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COLLECTION BACCARA, BAND 0310

NANCY WARREN

Hochzeitsfieber, neu entbrannt?

Eigentlich will Dexter in der Event-Agentur "Wo Träume wahr werden" nur einer Freundin bei der Hochzeitsplanung helfen – bis er auf Karen trifft. Seine hinreißende Ex zeigt ihm die kalte Schulter, was eine Neuauflage ihrer heißen Partnerschaft angeht. Doch Dexter hat bereits Feuer gefangen … Kann er die Leidenschaft wieder entfachen?

TERESA SOUTHWICK

Leidenschaft auf Rezept

Unfallchirurg Jake hat ein Problem: Hope Carmichael, die Oberschwester seiner Station, sieht äußerst reizvoll aus, scheint aber sehr kratzbürstig zu sein. Anfangs beschwört die streitlustige Blondine nur seinen Widerspruchsgeist herauf – und dann plötzlich auch wilde Fantasien. Vor allem, wenn er Hopes verführerische Lippen sieht …

HARLEQUIN BOOKS S.A.

Der Duft dieser Frau

Schon ihr ganzes Leben lang hat Tina auf einen Traummann wie Reid gewartet. Doch schöne, reiche Erbinnen findet der umschwärmte Reeder bestimmt viel begehrenswerter als eine Cinderella wie sie ... Warum aber zieht er Tina in seine Arme und küsst sie voller Lust und Leidenschaft – sollte Reid etwa ihre Gefühle erwidern?

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1. KAPITEL

„Ich fürchte, Stacey besteht auf dem Zirkusmotto“, sagte Patricia Grace mit einem beinahe flehenden Unterton. Ein Unterton, der Karen Petersham bestens vertraut war: Die Verzweiflung einer Mutter, die ihrer nach Strich und Faden verwöhnten Tochter keine Bitte abschlagen konnte, machte sich Luft. Als eine der erfolgreichsten Hochzeitsplanerinnen von Philadelphia hatte Karen sich oft genug mit verwöhnten „Prinzessinnen“ und deren exzentrischen Wünschen herumschlagen müssen, aber diese Braut toppte alles.

„Ein Zirkusmotto für eine Hochzeit ist ziemlich ungewöhnlich“, erklärte Karen behutsam. „Das kommt nicht allzu oft vor.“

„Na ja, es ist wegen ‚Cirque du Soleil‘.“ In einer hilflosen Geste hob Patricia die Hände.

„Cirque du Soleil?“ Was hatte dieses Show-Spektakel mit einer Hochzeitsfeier zu tun?

„Hudson hat Stacey bei ihrem ersten Date zu einer Vorstellung eingeladen. Die beiden fänden es furchtbar romantisch, ihre Hochzeit unter dieses Motto zu stellen.“

„Nun, da können wir ja froh sein, dass er sie bei ihrer ersten Verabredung nicht zum Eisfischen mitgenommen hat.“

Die Mutter der Braut lächelte matt. „Das kann man wohl sagen.“ Sie strich beiläufig den Saum ihres perfekt geschnittenen Gucci-Kleides glatt. „Die Cirque-Show bietet beides, Akrobatik und Clownerie, nicht wahr?“

„Zwei unverzichtbare Zutaten für die perfekte Hochzeit.“

„Genau.“ Patricia Grace, offenbar unempfänglich für die Ironie in Karens Worten, schenkte ihr ein dankbares Lächeln. „Stacey sagt, die Truppe von Cirque sei mal anlässlich der Oscar-Verleihung aufgetreten.“

Nur ein It-Girl aus Philadelphia brachte es fertig, seine Hochzeit mit der Oscar-Verleihung gleichzusetzen. Karen ahnte es schon, mit diesem Auftrag stand ihr ein wahrer Albtraum bevor. Allein die Tatsache, dass die Mutter der Braut  – nicht die Braut selbst – zu der Besprechung erschienen war, sprach Bände. Natürlich könnte Karen den Auftrag ablehnen und Mrs Grace an eine ihrer Konkurrentinnen verweisen. Doch das kam gar nicht in Frage. Zum einen, weil sie ihren ganzen Ehrgeiz daransetzte, selbst bei den absurdesten Vorstellungen ihrer Klienten noch das Beste aus der Feier zu machen. Zum anderen, weil sie sonst vor Langeweile sterben würde. Sie liebte die Herausforderung und würde sich auch dieser stellen.

Die goldenen Strahlen der Oktobersonne fielen durch die Fenster des verklinkerten Lagerhauses und überzogen den satten Karamellton des restaurierten Fußbodens mit einem sanften Schimmer. Karen hatte das Lagerhaus im Altstadtviertel von Philadelphia nach dem Kauf von Grund auf renoviert, um darin ihr florierendes Geschäft unterzubringen.

„Ich überlege mal, was mir dazu einfällt. Was halten Sie davon, wenn wir uns in zwei Wochen wieder zusammensetzen, möglichst im Beisein der Braut? Bis dahin erstelle ich Ihnen ein komplettes Konzept.“

Nachdem die Mutter sich verabschiedet hatte, tippte Karen rasch ein paar Stichpunkte, bevor sie ihr Büro verließ. „Ich gehe rasch rüber zu Chelsea“, informierte sie ihre Assistentin Dee, als sie den Empfangsbereich durchquerte. Nichts Außergewöhnliches, immerhin suchte sie ihre Freundin, die Inhaberin des Catering-Services „Hammond & Co.“, mindestens einmal täglich auf, entweder, um etwas Geschäftliches zu besprechen, oder einfach nur auf ein Plauderstündchen. Der kurze Fußmarsch war oft ihr Ersatz für den Besuch im Fitnessstudio.

Karen schlüpfte in einen leichten Mantel und setzte sich ihre Sonnenbrille auf, dann machte sie sich auf den Weg. Als sie das kleine Feinkostgeschäft betrat, das dem Partyservice angegliedert war, arrangierte Chelsea gerade eine Schüssel mit Quinoa-Salat in der Auslage. Dass es sich um Quinoa handelte, entnahm Karen dem Schild neben der Schüssel, nicht dem Inhalt. Im Gegensatz zu ihrer Freundin hatte sie ein eher gespaltenes Verhältnis zu Nahrungsmitteln aller Art und versuchte, so wenig wie möglich daran zu denken. Kochbücher waren nicht ihre Sache – und die allgegenwärtigen Kochsendungen im Fernsehen, in denen umwerfend attraktive Männer umwerfend leckere Gerichte zauberten, schon gar nicht. Zwei Dinge, denen ihre ganze Sehnsucht galt. Vor allem Letzteres war aber leider gar nichts für sie, weil ihre weiblichen Rundungen bei ihren einssechzig ohnehin deutlicher ausfielen, als ihr lieb war.

Chelsea – von der Natur mit einer gertenschlanken Figur ohne übermäßige Kurven ausgestattet – bedachte Karen mit einem breiten Lächeln. „Perfekt! Du kommst gerade pünktlich zum Kaffee.“

„Meinen bitte mit Sahne. Und dazu eine deiner tückischsten Kalorienbomben, ja?“

„Das aus deinem Mund, obwohl du doch ständig auf Diät bist? War ein schlimmer Tag, was?“, fragte Chelsea mitfühlend.

„Die Braut will ein Zirkusmotto. Und dabei schwebt ihr nichts Geringeres als der Cirque du Soleil vor.“

Chelsea goss dampfenden Kaffee in zwei Becher und belud einen Teller großzügig mit verführerischen Leckereien. „Ich bin oben, falls ihr mich sucht“, rief sie in Richtung Küche und lief dann mit Karen im Schlepptau die schmale Treppe zu ihrem Büro im ersten Stock hinauf.

„Würde mich nicht wundern, wenn für die Hochzeitsnacht Trapeze und menschliche Pyramiden auf dem Programm stünden“, beklagte sich Karen.

„Ups, jetzt klingst du beinahe zynisch“, erwiderte die Freundin zwinkernd.

„Du hast gut reden – mit deinem dicken Verlobungsring am Finger. Ich dagegen bin eine verbitterte geschiedene Frau. Die Hochzeitsplanerin, die nicht an die Liebe glaubt. Klingt herrlich melodramatisch, oder?“

„Jetzt übertreib nicht, du hast nur noch nicht den richtigen Mann gefunden“, sagte Chelsea beschwichtigend.

„Hey, ich bin fünfunddreißig. Und die Bräute werden jedes Jahr jünger.“ Sehnsüchtig fixierte Karen einen vor Schokolade triefenden Brownie. „Und dünner. Am besten, ich gebe es auf und lasse mich gehen. Mich sieht ja sowieso niemand nackt. Wenn ich schon keinen Sex kriege, kann ich mich wenigstens mit Essen trösten.“

„Du bist nicht dick, sondern wohlproportioniert.“ Chelseas Blick folgte Karens. „Ich kenne dich. Wenn du dir den Brownie genehmigst, fühlst du dich hinterher schlecht. Die Zitronenschnitte hingegen ist erlaubt. Hau rein.“

„Du bist so gut zu mir.“ Seufzend schnappte sich Karen die Süßigkeit und biss genüsslich hinein.

Mit Chelsea hatte sie wirklich einen guten Griff getan, nicht nur wegen ihrer überragenden Kochkünste. Ihr Glück, dass Hammond & Co. exklusiv für „If You Can Dream It“ tätig war, was bedeutete, dass keine andere Hochzeitsplanerin Chelseas Künste in Anspruch nehmen konnte. Ein Arrangement zur beiderseitigen Zufriedenheit, das Chelsea immer volle Auftragsbücher garantierte und Karen stets begeisterte Kunden.

Chelsea öffnete eine Computerdatei. „Wann soll das denkwürdige Ereignis stattfinden?“

„Hängt vom Terminplan des Cirque du Soleil ab.“

„Wow.“

„Du sagst es. Anscheinend kennt der Bräutigam jemanden, der es eventuell schafft, die Truppe zu einem Auftritt bei der Hochzeit zu überreden.“ Sie schüttelte frustriert den Kopf, als sie daran dachte, was sie sich mit diesem Auftrag eingehandelt hatte. „Wir brauchen einen großen Saal, einen richtig hohen. Die Braut träumt von einem waschechten Zirkuszelt.“

„Hm, ich spiele mal ein paar Ideen fürs Menü durch.“ Chelsea spitzte nachdenklich die Lippen und tippte rasch etwas in ihren Computer. „Laurel wird begeistert sein.“

Laurel Matthews: die beste Konditorin, die man sich vorstellen konnte. Ihre Torten waren echte architektonische Meisterwerke und schmeckten dazu noch zum Niederknien lecker.

