Logo weiterlesen.de
COLLECTION BACCARA BAND 325

LORI WILDE

Im süßen Rausch der Sinne

Wie stellt sie nur so exzellente Weine her? Wyatt DeSalme ist nach Idyll Island gekommen, um Kiara Romanos Erfolgsrezept auszuspionieren und an seine Familie weiterzugeben. Aber dann steigt ihm nicht nur der Chardonnay zu Kopf, sondern auch der Sex-Appeal der jungen Weingutbesitzerin. Wird er sie trotzdem hintergehen?

BRENDA JACKSON

Ich will dich wieder spüren

„Er muss es endlich erfahren!“ Entschlossen zieht Shelly von Los Angeles zurück nach Georgia. Dorthin, wo sie und Dare Westmoreland sich leidenschaftlich geliebt haben … bis sie ihn verlassen musste, um seinem großen Glück nicht im Weg zu stehen. Noch weiß Dare nicht, dass er einen Sohn hat. Wie wird er wohl reagieren?

SUSAN CROSBY

Liebesnacht mit der Falschen

Kein Mann darf zwischen uns kommen, haben sich die Zwillinge Scarlet und Summer einst geschworen. Deshalb hat Scarlet immer für sich behalten, dass der Verlobte ihrer Schwester ihr Traummann ist. Als Summer die Verlobung löst, ergreift Scarlet ihre Chance und verführt John zu einer Nacht voller Leidenschaft. Doch sie ist nicht ganz ehrlich …

IMAGE

Im süßen Rausch der Sinne

1. KAPITEL

Amabile: Italienisch für liebenswert.
Außerdem eine Bezeichnung für süßen Wein.

Wyatt DeSalme stand früh am Morgen des 1. Juni am Bug der Fähre und sah zu der nebelverhüllten Insel hinüber, die eben vor der nordkalifornischen Küste in Sicht kam.

Die Motoren der Fähre ließen den Boden unter seinen Füßen sanft vibrieren. Die Seeluft schmeckte salzig, und über ihm flog ein Schwarm kreischender Möwen. Je näher sie der Insel kamen, desto aufgeregter wurden auch die Stimmen der anderen jungen Männer und Frauen um ihn herum. Wie es schien, waren es allesamt neue Praktikanten, genau, wie er einer sein sollte.

Allmählich lichtete sich der Nebel, und vor ihnen tauchten, in der Morgendämmerung schimmernd, die zwei großen Steilhänge des Twin Hearts auf, der in der Mitte der Insel hoch emporragte.

Da war es. Sein Ziel.

Ein seltsames Gefühl überkam Wyatt. Ein Gefühl, das ihm sagte, wenn du das jetzt tust, wirst du nie wieder derselbe sein.

Unwillkürlich verkrampfte sich sein Magen.

Ich will nicht.

Aber weshalb nicht? Normalerweise liebte er Rollenspiele. Woher kam also der plötzliche Impuls, an Ort und Stelle stehen zu bleiben, während alle anderen von Bord gingen?

Was ist los? Feige?

Es war die Stimme seines Bruders Scott, die spöttisch in seinem Hinterkopf erklang und ihn aufzog, wie schon damals als Kind. Wyatt hatte es nie auf sich sitzen lassen können, wenn man ihn feige nannte.

Der ständige Spott, die Wetten und Mutproben hatten einiges dazu beigetragen, seinen Charakter zu formen. Immer um die Wertschätzung seiner älteren Brüder kämpfend, war er zu einem unerschrockenen Abenteurer geworden. Hier stand er nun, mit einunddreißig Jahren, und wollte immer noch ihre Anerkennung gewinnen.

Als Tarnung trug er eine Brille aus Fensterglas mit dicker dunkler Fassung, hatte sich seit zwei Tagen nicht rasiert und sein Haar bereits seit Monaten wachsen lassen, sodass es ihm jetzt in dunklen Wellen bis auf die Schultern hing. Seit dem College hatte er die Haare nicht mehr so lang getragen.

Er hatte eine graue Strickmütze aufgesetzt, dazu blaue Jeans mit einem Loch am Knie und einen grauen Kapuzenpulli angezogen. Seine Turnschuhe zierten zerfranste Schnürsenkel, und statt der Rolex trug er eine billige Allerweltsuhr.

Was er damit bezweckte? So unscheinbar wie möglich zu wirken und sich besser in seine neue Rolle einzufühlen, die das Gegenteil seines sonst üblichen Auftretens bedeutete. Normalerweise hatte er einen Hang zu schicken Anzügen und High-Society-Partys. Er liebte es, in seinem Lamborghini über die europäischen Autobahnen zu düsen, und vergnügte sich gern in Monte Carlo beim Glücksspiel.

Sein Trick schien zu funktionieren. Er war schon über eine Stunde an Bord, und noch keine der hübschen Studentinnen hatte ihn bisher auch nur eines Blickes gewürdigt. Einerseits war das der Sinn der Sache, andererseits tat es seinem Ego nicht besonders gut.

Er schob sich näher an eine lebhaft plappernde Mädchengruppe heran.

„Wie, kennst du die Geschichte nicht?“, rief eine hübsche Brünette.

Wyatt lauschte angespannt. Als Spion konnte man nie genug erfahren.

„Ach, das ist so romantisch!“, fuhr die junge Frau fort. „Es soll so gewesen sein: Als vor ewiger Zeit der Gründer von Bella Notte in unserem Alter war, verliebte er sich in ein Mädchen vom Festland. In einer schönen Vollmondnacht im Juni packte er eine Flasche seines ersten selbst gekelterten Weins ein und führte seine Liebste hinauf auf den Gipfel des Twin Hearts.“ Sie zeigte auf die schroffen Berge. „Sie tranken den Wein gemeinsam, und er hielt um ihre Hand an. Im Juni darauf ließen sie sich im Weinberg trauen und lebten dann vierundsechzig Jahre als Ehepaar glücklich und zufrieden.“

„Das ist wirklich süß!“

„Und genauso ging es später ihren drei Söhnen. Und deren Söhnen. Bei den Romanos hat es noch nie eine Scheidung gegeben. Und kein anderes Paar, das seitdem im Juni bei Vollmond auf dem Twin Hearts eine Flasche Wein gemeinsam geleert hat, musste je den Scheidungsanwalt bemühen.“

„Keins?“

„Keins.“

„Wow“, sagte eine Blonde. „Das ist wirklich verrückt!“

Was für ein Schwachsinn, dachte Wyatt. Er fand die Sage aber trotzdem sehr hübsch. Zugegeben, die Romanos wussten offensichtlich, wie man einen Mythos werbewirksam einsetzt.

Mittlerweile hatte die Fähre angelegt, und fast alle Passagiere stiegen um in kleine, mit dem Bella-Notte-Logo bedruckte Busse, die sie zu dem gleichnamigen Weingut brachten.

Der Morgennebel hatte sich fast ganz aufgelöst und gab den Blick auf Idyll frei. Ein passender Name für die Insel, fand Wyatt, denn auf der einen Seite der Berge sah das Land zwar trocken und karg aus, auf der anderen Seite jedoch lagen die üppigen Weinberge. Auf Idyll herrschte das gleiche weinfreundliche Klima wie im Napa Valley, und es schien auch das gleiche unbekümmert-sonnige Flair in der Luft zu liegen.

Der Eingang zu Bella Notte war, ebenso wie alles andere auf Idyll, eher altmodisch gehalten und erinnerte mit seinen überrankten Gemäuern an die alten Weingüter der Toskana. Hinter dem Gebäude erstreckten sich schier endlose Reihen vorzüglich gepflegter Rebstöcke. Wyatt war inmitten von Weinbergen aufgewachsen, die ihn, um ehrlich zu sein, nie interessiert hatten – viel zu viel Arbeit. Als er jetzt aber über das Tal blickte und den kräftigen Duft des fruchtbaren Lehmbodens einatmete, fühlte er sich seltsam inspiriert.

Seine Brüder würden ihn dafür auslachen. Weshalb sollte ihn dieses winzige Weingut inspirieren, wenn ihn das riesige und sich immer weiter vergrößernde Unternehmen der DeSalmes völlig kaltließ?

Was ihn daran erinnerte, weshalb er eigentlich hier war: um herauszufinden, wodurch es diesem kleinen Familienbetrieb gelungen war, einen beachtlich großen Marktanteil an sich zu reißen. Bella Nottes Weine waren tatsächlich ausgesprochen gut. Was machten sie anders? Seine Brüder hatten den Wein sogar analysieren lassen, aber sie hatten nicht entdecken können, was ihn besonders auszeichnete. Sie brauchten einen Spion, und genau das war er.

Ein großer, dunkelhaariger Mann kam, noch während sie aus dem Bus ausstiegen, zu Wyatts Gruppe und führte sie dann in eines der Gebäude. Seine langen Haare waren mit einem Lederband zusammengebunden, er trug ein T-Shirt, das eindeutig aus Hanffaser gewebt war, und hatte eine Tätowierung am Unterarm, eine Traube dunkelblauer Weinbeeren. Seine ganze Ausstrahlung war die eines Künstlers.

Eine schwarzhaarige Frau in einem leichten blauen Kleid kam über den Hof zu dem Mann hinüber, kuschelte sich an ihn und hob ihm ihren Kopf entgegen. Er gab ihr einen langen, innigen Kuss, tätschelte sie liebevoll und zog sie an seine Seite.

Im Inneren des Gebäudes war es kühl, abgesehen von einem rustikalen Holztisch und den dazu passenden Stühlen gab es keine Möbel. Ganz offensichtlich wurde dieser Raum für Weinproben und Ähnliches genutzt.

Es roch nach Trauben: süß, kräftig und berauschend. Ein Geruch, den Wyatt niemals vergessen würde, ganz gleich, wohin in der Welt er mit seiner Jacht segelte.

Alle aus der Gruppe sahen auf, als sich die Hintertür öffnete.

Eine Frau, etwa so alt wie Wyatt selbst, trat ein, in einem Outfit, das Wyatt nur als „verhüllend“ beschreiben konnte. Sie trug eine Nickelbrille wie einst seine Oma, ein formloses Kleid mit Blumenmuster, das bis zur Mitte ihrer Waden reichte und eher zu einer Frau über sechzig gepasst hätte, darüber eine grün- und burgunderfarbene Schürze mit dem Bella-Notte-Logo.

Ihre Füße steckten in klobigen, bereits ziemlich abgenutzten Wanderschuhen mit dicken Gummisohlen. Ihre Haut war von der Sonne gebräunt, aber sie trug weder Make-up noch sonst etwas, um ihr Äußeres zu unterstreichen, lediglich ein Paar schlichte goldene Ohrstecker.

Das dunkle, kastanienbraune Haar hatte sie zu einem nachlässigen Zopf gebunden, aus dem sich einzelne, wirr abstehende Strähnen gelöst hatten.

Sie hob den Kopf. Der Blick ihrer grünen Augen bohrte sich geradewegs in Wyatts und brachte sein Herz … gewaltig ins Stolpern.

Sie sah ihn an, als wäre er irgendein ekliger Käfer in ihrem Müsli.

Sie weiß es!

Ungewohnte Panik erfasste ihn. Plötzlich wurde ihm klar, dass das hier viel mehr als nur ein Spiel war. Es ging um mehr als seinen Stolz. Er hatte seinen Brüdern gesagt, er würde es schaffen, und Wyatt hasste es, zu versagen. Außerdem war er bereit, mehr Verantwortung zu übernehmen. Er hatte den ewigen Spott seiner Brüder satt. Er verdiente es, ein ebenbürtiges Mitglied des DeSalme-Clans zu sein. Wenn er das Geheimnis von Bella Notte lüften könnte, würden sie akzeptieren müssen, dass er es wert war, und ihn nicht länger nur als ihren kleinen Playboy-Bruder abtun.

Um den finsteren Blick vom Gesicht der Frau zu vertreiben, tat er, was er immer tat, um Frauen einzuwickeln. Er lächelte breit und zwinkerte ihr verwegen zu.

Sie sah einfach nur weg, griff nach einem Korkenzieher und einer der Flaschen.

Der große Mann deutete auf die Stühle. „Bitte nehmen Sie Platz.“

Während sich alle setzten, verteilte er die Gläser, je drei pro Gast für die unterschiedlichen Weinsorten.

Die schwarzhaarige Frau im blauen Kleid öffnete gekonnt drei verschiedene Weinflaschen, dann schenkte sie jedem jeweils einen Schluck davon ein. Sie bewegte sich wie in einem einstudierten Tanz. Offensichtlich hatte sie das hier schon viele, viele Male getan.

„Ich bin Maurice Romano, und das …“, sagte der große Mann und legte einen Arm um die Taille der Schwarzhaarigen, „… ist meine Frau Trudy. Abgesehen davon, dass sie sich um unsere vier Kinder kümmert, leitet sie den Souvenirladen und ist für unsere Gäste zuständig.“

„Und das …“, stellte Trudy nun die Frau mit den kastanienbraunen Haaren vor, „… ist meine Cousine Kiara. Unsere Großeltern haben das Weingut Bella Notte im Jahre 1934 gegründet, seither ist es im Besitz unserer Familie.“

Das war also die berühmte Kiara Romano, die angeblich so begabt war, dass sie es geschafft hatte, das kurz vorm Bankrott stehende Gut zu einer der vielversprechendsten Kellereien in ganz Kalifornien zu machen. Das hätte Wyatt ihr, rein optisch, gar nicht zugetraut.

Sie stand ihm genau gegenüber, auf der anderen Seite des Tisches, und hatte eben jemandem von dem Weißwein eingeschenkt, als sie den Kopf hob und sich ihre Blicke erneut trafen. Sie presste ihren Mund zu einem schmalen Strich zusammen und verengte grimmig die Augen.

Was war das? Konnte sie ihn etwa auf den ersten Blick nicht leiden? Das war ungewöhnlich. Die meisten Frauen mochten ihn. Zumindest so lange, bis sie herausfanden, dass er nicht zu den Männern gehörte, die feste Bindungen schätzten.

Wyatts Körper spannte sich an. Er hörte nicht mehr zu, was Maurice sagte, denn seine ganze Konzentration galt einzig dieser Frau.

Er wusste nicht weshalb, aber sie berührte ihn auf einer instinktiven Ebene. Vielleicht lag es an der eleganten Art, wie sie sich trotz der schweren Stiefel bewegte. Vielleicht war es der Kontrast zwischen ihrer eher zarten Figur und der professionellen Ausstrahlung einer Geschäftsfrau. Vielleicht lag es aber auch nur an der romantischen Umgebung.

Aber wenn Bella Notte seine Fantasie beflügelte, weshalb bezauberte ihn dann Kiara und nicht irgendeine der anderen Frauen im Raum?

Wyatt kam nicht mehr dazu, weiter darüber nachzudenken, denn Kiara hatte seinen Platz erreicht.

Sie beugte sich vor, um sein Glas zu füllen. Augenblicklich umhüllte ihn ihr faszinierender Duft. Sie roch ehrlich, frisch – wie Wildblumen und Sonne.

Wyatt war mit einem hoch entwickelten Geruchssinn gesegnet. Seine Familie hatte geglaubt, dass er mit seinem Talent, die feinen Nuancen des Weins zu erkennen, ganz bestimmt ins Weingeschäft einsteigen würde. Aber Wyatt war ein Rebell. Er tat nie, was man von ihm erwartete. Außerdem gab es die ganze Welt zu erforschen, weshalb sich also auf eine einzige Bestimmung beschränken?

Wie in Zeitlupe verging der Moment, und er nahm alles konzentriert in sich auf: wie ihre Hand seine Schulter sacht streifte, die Wärme ihres Körpers, als sie sich halb drehte, um zwischen die Stühle zu schlüpfen, das leise Geräusch ihres ruhigen, flachen Atems. Er sah nicht halb so viel von ihr, wie er sie spürte.

Ein unerwarteter, erschreckender Gedanke machte sich in ihm breit.

Diese Frau. Sie ist die eine.

Und dann war sie wieder weg, ließ ihn wie beraubt und verwirrt zurück, als sie zur anderen Seite des Tisches ging.

Beunruhigt schüttelte er den Kopf und versuchte, den Gedanken zu verdrängen. Was zur Hölle sollte das? Er war nicht der Typ Mann, der eine Frau für sich beanspruchte. Jeder wusste das. Wyatt DeSalme war frei und ungebunden und …

Er konnte nicht aufhören, Kiara Romano anzustarren. Schließlich zwang er sich, den Blick abzuwenden und Maurice zuzuhören, der inzwischen bei der Geschichte und den Traditionen Bella Nottes angelangt war und erklärte, weshalb die Praktikanten für die Herstellung der Weine so wichtig waren.

Wyatt las zwischen den Zeilen. Obwohl Bella Notte unter Kiaras Leitung einen gewaltigen Sprung nach vorn gemacht hatte, benötigten sie noch immer die Hilfe umsonst arbeitender Praktikanten, um finanziell über die Runden zu kommen. Seine Brüder würden sich bei dieser Information die Hände reiben. Die Finanzen schienen tatsächlich der wunde Punkt des Weinguts zu sein, und er war hier, um den vernichtenden Schlag zu führen.

Hatte ihn dieser Gedanke heute Morgen noch in Ekstase versetzt, weil seine Brüder ihn dann endlich ernst nehmen würden, störte er ihn jetzt aus irgendeinem Grund. Dabei waren die Romanos nichts als Konkurrenz für die DeSalmes. Hier ging es nur ums Geschäft, ein bisschen gut geplante Spionage, um die Schwäche des Gegners zu entlarven. Es war völlig legal – solange gewisse Grenzen nicht überschritten wurden – und kam in der amerikanischen Geschäftswelt tagtäglich vor.

Warum also verspürte Wyatt plötzlich das dringende Bedürfnis nach einer heißen Dusche und viel Seifenschaum, um seine Seele reinzuwaschen?

Nachdem der Wein eingeschenkt worden war, teilte Maurice Karteikarten und Stifte aus. Währenddessen musterte Kiara die anwesenden Praktikanten. Wyatt konnte ihren Blick regelrecht spüren.

Er sah auf. Sie verzog leicht den Mund.

„Sie werden nun unsere drei besten Weine probieren, fangen Sie mit dem Weißwein an“, erklärte Maurice. „Dann schreiben Sie bitte Ihre Eindrücke auf, aber vergleichen Sie Ihre Notizen nicht untereinander.“

Wyatt nahm das Weinglas, schwenkte es leicht und sog das fruchtige Aroma ein.

Zu seiner Freude war es nicht der typische Chardonnay. Dieser hier erschien ihm himmlisch – leicht, frisch und hell wie ein Sommertag. Der Geschmack, sehr vielseitig, wurde intensiver, als er ihn über seine Zunge rollen ließ, war jedoch mild im Abgang, lieblich, aber nicht aufdringlich.

Er bewertete mit der Zwanzig-Punkte-Methode von Davis, die er als Kind gelernt hatte. Der Riesling bekam eine solide Sechzehn. Keine Makel.

„Jetzt der Cabernet“, wies Maurice an.

Wyatt schloss die Augen und überließ die Beurteilung zuerst seiner Nase. Leichte Schärfe, Eichenduft, aber ohne die übliche Rauchigkeit, unterschwellig nahm er einen Hauch Kirsche wahr, kaum merklich, aber doch vorhanden.

Er hob das Glas an seine Lippen, ließ den Schluck dann geschmeidig über seine Zunge rollen, bis er schließlich auf seinen Gaumen traf. Es war ein gewöhnlicher Cabernet und doch nobel und unverfälscht. Er schmeckte reiner als alles, was DeSalme produzierte. Inniger.

Die anderen Praktikanten kritzelten wild auf ihren Karten herum. Wyatt aber ließ sich Zeit, erlaubte dem Wein, auf seiner Zunge nachzuklingen, ehe er sich an die Beurteilung machte.

Wyatt warf wieder einen Blick zu Kiara hinüber. Sie starrte ihn noch immer an. Dieses Mal hielt er ihrem Blick stand. Wenn sie wusste, wer er war, würde sie ihn hier, vor allen Leuten, beschuldigen müssen.

„Und jetzt“, sagte Maurice, „kommt der Wein, mit dem wir nächsten Monat den ersten Platz beim alljährlichen Sonoma-Wein-Festival belegen werden.“ Er machte eine dramatische Pause und ließ seine Worte wirken.

Aha, das war eine wenig bescheidene Prahlerei.

„Ich präsentiere Ihnen Bella Nottes Premium-Wein.“ Er hob eine Hand wie ein Stoppschild. „Aber warten Sie einen Augenblick! Sie müssen ihn zu dem Schokoladenkuchen trinken, den Großmutter Romano gebacken hat, damit Sie die Freude, die Ihnen Decadent Midnight bereiten wird, voll und ganz schätzen können.“

Die Tür öffnete sich, und eine ältere Frau brachte ein Tablett mit Kuchen herein. Das Aroma des Weines vermischte sich mit dem feinster Schokolade.

