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Heiße Küsse auf Hawaii / Nur eine unbedeutende Affäre? / Eben noch im siebten Himmel …

Jules Bennett

Heiße Küse auf Hawaii

1. KAPITEL

„Es tut mir außerordentlich leid, Sir, aber die Tropical-Suite ist noch belegt.“

„Das ist wirklich ärgerlich. Ich hatte doch ab heute gebucht.“

Samantha Donovan, die im Vorbeigehen diesen Gesprächsfetzen mitbekam, blieb stehen und trat an den Empfangstresen. Mit ihrem geschäftsmäßigen Lächeln, von dem ihr abends nicht selten die Gesichtsmuskeln schmerzten, wandte sie sich an den Gast.

„Gibt es ein Problem, Sir?“

Der groß gewachsene, braun gebrannte Mann drehte sich zu ihr um, und sie glaubte, in dem feurigen Blick aus dunklen Augen zu versinken.

„Ja“, meinte er, „die Suite, die ich gebucht habe, ist offenbar nicht frei.“

Samantha lächelte tapfer weiter. Ihre Füße schmerzten, denn die Jimmy-Choo-Pumps, die sie trug, waren zwar teuer gewesen, drückten aber unerträglich. Sie trat hinter den Tresen an den Computer, an dem eine junge hawaiianische Mitarbeiterin saß und verzweifelt versuchte, das drohende Unheil abzuwenden.

„Mr Stone?“, fragte Samantha den Fremden, der bestätigend nickte. Sie warf noch einen Blick auf den Monitor. „Nach dem, was ich hier lese, sind Sie erst ab morgen für die Tropical-Suite vorgesehen.“

„Aber wie Sie sehen, stehe ich jetzt vor Ihnen.“

Samantha hob den Kopf und musterte ihn. Der Mann sah einfach blendend aus. Anfang dreißig mochte er sein. Er hatte breite Schultern, dichtes, dunkles Haar und ausdrucksvolle braune Augen. Dass seine Laune in diesem Augenblick nicht die beste war, konnte sie ihm nicht verdenken. Sie wusste selbst, wie nervend es sein konnte, nach einer anstrengenden Reise noch innerhalb des Hotels umziehen zu müssen.

Sie vergewisserte sich noch einmal auf dem Monitor, dann sagte sie: „Es kann sich hier nur um ein bedauerliches Missverständnis handeln, Mr Stone, wofür ich mich vielmals entschuldigen möchte. Zum Ausgleich kann ich Ihnen unsere Hochzeitssuite anbieten. Sie werden sehen, sie wird Ihnen noch besser gefallen. Sie ist größer und komfortabler als die Tropical-Suite, und Sie zahlen selbstverständlich keinen Cent mehr.“

Lächeln nicht vergessen, ermahnte sie sich in Gedanken. Manchmal hasste sie diesen Job, mit dem ihr Vater sie beauftragt hatte. Stanley Donovan war auf die großartige Idee gekommen, ihr gewissermaßen als Bewährungsprobe die Leitung dieser Ferienanlage auf der hawaiianischen Insel Kauai zu übertragen. Sie war gern auf der Insel, nur sah sie leider nicht viel davon, denn es war eine Menge Arbeit, die sie erledigen musste.

Das Hotel, ehemals mit fünf Sternen ausgezeichnet, und seine Anlagen hatten schon bessere Tage gesehen. Vor rund einem halben Jahr hatte ihr Vater es seiner Hotelkette einverleibt. Sam wusste nichts Näheres darüber, nur dass die Übernahme ein nicht gerade freundlicher Akt der Konkurrenz gegenüber gewesen war. Auch wenn „Lani Kaimana“ noch immer die Bezeichnung Ferienparadies verdiente, entsprach diese Anlage nicht mehr ganz den aktuellen Ansprüchen. Besucher blieben weg, deshalb waren sie in die roten Zahlen gerutscht.

Sie hatte eine Reihe von Mitarbeitern entlassen müssen. Das hatte unter anderem zur Folge, dass sie selbst an allen möglichen Stellen einspringen musste. Mal chauffierte sie Gäste zum Flughafen, mal half sie im Service im Restaurant aus. Sie hatte das Gefühl, überall gleichzeitig sein zu müssen, um dafür zu sorgen, dass trotz des eingeschränkten Personalaufgebots keine Pannen passierten wie jetzt diese am Empfang. Auch wenn es oft hart war, sie hatte sich eisern vorgenommen, sich trotz aller Schwierigkeiten durchzubeißen und sich die Anerkennung ihres Vaters zu erkämpfen, die ihr zweifellos gebührte. Ihr Ziel war es, „Lani Kaimana“ zur schönsten und besten Ferienanlage auf Kauai zu machen.

„Und diese Suite wäre sofort frei?“, erkundigte sich Mr Stone.

„Sie können sie sofort beziehen.“ Samantha gab der jungen Empfangsdame den Auftrag, den neuen Gast umzubuchen, und fügte an ihn gewandt hinzu: „Ich zeige Ihnen die Räume.“

Sie griff nach dem ausgefahrenen Griff seines großen Koffers und ging vor, indem sie das Gepäckstück hinter sich herzog. Page – das hatte sie bei der Aufzählung ihrer diversen Jobs, die sie in diesem Hotel ausfüllte, noch vergessen.

Brady Stone war mit zwei langen Schritten an ihrer Seite. „Den Koffer nehme ich lieber“, meinte er.

„In meinem Haus tragen die Gäste ihr Gepäck nicht selbst“, entgegnete Samantha und setzte unbeirrt ihren Weg zum Fahrstuhl fort.

Während sie dort standen und darauf warteten, dass die stählernen Türen sich öffneten, nahm Sam schwach den angenehmen Duft seines Aftershaves wahr. Verstohlen musterte sie ihn mit einem Seitenblick. Selten hatte sie einen Mann gesehen, der seinen Maßanzug so perfekt ausfüllte. Sein gebräunter Teint machte sich gut zu dem feinen, dunkelblauen Zwirn. Reiste dieser aufregende Mann allein? Eigentlich schwer vorstellbar, dass einer wie er keine Frau bei sich hatte. Ein Topmodel würde sich gut an seiner Seite machen. Außerdem kam es nicht allzu häufig vor, dass Singles in ihrem Hotel abstiegen.

Der Fahrstuhl kündigte mit einem „Ding“ seine Ankunft an. Wieder wollte der Gast nach seinem Koffer greifen, aber Samantha war schneller. Sie warf ihm ein schwaches Lächeln zu.

„Ich habe keine Chance, wie?“ Er erwiderte das Lächeln.

„Hatten Sie einen angenehmen Flug?“, fragte sie, während sie aufwärts in die Penthouse-Suite fuhren.

„Habe ich eigentlich immer, wenn ich meinen Privatjet nehme.“ Er musterte sie, dann verharrte sein Blick auf dem großen Koffer. „Wenn ich recht verstanden habe, sind Sie die Managerin dieses Hauses. Wieso spielen Sie dann hier den Pagen und schleppen das Gepäck?“

„Mr Stone …“

Er sah sie durchdringend an und schüttelte den Kopf. „Brady – bitte.“

„Brady“, korrigierte sich Samantha. Sie mochte den Namen. Sie fand, er passte gut zur überwältigend männlichen Ausstrahlung seines Trägers. „Brady, mein Selbstverständnis als Managerin ist, alles für meine Gäste zu tun. Da muss man auch mal einspringen, wenn Not am Mann ist. Ich hoffe doch sehr, dass ich etwas dazu beitragen kann, damit auch Sie sich bei uns wohlfühlen.“

Sam biss sich auf die Unterlippe. Das war nicht so rübergekommen, wie sie es gemeint hatte. In einem seiner Mundwinkel sah sie ein fast unmerkliches Zucken. Die Art, wie er sie ansah, machte sie nervös.

Der Fahrstuhl hielt, die Türen glitten auseinander und gaben den Blick auf einen Vorraum frei, von dem nur eine Tür abging. Sam stieg aus und schob die Chipkarte in den Schlitz des Türschlosses, um sie zu öffnen. „Mr Stone …“

„Brady“, unterbrach er sie und legte eine Hand auf ihre, die noch die Klinke hielt.

Ein warmer Schauer durchrieselte Sam. Ihr Blickkontakt dauerte länger, als es ihr lieb war, aber seine schönen braunen Augen faszinierten sie. Schließlich gab sie sich einen Ruck und senkte den Blick. „Ich versichere Ihnen“, sagte sie, als sie ihre Fassung und ihren gewohnt professionellen Ton wiedergefunden hatte, „dass so etwas wie eben bei Ihrer Anmeldung nicht wieder vorkommt. Wir freuen uns, dass Sie unser Gast sind. Ich werde persönlich dafür sorgen, dass Ihr Aufenthalt in ‚Lani Kaimana‘ so angenehm und erholsam wie möglich wird.“

Wieder gab es ein kurzes Zucken um Bradys Mundwinkel, und seine Augen blitzten auf. Sam spürte noch immer die warme Berührung seiner kräftigen Hand. Es kam selten vor, dass ein Mann sie so aus dem Konzept brachte.

„Angenehm wird es sicherlich sein, davon bin ich überzeugt. Ob der Aufenthalt erholsam wird, weiß ich noch nicht. Ich bin beruflich hier.“

Schnell zog sie ihre Hand unter seiner weg.

„Was bedeutet ‚Lani Kaimana‘ eigentlich in der Übersetzung?“, fragte er.