„Diese Herausforderung wird sie zur Hochform auflaufen lassen“, schmunzelte Karen. „Übrigens, ich habe eine Anfrage für eine Hochzeit im Mai oder Juni nächsten Jahres. Passt das in deinen Terminplan?“

Chelsea sah verblüfft auf. „Klar, wieso denn nicht?“

Eigentlich wollte Karen etwas ganz anderes wissen, scheute aber eine direkte Frage. Seit einer ganzen Weile schon versuchte sie, auf subtile Weise in Erfahrung zu bringen, ob für die dauerverlobte Freundin nun bald die Hochzeitsglocken läuten würden. Sie beschloss, es endlich auf die direkte Art zu versuchen. „Na ja, ich dachte, du brauchst vielleicht ein bisschen Urlaub, um zu heiraten.“

Chelsea winkte lässig ab, wobei der Klunker an ihrem Finger in der Sonne funkelte. „Ach, nur keine Sorge, das kriegen wir schon noch hin. Derzeit sind wir beide zu beschäftigt.“

„Der Kerl sollte aufhören, Zicken zu machen“, versetzte Karen spitz. Schon einmal hatte er Chelsea durch sein Verhalten fast verloren. Wann begriff David Wolfe endlich, welch hinreißende Frau ihm das Schicksal auf dem Silbertablett serviert hatte?

„Alles in Ordnung, Karen, wirklich“, bekräftigte Chelsea.

Karen glaubte ihr kein Wort. Doch sie kannte ihre Freundin gut genug, um zu wissen, dass diese ihr Herz nicht auf der Zunge trug. Wenn sie so weit war, würde sie sich Karen schon anvertrauen.

Als Karen in ihr Geschäft zurückkehrte, fühlte sie sich zumindest besser, was ihre neue Kundin und deren exzentrische Tochter betraf. Irgendwie würde sie auch diese Herausforderung meistern.

Nachdem sie sich bei Dee zurückgemeldet hatte, verschwand Karen in ihrem Büro und schloss die Tür. Auf dem Hepplewhite-Schreibtisch stand lediglich ihr Laptop, daneben lagen ein in Leder gebundenes Terminbuch und der Stapel mit den Telefonnotizen. Karen hatte es gern übersichtlich, so konnte sie besser arbeiten. Sie beschloss, die zehn Minuten bis zum nächsten Termin mit der neusten Ausgabe einer Hochzeitszeitschrift zu überbrücken. Interessiert blätterte sie darin. Im Gegensatz zu früher, als Kriege weit weg schienen und die Leute gern zwanglos an einsamen Südseestränden gefeiert hatten, wurden bei modernen Hochzeiten gern alte Traditionen wiederbelebt.

Karen überflog gerade einen Artikel über Brautsträuße, die auch für Allergiker geeignet waren, als der Summer der Gegensprechanlage ertönte und die Stimme ihrer Assistentin durch den Raum schallte. „Ms Vanderhooven und ihr Verlobter sind da.“

„Danke, Dee, ich komme gleich.“

Mit einem raschen Blick in den Handspiegel, den sie in einer Schublade ihres Schreibtischs aufbewahrte, überprüfte sie ihr Aussehen: keine verräterischen Kuchenkrümel in den Mundwinkeln, das rote Haar ordentlich zu einer sanften Rolle zusammengefasst, der Mascara nicht verschmiert. Sie trug einen Hauch Lipgloss auf und schlüpfte in ihre imposanten High Heels, die sie ihrer Traumgröße von einem Meter siebenundsiebzig näherbringen sollten.

Ein sorgfältig einstudiertes Lächeln auf den Lippen, verließ Karen ihr Büro, um die neuen Kunden zu begrüßen. Dabei würde sie sich wohlweislich auf die Braut konzentrieren, sie war immer die eigentliche Chefin bei dem ganzen Prozedere, während der männliche Part nur am Rand eine Rolle spielte.

Im Empfangsbereich angekommen, erstarrte ihre zum Gruß ausgestreckte Hand mitten in der Bewegung, und Karen stockte der Atem. Der Mann, der sich in diesem Moment aus dem Sessel erhob, war ihr nur zu gut bekannt.

Gewohnt lässig und umwerfend attraktiv, beherrschte er mit seiner männlichen Präsenz den Raum. Aus seinen intelligenten grauen Augen erwiderte er amüsiert ihren Blick. Sein Haar war noch immer voll und dunkel, nur einzelne graue Strähnen zeigten sich an den Schläfen und machten ihn womöglich noch attraktiver. Schweigen – dann endlich durchbrach eine weibliche Stimme das lastende Schweigen.

„Hallo, mein Name ist Sophie Vanderhooven. Freut mich, Sie kennenzulernen.“ Die junge Frau ergriff Karens Rechte. „Das ist Dexter Crane.“

Mechanisch schüttelte Karen die Hand ihrer Kundin und gab sich Mühe, die entgleisten Gesichtszüge zurechtzurücken. „Freut mich ebenfalls.“ Sie nickte dem Mann zu, der sie weiter unverwandt musterte. „Mr Crane.“ Wieder entstand eine kurze Pause, dann riss Karen sich zusammen. „Wenn Sie mir bitte in mein Büro folgen wollen?“

Als sie sich umdrehte, um vorauszugehen, spürte sie seinen Blick auf ihrem Rücken. In diesem Moment verdammte sie jede überflüssige Kalorie, die sie seit ihrer Trennung von Dexter Crane vor fünf Jahren leichtsinnig konsumiert hatte. Das war wirklich das Letzte, was sie wollte: in den Augen ihres Ex fett aussehen.

Besonders von hinten.

„Für wann planen Sie und Mr Crane Ihre Hochzeit?“, erkundigte Karen sich mit professioneller Höflichkeit, nachdem sie sich hinter ihrem Schreibtisch verschanzt hatte. Einladend deutete sie auf die beiden chintzbezogenen Besuchersessel gegenüber.

Auf ihre Frage erntete sie ein kultiviertes, wohlklingendes Lachen von Sophie. „Oh, Dexter ist nicht der Bräutigam, sondern der Trauzeuge. Mein Verlobter befindet sich zurzeit geschäftlich im Ausland und hat ihn gebeten, für ihn einzuspringen, damit ich mich nicht allzu sehr von meiner Begeisterung hinreißen lasse.“

Karen sah auf und begegnete Dexters Blick. Die Situation amüsierte ihn offensichtlich. Mistkerl!

„Ich verstehe.“ Mit gedämpfter Stimme fügte sie hinzu: „Noch einmal davongekommen.“

„Wie bitte?“, fragte die Braut nach.

„Ich sagte, wie gut, dass Sie rechtzeitig gekommen sind. Die schönsten Locations sind immer so schnell ausgebucht. Okay, was schwebt Ihnen so vor, Ms Vanderhooven?“

Die Ideen der jungen Frau deckten sich mit den neusten, von den einschlägigen Zeitschriften propagierten Trends. Sie hatte ihre Hausaufgaben gemacht.

„Ach ja, ich tendiere zu einem nicht allergenen Brautstrauß, falls einer der Gäste unter einer Pollenallergie leidet.“

Es entstand eine kurze Pause. Karen nahm Zuflucht zu ihren Notizen, während sie überlegte, wie sie am besten die wahren Wünsche, die nicht von den ständig wechselnden Trends der Zeitschriften-Gurus inspiriert waren, aus ihrer Kundin herauskitzeln sollte.

„Natürlich bin ich offen für Vorschläge“, räumte Sophie schon weniger selbstsicher ein.

Dexter ergänzte: „Ich könnte mir eine zwanglose Feier nett vorstellen, zum Beispiel eine Gartenhochzeit.“

Karen rutschte der Kugelschreiber aus der Hand und zog eine krakelige Linie durch das Wort Braut auf ihrem Notizblock.

Sie und Dexter hatten sich in einem märchenhaften Blumengarten das Jawort gegeben. Den Duft der Rosen, Lilien und Iris – ihre Lieblingsblumen – hatte sie noch heute in der Nase. Auch jetzt versetzte seine Bemerkung sie wieder an jenen magischen Tag zurück, als sie von einer paradiesischen Zukunft an der Seite dieses faszinierenden Mannes geträumt hatte.

Dumme Gans.

„Ich bin mir sicher, Ms Vanderhooven kann allein entscheiden, welche Hochzeit sie sich wünscht.“

„Eigentlich nicht“, fuhr ihr die Braut in die Parade. „Wie gesagt, ich bin offen für Vorschläge. Andrew schätzt Dexters Rat sehr, deswegen hielten wir es auch für eine gute Idee, dass er mich begleitet.“

„Ein ungewöhnlicher Name, Dexter“, sinnierte Karen unter zusammengezogenen Brauen. „Erinnert mich irgendwie an einen Serienmörder aus dem Fernsehen.“

Er warf ihr einen leicht gereizten Blick zu und erklärte, Dexter sei der Mädchenname seiner Mutter. Als ob sie das nicht genau wüsste. Dann stand er auf. „Im Stehen kann ich besser denken. Wissen Sie, Mrs Petersham – was dagegen, wenn ich Sie Karen nenne? –, ich glaube, die meisten Leute möchten ihre Hochzeit, diesen Bund fürs Leben, zu einem unvergesslichen Ereignis machen, an das sie auch noch nach fünfzig Jahren voller Rührung zurückdenken.“

Karen funkelte ihn wütend an, während sie spürte, wie ihr die Hitze ins Gesicht stieg. „Was Sie nicht sagen.“

Für den Rest des Tages plagten Karen rasende Kopfschmerzen. Daran war nur die unerwartete Begegnung mit ihrem Ex schuld … nicht etwa die Tatsache, dass sie das Mittagessen ausgelassen hatte, oder? Natürlich wusste sie, dass der Verzicht auf diese paar Kalorien ihr eher schadete und sie ihrem Traumgewicht auch nicht näher brachte. Schließlich hatte sie genug Diät-Ratgeber studiert. Doch es gab Situationen, da verweigerte sie sich einfach deren Logik. Und handelte sich einen hämmernden Schädel ein, so wie heute, indem sie einfach eine Mahlzeit unterschlug.

Da keine weiteren Termine anstanden, zog sie sich in ihr Büro zurück und brütete über der monatlichen Abrechnung – eine überflüssige Quälerei, da sie sich sowieso nicht konzentrieren konnte. Ständig kreisten ihre Gedanken um den Augenblick, als Dexter Crane in ihr Leben zurückgekehrt war. Damit er ihr für eine ganze Weile auf die Nerven gehen konnte. Ms Sophie und ihr Verlobter schienen derart angetan von Dexters Beratertalenten, dass sie wohl schwerlich darauf verzichten würden. Pech für mich. Die Erkenntnis sorgte dafür, dass sie die beiden letzten Schmerztabletten aus ihrem Medizinschränkchen mit einem Glas Wasser hinunterstürzte.

Nach einer Besprechung mit Laurel, die ihr die köstlichsten Tortenversuchungen auf ihrem Skizzenblock präsentiert hatte, gab Karen schließlich dem bohrenden Hungergefühl nach und wärmte sich eine Diätmahlzeit in der Mikrowelle auf. Als das melodische Klingeln an der Tür einen späten Besucher ankündigte, wunderte sie das nicht. Das konnte nur Dexter sein. Im Grunde hatte sie fast damit gerechnet, dass er sie heute noch einmal mit seiner Gegenwart beglücken würde.

Was sollte sie tun? Das Klingeln ignorieren oder die Tür öffnen?

Sie entschied sich für Letzteres. Seufzend schob sie die Füße wieder in die Folterinstrumente von Schuhen, die unter ihrem Schreibtisch lauerten, und ging ohne Eile zur Eingangstür.

Im Dämmerlicht kam Dexter ihr fast wie ein Fremder vor – so groß und elegant. Und nicht mehr wie ihr Mann, wie sie sich streng in Erinnerung rief.

„Du siehst gut aus, Kiki“, sagte er sanft.

Gegen ihren Willen musste sie lächeln. „So hat mich schon seit Jahren keiner mehr genannt.“

„Gut.“

Die Abendluft war kühl, und Karen fröstelte.

„Bittest du mich herein?“

Zerstreut trat sie beiseite. „Aber klar doch, rein mit dir.“

Karen führte ihn in ihr Büro, wo er interessiert den Blick schweifen ließ, als sähe er den Raum zum ersten Mal. „Sehr geschmackvoll“, sagte er anerkennend. „Du hast es weit gebracht.“

Nicht im Vergleich zu ihm. Nach ihrer Trennung hatte er in New York eine steile Karriere als Architekt hingelegt. Er galt als unumstrittener Experte, wenn es darum ging, halb verfallene, unter Denkmalschutz stehende Gemäuer in neuem Glanz erstrahlen zu lassen. Deswegen wohl auch seine anerkennende Bemerkung, weil es ihr gelungen war, eine perfekte Synthese aus dem alten Stil des Lagerhauses und ultramoderner Architektur zu schaffen.

„Gehört dir das Gebäude?“, erkundigte er sich.

„Nicht, dass es dich etwas angeht, aber ja, es gehört mir.“

Er nickte bedächtig. „Schlaues Mädchen.“

„Zu schlau, um mich von dir einwickeln zu lassen.“ Sie seufzte. „Also, was willst du, Dex?“

„Das weiß ich selbst nicht so genau.“ Er strich sich nachdenklich übers Kinn. „Ich wusste natürlich, dass du den Laden hier betreibst, aber ich dachte, es sei lustig, dich zu überraschen.“

„Die Überraschung ist dir gelungen.“ Lustig fand sie es allerdings nicht, im Gegenteil, sie hatte sich eher wie vom Schlag getroffen gefühlt.

Er sah sie aus forschenden grauen Augen an. „Sophie hast du unsere gemeinsame Vergangenheit allerdings verschwiegen.“

„Ach, weißt du, ich fand es nicht gerade geschäftsfördernd, ausgerechnet vor einer Kundin meine Scheidung zum Thema zu machen.“ Sie sah ihn scharf an. „Hast du es ihr erzählt?“

„Nein.“ Er nahm ihren goldenen Kugelschreiber vom Schreibtisch und ließ den Daumen über das eingravierte Monogramm gleiten. „Das wollte ich dir überlassen.“

Der Stift war ein Geschenk von ihm aus besseren Zeiten. Schon bereute Karen, dass sie den Kuli aus sentimentalen Gründen behalten hatte und täglich benutzte. „Wir verschweigen dem glücklichen Paar also, dass Trauzeuge und Hochzeitsplanerin vor Jahren mal miteinander verheiratet waren?“

„Ja, ich glaube schon.“

„Und dass wir einander hassen?“

Er legte den Stift zurück, straffte die Schultern und sah sie an. „Böse Worte, tz, tz. So unfreundlich habe ich nie über dich gedacht. Ganz im Gegensatz zu dir, was meine Person betrifft.“

Plötzlich musste sie sich heftig zusammenreißen, um ihn nicht spüren zu lassen, wie sehr sie ihn vermisste. „Was führt dich hierher? Ich meine, nach Philadelphia. Du arbeitest doch jetzt in New York.“

„Stimmt. Zurzeit bewerbe ich mich hier für ein Projekt. Ein richtiger Leckerbissen, weißt du? Ein betagtes Gebäude mit bemerkenswerter Substanz. In seinen besten Zeiten diente es als Wohnhaus, dann als Lagerhaus, schließlich als Pension. Unverwüstlich.“ Er geriet ins Schwärmen, und seine Augen leuchteten vor Enthusiasmus. „Auch die ursprüngliche Fassade ist noch recht gut intakt. Der Kunde möchte sie erhalten, nur ein bisschen aufpolieren. Natürlich fallen etliche Modernisierungsarbeiten an, allerdings immer unter Berücksichtigung der ursprünglichen Architektur. Aus dem Komplex soll ein Designhotel mit angegliederten Nobelläden werden.“

„Klingt aufregend. Genau deine Kragenweite.“

„Stimmt. Ich bin auch ganz scharf auf den Auftrag. Falls alles klappt, werden wir uns in nächster Zeit wohl öfter sehen.“

Sie hob skeptisch die Brauen.

„Na ja, bei den Hochzeitsvorbereitungen für Sophie und Andrew.“

Er wirkte so aufrichtig – und sexy noch dazu –, dass sie für einen Augenblick fast den Grund für ihre Scheidung vergaß: die schlanke blonde Sexgöttin, die Karen dabei ertappt hatte, wie sie halbnackt ihren Ehemann umschlang. Karen hatte sich eingestehen müssen, dass das Exmodel und ihr Mann wie geschaffen füreinander schienen – beide hochgewachsen, strahlend attraktiv, erfolgsverwöhnt. Diese Erkenntnis war fast noch das Erschreckendste an dem ganzen Fiasko gewesen.

„Deine unerwartete Mutation zum Fachmann in Hochzeitsangelegenheiten erstaunt mich. Die Institution Ehe bedeutet dir doch nicht viel, wenn ich mich recht erinnere“, bemerkte sie spitz.

„Wie gesagt, ich habe nichts gegen dich. Das Verspritzen von Gift war immer deine Spezialität“, konterte er lässig.

„Oh, ich bin längst über die Sache hinweg.“ Mithilfe endloser, tränenreicher Abende im Kreis ihrer Freundinnen und unverschämt teurer Sitzungen bei einer Psychotherapeutin. „Inzwischen habe ich akzeptiert, dass unsere Ehe ein Fehler war.“

„Gekämpft hast du jedenfalls nicht darum.“

Der wohlbekannte alte Groll stieg in ihr hoch, doch sie biss sich auf die Zunge und zählte bis zehn. „Warum sollte ich darum kämpfen, einen untreuen Mann zu halten?“

Er schüttelte unwillig den Kopf. „Wie oft soll ich noch wiederholen, dass zwischen dieser Frau und mir nichts lief? Sie war betrunken und ist ziemlich durchgedreht.“

„Tja, wie soll ich sagen? Du schienst nicht allzu begierig, sie abzuschütteln.“

„Oh, ganz im Gegenteil, glaub mir. In jener Nacht hätte ich gut deine Hilfe brauchen können. Aber du musstest ja gleich die betrogene Ehefrau rauskehren und mich in selbstgerechter Empörung verlassen.“

Wie sehr sie damals gewünscht hatte, ihm glauben zu können, aber sie hatte es nicht getan und tat es auch jetzt nicht. Gespielt gleichmütig zuckte sie die Achseln. „Wir haben uns wohl beide ineinander getäuscht.“

„Ja, offenbar.“

Er schob die Hände in die Hosentaschen und lehnte sich gegen ihren Schreibtisch. Vor dem zierlichen Möbelstück wirkte er noch männlicher. Einen absurden Moment lang fürchtete sie fast, es könnte unter seinem Gewicht zusammenbrechen, aber genau wie sie war es aus hartem Holz gemacht.

„Du bist immer noch die heißeste Frau, die ich kenne.“

„Oh, bitte.“

„Wir zwei, das lief doch super, erinnerst du dich nicht? Am meisten vermisse ich dich in meinem Bett“, bekannte er mit einem herausfordernden Blitzen in seinen Augen.

Unter seinem Blick begann ihr Herz zu pochen. Oh ja, und wie sie sich erinnerte. Wenn sie Dexter gerade einmal nicht für seine Untreue verfluchte, verfluchte sie ihn dafür, dass sie viel zu oft an seine Talente im Bett denken musste: Der Sex mit ihm war zärtlich und doch wild, schnell und hart oder unendlich romantisch, immer jedoch unglaublich intensiv. Es erfüllte sie mit heimlicher Genugtuung, dass er sie in dieser Hinsicht offenbar nicht hatte ersetzen können. Oder tat er nur so, war das ein weiterer seiner Tricks? Wie konnte sie ihm je wieder vertrauen?

Sie zwang sich, seinen Blick kühl zu erwidern, holte tief Luft und platzte mit der größten Lüge ihres Lebens heraus: „Tut mir ja sehr leid, aber ich vermisse dich eigentlich gar nicht.“

Wobei sie eins außer Acht ließ: Nichts stachelte Dexters Jagdinstinkt so sehr an wie eine Zurückweisung. Sie sah es in seinen Augen, eine Mischung widerstreitender Gefühle, die sie nicht recht benennen konnte.