Dann war das also der Wein, über den DeSalme so viele Gerüchte gehört hatte, der Wein, der sie angeblich bei Sonomas „Best of the Best Award“ als herrschende Könige vom Thron stürzen würde. Der Wein, wegen dem seine Brüder ihn in Griechenland angerufen und ihn angefleht hatten, sich undercover in Bella Notte einzuschleichen.

Wyatt konnte es kaum abwarten, ihn zu kosten. Was Luxus anging, war er ein Experte. Gutes Essen, guter Wein, eine gute Zeit waren die Grundsätze, nach denen er lebte.

Während Großmutter Romano den Kuchen verteilte, machte sich bei den Teilnehmern Aufregung breit. Sie warteten darauf, dass Maurice ihnen ein Zeichen gab, aber es war Kiara, die schließlich eines der schlanken Gläser hob. „Salute.“

Alle aus der Gruppe hoben ihre Gläser und erwiderten den Gruß.

Sie tauschten Blicke aus, grinsten und sogen dann das berauschende Aroma des Weines ein. Er duftete nach sonnenreifen Pflaumen. Wyatt musste sofort an Portugal und dessen Portweine denken. Aber dies hier war kein kräftiger Wein.

Wyatt schloss die Augen. Er hörte Gabeln auf Porzellan, genüssliches Seufzen, aber er schaltete das alles aus und konzentrierte sich einzig auf seine eigenen Eindrücke.

Eine Muskateller Spätlese. Aber das war mehr als ein gewöhnlicher Muskateller. Dieser Wein war voller, ehrlicher. Nicht eine einzige falsche Note.

Zuerst schmeckte er eine melancholische Süße, gleich gefolgt von einem Kick kribbelnder Wärme, der so überraschend kam, dass Wyatt scharf ausatmete. Dann folgte unterschwellig der Geschmack nach Pekannuss.

Er schlug die Augen auf und sah direkt in die von Kiara Romano. Sie durchbohrte ihn mit ihrem Blick wie mit einem Laser. Um sich – und auch sie – abzulenken, nahm er rasch einen Bissen von dem warmen Schokokuchen.

Und das war der Moment, in dem in seinem Mund etwas Magisches passierte.

War er gestorben und im Himmel gelandet? Sein Gehirn suchte nach einem Wort, das respektvoll genug war, zu beschreiben, was er schmeckte, aber es gab keins.

Die Zeit schien stehen zu bleiben, in einem Augenblick, den er so nie wieder erfahren würde – zum ersten Mal kostete er wahre Dekadenz.

Waren es Sekunden? Minuten? Stunden?

Dieses Vergnügen war so unglaublich intensiv, dass er es niemals enden lassen wollte. Es schmeckte wie die nobelste aller Sünden. Kaum zu glauben, dass die Frau in diesem altbackenen Kleid diese … diese schiere Perfektion geschaffen hatte.

Er ließ sich die Mischung aus Decadent Midnight und Schokolade auf der Zunge zergehen – süß, feucht und heiß. Das machte selbst gutem Sex Konkurrenz. Der Vergleich überraschte ihn, aber er schien passend. Es war die reinste Lust. Noch nie hatte ihn ein Wein derart euphorisch werden lassen.

Mit jedem Schluck, der über seine Zunge glitt, wuchs seine Wertschätzung. Eine Symphonie. Er hatte eine Symphonie in seinem Mund, wie der Herbst in Vivaldis Vier Jahreszeiten – frisch, stürmisch, mit einer unterschwelligen Melancholie. Feigen, Aprikosen und der Geschmack nach Herbst liebkosten seine Kehle. In diesem Augenblick fühlte er sich ganz und gar lebendig.

Es war ein herausragender, außergewöhnlicher Wein mit tiefgründigem, komplexem Charakter. Eine wohlverdiente Zwanzig auf der Davis-Skala. Wyatt riss die Augen auf, nahm den Stift und begann zu schreiben. Seine Hand konnte kaum seinen Gedanken folgen. Es war fast, als spräche Bacchus höchstpersönlich durch ihn, während er wie in Trance seine Eindrücke auf die Karteikarte kritzelte.

Seine Brüder hatten allen Grund, sich wegen Bella Notte Sorgen zu machen. Wenn sie nicht noch Kiara Romanos Achillesferse fanden und sie somit aus dem Wettkampf ausschied, würde Decadent Midnight nicht nur DeSalme beim „Best of the Best Award“ schlagen, sondern auch jeden anderen Wein in der Kategorie.

Glückseligkeit lag noch auf seiner Zunge, unvergesslich. Er fühlte sich, als hätte er eben seine Jungfräulichkeit verloren und könnte nicht abwarten, es wieder zu erleben.

Dieser himmlische Wein hatte das, was die Franzosen terroir nannten: Geschmack mit einem echten Sinn für den jeweiligen Ort. Er schmeckte wie die Gegend, in der er gewachsen war. Idyllisch.

Die anderen waren schon mit ihren Notizen fertig, Wyatt hingegen schien nicht aufhören zu können. Die Worte flossen nur so aus dem Stift auf das Papier. Erst als er beide Seiten der Karte vollgeschrieben hatte, legte er den Stift zur Seite und sah sich um.

Irgendwann, während er seine Gedanken festgehalten hatte, musste die Praktikantin ihm gegenüber aufgestanden sein, und Kiara hatte sich stattdessen dort hingesetzt. Mit glänzenden Augen beobachtete sie ihn über den Tisch hinweg.

Er lächelte sie an.

Sie blinzelte, ein verträumter, glücklicher Ausdruck verdunkelte ihre Augen. Auf ihren Lippen lag das gleiche befriedigte Lächeln wie auf seinen.

In einer fließenden Bewegung schob sie den Stuhl zurück, stand auf und deutete auf Wyatt.

„Sie“, sagte sie bestimmt. „Sie kommen mit mir.“

2. KAPITEL

Säure: Das Element, das den Wein klar, frisch und spritzig schmecken lässt.

Der Mann war perfekt.

Zu perfekt.

Er ließ bei Kiara sämtliche Alarmglocken schrillen. Sie traute „perfekt“ nicht.

Ihm voran ging sie den Korridor entlang. Introvertiert, wie sie war, lag es ihr nicht besonders, die Praktikanten zu begrüßen, sich herzlich und locker zu geben. Lieber war sie in ihrem ruhigen Labor. Maurice dagegen war gut in diesen Dingen.

Aber sie war es, die einen Assistenten brauchte, und der Mann hinter ihr schien alle dafür nötigen Qualitäten zu besitzen. Ohne einen versierten Assistenten konnte Kiara sich nicht voll und ganz auf ihr eigentliches Ziel konzentrieren – hochklassige Dessertweine zu kreieren, um Bella Notte zur begehrtesten Kellerei für Spätlesen zu machen.

Sie betrieb die Weinherstellung auf völlig andere Weise als ihre Vorgänger auf dem Gut. Mit einem Abschluss in Weinbau und Weinkunde war sie zu einhundert Prozent Wissenschaftlerin und hielt sich immer auf dem neusten Stand. Für sie gab es keine lockere, künstlerische Art, Wein herzustellen. Ja, ihr Urgroßvater hatte seinerzeit viel erreicht, einfach mit seinem gottgegebenen Talent und den Weinstöcken, die er von Neapel quer über den Ozean hierher verpflanzt hatte. Aber die moderne Technik hatte die Weinherstellung grundlegend verändert.

Jetzt aber musste sie erst einmal dieses Vorstellungsgespräch führen.

Mach dir nicht zu große Hoffnungen, nur weil dieser Kerl all die Eigenschaften zu haben scheint, nach denen du suchst. Nur keine Eile. Du hast Zeit.

Das klang gut, aber es stimmte nicht. Sie hatte Bella Notte zwar vor dem Bankrott bewahrt, nachdem ihr Vater das Weingut krankheitsbedingt nicht mehr hatte leiten können, aber sie waren noch lange nicht aus dem Schneider. Mit Decadent Midnight, ihrer eigenen Kreation, hoffte sie, beim „Best of the Best Award“ von Sonoma zu brillieren.

In ihrem Labor angekommen, deutete Kiara flüchtig auf einen Metallhocker. „Setzen Sie sich.“

Sie selbst ging um den Tisch herum, blieb aber stehen. Den Kopf leicht zur Seite geneigt, verschränkte sie die Arme vor der Brust und musterte den Mann ihr gegenüber.

Durch die schwarz gerahmte Brille blickten ihr dunkelbraune Augen entgegen. Sein braunes Haar fiel ihm wirr in die Stirn und verlieh ihm einen verwegenen Ausdruck. Er sah aus, als hätte er sich im Secondhand-Shop eingekleidet. Nicht, dass das etwas Schlechtes wäre. Wenn man jung ist und entweder auf dem College oder gerade dabei, seinen Abschluss zu machen, ist man meistens ziemlich blank.

Aber hinter seiner Fassade war dieser Kerl anders.

Zum einen sahen seine Fingernägel viel zu gepflegt aus, und er hatte auch keine Schwielen an den Händen, im Gegensatz zu ihren eigenen, von der Arbeit im Weinberg rauen Händen. Außerdem umgab ihn ein Selbstbewusstsein, das zu seiner momentanen Stellung im Leben eigentlich gar nicht passte. Und dann war da noch sein offensichtliches Talent, Weine zu beurteilen. Weshalb hatte ihn nicht schon längst eine andere Kellerei entdeckt?

Maurice bearbeitete die Bewerbungen der Praktikanten und Auszubildenden. Wo hatte ihr Cousin ihn entdeckt?

Ihre Blicke trafen sich.

Langsam und ungezwungen verzog er einen Mundwinkel zu einem Lächeln, dann auch den anderen, während sein Blick fest auf ihr haftete.

Glatt. Er war viel zu glatt.

Kiara starrte ihn finster an.

Sein Lächeln verschwand, und für einen winzigen Augenblick sah sie so etwas wie ein Zögern auf seinem Gesicht. Sofort mochte sie ihn ein bisschen mehr.

Vielleicht war sein Auftreten nur Show. Vielleicht war er gar nicht so großspurig, wie er tat. Oder sie war einfach zu misstrauisch. Ihre ganze Familie predigte ihr ständig, sie solle offener sein, mehr Vertrauen haben, romantischer sein. Das sagte sich so einfach.