„Königlicher Diamant.“ Sam stieß die Tür auf und machte Platz, um ihn zuerst eintreten zu lassen. Die Räume waren großzügig bemessen. Sie waren in hellen, freundlichen Farbtönen gehalten, wobei Weiß und Grün überwogen. „Ich bin sicher, dass Sie sich hier noch wohler fühlen werden als in der Suite, die Sie ursprünglich gebucht hatten. Dies sind die einzigen Gästeräume auf dieser Etage, sodass Sie nicht gestört werden, und Sie finden hier alles, was Sie brauchen. Es gibt einen Internetanschluss, einen Whirlpool, eine eigene kleine Bar und eine große Terrasse.“

„Es ist schön hier.“ Er deutete auf die breite Fensterfront mit den Terrassentüren. „Der Blick auf den Strand und das Meer ist wirklich fantastisch. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass diese Suite nicht über Jahre im Voraus ausgebucht ist.“

„Wir arbeiten daran.“ Sam sah sich prüfend um. Wie magisch angezogen verweilte ihr Blick auf dem riesigen Bett, das auf einem niedrigen Podest stand und über dem sich ein Baldachin aus leichtem, weißem Stoff ausbreitete. Unwillkürlich stellte sie sich vor, wie ihr neuer Gast seinen durchtrainierten Körper darin ausstreckte. Als sie aus ihren Tagträumen aufschreckte, ertappte sie Brady dabei, wie er sie mit einem listigen Lächeln ansah. Ihr wurde für einen Moment heiß und kalt bei der Vorstellung, dass er ihre Gedanken erraten haben könnte.

„Warum erzählen Sie mir nicht mehr über Ihre Pläne für dieses Hotel? Zum Beispiel bei einem gemütlichen gemeinsamen Dinner heute Abend?“, fragte er.

Obwohl sie sich insgeheim von dem Angebot geschmeichelt fühlte, schüttelte sie den Kopf. „Das wird leider nicht gehen.“

„Weil Sie sich nicht mit Gästen verabreden?“

„Weil ich zu beschäftigt bin.“ Die Frage, ob man sich mit einem Gast verabreden durfte oder nicht, war für sie noch nie ein Thema gewesen, allerdings war Brady Stone bisher auch noch nie in ihrer Hotelanlage abgestiegen.

Er blickte kritisch drein. „Zu beschäftigt, um zu essen? Darf ich Sie dann vielleicht in Ihrem Büro besuchen?“

Dieser Mann war es offensichtlich nicht gewohnt, von einer Frau einen Korb zu bekommen. Das überraschte sie nicht wirklich. „Nett gemeint, aber es geht leider nicht.“ Sie wandte sich zum Gehen. Es wurde höchste Zeit, zu verschwinden, bevor sie seinem Charme doch noch erlag. „Wenn Sie etwas brauchen, lassen Sie es mich wissen“, sagte sie und griff nach der Türklinke.

„Da wäre tatsächlich noch etwas.“

Sie blieb stehen und sah ihn über die Schulter an. „Ja?“

„Verraten Sie mir doch bitte Ihren Namen. Meinen kennen Sie ja bereits.“

„Samantha Donovan, aber Sie können ruhig Sam zu mir sagen. Das tun alle hier. Ich bin die Managerin von ‚Lani Kaimana‘. Meiner Familie gehört die Anlage.“

Nachdem Sam gegangen war, stand Brady wie angewurzelt da. Er brauchte eine Weile, um zu verarbeiten, was er da gerade gehört hatte. Samantha Donovan. Sam.

Die ganze Zeit war er davon ausgegangen, dass Sam für einen Männernamen stand. Er hatte keine Ahnung gehabt, dass der alte Donovan, sein ärgster Feind und schärfster Konkurrent, eine Tochter hatte. Dazu noch eine, die so fantastisch aussah.

Er griff in seine Jacketttasche, holte sein Handy heraus und drückte die Kurzwahl, die er für den Anschluss seines Bruders Cade abgespeichert hatte. Er war verärgert. Wie um alles in der Welt hatte es passieren können, dass man ihm dieses immerhin wichtige Detail vorenthalten hatte?

„Cade“, begann er, ohne sich lange mit einer Begrüßung aufzuhalten, als sein Bruder sich meldete, „wieso zur Hölle weiß ich nichts davon, dass Sam Donovan eine Frau ist?“ Am anderen Ende herrschte Schweigen. „Du hattest auch keine Ahnung, oder?“

„Nicht die geringste. Bist du jetzt auf Kauai?“

„Ja. Eben gerade hat mich die Donovan-Tochter höchstpersönlich auf mein Zimmer geführt. Ich kann es noch immer nicht fassen. Ich war fest davon überzeugt, dass Stanley Donovan zwei Söhne hat, Miles und Sam.“

„Wieso führt sie dich selbst auf das Zimmer? Haben die da kein Personal?“

„Hat mich auch gewundert. Ich schätze, der Laden läuft noch nicht so, wie der alte Donovan sich das vorstellt.“ Dass sein Widersacher Stanley Donovan an seine Grenzen stieß, erfüllte Brady mit Genugtuung. „Sam hat versucht, sich herauszureden, als ich sie darauf ansprach, aber überzeugt hat mich das nicht.“

Sam? Seid ihr schon bei den Kosenamen?“ Cade lachte. „Da freust du dich bestimmt, dass du dich mit einer attraktiven jungen Dame amüsieren kannst und dich nicht mit diesem arroganten Schnösel Miles abgeben musst.“

Brady überlegte einen Moment, dann kam ihm eine Erleuchtung. Cade hatte ihn auf eine Idee gebracht. „Cade, du bist ein Genie. Genau das ist es! Ich rufe dich später wieder an.“

Er unterbrach die Verbindung. Seine Laune hatte sich mit einem Schlag gebessert. Warum war er nicht schon früher darauf gekommen? Diese Frau zu verführen, war eine echte Herausforderung, und er liebte Herausforderungen. Tatsächlich war er aus beruflichen Gründen nach „Lani Kaimana“ gekommen, wie er es Samantha gesagt hatte. Dass die darin bestanden, so viele Informationen wie möglich über die Anlage zu sammeln, um sich darauf vorzubereiten, „Lani Kaimana“ zurückzubekommen, brauchte er der reizenden Managerin ja nicht auf die Nase zu binden. Ihr Vater Stanley Donovan hatte die Immobilie vor einem halben Jahr in einem Handstreich unter seine Kontrolle gebracht und in seinen Konzern einverleibt. Er war nun gekommen, um Rache zu nehmen und sich zurückzuholen, was ihm und seinem Bruder – davon war er überzeugt – zu Unrecht genommen worden war.

Stanley war dieser Coup nur geglückt, indem er gnadenlos einen Moment der Schwäche seines Gegners ausnutzte. Sein Vater, Stanleys Konkurrent, war an unheilbarem Lungenkrebs erkrankt. Sie alle hatten Wichtigeres zu tun gehabt, als sich ums Geschäft zu kümmern. Diese Schwäche war für den alten Donovan das Signal für die Übernahme gewesen. Brady konnte noch immer kaum glauben, dass sein Vater nicht mehr lebte, aber jetzt war nicht die Zeit zum Trauern. Es war die Zeit, Revanche einzufordern. Er war fest überzeugt, dass es genau das war, was sein Vater von ihm erwartet hätte.

Mit dem neuen Sachverhalt ergaben sich für ihn ganz andere Perspektiven. Hatte er ursprünglich daran gedacht, sich die Informationen, die er brauchte, beim Personal zu holen, eröffnete sich nun die Chance, eine einzige, dafür aber wesentlich ergiebigere Quelle zu erschließen und auszuschöpfen: Sam.

Wenn es ihm gelänge, sie zu umgarnen und ihr Vertrauen zu gewinnen, könnte er von ihr alles erfahren, was er wissen wollte. Dass diese Taktik obendrein damit verbunden war, eine bildschöne Frau zu verführen, erhöhte den Reiz natürlich noch. Sein Puls ging schneller, wenn er nur daran dachte. Vor seinem geistigen Auge sah er ein Abendessen bei Kerzenschein, romantische Spaziergänge am Strand und all das, was dann folgen mochte. Die zauberhafte Samantha sollte dabei auch auf ihre Kosten kommen. Dafür wollte er schon sorgen. Dass es für sie ein böses Erwachen geben würde, war nicht zu ändern.

Brady überlegte, womit er beginnen sollte. Blumen – natürlich. Jede richtige Romanze beginnt mit Blumen.

2. KAPITEL

Brady sah sich genauer um. Obwohl es auf einem Podest in der Ecke des Raums stand, bildete das prächtige Bett den Mittelpunkt. Das verstand sich für eine Honeymoon-Suite eigentlich von selbst. Die Aufmerksamkeit zog es allein schon wegen des weiß bespannten Betthimmels auf sich. Ihm war aufgefallen, wie Sam das Bett betrachtet hatte. Er hätte gern gewusst, ob sie dabei dasselbe gedacht hatte wie er, ob sie sich vorgestellt hatte, wie sie beide darauf lagen. Er gewann den Eindruck, dass es nicht nur eine brauchbare Kriegslist sein könnte, Samantha zu verführen, sondern auch so etwas wie das Sahnehäubchen auf der Mission, die er zu erfüllen hatte. Dass sie so stark in die Leitungsaufgaben dieser Anlage eingespannt war, die sie erst kürzlich übernommen hatte, könnte sich obendrein als günstig erweisen. Je beschäftigter sie war, umso weniger würde sie davon merken, was er wirklich im Schilde führte.

Die Hochzeitssuite trug diese Bezeichnung tatsächlich zu Recht. Die Anordnung und Ausstattung der Räume war auf traute Zweisamkeit ausgerichtet. Der Whirlpool befand sich nicht im Badezimmer, sondern in der dem Bett gegenüberliegenden Ecke des Schlafzimmers und hatte reichlich Platz für zwei. Die schneeweißen Badetücher, kunstvoll zu Schwänen gefaltet, schmückten den Rand des Beckens.

