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COLLECTION BACCARA BAND 330

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Wenn es wirklich Liebe ist …

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CHRISTINE RIMMER

Sinnlich und verboten süß

Lizzie ist nicht nur seine Assistentin und engste Vertraute – sie backt auch sündige Köstlichkeiten. Ethan will nicht hinnehmen, dass sie kündigt, um eine Konditorei aufzumachen. Mit all seinem Charme versucht der Ölbaron, sie zu halten, ohne dabei sein Herz zu verlieren. Noch ahnt er nicht, wie gefährlich süß Lizzies Küsse sind …

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Darf ein Boss so zärtlich sein?

Eine romantische Kutschfahrt durch New York, ein prickelndes Champagnerpicknick im Park … Die Praktikantin Jessie ist begeistert, als ihr gut aussehender Chef sie ins Wochenende entführt. Doch nach zwei heißen Tagen und Nächten in seinem Bett tritt Cade ihr im Büro eiskalt entgegen. Was ist nach ihrem Abschiedskuss nur geschehen?

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Wenn es wirklich Liebe ist …

1. KAPITEL

Undank ist der Welten Lohn.

Wie wahr dieses Sprichwort doch ist, dachte Sam Holden. Gerade er sollte das wissen, denn er erlebte den Wahrheitsgehalt dieses Spruches soeben am eigenen Leib. Und er hatte keine Ahnung, wie er das hätte verhindern können.

„Ich schulde dir was, Mann“, sagte Eric Wright vom Beifahrersitz aus. Sein rechtes Bein steckte bis zum Knie in einem Gips. „Nein, eigentlich schulde ich dir doppelt. Dafür, dass du mir das Leben gerettet hast, und dafür, dass du mich zu meiner Hochzeit nach Hause fährst.“

„Nein, du schuldest mir gar nichts.“ Sam blickte zu seinem Freund hinüber. Ein bläulich gelber Bluterguss zeichnete sich auf dessen blasser Stirn ab. Seine roten Haare standen in alle Himmelsrichtungen ab, und sein Gesicht und seine Augen waren von Schmerz und Müdigkeit gezeichnet.

„Du siehst schrecklich aus.“

„Hey, das liegt allein an dir“, antworte Eric und lächelte schwach.

„Ja, ja. Du hast ja recht. Aber ansonsten ist alles okay, oder?“

„Fragst du mich jetzt als mein Freund oder als mein Arzt?“

„Wem verrätst du denn eher die Wahrheit?“

Lachend fuhr sich Eric mit der Hand durchs Haar. „Es geht mir gut. Ich bin nur müde.“ Langsam wandte er seinen Blick zu Sam. „Und ich bin einfach nur froh, dass ich noch lebe. Wie ich schon sagte, ich bin dir was schuldig.“

Sam war zweiunddreißig Jahre alt, hochgewachsen, und er hatte eine durchtrainierte Figur. Mit seinen schwarzen Haaren und blauen Augen wirkte er besonders auf seine weiblichen Patientinnen sehr anziehend. Zu deren großer Enttäuschung hatte Sam aber immer nur Augen für ihre Krankheitssymptome. Er besaß lediglich eine Handvoll enger Freunde, Eric Wright war einer von ihnen.

Eric hatte sich jedoch in den letzten beiden Wochen eher wie ein Fan als wie ein Freund benommen – und Sam konnte noch nie gut mit Dankbarkeit umgehen. Er mochte es nicht, wenn andere ihn bewunderten.

Seit seiner Kindheit hatte ihn nichts anderes interessiert als Medizin. Mit fünf Jahren hatte er sich das Stethoskop seines Großvaters ausgeliehen, um sich den Herzschlag seines Hundes anzuhören. Selbst der Tierarzt war beeindruckt gewesen, als Sam einen unregelmäßigen Herzschlag bei dem Hund herausgehört hatte. Seit diesem Zeitpunkt hatte für Sam festgestanden, dass er einmal Arzt werden würde.

Trotzdem … wenn ihn jemand mit glänzenden Augen und bedingungslosem Vertrauen ansah, hatte er nur noch das Bedürfnis, ganz schnell wegzurennen. Vertrauen war für ihn eine Belastung, die er fürchtete … Vertrauen konnte so leicht zerbrechen. Für einen Arzt mochte solch eine Einstellung vielleicht merkwürdig anmuten, aber bei Sam war das nun einmal so.

„Du schuldest mir gar nichts, Eric.“ Seit dem Unfall hatte er das schon unzählige Male zu Eric gesagt, aber der schien davon nichts hören zu wollen. „Mann, ich war mit im Auto. Hätte ich dich etwa in dem Wrack sitzen lassen und wegrennen sollen?“

Eric zuckte mit den Achseln. „Die meisten Leute hätten das getan. Nicht viele würden in ein brennendes Auto steigen, um jemanden rauszuziehen. Und noch dazu mit einem kaputten Arm.“

„Ach, der ist doch bloß verstaucht.“ Der Verband an seinem linken Unterarm nervte Sam, und er hielt ihn auch für völlig überflüssig. Aber die Ärzte in der Notaufnahme hatten darauf bestanden, dass er ihn zumindest für ein paar Tage trug. Und in der Nacht des Unfalls war er wegen des Schocks nicht fähig gewesen zu widersprechen.

Alles war ganz schnell gegangen, obwohl es sich in dem Moment angefühlt hatte, als würden sie sich in Zeitlupe bewegen. Ein Lastwagen hatte plötzlich einen Schlenker auf ihre Fahrspur gemacht, und Eric hatte das Lenkrad herumgerissen. Das Geräusch vom Schrammen des Metalls gegen die Leitplanke würde Sam nie vergessen. Die ewig andauernden Sekunden, in denen das Auto durch die Luft geschleudert wurde, und dann der abrupte Schlag, als sie auf der Straße aufprallten und der Wagen sich überschlug. Zentimeter für Zentimeter hatte Sam sich aus dem zerbrochenen Seitenfenster herausgeschoben und war dann zur Fahrerseite hinübergekrochen.

Eric war bewusstlos gewesen, und am Unterboden des Wagens hatten schon die Flammen gezüngelt. Die sengende Hitze hatte in Sams Gesicht gebrannt, und er hatte panische Angst verspürt. Aber trotzdem hatte er es irgendwie geschafft, Erics Sicherheitsgurt zu lösen und seinen Freund aus dem Auto zu ziehen, bevor es in Flammen aufgegangen war.

Hätten die beiden an dem Abend weniger Glück gehabt, müsste Erics Familie jetzt seine Beerdigung und nicht seine Hochzeit organisieren.

„Trotzdem …“

Sam seufzte und gab es auf, seinen Freund zu überzeugen. „Okay, dann bin ich eben ein Held. Der Superdoktor!“

Eric war besonders in den letzten beiden Jahren ein guter Freund gewesen. Und eigentlich war Sam ihm etwas schuldig. Sam war schon immer ein Einzelgänger gewesen, ganz besonders in den vergangenen zwei Jahren. Aber jedes Mal, wenn er sich von den wenigen Freunden, die er hatte, zurückziehen wollte, hatte Eric das nicht zugelassen.

Dafür schuldete Sam ihm etwas – und nicht umgekehrt.

Da saß er also nun im Auto vor dem Haus von Erics Eltern. Vor ihm lagen zwei lange Wochen, bevor er wieder nach Los Angeles fahren konnte, wo er zu Hause war. Normalerweise wäre er zu Erics Hochzeit gekommen und am Tag darauf wieder heimgefahren. Aber weil Eric nach dem Unfall nicht Auto fahren konnte, hatte Sam sich zu einem zweiwöchigen Urlaub bei Erics Familie im Norden Kaliforniens überreden lassen.

Sam wäre am liebsten gleich wieder weggefahren, aber ihm blieb nichts anderes übrig, er musste sein Wort halten.

Der Bungalow der Wrights lag ein Stück von der Straße entfernt. Vor dem Haus gab es einen weitläufigen Rasen, und hübsch angelegte Beete säumten die Front des Hauses. Eine bunte Blumenpracht ergoss sich aus den Blumenkästen, die überall vor den Fenstern hingen. Auch auf der Veranda hingen Töpfe mit Blumen und Farnen.

Das sonnengelbe Haus mit den dunkelgrün gestrichenen Fensterläden und dem ebenfalls dunkelgrünen Dachfirst sah gemütlich und gepflegt aus. Es lag an einer ruhigen, von Bäumen gesäumten Straße, und der Strand war nur ein paar Häuserblocks entfernt.

Jeder andere hätte nur allzu gern hier Urlaub gemacht, aber Sam … Er fühlte sich einfach nur, als würde er unbewaffnet und nackt in den Kampf ziehen.

„Komm schon“, sagte Eric und öffnete die Autotür. „Meine Familie kann es kaum erwarten, dich kennenzulernen.“

Sam sah, dass bereits Leute aus dem Haus strömten und fröhlich über die Wiese auf sie zukamen. „Vielleicht wäre es besser, wenn ich erst mal ins Hotel gehe, damit du Zeit mit deiner Familie verbringen kannst. Ich kann ja morgen wiederkommen.“

Oder übermorgen, dachte Sam und fühlte eine Art Panik in sich aufsteigen, als immer mehr Menschen aus dem Haus kamen. Wie groß war denn diese Familie?

„Keine Chance“, sagte Eric, während er sich nach hinten lehnte, um seine Krücken vom Rücksitz zu holen. „Du fährst sonst noch nach Los Angeles zurück.“

Die Tatsache, dass sein Freund ihn so gut kannte, irritierte Sam, aber er zwang sich zu einem Lächeln, als eine ältere Frau mit ergrauendem blondem Haar vor dem Wagen stand. Erics Mutter, vermutete Sam.

„Ach Gott, Eric, dein Bein!“, rief die Frau und blickte Eric aus weit aufgerissenen blauen Augen entsetzt an. Sam beugte sich zu Eric hinüber, um ihm beim Aufstehen zu helfen.

„Du siehst ja schrecklich aus, mein Junge.“ Ein älterer Mann mit kantigem Gesicht und einem grauen Dreitagebart war zu ihnen gestoßen.

„Danke, Dad. Ich freue mich auch, euch zu sehen“, erwiderte Eric lachend. „Hilf mir mal.“

„Geh bitte zur Seite, Liebling“, wandte sich der Mann an seine Frau, nahm die Krücken in die eine Hand, packte Eric mit der anderen am Ellbogen und hievte ihn mühelos aus dem Auto.

Sam sah schweigend zu. Alle umarmten und küssten sich. Irgendwann würden sie sich natürlich ihm zuwenden, das wusste er, aber vielleicht, wenn er sich ganz still verhielt …

Lautes Gelächter war zu hören, es gab auch ein paar Freudentränen, als sich die Familie überschwänglich begrüßte. Ein alter schwarzer Labrador saß bellend daneben, und zwei Kinder, ein Junge von vielleicht sechs Jahren und ein Mädchen, das noch jünger war, hüpften munter um die Gruppe herum.

Er hatte das Gefühl, eine Szene in einer Fernsehserie zu sehen. Als Zuschauer und Außenseiter.

Und genau das war er. Noch nie war ihm das so bewusst wie in diesem Moment. Aber er wollte es doch so, oder etwa nicht? Er machte sich nichts aus einem Freundeskreis oder sonstigen Beziehungen. Einmal hatte er es probiert – er war eine Beziehung eingegangen, hatte Pläne geschmiedet –, und alles war zu Bruch gegangen. Es hatte ihn beinahe zerstört.

Er hatte auf schmerzliche Weise erfahren müssen, dass Bindungen einen nur verwundbar machten. Auch wenn er sich jetzt ab und zu einsam fühlte, er würde diese Lektion nie vergessen. Die Wrights würden schon irgendwann wieder in ihr Märchenhaus zurückgehen und ihn in Ruhe lassen.

Es dauerte jedoch nicht lange, bis eine der Frauen sich zu ihm ins Auto beugte.

„Sie sind sicher Sam.“

„Ja“, antwortete er und ließ sich einen Moment Zeit, um sie genauer anzusehen. Natürlich ganz objektiv, so wie ein Kunstliebhaber ein wunderschönes Gemälde ansehen würde. Ihre Haut war glatt, ihre Augen groß und blau wie die ihrer Mutter. Ihr blondes Haar hatte sie zu einem lockeren Pferdeschwanz zusammengebunden. Sie trug ein T-Shirt und eine ausgewaschene Jeans.

„Sie sind …“

„Tricia“, erwiderte sie und betrachtete ihn interessiert. „Erics Schwester. Na ja, eine von ihnen. Da drüben ist die andere – Deb­bie.“ Sie deutete zu der fröhlichen Menschengruppe hinüber.

Eric betrachtete die kleine, rundliche Blondine, die ihre Arme freudig um Eric schlang.

„Man kann uns leicht auseinanderhalten. Sie ist im sechsten Monat schwanger und ich nicht.“

Sam bezweifelte, dass man Tricia Wright mit irgendjemandem verwechseln konnte.

Tricia warf den Kopf zurück und fragte ihn lächelnd: „Steigen Sie auch irgendwann mal aus dem Auto aus?“

„Ich glaube nicht“, antwortete Sam. Auf einmal sehnte er sich noch mehr nach einem schönen, ruhigen Hotelzimmer. Die Wrights sollten erst mal in aller Ruhe ihr Wiedersehen feiern. „Ich habe nur Eric hergebracht und fahr jetzt ins Hotel, bis …“

„Auf gar keinen Fall.“ Tricia ließ sich auf den Beifahrersitz fallen. „Das ist schon viel besser, so bekomme ich wenigstens keinen steifen Nacken, wenn ich mich mit Ihnen unterhalte.“

Sam starrte sie zunächst an und blickte dann zu ihrer Familie hinüber. Eric hatte das kleine Mädchen auf dem Arm.

Familie.

Ein Teil von ihm bewunderte den Zusammenhalt und die enge Bindung, die viele Familien zusammenschweißte. Aber der andere Teil in ihm empfand diese Bindungen als Ketten, die einen, wenn sie mal gesprengt worden waren, allein zurückließen. Da war es doch besser, erst gar keine Beziehung – welcher Art auch immer – einzugehen.

„Schönes Auto“, bemerkte Tricia.

„Danke.“ Wie sollte er sie nur aus dem Auto komplimentieren, damit er endlich wieder wegfahren konnte?

Sie drückte auf die Auswurftaste des CD-Players, schnappte sich die Scheibe und schaute auf den Musiktitel. Gleich darauf nickte sie anerkennend und sah zu Sam. „Rock ’n’ Roll, aber nicht Heavy Metal. Ich mag Männer, die die Klassiker schätzen.“

Anscheinend wollte sie sich länger mit ihm unterhalten. Auch das noch! Er sah sie finster an. Und übellaunig gucken, das hatte er drauf. Sein unfreundlicher Blick hatte bereits sehr viele Menschen abgeschreckt. Fast alle, die er kannte. Bei Tricia schien das anders zu sein. Sie lachte. Und es war kein anmutiges, leises Lachen, nein, sie lachte schallend laut und ausgesprochen vergnügt. Unbehaglich rutschte er auf dem Fahrersitz hin und her.

„Tut mir leid. Habe ich Sie erschreckt?“

Was, zum Teufel, sollte er denn darauf antworten?

„Hey, Sam“, war plötzlich Erics Stimme zu hören, „mach doch mal bitte den Kofferraum auf.“

Gott sei Dank. Nun konnte er endlich ins Hotel aufbrechen. Er zog an dem kleinen Hebel, und die Haube des Kofferraums sprang auf. Im Rückspiegel sah er, dass sich die komplette Familie hinter dem Auto versammelt hatte.

„Sie sind also ein Doktor“, meinte Tricia. Sie saß immer noch neben ihm.

„Ja.“ Sam blickte weiterhin stur in den Rückspiegel. Was wollten die alle da hinten? Eric hatte doch nur zwei Taschen dabei.

„Was für ein Doktor? Eric hat das nie erwähnt.“

Verzweifelt sah er sie an. Sie betrachtete ihn neugierig. „Doktor der Medizin“, antwortete er unwirsch.

„Aha.“

Sam seufzte, als sie ihn weiter ungeniert ansah. Sie hatte eine ruhige, geduldige Art an sich, und Sam wusste, dass sie sich nicht so schnell abschütteln lassen würde. Wohl oder übel musste er sich mit ihr unterhalten, bis er endlich von hier wegfahren konnte. „Ich bin Allgemeinmediziner.“

„Gut, ich hasse nämlich Spezialisten.“ Sie schob die CD wieder in den Player.

„Und warum?“

„Ich weiß nicht. Vielleicht schau ich zu viel fern, aber Spezialisten scheinen sich mehr um die Krankheit als um den Patienten zu kümmern, und das finde ich nicht gut.“

„Das ist gar nicht …“

Tricia lehnte sich im Sitz zurück, klappte die Sonnenblende herunter und sah sich im Spiegel an. „Ich sehe wirklich zu viel fern. Das liegt daran, dass ich kein Leben habe.“

Das will ich doch gar nicht wissen, dachte Sam verzweifelt und blickte erneut in den Rückspiegel. Warum waren die denn immer noch nicht fertig da hinten?

„Sie ignorieren mich und hoffen insgeheim, dass ich verschwinde, nicht wahr?“

„Nein, ich bin nur …“

„Schlecht drauf?“

Wieder sah er sie finster an. „Nein.“

„Sie gucken ja schon wieder so mürrisch. Haben Sie nicht bemerkt, dass das bei mir nicht funktioniert?“

„Und was funktioniert dann?“ Sam war mittlerweile bereit, alles zu versuchen.

Tricia lachte und schüttelte den Kopf. „Das müssen Sie schon selbst herausfinden.“

Eine Ewigkeit würde das dauern! Und so lange würde er ganz bestimmt nicht hierbleiben. Zwei Wochen. Bis zu Erics Hochzeit waren es zwei Wochen, und danach konnte er dann endlich wieder in seine Praxis nach Los Angeles zurückfahren. Zurück in die Stille seiner Wohnung.

Die Kofferraumhaube wurde zugeworfen, und er lächelte zufrieden. Er konnte zwar noch nicht heimfahren, aber er konnte sich in ein ruhiges Hotelzimmer flüchten, in dem er ganz allein war. Und das war schon mal gar nicht so schlecht.

„Die haben wohl alles rausgeholt“, sagte Tricia und schwang die Beine nach draußen. Dann blickte sie zurück und grinste. „Geben Sie doch Ihren Widerstand einfach auf und kommen Sie mit.“

„Was?“ Er hörte kaum, was sie sagte, denn er sah, dass die Gruppe das Gepäck zum Haus trug – Erics Gepäck und sein Gepäck.

„Hey!“, rief er, aber niemand schien ihn zu beachten. „Wo gehen die mit meinen Koffern hin?“, fragte er Tricia.

„Sie haben doch wohl nicht ernsthaft geglaubt, dass meine Eltern den Mann, der ihrem Sohn das Leben gerettet hat, in einem Hotel übernachten lassen, oder?“

Ihre Blicke trafen sich, und Tricias Augen blitzten schelmisch. Sie wusste ganz genau, dass er sich gefangen vorkam. Und das schien sie nicht im Geringsten zu stören, sondern im Gegenteil, eher noch zu amüsieren.

„Also, Doktor Miesepeter, kommen Sie friedlich mit, oder muss ich grob werden?“

2. KAPITEL

Essen ist offenbar bei den meisten Menschen ein untrügliches Zeichen dafür, dass sie andere willkommen heißen.

In der großen quadratischen Küche der Wrights war es ordentlich und blitzblank. Die Schränke waren schneeweiß, und ein riesiger Esstisch stand vor einem der Fenster. Die Nachmittagssonne schien durch die Scheibe, die roten Vorhänge wehten in dem leichten Wind, der durch das teilweise geöffnete Fenster hereinkam. Es gab genug Essen für ein ganzes Bataillon.

Mrs Wright hatte einen Truthahn und einen Schinken aufgefahren sowie alle möglichen Beilagen, die man sich nur vorstellen kann. Die Familie drängte sich um den Tisch, alle hatten sie Teller, Servietten und Gläser in den Händen. Sie hatten Sam aufgefordert, sich in die Schlange um das Buffet herum einzureihen, und erwarteten jetzt, dass er sich den Bauch vollschlug, auch wenn er eigentlich keinen Hunger hatte.