„Ich bin Kiara.“ Sie streckte ihm die Hand entgegen.

Sein Lächeln kehrte zurück. „Das hörte ich bereits.“ Er ergriff ihre Hand. „Wyatt Jordan.“

In dem Moment, als sich ihre Hände berührten, schoss pures sexuelles Verlangen durch ihre Adern und rauschte geradewegs in ihren Unterleib. Ihr Körper reagierte auf Wyatt, ganz gegen ihren Willen. Das war ihr noch nie passiert.

Wyatts Augen weiteten sich.

Kiara zog ihre Hand fort und senkte den Blick.

Quälendes Schweigen breitete sich aus.

„Also …“, sagte sie, die Schmetterlinge in ihrem Bauch ignorierend.

„Also?“, echote er.

„Scheint so, als hätten wir beide das gleiche komplexe Vokabular.“

„Wir sind eben zwei Fachidioten.“

Er war witzig. Und intelligent. Eine gefährliche Kombination. Nicht zu vergessen, dass er außerordentlich gut aussah.

Eben. Zu perfekt.

Sie betrachtete seinen schön geschwungenen Mund. Groß und einladend. Lippen, wie zum Küssen geschaffen. Schon fühlte sie sich immer stärker zu ihm hingezogen.

Dabei passte das gar nicht zu ihr. Sie gehörte nicht zu den Frauen, die ohne nachzudenken agierten oder einfach ihrer Libido nachgaben. Aber sie konnte nicht anders als ihren Blick über sein kräftiges, männliches Kinn und seine breiten Schultern bis hin zu seiner Brust gleiten zu lassen. Zum Glück saß er hinter dem Tisch, andernfalls hätte sie wohl noch weiter nach unten gesehen.

Was zur Hölle ist nur los mit mir? Ich muss die Lage in den Griff kriegen. Jetzt.

„Ich habe noch eine Weinprobe für Sie.“

„Gerne.“

„Bin sofort wieder da.“ Damit eilte Kiara aus dem Labor. Sie war verunsichert und wollte sich erst einmal wieder fassen. Dieser Praktikant hatte Potenzial, aber ihre Reaktion auf ihn erschreckte sie. Sie musste ganz sichergehen, dass er der Richtige war, ehe sie ihn als ihren Assistenten einstellte. Sie dachte an einen Test, der zeigen würde, ob er wirklich einen so herausragenden Geschmackssinn besaß, oder ob er nur ein Angeber war. Sie vermutete Letzteres.

Als Studentin hatte sie an einer psychologischen Studie teilgenommen, deren Fazit war, dass die meisten Menschen eine auf dem Markt etablierte Marke automatisch mit dem besseren Geschmack verbanden, obwohl ihnen im Blindversuch eine ganz andere Marke besser geschmeckt hatte.

Kiara fand dieses Ergebnis faszinierend und frustrierend zugleich. Denn es bedeutete, dass den Menschen die Marke wichtiger war als die Qualität selbst. Angesichts der Studie stellte sich die Frage, wie sich eine aufstrebende Kellerei gegen die großen Namen durchsetzen sollte. Diese Frage war für Kiara umso wichtiger geworden, seit sie die Leitung von Bella Notte übernommen hatte.

Sie suchte einen Weg, den Mythos eines Markennamens zu brechen. Sie wollte einfach daran glauben, dass man einen gewissen Grad an Objektivität finden und nutzen konnte.

Nur wie?

Teste diesen Kerl. Finde heraus, ob er tatsächlich imstande ist, Qualität von Marke zu unterscheiden.

Gut, es war ein bisschen hinterhältig, das musste sie zugeben. Aber wenn sie ihn als Assistenten in ihr Labor lassen wollte, musste sie sicherstellen, dass er die richtige Wahl war.

Oder belog sie sich selbst? Suchte sie nur nach einer Ausrede, um diesen unglaublich heißen Typen in ihrer Nähe haben zu können?

Kiara errötete. Nein, so war sie nicht! Sie würde nie zulassen, dass sexuelle Bedürfnisse ihren Zielen in die Quere kamen. Sie wollte ihn, weil er gezeigt hatte, dass er das seltene Talent besaß, selbst die subtilsten Aromen aus dem Wein herauszuschmecken und – riechen.

Ihre ganze Konzentration richtete sich nur auf ein einziges Ziel, ein hochfliegendes Ziel. Sie wollte dauerhaft die besten Dessertweine Kaliforniens produzieren. Und wenn Wyatt Jordan ihr dabei helfen konnte, gut, dann würde sie ihn dafür nutzen.

Okay. Also, warum stehst du dann hier draußen auf dem Flur herum?

Kopfschüttelnd ging sie hinunter in den Weinkeller. Kühler, erdiger Geruch umfing sie. Sie liebte diesen alten Keller mit seinen Bruchsteinmauern und dem gestampften Lehmboden. Hier fühlte sie sich ihrer Familie am nächsten, ihrer Vergangenheit, der ganzen Geschichte des Weinanbaus. Regal an Regal lagerte hier eine verblüffende Vielzahl an Weinen. Fast alle aus eigener Produktion, aber zu Vergleichszwecken hatten sie auch einige von der Konkurrenz vorrätig. Kiara blieb nachdenklich vor einem Regal stehen. Mondavi, Gallo, DeSalme …

Hm. DeSalme produzierte einen roten Dessertwein, ähnlich wie Decadent Midnight – aber natürlich nicht in der Qualität. Den würde sie für ihren Versuch nehmen.

Sie nahm eine Flasche des DeSalme-Weins und eine ihres Decadent Midnight, vertauschte den Inhalt der Flaschen und ging damit zurück nach oben.

Als Kiara mit einer Flasche DeSalme-Weins zurückkam, brach Wyatt der Schweiß aus.

Oh, oh. Das war nicht gut. Gar nicht gut.

Erwischt.

Angesichts ihrer entschlossenen Miene lief es ihm kalt den Rücken hinunter. Was sollte er sagen? Seine Zunge formulierte bereits eine Lüge.

Wie hatte Kiara herausgefunden, wer er war? Hatte er sich irgendwie verraten? Hatte er zu viel Wissen über Wein erkennen lassen? Eric und Scott würden ihm die Hölle heißmachen, wenn er derart schnell aus Bella Notte herausflog. Und er würde es verdienen. Gott, wie er es hasste, in den Augen seiner Brüder als Stümper dazustehen.

Als sich ihre Blicke trafen, machte sich ein seltsames Gefühl in ihm breit.

Sein Pulsschlag erhöhte sich. Was für ein Spiel spielte sie? Warum konfrontierte sie ihn nicht einfach? Nervös fuhr er sich mit der Zunge über seine Lippen.

Komm schon, denk dir was aus. Irgendetwas Intelligentes, um ihren Ärger zu dämpfen.

Nur wollte ihm einfach nichts einfallen, weil er völlig von Kiara gefesselt war. Ihr Gesicht, die gelösten Locken, die sich wild aus ihrem Zopf kringelten.

Schon überlegte er sich, mit welcher Ausrede er sie einwickeln und entwaffnen könnte, wenn sie ihn als Spion enttarnte. Er würde den Kopf schräg legen, sein berühmtes Lächeln aufsetzen und ihr tief in die Augen schauen, als wäre sie für ihn die einzige Frau auf diesem Planeten. Das funktionierte bei allen Frauen, ganz gleich ob alt oder jung.

„Geben Sie mir die zwei Weingläser da“, bat sie und deutete auf das Regal neben Wyatt.

Sollte das eine Falle werden? Er nahm die Gläser und stellte sie vor Kiara auf den Tisch.

Kiara entkorkte beide Weinflaschen und füllte in ein Glas Decadent Midnight, in das andere den DeSalme-Wein.

„Ein weiterer Geschmackstest“, erklärte sie ihm. „Vergleichen Sie.“

Was hatte das alles zu bedeuten? Wenn sie wusste, dass er ein Betrüger war, weshalb schmiss sie ihn dann nicht hochkant raus? Was sollten diese Spielchen? Und weshalb fühlte er sich wie ein Ruderboot, das in einem Sturm weit aufs Meer hinausgetrieben wurde?

„Gerne.“ Er zuckte unbekümmert mit den Schultern, wie er es perfektioniert hatte. Kühl wie Eis an einem heißen Sommertag.

„Warum gucken Sie mich so an?“, fragte sie bissig. Sie hatte eine tolle Stimme, auch wenn sie wütend war – besonders, wenn sie wütend war. So dunkel und rauchig.

Wyatt blinzelte, lächelte breiter als zuvor, damit man auch bloß seine Grübchen sehen konnte. Irgendetwas lief hier falsch.

„Was ist los mit Ihnen?“, fragte sie. „Fehlt Ihnen etwas?“

Irritiert stand er auf. Für einen Moment verging ihm das Lächeln, dann fasste er sich wieder. Na bitte. Völlig unbeeindruckt.

„Probieren Sie“, befahl Kiara und schob ihm das Glas mit dem DeSalme-Wein zu.

Sein Magen verkrampfte sich. Das hier war verrückt, bizarr, schräg. Er nahm das Glas, hob es an seine Nase und sog den schweren Duft ein.

„Bouquet“, kommandierte sie.

Okay, wenn es so laufen sollte. Mit ein bisschen Druck konnte er umgehen.

„Geschmeidig“, sagte er.

„Was noch?“ Ihre Pupillen verengten sich.

„Komplex.“

„Und?“, drängte sie.

Fast erwartete er, dass sie ihn mit einem ihrer langen Finger pikte.

Himmel, sie ist großartig.

Wyatt fühlte sich, als ob sein Blut schäumte und sprudelte. Er wusste nicht, weshalb. Sie war eigentlich nicht sein Typ. Alles an ihr wirkte seltsam und fremd, und zugleich war es so vertraut. Er begehrte sie, wie er noch keine andere begehrt hatte. Verwirrt strich er sich das Haar aus der Stirn und versuchte, sich auf etwas anderes zu konzentrieren.

Sie waren ganz allein im Labor. An den Kleiderhaken hingen weiße Kittel. Ein schwacher Geruch nach Ozon lag in der Luft, und ein langer Edelstahltisch voller Gerätschaften wie Bunsenbrenner, Glasbehälter und Waagen nahm die Länge der Wand ein. Doch obwohl an der Ausrüstung nichts fehlte, wirkte alles etwas altmodisch. Es war vermutlich vor vielen Jahren angeschafft worden – nicht zu vergleichen mit dem Hightech-Labor bei DeSalme. Dies war eindeutig ein Familienbetrieb. Es wäre für DeSalme ein Leichtes, Bella Notte zu ruinieren.

Mit einem Mal nagten vage Schuldgefühle an Wyatt, und er verspürte plötzlich den Drang, auf der Seite von David und nicht von Goliath zu stehen.

„Also?“

„Überraschend“, sagte Wyatt, womit er jedoch nicht den Wein meinte.

„Was noch?“ Sie ließ nicht locker.

„Umwerfend.“

„Frech“, kommentierte sie.

„Der Wein?“

„Sie.“

„Aber ich fasziniere Sie.“

„Nicht Sie“, erwiderte Kiara. „Ihre Zunge.“

„Also, wer ist hier jetzt frech?“

Sie wurde rot. „So habe ich das nicht gemeint.“

Endlich. Er hatte sie aus dem Konzept gebracht.

Sie wich seinem Blick aus und drehte sich weg, wandte sich ihm aber gleich wieder zu, eine Hand wie ein Stoppschild erhoben. „Passen Sie auf, ich weiß, dass Sie sich für so umwerfend halten, dass es schon wehtut. Das funktioniert sonst sicher hervorragend, aber wenn Sie diesen Job wollen, lassen Sie das einfach.“

Er hob das Glas an seine Lippen und nahm einen kleinen Schluck.

Peng!

Da war er wieder. Der gleiche süße Kick puren Genusses, den er vorhin schon bei der Weinprobe erlebt hatte.

Wyatt warf einen Blick auf die dazugehörige Flasche. Tatsächlich. Das DeSalme-Label. Unter gesenkten Wimpern musterte er Kiara einen Augenblick lang. Was hatte sie vor? Das hier war nicht der DeSalme-Muskateller. Irgendetwas ging hier vor, aber er würde nicht in ihre Falle tappen. Wenn schon, sollte Kiara ihn geradeheraus beschuldigen.

„Und?“

„Ich dachte, Sie wollten einen Vergleich?“, versicherte er sich.

Sie kräuselte die Lippen, sagte aber kein Wort. Sie hatte einen unglaublich schönen Mund. Voll und sinnlich. Lippen wie saftige, reife Trauben. „Stimmt.“

„Ich brauche erst etwas zum Neutralisieren, bevor ich den anderen probiere.“

Eine Augenbraue skeptisch hochgezogen, holte Kiara eine Packung schlichter, ungewürzter Kekse aus einer Schublade.

Er nahm einen, biss hinein, und einen Moment lang war sein leises Kauen, abgesehen vom Ticken der Wanduhr, das einzige Geräusch im Raum.

Kiara reichte ihm das zweite Glas, das mit dem Wein aus der Decadent Midnight – Flasche gefüllt war.

Er schwenkte den Wein im Glas und hob es an seine Nase.

„Bouquet?“, fragte sie.

Wie sollte er sich weiter verhalten? Direkt sein? Oder eher zurückhaltend?

„Verschlossen.“ Er entschied sich für eine zurückhaltende Zweideutigkeit.

Ihre Augen weiteten sich. „Was noch?“

Er sah ihr durchdringend in die Augen. „Trügerisch schlicht.“

Sie wand sich förmlich unter seinem Blick, wusste offensichtlich, dass sie aufgeflogen war. „Und?“

„Wollen Sie das wirklich durchziehen?“, fragte er und lehnte sich über den Tisch zu ihr.

Fest biss sie die Zähne aufeinander. Er konnte den Pulsschlag an ihrem Hals flattern sehen. „Was, Mr Jordan?“

„Dieses Spielchen.“

Hörbar sog sie die Luft ein. „Ich weiß nicht, was sie meinen.“

„Sagen Sie mir nur eins: Warum spielen Sie mit mir?“

Ein Schatten huschte über ihr Gesicht, was sie so schmerzhaft verletzlich wirken ließ, dass es Wyatt tief in seinem Herzen berührte. „Sie wissen es?“

„Dass Sie die Flaschen vertauscht haben? Natürlich, ich weiß nur nicht, weshalb.“ Natürlich wusste er es. Weil sie ihn als DeSalme enttarnt hatte und ihn zwingen wollte, es zuzugeben. Aber er würde gar nichts zugeben. Sie würde ihn beschuldigen müssen.

Plötzlich, erstaunlicherweise, grinste sie jungenhaft. Ein Grinsen, bei dem er sich fühlte, als sei er ihr Held.

Aber warum das jetzt? Nach dieser ganzen Feindseligkeit erschien es ihm etwas deplatziert.

„Wer hätte das gedacht“, murmelte sie, mehr zu sich selbst als zu ihm.

Wyatt atmete aus und merkte erst jetzt, dass er den Atem angehalten hatte.

Obwohl er einfach nur erleichtert sein sollte, dass sie ihn nicht als Maulwurf der DeSalmes entlarvt hatte, fühlte er sich enttäuscht. Nicht von ihr. Von sich selbst, weil er nichts gesagt hatte.

„Was gedacht?“, fragte er.

„Sie sind ein Superschmecker.“

„Ein was?“

„Sie besitzen das außergewöhnliche Talent, sämtliche Aromen und Geschmacksnuancen eines Weines herauszufinden. Deshalb habe ich Sie getestet. Die meisten Menschen halten sich zwar für objektiv, aber wenn man ihnen eine teure Marke vorsetzt, glauben sie automatisch, es sei auch der bessere Wein, ganz egal, was wirklich in der Flasche ist. Sie sind nicht darauf hereingefallen.“

„Ehrlich? Sie meinen, die meisten Leute bemerken den Unterschied gar nicht?“

Sie erläuterte kurz das bewusste Experiment und fuhr dann fort: „Ihre Gabe ist kostbar. Sie haben sich nicht von dem teuren DeSalme-Etikett täuschen lassen. Mir war der Ausdruck auf ihrem Gesicht aufgefallen, als sie Decadent Midnight zu dem Schokoladenkuchen meiner Großmutter getrunken haben. Eigentlich war ich mir sicher, dass Sie nicht bloß bluffen.“

Im Ernst? Ja, er hatte schon immer ein Talent dafür gehabt, den passenden Wein für ein Menü herauszusuchen. Aber er hatte geglaubt, es sei durch den ständigen Umgang mit Wein antrainiert.

„Welchen Gesichtsausdruck hatte ich denn?“

„Und was Sie auf die Karte geschrieben haben“, fuhr sie fort, ohne auf seine Frage zu achten. „Sie haben den Wein beschrieben wie eine Symphonie von Beethoven.“

„Was für einen Gesichtsausdruck hatte ich?“, fragte er beharrlich nach.

„Das ist doch egal.“

„Wenn es egal ist, können Sie es mir auch einfach sagen.“

„Es fällt Ihnen schwer, Dinge abzuhaken, oder?“

„Ganz und gar nicht. Ich bin sogar berühmt dafür, Dinge abzuhaken. Freundinnen zum Beispiel. Schlechte Angewohnheiten. Haushälterinnen. Die besonders.“

„Sie können sich eine Haushälterin leisten?“

Die meisten Praktikanten um die Dreißig konnten das sicher nicht. Er musste vorsichtiger sein. „Deshalb musste ich sie abhaken“, scherzte er schnell. Mit Erfolg.

„Punkt für Sie.“

Gut, das hatte er noch einmal gerettet. „Also, was war mit meinem Gesicht?“

Kiara seufzte. „Sie lügen. Sie sind gar nicht gut darin, Dinge abzuhaken.“

„Verklagen Sie mich doch“, sagte er gleichmütig. „Also, was für ein Gesicht?“

„Orgastisch“, sagte sie endlich unverblümt. „Sie hatten einen orgastischen Ausdruck im Gesicht. Zufrieden?“

Orgastisch? Hatte sie das eben wirklich gesagt? Verdammt. Seine Wangen brannten. Gott sei Dank konnte man unter seinen Bartstoppeln nicht sehen, dass er errötete. Wann war er das letzte Mal rot geworden? Wann war er jemals rot geworden?

„Und was hat Ihnen das gesagt?“

„Dass Sie ein sehr sinnlicher Mensch sind.“

„Tja, danach hätten Sie mich nur fragen müssen. Ich hätte es Ihnen gesagt.“ Manche nannten es „maßlos“, aber was war so schlimm daran, wenn man sich den Luxus leisten konnte?

„Sie haben ja keine Ahnung, wie lange ich nach jemandem mit Ihrem Talent gesucht habe.“

„Dann scheint heute Ihr Glückstag zu sein“, sagte er bedeutungsvoll.

Ihr Lächeln verschwand, und sie presste ihre Lippen fest aufeinander. Wütend sah sie ihn an.

„Entschuldigung.“ Witzig, dachte Wyatt, sie sah hinreißend aus, wenn sie so guckte. Und sie guckte sehr oft wütend, was bedeutete, dass sie verdammt süß war.

„Wenn ich Sie als Praktikanten einstelle, Mr Jordan, werden Sie hier mit mir im Labor arbeiten“, erklärte Kiara. „Die anderen Praktikanten sind draußen in den Weingärten.“

Oha, das klang nach einer glücklichen Fügung. Er hätte es nicht besser planen können. Sie lud ihn direkt in das Herz der Kellerei ein, in das Nervensystem, ins Allerheiligste. Er würde in die bestgehüteten Geheimnisse Bella Nottes eingeweiht werden. Und er konnte ernsthaften Schaden anrichten.

„Wyatt“, sagte er.

„Was?“

„Nennen Sie mich Wyatt.“

„Ich bin eine sehr strenge Chefin, Mr Jordan. Die Weinherstellung ist meine Leidenschaft, mein Leben, der Grund, weshalb ich auf der Welt bin. Ich nehme das sehr ernst. Ich bin überglücklich, jemanden mit Ihrem Talent gefunden zu haben, aber wenn Sie nicht tun können, was ich sage, wenn ich es sage, ohne irgendwelche Fragen zu stellen, fliegen Sie gleich wieder raus. Verstanden?“

Er widerstand dem Impuls, die Hacken zusammenzuschlagen und „aye, aye, Kapitän“ zu sagen. Stattdessen unterdrückte er sein Lächeln und sagte: „Sie sind der Boss.“

„Und Sie sind recht alt für einen Praktikanten.“

„Was soll ich sagen?“ Wyatt breitete die Arme aus. „Ich bin ein Spätzünder. Vergeudete Jugend und so.“

„Verwöhntes Kind, was?“

„Nein“, log er, erstaunt darüber, wie unwohl er sich dabei fühlte. „Nur ein Faulenzer.“

Sie runzelte die Stirn. „Darf ich annehmen, dass Sie diese Eigenschaft hinter sich gelassen haben?“

In einer eifrigen Geste krempelte er seine Ärmel hoch. „Ich bin bereit.“

„Sie sind ein Witzbold.“

„Sie nicht.“

„Mr Jordan, Sie werden tun, was immer ich Ihnen sage, ohne Fragen zu stellen.“

„Ja.“

„Das war keine Frage.“

„Erwischt.“ Feurig. Das gefiel ihm an ihr. Genau genommen gefiel ihm alles an ihr. Das könnte ein ernstes Problem werden.

„Was haben Sie studiert?“, fragte sie.

„So dies und das.“

„Also ein Dilettant.“

„Ich bevorzuge die Bezeichnung Renaissance-Mensch.“ Er zwinkerte ihr zu, aber das wirkte auch nicht besser als sein Lächeln.

„Hätte ich mir denken sollen.“

„Ist Ihnen bewusst, dass Sie ein ganz klein wenig herablassend klingen können?“, fragte er.

„Wie bitte?“

„Oh, ich verstehe, dass Sie zu sehr von der Weinproduktion in Anspruch genommen werden, um höfliche Konversation zu betreiben, aber Sie haben die Tendenz, Leute abzulehnen, sobald sie nicht Ihren Vorstellungen entsprechen oder nicht tun, was Sie von ihnen verlangen.“

Alter, was machst du denn? Du sollst sie für dich gewinnen, nicht sie wütend machen. Du sollst sie ausspionieren und ihr nicht ihre weniger positiven Eigenschaften unter die Nase reiben.

„Sie wissen gar nichts über mich.“

„Ich weiß, was ich sehe.“

Sie schien über seine Worte nachzudenken. „Sie haben recht. Ich kann über meine Arbeit alles andere vergessen.“

„Manche würden das auch unhöflich nennen.“

„Ist das eine Kritik?“

„Wir haben alle unsere Macken.“ Er zuckte mit den Schultern.

„Manche mehr als andere.“

Meinte sie sich selbst oder ihn damit?

Nach einem Moment zog sie sich einen Stuhl heran und setzte sich neben Wyatt. „Warum Wein?“, fragte sie. „Was gefällt Ihnen daran?“

Er war nah dran, eine Plattitüde von sich zu geben, sagte sich dann aber, dass sie von ihrem potenziellen Praktikanten bestimmt etwas Besseres hören wollte. Außerdem musste er den schlechten Eindruck, den er eben vermittelt hatte, revidieren. „Ich glaube, wenn man eine so komplexe und spannende Kunst beherrscht, hat man sein Leben nicht verschwendet.“

Sie verschränkte die Arme vor der Brust und musterte ihn, als würde sie seine Antwort soeben auf ihrer ganz persönlichen Schwachsinnsskala einstufen. Kiara Romano war eindeutig eine harte Nuss.

„Abgesehen davon …“, fügte er hinzu, unfähig, seiner natürlichen Neigung zu widerstehen, andere zu reizen, „… gibt es nichts Romantischeres als die Kunst, einen Wein zu kreieren.“

Sie hob ihre Hand. Sie schien die Geste gern zu benutzen. „Lassen Sie mich hier kurz unterbrechen.“

„Was?“

„Weinherstellung ist keine Kunst. Das ist die Hypothese einer verträumten, unlogischen, an Magie glaubenden Natur, die in meinem Labor nichts zu suchen hat. Weinherstellung ist eine Wissenschaft, die berechnet und kontrolliert werden kann. Sie ist quantitativ und qualitativ. Die Menschen haben eine völlig falsche Vorstellung davon.“

„Okay.“ Scheinbar hatte er da einen wunden Punkt getroffen.

„Diese alberne Sage von den Liebespaaren, die hier auf Idyll herumgeistert, ist reiner Schwachsinn und nur brauchbar als Reklame für Leute, die an solchen romantischen Quatsch glauben. Ich bin Wissenschaftlerin. Ich benutzte ausschließlich bewiesene, wissenschaftliche Techniken, um den bestmöglichen Wein herzustellen.“

„Sie glauben nicht, dass wenigstens ein kleines bisschen Magie darin steckt?“ Er zeigte mit Daumen und Zeigefinger einen winzig kleinen Abstand.

„Nein“, entgegnete sie scharf. „Und wenn Sie für mich arbeiten wollen, fangen Sie nie wieder davon an.“

Alles klar. Botschaft angekommen. In ihr steckt kein Funken Romantik.

„Kein romantischer Schwachsinn mehr“, versprach er.

„Sie machen sich über mich lustig.“

„Das muss ich. Sie sind einfach zu ernst, und ich glaube, die meisten Leute um Sie herum sind davon eingeschüchtert.“

„Ich muss tough sein.“ Sie reckte ihr Kinn.

„Nur nach außen hin. Ich wette, innerlich können Sie dahinschmelzen wie ein Eiszapfen in der Sonne.“

„Ehrlich? Stehen Frauen auf dieses Gerede?“

„Oh ja.“

Sie schnaubte verächtlich durch die Nase und verdrehte die Augen, aber Wyatt war sich sicher, dass sie am liebsten gelächelt hätte. Aber irgendwann musste sie zu dem Schluss gekommen sein, dass es sie schwach erscheinen ließe, wenn sie locker lassen und einfach einmal Spaß haben würde.

„Also …“, sagte sie schließlich, „… dann können Sie jetzt zur Gruppe zurückgehen. Maurice wird Ihnen das Gut zeigen und Sie dann zu Ihrer Unterkunft bringen. Seien Sie morgen früh Punkt sieben Uhr wieder hier und bereiten Sie sich auf harte Arbeit vor.“

„Auf die Minute.“ Wyatt versuchte es noch einmal mit seinem Lächeln, aber sie sprang noch immer nicht darauf an.

Sie schaffte es, dass er sich fühlte wie … wie die unverstandene Pointe eines Witzes. Es gab nicht viele Frauen, die sich von seiner lässigen Art nicht hinreißen ließen. Normalerweise waren sie nachsichtig mit ihm, lachten über seine Scherze, verziehen ihm.

Kiara nicht. Sie wirkte, als wäre sie ernstlich enttäuscht von ihm, aber entschlossen, das Beste aus dieser unbefriedigenden Situation zu machen.

Kiaras Verachtung reizte Wyatt nur noch mehr, sie beeindrucken zu wollen. Er wunderte sich, wie eine derart scharfzüngige Frau es geschafft hatte, einen so lieblichen Wein wie Decadent Midnight zu kreieren.

Plötzlich überkam ihn das Bedürfnis, ihr zu sagen, wer er wirklich war und weshalb er hier war, und sie dann zu fragen, ob sie mit ihm ausgehen wollte. Er hatte den Mund schon geöffnet, als er seinen Bruder Scott förmlich hören konnte: „Auf Wyatt kann man sich nie verlassen. Wenn er sich zwischen dem Geschäft und einer Frau entscheiden muss, wird er jedes Mal die Frau wählen.“

Richtig. Wyatt schloss den Mund wieder und schluckte den Impuls herunter. Seine Brüder hatten ihm eine Chance gegeben, sich zu beweisen. Und er würde keiner Frau – ganz gleich wie faszinierend – gestatten, ihm den Kopf zu verdrehen.

3. KAPITEL

Komplex: Ein höherwertiger Wein, der viele verschiedene Duftkomponenten zeigt.

Kiara stand auf der Terrasse vor ihrem Labor und sah zu, wie Maurice die Praktikanten zurück zu den Vans führte. Ihr Blick haftete an Wyatts großer Gestalt. Ein unbehagliches Prickeln rann über ihren Nacken. Seufzend steckte sie beide Hände in die Taschen ihres Kittels.

Toll. Das war wieder mal ihr Glück. Da fand sie endlich jemanden, der einen hervorstechenden Geschmacks- und Geruchssinn besaß, und dann stellte er sich als charmanter, aber besserwisserischer Nichtstuer heraus. Wyatts breites Grinsen sah schon auf den ersten Blick so aus, als würde er es des Öfteren benutzen, um sich Ärger vom Hals zu schaffen. Seine eher struppige Frisur und der Dreitagebart sagten ihr, dass er zu faul war, zum Friseur zu gehen und sich täglich zu rasieren. Er war leger, nachlässig und … und …

Er hatte sie frech und direkt auf ihre Macken hingewiesen. Es war unerwartet gekommen und hatte sie verwirrt, aber er hatte recht. Sie neigte wirklich zur Schroffheit, wenn jemand nicht so spurte, wie sie es erwartete. Das war etwas, das sie ändern wollte. Hin und wieder musste sie sich daran erinnern, dass nicht jeder an die Dinge glaubte, an die sie glaubte, oder die Dinge so schätzte, wie sie es tat – zum Beispiel Familie, harte Arbeit und an seinen Ideen festzuhalten.

Ein Teil von ihr fragte sich währenddessen, wie ihr Leben wohl verlaufen wäre, wenn sie einen anderen Weg eingeschlagen hätte und nicht derart hohe Anforderungen an sich selbst gestellt hätte.

Der Mann ist gut für dich. Er fordert dich heraus. Hält dich auf Trab. Und er kann dir zeigen, wie man sich selbst nicht so wichtig nimmt.

Wyatt hatte ein gewaltiges Selbstbewusstsein. War großspurig. Trotz der dicken, schwarzen Hornbrille sah er ausgesprochen gut aus, und das wusste er auch. Er sendete zweideutige Botschaften aus, und so sehr es ihr widerstrebte, es zuzugeben, er machte sie neugierig.

Sie biss die Zähne aufeinander.

Nein. Einfach nein.

Sie würde nicht einmal darüber nachdenken. Ganz egal, ob ihre Hand noch immer kribbelte, weil sie versehentlich sein Handgelenk berührt hatte. Sich mit einem Praktikanten einzulassen, war nicht nur absurd, sondern auch absolut unpassend.

Es war fünf Minuten nach sieben, als Wyatt am nächsten Morgen in Kiaras Labor schlenderte. Sie stand auf einer Leiter direkt unter dem Feuermelder, eine Batterie in der Hand.

„Sie sind zu spät“, teilte sie ihm mit, ohne sich mit einer höflichen Begrüßung aufzuhalten, und deutete auf die Wanduhr.

Die letzten zwei Tage war Wyatt entgegen seinen Gewohnheiten schon im Morgengrauen aufgestanden. Nicht seine Zeit. Er bevorzugte die Abenddämmerung. Das war schon immer so gewesen. Schon als Kind, bevor seine Eltern sich hatten scheiden lassen, konnte man ihn nur mit Gewalt aus dem Bett bringen. Zugegeben, damals war er schrecklich gewesen – faul, undiszipliniert, dazu mit einem umwerfenden Lächeln gesegnet, das ihm Tür und Tor öffnete.

Wyatt zuckte die Schultern. „Der Weg von unserer Unterkunft hierher ist länger, als ich angenommen hatte.“

„Keine Ausreden. Zu spät ist zu spät.“

„Sie können es mir ja vom Gehalt abziehen.“

Kiara starrte ihn finster an. Das konnte sie wirklich gut. Aber er sah hinter diese grimmige Maske. Sie trug viel Verantwortung. Sie leitete dieses Weingut, von ihr waren eine Menge Menschen abhängig. Sie hatte weder die Zeit noch die Geduld, um herumzualbern.

Er spürte einen Hauch Sympathie. Konnte sie sich jemals entspannen? Ihre eigenen Weine genießen oder sich einfach eine schöne Zeit machen? „Soll ich Ihnen da oben helfen?“

„Nein“, erwiderte sie knapp. „Nicht nötig.“

Er ließ seinen Blick über ihre nackten Waden bis zum Saum ihres unvorteilhaften Kleides wandern. Es sah fast genauso aus wie das vom Vortag. Aber selbst dieser altbackene Fummel konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie ausgesprochen hübsche Beine hatte. Ein angenehmes Prickeln machte sich in seinem Magen bemerkbar und breitete sich in seinem ganzen Körper aus.

Das war doch verrückt. Hör auf, über ihre Beine nachzudenken.

Wyatt lenkte seine Aufmerksamkeit auf die Leiter. „Die sieht ein bisschen unsicher aus. Wie alt ist die?“

„Älter als ich, aber absolut in Ordnung. Machen Sie sich nur keine Sorgen um mich.“

„Ich könnte sie halten …“ Er kam näher.

„Ich sagte, ich komme klar“, fuhr sie ihn an.

Abwehrend hob er beide Hände. „Sind Sie immer so gereizt?“

„Wenn hier ein nerviger Praktikant um mich herumhampelt, der zu spät kommt und dumme Fragen stellt … Ja, dann bin ich gereizt!“

Wyatt lachte leise vor sich hin.

Kiara schnaubte nur abfällig, während sie sich, um an den Feuermelder zu kommen, vorreckte. Viel zu weit.

„Passen Sie auf!“, rief Wyatt und sprang vor, um die Leiter festzuhalten.

Zu spät. Die Schwerkraft war stärker, und Kiara hatte zu viel Schwung, um sich halten zu können. Zwar konnte Wyatt die Leiter packen, doch Kiara taumelte seitwärts.

In dem Versuch, sie noch zu halten, verlor er selbst das Gleichgewicht. Die Leiter rutschte weg, Kiara fiel in seine Arme und riss ihn mit sich zu Boden.

Reflexartig umschlang er sie und zog sie schützend an seine Brust, während es ihm die Beine unterm Hintern wegriss und er, buchstäblich, auf selbigem landete, Kiara an sich gepresst.

Hab dich.

Ihre Blicke trafen sich.

Ließen einander nicht los.

Kiaras Augen weiteten sich, und sie machte Anstalten, zurückzuweichen, aber er ließ sie nicht. In ihrem Gesicht sah er die gleiche wundersame Anziehung, die ihn selbst eiskalt erwischt hatte.

„Der Boden hat gebebt“, sagte sie mit etwas zittriger Stimme.

Und er dankte Gott dafür.

Sie war einfach der Knaller. Unter ihrer wilden Lockenmähne sahen ihn die klügsten Augen an, in die er je versunken war, und er war schon in den Blicken einer ganzen Menge attraktiver Frauen versunken. Ganz zu schweigen davon, wie gut sie roch. Nach frischer Baumwolle, Seife und Erdbeeren.

Für einen langen Moment schienen sie wie an Ort und Stelle erstarrt zu sein, ihre Körper eng aneinandergepresst, seine Arme immer noch um sie geschlungen. Ihr Blick klebte förmlich an seinem. Ihre Lippen verharrten verboten nah vor seinen.

Wonach würde sie schmecken, wenn er sie küsste? Nach Trauben? Oder intensiver, exotischer?

Er vergaß, dass sie auf dem Fußboden ihres Labors saßen, dass sie seine Chefin und er ihr Angestellter war. Konnte sich nicht erinnern, dass er für seine Brüder spionieren sollte.

Wyatt befeuchtete seine Lippen, neigte den Kopf und …

Kiara gab erst einen irritierten, undeutbaren Laut von sich, dann schlug sie Wyatt mit der flachen Hand vor die Brust und sprang auf die Füße. „Was zum Teufel glauben Sie, was Sie da machen?“

„Ich dachte, ich fange Sie auf, damit Sie nicht auf den Boden knallen.“

„Das meine ich nicht.“

„Was sonst?“ Er stand ebenfalls auf. Sie mochte zwar faszinierend sein, aber sie war auch verdammt streitsüchtig.

„Sie wollten mich küssen.“

„In Ihren Träumen“, log er.

Natürlich hatte er daran gedacht. Nein, das stimmte nicht. Er hatte mehr als nur daran gedacht. Er war kurz davor gewesen, es zu tun. Warum eigentlich? Er bewegte sich auf dünnem Eis. Wenn er so weitermachte, lief er ernstlich Gefahr, aus Bella Notte hinausgeschmissen zu werden.

Hör auf, ans Küssen zu denken, ermahnte er sich. Hör auf, über Kiara Romano als Frau nachzudenken. So schwer konnte das doch nicht sein. Sie versuchte ja nicht einmal, den Männern zu gefallen – ohne Make-up und in altmodischen Kleidern. Aber, verdammt, selbst die Tatsache, dass sie ihm gar nicht gefallen wollte, gefiel ihm. Wie dämlich war das denn? Er verdiente einen ordentlichen Tritt in den Hintern. Er benahm sich wie ein Besessener.

„Sie haben sich über die Lippen geleckt.“

In seinem Kopf drehte sich alles so wild, dass er einen Moment brauchte, bis er wieder wusste, worüber sie eigentlich sprachen. „Sie waren trocken.“

„Und Sie haben so geguckt.“

„Geguckt? Wie geguckt?“ Er versuchte, ganz unschuldig zu klingen, aber sein Magen zog sich zusammen. Lag das an dem Zusammenstoß mit Kiara oder weil sie ganz genau wusste, was er dachte?

„Sie wissen, wie Sie geguckt haben.“

„Nein, ehrlich, ich weiß nicht, was Sie meinen.“

„Wie ihr Typen eben guckt.“

„Oh, nach dem Motto: Du bist so sexy, dass ich mich kaum noch halten kann? Oder: Ich sterbe, wenn ich dich nicht sofort küsse?“ Wyatt presste die Lippen zusammen. Scheiße, hatte er das wirklich laut gesagt?

Kiara öffnete den Mund, schloss ihn wieder und lief rot an. „Das … das habe ich nicht gesagt.“

Er kam einen Schritt näher. „Sie meinen, ich muss mich ernstlich beherrschen, um Ihnen nicht die Kleider vom Leib zu reißen und über Sie herzufallen?“

Zum ersten Mal, seit er sie kannte, wirkte sie verunsichert. „Vergessen Sie, was ich gesagt habe, das war dumm von mir.“

„Sie halten viel von sich, was?“ Es gefiel ihm, den Spieß umzudrehen und sie jetzt in die Enge zu treiben. „Sie glauben, Sie sind so verführerisch, dass Sie das Tier in mir wecken?“

Sie wich zurück. „Ich halte mich nicht für verführerisch.“

„Wirklich?“ Er konnte nicht aufhören, in ihre grünen Augen zu sehen. Wieder ging er einen Schritt auf sie zu. „Ist das nicht der Grund, weshalb Sie sich hinter dieser Brille und den Oma-Klamotten verstecken? Eben gerade, weil Sie wunderschön sind und befürchten, Ihre äußeren Vorzüge könnten Ihren geschäftlichen Bestrebungen in die Quere kommen?“

„Ja … nein … Sie drehen mir die Worte im Mund herum. Ich weiß, dass ich nicht hübsch bin, aber ich weiß auch, dass es bei Männern nicht viel braucht, um ihre Fantasie anzukurbeln.“

„Nur weil Sie auf mich draufgefallen sind, heißt das noch lange nicht, dass Sie mich damit auf Touren gebracht haben“, log Wyatt weiter. „Sie sind schließlich auf mich gefallen.“

„Ich habe Ihnen gesagt, Sie sollen die Leiter nicht anfassen.“

„Wenn ich nicht da gewesen wäre, hätte niemand Ihren Sturz abgebremst.“

„Gut“, meinte sie und reckte ihr Kinn. „Genauso mag ich es. Wenn ich falle und mir etwas tue, trage ich allein die Verantwortung dafür.“

„Sie übernehmen gerne die ganze Verantwortung, was?“

„Was ist daran falsch?“

„Sie können nicht für alles allein verantwortlich sein. So funktioniert die Welt nicht.“

„Aber ich kann es versuchen.“

„Wovor haben Sie Angst?“

„Ich habe vor gar nichts Angst.“

„Nein?“

„Nein“, sagte sie ernst.

„Warum widerstrebt es Ihnen so, sich helfen zu lassen?“

„Tut es gar nicht.“

„Doch!“

„Ich mag Sie nicht.“ Sie wich einen weiteren Schritt zurück und stieß gegen die geschlossene Tür. Sie wirkte plötzlich ängstlich und erschrocken.

Das war nicht gut. Er wollte nicht, dass sie sich vor ihm fürchtete. Er konnte sich an keine einzige Frau erinnern, die sich je vor ihm gefürchtet hätte. Er gehörte eigentlich nicht gerade zur angsteinflößenden Sorte Mann. Aber wie hatte er sie dann erschrecken können?

„Ich mag Sie nicht“, wiederholte sie.

„Tja, da haben wir was gemeinsam. Ich mag Sie auch nicht besonders. Sie sind viel zu launisch.“ Was war denn jetzt mit ihm los? Was war mit dem Filter passiert, der eigentlich zwischen seinem Hirn und seinem Mund sein sollte? Weshalb provozierte er sie so? Wollte er etwa von ihr gefeuert werden? Wollte er den Erwartungen seiner Brüder insgeheim gar nicht entsprechen? Oder neigte er zur Selbstzerstörung? Vielleicht war er auch nicht ganz richtig im Kopf.

„Und Sie sind viel zu glatt.“ Fest biss sie die Zähne aufeinander.

„Ich wollte bloß helfen. Und wenn Sie sich hätten helfen lassen, wäre das alles nicht passiert.“ Wieder kam er näher.

Dieses Mal behauptete sie sich und ballte die Fäuste. „Ich mache eben lieber alles selbst.“

Er schnalzte mit der Zunge und überbrückte die kleine Distanz zwischen ihnen mit einem Schritt, bis sie sich wieder direkt gegenüberstanden. „Jeder braucht ab und zu Hilfe.“

Er senkte leicht den Kopf.

Kiara schluckte hörbar. „Ich nicht.“

„Lügnerin“, sagte er, und dann küsste er sie tatsächlich.

Er hatte sie nur necken wollen. Nur ganz sacht mit seinen Lippen über ihre streichen, um ihr zu zeigen, dass es nicht ganz so schlimm war, ihn zu küssen. Aber er hatte nicht damit gerechnet, dass sie sich ihm entgegenreckte und ihren hübschen Mund für ihn öffnete. So süß.

Wyatt schloss die Augen. Sie war weich und warm und geschmeidig. Sie schmeckte würzig, wie Minze, frisch und kühl, scharf und echt. Er fühlte sich, als würde er die Balance verlieren, und er hätte schwören können, dass die Erde unter ihm bebte.

Kiara riss sich los. „Mr Jordan“, sagte sie steif.

„Ja, Miss Romano?“ Er öffnete seine Augen.

„Ich glaube nicht, dass diese Beziehung in irgendeiner zufriedenstellenden Weise funktionieren wird. Für keinen von uns.“

„Nein?“ Warum konnte er dann die Lust in ihren Augen schimmern sehen?

„Nein.“

„Also, was soll das bedeuten?“

„Das bedeutet, Mr Jordan, dass Sie gefeuert sind.“

„Sie können mich nicht feuern. Sie bezahlen mich ja nicht.“

Sie stutzte kurz. „Dann sind Sie eben nicht länger mein Praktikant.“

„Nur weil ich Sie aufgefangen habe?“

Sie reckte das Kinn. „Ganz genau.“

„Also, wenn ich Sie nicht gestützt hätte, und Sie hätten sich ein Bein gebrochen, wäre das dann in Ordnung gewesen?“

Ihre Lippen zuckten. „Sie sind unmöglich.“

„Was ist mit dieser ganzen Superschmecker-Sache? Ich dachte, Sie hätten seit Jahren nach jemandem mit meinem Talent gesucht. Brauchen Sie meine Zunge doch nicht?“ Okay, damit war er zu weit gegangen, das wusste er, kaum, dass er die Worte ausgesprochen hatte. Aber es machte so viel Spaß zu sehen, wie ihr nachgerade Qualm aus den Ohren quoll.

„Und wenn Sie das letzte Geschmacksgenie auf Erden wären! Dann würde ich lieber Essig herstellen. In drei Stunden legt eine Fähre zum Festland ab. Seien Sie an Bord.“

4. KAPITEL

Üppig: Ein sehr aromatischer Wein. Vollmundig.

In Kiaras Kopf herrschte wildes Durcheinander. Sie konnte Wyatt Jordans Dreistigkeit einfach nicht fassen. Sie verbrachte ihre Tage im Labor oder in den Weingärten und war attraktive, freche Charmebolzen wie ihn nicht gewöhnt, die ein Nein nicht gelten ließen, ihr unverfroren widersprachen und so sexy waren, dass sie sie mit einem einzigen Blick zum Schmelzen brachten.

Es entnervte sie. Irritierte sie. Ängstigte sie.

Und wenn Kiara Angst bekam, wurde sie hart.

„Einfach so?“, murmelte Wyatt. „Ohne eine zweite Chance?“ Er warf ihr einen zerknirschten Blick zu.

„Sehen Sie, Mr Jordan, ich führe ein strenges Regiment, und so muss es auch sein. Dieses Weingut ernährt meine ganze Familie. Für die Qualität der Weine bin ich allein verantwortlich. Ich kann keinen oberflächlichen Kerl gebrauchen, der meine Arbeit, die unser Auskommen ist, nicht ernst nimmt.“

„Ich habe keine Witze darüber gemacht.“

„Wie auch immer. Ich glaube nicht, dass Sie für Bella Notte als Praktikant taugen.“

„Gibt es nichts, was ich tun kann, um Sie umzustimmen?“

„Nein …“ Mehr bekam sie nicht heraus, denn jäh erschütterte ein heftiges Beben die Erde, stärker als das, was sie auf der Leiter gespürt hatte. Und sie hatte geglaubt, es wäre ihre dumme Schwäche für Wyatt, die ihr die Beine wacklig werden ließ.

Gerätschaften schwankten, Reagenzgläser rollten über den Tisch, fielen zu Boden und zersprangen in tausend kleine Splitter. Die Erde bebte für mehrere Sekunden, die sich wie Stunden anfühlten.

Wyatt und Kiara taumelten gegeneinander. Wie betäubt protestierte sie nicht, als er einen Arm um ihre Taille schlang. Sie hätte zurückweichen sollen, wäre auch zurückgewichen, wenn seine warme Berührung sie nicht augenblicklich beruhigt und ihre Benommenheit vertrieben hätte.

Sie sahen sich in die Augen, und wie aus einem Munde hauchten sie: „Erdbeben.“

„Das ist mindestens eine Fünf auf der Skala“, schätzte Wyatt.

„Wahrscheinlich eine Sechs.“ Kiara rückte von Wyatt ab und hielt sich mit einer Hand an der Wand fest, da der Boden noch immer leicht nachbebte.

Sie war sich der Wärme und des Duftes dieses Mannes seltsam bewusst, der ihr viel zu nahe gekommen war, und trotzdem ängstigte es sie kein bisschen. Tatsächlich fühlte sie sich in seiner Nähe sogar sicher.

Er sah ihr in die Augen, wie versteinert starrte sie ihn an.

Von draußen drangen aufgeregte Stimmen ins Labor. Es waren Gäste hier, erinnerte sie sich, sie musste nachsehen, ob alles in Ordnung war, und etwas Abstand zwischen sich und Wyatt bringen.

„Ich muss nachsehen, ob draußen alles okay ist.“

„Ich komme mit.“

Ehe sie noch Nein sagen konnte, eilte er bereits zur Tür, riss sie auf und blieb stehen, um Kiara den Vortritt zu lassen.

Seine dunklen Augen glänzten, als hätte er ernsthaft Spaß an der ganzen Sache. Was war los mit ihm? Machte ihn ein Erbeben etwa an? Bei manchen Menschen lösten Naturkatastrophen wie Tornados oder Erdbeben einen Adrenalin-Kick aus. War er einer von denen?

Vielleicht ist es gar nicht das Erdbeben, das ihn anmacht.

Kiara verdrängte den Gedanken. Sie hatte keine Zeit für Wyatt Jordan und die seltsamen, unerwünschten Empfindungen, die er in ihr auslöste.

Sie eilte an ihm vorbei und machte sich auf den Weg, um nach eventuellen Schäden zu suchen. Wyatt blieb unerschütterlich an ihrer Seite. Diesen Kerl wurde man anscheinend genauso schwer los wie Bettwanzen. Umso mehr überraschte es sie, dass sich warme Dankbarkeit in ihr ausbreitete. Es fühlte sich nett an, jemanden an seiner Seite zu haben.

Machst du Witze? Nett? Seit wann brauchen wir denn nett?

Genau. Kiara verzog das Gesicht. Was dachte sie sich eigentlich? Sie hatte den Typ eben erst gefeuert, weil er zu frech war.

Als sie den Kühlraum betraten, hörte sie sofort, dass etwas nicht stimmte. Eine der Maschinen gab ein scheußliches rasselndes Geräusch von sich.

„Oh Gott“, stöhnte Kiara.

„Klingt wie der Kompressor.“

Kiara seufzte. „Das wird teuer.“

Wyatt ging um das Gerät herum und bückte sich, um darunterzuschauen. Ich sollte nicht auf seinen Hintern starren, dachte sie. Es gab viel wichtigere Dinge, an die sie jetzt denken sollte, aber sie konnten sie nicht davon abhalten, ihren Blick über seine langen Beine gleiten zu lassen, dorthin, wo sich sein Hinterteil unter der hautengen Jeans abzeichnete.

Entzückt biss Kiara sich auf die Unterlippe. Sie war so auf seinen hübschen Allerwertesten konzentriert, dass sie zusammenzuckte, als plötzlich ihr Handy in ihrer Schürzentasche vibrierte.

Wyatt hob den Kopf. „Alles klar?“

„Mein Telefon.“ Sie zog das Handy hervor, während Wyatt sich wieder dem Motor der Kühlmaschine widmete. „Hallo“, sagte sie, ohne den Blick von Wyatts Rückseite zu lösen. So sexy auszusehen, sollte verboten werden.

„Kiara? Ich bin’s.“

„Mom! Hat es bei euch auch gebebt?“

„Ja. War ein bisschen erschreckend. Du weißt ja, wegen der Erinnerungen an das große Beben 1989.“ Ihre Mutter schnalzte mit der Zunge. „Aber dieses hier war ja zum Glück nicht so stark. Nichts groß passiert. Wie sieht es bei euch aus?“

Kiara musterte das Kühlaggregat. Sie würde ihre Eltern nicht beunruhigen. Vielleicht war ja wirklich nichts. „Gut“, sagte sie. „Kaum der Rede wert. Wie geht es Dad?“ Ihre Eltern hielten sich wegen der abschließenden Untersuchung nach der Krebserkrankung ihres Vaters in San Francisco auf.

„Man hat ihm völlige Genesung bescheinigt!“ Ihre Mutter klang zutiefst erleichtert.

„Ach Mom, das ist ja großartig!“, stieß Kiara hervor. Ihr war nicht aufgefallen, dass sie vor Anspannung die Luft angehalten hatte.

„Ja, das sind doch gute Nachrichten. Aber wir werden noch bis mindestens morgen bleiben müssen. Die Anlegestellen sind teilweise zerstört worden, sodass die Fähren zur Insel frühestens morgen Abend wieder auslaufen.“

„Nehmt euch Zeit. Nur keine Sorge, hier ist alles okay. Freut euch über Dads gute Ergebnisse. Feiert ein bisschen. Ich sag den Großeltern Bescheid.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Collection Baccara Band 325" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen