Logo weiterlesen.de
COLLECTION BACCARA, BAND 324

YVONNE LINDSAY

Rache kann so sexy sein!

Endlich – der Tag der Rache! Wade Collins frohlockt, als seine Jugendfreundin Piper nach Auckland zurückkehrt. Damals hat sie ihre heiße Affäre beendet, ihn betrogen und verlassen. Seitdem hat er im Hintergrund die Fäden ihres Lebens gezogen. Und jetzt muss sie ihm geben, was den Fortbestand seiner traditionsreichen Familie garantiert: ein Baby …

KATHERINE GARBERA

Liebe – live on air

Nacht für Nacht geht ihre Stimme ihm unter die Haut: In der Mitternachtssendung „Miss Lonely Hearts“ klingt diese Lauren Belchoir zu sexy. Gern möchte der Produzent Jack Montrose sie mal persönlich kennenlernen! Und dann bringt ein verrückter PR-Gag sie überraschend zusammen. Ein Blick genügt, und Jack weiß: Live ist Lauren noch verführerischer …

ANNA DEPALO

Brave Mädchen küssen heißer

Tarn dich als Groupie, schlägt ihre Schwester vor, und obwohl Summer eigentlich schüchtern ist, folgt sie dem Rat. Denn von dem Interview mit Rockstar Zeke Woodlow hängt ihre Karriere als Reporterin ab. Doch als sie sexy gestylt die Garderobe des berühmt-berüchtigten Stars betritt, erfasst sie ein sinnliches Verlangen, das sie alles andere vergessen lässt …

IMAGE

Rache kann so sexy sein!

1. KAPITEL

„Er ist tot?“

Wade sah Piper skeptisch an. Was für eine gute Schauspielerin sie doch sein konnte! Jeder würde ihr glauben, wie sehr sie unter dem Tod ihres Vaters litt. Dabei war sie in den letzten Jahren zu sehr mit Partys beschäftigt gewesen, um zu merken, wie schlecht es um ihren Vater gestanden hatte. Wade wurde traurig, wenn er an seinen verstorbenen Mentor und besten Freund dachte.

„Ja. Er ist vor vier Tagen gestorben“, antwortete Wade und deutete auf die Menschen, die sich im Haus aufhielten. „Das hier ist die Totenwache.“

„Er kann nicht tot sein“, erwiderte Piper schluchzend. „Du lügst!“

„Warum sollte ich meine Zeit darauf verschwenden, dich anzulügen?“

Plötzlich wurde Piper blass und verdrehte die Augen. Sofort eilte Wade zu ihr und fing sie auf, bevor sie die Stufen der Veranda herunterfallen konnte.

„Ich … ich fühle mich nicht gut“, flüsterte sie. Dann verlor sie das Bewusstsein.

Leise fluchend hob Wade sie hoch und trug sie über die Schwelle der Eingangstür.

„Mr Collins, ist alles in Ordnung?“, erkundigte sich Mr Dexter, der Butler. Er war aus dem Ballsaal herbeigeeilt, wo sich die meisten Trauergäste aufhielten.

„Miss Mitchell ist ohnmächtig geworden, als sie erfahren hat, dass ihr Vater gestorben ist“, entgegnete Wade.

„Soll ich einen Arzt rufen?“, fragte Mr Dexter.

„Nein. Ich glaube nicht, das ist nicht notwendig. Warten wir ab, wie es ihr geht, wenn sie aufwacht. Kann ich sie auf ihr Zimmer bringen?“

„Es war einer von Mr Mitchells Wünschen, dass ihr Zimmer immer für sie bereitsteht, Sir.“

„Gut. Ich bringe sie nach oben.“ Wade deutete auf die Tasche, die Piper vor der Tür hatte stehen lassen. „Könnten Sie ihre Sachen nehmen?“

„Natürlich, Sir.“

Wade trug die Tochter seines ehemaligen Chefs die Treppe hinauf. Ihm fiel auf, dass Piper federleicht war. Als er sie auf ihr Bett legte, musterte er sie von oben bis unten: Sie war sehr dünn, sah beinahe zerbrechlich aus.

„Vielleicht soll ich Mrs Dexter rufen, damit sie sich um Piper kümmert“, schlug der Butler vor, als er die Tasche abstellte.

„Ja“, erwiderte Wade, der am liebsten gar nichts mehr mit Piper zu tun haben wollte. „Das wird das Beste sein.“

Er fragte sich, warum sie gerade jetzt zurückgekehrt war. Ihm fiel ihr abgetragenes T-Shirt auf. Wofür hatte sie in den letzten acht Jahren all das Geld von ihrem Treuhandkonto ausgegeben? Ganz sicher nicht für Kleidung.

Mrs Dexter trat ins Zimmer. Er hatte sie als Haushälterin zusammen mit dem Butler übernommen, als Rex Mitchells Haus vor ein paar Jahren in seinen Besitz übergegangen war.

„Was hast du dir bloß angetan, Liebes?“, fragte die alte Frau, als sie an Pipers Bett trat. „Was ist nur aus deinem wunderschönen Haar geworden?“

„Ich glaube, das nennt man Dreadlocks“, meinte Wade spöttisch.

Als er ihr vorhin die Tür geöffnet hatte, war Piper ihm wie eine Obdachlose vorgekommen. Schon immer hatte sie versucht, durch ihr extravagantes Äußeres Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Und wieder einmal hatte sie bewiesen, dass es nur eine Person gab, für die sie sich interessierte – und das war sie selbst. Sie war stets so mit sich selbst beschäftigt, dass sie nichts von dem mitbekam, was um sie herum passierte.

Auch damals, als sie das Baby verloren hatte, war es so gewesen.

Mr Dexter betrat das Zimmer. „Mr Collins, die Gäste warten auf Sie.“

„Ich bin sofort da.“

Wade kehrte zu den Trauergästen zurück, die gekommen waren, um seinem Mentor die letzte Ehre zu erweisen. Auch wenn Rex manchmal ein Sturkopf gewesen war, hatte er ein großes Herz besessen und harte Arbeit belohnt. Außerdem hatte er seine Tochter über alles geliebt – obwohl sie ihn, ohne mit der Wimper zu zucken, im Stich gelassen hatte. All seine Macht hatte nichts genutzt, als es darum ging, sie zum Bleiben zu bewegen.

Nachdenklich schritt Wade durch den Ballsaal des Herrenhauses, das eines der bedeutendsten historischen Gebäude von Auckland war. Höflich bedankte er sich für die Kondolenzbekundungen und unterhielt sich mit alten Freunden und Geschäftspartnern. Er gab alte Geschichten über Rex zum Besten, die so manchen zum Schmunzeln brachten. Doch irgendwann gingen alle, und Wade war allein. Nur seine Angestellten und Piper befanden sich noch im Haus.

Er fragte sich, wann sie aufwachen würde. Nicht, dass er es eilig hatte. Das Gespräch mit ihr würde bestimmt alles andere als angenehm werden.

Seufzend ging er in die Bibliothek, schenkte sich ein Glas Cognac ein und setzte sich vor den Kamin. Bevor Rex krank geworden war, hatte er mit ihm hier jeden Abend gesessen und bei einem Drink über Gott und die Welt geredet. Jetzt prostete er dem leeren Sessel zu und trank einen Schluck.

„Anscheinend hast du es kaum erwarten können, Dads Stelle einzunehmen.“

Wade schreckte zusammen. Er drehte sich um und sah Piper vor sich stehen. „Möchtest du mir Gesellschaft leisten?“

„Warum nicht?“ Sie schenkte sich selbst einen Drink ein und setzte sich Wade gegenüber in den Sessel.

Er bemerkte, dass sie geduscht und sich umgezogen hatte. Sie trug jetzt saubere Jeans und einen Pullover. Auch jetzt fiel ihm wieder auf, wie dünn sie geworden war. Ihre Gesichtszüge wirkten dadurch strenger. Sie erinnerte ihn kaum noch an das junge verwöhnte Mädchen, in das er sich vor acht Jahren verliebt hatte.

„Ich kann einfach nicht fassen, dass er wirklich tot ist“, sagte sie leise.

Das konnte er nachvollziehen. Auch er hatte sich nur schwer an den Gedanken gewöhnen können, dass Rex sterben würde, als er ihm vor anderthalb Jahren die Firma überschrieben und das Haus verkauft hatte. Der alte Mann hatte befürchtet, dass es nach seinem Tod an einen Spekulanten veräußert werden könnte.

„Das kann ich verstehen“, meinte Wade.

„Ich hätte niemals gedacht, dass er so früh sterben würde.“

„Das hat er am Anfang auch nicht. Eigentlich sind die Behandlungsmöglichkeiten bei Prostatakrebs recht gut.“

„Er hatte Krebs? Ich dachte, er ist an einem Herzinfarkt gestorben.“

„Wie kommst du drauf?“

„Ich wusste nicht, dass er krank war. Aber irgendwie erschien es mir naheliegend, dass er etwas mit dem Herzen hat. Er hat immer so viel gearbeitet.“

Tränen traten ihr in die Augen, und Wade seufzte tief. Er war immer dagegen gewesen, dass Rex ihr bei den ohnehin seltenen Telefongesprächen die Wahrheit vorenthalten hatte. Doch der alte Herr war der Meinung gewesen, sie würde es nicht verkraftet. Dabei hätte es ihm geholfen, wenn sie in seinen letzten Tagen an seiner Seite gewesen wäre.

„Ich wäre früher nach Hause gekommen, wenn ich es gewusst hätte“, fuhr sie fort.

„Vielleicht hat er es dir deswegen nicht erzählt.“

„Wie meinst du das?“, fragte sie aufgebracht.

„So, wie ich es gesagt habe. Dein Vater wollte, dass du von dir aus nach Hause zurückkommst, und nicht, weil du dich dazu verpflichtet fühlst.“

„Mit einem Wort: Ich habe ihn wieder einmal enttäuscht.“

„Das habe ich nicht gesagt.“ Seufzend wandte er den Blick ab. „Rex wollte dich immer vor allem Übel der Welt beschützen. Dazu gehörte auch, dir seine Krankheit zu verschweigen. Er wollte nicht, dass du dir seinetwegen Sorgen machst. Aber das ist jetzt alles nicht mehr so wichtig.“

„Trotzdem macht es mich traurig, dass er bis zum Ende von mir enttäuscht war“, meinte sie verbittert. „Du hingegen warst immer sein ganzer Stolz.“

Am liebsten hätte Piper ihrem Ärger Luft gemacht und Wade angeschrien. Doch sie riss sich zusammen. Als sie damals zusammen gewesen waren, hatten sie genug gestritten.

Es machte sie unglaublich traurig, dass sie ihren Vater niemals wiedersehen würde. Nie wieder würde sie seine sonore Stimme durch die Korridore des alten Hauses hallen hören oder seine herzliche Umarmung spüren. Der Gedanke trieb ihr die Tränen in die Augen.

Jetzt konnte sie nicht wiedergutmachen, was sie ihrem Vater angetan hatte. Seit ihrem vierzehnten Lebensjahr hatte sie ihm mit ihrer aufbrausenden Art Ärger bereitet. Als sie mit zwanzig ins Ausland gegangen war, hatte er das kaum verkraftet. Kein Wunder, dass er nicht gewollt hatte, dass sie nach Hause kam.

Seufzend stellte sie das Glas beiseite und legte die Füße auf den Tisch. Warum hatte ihr Vater sein Krebsleiden vor ihr verheimlicht? Das war einfach nicht in Ordnung, er hätte ihr davon erzählen müssen.

Stattdessen hatte er sich Wade anvertraut. Schon seit er als Praktikant in der Firma ihres Vaters angefangen hatte, war Piper eifersüchtig auf ihn gewesen. Er war sozusagen der Sohn, den ihr Vater niemals hatte.

Sie hatte Wade darum beneidet, dass ihr Vater ihm so nah gestanden hatte. Und als sie versucht hatte, diese Männerfreundschaft zu stören, hatte sie es sich mit den einzigen beiden Menschen verdorben, die ihr wichtig waren.

Nachdenklich musterte sie den Mann, der ihr gegenüber saß. Wie früher weckte sein bloßer Anblick ihre Begierde. Nicht einmal seine finstere Miene konnte das verhindern. Seit ihrer gemeinsamen Zeit war er eindeutig reifer geworden. Er war ernster und er hatte etwas an Gewicht zugelegt – was ihm stand. Ganz offenkundig hatten ihm die harte Arbeit und ein gehobener Lebensstandard gutgetan.

Als sie seine linke Hand musterte, fand sie keinen Ring. Aber was ging es sie auch an? Er hatte ihr ja mehr als deutlich gemacht, dass er nicht mehr an ihr interessiert war. Doch sie hatte sich vorgenommen, ihre Fehler aus der Vergangenheit wiedergutzumachen. Damals hatte sie mehr von Wade verlangt, als er zu geben imstande gewesen war. Es tat ihr leid, dass sie ihn gezwungen hatte, zwischen ihr und ihrem Vater zu wählen.

„Es tut mir leid“, sagte sie. „Ich weiß, wie viel mein Dad dir bedeutet hat und wie nahe ihr euch gestanden habt. Du bist bestimmt sehr traurig.“

Wade sah sie überrascht an. „Das stimmt.“

Unter seinen Augen zeichneten sich dunkle Ringe ab. Nie zuvor hatte sie ihn so erschöpft gesehen.

„Hat er gelitten?“, wollte sie wissen.

Wade schüttelte den Kopf. „Nur insofern, als er nicht mehr tun konnte, wonach ihm der Sinn stand. Das medizinische Personal hat alles getan, um ihm seine letzten Tage so angenehm wie möglich zu gestalten. Er war bis zum Ende zu Hause und wurde rund um die Uhr betreut.“

„Danke, dass du für ihn da warst.“

„Er hätte es für mich genauso getan. Außerdem war ich gern an seiner Seite.“

Erneut kritisierte er sie indirekt. Er erinnerte sie daran, dass sie nicht für ihren Vater da gewesen war. Doch sie wollte sich nicht herausreden. Sie konnte nicht ungeschehen machen, was passiert war. Es war Zeit für einen Neuanfang.

„Ich bin wirklich froh, dass du ihm beigestanden hast“, meinte sie. „Bestimmt hat es ihm viel bedeutet. Er hat dich sehr geschätzt.“

„Ich ihn auch.“

„Was passiert jetzt mit der Firma?“

„Wie meinst du das?“, fragte er verwundert.

„Wer kümmert sich jetzt um alles?“

„Ich. Als dein Vater wusste, dass er sterben würde, haben wir eine Vereinbarung getroffen. Vor etwa anderthalb Jahren habe ich die Geschäftsführung übernommen.“

„Wirklich?“ Piper war überrascht. „So früh hat er das Zepter aus der Hand gegeben?“

„Er hatte keine Wahl. Die Behandlung vor Ort und im Ausland war sehr zeitintensiv. Doch er hat sich bis zum Ende für seine Firma interessiert. Du weißt ja, wie er war.“

Und wo war Piper vor anderthalb Jahren gewesen? In Somalia vielleicht? Nein, in Kenia. Sie hatte dort in einer Frauenklinik gearbeitet. Danach war sie nach Asien gereist, um Opfern einer Flutkatastrophe zu helfen. Als sie diese Arbeit beendet hatte, war sie ins nächste Land gezogen, um Familien nach einem Erdbeben zu unterstützen. Sie war überall gewesen – nur nicht bei ihrem sterbenden Vater.

Plötzlich spürte sie die Anstrengungen der letzten Tage. Sie unterdrückte ein Gähnen.

„Immer noch müde?“

„Ja. Ich war über sechsunddreißig Stunden unterwegs. Das war zu viel für meinen Körper.“

„Geh doch nach oben auf dein Zimmer. Ich gebe Mrs Dexter Bescheid, dass sie dir etwas zu essen bringt.“

Piper schnaubte. Das hier war ihr Haus. Warum dachte er, dass er den Gastgeber spielen musste? Doch sie erinnerte sich an ihre Vorsätze. Sie wollte fortan ein besserer Mensch sein. Deshalb schluckte sie ihre Wut herunter und stand auf. „Das brauchst du nicht. Ich hole mir etwas aus der Küche.“

Als sie ihre müden Gelenke streckte, bemerkte sie, dass Wade sie aufmerksam beobachtete. Durch ihren ganzen Körper lief ein erotischer Schauer. Nach wie vor schaffte er es, sie vollkommen durcheinanderzubringen. Ging es ihm genauso? Einen Moment lang sahen sie einander an. Sie errötete, als sie in seinen Augen Begierde las. Doch im nächsten Moment war sein Blick wieder unbeteiligt und distanziert.

Rasch sammelte sie sich und reichte ihm die Hand. „Danke für das, was du heute Abend auf die Beine gestellt hast.“

Er erhob sich und schüttelte ihr die Hand. „Das war ich Rex schuldig.“

„Ich weiß es sehr zu schätzen.“

Rasch ließ er ihre Hand los – als dürfte er sie keine Sekunde länger berühren.

„In Ordnung“, sagte Piper. „Ich glaube, ich gehe heute früh schlafen. Morgen ist bestimmt viel zu tun.“

Als Wade keine Anstalten machte, zur Tür zu gehen, sah Piper ihn fragend an. „Gibt es noch etwas?“

Ein flüchtiges Lächeln huschte über seine Lippen. „Nein. Gute Nacht.“

Sie beobachtete, wie er den Raum verließ. Doch anstatt zur Tür zu gehen, machte er sich auf den Weg nach oben.

„Wohin gehst du?“, wollte sie wissen.

„Auf mein Zimmer.“

„Auf dein Zimmer?“

„Ich wohne hier.“

„Hör mal, ich weiß zu schätzen, dass du dich um meinen Vater gekümmert hast, aber ich wäre dir dankbar, wenn du mich jetzt allein lassen würdest. Ich brauche Zeit, um das alles zu verarbeiten.“

„Du kannst so lange bleiben, wie du möchtest.“

„Wie bitte?“

„Du hast richtig gehört.“

Langsam ging ihr die Geduld aus. Reichte es nicht, dass sie einander zum ersten Mal seit ihrer Trennung wiedersahen – ganz zu schweigen von der Tatsache, dass ihr Vater gestorben war? Sie hatte keine Nerven für Wades Spielchen!

„Nach allem, was passiert ist, sollten wir besser getrennte Wege gehen“, meinte sie ungeduldig.

„Wahrscheinlich wäre das am besten.“ Er zuckte mit den Schultern. „Aber du scheinst mich missverstanden zu haben. Ich wohne nicht nur hier, das hier ist mein Haus. Du bist mein Gast.“

„Ist das dein Ernst?“

Das Haus gehörte ihm? Wie war das möglich? Das Anwesen war Mitte des neunzehnten Jahrhunderts von ihren Vorfahren erbaut und von einer Generation zur nächsten weitergegeben worden. Hatte Wade ihrem Vater das Haus etwa abspenstig gemacht, als der bereits von seiner Krankheit geschwächt gewesen war?

„Es ist nicht der beste Zeitpunkt, um über dieses Thema zu reden“, meinte er. „Es war ein anstrengender Tag. Lass uns bis morgen warten.“

„Auf keinen Fall!“, gab sie verärgert zurück. „Wir werden das jetzt sofort besprechen.“

„Wenn du darauf bestehst.“ Er ging zu ihr zurück und deutete auf die Sessel. „Komm, setzen wir uns.“

Piper nahm Platz und kam sofort auf den Punkt. „Ich möchte genau wissen, wie du das Haus meiner Vorfahren erstanden hast.“

„Mach jetzt kein Drama daraus. Das bringt nichts.“

Drama? Er konnte sich gar nicht vorstellen, wie es innerlich in ihr aussah!

Doch bevor sie etwas entgegnen konnte, fuhr er fort: „Als dein Vater krank wurde, haben wir eine finanzielle Vereinbarung getroffen. Die Ärzte haben deinem Vater wenig Hoffnung gemacht. Deshalb hat er sich auf alternative Heilverfahren im Ausland konzentriert.“

„Was für eine Art von Vereinbarung war das? Und warum war das überhaupt notwendig? Meine Familie hatte nie Geldprobleme.“

Er sah sie ernst an. „Früher vielleicht.“

„Was? Machst du mich jetzt etwa dafür verantwortlich? Ich habe meinen eigenen Treuhandfonds. Meinem Vater habe ich nie auf der Tasche gelegen.“

Seufzend fuhr Wade sich durchs Haar. „Es dreht sich nicht immer alles nur um dich, Piper. Wenn du dich beruhigt hast, erzähle ich dir, wie es zu der Vereinbarung gekommen ist.“

„Na gut. Ich beruhige mich.“

„Rex hat seine ganze Kraft darauf konzentriert, den Krebs zu besiegen – und das, obwohl die Ärzte alles andere als optimistisch waren. Er war fest entschlossen zu kämpfen. Der finanzielle Aufwand dafür war ihm egal. Und glaub mir, die Behandlungen haben Unsummen verschlungen. Vielleicht hast du es nicht mitbekommen, aber vor ein paar Jahren hat die Branche eine schwere Finanzkrise getroffen. Auch unsere Firma hat darunter gelitten. Deshalb musste Rex viel von seinem Privatvermögen opfern, um das Unternehmen zu retten.“

„Und was ist mit deinem Vermögen?“, fragte sie unverblümt.

„Rex wollte nicht, dass ich mich beteilige. Du weißt ja, Mitchell Exports war immer sein Baby.“

Das wusste sie besser als jeder andere. Daddys Firma hatte immer an erster Stelle gestanden. Sie als seine Tochter hatte dabei das Nachsehen gehabt.

„Er hat also Geld für seine Behandlung gebraucht?“, hakte sie nach.

„Ja. Er hat sich geweigert, sich von mir helfen zu lassen – obwohl ich es ihm angeboten habe. Stattdessen hat er sich Geld von mir geliehen und mir dafür Firmenanteile überschrieben. Später wollte er es zurückbezahlen.“

„Die Firma ist Millionen wert.“

„Sein Überlebenswille war ungemein stark. Er war bereit, alles zu tun, um seine Krankheit zu besiegen. Und damals hat er wirklich daran geglaubt.“

„Er wusste, dass du dich gut um die Firma kümmern würdest.“

Wade nickte. „Es war ihm lieber, als die Firma irgendwelchen Spekulanten zu überlassen. Das Gleiche gilt für das Haus. Als er wusste, dass er sterben würde, hat er es mir verkauft.“

Piper wischte sich die Tränen von den Wangen. Alles, was Wade sagte, klang plausibel. Sie wusste, wie sehr ihr Vater ihm vertraut hatte. Rex hatte immer geschätzt, dass Wade so ehrgeizig und zielstrebig war – obwohl er aus einfachen Verhältnissen stammte. Er war der legitime Nachfolger ihres Vaters. Trotzdem schmerzte es sie sehr, dass Rex sein vollständiges Erbe Wade vermacht hatte – und nicht ihr.

Sie hätte an der Seite ihres Vaters sein sollen, als es ihm schlecht gegangen war. Anstatt von einem Land ins nächste zu reisen, hätte sie zu ihm kommen und ihm beistehen sollen. Doch da sie ständig unterwegs gewesen war und sich nur sporadisch gemeldet hatte, wunderte es sie nicht, dass ihr Vater sich jemanden gesucht hatte, der sich um sein Erbe kümmerte.

Trotzdem schmerzte es sie sehr, dass sie ihr Zuhause verloren hatte. Sie hatte nie ein anderes gekannt. Hoffnungslosigkeit machte sich in ihr breit. Piper war nun achtundzwanzig Jahre alt, besaß weder Job noch Unterkunft, und ihre Zukunftsaussichten waren auch nicht gerade rosig. Zwar hatte sie Zugriff auf ihr Treuhandkonto, doch das wollte sie nur im Notfall benutzen. Was sollte sie bloß mit ihrem Leben anstellen?

„Ich habe das vorhin ernst gemeint“, sagte Wade. „Rex hat mich gebeten, mich um dich zu kümmern. Du kannst so lange hierbleiben, wie du möchtest.“

Und wie lang sollte das sein? Sie war nach Neuseeland zurückgekehrt, um die Beziehung zu ihrem Vater zu kitten, die sie damals mit ihrem egoistischen Verhalten zerstört hatte. Die letzten vier Jahre als freiwillige Katastrophenhelferin hatten ihr die Augen geöffnet. Sie wusste nun, wie leer ihr Leben früher gewesen war und wie sehr sie die Menschen um sie herum verletzt hatte. Dabei hatten alle nur ihr Bestes gewollt, hatten sie geliebt – wie Wade und ihr Vater.

„Danke“, erwiderte sie leise.

Was sollte sie jetzt noch sagen? Sie war Wade ausgeliefert. Er konnte sie jederzeit aus dem Haus werfen.

„Wenn das alles ist, sage ich jetzt Gute Nacht“, gab er zurück. Er stand auf und ging zur Tür. Plötzlich drehte er sich um, als hätte er etwas vergessen. Doch schließlich schüttelte er den Kopf und setzte seinen Weg nach oben fort.

Piper atmete tief durch. Sie hatte damals eine bewusste Entscheidung getroffen, ihr Leben zu ändern. Und keiner hatte jemals gesagt, dass das einfach werden würde. Vielleicht musste sie zunächst noch einige Lektionen lernen, bevor sie ein neuer Mensch werden konnte.

Seufzend stand sie auf. Auf dem Weg zu ihrem Zimmer wollte sie kurz einen Blick in den Raum werfen, in dem ihr Vater seine letzten Tage verbracht hatte. Als sie die Tür öffnete, war Piper überrascht, dass der Raum überhaupt nicht wie ein Krankenzimmer wirkte. Er roch noch nicht einmal danach. Im Lieblingszimmer ihres verstorbenen Vaters sah sie die antiken Möbel, die hier immer gestanden hatten. Alles war so wie früher.

Traurig machte Piper einen Schritt zurück und schloss die Tür. Irgendwie sehnte sie sich nach einem Zeichen, dass ihr Vater sie tatsächlich geliebt hatte. Doch wo sollte sie das finden?

Aus der Küche waren Geräusche zu hören. Mr und Mrs Dexter waren immer noch fleißig beim Aufräumen. Sie überlegte, zu ihnen zu gehen und ihnen zu helfen, aber das Bedürfnis, allein zu sein, war stärker. Zögerlich drehte sie sich um und ging die Treppe zu ihrem Zimmer hinauf.

Piper war drei Jahre alt gewesen, als ihre Mutter gestorben war. Damals hatte ihr Vater ein Kindermädchen eingestellt. Viele Jahre lang hatte Piper ihn nur als unterkühlt und distanziert erlebt. Erst als sie erste Erfolge in der Schule erzielt hatte, war ihr Vater auf sie aufmerksam geworden. Er hatte sie angespornt, noch besser und erfolgreicher zu werden.

Doch meistens war er zu sehr mit seiner Arbeit beschäftigt gewesen, um Notiz von seiner Tochter zu nehmen. Dabei hätte sie ihm so gern gezeigt, wie viel in ihr steckte. Sie hatte ihm beweisen wollen, dass sie vielleicht sogar eines Tages in seiner Firma arbeiten konnte. Doch letztendlich hatte er Piper nur das Gefühl vermittelt, nicht gut genug zu sein. Deshalb hatte sie sich darauf beschränkt, die verwöhnte Tochter zu spielen. Eine Rolle, die sie über die Jahre perfektioniert hatte.

In Gedanken versunken ging sie an ihrem Zimmer vorbei und blieb vor dem langjährigen Zimmer ihres Vaters stehen. Die Tür stand offen. Zögerlich trat Piper ein und wurde sofort von Erinnerungen an ihren Vater überwältigt. Alles war so typisch Rex. Die Möbel, die Bücher und selbst der Geruch des Zimmers. Piper ging zu einem Schrank, öffnete ihn und holte einen Morgenmantel heraus. Sie vergrub das Gesicht darin. Wie sehr der Mantel immer noch nach ihrem Vater roch!

„Alles in Ordnung?“

Als sie sich umdrehte, sah sie Wade in der Tür stehen. Er hatte das Jackett und die Krawatte ausgezogen und wirkte im gedämpften Licht fast etwas unheimlich. Erst jetzt bemerkte sie, dass sein Hemd offen stand. Fast sehnsüchtig starrte sie auf seine nackte Brust. Doch sogleich schüttelte sie leicht den Kopf und zwang sich zur Besinnung. Nach allem, was zwischen ihnen geschehen war, durfte sie keine Gefühle mehr zulassen. Stattdessen sollte sie beginnen, die Vergangenheit aufzuarbeiten und ihre Fehler wiedergutzumachen.

„Es geht mir gut“, antwortete sie. „Ich vermisse ihn nur. Warum hat er mir nicht die Chance gegeben, mich von ihm zu verabschieden?“

Wade zögerte. Sie spürte, dass er ihr etwas verschwieg.

„Wie ich schon sagte: Er wollte nicht, dass du das alles durchmachen musst“, erklärte er schließlich. „Vielleicht hatte es auch etwas mit Stolz zu tun. Wahrscheinlich wollte er, dass du ihn als den starken Mann in Erinnerung behältst, der er immer war.“

„Er hat nie wirklich erwartet, dass ich zurückkehre, oder?“

Zögerlich schüttelte Wade den Kopf. „Nein, wahrscheinlich nicht. Trotzdem hätte er sich gefreut, wenn du bei ihm gewesen wärst.“

2. KAPITEL

Piper wirkte so verwundbar, wie sie da im Zimmer ihres Vaters stand und seinen Morgenmantel in Händen hielt, als sei er eine Kostbarkeit. Es war ihr anzusehen, wie sehr sie mit dem Tod ihres Vaters zu kämpfen hatte. Wade ging es nicht anders. Obwohl er sich von Rex in aller Ruhe hatte verabschieden können, ging ihm der Tod des alten Mannes sehr nahe.

Am liebsten wollte er zu Piper gehen und sie trösten. Doch er konnte die Vergangenheit nicht einfach vergessen. Sie stand immer noch zwischen ihnen. Zu viele Dinge waren geschehen. Wade konnte nicht so tun, als wäre nichts gewesen. Als Piper damals einfach gegangen war, hatte er sich geschworen, dass sie dafür bezahlen würde.

Trotzdem sehnte er sich danach, sie zu berühren und zu streicheln. Er hatte sie einmal sehr geliebt. Und obwohl diese Zeit lange her war, fühlte er sich nach wie vor zu Piper hingezogen. Er riss sich zusammen. Zu groß war das Risiko, erneut von ihr verletzt zu werden.

Bei ihrem letzten Streit hatte sie mehr als deutlich gemacht, dass sie Wade nicht brauchte. Und er konnte sich nicht vorstellen, dass sich das geändert hatte. Erneut würde er sich jedenfalls nicht von ihr zum Narren halten lassen. Sie hatte schon zu oft seine Gefühle verletzt.

Wade musste sich nun darauf konzentrieren, wie es nach Rex’ Tod weitergehen sollte. Auf ihm lastete viel Verantwortung.

„Ich bin damit betraut worden, mich um die Sachen deines Vaters zu kümmern“, sagte er. „Willst du mir dabei helfen?“

Geistesabwesend nickte sie.

„Ich weiß, dass heute ein schwerer Tag für dich war“, fuhr er fort. „Warum gehst du nicht ins Bett? Morgen kümmern wir uns um alles.“

„In Ordnung. Aber wirf nichts weg, bevor ich es mir nicht angesehen habe.“

Befehle konnte sie anscheinend immer noch erteilen. Das hatte sich nicht geändert. „Klar“, erwiderte er. „Übrigens kommt morgen Rex’ Anwalt ins Haus und wird das Testament deines Vaters verlesen. Du solltest die Gelegenheit nutzen, um zu erfahren, was Rex dir hinterlassen hat.“

Sie nickte. „Ich werde da sein.“

Piper ging zur Tür, und Wade trat einen Schritt zur Seite. Doch dann blieb sie mit einem Fuß am Teppich hängen und stolperte direkt in seine Arme.

Überrascht sah er in ihre traurigen Augen.

„Danke“, sagte sie rasch. „Ich sollte keine Gewohnheit daraus machen.“

„Das wäre zu gefährlich.“ Es war beunruhigend, wie sehr er ihre Nähe genoss. Langsam legte er die Hände auf ihre Schultern. Wie einfach wäre es, Piper in diesem Moment zu küssen?

Er spürte ihre Brüste an seinem Oberkörper. In diesem Moment erwachte eine lang vergessene Lust in ihm. Sie schien ebenfalls nicht immun gegen ihn zu sein. Ihr Atem ging flach und unregelmäßig, und in ihren Augen konnte Wade erkennen, dass auch sie sich nach seinen Küssen sehnte.

Doch er durfte es nicht zulassen. Auch wenn die Versuchung sehr groß war, er musste Stärke beweisen. Er durfte nicht zulassen, dass sie ihn erneut um den Finger wickelte. Diesmal saß er am längeren Hebel. Und das würde er sie bald genug spüren lassen.

Sanft schob er sie weg und sah sie durchdringend an.

Sie wich einen Schritt zurück. In den Händen hielt sie weiterhin den Morgenmantel. Mit einer Hand strich sie leicht über Wades Haar. „Bis morgen.“

„Morgen?“

„Ja. Wir wollten uns doch mit dem Anwalt treffen. Wann soll ich da sein?“

„Er kommt am späten Vormittag.“

„Gut, wir sehen uns wahrscheinlich ohnehin beim Frühstück.“ Damit schlüpfte sie an ihm vorbei und ging zu ihrem Zimmer.

Er schaute ihr hinterher, wie sie anmutig aus dem Zimmer ging und die Hüften dabei schwang. Piper war noch immer unglaublich sexy. Doch er durfte sich nicht mehr von seinen Gefühlen leiten lassen. Das nahm er sich fest vor.

Piper saß auf ihrem Bett, einen Finger an den Lippen. Sie war sich sicher gewesen, dass Wade sie küssen würde. Die Begierde in seinen Augen war unübersehbar gewesen. Sie selbst hatte gespürt, wie die Lust in ihr erwacht war. So intensive Gefühle hatte sie lange nicht mehr erlebt.

Sie wusste genau, dass er sich ebenfalls nach ihr sehnte. Weshalb hatte er nicht den nächsten Schritt getan? In einem Moment war er Feuer und Flamme für sie gewesen und im nächsten wieder so kühl und sachlich wie zuvor.

Seufzend stand sie auf und ging im Zimmer umher. Sie sehnte sich nach einer leidenschaftlichen Nacht mit Wade. Doch dazu würde es nicht kommen. Sie durfte es nicht zulassen, es würde nur zu neuen Komplikationen führen. Genau das wollte sie verhindern. Sie hatte sich vorgenommen, mit ihrem alten Leben abzuschließen. Und dazu gehörte auch die Beziehung mit Wade. Sie wollte ein neuer Mensch werden. Wollte nicht länger selbstbezogen andere verurteilen, sondern versuchen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Es schmerzte sie sehr, dass ihr Vater das nicht mehr miterleben würde. Er hatte sie sehr geliebt, aber nie ihr wahres Potenzial erkannt. Es tat ihr unendlich leid, dass sie ihm nicht mehr zeigen konnte, was in ihr steckte. Sie konnte es nur noch sich selbst beweisen.

Verzweifelt schüttelte sie den Kopf. Wie sollte sie sich jemals beweisen, wenn es ihr noch nicht einmal wirklich gelang, Wade zu widerstehen?

Sie musste ihr Leben grundlegend verändern, doch das würde nicht einfach werden.

Jetzt musste sie erst mal etwas Schlaf finden. Sie war nach wie vor erschöpft von der langen Reise. Morgen würde ein anstrengender und wichtiger Tag werden. Das Gespräch mit dem Anwalt ihres Vaters stand bevor. Sie war gespannt, was er ihr erzählen würde.

Als sie ins Bad ging, war sie erneut überrascht, wie sehr sie eigentlich selbstverständliche Dinge wie fließendes Wasser, eine Toilettenspülung oder eine Badewanne faszinierten. Aber nach Jahren des kargen Lebens in Entwicklungsländern war das kein Wunder. Als sie schließlich todmüde ins Bett sank, schlief sie fast augenblicklich ein.

Am nächsten Morgen wachte sie mit Tränen auf den Wangen auf. Sie hatte von ihrem Vater geträumt. Die Tatsache, dass er nie wirklich gesehen hatte, was in ihr steckte, erschütterte sie nach wie vor. Rasch wischte sie die Tränen weg und stand auf. Sie musste jetzt stark sein und sich auf die Zukunft konzentrieren.

Voller Vorfreude ging sie ins Bad und nahm eine ausgiebige Dusche. Welche Annehmlichkeiten die Zivilisation doch bot! Trotz allem, was geschehen war, fühlte es sich gut an, wieder zu Hause zu sein.

Doch sogleich erinnerte sie sich daran, dass es gar nicht mehr ihr Zuhause war. Sie war hier nur ein Gast. Diese Neuigkeit hatte sie gestern Abend schockiert. Hoffentlich gab es keine weiteren unliebsamen Überraschungen.

Nachdem sie im Bad fertig war, ging sie ins Schlafzimmer und öffnete die Schubladen. Aber zu ihrer Verwunderung fand sie ihre Kleidung nicht. Dabei war die Tasche leer. Irgendjemand musste die Sachen gestern ausgepackt haben, und Piper hatte keine Ahnung, was mit ihnen geschehen war. Vielleicht hatte Mrs Dexter sie gewaschen. Bestimmt war sie schockiert gewesen, als sie die ausgeblichenen T-Shirts und Jeans gesehen hatte.

Piper zuckte mit den Schultern und nahm saubere Unterwäsche aus einer Schublade. Sie passte ihr zwar nicht ganz, aber es war besser als nichts. Auf einen BH verzichtete sie, da sie ihr alle zu groß waren.

Als sie sich umdrehte und sich im Spiegel betrachtete, erschrak sie beinahe. In den letzten Jahren hatte sie viel Gewicht verloren. Die harte Arbeit und die spärlichen Mahlzeiten hatten ihre Spuren hinterlassen. Sie öffnete den Schrank und fand zu ihrer großen Überraschung alles so vor, wie sie es vor mehreren Jahren zurückgelassen hatte: ordentlich und nach Farbe und Anlass sortiert. Ihr fiel auf, dass die Sachen kürzlich gewaschen worden waren. Aber warum, wenn niemand Piper erwartet hatte?

Sie wählte ein unauffälliges Oberteil und eine graue Hose. Damals hatten sie ihr perfekt gepasst, heute war der Hosenbund viel zu weit. Dennoch, als sie sich im Spiegel betrachtete, war sie einigermaßen zufrieden mit ihrem Äußeren. Nur die Haare passten nicht. Rasch griff sie nach einem Haargummi und band ihre Dreadlocks zu einem Pferdeschwanz zusammen. Für das Treffen mit dem Anwalt sollte es reichen.

Schließlich zog sie High Heels an. Die ersten Schritte darin waren etwas wacklig. Wie hatte sie damals täglich solche Schuhe anziehen können?

Vorsichtig ging sie die Treppe hinunter und suchte im Speisesaal nach Wade. Doch er war weder hier noch in der Küche.

„Suchst du Mr Collins?“, fragte Mrs Dexter lächelnd, als sie Piper eine Tasse ihres Lieblingstees am Esstisch servierte.

„Ja. Wir haben heute einen Termin.“

„Er musste heute Morgen früh ins Büro. Es gab wohl irgendwelche Komplikationen. Er lässt dir ausrichten, dass er einen Wagen schickt, der dich zum Büro von Mr Chadwick bringt.“

„Danke.“

Komischerweise war Piper etwas enttäuscht, dass Wade das Haus verlassen hatte. Aber da er eine Firma leitete, konnte Piper nicht erwarten, dass er sich ständig um sie kümmerte.

„Dexie, weißt du, was mit den Sachen aus meiner Tasche passiert ist?“, fragte Piper.

„Ja.“ Mrs Dexter rümpfte angewidert die Nase. „Ich habe sie meinem Mann gegeben, damit er sie verbrennt. Deinem Vater hätte nicht gefallen, dass du so herumläufst.“

Am liebsten wollte Piper sagen, dass ihr das egal war. Doch sie verbiss sich den Kommentar. Eigentlich war sie nach Hause gekommen, um ihr Leben wieder in den Griff zu kriegen. Doch zumindest, was ihre Kleidung anging, war gerade das Gegenteil davon eingetreten.

„Außerdem besitzt du einen Schrank voller wunderschöner Kleider“, fuhr Mrs Dexter fort und musterte Piper. „Es freut mich, dass du wieder fast wie früher aussiehst. Nur dein Haar ist anders.“

Piper lächelte. „Gefällt es dir nicht?“

„Mr Mitchell hätte so etwas niemals erlaubt.“

Pipers Lächeln verblasste. Nein, das hätte er bestimmt nicht. Er hätte nicht verstanden, dass es die einfachste Lösung gewesen war. Piper hatte unter den gegebenen Umständen oft nicht die Möglichkeit gehabt, ihr Haar zu pflegen. Doch da sie jetzt wieder zu Hause war, sollte sie vielleicht etwas daran ändern. Zuerst musste sie allerdings den Termin hinter sich bringen.

„Finden Sie sich damit ab“, sagte der Anwalt ihres Vaters nüchtern.

„Wie kann es sein, dass mein ganzes Geld weg ist?“, fragte Piper ungläubig. „Als ich Auckland verlassen habe, war mein Konto gut gefüllt. Es besteht seit dem Tod meiner Mutter, und ich konnte bisher gut von den Zinsen leben. Ich kann doch nicht das ganze Geld ausgegeben haben.“

„Nein, Miss Mitchell, das haben Sie nicht. Aber Sie sind nicht vernünftig damit umgegangen. Sie hätten es besser anlegen müssen.“

Piper war verzweifelt. Seit ihrer Rückkehr folgte eine Hiobsbotschaft der nächsten. „Es war mein Geld“, protestierte sie.

„Natürlich“, erwiderte der alte Mann besänftigend.

„Wo ist es?“

„Wie bitte?“

„Das Geld!“

„Da Ihr Vater der Verwalter Ihres Kontos war, wurde es sorgfältig geführt. Über die Jahre hat er den Fonds mehrmals angepasst. Doch Sie müssen bedenken, dass wir eine schwere Finanzkrise hinter uns haben. Selbst Fonds, die als sicher galten, haben sehr unter der Krise gelitten. So ist es gekommen, dass Sie hohe Beträge verloren haben.“

Piper schüttelte den Kopf. Sie konnte nicht fassen, was sie da hörte. Ihr Vater war immer vorsichtig mit Finanzinvestitionen gewesen.

„Heißt das, ich habe gar nichts mehr?“, wollte sie wissen.

„Es tut mir sehr leid.“

„Aber was ist mit dem Vermögen meines Vaters?“

„Miss Mitchell, Ihr Vater hat den Großteil seiner Ersparnisse genutzt, um seine Firma vor dem Bankrott zu retten. Den Rest hat er für seine aufwendige Behandlung ausgegeben.“

Alles, was Wade ihr gestern Abend erzählt hatte, entsprach der Wahrheit. Und insgeheim wünschte sie sich, sie könnte ihn für alles verantwortlich machen. Doch ihn traf keine Schuld. Er war ihrem Vater bis zum Schluss treu geblieben.

„Mr Collins war wirklich sehr großzügig“, fuhr der Anwalt fort. „Er hat Ihrem Vater sehr geholfen – nicht nur finanziell. Er hat ihm auch ein lebenslanges Wohnrecht im Haus gewährt.“

Piper schluckte. „Und was ist mit der Kunstsammlung meiner Mutter? Eigentlich sollte sie mir vermacht werden. Was ist damit passiert?“

Obwohl ihr der Gedanke missfiel, auch nur ein einzelnes Kunstwerk zu verkaufen, blieb ihr wohl nichts anderes übrig. So konnte sie wenigstens an etwas Geld kommen.

„Die Kunstsammlung Ihrer Mutter ist im Besitz von Mr Collins“, erklärte der Anwalt. „Er hat sie an die Sydney Art Gallery verliehen.“

Piper starrte den Anwalt entsetzt an. „Warum hat mein Vater das zugelassen? Ich sollte die Kunstwerke erben.“ Sie versuchte sich ihre Panik nicht anmerken zu lassen. Ohne die Kunstsammlung besaß sie wirklich nichts mehr.

„Ihre Mutter hat vor ihrem Tod verfügt, dass Ihr Vater sich um die Kunstwerke kümmern sollte. Zwar hatte sie den Wunsch geäußert, dass sie Ihnen vermacht werden, aber die letzte Entscheidung lag bei Ihrem Vater. Vor einigen Jahren hat er mir gegenüber erwähnt, dass er befürchtet, Sie könnten einige Kunstwerke verkaufen. Und das wollte er um jeden Preis verhindern. Dass Sie eines Tages auf die Sammlung angewiesen sein würden, konnte er nicht vorhersehen.“

Piper sackte im Stuhl zusammen. Viel schlimmer konnte es nicht mehr kommen. Oder etwa doch?

„Es gibt da noch etwas“, fügte der Anwalt ernst hinzu.

Piper richtete sich auf. Ihr gefiel nicht, wie ihr Gegenüber das sagte. „Erzählen Sie es mir!“

„Ihr Treuhandkonto wurde im Lauf der Jahre mehrmals überzogen. Da Mr Collins sich ab einem bestimmten Zeitpunkt um die Finanzen Ihres Vaters kümmerte, hat er das Konto jedes Mal ausgeglichen.“

„Um wie viel Geld handelt es sich?“

Der Anwalt nannte eine Summe, bei der Piper schlecht wurde.

„Er hat mehrere Hunderttausend Dollar auf mein Konto überwiesen?“, hakte sie nach.

Demnach hatte Wade die Spenden für die Schulen und Krankenhäuser bezahlt.

„Natürlich wusste Ihr Vater davon“, fuhr Chadwick fort. „Und er hat darauf bestanden, Mr Collins das Geld mit Zinsen zurückzuzahlen, sobald sich seine finanzielle Situation verbessert haben würde.“

„Wollen Sie damit sagen, dass das Geld nie zurückgezahlt worden ist?“

„Richtig. Bisher hat Mr Collins auf eine Rückzahlung verzichtet.“

Piper verstand nicht, warum Wade das getan hatte. „Er hat keinen einzigen Dollar zurückgefordert?“

„Bisher nicht.“

„Bisher?“, stieß sie hervor. „Will er denn, dass ich ihm das Geld jetzt zurückbezahle?“

„Ja. Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass er den vollständigen Betrag mit Zinsen fordert.“

Mit Zinsen? Piper spürte, wie die Wut in ihr hochstieg. Kein Wunder, dass Wade bei dem Termin nicht dabei sein wollte. Diese Ratte!

„In Ordnung“, sagte sie mit zusammengebissenen Zähnen. „Verraten Sie mir, wann genau Wade Collins Ihnen das mitgeteilt hat?“

„Heute Morgen.“

Unglaublich! Während sie geschlafen hatte, war er mit Mr Chadwick in Kontakt getreten, um diese unverschämte Forderung geltend zu machen.

Piper rang sich ein Lächeln ab, dann stand sie auf und reichte dem Anwalt die Hand.

„Kann ich noch etwas für Sie tun, Miss Mitchell?“

„Danke, nein. Nur ein Wunder kann mich retten.“

Als sie das Gebäude verließ, stand da der Wagen, den Wade geschickt hatte, um sie abzuholen. Am liebsten wollte sie nie wieder in das Haus zurückkehren. Doch wo sollte sie hingehen?

So stieg sie ein und ließ sich zurückfahren. Als der Fahrer sie herausgelassen hatte, betrachtete sie nachdenklich das Haus, in dem sie aufgewachsen und in dem ihr Vater gestorben war. Sie musterte die hölzerne Fassade des Gebäudes und die Veranda, die es umgab. Obwohl es ihr so viel bedeutete, war sie hier nur noch ein Gast.

Jetzt hatte sie nicht nur keinen Job und kein Zuhause, sondern auch kein Geld mehr. Selbst ihre Kleidung hatte Mr Dexter verbrannt.

Seufzend betrat sie das Haus und erschrak, als sie Wade im Flur stehen sah.

„Wade, ich habe nicht mit dir gerechnet.“

„Ich bin früher im Büro fertig geworden, als ich gedacht habe.“

Sie fragte sich, wie er sich das alles vorstellte. Wie sollte sie ihm das ganze Geld jemals zurückzahlen? Immerhin war sie aus dem Ausland zurückgekehrt, bevor die Summe noch weiter steigen konnte.

„Stimmt es?“, wollte sie wissen.

„Ich nehme an, das Gespräch mit dem Anwalt war wenig erfreulich.“

„Das kann man so sagen.“

„Wir sollten miteinander reden.“

„Unbedingt!“, gab sie verärgert zurück.

Er führte sie in den Salon, wo sie in den Sesseln Platz nahmen.

Piper beschloss, nicht lange um den heißen Brei herumzureden. „Es scheint, als würde ich dir ein wenig Geld schulden“, sagte sie ruhig. Auf keinen Fall sollte er merken, wie sehr es in ihr brodelte.

Zu ihrer Überraschung lachte Wade. „Eines muss man dir lassen, Piper: Du bist wirklich eine Meisterin der Untertreibung.“

Sie ignorierte seinen Kommentar. Natürlich wusste sie, dass er die Zügel in den Händen hielt. Sie bereitete sich auf das Schlimmste vor.

„Hat Mr Chadwick dich über die Summe aufgeklärt, die du mir schuldest?“, fragte er ernst.

„Ja.“

„Und hat er erwähnt, dass die Rückzahlung fällig ist?“

„Mit Zinsen.“

„Mit Zinsen“, wiederholte er und lehnte sich im Sessel zurück.

„Ich brauche Zeit.“

„Tatsächlich?“

„Ja“, antwortete sie verärgert. Mittlerweile konnte sie ihre Wut nicht mehr verbergen. „Ich brauche Zeit, um mich einzuleben und einen Job zu finden. Wie soll ich dir das Geld zurückzahlen, wenn ich keinen Cent besitze?“

„Natürlich kannst du das nicht.“

„Nein?“

„Du hast keinen Universitätsabschluss – obwohl du mit Leichtigkeit einen geschafft hättest. Außerdem verfügst du über keinerlei Berufserfahrung. Ich glaube nicht, dass du überhaupt einen Job findest. Der Arbeitsmarkt ist hart umkämpft. Härter als je zuvor. Selbst die Supermärkte können sich vor Bewerbern kaum retten. Wieso glaubst du, dass du größere Chancen hast als all die anderen gut ausgebildeten Bewerber?“

„Ich habe nicht behauptet, dass ich besser bin als die anderen.“

„Nein. Jedenfalls nicht in der letzten Zeit.“

Piper kochte innerlich vor Wut. Sie wusste genau, worauf er sich bezog. Als er sich geweigert hatte, das Praktikum bei ihrem Vater abzubrechen und mit ihr ins Ausland zu gehen, hatte sie sich benommen wie eine wahre Furie. Sie hatte verlangt, dass er seine Liebe zu ihr unter Beweis stellte – dass er ihr zeigte, wie viel mehr sie ihm wert war als sein Job. Als er abgelehnt hatte, war sie explodiert und hatte ihm Dinge an den Kopf geworfen, an die sie sich besser nicht erinnerte. Kein Wunder, dass er das nicht vergessen hatte.

„Das alles tut mir sehr leid, Wade. Wirklich. Ich war damals jung und stur. Heute weiß ich, dass es falsch war.“

„Wieso sollte ich glauben, dass du dich verändert hast?“ Wade bezweifelte, dass sie wirklich ein anderer Mensch geworden war. Damals hatte er gehofft, dass sie wieder nach Hause kommen würde. Doch leider hatte sie ihm diesen Beweis ihrer Liebe nicht erbracht. Stattdessen hatte sie ihr gemeinsames Baby abgetrieben und ihre Beziehung für immer zerstört. In den acht Jahren, die seit damals vergangen waren, hatte sie sich nicht ein einziges Mal bei ihm gemeldet.

„Ich habe mich verändert“, beharrte sie mit lauter Stimme. „Das Geld habe ich für wohltätige Zwecke verwendet.“

„Alles?“

„Nein, nicht alles. Als ich Auckland verlassen habe, war ich sehr unreif. Aber mittlerweile bin ich erwachsen geworden.“

„Es beeindruckt mich, dass du deine Fehler bereust. Trotzdem löst es nicht deine Probleme.“

„Ich brauche nur etwas Zeit.“

„Das wird dir nicht helfen.“ Er hob einen Finger, bevor sie protestieren konnte. „Da du über keinerlei Berufserfahrung verfügst und das Geld niemals auftreiben kannst, möchte ich dir ein Angebot machen.“

Neugierig beugte sie sich nach vorn. „Was für ein Angebot?“

„In den letzten Jahren habe ich sehr hart für deinen Vater gearbeitet. Seit er gestorben ist, hat sich mein Arbeitspensum noch weiter gesteigert. Deshalb fehlt mir die Zeit für eine feste Beziehung. Trotzdem wünsche ich mir einen Erben – jemanden, der all das fortführt, was ich mir erarbeitet habe. Du weißt, dass meine Mutter früh gestorben ist und mein Vater sich niemals um mich gekümmert hat. Und dass ich mir über alles Kinder wünsche, denen ich ein besserer Vater sein kann.“

Er seufzte. „Ich wäre gern wie Rex. Er hat dich immer beschützt, obwohl du ihn sehr enttäuscht hast. Vielleicht hat er es sogar etwas übertrieben mit seiner Fürsorge.“

„Wir gehen von völlig unterschiedlichen Voraussetzungen aus, Wade. Natürlich hat Dad mich unterstützt, aber nicht in den Bereichen, die mir wichtig waren. Ich musste immer um seine Aufmerksamkeit kämpfen.“

„Er war nie leicht zu beeindrucken, doch er hat dich immer geliebt. Hast du dich gefragt, warum dein Zimmer seit deiner Abreise unverändert ist? Er hat deine Kleider waschen und bügeln lassen und alles für deine Rückkehr vorbereitet. Das war seine Art, dir seine Liebe zu zeigen. Leider bist du zu seinen Lebzeiten nie nach Hause zurückgekommen.“

Wade schüttelte den Kopf. „Zurück zum Thema. Ich glaube, du weißt jetzt, dass mir eine Familie sehr wichtig ist. Ich möchte ein Kind in die Welt setzen, damit meine ganze harte Arbeit nicht umsonst war. Ich möchte mein Erbe nicht irgendjemandem vermachen, sondern meinem eigenen Fleisch und Blut.“

Zu seiner Überraschung schoss Piper aus dem Sessel hoch. „Und zu diesem Erbe gehören Dinge, die eigentlich mir zustehen. Die Kunstsammlung meiner Mutter zum Beispiel.“

„Ich kann dir alle Kaufbelege zeigen.“

„Und überhaupt“, empörte sie sich, „was habe ich mit all dem zu tun?“

Er wartete, bis sie selbst darauf kam. Es dauerte nicht lange.

„Du willst, dass ich dir ein Kind gebäre?“, stieß sie fassungslos hervor.

„Lehnst du meinen Vorschlag etwa ab?“

„Ganz genau!“

„Ich weiß, dass du dich in einer schwierigen Situation befindest. Wenn du mir ein Baby schenkst, erlasse ich dir alle deine Schulden.“ Er stand auf und ging einen Schritt auf sie zu. „Wir finden uns nicht vollkommen abstoßend. Deshalb sollte es keine so große Überwindung für uns sein.“

„Du redest hier von einem Kind! Es geht nicht um irgendein Geschäft, sondern um ein menschliches Wesen.“

„Ich weiß genau, wovon ich rede. Die Frage ist bloß, ob du meinen Vorschlag annimmst.“

Piper starrte ihn schockiert an. Hatte er überhaupt eine Ahnung, was er da von ihr verlangte? Sie war gar nicht in der Lage, ein Baby zu bekommen. Nicht jetzt – vielleicht niemals.

„Natürlich erhältst du ein Besuchsrecht“, fuhr er fort.

„Ein Besuchsrecht?“, fragte sie fassungslos.

„Ich möchte dir den Kontakt zu deinem Kind nicht verwehren.“

Er verhielt sich, als wäre alles bereits unter Dach und Fach. Als hätte sie gar keine Wahl!

„Ein Besuchsrecht steht nicht zur Debatte“, erwiderte sie nüchtern.

„Freut mich, dass du mit mir kooperierst.“

„Ich glaube, du hast mich falsch verstanden. Es steht nicht zur Debatte, weil ich kein Kind von dir bekommen werde.“

Anstatt mit ihr zu streiten, lächelte Wade bloß. Doch es lag keine Wärme darin, es war das berechnende Lächeln eines Gewinners.

Piper trat einen Schritt zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. „Was ist so komisch daran? Du kannst meine Meinung nicht ändern. Das Ganze ist lächerlich. Es ist unmöglich.“

„Unmöglich? Das glaube ich nicht.“ Er machte eine Pause und fügte ernst hinzu: „Es sei denn, du bist in der Lage, mir das Geld zurückzuzahlen.“

Seine Worte trafen sie wie ein Schlag. Natürlich konnte sie das nicht. Sie hatte nicht einmal genug Geld, um eine Nacht in einer Pension zu verbringen. Alles, was sie einst besessen hatte, gehörte jetzt ihm.

„Du weißt ganz genau, dass ich dir das Geld nicht zurückzahlen kann, du Mistkerl. Du hast mir alles genommen.“ In einer hilflosen Geste hob sie die Arme. „Mein Haus, meine Vergangenheit – selbst die Kunstsammlung meiner Mutter hast du dir unter den Nagel gerissen. Mein Vater war dir am Ende völlig ausgeliefert.“

Es machte sie traurig, dass ihr Vater all diese Dinge an Wade verkauft hatte. Sie wusste, dass er es getan hatte, weil er enttäuscht von ihr gewesen war.

„Ich habe Rex wie einen Vater geliebt“, meinte Wade. „Wenigstens war ich für ihn da, als er jemanden gebraucht hat.“

„Ich wäre nach Hause gekommen, wenn ich gewusst hätte, wie es um ihn stand.“ Sie wandte sich von Wade ab und sah aus dem Fenster. „Wahrscheinlich hast du ihn überredet, mir seine Krankheit zu verschweigen.“

Sie spürte, wie er sich ihr näherte. Kurz darauf berührte er sie überraschend sanft an der Schulter. Plötzlich schien er wie ausgewechselt zu sein. Gerade eben noch war er der knallharte Geschäftsmann gewesen, und jetzt verhielt er sich wie der Mann, in den sie sich einst verliebt hatte.

„Wahrscheinlich glaubst du mir nicht, aber ich habe ihn gebeten, dass er es dir erzählt“, sagte er sanft. „Besonders, als er wusste, dass ihm nicht mehr viel Zeit bleibt. Aber Rex war sehr stur. Das scheint in der Familie zu liegen.“

Seine sanften Worte brachten sie zum Weinen. Nach allem, was heute passiert war, konnte sie ihre Gefühle nicht länger zurückhalten.

Wade drehte Piper zu sich um, nahm sie in die Arme und streichelte ihren Rücken.

Obwohl es falsch war, fühlte es sich gut an. Eigentlich hätte sie sich von ihm lösen sollen, doch sie schaffte es nicht. Er war ihr schlimmster Gegner – trotzdem genoss sie seine Liebkosungen.

Als sie sich schließlich gefangen hatte und ihn wegschob, fragte er leise: „Wäre es wirklich so schlimm, Piper? Früher waren wir ein gutes Team.“

Sie schüttelte den Kopf. „Bitte“, hauchte sie. „Gib mir Zeit, um eine Lösung zu finden – oder wenigstens, um über deinen Vorschlag nachzudenken.“

Einen Moment lang fürchtete sie, er würde ihre Bitte abschlagen. Der Mann, in den sie einst verliebt gewesen war, hatte sich sehr verändert. Sie wusste genau, dass sie keine Beziehung mehr mit ihm führen konnte. Seltsamerweise fühlte sie sich trotzdem zu ihm hingezogen. Allein der Gedanke, eine leidenschaftliche Nacht mit ihm zu verbringen, ließ ihren gesamten Körper prickeln. Trotzdem würde sie ihm unter keinen Umständen ein Baby gebären.

Sie hatte schon einmal ein Kind von ihm verloren. Wer wusste, ob das nicht wieder passieren konnte. Ein weiteres Mal würde sie es nicht verkraften.

Schließlich nickte Wade und meinte ernst: „Ich gebe dir bis zum Abendessen Zeit.“

3. KAPITEL

Piper war zu schockiert, um auf Wades Worte zu reagieren. Hilflos sah sie zu, wie er den Salon verließ. Kurz darauf hörte sie, wie er seinen Wagen startete und davonfuhr.

Als sie daran dachte, welch unlösbare Aufgabe vor ihr lag, wurde ihr schlecht. Rasch sah sie auf die Wanduhr. Es war kurz vor zwölf Uhr mittags. Immerhin blieb ihr etwas Zeit bis zum Abendessen.

Was dachte Wade sich nur bei seinem Vorschlag? Sie musste irgendwo Geld auftreiben – egal, wie. Doch zur Bank konnte sie nicht gehen. Niemand würde ihr in ihrer finanziellen Situation einen Kredit gewähren. Ihr blieb nur eine Möglichkeit: Sie musste die wohlhabenden Freunde ihres Vaters kontaktieren. Irgendjemand würde ihr das Geld schon geben. Das hoffte sie jedenfalls.

Sogleich ging sie ins Arbeitszimmer ihres Vaters und schlug sein Adressbuch auf. Jetzt musste sie nur noch den Mut aufbringen und möglichst viele seiner Freunde anrufen.

Als sie den letzten Anruf getätigt hatte, ging gerade die Sonne unter. Ihr Ohr tat ihr weh vom langen Telefonieren. Doch das Schlimmste war, dass alle ihre Bemühungen umsonst gewesen waren. Keiner wollte ihr Geld leihen. Anscheinend hatte sie ihr plötzlicher Abschied damals bei den Freunden ihres Vaters sehr unbeliebt gemacht. Keinen einzigen Cent wollten sie ihr geben.

In düstere Gedanken versunken starrte Piper auf das Sandwich, das Mrs Dexter ihr vor ein paar Stunden zusammen mit einem Kaffee gebracht hatte. Sie bekam vor Kummer gar nichts herunter.

„Liebes, du hast das Sandwich ja gar nicht angerührt“, sagte Mrs Dexter, die plötzlich im Zimmer stand. „Wenn du so weitermachst, wirst du noch krank.“

„Mach dir keine Sorgen“, entgegnete Piper geistesabwesend.

„Junge Frau, wie soll Mr Collins Gefallen an dir finden, wenn du nur aus Haut und Knochen bestehst?“

Piper hob den Kopf und starrte Mrs Dexter entgeistert an. „Warum sollte mir etwas daran liegen, ihm zu gefallen?“

„Warum nicht?“ Mrs Dexter winkte ab. „Ihr seid euch doch nicht fremd.“

„Ich glaube wirklich nicht …“

„Liebes, hör mir mal zu. Ich weiß, ich nerve dich. Du bist gerade einmal einen Tag hier, und schon nörgel ich an dir herum. Aber du solltest wirklich nach oben gehen und dich für das Abendessen zurechtmachen. Mr Collins wird sich freuen, wenn du dich von deiner besten Seite zeigst. Was wir mit deinem Haar anstellen sollen, weiß ich allerdings immer noch nicht.“

„Dexie!“, rief Piper empört. Doch als die alte Frau sie kritisch ansah, fügte Piper leise hinzu: „Tut mir leid. Es ist lange her, dass sich jemand um mich gekümmert hat. Ich muss mich erst daran gewöhnen.“

„Das ist verständlich. Aber jetzt bist du zu Hause – wo du hingehörst. Geh nach oben, und mach dich zurecht. Mein Mann wird vor dem Abendessen Drinks im Salon servieren.“

Piper hätte der alten Frau am liebsten ihre Meinung gesagt. In den Augen von Mrs Dexter war sie immer noch ein kleines Mädchen. Wie ihr Vater hatte die Haushälterin nicht bemerkt, dass Piper erwachsen geworden war.

„Dexie, haben wir Kartons im Haus?“

„Meinst du Umzugskisten? Wofür brauchst du sie?“

„Ich würde gern ein paar Sachen aus meinem Zimmer aussortieren.“

Die alte Frau sah sie verwundert an. „Möchtest du dein Zimmer verändern?“

Piper zwang sich zu einem Lächeln. „Ja. Ich bin kein kleines Mädchen mehr. Es ist an der Zeit, sich von ein paar Dingen zu trennen.“

„Aber Mr Mitchell …“

„Dad ist tot. Und selbst wenn er noch leben würde, glaube ich nicht, dass er sich für meine alten Porzellanpuppen interessieren würde. Ich möchte einfach ein paar Dinge loswerden.“

Streng sah Mrs Dexter sie an und rümpfte die Nase. „Wenn du darauf bestehst. Ich bitte meinen Mann, dir ein paar Kisten aufs Zimmer zu bringen. Von Mr Collins Einzug sind noch einige übrig.“

Wie gern hätte Piper hinzugefügt, dass Mr Collins am besten gleich wieder ausziehen sollte. Doch sie riss sich zusammen, bedankte sich und ging nach oben.

Sie zog ein altes T-Shirt an, dessen Marke groß auf der Vorderseite prangte. Kopfschüttelnd dachte sie daran, dass sie für den Preis, den sie damals gezahlt hatte, eine afrikanische Familie einen Monat lang hätte unterstützen können.

Erneut musste sie an den unglaublich hohen Betrag denken, den sie Wade schuldete. Wie sollte sie ihm das Geld jemals zurückzahlen?

Eine Stunde später hatte sie zwar keine Antwort auf diese Frage gefunden, aber immerhin war sie so mit dem Aufräumen ihres Zimmers beschäftigt, dass sie nicht daran denken musste. Die Puppen hatte sie vorsichtig eingepackt und in eine Kiste gelegt. Sie war froh, sich endlich von diesen Kindheitserinnerungen zu trennen. Die Puppen erschienen ihr nun wie ein Symbol ihrer früheren Unreife.

Als sie vor ihrer Zimmertür Schritte hörte, zuckte Piper zusammen. Bestimmt war das Wade. Wahrscheinlich hatte er sich nur schnell umgezogen und ging nun nach unten in den Salon, um vor dem Abendessen einen Drink einzunehmen.

Ganz sicher erwartete er eine Antwort von ihr. Doch Piper wusste nach wie vor nicht, was sie sagen sollte.

Weder konnte sie ihm das Geld zurückzahlen noch auf seinen Vorschlag eingehen. Warum hatte er sich das mit dem Kind bloß in den Kopf gesetzt?

Sie glaubte nicht, dass er keine Zeit für eine Beziehung hatte. Bestimmt gäbe es genug Frauen, die auf sein Angebot eingehen würden. Warum hatte er gerade sie, Piper, ausgewählt?

Sie erinnerte sich daran, wie sie ihre Beziehung damals kaputt gemacht hatte. Wade hingegen hatte ihr bis zum Ende seine Liebe geschworen. Wollte er deshalb ein Kind von ihr? Der alten Zeiten wegen?

Doch wenn sie zustimmte, würde sie nie wieder von ihm loskommen. Zwar hätte sie keine Schulden mehr bei ihm, aber sie hätte ein Kind in die Welt gesetzt, das sie auf ewig miteinander verband. Natürlich würde sie das Kind lieben. Doch es war nicht richtig, es aufgrund einer Abmachung zu zeugen.

Sie musste an ihre erste Schwangerschaft denken – damals das Resultat einer leidenschaftlichen Nacht mit Wade.

Seufzend setzte Piper sich aufs Bett. Die Fehlgeburt war das schlimmste Erlebnis ihres bisherigen Lebens gewesen. Als sie damals herausgefunden hatte, dass sie schwanger war, hatte sie mit dem Gedanken gespielt, nach Hause zurückzukehren. Am liebsten hätte sie Wade persönlich die gute Nachricht überbracht.

Doch sie hatte nicht vergessen können, was passiert war: Wade hatte sich für ihren Vater und gegen sie entschieden. Er hatte es vorgezogen, die Karriereleiter emporzusteigen, anstatt der Frau zu folgen, die er vorgab zu lieben. Das Vertrauen zwischen ihnen war unwiederbringlich zerstört.

Piper hatte also beschlossen, die Schwangerschaft allein zu meistern. Doch in der vierzehnten Woche hatte sie das Baby verloren. Anstatt zu verzweifeln, hatte sie das Beste aus ihrer Situation gemacht. Sie hatte den Schmerz nicht an sich herangelassen und so viel gefeiert wie nie zuvor. Heute wusste sie, dass sie die Fehlgeburt nie verkraftet hatte. Immer noch musste sie an das Baby denken, das sie nie kennengelernt hatte. Wade hatte niemals von der Schwangerschaft erfahren. Es war besser so.

Letztendlich sah sie ein, dass er richtig gehandelt hatte. Es wäre schlicht dumm von ihm gewesen, seine Karriere sausen zu lassen. Kein Wunder, dass ihr Vater so begeistert von ihm gewesen war. Wade war immer ein loyaler Mitarbeiter gewesen, und mittlerweile leitete er das größte Exportunternehmen des Landes.

Damals war sie unerfahren, selbstbezogen und naiv gewesen. Sie war nicht die richtige Frau für ihn gewesen. Aber heute war sie ein anderer Mensch. Konnte sie ihm nun vielleicht das geben, was er verdiente? Möglicherweise hatte sie diesen Reifeprozess gebraucht und war jetzt zu einer Beziehung mit ihm bereit. Doch wollte sie das wirklich?

