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Collection Baccara, BAND 316

HEIDI BETTS

Vernaschen erlaubt

Diese Gelegenheit wird Marcus sich nicht entgehen lassen. Rein zufällig hat ihm sein Finanzberater das Geschäft seiner Exfrau als Geldanlage empfohlen. Und obwohl sie seit einem halben Jahr geschieden sind, hängt Marcus' Herz noch immer an Vanessa. Aber irgendwie wird er das Gefühl nicht los, dass sie ihm etwas Wichtiges verschweigt …

DIANNE CASTELL

Ein Koch zum Anbeißen

Bald wird Nick Romero sich seinen Wunschtraum erfüllen: Ein kleines italienisches Restaurant auf dem Land, in dem er nach Familienrezepten kocht. Zuvor allerdings muss er noch seinen letzten Auftrag als FBI-Agent erfüllen. Doch dann tritt wie ein Wirbelwind die temperamentvolle Dixie in sein Leben und bringt seine Pläne und seine Gefühle durcheinander. Nick wird keine Ruhe mehr finden, bis er ihr Herz erobert hat …

CATHLEEN GALITZ

Darf eine Nanny sexy sein?

Vom ersten Augenblick knistert es zwischen Tobias und Heather gewaltig. Da fliegen die Funken – und anschließend die Fetzen. Die bildhübsche Nanny denkt nämlich nicht im Traum daran, brav nach seiner Pfeife zu tanzen. Trotzdem fühlt Tobias sich geradezu magisch zur ihr hingezogen. Wenn er sich nur nicht in die kratzbürstige junge Frau verliebt …

PROLOG

Vanessa Keller, die schon sehr bald wieder einfach nur Miss Vanessa Mason heißen würde, saß auf der Kante ihres Hotelbetts und blickte fassungslos auf den Plastikstab in ihrer rechten Hand. Das Blut rauschte ihr in den Ohren, während sie darüber nachdachte, womit sich ihre Situation wohl am ehesten vergleichen ließe.

Vielleicht mit einem Flugzeugabsturz auf der Hochzeitsreise. Oder mit einem tödlichen Autounfall, kurz, nachdem man eine Million Dollar im Lotto gewonnen hatte.

Zweifellos handelte es sich hier um einen typischen Fall von Ironie des Schicksals.

Sie lachte verzweifelt auf, was einen Hustenanfall zur Folge hatte. Erst jetzt merkte sie, dass sie den Atem angehalten hatte.

Vanessa war gerade frisch geschieden von einem Mann, den sie einmal für die Erfüllung all ihrer Träume gehalten hatte. Was sie nun mit ihrem Leben anfangen sollte, wusste sie nicht, sie befand sich in einer Art Niemandsland in einem anonymen Hotelzimmer in Pittsburgh. Nun hatte sie das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Sie wusste nicht, warum ihre Ehe so fürchterlich schiefgelaufen war. Und darüber hinaus war sie schwanger.

Ich bin schwanger, dachte sie, und ihr wurde ganz flau im Magen. Sie erwartete ein Kind von ihrem Exmann. Dabei hatten sie während ihrer dreijährigen Ehe erfolglos versucht, ein Kind zu zeugen.

Was sollte sie jetzt nur tun?

Sie stand auf und ging benommen zu dem Schreibtisch am anderen Ende des Raums, ließ sich auf den Stuhl davor fallen. Ihre Hände zitterten, während sie das Teststäbchen auf die Tischplatte legte und das Telefon näher heranzog.

Ihr Atem ging stoßweise. Sie versuchte, sich zu beruhigen. Sie würde das schon schaffen. Es war das einzig Richtige, ihren Exmann über ihre Schwangerschaft zu informieren. Und gleichgültig, wie er auch reagieren mochte, sie würde damit zurechtkommen.

Natürlich würde er die Neuigkeiten nicht zum Anlass nehmen, ihrer Beziehung eine zweite Chance zu geben. Vanessa wusste auch gar nicht, ob sie das wirklich wollte. Nicht einmal mit der Aussicht auf ein Baby. Aber er musste erfahren, dass er Vater wurde. Dabei spielte ihr augenblickliches Verhältnis keine Rolle.

Mit eiskalten Fingern wählte sie die vertraute Nummer. Wie üblich würde sein Assistent den Anruf entgegennehmen. Sie hatte Trevor Storch nie gut leiden können. Er war ein arroganter, kalter und ehrgeiziger Typ, der sie wie ein ständiges Ärgernis anstatt wie die Frau seines Vorgesetzten, dem Inhaber eines millionenschweren Unternehmens, behandelt hatte.

Nach einmaligem Läuten drang Trevors nasale Stimme an ihr Ohr. „Keller Corporation, Marcus Kellers Büro. Wie kann ich Ihnen helfen?“

„Hier ist Vanessa“, sagte sie nur. Er wusste natürlich genau, wer sie war. Vermutlich wusste er auch über jedes Detail ihrer Ehe und der kürzlich vollzogenen Scheidung Bescheid. Das stand ihm nicht zu, und Vanessa ärgerte sich darüber. Leider konnte sie es nicht ändern. „Ich muss mit Marc sprechen.“

„Es tut mir leid, Miss Mason. Mr Keller ist nicht verfügbar.“

Dass er ihren Mädchennamen gebrauchte und sie außerdem mit ‚Miss‘ titulierte, traf Vanessa wie ein Stich. Das hatte er ohne Zweifel auch beabsichtigt. Aber wie bereits in der Vergangenheit würde sie auch jetzt eine Auseinandersetzung mit ihm vermeiden. „Es ist sehr wichtig. Bitte stellen Sie mich durch“, bat sie kühl.

„Es tut mir leid“, wiederholte er, und tiefe Befriedigung schwang in seiner Stimme mit. „Mr Keller hat mich angewiesen, Ihnen mitzuteilen, dass er unter keinen Umständen hören will, was Sie ihm gegebenenfalls zu sagen haben. Guten Tag.“

Vanessa blickte ungläubig auf den Hörer. Trevor Storch hatte einfach aufgelegt. Es war schon schlimm genug, mit „Miss Mason“ angesprochen zu werden. Aber dass sich ihr Exmann nun offenbar weigerte, auch nur mit ihr zu reden, war kaum zu ertragen.

Ihr war klar, wie wütend Marc auf sie sein musste. Sie hatten sich nicht gerade einvernehmlich getrennt. Doch sie hatte nicht erwartet, dass er sie so ohne Weiteres aus seinem Leben verbannen würde.

Denn er hatte sie einmal geliebt. Genau so, wie sie ihn geliebt hatte. Jetzt schien es, als wären sie nur noch Fremde, die nicht mal mehr ein höfliches Gespräch miteinander führen konnten.

Immerhin war ihre Frage nach dem weiteren Verlauf der Dinge jetzt geklärt. Sie würde als alleinerziehende Mutter leben. Ihr war nicht klar, ob sie Marcus’ Hilfe überhaupt angenommen hätte. Ohne seine Unterstützung musste sie einen Weg finden, wie sie für sich und ihr Baby sorgen konnte. Und zwar möglichst schnell.

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Vernaschen erlaubt

1. KAPITEL

Ein Jahr später

Marcus Keller verstärkte den Griff um das lederbezogene Lenkrad seines eleganten Mercedes. Der Wagen glitt geschmeidig die kurvige Straße nach Summerville entlang, obwohl Marcus schneller fuhr, als es die Straßenverhältnisse erlaubten.

Die kleine Stadt in Pennsylvania lag nur drei Fahrtstunden von seiner Heimatstadt Pittsburgh entfernt. Dennoch kam es Marcus so vor, als befände er sich in einem anderen Universum. Pittsburgh war eine Großstadt, deren nächtliche Lichter den Himmel erhellten. Überall, wohin das Auge blickte, mehrspurige Verkehrsadern und hohe Gebäude.

Summerville hingegen war von dichten Wäldern, Feldern und Weiden umgeben. Hübsche Einfamilienhäuser mit Gärten säumten die schmale Hauptverkehrsstraße. Marcus hatte den Eindruck, nicht nur in eine andere Welt, sondern auch in eine andere Zeit versetzt worden zu sein.

Er verlangsamte die Geschwindigkeit, um die vorbeigleitenden Häuser- und Ladenfronten näher in Augenschein zu nehmen: ein Drogeriemarkt, eine Postfiliale, ein Restaurant, ein Geschenkladen und schließlich eine Bäckerei.

Marcus nahm den Fuß vom Gas und musterte die sonnengelb gestrichene Fassade und das Schild, auf dem in kühn geschwungenem Schriftzug „The Sugar Shack“ zu lesen war. Ein rotes Neonschild im Schaufenster verkündete grell blinkend, dass das Geschäft geöffnet war. Drinnen ließen sich zufrieden wirkende Kunden Kaffee und Kuchen schmecken.

Die Bäckerei sah ausgesprochen einladend aus, ein in der Gastronomie nicht unwesentlicher Punkt. Marcus widerstand der Versuchung, das Autofenster herunterzulassen, um den Duft nach frisch gebackenem Brot und Kuchen einzusaugen.

Zu einem erfolgreich geführten Geschäft gehörte allerdings mehr als eine ansprechende Vorderfront und ein eingängiger Name. Bevor er Geld in die Bäckerei investierte, würde er das kleine Unternehmen auf Herz und Nieren prüfen.

An der Ecke bog er links ab und folgte seiner Wegbeschreibung. Eine schmale Seitenstraße führte zum Büro von Blake und Fetzer, Finanzberater. Er hatte schon früher mit Brian Blake zusammengearbeitet, allerdings noch nie bei einem so weit von Pittsburgh entfernten Objekt. Und er war auch noch nie in Brians Geschäftsräumen gewesen. Doch Brian hatte ihn immer hervorragend beraten, daher war Marcus bereit gewesen, den weiten Weg auf sich zu nehmen.

