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COLLECTION BACCARA, BAND 315

CHRISTINE RIMMER

Wie verführe ich meinen Ehemann?

Zugegeben, spontan in Reno zu heiraten, kommt überraschend: Schließlich sind Angie und Brett kein Liebespaar, sondern beste Freunde. Und so soll es auch bleiben, nehmen sie sich vor. Immer schön vernünftig bleiben! Doch kaum haben sie die Ringe getauscht, ist da diese wilde, süße Leidenschaft – und plötzlich können sie gar nicht genug voneinander bekommen …

DIANNE KRUETZKAMP

Ein kleines Wort vom Glück entfernt

Sie kennen sich ewig, und genauso lange streiten sie. Größere Gegensätze als die Ärztin Barbara Jean und Colonel Flynn MacIntire sind kaum denkbar! Bis sie ihn wegen einer Verletzung behandelt. Aus heiterem Himmel macht Flynn ihr einen Antrag, und plötzlich ist ihr größter Traum nur ein kleines Wort entfernt: Ja zu einer Ehe mit ihrem unwiderstehlichen Feind …

HARLEQUIN BOOKS S.A.

Im Bann des Scheichs

Das ist wie Fliegen, denkt Genie Danforth hingerissen, als sie zum ersten Mal auf einem feurigen Araberpferd reitet. Der Gestütsbesitzer, der geheimnisvolle Scheich Rafi Ibn Shakir, hat es ihr beigebracht! Und mehr: Rafi hat ihr gezeigt, wie atemberaubend die Liebe sein kann, wie sinnlich die Lust – und wie unerreichbar ein gemeinsames Glück?

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1. KAPITEL

Angie Dellazola biss die Zähne zusammen und unterdrückte einen Schmerzensschrei. Ihre Schwester Glory zerquetschte ihr fast die Hand. „Entspann dich, Glory“, redete Angie sanft auf sie ein. „Entspann dich …“

Glory ließ sich nicht besänftigen. Sie tat nicht nur Angies Hand Gewalt an, sie schrie auch noch. Und fluchte. Benutzte richtig schlimme Worte, Worte, die ein nettes katholisches Mädchen eigentlich nicht einmal kennen sollte. Worte, bei denen Aunt Stella, die in der Tür zum Flur stand, nach Luft japste, den Blick gen Himmel richtete und hektisch an ihrem Rosenkranz herumfingerte.

Es war Angies erster Arbeitstag in der New Bethlehem Flat Clinic – und auch der Tag, an dem sich Glorys Baby entschlossen hatte, auf die Welt zu kommen.

Die Fruchtblase war vor fünfundvierzig Minuten geplatzt, der Muttermund war bereits weit offen, die Wehen kamen schnell und heftig, die Geburt stand kurz bevor. Dr. Brett Bravo, Angies Freund aus Kindertagen und jetziger Chef, war gekommen und hatte angeordnet, Glory in diesem Stadium der Geburt nicht mehr über die kurvenreiche Bergstraße in das fünfzig Meilen entfernt liegende Krankenhaus zu bringen. Er würde das Baby zu Hause entbinden. Jetzt lag Glory in einem der Schlafzimmer im Obergeschoss des Hauses der Dellazolas.

„Du machst das sehr gut, Honey“, redete Angie auf ihre Schwester ein, als Glory zwischen zwei Wehen kurz Luft holte. „Versuch, noch nicht zu pressen. Einfach atmen, so wie du es bei der Geburtsvorbereitung gelernt hast – leichte, hechelnde Atemzüge und …“

„Angela Marie“, unterbrach Glory laut stöhnend. „Sag mir nicht, dass ich atmen soll. Ich kann nicht atmen. Es tut so verdammt weh …“ In dem Moment drückte sie Angies Hand noch fester zusammen und stieß einen markerschütternden Schrei aus.

Rose – Angies und Glorys Mutter –, die an der anderen Seite des Bettes stand, tadelte: „Also, Glory, Honey … Angie hat recht. Du musst mitmachen. Verkrampf dich nicht.“

Glory knurrte. „Du hast wohl nicht gehört, was ich gesagt habe. Es tut weh. Richtig, richtig weh …“

„Ich weiß, dass es schmerzhaft ist“, sagte ihre Mutter. „Ich kann mitreden.“ Rose übertrieb nicht. Sie hatte neun Kinder geboren – sieben Mädchen und zwei Jungen. „Deshalb will ich, dass du zuhörst, ich will, dass du …“

„Zuhören?“ Glory blies sich die schweißnassen Haare aus den Augen. „Du willst, dass ich zuhöre …“

„Honey, du darfst nicht dagegen ankämpfen.“

„Oh, Gott …“ Glory schüttelte wild den Kopf. „Oh Gott, da kommt schon wieder eine …“

Von der Tür aus zwitscherte Trista, das älteste der Dellazola-Mädchen, fröhlich: „Wie wäre es mit ein paar Eiswürfeln?“ Trista hatte ihre drei Töchter bei der zweitgeborenen Schwester, Clarice, gelassen, und eilte zu Hilfe. „Hallo?“, trällerte Tris wieder, als niemand ihre Frage beantwortete. „Eiswürfel?“ Wieder keine Antwort – abgesehen von einem lauten Schrei aus Glorys Mund. Trista zuckte zusammen. „Eiswürfel. Definitiv. Dani hat welche fertig.“ Danielle, die sich unten in der Küche aufhielt, war die vierte der Schwestern, Angie die dritte. „Ich brauche nur die Schüssel“, verkündete Tris, als ob es irgendjemanden interessierte. Sie griff sich die leere Plastikschüssel vom Nachttisch. „Bin gleich zurück …“ Dabei wirbelte sie herum und sprang die Treppe hinunter.

Es folgten erneut Schmerzensschreie. Angies Hand wurde weiter malträtiert. Mamma Rose wischte ihrer gebärenden Tochter mit einem kühlen Tuch über die Stirn, während Aunt Stella weitere Gebete an die Mutter Gottes richtete. Schließlich erreichte die Wehe ihren Höhepunkt und verebbte.

In diesem Moment kehrte Trista mit dem zerstoßenen Eis und einem Löffel zurück. Sie drängte sich zwischen Rose und das Kopfende des Bettes und bot Glory kleine Eisstückchen an. Glory stöhnte, öffnete den Mund und ließ sich von Trista Eis geben.

„Hmm“, seufzte Glory. „Danke …“

„Gern“, erwiderte Trista mit einem angespannten Lächeln und bot ihr noch einen Löffel an.

Glory wollte ihn gerade nehmen – dann blinzelte sie, richtete sich ein wenig auf und blickte sich in dem Zimmer um. „Wo ist Dr. Brett?“

„Er ist da“, erwiderte Angie.

„Wo? Ich sehe ihn nicht.“

„Honey. Beruhige dich“, besänftigte Angie ihre Schwester. „Er ist nur in ein anderes Zimmer gegangen, um ein paar Anrufe zu erledigen.“

„Ich brauche ihn“, stöhnte Glory. „Ich brauche meinen Arzt. Ich brauche ihn jetzt …“

„Glory, er ist gleich zurück. Er telefoniert wegen eines anderen Patienten. Bei dir ist alles in Ordnung, Honey. Entspann dich.“

„Hör auf, mich Honey zu nennen – und sag mir nicht, dass alles in Ordnung ist. Ich sterbe gleich.“

„Du stirbst nicht“, sagte ihre Mutter scharf. „Du machst das sehr gut. Es ist alles genauso, wie es sein soll. Wenn es irgendwelche Probleme gäbe, hätte Dr. Brett dich ins Krankenhaus fliegen lassen, und das weißt du.“

„Schmerzmittel!“, schrie Glory. „Ich brauche etwas gegen die Schmerzen! Sofort!“

In diesem Moment steckte Old Tony, der Urgroßvater der Dellazola-Schwestern, den glänzenden, fast kahlen Kopf durch die Tür. Er fluchte auf Italienisch, auch wenn er die Sprache seiner Vorfahren, die vor Generationen nach Amerika ausgewandert waren, nur unvollkommen beherrschte. Dann forderte er: „Könnt ihr nicht etwas leiser sein? Man kann ja keinen klaren Gedanken fassen. Und Dani ist unten in der Küche und heult wie ein Schlosshund. Weshalb?“

Keine der fünf Frauen im Raum antwortete ihm. Sie alle drehten sich gleichzeitig zu dem Patriarchen der Familie um und nagelten ihn mit ihren Blicken fest. Das war selbst für einen Mann wie Old Tony zu viel, der es sich zur Regel gemacht hatte, sich von niemandem – vor allem nicht von einer Frau – unterkriegen zu lassen.

„Pah“, schnaubte er, drehte sich auf dem Absatz um und kehrte kopfschüttelnd in sein Zimmer zurück.

Kaum war er außer Sicht, sah Rose ihre älteste Tochter fragend an.

Trista verdrehte die Augen. „Oh, Mamma. Du weißt doch, was mit ihr los ist. Sie wünscht sich so sehr ein Baby …“ Danielle und ihr Mann Ike versuchten nun schon seit fünf Jahren, ein Kind zu bekommen – bisher erfolglos. „Es tut ihr weh zu sehen, dass andere Frauen wie am Fließband Kinder gebären und sie es noch nicht einmal geschafft hat, schwanger zu werden.“

„Am Fließband gebären“, wiederholte Glory. In ihren braunen Augen funkelte es.

„Ach, du weißt, was ich meine.“

„Das weiß ich – und es gefällt mir nicht. Und was zum Teufel soll das heißen, es tut ihr weh? Sie weiß gar nicht, was Schmerzen sind.“

Trista sprang Dani zur Seite. „Oh, doch, das weiß sie. Sie ist mit einem sehr netten Mann verheiratet und wünscht sich nichts sehnlicher als ein Kind, das sie …“

Glory stieß einen Schrei aus – einen wütenden diesmal, keinen schmerzhaften. „Verstehe. Da ich nicht verheiratet bin, habe ich dieses Kind nicht verdient. Willst du das sagen, Tris?“

Trista lenkte ein. „Ich will damit sagen, dass es solche und solche Schmerzen gibt.“

„So, wirklich? Weißt du was? Nimm deine Schüssel mit Eis und steck sie dir …“

„Es reicht“, unterbrach Rose. Sie tätschelte Glorys Schulter und warf Trista einen vorwurfsvollen Blick zu.

Trista war ruhig. Glory nicht. Die nächste Wehe kam, und sie begann wieder zu schreien. Aunt Stella betete, und Angie redete beruhigend auf sie ein. Rose streichelte Glorys Schulter, und Trista, die zwar offensichtich beleidigt war, aber trotzdem helfen wollte, stand mit ihrer mit Eis gefüllten Plastikschüssel bereit.

Als die Wehe endlich abklang, drang eine lallende männliche Stimme zu ihnen herein. „Glory, hol dich der Teufel, Frau.“

Angie blickte zur Tür. Das musste ja so kommen. Bowie Bravo.

Dani, die ihn an der Tür hätte aufhalten sollen, folgte ihm dicht auf den Fersen. Die Tränen liefen ihr noch über die Wangen, als sie nach seinem Arm schnappte. „Bowie! Ich habe dir gesagt, dass du jetzt nicht zu ihr kannst.“

Er riss sich los, sein verschwommener Blick ruhte auf Glory. „Hör zu, Glory. Es ist okay. Ich vergebe dir jedes Nein, wenn du jetzt Ja sagst. Sag, dass du mich heiraten wirst.“

Glory gab ihm dieselbe Antwort, die sie seit Monaten gab. „Nein, das werde ich nicht. Und jetzt verschwinde.“

Bowie bewegte sich nicht – wenn man davon absah, dass er schwankte und blinzelte, als sähe er zwei Glorys. „Ach, komm schon. Sag es. Sag einfach das kleine Wort ja.“

Glory sagte nicht Ja. „Verschwinde, Bowie. Ich bin beschäftigt und kann dich jetzt nicht …“, sie stöhnte laut, „… gebrauchen. Also los, hau ab.“

Dani putzte sich die Nase und wischte sich die Tränen von den Wangen – und griff wieder nach Bowies Arm. „Komm jetzt. Du hast sie gehört.“

„Nein, verdammt.“ Bowie schüttelte Danis Hand wieder ab – so heftig, dass sie fast gestürzt wäre. „Ich gehe nicht.“ Er wankte in das Zimmer. „Glory. Glory, bitte …“

Wie seine drei Brüder – einer von ihnen telefonierte noch im Nebenzimmer – war Bowie eigentlich ein attraktiver Mann. Er war es zumindest gewesen, bis er damit begonnen hatte, zu viel zu trinken. Heute musste man sich erst seinen torkelnden Gang, die graue Gesichtsfarbe und die ständig blutunterlaufenen Augen wegdenken, um den gut aussehenden Mann von einst zu erkennen. Die Leute in der Stadt behaupteten, er hätte mit dem Trinken begonnen, nachdem Glory seinen Antrag das erste Mal abgelehnt hatte. Und je häufiger sie Nein sagte, desto mehr trank er.

Bowie torkelte zum Bett. „Glory. Sag Ja …“

„Honey …“ Rose tätschelte Glorys Schulter. „Er ist der Vater deines Kindes. Vielleicht solltest du doch …“

„Mamma. Fang nicht wieder an.“ Sie drehte den Kopf zu Angie. „Jag … ihn … hier … raus …“ Sie stieß jedes Wort keuchend hervor. Dann kam schon die nächste Wehe mit voller Wucht. Glory warf den Kopf zurück und schrie.

Während sie schrie, gerieten die anderen Frauen in Bewegung. Rose und Tris traten ans Bettende und stellten sich Bowie direkt in den Weg. Angie trat einen Moment später zu ihnen – nachdem sie es geschafft hatte, ihre Hand aus Glorys Klammergriff zu befreien. Aunt Stella flitzte um Bowie herum und stellte sich neben Angie. Selbst Dani, die immer noch leise weinte, schaffte es, sich an dem betrunkenen Kindsvater vorbeizudrängen und sich in die Reihe der Frauen zu stellen.

„Aus dem Weg“, befahl Bowie. Er blinzelte noch stärker und schwankte gefährlich. Die Frauen wichen nicht von der Stelle.

„Gib es auf, Bowie.“ Angie musste brüllen, um Glorys Schreie zu übertönen.

Bowie murmelte etwas Unfreundliches. Er trat einen Schritt vor, holte tief Luft und grölte: „Aus dem Weg. Alle. Sofort, oder ich weiß nicht mehr, was ich tue.“

„Bowie“, sagte eine tiefe, klare Stimme.

Brett. Angie verspürte freudige Erleichterung. Ihr neuer Chef hatte sich endlich von dem verdammten Telefon gelöst. Brett würde wissen, was zu tun war. Er konnte mit seinem Bruder umgehen.

„Hä?“ Bowie drehte sich um. „Brett?“

„Du musst jetzt gehen, Bowie.“ Brett sprach leise, aber eindringlich, und so war trotz Glorys Schmerzensschreie jedes Wort deutlich zu verstehen. Seine Souveränität gehörte zu den Eigenschaften, die Angie am meisten an ihm bewunderte. Er erhob nur selten die Stimme. Er war zwar ein Bravo, aber unterschiedlicher hätten zwei Brüder nicht sein können. Brett war im Gegensatz zu Bowie ein nüchtern denkender, vernünftiger Mann.

Bowie schüttelte seine wilde blonde Mähne. „Ich kann nicht gehen, Brett. Ich kann nicht …“

„Du musst. Tu es für das Baby. Und auch für Glory.“

„Nein …“ Verzweiflung lag jetzt in seiner Stimme. Trotz allen Ärgers, den dieser verdammte Kerl machte, hatte Angie Mitleid mit ihm.

Brett trat vor. Er nahm seinen Bruder bei den Schultern. „Du bist betrunken. Du bist hier nur im Weg. Es ist besser, du gehst jetzt, und ich glaube, das weißt du auch.“

Dies war einer der Augenblicke, die es immer wieder gab, wenn zwei Bravos miteinander auf Konfrontationskurs gingen – selbst wenn einer von ihnen Dr. Brett und bekannt dafür war, sich beherrschen zu können und sich nicht zu streiten. Die Frauen hielten den Atem an. Glory hörte sogar auf zu schreien.

Bowie straffte die Schultern – was bewirkte, dass Trista nach Luft schnappte und Aunt Stella hastig „Gegrüßet seist du, Maria“, gen Himmel schickte.

Sie alle wussten, dass Bowie das tun würde, was er in letzter Zeit immer tat – mit seiner großen Faust ausholen und Brett einen Kinnhaken verpassen. Eine Sekunde verging. Zwei.

Glory stöhnte leise.

Es war, als würde der klägliche Laut Bowie einen Schlag versetzen. Er zuckte – dann fiel er nach vorn. Sein Bruder fing ihn auf. Er flüsterte etwas in Bowies Ohr.

Bowie riss sich zusammen, schwankte und fand schließlich einigermaßen das Gleichgewicht. „Okay. Ich bin weg“, lallte er.

Brett schlug ihm auf die Schulter, eine Geste, die von Verständnis und Hilfe zu sprechen schien. Ohne ein weiteres Wort, den Kopf nach vorn gebeugt, torkelte Bowie um Brett herum und hinaus auf den Flur.

Niemand im Zimmer bewegte sich oder machte ein Geräusch – außer Glory, die ihren gigantischen Bauch hielt und leise wimmerte. Die anderen warteten und lauschten Bowies schweren Schritten im Flur, dann die Treppe hinunter zur Haustür. Trampel, trampel, trampel. Sie hörten, dass die Tür geöffnet wurde. Trampel, trampel. Bowie knallte die Tür hinter sich zu.

Einen Moment lang herrschte atemlose Stille, dann schniefte Dani. „Er ist weg. Gott sei Dank.“

„Für den Moment zumindest“, sagte Brett und zuckte müde die Schultern, während Aunt Stella sich bekreuzigte. Sie sagte zu Dani: „Geh nach unten und verriegele die Tür – auch die Hintertür. Und schließ alle Fenster. Ich glaube zwar nicht, dass er sich hier so schnell wieder blicken lässt, aber wir müssen es ihm ja auch nicht einfach machen, falls er doch kommt.“

Dani nickte, schniefte und verließ das Zimmer.

Glorys Wimmern wurde zu einem Schreien.

Brett und Angie sahen einander an. Er lächelte. Ein Lächeln, das sie schon aus Kindertagen kannte. Sie erwiderte sein Lächeln und war froh, trotz der nie endenden Dramen in der Familie wieder zu Hause zu sein. „Ich schrubbe mir jetzt besser die Hände“, sagte er. „Ich vermute, es ist an der Zeit, dass diese junge Frau anfängt zu pressen.“

Zwanzig Minuten später wurde das Köpfchen des Babys sichtbar. Es war kein stiller Augenblick.

Glory schrie und presste abwechselnd. Aunt Stella betete laut. Dani starrte aus dem Fenster und weinte hemmungslos um das Kind, das sie bisher noch nicht empfangen hatte. Urgroßvater Tony schlug mit der Faust gegen die Wand und brüllte: „Ruhe!“, und Rose schrie zurück: „Sei du endlich ruhig!“ Und unten hämmerte Bowie, der doch zurückgekehrt war, gegen die Haustür. „Lasst mich rein! Es ist auch mein Baby! Ich habe ein Recht darauf, dabei zu sein!“

Und dann, mitten in all diesem Irrsinn, sah Brett auf und direkt zu Angie.

Ihre Blicke trafen sich und Angie fühlte … Frieden. Ein wunderbarer Moment der Ruhe und Einigkeit.

Es gab keinen Zweifel daran: Sie und Brett waren die einzigen vernünftigen Menschen in diesem Tollhaus voller schreiender, klopfender, brüllender, flehender, betender, lärmender Menschen.

2. KAPITEL

Am Abend lud Brett seine neue Krankenschwester zur Feier ihres ersten Arbeitstages zum Essen ins Nugget Steak House in der Main Street ein. Er wusste zu schätzen, wie ruhig und doch energisch sie ihm bei der Geburt von Glorys Kind geholfen hatte. Außerdem konnten sie bei einem Drink und einem Essen etwas Aufholarbeit leisten – beruflich und auch als langjährige Freunde, die viel zu lange keinen Kontakt miteinander gehabt hatten.

Sie setzten sich in eine Nische. Kaum hatten sie ihre Drinks, brachte Brett einen Toast aus.

„Auf Jonathan Charles Dellazola.“

„Auf niedliche dreitausendsiebenhundert Gramm mit süßen Händchen und Füßchen.“ Angie hob ihren Wodka Tonic und stieß mit Brett an.

Brett dachte an seinen jüngsten Bruder. „Bowie wird wütend sein.“

Angie seufzte. „Du meinst, weil das Kind nicht seinen Nachnamen trägt?“ Brett prostete ihr noch einmal mit seinem Whiskey zu. Angie schüttelte den Kopf. „Brett, ich weiß, er ist dein Bruder, aber …“

„Ja. Er ist ein kleiner Spinner. In letzter Zeit bekommt er gar nichts mehr auf die Reihe. Er trinkt nur noch. Behält keinen Arbeitsplatz …“ Brett verzog das Gesicht zu einem schiefen Lächeln. „Nicht, dass er je ein guter Arbeitnehmer gewesen wäre – und weißt du was?“

Sie nickte. „Es ist nicht unser Problem. Dein kleiner Bruder und meine jüngste Schwester müssen selbst eine Lösung für ihr Problem finden.“

„Du warst immer schnell von Begriff.“

„Um das zu begreifen, muss man kein Genie sein.“

Nadine Stout, Chefkellnerin und Mitinhaberin des Nugget, näherte sich ihnen und stellte einen Korb mit warmen Brötchen auf den Tisch. „Wisst ihr schon, was ihr essen möchtet?“

Angie antwortete sofort. „Ich nehme das Steak New York, medium. Und einen grünen Salat mit Italian Dressing.“

Brett mochte Frauen, die wussten, was sie wollten. „Für mich das Gleiche, bitte. Aber das Steak englisch gebraten.“

Nadine notierte die Bestellung. Dann steckte sie den Stift hinters Ohr. „Angie, ich habe es schon einmal gesagt, aber ich sage es noch mal. Es ist toll, dass du wieder zu Hause bist.“

„Ich freue mich auch.“ Wie ihre sechs Schwestern war Angie eine hübsche Frau. Und wie bei ihren Schwestern zeigten sich süße Grübchen in ihren Wangen, wenn sie lächelte.

„Ich habe gehört, du arbeitest jetzt in der Klinik.“

„Das stimmt.“

Die Kellnerin warf im Scherz einen finsteren Blick in Bretts Richtung. „Ich hoffe, er behandelt dich gut.“

„Heute war mein erster Tag, aber bisher kann ich mich nicht beklagen.“

„Wie geht es Glory?“

„Gut. Aber natürlich ist sie erschöpft.“

„Das kann ich mir vorstellen. Ich habe gehört, dass es eine leichte Geburt war.“

Angie sah Brett an. Er wusste, dass sie an das Geschrei dachte. „Auf jeden Fall ging es schnell.“

„Ein Junge?“

„Ja.“ Angie nannte den Namen und das Gewicht des Babys.

„Richte ihr meine Glückwünsche aus“, bat Nadine.

„Das werde ich.“

Die Kellnerin ging.

„Hier spricht sich alles schnell herum, nicht wahr?“ Angie breitete die Serviette auf ihrem Schoß aus.

Brett nippte an seinem Whiskey. „Falls du es aufgrund deiner langen Abwesenheit vergessen hast … in dieser Stadt gibt es keine Geheimnisse. Was du deinem besten Freund am Morgen ins Ohr flüsterst …“

„… pfeifen die Spatzen nachmittags vom Dach“, beendete sie den Satz für ihn. „Ich weiß, ich weiß …“ Das Licht der Lampe über ihnen hob die roten Strähnchen in ihrem dicken braunen Haar hervor. Damals, auf der Highschool, hatte sie die Haare kurz getragen. Jetzt waren sie schulterlang. Heute Abend hatte sie sie zu einem lockeren Knoten gesteckt. Ein paar Strähnen hatten sich gelöst und kringelten sich an ihren Wangen. Etwas wehmütig bekannte sie: „Ehrlich gesagt habe ich diese Stadt vermisst.“

„Du hast vermisst, dass sich jeder in die Angelegenheit des anderen einmischt?“

„Okay, das nicht“, räumte sie ein. „Aber die Fürsorge füreinander, weißt du? Das ist das Schöne hier. Die Menschen kümmern sich umeinander.“ Sie lachte, und Brett merkte, wie sehr er ihr warmes, glückliches Lachen vermisst hatte – auch wenn ihm das jetzt erst bewusst wurde. Ihre braunen Augen glänzten. „Deshalb sind sie auch so verdammt neugierig.“

„Ja.“ Brett lebte gern hier in der Provinz. Doch er hasste die Tratscherei. Solange er zurückdenken konnte, hatten die Leute über seine Familie geredet – über seinen charakterlosen, durch stetige Abwesenheit glänzenden Vater, Blake Bravo. Über seinen wilden ältesten Bruder und seinen verrückten jüngsten. „Ich habe gelernt, ihnen keinen Anlass zum Tratschen zu geben.“

„Oh, sie reden trotzdem über dich. Das weißt du.“

„Meinst du?“

„Ich weiß es. Ich habe es gehört. Sie sagen, du sollst endlich heiraten. Du und Brand.“ Mit seinen neunundzwanzig Jahren war Brand ein Jahr jünger als Brett. Er war Anwalt. Und wie Brett war er stolz darauf, einer der normalen Bravo-Brüder zu sein. Was bedeutete, dass er einen anständigen Beruf ausübte und sich aus Schwierigkeiten heraushielt. Sie fügte hinzu: „Falls es dir niemand direkt gesagt hat, hier ist ein eingeschworener Junggeselle nicht gern gesehen, vor allem dann nicht, wenn er zufällig auch noch Arzt ist. Oder Anwalt. Frag meine Mamma. Sie wird dir sagen, dass Ärzte und Juristen es der Gesellschaft schuldig sind, zu heiraten und eine Familie zu gründen – möglichst eine sehr große.“

Er gab sich entsetzt. „Jetzt machst du mir aber Angst.“

„Das sehe ich dir an.“

Brett war es egal, dass die Leute meinten, er solle endlich heiraten. „Vielleicht redet man in der Stadt über mich. Aber ich verspreche dir, es geht nie darum, wie verrückt, kaputt oder unbeherrscht ich bin.“

Sie musterte ihn. Ihr Gesicht drückte … was drückte es aus? Bewunderung, vielleicht. Der Gedanke, dass Angie ihn bewundern könnte, gefiel ihm. Leise sagte sie: „Du klingst so stolz.“

Ihre Worte machten ihn verlegen, doch er hoffte, dass sie es nicht merkte. „Was ich damit sagen will, ist, dass ich es mir zum Prinzip gemacht habe, ein langweiliges, normales, undramatisches Leben zu führen.“

„Undramatisch“, wiederholte sie. „Das kann ich so gut nachempfinden.“

Brett wusste, dass sie auf ihre Familie anspielte. Die Dellazolas lebten seit etwa 1850 in dieser Gegend. Damals hatten Tony und Stefano Dellazola Genua verlassen und waren in Ellis Island vom Schiff gegangen, um ihr Glück bei der Goldsuche in Kalifornien zu versuchen. Sie hatten sich dem Treck quer durchs Land angeschlossen und waren ein paar Meilen flussaufwärts fündig geworden. Der ältere der beiden Brüder hatte keine Kinder gehabt, aber Tony.

Seit der Zeit hieß jedes erstgeborene männliche Baby der Dellazolas Anthony. Manchmal gab es drei oder vier Tony Dellazolas gleichzeitig. Sie trugen verschiedene Spitznamen. Old Tony war der Urgroßvater, Little Tony Angies Vater, Anthony der große Bruder und Baby Tony Anthonys Sohn.

Die Dellazolas waren ein chaotischer Haufen. Ihr Credo schien zu sein, dass alles, was wert war, gesagt zu werden, laut gesagt werden musste.

Angie trank von ihrem Wodka. „Erzähl. Wie ist es dir ergangen in den letzten Jahren … wie viele Jahre sind es? Zwölf, seit du an die University of California gegangen bist?“

Er tat überrascht. „Zwölf Jahre? Ist es wirklich so lange her?“

„Ist es.“

„Nun, ich habe ein ganz normales Leben geführt – College, Medizinstudium, Facharztausbildung.“

„Und jetzt bist du wieder hier. Meine Mutter ist übrigens ganz glücklich, dass du die Praxis von Doc Hennessey übernommen hast, als er sich zur Ruhe gesetzt hat.“

„Wenn Mamma Rose glücklich ist, dann bin ich es auch. Übrigens bin ich in all den Jahren, die ich fort war, mindestens fünf- oder sechsmal pro Jahr zu Hause gewesen. Im Gegensatz zu einer gewissen anderen Person.“

„Okay, okay. Ich hätte häufiger kommen sollen. Ich weiß.“ Wieder zeigten sich ihre Grübchen, doch ihre Augen, dachte er, wirkten irgendwie traurig. „Was soll ich sagen? Du weißt doch, wie das ist. Man kommt nicht so oft nach Hause, wie man eigentlich sollte, und bevor du dich versiehst, sind zehn Jahre vergangen.“ Sie verstummte.

Brett verspürte nicht die Notwendigkeit, das Schweigen zwischen ihnen schnell zu beenden. Komisch. Er hatte sich in Angies Gegenwart immer wohlgefühlt. Schon als Kind, sie war gerade acht und er zehn Jahre alt gewesen, war sie ihm überallhin gefolgt. Es hatte ihm nichts ausgemacht. Er hatte damals nicht viele Freunde gehabt, sondern war ein Einzelgänger und ziemlich schüchtern gewesen. Nach der Schule hatte er gelesen oder geangelt und war die umliegenden Berge hinaufgelaufen und hatte im Schatten der großen Bäume nach Spuren von Hirschen und Rehen gesucht.

Angie dagegen war schon als kleines Mädchen sehr selbstbewusst gewesen. Vor allem aber konnte sie auch mal den Mund halten und hatte nicht jedes Schweigen mit unnötigem Geschwätz gestört. Er betrachtete sie über den Tisch hinweg.

„Was ist?“

„Ich habe nur gerade gedacht, dass sich manche Dinge nie ändern. Egal, wie viel Zeit vergeht. Erinnerst du dich noch an das Gefängnis, das wir unten am Fluss gebaut haben?“

„Aus Weidenästen. Oh ja.“ Ihre Augen funkelten bei der Erinnerung daran. „Mit Rinde zusammengebunden. Das hat mich erstaunt. Wie du mit dem Taschenmesser diese langen Streifen geschnitten hast. Sie waren so fest wie ein Seil. Ich war schwer beeindruckt.“ Sie lachte leise. „Und dann kam Buck …“ Buck war der älteste der drei Brüder. „Er hat uns zusammengebunden. Erinnerst du dich?“

„Wie könnte ich das vergessen? Er hat uns beide in unserem eigenen verdammten Gefängnis eingesperrt“, scherzte Brett. „Du hast immer für Buck geschwärmt.“

Sie wurde nicht einmal rot. „Das hat jedes Mädchen in der Stadt getan. Er war ein Draufgänger, Bowie wirkt richtig zahm dagegen.“

„Buck ist sehr erfolgreich. Wusstest du das?“

„Oh ja. Ein berühmter Schriftsteller.“ Buck machte Karriere als Journalist. Und er hatte einen Bestseller über die Ölindustrie in Texas geschrieben.

„Er hat geheiratet“, fügte Brett für den Fall hinzu, dass sie die Neuigkeit noch nicht kannte.

Aber natürlich wusste sie es. „Eine attraktive reiche Frau aus New York City.“

„B. J.“

„Sie erwartet ein Baby, nicht wahr?“

„Ja, im nächsten Monat.“

Angie starrte nachdenklich vor sich hin. „Buck Bravo, auf der Erfolgsspur – und bald Vater. Wer hätte das gedacht?“

Brett nahm einen Schluck von seinem Whiskey. „Dann kennst du also die ganze Geschichte?“

„Ja. Glory hat mir alles erzählt. Sie mag Bucks Frau. Sie haben Kontakt. Ich wette, Glory hat schon in New York angerufen, um B. J. von ihrem Sohn John zu erzählen.“

Nadine brachte den Salat. „Wenn man euch beide so sieht … wie in alten Zeiten.“ Die Kellnerin, die immer einen flotten Spruch auf den Lippen hatte, wurde direkt sentimental. „Brett und seine spezielle Freundin …“

„Pass auf, was du sagst.“

Nadine setzte ihr übliches Leg-dich-nicht-mit-mir-an!-Gesicht auf. „Esst einfach euren Salat.“ Sie knallte die Teller auf den Tisch und verzog sich.

In Erinnerungen schwelgend aßen sie. Die Steaks wurden serviert. Das Gespräch dauerte an.

Auch nachdem Nadine die leeren Teller abgeräumt und Kaffee gebracht hatte, blieben sie noch sitzen. Warum nicht. Mehr als zehn Jahre waren vergangen. Sie hatten eine Menge nachzuholen.

Und dann die gemeinsame Arbeit. Brett informierte sie über Besonderheiten in seiner Praxis und erörterte die Veränderungen, die er vornehmen wollte. Die meisten davon gab das Budget allerdings nicht her.

„Einige Dinge brauchen Zeit“, sagte er. „Für den Moment schlagen wir uns verdammt wacker. Ein Arzt und eine Krankenschwester. Die meisten Kleinstadtpraxen wären schon froh, wenn sie das eine oder das andere hätten.“

„Seien wir also dankbar“, sagte Angie und zwinkerte ihm lächelnd zu. Sie erwähnte nicht, dass sie woanders viel mehr verdienen könnte.

Es war, als könne er ihre Gedanken lesen. „Hey. Wir sind nicht nach Hause gekommen, um reich zu werden.“

„Das stimmt – aber frisch mein Gedächtnis auf. Warum bin ich eigentlich nach Hause gekommen?“

„Weil sich hier jeder um jeden kümmert.“ Er versuchte, ernst zu bleiben. „Um wieder den freundlichen, liebenswerten, netten Menschen nah zu sein, die du schon dein ganzes Leben lang kennst.“

„Ah.“ Sie verzog das Gesicht. „Ich wusste doch, dass es einen Grund gab.“ Sie lachten. Dann sagte sie. „Du kannst wirklich zufrieden sein. Du hast gerade seit zwei Jahren deinen Facharzt und besitzt schon dein eigenes Haus, wie meine Mamma sagt.“

„Ich verrate dir mein Geheimnis. Kein Studienkredit.“

„Stipendium?“

„Auch. Aber das reichte nicht. Ich habe gearbeitet, wenn ich Zeit hatte – allerdings ist Zeithaben beim Medizinstudium ein Problem.“

„Also …“

„Ich habe gelernt, Studienbeihilfen zu beantragen. Du wärst überrascht, wie viele Gelder keinen Abnehmer finden, weil keine Anträge gestellt werden – oder weil sie falsch gestellt werden.“

Gebannt sah sie ihn an. „Das stimmt. Du hast auch für die Praxis öffentliche Gelder bekommen, nicht wahr? An dem Tag, als du mich eingestellt hast, hast du gesagt, dass damit ein großer Teil meines Gehalts gezahlt wird …“

„Ein Landarzt muss jede Möglichkeit nutzen, damit der Betrieb läuft.“

„Clever“, sagte sie und in ihrer Stimme lag der bewundernde Ton, der ihn immer zehn Zentimeter wachsen ließ. „Du warst schon immer sehr, sehr clever.“

Einen Moment entstand ein angenehmes Schweigen zwischen ihnen, dann räumte er ein: „Okay, es hat mich manchmal schon gestört, dass die Leute über mich sprechen.“

„Brett. So ist das hier, und das weißt du. Die Leute sprechen hier über jeden.“

„Aber, verdammt, es ist nicht richtig. Ich habe mich unheimlich bemüht, ein Mensch zu sein, über den keiner tratschen kann.“

„Du meinst, ein vernünftiger Mensch? Ein nüchtern denkender, verantwortungsbewusster Mann? Ein Mann, dem man vertrauen kann und zu dem man aufblickt?“

„Ja.“

„Dann hör auf, dir Sorgen zu machen. Denn genau das bist du. Die Menschen hier respektieren und bewundern dich. Du bist ein guter Arzt, und alle wissen es. Die Leute hier sprechen über die, die sie respektieren, genauso viel wie über die Außenseiter und Sonderlinge.“

„So gesehen klingt es fast wie eine gute Sache.“

„Hey, es ist eine gute Sache – auch wenn das bedeutet, dass jede unverheiratete Frau im Land darauf erpicht ist, einen Ring von dir an den Finger gesteckt zu bekommen.“

Er beugte sich vor und senkte die Stimme. „Ehrlich gesagt möchte ich heiraten. Aber erst, wenn ich die richtige Frau getroffen habe – ein Frau, die vom Leben das will, was ich auch will.“

„Oh, ich verstehe dich.“

Er blickte sich um. Niemand saß in der Nähe ihres Tisches. „Und, behalt es bitte für dich, aber …“

„Du weißt, dass ich kein Wort sagen werde.“

Er glaubte ihr. Angie hatte immer den Mund halten können, wenn es darauf ankam. „Es hat mal eine Frau gegeben. Während meines Studiums.“ Er erzählte ihr, dass niemand hier im Ort davon wusste, und es fühlte sich … richtig an. Es fühlte sich gut an. Endlich mit jemandem darüber sprechen zu können, dem er vertrauen konnte. „Sie hieß Lisa. Ich war verrückt nach ihr …“

Angie schüttelte den Kopf. „Verrückt. Das ist ein gefährliches Wort, Brett.“

„Wem sagst du das.“

„Es endete … schlimm?“

„In einer Katastrophe. Sie hatte ernsthafte Stimmungsschwankungen.“

„Manisch-depressiv?“

„Alles deutete darauf hin. Ich kann es jedoch nicht mit Sicherheit sagen, da sie, während wir zusammen waren, keine professionelle Hilfe angenommen hat. Sie hat sich selbst behandelt. Mit Alkohol und Schmerztabletten.“

„Oh Brett, das tut mir so leid.“

„Schließlich habe ich mich von ihr getrennt. Es war … Ich war immer noch verrückt nach ihr, als ich ihr sagte, dass es vorbei ist. Die Trennung war nicht einfach. Monatelang war ich ein Wrack, hätte fast mein Studium geschmissen. Aber langsam kam ich wieder auf den richtigen Weg. Und sie hat eine Therapie angefangen. Seitdem habe ich keinen Kontakt mehr zu ihr.“

„Bist du immer noch …“

„In sie verliebt? Nein. Ich empfinde nur noch Mitleid für sie. Sie war in einem schlimmen Zustand. Und ich war ein Idiot … und das macht mir Sorgen, weißt du. Dass ich mich noch einmal in einen Problemfall verlieben könnte, obwohl ich es besser weiß. Obwohl ich mir geschworen habe, die Finger von solchen hysterischen Tussis zu lassen.“

„Oh ja, das verstehe ich. Voll und ganz.“

„Und ich sage dir …“

„Nie wieder.“

„Genau.“

Nadine kam und schenkte ihnen Kaffee nach. Sie warteten, bis sie wieder gegangen war.

Als sie allein waren, sagte Angie: „Du kannst mir glauben, Brett, ich weiß genau, was du meinst.“ Sie fuhr sich mit der Zungenspitze über die Unterlippe und schluckte. „Mir ist das auch passiert.“

„Du machst Witze.“ Nicht Angie, dachte er. Sie würde sich nie in einen schrägen Typen verlieben.

„Leider nicht. Aber ich sollte es dir gar nicht erzählen.“ Ihre Wangen waren knallrot geworden. Sie warf einen Blick zur Decke. „Toll gemacht, Angela. Erster Arbeitstag, und du erzählst deinem neuen Chef, was für ein Trottel du bist.“

„Hey.“

Sie krauste ihre Nase. „Was?“

„Ich bin vielleicht dein Chef, aber ich bin auch dein Freund. Außerdem habe ich dir auch gerade anvertraut, was für ein Idiot ich gewesen bin.“

„Stimmt.“ Sie verkniff sich ein Lächeln.

„Also …“

Sie musterte ihn eindringlich. „Und du versprichst mir, es niemandem zu erzählen? Niemals?“

„Du hast mein Wort.“

„Außer Glory kennt niemand die Geschichte. Meine Mutter ahnt etwas … ich meine, dass irgendetwas Schlimmes geschehen ist. Doch ich will nicht, dass die ganze Stadt darüber spricht.“

Er hob die Hand wie ein Zeuge beim Schwur. „Was an diesem Tisch geredet wird, bleibt an diesem Tisch.“ Trotzdem zögerte sie noch. „Angie, erzähl schon.“

„Meine Geschichte ist noch schlimmer als deine …“

„Unmöglich.“

„Du wirst mich wahrscheinlich feuern, wenn du sie kennst. Du wirst nicht wollen, dass jemand, der so blöd ist, für dich arbeitet. Ich bin der Inbegriff für Dummheit. Die Königin aller Dummen. Die Kaiserin.“

„Ich werde dich nicht feuern. Erzähl.“

„Oje …“

„Rede.“

„Vor sechs Monaten, in San Francisco …“

„Ja?“

„Ich habe mich in einen richtig schlimmen Typen verliebt. Weißt du, wir reden davon, wie unmöglich Bucks Verhalten war. Wir schütteln den Kopf wegen Bowie. Aber es gab nie einen Zweifel daran, dass die beiden im Grunde ihres Herzens gute Menschen sind. Verstehst du, was ich meine?“

„Ja, ich verstehe dich.“

„Oh Brett. Es war erbärmlich. Ich war erbärmlich. Er hieß Jody Sykes. Er war ein Muskelprotz und fuhr so eine schwarze Harley, und als ich das Brummen dieser großen, alten Maschine vor meinem Apartment hörte …“

Brett nickte. „Da warst du heiß auf ihn.“

„Ja. Total. Ich ging in Flammen auf, sobald er in meine Nähe kam. Meine Freundinnen haben mich gewarnt. Sie hatten ihn durchschaut. Sie haben mich immer wieder geduldig darauf hingewiesen, dass er mich nur ausnutzt. Er ist in mein Apartment eingezogen, ich habe alle Rechnungen bezahlt, Lebensmittel gekauft. Er hatte keinen Job, und es sah auch nicht so aus, als würde er so schnell einen bekommen. Einige meiner Freundinnen behaupteten sogar, er hätte sie angemacht.“

„Du hast ihnen nicht geglaubt.“

Sie presste die Lippen aufeinander und schüttelte den Kopf. „Ich dachte, sie wären nur eifersüchtig – weil Jody so ein toller Typ war. Ich habe ihnen gesagt, dass sie sich in ihm täuschen. Und was meinst du, was passiert ist?“ Sie beantwortete ihre Frage selbst. „Du kannst es dir sicher denken. Vor drei Monaten kam ich von einer anstrengenden Doppelschicht nach Hause und fand Jody in meinem Bett – mit einer nackten Blondine.“

„Du hast ihn hoffentlich sofort rausgeworfen.“

„Ich habe es versucht. Zumindest hat die Blondine so viel Anstand besessen zu gehen. Sie hat sich ihre Sachen geschnappt, und weg war sie. Aber Jody rührte sich nicht vom Fleck. Er saß splitterfasernackt in meinem Bett, hat mich beschimpft und gesagt, dass er selbst entscheiden würde, wann er gehen wollte. Die Situation spitzte sich zu. Ich schwöre, bis dahin hatte er mich nie geschlagen. Ich bin vielleicht ein wenig blauäugig, aber von einem Mann lasse ich mich nicht schlagen. Aber bei Jody habe ich gelernt, dass es immer ein erstes Mal gibt.“

Sie hielt kurz inne. „Du weißt, dass ich nicht gern schreie. Ich bin in einer sehr lauten Familie aufgewachsen und habe mir geschworen, so nicht zu werden. An dem Tag aber habe ich geschrien. Ich habe diesen Mistkerl angeschrien, dass er endlich aus meiner Wohnung und aus meinem Leben verschwinden soll. Ich habe gebrüllt – und er hat mich geschlagen.“

Brett gehörte nicht zu den Menschen, die Probleme mit der Faust regelten. Trotzdem hoffte er, eines Tages auf Jody Sykes zu treffen, nur um ihm eine zu verpassen. „Dieser Mistkerl …“

„Irgendein Nachbar hat die Polizei gerufen. Die Polizisten haben Jody mitgenommen, und ich habe Anzeige erstattet. Er wurde auf Kaution freigelassen und ist prompt untergetaucht.“

„Den wären wir los.“

„Ich habe sein ganzes Zeug auf die Straße geworfen. Ich war wütend, untröstlich und grün und blau geschlagen – alles gleichzeitig. Es war der schlimmste Tag meines Lebens. Dachte ich jedenfalls. Bis ich einen Anruf von meiner Bank erhielt …“

„Der Kerl hat dein Konto geplündert?“

„Ja. Offensichtlich hat er einen Ausweis gefälscht und irgendeine Frau geschickt, die sich für mich ausgegeben hat.“

„Ich hoffe, sie haben den Kerl erwischt und er sitzt.“

Traurig schüttelte sie den Kopf. „Bisher nicht.“

„Er hat dein ganzes Geld geklaut?“

„Ich hatte noch ein paar Ersparnisse. An die ist er nicht herangekommen.“

„Verdammt, Angie.“ Er beugte sich vor, nahm ihre Hand und drückte sanft ihre schlanken Finger. „Bist du deshalb nach Hause gekommen?“

Sie ließ die Schultern hängen. „Ja. Das ist der Hauptgrund. San Francisco ist eine tolle Stadt, doch Jody hat alles verdorben. Die Wochen vergingen. Die Wunden heilten. Ich hatte immer noch ein paar Ersparnisse, ein hübsches Apartment und einen gut bezahlten Job. Aber ich konnte nur an Zuhause denken. Daran, wie sicher es hier ist. Dass mir hier so etwas nie passiert wäre – und wenn, dann hätte einer meiner Brüder oder du oder Brand oder sogar Bowie diesen Mistkerl verprügelt und aus der Stadt gejagt.“

„Jemanden zu verprügeln ist nicht direkt mein Stil, aber in dem Fall hätte ich eine Ausnahme gemacht.“

„Egal, was du getan hättest, ich weiß, dass du einen Weg gefunden hättest, Jody klarzumachen, dass er sich besser bei mir entschuldigt, oder dass es ihm sonst leidtun würde.“

„Es ist gut, dass du nach Hause gekommen bist.“

„Ja, ich weiß. Oh Brett, es war schrecklich.“ Ihre rehbraunen Augen hatten einen traurigen Ausdruck angenommen. „Er hat mir das Herz gebrochen, hat mich geschlagen … und dann ist er mit meinem Geld verschwunden. Aber ich habe meine Lektion gelernt. Es lohnt sich nicht, wegen eines Mannes durchzudrehen, und wenn er noch so toll im Bett ist. Wie du schon sagtest: nie wieder! Von jetzt an wünsche ich mir ein Leben, das …“

„… normal ist“, beendete er den Satz für sie.

Sie begegnete seinem Blick. „Normal. Das ist genau das richtige Wort.“

Nadine näherte sich ihnen. Brett merkte, dass er immer noch Angies Hand hielt. Er ließ sie los.

„Okay, ihr zwei“, brummte Nadine. „Feierabend.“ Sie deutete auf die Uhr über der Tür.

War es tatsächlich schon halb zwölf? Brett sah sich in dem Lokal um. Die Stühle standen auf den Tischen. Alle anderen Gäste waren bereits gegangen.

„Halb zwölf?“ Angie schien genauso überrascht zu sein wie er. „Das kann nicht sein.“

Nadine lachte ihr schroffes Lachen. „Nun, ihr beide hattet einiges nachzuholen.“

„Stimmt.“ Angie warf Brett einen verschwörerischen Blick zu. „Viele Jahre …“

Brett legte Geld auf den Tisch, einschließlich eines großzügigen Trinkgelds für die vielen Stunden, die sie hier gesessen hatten. Er half Angie in die Jacke, und dann traten sie hinaus in die kühle Mainacht.

Die Main Street lag verlassen. Gegenüber vom Nugget, in der St. Thomas Bar, brannte noch Licht. Leises Gelächter drang durch die Tür zu ihnen. Die viktorianischen Straßenlaternen tauchten die Straße in ein sanftes Licht. Und über ihnen leuchtete der abnehmende Mond zwischen funkelnden Sternen.

Angie legte den Kopf in den Nacken und blickte in den Himmel. „Oh Brett. Sieh dir diesen wunderschönen Sternenhimmel an. So etwas gibt es in der Großstadt nicht.“ Dann atmete sie tief ein. „Hmm. Zedernholz. Und Rauch. Ich habe diese Gerüche jahrelang vermisst, ohne es zu wissen.“ Sie lachte, wobei ihre strahlend weißen Zähne und die kleinen Grübchen sichtbar wurden. „Ist das nicht lustig? Wie kann man etwas vermissen und das nicht bemerken?“

„Ja.“ Er streckte eine Hand nach ihr aus. „Ja, das Leben ist manchmal komisch.“

Sie hakte sich bei ihm ein, und gemeinsam liefen sie an die Kreuzung Commerce Lane. Hier trennten sich ihre Wege – Angie ging zu ihrem Cottage auf einem Hügel hinter dem Haus ihrer Mutter in der Jewel Street, und Brett zu seinem Haus unten am Fluss im Catalpa Way.

Angie hatte geglaubt, ihr erster Arbeitstag sei anstrengend gewesen. Verglichen mit dem zweiten hatte er aber eher einem Kinderspiel geglichen.

Ein alter Bergarbeiter hatte sich beim Holzhacken den halben Fuß abgeschlagen. Sein Kollege hatte ihn und den abgetrennten Teil des Fußes in die Praxis gebracht. Brett stabilisierte den Mann so gut es ging, legte die Fußspitze auf Eis und ließ den Mann mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus nach Grass Valley transportieren.

Dann erlitt Alma Sweat aus der Holloway Road einen Herzinfarkt. Wieder mussten sie den Rettungshubschrauber anfordern.

Bowie kam in die Praxis. Er sah aus wie eine wandelnde Leiche. Er hatte eine Wunde am Kinn, die mit zehn Stichen genäht werden musste. Er behauptete, gegen eine Tür gerannt zu sein.

Sie behandelten zwei Fälle von Lungenentzündung, einige Kinder mit Halsentzündung und die ganze Winkle-Familie, Nan und George Winkle und ihre drei Kinder, elf, sieben und fünf Jahre alt. Sie alle kamen mit Bauchschmerzen. Der Fünfjährige war kaum in der Praxis, da übergab er sich schon. Der Siebenjährige machte es ihm nach. Mina, die Sprechstundenhilfe, fand das überhaupt nicht lustig.

Brett untersuchte jedes einzelne Familienmitglied und diagnostizierte eine Lebensmittelvergiftung. Er schickte die Familie mit der Anweisung nach Hause, viel zu trinken. „Und rufen Sie an“, sagte er, „wenn sich die Symptome in den nächsten achtundvierzig Stunden nicht gebessert haben.“

Mittlerweile war es Mittag geworden, Zeit für einen Lunch, wenn nicht eines der Jackson-Kinder beschlossen hätte, mit dem Fahrrad die Church Street hinunterzurasen. Es fuhr direkt in die alte Sidney Potter, die sich gerade zu Fuß die steile Straße hinaufquälte.

Als sich die Aufregung gelegt hatte, stellte Brett fest, dass sich beide ein Bein gebrochen hatten. Glücklicherweise waren es einfache Brüche. Brett und Angie konnten sie in der Praxis versorgen.

Und danach?

Es ging so weiter.

Jedes Mal, wenn sie auf eine kurze Pause hofften, kam der nächste Notfall durch die Tür. Um sechs Uhr, eine Stunde später als üblich, schlossen sie die Praxis.

Mina konnte es nicht abwarten, nach Hause zu ihren Kindern zu kommen. „Bis morgen“, rief sie und war fort.

Brett wandte sich an Angie. „Dinner?“

Sie hatte gehofft, dass er fragen würde. „Wenn ich bezahlen darf.“

„Einverstanden.“

Im Nugget wartete schon der Tisch in der Nische auf sie, an dem sie am Abend zuvor gesessen hatten. Okay, es war vielleicht etwas voreilig, aber Angie betrachtete den Platz schon als „ihren“ Platz.

Sie bestellten Brathähnchen mit Kartoffeln und redeten. Und redeten.

Wieder kamen sie auf Liebe und Ehe zu sprechen. Angie hörte Brett gespannt zu, als er ihr anvertraute: „Dieses ganze Gerede von Liebe, Leidenschaft und Glück. Ich glaube nicht daran. Ich habe da meine eigene Theorie. Aber lach nicht …“

„Das werde ich nicht. Ich schwöre es.“

„Gestern Abend haben wir darüber gesprochen, dass wir beide ein ‚normales‘ Leben führen möchten.“

„Ja, ich erinnere mich.“

„Nun, ich denke, ein ‚normales‘ Leben schließt diese wilde Leidenschaft aus. Nein, ich meine nicht, dass man den, den man heiratet, nicht lieben kann. Liebe ist wichtig. Ich spreche von dieser Phase der Verliebtheit. Diesen Zustand von Blindheit, wenn man total verrückt nach dem anderen ist und dadurch nicht mehr in der Lage, ihn richtig einzuschätzen.“

„Ja?“

„Das ist nicht normal. Es ist eine … chemische Reaktion, ein gefährliches Verwirrspiel. Eine Notwenigkeit der Natur, um sicherzustellen, dass die Menschheit nicht ausstirbt. Wenn du bis über beide Ohren verliebt bist, dann gerätst du aus dem Gleichgewicht. Wenn du dir also ein ruhiges, vernünftiges Leben wünschst, musst du vielleicht auf diese große, leidenschaftliche Liebe verzichten. Aber das ist für mich in Ordnung. Ich habe große Lieben zerbrechen sehen.“

Er legte eine kurze Pause ein. „Nimm nur meine Mutter.“ Seine Mutter, Chastity Bravo, führte die Pension Sierra Star gegenüber der Deely Bridge auf der Commerce Lane. „Meine Mutter hat meinen gestörten Vater mit einer Leidenschaft und Hingabe geliebt, die über Jahrzehnte anhielt.“ Die Geschichte war schon fast legendär im Ort, Chastity war Blake Bravo immer treu gewesen, obwohl er kaum zu Hause gewesen war. „Er war schon fast zwanzig Jahre aus ihrem Leben verschwunden, als sie erfuhr, dass er ein Mörder und Kidnapper war. Dass er viele Frauen im ganzen Land geheiratet und Kinder mit ihnen hatte, so wie auch mit ihr. Sie wäre fast gestorben, als sie das erfuhr. Wusstest du das?“

Angie schüttelte den Kopf. „Arme Chastity …“

„Sie wäre fast gestorben“, wiederholte er, als könnte er es immer noch nicht glauben. „Und nicht, weil er sie betrogen und belogen und einfach verlassen hatte. Nein. Sie wäre fast an ihrem Kummer zugrunde gegangen, weil er ein paar Monate zuvor in einem Krankenhaus in Oklahoma gestorben war. Das machte sie fertig. Die Gewissheit, dass sie ihn wirklich niemals wiedersehen würde.“

„Unglaublich“, sagte Angie.

„Ja. Bemitleidenswert. Das ist blinde Verliebtheit.“ Er trank einen Schluck Wasser. „Und dann Bowies Liebe zu Glory. Ich meine, ich bin überzeugt davon, dass er sie aufrichtig liebt. Aber sieh ihn dir an. Was ist Gutes an dieser Liebe? Sie bringt ihn um.“

„Ich verstehe dich. Wirklich.“

„Ich glaube, man kann nur das eine bekommen. Entweder die ganz große leidenschaftliche Liebe, die es nur einmal im Leben gibt, oder ein normales Leben. Ich ziehe Letzteres vor.“

„Ich auch.“

Er lachte. „Das ist nicht dein Ernst. Du möchtest lieber Normalität als eine wilde, unbändige Liebe?“

„Davon kannst du ausgehen. Ich bin wie du, Brett. Ich habe erlebt, was eine angeblich große Liebe anrichten kann. Glory und Bowie sind wirklich ein gutes Beispiel. Und was ist mit meinen beiden älteren Schwestern? Als Trista Donny geheiratet hat, war sie verrückt nach ihm. Sie hing an seinen Lippen. Donny hier, Donny da. Ihr ganzes Leben drehte sich nur um ihn. Und jetzt hat sie drei Töchter, und Donny ist kaum zu Hause. Sie haben Geldprobleme. Bei Clarice ist es nicht anders. Ihr Mike war die Liebe ihres Lebens, und jetzt streiten sie nur noch.“

Angie aß von ihren Kartoffeln. „Und wenn ich an mich denke.“ Sie legte die Gabel auf den Teller. „Ich war immer sicher, dass mir so etwas wie meinen Schwestern nicht passieren würde. Ich würde mich nie in einen Loser verlieben, und dann kam Jody mit seiner Harley und seinem tollen Körper. Ich war noch verrückter als Tris und Risi zusammen.“

Brett lächelte erfreut. „Wir liegen tatsächlich auf der gleichen Wellenlänge.“

Sie straffte die Schultern. „Stimmt. Nach dem, was ich mit Jody erlebt habe, will ich nur noch ein normales, vernünftiges Leben führen – ich meine, falls ich irgendwann den passenden Mann dafür finde. Einen Mann, auf den ich mich verlassen kann, und der sich natürlich auch auf mich verlassen kann.“

„Ja. Das ist genau das, was ich mir auch wünsche.“

Der Abend endete wie der Abend zuvor – Nadine warf sie zu später Stunde hinaus. Brett brachte Angie bis zur Kreuzung, und sie ging zu ihrem Cottage hinter dem Haus ihrer Mutter. In dieser Nacht schlief sie tief und traumlos. Seit Jody Sykes ihr das Herz gebrochen und sie grün und blau geschlagen hatte, war sie nicht mehr so ruhig mit dem Gefühl der Sicherheit eingeschlafen.

Der nächste Abend verlief nach demselben Schema. Sie schlossen die Praxis und gingen ins Nugget, wo sie redeten und redeten.

Am Donnerstag sagte Brett: „Weißt du was? Die Stunden hier mit dir in dieser Nische im Nugget sind für mich der Höhepunkt des Tages.“

„Ich weiß genau, was du meinst“, erwiderte sie. „Als Kinder hatten wir uns nicht so viel zu erzählen.“

„Ich war ziemlich schüchtern.“

„Ich auch. Aber jetzt … es ist vielleicht kitschig, aber ich habe das Gefühl, ich kann dir alles sagen. Es gibt kein Thema, das tabu ist. Wir können über alles diskutieren, was die Praxis betrifft. Ich kann mit dir über meine Lebensplanung reden. Egal, was es ist, wir können darüber sprechen.“

„Wir können sogar zusammen schweigen.“

Sie lächelte und nickte. Und sie schwiegen. Fünf Minuten lang sagte keiner von ihnen ein Wort. Es war ein angenehmes Schweigen. Es fühlte sich gut an.

Auch am Freitagabend saßen sie an ihrem angestammten Tisch. Nadine kam zu ihnen, lehnte sich gegen die Wand und scherzte: „Also, ihr zwei, wann ist die Hochzeit?“

Der Moment ähnelte dem, als Glorys Sohn geboren war. Angie und Brett sahen sich tief in die Augen …

Und sie wusste, dass er dasselbe dachte wie sie.

Er wollte eine Frau wie sie – sie wollte einen Mann wie ihn.

Sie fühlten sich in der Gegenwart des anderen wohl und gut aufgehoben. Sie wussten, dass sie sich auf den anderen verlassen konnten. Sie waren schon als Kinder befreundet gewesen, und hatten diese Freundschaft in der letzten Woche erneuert.

Sie waren sogar mehr als nur Freunde. Sie waren beste Freunde. Sie arbeiteten zusammen, und sie arbeiteten gern zusammen. Und nach der Arbeit saßen sie sich in ihrem Lieblingslokal gegenüber und unterhielten sich stundenlang.

Das Beste aber war, dass das, was sie füreinander empfanden, weder wild noch verrückt oder leidenschaftlich war. Es war warm und schön und voller Vertrauen.

Brett fragte leise: „Was meinst du? Wir könnten nach Reno fahren. Uns eine Lizenz besorgen, eine Kapelle suchen …“

Angie musste nicht zweimal überlegen. „Ich sage Ja.“

Er fragte noch einmal nach. „Bist du sicher? Ist dir wirklich klar, worum ich dich bitte?“

„Ja.“

„Ich spreche von sofort. Heute Abend.“

„Ja“, wiederholte sie. Eine merkwürdige Ruhe und Sicherheit erfüllte sie. „Wir tun es. Heute Abend.“

Gleichzeitig standen sie auf.

„Wartet einen Moment.“ Nadine hatte noch nie so erstaunt geklungen. „Ist das euer Ernst?“

„Ja“, erwiderte Angie.

„Es könnte nicht ernster sein.“ Brett nahm sein Portemonnaie und legte zwanzig Dollar auf den Tisch.“

„Hey. Danke.“ Nadine nahm den Schein und steckte ihn in ihre Schürzentasche. „Lasst mich die Erste sein, die euch … gratuliert.“

„Danke.“ Brett ergriff Angies Hand. Sie verflocht ihre Finger mit seinen. Hand in Hand gingen sie zur Tür.

3. KAPITEL

Das Büro für Heiratsgenehmigungen in Reno, das sich im Amtsgericht des Washoe County befand, war täglich bis Mitternacht geöffnet. Angie und Brett kamen kurz vor acht dort an. Sie legten ihre Führerscheine vor, beantworteten einige grundsätzliche Fragen, bezahlten die Gebühr von fünfunddreißig Dollar und erhielten zwei Kopien der Heiratsgenehmigung – eine für sich, und eine für den, der sie trauen würde. Diese musste dann innerhalb von zehn Tagen nach der Zeremonie ans Amtsgericht zurückgeschickt werden.

Unsere Heiratsgenehmigung, dachte Angie. Meine und Bretts. Ich kann es nicht glauben …

Sie verließen das Gebäude und betraten die Hochzeitskapelle, die praktischerweise nur ein paar Schritte entfernt lag. Eine mollige Frau um die fünfzig mit roter Vogelnestfrisur begrüßte sie an der Tür.

„Ich bin Marian.“ Sie strahlte, wobei sie ihre großen weißen Zähne zeigte, und legte eine weiche, fleischige Hand an die Brust. „Willkommen in der Sweetheart of Reno Wedding Chapel. Wir haben alles, was Sie brauchen, damit dieser gesegnete Tag zu einem unvergesslichen Erlebnis wird.“

Sie hielt einen Zeigefinger hoch. „Zuerst, wenn ich das vorschlagen darf, kümmern wir uns um das Hochzeitskleid. Und für den Bräutigam auch etwas … Festlicheres? Ich zeige Ihnen gern, was wir in unserer Sweetheart Boutique anzubieten haben.“

Angie hatte keine Lust, einen Haufen Geld für ein Hochzeitskleid auszugeben. „Das ist wirklich nicht nötig.“

Aber Marian hörte sie entweder nicht, oder sie tat nur so. Sie hatte sich bereits umgewandt. „Hier entlang, bitte.“

Angie blickte zu Brett. Er zuckte mit den Schultern.

„Okay“, sagte Angie. „Wir können ja mal schauen …“

In der Boutique fanden sich haufenweise weiße Brautkleider, romantische aus Tüll und Spitze, andere eher schlicht und aus Seide. Es gab aber auch andere Möglichkeiten: schmale Röcke und Seidenblazer mit Perlenstickerei; Cocktailkleider. Und für Brett hatte Marian eine Auswahl an Smokings, die man sich leihen konnte, im Angebot. Außerdem bot sie alle wichtigen Accessoires an: Schuhe, Schleier, Strumpfbänder. Das ganze Programm.

Angie kam in Versuchung – schließlich hatten sie sich Hals über Kopf auf den Weg nach Reno gemacht, ohne über angemessene Kleidung nachzudenken. Brett trug wie gewöhnlich seine Kakis und eine Strickjacke, Angie weiße Jeans, eine unauffällige Bluse und flache Schuhe.

Sie betrachtete einen Traum aus Spitze näher und entdeckte das Preisschild: $ 2.569,99.

„Es ist deine Hochzeit“, sagte Brett. „Du solltest ein weißes Kleid tragen.“ Sie zeigte auf das Preisschild. Er verzog keine Miene. „Möchtest du es haben? Es gehört dir.“

Er ist wirklich ein großzügiger Mann, dachte sie. Doch sie waren nicht nach Reno gekommen, um ein Vermögen für ein Hochzeitskleid auszugeben. Sie schüttelte den Kopf. „Nicht nötig. Lass uns einfach nur heiraten.“

„Such dir zumindest einen Strauß aus“, bat er sie. Auch die waren in der Boutique zu bekommen.

Warum nicht? Angie deutete auf ein Gebinde aus gelben Rosen und weißen Lilien. „Wie wäre es damit?“

Marian nahm den Strauß und reichte ihn Angie mit einer schwungvollen Geste. „Eine ausgezeichnete Wahl. Eine perfekte Wahl.“

„Wir brauchen auch einen Ring“, sagte Brett.

Marian verkaufte ihnen nur zu gern einen. Angie wählte einen schlichten Goldring und bestand darauf, dass Brett den dazu passenden für sich nahm.

„Jetzt die Kapelle“, sagte Marian strahlend. „Wir haben zwei. Die Pink Chapel und die White Chapel. Ich zeige Ihnen zuerst die Pink Chapel.“

„Weiß ist besser“, entschied Angie spontan. Sie war noch nie ein Fan der Farbe Pink gewesen.

„Sind Sie sicher, dass Sie nicht zumindest einen Blick in die Kapelle werfen wollen, bevor Sie die Entscheidung treffen?“

Angie und Brett tauschten einen Blick. Als ob es eine Rolle spielte. Sie wollten einfach ohne großen Aufwand heiraten. Sie brauchten all das Brimborium um eine große Hochzeit nicht. Sie wünschten sich ein glückliches gemeinsames Leben, und das würden sie bekommen – heute Abend machten sie den Anfang.

„Wir haben uns entschieden“, sagte Angie. „Wir wollen die weiße.“

„Wie Sie wünschen.“ Marian strahlte noch breiter. „Hier entlang, bitte.“

Die White Chapel wirkte fast steril. Weiße Wände, weiße Decke, weißer Fußboden, ein schlichter weißer Altar, der eher wie ein Podium wirkte. Auf beiden Seiten des Altars standen künstliche weiße Hortensien in hohen weißen Vasen. Ein schmaler weißer Teppich diente als Gang zwischen den Reihen weißer Klappstühle.

„Und hier ist Pastor Bob“, verkündete Marian stolz, als ein großer grauhaariger Mann den ganz in Weiß gehaltenen Raum betrat.

„Grüß Gott.“ Pastor Bob trug ein schwarzes Chorhemd und ein königsblaue Stola. Er sah eher wie ein Student im vorgerückten Alter aus als wie ein Priester.

Priester

Das Wort hallte in Angies Kopf wider. Wahrscheinlich, weil sie eine Dellazola war und Katholikin. Und die Frauen aus der Familie Dellazola heirateten immer in der Kirche. Selbst ihre Schwester Clarice, die keine richtige Brautmesse feiern konnte, weil Mike nicht katholisch war, hatte ein weißes Brautkleid getragen und war in der New Bethlehem Flat Catholic Church vor den Altar getreten, um von Father Delahunty getraut zu werden und von ihm den Segen für die Ehe zu empfangen.

Brett nahm ihre Hand und fragte leise: „Geht es dir gut?“

„Natürlich. Warum?“

Er drückte ihre Hand. „Du wirkst plötzlich etwas … zweifelnd.“

„Nein, ich habe keine Zweifel.“

„Sicher?“

„Ich war mir noch nie in meinem Leben einer Sache so sicher.“ Und das entsprach der Wahrheit. Die kirchliche Trauung gehörte zu den Dingen, deren Bedeutung ihre Mutter ihr von Geburt an eingebläut hatte. Denn wenn man katholisch war, gehörte der Segen Gottes einfach zu einer Eheschließung dazu. Man lief nicht einfach davon und heiratete. Es wurde erwartet, dass man sich neun Monate oder noch länger zusammen mit einem Priester auf dieses heilige Unterfangen vorbereitete.

Und in der Dellazola-Familie folgte der Zeremonie in der Kirche immer eine große Feier. Angies Eltern hatten bisher ein kleines Vermögen für drei Hochzeiten ausgegeben: Tristas, Clarices und Danis. Angies Mutter, die normalerweise jeden Cent zweimal umdrehte, kannte kein Maß mehr, wenn es um die Hochzeiten ihrer Töchter ging. Dann scheute sie keine Kosten.

Aber dies war nicht die Hochzeit ihrer Mom, es war Angies Hochzeit. Und Bretts. Sie wussten, was sie taten, und sie brauchten kein Jahr spiritueller Vorbereitung – oder eine Feier mit einem Essen für hundert Gäste. Nein. Sie würden heute Abend von einem Mann, der sich Pastor Bob nannte, getraut werden, und das war’s.

Pastor Bob sagte: „Wenn sich der Bräutigam bitte hierhin stellen würde …“ Er deutete auf eine Stelle vor dem Altar. Brett drückte noch einmal Angies Hand, dann ließ er sie los und ging an den Platz, den der Pastor ihm zugewiesen hatte.

„Und wenn die Braut mir bitte folgen würde …“ Marian führte Angie über den weißen Teppich in das kleine Foyer vor der Kapelle. Kaum hatten sie die Kapelle verlassen, beugte Marian sich vor und sagte leise, als würde sie wichtige und ganz geheime Informationen weitergeben: „Ich starte jetzt den Hochzeitsmarsch. Warten Sie ein paar Takte und schreiten Sie dann den Gang entlang zu Ihrem Bräutigam.“

Immer noch strahlend trottete Marian davon. Die bekannten Klänge ertönten. Angie hielt ihren Strauß mit beiden Händen umklammert und stellte sich in Position.

Fünfzehn Minuten später kletterten Angie und Brett wieder in den Jeep. Jetzt mit Ehering am Finger.

Brett blickte auf seine Uhr. „Es ist Viertel vor neun. Wir sollten uns Gedanken machen, wo wir unsere Hochzeitsnacht verbringen.“

Hochzeitsnacht.

Angie hatte einen dieser „Passiert das wirklich gerade alles?“-Momente. Erstaunlich, aber wahr. Sie hatten es getan. Sie und Brett waren Mann und Frau.

„Was hältst du vom Caesar’s?“, schlug er vor. „Bis nach Tahoe sind es nur etwa vierzig Minuten. Wir könnten uns eine schöne Suite nehmen und etwas Champagner trinken.“

Eine Suite im Caesar’s Palace. Für die Hochzeitsnacht mit Brett … Sie warf ihm einen nervösen Blick zu.

Er bemerkte den Blick und grinste. „Wieso habe ich gerade das Gefühl, dass du noch nicht bereit bist, die Nacht mit mir zu verbringen?“

Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. „Nun, ich bin sicher, dass Sex mit dir sehr … schön sein wird.“

Jetzt musste er richtig lachen. „Du hast Angst.“

„Nein. Außerdem sind wir verheiratet, deshalb sollte ich meine Angst davor, dich nackt zu sehen …“ Oh, oh. Wieso hatte sie das so formuliert? „Ups. Schlechte Wortwahl.“

Er wirkte nicht besonders beleidigt. „Aber echt!“

„Aber weißt du was?“ Sie versuchte, sich ganz locker zu geben – auch wenn ihr fast schlecht war vor Aufregung. „Ich bin bereit, wenn du es auch bist.“

„Interessanter Aspekt …“

„Was meinst du?“

„Ob ich bereit bin oder nicht. Ich muss darüber nachdenken.“ Er tat so, als müsste er überlegen – lange.

„Ach, hör auf.“ Sie schlug ihm spielerisch auf die Schulter. Sie war muskulös, diese Schulter. Wie sein ganzer Körper. Jetzt, da sie tatsächlich mit dem Gedanken spielte, erschien ihr die Vorstellung, ihn nackt zu sehen, überhaupt nicht schrecklich. Im Gegenteil.

Und ein Gutes hatte der Reinfall mit Jody dann doch. Sie hatte Sex gehabt und festgestellt, dass sie Sex wirklich mochte. Aber mit Brett? Das war etwas, worüber sie einfach noch nie nachgedacht hatte. Dumm von ihr. Schließlich hatte sie den Mann gerade geheiratet.

Brett steckte den Schlüssel ins Zündschloss und ließ den Motor an. „Wir fahren nach Hause.“

Sie legte ihm eine Hand auf den Arm – der warm und muskulös und behaart war. „Nein. Wirklich. Wir sollten ins Caesar’s fahren.“

„Nein. Wirklich“, wiederholte er mit ausdruckslosem Gesicht. „Wir sollten es nicht tun.“

Sie warf die Arme in die Luft. „Oh, warum habe ich nur so eine große Sache daraus gemacht?“

„Weil es eine große Sache ist.“ Er nahm ihre Hand.

„Aber ich …“

„Du bist noch nicht bereit.“

„Woher willst du wissen, ob ich es bin oder nicht?“

Geduldig sah er sie an. „Angie …“

„Ich könnte mich bereit machen.“

„Nein. Wir haben es nicht eilig. Dies ist unsere Art zu leben, erinnerst du dich? Wir können uns Zeit lassen.“

Er hatte recht, und sie wusste es. Sie blickte hinunter auf ihre ineinander verflochtenen Hände, dann sah sie ihn wieder an. „Okay. Wie du sagst, wir haben keine Eile.“

Er küsste ihre Handknöchel, dann löste er seine Hand aus ihrer, um zu schalten.

Als er den SUV vom Parkplatz fuhr, räusperte sie sich. „Du hast doch auch nie an mich in Verbindung mit Sex gedacht, oder?“

Er richtete seinen Blick auf die Ampel vor sich. „Natürlich habe ich das.“

Seltsam. Sie schluckte. „Du … du hast mich nackt vor Augen gehabt?“

Die Ampel sprang auf Rot, und er bremste sanft. „Angie. Ich bin ein Mann.“

„Das weiß ich.“

„Danke“, erwiderte er trocken.

Dies war eine merkwürdige Unterhaltung. Sie sollte besser den Mund halten. Doch sie konnte es nicht lassen und sprach weiter. „Du hast es wirklich getan? Du hast dir vorgestellt, wie ich nackt aussehe?“

„Habe ich die Frage nicht schon beantwortet?“

„Doch, doch. Das hast du. Ich kann es nur einfach nicht glauben. Du hast dir vorgestellt, wie ich nackt aussehe …“

„Was hältst du davon, wenn wir uns einem anderen Thema widmen, jetzt, da wir das geklärt haben?“

„Ja. Sicher. Natürlich.“

„Hast du Hunger?“

„Ich sterbe vor Hunger.“

Brett führte seine frischgebackene Ehefrau ins Monte Vigna, ein italienisches Restaurant im Atlantis Casino Hotel. Das Essen und der Service waren fantastisch. Er beobachtete, wie sie ihre Hummerravioli aß, und dachte an ihre Reaktion, als er vorgeschlagen hatte, die Nacht zusammen im Caesar’s zu verbringen. Unbezahlbar.

Sie blickte von ihrem Teller auf. „Weshalb lächelst du so?“

„Nichts.“

Merkwürdig. Als sie noch Kinder waren, war sie wie eine Schwester für ihn gewesen, ein Mädchen, das er mochte und auf das er aufpasste. Damals waren sie Freunde gewesen. Schluss.

Aber sie hatte sich in den Jahren, die sie fort gewesen war, sehr gut entwickelt, hatte das Jungenhafte von früher verloren. Und an dem Tag, als er sie nach Jahren das erste Mal wiedergesehen hatte, beim Vorstellungsgespräch in seiner Praxis, war ihm aufgefallen, wie sehr ihm ihr Duft gefiel.

Es war wichtig, dass eine Frau gut duftete. Und Angie tat es. Sie roch nach Seife und Sonnenschein. Sauber und frisch und süß.

Nein, es würde ihm nicht schwerfallen, mit seiner Frau ins Bett zu gehen. Aber er hatte Verständnis für ihr Zögern. So logisch und vernünftig ihre Heirat war, es war ziemlich schnell passiert.

Er hatte kein Problem damit zu warten, bis sie so weit war.

Sie blickte wieder von ihrem Essen auf und sah, dass er sie immer noch beobachtete. „Okay. Was?“

„Iss deine Ravioli.“

Sie waren schon fast zu Hause, als Angie noch ein wichtiger Gedanke kam. „Ist dir bewusst, dass wir noch gar nicht darüber gesprochen haben, wo wir leben werden?“

Er zuckte mit den Schultern. „Ich schlage vor in meinem Haus – es sei denn, du hast andere Pläne.“

„Habe ich nicht. Dein Haus ist okay.“ Das Cottage hinter dem Haus ihrer Mutter war sowieso nur als Übergangslösung gedacht gewesen. Je schneller sie auszog, desto eher konnte ihre Familie es wieder vermieten. Vielleicht würde auch Glory gern mit ihrem Kind dort einziehen. Bisher hatte sie nicht erwähnt, dass sie wieder in Chastity Bravos Pension zurückkehren würde, wo sie bis kurz vor Johnnys Geburt gearbeitet hatte. „Brett?“

„Ja?“

„Du weißt, ich kenne dein Haus nicht – jedenfalls nicht von innen.“ An dem Tag, an dem Angie in ihre Heimat zurückgekehrt war, hatten sie und Glory einen Spaziergang durch die Stadt gemacht. Sie waren an dem Haus vorbeigekommen, und Glory hatte ihr gesagt, dass Brett dort jetzt wohne.

Er blickte kurz zu ihr. In seinen schönen dunklen Augen funkelte es amüsiert. „Du wirst es bald sehen – vorausgesetzt dass du dort wohnen wirst.“

„Mir hat das Haus immer gefallen.“ Vor Brett hatte das Haus einem Paar aus der Bay Area gehört, das es als Ferienhaus genutzt hatte. „Diese vielen Fenster und die große Terrasse …“

„Ich denke, es wird dir dort gefallen“, sagte er. „So wie mir.“

„Da bin ich sicher. Was meinst du, könnten wir morgen vielleicht einen Pick-up leihen und …“

„Ich habe einen Pick-up.“

„Wirklich?“ Sie drehte den Kopf zu ihm und sah, dass er nickte. Es war alles so sonderbar. Verheiratet zu sein und nicht einmal zu wissen, dass der Ehemann einen Pick-up besaß. „Dann ist ja alles ganz einfach. Können wir morgen meine Sachen zu dir bringen?“

„Sicher. Morgen ist gut. Wir können früh beginnen, dann schaffen wir es an einem Tag.“

„Es ist nicht viel. Die meisten Möbel habe ich vor meinem Umzug hierher verkauft.“ Sie überlegte, wie sie ihm sagen sollte, was ihr noch auf der Seele lag, ohne den Anschein zu erwecken, sie wollte doch nicht mit ihm verheiratet sein. Sie versuchte es. „Und vielleicht, heute Abend …“ Unsicher brach sie ab.

Er verstand sie auch so. „Heute Abend schläfst du bei dir zu Hause. Und morgen teilst du als Erstes deiner Familie die Neuigkeit mit – erinnere sie daran, dass ich ein Mann von echtem Schrot und Korn bin. Ich will, dass sie mich mit offenen Armen aufnehmen, wenn ich vorfahre, um dich zu holen.“

Sie könnte ihn umarmen. „Du verstehst es.“ Eigentlich sollte sie nicht überrascht sein. „Aber das tust du ja immer.“ Bei dem Gedanken, ihrer Familie von der Hochzeit zu erzählen, wurde sie wieder nervös. „Wenn ich es ihnen erzähle, wird es wahrscheinlich ein riesiges Geschrei geben.“

„Wahrscheinlich?“

„Du hast recht. Ich liebe meine Familie, aber wir wissen beide, wie sie ist. Es wird ganz bestimmt Geschrei geben. Wie immer.“

Sie schwiegen eine Weile. Es war fast ein Uhr, als Brett vor dem Haus ihrer Mutter hielt. Er schaltete den Motor aus. „Ist zehn Uhr morgen früh in Ordnung? Oder soll ich früher kommen?“

„Zehn ist gut. Bis dahin sollte das Gezeter vorbei sein.“ Sie nahm ihren Strauß. „Die Heiratsurkunde lasse ich bei dir.“

„Kein Problem.“

Sie legte eine Hand an den Türgriff. „Gute Nacht, Brett.“

„Hey.“

„Hmm?“

Er beugte sich lächelnd zu ihr.

Ein Kuss, dachte sie. Ja. Das wäre nett. Einladend hob sie das Gesicht.

Ihre Lippen trafen sich. Wie in der White Chapel, als sie ihre Heirat mit einem Kuss besiegelten, war auch dies ein leichter zärtlicher Kuss. Ein züchtiger Kuss …

Seine Lippen waren warm. Selbst nachdem er sich von ihr gelöst hatte, spürte sie noch ein Prickeln dort, wo sein Mund sie berührt hatte.

4. KAPITEL

Es klopfte.

Leise protestierend, weil sie aus dem Schlaf gerissen wurde, drehte Angie sich im Bett um und blickte schlaftrunken auf den Wecker. Zehn Minuten nach sieben. Helles Morgenlicht fiel durch einen Spalt in den Vorhängen.

„Angie! Angela Marie …“ Die Stimme ihrer Mutter. Begleitet von erneutem lautem Klopfen.

„Ich komme!“ Angie richtete sich auf und strich sich die zerzausten Haare aus dem Gesicht. Der schmale Goldring an ihrem Finger glitzerte in den Lichtstrahlen. Und sie erinnerte sich …

Die White Chapel. Marian und Pastor Bob. Brett, der ihre Hand hielt, als sie neben ihm am Altar stand …

„Angela!“ Das war Aunt Stella.

Zeit, mit ihrer Familie zu sprechen – falls das bei dem Geschrei überhaupt möglich war. „Ich komme …“ Angie warf die Decke zurück, schnappte sich ihren leichten Morgenmantel, schlüpfte in ihre roten Schlappen und stolperte zur Tür.

Ihre Mutter und ihre Tante drängelten sich auf der kleinen Steintreppe. Beide lächelten breit und strahlend. Zu breit vielleicht. Und zu strahlend …

Ihre Mutter hielt eine Schachtel vom Bäcker in der Hand. Ihre Tante eine Thermoskanne.

„Wir sind schnell bei der Bäckerei vorbeigegangen und haben diese Plunderstückchen geholt, die du so gern isst“, sagte Rose.

„Und Kaffee haben wir auch dabei“, fügte Aunt Stella hinzu und hielt die Kanne hoch.

Angie merkte, dass sie ihre linke Hand bewusst vor den beiden versteckte. Ein absolut sinnloses Unterfangen, da sie heute Morgen sowieso beichten musste.

Es würde ihr ohnehin nicht gelingen, den Ring auf Dauer zu verbergen. „Was soll das alles?“ Angie betrachtete die beiden argwöhnisch. Normalerweise kamen ihre Mom und ihre Tante nicht so früh am Morgen mit Kaffee und Plundergebäck. Und es gab keinen besonderen Grund … okay. Sie hatte gestern geheiratet, aber das wussten sie nicht.

Noch nicht.

Oder doch?

„Was das soll?“, wiederholte Mamma Rose. Sie und Stella tauschten einen bedeutungsvollen Blick. „Warum, Angela Marie, bist du so abweisend?“ Rose wirkte verletzt. „Wir bringen Plundergebäck. Und du fragst, was das soll?“

„Und wo sind deine Manieren geblieben?“, fragte Aunt Stella vorwurfsvoll, wenn auch freundlich.

„Entschuldigt …“ Angie trat zurück. „Kommt herein.“

Die beiden Frauen ließen sich nicht zweimal bitten. Sie rauschten an Angie vorbei und gingen in die kleine Küche. Angie schloss die Tür und folgte ihnen.

„Setz dich doch.“ Ihre Mutter stellte die Schachtel mit dem Gebäck auf den Tisch und deutete auf einen der vier Stühle. Angie setzte sich und schob ihre linke Hand unter ihren linken Oberschenkel. Sie wusste, dass es nutzlos und feige und dumm war, den Ring zu verstecken. Sie würden es sowieso bald herausfinden – spätestens um zehn, wenn Brett mit seinem Pick-up kam, um ihre Sachen ...

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