Im nächsten Augenblick stand er vor ihr, zog sie in die Arme. Das geschah so blitzschnell, dass ihr keine Chance zum Ausweichen blieb. Er erstickte ihren Protest mit seinen Lippen, drückte Karen an sich, bis sie sich von selbst der warmen Geborgenheit seiner Umarmung ergab und sich sehnsüchtig an ihn schmiegte.

Sein Kuss, eben noch fordernd und hart, wurde zunehmend zärtlicher. Er begann ein lustvolles Spiel mit ihrer Zunge, bis ihre Erregung einen Punkt erreichte, wo Karen sich kaum noch beherrschen konnte. Zu lange hatte sie ihre Sehnsucht unterdrückt. Keuchend klammerte sie sich an Dexter und erwiderte seine Küsse mit wilder Leidenschaft. Würde er sie gleich hier auf ihrem Hepplewhite-Schreibtisch nehmen wollen oder auch auf dem harten Parkettboden, sie würde es geschehen lassen, das wussten sie beide.

So plötzlich, wie er sie an sich gerissen hatte, gab er sie frei und trat schwer atmend einen Schritt zurück. Amüsiert zwinkernd sagte er: „Ich fürchte, ich glaube dir nicht.“

Auf dem Weg zur Tür drehte er sich noch einmal um. „Arbeite nicht zu lange.“

2. KAPITEL

„Wie findest du den hier?“, wollte Dee wissen, während sie gemeinsam mit Karen die Anzeigen beziehungswilliger Männer in einer Internet-Partnerbörse studierte. Dee hatte Karen sogar dazu überreden können, einen eigenen Account zu eröffnen, was Dee mit gewohnter Effizienz in ihre fähigen Hände genommen hatte. Keine vierundzwanzig Stunden zuvor hätte Karen es im Traum nicht für möglich gehalten, sich bei einer Partnervermittlung anzumelden. Was eine unverhoffte Begegnung mit dem Ex nicht alles bewirken konnte … Sie brauchte dringend eine Ablenkung vom charismatischen Dexter. Ein anderer Mann musste her, das war die Lösung.

Allerdings nicht dieser Mann, dessen Konterfei sie jetzt vom Bildschirm aus anstarrte. „Seine Rechtschreibung ist eine Katastrophe, besten Dank. Schließlich will ich nicht seine Nachhilfelehrerin werden.“ Energisch schüttelte Karen den Kopf.

Seufzend klickte Dee auf den nächsten Kandidaten. Irokesenschnitt, tätowierte Arme, Stachelhalsband. „Ieh!“, riefen die beiden Freundinnen wie aus einem Mund.

Das dritte Profil schien da schon vielversprechender: ein gepflegter, durchschnittlich gut aussehender Mann mit Brille, im Besitz seiner vollen Haarpracht. Und – auch nicht zu unterschätzen – fähig, sich korrekt auszudrücken. „Hier steht, er ist Finanzbuchhalter, war nie verheiratet und ist auf der Suche nach einer festen Partnerschaft.“ Dee blickte auf. „Klingt okay, oder?“

„Ja.“ Rasch überflog Karen sein Profil. „Er schreibt, er möchte die Sache langsam angehen. Prima, ich nämlich auch.“

„Super, dann senden wir ihm mal einen Wink.“ Flink drückte Dee ein paar Tasten, bevor Karen es verhindern konnte.

„Was hast du gemacht?“, wollte sie besorgt wissen.

Dee lachte unbeschwert, wie es eine junge Frau von Anfang zwanzig nun mal tat, die Daten noch als Spaß betrachtete und nicht als ernsthafte Herausforderung. „Du hast ihn gerade wissen lassen, dass du interessiert bist. So läuft das Ganze. Man schickt sich einen Wink.“

„Oh Gott, ich fürchte, dafür bin ich noch nicht bereit“, stöhnte Karen.

„Und ob du das bist.“ Gute Laune versprühend, tänzelte Dee aus dem Büro. „Ruf mich, wenn du mich brauchst.“

Sie war kaum durch die Tür, da ließ ein seltsamer Signalton ihres Laptops Karen panisch hochfahren. „Ich brauche dich“, flötete sie.

Dee spurtete zurück und spähte ihr über die Schulter. „Hey, er hat dir auch einen Wink geschickt.“

„Ist das gut?“

„Das ist sogar megagut. Es bedeutet, er hat dein Profil gelesen und ist interessiert. Jetzt gerade ist er online, ihr könnt also chatten. Guck, er hat dir eine Nachricht gesendet. Klick mal hier.“

Hallo, Karen. Ich sehe, du bist noch unbeleckt.

„Was soll das denn?“, empörte sich Karen. „Ist das ein Perverser?“

„Nun beruhig dich mal. Lies weiter. Er meint, du bist neu auf der Site.“

„Oh, jetzt schreibt er: ‚Hier ein paar weitere Infos über mich‘. Ups, ich glaube, der hat seinen kompletten Lebenslauf angehängt.“

„Gib dem Typen doch eine Chance. Und vergiss nicht, im Netz tummeln sich Tausende. Du kannst also getrost weitersuchen, wenn der dir nicht gefällt.“

„Okay, danke.“

Karen las weiter. Der Mann hatte ihr sein vollständiges Profil geschickt, an dem tatsächlich nicht viel zu einem ausführlichen Lebenslauf fehlte. Jedenfalls fühlte sie sich nach der Lektüre ausführlich über seinen schulischen und beruflichen Werdegang informiert. Sie ertappte sich bei der Überlegung, wie sehr ihre kleine Firma von den Diensten eines fähigen Finanzbuchhalters profitieren könnte, und rief sich streng in Erinnerung, dass sie eine Romanze suchte, keinen Mitarbeiter.

Er hieß Ron und schien ein netter Kerl zu sein. Keine schillernde Persönlichkeit, was ihr nur recht war. Zum Beispiel war sie sich ziemlich sicher, dass er eine Frau nicht über ihren Schreibtisch warf, um sie dann bis zur Besinnungslosigkeit zu küssen. Zumindest nicht, ohne sie vorher um Erlaubnis zu bitten. Und ganz bestimmt würde er anschließend nicht mit der Genugtuung, dass sie ihm hoffnungslos verfallen war, aus ihrem Büro stolzieren und die Ärmste hilflos ihrer Verwirrung und ihrer Wut überlassen.

Was ihn im Gegensatz zu einem gewissen anderen Typen zum perfekten Kandidaten für ein Date machte.

Also beschloss Karen, ihm zu antworten und ihm ein bisschen über sich zu erzählen. Anschließend loggte sie sich aus und widmete sich wieder ihrer Arbeit.

Als sie am Ende des Tages noch einmal ihre E-Mails checkte, entdeckte sie eine Antwort von Ron. Sie musste sich eingestehen, dass ihr dieses harmlose Geplänkel Spaß zu machen begann. Ron lud sie zum Kaffee ein. Das sei unverfänglich, und wenn es nicht funkte, müsse man nicht ein endlos langes Dinner über sich ergehen lassen, sondern könne sich nach einer Stunde höflich voneinander verabschieden. Er mache das immer so. Aha.

Was halten Sie davon? schloss er seine Mail.

Was sie davon hielt? Keine Ahnung. Höchste Zeit, Chelsea um Rat zu fragen.

„Online-Dating?“, staunte die Freundin wenige Minuten später. „Wow. Ich selbst kenne mich da nicht aus, aber ein paar meiner Freundinnen haben auf diese Weise eine feste Beziehung oder sogar einen Ehemann gefunden.“

Karen biss mit Appetit in eine Zitronenschnitte, die Chelsea ihr in weiser Voraussicht hingestellt hatte. „Ehrlich gesagt, habe ich keine Ahnung, was ich da überhaupt tue. Ich glaube, ich habe Angst.“

„Angst? Du? Honey, du engagierst Akrobaten für Hochzeitsfeiern, schleifst Bräutigame kurz vor knapp zu ihrer eigenen Vermählung, löst Familienkonflikte, die einen ganzen Stab von Psychologen und Psychiatern auf Trab halten könnten. Hey, nicht zu vergessen die halsbrecherische Aktion, als du mit deinen High Heels einen Baum hochgeklettert bist, um eine Lichterkette anzubringen. Eine Tasse Kaffee mit einem Finanzbuchhalter kriegst du glatt auch noch hin.“

„Du hast recht.“ Karen legte sich eine Hand auf die Brust, an der Stelle, wo ihr Herz wie wild pochte.

„Was ist los?“ Chelsea nahm sie kritisch in Augenschein. „Du bist ja völlig von der Rolle. Es steckt doch mehr dahinter als nur diese Verabredung?“

„Oh, Chelsea, das ist so ein furchtbarer Schlamassel.“ Nachdem sie sich den letzten Bissen der Zitronenschnitte genehmigt hatte, schüttete sie der Freundin ihr Herz aus. Sie erzählte ihr alles, angefangen bei ihrer ersten Begegnung mit Dexter, über ihre Ehe mit ihm bis zu seinem gemeinen Verrat und der anschließenden Scheidung. Und dem Kuss in ihrem Büro.

„Mistkerl“, lautete Chelseas vernichtender Kommentar. „Und jetzt bildet er sich ein, er könne unangemeldet bei dir hereinschneien und dich flachlegen? Kann ja wohl nicht wahr sein!“ Sie schüttelte empört den Kopf. „Ein paar heiße Dates, das ist genau das, was du brauchst. So kommst du auf andere Gedanken.“

„Stimmt.“ Karen nickte gehorsam.

„Weißt du was? Was hältst du von einem Weiberabend?“, fuhr Chelsea fort, die sich zunehmend für das Thema erwärmte.

„Oh, super Idee.“ Ein unbeschwerter, stressfreier Abend im Kreis ihrer Freundinnen war überhaupt die beste Medizin.

„Also abgemacht.“ Als Karen den Mund öffnete, um etwas zu erwidern, stoppte Chelsea sie mit den Worten: „Und, Mrs Chefplanerin, die Organisation dieses Abends überlässt du ausnahmsweise mal mir, verstanden? Deine einzige Aufgabe ist es, dich zu amüsieren.“

Spontan fiel Karen ihr um den Hals. „Verstanden. Danke.“

Am Freitagmorgen hatte Karen eine aufgeregte Sophie Vanderhooven in der Leitung. „Die Torte für Melissa Stanhopes Hochzeit morgen soll ja sensationell sein, wie man hört.“

„Ein kleines Meisterwerk, stimmt. Unsere Konditorin Laurel hat wirklich ein Händchen für ausgefallene Kreationen.“

„Kann ich solch eine Torte nicht auch für meine Hochzeit bestellen?“

Hatte diese Frau denn gar keine eigenen Ideen? „Sicher, wenn auch nicht die gleiche. Laurels Torten sind Unikate, immer auf das jeweilige Event zugeschnitten. Aber sie kreiert die Torte gern nach Ihren Vorgaben.“

Ein schwerer Seufzer drang an ihr Ohr. „Mutter möchte eine ganz traditionelle Hochzeitstorte, gekrönt von einem Plastik-Brautpaar“, klagte Sophie. „Das ist so gar nicht mein Ding, ich hätte es lieber ein bisschen romantisch, wissen Sie.“

„Machen Sie sich bitte keine Sorgen, wir finden bestimmt einen Kompromiss, der Sie beide zufriedenstellt“, erwiderte Karen diplomatisch.

„Na, hoffentlich. Tja, wir sehen uns dann morgen bei Melissas Hochzeit.“

„Oh ja, natürlich. Allerdings nehme ich nicht als Gast teil“, rief sie der jungen Frau in Erinnerung. „Wenn ich meinen Job gut mache, werden Sie mich gar nicht bemerken.“

Sophie lachte auf ihre vornehme Art. „Das wird wohl kaum passieren, schließlich sind Sie nicht zu übersehen.“

Was sollte das jetzt heißen?

Nachdem sie den Hörer aufgelegt hatte, stand Karen auf und ging nach vorn in den Empfangsbereich. „Dee? Sag mal, habe ich irgendwas an mir, was Aufmerksamkeit erregt?“

Dee blickte von ihrer Arbeit auf und blinzelte irritiert. „Hmm … du hast Amy Adamsꞌ Gesicht und Haare, eine Figur wie Marilyn Monroe und kommst selbstbewusst daher. Alles hört auf dein Kommando. Passt prima zu deinem Job. Also, ja. Du bist ziemlich bemerkenswert und nicht zu übersehen.“

„Oh. Und ich hielt mich immer für eine Meisterin der Diskretion.“ Sie machte auf dem Absatz kehrt, um in ihr Büro zurückzukehren.

„Apropos diskret“, rief Dee ihr nach. „Wann triffst du diesen Finanzbuchhalter?“

„Sonntagnachmittag zum Kaffee.“

„Großartig. Ich kann es kaum erwarten, am Dienstag deinen Bericht darüber zu hören.“

„Wie ist der Wetterbericht für morgen?“

Das hatte die tüchtige Dee natürlich längst gecheckt. „Traumhaft. Das perfekte Wetter für eine Hochzeit im Spätherbst.“

Die Meteorologen sollten recht behalten. Als Karen am nächsten Morgen aufstand, begrüßte sie ein trockener, sonniger Tag. Nachdem sie geduscht und ihre üppige Haarpracht in einem strengen Ballerina-Dutt gebändigt hatte, schlüpfte sie in einen marineblauen Bleistiftrock und eine schlichte weiße Bluse. Die Füße schob sie in ein Paar ebenfalls marineblauer High Heels. Diskret und professionell: So sollte eine Hochzeitsplanerin auftreten, wie sie fand.

Ein Gesicht wie Amy Adams. Haha. Dee war wohl auf eine Gehaltserhöhung aus.

„Der Trauzeuge ist noch nicht da“, zischte Mr Stanhope ihr ins Ohr.

Oh, oh. Die erste Panne bei dieser Hochzeit. „Hat schon jemand versucht, ihn auf seinem Handy zu erreichen?“

„Natürlich, aber er geht nicht ran.“

Sofort schaltete Karen innerlich auf Aktionsmodus. „Ich kümmere mich sofort darum. Machen Sie sich bitte keine Sorgen, Mr Stanhope, für Probleme aller Art haben Sie ja mich. Ich verzögere jetzt erst mal die Ankunft der Braut.“

Ihre professionelle Art und das beruhigende Lächeln erzielten den gewünschten Effekt. Die eben noch ziemlich ungesund rote Gesichtsfarbe des Brautvaters normalisierte sich merklich.

„Ich bin wirklich froh, Sie an Bord zu haben“, brummte er.

„Im schlimmsten Fall müssen wir einen Ersatzmann finden. Auf jeden Fall garantiere ich Ihnen einen Trauzeugen, so oder so.“ Damit ließ sie ihn vor der Kirche stehen und steuerte ohne erkennbare Eile auf den Parkplatz zu. Immer neue Gäste trafen ein, die Braut wurde in einer Viertelstunde erwartet.

Karen setzte sich in ihren Wagen und suchte in ihren Unterlagen nach der Telefonnummer des Trauzeugen. Ihre Versuche, ihn auf seinem Festnetzanschluss und seinem Handy zu erreichen, schlugen fehl. Beide Male wurde sie aufgefordert, eine Nachricht auf der Mailbox zu hinterlassen, was sie auch tat. Mist. Das lief gar nicht gut.

Rasch kontaktierte sie den Fahrer der Brautlimousine und wies ihn an, einen Umweg zu fahren. „Ich brauche zusätzliche fünf Minuten.“

„Kein Problem, ich fahre die Ladys noch ein bisschen spazieren.“

Nachdem das erledigt war, kehrte sie durch einen Seiteneingang in die Kirche zurück und huschte in die Sakristei, wo der Bräutigam sich mit seinen Begleitern aufhielt.

Er reagierte gefasst, wurde nur ein bisschen blass um die Nase. „Ich bringe Brian um. Er hat versprochen, rechtzeitig hier zu sein.“

„Gehört er zu den notorischen Zuspätkommern?“

„Eigentlich nicht.“

In diesem Augenblick zirpte ihr Handy. Der Trauzeuge, Gott sei Dank. Er hatte eine Reifenpanne und würde es nicht mehr rechtzeitig schaffen. „Kein Grund zur Panik, ich hole Sie ab. In fünf Minuten bin ich da.“ Karen wandte sich an den Bräutigam. „Suchen Sie für alle Fälle einen Ersatzmann aus, okay?“

„Und was ist mit den Ringen?“

Ein triumphierendes Lächeln um die Lippen, zog sie ein Paar schlichter Goldringe aus ihrer Tasche. „Hier. Ich habe immer Ersatz dabei. Viel Glück, das kriegen wir schon hin.“

Gerade, als sie die Kirche verließ und auf den Parkplatz zuhielt, traf Sophie Vanderhooven in Begleitung eines gut aussehenden Mannes ein. Dexter Crane. Natürlich. Sie hätte sich ja denken können, dass Sophie ihn mit anschleppen würde. Allein traute sie sich offensichtlich nirgends hin, wenn ihr Verlobter auf Dienstreise war.

Da sie ihre neue Kundin nicht vor den Kopf stoßen wollte, indem sie grußlos an ihr vorbeibrauste, hielt Karen kurz an und ließ die Scheibe herunter. „Sie sehen toll aus, Sophie.“ Das war aufrichtig gemeint. Das elegante blaue Kostüm unterstrich perfekt ihren klassischen Typ.

„Danke. Ich kann es gar nicht erwarten, Melissa vor den Altar treten zu sehen.“

„Sie verlassen die Hochzeit vor Beginn der Zeremonie?“, fragte Dex erstaunt.

Direkt von ihm angesprochen, blieb ihr nichts anderes übrig, als ihn anzusehen. Natürlich musste sie sofort wieder an den heißen Kuss in ihrem Büro denken und spürte im selben Augenblick, wie ihr eine verräterische Röte ins Gesicht stieg.

Sie zwang ein, wie sie hoffte, cooles Lächeln auf ihre Lippen und erwiderte leichthin: „Natürlich nicht. Nur eine kleine organisatorische Angelegenheit, die ich regeln muss. Wir sehen uns später.“ Mit einem lässigen Winken gab sie Gas.

Zufrieden blickte Dex ihr hinterher. Er hatte sie zum Erröten gebracht, immerhin. Das war zumindest ein Anfang.

„Was läuft da zwischen euch?“ Sophie warf ihm einen neugierigen Seitenblick zu. „Du guckst Karen immer so seltsam an, das ist mir neulich schon aufgefallen.“

„Sie ist eine attraktive Frau“, erwiderte er ausweichend.

„Und wird jedes Mal rot wie ein verliebter Teenager, wenn du sie ansiehst.“ Sophie hakte sich bei ihm unter. „Hey, ich bin nicht von gestern, Dex. Sag schon, was ist los?“

Er kannte Sophie gut genug, um zu wissen, dass er ihr nichts vormachen konnte. „Du bist ein cleveres Mädchen.“

„Ich weiß“, strahlte sie. „Spuck’s endlich aus, Dex. Ich verspreche auch, es niemandem zu erzählen. Außer vielleicht Andrew“, schränkte sie mit einem schelmischen Lächeln ein.

Sophie und Andrew wussten zwar, dass er geschieden war, mehr aber nicht. Ihre Freundschaft reichte nicht bis in die Zeit seiner Ehe mit Karen zurück. Jetzt ließ es sich wohl nicht länger vermeiden: Er musste die Karten auf den Tisch legen.

Die Vergangenheit hatte ihn eingeholt.

„Ich war mal mit Karen verheiratet“, bekannte er.

Sophie schnappte erstaunt nach Luft. „Wirklich? Ich fasse es nicht … Und, was hast du jetzt vor?“

„Keine Ahnung, ehrlich. Ich wollte sie überraschen, deshalb hatte ich mich nicht vorher angekündigt, als wir den Termin bei ihr hatten. Aber …“

„Der Schuss ging nach hinten los.“ Sophie sah ihn wissend an. „Zwischen euch prickelt es noch, versuch gar nicht erst, das zu leugnen.“

Sophie hatte recht. In dem Augenblick, als er Karen nach all den Jahren wiedergesehen hatte, hatte er gewusst, dass es nicht vorbei war. Jedenfalls nicht für ihn. „Versuch ich ja gar nicht.“

„Warum habt ihr euch getrennt?“

„Sollten wir nicht langsam mal reingehen?“, unternahm er ein Ablenkungsmanöver.

„Keine Eile. Der Mann da hinten vor dem Kirchentor ist Melissas Vater. Himmel, sieht der gestresst aus. Das bedeutet, die Braut ist noch nicht da.“ Sophie zog Dex um die Ecke, um ungestört mit ihm reden zu können. „Mach schon, raus mit der Sprache. Was ist passiert?“

Im Nachhinein kam ihm die ganze Geschichte so lächerlich vor, dass er sie kaum erzählen mochte. Er tat es trotzdem und schloss mit den Worten: „Diese Halbirre war völlig betrunken und hat sich mir an den Hals geworfen. Karen ist total ausgeflippt. Sie zweifelte keine Sekunde daran, dass ich sie betrüge.“

„Und? Hast du?“ Sophie fixierte ihn forschend aus ihren großen blauen Augen.

„Nein, das wäre mir nicht im Traum eingefallen. Ich habe Karen geliebt.“

„Warum ist sie dann so fest vom Gegenteil überzeugt?“

Dex lehnte sich mit dem Rücken gegen die kühle Steinmauer der Kirche. „Das habe ich mich auch lange Zeit gefragt.“

„Wie heftig ist diese Frau denn auf dich losgegangen?“

„Tja, es war schon ziemlich derb. Für Karen muss es so ausgesehen haben, als würden wir einander in wollüstigem Verlangen die Kleider vom Leib reißen.“ Komisch, er hatte die Szene noch nie aus ihrem Blickwinkel betrachtet, war zu beschäftigt mit seiner Empörung darüber gewesen, dass Karen ihm einen so miesen Betrug zutraute.

„Habt ihr euch denn nie ausgesprochen?“, wollte Sophie wissen.

„Nein, das einzige Gespräch, das Karen suchte, war das mit ihrem Scheidungsanwalt. Kaum hatte sie mich aus dem Haus geworfen, machte sie einen Termin.“

„Wow, was für ein Schlamassel.“

„Das kannst du laut sagen.“

„Trotzdem verstehe ich nicht, warum sie nicht um eure Ehe gekämpft hat.“

„Hm, das hat sicher mit der Ehe ihrer Eltern zu tun. Ihr Dad hat ihre Mom jahrelang immer wieder betrogen, bis diese endlich die Nase voll hatte und die Scheidung einreichte. Vielleicht erwartete Karen unbewusst, dass es ihr nicht besser ergehen würde.“

„Dann solltest du sie schleunigst davon überzeugen, dass es treue Ehemänner gibt, die ihre Frauen lieben. Und dich als Musterbeispiel dieser Gattung präsentieren.“

„Warum sollte ich? Wir sind längst geschieden. Das alles ist doch Schnee von gestern.“

Sophie schüttelte den Kopf. Die Strahlen der goldenen Herbstsonne brachten ihr blondes Haar zum Leuchten, sodass sie einen Augenblick lang wie ein Engel mit einem Heiligenschein wirkte. „Kein Wunder, dass du nie angebissen hast, wenn ich dir eine meine Freundinnen unterjubeln wollte.“ Ein mitfühlendes Lächeln um die Lippen, tätschelte sie ihm die Schulter. „Glaub mir, Dex, du bist noch immer in deine Frau verliebt.“

Karen entdeckte den verschollenen Trauzeugen ohne Schwierigkeiten. Er war der einzige Mann an der Schnellstraße, der einen Smoking trug und aussah, als wolle er sich jeden Moment vor den nächsten Wagen werfen. Nachdem sie ihn eingesammelt hatte, stimmte sie mit dem Fahrer der Brautlimousine die Ankunft ab und brauste im Eiltempo zur Kirche zurück.

Sie ließ Brian vor dem Seiteneingang raus, parkte den Wagen und eilte zum Vordereingang, wo in diesem Augenblick die Braut mit ihrer Entourage eintraf. Es folgte die übliche Routine: Der Schleier wurde zurechtgezupft, alle Beteiligten wurden ermahnt, tief Luft zu holen und das Lächeln nicht zu vergessen. Dann konnte es endlich losgehen. Am Arm ihres Vaters schritt die strahlende Braut beim Hochzeitsmarsch den Gang zum Altar entlang. Geschafft!

Kaum hatte die Zeremonie begonnen, schlüpfte Karen unbemerkt aus der Kirche und rief Chelsea an, die für das leibliche Wohl der Hochzeitsgesellschaft verantwortlich war. „Ich wollte dir nur Bescheid sagen, dass das Brautpaar und die Gäste etwa eine Viertelstunde später kommen, okay?“

„Okay, alles klar. Wir sehen uns gleich.“

Karen machte sich auf den Weg zu dem Lokal, einem romantischen Landhaus, wo der Empfang stattfinden sollte. In der Küche herrschte kreatives Chaos, gebändigt von einer souveränen Chelsea, die selbst die Aufgabe, ein Dinner für hundertfünfzig Personen vorzubereiten, nicht erschüttern konnte.

Als Karen den großen Festsaal betrat, blickte sie sich zufrieden um. Alles entsprach genau ihren Vorstellungen, eine gelungene Komposition aus warmen Herbsttönen, der Jahreszeit entsprechend. Die satten Rot-, Grün- und Goldtöne der Blumenarrangements und der Tischdekoration harmonierten perfekt mit der Mahagonitäfelung des Raums. In beiden Kaminen brannte Feuer, Kerzen in silbernen Leuchtern warteten darauf, angezündet zu werden. Die Tische waren festlich gedeckt, das Silber und die Kristallgläser funkelten, das feine Porzellan schimmerte matt.

Ihr Handy klingelte. Es war Dee, die sie wie verabredet darüber informierte, dass die Hochzeitsgesellschaft sich soeben auf den Weg zum Lokal gemacht hatte. So konnte Karen rechtzeitig am Eingang des Lokals Posten beziehen, um das Brautpaar in Empfang zu nehmen.

Es wurde ein wunderschönes Fest, das alle Beteiligten in vollen Zügen genossen und das Karen mit Genugtuung erfüllte – die erst am Schluss getrübt wurde, nachdem alle gegangen waren. Und zwar durch Dexter Crane, der sich ganz selbstverständlich zu ihr gesellte

„Du hast großartige Arbeit geleistet“, sagte er anerkennend. „Ich bin beeindruckt.“

„Du bist noch da? Sophie ist doch schon los.“ Ups, zu spät merkte sie, dass sie sich verplappert hatte.

„Ich habe ihr erzählt, dass mich jemand mitnimmt und sie ruhig schon fahren könne.“ Er zuckte mit den Schultern und sah wie immer umwerfend aus in seinem perfekt sitzenden schiefergrauen Anzug.

„Ach, wer denn? Sind doch schon alle weg“, schnappte sie.

„Du, dachte ich“, erwiderte er mit einem entwaffnenden Lächeln. „Oder? Sonst rufe ich mir eben ein Taxi.“

„Na gut, du kannst mitfahren. Aber du musst warten, bis ich hier fertig bin.“

„Kein Problem. Kann ich mich irgendwie nützlich machen?“

„Hm, du könntest beim Beladen des Vans helfen.“ Was eigentlich nicht nötig war, denn natürlich hatte sie eine Crew angeheuert, die das Aufräumen besorgte. Doch sie war wütend auf Dexter und hoffte insgeheim, dass sein makelloser Anzug einen Fleck abbekam.

Als könne er ihre Gedanken lesen, zog er das Jackett aus und legte es ihr um die Schultern. „Sei so lieb und pass darauf auf.“ Dann krempelte er die Ärmel hoch und machte sich an die Arbeit.

Karen, schwach, wie sie nun einmal war, konnte der Versuchung nicht widerstehen, ihre Arme in die Jackenärmel zu schieben. Das teure Kleidungsstück verströmte den dezenten Duft eines ebenfalls teuren Eau de Toilettes und war noch warm von Dexters Körper.

Um sich auf andere Gedanken zu bringen, ging Karen in die Küche und sah dort nach dem Rechten. Chelsea hatte schon zusammengeräumt und war bereit zum Aufbruch.

„Alles klar?“, wollte die Freundin wissen.

„Ja, mir tun nur die Füße weh.“ Karen lächelte erschöpft. „Aber wir haben es wieder einmal geschafft: Ein Traum wurde Wirklichkeit.“

„Stimmt. Ich hatte ja so meine Zweifel, was die Torte in Form von Cinderellas Kutsche betraf, das fand ich ein bisschen zu dick aufgetragen. Aber die Leute schienen begeistert.“

„Man ist eben nie zu alt für Märchen.“

„Apropos Märchen: Wer ist der Märchenprinz, der da draußen Kisten schleppt, und warum trägst du seine Jacke?“

„Das ist kein Märchenprinz, sondern mein Ex“, erklärte Karen grimmig.

„Wow.“ Diese Information musste Chelsea offensichtlich erst einmal verdauen. „Das ist der Mistkerl? Zu schade. Er sieht umwerfend aus.“

„Kann man so sagen.“

Beide blickten aus dem Fenster, um andächtig zuzusehen, wie besagter Mistkerl gerade einen schweren Tisch hochhob und diesen scheinbar mühelos in den Van lud. „Zumindest scheut er sich nicht, sich die Hände schmutzig zu machen.“

„Nein.“ Das hatte Karen schon immer an ihm gefallen. Der Star-Architekt, der sich nicht zu fein dafür war, selbst mit anzupacken. Im Gegenteil, er schien es zu lieben, seine Entwürfe selbst in die Tat umzusetzen. Oft genug war er verschwitzt und mit verschmutzter Kleidung nach Hause gekommen, ein Anblick, der bei ihr immer heftiges Herzklopfen ausgelöst hatte, weil er dann ganz besonders männlich gewirkt hatte.

Chelsea riss sich als Erste von seinem Anblick los. „Okay, ich muss dann mal weg, zu meinem eigenen Märchenprinzen. David wartet sicher schon.“

„Klar. Ich wünsche dir einen schönen Sonntag.“

Karen war wie üblich die Letzte, die sich auf den Heimweg machte. Aber ganz gegen ihre sonstige Gewohnheit heute mal in männlicher Begleitung.

Dex folgte ihr zu ihrem Wagen. Es war ziemlich kühl geworden, und ein kalter Wind war aufgekommen. Karen drehte die Heizung auf die höchste Stufe. „Wo soll ich dich absetzen?“

Sein Blick wanderte zu ihren Lippen. „Oh, ich hatte gehofft, wir könnten da weitermachen, wo wir neulich Abend aufgehört haben.“

3. KAPITEL

„Wie bitte?“ Karens Empörung war eine schauspielerische Meisterleistung, wie sie sich dies selbst nicht ohne Stolz bescheinigte. Schließlich kannte sie ihren Ex gut genug und hätte wetten mögen, dass hinter seiner scheinheiligen Frage mehr steckte als die Bitte um eine Mitnahmegelegenheit.

Dummerweise kannte Dex sie mindestens ebenso gut, weshalb er sie jetzt unter spöttisch hochgezogenen Brauen musterte. „Komm schon, du willst es doch auch. Und ich halte dich für ehrlich genug, dich jetzt nicht hinter moralinsaurer Entrüstung zu verstecken. Das hattest du doch vor, oder?“

Womit er den Nagel auf den Kopf traf, denn genau dazu war sie fest entschlossen: Leugnen um jeden Preis. Karen seufzte frustriert. Allmählich fühlte sie sich ein bisschen überfordert – sich gleichzeitig mit einem Mann herumzuschlagen, den sie längst aus ihrem Leben verbannt zu haben glaubte, und die erotischen Fantasien in Schach halten zu müssen, die ihr in seiner Nähe unweigerlich in den Sinn kamen. Himmel, der Sex mit ihm war immer fantastisch gewesen.

„Ich kann nicht …“

„Jetzt tu nicht so, als ob du dich nicht daran erinnerst, wie heiß es im Bett zwischen uns war“, sagte Dex, als hätte er schon wieder ihre Gedanken gelesen. Er streckte die Hand aus und fuhr mit den Fingerspitzen unter ihren Rocksaum. „Und nicht nur im Bett“, fügte er schmunzelnd hinzu. „Weißt du noch, damals, die Spritztour mit meinem ersten fabrikneuen Auto?“

„Nein“, log sie.

Was ein großer Fehler war, denn jetzt fühlte er sich verpflichtet, ihr Gedächtnis aufzufrischen.

Ich weiß es noch genau. Wir fuhren damals gemeinsam zu dem Autohändler, um den Schlitten abzuholen, einen silbernen Opel.“

Es war zwar ein grüner Ford gewesen, doch Karen war fest entschlossen, seinen geschickt ausgelegten Köder nicht zu schlucken. Sie rückte auf ihrem Sitz ein Stück näher Richtung Tür, was Dex nicht davon abhielt, weiterhin mit ihrem Rocksaum zu spielen. Natürlich hätte sie seine Hand wegstoßen können, wollte aber keine große Sache daraus machen. Außerdem genoss sie, was er da tat, und es war so schrecklich lange her …

„Es war Sommer, und du hattest ein rotes Kleid an.“

Irrtum. Sommer stimmte, doch sie trug nie Rot. Unmöglich bei ihrer Haarfarbe. Das Kleid war blau gewesen.

Seine forschende Hand glitt höher. „Na, klingelt es jetzt bei dir?“

„Nein.“ Ha!

Dexters Stimme klang plötzlich rau. „Wir fuhren einfach ins Blaue, ohne Ziel, und landeten unten am Fluss. Nirgends eine Menschenseele.“

So ganz ziellos war der Ausflug bestimmt nicht gewesen. Das war ihr in dem Augenblick bewusst geworden, als er eine Flasche Wein und zwei Gläser aus seiner Aktentasche hervorgezaubert hatte.

Er neigte den Kopf näher zu ihr, seine Stimme klang jetzt weich wie Samt. „Erinnerst du dich noch daran, was dann passiert ist?“

„Nein.“

„Zu schade. Ich jedenfalls werde diese Nacht nicht vergessen, solange ich lebe.“

Die Art, wie er die Fingerspitzen hauchzart den Saum ihres Kleides entlanggleiten ließ, wirkte so erotisierend auf Karen, dass sie ihre ganze Selbstbeherrschung aufbieten musste, um nicht sehnsüchtig aufzustöhnen und seine Hand zu packen, um sie dort zu platzieren, wo sie sie so dringend spüren wollte …

„Zweifellos hast du seit damals jede Menge neuer aufregender Erfahrungen gemacht“, konterte sie schnippisch.

„Weißt du wirklich nicht mehr, was dann passierte?“, hakte er nach, ohne auf ihre Bemerkung zu reagieren.

„Das ist lange her.“

„Nicht so lange.“

Mochte sie auch in der Lage sein, die süße Qual seiner Liebkosung zu ertragen, ohne sich ihm sofort an den Hals zu werfen, ihren Atem konnte sie nicht kontrollieren. Mochte sie auch vorgeben, nichts zu fühlen, sich an nichts zu erinnern – seine elektrisierende Nähe und die Tatsache, dass sie sich haarklein an jedes Detail erinnerte, brachten ihren Puls zum Rasen und beschleunigten ihren Atem.

„Wir haben uns über meinen neuen Job unterhalten und über ein Event, das du organisiert hast. Es war, als läge uns die Welt zu Füßen. Wir waren jung, clever, voller Ehrgeiz – und hatten einander. Ein unschlagbares Team.“ Er hielt kurz in seinem sinnlichen Spiel inne, bevor er ihren Rocksaum einen halben Zentimeter hochschob und die Fingerspitzen über ihre glühende Haut wandern ließ.

„Damals habe ich dasselbe gemacht, die ganze Zeit, während wir redeten. Mit deinem Rocksaum gespielt. Und genau wie jetzt hast du so getan, als ob du es gar nicht registrierst.“

„Ich fürchte, dein Gedächtnis spielt dir einen Streich.“

„Und dann, plötzlich, hast du die Beine gespreizt und selbst die Regie übernommen.“ Er schluckte, Karen ebenfalls. Ein heißes Prickeln überlief ihren Körper bei dem Gedanken daran, was anschließend passiert war.

„Ich bildete mir ein, die Situation voll unter Kontrolle zu haben, uns anzuturnen, aber in Wirklichkeit war es genau umgekehrt.“

„Nein …“, brachte sie leise hervor. Die Flut der Erinnerung war einfach überwältigend, ließ sich nicht mehr stoppen.

„Ich tastete nach deinem Slip … aber du hattest keinen an.“

Oh, das würde sie nie vergessen … Sie hatte es als unglaublich frivol empfunden, einen ganz normalen Tag mit Dex zu verbringen in dem Bewusstsein, keinen Slip unter ihrem Kleid zu tragen.

„Wir landeten so schnell auf dem Rücksitz meines Wagens, dass ich mir Ellbogen und Knie stieß. Wir machten uns nicht mal die Mühe, uns auszuziehen. Ich schob den Rock deines Kleides hoch und streifte dir das Oberteil über die Schultern, um deine Brüste zu streicheln. Da warst du schon immer besonders empfindsam.“ Dexter lachte leise. „Wie zwei Teenager, die es das erste Mal machen.“

Er seufzte. Offenbar wurde ihm bewusst, dass sein melancholischer Ausflug in die Vergangenheit nicht die erhoffte Wirkung erzielte. Weder öffnete Karen bereitwillig die Beine, noch ließ sie irgendwie erkennen, dass seine Worte sie berührten. Gut so. Er brauchte nicht zu wissen, wie es tatsächlich in ihr aussah.

„Himmel, was habe ich dich geliebt.“ Aufrichtiges Bedauern lag in seiner Stimme.

„Anscheinend nicht genug“, erwiderte Karen so leise, dass sie sich fragte, ob er sie überhaupt gehört hatte.

„Glaubst du, wir haben zu überstürzt geheiratet?“

Wohin sollte das jetzt führen? „Wir kannten uns damals gerade ein Jahr. Ich wünschte, wir hätten gewartet. Vielleicht wäre mir dann rechtzeitig klar geworden, dass du nicht der Typ Mann bist, der sich mit einer einzigen Frau begnügt.“

Abrupt zog er seine Hand zurück. „Ich wünschte auch, wir hätten gewartet. Vielleicht wäre es mir dann rechtzeitig gelungen, die Dämonen zu vertreiben, von denen du besessen bist.“

„Welche Dämonen?“, fauchte sie. Typisch Mann! Betrügt seine Frau und gibt ihr die Schuld daran.

„Die Dämonen, die dich daran hindern, anderen zu vertrauen. Männern zu vertrauen.“

Oh nein, nicht schon wieder dieses Thema! Dex und alles, was mit ihrer Ehe zusammenhing, hatte sie längst hinter sich gelassen. „Ich verstehe nicht ganz, warum du eine von Dämonen besessene Frau in dein Bett kriegen willst?“, konterte sie spitz.

Er seufzte theatralisch. „Das wüsste ich selbst gern.“

Im Reading Terminal Market, den Markthallen in einem ehemaligen Bahnhofsgebäude im Zentrum von Philadelphia mit ihrer Vielzahl an Restaurants und Marktständen, herrschte reges Treiben. Nichts Besonderes an einem Sonntagnachmittag. Karen verband eine Art Hassliebe mit diesem Ort. Einerseits faszinierte sie es, die Leute zu beobachten, faszinierten sie die aromatischen Gerüche, die sich in der Luft miteinander vermischten, und die farbenfrohen Auslagen an den Ständen. Gleichzeitig litt sie Höllenqualen, wie nur eine Frau sie erleiden konnte, die für ihr Leben gern aß und sich mit 1500 Kalorien am Tag zufriedengeben musste.

Heute fühlte sie sich den Versuchungen noch weniger gewachsen als sonst, was sicher daran lag, dass sie in der vergangenen Nacht schlecht geschlafen hatte. Woran nur Dexter mit seiner dreisten Anmache schuld war. Als sie ihn schließlich vor seinem Hotel abgesetzt hatte, hatte er das Fass zum Überlaufen gebracht, indem er sich höflich bei ihr fürs Mitnehmen bedankte, ohne sie zu bitten, noch mit auf sein Zimmer zu kommen. Wie unfair war das denn? Dabei hatte sie sich während der Fahrt eine herrlich vernichtende Abfuhr zurechtgelegt, an der sie dann buchstäblich erstickt war, weil sie sie nicht loswurde.

Der Duft frischen Gebäcks kitzelte ihre Nase. Und dann die Stände mit den vielen verschiedenen Käsesorten … Käselaibe groß wie Wagenräder prangten goldgelb und glänzend in den Auslagen. Karen liebte Käse in allen Variationen. Eine verhängnisvolle Leidenschaft in Anbetracht des Fettgehalts dieser Delikatesse.

Oh Gott, sie sollte wirklich nicht hier sein.

Es war Rons Idee gewesen, sich in den Markthallen zu treffen, und sie hatte, Dees Anweisungen folgend, ohne großartiges Hin und Her zugestimmt. Jetzt verwünschte sie sich dafür. Hätte sie sich doch lieber ein bisschen geziert! Am liebsten würde sie sich einfach umdrehen und verschwinden. Sie fühlte sich erschöpft und gereizt, außerdem setzte ihr der Anblick der vielen Käselaibe zu. Mit ihrer Garderobe hatte sie vermutlich auch danebengegriffen. Sie hatte sich für ein Paar lässiger Jeans entschieden, trug dazu statt bequemer Pumps allerdings ihre Folterinstrumente von High Heels. Ihr grüner Pullover kam ihr plötzlich viel zu tief ausgeschnitten vor. Glücklicherweise ließ sich das mit einem Schal kaschieren. Ach, könnte sie doch rasch nach Hause fahren, um sich umzuziehen! Aber dazu war es jetzt zu spät.

Das lange, wellige rote Haar trug sie entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit offen. Auch in diesem Punkt hatte Karen den Rat ihrer Assistentin befolgt, präsentierte sich diese schließlich als ausgewiesene Expertin in Sachen Onlinedating.

Das Resultat war, dass Karen sich wie eine aufgetakelte Countrysängerin vorkam: aufgeplusterte Haare, zu hohe Absätze, zu üppige Oberweite in der Bluse, zu viel Hintern in der Hose.

Was für ein verkorkster Tag! Alles war überhaupt nur Dexters Schuld. Hätte er sie mit seinem plötzlichen Auftauchen und der unverblümten Anmache nicht völlig durcheinandergebracht, wäre sie nie auf die verrückte Idee verfallen, sich bei einer Online-Partnerbörse zu registrieren.

Wie auch immer, jemanden in letzter Sekunde zu versetzen, war nicht ihre Art. Sie würde das jetzt durchziehen, den versprochenen Kaffee mit Ron trinken, würde eine weitere Stunde ihres Lebens verschwenden, um anschließend unerschrocken fortzufahren, das Beste aus dem Rest ihres Erdendaseins zu machen.

Schon etwas besser gestimmt, straffte sie die Schultern und betrat den verabredeten Treffpunkt, einen Coffeeshop. Sie entdeckte Ron sofort in der Nähe des Eingangs.

Ihr erster Eindruck war, dass er genauso aussah wie auf dem Foto. Und genau so, wie man sich einen Finanzbuchhalter vorstellte. Alle Spannung fiel von Karen ab. Ein sympathischer Durchschnittstyp, der nicht die Blicke aller Frauen auf sich zog. Wie angenehm. Und bestimmt auch kein Mann, der in fremden Revieren wilderte. Ausgezeichnet.

Ein Lächeln auf den Lippen, steuerte sie auf ihn zu. „Hallo, Sie müssen Ron sein. Ich bin Karen.“

Er bestellte Kaffee für sie beide. Nach kurzem Suchen fanden sie einen freien Tisch und setzten sich. Ron durchbrach das kurze, peinliche Schweigen, das dann folgte, mit den Worten: „Sie sind äußerst pünktlich. Eine Eigenschaft, die ich schätze.“

Ups, wie gestelzt sich das anhörte. Plötzlich wünschte sich Karen weit weg. Am besten zurück in die Vergangenheit, genau gesagt zum gestrigen Abend: in ihren Wagen, kurz davor, die Beine zu spreizen und es mit ihrem Ex gleich dort auf dem Parkplatz zu treiben …

Schluss damit! wies sie sich streng zurecht. Sie vertiefte ihr Lächeln. „Oh, mir geht es genauso.“

Jetzt, beim zweiten Hingucken, bemerkte sie seine warmen grauen Augen hinter den Brillengläsern. Wenn sein Erscheinungsbild sonst auch nicht weiter bemerkenswert war, diese Augen waren es. Ron trug Jeans mit Bügelfalte, ein Polohemd – vermutlich irgendeine Dutzendware –, und eine leicht abgewetzte Lederjacke.

Eine weitere Pause entstand. Beide suchten Zuflucht bei ihrem Kaffee, bis Karen plötzlich herausplatzte: „Sorry, ich habe keine Ahnung, wie ich mich verhalten soll. Das ist eine Premiere für mich.“ Sein freundlicher Blick ermutigte sie, noch mehr von sich zu offenbaren. „Um ehrlich zu sein, ist dies überhaupt mein erstes Date nach ziemlich langer Zeit. Ich fürchte, ich bin ein bisschen aus der Übung.“

Ihr freimütiges Bekenntnis nahm der Situation die Peinlichkeit. Ron nickte überaus verständnisvoll. „Das ist ziemlich nervig, stimmt.“

Fast wäre sie bei diesem schwermütigen Geständnis in lautes Lachen ausgebrochen.

Als ihm bewusst wurde, wie seine Worte auf sie gewirkt haben könnten, fügte er schnell hinzu: „Ich meine nicht unser Treffen, sondern Onlinedating im Allgemeinen.“ Er zuckte die Achseln. „Wissen Sie, ich mache das jetzt seit ein paar Monaten. Am meisten nervt mich, dass viele ihr Profil zu sehr beschönigen. Sie halten sich nicht an die Tatsachen, sondern stellen sich so dar, wie sie gern sein würden.“

Karen dachte daran, wie sie bei ihrer Größe geschummelt hatte, und gab sich Mühe, nicht rot zu werden.

„Mich stören am meisten die vielen Rechtschreib- und Grammatikfehler einiger Kandidaten. Ich bin wirklich nicht kleinlich, aber wenn ein Mann das Wort Beziehung nicht mal richtig schreiben kann, dann möchte ich auch keine mit ihm führen.“

„Stimmt. Mich turnen die Frauen ab, die ganz offensichtlich nach einem Vater für ihre zukünftigen Kinder suchen. Da fehlt nicht viel und sie fordern einen Spermientest.“

Wieder musste sie lachen. Womöglich war er doch kein Langweiler? „Wollen Sie nicht ein bisschen von sich selbst erzählen? Ich meine, jede Menge Infos über Ihre Arbeit haben Sie mir ja geschickt, aber sonst weiß ich kaum was über Sie.“

„Da gibt es nicht viel zu erzählen. Ich bin siebenunddreißig Jahre alt, Single, von Beruf Finanzbuchhalter“, lautete die wenig originelle Antwort.

„He, das wirft uns wieder auf Ihren Lebenslauf zurück“, erwiderte sie zwinkernd.

„Sorry, ich bin eher der zugeknöpfte Typ.“

„Wo wohnen Sie denn?“, fragte sie in dem Versuch, ein Gesprächsthema zu finden.

„In der Nähe von Independent Hill.“

Sie fragte sich, ob er sich absichtlich so vage ausdrückte, für den Fall, dass sie sich als Irre oder Stalkerin entpuppte. „Wow. In Society Hill? Eine nette Gegend.“

Er zögerte kurz. „Ich habe das Haus, ein Stadthaus im klassizistischen Stil, von meiner Mutter geerbt. Sie ist vor Kurzem verstorben.“

„Oh, das tut mir leid“, sagte sie mit aufrichtigem Mitgefühl. Ein Leben ohne ihre Mutter konnte sie sich nicht vorstellen. So neugierig und anstrengend diese manchmal auch war, liebte Karen sie über alles.

„Krebs“, erklärte er düster. „Es war eine schwere Zeit.“

Seine Stimme bebte kaum merklich. Impulsiv streckte Karen die Hand aus und legte sie tröstend auf seine. Da ihr keine passenden Worte einfielen, schwieg sie.

„Am meisten bedaure ich, dass sie nicht mehr miterleben wird, wie ich eine Familie gründe“, sagte er schließlich. „Dabei war das ihr größter Wunsch.“

„Ich bin sicher, Sie war furchtbar stolz auf Sie“, flüchtete Karen sich in Floskeln. „Haben Sie Geschwister?“

„Nein, ich bin Einzelkind.“

Und zweifellos der Lebensinhalt seiner Mutter, mutmaßte Karen. Vermutlich war er nie von zu Hause ausgezogen, hatte seine Mutter bis zu deren seligem Ende gepflegt und suchte jetzt, einsam und allein, nach einem Ersatz.

„Was ist mit Ihnen?“, fragte er, anscheinend entschlossen, das schmerzliche Thema zu wechseln.

„Ich bin geschieden.“ Auf die hässlichen Details legte er sicher keinen Wert. „Das liegt jetzt fünf Jahre zurück. Und ich habe meine eigene kleine Firma als Hochzeitsplanerin.“

Dieses Thema schien Ron zu interessieren, wie seine gezielten Fragen bewiesen. Oder vielleicht empfand er es genau wie sie nur als Erleichterung, sich weniger privaten Themen zuzuwenden. Eine Stunde war vergangen, und Karen zog ihr Fazit: Ron war ein wirklich netter Kerl, doch von Funkenflug keine Spur. Er ließ sie völlig kalt.

Am Ende tauschten sie Visitenkarten aus, verabredeten sich vage für irgendwann zum Lunch, dann gingen beide ihrer Wege. Ob er sich wohl noch einmal bei ihr melden würde? Sie jedenfalls spielte mit dem Gedanken, zumindest beruflich irgendwann auf ihn zurückzukommen.

Tief in Gedanken versunken versuchte sie zu entscheiden, ob das Treffen ein Erfolg oder Reinfall gewesen war, als hinter ihr eine fröhliche Stimme erklang.

„Karen!“

Sie wandte sich um und sah sich Chelsea gegenüber, eine prallvolle Tüte mit Lebensmitteln an sich gedrückt und in Gesellschaft ihres Verlobten David, der mit zwei weiteren Tüten beladen war. Wieder einmal wurde Karen bewusst, wie perfekt die beiden zusammenpassten: ein hübsches Paar, das füreinander bestimmt schien.

Nach dem Austausch der obligatorischen Begrüßungsfloskeln bedachte Chelsea ihren Lover mit einem schmelzenden Blick. „Honey, siehst du den Fischstand da hinten? Wo die Leute Schlange stehen? Sei ein Schatz und kauf bitte sechs Riesengarnelen und ein Pfund Krabben, ja?“

Schmunzelnd blickte er von einer zur anderen. „Ihr wollt mich doch nicht etwa loswerden, um in Ruhe den neuesten Tratsch durchzuhecheln, oder?“

„Möchtest du später meine letzte Meeresfrüchte-Kreation kosten oder nicht?“ Chelsea plinkerte mit den Wimpern.

„Okay, bin schon weg“,

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