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Collection Baccara, Band 262

TRISH WYLIE

Sinnliche Spiele im Pool

Glühendes Verlangen erwacht in Cara, als der neue Fitnesstrainer Rory im clubeigenen Whirlpool seine Arme um sie legt. Schnell folgt tiefen Blicken ein verführerisches Spiel voller Leidenschaft. Doch Cara hat sich geschworen, nie wieder auf einen gutaussehenden Mann hereinzufallen - und verlässt Rory, obwohl es ihr beinahe das Herz bricht ...

BARBARA DUNLOP

Endlich Mr. Perfect!

Ein Kuss von Collin O’Patrick und Megans Welt steht Kopf. Bei dem Blind Date in einer Radiosendung hatte sie mit allem gerechnet – nur nicht mit dem sexy Fußballstar. Warum konnte sie ihm nicht gleich sagen, wie sehr sie ihn mag? Als Collin sie auf eine Tour in die Rocky Mountains einlädt, weiß Megan: das ist ihre letzte Chance, ihm ihre wahren Gefühle zu zeigen!

KATHIE DENOSKY

Liebe oder Karriere?

Wild und ungezähmt! Der heißblütige Russ geht Abigail nach einem Rodeo nicht mehr aus dem Kopf. Warum ist er ihr auf dem kalifornischen Weingut ihrer Familie zuvor nie aufgefallen? Nach sinnlichen Nächten muss sich die junge Tierärztin entscheiden: Passt der bodenständige Cowboy in ihre ehrgeizigen Zukunftspläne?

Trish Wylie

Sinnliche Spiele im Pool

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1. KAPITEL

Cara stieß die breite Glastür zum Fitnesscenter auf und marschierte hinein. Heute sollte es losgehen. Unbedingt. Sie hatte sich endlich dazu durchgerungen, einen Vertrag abzuschließen, und zwar auf der Stelle. Wenn sie auf Lauras Hochzeit rank und schlank sein wollte, musste sie schnellstens mit dem Training beginnen.

Am besten innerhalb der nächsten fünf Minuten, schoss es ihr durch den Kopf. Sonst verliere ich doch wieder den Mut und vergeude kostbare Zeit, indem ich zu Hause auf dem Sofa sitze und grüble.

Aber damit war ab sofort Schluss, das hatte sie sich heute Morgen geschworen … auf der Waage, genauer gesagt, als der Zeiger unerbittlich in die Höhe schnellte. In dem Moment hatte sie beschlossen, Punkt eins ihres großen Plans in die Tat umzusetzen, und nichts, aber auch wirklich gar nichts würde sie jetzt noch davon abhalten können.

Sie verlangsamte allerdings ihren Schritt, als sie sah, wer heute hinter dem Empfangstresen stand … nicht etwa die sympathisch wirkende junge Frau wie sonst, sondern ein äußerst attraktiver dunkelhaariger Mann.

Der war doch an den anderen Tagen nicht hier gewesen, oder? Nein, zumindest nicht in diesem Teil des Studios, das wusste Cara genau. Schließlich war sie etliche Male an der langen Fensterfront vorbeigeschlendert, hatte so unauffällig wie möglich hineingespäht und dabei überlegt, ob sie es wagen sollte, sich auf diese monströsen Geräte zu setzen. Oder Hanteln zu heben. Gott, sie war so schrecklich unsportlich und verspürte wenig Lust, sich zu blamieren. Doch leider musste es sein …

Und es wäre ja auch alles halb so schlimm, wenn nicht jemand wie er hinter dem Tresen stünde.

Cara musterte ihn verstohlen, während sie langsam auf ihn zuging. Der Typ sah einfach … umwerfend aus. Durch und durch männlich, oh ja, und das lag nicht nur an der geschätzten Größe von eins neunzig, den breiten Schultern oder seinen muskulösen Oberarmen, sondern auch an seinen markanten Gesichtszügen. Und diesem Traummann sollte sie jetzt beichten, warum sie hier war? Verflixt, das mit dem Fitnesstraining hatte sie sich etwas leichter vorgestellt.

Aber zum Umkehren war’s nun zu spät, denn er schaute sie an und fragte: „Guten Tag. Was kann ich für Sie tun?“

Schon beim Klang seiner tiefen Stimme durchlief Cara ein wohliger Schauer, und als sie einen Blick in seine Augen wagte, begann auch noch ihr Herz heftig zu pochen. Er hatte schöne Augen. Wunderschöne. Mit dichten Wimpern. Und schwarzen Pupillen, auf denen klitzekleine Lichter funkelten … wie winzige Diamanten auf einem Stück Kohle. Doch so faszinierend das auch war, es wäre wohl besser, ihn nicht länger anzustarren, sondern etwas zu sagen, sonst hielt er sie am Ende noch für leicht beschränkt.

Sie räusperte sich. „Äh … hi …“ Grandioser Anfang! Herzlichen Glückwunsch! Jetzt war er sicherlich tief beeindruckt. Vielleicht sollte sie einfach um einen Prospekt bitten und wieder rausgehen. Morgen war ja auch noch ein Tag.

Ja, ja, und kaum bist du draußen, rennst du in die nächste Konditorei und verschlingst vor Frust ein Riesenstück Kuchen, höhnte eine innere Stimme. So schaffst du es nie! Denk dran: Es sind nur noch vier Wochen bis zu Lauras Hochzeit.

Genau. Vier Wochen, von denen jeder einzelne Tag zählte. Und deshalb war Cara auch nicht bereit, jetzt einen Rückzieher zu machen, nur weil dieser unglaublich attraktive Mann sie völlig durcheinanderbrachte. Entschlossen straffte sie die Schultern. „Mein Name ist Cara Sheehan, und ich bin hier, weil ich in kürzester Zeit ein paar Kilos abnehmen möchte.“

Oje, das klang, als wolltest du eigentlich zum Schlankheitsinstitut Aphrodite! Jetzt denkt er, du hättest dich in der Tür geirrt. Und seine Antwort war entsprechend.

„Falls Sie Tipps für irgendwelche Crashdiäten suchen, sind Sie bei uns an der falschen Stelle. Davon halten wir nichts. Solche Gewaltkuren sind nämlich ungesund.“

Na, so schlau war sie auch selbst. Offensichtlich wusste er nicht, wie die erfolgreichste Diätbuchautorin hieß. Und dass sie in genau diesem Moment vor ihm stand. Cara hatte etliche Ratgeber für gesundes Abnehmen verfasst, und jedes ihrer Werke war ein Bestseller geworden. Das sah man ihr nur nicht an, weil sie es bedauerlicherweise selten schaffte, sich an ihre eigenen Ratschläge zu halten.

Aber das hatte niemanden zu interessieren, und sie war nicht hergekommen, um sich dumme Kommentare anzuhören. „Diese Art von Belehrungen können Sie sich sparen“, erklärte sie kühl. „Mit Ernährung kenne ich mich selbst aus. Haben Sie noch nie was davon gehört, dass man durch Sport jede Menge Kalorien verbrennt?“

„Vorausgesetzt, man trainiert fleißig. Und es dauert. Über Nacht purzeln die Pfunde nicht.“

„Würde ich ein Wunder erwarten, hätte ich fürs Fettabsaugen bezahlt“, erwiderte sie schnippisch. „Ich bin schon bereit, entsprechend viel Zeit zu investieren.“

Also, das mit dem Fettabsaugen … das hatte sie in einem Moment völliger Verzweiflung wirklich mal in Betracht gezogen. Nur war sie sich ziemlich sicher, dass es wehtun würde, und bei ihrer niedrigen Schmerzgrenze … Nein danke, da schienen ihr einige Wochen Sport das kleinere Übel zu sein.

„Und auch eine gehörige Portion Anstrengung?“, fragte er ernst.

„Natürlich.“ Cara verschränkte die Arme vor dem Körper und dachte leider zu spät daran, dass sie damit ihre recht üppige Oberweite betonte. Als sie sah, wie sein Blick prompt zu ihren Brüsten wanderte, ließ sie die Arme schnell wieder sinken. Es war nicht ihre Absicht gewesen, seine Aufmerksamkeit dorthin zu lenken, und sie hasste es, wenn Männer ihr ungeniert auf den Busen starrten.

Normalerweise … Und warum verspürte sie jetzt dieses angenehme Prickeln auf der Haut? Wieso hatte sie das Gefühl, ihre Brustspitzen würden sich unter seinem Blick aufrichten? Inständig betete sie, dass es nicht so war, dass sich unter dem dünnen Stoff ihrer Bluse nichts abzeichnete, was sie verraten könnte …

Doch blitzschnell verwandelten sich die aufregenden Gefühle in schiere Empörung, als er den Blick tiefer gleiten ließ. Sie zog automatisch den Bauch ein. Wie unverschämt von ihm! Da stand sie nun wirklich nicht drauf, dass jemand sie so unverblümt musterte. Von Kopf bis Fuß, ohne auch nur eine einzige Rundung auszulassen. Als wollte er ihre Speckpolster scannen! Sie hatte sich noch nie so angegafft gefühlt. Noch nie so befangen. So verunsichert. So unattraktiv. So dick! Was fiel diesem Kerl eigentlich ein?

Verärgert räusperte sie sich, wartete, bis er den Blick hob, und sagte sarkastisch: „Vielleicht sollte ich mich einfach bis auf die Unterwäsche ausziehen, damit Sie sich ein besseres Bild von mir machen können.“

Ihr Gegenüber verzog keine Miene, doch seine dunklen Augen blitzten. „Bitte, wenn Sie’s gern möchten … Ich werde Sie mit Sicherheit nicht davon abhalten.“

Okay, der Mann sah fantastisch aus. Und seine erotische Ausstrahlung raubte ihr fast den Atem. Aber er war obendrein frech und arrogant, und solche Typen hatte Cara noch nie ausstehen können. „Ich möchte mit jemandem sprechen, der sich nicht so unverschämt benimmt wie Sie. Am besten mit Ihrem Boss.“

Er zuckte die Achseln. „Ich bin der Boss.“

Na prima! Heute schien ihr Glückstag zu sein. Zwei Wochen lang war sie Tag für Tag an diesem Studio vorbeigeschlichen, und immer hatte die sympathische junge Frau hinter dem Tresen gestanden. Aber heute, wo sie endlich den Mut gefasst hatte, durch diese Glastür zu gehen, da stieß sie auf diesen unmöglichen Kerl. Das war nicht fair!

„Wenn’s so ist, wundert es mich, dass Sie nicht längst pleite sind“, blaffte Cara ihn an, bevor sie sich auf dem Absatz umdrehte. Es reichte ihr. Hatte sie es etwa nötig, sich das flegelhafte Verhalten dieses Neandertalers gefallen zu lassen? Nein, es gab etliche Fitnesscenter in Dublin. Sie musste nicht ausgerechnet in dieses gehen.

Zugegeben, es war das einzige, das in der Nähe ihrer Wohnung lag. Doch sie hatte sich ja ohnehin vorgenommen, ihr ganzes Leben zu verändern. Und Neues zu entdecken. Deshalb war es sowieso viel besser, sich in einem fremden Stadtteil umzuschauen.

„Warten Sie bitte“, hörte sie hinter sich, und sie verfluchte sich dafür, dass ihr beim Klang seiner sonoren Stimme schon wieder ein leiser Schauer durch den Körper rieselte. Diese verräterischen Hormone! Seufzend blieb Cara stehen.

Ich werde mir anhören, was er zu sagen hat, beschloss sie und drehte sich um, aber der Typ soll bloß nicht denken, dass ich mich zurückpfeifen lasse. Keinen Schritt werde ich in seine Richtung tun.

Das musste sie auch nicht, denn der Mann trat hinter dem Tresen hervor und kam auf sie zu, stark humpelnd und mit einer Grimasse, die vermuten ließ, dass ihm jede Bewegung Schmerzen bereitete.

Den leisen Anflug von Mitleid unterdrückte Cara schnell. Nicht, dass sie herzlos war, nein, doch dieser Kerl hatte ihr den ganzen Tag vermiest. Und jetzt war ihr Ziel, endlich abzunehmen, wieder mal in weite Ferne gerückt. Denn sie kannte ihre Schwächen, wenn sie mit dieser schlechten Laune nach Hause kam, würde sie eine ganze Tafel Schokolade verschlingen, und zwar innerhalb von fünf Minuten. Und wer war daran schuld? Er! Sie blickte ihn böse an. „Sind Sie von einem unzufriedenen Kunden getreten worden?“

Erstaunt hob er die Augenbrauen. „Was?“

Cara deutete auf sein Bein. „Ich vermute, jemand hat Ihnen einen kräftigen Tritt verpasst, weil Sie so unfreundlich zu ihm waren.“

In seinen wunderschönen Augen funkelte es erneut, und zum ersten Mal lächelte er sogar. Was Cara ziemlich gemein fand, denn mit diesem jungenhaften Lächeln sah er noch unwiderstehlicher aus. „Nein, das ist nicht der Grund für meine Verletzung“, erklärte er freundlich und streckte ihr die Hand entgegen. „Wollen wir noch mal von vorn anfangen?“

„Soll das eine Entschuldigung für Ihr schlechtes Benehmen sein?“, gab sie patzig zurück.

„Vielleicht haben wir uns nur auf dem falschen Fuß erwischt.“

„Oh, Sie meinen, wenn Sie auf dem zurzeit kranken Bein stehen können, sind Sie weniger unhöflich?“

Er ließ die Hand sinken, und sein Lächeln verblasste. „Falls Sie bei uns trainieren möchten, biete ich Ihnen gern meine Hilfe an“, meinte er ruhig. „Obwohl ich denke, dass Sie gar keinen Grund haben, abzunehmen.“

Cara schnaubte. „Wo haben Sie denn den tollen Satz gelernt? Im Seminar ‚Wie schmeichle ich mich bei einer molligen Kundin ein‘?“

„Nein, ich habe Augen im Kopf“, erwiderte er schmunzelnd. „Heutzutage sind viel zu viele Frauen von dem Gedanken besessen, wie ein Besenstiel auszusehen, und übertriebenen Schlankheitswahn möchten wir in diesem Studio nicht unterstützen.“

Übertriebener Schlankheitswahn! Na, davon konnte bei ihr nun wirklich nicht die Rede sein. Und selbst zehn Kilo weniger würden aus ihr keinen Besenstiel machen. Das waren doch nur Sprüche, und auf so was fiel sie nicht rein. „Aha. Und als Nächstes werden Sie mir wohl vorschwindeln, dass Männer superschlanke, langbeinige Frauen nicht besonders sexy finden.“

Sie bereute das Wort „sexy“ in der gleichen Sekunde, in der es ihr über die Lippen kam.

Seine Augen verdunkelten sich leicht – falls das überhaupt möglich war. „Viele von uns finden weibliche Kurven …“, er ließ den Blick kurz über ihren Körper gleiten, „… ausgesprochen sexy.“

Viele von uns, hatte er gesagt. Das klang zwar schön, doch er gehörte sicherlich nicht dazu. Nein, jemand wie er würde sich nie im Leben für sie interessieren. Für ihn war sie nur eine Kundin. Noch dazu eine, die dringend abnehmen musste. Auch wenn er das Gegenteil behauptete.

Kein Mann, der so fantastisch aussah wie er, der so selbstsicher war und diese erotische Ausstrahlung besaß, hatte sie jemals angesehen. Und falls das doch wie ein Wunder irgendwann einmal geschehen sollte, würde ihr das gar nichts bringen, denn selbst eine kurze leidenschaftliche Affäre, einige Nächte gemeinsamer Lust lagen jenseits ihrer Möglichkeiten. Egal, wie sehr sie sich danach sehnte.

Aber das waren Träume. Und Cara war eine Realistin.

„Ist es nicht anstrengend für Sie, hier Tag für Tag zu stehen und für jede Kundin den passenden Spruch parat haben zu müssen?“

„Ich bin nicht jeden Tag hier.“

Sie lächelte spöttisch. „Das erklärt natürlich, warum dieses Studio nicht längst pleite ist.“

„Überschütten Sie jeden, der versucht, nett zu Ihnen zu sein, mit dieser übertriebenen Freundlichkeit?“

„Oh, Sie wollen allen Ernstes behaupten, Sie seien nett zu mir?“

„Das war zumindest meine Absicht“, meinte er trocken. „Aber ich gebe zu, ich bin manchmal etwas ungehobelt. Liegt wohl daran, dass ich längere Zeit außer Landes war und es nicht mehr gewohnt bin, Small Talk zu machen. Könnten Sie das als Entschuldigung gelten lassen?“

„Sie mussten vor irgendeinem eifersüchtigen Ehemann fliehen, stimmt’s?“

Oh Cara, jetzt halt aber mal den Mund! Nie wusste sie, wann sie still sein sollte, es war schier zum Verzweifeln mit ihr. Sie schaffte es einfach nicht, sich auch mal einen ihrer spitzen Kommentare zu verkneifen. So war sie schon immer gewesen, und einem Teenager konnte man das ja vielleicht verzeihen, doch mit siebenundzwanzig sollte sie sich nun wirklich langsam unter Kontrolle haben. Ihr loses Mundwerk hatte ihr weiß Gott schon genug Ärger eingehandelt.

„Sagen Sie, sind Sie immer so kratzbürstig, Miss Sheehan?“, fragte er lachend.

Ja, und mit gutem Grund. Es bewahrte sie nämlich davor, von anderen verletzt zu werden. Ihre sarkastischen Sprüche dienten ihr sozusagen als Schutzschild. Nach dem Motto „Angriff ist die beste Verteidigung“. Aber sie hatte nicht vor, einen Fremden in dieses Geheimnis einzuweihen. Deshalb schwieg sie, streckte das Kinn vor und blickte ihn herausfordernd an.

Nur weiter so. Geben Sie mir den Rest.

Das hatte er offensichtlich nicht vor, denn er streckte ihr lächelnd die Hand entgegen. „Kommen Sie, schlagen Sie ein, ich verspreche auch, mich gut zu benehmen. Und wenn Sie das ebenfalls tun“, fügte er augenzwinkernd hinzu, „steht Ihrem Training bei uns nichts mehr im Weg.“

Cara blickte auf seine Hand. Die sehr maskulin war. Und groß genug, um ohne Mühe ihr Handgelenk zu umklammern … Eine äußerst verführerische Vorstellung! „Ich bin nicht hergekommen, um einen Pakt mit dem Teufel zu schließen.“

„Nein, Sie sind hergekommen, um Ihre Figur zu verbessern. Und ich würde Ihnen gern dabei helfen …“, wieder umspielte dieses hinreißende Lächeln seine Lippen, „obwohl ich der Meinung bin, dass es da nichts zu verbessern gibt.“

Nun, sie schon. „Ich bräuchte ein Intensivprogramm“, erklärte sie zögernd. „Und einen Trainer, der mich die ganze Zeit begleitet. Sonst gebe ich vermutlich nach zwei Tagen auf …“

„Kein Problem. Ich stehe Ihnen jederzeit zur Verfügung.“

„Gibt’s außer Ihnen niemand anderen? Vielleicht eine Frau?“ Selbst die weibliche Version von Attila dem Hunnen wäre ihr lieber gewesen als dieser atemberaubend attraktive Mann, der sie nur anlächeln musste, um ihren Puls in die Höhe zu treiben.

Ja, wenn sie es sich recht überlegte, wäre jemand wie Attila sogar die Idealbesetzung, denn wenn sie ihr Ziel in nur vier Wochen erreichen wollte, durfte sie sich durch nichts ablenken lassen. Und dieser Mann hier bedeutete Ablenkung pur.

„Tut mir leid, zurzeit haben wir keine weiblichen Trainerinnen unter Vertrag. Und da mein Bruder für eine Weile in den Urlaub gefahren ist, bin ich der Beste, den Sie bekommen können.“

„Sie geben also zu, dass es hier normalerweise schon jemanden gibt, der besser ist als Sie.“

Er grinste anzüglich. „In einigen Dingen.“

„Hatten Sie nicht versprochen, sich zu benehmen? Bye-bye!“ Cara wandte sich zum Gehen, doch im nächsten Moment tat er genau das, wovon sie gerade eben geträumt hatte – er umklammerte ihr Handgelenk und hielt sie fest.

War er ein Zauberer? Es kam ihr vor, als würde ihre Haut unter seiner Berührung glühen. Eine prickelnde Wärme durchströmte sie, ein ihr völlig unbekanntes Gefühl. Mit klopfendem Herzen blickte sie auf seine kräftige Hand. Warum nur hatte dieser Mann solch eine Wirkung auf sie?