Noch vor wenigen Wochen hatte sie sich am anderen Ende der Welt um unterernährte Säuglinge gekümmert und dabei begriffen, wie fragil das Leben war – und von welch unschätzbarem Wert zwischenmenschliche Beziehungen. Sie hatte sich geschworen, dass sie ihre Fehler wiedergutmachen und sich mit Rex und Wade versöhnen würde. Leider konnte sie ihren Vater nicht mehr um Verzeihung bitten. Doch was Wade anging, war es nicht zu spät.

Sie fragte sich, ob sie seinem Vorschlag zustimmen sollte, um ihre Fehler wiedergutzumachen. Allerdings war es unverantwortlich, ein Kind in die Welt zu setzen, allein um ihr Gewissen zu beruhigen. Es war einfach falsch. Natürlich wollte sie irgendwann wieder ein Kind. Allerdings nur mit einem Mann, den sie liebte.

Aber vielleicht gab es ja doch eine Chance auf eine neue Beziehung mit Wade? Der Gedanke war gar nicht einmal so abwegig. Andererseits: Würde Wade sich darauf einlassen? Darauf zu hoffen, erschien absurd, doch vielleicht war es die einzige Möglichkeit, die es gab.

Als sie auf die Uhr sah, merkte sie, dass sie sich beeilen musste. Bald wurde das Abendessen serviert. Sie sollte ihn nicht warten lassen.

Rasch stand sie auf und öffnete den Schrank, um darin ein Kleid zu suchen. Sie fand es seltsam, dass ihre Sachen die ganze Zeit für sie in tadellosem Zustand gehalten worden waren. Ihr Vater hatte ihr damit seine Liebe zeigen wollen. Doch leider war Piper nicht hier gewesen, um es mitzubekommen. All die Jahre hatte sie angenommen, dass ihr Vater sie überhaupt nicht geliebt hatte. Und so hatte sie letztendlich die Flucht ergriffen und war ins Ausland abgereist – nachdem er wieder einmal rundheraus abgelehnt hatte, ihr einen Job im Familienunternehmen zu geben. In den Augen ihres Vaters hatte sie lediglich dazu getaugt, hübsch auszusehen. Mehr hatte er ihr nie zugetraut.

Sie hatte also ihr Zuhause verlassen und sich geschworen, erst zurückzukehren, wenn ihr Vater sie als starke und fähige Frau wahrnahm. Nie war sie auf den Gedanken gekommen, dass Rex gar keine so großen Erwartungen an sie stellte und sich eigentlich nichts anderes wünschte, als dass sie seine Liebe erwiderte.

Wade war da ganz anders, er benutzte ihre aussichtslose Situation, um ihr seinen Willen aufzuzwängen. Piper wusste noch immer nicht, wie sie auf seinen Vorschlag reagieren sollte. Nach der Fehlgeburt fürchtete sie sich vor einer weiteren Schwangerschaft. Doch vielleicht war es tatsächlich eine Chance, all die Versäumnisse wiedergutzumachen.

Als sie schließlich das dunkelblaue Seidenkleid mit den silbernen Verzierungen gefunden hatte, zog sie es an und betrachtete sich im Spiegel. Sie fand, es stand ihr sogar besser als früher. Es betonte ihre femininen Kurven, ohne zu verraten, wie unglaublich dünn sie in Wahrheit war. Rasch zog sie sich hochhackige silberne Schuhe an, die perfekt zu ihrem Kleid passten. Das Haar band sie sich mit einem silbernen Halstuch zusammen, sodass ihre Dreadlocks nicht hervorstachen. Da sie in den letzten Jahren nie Make-up benutzt hatte, trug sie auch heute keines auf.

Rasch verließ sie das Zimmer und ging nach unten. Die ganze Zeit grübelte sie darüber, was sie zu Wade sagen sollte. Sie konnte nicht einfach widerspruchslos seinem Wunsch nach einem Kind entsprechen. Schließlich war sie eine Frau mit Prinzipien. Und wo würden sie und das Kind überhaupt wohnen? In seinem Haus etwa?

Wenn sie ihm einen Erben schenkte, musste Wade ihre Bedingungen akzeptieren. Immerhin würde das Kind sie den Rest ihres Lebens aneinander binden. Und auch ihm musste klar sein, dass die Entscheidung letztendlich bei ihr lag. Sie konnte heute Abend auch das Haus verlassen und irgendwo Unterschlupf finden, bis sie ihre finanziellen Probleme gelöst hatte.

Natürlich würde ihm nicht gefallen, dass sie Bedingungen stellte. Aber ganz so einfach wollte sie sich nicht geschlagen geben.

Wade starrte aus dem Fenster auf den dezent beleuchteten Garten und versuchte, sich einzureden, dass er nicht nervös war. Er wusste, dass Piper oben auf ihrem Zimmer war. Er hatte sie gehört, als er nach Hause gekommen war. Sie hatte genug Zeit gehabt, um eine Entscheidung zu treffen. Doch er wusste nicht, wie sie ausgefallen war. Piper war schon immer schwer einzuschätzen gewesen.

Er trank einen Schluck Weißwein und fragte sich, ob sie wirklich erst gestern zurückgekehrt war. Es kam ihm viel länger vor. Und nach wie vor hatte sie die Gabe, sein Leben durcheinanderzubringen. So viele Diskussionen wie in den letzten vierundzwanzig Stunden hatte er lange nicht mehr geführt.

Immer noch zog sie ihn in ihren Bann. Eigentlich war Wade überzeugt gewesen, dass er nichts mehr für sie empfand. Doch da hatte er sich gründlich geirrt. Mit derselben Intensität wie früher fühlte er sich zu ihr hingezogen. Allerdings würde er sich nicht erneut von ihr um den Finger wickeln lassen.

Auch Rex hatte seiner Tochter nur im Angesicht seines bevorstehenden Todes verziehen. Zuletzt hatte er sogar davon gesprochen, dass seine Tochter damals einfach in einer schwierigen Phase gewesen sei.

Wade hingegen sah das anders. Und er war nicht bereit, ihr zu verzeihen.

„Pass gut auf sie auf“, waren Rex’ letzte Worte gewesen. Wade hatte es ihm versprochen – allerdings stand ihm seiner Meinung nach frei, ob er Bedingungen daran knüpfte. Sie schuldete ihm ein kleines Vermögen, und dafür wollte er entschädigt werden.

Ihm war klar, dass sie Nein sagen konnte. Doch er hoffte, dass sie genug Ehrgefühl besaß und ihre Schuld beglich. Außerdem hatte sie seiner Anziehungskraft noch nie widerstehen können.

Als sie kurz darauf in der Tür stand, stockte ihm der Atem. Das Kleid, das sie trug, kam ihm sehr bekannt vor. Er erinnerte sich, wie er es ihr eines Abends ausgezogen und sie anschließend leidenschaftlich geliebt hatte. Wenn er nur daran dachte, packte ihn schon die Begierde.

Als Piper ihm in die Augen sah, wusste er sofort, dass sie dieses Kleid mit Absicht gewählt hatte. Sie brachte ihn vollkommen durcheinander. Doch egal wie, ihre Macht über ihn würde sie nicht länger ausspielen können. Wade war derjenige, der am längeren Hebel saß.

„Möchtest ein Glas Wein?“, fragte er und ging zur Bar.

„Ja, gern.“

Wade schenkte ihr ein Glas ein und reichte es ihr. Gemeinsam setzten sie sich in die Sessel vor dem Kamin.

„Wie war dein Tag? Anstrengend?“, erkundigte er sich. Dabei bezog er sich eher auf ihren emotionalen Zustand.

„Wir müssen keine Höflichkeiten austauschen“, entgegnete sie trocken. „Ich weiß, dass es dich in Wahrheit nicht interessiert.“

„Das stimmt nicht. Mir ist bekannt, dass du heute Nachmittag sehr beschäftigt warst – mit Telefonaten.“

Piper erstarrte. „Du weißt davon?“

Missbilligend schüttelte Wade den Kopf. „Es muss schlimm sein, wenn man seinen letzten Funken Stolz verliert. Wie demütigend.“

„Was nützt einem Stolz, wenn man ums Überleben kämpft“, erwiderte sie trocken.

Er lachte. „Mir war Erfolg schon immer wichtiger als Stolz.“

„Wirklich? Dein Stolz scheint ausgeprägter als je zuvor.“

Was wusste sie schon von den Opfern, die er für seinen Erfolg gebracht hatte? Auch Piper hatte er damals schließlich ziehen lassen. Doch bald würde sie wieder ihm gehören.

„Waren deine Anrufe erfolgreich?“, erkundigte er sich.

„Als würdest du das nicht genau wissen. Wahrscheinlich haben Dads alte Freunde gleich bei dir angerufen, als ich aufgelegt hatte.“

„Ehrlich gesagt habe ich mit manchen schon davor geredet. Die Gerüchteküche brodelt seit heute Nachmittag.“

„Ich nehme an, du hast ihnen geraten, mir kein Geld zu leihen.“

Er hörte die Frustration in ihrer Stimme. Es musste sie wütend gemacht haben, nur Absagen zu erhalten. Trotzdem war an ihrer Miene nicht zu erkennen, was in ihr vorging. Sie schien sich vorgenommen zu haben, die starke Frau zu spielen.

„Das musste ich nicht“, erwiderte er. „Dein Ruf ist dir vorausgeeilt.“

Diesmal blieben seine Worte nicht ohne Wirkung. Er konnte es in ihren Augen sehen. Doch mit einem Mal hatte er keine Geduld mehr für dieses Geplänkel. Er musste endlich zur Sache kommen. „Hast du eine Entscheidung getroffen?“

„Ich dachte, ich habe bis zum Abendessen Zeit“, meinte sie und sah auf die Wanduhr.

„Mach es uns doch nicht so schwer, Piper. Wirst du mein Kind zur Welt bringen, oder nicht?“

Sie erhob sich abrupt von ihrem Sessel und ging zum Fenster. Wie gebannt ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Collection Baccara Band 324" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen