinden Sie, Reyes“, blaffte er. Seine blauen Augen blitzten. „Scheren Sie sich in Ihr schickes Haus am Buena Vista Drive, das Sie mit dem Geld meiner Mutter bezahlt haben.“

Eric war schockiert. „Sie verdammter Drecks…“

„An Ihrer Stelle würde ich das lieber nicht aussprechen“, drohte Liam.

Nur halb bekam Mari mit, dass die Tür zu Jake’s Place sich öffnete und wieder schloss. Ihre ganze Aufmerksamkeit galt Marc und Eric.

„Was ist los, Reyes? Haben Sie Angst davor, sich Ihre zarten Chirurgenhändchen zu verletzen?“, spottete Liam provozierend, als er sich der Gruppe näherte.

Wut blitzte in Erics Augen auf, und er machte eine Bewegung auf Liam zu.

„Nicht, Eric!“, rief Mari, aber Marc war schon dazwischengegangen.

„Hört sofort auf“, befahl er. „Alle beide.“ Gleichzeitig streckte er den Arm aus, um Eric davon abzuhalten, sich auf Liam zu stürzen. Eric drehte sich um, Mari den Rücken zugekehrt. Als ein Fausthieb ihn traf, geriet er kurz ins Wanken.

„Lassen Sie meine Brüder in Ruhe, Reyes!“

Maris Augen weiteten sich, als sie Colleen Kavanaugh entdeckte.

„Bring sie weg, Liam“, knurrte Marc. „Und zwar sofort.“

Einen Moment lang war Mari sich nicht sicher, ob Liam seinem großen Bruder gehorchen würde, aber dann packte er seine Schwester am Arm.

Colleen ließ sich nur unter Protest in die Bar zurückführen. Vorher warf sie Eric noch einen Unheil verkündenden Blick zu. Er stand da, als wäre er zu Stein erstarrt. Dann hörte Mari ihn unterdrückt fluchen.

Bald waren nur noch Mari, Eric und Marc auf dem Parkplatz. Mari konnte Marcs Gesichtsausdruck nicht recht deuten, als er zuerst sie, dann Eric ansah. Seine Miene war hart, dann wandte er sich ab und ging in die Bar zurück.

Mari stieß zittrig den Atem aus. Sie und Eric sahen sich im schummrigen Licht der Parkplatzlaternen eine Weile nur stumm an. Aus Jake’s Place klangen Musikfetzen und verflüchtigten sich in der warmen Sommernacht. Ihnen war nur zu bewusst, dass sie gerade einer Eskalation von Gewalt entgangen waren.

Übelkeit stieg in Mari hoch, und sie beugte sich vor und gab einen erstickten Laut von sich.

„Mari?“, fragte Eric besorgt und berührte sie am Rücken. „Ist alles in Ordnung?“

Sie schluckte mit Mühe und richtete sich langsam wieder auf. „Ich … ich weiß es nicht. Mir ist so schlecht.“

„Komm, ich bringe dich nach Hause. Das Theater hier war zu viel für dich.“

Als Eric sie zu seinem Wagen führte, drehte Mari sich noch einmal um. Mark verschwand gerade in der Tür, und sie unterdrückte ihren Impuls, ihm zu folgen.

3. KAPITEL

Marc stand neben seiner Mutter auf der Veranda und ließ den Blick die Sycamore Avenue hinunter zu dem Sandsteinhaus der Itanis wandern. In der Auffahrt stand ein dunkelblauer Wagen, der am Nachmittag noch nicht dagewesen war.

Ich bin nicht deinetwegen nach Harbor Town zurückgekommen, hatte Mari gestern Abend gesagt. Marc verschränkte die Arme vor der Brust. Warum dann?

Der Himmel war blassblau mit einem Hauch Lavendel, aber über dem Strand am Ende der Sycamore Avenue war bereits ein rotgoldener Streifen erkennbar. Bald würde die Sonne untergehen. Wie viele dieser Sonnenuntergänge hatte er mit Mari zusammen beobachtet?

Er riss sich von seinen Erinnerungen los, als seine Mutter wissen wollte, wie lange er in Harbor Town bleiben wollte. Natürlich war ihr nicht entgangen, dass er zu Maris Haus hinübergeschaut hatte.

„Bis zwei Tage nach Brendans Geburtstag.“

„Kannst du dir denn so viel Urlaub leisten?“

„Ein paar Tage ohne mich werden sie schon überleben.“

„Marc, du bist Staatsanwalt“, erinnerte Brigit Kavanaugh ihren Sohn mit einem nachsichtigen Lächeln. „Du hast sehr viele Leute unter dir, für die du verantwortlich bist.“

„Ich habe noch jede Menge Urlaub, außerdem habe ich mir Arbeit mitgebracht.“

Alle Kavanaughs hatten Berufe, die nach außen signalisierten, dass sie wertvolle Mitglieder der Gesellschaft waren. Deidre stand als Krankenschwester im Dienste der Armee und war gerade zum vierten Mal im Auslandseinsatz. Liam war Kriminalbeamter bei der Sondereinheit für organisiertes Verbrechen im Chicago Police Department, und Colleen arbeitete als Sozialarbeiterin in der Psychiatrie mit verhaltensauffälligen Teenagern mit Drogenproblemen.

Die Schuldgefühle der Überlebenden, dachte Marc oft.

Der von seinem Vater verursachte Unfall vor fünfzehn Jahren hatte sie alle geprägt.

Natürlich wünschte seine Mutter sich, dass ihre Kinder ihre jährlichen Besuche zum Unabhängigkeitstag so lange wie möglich ausdehnten. Trotzdem wäre es ihr dieses Mal lieber gewesen, wenn Marc möglichst bald wieder abgereist wäre. Das irritierte ihn, wenn er sich auch nichts anmerken ließ. Aber vielleicht wollte sie nur nicht, dass Mari ihn noch einmal so verletzte wie nach diesem Unfall, als sie ohne ein Wort von hier weggegangen war.

Das leise Quietschen der Hollywoodschaukel mischte sich mit dem Zirpen der Grillen und dem Plätschern der Wellen, das vom Lake Michigan herüberklang.

„Du solltest dich von ihr fernhalten“, warnte Brigit ihn jetzt und sprach endlich aus, was er schon gestern erwartet hatte.

„Vielleicht hast du recht. Trotzdem …“

„Nach allem, was sie uns angetan hat …“

„Mari hat uns nie etwas angetan. Und so wie Ryan und seine Tante hätten sich wohl die meisten Menschen in dieser Situation verhalten.“

„Sie hat dich ignoriert! Und sie hat das Geld genommen – Blutgeld! Du hast offenbar vergessen, was das für mich – für uns alle – bedeutet hat!“

„Ich habe gar nichts vergessen“, erwiderte Marc härter als beabsichtigt. „Hast du nie daran gedacht, dass Mari und ich vielleicht auch Erinnerungen teilen, die nichts mit Dad und dem Unfall zu tun haben?“

Brigit brachte die Schaukel zum Halten. Sie war blass und wirkte angespannt. Marc wollte ihr nicht wehtun, aber er hatte, verdammt noch mal, recht! Langsam stieß er den Atem aus, um seinen Ärger unter Kontrolle zu behalten. Dabei war er weniger zornig auf seine Mutter als auf diese ganze verfahrene Situation.

„Du willst Mari nur deshalb, weil du sonst immer alles bekommen hast, was du wolltest. Nur sie nicht.“

Marc traute seinen Ohren nicht. „Meinst du das im Ernst?“

„Ja. Du bist mein ältester Sohn, Marc. Ich habe dich geboren und zum Mann heranwachsen sehen. Wann immer du etwas wolltest, hast du alles daran gesetzt, es auch zu bekommen. Koste es, was es wolle.“

Das von seiner eigenen Mutter! „Das klingt, als wäre ich ein ziemlich verzogenes Gör gewesen. Ich habe immer hart gearbeitet. Und ich hatte auch meine Misserfolge, wenn ich dich daran erinnern darf. Oder was war das mit Sandra?“

„Ich habe gesagt, alles was du wolltest. Du könntest heute noch mit Sandra verheiratet sein, wenn es dir wichtig genug gewesen wäre.“

Marc warf seiner Mutter einen warnenden Blick zu. Die Gründe für diese Trennung gingen nur ihn und seine geschiedene Frau etwas an, keinesfalls seine Mutter.

„Es heißt, dass Mari nie geheiratet hat“, sagte Brigit jetzt.

„Nein“, erwiderte Marc vorsichtig. Er wusste nicht, worauf sie hinaus wollte.

„Seit dem Tod ihrer Tante hat sie nur noch ihren Bruder, und ich glaube kaum, dass Ryan darüber erfreut wäre, wenn sie sich wieder mit dir einließe.“

„Seit wann interessiert dich, was Ryan Itani denkt?“

„Das tut es auch nicht. Aber wenn dir Mari wichtig ist, solltest du dich dafür interessieren. Du willst doch keinen Keil zwischen sie und ihren einzigen Verwandten treiben.“

„Das würde zunächst einmal voraussetzen, dass Mari mich überhaupt will. Bis jetzt habe ich davon noch nichts gemerkt“, erwiderte Marc bitter. Seine Mutter hatte einen wunden Punkt getroffen. Er wusste selbst, dass es besser wäre, Mari in Ruhe zu lassen, um die Geister der Vergangenheit nicht zu neuem Leben zu erwecken.

Aber genau das hatte er getan. Er hatte Mari wieder in den Armen gehalten, nackt und leidenschaftlich. Jetzt konnte er es nicht mehr rückgängig machen und auch nicht so tun, als wäre es nicht passiert.

Aus dem Augenwinkel nahm er eine Bewegung wahr und drehte sich um. Mari ging gerade zu ihrem Wagen; das lange braune Haar hatte sie zu einem Pferdeschwanz gebunden, der bei jedem Schritt wippte. Als sie die Tür aufsperrte, sah sie für den Bruchteil einer Sekunde zu ihm herüber, dann duckte sie sich ins Wageninnere.

Liam kam auf die Veranda. Er fuhr sich mit beiden Händen durch das lange blonde Haar.

„Gib mir sofort die Schlüssel zu deinem Motorrad“, befahl Marc.

Liam schreckte ein wenig zurück, dann sah er Maris Wagen rückwärts aus der Auffahrt fahren. Ohne ein Wort griff er in seine Hosentasche, zog den Schlüssel hervor und drückte ihn seinem Bruder in die Hand.

„Sei so nett und fahr gleich zum Tanken. Falls du dazu kommst“, fügte er mit einem kleinen boshaften Funkeln in den Augen hinzu.

Marc lief die Treppe hinunter, ohne sich um den missbilligenden Blick seiner Mutter zu kümmern.

Mari war früh aufgestanden, entschlossen, sich wieder auf ihr Projekt zu konzentrieren. Sie frühstückte mit Eric und Natalie Reyes und besprach die weiteren Pläne für das Familienzentrum. Anschließend unterschrieb sie den Pachtvertrag und kümmerte sich schon einmal um ein paar Möbel.

Den Rest des Tages verbrachte sie damit, das Haus auf Vordermann zu bringen, um es einem möglichen Käufer in schönstem Glanz präsentieren zu können.

Später stand sie in der Tür und sah auf die Straße und zum Strand hinüber. Der Himmel färbte sich bereits rötlich.

Nach einer vier Jahre dauernden Beziehung mit einem Investmentbanker aus San Francisco, die von Anfang an unter keinem guten Stern gestanden hatte, folgte sie dem dringenden Bedürfnis nach einem Neuanfang. Sie wollte endlich die Vergangenheit hinter sich lassen – und das schloss die Rückkehr nach Harbor Town ein, zumindest vorübergehend.

Leider war die Rechnung nicht ganz aufgegangen.

Irgendwann wurde Maris Hunger übermächtig. Sie duschte, band die Haare zusammen und schlüpfte in Shorts und T-Shirt. Als sie zu ihrem Wagen ging, sah sie aus alter Gewohnheit zu Marcs Haus hinüber. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals.

Und natürlich war er da. Er lehnte am Verandageländer und beobachtete sie. Ein paar Sekunden lang war ihr, als müsste sie ersticken.

Und so stieg sie hastig ins Auto, fuhr zu einem kleinen Restaurant am Stadtrand und erstand ein üppiges Truthahnsandwich. Danach fuhr sie ziellos durch die Straßen, bis sie schließlich auf einem Parkplatz am Strand landete. Irgendwo knatterte ein Motorrad. Sie nahm ihr Sandwich und öffnete die Tür, als ein Schatten übers Lenkrad fiel.

Instinktiv drehte sie sich um. Marc.

Mari musste daran denken, wie er und Ryan früher auf ihren Motorrädern die Straßen unsicher gemacht hatten. Mit ihrer Sonnenbräune und den windzerzausten Haaren hatten sie wie junge Götter auf sie gewirkt.

„Bist du mir gefolgt?“

„Na ja …“ Er sah sie unverwandt an. „Du hättest mir ja nicht aufgemacht, wenn ich an deine Tür geklopft hätte. Und ich wollte nicht noch einmal fünfzehn Jahre warten, bis ich dich endlich wiedersehe.“

Mari blickte ihn an. Es war nicht zu erkennen, was sie dachte und fühlte.

„Wir müssen miteinander reden, Mari. Bitte.“

Ihr Blick fiel auf die dunklen Schatten auf seinem Kinn und den Wangen, und sie dachte daran, wie seine Haut sich in dieser Nacht in Chicago angefühlt hatte. Warum musste dieser Mann nur so attraktiv sein! Umso wichtiger war es, dass sie auf der Hut war.

„Und das ist wirklich alles? Sonst willst du nichts?“

Marc seufzte. „Ich werde ganz sicher nicht am Strand über dich herfallen, Mari, wenn du das meinst.“

Sie blitzte ihn ärgerlich an und stieg dann aus, vorsichtig darauf bedacht, nicht zu viel von ihren Beinen zu enthüllen. Marc bemerkte dies natürlich und grinste in sich hinein.

Auf dem Weg zum Strand schwiegen sie allerdings, bis sie am Wellenbrecher angekommen waren. Sie setzten sich, und Mari betrachtete Marc unauffällig von der Seite. Er trug Cargo-Shorts und dazu ein dunkelblaues Polohemd, das seine muskulösen Schultern nur unzulänglich verdeckte. Auch in dieser lässigen Strandkleidung sah er umwerfend sexy aus. Natürlich! Sie sah ihn wieder vor sich, wie er als Vierzehnjähriger am Sycamore Beach gestanden hatte, die neu erworbene Sonnenbrille auf der Nase und das Surfbrett unterm Arm. Die Sonne hatte seine welligen Haare in einen warmen Goldton getaucht.

„Hunger?“, fragte sie jetzt und bot ihm die Hälfte ihres Sandwichs an.

Der Himmel hatte ein dunkles Orange angenommen, und von der Sonnenscheibe war nur noch die obere Hälfte zu sehen.

Sie aßen schweigend. Zum ersten Mal fiel Mari auf, dass der Strand menschenleer war.

„Kommt niemand mehr hierher?“

„Nein. Der Strand ist inzwischen in Privatbesitz. Aber keine Angst, solange wir uns anständig benehmen, wird niemand uns vertreiben.“

Mari trank einen Schluck von ihrem Mineralwasser, das sie zusammen mit dem Sandwich gekauft hatte, und reichte die Flasche dann an Marc weiter.

„Ich habe nicht die Absicht, mich in irgendeiner Weise danebenzubenehmen“, gab sie kühl zurück. „Abgesehen davon, bist du erstaunlich schweigsam dafür, dass du eigentlich mit mir reden willst.“

„Ich wollte diesen friedlichen Moment nicht zerstören.“

Mari schob die Augenbrauen hoch. „Soll ich daraus schließen, dass dein Gesprächsthema nicht friedlich ist?“

„Das kommt darauf an, ob du dich weiterhin weigerst, mich zu sehen.“

Mari stieß ihre Flipflops weg und grub die Füße in den feinen Sand. Obwohl sie versuchte, ruhig zu bleiben, klang ihre Stimme ein wenig brüchig.

„Marc, du hast doch miterlebt, was gestern Abend passiert ist. All diese Feindseligkeiten, das tut weh. Es wäre unverantwortlich, wenn wir – ich meine … Du weißt schon.“

„Ja, ich weiß es. Die Frage ist: Weißt du es auch?“

„Was?“

„Ich habe dieses Wiedersehen nicht geplant, Mari. Aber nachdem es nun einmal passiert ist, habe ich nicht vor, dich wieder gehen zu lassen. Und das heißt nicht, dass ich vorhabe, mich für eine heiße Nummer heimlich in dein Haus zu schleichen.“ Ein kleines Lächeln umspielte seinen Mund. „Obwohl diese Vorstellung durchaus ihren Reiz hat, muss ich sagen. Aber du bedeutest mir viel mehr als das. Es war unglaublich, als ich dich nach all diesen Jahren in Chicago wiedergesehen und gemerkt habe, dass sich nach all der Zeit nichts geändert hat. Ich bin ziemlich praktisch veranlagt und finde es unsinnig, vor der Wahrheit davonzulaufen.“

Mari schluckte krampfhaft. „Es kann nicht funktionieren“, sagte sie nach einer Weile so leise, dass er sie kaum verstand.

„Wie kannst du dir so sicher sein? Du redest dir das nur ein, damit du mich leichter wegstoßen kannst.“ Maris Herz schlug so heftig, dass es schmerzte, als er ihr sanft über die Wangen streichelte.