„Den Nudelsalat müssen Sie probieren.“ Erics Schwester Debbie häufte ihm eine Riesenportion davon auf den Teller. „Mom macht den allerbesten.“

„Vergessen Sie meinen leckeren Mais nicht.“ Mr Wright, Dan, legte ihm einen dampfenden Maiskolben mit Butter auf den Teller und lächelte stolz.

„Wissen Sie“, warf Sam ein, „ich finde das alles natürlich toll, aber ich …“

„Möchtest du noch ein Bier?“, rief Eric ihm vom Kühlschrank aus zu.

„Nein danke.“

Debbies Mann Bill half seiner Tochter mit ihrem Teller, während Mrs Wright ihrem Enkel noch mehr Truthahnfüllung auf den Teller lud. Erics Bruder Jake lehnte derweil in einer Ecke an der Wand und beobachtete das Gedränge von dort aus. Tricia hatte sich ihren Teller bereits voll beladen und saß nun an der Küchentheke und sah dabei zu, wie Sam sich durch die Familie arbeitete. Er konnte ihren Blick förmlich spüren und wusste, dass sie sich über ihn amüsierte.

Er war ein Einzelkind gewesen, seine Jugend unspektakulär. Seine Eltern waren älter als die seiner Freunde, und sie hatten ihn immer wie einen Erwachsenen behandelt. Er war in Familienangelegenheiten miteinbezogen worden, und sie hatten seine Liebe zu Büchern und zur Schule gefördert, waren viel mit ihm gereist und hatten ihm die berühmtesten Museen und Galerien der Welt gezeigt.

Seine Erfahrungen mit Familie waren ganz anders als das, was er hier bei den Wrights erlebte. Bei seinen Eltern waren die Mahlzeiten ruhig verlaufen, und sie hatten sich über das aktuelle Zeitgeschehen unterhalten.

Was er hier erlebte, war wie ein Tag im Zirkus. Es herrschte ein Höllenlärm, und die vielen Gesprächsfetzen, die durch den Raum flogen, machten es ihm unmöglich, auch nur irgendetwas zu verstehen.

Die anderen schienen damit kein Problem zu haben.

„Kevin“, warnte Debbie ihren Sohn, „du kriegst keinen Kuchen, wenn du nicht …“

„… er isst doch Bohnen“, warf ihre Mutter ein.

„… aber kein Fleisch, und Jungs brauchen Fleisch.“

„Ach was, sie brauchen Milch“, erwiderte Erics Vater laut.

„Nicht jeder kann Milch trinken“, ließ Eric verlauten. „Frag doch mal Sam. Er ist Arzt, er wird es dir schon sagen.“

„Hast du den Partyservice wegen der Hochzeitsparty schon angerufen?“, fragte Debbie in den Raum hinein, und Sam hatte keine Ahnung, wem die Frage galt.

„Aber ohne Milch brechen die Knochen“, verteidigte Erics Vater seinen Standpunkt.

„Ja, die haben alles im Griff“, antwortete Erics Verlobte Jen, aber Sam war sich nicht sicher, ob es um die Milch oder um die Hochzeitsparty ging.

„Eric ist das perfekte Beispiel dafür“, kommentierte nun auch noch Debbies Mann Bill grinsend. „Er trinkt keine Milch, und sein Knochen im Bein ist zerbrochen wie ein Ast.“

„Das lag an dem Auto und nicht am Kalziummangel.“

„Das ist doch dasselbe“, fuhr Dan fort. „Wenn Eric Milch getrunken hätte, müsste er jetzt vielleicht nicht auf Krücken zu seiner Hochzeit humpeln.“

Sam versuchte, irgendwie den Unterhaltungen zu folgen. Musik im Stil der Fünfzigerjahre lief im Wohnzimmer, der Hund der Familie saß unter dem Tisch und jaulte, und Eric und sein Bruder fingen an, sich über die Vor- und Nachteile von Gelände- und Sportwagen zu unterhalten.

Auf einmal entdeckte er Tricia, die ihm mit dem Finger zu verstehen gab, ihr zu folgen.

Sie führte ihn durch das Wohnzimmer zur Veranda. Kaum war er hinausgetreten, schloss sie die Tür hinter ihm, und der Lärm hinter ihnen verstummte.

Sam atmete tief durch und seufzte. Die Ruhe war für ihn wie ein Segen … fast schon ein spirituelles Ereignis. Er wollte gerade die Augen schließen und die Ruhe und die frische Luft genießen, als Tricia laut auflachte.

Leicht verärgert blickte er sie an. „Finden Sie das lustig?“

„Noch viel mehr als lustig.“ Sie ging zum anderen Ende der Veranda und setzte sich dort auf eine rote Schaukel. Mit der Hand klopfte sie auf den Platz neben sich und meinte: „Kommen Sie, setzen Sie sich.“

Er hatte die Wahl, entweder allein mit Tricia zu sein oder sich wieder ins Gewühl zu stürzen. Die Entscheidung fiel ihm leicht, als er an die vielen Menschen und den Lärm im Haus dachte. Mit seinem Teller in der einen und seinem Bierglas in der anderen Hand ging er zu ihr hinüber. Er stellte seinen Teller auf einem kleinen Holztisch ab und ließ sich erleichtert auf der Schaukel neben Tricia nieder. Wie wunderbar still es hier draußen war.

„Sind die immer so?“, fragte er und lehnte seinen Kopf nach hinten.

„Sie meinen laut?“, erwiderte sie lachend. „Ja.“

„Wie verständigen sie sich denn?“

Tricia dachte nach, winkelte ein Bein an und setzte sich darauf. Mit der Zehenspitze ihres anderen Fußes schubste sie die Schaukel an, und langsam bewegten sie sich vor und zurück. „Bei vier Kindern lernt man schon sehr früh, dass man sofort sagen muss, was man sagen will, sonst bekommt man nie eine Chance.“

„Aber hört denn überhaupt jemand zu?“

„Ha!“ Auch sie lehnte ihren Kopf zurück und wandte sich ihm zu. „Sie hören immer zu. Das können Sie mir glauben. Ich habe früher öfter mal versucht, irgendeine blöde Bemerkung loszulassen, um zu sehen, wer das mitbekommt …“

„Was denn zum Beispiel?“

„Na ja, zum Beispiel: ‚Ist es okay, wenn ich zu Terris Party gehe, auch wenn ihre Eltern nicht da sind?‘ oder so was in der Richtung.“

„Und das haben sie gehört?“

„Oh ja. Alle. Sie auszutricksen, war niemals leicht. Aber sie sind toll.“

Das Wohnzimmerfenster war weniger als einen halben Meter von ihnen entfernt. Was hinter dem dunkelgrünen Vorhang vor sich ging, war für ihn Neuland, und es verwirrte ihn geradezu. „Das glaube ich, aber …“

„… aber? Immer dieses Aber. Sie schienen sich da drin allerdings wirklich …“

„Unwohl zu fühlen?“

„Ich hätte es eher als gefangen bezeichnet.“

Er wandte seinen Blick vom Fenster ab und sah in ihre blauen Augen. Verdammt, er hatte niemanden beleidigen wollen, und er hoffte wirklich, dass der Rest der Familie das nicht auch gemerkt hatte. „Das klingt etwas hart.“

„Fand ich auch“, sagte sie, und ihr Lächeln sagte ihm, dass er sie mit seinem Verhalten nicht beleidigt hatte. „Aber trotzdem, ich habe noch nie einen Mann gesehen, der sich so sehr nach einer Rettung gesehnt hat wie Sie.“

„Vielleicht nicht gerade nach einer Rettung, aber diese kleine Pause tut gut. Danke.“ Er nahm einen Schluck von seinem Bier. „Ich habe das nicht so gemeint, als ich …“

„Hey, ich weiß ganz genau, dass man sich erst an uns gewöhnen muss“, beruhigte ihn Tricia.

„Danke für Ihr Verständnis.“

„Kein Problem.“

„Sind Sie immer so zuvorkommend?“

„Oh“, sagte sie und kicherte leise, „eigentlich fast nie. Ich habe heute einen guten Tag.“

„Na, dann habe ich ja Glück gehabt.“

„War das jetzt Ironie, oder meinen Sie das wirklich so?“

„Im Moment meine ich das wirklich so.“ Er genoss es, hier draußen in der warmen Sonne zu sitzen, wo es relativ ruhig war. Und das hatte er allein dieser hübschen Frau zu verdanken.

„Danke.“

„Gern geschehen.“

„Na also, das war doch nicht schwer, oder?“

„Was?“

„Wir haben uns soeben ganz normal unterhalten.“

Unweigerlich musste er lächeln. „Das war so schnell vorbei, dass ich es gar nicht mitbekommen habe.“

„Sehen Sie? Möchten Sie wieder reingehen?“

Tricia musste ihm angesehen haben, dass er das noch nicht unbedingt wollte, denn sie lehnte sich etwas mehr an ihn und sagte beruhigend: „Keine Eile. Sie sind der Ehrengast, Sie können also tun und lassen, was Sie wollen.“

„Ich, der Ehrengast?“ Völlig überrascht blickte er sie an. „Ich dachte, es ginge um Eric.“

„Nicht nur. Helden muss man besonders willkommen heißen.“

Sam rückte etwas von Tricia ab. „Ich bin kein Held.“

Als hätte sie sein Bedürfnis nach Abstand gespürt, lehnte sie sich zurück, ließ ihn aber nicht aus den Augen. „Na, dann erzählen Sie das mal Mom und Dad. Oder Erics Verlobter.“

„Ich war schlicht und ergreifend zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort“, sagte er nur und ließ seinen Blick über den Garten zur Straße schweifen.

„Darüber bin ich sehr froh.“

Er betrachtete sie und sah die Wärme in ihren Augen. Ihre einfache Reaktion gefiel ihm. „Ich bin auch froh.“

Sie lächelte ihn an, und etwas in ihm beruhigte sich. Allerdings erwachten ganz langsam andere Sinne in ihm zum Leben.

Sam genoss die Stille, die sich jetzt zwischen ihnen ausbreitete. Er war zu lange allein gewesen, und es fiel ihm schwer, sich an Leute um ihn herum zu gewöhnen. In seiner Welt gab es lediglich seine Wohnung, die Autobahn und seine Praxis. Sonst nichts. An den Wochenenden erledigte er Schreibarbeiten in der Praxis und bereitete sich auf die folgende Woche vor. Seine Abende verbrachte er entweder in seinem hauseigenen Fitnessraum oder vor seinem Großbildfernseher. Wenn er nicht schlafen konnte, und das kam oft vor, stand er allein auf seinem Balkon und betrachtete die Sterne.

Unruhig rutschte er in der Schaukel hin und her, er fühlte sich auf einmal etwas unwohl. Sam hatte nie darüber nachgedacht, wie er sein Leben verbrachte – oder vergeudete. Er fragte sich, ob er es geplant hatte, zum Einzelgänger zu werden, oder ob es einfach so passiert war … nach Mary.

Aber das Leben selbst hatte sich doch auch verändert nach Mary, oder nicht? Nichts war mehr so gewesen wie vorher. Wie er die Dinge sah, was er dachte, fühlte, erlebte. Alles war in den letzten zwei Jahren wie von einem Leichentuch bedeckt gewesen, und die Einsamkeit hatte ihn umhüllt wie ein Kokon. Jetzt, wo er aus dieser Einsamkeit auftauchte – wenn auch nur für kurze Zeit – war das für ihn, als hätte man ihn ins offene Meer geworfen, wo es keinen Rettungsring gab.

„Sie hassen das wirklich, nicht wahr?“

Der Klang ihrer Stimme unterbrach seine Gedanken, wofür er aber dankbar war. „Was?“

Sie gluckste, schüttelte den Kopf und zog ihr anderes Bein auch auf die Schaukel. Im Schneidersitz saß sie ganz entspannt neben ihm. Sie schien mit sich und ihrer Umwelt so völlig im Reinen zu sein, und Sam beneidete sie darum.

„Sie verstehen ganz genau, was ich meine.“ Immer noch lächelte Tricia ihn geduldig an, auf eine Art, wie man auch ein besonders begriffsstutziges Kind anlächeln würde.

„Sie versuchen nur, eine Antwort zu finden, die nicht allzu beleidigend ist.“

Es nervte ihn, dass sie ihn so leicht durchschaute. Als Arzt war er stolz auf sein Pokerface. Er wollte nicht, dass seine Patienten die Diagnose, die er getroffen hatte, bereits von seinem Gesicht ablesen konnten, ehe er überhaupt mit ihnen gesprochen hatte. Auch in seinem Privatleben zeigte er sich verschlossen – so dachte er jedenfalls – denn er wollte auf keinen Fall, dass irgendjemand seine Gedanken lesen oder gar in sein Herz blicken konnte.

Na ja, außer Mary.

Aber Mary war anders gewesen.

Tricia Wright dagegen war … na ja, das Wort ‚anders‘ traf auch irgendwie auf sie zu.

„Ihre Familie scheint sehr nett zu sein“, sagte er ausweichend.

„Vergessen Sie nicht das Wörtchen ‚laut‘.“

„Das auch.“

„Und eben, das war noch nicht mal richtig laut.“

„Keine Ahnung, wie das noch lauter werden kann“, murmelte er, worauf sie wieder leise in sich hineinlachte. Ihr Lachen klang sexy und vertraut, und bei diesem Gedanken verspürte er eine Spannung, die er nicht erwartet und erst recht nicht gewollt hatte.

„Oh, Sie werden schon sehen“, frotzelte sie und schien sein Unbehagen geradezu zu genießen. „Morgen kommen Tante Beth und Onkel Jim mit ihren drei Kindern, und dann sind da noch Grandma Joan und ihr neuer Freund Oliver …“

„Ihre Großmutter hat einen Freund?“

„Ja, er ist zwanzig Jahre jünger als sie“, erklärte Tricia, „und ich sag’s Ihnen, mein Vater hat sich schwergetan, das zu akzeptieren. Einen Stiefvater zu haben, der genauso alt ist wie man selbst, ist ein harter Brocken, den man erst mal verdauen muss.“

Sam schüttelte den Kopf. Er hätte seinen Eltern, als sie noch lebten, dafür danken sollen, dass sie so … bieder gewesen waren.

„Und am Tag darauf kommt meine Cousine Nora mit ihrem Sohn Tommy, und das heißt: Streichhölzer wegsperren.“

„Zündelt er etwa gern?“

„Na ja, er ist zwar erst sieben, aber seinen beruflichen Werdegang hat er sich schon ausgesucht.“

„Na toll.“

„Und während der nächsten zwei Wochen kommen dann noch mehr von uns.“

Noch mehr Wrights? Wie konnte es von denen noch mehr geben? Allein bei dem Gedanken daran hätte er am liebsten seine Sachen gepackt und sofort das Weite gesucht. Aber das konnte er leider nicht. Denn er hatte sich vor sechs Monaten bereit erklärt, auf Erics Hochzeit als Platzanweiser zu fungieren. „Gut, dass ich mein Hotelzimmer schon gebucht habe“, sagte er mehr zu sich selbst als zu ihr.

„Oh, alle wohnen irgendwo bei der Familie. In dieser Familie sind keine Hotels erlaubt. Mom und Dad werden die meisten von ihnen unterbringen, sie haben sehr viele Schlafzimmer. Bei Debbie und ihrem Mann wohnen auch ein paar, und Jake bringt die Junggesellen bei sich unter. Die Armen.“

Es war unmöglich für Sam, sich all die Leute und Namen zu merken. Er würde ja auch nur zwei Wochen hier sein, da musste er ja nicht jedes einzelne Familienmitglied kennen. Trotzdem folgte er wie gebannt ihren Worten. Sie schien kaum Atem zu holen.

„Warum, was ist mit Jakes Wohnung?“

„Erstens ist sie klein, und der Mann lebt wie ein Ferkel. Man muss aber gerechterweise sagen, dass er kaum zu Hause ist. Er arbeitet für die Regierung, irgendwas ganz Geheimes. Kaum zu glauben, denn als Kind konnte er nie ein Geheimnis für sich behalten. Na ja, geht mich ja nichts an.“

Mich erst recht nicht, dachte Sam. Je mehr sie ihm erzählte, desto mehr freute er sich auf sein Hotelzimmer. Jetzt war vermutlich ein guter Moment, sich zu verabschieden. „Na, wenn all diese Leute kommen, nehme ich lieber gleich meinen Koffer und verschwinde ins Hotel.“

„Nix da.“

„Was?“

Sie legte eine Hand auf seinen Arm. „Es gibt kein Hotelzimmer für den Ehrengast, das habe ich Ihnen doch schon erklärt. Ihr Schlafzimmer ist schon für Sie bereit.“

„Ich dachte, Sie machen einen Spaß.“

„Nein.“ Tricia grinste und lehnte sich wieder zu ihm hinüber. Dieses Mal konnte er ihr Parfüm riechen. Weich, blumig und sommerlich haftete es an ihr, und der Wind, der ihr sanft die Locken ins Gesicht wehte, trieb den Duft zu ihm hinüber. Das war kein gutes Zeichen. Tricia Wright faszinierte ihn mit ihrem Lächeln – und nun auch noch mit ihrem Duft.

Aber so weit wollte er es gar nicht kommen lassen, beschloss er, und schob alle abwegigen Gedanken, die sich in seinen Kopf geschlichen hatten, sofort ganz weit weg. Er würde sich nicht von ihrem verführerischen Duft ablenken lassen, sondern die Wirkung, die sie auf ihn hatte, einfach ignorieren und sich stattdessen auf das konzentrieren, was sie sagte.

„Sie wohnen bei mir.“

Oh nein. So gut war er dann auch nicht im Ignorieren von Versuchungen. Langsam ließ er seinen Blick über sie schweifen und stellte fest, dass wohl kein normales männliches Wesen es schaffen würde, sie allzu lang zu ignorieren.

„Das glaube ich kaum.“

„Haben Sie Angst?“, konterte sie sofort.

Er lachte und fragte: „Wovor denn?“, was allerdings nicht sehr überzeugend klang.

„Na, vor mir.“

„Das glaube ich kaum“, meinte er, obwohl er sich sowohl ihrer durchdringenden blauen Augen als auch ihres betörenden Duftes bewusst war, der ihn umgab und ihn zu umklammern schien wie eine exotische Kletterpflanze.

„Das war nicht meine Idee, also beruhigen Sie sich. Mom und Dad haben die Übernachtungen geplant.“ Leise fügte sie hinzu: „Sie sind Ihnen wirklich sehr dankbar für das, was Sie für Eric getan haben. Sie gehören für meine Eltern zur Familie.“

Oje. Ein kalter Schauer lief über seinen Rücken.

„Und Familie wohnt nicht im Hotel“, fügte sie hinzu. Ihr Pferdeschwanz wippte von einer Schulter zur anderen. „Keine Sorge. Ich habe nicht Ihre umwerfende maskuline Schönheit bemerkt und dann postwendend beschlossen, Sie bei mir unterzubringen.“

Er war sich nie ganz sicher, ob sie es ernst meinte oder ihn nur aufzog. Und das war jetzt auch völlig egal. „Ich habe ja nicht gesagt, dass …“

„Nein, aber Sie haben es gedacht.“

„So leicht kann man mich nicht durchschauen, und nein, das habe ich nicht.“

Sam knurrte und stand auf. Als er sie nun anblickte, hatte er das Gefühl, die Situation etwas besser unter Kontrolle zu haben. „Hören Sie, ich weiß Ihr Angebot zu schätzen“, sagte er, obwohl er das ganz und gar nicht tat. „Aber im Hotel ist es viel praktischer.“

„Es kann nirgendwo praktischer sein als in meinem Haus. Ich wohne gleich nebenan.“

„Was?“ Er hatte das Gefühl, direkt am Abgrund zu stehen.

„Da drüben.“ Sie zeigte auf das Haus unmittelbar hinter ihr. „Das ist meins. Ich habe es vor ein paar Jahren gekauft, weil ich allein wohnen wollte. Obwohl man zwar nie wirklich allein wohnt, wenn die Eltern gleich nebenan leben. Aber das Haus war nicht teuer, und so ist es viel besser, als wenn ich mein Geld für Miete aus dem Fenster schmeiße. Und was noch gut ist: Mom und Dad kommen nicht einfach unangemeldet vorbei.“

„Ich gratuliere.“

„Sie können das richtig gut.“

„Was?“

„Gespräche in eine andere Richtung lenken, wenn Sie über gewisse Dinge nicht reden möchten.“

Sam lachte. „Soweit ich das mitbekommen habe, bewegen sich die Unterhaltungen in Ihrer Familie ständig in neue Richtungen.“

„Das stimmt“, gab Tricia zu und erhob sich, wobei sie die Schaukel nach hinten wegschob. Sie stand direkt vor Sam, und als die Schaukel wieder nach vorne schwang, wurde sie gegen ihn geschubst.

Instinktiv fing Sam sie auf und erstarrte für den Bruchteil einer Sekunde. Er hatte nicht mit der Wärme gerechnet, die sich nun über seine Arme langsam nach oben bis in seine Brust ausbreitete. Tricia war groß. Sie reichte ihm bis zur Nasenspitze. Und sie war jetzt ganz nah – viel zu nah. Er trat einen Schritt zurück, sah aber gerade noch, wie etwas in ihren Augen aufblitzte. „Ich glaube einfach nicht …“

„Sie sind schon wieder ein Held.“

Und schon wieder drehte sich das Gesprächkarussell in eine andere Richtung. „Ich bin kein …“

„Gut“, meinte sie und schnitt ihm das Wort ab. „Sie waren kein Held bei Eric. Sie waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Aber gerade im Moment haben Sie Gelegenheit, ein Held zu sein … für mich.“

Sam seufzte und wusste, dass er immer tiefer in einen Sumpf geriet, aus dem er vielleicht nicht so leicht wieder herauskommen würde. Tricia hatte die Fähigkeit, in die hintersten Ecken seiner Seele zu blicken. Ein Bereich, den er lieber weiterhin im Dunkeln lassen wollte …

Diese Frau und ihr Angebot waren mehr, als er erwartet hatte. Niemals hätte er gedacht, dass er in irgendeiner Art und Weise in Erics Familienangelegenheiten verwickelt werden würde. Geschweige denn, mehr als unbedingt nötig mit einem einzelnen Mitglied in Kontakt zu treten. Sein Plan war gewesen, herzukommen, an den Festlichkeiten teilzunehmen und sich dann wieder still und leise zu verdrücken. Aber offensichtlich sollte es anders kommen, denn jetzt hatte Tricia seine Neugierde geweckt. „Ich gebe auf. Aber wie werde ich, wenn ich bei Ihnen wohne, zum Helden?“

„Wenn Sie bei mir wohnen, habe ich keinen Platz in meinem Haus für den kleinen Zündler.“

„Ihre Cousine …“

„Tommy.“

„Richtig.“

Er dachte kurz darüber nach. Ihre Augen waren groß und klar, als sie ihn anblickte, und er wusste, dass es schwierig werden würde für ihn, wenn er sich zu lange in ihrer Nähe befinden würde. Sie war eine Frau, die zu viel sah, zu oft lachte. Und die ihm das Gefühl gab … Ja, sie ließ ihn wieder fühlen. Aber zwei lächerliche Wochen lang würde er das sicher schaffen. Zwei Wochen waren gar nichts. Sie würde ihn bestimmt in Frieden lassen. Ihr Haus war auf jeden Fall ruhiger als das ihrer Eltern. Und er bräuchte ja auch nicht viel Zeit mit Tricia verbringen. Er war ja nicht ihr Allein­unterhalter. Außerdem war sie mit Sicherheit bei den Vorbereitungen für die Hochzeit eingespannt. Dann würde er Zeit für sich haben, ohne der Familie Wright auf den Schlips zu treten.

Das könnte klappen.

„Seien Sie ein Held“, sagte sie und stupste ihn an. „Retten Sie ein Mädchen vor einem Schicksal, das noch schlimmer ist als der Tod.“

Vermutlich würde er es bereuen, dachte Sam, als er in ihre großen Augen sah. Er wollte für niemanden den Held spielen.

Und trotzdem, trotz alledem, hörte er sich antworten: „Okay. Ich mach’s.“

3. KAPITEL

Als Sam am nächsten Morgen aufwachte, wusste er im ersten Moment nicht, wo er war.

Dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Es roch nach Zimt. Er blickte sich im Zimmer um. Die Wände waren lavendelblau gestrichen, und das gusseiserne Bett war am Kopf- und Fußende mit Schnörkeln verziert. Vor den Fenstern hingen weiße Spitzenvorhänge, die sich sanft im Wind bewegten. An einer Wand des geräumigen Zimmers stand eine antike Kommode, und auf der anderen Seite ein kleiner Fernseher auf einem schmalen Bücherregal, in dem nur Krimis standen. Und zwar äußerst brutale.

Sam musste unwillkürlich lächeln, als er die geblümte Bettdecke zurückwarf und aufstand. Er hatte sich am vorigen Abend, ehe er ins Bett gegangen war, die Bücher im Regal genauer angesehen. Und obwohl er schon viel gesehen hatte während seiner Zeit im Krankenhaus und in der Notaufnahme – bei ein paar dieser Bucheinbände drehte sich selbst ihm der Magen um. Interessante Frau, diese Tricia Wright, dachte er. Einerseits romantisch verspielt, mit Spitzenvorhängen und antiken Möbeln, und andererseits mit einer Vorliebe für schaurige und grausame Geschichten. Was das wohl über ihre Persönlichkeit verriet?

Und warum fragte er sich das überhaupt?

Nach einer heißen Dusche in dem altmodischen, puppenhausgroßen Badezimmer ging er nach unten. Er hatte sich beim Duschen den Ellbogen an der Wand angeschlagen, und sein Nacken tat weh, weil er sich beim Haarewaschen so weit hatte hinunterbeugen müssen. Aus der Küche wehte der Duft von Kaffee und frisch gebackenen Plätzchen.

Er genoss die Stille im Haus und freute sich, dass nicht bereits so früh am Morgen irgendwo ein Fernseher plärrte. Das Wohnzimmer war groß, und überall standen gemütliche Polstermöbel, die einen geradezu aufforderten, darin Platz zu nehmen und sich zu entspannen. Auf einer Seite war ein offener Kamin, dessen Sims mit gerahmten Familienfotos verziert war.

Tricia bemerkte ihn nicht sofort, als er an der Küchentür stand und sie beobachtete.

Sie drehte ihm den Rücken zu und bereitete irgendetwas vor. Das Sonnenlicht schien durch die Fenster und ließ ihr langes blondes Haar, das sie zu einem Zopf zurückgebunden hatte, golden schimmern. Sie war barfuß und trug ein enges graues T-Shirt und ausgefranste Shorts. Ihre langen sonnengebräunten Beine kamen darin voll zur Geltung. Tricia sah selbst am frühen Morgen schon klasse aus.

Mit einem Nudelholz rollte sie Teig aus, und hinter ihr auf dem großen Küchentisch lag systematisch aufgereiht eine riesige Menge an Plätzchen. Manche waren schon fertig gebacken und kühlten ab, andere mussten erst noch in den Backofen geschoben werden. Sie schien öfter zu backen, denn sie bewegte sich schnell und routiniert.

Sam versuchte sich zu erinnern, was Eric ihm von seiner Familie erzählt hatte. Aber leider hatte er nie richtig zugehört, was er in diesem Moment bereute. Er wusste praktisch gar nichts über Tricia.

Im Radio lief Musik, und Tricia begann mitzusingen.

„Sie sollten sich lieber aufs Backen beschränken“, sagte er leise und fügte dann etwas lauter hinzu: „Kriegt man als Zuschauer hier auch einen Kaffee?“

Tricia schrie erschrocken auf und wirbelte herum. Mit einer Hand griff sie sich ans Herz, schnappte nach Luft und lachte dann. Ihre Hand hatte einen Mehlabdruck auf ihrem T-Shirt hinter­lassen. „Müssen Sie sich so anschleichen?“

„Sie haben so wunderschön gesungen, da wollte ich nicht stören“, antwortete Sam und lächelte frech. „Tut mir leid, wenn ich Sie erschreckt habe.“

„Na ja, mein Herz schlägt ja, Gott sei Dank, wieder, ich verzeihe es Ihnen noch mal.“

Sie holte eine riesige lila Tasse aus dem Schrank und füllte sie mit köstlich duftendem Kaffee.

„Falls Sie den Geschmack dieses wunderbaren kolumbianischen Kaffees ruinieren wollen, im Kühlschrank ist Milch, und Zucker steht auf der Anrichte.“

„Ich trinke ihn schwarz.“ Vorsichtig probierte er das heiße Getränk.

„Solche Männer gefallen mir“, sagte Tricia grinsend und trank selbst einen Schluck.

Die meisten Männer hätten das als Einladung angesehen, sie besser kennenzulernen und mit ihr zu flirten. Aber Sam widerstand der Versuchung. Er war nicht hier, um anzubandeln und eine kurze Affäre einzugehen. Und wenn, dann sicherlich nicht mit einer Frau wie Tricia. Sie war nicht der Typ Frau für ein Liebesabenteuer. Wenn er sie ansah, musste er unwillkürlich an ein hübsches Einfamilienhäuschen, kleine Kinder, einen Hund und große Familienzusammenkünfte denken.

Mit anderen Worten, sie war all das, was Sam so ganz und gar nicht war.

„Aha“, sagte er daher leicht verlegen.

Tricia lachte ihn ganz offen an, nahm noch einen Schluck Kaffee und stellte dann ihre Tasse neben sich auf die Ablage. „Keine Sorge, ich tu Ihnen schon nichts, Sie brauchen nicht gleich so ängstlich zu gucken.“

Schon wieder hatte sie ihn durchschaut. Sams Miene versteinerte sich.

„Ganz im Ernst, Sam, Sie können ganz beruhigt sein, Sie haben bei mir nichts zu befürchten.“

Na gut, er war nicht an ihr interessiert, und trotzdem fühlte er sich tief in seinem Inneren ein wenig beleidigt, weil diese schöne Frau ihn eindeutig zurückgewiesen hatte. Seine Finger schlossen sich etwas fester um die Tasse. „Und warum nicht?“

Der Blick und das Lächeln, das Tricia ihm nun zuwarf, war zwar nur kurz, aber umso intensiver. Vielversprechend wie das erste Licht der Morgendämmerung.

„Ich habe von Männern die Nase voll. Hat Eric Ihnen das nicht erzählt?“

„Warum hätte er mir das erzählen sollen?“

Sie zuckte mit den Achseln, legte das Nudelholz beiseite und griff zu einem Ausstechförmchen. Geschickt drückte sie damit ein paar Plätzchen aus. „Weil sich die Familie ständig Sorgen um mich macht. Sie glauben, ich sei depressiv oder so.“

„Sie?“, entfuhr es ihm. Wie konnte man denn so eine fröhliche Frau für depressiv halten?

„Danke.“ Mit einem Pfannenwender hob sie die Plätzchen hoch und legte sie auf ein Backblech. „Ich liebe meine Familie, aber sie lässt sich nicht leicht überzeugen.“

„Weswegen sind Sie denn angeblich depressiv?“ Er kam ein paar Schritte näher und lehnte sich gegen die Ablage.

Als stünde sie vor laufender Kamera, seufzte sie laut auf, legte ihren Handrücken an ihre Stirn und schluchzte theatralisch auf. „Ich wurde verlassen.“

Überrascht sah er sie an. Wie konnte ein Mann so dumm sein, eine Frau wie sie zu verlassen? Na ja, außer man hatte ihm eine Überdosis Familie verabreicht. „Eric hat mir gar nichts davon erzählt.“

Zumindest erinnere ich mich nicht daran, fügte er im Stillen hinzu. Er war mit seinen Gedanken oft meilenweit entfernt, wenn seine Freunde ihm etwas erzählten. Eric hatte vielleicht mal erwähnt, dass er sich um seine jüngere Schwester Sorgen machte, aber Sam hatte das nie wahrgenommen. Warum auch? Er hatte diese Schwester ja nicht einmal gekannt. Zudem waren die letzten beiden Jahre für ihn sehr schmerzlich gewesen, und er hatte dem Rest der Welt kaum Beachtung geschenkt.

Zum ersten Mal fühlte er sich etwas schuldig, dass er so viel um sich herum ignoriert und oft nicht richtig zugehört hatte.

Tricia schob das Backblech mit den Plätzchen in den riesigen Ofen. Dann stellte sie den Küchenwecker und drehte sich wieder zu Sam um. „Es ist nicht schlimm, ich habe mein Schicksal akzeptiert.“

„Und was für ein Schicksal ist das?“

„Ich habe kein Glück mit Männern. Deshalb werde ich die Finger von ihnen lassen und mich stattdessen Süßigkeiten und Plätzchen widmen.“

Sam musste unwillkürlich lächeln und deutete mit der Hand auf all die Kekse auf dem Tisch. „Anscheinend scheint die Beziehung zwischen Ihnen und den Plätzchen gut zu funktionieren.“

„Ja, die enttäuschen einen wenigstens nicht. Man kriegt vielleicht schlechte Zähne von ihnen und wird dick, aber sie sind immer für einen da. In guten wie in schlechten Zeiten.“

„Und das ist wichtig?“

„Was soll denn sonst wichtig sein?“

Da hatte sie recht.

Er trat an den Tisch und sah sich die Plätzchen etwas genauer an. Sie hatten die Form von Sektgläsern und Bierkrügen und rochen sehr lecker. Das musste ein Haufen Arbeit für Tricia gewesen sein.

Fasziniert sah er sie an. „Das sind ja interessante Formen.“

„Ja, das ist so bei Plätzchen. Sie sehen unterschiedlich aus, und alle sind einfach nur gut. Manche davon sind für den Junggesellenabschied und die anderen für die Brautparty. Drei Mal dürfen Sie raten, welche für was sind“, meinte sie grinsend.

„Das ist nicht schwer. Aber ich habe bei einem Junggesellenabschied noch nie Plätzchen gegessen.“

„Na, dieses Mal werden Sie das.“

„Schmecken die auch so gut, wie sie aussehen?“

„Probieren Sie mal.“ Sie gab ihm eins der Bierkrugplätzchen.

Mit geschlossenen Augen biss Sam hinein. Solch ein leckeres Plätzchen hatte er noch nie gegessen. Süß, aber nicht zu süß, mit einem ganz feinen Geschmack, den er nicht richtig einordnen konnte. Er öffnete die Augen. Tricia hatte ihn lächelnd beobachtet.

„Schmeckt’s Ihnen?“

„Es ist großartig. Was ist da drin?“

„Familiengeheimnis.“

„Ihre Mom zählt mich doch zur Familie.“

Nun blickte Tricia ihm sehr lange in die Augen, und Sam spürte einen kurzen Augenblick lang, wie sich eine ganz andere Art von Spannung zwischen ihnen aufbaute.

„Nicht so ganz. Außerdem kann ich nicht allen meine Geheimnisse erzählen, sonst geht mein Geschäft zugrunde, statt dass es wächst.“

„Das ist Ihr Geschäft?“

Tricia strahlte über das ganze Gesicht. „Ja, ich bin die Plätzchenfrau.“

Ungläubig sah er sie an. „Wie bitte?“

Sie seufzte. „Sie haben vielleicht noch nicht von mir gehört, denn ich bin noch nicht so bekannt. Aber das werde ich schon noch, denn ich bin gerade dabei, mir einen guten Namen mit Partys und Werbegags zu machen. Und in einem Monat werde ich meine eigene Bäckerei eröffnen.“

Die Freude und Aufregung war ihr deutlich anzumerken. Sam setzte sich auf einen Stuhl. Während er noch ein Plätzchen aß und dazu seinen Kaffee trank, hörte er zu, wie Tricia ihm von ihren Plänen erzählte.

Sie blickte ihn immer wieder über die Schulter hinweg an, jedem anderen Mann hätte es bei ihrem Anblick den Atem verschlagen. Aber Sam konnte sich gut zurückhalten. Zwei Jahre lang hatte er keine hübschen Frauen beachtet, und das würde sich sicher nicht ändern.

Na ja, jedenfalls nicht so schnell.

„Ich habe ein tolles Angebot erhalten für einen Verkaufsraum an der Küstenstraße. Der ist einfach perfekt“, berichtete sie, während sie den Teig zu einem Ballen knetete und ihn dann ausrollte. „Mit einem großen Schaufenster, einer schönen Ladentheke und einer riesigen Küche.“

„Ihr Geschäft scheint ja jetzt bereits ganz gut zu funktionieren.“

„Oh, es läuft sogar ausgezeichnet. Ich habe sehr viele Aufträge, aber ich kann das nicht alles in meiner Küche machen. Dafür ist sie viel zu klein.“

Sam goss sich noch eine Tasse Kaffee ein. „Die meisten Menschen wünschen sich nichts mehr, als von zu Hause aus arbeiten zu können.“

„Ja, das war auch toll“, gab sie zu. „Und praktisch. Das Geschäft wird teurer werden mit der Miete. Ich muss auch jemanden anstellen, der mir hilft. Aber dafür werde ich mehr Aufträge annehmen können.“

Sam konnte sich nicht erinnern, jemals von etwas so begeistert gewesen zu sein wie Tricia von ihrem expandierenden Geschäft. Er sah es in ihren Augen und hörte es in ihrer Stimme. Und plötzlich merkte er, dass er diese Herausforderung vermisste. Ein Risiko einzugehen und alles aufs Spiel zu setzen.

„Zwei Wochen nach der Hochzeit ziehe ich in den Laden, und die Familie wird mir am Anfang helfen.“

„Sie verbringen viel Zeit mit Ihrer Familie, oder?“

„Na ja, wir wohnen alle so nah beieinander“, meinte sie, „außer Eric, aber das wissen Sie ja. Ja, wir sehen uns oft.“

Er schwieg, und sie sah ihn kurz darauf an.

„Sind wir ein bisschen viel für Sie, Doktor Miesepeter?“

„Ich bin kein Miesepeter“, murmelte er.

„Na ja, heute Morgen noch nicht, aber der Tag ist ja noch jung.“

Sam lehnte sich an die Küchentheke.

Selbst aus einem halben Meter Entfernung konnte er ihren blumigen Duft riechen, der mit einem Hauch Vanille und Zimt vermischt war. Ihre Haut war glatt und leicht gebräunt. Man sah ihr an, dass sie gerne draußen war. Ihre Hände waren ständig in Bewegung und arbeiteten geschickt und flink an den Plätzchen. Ihre Finger waren lang und ihre Nägel kurz geschnitten. Sie trug keine Ringe, aber an ihren Ohren baumelten riesige runde silberne Ohrringe.

Ihre vollen Lippen sahen immer so aus, als würde sie lächeln. Als wüsste sie …

Schnell setzte er sich wieder auf seinen Stuhl. Ihre Nähe löste in ihm ein ungewolltes Verlangen aus, das er schon lange nicht mehr in sich gespürt hatte. Er starrte auf seine Kaffeetasse.

„Tut Ihr Arm noch weh?“

„Nein. Der hat nie wirklich wehgetan.“

„Das ist super. Dann können Sie mir ja beim Grillen helfen.“

„Was?“

„Wir grillen heute Mittag bei Debbie zu Hause. Sie hat die ganze Familie eingeladen und natürlich auch die Schwiegereltern in spe. Wir müssen in ungefähr einer Stunde los und ihr beim Aufstellen der Tische und Stühle helfen.“

„Okay.“ Oje, noch mehr Familie, fügte er im Stillen hinzu. Er konnte sich nicht mal an die Familienmitglieder erinnern, die er gestern kennengelernt hatte.

„Machen Sie sich keine Sorgen, die beißen nicht.“ Schon wieder hatte sie seine Gedanken erraten. Auf einmal schien sie jedoch ihre Aussage noch einmal zu überdenken. „Außer … Katie beißt ab und zu mal, aber sie ist ja nicht giftig.“

„Na toll.“

Katie biss zwar nicht, aber sie war sehr anhänglich. Und wie es der Zufall so wollte, schien sie sich besonders zu Sam hingezogen zu fühlen. Es war ja nicht so, dass Sam keine Kinder mochte, er hatte lediglich wenig Erfahrung mit ihnen.

Das vierjährige Mädchen war schon fast elfenhaft. Ihre langen braunen Haare trug sie zu Zöpfen gebunden und sah Sam beinahe flirtend mit ihren großen blauen Augen an. Sie war zwei Jahre jünger als ihr Bruder Kevin und war es offenbar gewöhnt, dass man ihren Wünschen nachgab.