Auf der einen Seite des Raums stand ein hübscher kleiner Mahagonischreibtisch mit einem Stuhl davor. In der Raummitte befand sich ein gemütliches, blassgelbes Sofa. Die eigentliche Attraktion aber waren die von Wand zu Wand und von der Decke bis zum Boden reichenden Fenster und Terrassentüren, die den Blick auf den Strand und das Meer freigaben. Weiße Wellenkämme unterbrachen das eindringliche Blau der See. Davor lag ein breiter, makellos weißer, von Palmen gesäumter Strand.

Brady zog die leichten weißen Vorhänge beiseite, öffnete eine der Türen und trat hinaus auf den großen Balkon. Eine freundliche Brise von der See empfing ihn und trug den vertrauten salzigen Geruch des Meers heran. Das Rauschen der Brandung wirkte sich immer beruhigend auf ihn aus. Sein ganzes bisheriges Leben hatte er in der Nähe des Meers verbracht. Wasser war sein Element. Er hatte das Gefühl, als sei er nach Hause zurückgekehrt. Kauai hatte schon immer zu seinen Lieblingsplätzen gehört, und dieses Hotel einmal zu besitzen, war nach wie vor sein Traum. Einiges im äußeren Erscheinungsbild des Hauses hatte sich verändert, seitdem er das letzte Mal hier gewesen war, aber der Hauch von Romantik, der schon immer über ihm lag, war geblieben.

Die Insel war eine Zuflucht, wie geschaffen, ihn das hektische Leben in San Francisco eine Weile vergessen zu lassen, und auch jetzt dachte er daran, wie schön es wäre, ein wenig Muße zu haben, um den weißen Sandstrand, die fächelnde Brise und das erfrischende Bad in den Wellen auszukosten.

Noch schöner wäre es freilich, könnte er Sam für ein paar Mußestunden am Strand gewinnen. Es würde sicher eine echte Herausforderung werden, sie dazu zu überreden, so eingespannt, wie sie in ihren Job offenbar war. Wenn er sie sich andererseits im Bikini vorstellte, kam er zu dem Schluss, dass sich der Aufwand ohne Zweifel lohnte.

Brady kehrte dem großartigen Panorama den Rücken und ging zurück in die Suite. Auf seinem Smartphone überprüfte er den Eingang seiner E-Mails, konnte aber feststellen, dass nichts von Bedeutung vorlag. Er drückte die Kurzwahl für sein Büro und hoffte, während er das Freizeichen hörte, dass seine Sekretärin noch nicht Feierabend gemacht hatte.

„Stone and Stone“, meldete sie sich.

„Abby, wie schön, dass ich Sie noch erreiche.“

„Hallo, Mr Stone. Ich war gerade dabei, meine Sachen zusammenzupacken. Ihr Bruder ist schon weg. Kann ich etwas für Sie tun?“

Brady ließ sich auf dem zierlichen Schreibtischsessel nieder. „Ich wollte nur Bescheid sagen, dass ich möglicherweise ein wenig länger auf Kauai bleibe als geplant. Außerdem möchte ich Sie darum bitten, alle eingehenden Anrufe, die Stanley oder Miles Donovan betreffen, an mich weiterzuleiten.

Zwei Sekunden herrschte Stille in der Leitung. Brady wusste, dass Abby sich seine Anweisungen notierte.

„Sonst noch etwas?“, fragte sie.

„Im Augenblick nicht. Sollten irgendwelche Fragen auftauchen, können Sie sich jederzeit an mich wenden.“

„Das bekommen wir schon hin“, meinte Abby fröhlich.

Brady musste lachen. „Sind Sie sicher? Cade und Sie, ihr geratet euch doch alle naselang in die Haare. Was macht ihr denn, wenn niemand da ist, der sich dazwischenwirft, solange ich das nicht kann?“

„Seitdem Sie weg sind, haben wir uns noch kein einziges Mal gestritten“, versicherte Abby treuherzig.

„Umso besser. Dann passen Sie auf, dass es dabei bleibt, und lassen Sie hübsch Ihre Krallen eingezogen, bis ich wiederkomme.“

Auch Abby lachte. „Mach ich. Ich wünsche Ihnen eine schöne Zeit.“

Brady unterbrach die Verbindung. Er wusste, dass er sich im Grunde keine Sorgen machen musste. Bei Cade, seinem jüngeren Bruder und Geschäftspartner, und der patenten Abby war alles in besten Händen, auch wenn die beiden sich mitunter zankten wie kleine Kinder. Abby war die beste Sekretärin, die er jemals gehabt hatte. Als er und Cade besprochen hatten, wer von ihnen beiden nach Kauai fliegen sollte, war ihm aufgefallen, dass seinem Bruder sehr daran gelegen war, diese Aufgabe zu übernehmen. Er hatte den Verdacht, dass es auch etwas mit Abby zu tun haben könnte. Dennoch war er hart geblieben. Für sein Empfinden war Cade zu emotional, wenn es um ihren vor nicht allzu langer Zeit verstorbenen Vater ging. Daher hatte er durchgesetzt, dass er auf diese Reise ging. Nachdem er nun Sam gesehen hatte, fühlte er sich in seiner Entscheidung bestätigt.

Beim Stichwort Sam fiel ihm ein, dass es höchste Zeit war, die erste Stufe seines neuen Plans zu zünden. „Die Verführung der Samantha Donovan“ war seine Mission jetzt überschrieben. Schließlich hatte jeder Feldzug einen klingenden Namen, und dieser sollte mit Blumen beginnen.

Brady nahm den Telefonhörer und wählte die Null für die Rezeption. „Ich möchte ein paar Blumen bestellen“, erklärte er, als der diensthabende Mitarbeiter sich gemeldet hatte.

„Haben Sie da einen speziellen Wunsch oder eine bestimmte Preisvorstellung, Mr Stone?“

Brady überlegte einen Moment. Es musste etwas sein, das Sam beeindruckte. „Nichts Spezielles, aber es muss ein wirklich großer, farbenfroher Strauß sein, gern etwas Ausgefallenes. Der Preis spielt dabei keine Rolle.“

„Sollen wir den Strauß auf Ihr Zimmer bringen lassen?“

„Nein, lassen Sie ihn zu Samantha Donovan ins Büro bringen.“

Für einen winzigen Moment war es still in der Leitung. Brady lächelte boshaft, während er versuchte, sich das Gesicht des jungen Angestellten vorzustellen, doch der hatte sich schnell gefasst und fragte professionell: „Was soll auf der Grußkarte stehen?“

Brady diktierte ihm die Worte, die er sich dazu überlegt hatte. Als er aufgelegt hatte, rieb er sich die Hände. Nun brauchte nur noch zu warten. Wie er Sam einschätzte, war sie zu höflich, um sich nicht persönlich bei ihm zu bedanken, und wenn er Glück hatte, bemühte sie sich dafür sogar zu ihm herauf. Die Sache war ins Rollen gekommen.

Zufrieden holte er seinen Laptop aus dem Koffer, stellte ihn auf den Schreibtisch und begann zu arbeiten. Er war mit dem Vorsatz angereist, das Imperium der Donovans wenn schon nicht restlos zu zerschlagen, so doch wenigstens merklich anzupiksen. Dass jetzt eine so zauberhafte Person wie Sam davon betroffen war, gefiel ihm weniger, aber es ließ sich nicht ändern. Mitgefangen, mitgehangen, lautete das Motto.

Ratlos drehte Sam die Karte in der Hand. Nehmen Sie sich mal wieder Zeit für sich selbst, stand darauf. Erst nachdem sie die Worte zum dritten Mal gelesen hatte, ging ihr ein Licht auf, und sie begriff, wer ihr die Blumen geschickt hatte. Sie musste lächeln.

Gerade hatte sie in der Küche eine zum Glück harmlose Streitigkeit unter dem Personal geschlichtet und war in ihr Büro zurückgekehrt. Zu ihrer Überraschung konnte sie ihren Schreibtisch vor lauter Blumen kaum noch sehen. Es war der gewaltigste Strauß, den sie je bekommen hatte. Sie steckte die Nase in einige der Blüten und sog den märchenhaften Duft ein.

Die Füße taten ihr von der Lauferei den ganzen Tag über weh, und sie hätte sich gern ausgeruht, aber dafür hatte sie keine Zeit. Nach kurzer Überlegung entschloss sie sich, dem großzügigen Spender zu danken, obwohl sie eigentlich auch dafür keine Zeit hatte. Sie machte sich auf den Weg in die Suite im obersten Stockwerk. Dabei ahnte sie, dass es mit einem einfachen Dankeschön nicht getan sein würde. Brady Stone würde sich sicherlich wieder mit ihr zum Abendessen verabreden wollen, aber auch dieses Mal würde sie seine Einladung ablehnen. Sie war nicht bereit, sich auf einen Schwerenöter wie ihn einzulassen. Seine Masche war ihr nicht unbekannt, obwohl sie sich eingestehen musste, dass es ihr dieses Mal nicht so leichtfiel, den Mann abblitzen zu lassen.

Vor der Tür der Hochzeitssuite hielt sie einen Moment inne. Sie strich den Rock ihres zartrosa Designerkostüms glatt und richtete ihre Frisur, dann klopfte sie an. Fast augenblicklich ging die Tür auf, und Brady stand vor ihr. Er hatte sein Jackett abgelegt und die Hemdsärmel hochgekrempelt. Ihr Blick fiel auf seine sonnengebräunten, kräftigen Unterarme und auf das kleine Stück seiner breiten Brust, das der aufgeknöpfte Hemdkragen sehen ließ. Sie musste einmal trocken schlucken.

„Samantha“, rief Brady sichtlich erfreut aus. „Bitte treten Sie doch ein.“

Sie zögerte kurz, bevor sie es tat, und hoffte, er hatte es nicht bemerkt. Sie war nun einmal hier, und es wäre albern und auch unhöflich, seiner Bitte nicht zu folgen. Ihr neuer Gast hatte dem Raum in der kurzen Zeit, in der er sich darin aufhielt, schon seinen Stempel aufgedrückt. Der Duft seines Aftershaves lag in der Luft, auf dem Schreibtisch stand sein Laptop, und vor dem Bett standen teure italienische Schuhe. Im offenen Kleiderschrank konnte sie seine Sachen hängen sehen.