Er beugte sich leicht vor und meinte mit gedämpfter Stimme: „Wenn ich Sie jetzt aus der Tür gehen lasse, wird mein Bruder sehr wütend auf mich sein, weil ich wieder mal eine Kundin vergrault habe. Und Sie sollten ihn erleben, wenn er wütend ist. Er verpasst mir einen Tritt ans Schienbein – an das verletzte, natürlich. Das könnten Sie doch mit Ihrem Gewissen nicht vereinbaren, nicht wahr, Cara?“

Irrtum, damit hatte sie keinerlei Probleme. Was er als Nächstes sagte, beeindruckte sie allerdings.

„Und ich erziele hervorragende Resultate. Bei jedem Kunden. Garantiert. Sarkasmus irritiert mich nicht, Dickköpfigkeit bringt mich nicht aus der Ruhe, und Motivation ist mein zweiter Vorname. Also, wenn Sie bei uns trainieren möchten, bin ich Ihr Mann. Überlegen Sie es sich.“

Versuchte sie ja, aber das fiel ihr nicht leicht, denn gemeinerweise rieb er mit dem Daumen sanft über ihren Puls, und dieses angenehme Gefühl nahm sie völlig gefangen. Sie hatte größte Mühe, ihre Gedanken zu sortieren. Mit ihm an der Seite würde es schwierig werden, sich auf das Training zu konzentrieren, so viel stand fest. Aber wenn er wirklich bei jedem Kunden Resultate erzielte … sich nicht an ihrer schnippischen Art störte … und vorhatte, sie zu motivieren … ja, dann war er genau der Trainer, den sie brauchte.

Ihr blieben nur vier Wochen bis zu Lauras Hochzeit, und um nichts in der Welt wollte sie wieder einmal die dickste Brautjungfer sein. Diejenige, über die alle Gäste sagten „Sie hat ein hübsches Gesicht“. Es war schön zu hören, dass man ein hübsches Gesicht hatte. Logisch. Wem würde das nicht gefallen? Für Cara klang es allerdings immer wie ein … Trostpflaster.

Und das war’s doch, oder? Wenn die Leute von den anderen Brautjungfern in den höchsten Tönen schwärmten und Komplimente austeilten, wie „Zauberhaft, sie sieht aus wie eine Elfe“ oder „Wie grazil sie ist! Sie kann höchstens Kleidergröße sechsunddreißig haben“. Und es über sie jedes Mal hieß: „Sie hat ein hübsches Gesicht“. Kurz und bündig.

Wobei der vollständige Text vermutlich lautete: „Cara ist zu dick, und solch ein schmal geschnittenes Kleid sollte sie gar nicht tragen, da zeichnet sich ja jedes überflüssige Pfund ab, aber … okay … sie hat ein hübsches Gesicht.“

Nein, nein, das konnte Cara sich nicht noch einmal antun.

Auf dieser Hochzeit wollte sie alle mit ihrem fantastischen Aussehen in Erstaunen versetzen. Schlank und schön wollte sie sein, und das eng geschnittene Seidenkleid sollte sich perfekt an ihren Körper schmiegen. Sie wollte allen demonstrieren, wie gut sie ihr Leben unter Kontrolle hatte. Wie selbstsicher sie war. Und glücklich. Vollkommen zufrieden mit sich. Obwohl ihr Ex sie verlassen hatte …

Niall zählte auch zu den Gästen, er war sogar der Trauzeuge. Und wenn er sah, wie positiv sie sich seit der Trennung verändert hatte, würde er begreifen, dass sie ohne ihn viel besser dran war als mit ihm.

Das wäre ein Triumph! Dafür lohnte sich jede Anstrengung, aber auch wirklich jede.

Sogar die Qual, es für eine Weile mit diesem Trainer aushalten zu müssen. Das würde sie schon irgendwie schaffen. Hauptsache, sie erreichte ihr Ziel.

„Also …“, Cara entzog ihm die Hand und fühlte sich ein klein wenig enttäuscht, weil er sie ohne Widerstand losließ, „wenn Sie so von Ihrem Können überzeugt sind, heißt das ja wohl, dass Sie mir mein Geld erstatten, falls Sie keine Resultate erzielen, oder?“

Er zwinkerte ihr zu. „Ich habe noch nie eine Frau enttäuscht.“

Was für ein Macho! Na ja, solange er ihr mit frechen Sprüchen kam, hatte sie absolut keine Probleme. Was das anging, konnte sie ja spielend mithalten. „Es gibt immer ein erstes Mal“, erwiderte sie spöttisch. „Warten wir’s also ab.“

„Rory.“

Sie blickte ihn verständnislos an.

„Das ist mein Name. Rory Flanaghan.“ Er lächelte verschmitzt. „Sie müssen doch wissen, wie der Teufel heißt, der Sie in den nächsten Wochen durch die Hölle treibt.“

Cara hob die Augenbrauen. „Okay, Rory Flanaghan, stellen Sie den Vertrag aus. Aber das mit der Erstattung bei Nichterfolg will ich schriftlich haben.“

2. KAPITEL

Verflucht noch mal, musste denn jede Berührung dieses heiße Prickeln in ihr auslösen? Wie sollte sie sich dabei auf die Übung konzentrieren? „Aufrechtes Sitzen hab ich schon mit sechs Monaten erlernt“, meinte Cara spöttisch. „Du kannst deine Hände also gern bei dir behalten.“

Rory zwinkerte ihr zu. „Ich bringe dich nur in die richtige Position.“

„Oh, ich wette, das ist dein Lieblingsspruch bei Frauen“, konterte sie mit einem koketten Lächeln.

Er lachte – die flache Hand noch immer auf ihrem Rücken, damit sie die Wirbelsäule streckte. „Ich warne dich, Cara, wenn du anfängst, mit mir zu flirten, werde ich sofort aufhören, mich gut zu benehmen. Hängt ganz von dir ab. Aber du willst hoffentlich nicht, dass ich hier durch unprofessionelles Verhalten auffalle, oder? Meinen guten Ruf als Trainer ruiniere …“

Sie zog die Stirn kraus – nicht wegen seines humorvollen Kommentars, sondern weil ihre Oberarmmuskeln verzweifelt um Gnade bettelten. Was ihnen ja nicht zu verdenken war, schließlich hatten sie in all den Jahren höchstens Einkaufstüten tragen müssen, und jetzt sollten sie schwere Gewichte in die Höhe stemmen. Doch auch wenn’s wehtat, Cara gab nicht auf. Oh nein! Sobald ihr eine Übung zu anstrengend wurde, stellte sie sich vor, wie traumhaft sie in dem Brautjungfernkleid aussehen würde, wenn sie durchhielt. Und ihr kleiner Trick wirkte jedes Mal Wunder.

„Ich flirte nicht mit dir“, stieß sie hervor. „Ich bin nur schlagfertig. Gehört zu meinen Stärken. Genau wie Frustessen. In beidem bin ich absolut fantastisch.“

Rory nahm die Hand von ihrem Rücken, sobald er sicher war, dass sie die Wirbelsäule nicht krümmte, trat einen Schritt zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. „Und worin bist du noch absolut fantastisch?“

Ohne die Übung zu unterbrechen, warf Cara ihm einen strafenden Blick zu. „Noch so eine zweideutige Frage, und dein guter Ruf als Trainer ist Vergangenheit.“

„Es war gar nicht zweideutig gemeint.“

„Ach nein, natürlich nicht.“

„Ehrlich. Ich wollte mich nur ein wenig im Small Talk üben“, erklärte er lächelnd.

„Dann frag mich nach dem Wetter.“

„Wozu? Wenn ich wissen will, ob die Sonne scheint, guck ich aus dem Fenster.“

„Okay. Dann ein anderes Thema. Weltfrieden. Klimapolitik. Ob wir es noch erleben, dass man Urlaubsreisen ins All machen kann …“

„Noch zweimal, und dann gehen wir aufs Laufband.“ Rory holte tief Luft. „Sag mal, führst du nie ganz normale Unterhaltungen? Mit einfachen Fragen, gefolgt von einfachen Antworten? Den meisten Männern fällt so etwas leichter.“

Cara musste schmunzeln. Als wäre ausgerechnet Rory Flanaghan wie „die meisten Männer“. Er, der außergewöhnlichste Mann, den sie je getroffen hatte. „Ich weiß, ihr Kerle seid zu einfältig für anspruchsvolle Themen. Aber darauf kann ich keine Rücksicht nehmen.“

Das Funkeln in seinen dunklen Augen verriet, dass ihn ihre Schlagfertigkeit wieder mal amüsierte. „Komm mit“, forderte er sie auf. „Deine Beine wollen bewegt werden.“

Ja klar, die schrien geradezu danach, sich auf dem Laufband abzuplagen. Trotz des heftigen Muskelkaters. Und dabei hatten sie in den vergangenen sieben Tagen schon mehr Kilometer zurückgelegt als in den sieben Jahren zuvor. Dieses Training war wirklich die reinste Hölle!

Seufzend stand Cara auf. Für heute hatte sie zumindest die anstrengenden Kraftübungen hinter sich, und wenn sie daran dachte, dass es inzwischen nur noch drei Wochen bis zu Lauras Hochzeit waren … dann fühlte sie sich fast motiviert genug, um jetzt noch die gesamte Marathonstrecke zu laufen.

Doch daraus würde wohl nichts werden, das merkte sie bereits nach zwei Metern, während sie an Rorys Seite zum Ausdauerbereich ging. Jeder Schritt machte ihr Mühe, und ihr taten Muskeln weh, von deren Existenz sie bisher nicht einmal geahnt hatte. Aber sie ließ sich nichts anmerken. Lieber biss sie die Zähne zusammen und musterte die anderen Gäste, um sich ein wenig abzulenken.

Das in hellen Farbtönen gehaltene, weitläufige Studio war heute gut besucht. Wie auch an den Tagen zuvor. An fast jedem Gerät saß jemand, und einige der Gesichter kamen Cara inzwischen richtig bekannt vor. Sie war nicht die Einzige, die täglich trainierte.

Allerdings schien sie die Einzige zu sein, die es sich nicht anmerken ließ, wie attraktiv sie Rory Flanaghan fand. Andere Frauen waren da weitaus weniger zurückhaltend. Die warfen ihm ganz unverhohlen schmachtende Blicke zu, sobald er in ihre Nähe kam. Vor allem zwei, drei Jüngere – gut aussehend, superschlank und immer in einem modischen, knallengen Outfit – versuchten ständig, Rory auf sich aufmerksam zu machen. Doch er ging auf keinen der Flirtversuche ein.

Oder?

Cara beobachtete ihn verstohlen von der Seite … Nein, er tat so, als würde er all die auffordernden Blicke gar nicht bemerken.

Interessierten ihn diese Frauen nicht? Schwer zu sagen. Vielleicht legte er wirklich so viel Wert auf seinen guten Ruf als Trainer und vermied es deshalb, mit einer Kundin anzubändeln. Oder er war es einfach nur gewohnt, angehimmelt zu werden. Dürfte ja nichts Neues für ihn sein. Bei seinem Aussehen …

„Wir machen heute zwanzig Minuten. Nicht laufen, sondern schnelles Gehen“, unterbrach Rory ihre Gedanken, bevor er sich über das kleine Tastenfeld des Geräts beugte und die entsprechenden Daten eingab. Dann blickte er Cara an. „Ist das okay für dich?“

„Na klar. Und ich liebe es, wenn du es so formulierst, als würdest du dich ebenfalls abrackern. Dabei stehst du hier die ganze Zeit rum.“

„Weil es meine Aufgabe ist, dich zu kontrollieren.“

Ja, und dass er ihr zuschaute, machte die Sache leider doppelt so anstrengend. Ständig musste sie sich bemühen, sich gerade zu halten, die Schultern zurückzunehmen und den Bauch einzuziehen. Als hätte sie nicht schon genug damit zu tun, ihre Beine zu bewegen.

„Wenn’s dir lieber ist, laufe ich heute mal mit“, schlug Rory vor und deutete auf das Gerät rechts von ihrem.

„Und deine Verletzung?“ Dass Cara bei dieser Frage auf sein Schienbein guckte, war verständlich, und warum sich eine so gute Gelegenheit entgehen lassen? Sie sah sich gleich den ganzen Mann an, wobei ihr Blick verdächtig lange auf seinen kräftigen Oberschenkeln ruhte, anschließend zu allem Überfluss auch noch auf seiner breiten Brust, bevor sie ihm wieder ins Gesicht blickte … direkt in seine dunklen Augen, die geradezu Funken sprühten.

Wie peinlich! Rory Flanaghan hatte sie dabei ertappt, wie sie ihn von Kopf bis Fuß musterte. Er würde sich jetzt nicht mit ihrem Spruch von neulich revanchieren, oder? Dem mit der Unterwäsche?

Nein, zum Glück schmunzelte er nur und meinte: „Ich bin ja kein Invalide“, bevor er sich umwandte, um auch das zweite Gerät einzuschalten. Erleichtert atmete sie auf.

Dann stieg jeder auf sein Laufband, und Cara bemühte sich, den Blick stur nach vorn zu richten, während sie in einen gleichmäßigen Schrittrhythmus verfiel. Doch sie brauchte Rory gar nicht anzuschauen, um sich seiner Gegenwart bewusst zu sein. Sie spürte seine Nähe auch so. Überdeutlich. Mit all ihren Sinnen.

Unwillkürlich schüttelte sie den Kopf. Wie konnte es nur sein, dass dieser Mann sie dermaßen faszinierte? So sehr, dass sie Herzklopfen bekam, wenn sie in seine tiefbraunen Augen blickte. Erschauerte, wenn sie seine Stimme hörte. Oder seinen markanten Duft wahrnahm, wie auch jetzt. Er roch wundervoll, so männlich, mit einer Note von Zimt, wie Cara meinte.

Und es nervte sie fürchterlich, dass ihr das nach wie vor jeden Tag auffiel. Inzwischen hätte sie sich doch längst an diesen Kerl gewöhnen müssen …

„Ich bin für die Erhaltung des Regenwalds“, hörte sie seine sonore Stimme von rechts.

Cara lächelte und blickte unbeirrt nach vorn. „Ich auch.“

„Und Weltfrieden wäre prima.“

„Ja, da bin ich ganz deiner Meinung.“

„Und jeder Mann würde gern von sich behaupten können, er habe eine Frau bis zu den Sternen katapultiert.“

Sie lachte auf und schaute ihm nun doch ins Gesicht. Er zwinkerte ihr zu. Wieder einmal. Er konnte es einfach nicht lassen, oder? Weder das Zwinkern noch dieses unwiderstehliche Lächeln, das auch jetzt wieder seine Lippen umspielte. Cara spürte, wie ihr Herz schneller schlug, während sie sich einen Moment lang in seinen wunderschönen braunen Augen verlor. Oh ja, Rory Flanaghan war wirklich süß. Nett. Humorvoll. Ein Typ zum Verlieben. Er hatte einen so jungenhaften Charme und …

Um Gottes willen, du wirst jetzt nicht anfangen, ihn zu mögen! Cara richtete den Blick schnell wieder nach vorn. Oder seinen Humor charmant zu finden! Geschweige denn, dich in ihn zu verlieben!

Es reichte vollkommen, dass sie ihn atemberaubend attraktiv fand. Und schon davon durfte er nichts mitbekommen. Absolut gar nichts. Denn es hätte ja keinen Sinn. Selbst wenn er sich für sie interessieren würde … eine Affäre mit ihm traute sie sich nicht zu.

Und sie war ja auch nicht auf der Suche nach einem Mann. Schließlich hatte sie keine Lust, sich noch mal so schrecklich beleidigen zu lassen wie von Niall …

Cara holte tief Luft. Am besten sie ignorierte diesen unverschämt gut aussehenden Kerl an ihrer Seite, konzentrierte sich aufs Training und versteckte ihre Gefühle weiterhin hinter Sarkasmus. Genau. Und deshalb war’s auch höchste Zeit für die nächste ironische Bemerkung.

„Zu den Sternen katapultieren, aha …“ Sie blickte Rory spöttisch an. „Manch eine Frau wünscht sich wohl eher, ihren Mann zum Mond schießen zu können.“

„He, was meinst du, wie lange ich nachdenken musste, bis mir diese wunderschöne Formulierung einfiel?“, fragte er lachend. „Und du machst mir alles kaputt. Bist du zu jedem so gemein?“

„Nein, nur zu Fitnesstrainern.“

„Du treibst nicht gern Sport, was?“

Sie seufzte. „Wie kann man so was Sport nennen? Es ist Folter.“

„Und warum tust du dir diese Strapazen an?“

„Das wüsstest du, wenn du mir neulich zugehört hättest. Ich muss abnehmen.“

„Ich hab zugehört und dir gesagt, dass es an deiner Figur nichts auszusetzen gibt.“

Cara schnaubte. „Ja, das war ein toller Spruch.“

„Nein, meine ehrliche Meinung. Wieso glaubst du mir nicht?“

Warum sollte ich? Du sagst das ja nur, um nett zu einer Kundin zu sein.

„Ist es eigentlich ein Hobby von dir, dich negativ darzustellen?“, fuhr Rory nach einer kurzen Pause fort. „Oder gehörst du zu den Frauen, die das nur tun, um Komplimente einzuheimsen?“

„Ja, sicher“, erwiderte sie ironisch.

„Also, ich begreife nicht, wo das Problem liegt. Du hast doch gar keinen Grund, an dir rumzumäkeln. Du bist intelligent. Bist schlagfertig, witzig. Zugegeben …“, Rory lachte auf, „im ersten Moment kommst du etwas kratzbürstig rüber. Wenn ich daran denke, was du mir neulich alles an den Kopf geworfen hast. Aber man spürt bei dir sehr schnell, dass sich hinter der rauen Schale ein liebevoller Mensch verbirgt. Und außerdem mag ich deinen Humor.“

Toll, dafür gab’s in seiner ganzen Aufzählung keine einzige positive Eigenschaft, die ihr Äußeres betraf. Nicht einmal das hübsche Gesicht, das man ihr normalerweise zugestand. Aber sie wollte ja auch gar nicht, dass Rory sie attraktiv fand, oder? Und warum fühlte sie sich jetzt so furchtbar enttäuscht?

„Habe ich was Falsches gesagt?“

Cara schüttelte den Kopf, die Augen stur nach vorn gerichtet.

Rory schwieg eine Weile. Schließlich meinte er: „Also, anscheinend möchtest du nichts von dir erzählen … und an einfachen Unterhaltungen bist du auch nicht interessiert. Worüber könnten wir denn während des Trainings reden?“

„Müssen wir denn reden?“

„Sonst wird es ein bisschen langweilig.“

„Ach, stell dir einfach vor, du wärst ein Bibliothekar, die können bei der Arbeit auch nicht ständig rumquatschen.“

Er lachte vergnügt. „Um ehrlich zu sein, war das nie mein Traumberuf.“

„Wir haben aber nicht viel gemeinsam, worüber wir reden könnten.“

„Und woher willst du das wissen? Wir sind schon mal gleicher Meinung, was den Weltfrieden und den Regenwald angeht. Ich finde, das ist ein guter Anfang.“

Cara schluckte. Wieso ließ er sie nicht einfach in Ruhe? Sie wollte sich nicht mit ihm unterhalten. Je weniger sie von ihm wusste, desto besser. Desto geringer die Gefahr, sich am Ende doch in ihn zu verlieben. „Und ich finde, es reicht. Warum sollte ich dir noch mehr über mich verraten?“

„Weil mich deine Meinung interessiert.“

„Nervst du all deine Kunden so?“, fragte sie mit einem Seitenblick.

„Nein, ich glaube nicht“, erwiderte Rory unbekümmert. „Zumindest bist du die Einzige, die sich beschwert.“

„Wenn du dich mit jemandem anfreunden willst, gibt es hier im Studio ja genügend Kandidatinnen“, gab sie schroff zurück. „Vielleicht solltest du dich lieber um die bemühen, die dir ohnehin schon nachlaufen.“

„So leicht hab ich’s mir nie gemacht.“

Cara verdrehte die Augen.

Und er schmunzelte. „Glaub mir, das Training wird dir viel mehr Spaß machen, wenn wir uns gut verstehen. Und ich bin nicht halb so schlimm, wie du denkst.“

„Dafür habe ich keinen Beweis.“

„Das lässt sich ändern, indem du mich besser kennenlernst, nicht wahr?“

„Okay … unterhalten wir uns. Aber …“, Cara blickte ihn warnend an, „deine zweideutigen Sprüche hebst du dir bitte für andere Frauen auf, ja?“

„Großes Ehrenwort“, versprach Rory lächelnd.

Sie zog die Stirn kraus. „Und diese Art von Lächeln erst recht.“

„Nein, tut mir leid …“, sein Lächeln wurde noch strahlender, und seine Augen funkelten, „das kann ich nun wirklich nicht garantieren.“

Cara seufzte innerlich. In einem anderen Leben und mit der Figur eines Supermodels würde es ihr schon sehr gefallen, mit Rory Flanaghan zu flirten. Aber so?

„Ich muss schon sagen, für jemanden, der so süß und unschuldig aussieht wie du, hast du ein ziemlich umfangreiches Repertoire an Schimpfwörtern.“

Rory unterdrückte ein Lächeln, als Cara seine Bemerkung mit einem bösen Seitenblick quittierte, und betrachtete sie schmunzelnd. Ihr hübsches Gesicht war von der Anstrengung gerötet, und aus dem Zopf hatten sich ein paar Strähnen ihrer schulterlangen braunen Haare gelöst, die jetzt auf der verschwitzten Haut klebten. Sie sah wirklich süß aus. Und sie fluchte wie ein Droschkenkutscher, sobald er sie aufforderte, noch ein paar Wiederholungen zu machen.

Nie zuvor war er einer Frau begegnet, die ihn dermaßen faszinierte. Seit er neulich zum ersten Mal in ihre ozeanblauen Augen gesehen hatte, gab es in seinem Kopf nur noch einen einzigen Gedanken, und der hieß Cara Sheehan.

„Ich wette …“, sie hob die Hüften an, während sie die Fersen in den Medizinball drückte, „dass all deine Kunden dich ununterbrochen …“, für eine Sekunde hielt sie die Position und senkte den Po dann wieder ab, „… beschimpfen.“

Rory bemühte sich, das verführerische Auf und Ab ihres Beckens zu ignorieren, und schärfte sich zum x-ten Mal ein, dass ein seriöser Trainer seine Kundin niemals sehnsüchtig anstarrt. Doch er konnte es nicht ändern. Wie von einem Magneten angezogen, hefteten sich seine Augen immer wieder auf ihren verlockenden Körper.

Er räusperte sich. „Nicht mit dieser abwechslungsreichen Terminologie.“

„Terminologie?“, fragte sie spöttisch. „Hast du den Begriff im Duden nachgesehen, um mich zu beeindrucken?“

„Nein, heute Morgen in der Zeitung gelesen. Es war das Wort des Tages.“

„Du meinst die Zeitung mit dem nackten Mädchen auf Seite eins, ja?“

„Genau die.“ Rory lächelte. „Und zur Strafe für diesen frechen Kommentar machst du jetzt noch zehn Wiederholungen.“

Immer wieder hieß es: noch fünf von dieser Übung, noch sechs von jener. Und ganz sicherlich hatte Cara längst bemerkt, dass er ihr Programm ständig ausdehnte, ihr so von Tag zu Tag etwas mehr abverlangte. Aber sie gab nie auf. Sie fluchte nur, nannte ihn einen „Sadisten“ und machte weiter.

Das mochte er so an ihr. Diese Entschlossenheit. Seit zehn Tagen schon kämpfte sie sich tapfer durch die vielen Übungen und brachte ihn ganz nebenbei mit ihren schlagfertigen Bemerkungen und ihrem trockenen Humor zum Lachen. Sie hatte wirklich mal ein Lob verdient. „Respekt, Cara, du machst das super.“

„Lügner!“

„Nein, wirklich. Ich bewundere deinen eisernen Willen. Ich verstehe nur noch immer nicht, warum du abnehmen willst. Dein Bikini passt doch sicherlich perfekt.“

Sie schnaubte. „Ich hab noch nie einen getragen.“

Er konnte einfach nicht widerstehen, sein Blick wanderte zu ihren Brüsten. Oh, sie würde in einem Bikini wundervoll aussehen. Und vor allem ohne …

Jetzt reiß dich aber zusammen, ermahnte er sich. Du hast deinem Bruder versprochen, dich an die Regeln dieses Studios zu halten. Und Regel Nummer eins lautete: Ein Trainer fängt keine Affäre mit einer Kundin an. Das galt nicht nur für die Angestellten, sondern auch für die Besitzer. Also war Cara tabu.

Und außerdem … sie war ja nicht mal auf einen Flirt mit ihm aus. Im Gegenteil. Er hatte sie förmlich dazu überreden müssen, sich auch nur mit ihm zu unterhalten. Und selbst wenn sie sich unterhielten, verriet sie ihm nichts Persönliches.

Andererseits musterte sie ihn oft verstohlen. Mit einem so sehnsüchtigen Blick, als würde sie sich das Gleiche wünschen wie er …

Aber jetzt hatte er sich durch seine Träumerei völlig ablenken lassen und vergessen, mitzuzählen. „Noch zweimal“, sagte er einfach.

Cara stöhnte tief auf. Was nicht dazu beitrug, seinen Puls zu beruhigen. „Du Sklaventreiber“, fauchte sie, hob jedoch brav zweimal das Becken an, bevor sie sich mit einem tiefen, zufriedenen Seufzer auf den Boden fallen ließ. Und auch dieser Laut brachte seine Gedanken gleich wieder auf Abwege.

Lag es vielleicht an der monatelangen Enthaltsamkeit, die der Auslandseinsatz ihm abverlangte, dass er unaufhörlich davon träumte, mit Cara zu schlafen? Oh nein, das lag nur an ihr … an dieser verführerischen Frau.

Trotzdem, als dreißigjähriger Mann sollte er sich wirklich besser unter Kontrolle haben. Nicht die ganze Zeit an Sex denken, sondern sich auf seinen Job konzentrieren. Und was gehörte zu den Aufgaben eines Trainers? Die Kunden zu motivieren. Und zwar, indem man sie lobte.

„Du machst das ganz toll, Cara“, beteuerte er, als sie sich aufrichtete und neben ihn stellte. „Ohne Scherz. Du kannst wirklich stolz auf dich sein.“

Sie zog eine Grimasse. „Wenn du sehen könntest, wie ich morgens aus dem Bett krieche, würdest du das sofort zurücknehmen. Ich brauch ’ne Ewigkeit, bis ich meine Muskeln dazu überredet habe, noch einen weiteren Tag durchzuhalten.“

Rory lachte. „Dann hör doch auf, mich beim Training zu beschimpfen. Mit dem ständigen Gefluche verbrauchst du nur unnötig Energie.“

„Das hättest du wohl gern, was?“, erwiderte sie spöttisch. „Nein, Junge, gewöhn dich lieber dran. Ich bezahl dich dafür, dass ich meinen Frust an dir auslassen kann.“

Er wollte ihr eine humorige Antwort geben, doch bevor er dazu kam, kreischte irgendwer: „Cara? Oh Gott, das bist ja wirklich du!“

Rory sah, wie sich Caras Augen vor Schreck weiteten und ihr die Röte in die Wangen stieg. Im nächsten Moment kam eine spindeldürre Blondine in einem knappen rosa Outfit auf sie zugeeilt und küsste sie auf beide Wangen.

Sie strahlte Cara an. „Na, wenn das keine Überraschung ist! Was tust denn du in einem Fitnessstudio?“, fragte sie mit vor Spott triefender Stimme.

Und es war nicht die scherzhafte Spöttelei wie bei Cara, sondern verletzend gemeint, das hörte man deutlich heraus. Deshalb fand Rory das Verhalten der Frau auch empörend. Aber er kannte Cara ja gut genug. Sie würde nicht zögern und schlagfertig kontern. Darauf freute er sich schon. Also verschränkte er die Arme vor der Brust und wartete ab.

„Ich weiß … es ist …“, stammelte Cara, „ein bisschen komisch, mich hier zu treffen, oder? Na ja, ich dachte … äh, also wegen Lauras …“

„Hochzeit. Natürlich. Du möchtest nicht wie ein Trampel aussehen in dem wunderschönen Kleid, na, das verstehe ich. Aber dir bleibt ja nicht mehr viel Zeit, Schätzchen. Du brauchst ein Wunder, um in zwei Wochen so schlank zu sein, wie die anderen Brautjungfern es bereits sind.“

Sie machte eine winzige Pause, um kurz Luft zu holen, dann ging es ohne Punkt und Komma weiter. „Und Niall wird dabei sein, nicht? Das muss ja schrecklich sein für dich. Du siehst ihn seit eurer Trennung wohl zum ersten Mal, oder? Und wenn man bedenkt, dass er der Trauzeuge ist und du die erste Brautjungfer. Dann steht ihr auch noch nebeneinander. Gott, du musst dir ja gewünscht haben, auf der Stelle tot umzufallen, als du das gehört hast. Du Arme.“

Rory fand diese Quasselstrippe unerträglich. Trotzdem hörte er wie gebannt zu, denn in nur dreißig Sekunden hatte er soeben mehr über Cara erfahren als in den Tagen zuvor.

Trainierte sie etwa so hart, um ihren Ex zurückzugewinnen? Sie sollte den Typen lieber zum Teufel schicken …

Cara räusperte sich. „Äh … ja … die Kleider sind schön …“

Rory schaute sie erstaunt an. Woher kam diese mickrige Stimme? Die gehörte doch nicht zu ihr. Und wo blieb ihre Schlagfertigkeit? Der herausfordernde Blick? Wieso streckte sie das Kinn nicht vor, das tat sie sonst immer, bevor sie eine sarkastische Antwort gab. Aber das hatte sie offensichtlich gar nicht vor.

Und warum nicht? Wieso war sie plötzlich so verunsichert?

„Stimmt“, fuhr die Quasselstrippe fort, „aber die Kleider sind für sehr schlanke Figuren entworfen worden. Also diesen Schnitt, den kann natürlich nicht jede tragen, und dann das Material, mein Gott, dünner Seidenstoff. Nichts lässt sich da verstecken, absolut nichts. Da fällt jedes Gramm auf. Ich schwöre dir, wenn ich auf Lauras Hochzeit eins dieser Kleider tragen müsste, würde ich schon jetzt nicht mal mehr ein Salatblatt essen! Deirdre sieht in ihrem fantastisch aus, hab ich gehört. Und Maggie auch, klar. Bei ihrer Traumfigur. Doch die beiden waren ja auch ihr Leben lang so sportlich, nicht? Du dagegen sitzt den ganzen Tag hinter dem Schreibtisch. Kein Wunder, wenn du dann zunimmst.“

Sie holte theatralisch Luft. „Ja, also an deiner Stelle hätte ich es wohl auch mit einem Fitnesscenter versucht. Aber wirklich, du hättest schon vor Monaten mit Sport anfangen sollen. Das müsstest du doch wissen, bei all den Büchern, die du schreibst.“

Cara war Schriftstellerin? Rory staunte. Was für Bücher sie wohl schrieb? Also, sollten die irgendwas mit Sex zu tun haben, würde er sie noch heute um ein Date bitten und aufhören, sich um seinen guten Ruf als Trainer zu scheren. Aber mit Sicherheit!

Die Blondine wandte sich jetzt an ihn, mit einem affektierten Lächeln, das sie noch unsympathischer erscheinen ließ. „Man sollte doch wirklich annehmen, dass jemand, der Diätbücher schreibt, das Ganze auch mal umsetzt, meinen Sie nicht auch? Was für ein Glück, dass Caras Leserinnen nicht ahnen, wie sie hier rumläuft – in diesen weiten Klamotten, die Haare zerzaust und völlig verschwitzt. Kein bisschen sexy. Mein Gott, würden die Leute sie so sehen, käme sie nie wieder auf die Bestsellerliste. Nun, was soll’s, wir lieben sie ja alle, weil sie so furchtbar lustig sein kann.“

Rory blickte Cara respektvoll an. Bestsellerliste, wirklich? Das war beeindruckend.

Doch sie zog eine Grimasse und sagte mit dieser seltsam mickrigen Stimme: „Ja, Moira, du hast recht, immer am Schreibtisch zu sitzen ist nicht gut …“

„Na, wenn du es wenigstens einsiehst …“ Moira tätschelte Cara am Arm. „Aber es wäre natürlich besser gewesen, du hättest dich mal aus dem Haus getraut, nachdem Niall dich verlassen hatte. Immer versteckst du dich. Also, ehrlich gesagt, ist es kein Wunder, dass dein Kerl dich verlassen hat. Du bist so eine Einsiedlerin. Und Niall, der liebt das Ausgehen, und ich hab ihn in den letzten Wochen mit so vielen wunderschönen Frauen gesehen. Wirklich zu schade, dass es mit euch beiden nicht funktioniert hat. Aber weißt du, du hättest dir vielleicht auch ein bisschen mehr Mühe geben müssen.“

Rory zog die Stirn kraus. Er verstand überhaupt nicht, was diese affektierte Ziege da erzählte. Ihre Schilderung passte ganz und gar nicht zu der Cara, die er kannte. Cara war stark, sie war schlagfertig, intelligent. Und sexy, auch wenn sie wie jetzt von der Anstrengung verschwitzt war. Dann sogar ganz besonders …

Wenn man dieser Moira zuhörte, sollte man meinen, Cara Sheehan sei eine traurige, einsame Frau. Aber so war sie ihm nie vorgekommen. Im Gegenteil.

Cara blickte ihn verunsichert an, und es lag eine solche Qual in ihren schönen blauen Augen, dass es Rory einen Stich ins Herz gab. Er lächelte ihr sanft zu und versuchte, ihr stumm seine Gedanken zu vermitteln. Hör nicht auf sie, Cara. Diese Frau kennt dich anscheinend gar nicht.

„Ich bin richtig froh, dass du jetzt endlich etwas unternimmst, um Niall zurückzuerobern“, ging das dümmliche Geplapper weiter. „Und ein total neues Styling ist genau das Richtige, um die Aufmerksamkeit eines Mannes zu gewinnen.“

Und diese Frau soll deine Freundin sein? Komm schon, Cara! Gib ihr endlich Kontra. Mach schon, wehr dich!

Cara schwieg jedoch.

„Und du scheinst ja auch nicht am falschen Ende zu sparen. Gut so. Hast dir gleich einen Personaltrainer zugelegt.“ Die Blondine musterte Rory so abschätzend, als stünde er hier zum Verkauf. „Wow! Ich muss schon sagen, du hast vielleicht ein Glück.“

Die Röte schoss Cara ins Gesicht, und sie presste die Lippen zusammen, während sie betreten zu Boden schaute.

Jetzt reichte es Rory. Er mochte keine Sekunde länger mit ansehen, wie sie litt. Und eine gute Idee, wie er ihr helfen konnte, hatte er auch. Als Einziger der Mannschaft trug er kein T-Shirt mit dem Logo des Studios – die Quasselstrippe konnte also nicht wissen, dass er hier arbeitete. Er trat dicht an Cara heran, legte ihr lässig den Arm um die Taille und sagte zu der Blondine gewandt: „Ich bin kein Trainer, sondern ein sehr guter Freund von Cara.“

Moira riss erstaunt die Augen auf. „Wirklich?“

„Ja.“ Er hielt ihrem ungläubigen Blick eisern stand. „Ich benötige ein leichtes Training als Physiotherapie für mein verletztes Bein, und Cara war so lieb, mich zu begleiten und mir hier Gesellschaft zu leisten. Stimmt’s, Honey?“

Sie schaute ihn verlegen an, und er spürte deutlich, wie sie sich in seinem Arm verkrampfte. Warum spielst du nicht einfach mit? Aufmunternd zwinkerte er ihr zu, bevor er sich wieder an Moira wandte.

„Sie hasst Fitnessstudios …“ Er drückte Cara ein wenig enger an sich und genoss das wundervolle Gefühl, ihren weichen Körper an seinem zu spüren. „Und sie hat ja auch gar keinen Grund, sich diese Schinderei anzutun. Bei ihrer fantastischen Figur … von der ich mich nur allzu gern ans Haus fesseln lasse.“ Diesmal zwinkerte er Moira zu. „Falls Sie wissen, was ich meine. Ich muss zugeben, wenn irgendjemand schuld daran ist, dass Cara so selten ausgeht, dann bin ich es.“

Cara lächelte nun sogar, wenn auch etwas verlegen und mit immer noch rotem Kopf.

Und ihre Freundin blickte verdutzt von einem zum anderen. „Also, ich …“

„Ich werde jetzt mal unter die Dusche gehen, Honey. Wir sehen uns ja gleich, okay? War nett, Sie kennenzulernen, Moira.“

Rory konnte nicht widerstehen. Die Frau schien noch immer nicht ganz überzeugt zu sein. Und offensichtlich liebte sie es, viel zu reden. Dann sollte sie ihren Gesprächsstoff haben. Er beugte sich zu Cara hinunter und küsste sie auf den Mund.

Es war nur ein flüchtiger Kuss. Wenig mehr als eine hauchzarte Berührung der Lippen …

Doch die Wirkung war sensationell. Heftiges Verlangen durchströmte Rory, sobald er Caras Lippen spürte, die so warm und weich waren und köstlich schmeckten, ein bisschen nach Vanille, und er sehnte sich sofort nach mehr, nach viel leidenschaftlicheren Küssen.

Der wütende Blick, den Cara auf ihn abschoss, als er den Kopf hob, verriet ihm allerdings, dass dieser Wunsch wohl kaum in Erfüllung gehen würde.

Warum ist sie so verärgert? fragte er sich auf dem Weg zum Umkleideraum. Begreift sie denn nicht, dass ich ihr nur helfen wollte?

3. KAPITEL

Cara wartete nun schon seit zehn Minuten vor dem Herren-Umkleideraum. Mal lief sie auf dem hellen Flur auf und ab, mal blieb sie stehen und starrte auf die gerahmten Poster an der Wand oder die Grünpflanzen vor den breiten Fenstern … und vor allem steigerte sie sich immer weiter in ihre Wut hinein.

Am liebsten hätte sie Rory erwürgt. Es war eine Frechheit von ihm, sie zu küssen. Und überhaupt war’s anmaßend, dass er meinte, ihr helfen zu müssen. Tat so, als wären sie ein Liebespaar! Was hatte er sich dabei bloß gedacht? Für wen hielt sich der Kerl eigentlich? Er war nur ihr Trainer!

„Warum hast du das getan?“, blaffte sie ihn an, als die Tür aufging und Rory endlich auf den Flur trat – das dunkle Haar noch feucht vom Duschen, und in Jeans sowie einem schwarzen Shirt, das sich über seiner muskulösen Brust spannte und die Farbe seiner Augen wirkungsvoll unterstrich.

Sein Anblick machte Cara noch zorniger. Reichte es nicht, dass sie Herzklopfen bekam, wenn sie ihn nur sah? Dass ihr ein Prickeln über die Haut huschte, wenn sie seine Stimme hörte? Nein, er musste ihr auch noch demonstrieren, was für ein unbeschreiblich schönes Gefühl es war, seine Lippen auf ihren zu spüren. Gott, war sie wütend!

Diesen Kuss – so zart er auch gewesen sein mochte – würde sie vermutlich nie wieder vergessen. Im Moment brannte er ihr jedenfalls noch auf den Lippen.

Sie funkelte Rory böse an, was ihn nicht weiter zu kümmern schien. Er baute sich vor ihr auf, verschränkte die Arme vor der Brust und schaute ihr gelassen in die Augen. „Jemand musste dieser Ziege den Mund stopfen“, meinte er. „Und du hattest ja anscheinend die Sprache verloren.“

Okay, da konnte sie ihm wohl schlecht widersprechen. Keinen Pieps hatte sie rausbekommen. Und Moira Lenaghan war nicht nur eine schreckliche Nervensäge, sondern auch bekannt für ihre beleidigende Art, somit schadete es nichts, wenn sie mal einen kleinen Dämpfer bekam. Cara hatte sich ja auch schon oft vorgenommen, ihr mal kräftig die Meinung zu sagen, doch im entscheidenden Moment traute sie sich nie, weil sie Angst hatte, die jahrelange Freundschaft aufs Spiel zu setzen. Und man sollte Freunde ja auch so akzeptieren, wie sie waren, oder? Schließlich hatte jeder seine Fehler.

Außerdem war Moira hier gar nicht das Problem. Sondern Rorys Verhalten. „So?“, meinte sie spitz. „Und da dachtest du, du müsstest den Helden spielen und mich aus den Klauen einer Frau retten, mit der ich seit Jahren befreundet bin? Wow, bist du mutig!“

Ihr Sarkasmus ließ ihn kalt. „Wenn ich solche Freunde hätte, würde ich mich auch zu Hause verstecken. Kein Wunder, dass du zur Einsiedlerin geworden bist.“

Mist! Hatte er sich denn jedes Wort gemerkt?

„Was geht’s dich an, mit wem ich befreundet bin?“, fragte sie aufgebracht. „Für wen hältst du dich eigentlich? Du kennst mich erst seit ein paar Tagen und meinst, du müsstest mich vor irgendwem beschützen?“

„Du hast ja den Mund nicht aufbekommen“, erwiderte er ruhig. „Und warum nicht? Was ist der Grund für deine plötzliche Verwandlung? Mir gegenüber bist du schlagfertig wie keine Zweite. Aber von dieser dämlichen Blondine lässt du dich beleidigen. Das begreife ich nicht.“

Cara streckte das Kinn vor. „Ist auch nicht nötig. Es geht dich nämlich überhaupt nichts an.“

Rory schwieg eine Weile und betrachtete sie mit einem so intensiven Blick, dass sie schon nervös wurde. Bis er schließlich zugab: „Okay, es geht mich wirklich nichts an. Trotzdem fand ich es sehr bedauerlich, dass du dich nicht gewehrt hast. Denn nach allem, was ich von dir weiß, bist du eine Kämpfernatur. Das war etwas, das ich von Anfang an sehr an dir geschätzt habe.“

Dann hast du dich leider in mir getäuscht, dachte sie verdrossen. Eine Kämpfernatur war sie nun wirklich nicht. Schlagfertig, ja. Doch längst nicht bei jeder Gelegenheit. Und nicht gegenüber jedem, das hatte sie ja gerade zur Genüge bewiesen.

„Ich hab’s nur gut gemeint“, fuhr Rory leise fort. „Ich dachte, du könntest ein bisschen Unterstützung brauchen. Jeder benötigt mal Hilfe, weißt du? Das ist nichts, wofür man sich schämen muss.“

Cara starrte ihn an. Musterte sein attraktives Gesicht und fragte sich, warum in aller Welt dieser Mann sie so gut kannte. Denn Rory hatte sie durchschaut. Ja. Es war ihr sagenhaft peinlich, dass er sie heute von ihrer schwachen Seite erlebt hatte, und das war der eigentliche Grund für ihre Wut. Sie musste es leider zugeben.

Gerade in seiner Gegenwart wäre sie so gern selbstbewusst. Aber jetzt hatte er mitbekommen, wie sie verlegen dastand, rot wurde und herumstotterte. Und nicht mal in der Lage war, sich gegen eine Freundin zu wehren. Sicherlich hatte sie vorhin einen erbärmlichen Eindruck gemacht.

Doch seltsamerweise schien ihn das gar nicht zu stören. Er lachte sie nicht aus, sondern stand ihr bei. Das hätte Niall nie getan. Nie im Leben. Der hätte Moira eiskalt recht gegeben und ein paar noch schlimmere Beleidigungen hinzugefügt.

Rory dagegen hatte sie verteidigt. Und wie dankte sie es ihm? Indem sie ihn beschimpfte. Sie war ihm wirklich eine Erklärung schuldig.

Fragte sich nur, wie viel sie zugeben durfte, ohne dass er sich über sie lustig machte …

Forschend blickte sie ihm in die Augen, als könnte sie darin die Antwort finden. Sie hatte wenig Lust, diesem Mann irgendwas über sich zu verraten, wenn sie sich damit noch mehr blamierte. Und jemandem zu vertrauen war immer riskant. Das hatte Cara ja oft genug erfahren müssen. „Mir kannst du es doch sagen“, hieß es zuerst, und dann überschüttete derjenige einen mit beißendem Spott. Der liebe Niall war darin Weltmeister. Aber Rory … ja, der blickte sie so aufrichtig an, dass Cara entschied, das Risiko einzugehen und ehrlich zu ihm zu sein.

„Es tut mir leid, dass ich dich angefaucht habe“, begann sie. „Und ich glaub dir, dass du mir helfen wolltest. Aber weißt du, du hast einen völlig falschen Eindruck von mir. Also, ich hab auch nette Freundinnen, die mich nicht so behandeln würden. Und Moira spielt immer den Elefanten im Porzellanladen. Die beleidigt jeden, der ihr über den Weg läuft. Doch ich muss zugeben, dass alles, was sie über mich gesagt hat, absolut stimmt. Deshalb habe ich mich nicht wehren können. Ich kann ihr ja nicht den Mund verbieten, wenn sie sich an die Tatsachen hält.“

Cara holte tief Luft. „Ich trainiere so hart, weil ich auf Lauras Hochzeit in dem wundervollen Brautjungfernkleid nicht wie ein Trampel aussehen will, sondern bildschön, damit Niall begreift, dass ich ohne ihn viel besser dran bin. Damit sie’s alle kapieren. Ich will ihnen zeigen, dass ich den Kerl nicht brauche.“

Auf Rorys eben noch ernstem Gesicht breitete sich ein Lächeln aus – dieses für ihn so typische unwiderstehliche Lächeln –, und augenzwinkernd meinte er: „Siehst du, du bist eben doch eine Kämpfernatur.“

„Nein, bin ich nicht, ich …“

„Hör bitte auf, mir ständig zu widersprechen. Und glaub mir eins, Cara“, er hielt ihren Blick gefangen, „du siehst niemals aus wie ein Trampel. Egal in welchem Kleid.“

Was redete er da? Das konnte sie nicht glauben. Sie setzte zu einem Protest an, diesmal ließ Rory sie jedoch gar nicht erst zu Wort kommen.

„Du hast es nicht nötig, dich in einem Fitnessstudio abzuquälen“, fuhr er fort. „Zumindest nicht, um dein Aussehen zu verbessern. Aber das Training scheint dir ja sehr wichtig zu sein, und deshalb solltest du es auch durchziehen. Ich kann dir helfen, dein Ziel zu erreichen. Du müsstest mir allerdings mehr vertrauen. Und genau da liegt wohl dein Problem. Jemandem zu vertrauen fällt dir schwer, hab ich recht?“

Sie nickte. Wieso durchschaut der mich so gut?

„Nun, vielleicht hilft es dir zu wissen, dass ich in wenigen Wochen wieder aus Dublin verschwinde. Du kannst sicher sein, dass es keine Rolle spielt, was ich über dich erfahre und welche Geheimnisse du mir anvertraust, weil wir uns nie wiedersehen werden. Selbst wenn du weiterhin in diesem Studio trainierst, werde ich nicht mehr da sein.“

Fassungslos schaute Cara ihn an. Er würde nicht mehr da sein? Im Moment schien ihr das unvorstellbar …

„Was Moira über dich gesagt hat, entspricht wirklich der Wahrheit?“, fragte er.

„Großartig übertrieben hat sie jedenfalls nicht“, gab Cara geknickt zu.

„Du hast dich zu Hause versteckt, seit dein Ex dich verlassen hat?“

Ja, das stimmte. Also irgendwie. Nur war Niall natürlich nicht der einzige Grund, denn wenn sie ein Buch in Arbeit hatte, schloss sie sich immer zu Hause ein. Das brachte der Job nun mal mit sich. Doch sie hatte nicht den Nerv, Rory jetzt in alle Details ihres Lebens einzuweihen, und deshalb nickte sie einfach.

„Ich glaube, das alberne Brautjungfernkleid war gar nicht der einzige Grund für deinen Entschluss, ein Fitnesstraining zu beginnen.“ Rory blickte ihr forschend ins Gesicht. „Du versuchst, dein Leben zu verändern, stimmt’s?“

Volltreffer! Sie hatte nämlich einen Plan geschmiedet. Und ein paar Kilo abzunehmen war nur der erste Schritt. Vielleicht war es auch nicht mal der wichtigste. Denn vor allem wollte sie selbstbewusster werden. Und sich nicht mehr von jemandem wie Niall unterbuttern lassen. Sie wollte Neues entdecken. Eine große Reise machen, bis nach Europa, und am liebsten um die ganze Welt. Ja, sie wollte ihr Leben völlig verändern. Aber wieso spürte dieser Mann das? Wie konnte er ahnen, was in ihr vorging?

„Habe ich recht?“, fragte er nach.

Sie nickte nur.

„Also … benutz mich.“ Rory schmunzelte, als sie bei diesen zweideutigen Worten die Augenbrauen hob. „Nimm meine Hilfe in Anspruch. Damit würdest du mir sogar einen Gefallen tun. Denn wenn du Erfolg hast, habe ich einen guten Job geleistet. Und zurzeit brauche ich die Bestätigung, dass ich dazu noch in der Lage bin.“

Cara lächelte ihn an – nicht spöttisch wie sonst, sondern zum ersten Mal entspannt und befreit. Es tat richtig gut, jemandem vertrauen zu können. Sich nicht hinter Sarkasmus verstecken zu müssen. „Und warum brauchst du diese Bestätigung?“

Ein Schatten legte sich auf sein Gesicht. „Das spielt keine Rolle“, meinte er leise.

„Oh doch“, widersprach sie sofort. „Denn ich denke, Vertrauen muss von beiden Seiten kommen.“

Rory schien zu überlegen. Einen Moment lang blickte er über ihren Kopf hinweg ins Leere, bevor er ihr wieder in die Augen schaute. „Vor einigen Monaten habe ich ein paar Leute im Stich gelassen.“

„Nicht absichtlich, nehme ich an.“

„Nein. Aber ich fürchte, ich habe nicht mein Bestes gegeben, um das, was geschehen ist, zu verhindern.“

„Und jetzt kannst du dir nicht verzeihen?“

„Nicht wirklich.“

Cara legte den Kopf schief und meinte verschmitzt: „Mir scheint, ich bin hier nicht die Einzige, die ein paar Probleme aufzuarbeiten hat.“

Um seine Mundwinkel zuckte es, als müsse er sich ein Lächeln verkneifen. „Kann schon sein.“

„Tja, und starken Männern fällt es ja nicht leicht, sich emotionellen Problemen zu stellen, darüber zu reden und so, stimmt’s?“

„Stimmt“, bestätigte er schmunzelnd.

Sie strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr. „Weißt du, ich könnte dir helfen. Aber wenn wir zusammenarbeiten wollen, müssen wir uns vertrauen. Und genau da liegt wohl dein Problem. Ich habe den Eindruck, dass es dir sehr schwerfällt, jemandem zu vertrauen.“

„So?“ Ein breites Lächeln fuhr über sein Gesicht. „Und du meinst, weil ich dich nach ein paar Wochen nie wiedersehen werde, könnte es mir leichter fallen, dir zu vertrauen?“

„Ja, genau. Du bist wirklich klug“, lobte sie ihn überschwänglich. „Du hast das Prinzip auf Anhieb verstanden.“

Rory lachte. „Du bist mir schon eine, weißt du das?“

„Tja, wie es scheint, bringst du all meine schlechten Seiten hervor.“

„Nein, das glaube ich nicht.“

„Du sollst mir doch nicht immer widersprechen“, tadelte sie ihn kopfschüttelnd.

„Und?“ Rory beugte sich zu ihr. „Wie geht es weiter mit uns beiden?“

Oh! Eben war sie noch so keck gewesen, und nun starrte sie wie gebannt auf seinen Mund, der plötzlich so nah war. Ihr Herz pochte heftig. Es wäre ganz leicht, Rory jetzt zu küssen. Sie müsste sich nur ein klein wenig vorbeugen. Dann würden ihre Lippen seine berühren … Das war ein sehr verführerischer Gedanke, und wer weiß, vielleicht würde dieser zweite Kuss ja noch viel schöner werden als der erste.

Aber leider hatte Cara nicht den Mut. Sie blickte Rory schnell wieder in die Augen. „Ja“, sagte sie, „ich denke, ich kann dir vertrauen, wenn du es umgekehrt auch kannst.“

„Das kann ich“, erwiderte er lächelnd. „Also sehen wir uns morgen. Und dann fangen wir von vorn an. Nämlich als Freunde.“

„Ohne mich. Lieber laufe ich über glühende Kohlen!“

Rory lachte amüsiert. „Nun sträub dich nicht so. Schwimmen hilft gegen den Muskelkater und ist gleichzeitig Training. Was willst du mehr?“

„Vergiss es“, fauchte Cara, die auf dem Rücken lag und von den fünfzig Sit-ups, die zu ihrem Tagesprogramm gehörten, völlig erledigt war.

„Nein, ich halte es für eine gute Sache.“ Er trat einen Schritt näher und blickte lächelnd auf sie herunter. „Und du hast versprochen, mir zu vertrauen.“

„Da konnte ich nicht ahnen, dass du von mir verlangen würdest, mich nackt in der Öffentlichkeit zu zeigen.“

„Wer hat hier was von nackt gesagt? Ich leihe dir einen Badeanzug aus unserem Fundus. Die sind so was von brav. Und außer uns beiden wird niemand im Schwimmbad sein. Das Studio schließt in zwanzig Minuten.“

„Siehst du, dann bleibt uns gar keine Zeit mehr.“

„Irrtum. Solange ich dabei bin, darfst du die ganze Nacht schwimmen. Und ich muss ohnehin noch ein paar Runden im Wasser drehen, als Therapie für mein Bein.“ Rory streckte Cara die Hand entgegen und zog sie hoch.

Sie funkelte ihn böse an. Nicht, weil sie sauer auf ihn war. Sie verstanden sich richtig gut, seit sie neulich … na ja, fast zu Freunden geworden waren. Wobei sich ihre Freundschaft auf die Stunden beschränkte, die Cara im Fitnesscenter verbrachte. Aber während des Trainings lachten und sprachen sie viel miteinander, und sie hatte wirklich das Gefühl, Rory vertrauen zu können. Doch was er da jetzt von ihr verlangte …

Also, in seinen Augen mochten die Badeanzüge des Studios ja brav sein, aber Cara war da anderer Meinung. Sie hatte sie bereits an einigen Frauen gesehen, im Umkleideraum. Die gleichen in Rot trugen die Rettungsschwimmerinnen der Fernsehserie „Baywatch“, und waren die etwa nicht sexy?

„Wäre es dir lieber, wenn ich dich im Schwimmbad allein ließe und mit meinem Training warte, bis du gegangen bist?“

Ja, natürlich.

Nur würde sie sich leider als absoluter Feigling erweisen, wenn sie dieses Angebot annahm. Und hatte sie sich nicht vorgenommen, mutiger zu sein? Vielleicht sollte sie es wagen … Komm, Cara, du kannst es schaffen. Du gehst in dieses Schwimmbad und tust so, als sei es dir völlig egal, dass Rory Flanaghan dich im Badeanzug sieht. Versuch es! Nimm es als Mutprobe!

Cara rang sich ein Lächeln ab. „Nein, das ist nicht nötig. Damit würde ich dich nur unnötig aufhalten, und du willst ja sicherlich nach Hause. Außerdem ist es gut, dich in der Nähe zu haben, dann kann ich wenigstens nicht ertrinken“, fügte sie scherzhaft hinzu. „Du weißt hoffentlich, was du in dem Fall zu tun hast, oder?“

„Klar. Wenn du länger als zehn Minuten unter Wasser bleibst, gehe ich zum Telefon und alarmiere den Notarzt.“ Rory zwinkerte ihr zu. „Okay. Ich hänge dir gleich einen Badeanzug an die Tür des Umkleideraums, und wir treffen uns dann später im Schwimmbad. Ich muss im Foyer warten, bis ich die Eingangstür abschließen kann.“

Prima. Wenn sie sich beeilte, könnte sie im Wasser sein, bevor er das Schwimmbad betrat. Das würde ihr schon mal gewaltig helfen. Und den Rückweg würde sie wohl auch irgendwie überleben.

Von Rory war noch nichts zu sehen, als Cara in das angenehm warme Wasser eintauchte. Um sie herum war es still, geradezu friedlich. Und sie genoss es, endlich mal wieder schwimmen zu können. Das letzte Mal schien ihr eine Ewigkeit her zu sein.

Nach einer Weile blieb sie am Beckenrand, lehnte sich mit dem Rücken gegen die Kacheln, hielt sich zu beiden Seiten fest und ließ die Beine ein wenig treiben. Auch das war schön. Das warme Wasser tat ihren gequälten Muskeln gut, und die Ruhe hier war sehr entspannend. So konnte sie ein wenig ihren Gedanken nachhängen. Die prompt zu Rory wanderten. Wie so häufig in letzter Zeit.

Und als hätte sie ihn herbeigesehnt, öffnete sich eine Tür am gegenüberliegenden Ende des Pools, und er kam herein.

Cara stockte der Atem. Sie hatte es ja geahnt: Fast nackt sah Rory Flanaghan noch attraktiver aus.

Und jede Wette … würde dieser Mann ab und zu in der Badehose durchs Studio schlendern, könnte sich die Anzahl der weiblichen Mitglieder im Nu verdreifachen. Mindestens.

Obwohl Cara bemerkte, dass seine dunklen Augen auf sie gerichtet waren, musterte sie Rory eingehend, während er auf sie zukam. Hatte sie nicht eine kleine Belohnung verdient? Dafür, dass sie so mutig war, sich mit ihm ins Schwimmbad zu trauen? Na klar.

Sie betrachtete seine muskulösen Schultern und die breite, von einem dunklen Flaum bedeckte Brust. Und folgte fasziniert dem schmalen Streifen der Brusthaare, der senkrecht über den flachen Bauch verlief und im Bund der Shorts verschwand. Der weiten Shorts, wie Cara dankbar feststellte, bevor sie den Blick an den kräftigen langen Beinen hinabgleiten ließ.

An Rory Flanaghan war alles männlich, jeder einzelne Zentimeter seines Körpers. Ohne Zweifel.

Und umgeben von Wasser, wurde Cara der Mund plötzlich trocken.

Erst jetzt fiel ihr auf, dass man gar nichts von der Verletzung sah. Das rechte Bein, das Rory noch immer leicht nachzog, war ebenso tief gebräunt wie der ganze Körper. Doch sobald er unweit von ihr am Beckenrand stand, entdeckte sie auf dem rechten Schienbein einen runden Fleck, der sich deutlich von der Bräune abhob. Die Haut war an der Stelle rosa und vernarbt.

Sie blickte Rory fragend in die Augen.

„Ja, ich weiß“, meinte er mit einem schiefen Lächeln, „dieser Schönheitsfehler ruiniert mein gutes Aussehen.“

Oh nein, bestimmt nicht. „Was hast du getan?“

„Gar nichts. Ich stand nur im Weg.“

„Wem oder was?“

Statt ihr zu antworten, beugte er sich nach vorn, streckte die Arme aus und schaute aufs Wasser. Doch bevor er sprang, sah er Cara kurz an. „Der Kugel aus der Pistole irgendeines Typen.“

Sie schnappte nach Luft. Im gleichen Moment tauchte Rory elegant ins Wasser ein und kraulte zum anderen Ende des Pools hinüber. Dort wartete er auf sie.

„Also, was ist wirklich passiert?“, fragte Cara neugierig, sobald sie ihn eingeholt hatte.

„Das habe ich dir gerade erzählt“, bekam sie zur Antwort.

„Willst du damit sagen, jemand hat auf dich geschossen? Mit einer Pistole?“

„Nein, mit einer Riesenkanone, in der zum Glück nur winzige Kugeln steckten.“ Er lachte glucksend.

„Ach, ich wusste, dass du nur einen Scherz machst.“ Mit einer Hand griff Cara zum Beckenrand, um sich daran festzuhalten. „Na ja, ist schon okay. Du musst mir nicht verraten, woher deine Verletzung stammt. Wenn du es lieber für dich behalten möchtest.“

„Ich hab’s dir gerade verraten. Du willst mir nur nicht glauben.“

„Hört sich ja auch sehr unwahrscheinlich an. Ich meine, im friedlichen Dublin gerät man nicht auf offener Straße ins Kreuzfeuer.“

„Wer hat was von Dublin gesagt? Ich habe dir doch schon erzählt, dass ich nicht häufig hier bin.“

„Richtig. Und wo treibst du dich so rum? Bist du etwa ein Geheimagent? Oder was für eine abenteuerliche Geschichte willst du mir auftischen? Schön zu wissen, dass ich mich auf dein Wort verlassen kann.“

Rory kam plötzlich nah an sie heran und legte ihr die Hände auf die Taille, während er ihr in die Augen blickte. „Ich lüge nicht, Cara. Ich bin wirklich angeschossen worden. Vor sechs Monaten im Mittleren Osten. Glaub mir, bitte.“

Ja, ja, sie glaubte ihm, und sie würde ihm alles glauben, wenn er nur schnell die Hände von ihrem Körper nahm. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Und ihre Haut stand lichterloh in Flammen, dort, wo Rory sie berührte. Das war ein sehr aufregendes Gefühl, aber … diese Situation verunsicherte sie total.

Einerseits wünschte sie sich sehnlichst, Rory würde sie jetzt an sich ziehen. Sie küssen. Sie berühren. Doch andererseits hatte sie genau davor Angst. Denn wenn der Flirt weiterging, würde sie sich am Ende blamieren. So viel stand fest. Niall hatte ihr mit sehr deutlichen Worten klargemacht, dass sie als Frau nicht viel taugte.

„Ich glaub dir ja.“ Sie presste sich mit dem Rücken gegen die Kacheln, um etwas Distanz zwischen sie beide zu bringen.

R

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