Die einzigen Kinder, mit denen Sam regelmäßig zu tun hatte, waren seine Patienten. Und von denen freute sich niemand, wenn sie ihn sahen. Denn er war es, der sie mit der großen Spritze impfen und ihre schmerzenden Ohren untersuchen musste. Dass ihn die kleine Katie so offensichtlich ins Herz geschlossen hatte, war für ihn etwas völlig Neues, und er genoss es.

Zum dritten Mal las er ihr nun schon ihr Lieblingsbuch vor. Sie saß auf seinem Schoß, hatte den Kopf an ihn gelehnt und lächelte ihn an. Sam wurde es ganz warm ums Herz, als er die erste Seite aufschlug, und er musste unwillkürlich lächeln.

„Sie sollten das öfter tun“, hörte er Tricia hinter sich sagen.

„Was meinen Sie?“

„Lächeln.“ Sie ließ sich auf der Picknickbank neben ihm nieder. Mit dem Zeigefinger stupste sie Katie in die Taille, woraufhin die Kleine sofort zu kichern anfing.

„Ich lächle doch“, erwiderte er barsch und wandte sich dann wieder Katie zu, die langsam ungeduldig wurde.

„Na ja, nicht sehr oft.“ Tricia streckte ihre langen Beine von sich.

„Sie haben mich erst gestern kennengelernt, und heute Morgen habe ich doch gelächelt.“

„Ja, aber irgendwie habe ich das Gefühl und sehe es Ihnen auch an, dass Sie es nicht besonders oft tun.“

„Und wie sieht man aus, wenn man viel lächelt?“

„Glücklich“, sagte Tricia schmunzelnd.

Die Frau war für Sam ein Rätsel. Immer wenn er sich umdrehte, war sie da. Selbst als sie die Tische und Stühle aufgestellt und die Luftschlangen aufgehängt hatten, war sie immer irgendwie in seiner Nähe gewesen.

Seit ihrem Gespräch heute Morgen, als sich auf einmal für ihn alles etwas zu vertraut angefühlt hatte, hatte Sam versucht, Abstand von ihr zu halten. Aber Tricia schien besonders darum bemüht zu sein, diesen Abstand zu verringern.

Mit den Ellbogen stützte sie sich auf dem Tisch hinter ihr ab und beobachtete ihn. Ihr blondes Haar glänzte in der späten Vormittagssonne, und die Sommersprossen auf ihrer Nase sahen aus wie Goldstaub. Ihr Mund war schön geschwungen, und sie sah ihn mit gespielter Unschuld an. Sie musste doch sicher merken, dass er versuchte, sich von ihr fernzuhalten, und trotzdem hatte sie alles getan, damit ihm das nicht gelang.

„Lies mir jetzt endlich vor!“, rief Katie und zog Sam am Ärmel seines grünen Polohemdes.

„Okay, keine Unterbrechungen mehr.“ Vorwurfsvoll blickte er Tricia dabei an. „Zurück zum Mann im Mond.“

„Gut.“

„Gut“, wiederholte Tricia.

„Haben Sie nicht irgendwas anderes zu tun?“, fragte Sam.

Sie strahlte ihn an, und ihre Augen funkelten. „Ich habe gerade Pause.“

„Und die müssen Sie ausgerechnet hier verbringen?“, fragte er unfreundlich, denn sie schien es sich bei ihnen gemütlich machen zu wollen, was in Sam ein unbehagliches Gefühl auslöste.

„Katie möchte, dass ich hier bleibe, nicht wahr, Schätzchen?“

„Tante Trish mag das Buch.“

„Sehen Sie?“ Tricia zwinkerte dem kleinen Mädchen zu, als hätten sie alles miteinander abgesprochen.

„Da kommt aber kein Blut vor in dieser Geschichte“, versuchte er es noch einmal.

„Hey, Abwechslung ist die Würze des Lebens.“

Und in der Tat, diese Frau sorgte für Abwechslung, dachte Sam. Das Problem war, wenn ihm Tricia zu nahe kam, verwirrte ihn das, und er musste unweigerlich an all die Abwechslung denken, die es für zwei erwachsene Menschen zu entdecken und zu erleben gab.

4. KAPITEL

Eric saß in einem grünen Liegestuhl im Schatten einer alten Ulme. Der Wind raschelte in den Blättern über ihm, und es sah aus, als würden ihre Schatten auf der Wiese vor ihm einen Tanz im Sonnenlicht vollführen.

Sein rechtes Bein schmerzte, und er war so müde, dass er sich kaum wach halten konnte. Aber er war froh und dankbar dafür, am Leben zu sein.

Auch wenn Sam es nicht hören wollte, aber Eric schuldete ihm viel mehr, als er ihm jemals zurückzahlen konnte. Die Tatsache, dass er hier saß und bei seiner Familie sein konnte, war absolut keine Selbstverständlichkeit, das wusste er nun.

Er blickte zu seiner Schwester, seinem Freund und seiner Nichte hinüber, die alle zusammen auf der anderen Seite des Gartens an einem Picknicktisch saßen. Er konnte nicht hören, was gesprochen wurde, aber so wie Tricia seinen Freund anlächelte, ging eindeutig irgendetwas zwischen den beiden vor.

Aber was?

Er hatte Sam nicht viel über seine Schwester erzählt, weil er wusste, dass der viel zu sehr mit seiner eigenen Trauer beschäftigt war und sich bestimmt nicht dafür interessiert hätte. Jetzt, wo er die beiden aber zusammen sah, fragte Eric sich, ob es wirklich eine gute Idee gewesen war, Sam hierher mitzubringen.

Tricia hatte sich gerade von ihrem Freund getrennt und litt sehr darunter, obwohl sie das niemals zugeben würde.

Sie war nach außen hin schon immer hart gewesen, hatte aber einen weichen Kern. Immer ging sie ihren eigenen Weg und scheute sich nie davor, ihre Meinung kundzutun, auch wenn sie es danach normalerweise oft bereute. Sie war mit einer Reihe von Männern ausgegangen, die letztlich nicht zu ihr gepasst und ihr schließlich das Herz gebrochen hatten.

Wenn man sie aber vor einem Kerl warnte, traf sie sich trotzdem mit ihm – ganz so, als wolle sie unbedingt beweisen, was für eine eigenständige Frau sie war.

Tricia würde Sam nur umso faszinierender finden, je eindring­licher Eric ihr empfehlen würde, sich von ihm fernzuhalten. Und er war es schließlich gewesen, der ihr Sam vorgestellt hatte.

Aber vielleicht war es dieses Mal was anderes, und Tricia würde sich nicht wieder unüberlegt in eine Beziehung stürzen. Und wenn doch, dann war Sam ja ein netter Kerl. Er hatte sich leider nur in den letzten beiden Jahren immer weiter von den Dingen und den Menschen zurückgezogen, die ihm einmal wichtig gewesen waren.

Die meisten seiner Freunde hatte er aus den Augen verloren, aber Eric hatte sich nicht abschütteln lassen. Immer wieder hatte er versucht, Sam in die Welt der Lebenden zurückzuholen, aber es hatte nicht funktioniert. Sam war fest entschlossen gewesen zu leiden und die Last auf seinen Schultern zu tragen.

Und auch wenn sich Sam total unbehaglich fühlte, so war er doch mit dabei auf der Party und von Menschen umgeben. Und neben ihm saß eine Frau, die genug Optimismus für zwei hatte.

Eric griff nach der Flasche Bier, die neben ihm im Gras stand. Als er sich wieder aufrichtete, blieb sein Blick an Tricia haften, die sich gerade recht vertraut an Sam lehnte. Um wen war er eigent­lich mehr besorgt? Um seine Schwester oder um seinen Freund?

Aber wenn sich Tricia wirklich in Sam vergucken sollte, konnte sowieso keiner was dagegen tun. Er war sich auch nicht sicher, ob er was tun würde, selbst wenn er das könnte. Tricia war zwar noch verletzlich, aber sie würde es überleben, wie auch die viele Male zuvor. Vielleicht war ja ihre Lebensfreude genau die richtige Medizin für Sam.

Was sollte er als Bruder also tun? Sich zurücklehnen und abwarten, ob es zwischen den beiden funken würde?

„Was wissen wir über ihn?“

Eric schreckte auf. Er hatte seinen älteren Bruder Jake nicht kommen hören. „Willst du mich zu Tode erschrecken!“

Jake grinste ihn nur kurz an. „Das wäre viel zu einfach.“

„Was hast du gerade gefragt?“

„Ich wollte wissen, was wir über Sam wissen.“

„Er ist ein guter Freund von mir.“

„Sonst noch was?“

Jake war also auch in höchster Alarmbereitschaft. „Arzt. Witwer. Netter Kerl.“

„Ist er gut genug für Trish?“, wollte Jake wissen.

„Gibt es irgendjemanden, der gut genug für Trish ist?“

Jake lachte auf. „Nein. Bill ist auch nicht gut genug für Debbie, und sie kriegen bald ihr drittes Kind.“

Eric nahm noch einen Schluck von seinem eiskalten Bier. „Stimmt, aber ich glaube nicht, dass du dir wegen Sam Sorgen machen musst, was das betrifft. Er ist …“

„Schwul?“

„Nein.“ Eric musste unweigerlich lachen.

„Blind?“

„Nein.“

„Das müsste er aber sein, wenn er nicht bemerkt, was für eine fantastische Frau Tricia ist.“

Blind oder zu weit entfernt von der Realität, dachte Eric im Stillen. Er sagte aber nichts. Jake war zwar sein Bruder, aber er wollte ihm die Probleme seines Freundes nicht erzählen.

„Er bleibt nur zwei Wochen hier. Was kann ihr da schon passieren?“ Eric wusste auf einmal nicht, wen er überzeugen wollte, seinen Bruder oder sich selbst.

Jake starrte ihn entgeistert an. „Ist das ein Witz?“

Eric runzelte die Stirn und überlegte. Natürlich konnten zwei Herzen in zwei Wochen zueinanderfinden … und sogar gebrochen werden.

„Was führt ihr beide denn im Schilde?“

Erics Verlobte setzte sich neben ihm ins Gras und lehnte sich an seinen Stuhl.

„Wir? Gar nichts, Jen. Gar nichts.“

„Um was ging’s denn?“, fragte Jen und blickte Jake hinterher, der schon wieder auf dem Weg zurück zu den anderen war, die um den Grill herumstanden.