Ihr Rücken versteifte sich, und er nahm die Hand wieder weg. „Nein. Ich bin nur vernünftig. Und ich will nicht, dass dir wehgetan wird oder dass mein Bruder sich sorgt. Außerdem würde deine Mutter es nicht ertragen, und ich will nicht …“

„Und du? Was willst du, Mari?“

Sie stand auf, trat ans Wasser und sah über den dunklen See hinaus.

Marc rückte näher. „Weißt du was?“ Sein Mund war ganz nah an ihrem linken Ohr, und sie bekam eine Gänsehaut. „Ich glaube, dass du damals vor mir davongelaufen bist, weil du vernünftig sein wolltest. Nicht, weil es richtig war.“

Sie sah ihn an.

„Du hast versucht, dich danach zu richten, was deine Eltern gewollt hätten.“

Ihre Eltern? Sie wurde ärgerlich, als er ihre Eltern erwähnte. „Ich muss mir das nicht anhören.“

Sie wollte aufstehen und weglaufen, aber Marc hielt sie an der Schulter fest.

„Damit wollte ich nicht sagen, dass es falsch war. Ich verstehe dich. Auf einmal waren deine Eltern tot, und das war ein großer Schock für dich. Und du wolltest nur tun, was sie sich deiner Meinung nach gewünscht hätten. Die rebellische Tochter, die sich nachts heimlich aus dem Haus schlich, um den Jungen zu treffen, den ihre Eltern ihr verboten hatten, war von einem auf den anderen Tag verschwunden.“

„Ja, und?“, gab Mari herausfordernd zurück. „Ich hatte mich wie ein egoistisches, verlogenes, undankbares Gör benommen. Manchmal ist eben eine Krise nötig, damit man erkennt, wie dumm und verletzend man sich verhalten hat.“

„Ja, ich weiß. Aber du warst nicht herzlos, Mari. Du hast dich wie ein ganz normaler Teenager verhalten und deine Eltern nicht absichtlich verletzt.“

„Aber erst als sie tot waren, habe ich gemerkt, was ich ihnen angetan habe!“ Mari reagierte fast aggressiv.

„Und jetzt willst du diese Schuldgefühle für den Rest deines Lebens mit dir herumtragen und dich zur Märtyrerin stilisieren?“ Marcs Stimme klang hart.

Als sie aufstand und zum Wasser ging, folgte er ihr, legte die Hände auf ihre Schultern und drehte Mari zu sich herum. „Ich werfe dir deine Schuldgefühle nicht vor. Ich kenne das aus eigener Erfahrung. Aber da gibt es noch etwas …“

Jetzt erst wurde ihr bewusst, dass ihr die Tränen übers Gesicht liefen. Sie sah Marc an und wusste, dass es nicht nur Trauer und Ärger waren, die sie so mitnahmen. Nein, da war noch etwas anderes, er hatte recht.

Hoffnung.

Sie stand ganz still. Nur ihr Herz schlug wie wild. Marc neigte sich zu ihr, bis ihre Gesichter nur noch Zentimeter voneinander entfernt waren.

„Du bist keine achtzehn mehr, sondern eine erwachsene Frau. Sag mir eines: Wenn wir uns in Chicago zum ersten Mal gegenübergestanden hätten – hättest du dann geleugnet, dass es zwischen uns knistert?“

„Das hättest du gern“, sagte Mari. „Aber wir haben uns dort nicht zum ersten Mal getroffen, und wir waren uns nicht fremd. Vor der Vergangenheit können wir nicht davonlaufen.“

„Das will ich auch gar nicht. Aber wir können damit umgehen. Oder es zumindest versuchen.“

Er rieb leicht mit der Hand über ihren Rücken, als könnte er Mari damit ermuntern.

Wir können damit umgehen.

Mari zweifelte daran. Die Dämonen der Vergangenheit würden sie nie mehr loslassen. Aber war sie nicht deshalb nach Harbor Town gekommen, weil sie sich eingeredet hatte, dass Wunden heilen können, auch wenn sie noch so tief sind? Oder galt das vielleicht nur für andere Menschen, nicht für sie?

Unwillkürlich stöhnte sie auf, und Marc legte die Arme um sie. Die Tränen liefen ihr in Strömen über die Wangen, als hätte sie sie viel zu lange zurückgehalten. Sie drückte das Gesicht an seine Brust. Über die Jahre aufgestaute Gefühle brachen sich endlich Bahn. Ihre Füße wurden von kalten Wellen umspült, während Marc sie einfach nur festhielt.

Es gab so vieles, was sie ihren Eltern noch gern gesagt hätte – dass sie ihnen ihre Liebe und Wertschätzung nicht ausreichend gezeigt hatte, dass sie oft nicht die Tochter gewesen war, die sie sich gewünscht hatten, dass ihr ihre Liebe fehlte … Es gab so vieles.

Es war nicht das erste Mal, dass sie solche Gedanken hatte. Aber noch nie waren sie mit solcher Macht über sie hereingebrochen wie hier am Strand in Marcs Armen.

Nach langen Minuten wurde Mari bewusst, dass Marc den Kopf auf ihren Scheitel gepresst hatte und beruhigend auf sie einredete. Als er sie aufs Ohr küsste, durchlief sie ein Schauer, und langsam versiegten ihre Tränen.

„Ich verlange ja nicht mehr, als dass du es versuchst“, sagte Marc leise. Seine Stimme klang rau.

„Aber ich weiß nicht, wie, Marc. Allein daran zu denken, ist so schmerzhaft.“ Sie schniefte in sein Hemd. „Es ist so … so …“

„Was?“

„Es macht mir Angst.“

„Ich helfe dir. Du bist stärker, als du glaubst. Gib uns eine Chance, Mari. Lauf nicht wieder davon.“ Sie wurde ganz still, als sie unsicher zu ihm hochsah. Er lächelte. „Triff dich mit mir, dann sehen wir weiter.“

„Mehr willst du nicht?“, fragte sie zweifelnd.

Er zog sie an sich, als wollte er klarmachen, wie sehr er sie begehrte.

„Ich will dich, ich habe dich immer gewollt und auch nie ein Geheimnis daraus gemacht – das hätte ich gar nicht gekonnt. Aber ich will nichts überstürzen und überlasse dir, wie es weitergeht. Solange du nicht wegrennst, bin ich glücklich. Oder wenigstens zufrieden.“

Mari seufzte. Wenn sie nur wüsste, was richtig war. Sicherheit gab es nicht.

„Riskier es, Mari.“

Sie sah ihn eine Weile nur an. „Also gut“, flüsterte sie schließlich. „Aber ich kann nichts garantieren. Und ich möchte, dass wir es langsam angehen.“ Und sehen, wie es auf unsere Familien und Freunde wirkt, wenn wir zusammen auftreten. Sie verzog den Mund. Marc hatte recht. Immer machte sie sich eher Gedanken um die Gefühle und Meinungen anderer als um ihre eigenen.

Marc zog sie enger an sich. Er sagte nichts. Ob er wohl ähnliche Gedanken hatte wie sie? Vor fünfzehn Jahren hatten sie beide erfahren müssen, wie grausam das Leben sein kann. Wer glaubt, das Glück und die Sicherheit gepachtet zu haben, lebt in einem Traum.

Aber heißt das, dass man nicht davon träumen darf?

Mari wusste es nicht. Und so legte sie einfach die Arme um Marc und versuchte, ihre Zweifel beiseitezuschieben. Sie spürte Marcs Körper an ihrem und schloss die Augen. Einige köstliche Momente lang gab es nichts als das beruhigend sanfte Plätschern der Wellen und Marcs männlich-herben Geruch.

Als er ihren Namen murmelte, sah sie zu ihm. Und dann begann sie an seinem Hals zu knabbern und mit der Zunge über seine Haut streichen. Er schmeckte so gut und fühlte sich so gut an. Wieder sagte er ihren Namen, drängender diesmal. Sie beugte sich ein wenig zurück und betrachtete ihn.

Mit angehaltenem Atem wartete sie, als er langsam den Kopf senkte und sie küsste. Es war ein eher keuscher und sanfter Kuss, und doch lag ein Versprechen darin, das Leidenschaft und Begehren verhieß. Sie hob den Kopf, um mehr zu bekommen, aber er entzog sich ihr.

„Wir sollten gehen“, sagte er heiser.

„Was? Oh … Ja, gut.“ Mari fühlte sich wie betrogen. Wie als ob Marc ihr etwas Großartiges versprochen und dann dieses Versprechen nicht gehalten hätte. Aber er hatte recht. Hatte sie nicht selbst vorgeschlagen, langsam vorzugehen? Und jetzt war sie es, die sich beinahe von ihrer Leidenschaft hatte überwältigen lassen.

Na, toll. Sie konnte gar nicht glauben, dass sie tatsächlich zugestimmt hatte, sich mit Marc in Zukunft zu treffen.

„Ich, äh … Bis demnächst. Ich sollte jetzt lieber …“ Sie schloss ihr Auto auf und spielte nervös mit den Fingern.

Marc stand hinter hier. „Okay. Bis demnächst.“

Er klang angespannt. Wollte er sie denn zum Abschied nicht küssen? Oder wenigstens berühren?

„Ja, gut“, murmelte sie. „Dann gute Nacht.“

Er schwieg und erhöhte ihre Unsicherheit damit nur noch. Mari stieg ein, zog die Autotür zu, drehte den Zündschlüssel um und fuhr los.

Minuten später bog sie in ihre Auffahrt ein und stieg aus. Da hörte sie das Motorrad. Marc hielt hinter ihr an. Die Spannung war ihm anzusehen, als er abstieg und auf sie zukam.

„Ich habe zwar versprochen, nicht am Strand über dich herzufallen, aber von deiner Auffahrt war nicht die Rede.“

Damit nahm er sie kurz entschlossen in die Arme und begann sie zu küssen.

Dieser Kuss war anders als der erste. Er war verzehrend und voller Leidenschaft. Marc legte die Hand auf Maris Rücken und drückte sie besitzergreifend an sich.

Mari stöhnte auf, als er mit der Zunge tief in ihren Mund eindrang, und sie ergab sich ihren Gefühlen und legte die Arme um ihn. Lust und Leidenschaft brachten ihr Blut zum Kochen, und sie fühlte sich mit einem Mal lebendig wie lange nicht. Sie begehrte Marc, und sie kam gar nicht auf den Gedanken, sich dagegen zu wehren.

Ihr Atem ging schneller, als er für einen kurzen Moment den Kopf hob, dann die Lippen an ihren Hals presste, daran zu knabbern begann und kleine Küsse darauf verteilte. Wie hätte sie da einen einzigen klaren Gedanken fassen sollen? Ihre Brustspitzen wurden hart und stellten sich auf. Sie hatte das Gefühl, dass seine Hände überall auf ihrem Körper waren und sie in eine Art sinnliche Trance versetzten. Und so bog sie den Hals zurück, um ihm leichteren Zugang zu gewähren.

Dann, auf einmal, entstand ein Bild vor ihrem inneren Auge: Brigit Kavanaugh auf der Veranda, die zusah, wie ihr Sohn in aller Öffentlichkeit im Schein der Straßenlaterne wilde Zärtlichkeiten mit Mari Itani austauschte.

„Marc“, flüsterte sie heiser. „Jeder kann uns sehen.“

Einen Augenblick lang glaubte sie, er habe sie nicht gehört, denn er hörte nicht auf mit seinen verzehrenden Liebkosungen. Aber dann hielt er abrupt inne, packte sie an der Hand und zog sie in den Schatten eines Ahornbaums, der sie vor neugierigen Blick verbarg.

Dort drückte er sie mit dem Rücken an den Baumstamm und begann sofort wieder, sie zu küssen. Dieses Versteckspiel in der Öffentlichkeit, in dieser warmen Sommernacht in Harbor Town, fachte ihre Leidenschaft zusätzlich an, und sie ließ die Zunge um seine tanzen, saugte daran, bis er heiser aufstöhnte.

Hitze durchströmte sie, und sie seufzte zufrieden, als sie seine Erregung spürte. Eine Gänsehaut überzog ihren Körper. Marc Kavanaugh begehrte sie!

Er streichelte ihren Hals und fand dann ihre Brust. Ihr Hunger auf ihn wurde immer größer, verzweifelt fast. Sekunden später hob er den Kopf, und im samtschwarzen Schutz der Nacht schob er ihr das T-Shirt über die Brüste.

Mari stöhnte, als das Begehren sie zu überwältigen drohte, und ihr wurde heiß zwischen den Beinen. Marc ließ die Finger über ihre zarte Haut wandern und schob den Büstenhalter hinunter. Dann strich er mit der Fingerspitze über ihre nackte, harte Brustwarze. Mari biss sich auf die Unterlippe, um nicht aufzuschreien.

„Du hast so wunderschöne Brüste“, flüsterte er und legte liebkosend die Hand darum.

Mari wimmerte, als ihre Lust unerträglich wurde. Und als er dann mit den Lippen ihre Brustwarze umschloss, stieß sie einen kleinen Schrei aus. Mit der Zunge und den Lippen umspielte er in einem Moment ihre Brustknospe ganz zart, fast nicht spürbar, um sie im nächsten Augenblick voller Lust fordernd und drängend darum zu schließen. Wie von selbst schienen ihre Hüften sich an seinen zu reiben, und Marc reagierte sofort darauf und glitt mit einer Hand zwischen ihre Schenkel.

Maris Augen wurden groß, als wildes Begehren ihren Körper erfasste. Das war verrückt! Völlig unmöglich. Sie standen in ihrem Vorgarten! In kürzester Zeit war aus einem Kuss wildes Petting geworden! Offenbar hatte sie den Verstand verloren. Hatte sie nicht behauptet, sie wollte es langsam angehen? Wie konnte es geschehen, dass Marc sie derart schnell auf Siedetemperatur brachte und sie alle Vernunft vergessen ließ?

Als er sich jetzt daran machte, den Reißverschluss ihrer Shorts zu öffnen, protestierte sie schwach. „Marc, wir sollten nicht …“

Im selben Moment schob er die Hand in ihren Seidenslip, und sie stöhnte auf. Dann hatte er gefunden, was er suchte, und ein heiserer Laut drang aus seiner Kehle. Mari lehnte den Kopf an den Baumstamm und wimmerte und keuchte, während Marc ein heißes Feuer in ihr auflodern ließ.

„Lass los, Mari“, flüsterte er an ihrem Mund. „Ich bin hier bei dir …“

Marc.

Immer schon hatte er es verstanden, alle ihre Sinne zu wecken, ihr Mut zu machen, ihren Gefühlen zu trauen … Und wie immer reagierte sie mit ihrem ganzen Körper darauf. Jetzt legte er ihr den Arm um die Schultern und hielt sie fest, während sie ihrer Lust in einem letzten Aufbäumen endlich nachgab.

Irgendwann drang das Zirpen der Grillen in ihr Bewusstsein, und sie öffnete blinzelnd die Augen, noch ganz erfüllt vom Nachbeben dieser Explosion der Leidenschaft.

„Siehst du, Mari? Dein Körper vertraut mir. Jetzt musst du nur noch deiner Seele vertrauen, deinen Wünschen.“ Er küsste sie, heftig und intensiv.

„Komm rein …“

Mari wollte gerade etwas sagen, als sie eine Stimme hörte.

„Marc?“

Unwillkürlich hielt sie die Luft an.

„Liam? Bist du das?“

Sie fuhr zusammen und stieß Marc mit einem Ruck von sich, bevor sie hastig ihre Kleider ordnete.

„Tut mir leid, wenn ich störe“, sagte Liam. „Aber ich habe mein Motorrad auf der Auffahrt stehen sehen.“

Mari gab Marc einen Schubs. „Geh schon und rede mit ihm“, flüsterte sie. Wie peinlich!

„Ich habe einen Anruf von meinem Captain bekommen“, hörte sie Liam sagen. „Leider muss ich heute Nacht noch nach Chicago zurückfahren, aber ich denke, dass ich zu Brendans Geburtstagsparty wieder da sein kann. Mom hat mir erzählt, dass du bis dahin bleibst. Könntest du mir dann vielleicht deinen Wagen leihen? Dafür lasse ich dir das Motorrad da.“

Mari fühlte sich ziemlich lächerlich, wie sie sich da im Schatten des Baums versteckte. Sie war davon überzeugt, dass sie Liam nichts vormachen konnten. Trotzdem strich sie sich glättend über die Haare, auch wenn das vermutlich wenig nützte. Liam wusste genau, was los war. Sie schob das Kinn vor und trat zu den beiden Männern.

„Na, wenn das nicht Mari Itani ist“, stellte Liam trocken fest.

Ganz offensichtlich amüsierte ihn die Situation, und plötzlich erkannte sie die Komik dieser Situation auch. Liam hatte immer schon die Gabe gehabt, sie zum Lachen zu bringen.

Jetzt breitete er einladend die Arme aus. „Komm, lass dich drücken. Wir sind gestern Nacht gar nicht dazu gekommen, uns zu begrüßen.“

Er drückte sie so fest an sich, dass sie geräuschvoll den Atem ausstieß. Marc berührte seinen Bruder am Ellbogen, als ihm die Umarmung zu lang dauerte. „Hattest du nicht etwas Dringendes in Chicago zu tun?“

„Ist schon gut.“ Liams Lachen war reichlich anzüglich, als er Mari endlich wieder losließ.

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