„Ich bin gekommen, um Ihnen für die Blumen zu danken“, begann sie und drehte sich zu ihm um, während er die Tür hinter ihr schloss. „Ich muss sagen, dass ich selten einen schöneren Strauß gesehen habe.“

Brady verzog die Mundwinkel zu einem breiten Lächeln. „Wie kommen Sie darauf, dass die Blumen von mir sind.“

Sie erwiderte sein Lächeln. „So schwierig war es nun auch wieder nicht, nachdem Sie sich schon mit mir verabreden wollten. Das hat im letzten halben Jahr niemand mehr versucht.“

Brady lachte lautlos in sich hinein. „Bravo. Ich mag Frauen, die nicht nur sehr schön, sondern auch klug sind. Das mit dem halben Jahr kaufe ich Ihnen aber nicht ab.“

„Das können Sie ruhig. Ich habe hier so viel um die Ohren, dass sich das gar nicht ergibt.“

Brady kam zwei Schritte näher. Erst jetzt fiel ihr auf, wie groß er tatsächlich war. Sie musste zu ihm aufblicken, obwohl sie hochhackige Schuhe trug.

„Dann ergibt es sich jetzt“, meinte er. „Den kleinen Gefallen könnten Sie mir doch tun, nachdem ich Ihnen so schöne Blumen geschickt habe.“

„Wollen Sie mir ein schlechtes Gewissen machen?“

„Warum nicht? Wenn es hilft.“ Er strich ihr sacht eine Haarsträhne von der Schulter.

Sam wich ein Stück zurück. „Bitte nicht.“

Er nahm seine Hand weg. „Mögen Sie das nicht?“

„Ich … ich bin das nicht gewohnt“, antwortete sie ausweichend. Das fehlte ihr noch, dass sie ihre guten Vorsätze vergaß. Momentan konnte sie sich einfach kein Privatleben leisten.

„Sie werden sich schnell daran gewöhnen. Es ist angenehm.“

Wieder streckte er eine Hand aus, aber Sam gab ihm einen leichten Klaps auf die Finger. „Ganz sicher nicht“, meinte sie energisch, konnte aber nicht verhindern, dass ihr das Blut in die Wangen schoss. Sie musste schleunigst aus seiner Nähe verschwinden, bevor sie sich komplett zum Narren machte. Unglaublich, wie stark sie auf ihn reagierte.

Brady verfolgte ihre Reaktionen ganz genau, das war nicht zu übersehen. Bei seinem Lächeln entblößte er makellose weiße Zähne.

„Wir werden uns schon noch zusammenraufen. Da bin ich ganz zuversichtlich.“

„Sicher. An Selbstvertrauen mangelt es Ihnen bestimmt nicht.“

„Das braucht man schließlich auch, wenn man von so einer schönen Frau einen Korb bekommt.“

Ich sag’s ja, ein Schwerenöter allererster Güte, dachte Sam. Viele Zurückweisungen hat Brady Stone in seinem Leben bestimmt noch nicht erfahren. „Außerdem – sagten Sie nicht, Sie seien hergekommen, um zu arbeiten?“

„Das schließt doch nicht aus, die Gesellschaft einer bezaubernden Frau zu genießen.“

Sam musste ihm im Stillen zugestehen, dass er sich geschickt verhielt und sich nicht so leicht entmutigen ließ. Die Art, in der er seine Komplimente anbrachte, zeugte von einer nachtwandlerischen Sicherheit im Umgang mit Frauen. Er war wirklich gut darin, und ihr wurde von Minute zu Minute deutlicher, dass er ihr gefiel. Sie musste sehr auf der Hut sein, um sich von ihm nicht einwickeln zu lassen. „Sehen Sie sich am Strand um. Ich bin sicher, Sie werden sich nicht langweilen.“

Brady lachte. „Höre ich da Kritik?“

Wieder errötete sie leicht. Jetzt war es höchste Zeit, den Rückzug anzutreten. „Nein, keine Spur“, antwortete sie. „Aber jetzt müssen Sie mich entschuldigen. Ich muss zurück an meine Arbeit. Noch einmal vielen Dank für die Blumen.“

Brady trat dicht an sie heran. „Wenn ich Sie verärgert haben sollte, tut es mir leid.“ Er strich ihr mit dem Daumen über die Wange. „Hören Sie trotzdem auf meinen Rat, und denken Sie nicht nur an die Arbeit, sondern gelegentlich auch mal an sich.“

Erneut wich sie zwei Schritte zurück, hatte aber den Eindruck, es war bereits zu spät. „Vielen Dank, aber ich kann sehr gut selbst auf mich aufpassen.“

Als sie sich zum Gehen wandte, meinte Brady noch: „Sollten Sie Ihre Meinung über meine Einladung zum Essen ändern, lassen Sie es mich wissen.“

„Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend, Mr Stone.“ Eilends verließ sie die Suite, schloss die Tür hinter sich und stieg in den Fahrstuhl.

3. KAPITEL

Sam hatte bewusst die förmliche Anrede „Mr Stone“ gewählt und nicht „Brady“ gesagt. Sie wollte damit ihm – und auch sich selbst – klarmachen, dass Intimitäten, egal welcher Art, mit ihr nicht zu haben waren. Abgesehen davon, dass es undenkbar war, dass ausgerechnet sie als Managerin des Hauses sich auf ein Techtelmechtel mit einem Gast einließ, gehörte Brady Stone zu den Männern, vor denen man sich in Acht nehmen musste. Wenn er ein Abenteuer brauchte, um sein Ego aufzuputschen, musste er sich jemand anderen suchen.

Ihr Bedarf an dominanten Männern war ohnehin mehr als gedeckt, nachdem sie jahrelang unter der Fuchtel ihres herrschsüchtigen Vaters und in Konkurrenz zu ihrem Bruder gestanden hatte. Als sie vor einem halben Jahr auf diese Insel gekommen war, hatte sie es wie eine Befreiung empfunden, endlich ihre eigenen Entscheidungen treffen zu können, ohne dass ihr ständig jemand reinredete. Umso größer war die Enttäuschung, denn selbst jetzt, da ihr Vater ein paar Tausend Kilometer weit weg war, war sie vor seiner Einmischung nicht sicher.

Dabei war es nicht einmal übertrieben gewesen, was sie zu Brady über ihre Arbeitsbelastung gesagt hatte. Sie hatte tatsächlich genug zu tun und schon mehr Zeit mit ihm zugebracht, als sie es sich eigentlich leisten konnte. Zum Essen war sie seit dem Mittag noch nicht gekommen, und ihr knurrte der Magen. Wohl oder übel musste sie sich an die Cracker halten, die sie für Notfälle in ihrem Schreibtisch verwahrte. Im Grunde war es absurd, denn sie hatte ein großes Restaurant und zwei Bistros im Haus, die ihr etwas schicken konnten, aber sie wollte die Angestellten nicht noch mit ihren persönlichen Wünschen belasten.

Sam berührte vorsichtig ihre Wange dort, wo Brady sie mit dem Daumen gestreift hatte. Noch immer meinte sie, seine leichte Berührung zu fühlen. Sie versuchte, die irritierende Erinnerung an den flüchtigen Kontakt zu verdrängen, und haderte mit sich, weil sie sich überhaupt mit solchen Gedanken aufhielt. Ja, zugegeben, Brady Stone war ein äußerst attraktiver Mann. Es war auch nicht zu leugnen, dass es zwischen ihnen vom ersten Augenblick an geknistert hatte. Trotzdem durfte sie sich nicht von dem ablenken lassen, was sie sich vorgenommen hatte, nämlich vor allem ihrem Vater zu beweisen, dass sie das Zeug dazu hatte, „Lani Kaimana“ seinen früheren Glanz zurückzugeben.

Sie drückte ihr Kreuz durch und durchschritt erhobenen Hauptes die Lobby, wobei sie erfreut feststellte, dass neue Gäste eingetroffen waren, die gerade an der Rezeption eincheckten. Wenn ihr Vater sie nur schalten und walten ließe, wie sie es sich vorstellte, würde sie ihr Ziel erreichen, und die Anlage wäre spätestens in zwölf bis achtzehn Monaten wieder das ganze Jahr hindurch ausgebucht. Damit, dass er sie gewähren ließ, war jedoch nicht zu rechnen.

Sam hatte ihre Zweifel, dass Stanley Donovan jemals seine Tochter als tüchtige, fähige Geschäftsfrau würde akzeptieren können. Auch heute noch, wenn sie miteinander telefonierten, sprach er in einem Ton zu ihr, als erwarte er, dass sie buchstäblich vor ihm strammstand und mit „Jawohl, Sir“ antwortete. An ein entspanntes Gespräch mit ihm über belanglose Dinge konnte sie sich nicht erinnern. Alles drehte sich immer nur um Leistung und um das Geschäft, und jedes Mal, wenn sie den Versuch startete, ein anderes Thema anzuschneiden, fuhr er ihr in die Parade und würgte sie rasch wieder ab. Bei Licht besehen behandelte er sie nicht anders als irgendeinen Angestellten in seinem Unternehmen. Das war schwer zu ertragen, und diese Art der Missachtung war für sie, die ihren Vater im Grunde ihres Herzens liebte, sehr verletzend.

Sam blinzelte. Wieder einmal meldeten sich Kopfschmerzen. Sie kam einfach zu wenig an die frische Luft. Schnell durchquerte sie die mit Marmor geflieste Halle und strebte ihrem Büro zu, für das sie mit Bedacht den letzten Raum am Ende eines langen Korridors gewählt hatte, damit sie weitgehend ungestört arbeiten konnte. Allzu viel Zeit hatte sie bisher noch nicht an ihrem Schreibtisch verbringen können. Ständig musste sie unterwegs sein, Lieferanten abfertigen, Gäste begrüßen und das Personal in der Küche und auf den Etagen auf Trab halten.

Nicht zuletzt war diese enorme Belastung die Folge des Missmanagements, unter dem die Anlage gelitten hatte, bevor sie hier die Zügel in die Hand nahm. Die Belegschaft hatte aus Kostengründen verringert werden müssen, und auf jedem und jeder der Verbliebenen lastete nun ein größerer Druck. Sie hatte die Namen von denen, die sie entlassen musste, notiert und war fest entschlossen, sie wieder einzustellen, sobald die wirtschaftliche Lage des Hauses es erlaubte.

Sie versuchte sich auf die Arbeit zu konzentrieren, aber immer wieder wurden ihre Blicke vom unglaublichen Blumenarrangement angezogen, das sie inzwischen von ihrem Schreibtisch auf einen kleinen Beistelltisch aus Mahagoni in der Ecke ihres Büros hinübergestellt hatte. Am liebsten hätte sie die Blütenpracht ganz aus dem Raum verbannt, denn sie wollte nicht an Brady erinnert werden, aber aus irgendeinem Grund brachte sie das nicht übers Herz. Mit einem Seufzer streifte sie ihre teuren, aber zu engen roten Pumps ab, die sie schon den ganzen Tag gequält hatten, wackelte erleichtert mit den Zehen und holte aus einer Schublade eine Schachtel mit Kopfschmerztabletten, von denen sie zwei schluckte. Dann stellte sie eine Packung Käsecracker und ein Glas Erdnussbutter bereit und machte sich an die Kalkulation und die Planung für die nächsten beiden Wochen. Es war nicht gerade Vollwertkost, die sie da neben ihrer Arbeit zu sich nahm, und es war auch nicht zu vermeiden, dass man bei so einem Essen von oben bis unten von Krümeln bedeckt war, aber von Zeit zu Zeit hatte sie einen richtigen Heißhunger auf diese Art von Imbiss.

Unglücklicherweise trugen weder die Cracker noch die Tabletten dazu bei, ihre Kopfschmerzen wesentlich zu lindern. Nach einer Weile gab Sam es auf, auf die Zahlen zu starren. Sie ließ sich in den Schreibtischsessel zurücksinken und lehnte den Kopf an die hohe Rückenlehne. Müde schloss sie die Augen und konzentrierte sich auf den wohlig weichen Teppich unter ihren Fußsohlen und auf den Blumenduft, der den Raum erfüllte. So versuchte sie, dem Dröhnen in ihrem Kopf zu entrinnen und nicht daran zu denken, dass sie sich Pausen nicht leisten konnte. Sie hatte gar keine Wahl. Sie musste Erfolg haben mit dem „Lani Kaimana“. Die Blöße, zu versagen, durfte sie sich vor ihrem Vater nicht geben.

Noch bevor ihre Entspannungsübung Wirkung zeigen konnte, klopfte es an der Tür. Unwillig öffnete sie die Augen, setzte sich zurecht und rief: „Herein“.

Die Tür öffnete sich, doch das Einzige, was sie zunächst sah, war ein gedeckter Servierwagen, der hereingeschoben wurde. Dahinter folgte ihr Chefkoch.

Sie runzelte die Stirn. „Was, bitte, ist das?“

„Ihr Abendessen, Miss Donovan.“ Lächelnd nahm der Koch die silberne Abdeckung von der Platte in der Mitte. „Schwertfisch in Macadamia-Kruste an leichter Zitronensoße, eins Ihrer Leibgerichte.“

Ihr lief das Wasser im Mund zusammen. „Ich habe doch gar nichts bestellt“, wandte sie ein.

„Ich weiß, Sie nicht, aber Mr Stone. Soll ich den Wagen hier stehen lassen. Oder darf ich Ihnen servieren?“

Sam stand auf und wischte die Crackerkrümel von ihrem Rock. Sie wusste immer noch nicht, was sie von dieser Überraschung halten sollte. „Lassen Sie es ruhig stehen, Akela“, sagte sie. „Ich bediene mich dann schon selbst.“

Der Chefkoch verabschiedete sich höflich und zog sich zurück.

Als sie allein war, konnte Sam der Verlockung des köstlichen Duftes nicht widerstehen. Neugierig trat sie an den Servierwagen und nahm noch einmal die silberne Abdeckhaube ab. Vorsichtig lupfte sie einen der kleineren Deckel und fand darunter ihr Lieblingsdessert, Zitronenkuchen. Lächelnd schüttelte sie den Kopf. Es würde ihr wohl nichts anderes übrig bleiben, als sich erneut bei Brady für seine Aufmerksamkeit zu bedanken. Ein wenig unangenehm war es ihr schon. Trotzdem fand sie diese Fürsorge rührend.

Gerade als sie zum Telefon greifen wollte, klingelte es. Sam hob ab. Sie war sicher, dass es Brady war, der sich vergewissern wollte, dass seine Überraschung gelungen war. Stattdessen hörte sie die Stimme ihres Vaters, nachdem sie sich gemeldet hatte.

„Samantha“, sagte Stanley Donovan. Sowohl die Tatsache, dass er sie bei ihrem vollen Namen nannte als auch sein scharfer Ton verhießen nichts Gutes. „Warum meldest du dich nicht?“

Das Lächeln verschwand von ihrem Gesicht, und sofort waren die Kopfschmerzen wieder da. Unwillkürlich straffte sie die Schultern.

„Seit über einer Woche höre ich nichts mehr von dir. Was machst du da den ganzen Tag? Ich möchte wissen, wie es mit meiner neuen Ferienanlage vorangeht.“

Der kalte Befehlston schmerzte, auch dass er von seiner Anlage sprach, berührte sie unangenehm. Sicher gehörte „Lani Kaimana“ offiziell ihm, aber wie er das betonte, kam sie sich wie eine x-beliebige Untergebene vor und nicht wie seine Tochter. Mit Miles würde ihr Vater nie so umspringen. Langsam ging sie um ihren Schreibtisch herum und setzte sich in den Sessel. Das Lederpolster ächzte leise unter ihr. Es war ein beinahe menschliches Geräusch.

„Ich bin gerade dabei, die Aufstellung für das letzte Quartal zu machen. Gib mir noch eine Stunde, dann hast du sie“, antwortete sie.

„Das wird auch höchste Zeit. Du wolltest sie mir heute Morgen schon schicken.“

„Tut mir leid, aber heute war hier so viel los, dass ich noch keine ruhige Minute hatte, um mich daranzusetzen.“ Sam hörte ein unwilliges Knurren am anderen Ende.

„Ist sonst irgendetwas passiert?“, fragte Stanley.

Ihr Blick fiel auf die Blumen und von da auf die verführerischen Gerichte auf dem Servierwagen. Sie war froh, dass ihr Vater beides nicht sehen konnte. „Nein, nichts Besonderes“, sagte sie leichthin.

In diesem Augenblick klopfte es an der Tür. Der Schreck fuhr ihr in die Glieder, als Brady den Kopf hereinstreckte. Mit einer Handbewegung bedeutete sie ihm zu warten.

„Ich erwarte umgehend deinen Bericht und die Umsatzzahlen“, sagte Stanley.

„Bekommst du“, versicherte sie ihm. „Ich muss jetzt Schluss machen. Hier ist jemand, der mich sprechen will.“

„Beeile dich trotzdem mit dem Bericht.“

Ohne Abschiedsgruß legte Stanley auf. Sam war in diesem Fall eher erleichtert als gekränkt. Sie sollte ihren Vater und seine rüde Art mittlerweile gut genug kennen, um nichts anderes zu erwarten, trotzdem war sie jedes Mal wieder fassungslos. Mit seinen härtesten Konkurrenten oder mit seinen Aushilfssekretärinnen sprach er nicht auf diese Weise. Mit Miles sowieso nicht. Ob sein Verhalten ihr gegenüber tatsächlich etwas mit dem Tod ihrer Mutter zu tun hatte? Seitdem die gestorben war, war ihr Vater zunehmend schroffer im Umgang mit ihr geworden. Die Vermutung lag nahe, dass das damit zusammenhing, dass Sam das getreue Ebenbild ihrer Mutter in jungen Jahren war, aber schließlich konnte sie weder etwas dafür noch etwas für den Tod von Beverly Donovan.

Sam legte den Hörer auf und winkte Brady herein.

„Komme ich ungelegen?“, fragte er.

„Ganz und gar nicht. Ich wollte Sie gerade anrufen und mich für das Essen bedanken, als mir dieser Anruf dazwischenkam.“

„Kann ich die Tür schließen?“

„Sicher.“

Brady trat näher. Er hatte den dunklen Anzug, den er trug, als er angekommen war, gegen eine Khakihose und ein mintgrünes Polohemd getauscht, und Sam war unschlüssig, womit er mehr Eindruck auf sie machte. Der legere Aufzug, in dem er jetzt erschien, brachte seinen athletischen Körperbau noch besser zur Geltung. Das Polohemd spannte über seinem muskulösen Brustkorb und ließ das Spiel seiner Armmuskeln sehen.

„Wollten Sie jetzt hier mit mir essen?“, fragte sie unsicher.

„Nein, nein. Das hier“, sagte er und deutete mit einer Handbewegung auf den Servierwagen, „ist ganz allein für Sie. Ich habe mir gedacht, wenn Sie schon so beschäftigt sind, dass Sie meine Einladung nicht annehmen können, vernachlässigen Sie bestimmt auch Ihre regelmäßigen Mahlzeiten. Einer muss sich ja um Sie kümmern.“

Sam konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Wenn das ernst gemeint war, war es wirklich ein netter Zug von ihm.

Brady sah sie aufmerksam an. „Sie sind blass um die Nase. Geht es Ihnen nicht gut?“

„Nur ein wenig Kopfschmerzen. Das hat nichts zu sagen.“

„Sie müssen etwas essen“, meinte er entschieden und drückte sie sanft zurück in den Schreibtischsessel, als sie aufstehen wollte. „Wissen Sie was? Ich werde Sie ein bisschen bedienen.“

„Brady, das ist alles sehr lieb gemeint, aber ich muss dringend den Quartalsbericht für meinen Vater fertig machen. Und Sie haben bestimmt auch Besseres zu tun.“

Brady ließ sich nicht beirren. Er schob den Servierwagen näher heran. „Ihr Vater wird doch nichts dagegen haben, wenn Sie etwas zu Abend essen. So viel Zeit muss sein. Und meinetwegen brauchen Sie sich keine Gedanken zu machen.“

Sam griff nach der Computermaus und blickte angestrengt auf den Monitor. „Dieser Bericht muss in einer Stunde fertig sein. Ich verspreche Ihnen, dass ich etwas esse, sobald ich ihn abgeschickt habe.“

„War das so etwas wie ein freundlicher Rauswurf?“

Sam blickte auf. „Ich wollte nicht unhöflich sein, aber ich bin wirklich sehr beschäftigt.“

Er hob abwehrend die Hände. „Ich setze mich ganz still in die Ecke und störe Sie bestimmt nicht. Ich will mich aber mit eigenen Augen davon überzeugen, dass Sie etwas essen.“

Sam zuckte die Achseln und ließ ihn schließlich gewähren. Es hatte keinen Zweck, sich auf eine Diskussion mit ihm einzulassen, dann würde sie an diesem Abend nie mehr fertig werden. Sollte er sich in die Ecke setzen, wenn ihm so viel daran lag. Es war ihr nicht einmal ganz unrecht. Wenn es auch eine Illusion sein mochte, war es ein schönes Gefühl zu denken, dass jemand da war, der sich um einen kümmerte. Es war lange her, dass sie so etwas empfunden hatte.

Sam machte sich an ihren Bericht und versuchte, dabei nicht auf Brady zu achten, der es sich in einem Sessel in der gegenüberliegenden Ecke bequem gemacht hatte. Er hatte die Füße übereinandergelegt und hielt die Hände auf seinem Bauch gefaltet. Sie merkte sehr schnell, dass es unmöglich war, seine Anwesenheit zu ignorieren. So beeilte sie sich mit ihrer Arbeit, um dieser angespannten Situation zu entkommen. Wenn sie fertig war, wollte sie sich eine Viertelstunde Zeit für das Essen nehmen, vielleicht auch für Brady. Er hatte es sich verdient. Es war ein sympathischer Zug von ihm, sie damit zu überraschen.

Doppelt und dreifach überprüfte sie die Zahlenkolonnen, bevor sie sie per E-Mail an Stanley Donovan abschickte. Als das erledigt war, streckte sie sich und drehte den Kopf im Nacken von einer Seite auf die andere, um die Verspannung in den Schultern loszuwerden, die sie von der Schreibtischarbeit bekommen hatte. „So, fertig“, sagte sie.

Brady richtete sich auf und sah sie an. „Und jetzt essen Sie etwas?“

Sam nickte. Während sie ihren Schreibtisch abräumte, holte Brady die Schüsseln, stellte sie vor sie hin und schenkte ihr ein Glas Wasser ein. Dann pflückte er eine der prachtvollen Blüten aus dem Blumenstrauß und legte sie neben den Teller. Sam musste lächeln. „Ich bin lange nicht mehr so aufmerksam bedient worden.“

Er betrachtete zufrieden sein Werk, nahm ihr gegenüber Platz und erwiderte ihr Lächeln.

Nun begann Sam wirklich mit ihrem Abendessen. Nachdem sie den Schwertfisch und die köstlichen Beilagen eine Weile genossen hatte, meinte sie: „Sie geben sich viel Mühe, Brady. Aus irgendeinem Grund, den ich nicht ganz verstehe, scheint Ihnen etwas an meiner Gesellschaft zu liegen. Machen Sie sich aber bitte keine falschen Hoffnungen. Ich werde kaum Zeit für Sie haben. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich fühle mich sehr geschmeichelt von Ihrer Aufmerksamkeit. Ich möchte nur nicht, dass Sie enttäuscht werden. Ich fürchte, Sie verschwenden Ihre Zeit.“

Brady zuckte gleichmütig die Achseln. „Selbst wenn es so wäre, ist es meine Zeit. Außerdem halte ich sie auf keinen Fall für verschwendet, im Gegenteil.“ Nach einer Pause fügte er hinzu: „Wissen Sie, wenn mir etwas gefällt, bin ich bereit, einiges dafür zu tun, um es zu bekommen. Das war schon immer so. Und ich habe den Eindruck, Ihnen geht es ähnlich.“

Sie schaute ihn über die Gabel hinweg an, die sie auf halbem Wege zum Mund geführt hatte. „Da könnten Sie recht haben.“

Wenn sie an ihre Ziele mit „Lani Kaimana“ dachte, hatte Brady ganz sicher recht. Diese Anlage wieder zur Topadresse auf Kauai zu machen, war ihr ganzer Ehrgeiz. Sie wäre damit auch schon erheblich weitergekommen, wenn ihr Vater sich dazu durchringen könnte, ihre Pläne zu unterstützen, statt alles schlechtzumachen, was sie tat und was sie sich vorstellte. Solange das nicht erreicht war, konnte sie nicht an so etwas wie ein Privatleben denken.

Durch ihre langen Wimpern hindurch streifte sie Brady noch einmal mit einem verstohlenen Blick. Zu schade, dass dieser Mann ihr ausgerechnet jetzt begegnete. Es war definitiv der falsche Zeitpunkt. Unter anderen Umständen wäre sie einem Abenteuer vielleicht nicht abgeneigt gewesen. Mehr als ein Abenteuer konnte sie sich mit einem Mann vom Typ Bradys ohnehin nicht vorstellen.

4. KAPITEL

Als Brady in seine Suite zurückkehrte, war er äußerst zufrieden mit dem Verlauf des Abends. Besser hätte es sich gar nicht fügen können. Seine Taktik war wie so oft aufgegangen, und dann war noch das Glück dazugekommen, dass er Sam in einem Augenblick der Schwäche angetroffen hatte.

Er holte sein Handy aus der Hosentasche und wählte. Cade meldete sich schon nach dem ersten Klingeln.

„Wir kommen gut voran“, eröffnete Brady seinem Bruder. Mit dem Handy am Ohr trat er durch die hohe Doppeltür hinaus auf den Balkon und atmete mit Genuss die würzige Meeresluft ein. Am menschenleeren Strand brachen sich die Wellen.

„Was hast du angestellt?“, fragte Cade.

„Ich war bei Sam Donovan im Büro, als sie gerade dabei war, ihren Quartalsbericht fertigzustellen, den ihr Vater erwartete. Ich habe mich eine ganze Weile dort herumgetrieben, und wir haben uns nett unterhalten. Leider konnte ich keinen Blick auf die Umsatzzahlen werfen, aber da komme ich auch noch heran. Sie ist vollkommen arglos mir gegenüber. Ich sage dir, in einer Woche haben wir alle Informationen in der Hand, um Stanley zu erledigen.“

Cade stieß einen leisen Pfiff aus. „Bravo. Du machst also Fortschritte bei der jungen Dame.“

Brady schaute zurück ins Zimmer, und sein Blick verweilten wie magisch angezogen auf dem riesigen Himmelbett. Er musste sich zügeln, damit seine Fantasie nicht mit ihm durchging. „Es ist nichts gewesen zwischen mir und Sam.“

Cade lachte leise in sich hinein. „Es ist ja auch gerade mal dein erster Tag dort. Glaubst du wirklich, du hast alles, was wir für unseren entscheidenden Schlag gegen die Donovans brauchen, innerhalb von einer Woche beisammen?“

„Ich denke schon.“

Unwillkürlich zog sich sein Magen zusammen, da Brady an Sam denken musste. Sollte er sein Ziel erreichen, und davon ging er aus, würde sie leiden. Er schob die Schuldgefühle rasch beiseite, bevor sie sich festsetzen konnten. Tatsächlich hatte er bei ihr einen Moment der Schwäche ausgenutzt, aber hatte das Stanley Donovan bei seinem Vater nicht auch getan, als er ihm „Lani Kaimana“ abluchste? Und wer sagte ihm, dass Sam unter ihrer hübschen Larve nicht genauso durchtrieben war wie der Rest ihrer Familie? Es war nur fair, dass jetzt die Karten neu gemischt wurden.

Cade amüsierte sich noch immer über ihn, als sie sich verabschiedeten und Brady die Verbindung trennte. Er konnte die gute Laune seines Bruders nicht teilen und war ins Grübeln gekommen. Ein halbes Jahr war es jetzt her, seitdem sein Vater unheilbar an Lungenkrebs erkrankt war und dadurch in der Firma nicht mehr so präsent sein konnte, wie es nötig gewesen wäre. Stanley Donovan hatte seine Chance sofort erkannt, sich wie ein Geier auf „Lani Kaimana“ gestürzt und die Anlage in seinen Besitz gebracht.

Über die Rolle, die Sam dabei spielte, war Brady sich im Unklaren. Vielleicht fiel der Apfel wirklich nicht weit vom Stamm. Andererseits hatte ihr Gesichtsausdruck, als sie mit ihrem Vater telefonierte, Bände gesprochen. Sie hatte traurig und niedergeschlagen ausgesehen, als sie den Hörer auflegte. Stanley war als skrupelloser Geschäftsmann bekannt. Brady konnte sich gut vorstellen, dass er auch seinen nächsten Angehörigen gegenüber ein wahres Ekel war.

Dennoch, seitdem ihr Vater gestorben war, hatten er und Cade die Zügel im Unternehmen Stone fest in die Hand genommen. An ihnen sollte Stanley sich die Zähne ausbeißen. Sie waren jung und ehrgeizig und würden sich nicht so leicht übertölpeln lassen wie ein alter, todkranker Mann. Er war entschlossen, nicht zu ruhen, bis er es dem alten Donovan heimgezahlt und das zurückerlangt hatte, was in seinen Augen rechtmäßig den Stones gehörte. Wenn dieser Weg über dessen Tochter Samantha führte, dann war das eben so.

Um ein wenig Stress abzubauen, entschloss sich Brady zu einem Spaziergang am Strand. Er hatte es nicht weit, und schon wenig später spürte er den feinen weißen Sand unter seinen nackten Fußsohlen. In einer Weise konnte er es Stanley wirklich nicht verdenken, dass er hinter diesem Besitz her war. Dieser Teil der Insel war ein gesegnetes Fleckchen Erde. Eine sanfte Abendbrise wehte vom Meer. Der Abendhimmel, die rauschenden Wellen und der silbern glänzende Sand bildeten die perfekte Szenerie für einen romantischen Spaziergang zu zweit.

Ganz von selbst waren seine Gedanken wieder bei Sam. Er sah ihren verführerischen Mund vor sich und stellte sich vor, wie sie ihn mit ihren vollen, schön geschwungenen Lippen anlächelte. Doch schnell riss er sich aus diesen Träumen und rief sich zur Ordnung. Es durfte nicht geschehen, dass ihn irgendwelche romantischen Hirngespinste von seinem Ziel ablenkten. In diesem Fall musste er doppelt wachsam sein, denn Sam war eine schöne Frau. Außerdem war das Ambiente auf der Insel wie geschaffen dazu, einen auf romantische Abwege zu bringen.

Brady hob den Kopf. In einiger Entfernung sah er eine Frau am Strand stehen und stutzte. Es war Sam. Er musste sehr tief in seine Gedanken versunken gewesen sein, dass er sie nicht früher bemerkt hatte. Mit einigen langen Schritten war er bei ihr. Auch sie schien ihn nicht gesehen zu haben, denn sie schrak regelrecht zusammen, als er bei ihr auftauchte. Ihre Pumps, die sie an den Riemen hielt, baumelten an ihrer rechten Hand, ansonsten trug sie immer noch das rosa Designerkostüm, in dem er sie zuvor gesehen hatte. Sie hatte ihr Haar gelöst, und die blonden Locken wehten leicht im Wind.

„Ein zauberhaftes Bild“, sagte er.

Sam runzelte für einen Moment die Stirn, weil er dabei sie ansah und nicht den majestätischen Sonnenuntergang, der sich vor ihnen abspielte. Sie fing sich schnell wieder, wandte den Blick dem farbenprächtigen Horizont zu und bemerkte leichthin: „Ja, sehr schön. Leider komme ich nicht oft genug dazu, diesen Anblick zu genießen.“

„Das sollten Sie aber. Ab und zu muss man den Kopf auslüften und abschalten. Das hilft einem, die Sorgen zu ertragen.“

Sam warf ihm einen missbilligenden Blick zu. „Was wissen Sie von meinen Sorgen?“ Sie zuckte die Achseln, wandte sich ab und wollte am Wasser entlang ihren Spaziergang fortsetzen.

Mit wenigen Schritten war Brady wieder an ihrer Seite. „Lassen Sie mich Ihr Begleiter sein. Es wäre doch eine Sünde, wenn eine schöne Frau wie Sie einen so romantischen Abend und diesen Bilderbuchsonnenuntergang an einen einsamen Spaziergang verschwendete.“

„Haben Sie anderswo eigentlich Erfolg mit Ihren Redensarten?“

Bradys Lächeln wurde noch ein bisschen breiter. Ihre gespielte Kratzbürstigkeit gefiel ihm. „Fast immer“, meinte er.

Sie musste lachen, und er war einen Augenblick irritiert. Er mochte dieses Lachen und musste wieder daran denken, dass bei dem, was Cade und er sich vorgenommen hatten, auch Sam in Mitleidenschaft gezogen wurde. Er konnte sich gut vorstellen, dass es sie tief treffen würde, sollte sie „Lani Kaimana“ verlieren. Schnell schüttelte er den Gedanken ab.

„Was tun Sie eigentlich hier unten?“, fragte er. „Gönnen Sie sich tatsächlich eine Pause von Ihrer Arbeit? Das kann ich mir gar nicht vorstellen.“

„Im Büro ist mir die Decke auf den Kopf gefallen. Aber keine Sorge, die Arbeit geht trotzdem weiter – hier oben.“ Sie tippte sich an die Stirn.

Gemächlich schlenderten sie am Strand entlang. Hin und wieder umspülte eine der anrollenden Wellen ihre Füße, und Brady musste aufpassen, dass seine aufgekrempelten Hosenbeine nicht nass wurden. Er fühlte sich wohl in Sams Gesellschaft. Dem unbefangenen Betrachter mussten sie beide das Bild eines Paars bieten, das in trauter Zweisamkeit den Sonnenuntergang am Strand genoss, und er hätte nichts dagegen, wenn es tatsächlich so wäre.

„Sie kennen doch den alten Spruch: Arbeit ist das halbe Leben – aber eben nur das halbe.“

Sie lächelte ihn verschmitzt an. „Irgendwie habe ich den Eindruck, Sie halten es eher mit der anderen Hälfte.“

Der Wind wehte ihr eine feine Strähne ihres schönen blonden Haars ins Gesicht, sodass sie zwischen ihren Lippen haften blieb. Brady konnte sich nicht zurückhalten. Behutsam strich er ihr die Haare aus der Stirn. „Das ist bestimmt gar nicht so verkehrt. Wenigstens laufe ich nicht Gefahr, die interessantere Hälfte meines Lebens zu verpassen. Das sollten Sie sich auch mal überlegen.“

Sam reckte trotzig ihr Kinn vor. „Ich verpasse schon nichts. Das, was ich mache, mache ich gern. Und wenn ich mir eine Stunde Auszeit nehmen will, dann nehme ich sie mir.“

„Sagen Sie mir Bescheid, wann es so weit ist. Da möchte ich gern dabei sein“, meinte er vergnügt und blieb stehen. Es war Zeit, sich zurückzuziehen und sich auf den Rückweg zum Hotel zu machen. Über die Schulter hinweg sagte er: „Und planen Sie schon mal ein bisschen mehr als nur eine Stunde ein. Wir brauchen sicherlich wesentlich länger.“

Ohne ihr Zeit zu einer Antwort zu geben, stapfte er durch den Sand davon. Sollte sie ruhig darüber nachdenken, was er damit gemeint hatte.

Der Morgen war hell und freundlich. Sam durchschritt die lichtdurchflutete Hotelhalle und atmete dankbar die frische, salzige Luft ein, die in einer leichten Brise vom Meer hereinwehte. Abgesehen davon hatte der Tag weniger erfreulich begonnen. Sie kam gerade aus einem Meeting mit ihren Angestellten. In der Belegschaft breitete sich Unzufriedenheit aus, und ihr war es nur mit viel gutem Zureden gelungen, die Gemüter zu beruhigen. Sie konnte ihren Leuten keine großen Versprechungen machen, solange „Lani Kaimana“ noch keine schwarzen Zahlen schrieb.

Als ihr Vater die Anlage übernommen hatte, war das Geschäft deutlich rückläufig gewesen, und diese Entwicklung war nicht innerhalb eines halben Jahres zu stoppen. Höhere Gehälter konnte sie beim besten Willen erst zahlen, wenn das Blatt sich gewendet hatte. Um das zu erreichen, musste sie sich mit ihren Ideen erst bei ihrem Vater Gehör verschaffen. Sie war zuversichtlich, dass es ihr eines Tages gelingen würde, aber sie wusste auch, dass es kein leichtes Unterfangen war, Stanley Donovan für etwas Neues zu erwärmen. Dabei war sie sich sicher, dass er ihr vertraute, sonst hätte er ihr die Leitung der Hotelanlage nicht übertragen.

Gerade als sie den Weg zu ihrem Büro einschlagen wollte, sah sie Brady in der Halle stehen, und da er nicht in ihre Richtung sah, gönnte sie sich das Vergnügen, ihn in aller Ruh von Kopf bis Fuß zu mustern. Er trug ein weißes Polohemd und leichte, verwaschene Jeans. Verstohlen bewunderte sie seinen durchtrainierten, sonnengebräunten Körper, und ihr wurde bewusst, dass sie noch keinen Mann so angesehen hatte wie ihn. Ihr Herz begann, schneller zu schlagen.

Was ist das, fragte sie sich. Was hatte das zu bedeuten, dass sie ausgerechnet diesen Mann so mit ihren Blicken verschlang. War es nur ein ganz gewöhnlicher biologischer Reflex, elementare körperliche Lust? Oder hatte es damit zu tun, dass er für sie da gewesen war, als es ihr schlecht ging? Er hatte ihr das Gefühl gegeben, dass sich jemand um sie kümmerte. War es der Spaziergang am Meer am vergangenen Abend? Sie hatte noch lange daran gedacht, als sie allein in ihrem Bett lag. Ob die Begegnung nun tatsächlich reiner Zufall gewesen war oder nicht, seine Gegenwart war angenehm gewesen, und sie hatte sich sogar ein ganz klein wenig geschmeichelt gefühlt wegen seines Interesses.

Plötzlich merkte Sam, dass sie Brady zu lange angestarrt hatte. Er wandte den Kopf, und ihre Blicke trafen sich. Sie verfluchte sich im Stillen, denn nun blieb ihr nichts anderes übrig, als auf ihn zuzugehen und ihm freundlich einen Guten Morgen zu wünschen. Lächelnd erwiderte er ihren Gruß.

„Ich hoffe, Sie fühlen sich wohl hier bei uns.“ Sie setzte ihre erprobte Routine ein, um ihre wahren Gefühle zu überspielen.

„Doch, sehr. Ich kann nicht klagen.“

„Wenn es irgendetwas gibt, womit ich Ihnen den Aufenthalt so angenehm wie möglich machen kann, lassen Sie es mich wissen.“

Seine braunen Augen blitzten auf. „Ich werde Ihr Angebot nicht vergessen“, meinte er mit einem listigen Lächeln.

Sam biss sich auf die Zunge. Wie konnte sie nur so dumm sein? Diese Blöße hatte sie sich ganz zu Anfang bei ihm schon einmal gegeben. Obwohl sie noch nicht allzu häufig mit Brady gesprochen hatte, hätte ihr klar sein müssen, wie er ihre harmlos gemeinte Bemerkung auslegen würde. Bei dem Gedanken, er könnte sie bei ihren heimlichen Gelüsten ertappen, so wie er sie eben ertappt hatte, als sie ihn anstarrte, bekam sie feuchte Hände. Sie versuchte die Situation zu retten und sagte: „Ich meinte …“

Lächelnd legte er ihr eine Hand auf die Schulter, beugte sich zu ihr und sagte nah an ihrem Ohr: „Ich weiß, was Sie meinten.“ Er blickte sie einen Moment lang prüfend an, dann fügte er hinzu: „Wäre es sehr unbescheiden, wenn ich Sie beim Wort nähme und Sie darum bäte, heute mit mir zu Abend zu essen? Und zwar nicht in Ihrem Büro.“

Obwohl sie ein verräterisches Kribbeln in ihrem Bauch spürte und gern zugesagt hätte, zögerte sie. „Ich weiß es noch nicht, Brady. Ich habe wirklich einen sehr vollen Terminkalender.“

„Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Wir haben ja unseren Spaziergang am Strand schon unbeschadet überstanden. Ein Essen zu zweit ist da doch wesentlich unverfänglicher.“

„Nun gut. Haben Sie denn Zeit heute Abend?“

„Auf jeden Fall. Kommen Sie um sechs in meine Suite. Ich kümmere mich um alles.“

Bevor sie etwas einwenden konnte, war er schon gegangen. Sam hatte ein schlechtes Gewissen, denn kürzlich erst hatte sie ihrem Personal strikte Richtlinien an die Hand gegeben, was den persönlichen Kontakt mit Gästen anging. Mit einem Seufzer schickte sie sich drein. Einmal ist keinmal, versuchte sie sich zu beschwichtigen. Außerdem hatte Brady ihr ja kaum eine andere Wahl gelassen.

Dass ihr Tag vollständig mit Arbeit angefüllt war, war kein leeres Gerede. Sie hatte alle Hände voll zu tun. Zum täglichen Geschäft, das aufreibend genug war, kamen ihre Zukunftspläne, die sie für die Hotelanlage hatte. Die wollten wohlüberlegt und solide kalkuliert sein. Dennoch schweiften Sams Gedanken immer wieder ab.

Mitten in ihrer Planung zur Modernisierung der Anlage, um „Lani Kaimana“ für zahlungskräftige Touristen attraktiver zu machen, ertappte sie sich dabei, wie sie verträumt ins Leere blickte und nachrechnete, wann sie zum letzten Mal Sex gehabt hatte. Dass sie angesichts des bevorstehenden Dinners mit Brady Stone auf solche Ideen kam, ließ alle Alarmglocken bei ihr schrillen. Seitdem sie ihre Aufgabe in der Hotelanlage auf der Insel übernommen hatte, hatte sie nicht einmal ansatzweise an dergleichen gedacht. Ihr Ehrgeiz, aus der Anlage eine Topadresse zu machen, hatte ihre persönlichen Bedürfnisse in den Hintergrund treten lassen. Alles wollte sie daransetzen, um ihrem Vater endlich zu zeigen, was in ihr steckte.

Sam hatte ein kompliziertes, sehr widersprüchliches Verhältnis zu ihm. Als ihre Mutter starb, war sie gerade erst fünf Jahre alt. Ihr Bruder Miles war acht. Stanley Donovan wusste nicht viel mit diesem kleinen Mädchen anzufangen, das seine Tochter war. Er lebte schon immer nur für sein Geschäft. Miles, der bereits etwas weiter war und ohnehin in die Fußstapfen seines Vaters treten sollte, hatte es einfacher gehabt. So war sie ziemlich auf sich allein gestellt, während sie aufwuchs. Ein Umstand, den sie später jedoch schätzen lernte, als ihr klar wurde, dass ihr Vater ihr, ohne es zu beabsichtigen, beigebracht hatte, stark zu sein, auf eigenen Füßen zu stehen und sich auch als Frau zu behaupten.

Ein Grund mehr, dass sie von einem kleinen Flirt – oder etwas mehr als einem kleinen Flirt – mit Brady Stone nichts zu befürchten hatte. Warum sollte sie sich diese angenehme Abwechslung nicht gönnen? Die letzten Wochen waren hart genug gewesen. Sam rieb sich die Augen, und ihr Blick fiel auf die Computeruhr unten rechts am Bildrand des Monitors.

Du lieber Himmel, eine Minute vor sechs. Rasch sicherte sie die Daten und fuhr den Computer herunter. In fliegender Eile ordnete sie die Papiere auf dem Schreibtisch, stand auf und suchte ihre Sachen zusammen. Auf dem Weg zur Tür nahm sie noch einen Schluck aus der Wasserflasche, dann löschte sie die Lampen in ihrem Büro.

Erst als sie im Fahrstuhl stand, kam sie wieder zur Besinnung und lehnte sich an die kühle Stahlwand der Kabine. Als ihr Blick in den Spiegel an der Fahrstuhlwand gegenüber fiel, erstarrte sie. Nein, so ging das nicht. Auch wenn sie nicht gerade darauf aus war, Brady zu erobern, konnte sie ihm so nicht unter die Augen treten. Ihr Make-up benötigte dringend eine Auffrischung. Die Frisur war aufgelöst, und wenn sie sich jetzt so von Kopf bis Fuß betrachtete, hätte sie sich auch gern noch umgezogen.

Das leise „Bing“ des Fahrstuhls riss sie aus ihren Gedanken. Sie war im obersten Stockwerk angekommen, auf dem Bradys Suite lag. Es war zu spät, sich unbemerkt zurückzuziehen, nun blieb ihr nur noch eine Möglichkeit. Mit dem festen Vorsatz, Brady auf ein anderes Mal zu vertrösten, hob sie eine Hand, um an die Tür zu klopfen.

5. KAPITEL

Brady öffnete mit einem strahlenden Lächeln, noch bevor Sam richtig angeklopft hatte.

„Ich fürchtete schon, jemand hätte Ihnen ein besseres Angebot gemacht“, sagte er. Er war gut gelaunt und sichtlich erfreut, sie zu sehen.

„Nein, das gewiss nicht.“ Sam blieb auf dem Flur stehen und bewegte sich nicht über die Schwelle. „Trotzdem müssen Sie mich heute bitte entschuldigen. Wir werden unser Dinner ein anderes Mal nachholen.“ Hinter Bradys breitem Rücken konnte sie in der Nähe der geöffneten Terrassentüren einen festlich gedeckten Tisch sehen, auf dem in einem silbernen Leuchter eine schlanke, weiße Kerzen brannte. „Ich bin mit meiner Büroarbeit etwas ins Hintertreffen geraten. Das ist auch der Grund für meine Verspätung. Könnten wir das Essen nicht an einem anderen Abend nachholen? Oder geben Sie mir wenigstens noch eine Stunde, damit ich mich ein wenig frisch machen kann.“

Er nahm ihre Hand und zog sie sanft ins Zimmer. „Unsinn. Nun sind Sie einmal da. Und Sie haben keinen Grund, sich Sorgen zu machen. Sie sehen wie immer bezaubernd aus.“

Wieder habe ich nachgegeben, dachte sie, als sie in dem geräumigen Zimmer stand. Sie konnte es sich selbst nicht erklären. Offenbar war gegen Bradys Charme kein Kraut gewachsen. Ihre momentan leicht ramponierte Erscheinung schien ihm nicht das Geringste auszumachen. Es musste ihm wirklich etwas an dem Date liegen, und im Grunde ihres Herzen ging es ihr nicht anders. Sie fühlte sich ihm in diesem Augenblick beinahe hilflos ausgeliefert.

Sie folgte ihm über den dicken, weichen Teppich an den sorgfältig gedeckten kleinen Glastisch, auf dem ihre Teller unter zwei silbernen Abdeckhauben bereitstanden. Außer der Kerze schmückte ein kleines Blumenbouquet den Tisch. Ein verführerischer Duft machte ihr Appetit.

„Sie haben wirklich an alles gedacht“, sagte Sam und versuchte die Unsicherheit in ihrer Stimme zu unterdrücken. Die intime Atmosphäre, die sie hier empfing, machte sie nervös. „Ich hoffe, ich habe Ihnen nicht allzu viele Umstände bereitet.“

„Ganz und gar nicht“, meinte Brady und deutete mit einer Handbewegung auf ihren Platz.

Neben ihrem Teller lag eine weiße Rose. Deren zarte Blätter hatten einen leicht rötlichen Schimmer wie die Wangen eines errötenden Mädchens. Eines war diesem Mann nicht abzusprechen, er hatte Stil. Sam unterdrückte einen Seufzer und drehte sich zu ihm um. Brady stand dicht hinter ihr. „Es sieht zauberhaft aus.“

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