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COLLECTION BACCARA, BAND 312

ALLY BLAKE

Bei Anruf verführt?

Voller Vorfreude verabredet Chelsea sich mit dem sexy Millionär Damien Halliburton, um ihm sein Handy zurückzugeben. Doch ihn scheint bei ihrem Treffen plötzlich etwas ganz anderes zu interessieren … Will er Chelsea etwa hier im Restaurant verführen? Oder ist es purer Zufall, dass er unter dem Tisch so erregend ihre Schenkel streichelt?

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Der Rhythmus der Sehnsucht

Detective Luke Starwind glaubt nicht mehr an die Liebe. Aber er weiß, was Leidenschaft ist! Die junge impulsive Maggie fordert ihn heraus zu fühlen, zu wollen, zu hoffen. Doch Luke muss ihr widerstehen! Denn wenn er sie erst in den Armen hält, wird er sie bestimmt nie wieder loslassen können. Und er weiß: Zu viel Nähe bringt sie beide in Lebensgefahr!

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1. KAPITEL

Chelsea wischte einen Matschfleck von der Nase des Beagles, der ihren Regenschirm zierte, und trat unter das silber- und schwarz gestreifte Vordach des Amelie’s, eines neu eröffneten Melbourner Restaurants, das nur einen Steinwurf vom Yarra River entfernt lag.

Durch das Fenster waren haufenweise durchgestylte Frauen in Designeroutfits zu sehen, wohingegen sie nur eine schlichte Bluse und einen dunkelbraunen Rock trug, den sie aus der hintersten Ecke ihres Kleiderschranks gewühlt hatte und der obendrein noch etwas schief saß, um einen Hundeshampoo-Fleck zu verbergen.

„Dafür bin ich in zwei Stunden meine hochhackigen Stiefel los und trage Sneakers, während ihr an Fußballenentzündungen leiden werdet, bevor ihr vierzig seid!“, schimpfte sie.

Wie zur Strafe knickte sie auf ihren hohen Absätzen um, als sie zwei Anzugträgern auswich, die aus dem Restaurant kamen und dabei in ihre Handys brüllten, anstatt sich wie Gentlemen zu benehmen und sie vorbeizulassen.

Bevor womöglich noch Schlimmeres passierte, schlüpfte sie durch die Glastür und tastete dabei nach den Haarspangen, die ihren zu langen Pony zurückhielten. Anscheinend hingen sie ausnahmsweise mal nicht wie bei einem Mobile von ihren Haarspitzen.

„Haben Sie reserviert?“, fragte der dünne, glatzköpfige Ober.

„Mein Name ist Chelsea London“, antwortete sie und ging etwas auf Abstand zu dem Mann, damit ihm nicht der Mottenkugelgeruch ihrer nur selten getragenen „guten“ Kleidung in die Nase stieg. „Ich bin mit Kensington Hurley verabredet. Sie ist immer früh dran. Ich gehe sie gern selbst suchen, wenn …“

„Nicht nötig.“ Er lächelte kühl.

Aufgeblasener Idiot. Sie lächelte dünn zurück.

Er fuhr mit einem knochigen Finger über die blassblaue Seite seines Kalenders und nickte. „Ihr Handy, bitte“, sagte er schließlich.

„Entschuldigen Sie bitte, mein was?“, fragte Chelsea.

„Ihr … Mobil … telefon“, wiederholte er langsam. „Handys stören unsere Gäste, weshalb wir sie im Restaurant nicht dulden. Das dürfte man Ihnen bei der Reservierung eigentlich mitgeteilt haben.“

„Meine Schwester hat reserviert“, erklärte sie zähneknirschend.

„Trotzdem müssen Sie Ihr Handy abgeben.“

Chelsea biss sich auf die Unterlippe und überlegte, was sie jetzt tun sollte. Ihr ganzes Leben steckte in ihrem Telefon: Adressbuch, Terminkalender, Einkaufsliste, E-Mails und sogar die Gewinn- und Verlustrechnung, die sie später noch bei der Bank vorbeibringen wollte. Sie hatte dort einen Termin vereinbart, um einen Kredit für ihren expandierenden Hundefrisiersalon Pride & Groom zu beantragen. Der Ober hätte sie also ebenso gut bitten können, ihm ihr künftiges Erstgeborenes auszuhändigen.

Chelsea hielt mit beiden Händen ihre überdimensional große Handtasche umklammert. „Und wenn ich gar kein Handy habe?“

Stumm streckte er ihr eine Hand entgegen.

„Okay, ist ja schon gut“, sagte sie missgelaunt, zog das Handy aus der Tasche, überflog hektisch die neuen Mails und händigte es ihm schließlich seufzend aus. „Warum bitten Sie nicht einfach Ihre Gäste, das Handy auszuschalten und konfiszieren nur die Geräte von denjenigen, die sich nicht an diese Regel halten?“

„Wir sind hier nicht auf der Highschool, Ms London. Wir finden einfach, dass Mobiltelefone nichts in einem Luxusrestaurant zu suchen haben.“

Von wegen nicht auf der Highschool, dachte sie. Dabei geht es hier genauso zu.

Sie behielt ihre Theorie jedoch für sich. „Wenn meine Schwester nicht so große braune Kuhaugen hätte, dass man ihr nichts abschlagen kann, wäre ich sowieso nicht hier“, murmelte sie entnervt vor sich hin.

Der Ober reichte ihr für das Handy einen rosafarbenen Kontrollabschnitt mit einer verschmierten schwarzen Nummer, und Chelsea nickte ihm majestätisch zu, bevor sie sich auf den Weg machte.

Sie durchquerte das Restaurant, vorbei an dicht besetzten Tischen voller Menschen, die neben einem Haufen Geld offensichtlich auch noch das unwiderstehliche Bedürfnis hatten, sich an einem Dienstagvormittag mit ihresgleichen zu amüsieren. Dabei steuerte sie geradewegs auf Kensey zu, die ihr aufgeregt entgegenwinkte, und bemerkte daher zunächst gar nicht, dass ein Mann vor ihr seinen Stuhl zurückschob.

Chelsea versuchte noch, ihren Schwung zu bremsen, aber da sie an hohe Absätze nicht gewöhnt war, verlor sie auf dem glatten Seidenteppich den Halt und stolperte nach vorn. Von da an schien sich alles in Zeitlupe abzuspielen.

Der Mann drehte sich um, entweder, da er den Luftzug spürte, oder durch ihren wütenden Fluch alarmiert. Als Chelsea in die Augen des Fremden sah, erlebte sie einen dieser Momente, in denen man das Gefühl hatte, die Zeit stehe still. Jeder seiner Gesichtszüge brannte sich unauslöschlich in ihr Hirn ein.

Sie registrierte einen Zahnstocher zwischen makellosen weißen Vorderzähnen. Sein dunkles Haar war frisch geschnitten, sein Unterkiefer so markant, dass man die Kontur sofort mit dem Finger nachzeichnen wollte, und er hatte dunkle Augen von der Farbe des Meers kurz vor Sonnenuntergang.

Das gute Aussehen des Mannes bewirkte allerdings nicht, dass sich das Gesetz der Schwerkraft aufhob. Chelsea hatte keine andere Wahl, als ihn mit beiden Händen bei den Anzugrevers zu packen, wenn sie nicht der Länge nach hinfallen wollte. Die Tasche rutschte ihr von der Schulter.

Instinktiv schlang er die Arme um ihre Taille und bremste so ihren Schwung. Mit verknoteten Beinen, aber immerhin aufrecht, klammerte sie sich an ihm fest. Ihre Brüste wurden gegen seinen Oberkörper gepresst, ihr Bauch gegen seine Hüfte. Ihr zitterndes rechtes Knie klemmte zwischen seinen. Sie kannte seinen Körper jetzt so gut, dass man sie in manchen Kulturen als einander versprochen angesehen hätte.

Erst jetzt nahm Chelsea ihre Umgebung wieder wahr. Besteck klirrte auf Tellern, gedämpftes Gelächter erklang, und zischende Geräusche kamen aus der Küche. Darüber hörte sie seine und ihre schweren Atemzüge.

„Geht es Ihnen gut?“, fragte er und nahm den Zahnstocher aus dem Mund. Seine tiefe Stimme löste Vibrationen aus, die durch ihre Hände und ihren Brustkorb bis tief in die Magengrube drangen. Chelsea fuhr sich mit der Zungenspitze über die trockenen Lippen.

„Hey“, sagte er und hob ihr Kinn mit dem Finger an. „Geht es Ihnen gut?“, wiederholte er.

Er hatte eine makellose, gleichmäßig gebräunte Haut, Augen von einem schon fast schmerzhaft intensiven Blau und roch fantastisch, genau wie der regnerische Herbsttag draußen vor der Tür. Er war vollkommen und so verlockend wie eine leckere, verbotene Frucht. Chelsea hingegen kam sich vor wie Aschenputtel: Sie hatte keinen Lipgloss mehr auf den Lippen, ihre Kleidung war zehn Jahre alt, und sie roch nach nassem Hund und Mottenkugeln. Die verbotene Frucht war also nicht für sie bestimmt, dachte sie und seufzte innerlich.

Langsam lockerte sie den Griff an seinen Revers.

„Es geht mir gut“, sagte sie. „Prima sogar. Mir ist das Ganze ein wenig peinlich, aber zumindest scheine ich nicht mit meinen Absätzen den Teppich ruiniert zu haben. Es hätte schlimmer kommen können.“

„Stimmt“, antwortete er. „Wenn ein Dessertwagen in der Nähe gestanden hätte, hätte sich diese Szene vielleicht wie in einem Pink-Panther-Film abgespielt.“

Sie grinste. „Stellen Sie sich mal vor, wie die Schokoladentörtchen durch die Luft fliegen und auf den Tisch mit den durchgestylten Prinzessinnen da vorn niederhageln, bis sie vor Schokosahne nur so triefen!“

Der Mann warf einen Blick zu besagtem Tisch, an dem vier aufgedonnerte Frauen saßen, die Chelsea beim Reinkommen abfällig taxiert hatten. „Das würde mich an diesem ungemütlichen Morgen aufheitern wie ein Sonnenstrahl“, sagte er.

Sein Lächeln wurde breiter, seine Augen funkelten, und er dachte offenbar nicht daran, sie loszulassen. Ihr Magen fühlte sich plötzlich leer an. Und das hatte bestimmt nichts mit Hunger zu tun. Zumindest nichts mit einem Hunger, den man mit einem Mittagessen stillen konnte.

Sie lächelte schmallippig zurück und machte sich so elegant wie möglich von ihm los. Dabei musste sie feststellen, dass sie seinen schönen Anzug total zerknittert hatte. Hastig versuchte sie, die Falten mit den Händen zu glätten, wobei sie den muskulösen Körper des Mannes unter dem Stoff spürte.

„Allerdings bin ich mir nicht so sicher, ob ich heute noch mehr Sonnenschein ertragen könnte“, fuhr er fort. Er war ihr so nahe, dass sein warmer Atem über ihre Wange strich.

„Warum das?“

„Ich bin bisher noch nie einer Frau begegnet, die mir sofort verfallen ist. Normalerweise stelle ich mich erst mal vor und flirte ein wenig, bis schließlich die Sonne scheint.“

Chelsea sah ihm wieder in die Augen, die so blau wie der Himmel waren. Er war nicht nur unglaublich charmant, sondern sich dessen auch eindeutig bewusst. Und bestimmt wusste er ganz genau, warum sie die Hände nicht von ihm lösen konnte, obwohl ihre Bemühungen offensichtlich vergeblich waren.

Sie hörte damit auf, an seinem Anzug herumzufummeln. „Darf ich Ihnen einen kleinen Tipp geben? Lassen Sie das nächste Mal den Stuhl weg, wenn Sie bei einer Frau landen wollen. Requisiten sind was für Amateure.“

Sein Lächeln verschwand. Er atmete scharf ein, und sie spürte, wie seine Brust sich unter dem Anzug hob und senkte. Denn trotz aller guten Vorsätze hatte sie noch immer nicht die Hände von ihm gelassen. Sie zupfte ein letztes Mal an seinem Kragen. „Jetzt wird niemand mehr wissen, dass ich Sie beinahe zu Fall gebracht hätte.“

Er beugte sich vor und sprach so leise, dass man ihn nur aus nächster Nähe verstehen konnte. „Ich schon.“

Seine Worte durchfuhren sie siedend heiß, und es gelang ihr nicht, das Prickeln in ihrem Bauch zu ignorieren. In einem Anfall wilden Verlangens wurde ihr bewusst, dass sie ohne Weiteres herausfinden konnte, ob seine verführerischen Lippen auch nur annähernd so gut schmeckten, wie sie aussahen. Sie musste nur den Kopf ein wenig heben.

Abrupt trat sie zurück und stieß so hart gegen seinen Tisch, dass das volle Latte Macchiato-Glas darauf ins Schwanken geriet. Mr Schlips-und-Kragen nahm es rasch an sich, bevor es umkippte.

In gebührendem Abstand zu seinem Herbstduft, seinem magnetischen Blick und der weichen Wolle seines Anzugs kam Chelsea endlich wieder zu Verstand. „Ich sollte lieber verschwinden, bevor ich Sie womöglich noch aus Versehen anzünde.“

„Nein, warten Sie“, sagte er und stellte das Glas auf den Tisch zurück.

Aber Chelsea schob nur den Riemen ihrer Tasche auf die Schulter, marschierte an ihm vorbei und ging zu ihrer Schwester auf der anderen Seite des Restaurants.

Kensey stand auf und küsste sie auf die Wangen. „Du hast doch hoffentlich nach seiner Telefonnummer gefragt?“, sagte sie anstelle einer Begrüßung.

Chelsea ließ ihre Tasche unter den Tisch fallen und legte die kalten Hände an ihre heißen Wangen. „Wann bitteschön hätte ich nach seiner Nummer fragen sollen?“

„Wie lautet Ihre Telefonnummer, Süßer?“, sagte Kensey. „Dafür ist immer Zeit. Vor allem bei einem solchen Prachtexemplar.“

Chelsea nahm die Hände vom Gesicht und funkelte ihre Schwester wütend an. „Du bist verheiratet, schon vergessen?“

„Du willst Greg doch wohl nicht mit dem da vergleichen!“

Chelsea starrte sie an. „Greg ist das Beste, was dir je passiert ist.“

Mit seinem schütteren Haar und dem kleinen Bäuchlein war er zwar nicht ihr Typ, aber wahrscheinlich hatte sie ohnehin viel zu hohe Ansprüche. Kensey und Greg waren nämlich verrückt nacheinander, wohingegen sie Single war. Niemand schlenderte Hand in Hand mit ihr durch die Straßen, bot ihr im Kino seine Schulter oder hielt sie beim Einschlafen in den Armen.

„So findest du nie einen Mann“, erklärte Kensey. „Man muss sich auf dem Markt präsentieren.“

„Ich gehe oft mit Männern aus“, protestierte Chelsea. „Vor allem mit muskulösen, dunkeläugigen. Ich bin auf dem Markt.“

„Klar. Ein verstohlener Blick auf eine andere Frau, ein geplatzter Scheck, und du rennst davon. Der Kerl da drüben ist so dermaßen auf dem Markt, dass sich sämtliche Scheinwerfer auf ihn richten, wenn er einen Raum betritt.“

Chelsea lachte spöttisch auf und drehte sich nach hinten, um ihre Jacke über die Stuhllehne zu hängen. Dabei warf sie einen Blick auf besagten Mann. Er unterhielt sich gerade mit einem anderen Anzugträger. Mit einer Hand tastete er nach seiner Hosentasche, wobei sein weißes Hemd so eng über seiner Brust spannte, dass man nicht übersehen konnte, wie muskulös er war.

Plötzlich stellte sie sich vor, wie sie ihm das makellose Hemd vom Leib riss, und sie grub die Fingernägel in die Handflächen.

Als ihr klar wurde, was sie sich da gerade zusammenfantasierte, blinzelte sie kräftig. Schließlich hatte sie täglich mit gut aussehenden Männern Kontakt. Ihr Job bot die besten Voraussetzungen dafür. Sie lernte haufenweise sympathische, verantwortungsbewusste Hundebesitzer kennen.

Zuletzt zum Beispiel das muskulöse Herrchen eines Schäferhundes. Er war Klempner und hatte ein verstopftes Rohr in ihrem Laden gereinigt, war aber ansonsten in jeder Hinsicht ein Reinfall gewesen. Sie hatte ihm den Laufpass gegeben, als sie herausfand, dass er auf Hunderennen stand. Dann war da noch der Single-Vater gewesen, dem nach der Scheidung nur der Hund geblieben war. Sie hatte sich von ihm getrennt, nachdem sie miterleben musste, wie er während eines Werbespots für günstige Ferngespräche anfing zu weinen.

Sie hatte doch höchstens drei Minuten in die meerblauen Augen dieses Typen gesehen! Wo war ihr klarer Verstand geblieben? Sie fühlte sich wie elektrisiert, und ihre Gedanken kreisten nur um das Eine: Wie es wohl wäre, mit ihm zu schlafen …

Genau in diesem Augenblick trat eine attraktive Brünette in einem engen schwarzen Kostüm auf ihn zu. Sie trug so hohe Absätze, dass es Chelsea schon beim bloßen Anblick schwindlig wurde, legte ihm die Hand auf die Brust und beugte sich vor, um ihm etwas ins Ohr zu flüstern. Mr Schlips-und-Anzug lachte und entgegnete etwas. Die Brünette ging hüftschwenkend davon. Er sah ihr einen Augenblick hinterher und zog dann seine Brieftasche aus dem Jackett.

Chelsea kam wieder zu sich. Sie wandte sich zu Kensey um, die sie beobachtete und wissend lächelte.

„Typisch Mann. Er hat schon die Nächste“, sagte Chelsea und krauste die Nase. „Überrascht mich nicht.“

„Na schön“, sagte Kensey und seufzte dramatisch. „Also? Was macht die Arbeit?“

„Sie ist toll, sie macht Spaß, und sie ist anstrengend. Und ich würde sie gegen nichts in der Welt eintauschen. Was machen die Kinder?“

„Sie sind toll, machen Spaß und sind anstrengend. Und ich würde sie gegen nichts in der Welt eintauschen. Kommst du eigentlich am Wochenende mit ins Yarra Valley? Lucy hat Geburtstag.“

„Na klar. Das kann ich mir doch nicht entgehen lassen.“

„Du weißt, dass du gern jemanden mitbringen kannst.“

„Wie wär’s mit Phyllis? Sie liebt die Landluft“, antwortete Chelsea. Phyllis war ihre langjährige Angestellte, eine hünenhafte Frau mit kurzem grauen Haar und dröhnender Stimme. Kensey sagte immer, sie fühle sich von der Frau eingeschüchtert.

„Ich meinte eigentlich einen Mann.“

„Wenn dir das so wichtig ist, kann ich ja unterwegs jemanden auflesen. Sag Greg, er darf sich auf den lang ersehnten Dartpartner freuen, auch wenn ich nicht garantieren kann, dass der in der letzten Zeit gebadet hat.“

Kensey bemerkte, dass Chelsea unruhig mit den Fingern auf den Tisch trommelte. „Entspann dich bitte. Wir wollten heute eigentlich feiern.“

„Ich habe den Kredit doch noch gar nicht!“

„Du kriegst ihn, keine Sorge. Die Banken sind bestimmt ganz scharf auf Pride & Groom. Der Laden gehört dir, du warst damit im Fernsehen, und du bist eine Frau. Das sind jede Menge gute Gründe, in dich zu investieren.“

Chelsea sah auf einmal die vor Schokoladencremetorte triefende Brünette vor sich und musste lächeln. Und als sich das Objekt ihrer Fantasie plötzlich in einen gewissen dunkelhaarigen Mann ohne Anzug, aber tropfend vor Schokoladensoße verwandelte, lief ihr das Wasser im Munde zusammen.

Vergiss ihn, ermahnte sie sich. Nicht deine Liga.

„Du weißt, was aus Dad wurde, weil er sich immer wieder gutgläubig Geld geliehen hat. Vielleicht sollte ich es doch bei einer Filiale belassen. Das ist wenigstens überschaubar.“

Dann bliebe sie die alleinige Inhaberin, und niemand würde ihr das Geschäft wegnehmen können. Allerdings musste sie dann massenhaft Kunden ablehnen. Wenn sie tatsächlich noch zwei weitere gut laufende Filialen eröffnete, wäre Pride & Groom erfolgreicher, als sie sich in ihren wildesten Träumen ausgemalt hatte. Das Problem war nur, dass wilde Träume einen ruinieren konnten, wenn sie sich nicht erfüllten.

„Schätzchen“, sagte Kensey, „wenn du deine Garderobe mal wieder aktualisieren willst, brauchst du mehr Geld. Und wenn du bessere Chancen bei einem Typen wie dem da drüben haben willst, brauchst du auch mehr Geld. Also nimm den Kredit auf.“

Chelsea beugte sich verschwörerisch vor. „Glaubst du, er ist eine männliche Hostess?“, flüsterte sie. „Was kosten die heutzutage eigentlich?“

Kensey grinste sie an. „Keine Ahnung. Aber ich weiß, dass es idiotisch von dir war, ihn nicht nach seiner Telefonnummer zu fragen. Du hättest ihm wenigstens aus Versehen an den Hintern fassen können.“

Chelsea lehnte sich zurück und griff nach der Speisekarte. „Nächstes Mal vielleicht“, sagte sie. Ihr fielen fast die Augen aus dem Kopf, als sie die Preise sah. Fast dreißig Dollar für ein pochiertes Ei auf Toast? Mal ehrlich, was hatten die Gäste hier eigentlich den Göttern versprochen, dass sie sich so etwas täglich leisten konnten?

„Er hat dir übrigens auf dem ganzen Weg hierher hinterhergestarrt“, sagte Kensey.

Statt einer Antwort nahm Chelsea das Wasserglas ihrer Schwester und trank einen Schluck.

„Dabei hat er dich von Kopf bis Fuß gemustert, wobei sein Blick einen Moment auf deinem Po hängen blieb.“

„Vielleicht hat er nur nach ihm gesucht. Wenn die Bank Optionen auf üppigere Rundungen anbietet, greife ich sofort zu.“ Zum Beispiel Brüste, die auch ohne Einlagen einen BH füllten, Hüften, die beim Gehen schwangen, ohne dass man sich eine Muskelzerrung holte, und eine Figur, die Mr Schlips-und-Kragens Aufmerksamkeit erregte, ohne dass sie sich ihm im wahrsten Sinne des Wortes an den Hals werfen musste.

„Wahrscheinlich wollte er nur sichergehen, dass ich nicht noch andere arglose Gäste zu Boden trample“, sagte sie. „Die meisten Männer sehen sich gern als Ritter in der glänzenden Rüstung.“

„Der hier ist vielleicht wirklich einer.“

„Ich brauche keinen Ritter. Ich habe mich nämlich schon vor langer Zeit selbst gerettet.“

„Wie wär’s dann mit einer wilden Nummer? Wie lange ist es eigentlich her, dass du dir eine heiße Affäre gegönnt hast? Eine ganz unverbindliche, ohne Gedanken an eine gemeinsame Zukunft oder das ewige ‚was hat er für einen Hund, und was sagt das über sein Verantwortungsbewusstsein aus‘? Nur wilder, schweißnasser Sex.“

„Okay, okay, schon kapiert.“

Kensey forderte Chelsea mit einem Nicken auf, sich umzudrehen. Sie gehorchte und sah zu, wie der Kerl völlig ungerührt von den glühenden Blicken eines Dutzend Frauen Richtung Tür ging. Er sah so attraktiv und verführerisch aus, dass es körperlich schmerzte. Allerdings war er ganz sicher nicht dazu bereit, Verantwortung für etwas zu übernehmen, das lebendiger war als ein Spielzeughund.

„Nur eine Nacht“, sagte Kensey. „Mit dem da. Zufriedenheit garantiert.“

Chelsea gab der Versuchung nach und betrachtete seine breiten Schultern und geschmeidigen Bewegungen, die vor männlichem Selbstbewusstsein nur so strotzten. Dann wandte sie sich mit ausdruckslosem Gesicht zu ihrer Schwester um.

„Ich kenne noch nicht einmal seinen Namen. Der heiße, schweißnasse Sex wird warten müssen.“

Kensey hob die Augenbrauen, holte tief Luft und blickte in die Speisekarte. „Wir können gern die Plätze tauschen, damit du einen letzten Blick auf ihn werfen kannst.“

„Nicht nötig. Trotzdem danke.“

In der Spiegelwand konnte Chelsea nämlich beobachten, wie er gemeinsam mit dem Mann, mit dem er sich zuvor unterhalten hatte, den Weg durch das Restaurant bahnte, um in die Welt der Börse oder wohin auch immer zurückzukehren. Irgendwohin jedenfalls, wo es von unerreichbaren Supertypen, die alles auf dem Silbertablett dargeboten bekamen, nur so wimmelte.

Chelsea riss sich zusammen und richtete ihre Aufmerksamkeit auf ihre Schwester. „Genug von mir und meinem Po – was läuft so in deiner Welt?“

2. KAPITEL

„Ihre Kontrollabschnitte, Sir?“

Damien griff in seine Jackentasche, holte den rosafarbenen Bon für sein Handy und den grauen für seinen Mantel heraus und reichte beides der dünnen blonden Femme fatale, die den arroganten Ober inzwischen abgelöst hatte.

Sie beugte sich über eine der Kisten auf dem Boden und offenbarte dabei den Anblick eines schwarzen Spitzen-G-Strings über dem Bündchen ihrer engen Jeans.

„Hübsch“, sagte Caleb hinter ihm.

„Sie gehört dir“, murmelte Damien.

„Natürlich ist sie keine Bonnie …“

„Ich dachte, wir hätten uns darauf geeinigt, den Namen vorerst nicht zu erwähnen.“

„Du hast dich geeinigt, nicht ich. Bonnie war klasse. Kein Dekolleté der Welt konnte es mit ihrem aufnehmen. Sie hat sogar die strengen Kriterien deiner Eltern erfüllt, sah im Tennisdress super aus und segelte viel besser als du. Aber wie du dich vielleicht erinnerst, war ich derjenige, der dich davor gewarnt hat, mit ihr zusammenzuziehen.“

Damien senkte zustimmend den Kopf.

„Inzwischen“, sagte Caleb, „ist es gut einen Monat her, dass du bei ihr ausgezogen und ins Land der Normalos zurückgekehrt bist. Höchste Zeit, wieder aufs Pferd zu steigen.“

„Caleb, ich war immerhin zweieinhalb Jahre mit Bonnie zusammen, während du nie länger als einen Monat durchhältst. Du bist schlimmer als ein Pferd.“

Caleb warf die Hände in die Luft. „Na schön. Ich warne dich ja nur davor, aus der Übung zu kommen.“

„Es heißt doch, Sex sei wie Radfahren.“

„Wenn du das wirklich glaubst, hat Bonnie anscheinend eine noch üblere Nummer mit dir abgezogen, als ich dachte.“

Damien wandte sich ab. Bonnie hatte nichts falsch gemacht. Sie hatte lediglich ihre Beziehung ernst genommen und geglaubt, dass er es ebenso ernst meinte. Wenn hier jemandem ein Vorwurf zu machen war, dann ihm, denn er hatte sie verlassen, nachdem ihm bewusst geworden war, dass er ihr und sich selbst nur etwas vorgemacht hatte.

„Die hier ist super“, sagte Caleb. Er leckte sich über die Lippen beim Anblick von Miss G-String.

„Sie ist ein Teenager.“

„Und du bist ein Spaßverderber.“

„Du bist widerlich.“ Damien richtete den Blick wieder auf ihren einladend wippenden Po. Ihre Körpersprache war eindeutig.

Das Mädchen richtete sich auf und hielt ihm seine Sachen hin. „Sind das Ihre?“

Er warf einen Blick auf den langen schwarzen Mantel und das Businesshandy. „Ja.“

Sie lehnte sich verführerisch gegen den Tresen und sah Caleb an. „Was ist mit dir, Süßer? Gibt es hier auch etwas für dich?“

Damien lachte laut auf, packte seinen Freund am Ärmel und zog ihn aus dem Restaurant an die frische Luft.

„Du bist nicht nur ein Spaßverderber, sondern sogar richtig fies“, protestierte Caleb.

„Ich bin dein Boss. Trotz deiner abseitigen Neigungen bringst du mir viel Geld, und ich habe mich inzwischen an einen gewissen Lebensstandard gewöhnt.“

„Wie auch immer.“ Caleb reckte den Hals, dehnte die Schultern und hielt nach einem Taxi Ausschau.

Während Damien in seinen Mantel schlüpfte, sah er verstohlen durch das Fenster, um vielleicht einen letzten Blick auf die Frau zu erhaschen, der es für einen kurzen Moment gelungen war, seine Reserviertheit zu durchbrechen.

Einige Sekunden später hatte er sie entdeckt. Dunkler Rock, helle Bluse und ein gefährlich aussehender spitzer Stiefelabsatz. Das lange karamellblonde Haar fiel ihr in weichen Wellen über den Rücken.

Das ganze Restaurant hatte nach aufdringlichen Parfüms, Aftershaves und Geld gerochen, während sie duftete, wie … irgendwie altmodisch und vertraut. Nach Talkumpuder vielleicht? Die Assoziation mit Sonnenschein war aus irgendwelchen dunklen und bisher ungeahnten poetischen Tiefen in ihm gedrungen.

Für jemanden, der sich gerade erst aus den Fängen einer liebenswerten und zu ihm passenden Frau befreit hatte, deren biologische Uhr jedoch plötzlich unüberhörbar tickte, war er ganz schön angetan von der hier.

Schon das allein sollte ihn eigentlich in die Flucht schlagen. Er hatte nämlich noch immer ein schlechtes Gewissen wegen Bonnie, auch wenn er ihr nicht absichtlich etwas vorgemacht hatte. Trotzdem konnte er den Blick nicht vom Fenster lösen. Little Miss Sunshine führte gerade eine Gabel voll Erdbeerpfannkuchen zum Mund.

Es war schon über einen Monat her, dass er einer Frau körperlich so nah gekommen war. Sie war immerhin groß genug, um ihm auf hohen Absätzen in die Augen zu sehen. Und das hatte sie getan. Unverwandt und direkt, mit den goldbraunen Augen einer Löwin.

Er drehte sich zu Caleb um, der vergeblich mit den Armen fuchtelte, um ein Taxi anzuhalten. Also betrachtete er wieder die Karamellblonde. Sie berührte gerade ihre Goldkette.

Ob sie ebenfalls einen Spitzen-G-String trug? Er konnte sich gut vorstellen, wie sich der Stoff um ihre schmalen Hüften schmiegte. Sie trug keine Strümpfe – ihre langen Beine waren bis zum Rand ihrer sexy Stiefel nackt. Wie es sich wohl anfühlte, wenn er die Hände unter ihren Rock schob, die warme nackte Haut berührte und …

„Kommst du?“

Damien blinzelte und drehte sich um. Caleb saß schon halb in einem gelben Taxi. Er räusperte sich verlegen, als er feststellen musste, dass er gerade nicht gut sitzen konnte. Zu sehr spannte sich seine Hose. „Fahr allein. Ich laufe lieber.“

„Na schön, wie du willst.“ Caleb verschwand im Taxi.

Damien warf noch einen Blick zurück in das Restaurant, aber inzwischen war die Sicht durch Neuankömmlinge versperrt – noch mehr Küsschen verteilende Klone in dunklen Kostümen und mit blondiertem Haar, die sich darüber unterhielten, wie man nichts ahnende Männer in die Ehe lockte.

Dem Lockruf des Weibes endlich nicht länger ausgesetzt hüllte Damien sich tiefer in seinen Mantel, betrachtete den inzwischen regenfreien Himmel und reihte sich ein in den Strom der Fußgänger.

„Isst du die Pfannkuchen eigentlich noch?“, fragte Kensey, als ihre Diskussion darüber, wer der heißeste Typ in Grey’s Anatomy war, verstummt war. „Ich bin am Verhungern. Vielleicht, weil ich schwanger bin.“

Chelsea ließ die Gabel fallen. „Habe ich richtig gehört? Du bist …?“

„Ich erwarte ein Kind. Ich habe einen Braten in der Röhre.“

Chelsea blickte zu Kenseys Wasserglas. Stimmt, sonst trank sie immer Cocktails, wenn sie ohne die Kinder unterwegs war.

„Wow. Hat Greg sich nicht gerade …?“ Chelsea ließ Zeige- und Mittelfinger wie eine Schere zuschnappen.

„Die Ärzte haben uns gewarnt, dass die Wirkung nicht sofort eintritt, sondern erst nach ein paar Wochen. Aber wir hatten unseren Hochzeitstag, waren in Stimmung, und die Kinder haben geschlafen.“

Es war nicht zu fassen. Kensey erwartete ihr viertes Kind, was bedeutete, dass sie und Greg ihr Ferienhaus im Yarra Valley ausbauen mussten, obwohl sie es sich schon jetzt kaum leisten konnten. Und es bedeutete Chaos. Aber Kensey sah irgendwie glücklich aus. Bittersüßer Neid stieg in Chelsea auf.

„Wie weit bist du?“, fragte sie.

„Etwa acht Wochen.“

Offensichtlich war ihre Nachricht mit der Grund für das feudale Frühstück. Und ich hatte nur meine eigenen Angelegenheiten im Kopf, dachte Chelsea zerknirscht. Sie war eine schlechte Schwester.

„Ich habe keine Ahnung, wie wir das schaffen sollen.“

„Ihr kriegt das hin, so wie immer.“

Kensey nahm Chelseas Hände. „Wenn du mir so viel zutraust, dann lass mich einen Mann für dich finden, damit unsere Kinder zusammen groß werden können. Stell dir nur mal die dunkelhaarige, blauäugige Brut des Typen von vorhin vor.“

„Hoppla, nicht so stürmisch! Du bist schließlich diejenige mit dem Gartenzaun-Gen, während ich den Geschäftssinn habe. Angesichts unserer Eltern ist beides ein Wunder. Kannst du dir den Typen ernsthaft in der Nähe von Pride & Groom vorstellen? Er wäre in kürzester Zeit über und über mit weißen Hundehaaren bedeckt.“

„Das ist ja wirklich ein gewichtiger Grund, nicht mit beiden Händen zuzugreifen. Was stimmte eigentlich mit dem letzten Mann nicht?“

„Er war schwul.“

„Okay, allmählich klingen die Gründe tatsächlich vernünftiger und nicht mehr so nach bewusster Sabotage. Mit fünfzig bist du vielleicht endlich bereit zu akzeptieren, dass nicht alle Männer solche Flaschen sind wie Dad.“

Chelsea funkelte ihre Schwester wütend an und zog ihren Teller wieder zu sich. „Ich esse die Pfannkuchen selbst. Und dir wünsche ich von Herzen Drillinge!“

Sein Handy klingelte melodiös.

Der Klingelton klang wie der Titelsong irgendeiner Frauenserie. Gilmore Girls vielleicht? Der dämliche Caleb musste irgendwann morgens mit seinem Handy herumgespielt haben.

„Halliburton“, meldete Damien sich kurz angebunden.

„Ah, hi“, antwortete eine zögernde Frauenstimme. „Spreche ich da mit dem Pride & Groom-Salon?“

„Nein, tut mir leid. Sie sind falsch verbunden.“ Er legte auf.

Es klingelte schon wieder. Dämlicher Caleb! Nach der Trennung von Bonnie war er nämlich bei seinem besten Freund untergekrochen. Es wurde höchste Zeit, dass er eine eigene Bleibe fand.

„Halliburton“, meldete er sich erneut.

Diesmal herrschte zunächst Schweigen am anderen Ende der Leitung. „Ich rufe für Letitia Forbes vom Chic-Magazin an“, erklärte schließlich die zögerliche Stimme von vorhin. „Ist Chelsea London in der Nähe?“

Damien blieb abrupt stehen. Er warf einen Blick über die Schulter. Vielleicht war das Ganze ja nur ein Scherz, und Caleb folgte ihm in diskretem Abstand. Aber Damien sah nur eine Menschenwand, die so grau aussah wie der Himmel, und suchte Zuflucht im Eingang eines Comicladens.

„Ich befinde mich in Melbourne, Miss Forbes. London liegt auf der anderen Seite des Planeten.“

„Ich weiß, wo London liegt, aber ich suche nach Chelsea London, der Eigentümerin des Pride & Groom-Salons. Das ist die Nummer, die man mir gegeben hat.“

„Tut mir leid, aber ich kann Ihnen trotzdem nicht weiterhelfen. Ich bin der Besitzer einer Daytrading-Firma, Keppler Jones and Morgenstein, das hier ist meine Telefonnummer, und vom Chic-Magazin weiß ich nur, dass meine kleine Schwester es immer vor meiner Mutter versteckt hat, als sie vierzehn war.“

Letitia Forbes’ Assistentin lachte perlend, was kokett, aber völlig substanzlos klang. Es ließ Damien kalt. Anders als die Karamellblonde, die ihn unverwandt aus goldbraunen Augen angesehen hatte, bis er sich noch dichter über sie gebeugt hatte, um den Duft ihres Haars …

Er kniff die Augen zu, um das unwillkommene Verlangen zu verdrängen, das ihn zu überwältigen drohte.

„Was wissen Sie eigentlich über Hundehalsbänder mit aufgedruckten Tieren?“, fragte Letitia Forbes’ Assistentin.

Er riss die Augen wieder auf. „Warum fragen Sie?“

„Weil ich Chelsea London deshalb erreichen will. Ich brauche ihre professionelle Meinung. Aber vielleicht ist Ihre ja genauso aufschlussreich.“

Damien warf einen Blick auf die Uhr. Es war schon ziemlich spät. „Was aufgedruckte Tiere angeht, beschränken sich meine Erfahrungen leider auf Unterwäsche.“

„Etwa Ihre eigene?“

„Das verrate ich nicht.“

Sie schwieg, und er spürte, dass sie nach einem Vorwand suchte, um ihn in der Leitung zu halten. Dann seufzte sie. „Leider muss ich noch andere Telefonate erledigen. Hoffentlich habe ich dabei genauso viel Spaß und mehr Erfolg. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag, Mr Halliburton.“

„Ebenso.“ Er legte auf und starrte das Telefon einige Sekunden lang an, während die Passanten an ihm vorbeiströmten.

Okay, in der letzten Stunde war also eine Frau in seine Arme gefallen, eine andere hatte ihm ihren G-String gezeigt und eine Dritte ihm flirtend suggeriert, er trage Zebra-Unterhosen.

Als hätten die Frauen heute so eine Art Radar. Das erste Mal in seinen zweiunddreißig Jahren, dass er einen Bogen um sie machte, und prompt strömten sie in Scharen herbei.

Frauen! Es geht weder mit ihnen noch …

Er sah hoch und begegnete dem Blick einer älteren Dame mit rot gefärbten Locken. Sie errötete lächelnd. Vielleicht sollte er mal bei Amelie’s nachfragen, was sie dort in seine Soße Hollandaise getan hatten.

Aber es lag bestimmt nicht an der Soße Hollandaise. Klar, er sah ganz gut aus und hatte genug zu bieten, um auf Frauen anziehend zu wirken, aber was heute mit ihm geschah, war völlig neu. Irgendwie primitiv. Und es hatte in dem Augenblick angefangen, als die warme, sonnige Frau in seine Arme gefallen war und seine Hormone in Aufruhr versetzt hatte.

Seitdem war er sexuell erregt. Er bewegte sich und sprach wie ein ganz normaler Mensch, aber er war nur halb bei der Sache. Die andere Hälfte schwelgte in Erinnerungen an ihren feinen Duft, der ihn an seine früheste Kindheit erinnerte. Er musste schleunigst aufhören, an die Frau zu denken, wenn er vermeiden wollte, dass man auf offener Straße über ihn herfiel.

Das Handy klingelte schon wieder. Damien zuckte zusammen wie ein verängstigter Schuljunge. Er holte tief Luft, um sich zu beruhigen, und sah nach, ob sein Adressbuch die Nummer erkannte. Das tat es. Letitia@ChicMag.

Klar, sein Handy war eins dieser modernen Technikwunder und hatte ein kleines Vermögen gekostet, aber soweit er wusste, hatte es kein kognitives Gedächtnis.

Er starrte darauf, bis die Melodie verstummte. Dann klappte er den Deckel hoch und sah ein großes Display, das anstelle seines Mobilfunkbetreiber-Logos das animierte Bild eines rosa Pfotenabdrucks zeigte.

Allmählich dämmerte es ihm.

Das ist nicht mein Handy.

Damien holte tief Luft, wobei sich seine Lunge mit Abgasen und Müllgeruch füllte.

Wie hatte das nur passieren können? Jeder echte Mann liebte seine elektronischen Spielzeuge schließlich mehr als sein Leben!

Als man ihn dazu überredet hatte, sein gutes altes zerkratztes Handy gegen ein neues Modell einzutauschen, hatte man ihm versichert, es würde sein Leben verändern. Offensichtlich zu Recht. Und jetzt wusste er weder die Telefonnummer noch die Adresse des Kunden, den er eigentlich gerade aufsuchen wollte. Und zu allem Überfluss hatte das Handy noch diesen mädchenhaften Klingelton!

„Verdammt!“, brüllte er so laut, dass einige Passanten plötzlich einen weiten Bogen um ihn machten.

Er griff in die Hosentasche und fand den rosafarbenen Beleg für sein Telefon, was bedeutete, das der Zettel, den er bei Amelie’s hinter seinem Stuhl gefunden hatte, nicht ihm gehörte.

Zum Glück war das Handy nicht gesperrt, sodass er die Auskunft anrufen konnte. „Ich brauche die Nummer von Amelie’s Brasserie in Melbourne“, sagte er.

Er nutzte eine Verkehrslücke und lief über die Straße zu einem freien Taxi.

Auf dem Weg ins Büro rief er bei Amelie’s an.

„Hier ist Damien Halliburton. Ich habe heute bei Ihnen gefrühstückt und aus Versehen das falsche Telefon mitgenommen.“ Er wartete ab, bis die kriecherische Stimme am anderen Ende der Leitung verstummte. „Schauen Sie mal in der Kiste nach. Sie ist leer? Ach so.“

Also zu Plan B. Und der wäre …

Vielleicht sollte er den Taxifahrer anweisen, sofort zu wenden und ihn so schnell wie möglich zu Amelie’s zurückzubringen, damit er selbst nachsehen konnte. Vielleicht war ja auch die Karamellblonde noch da, und dann konnte er … was?

Er warf einen Blick auf die Uhr. Er hatte keine Zeit mehr. Und der Typ am anderen Ende quatschte schon wieder.

„Machen Sie sich keine Sorgen“, sagte Damien. „Ich kümmere mich selbst darum.“

Er ließ das Handy zuschnappen. Es rastete leichter ein als seines, was bedeutete, dass es öfter benutzt wurde. Bestimmt wurde es schon vermisst. Von Christy sowieso. Nein, Chelsea. Chelsea London. Offensichtlich eine Expertin in Sachen Zebradruck-Hundehalsbänder. Hätte er nicht das Telefon mit einem Muskelprotz mit großem Aktiendepot tauschen können? Aber nein, es musste ja ausgerechnet eine Tussi sein, deren Eltern man dafür erschießen sollte, ihr einen solch abartigen Namen verpasst zu haben.

Das Taxi hielt vor dem imposanten Hochhaus, in dem sich seine Firma befand. Damien warf dem Fahrer einen Zwanzigdollarschein zu und rannte los.

Chelsea gab Kensey vor der Garderobe des Amelie’s einen Abschiedskuss und sah zu, wie ihre Schwester leichtfüßig davonging.

Kenseys Neuigkeiten waren fantastisch. Trotz ihrer turbulenten Kindheit führte sie ein beneidenswert stabiles Leben. Es gibt also keinen Grund für, dass ich mich so unwohl fühle, dachte Chelsea.

„Ihren Kontrollschein, Ma’am“, sagte das Mädchen hinter den Tresen.

„Stimmt.“ Chelsea durchwühlte erst ihre Handtasche und dann ihre Jacke. Sie griff sogar in den BH, wo sie häufiger mal Notizen hinsteckte, wenn sie gerade keine Hand freihatte. Sie sah hoch und stellte fest, dass die Blondine sie ausdruckslos beobachtete.

„Ich scheine den Bon verlegt zu haben.“

„Er ist pink. Schwer zu übersehen.“

„Bloße Vorstellungskraft zaubert ihn auch nicht herbei.“

Die Blondine hob eine Augenbraue. Chelsea holte tief Luft und zählte innerlich bis sieben. Dann beugte sie sich über den Tresen. „Es ist schwarz mit Silberrand, hat weiße Tasten und dieses Bild hier auf dem Display.“

Sie reichte der Blondine eine Karte mit dem Hundepfoten-Logo in Pink. Die Blondine nahm sie und hob überrascht die andere Augenbraue.

„Cool! Arbeiten Sie etwa für diesen Laden?“

„Ich bin dieser Laden.“

„Echt? Waren Sie nicht vor einigen Monaten bei dieser Celebrity-Tiershow im Fernsehen? Sie haben doch den Pudel dieses Rockstars geschoren, und dann ist er ausgeflippt, weil er dachte, man habe seinen Hund vertauscht.“

Der Rockstar hatte sogar damit gedroht, sie zu verklagen, ließ sich jedoch besänftigen, als man ihm versicherte, dass sein Hund nur wegen der neuen Frisur nicht mehr zu erkennen war. Schon am nächsten Tag war alles vergessen gewesen. Das Geschäft von Pride & Groom lief seitdem doppelt so gut. „Genau die bin ich“, bestätigte Chelsea.

Die Blondine stützte das Kinn in die Hände und sah sie von unten durch mascaraverklebte Augenwimpern an. „Ich habe einen Basenji. Gibt es eine Chance, dass Sie sich seiner mal annehmen?“

Chelsea zwinkerte ihr verschwörerisch zu. „Gibt es eine Chance, dass Sie mein Handy finden? Schwarz, silber, weiße Tasten …“

Lächelnd ließ die Blondine ihren Finger über die Holzfächer gleiten und zog Chelseas schwarz-silbernen Lieblingsfreund hervor. „Ist es das?“

Chelsea nahm es und schloss die Finger darum. Es fühlte sich so vertraut an, dass es ihr gleich viel besser ging. Endlich hatte sie ihr Leben wieder unter Kontrolle. „Ja, das ist es.“

„Wenn Sie mal wieder kurzfristig einen Tisch brauchen, fragen Sie einfach nach Carrie. Das bin ich.“

„Danke, Carrie. Werde ich mir merken.“

Die Gesetze des Marktes, dachte Chelsea, während sie ihren Wollschal aus der Tasche zog und sich ihn zweimal um den Hals wickelte. Dann marschierte sie in den kühlen, aber inzwischen wenigstens trockenen Herbstvormittag hinaus. Mit etwas Glück hast du das richtige Produkt und bist auf jedermanns Kurzwahltaste. Aber sobald du es wagst, in die falsche Richtung zu träumen, bist du erledigt.

Sie zog die Haare unter ihrem eng sitzenden Schal hervor und ging zur Tiefgarage, wo sie ihren Firmenwagen geparkt hatte.

Und träumte prompt in die falsche Richtung. Jeder Schritt rief die Erinnerung an den köstlichen Augenblick in den Armen des großen, gut aussehenden Fremden zurück. Aber leider stammte der aus einer Welt mit einer anderen Postleitzahl.

Chelsea war siebenundzwanzig, unabhängig, hatte den Babyspeck abgelegt und war noch lange vom mittleren Alter entfernt. Jetzt waren eigentlich ihre besten Jahre, aber der einzige Mann, für den sie sich in den letzten Wochen umgezogen hatte, war ihr Bankmanager gewesen.

Sie verspürte den plötzlichen Drang umzukehren, in das Restaurant zurückzumarschieren und die Blondine zu fragen, ob sie den Namen und die Telefonnummer von Mr Schlips-und-Kragen herausfinden konnte. Auch wenn er viel zu gut für sie aussah. Eigentlich war er zu schön für jede, ausgenommen vielleicht die drei oder vier tollsten Topmodels der Welt. Trotzdem hatte er sie angesehen, als ob … als ob er mehr von ihr wollte.

Er hatte sie an sich gezogen, wobei sich seine tollen blauen Augen verdunkelten. Wenn sie nur ein einziges Mal einen solchen Mann in sich spüren und ihn ihren Namen schreien hören dürfte, würde sie sich für den Rest ihres Lebens mit dem Singledasein abfinden.

Aber würde sie nach einer solchen Erfahrung je wieder Gefallen am normalen Leben finden?

3. KAPITEL

Damien platzte, ohne anzuklopfen in Calebs Büro.

Caleb war gerade damit beschäftigt, seine Hand lässig durch sein kurzes Haar gleiten zu lassen, während eine große schlanke Blondine ihren Rock gerade zupfte. Sie lächelte Damien kurz zu, huschte aus dem Büro und schloss die Tür hinter sich.

„Kenne ich sie?“, knurrte Damien.

„Das ist Zelda aus dem Schreibbüro. Sie hat meine Druckerpatrone ausgetauscht.“

Damien nickte. „Nett von ihr. Aber wie wär’s, wenn du dich in Zukunft selbst um deinen Drucker kümmerst? Das hier ist mein Büro, für das ich die volle Verantwortung trage. Übrigens brauche ich deine Hilfe.“

Caleb lehnte sich in seinem Stuhl zurück und stützte das Kinn auf die gefalteten Hände. „Was ist los, Boss?“

„Erinnerst du dich noch, dass ich zum Frühstücken das Amelie’s vorgeschlagen habe, weil man dort keine Handys duldet, und wie ich mich darüber aufgeregt habe, dass man heutzutage sonst nirgendwo mehr in Ruhe essen kann?“

Caleb nickte und täuschte tiefstes Verständnis vor. Aber als er sich vorbeugte und begann, mit der PC-Maus auf seinem Schreibtisch herumzuspielen, wusste Damien, dass er schnell zur Sache kommen musste.

„Als Rache für meine zugegebenermaßen technologiefeindlichen Gefühle hat man mir in der Garderobe das falsche Handy zurückgegeben.“

Caleb warf einen Blick darauf. „Es sieht genauso aus wie deins.“

„Aber es ist nicht meins.“

„Aber es sieht aus wie …“

Genau in diesem Moment begann es zu klingeln. Die beiden Männer starrten es an, während die Puderquasten-Melodie ertönte.“

„Stimmt, das ist nicht dein Handy“, sagte Caleb ausdruckslos. „Gib her.“

Damien nahm es hastig an sich. „Jedes Mal, wenn du auch nur in die Nähe meines Computers kommst, habe ich Porno-Pop-ups auf dem Bildschirm und muss den Techniker bitten, sie zu löschen. Inzwischen fragt Jimmy mich jeden Freitag, ob ich ihn und die anderen zur Peepshow begleiten will.“

„Ich kann dir unmöglich Pornoseiten raufladen, indem ich einfach nur rangehe.“ Caleb schnippte mit den Fingern, und Damien reichte ihm zögernd das Handy.

„Caleb am Apparat“, meldete sein Freund sich, lehnte sich im Stuhl zurück und stellte zunächst vernünftige Fragen. Dann senkte er die Stimme und begann zu plaudern. Damien stieß gegen seinen Schreibtisch.

„Schön, es war nett, mit Ihnen zu sprechen, Susan“, sagte Caleb und legte auf. „Sie hat nur zurückgerufen und wusste selbst nicht, wem das Handy gehört. Hättest du mich noch länger mit ihr reden lassen, wären wir vielleicht darauf gekommen.“

„Trotzdem!“

„Es gehört anscheinend einer Frau“, sagte Caleb.

„Ganz bestimmt sogar. Vorhin hat jemand angerufen und nach einer Chelsea London gefragt.“

„Kommt mir irgendwie bekannt vor.“

Caleb ließ seinen Daumen in Lichtgeschwindigkeit über die Handytasten gleiten.

„Durchsuchst du etwa ihre persönlichen Dateien?“, fragte Damien.

„Genau das.“

„Gute Idee.“ Er stellte sich hinter Caleb und sah ihm über die Schulter.

„Keine Fotos von ihr oder ihren Freunden. Anscheinend hat sie keine oder ist nicht gerade die Attraktivste. Aber wir haben Fotos von …“

Damien hob die Augenbrauen. Das erste Foto, auf das sie stießen, zeigte ein schwarzes nietenbesetztes Hundehalsband. Warum überraschte ihn das nicht?

„Schräg“, sagte Caleb.

„Genau dein Typ“, antwortete Damien.

„Haha! Okay, in ihrem Terminkalender steht ‚Frühstück@Amelie’s mit Kensey‘. Kensey? Klingt wie eine Wahrsagerin.“

„Und was jetzt?“

Caleb hielt das Handy in das durch das Fenster hereinströmende Sonnenlicht, als könnte er es so wieder zum Klingeln bringen. „Hast du eigentlich schon deine eigene Nummer angewählt? Vielleicht hat diese Chelsea ja dein Handy.“

Damien kniff die Augen zusammen und verfluchte sich im Stillen. Die Karamellblonde hatte offensichtlich mehr angerichtet, als nur schlafende Begierden in ihm zu wecken. Anscheinend hatte sie gleichzeitig auch seine Hirnzellen lahmgelegt. Das war ihm bei einer Frau, die er nicht einmal nackt gesehen hatte, noch nie passiert. Genau genommen auch dann nicht.

Plötzlich wurde ihm schmerzlich bewusst, dass sogar die letzten Auseinandersetzungen mit Bonnie seine Konzentrationsfähigkeit nie beeinträchtigt hatten. Sie hatte ihm vorgeworfen, ein unverbesserlicher Halliburton zu sein, dem nur die Arbeit etwas bedeutete. Es war ihm noch nicht einmal in den Sinn gekommen, dagegen zu protestieren.

Damien warf einen Blick auf die Uhr. Die Börse war schon seit fast einer Stunde geöffnet, und sie hatten noch nicht ein Geschäft abgeschlossen. So viel zum Thema Workaholic. Damien schnippte mit den Fingern, und Caleb reichte ihm das Handy.

Damien hielt es ans Ohr, ging zum Fenster und betrachtete die Skyline Melbournes. Der inzwischen strahlend blaue Himmel mit den weißen Wölkchen passte so gar nicht zu dem bedrohlich klingenden Freizeichen.

Gerade als Chelsea in die Tiefgarage unter dem Bankgebäude in der Brunswick Street einbog, begann das Handy auf dem Beifahrersitz so wild zu vibrieren, dass es fast vom Sitz rutschte.

Erschrocken fuhr Chelsea zusammen. Sie stellte ihr Handy nie auf Vibrieren. Es war ihr viel zu wichtig, um den Ton auszuschalten. Anscheinend hatte das Garderobenpersonal bei Amelie’s mit ihrem Klingelton herumgespielt. Sie würde sich dort schriftlich beschweren.

Chelsea parkte, nahm das Handy und ihre Handtasche und sprang aus dem Wagen. Während sie nach draußen ging, sah sie nach, woher der Anruf kam. Mit dem rechten Fuß blieb sie schlitternd stehen, als sie ihre eigene Handynummer auf dem Display erkannte.

Nur zaghaft meldete sie sich. „Chelsea London am Apparat.“

Nach einer Pause antwortete eine tiefe männliche Stimme. „Chelsea London, endlich habe ich Sie gefunden!“

Chelsea setzte sich langsam wieder in Bewegung. „Wer ist dran?“

„Mein Name ist Damien Halliburton von Keppler Jones and Morgenstern.“

Keppler Jones and Morgenstern? War das womöglich so eine Marktforschungsfirma? Die hasste sie! Sie riefen grundsätzlich immer dann an, wenn sie sich gerade mit einer Lasagne und Rotwein vor Dr. House niederließ. Die Stimme klang jedoch außergewöhnlich. Tief, gedehnt und lässig – sofort fiel einem richtig gutes Bettgeflüster ein.

Himmel! War sie etwa noch immer auf Heiß-und-schweißnass programmiert?

Sie schüttelte den Kopf und presste das Handy dichter ans Ohr, damit Mr Bettgeflüster die volle Wucht ihrer Enttäuschung darüber zu spüren bekam, dass ein Mann mit einer solchen Stimme einen solchen Job hatte.

„Mr Keppler-Jones oder Morgansowieso, ich antworte grundsätzlich nicht auf Umfragen.“

Nach einer langen Pause, die Chelsea als Sieg betrachtete, antwortete er: „Ich fürchte, Sie haben mich verwechselt, Miss London.“

Miss London? So, das reichte! Der Typ hatte keine Ahnung! Chelsea blieb vor dem Eingang des großen weißen Bankgebäudes stehen und verschränkte den freien Arm vor der Brust. „Klar doch! Woher zum Teufel haben Sie eigentlich meine Nummer?“

„Ich habe mehr als nur Ihre Nummer“, antwortete die tiefe Stimme. „Ich habe Ihr Handy.“

Sie riss das Telefon vom Ohr, als hätte es ihr einen Stromschlag versetzt, und starrte es an. Es war schwarz, hatte einen silbernen Rand und leuchtend weiße Tasten.

Chelsea ging durch die Glastür und presste das Handy wieder ans Ohr. Sie hörte gerade noch, wie der Mann seinen nächsten Satz beendete.

„… bei Amelie’s heute?“

Amelie’s? War er etwa ein verrückter Stalker?

„Wer auch immer Sie sind, sobald Sie es wagen, mich wieder anzurufen, werde ich noch vor Ihrem ersten schweren Atemzug die Polizei auf Sie hetzen!“

Sie legte auf und warf das Handy in die Handtasche. Dann holte sie tief Luft und marschierte zur Rezeption ihrer Bank. „Chelsea London. Ich bin mit Ihrem Kreditmanager verabredet.“

Damien hielt das Handy vom Ohr weg und starrte es einige Sekunden lang wortlos an.

„Alles geklärt?“, fragte Caleb.

„Eigentlich nicht. Anscheinend ist die Frau verrückt.“

„Kein Wunder, wenn man an das Hundehalsband denkt“, sagte Caleb.

Damien drückte auf Wahlwiederholung und wurde zur Mailbox weitergeleitet. „Sie geht nicht ran.“

„Vielleicht telefoniert sie ja gerade mit ihren durchgeknallten Verwandten in Übersee. Auf deine Kosten.“

Damien hatte keine Lust, sich Calebs Gerede noch länger anzuhören. Er stand auf und ging in sein eigenes Büro. Was hatte er eigentlich verbrochen, dass die Frauen auf einmal sein vor Kurzem noch beneidenswert einfaches, glückliches Leben durcheinanderbrachten?

Eine gute Stunde später betrat Chelsea das Gebäude, in dem sich der erste Pride & Groom-Salon von einem Einfraugeschäft zu einer renommierten Firma mit sieben Angestellten und drei Firmenwagen entwickelt hatte.

Sie warf die Handtasche auf den weißen Rattanstuhl in ihrem kleinen Büro. Ihre Muskeln schmerzten, als hätte sie eine Zentnerlast vom Parkplatz hierher schleppen müssen. Dabei waren es nur die zwölf Blätter ihres Kreditvertrags gewesen. Zwölf Blätter, auf denen stand, dass sie der Bank etwa eine Million Dollar schuldete, sobald sie unterschrieb.

Chelsea zog die Stiefel aus und ihre bequeme „Uniform“, bestehend aus ausgeblichenen Jeans und einem langarmigen weißen T-Shirt mit einem großen rosa Hundepfotenabdruck an.

Als sie sich die Schnürsenkel ihrer Sneakers zuband, wurde ihre Bürotür aufgestoßen, und Phyllis streckte den Kopf rein. „Wo zum Teufel hast du gesteckt? Ich habe bestimmt sechs Mal versucht, dich zu erreichen. Ich bin immer auf deiner Mailbox gelandet.“

„Tut mir leid, ich habe das Handy ausgestellt.“ Ausnahmsweise. Das Letzte, was sie während ihres Meetings mit dem Kreditmanager gebrauchen konnte, war ein verrückter Marktforschungs-Stalker.

Phyllis lehnte sich gegen den Türrahmen. „Und? Wie ist es gelaufen?“

„Alles bestens. Wir kriegen genug Geld, um zwei neue Salons zu kaufen und auszustatten.“

Phyllis stieß einen durchdringenden Jubelschrei aus. „Ich wusste es! Du bist ein cleveres Mädchen. Aber jetzt sei gewarnt. Die Joneses haben heute Pumpkin vorbeigebracht, sie hat anscheinend Magenprobleme. Sie hat das ganze Zimmer vollgekotzt. Lily hat Mittagspause, Josie muss jedes Mal würgen, wenn sie an dem Zimmer vorbeigeht, und ich würde ja gern sauber machen, aber ich habe Agathas Burmakatze. Wenn ich die noch länger allein lasse, dreht sie völlig durch.“

„Ruf die Joneses an und frag sie, ob wir Pumpkin zu Dr. Campbell bringen sollen. Dann gib mir ein paar Minuten, und ich mache sauber.“

Phyllis marschierte davon. Chelsea schob die Ärmel hoch und band die Haare zu einem Pferdeschwanz zurück. Sie fischte ihr Handy aus der Tasche und legte es auf eine freie Ecke ihres Schreibtisches, der mit To-Do-Listen und Hundekosmetikproben bedeckt war.

Sie starrte aus dem kleinen Fenster in den Rosengarten nebenan. Er verschwamm vor ihrem Blick, als sie eine Biene beobachtete, die von Blüte zu Blüte flog. Ihre Gedanken kehrten wieder zu Mr Schlips-und-Kragen zurück.

Ob er ebenfalls anders war, als es auf den ersten Blick aussah? Vielleicht zog er ja gerade einen Overall an oder trug Lycra-Unterwäsche unter seinem Hemd. Aber vielleicht lehnte er sich auch wie erwartet in einem Tausend-Dollar-Stuhl zurück, zählte sein Geld und lachte irre über die kleinen Arbeitsbienen, die sich abrackerten, um seine privilegierte Welt am Laufen zu halten.

Damien beugte sich in seinem deutschen Designerstuhl vor und schwang komfortabel hinter dem Eichenschreibtisch auf und ab.

Viel komfortabler als er es eigentlich verdiente, denn er war noch immer nicht so recht in Schwung gekommen. Seine Hormone hatten endgültig die Herrschaft über seine Hirnfunktionen übernommen. Und das alles nur wegen eines geschmeidigen Körpers, goldbrauner Augen, heller warmer Haut und langem gewellten Haar, das er noch nicht einmal berührt hatte.

Schluss jetzt! Es war heutzutage schließlich nichts Besonderes, wenn ein Mann und eine Frau unverbindlichen Spaß miteinander hatten. Wenn nicht mit ihr, dann halt mit einer anderen, nur bald musste es sein. Wenn er nur ihre Handynummer hätte!

Sein Blick glitt zu dem Handy auf seinem Schreibtisch, das den ganzen verdammten Morgen lang diese dämliche Melodie von sich gegeben hatte.

Er rieb sich die Augen und schüttelte den Kopf hin und her, bis er fast eine Gehirnerschütterung bekam. Dann legte er die Finger auf die Tastatur und rief die nächste E-Mail auf.

„Wie lief es bei der Bank?“ Kenseys Stimme drang aus dem Hörer von Chelseas Festnetztelefon.

„Die haben ihr Okay gegeben, aber ich habe noch nicht unterschrieben.“

„Chelsea!“

„Ich weiß, ich weiß! Die Gelegenheit ist einmalig. Aber das Risiko ist so groß.“

Kensey schwieg ein Weilchen, um sicherzugehen, dass ihre Schwester auch zuhörte. „Das hier ist nicht so eine Schwachsinnsfantasie von schnellem Reichtum, wie Dad sie hatte.“

„Du hast ja recht“, antwortete Chelsea. „Ich unterschreibe. Wahrscheinlich. Später.“

Sie klappte mit der freien Hand ihr Handy auf und starrte es an, wie schon unzählige Male zuvor. Noch immer erschien kein Pride & Groom-Logo auf dem Display. „Das ist nicht mein Handy.“

„Wem gehört es dann?“

„Wenn ich das wüsste, würde ich jetzt mit demjenigen und nicht mit dir reden.“

Plötzlich begann das Handy zu vibrieren. „Es klingelt“, flüsterte sie.

Kensey hörte auf, etwas zu kauen, was sich wie trockene Kekse anhörte. „Ich kann dran bleiben.“

„Nein, es ist nicht die zweite Leitung, sondern das Handy.“ Auf dem Display sah sie schon wieder ihre eigene Nummer. „Bleib dran, ich stelle auf laut. Vielleicht ist es ja wieder dieser Marktforschungstyp.“

Hastig drückte sie auf die Lautsprechertaste, hob vorsichtig das Handy hoch und antwortete. „Hallo?“

„Chelsea London?“, fragte dieselbe tiefe männliche Stimme wie vorhin.

„Am Apparat.“

„Hier ist wieder Damien Halliburton. Legen Sie nicht auf, bitte!“

„Ich höre.“

„Haben Sie heute bei Amelie’s gefrühstückt?“

„Habe ich.“

„Also Chelsea, ich glaube, man hat unsere Handys in der Garderobe vertauscht. Ich musste mir die Titelmelodie der Girlmore Girls öfter anhören, als ich mir je erträumt hätte. Kommt Ihnen das bekannt vor?“

„Allerdings.“ Und hatte viel mehr Sinn als die Stalker-Theorie. Chelsea wurde rot vor Wut, als Kenseys Lachen aus dem anderen Telefon drang, dass sie ebenfalls auf laut geschaltet hatte.

„Dann ist das Rätsel ja gelöst. Warum geben Sie mir nicht Ihre Adresse, und ich schicke ein Taxi …“

„Um Gottes willen!“, rief Chelsea. „Ich weiß ja nicht, wie viel Ihr Handy Ihnen bedeutet, aber in meinem steckt mein ganzes Leben. Es in dem dämlichen Restaurant abgeben zu müssen, war schon schlimm genug. Aber ich gebe es auf keinen Fall jemandem in die Hand, den ich nicht kenne.“

„Okay“, sagte er. „Dann werden wir uns treffen, um die Telefone auszutauschen.“

„Klingt viel besser.“ Plötzlich fiel Chelsea wieder der magenkranke Hund der Joneses ein. „Aber ich fürchte, dass ich hier nicht weg kann. Könnten Sie vorbeikommen? Ich arbeite draußen in Fitzroy.“

„Ich bin in der City. Und da ich die letzte Stunde damit verbracht habe herauszufinden, was passiert ist, bin ich mit meiner Arbeit ganz schön im Rückstand.“

„Okay. Wann sehen wir uns also?“

„Wie wär’s, wenn wir uns um sieben bei Amelie’s treffen?“

Schon die bloße Vorstellung, dorthin zurückzukehren, war ihr zuwider. Aber es machte Sinn. „Und wie erkennen wir einander?“

„Ist in solchen Fällen nicht eine Rose am Kragen üblich?“

Sie hob indigniert die rechte Augenbraue, auch wenn er das nicht sehen konnte. „Das ist eine geschäftliche Transaktion, Mr Halliburton, kein Blind Date.“

Er räusperte sich. „Richtig.“

„Hey, Chelsea.“ Kenseys Stimme.

„Bleiben Sie mal einen Moment dran.“

„Was?“, fragte sie ihre Schwester.

„Schickt euch doch gegenseitig ein Foto.“

„Was?“

„Mit euren Handys.“

Stimmt. Superidee!

„Haben Sie das verstanden, Mr Halliburton?“, fragte Chelsea.

Für eine Weile konnte sie nur unterdrücktes Stimmgewirr im Hintergrund hören. Beriet er sich etwa mit irgendeinem Komplizen? Dieser Tag wurde ja immer schräger!

Schließlich ging er wieder ran. „Wie macht man das?“

Chelsea blinzelte. „Ihr Handy funktioniert doch genauso wie meines.“

„Ich fürchte, ich muss Ihnen ein Geständnis machen.“

„Und das wäre?“

„Ich habe keine Ahnung von Technik. Ich kann noch nicht einmal einen Videorekorder programmieren.“

„Gut, dass heutzutage keine Videos mehr produziert werden. Es gibt nämlich nur noch DVDs.“

„Und ich habe mich schon gefragt, warum mein Rocky-Video nicht in den Schlitz passt.“

Chelsea musste lächeln. Jetzt, da sie wusste, dass er kein Stalker war, gefiel ihr sein Sinn für Humor genauso gut wie seine tolle tiefe Stimme. „Ein Technikfeind also. Dann bitten Sie doch Keppler-Jones oder Morgensowieso, Ihnen zu helfen.“

„Die sind schon tot und haben den Laden Idioten überlassen.“

„Ihnen zum Beispiel?“

Sein Lachen vibrierte durch das Handy.

„Sie haben es erfasst. Aber Gott sei Dank habe ich Angestellte. Gleich neben mir steht jemand, der bestimmt schon mehr Fotos verschickt hat als nötig.“

„Super.“

Eigentlich hätte sie auflegen und wieder an die Arbeit gehen müssen, aber das Einzige, was sie erwartete, war das Magenleiden-Desaster nebenan. Außerdem machte ihr der seltsame Wortwechsel allmählich Spaß. Unverbindlichen, anonymen Spaß, genau ihr Ding. „Vielleicht sollten wir die Anrufe notieren, die zwischenzeitlich auf unseren jeweiligen Handys eingehen.“

„Stimmt. Sorry, ich habe noch gar nicht erzählt, dass das Chic-Magazin schon ein paar Mal angerufen hat.“

„Chic?“ Chelsea ballte triumphierend die Hand. Sie hatte bisher noch auf die Bestätigung gewartet, einen zweiseitigen Beitrag über die Tier-Accessoires der Schönen und Berühmten bringen zu dürfen. Die perfekte Plattform, ihre baldige Expandierung anzukündigen. „Ich glaube, Sie haben gerade meinen Tag gerettet.“

„Also will man Ihnen nicht nur ein Abo andrehen?“

„Aber nein!“ Sie musste lachen, was nach dem stressigen Morgen so entspannend war wie eine lange Massage oder ein heißes Schaumbad.

„Falls man Ihnen bei Ihrem Rückruf erzählen sollte, dass ich auf Zebra-Unterwäsche stehe, glauben Sie kein Wort.“

Chelsea lehnte sich im Stuhl zurück und spielte mit ihrem Haar. „Ich wusste ja gar nicht, dass Chic Gerüchte in Umlauf setzt!“

„Ist das nicht skandalös?“ Er legte eine Kunstpause ein.

Chelsea holte tief Luft und atmete wieder aus. Ihre Anspannung löste sich bis in die Zehenspitzen.

„Irgendwelche Nachrichten für mich?“, fragte er mit gesenkter Stimme.

Diese Stimme! Ein Hitzeschauer überlief Chelsea.

Kenseys dämliche Schwangerschaft, dachte sie. Und, schlimmer noch, dämlicher Mr Schlips-und-Kragen! Er war der Grund dafür, dass die Stimme aus dem Telefon sie so aufwühlte. Sie kam sich vor wie eine Glühlampe, die man nicht ausschalten konnte.

„Nein“, antwortete sie und räusperte sich. „Der Einzige, der angerufen hat, war irgendein Typ, der behauptete, mein Handy gekidnappt zu haben.“

„Sie haben ihm doch hoffentlich gehörig die Meinung gesagt.“

Chelsea musste schon wieder lachen. „Und wie!“

„Braves Mädchen.“

Sie schwiegen erneut. Irgendwie war das Gespräch an einem toten Punkt angelangt.

Schließlich sagte sie: „Also … dann schicken wir uns jetzt die Fotos und treffen uns um sieben.“

Sie unterbrach die Verbindung und klappte langsam das Handy zu.

„Alle Achtung!“, sagte Kensey. Chelsea fuhr erschrocken zusammen. An ihre Schwester hatte sie überhaupt nicht mehr gedacht!

„Wie bitte? Alle Achtung was?“

„Da sprühten ja geradezu die Funken! Er steht auf dich. Und du brauchst noch nicht einmal nach seiner Nummer zu fragen! Du kennst sie auswendig.“

„Kensey …“, warnte sie.

„Er hat eine tolle Stimme“, sagte Kensey. „Wie Irish-Cream-Likör: samtweich und total schlecht für den Gleichgewichtssinn. Ruf ihn zurück. Oder besser noch, ruf bei Amelie’s an, buche einen Tisch für sieben Uhr und frage ihn beiläufig, ob er mit dir essen will, sobald er aufkreuzt.“

„Das geht doch nicht! Was, wenn er irgendein Irrer oder achtzehn Jahre alt oder verheiratet ist oder nach Fisch riecht oder Hunde hasst?“

„Vielleicht ist er nur groß, dunkelhaarig und gut aussehend, und diese ganze Handytauschgeschichte ist ein Wink des Schicksals.“

Bloß nicht! Für heute hatte sie genug von dunkelhaarigen gut aussehenden Fremden.

„Und? Welches Foto willst du ihm schicken?“, fragte Kensey.

„Ach, ich schieße schnell eins und …“

„Auf keinen Fall, die Qualität ist viel zu schlecht. Die Kinder sind noch zwei Stunden in der Schule. Ich komme vorbei, und wir produzieren ein süßes und leicht verruchtes Foto.“

„Kensey!“, rief Chelsea genervt, zum etwa zehnten Mal an diesem Tag.

„Keine Widerrede. Wir müssen sowieso noch über den Kredit reden. Wir sehen uns in einer Viertelstunde“, sagte Kensey und legte auf.

4. KAPITEL

Nach einer gefühlten Ewigkeit kündigte ein zarter Klingelton die Ankunft des Fotos auf dem Handy an.

„Lass mich zuerst ran, Damien“, bettelte Caleb.

„Niemals!“

„Ich will aber wissen, wie die schräge Katzenlady aussieht!“

„Jetzt ist sie also schon die Katzenlady?“

„Ich kann sie genau vor mir sehen. Wahrscheinlich trägt sie einen Sari und ist kahlköpfig. Beeil dich, ich kann es kaum erwarten!“

„Sie hat sich eindeutig nicht wie eine glatzköpfige Katzenlady angehört.“ Stattdessen klang sie … total sexy. Wahrscheinlich deshalb, weil sich seit seiner Begegnung mit der Karamellblonden jede Frau im näheren Umkreis in eine schnurrende Verführerin zu verwandeln schien, so als trüge er ein Schild um den Hals: Wieder Single, Frischfleisch, zu haben.

Vielleicht brauchte er mal einen ordentlichen Urlaub, irgendwo, wo es warm und einsam war. Nur Palmen und Kokosnüsse, keine Frauen und kein Handyempfang, dafür ausgezeichnetes Computerequipment, eine Klimaanlage und Vierundzwanzigstundenarbeitstage.

Er klappte das Handy auf. Jetzt würde er endlich herausfinden, mit wem er sich in ein paar Stunden treffen würde. Dann konnte er wieder an die Arbeit gehen wie jeder andere normale Mensch.

Das Foto baute sich auf dem Display auf. Damien blinzelte. Und blinzelte erneut. Beim Anblick des seidigen karamellfarbenen Haars, der hohen Wangenknochen und der zarten rosa Lippen überlief es ihn heiß. Diese goldbraunen Augen würde er unter Tausenden wiedererkennen.

Er ließ sich schwer auf seinen Stuhl fallen, schwang damit Richtung Fenster und rieb sich nachdenklich das Kinn.

„Und? Wie sieht sie aus?“, fragte Caleb und beugte sich über seine Schulter. „Die Katzenlady ist echt scharf.“

„Natürlich ist sie scharf“, sagte Damien aufgebracht. „Es ist sie!“

„Sie? Wer?“

„Die Frau aus dem Restaurant!“

„Aber die war doch blond und …“

„Doch nicht der Teenie mit dem G-String! Die, die in meine Arme gefallen ist, als du auf der Toilette warst. Ich habe sie dir doch gezeigt, bevor wir gingen.“

Caleb sah genauer hin. „Stimmt, du hast recht. Sie ist auch scharf.“

Damien warf das Handy auf den Schreibtisch und legte den Kopf in die Hände. „Ihr Ticket muss auf den Fußboden gefallen sein, als sie ins Straucheln kam, und ich Idiot habe es aufgehoben. Warum mussten wir ausgerechnet auch noch das gleiche Handy haben?“

„Du Glückspilz“, sagte Caleb. „Jetzt brauchst du nur noch einen Tisch zu buchen.“

Damien schüttelte den Kopf. „Ich habe mich gerade erst von Bonnie getrennt. Ich kann doch nicht …“

Plötzlich so heftig eine total Fremde begehren, hätte er fast gesagt. „Ich sollte mir mehr Zeit lassen, bevor ich etwas Neues anfange.“

„Du brauchst sie doch nicht gleich zu heiraten. Es geht schließlich nur um ein Essen. Vielleicht lässt sie dich ja schon auf dem Rückweg im Taxi ran. Klingt nach einem perfekten Dienstagabend, wenn du mich fragst.“

Damien versuchte, nicht hinzuhören. Was Frauen anging, hatte Caleb nämlich keine Ahnung. Aber die Fantasie, die dessen Worte in ihm wachrief, war zu verlockend.

„Rufst du bei Amelie’s an, oder soll ich es für dich tun?“

Damien sah seinen Freund finster an. „Hast du nichts zu tun?“

„Sklaventreiber!“ Caleb zwinkerte Damien zu und schlenderte anzüglich lächelnd aus dem Büro.

Sofort griff Damien nach dem Handy und reservierte einen Tisch. Auch wenn Caleb nichts über Frauen wusste, war sein Vorschlag vielleicht gar nicht so dumm. Es wurde allmählich Zeit, wieder aufs Pferd zu steigen.

Als Chelsea ins Büro zurückkehrte, fühlte sie sich genauso elend wie der arme Hund der Joneses. Sie war total durchnässt und verdreckt.

Das Handy auf ihrem Schreibtisch vibrierte so stark, dass sie die Schwingungen bis in ihren Körper spürte.

„Das geht schon seit zehn Minuten so“, erklärte Kensey, die Nase in einem Hundeaccessoire-Katalog vergraben.

„Und warum gehst du nicht ran?“, fragte Chelsea und wechselte ihr T-Shirt.

„Na gut“, seufzte Kensey, nahm das Handy, klappte es auf und starrte auf das Display. Dabei war ihr Gesicht so ausdruckslos, dass Chelsea sich Sorgen zu machen begann.

„Was ist los? Sag schon! Er ist es, oder? Sieht er gruselig aus? Ist er berühmt? Was?“

Kensey begann so heftig zu lachen, dass sie sich krümmte und den Bauch halten musste. Chelsea schnappte ihr das Handy aus der Hand.

Sie starrte auf das Bild. Es war etwas schief und schnitt das linke Ohr ab, aber sein Gesicht, das Gesicht war unverkennbar.

Volles, dunkles, perfekt geschnittenes Haar, eine gerade Nase und tiefblaue Augen. Damien Halliburton mit der sexy Stimme, Sinn für Humor und einer offensichtlichen Vorliebe für Zebra-Unterwäsche war exakt der Mann, dem sie in die Arme gefallen war.

Chelsea ließ sich in ihren Stuhl fallen. „Das ist er, oder? Es ist wirklich er.“

Kensey nickte.

„Und heute Abend muss ich zurück und ihn wiedersehen.“

„Stimmt genau.“

Chelsea betrachtete die nassen Flecken auf ihrer alten Jeans und wischte sich seifige Hundehaare aus dem Gesicht. „Er wird sich bestimmt nicht mehr an mich erinnern, oder?“

„Du hast gerade eine zweite Chance gekriegt, den Typen mit deinen Vorzügen zu blenden. Ist doch egal, ob er sich an dich erinnert oder nicht.“

Einem lange unterdrückten, unpragmatischen, romantischen, verträumten Anteil tief in ihr drin war das alles andere als egal.

„Was macht Mr Megagutaussehend eigentlich beruflich?“, fragte Kensey.

Chelsea rümpfte die Nase. „Ich glaube, er ist so eine Art Telemarketingmensch. Für Keppler Jones oder so.“

Kensey lachte schon wieder. „Ist dir eigentlich klar, was uns das Frühstück heute gekostet hat? Der Typ macht bestimmt kein Telemarketing.“

Sie stand auf und beugte sich über den Computer, gab den Namen des Mannes und „Keppler Jones“ in eine Suchmaschine ein und klickte das erste Ergebnis an. Auf dem Bildschirm erschien eine professionelle Website in Cremeweiß, Himmelblau und Grau. Cool, stilvoll und einschüchternd.

„Das sind Börsenhändler.“ Kensey ließ die Finger über die Tastatur gleiten. „Und jetzt zu Damien Halliburton.“

Seine Seite wurde geladen, und ein Foto erschien nebst einer kurzen Biografie und einer langen Liste seiner Erfolge, bedeutender Kunden und Lobeshymnen von Finanzmagazinen. Die beiden Frauen sackten ein wenig in sich zusammen. Er war anscheinend genau die Sorte Mann, bei der jede Frau weiche Knie bekam.

„Der ist wirklich ein Wahnsinn, Chelsea.“

„Stimmt.“

„Der Anzug steht ihm richtig gut.“

„Das auch.“

„Ich wette, ohne sieht er genauso toll aus.“

„Zu schade, dass du das nie erfahren wirst.“

„Du triffst ihn um sieben?“, fragte Kensey.

„Richtig“, sagte Chelsea und biss sich auf die Fingernägel.

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