Plötzlich bemerkte er eine Frau, die auf hohen Absätzen eilig den Bürgersteig entlangschritt. Ihr Gang war anmutig und sicher.

Marcus spürte einen leichten Druck im Magen. Diese Frau erinnerte ihn an seine Exfrau. Die Figur war ein wenig voller und kurviger, und sie trug das kupferrote Haar kurz geschnitten. Das Haar seiner Exfrau war ihr in dichten Wellen über den halben Rücken gefallen. Dennoch war die Ähnlichkeit frappierend, besonders der geschmeidige Gang und das Outfit. Die Frau trug eine weiße Bluse und einen engen schwarzen Rock. Der lange Gehschlitz gab den Blick auf ein Paar sehr langer und sehr schöner Beine frei.

Marcus richtete den Blick wieder auf die Straße und unterdrückte die Gefühle, die beim Anblick der Frau in ihm aufstiegen. Er war sich nicht einmal sicher, um welche Art von Gefühlen es sich eigentlich handelte. Schuld? Bedauern? Oder einfach nur Sentimentalität? Nun, er hatte nicht vor, das genauer zu ergründen.

Seine Scheidung lag jetzt über ein Jahr zurück. Es war besser, all das hinter sich zu lassen und weiterzumachen. So, wie es Vanessa bestimmt auch getan hatte.

Marcus entdeckte das Büro von Blake und Fetzer, fuhr auf den kleinen Kundenparkplatz vor dem Gebäude und stieg aus. Es war ein warmer Frühlingstag. Wenn er Glück hatte, würden das Treffen und die Besichtigung der Bäckerei nicht länger als zwei Stunden dauern. Dann konnte er sich wieder auf den Heimweg machen. Das Leben in einer Kleinstadt hatte ohne Zweifel seine Vorzüge, aber Marcus fühlte sich im Großstadtgetriebe einfach wohler.

Vanessa hielt vor Brian Blakes Büro kurz inne, strich sich Rock und Bluse glatt und fuhr mit beiden Händen durch ihr kurzes Haar. Sie presste noch einmal die Lippen aufeinander, um den Lippenstift besser zu verteilen. Es war eine Weile her, dass sie sich so schick gemacht hatte. Sie war etwas aus der Übung.

Das geeignete Outfit zu finden, war nicht gerade leicht gewesen. Die meisten ihrer Sachen, die sie sich während der Ehe mit Marcus zugelegt hatte, waren ihr mittlerweile eindeutig eine Nummer zu klein. Was bedeutete, dass die elegante weiße Bluse über der Brust ein wenig spannte. Und der Bund des engen schwarzen Rocks erschwerte ihr das Atmen.

Glücklicherweise musste sie sich in dieser friedlichen Kleinstadt nicht besonders oft in Schale werfen. Das war nicht einmal dann nötig, wenn sie sonntags Dienst in der Bäckerei hatte. Die Leute hier gingen die Dinge für gewöhnlich gelassen und ruhig an. Niemand legte großen Wert auf Selbstdarstellung. Das war auch gut so, denn sonst hätte sie ein hübsches Sümmchen in eine neue Garderobe investieren müssen. Da ihre Mittel durch den Geschäftsaufbau ziemlich knapp waren, hätte sie sich das gar nicht leisten können.

Nach einem Blick auf ihr Spiegelbild in der Glastür beschloss Vanessa, dass ihre äußere Erscheinung für diesen Termin angemessen war. Sie holte so tief Luft, wie der Bund des Rocks es erlaubte, drückte die Tür auf und betrat den Empfangsbereich von Brian Blakes Niederlassung. Die Sekretärin am Tresen begrüßte sie freundlich lächelnd und teilte ihr mit, dass Brian und der potenzielle Investor sie bereits im Büro erwarteten.

Vanessa straffte die Schultern und sandte ein stummes Stoßgebet himmelwärts. Hoffentlich befand der wohlhabende Investor, den Brian aufgetan hatte, ihr kleines Unternehmen für würdig, eine gehörige Summe hineinzustecken. Dann öffnete sie die Tür und betrat das Büro.

Ihr Blick fiel zuerst auf Brian, der sich lächelnd mit seinem Besucher unterhielt. Dieser saß mit dem Rücken zu ihr auf einem Gästesessel vor dem Schreibtisch. Der Mann hatte dichtes, dunkles Haar, trug einen grauen Anzug und klopfte mit seinen schlanken Fingern ungeduldig auf die Lehne des Sessels, als könnte er es gar nicht erwarten, endlich zum Geschäft zu kommen.

Als Brian sie bemerkte, vertiefte sich sein Lächeln. Er stand auf und winkte ihr zu. „Vanessa, Sie kommen genau rechtzeitig. Erlauben Sie mir, Ihnen den Mann vorzustellen, der in Ihre wundervolle Bäckerei investieren wird. Wenn es nach mir geht, jedenfalls. Vanessa, das ist Marcus Keller. Mr Keller, das ist …“

„Wir kennen uns bereits“, unterbrach ihn Marcus.

Seine Stimme zu hören, ließ Vanessa zusammenzucken. In diesem Moment fuhr Markus hoch und drehte sich zu ihr um. Bei seinem Anblick begann ihr Herz wild zu hämmern.

Da stand er nun vor ihr. Die gleißenden Sonnenstrahlen, die durch die großen Fenster fielen, verliehen seinem schwarzen Haar einen bläulichen Schimmer. Ein seltsames Funkeln stand in seinen grünen Augen, und um seinen Mund spielte ein ironisches Lächeln. Wie immer war er bis hin zu der geschmackvollen Krawatte tadellos gekleidet.

„Hallo, Vanessa“, sagte er leise.

Er schob die Hände in die Taschen seiner grauen Anzughose und wippte kaum merklich auf den Fußballen vor und zurück. Seine offensichtliche Gelassenheit ärgerte Vanessa. Er schien ganz Herr der Situation. Sie dagegen fühlte sich, als würde sich der Boden unter ihren Füßen auftun.

Wie hatte das nur passieren können? Wieso hatte sie sich nicht vorher erkundigt, wer dieser geheimnisvolle Investor eigentlich war? Und wie kam es, dass Brian nicht wusste, dass Marcus ihr Exmann war?

Sie hätte sich selbst ohrfeigen können, weil sie Brian nicht die richtigen Fragen gestellt hatte, nur daran interessiert gewesen war, ob der Investor auch über genügend Mittel verfügte. Alles Weitere hatte sie nicht gekümmert. Und nun hatte sie die Bescherung.

Vanessa hatte sich eingeredet, sie bräuchte ganz verzweifelt eine kräftige Finanzspritze, um The Sugar Shack am Laufen zu halten. Aber so verzweifelt, um Hilfe von ihrem Exmann anzunehmen, konnte sie gar nicht sein. Dieser Mistkerl hatte ihr das Herz gebrochen und sie im Stich gelassen, als sie ihn am nötigsten gebraucht hatte.

Ohne Marcus eines Blickes zu würdigen oder ihn gar zu begrüßen, wandte sie sich an Brian: „Es tut mir leid. Das hier wird nicht funktionieren.“

Dann machte sie auf dem Absatz kehrt und verließ mit eiligen Schritten das Büro.

Sie war schon an der nächsten Ecke, als sie Marcus hinter sich rufen hörte:

„Vanessa! So warte doch!“

Die hochhackigen Pumps, die sie angezogen hatte, um einen guten Eindruck zu machen, waren nicht für einen Dauerlauf geeignet. Dennoch rannte sie fast in Richtung Bäckerei. Vanessa unterdrückte ein schmerzerfülltes Stöhnen. Ihre Füße taten höllisch weh. Sie wollte nur noch eins: weg von Marcus. Weg von seinen ironisch funkelnden grünen Augen und seinem arroganten Gesichtsausdruck. Sie ignorierte sein Rufen, versuchte, nicht daran zu denken, dass er sie vermutlich mühelos einholen würde.

„Vanessa!“

Sie bog um die Ecke, und in Sichtweite der Bäckerei verlangsamte sie ihre Schritte. Ihr Herz hämmerte nach wie vor, und sie war völlig außer Atem.

Oh nein. Sie war so wütend und schockiert gewesen, dass sie an nichts anderes hatte denken können, als weg von Marcus und in die vertraute Geborgenheit ihrer Bäckerei zu kommen. Dabei hatte sie völlig vergessen, dass Danny dort war. Und wenn es jemanden gab, den sie noch mehr beschützen wollte als sich selbst, dann war es ihr Sohn.

Plötzlich war sie nicht mehr in der Lage, nur noch einen Schritt vorwärts zu tun. Kurz vor der Eingangstür blieb sie abrupt stehen. Einen Moment später kam Marcus um die Ecke und stoppte ebenfalls schlagartig. Vanessa war sich bewusst, dass ihr Verhalten äußerst seltsam wirken musste. Doch die plötzliche Panik, die sie erfasst hatte, machte es ihr unmöglich, sich von der Stelle zu rühren.

Marcus war ebenfalls ziemlich außer Atem. Das verschaffte Vanessa immerhin ein kurzes Gefühl der Befriedigung. Es war eine hübsche Abwechslung zu seiner üblichen demonstrativen Gelassenheit. In Anbetracht dessen, was er ihr angetan hatte, hatte er das mehr als verdient.

„Endlich“, stieß er keuchend hervor. „Warum bist du weggelaufen? Wir sind zwar geschieden, aber wir können doch trotzdem wie zivilisierte Menschen miteinander reden, oder?“

„Ich habe dir nichts zu sagen“, fauchte sie. Und er will ja sowieso unter keinen Umständen hören, was ich ihm gegebenenfalls zu sagen habe. Trevor Storchs vernichtende Bemerkung kreiste unablässig in ihren Gedanken und bestärkte Vanessa in ihrem Entschluss, Marcus auf jeden Fall von ihrem Kind fernzuhalten.

„Willst du mir nicht etwas über dein Geschäft erzählen?“ Marcus fuhr sich mit den Fingern durch sein dichtes schwarzes Haar. Dann strich er seine Krawatte glatt und knöpfte sich die Jacke zu.

So, nun ist er wieder ganz der unerschütterliche und ordentliche Geschäftsmann, dachte Vanessa ironisch.

„Hört sich an, als könntest du etwas Kapital gebrauchen“, fuhr er fort. „Und ich bin immer auf der Suche nach lohnenden Anlageobjekten.“

„Ich will dein Geld nicht“, erwiderte sie kühl.

Er neigte den Kopf zur Seite und betrachtete sie aufmerksam. „Aber die Frage ist doch, ob du es brauchst.“

Das klang weder gönnerhaft noch überheblich. Vanessa hatte fast den Eindruck, als ob er ihr wirklich helfen wollte, falls nötig.

Oh, und es war nötig. Sie brauchte wirklich dringend Hilfe. Aber nicht von ihrem kalten, gefühlsarmen Exmann.

Vanessa straffte die Schultern und widerstand dem plötzlichen Impuls, Marc trotz allem um Unterstützung zu bitten. Sie rief sich in Erinnerung, dass sie es bis jetzt auch ganz gut allein geschafft hatte. Sie brauchte keinen Mann, der sie rettete.

„Die Bäckerei läuft sehr gut“, sagte sie kühl. „Aber selbst wenn das nicht so wäre, würde ich von dir nichts annehmen.“

Marc setzte gerade zu einer Erwiderung an, als Brian Blake um die Ecke bog. Als er die beiden entdeckte, sah er sie bestürzt an. Er blieb stehen, schweigend und schwer atmend, während sein Blick unsicher zwischen Vanessa und Marc hin- und herwanderte. Hilflos schüttelte er den Kopf.

„Mr Keller … Vanessa …“ Brian hielt inne, um noch einmal Atem zu holen. Er schluckte nervös, wobei sein Adamsapfel sichtbar auf und ab hüpfte. „So hatte ich dieses Treffen nicht geplant. Bitte kommen Sie doch wieder in mein Büro. Vielleicht können wir eine Lösung finden, wenn wir in Ruhe darüber reden.“

Verlegen senkte Vanessa den Blick. Brian war ein freundlicher und hilfsbereiter Mann. Er hatte es nicht verdient, so zwischen die Fronten zu geraten. Und das aus dem einzigen Grund, weil sie nichts mehr mit ihrem Exmann zu tun haben wollte.

„Es tut mir leid, Brian“, meinte sie entschuldigend. „Ich bin Ihnen sehr dankbar für alles, was Sie für mich getan haben. Aber diese Geschäftsverbindung ist wirklich ein Ding der Unmöglichkeit.“

Brian machte ein Gesicht, als wollte er widersprechen, stieß dann jedoch resigniert den Atem aus und nickte. „Ich verstehe.“

„Ich kann da nicht zustimmen“, wandte Marc ruhig ein. „Denn ich bin eigentlich noch immer daran interessiert, möglichst viel über die Bäckerei zu erfahren.“

„Nein, Marc. Auf keinen Fall“, erwiderte Vanessa mit fester Stimme.

„Aber es scheint mir durchaus lohnenswert, in dein Geschäft zu investieren“, entgegnete er. „Ich bin drei Stunden lang unterwegs gewesen, um mir die Bäckerei anzuschauen. Und ich würde mich ungern mit leeren Händen auf den Heimweg machen müssen. Du könntest mich wenigstens kurz herumführen.“

Oh nein, dachte Vanessa. Das kam überhaupt nicht infrage. Sie würde ihn keinesfalls in die Bäckerei lassen. Das war einfach zu riskant.

Sie verschränkte abwehrend die Arme vor der Brust und setzte zu einer Erwiderung an, alsBrian ihr kurz die Hand auf die Schulter legte. Mit einem Kopfnicken bedeutete er ihr, ihm zu folgen. Er trat ein paar Schritte beiseite.

„Sehen Sie, Vanessa“, begann er, als sie aus Marcs Hörweite waren. „Sie sollten sich etwas Zeit geben, um darüber nachzudenken. Bitte. Ich weiß inzwischen, dass Mr Keller Ihr geschiedener Mann ist. Allerdings hatte ich keine Ahnung davon, als ich das Treffen vereinbarte. Hätte ich es gewusst, wäre es nicht dazu gekommen. Er ist noch immer daran interessiert, in Ihr Geschäft zu investieren. Und als Ihr Finanzberater bin ich verpflichtet, Ihnen zu empfehlen, sein Angebot noch einmal ernsthaft zu überdenken. Im Augenblick läuft alles zufriedenstellend. Ihre Bäckerei trägt sich selbst. Aber ohne fremdes Kapital sind Sie nicht in der Lage, Ihre Erweiterungspläne in die Tat umzusetzen. Im schlimmsten Fall kann eine schlechte Saison außerdem dazu führen, dass Sie das Geschäft aufgeben müssen.“

Weder wollte Vanessa das hören noch war sie bereit, Brian zu glauben. Aber tief in ihrem Inneren wusste sie, dass er recht hatte. Ihr besonderes Talent war es, eine Bäckerei zu führen. Brians spezielle Fähigkeiten lagen darin, kluge und weitsichtige Finanzpläne auszuarbeiten. Sie hätte sich nicht für ihn als Berater entschieden, wenn sie nicht sicher wäre, dass er wusste, was er tat.

Mit einem Blick über die Schulter vergewisserte sie sich, dass Marc ihrer Unterhaltung nicht folgen konnte. Dann beugte sie sich vertraulich vor. „Es steht mehr auf dem Spiel als die Bäckerei, Brian“, sagte sie leise. „Sehr viel mehr. Trotzdem werde ich ihm die Geschäftsräume zeigen. Aber welchen Vorschlag Sie und Marc mir danach auch unterbreiten, ich kann nicht versprechen, ihn zu akzeptieren. Es tut mir leid.“

Brian sah nicht besonders glücklich aus, nickte aber zustimmend. Offenbar sah er ein, dass sie im Moment nicht bereit war, sich festzulegen.

Nachdem sie sich wieder zu Marc gesellt hatten, informierte Brian ihn über Vanessas Entscheidung. Gemeinsam gingen sie auf die Eingangstür zu. Je näher sie kamen, desto intensiver wurde der Duft nach frisch gebackenem Kuchen und Brot. Wie immer bei diesem Geruch begann Vanessas Magen zu knurren. Auf einmal hatte sie einen unglaublichen Appetit auf eine Zimtschnecke oder einen Schokoladenkeks. Das erklärte vermutlich, warum sie ihre Babypfunde immer noch nicht ganz losgeworden war.

Die Hand schon auf der Türklinke hielt sie plötzlich inne und drehte sich zu Marc um. „Warte bitte einen Moment. Ich muss Tante Helen vorwarnen, dass du da bist. Ich will ihr auch in Ruhe den Grund dafür erklären. Sie hat dich nie besonders gut leiden können. Also wundere dich nicht, wenn sie sich nicht blicken lässt. Bitte entschuldigen Sie mich für einen Moment, Brian.“

Während Brian mit ausdrucksloser Miene nickte, bedachte Marc sie mit einem ironischen Lächeln.

„Ich werde meinen Teufelshuf vor ihr verbergen, falls ich ihr über den Weg laufe“, sagte er spöttisch.

Vanessa machte sich nicht die Mühe, etwas darauf zu erwidern. Rasch öffnete sie die Tür und ging hinein.

Mit einem freundlichen Lächeln begrüßte sie ihre Gäste, die an den kleinen Tischen saßen, Tee, Kaffee oder Kakao schlürften und sich frisch gebackenen Kuchen und Kekse schmecken ließen. Dann betrat sie eilig die Backstube.

Helen war wie gewöhnlich fleißig bei der Arbeit. Obwohl bereits in den Siebzigern, hatte sie die Energie einer jungen Frau. Sie stand jeden Morgen sehr früh auf und machte sich dann unverzüglich daran, Teig zu kneten, Kuchenformen zu füllen, Kekse auszustechen und die Backöfen zu befüllen. Dabei stellte sie immer mindestens vier verschiedene Backwaren gleichzeitig her, und es war ihr noch nie etwas angebrannt. Trotz verschiedener Garzeiten und Temperaturen hatte sie immer alles fest im Griff.

Vanessa war selbst eine ausgezeichnete Bäckerin, aber mit ihrer Tante konnte sie es nicht aufnehmen. Neben ihrer Arbeit in der Backstube bediente Helen auch Gäste und hütete obendrein den kleinen Danny. Vanessa wusste nicht, wie sie ohne ihre Tante hätte zurechtkommen sollen.

Beim Quietschen der Schwingtüren blickte Helen kurz von einem Backblech auf.

„Oh, du bist schon zurück“, sagte sie erfreut und fuhr damit fort, Zuckerstreusel auf Kekse zu streuen.

„Ja, aber wir haben ein Problem“, erwiderte Vanessa.

Bei diesen Worten sah Helen ihre Nichte eindringlich an. „Wir kriegen kein Geld?“, fragte sie enttäuscht.

Vanessa schüttelte den Kopf. „Viel schlimmer. Der Investor, den Brian aufgetan hat, heißt Marc Keller.“

Vor Schreck fiel Helen die Streudose aus der Hand, was zur Folge hatte, dass das gesamte Backblech mit Zuckerstreuseln übersät war. Diese Partie Kekse hatte nun ganz besonders viele Streusel. Was nicht weiter schlimm war, denn Helen und Vanessa pflegten nicht perfekt gelungenes Gebäck selbst zu verzehren.

„Du machst Witze“, meinte Helen entsetzt.

„Leider nicht.“ Vanessa trat zu ihrer Tante, die vor Schreck ganz blass geworden war. „Er steht draußen vor der Tür und erwartet eine Führung durch die Bäckerei. Ich bitte dich, Danny nach oben zu bringen und dort zu bleiben, bis ich Entwarnung gebe.“

Helen nickte nur, löste mit fliegenden Fingern ihr Schürzenband und hängte die Schürze an einen Haken. Dann strich sie sich nervös durch das kurze graue Haar.

Inzwischen durchquerte Vanessa den Raum und blieb vor dem Babykorb stehen, der auf einem der hinteren Tische stand. Ihr Blick wurde weich, als sie ihren kleinen Sohn betrachtete. Danny war damit beschäftigt, sich seine winzigen Zehen in den Mund zu stecken. Als er sie sah, verzog sich sein Gesicht zu einem hinreißenden zahnlosen Lächeln. Er juchzte erfreut und streckte die Ärmchen nach ihr aus. Die tiefe und bedingungslose Liebe, die Vanessa in diesem Moment empfand, raubte ihr fast den Atem.

Behutsam nahm sie Danny hoch und legte ihn sich an die Schulter. Sie wünschte sich sehnlich, sie hätte jetzt Zeit, um sich mit ihm zu beschäftigen. Es machte ihr großen Spaß, die Bäckerei zu führen. Sie war sehr stolz darauf, was ihre Tante und sie auf die Beine gestellt hatten. Doch nichts ließ sich mit der Freude vergleichen, die Danny ihr bereitete. Die schönsten Momente des Tages waren die, die sie mit ihrem Sohn verbrachte. Sie liebte es, ihn zu füttern, zu baden, zu streicheln und zu kitzeln, ihn zum Lachen zu bringen oder ihm etwas vorzusingen.

„Nachher spiele ich mit dir, mein Süßer“, flüsterte sie und küsste ihn sanft auf die Schläfe. Sie würde sich ausgiebig um Danny kümmern, sobald sie Marc und Brian losgeworden war.

Vanessa legte ihrer Tante vorsichtig das Baby in die Arme.

„Beeil dich“, bat sie. „Und bitte versuch, ihn ruhig zu halten. Wenn er anfängt zu schreien, mach einfach den Fernseher oder das Radio an, um ihn zu übertönen. Ich sehe zu, dass ich die beiden so schnell wie möglich abfertige.“

„In Ordnung“, sagte Helen bereitwillig. „Aber behalte die Öfen im Auge, Liebes. Die Nussplätzchen sind in fünf Minuten so weit, die Schokoladenkekse in einer Viertelstunde. Der Zitronenkuchen und der Rhabarberstrudel brauchen noch ein bisschen länger. Ich habe die Timer entsprechend eingestellt.“

Vanessa nickte. Nachdem Helen mit Danny in das kleine Apartment über der Bäckerei verschwunden war, verstaute sie den Babykorb im hinteren Lagerraum und drapierte ein weißes Tischtuch darüber, um ihn vor neugierigen Blicken zu verbergen.

In der Backstube vergewisserte sie sich, dass keine Gegenstände mehr herumlagen, die auf die Existenz eines Babys hinweisen könnten. Falls sie etwas übersehen hatte, musste sie eben improvisieren.

Eine Rassel konnte sie damit erklären, dass eine Kundin sie wohl vergessen hätte. Ein Paket Windeln konnte sie vorrätig haben, weil sie gelegentlich auf das Baby einer Freundin aufpasste.

Die halb volle Nuckelflasche im Kühlschrank oder Dannys Ohrentropfen für Säuglinge waren schon schwieriger zu begründen.

Sie nahm ein sauberes Tuch und beseitigte notdürftig die verstreuten Zuckerstreusel. Dann holte sie das Blech mit den Nussplätzchen aus dem Ofen. Ansonsten beließ sie die Backstube in ihrem ursprünglichen Zustand. Eilig stieß sie die Schwingtür auf und prallte im gleichen Moment überrascht mit Marc zusammen.

2. KAPITEL

Marc hielt Vanessa mit beiden Händen fest. Sie war so schnell aus der Backstube gewirbelt, dass sie durch den Zusammenstoß mit ihm ins Straucheln geriet. Der Aufprall war nicht heftig genug gewesen, um wehzutun. Dennoch blieb Marc kurz die Luft weg. Für einen Moment waren sie einander so nah, dass er ihre Körperwärme spüren konnte. Er brachte es nicht über sich, Vanessa loszulassen.

Es war lange her, seit er sie zum letzten Mal in den Armen gehalten hatte. Sein hämmerndes Herz und der rasende Pulsschlag waren eindeutige Anzeichen, dass sie ihm nicht gleichgültig war.

Sie war ein wenig voller und kurviger, als er sie in Erinnerung hatte. Aber die paar Pfunde mehr standen ihr nicht schlecht. Und sie roch immer noch nach ihrem Lieblingsshampoo mit Erdbeerduft. Obwohl sie das kupferfarbene Haar nun kürzer trug, war es so seidig und glänzend wie früher. Er musste den Impuls niederkämpfen, seine Finger in der schimmernden Fülle zu vergraben.

Mit einem zornigen Funkeln in den saphirblauen Augen trat sie einen Schritt zurück. Da ihm nichts anderes übrig blieb, löste er die Hände von ihr. Augenblicklich vermisste er ihre Wärme.

„Ich hatte dich doch gebeten, draußen zu warten“, sagte sie missbilligend und strich sich die Bluse glatt. Der feine weiße Stoff schmiegte sich eng an ihren Körper und betonte ihre vollen Brüste.

Schuldbewusst senkte er den Blick. Eigentlich sollte er seine Exfrau nicht länger begehren. Andererseits war er nur geschieden und nicht tot.

Ihre vorwurfsvollen Worte entlockten ihm bloß ein lässiges Schulterzucken. Es hatte ihn schon immer amüsiert, wenn sie so offenkundig wütend war.

„Es hat mir zu lange gedauert. Außerdem ist das hier ein öffentliches Café. Und nach dem Schild im Fenster zu urteilen, ist jetzt geöffnet. Wenn meine Anwesenheit dich so sehr ärgert, betrachte mich doch einfach als Gast.“ Er zog seine Brieftasche hervor und entnahm ihr einen Geldschein. „Gib mir bitte einen Becher schwarzen Kaffee und etwas Süßes. Ich überlasse die Auswahl dir.“

Ihre Augen wurden schmal, und sie funkelte ihn vernichtend an. „Wie ich bereits sagte, will ich dein Geld nicht. Nicht einmal das.“ Sie deutete auf den Schein, den er ihr hinhielt.

„Ganz wie du möchtest.“ Gleichmütig steckte er das Geld wieder ein. „Also wollen wir mit der Besichtigung anfangen? Gib mir einfach eine Vorstellung davon, was du hier tust, wie du begonnen hast und wie es um deine Finanzen steht.“

Vanessa holte tief Luft und kämpfte um ihre Selbstbeherrschung. Wie es aussah, würde die Sache hier noch eine Weile dauern. Sie blickte sich suchend um. „Wo ist Brian?“

„Zurück in seinem Büro“, antwortete Marc. „Da er mit deinem Geschäft bereits bestens vertraut ist, hielt ich seine Anwesenheit nicht für nötig. Nachher schaue ich noch mal bei ihm vorbei.“

Sie zog die Nase kraus und mied seinen Blick.

„Was ist los? Hast du Angst so ganz allein mit mir?“, fragte er spöttisch.

„Natürlich nicht“, fauchte sie. „Bilde dir bloß nichts ein.“

Marc verkniff sich ein Grinsen. Er hatte fast vergessen, wie temperamentvoll seine Ex sein konnte. Plötzlich wurde ihm bewusst, wie sehr er ihren Esprit und ihre schlagfertigen Antworten vermisst hatte.

„Wo willst du anfangen?“, fragte sie.

„Wo immer du möchtest.“

Es dauerte nicht lange, ihm den Verkaufsraum mit dem übersichtlich kleinen Gästebereich zu zeigen. Vanessa erklärte Marc ausführlich, wie viele Gäste sie im Laden bewirten konnten und wie hoch die tägliche Anzahl an Laufkundschaft war. Als Marc sie nach den appetitlich aussehenden Waren hinter den Glasscheiben des Tresens befragte, beschrieb sie jede einzelne Gebäckart bis ins Detail.

Obwohl ihr seine Nähe sichtlich Unbehagen bereitete, hatte er sie noch nie so engagiert und begeistert erlebt. Natürlich hatte es während ihrer Ehe an Leidenschaft nicht gemangelt. Marc konnte sich an Nächte erinnern, in denen es zwischen ihnen nur so geknistert hatte vor erotischer Spannung. Aber außerhalb des Schlafzimmers hatte Vanessa immer eher beherrscht und unnahbar gewirkt. Sie hatte viel Zeit mit seiner Mutter im Country Klub oder bei verschiedenen Wohlfahrtskomitees verbracht.

Als sie sich kennenlernten, war Vanessa noch auf dem College gewesen. Sie hatte sich noch nicht einmal für ein Examensthema entschieden. Marc gestand sich freimütig ein, dass er derjenige gewesen war, der Vanessa dazu gedrängt hatte, das College ohne Abschluss zu verlassen. Er hatte sie so sehr gewollt und war so begierig darauf gewesen, ihr den Ring an den Finger zu stecken, um ein gemeinsames Leben mit ihr anfangen zu können.

Doch war er immer davon ausgegangen, sie würde sich eines Tages wieder einschreiben und ihren Abschluss nachholen. Dabei hätte er sie selbstverständlich hundertprozentig unterstützt. Vanessa hatte es sich anscheinend aber anders überlegt und schien für eine Weile völlig zufrieden damit, seine Frau zu sein. Sie spielte die Rolle der Mrs Keller hervorragend und war aufgrund ihrer Attraktivität und ihren geschliffenen Manieren bei gesellschaftlichen Anlässen eine äußerst vorzeigbare Begleitung. Außerdem verwandte sie viel Zeit darauf, finanzielle Mittel für wohltätige Zwecke aufzutreiben.

Nach der Scheidung hatte Marc sich allerdings gefragt, ob dies wirklich das Leben war, das sie wollte. Vielleicht war sie doch nicht so glücklich damit gewesen, einfach nur Mrs Keller zu sein.

Obwohl er wusste, wie stolz sie auf ihre ehrenamtliche Wohltätigkeitsarbeit war, hatte sie nie so enthusiastisch davon gesprochen wie jetzt von ihrer Arbeit in der Bäckerei. Fasziniert beobachtete er, wie lebendig ihr hübsches Gesicht vor Begeisterung wurde.

Er fragte sich auch, wie gut er seine geschiedene Frau eigentlich kannte. Abgesehen von einigen romantischen Abendessen bei Kerzenlicht, die sie zu Beginn ihrer Beziehung zubereitet hatte, war ihm nie klar gewesen, dass sie gern kochte und hervorragend backen konnte. Marc hatte bereits ein paar ihrer Leckereien probiert und war begeistert. Wenn ein erfolgreiches Geschäft nur auf der Qualität seiner Produkte beruhen würde, säße Vanessa mit ihrem Talent auf einer Goldmine.

Genüsslich verspeiste er den letzten Bissen eines Bananenmuffins, den sie ihm angeboten hatte, und widerstand bedauernd dem jungenhaften Impuls, sich die Finger abzulecken.

„Wirklich köstlich“, lobte er. „Warum hast du früher nie gebacken?“

Obwohl sein Ton ganz bestimmt nicht vorwurfsvoll gewesen war, trat Vanessa einen Schritt zurück, und ihre Miene verhärtete sich.

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass deine Mutter es sonderlich geschätzt hätte, wenn ich ihre makellose Küche in Unordnung gebracht oder den Angestellten im Weg gestanden hätte. Mag ja sein, dass wir im Familiensitz der Kellers gelebt haben, aber deine Mutter hat sich um die Familie nicht besonders viel gekümmert und sich aufgeführt wie die unangefochtene Monarchin.“

Damit hatte sie zweifellos recht. Eleanor Keller hatte zu allem ganz bestimmte Vorstellungen und wich niemals auch nur einen Millimeter davon ab. Aufgewachsen in nahezu grenzenlosem Luxus und an zahlreiches Personal gewöhnt, das ihre Wünsche erfüllte, hätte sie nicht mit Wohlwollen auf eine Schwiegertochter reagiert, die sich mit solch niederen Tätigkeiten wie Kochen oder Backen abgab. Dabei spielte es keine Rolle, wie talentiert diese Schwiegertochter in der Hinsicht sein mochte.

„Du hättest es trotzdem machen sollen“, sagte Marc leise.

Schweigend blickte sie ihn einen Moment lang an. „Ja, vielleicht hätte ich das“, meinte sie schließlich.

Dann drehte sie sich um und ging zur Schwingtür im hinteren Bereich des Ladens. Marc folgte ihr mit einem unbehaglichen Gefühl.

Vanessa stieß die Tür auf und führte ihn in die Backstube. Eine Reihe von Industriebacköfen an der linken Wand verströmte Wärme und so leckere Düfte, dass Marc hoffte, Vanessa würde ihm noch ein paar Kostproben anbieten.

Während sie ihm die Geräte und Tätigkeiten in der Backstube erklärte und berichtete, wie sie und ihre Tante sich die Arbeit im Verkauf und bei der Herstellung untereinander aufteilten, ging sie an den Öfen entlang und überprüfte die Timer. Vor einem Ofen blieb sie stehen, zog sich ein Paar dicke Schutzhandschuhe an und holte ein Blech mit Schokoladenkeksen heraus. Nachdem sie die Handschuhe wieder ausgezogen hatte, nahm sie auf einem großen Arbeitstisch in der Mitte des Raums mit einem Spatel geschickt die Kekse vom Blech und legte sie auf einen Rost zum Abkühlen.

„Viele Rezepte sind aus Tante Helens persönlicher Sammlung“, erklärte sie währenddessen. „Sie hat schon immer gern gebacken, aber eine eigene Bäckerei ist ihr nie in Sinn gekommen. Schade eigentlich, denn mit ihrem Talent könnte sie ein Vermögen verdienen. Alles, was sie macht, schmeckt einfach himmlisch. Ich bin beim Backen auch nicht schlecht. Das muss ich wohl von ihr geerbt haben. Also beschlossen wir, zusammen ein Geschäft aufzumachen.“

Die Hände auf die Tischplatte gestützt, beobachtete Marc fasziniert, wie sie geschickt ihre Arbeit verrichtete. Es sah aus, als besäße sie einige Routine darin und könnte das auch mit geschlossenen Augen tun.

Er allerdings hatte kein Verlangen danach, die Augen zu schließen. Es machte ihm viel zu viel Freude, ihr zuzusehen. Wieder fiel ihm auf, wie sehr er ihre Nähe vermisst hatte.

Die Scheidung war ebenso sachlich wie kurz gewesen. Alles war so schnell gegangen, dass er anfangs gar nicht begriffen hatte, was eigentlich geschehen war. In der einen Minute war er noch mit einer schönen und anbetungswürdigen Frau verheiratet gewesen und wähnte sich glücklich und zufrieden. In der Nächsten verkündete diese Frau, dass sie so nicht weiterleben könnte und die Scheidung wollte. Innerhalb weniger Wochen waren alle Papiere unterzeichnet, und sie war für immer fort.

Rückblickend musste er zugeben, dass er vielleicht härter um seine Ehe hätte kämpfen sollen. Wenigstens hätte er Vanessa fragen müssen, warum sie ihn verlassen wollte. Oder was sie eigentlich brauchte, um glücklich zu sein. Vielleicht hätte er es ihr ja geben können.

Doch er war wieder einmal viel zu sehr beschäftigt gewesen. Schließlich hatte er ein gigantisches Unternehmen zu führen und sich den Anforderungen seiner Familie zu stellen. Außerdem hatte ihn sein Stolz blockiert. Er hatte kein Verlangen danach, mit einer Frau verheiratet zu sein, die ihn nicht wollte.

Jetzt erkannte er, dass er insgeheim wohl gehofft hatte, Vanessa spielte nur Theater. Er hatte sich eingeredet, sie würde ihm mit der Scheidung bloß drohen, um seine Aufmerksamkeit zu erlangen. Eine Weile war er davon überzeugt gewesen, sie würde sich schon wieder beruhigen und einsehen, wie gut sie eigentlich zusammenpassten.

Das war leider nicht geschehen. Sie hatte ihre Meinung nicht geändert. Und als ihm das bewusst wurde, war es längst zu spät gewesen.

„Blake hat mir Einsicht in deine Buchhaltung gewährt.“ In sich hineinschmunzelnd fragte Marc sich, ob Vanessa ihm wohl mit dem Spatel auf die Finger schlagen würde, wenn er einen dieser verführerisch duftenden, frisch gebackenen Kekse stibitzte. „Scheint so, als ob es deinem Geschäft ziemlich gut geht.“

Sie nickte, ohne aufzublicken. „Es läuft ganz ordentlich. Allerdings könnte es besser sein. Wir haben recht hohe monatliche Ausgaben. Und die Miete für dieses Gebäude ist erheblich. Aber im Moment halten wir uns ganz gut.“

„Suchst du deshalb nach einem Geldgeber?“

Vanessa beendete ihre Arbeit, legte den Spatel beiseite und sah Marc an. „Ich habe eine Idee, wie wir uns vergrößern könnten. Ich finde, die Idee ist ziemlich gut. Es könnte funktionieren. Doch dann müssen wir umbauen und brauchen mehr Kapital, als wir derzeit zur Verfügung haben.“

„Erzähl mir mehr über deine Idee“, forderte er sie interessiert auf.

Sie befeuchtete die Unterlippe mit der Zungenspitze, und Marc wurde es ganz heiß bei diesem Anblick. „Ich dachte an Bestellungen über das Internet. Starten würde ich mit einer Art Abonnement auf den Keks des Monats. Kunden, die das Abonnement buchen, erhalten eine Sendung von Keksen, die jeden Monat wechselt. Später könnten wir vielleicht einen Katalog veröffentlichen, aus dem die Kunden per Mail bestellen können.“

Nach den Köstlichkeiten, die er probieren durfte, erschien Marc dieser Plan äußerst Erfolg versprechend. Er konnte sich durchaus vorstellen, selbst ein Abonnement zu buchen, um Geschäftsfreunde und Familienmitglieder zu beschenken. Und natürlich auch, um sein eigenes Verlangen nach süßen Leckerbissen zu befriedigen. Eine nette Aussicht, jeden Monat eine Schachtel aus The Sugar Shack auf der Türschwelle vorzufinden.

Vorerst würde er Vanessa seine Begeisterung für ihre Idee jedoch verschweigen. Bis er die endgültige Entscheidung getroffen hatte, ob er in diese kleine Bäckerei investieren würde, hielt er es für besser, seine Überlegungen für sich zu behalten.

„Zeig mir doch noch, wo Umbauten erforderlich sind“, schlug er vor. „Ich nehme an, es gibt Lagerfläche, die man umwandeln könnte. Oder hast du vor, das leer stehende Nachbargebäude anzumieten?“

„Ja, ich dachte an das Nachbargebäude.“

Nachdem sie alle Ofen-Timer überprüft hatte, ging sie zur Hintertür der Backstube und winkte Marc, ihr zu folgen. Als sie eine schmale Treppe passierten, blieb er stehen.

„Wohin führt die?“, wollte er wissen.

„Nirgendwohin“, erwiderte sie schnell. Aber dann wurde ihr klar, wie dumm diese Antwort klang. Jede Treppe führte schließlich irgendwohin. „Nur zu einem kleinen Apartment. Wir benutzen es, um unsere Rohstoffe zu lagern. Außerdem hält Tante Helen dort manchmal ein Nickerchen. Sie wird zurzeit ziemlich schnell müde.“

Unwillkürlich hob Marc die Augenbrauen. Wenn Tante Helen in dem Jahr seit der Scheidung nicht rapide gealtert war, fand er das schwer zu glauben. Die Frau musste auf die Achtzig zugehen, war aber dennoch ein wahres Energiebündel. Marc erinnerte sich daran, dass er immer gehofft hatte, er würde in dem Alter mal genauso fit sein. Da Vanessa ihm dieses Apartment offenbar nicht zeigen wollte, ließ er es dabei bewenden.

Also folgte er Vanessa durch den Gästebereich zur Eingangstür und dann nach draußen vor das anliegende Gebäude. Zwar war die Tür verschlossen, doch wie Marc unschwer durch die großen Fenster erkennen konnte, betrug die Größe des Innenraums etwa die Hälfte der Bäckerei. Der Raum, den er einsehen konnte, war völlig leer. Das bedeutete, hier waren nur geringfügige Änderungen nötig, um etwas zu schaffen, das Vanessas Ideen und Plänen entsprach. Für Internetbestellungen war nicht viel mehr nötig als ein paar Computer und Packstationen sowie ein geschlossener Durchgang zur Bäckerei.

Während er noch durch das Fenster spähte, trat Vanessa einen Schritt zurück und blickte ihn erwartungsvoll an.

„Was hältst du davon?“, wollte sie wissen.

Er wandte sich zu ihr um. Das Licht der Nachmittagssonne zauberte rötliche Lichtreflexe auf ihr Haar. Plötzlich war er ganz erfüllt vom Verlangen nach dieser Frau. Mit Mühe hielt er sich zurück, sie in die Arme zu nehmen und zu küssen, bis ihnen beiden schwindlig war vor Begehren. Bedauernd machte er sich klar, dass er kein Recht mehr dazu hatte.

Andererseits war es sinnlos, sich selbst belügen zu wollen. Es brauchte schon mehr als ein rechtskräftiges Scheidungsurteil, um seinen Körper davon abzuhalten, auf ihre Nähe zu reagieren. Dafür muss ich wahrscheinlich ins Koma fallen oder mich einer umfangreichen Gehirnoperation unterziehen, dachte er mit bitterer Ironie.

„Ich denke, du hast dir die ganze Sache sehr gut überlegt“, sagte er anerkennend. Und alles ohne mich, fügte er im Stillen hinzu. Die Enttäuschung darüber war nur schwer zu ignorieren. Es schmerzte ihn, dass er nicht mehr Teil ihres Lebens war.

Sein Kompliment ließ ihr Gesicht aufleuchten. „Vielen Dank.“

„Ich brauche noch etwas Zeit, um deine Bücher zu studieren und die Angelegenheit mit Brian zu diskutieren. Wenn du dich überwinden kannst, mit mir zusammenzuarbeiten, investiere ich vielleicht tatsächlich in deine Bäckerei.“

Falls er gehofft hatte, sie würde ihm vor Freude um den Hals fallen, wurde er bitter enttäuscht. Denn bis auf ein kurzes Kopfnicken zeigte sie keinerlei Reaktion.

Da sie offenbar keinen weiteren Gesprächsbedarf hatte und die Besichtigung beendet war, bestand für ihn kein Grund, noch länger zu bleiben.

„Also gut“, sagte er zögernd und schob die Hände in die Hosentaschen. „Ich glaube, das war’s wohl fürs Erste. Vielen Dank für deine Führung und die leckeren Kostproben.“

Verdammt, er kam sich vor wie ein Teenager bei seiner ersten Verabredung. Das höfliche Lächeln, mit dem sie ihn bedachte, verschlimmerte sein Unbehagen nur.

„Wir bleiben in Verbindung“, murmelte er nach einem Moment peinlichen Schweigens.

Vanessa schob sich eine widerspenstige Haarsträhne hinters Ohr. Sie wich seinem Blick aus, als sie sagte: „Es wäre mir am liebsten, wenn Brian mich anruft. Falls es dir nichts ausmacht.“

Es machte ihm etwas aus, verdammt. Marc biss die Zähne zusammen, schluckte seinen Kommentar herunter. Sosehr es ihn auch ärgerte, konnte er ihre Zurückhaltung doch verstehen. Vermutlich würde sie ihrem Prinzip treu bleiben, nicht direkt mit ihm zusammenzuarbeiten, selbst wenn er Millionen in ihr Geschäft steckte. Ein lächerliches Prinzip, bei dem nichts Gutem herauskommen würde. Aber das hatten Prinzipien bisweilen so an sich.

Vanessa beobachtete vom Gehweg vor der Bäckerei aus, wie Marc um die Ecke bog. Erst als er außer Sichtweite war und sie davon ausgehen konnte, dass er nicht zurückkehren würde, stieß sie erleichtert den Atem aus.

Nachdem der Knoten in ihrem Magen sich gelöst und ihr Herzschlag sich normalisiert hatte, drehte sie sich um und betrat die Bäckerei. Schon auf der schmalen Treppe nach oben hörte sie die rhythmische Swingmusik von Helens Lieblingsband aus den Vierzigerjahren, die Dannys frenetisches Gebrüll überlagerte.

Die letzten Stufen nahm Vanessa immer zwei auf einmal. In dem kleinen Wohnbereich fand sie ihre Tante, die mit Danny auf dem Arm auf und ab ging und das Baby dabei abwechselnd wiegte und streichelte. Ihren Bemühungen zum Trotz war Dannys kleines Gesichtchen bereits krebsrot, und er brüllte, was die Lungen hergaben.

„Oh, mein armer Liebling“, sagte Vanessa und nahm Helen den Kleinen ab.

„Dem Himmel sei Dank“, keuchte Helen erleichtert. „Ich war schon kurz davor, ihm die Flasche zu geben. Ich habe nur gewartet, weil ich weiß, wie gern du ihn stillst.“

„Schon gut. Jetzt bin ich ja da.“ Vanessa ging mit Danny zu dem alten, durchgesessenen Sofa und setzte sich. Sie knöpfte sich die Bluse auf und legte das Baby an. „Vielen Dank, Helen. Tut mir leid, dass es so lange gedauert hat.“

„Macht nichts.“ Helen blickte sie forschend an. „Wie ist es denn gelaufen? Ist Marcus weg?“

„Ja, das ist er“, antwortete Vanessa und wunderte sich über den seltsamen Schmerz, den sie bei diesen Worten empfand. Zwar hatte sie sich nach Kräften bemüht, Marc so schnell wie möglich loszuwerden und ihm auch nicht noch einmal begegnen zu müssen. Aber sie gestand sich ein, dass es doch schön gewesen war, ihn wiederzusehen. Trotz allem hatte sie ihn in der Zeit nach der Scheidung vermisst.

Seine Blicke hatte sie empfunden wie eine Berührung. Und ihr heftig pochendes Herz hatte ihr gezeigt, wie sehr sie sich noch immer zu ihm hingezogen fühlte.

Die kurze Zeit mit ihm in der Bäckerei war längst nicht so schrecklich gewesen, wie sie befürchtet hatte. Wenn nicht ihr kleines Geheimnis gewesen wäre, das sie um jeden Preis vor ihm verbergen wollte, hätte sie ihn vielleicht noch auf eine Tasse Kaffee eingeladen.

Keine gute Idee! schalt sie sich im Stillen. Wohin hätte das führen sollen?

Sie strich Danny, der begierig trank, zärtlich über die Wange, als sie auf der Treppe Schritte hörte. Da nur Helen und sie selbst über das Apartment Bescheid wussten, machte sie sich auf eine unangenehme Überraschung gefasst.

Ihr blieb keine Zeit mehr, aufzustehen und ihr Kind zu verstecken. Und auch nicht, nach Helen zu rufen, die in der Küche verschwunden war. Vanessa blickte sich noch nach einer Decke um, um ihren entblößten Oberkörper zu bedecken, da wurde die Tür aufgerissen, und sie sah sich ihrem zornigen Exmann gegenüber.

3. KAPITEL

Marc wusste selbst nicht zu sagen, ob er nun erstaunt oder wütend war. Vielleicht eine Mischung aus beidem.

Es war ziemlich klar, was hier vorging.

Erstens, Vanessa hatte ihn angelogen. Das Apartment über der Bäckerei wurde keineswegs nur zur Lagerung und als Ruheraum für ihre betagte Tante genutzt. Es war vollständig möbliert und wirkte ebenso behaglich wie bewohnt. Es gab einen Esstisch mit Stühlen, ein Sofa, einen Fernseher, und in einer Ecke stand ein Kinderbett. Mitten auf dem Fußboden lag eine gelbe, mit Enten bedruckte Wolldecke, auf der Babyspielsachen verstreut waren.

Zweitens, Vanessa hatte ein Kind. Das Baby an ihrer Brust konnte weder das Kind einer Freundin noch ein Pflegekind sein, denn sie stillte es. Selbst wenn sie es nicht täte, sprachen die Art, wie sie bei seinem Auftauchen schützend die Arme um den kleinen Körper gelegt hatte, und ihr entsetzter Gesichtsausdruck Bände. Es handelte sich zweifellos um ihr eigenes Kind.

Drittens war das Kind von ihm. Das wusste er so genau, wie er seinen eigenen Namen kannte. Sonst wäre Vanessa nicht so sehr darauf bedacht gewesen, ihre Mutterschaft vor ihm zu verheimlichen.

Er wäre schließlich nicht zum Geschäftsführer des Textilkonzerns seiner Familie aufgestiegen, hätte es ihm an intellektuellen Fähigkeiten gemangelt. Zwei und zwei konnte er zusammenzählen. Das Baby war noch sehr klein. Vanessa war entweder schwanger geworden, bevor die Scheidung rechtskräftig wurde, oder sie hatte ihn mit einem anderen Mann betrogen.

Trotz der vielen Differenzen, die sie auseinandergebracht hatten, war er sich einer Sache absolut sicher. Untreue war nie ein Thema gewesen. Weder für sie noch für ihn.

„Würdest du mir bitte verraten, was hier vor sich geht?“, fragte er mit gepresster Stimme und schob die Hände in die Hosentaschen. Eine reine Vorsichtsmaßnahme, denn er verspürte das dringende Bedürfnis, jemanden zu erwürgen. Vorzugsweise Vanessa.

Aus dem Augenwinkel bemerkte er, wie Tante Helen den Raum betrat. Sie nahm eine Wolldecke und drapierte sie über den Säugling und den halb entblößten Oberkörper ihrer Nichte. „Ich gehe nach unten“, sagte Helen zu Vanessa und warf Marc einen verächtlichen Blick zu. „Schrei um Hilfe, wenn du mich brauchst.“

Marc war empört. Helen hatte keinen Grund, ihn wie einen ungehobelten Kerl zu behandeln. Schließlich war er es, dem übel mitgespielt worden war. Niemand hatte es bisher für nötig gehalten, ihm mitzuteilen, dass er Vater geworden war. Er wusste natürlich nicht genau, wie lange die Geburt zurücklag. Aber in Anbetracht der Zeit, die seit der Scheidung vergangen war, mochte das Kind zwischen vier und sechs Monate alt sein.

Es waren Vanessa und Tante Helen, die sich ganz und gar nicht korrekt verhalten hatten. Sie hatten ihn angelogen und ihm ein so wichtiges Ereignis verheimlicht.

„Also?“, drängte er, nachdem Helen das Apartment verlassen hatte.

Vanessa zupfte die Decke sorgfältig über sich und dem Kind zurecht. Schließlich hob sie den Kopf und sah ihn an. „Was willst du hören?“

„Eine Erklärung wäre schön.“ Und eine auf Knien vorgetragene Bitte um Verzeihung fügte er in einem Anflug von Sarkasmus in Gedanken hinzu.

„Ich habe es zu dem Zeitpunkt noch nicht gewusst. Aber ich war schwanger, bevor die Scheidung rechtskräftig wurde. Wir haben damals nicht gerade viel miteinander gesprochen, also fand ich keine Möglichkeit, es dir zu sagen. Und um ehrlich zu sein, dachte ich außerdem, dass es dir ziemlich egal wäre.“

„Du dachtest, mein eigenes Kind wäre mir egal?“, konterte er wütend. „Du warst wirklich der Meinung, es würde mich nicht kümmern, Vater zu werden?“

Wofür hielt sie ihn denn? Wenn sie ihn so einschätzte, warum hatte sie ihn dann überhaupt geheiratet?

„Woher willst du eigentlich wissen, dass es dein Kind ist?“, fragte sie leise.

Marc lachte humorlos. Was für eine lächerliche Frage. „Netter Versuch, Vanessa. Aber ich kenne dich zu gut, um dir zu unterstellen, du hättest deinen Treueschwur wegen irgendeiner flüchtigen Affäre gebrochen. Wenn du während unserer Ehe wirklich jemanden getroffen hättest, der dir etwas bedeutet …“

Er brach ab. Es war das erste Mal, dass ihm dieser Gedanke kam. Eindringlich sah er Vanessa an. „Hast du deshalb die Scheidung eingereicht? Weil du einen anderen Mann kennengelernt hast?“

Das sähe ihr ähnlich. Sie hätte ihn niemals betrogen. Jedenfalls nicht im körperlichen Sinn. Was jedoch nicht ausschloss, dass sie sich in einen anderen verliebt haben könnte. Emotionale Untreue stand auf einem anderen Blatt. Schließlich konnte niemand etwas für seine Gefühle. Und er musste zugeben, dass sie sich zum Ende ihrer Beziehung nicht mehr so nahegestanden hatten wie am Anfang.

Mit seinem Bruder als Stellvertreter hatte er die Keller Corporation übernommen und immer mehr Zeit im Büro oder auf Geschäftsreisen verbracht. Vanessa hatte ihm mehr als einmal gesagt, wie einsam und verlassen sie sich fühlte, wie eine Fremde im eigenen Haus.

Das war verständlich, denn seine Mutter war nicht gerade ein Musterbeispiel für Warmherzigkeit und Güte. Sie hatte auch nie einen Hehl daraus gemacht, wie wenig ihr diese Schwiegertochter bedeutete. Das hatte sie unmissverständlich klargestellt, als er Vanessa in ihrer Verlobungszeit zum ersten Mal nach Hause mitgebracht hatte. Aber er war immer davon ausgegangen, dass sich die beiden Frauen schon aneinander gewöhnen würden.

Er hatte Vanessa nicht wirklich zugehört und ihren Kummer mit einem Schulterzucken abgetan. Die Arbeit hatte ihn nun einmal sehr in Anspruch genommen. Marc hatte dort seine Prioritäten gesetzt und Vanessa sogar vorgeschlagen, sich ein Hobby zu suchen, das sie ablenken würde, damit er seine Ruhe hatte.

Kein Wunder, dass sie ihn verlassen hatte. Er hatte sie zum Schluss eigentlich immer nur zurückgewiesen.

Marc musste sich eingestehen, dass er es gründlich vergeigt hatte. Er wünschte sich plötzlich, er könnte die Zeit zurückdrehen, um alles anders zu machen.

Falls Vanessa sich also wirklich in einen anderen Mann verliebt hatte, durfte er ihr das nicht vorwerfen.

Dennoch verspürte er nur bei dem Gedanken an einen möglichen Konkurrenten das dringende Verlangen, diesen Kerl Stück für Stück auseinanderzunehmen.

„Ist es so?“, fragte er leise. „Gibt es einen anderen?“

„Nein“, antwortete sie mit fester Stimme. „Da ist niemand. Jedenfalls nicht in meinem Leben.“

Er hob die Augenbrauen. „Was soll das heißen? Glaubst du etwa, dass ich dir untreu war?“

„Ich weiß es nicht, Marc. War es so? Das würde jedenfalls die vielen Stunden erklären, die du nach eigener Aussage im Büro verbracht hast.“

„Ich hatte die Firma gerade übernommen, Vanessa. Es gab sehr viel, worum ich mich kümmern musste. Und zwar rund um die Uhr.“

Sie senkte traurig den Blick. „Nun, ich habe offenbar nicht dazugehört.“

Resigniert ließ er die Schultern sinken. Mit ihrer Enttäuschung sah er sich nicht zum ersten Mal konfrontiert. Vanessa hatte ihm während ihrer Ehe so oft vorgeworfen, er würde nicht genug Zeit mit ihr verbringen.

Aber ihm war damals keine andere Wahl geblieben. Wenn sie doch nur mehr Geduld aufgebracht hätte. Denn seine langen Arbeitstage waren ja schließlich kein Dauerzustand gewesen. Mittlerweile konnte er sein Büro regelmäßig um fünf Uhr verlassen. Wenn er manchmal länger arbeitete, dann bloß deshalb, weil ihn zu Hause nur der Fernseher erwartete.

„Sind wir schon wieder bei diesem Thema?“, fragte er leise. „Müssen wir diese Diskussion wirklich schon wieder führen?“

„Nein“, erwiderte sie schnell. „Der Vorteil an der Scheidung ist, dass wir genau das nicht müssen.“

„Hast du mir deshalb nichts von deiner Schwangerschaft gesagt? Weil ich dir vor der Scheidung nicht genug Aufmerksamkeit gewidmet habe?“

Sie zog die Brauen zusammen. Das Baby an ihrer Brust trank noch immer. Marc konnte es nicht sehen, aber die Geräusche waren eindeutig.

„Sei nicht albern“, erwiderte Vanessa. „Ich hätte dir so etwas nicht verheimlicht, weil ich wütend oder gekränkt war. Wie du dich vielleicht erinnerst, haben wir uns nicht gerade im Guten getrennt. Und du warst derjenige, der sich geweigert hat, mit mir zu sprechen.“

„Du hättest dir mehr Mühe geben müssen.“

„Dasselbe könnte ich von dir sagen.“

„Ich fürchte, in diesem Punkt werden wir uns wohl niemals einigen“, meinte er diplomatisch. „Trotzdem verdiene ich ein paar Antworten, findest du nicht?“

„Also gut“, erwiderte sie nach einem Moment des Zögerns.

Während er noch überlegte, wo er anfangen sollte, nahm sie das Baby von der Brust und legte es sich in den Schoß. Mit fliegenden Fingern knöpfte sie sich die Bluse zu.

Marc betrachtete sein Kind. Es schlief tief und fest. Die Augen waren geschlossen, der kleine Mund war wie zum Kuss gespitzt. Plötzlich wusste er, welche Frage die wichtigste war.

„Ist es ein Junge oder ein Mädchen?“, wollte er wissen. Seine Stimme klang belegt.

„Ein Junge. Er heißt Danny.“

Danny. Daniel.

Sein Sohn.

Ihm war, als schnürte es ihm die Kehle zu. Erleichtert registrierte er, dass Vanessa in diesem Moment aufstand und die Decke beiseitelegte. So merkte sie nicht, wie verräterisch feucht seine Augen auf einmal vermutlich schimmerten.

Ich bin Vater, dachte er und holte tief Luft, um sein inneres Gleichgewicht wiederzufinden.

Schon zu Beginn ihrer Ehe hatten sie sich beide ein Kind gewünscht. Da es weder im ersten noch im zweiten Jahr geklappt hatte, war dieser Wunsch in immer weitere Ferne gerückt.

Obwohl sie beide ein wenig enttäuscht waren, hatte der unerfüllte Kinderwunsch nie als wirkliches Problem zwischen ihnen gestanden. Immer noch waren sie glücklich miteinander gewesen und hatten optimistisch in die Zukunft geblickt. Sie hatten noch nicht einmal damit angefangen, über andere Möglichkeiten wie eine künstliche Befruchtung oder ein Adoptiv- oder Pflegekind nachzudenken.

Wie sich nun herausstellte, wäre das auch gar nicht nötig gewesen. Vanessa war schwanger gewesen, während sie beide die Scheidungspapiere unterzeichneten.

„Wann hast du es erfahren?“ Er folgte ihr mit den Blicken, während sie mit Danny an der Schulter langsam auf und ab ging und dem Baby dabei sanft den Rücken tätschelte.

„Ungefähr einen Monat nach dem Scheidungsurteil.“

„Deshalb bist du aus Pittsburgh weggezogen“, sagte er im Ton einer Feststellung. „Ich hatte eigentlich erwartet, dass du bleiben würdest. Aber dann hörte ich, dass du die Stadt verlassen hast. Ich habe nie erfahren, wohin du gegangen bist.“

Er hatte nicht im eigentlichen Sinne Nachforschungen angestellt. Aber er hatte die Ohren offengehalten und der Gerüchteküche große Aufmerksamkeit geschenkt.

„Ich musste irgendetwas tun“, erwiderte sie. „Es gab nichts, was mich in Pittsburgh gehalten hätte. Und ich durfte nicht vergessen, dass ich schon bald für ein Kind zu sorgen hatte.“

„Du hättest zu mir kommen können“, wandte er leise ein. „Ich hätte mich um dich und das Kind gekümmert. Das weißt du genau.“

Sie sah ihn eindringlich an. „Das wollte ich aber nicht. Ich wollte nicht, dass du nur aus Mitleid oder Verantwortungsgefühl für uns sorgst. Wir waren geschieden. Zwischen uns war alles gesagt, was es zu sagen gab. Wir gingen getrennter Wege. Ich hatte nicht die Absicht, uns eine Situation aufzuzwingen, die wir beide nicht wollten. Nur, weil unser Timing in Sachen Nachwuchs so lausig war.“

„Also bist du hierhergezogen.“

Vanessa nickte. „Tante Helen wohnte damals schon ein paar Jahre hier. Sie hat ihre Schwester Clara gepflegt, als die krank wurde. Nach Tante Claras Tod hat sich Helen immer beklagt, dass das Haus viel zu groß für eine Person sei und sie dringend Gesellschaft bräuchte. Ihrer Meinung nach ließ sich jedes Problem mit gutem Essen lösen oder zumindest mildern. Also kochte und backte sie, und ich aß. Dann hatte ich eines Tages die Idee, dass wir zusammen eine Bäckerei eröffnen könnten. Sie besitzt eine erstaunliche Rezeptsammlung. Und ich bin beim Backen ja auch nicht übel.“

„Wie es scheint, war deine Idee brillant“, sagte Marc.

Und er meinte es so. Auch wenn es ihn ziemlich schmerzte, dass Vanessa diesen Weg gewählt hatte, anstatt sich an ihn zu wenden.

Es war ihm ernst damit, dass er sich um Vanessa und ihr gemeinsames Kind gekümmert hätte. Auch wenn eine Versöhnung vermutlich nicht infrage gekommen wäre, hätte er Mutter und Kind in einer komfortablen Wohnung oder in einem hübschen Haus untergebracht. Und zwar an einem Ort, der für ihn leicht zu erreichen gewesen wäre, sodass er möglichst viel Zeit mit seinem Sohn hätte verbringen können.

Er hätte großzügig für die beiden gesorgt und ihnen ein Leben ermöglicht, von dem Vanessa jetzt nicht einmal zu träumen wagte.

Das hatte sie bestimmt gewusst. Sie war sich im Klaren über seine finanzielle Situation. Hätte sie ihn während ihrer Ehe um eine eigene Südseeinsel gebeten, hätte er ihr diesem Wunsch so schnell erfüllt, wie andere eine Schachtel Pralinen kauften.

Vielleicht war sie genau aus diesem Grund weggezogen und hatte einen Weg gefunden, für sich selbst zu sorgen. Sein Vermögen hatte sie vom ersten Moment an völlig unbeeindruckt gelassen. Die zweiwöchige Hochzeitsreise auf die griechischen Inseln hatte sie aus vollen Zügen genossen. Aber später hatte sie nie kostspielige Dinge von ihm erbeten. Sie wollte noch nicht einmal eine Platinkreditkarte, die ihr unbeschränktes Einkaufsvergnügen ermöglicht hätte.

Eigentlich hatte sie auch nicht auf dem Anwesen der Familie Keller wohnen wollen. Obwohl der Familiensitz die Größe von mehreren Fußballfeldern hatte. Auch der weitläufige Park mit den verschwiegenen kleinen Landhäusern, von denen eines ebenfalls als Wohnsitz infrage gekommen wäre, hatte sie nicht locken können. Stattdessen hatte sie von einem kleinen Apartment in der Stadt geträumt und davon gesprochen, ein eigenes Haus zu kaufen, wenn sie erst Kinder hätten.

Marc fragte sich, ob es nicht besser für sie beide gewesen wäre, wenn er in dieser Sache auf Vanessa gehört hätte. Aber damals war es so leicht und bequem für ihn gewesen, einfach im Haus seiner Familie zu bleiben. Und er hatte natürlich gehofft, Vanessa würde schnell ein Teil der Familie Keller werden.

Rückblickend begriff er, dass er eine ganze Reihe von falschen Entscheidungen getroffen hatte.

Als Vanessa das Kind in den Babykorb legen wollte, hob er die Hand, um sie zurückzuhalten.

„Warte einen Moment“, bat er und schluckte. Er sehnte sich danach, seinen Sohn noch ein bisschen anzuschauen. Obwohl er sich nur schwer an den Gedanken gewöhnen konnte, Vater zu sein. „Kann ich ihn einen Moment halten?“

Unschlüssig blickte sie ihn an.

„Nur, wenn er davon nicht aufwacht“, fügte er hinzu.

Vanessa zögerte immer noch. Es fiel ihr sicher schwer, die Tatsache zu akzeptieren, dass Dannys Vater nun auch eine Rolle in seinem Leben spielen würde. So viel war Marc klar. Aber er würde sich um keinen Preis davon abhalten lassen, genau das zu tun.

„Natürlich“, sagte sie schließlich, trat auf ihn zu und legte ihm das Baby vorsichtig in die Arme.

Das letzte Baby, das Marc gehalten hatte, musste seine inzwischen dreijährige Nichte gewesen sein. Aber so bezaubernd die Kinder seines Bruders auch sein mochten und sosehr er sie liebte, es war etwas völlig anderes, das eigene Kind in die Arme zu nehmen. Als Marc seinen Sohn behutsam an die Brust drückte, schloss er für einen Moment überwältigt die Augen.

Dann blickte er in das kleine Gesichtchen. Sein Sohn war wunderschön, angefangen von den friedvoll geschlossenen Augen bis hin zu dem seidigen braunen Haarflaum, den rosigen Wangen und den winzigen rosa Fingern.

Marc versuchte sich vorzustellen, wie Danny wohl am Tag seiner Geburt ausgesehen hatte. Dann glitten seine Gedanken zu Vanessa, ihrer Schwangerschaft und dem Babybauch, der sich immer mehr gerundet hatte. Das alles hatte er unwiederbringlich verpasst.

Ein schmerzliches Verlustgefühl überkam ihn. Er wusste plötzlich, dass er Summerville auf keinen Fall ohne seinen Sohn verlassen würde. Er wollte Zeit mit Danny verbringen und jedes Detail erfahren aus den Monaten, die ihm entgangen waren.

Mit versteinerter Miene wandte er sich Vanessa zu. „Sieht so aus, als hätten wir ein Problem. Ich habe in Dannys Leben jede Menge verpasst und deshalb viel nachzuholen. Mir fallen da im Moment nur zwei Lösungsmöglichkeiten ein. Entweder du packst deine und Dannys Sachen und kommst mit mir nach Pittsburgh. Oder du gibst mir die Erlaubnis, hier mit ihm zusammen zu sein. Wie auch immer du dich entscheidest, ich werde auf jeden Fall bei meinem Sohn bleiben.“

4. KAPITEL

Vanessa kämpfte gegen den Impuls an, ihm das Baby aus dem Arm zu reißen und wegzurennen. Für einen Moment konnte sie an nichts anderes denken, als sich ein Versteck zu suchen, wo sie mit Danny bleiben konnte, bis Marc das Interesse an seinem Sohn verloren hatte.

Aber tief in ihrem Inneren wusste sie, dass das nicht geschehen würde. Dafür kannte sie ihren geschiedenen Mann viel zu gut. Nie im Leben würde er sein Kind aufgeben.

Ihr fiel kein Ort ein, wo er sie nicht finden würde. Also war schon das Nachdenken darüber pure Zeitverschwendung. Sie musste bleiben und sich der Herausforderung stellen.

Schließlich war sie ja auch ganz zu Anfang durchaus bereit gewesen, ihm von der Schwangerschaft zu erzählen. Marc war der Vater und hatte ein Recht darauf. Nur weil die Dinge sich anders entwickelt hatten, konnte sie nicht einfach ihre moralischen Prinzipien über Bord werfen.

Aber das hieß noch lange nicht, dass sie ihre Sachen packen und ihm wie ein braves Hündchen nach Pittsburgh folgen würde. Sie hatte immerhin ein Leben hier, Familie, Freunde und ein florierendes Geschäft.

Bei der Vorstellung allerdings, dass Marc sich hier in Summerville einnisten könnte, stieg Panik in ihr auf. Er würde sich vermutlich den ganzen Tag in der Bäckerei aufhalten und womöglich in Tante Helens Haus wohnen wollen.

„Ich kann nicht nach Pittsburgh zurückkehren“, sagte sie schnell.

„In Ordnung“, erwiderte er unbeeindruckt. „Dann ziehe ich eben um.“

Vanessa überlegte angestrengt, welche Alternative weniger schlimm wäre. Sie kam zu keinem Ergebnis.

„Aber du kannst doch nicht einfach hierbleiben“, wandte sie hilflos ein. „Was wird dann mit der Firma? Und mit deiner Familie?“ Und mit meinem Seelenfrieden fügte sie im Stillen hinzu.

„Es wird ja nicht für immer sein“, sagte er nur.

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