„Ach, nichts Wichtiges.“ Eric strich Jen über ihre langen roten Haare. Irgendwie hatte er ein schlechtes Gewissen. Vermutlich sollte er mit der Frau, die er heiraten wollte, über alles reden. Aber sie würde ihn vermutlich für verrückt erklären, dass er sich so viele Sorgen machte. „Wie kommst du darauf, dass ich etwas im Schilde führe?“

Jen neigte den Kopf und sah ihn durchdringend an. „Ich kenne dich viel zu gut. Im Moment fragst du dich gerade, ob du Tricia vor Sam retten sollst oder umgekehrt.“

Eigentlich hätte ihn das nicht überraschen sollen. Jen und er kannten sich seit ihrer Kindheit. In der Highschool waren sie zusammengekommen, und ihre Beziehung hatte auch gehalten, als er nach Los Angeles gezogen war. Seit er denken konnte, war er mit ihr zusammen. Da war es ja kein Wunder, dass sie ihn so gut durchschaute.

„Du bist gut“, gab er zu.

„Vergiss das niemals, Ehefrauen wissen und sehen alles“, sagte sie und lehnte ihren Kopf an sein Knie.

„Noch bist du keine Ehefrau“, scherzte er.

„Aber in zwei Wochen“, erwiderte sie und griff nach seiner Hand.

Seine Finger schlossen sich um ihre. Sie war sein Ein und Alles. In ihren grünen Augen sah er das Versprechen aufleuchten, das sie ihm bald geben würde. Ganz deutlich konnte er sich ihre gemeinsame Zukunft vorstellen. Er seufzte tief. Wenn Sam bei dem Unfall nicht dabei gewesen wäre und ihn nicht aus dem Wrack befreit hätte … Gott, er hätte so viel versäumt.

Tiefe Gefühle breiteten sich in ihm aus und raubten ihm fast den Atem. „Ich liebe dich“, flüsterte er.

„Gleichfalls“, sagte Jen scherzhaft, und ihre Finger schlossen sich noch enger um seine Hand. Auch sie wusste ganz genau, dass sie beide beinahe das verloren hätten, was ihnen am wichtigsten war.

Dann drehte sie sich um und blickte zum Picknicktisch hinüber. „Also, was habt ihr entschieden in Bezug auf deine Schwester und deinen Freund?“

„Jake hat nichts gesagt. Aber ich werde fürs Erste neutral bleiben.“

„Gute Entscheidung.“

„Findest du?“

Jen seufzte und schüttelte den Kopf. „Ihr Wrights seid fantastisch. Einer für alle, alle für einen. Aber Tricia versteht ihr völlig falsch.“

Eric streckte sich in seinem Liegestuhl aus und verzerrte kurz das Gesicht vor Schmerzen. „Ach ja?“

Jen lächelte geduldig. „Sie ist keine zerbrechliche kleine Frau, die beschützt werden muss, Eric. Sie weiß genau, was sie tut.“

„Bei den meisten Dingen schon. Aber bei Männern?“

„Tricia ist kein verletzter Vogel“, meinte Jen lachend.

Eric blickte zu seiner Schwester hinüber. „Ich hoffe, du hast recht.“

„Wenn wir mal verheiratet sind, wirst du schon merken, dass ich immer recht habe“, antwortete Jen schmunzelnd.

Eine Stunde später musste Sam sich eingestehen, dass er sich herrlich amüsierte. Dabei hatte er erwartet, dass er sich ziemlich bald die Haare raufen würde. Stattdessen spürte er, wie er sich vom Strudel der verrückten Familie Wright mitreißen ließ – und er genoss es.

Allesamt waren sie laut und lustig, und man konnte sich ihrer herzlichen Art unmöglich entziehen. Keiner durfte allein herumsitzen. Ihre Gastfreundschaft legte sich um Sam wie eine wärmende Decke.

Die Szene in Debbies Garten glich einem totalen Chaos und schien doch irgendwie geordnet zu sein. Kinder rannten umher und spielten mit dem alten Hund, der aussah, als würde er sich viel lieber irgendwo im Schatten verkriechen. Erwachsene standen in kleinen Gruppen umher.

Sam ließ seinen Blick über die Gesichter der Menschen wandern, und sie kamen ihm langsam etwas vertrauter vor. Zuletzt war Cousine Nora eingetroffen, eine Frau mit kurzem dunklem Haar, Ringen unter den Augen und einem freundlichen Lächeln. Sie war eine alleinerziehende Mutter und hatte einen Narren an ihrem Sohn Tommy gefressen.

Sam ließ den kleinen Jungen nicht aus den Augen, von dem Tricia ihm erzählt hatte, er würde gerne zündeln. Besonders als der Bube mit Katie und Kevin spielte. Der plötzliche Beschützer­instinkt, den er in sich verspürte, überraschte Sam. Noch mehr wunderte es ihn aber, dass keiner der anderen Erwachsenen auch nur im Geringsten wegen des Kindes besorgt war.

Selbst Tricia, die ihn gewarnt hatte, saß auf einer Decke zwischen ihrer schwangeren Schwester und ihrer Mutter und schien völlig unbekümmert zu sein.

Der Kleine sah auch nicht gerade aus wie ein potenzieller Brandstifter. Er hatte einen braunen Wuschelkopf, ganz viele Sommersprossen und eine Zahnlücke. Er sah aus wie ein ganz gewöhnlicher Junge.

Sam blickte zu den Männern der Familie. Alle standen in der Nähe des Grills, in den Erics Vater nun Kohlen hineinschüttete. Sie unterhielten sich angeregt, aber lediglich ein paar Gesprächsfetzen drangen bis zu Sam, der auch nur mit halbem Ohr hinhörte.

„Football? Wie kannst du dich während der Baseballsaison für Football interessieren?“

„Eishockey ist sowieso das einzig Wahre.“

„Und Tennis“, sagte ein anderer Cousin, der sich gerade zu der Gruppe gesellt hatte. Er war noch ein Teenager. Alle verstummten, bis der Junge grinste. „War bloß ein Spaß.“

Jake versetzte dem Jugendlichen einen freundschaftlichen Stoß in die Seite und wandte sich dann wieder seinem Bruder zu. Wild gestikulierend diskutierten die beiden über Sport.

„Die beiden waren schon immer so.“ Dan Wright hatte sich neben ihn gestellt und blickte zu seinen Söhnen hinüber. „Sie streiten sich, nur um sich selbst reden zu hören.“

Sam schüttelte den Kopf. „Eric mag Football nicht mal, glaube ich.“

„Vermutlich nicht. Aber allein die Auseinandersetzung ist wichtig“, sagte der ältere Mann und lachte verständnisvoll.

Sam setzte seine Bierflasche an die Lippen und trank einen Schluck. Die Sonne war warm, ein kühler Wind wehte, und er empfand das Geräusch von Menschen, die sich amüsierten, schon fast als hypnotisierend. Es war schon lange her, dass er mal einen Tag mit Nichtstun verbracht hatte. An seinen letzten freien Tag konnte er sich nicht mal mehr erinnern.

„Vielen Dank, dass Sie Eric nach Hause gefahren haben“, unterbrach Dan seine Gedanken.

„Gern geschehen.“

„Natürlich wollten wir gleich nach dem Unfall hinfahren, aber Eric wollte das nicht. Er wollte nicht, dass seine Mutter oder Jen ihn im Krankenhaus sehen.“

Sam nickte. „Ja, er sah auch ziemlich schlimm aus.“

„Er sieht immer noch nicht so gut aus“, meinte Dan und warf seinem jüngeren Sohn einen besorgten Blick zu.

„Blaue Flecken verschwinden, und Knochen wachsen wieder zusammen“, versuchte Sam den Mann zu beruhigen.

Er wusste, dass es Eric unangenehm war, dass ihn alle ständig im Auge behielten und ihn umsorgten. Und Sam konnte das gut verstehen. Vor zwei Jahren war es ihm genauso ergangen.

Alle hatten wissen wollen, wie es ihm geht, und er hatte sich nichts sehnlicher gewünscht, als dass ihn alle in Ruhe lassen würden.

„Ich weiß. Aber es ist schrecklich, wenn es jemandem, den man liebt, schlecht geht“, meinte Dan.

„Es geht ihm gut.“

Dans besorgter Blick entspannte sich. „Ich glaube Ihnen. Danke.“

„Gern geschehen.“ Sam seufzte.

„Familientreffen sind wohl nicht so Ihr Ding, was?“, bemerkte Dan.

„Wie bitte?“

„Sie schienen vorhin etwas unruhig zu sein. Wir sind eine riesige Familie, und das kann überwältigend wirken.“

„Ich …“

„Ich nehme Ihnen das auch gar nicht übel“, unterbrach ihn Dan. „Ich habe es einfach nur bemerkt.“

Verunsichert blickte Sam auf die Bierflasche, die er in den Händen hielt. Sein „Pokerface“ war offensichtlich doch leichter zu durchschauen, als er gedacht hatte. Nicht nur Tricia konnte seine Gedanken lesen, sondern anscheinend auch der Rest der Familie. Er war wohl schon zu lange nicht mehr unter Leuten gewesen und wusste nicht mehr, wie man sich entspannt und das Leben genießt.

Er hatte nicht zum Einzelgänger und Außenseiter werden wollen. Aber irgendwie war das so passiert, und diese Erkenntnis schmerzte.

Dan schlug ihm mit seiner großen kräftigen Hand auf die Schulter. „Keine Sorge, Sam, Sie werden sich schon an uns gewöhnen. Das haben Sie ja auch schon, und Tricia wird Ihnen sicher dabei helfen.“

Ehe Sam noch etwas erwidern konnte, hatte Dan sich bereits umgedreht. „Tommy!“, rief er seinem Enkel zu, der sogleich auf ihn zugerannt kam. „Komm rüber, es wird Zeit für unsere kleine Tradition.“

„Was ist denn nun los?“, fragte Sam neugierig.

„Tommy zündet gern den Grill an.“ Als der Junge neben ihnen zum Stehen kam, strich ihm sein Großvater liebevoll übers Haar. „Du bist unser kleiner Chefkoch, nicht wahr, Tommy?“

„Klaro, Opa“, antwortete Tommy, zündete vorsichtig das Streichholz an und ließ es dann auf die Kohlen fallen.

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