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Heiße Küsse – kalter Verrat? / Wenn aus Lüge Liebe wird / Erst die Vernunft, dann das Verlangen

Charlene Sands

Heiße Küsse – kalter Verrat?

1. KAPITEL

Nick Carlino stieg in seinen Ferrari und verließ den Parkplatz des Nachtklubs „Rock and A Hard Place“. Die Reifen quietschten, als er den Sportwagen auf die Straße in Richtung seines Hauses in Napa Valley lenkte. In diesem Augenblick wünschte er sich nichts sehnlicher, als sich eine Zigarette anzustecken. Er verfluchte den Tag, an dem er für immer mit dem Rauchen aufgehört hatte. Heute Abend hatte er begriffen, dass Rachel Mancini es ernst meinte. Das hatte er in ihren Augen gelesen. Irgendwann hatte jede Frau, mit der er ausgegangen war, diesen Blick bekommen. Und jedes Mal war er auf Abstand gegangen und hatte nach einer Weile nicht mehr angerufen.

Er mochte Rachel. Sie sah gut aus, brachte ihn zum Lachen und gab ihm nützliche Tipps für seine Geschäfte. Er respektierte sie. Und genau deswegen musste er mit ihr Schluss machen. In der letzten Zeit hatte sie ihn oft wissen lassen, dass sie sich mehr von ihm wünschte. Das konnte er ihr allerdings nicht geben.

Das fahle Licht des Mondes erhellte die dunkle Straße, die auf beiden Seiten von Weinstöcken begrenzt wurde. Nach dem Tod seines Vaters war Nick nach Napa bestellt worden, um seinen Brüdern zu helfen, das Weingut der Familie – Carlino Wines – zu leiten. Und der letzte Wille ihres Vaters besagte, dass sie sechs Monate Zeit hatten, um zu bestimmen, welcher der drei Söhne der neue Geschäftsführer wurde. Allerdings war keiner von ihnen scharf auf diese Ehre. Trotzdem hatten Tony, Joe und Nick in den letzten fünf Monaten eng zusammengearbeitet. Jetzt blieben ihnen noch vier Wochen, um festzulegen, wer die Winzerei in Zukunft übernehmen sollte.

Als Nick in eine Kurve einfuhr, blendete ihn ein entgegenkommendes Fahrzeug. Er stieß einen lauten Fluch aus. Plötzlich geriet der Wagen ins Schleudern und steuerte direkt auf ihn zu. Nick versuchte noch auszuweichen, um einen Frontalzusammenstoß zu verhindern. Doch alles passierte viel zu schnell. Mit einem lauten Knall prallten die Autos seitlich aufeinander. Nick wurde von der heftigen Erschütterung durchgerüttelt und schlug mit dem Kopf auf dem Airbag auf.

„Verflucht“, stöhnte er. Er schob seinen Sitz nach hinten und atmete einmal tief durch. Dann kletterte er aus dem Wagen, um nach dem anderen Fahrer zu sehen.

Das Schreien eines Babys war das Erste, was er hörte. Sein Magen zog sich zusammen. Hoffentlich war dem Kind nichts passiert! Rasch lief er zum anderen Auto, das sich in einem weitaus schlimmeren Zustand befand als seins, und starrte hinein. Auf dem Fahrersitz saß eine Frau. Ihr Kopf lag auf dem Lenkrad. Deshalb konnte er nicht erkennen, wie schwer sie verletzt war. Vorsichtig öffnete er die Tür und sah sofort das Blut auf ihrem Gesicht.

Das Schreien des Babys wurde lauter. Nick öffnete die Tür zur Rückbank und blickte hinein. Ein Säugling war gegen die Fahrtrichtung in einem Babysitz angegurtet und schien unversehrt zu sein.

„Bin gleich wieder bei dir, Kleines.“ Da es dem Baby gut zu gehen schien, wandte er seine Aufmerksamkeit wieder der Frau zu. „Können Sie mich hören? Ich hole Hilfe.“

Als sie nicht antwortete, fasste er sie vorsichtig am Kopf und an den Schultern und zog ihren Oberkörper nach hinten. Dabei bemerkte er eine blutende Wunde auf ihrer Stirn, die vom Aufschlag auf das Lenkrad stammen musste.

Plötzlich öffnete sie die Augen. Nick fiel sofort deren unglaublich intensive Farbe auf. Sie schimmerten in einer Mischung aus Türkis und Grün. Diese Farbe hatte er erst einmal im Leben gesehen. Behutsam strich er ihr eine Strähne aus dem Gesicht. „Brooke Hamilton?“

„Mein Baby“, stöhnte sie, während sich ihre Augen allmählich wieder schlossen. „Kümmer dich um Leah.“

„Es geht ihr gut.“

Die Frau, die er vor zwölf oder dreizehn Jahren in der Highschool kennengelernt hatte, flehte ihn verzweifelt an: „Versprich mir, dass du dich um sie kümmerst.“

„Das werde ich. Mach dir keine Sorgen.“

Erneut verlor sie das Bewusstsein.

Sofort wählte er die Notrufnummer.

Als er den Anruf beendet hatte, setzte er sich auf den Rücksitz des Wagens. Das Schreien des Babys war mittlerweile zu einem leisen Wimmern geworden. „Ich komme und befreie dich aus deinem Sitz, meine Kleine.“

Nick hätte ein Buch darüber schreiben können, was er alles nicht über Babys wusste. Er hatte keine Ahnung, wie er vorgehen musste, um das Mädchen aus dem Sitz zu befreien. Wenn er ehrlich sein sollte, hatte er bisher nicht einmal ein Baby auf dem Arm gehalten. Und so schaffte er es erst nach mehreren Minuten, die Gurte zu lösen.

Zum Glück hörte die Kleine wenigstens auf zu weinen und sah ihn neugierig aus ihren blaugrünen Augen an, die denen ihrer Mutter glichen.

„Mit diesem Blick wirst du irgendwann die Männer verrückt machen“, sagte er sanft.

Und als ob sie ihn verstanden hätte, begann sie zu lächeln.

Vorsichtig nahm er sie aus dem Sitz heraus und hielt sie ungeschickt auf dem Arm. „Du brauchst jemanden, der sich mit Babys auskennt.“ Dann holte er das Handy aus der Tasche und wählte Renas Nummer. Sie würde wissen, was zu tun war. Allerdings war es schon spät. Und er erinnerte sich daran, wie schwer es ihr im Moment fiel einzuschlafen. Immerhin würde sie bald selbst sein Baby bekommen.

Deshalb drückte er auf den roten Knopf und rief stattdessen Joe an. Dessen Verlobte Ali konnte ihm bestimmt helfen. Doch leider ging nur der Anrufbeantworter an. Nick hinterließ eine kurze Mitteilung. Dann fiel ihm ein, dass die beiden im Urlaub waren. „Großartig“, brummte er. „Scheint so, als müsstest du mit mir vorliebnehmen. Und das ist keine gute Nachricht für dich, Kleine.“

Bevor die Sanitäter den Unfallort erreichten, durchsuchte Nick die Handtasche der Frau und fand ihren Führerschein. Er hatte tatsächlich recht gehabt. Bei der Unfallverursacherin handelte es sich um Brooke Hamilton-Keating. Er war mit ihr auf die Highschool gegangen. Und einmal war sogar etwas zwischen ihnen passiert – aber das war sehr lange her.

Seufzend legte er das Baby auf den Rücksitz. „Du bleibst jetzt kurz hier, ja? Ich schau mal nach deiner Mom.“

Sofort fing Leah an zu weinen.

Die Brauen hochgezogen, sah er sie an und machte einen Schritt auf Brooke zu. Daraufhin öffnete Leah den Mund und wollte offenbar wieder schreien.

„Na gut.“ In dem Augenblick, in dem er sie hochgehoben hatte, beruhigte sie sich. „Dann sehen wir eben gemeinsam nach deiner Mutter.“ Er ging zur Beifahrertür, öffnete sie und stieg in das Auto. Vorsichtig berührte er Brookes Arm. Sie war ganz kalt, aber sie atmete. Wahrscheinlich hatte sie von dem Unfall keine inneren Verletzungen davongetragen, denn so schwer war dieser nicht gewesen. Doch er war kein Arzt, deshalb konnte er sich nicht sicher sein.

Als er in der Ferne Sirenen hörte, atmete er erleichtert auf. Wenige Minuten später stieg er aus dem Auto und begrüßte die Sanitäter. „Dem Baby geht es gut, aber die Fahrerin ist bewusstlos.“

„Was ist passiert?“, fragte einer der Rettungsassistenten.

„Ich bin ganz normal in die Kurve eingefahren, und plötzlich kam mir dieses Auto entgegen. Natürlich habe ich versucht auszuweichen. Leider habe ich es nicht ganz geschafft.“

„Gehört das Baby zu Ihnen oder zu der Frau?“

„Zu ihr.“

Besorgt sah der Sanitäter zu seinem Kollegen hinüber. „Wir bringen sie beide ins Krankenhaus.“ Er wandte sich an Nick. „Was ist mit Ihnen? Sind Sie verletzt?“

„Nein. Der Airbag hat mich gerettet. Anscheinend hat sie keinen gehabt.“

Der Rettungsassistent nickte. „Der Babysitz scheint das Kind vor Verletzungen bewahrt zu haben.“

Fünfzehn Minuten später kam die Polizei an die Unfallstelle. Während Nick seine Aussage machte, wurde Brooke auf einer Trage in den Krankenwagen gebracht.

„Geben Sie sie mir“, sagte der Sanitäter zu Nick, der immer noch Leah hielt.

„Was haben sie mit ihr vor?“

„Wir werden sie untersuchen und einen Verwandten kontaktieren.“

Als der Sanitäter Leah auf den Arm nahm, begann sie sofort laut zu schreien und nach Nick zu greifen.

Und in diesem Moment musste er an das Versprechen denken, das er ihrer Mutter gemacht hatte. „Lassen Sie sie bei mir“, bat er. „Ich fahre mit Ihnen ins Krankenhaus.“

Skeptisch sah der Sanitäter ihn an.

„Ich kenne ihre Mutter“, fuhr Nick fort. „Wir sind zusammen auf die Highschool gegangen. Ich habe ihr versprochen, dass ich auf Leah aufpasse.“

„Wann?“

„Nach dem Unfall war sie kurz bei Bewusstsein. Da hat sie mich darum gebeten.“

Der Sanitäter seufzte. „Na gut. Sie scheint sie sowieso mehr zu mögen als mich. Holen Sie alles aus dem Auto, was sie für das Baby brauchen. Wir müssen los.“

Langsam schlug Brooke die Augen auf. Und selbst diese Bewegung verursachte starke Kopfschmerzen. Als sie sich die Schläfe reiben wollte, bemerkte sie einen Verband. Sie wusste nicht, seit wann sie hier war. Aber es musste schon lang sein. Die Sonne ging bereits auf.

Nach wenigen Sekunden musste sie an ihre Tochter denken. „Leah!“ Panisch schoss sie hoch und sah sich um. Allerdings wurde ihr gleich schwarz vor Augen. Auf keinen Fall durfte sie wieder bewusstlos werden. Sie musste sich vergewissern, dass es Leah gut ging.

„Sie ist hier“, sagte eine männliche Stimme.

Aufgeregt wandte Brooke sich um und war erleichtert, als sie ihre Tochter friedlich in den Armen eines Mannes schlafen sah. Tränen standen ihr in den Augen. Zum Glück schien ihrem Baby bei dem Unfall nichts passiert zu sein. Sie war beim Fahren von Leahs Geschrei abgelenkt worden und hatte die Kontrolle über den Wagen verloren.

Langsam hob sie den Kopf und schaute den Mann an, der ihre Tochter hielt. Sie stutzte. Nick Carlino?

Nie hatte sie diesen gut aussehenden Mann vergessen können, dem während ihrer Highschoolzeit jede Frau verfallen gewesen war. Und auch sie war damals nicht immun gegen seinen Charme gewesen.

„Leah geht es gut“, versicherte er ihr.

Das war alles, was zählte. „Nick Carlino?“

„Ja, ich bin es, Brooke.“ Einen Augenblick lang erinnerte sie sein Lächeln an längst vergangene Zeiten.

Als sie nach Leah greifen wollte, durchfuhr ein heftiger Schmerz ihren ganzen Körper. „Ich möchte mein Baby halten.“

„Sie schläft.“

Seufzend lehnte Brooke sich zurück. Vielleicht war es besser, wenn Leah sich ausruhte. „Geht es ihr wirklich gut?“

„Ein Arzt hat sie gestern Nacht untersucht und keine Verletzungen festgestellt.“

„Gott sei Dank“, flüsterte sie mit Tränen in den Augen. „Warum bist du hier?“

„Du erinnerst dich nicht?“

„Im Moment weiß ich gerade mal, wie ich heiße.“

„Du bist gestern Abend in einer Kurve ins Schleudern gekommen und mit meinem Auto zusammengestoßen. Erst dachte ich, dass es unser aller Ende sei.“

„Ich bin in dein Auto gefahren?“

„Ja, in meinen Ferrari.“

Seinen Ferrari. Natürlich. Schon immer war ihm das Beste gerade gut genug gewesen. Wie sollte sie jemals die Reparatur bezahlen? Bevor sie aus Los Angeles abgereist war, hatte sie ihre Haftpflichtversicherung gekündigt. Das war keine gute Idee gewesen.

„Tut mir leid, ich weiß nicht, wie das passieren konnte“, sagte sie verwirrt.

„Warum bist du so spät abends überhaupt Auto gefahren?“

„Ich war auf dem Weg zum Haus meiner Tante. Anscheinend bin ich irgendwo falsch abgebogen. Wir sind den ganzen Tag gefahren, und ich dachte, wir würden es vor Anbruch der Dunkelheit schaffen. Geht es dir eigentlich gut? Du wurdest doch nicht verletzt, oder?“ Nach wie vor konnte sie nicht glauben, dass Nick Carlino neben ihrem Krankenhausbett saß und ihr Baby in den Armen hielt. Das kam ihr alles so unwirklich vor.

„Mir fehlt nichts. Der Airbag hat mich gerettet.“

Sie stieß einen langen und tiefen Seufzer aus. „Gut. Und was ist mit deinem Auto?“

„Das muss repariert werden.“

„Und meins?“

„Deins auch. Ich habe beide zu meiner Werkstatt schleppen lassen.“

Brooke wollte nicht daran denken, wie viel sie der Unfall kosten würde. Sonst würden ihre Kopfschmerzen noch stärker werden. „Du warst nicht die ganze Nacht hier, oder?“, erkundigte sie sich.

Sanft wiegte er Leah. „Ich habe dir versprochen, dass ich auf sie aufpasse.“

„Wirklich?“

„Du hast darauf bestanden, Brooke. Nach dem Unfall warst du kurz bei Bewusstsein – gerade so lange, um dich zu vergewissern, dass es Leah gut geht. Und bevor du wieder ohnmächtig geworden bist, hast du mich darum gebeten, auf deine Tochter aufzupassen.“

„Danke“, erwiderte sie und hielt die Tränen zurück. Auf keinen Fall wollte sie weinend vor Nick zusammenbrechen. „Ich bin dir sehr dankbar für das, was du für meine Tochter getan hast.“

Nickend musterte er Leah. „Wo ist ihr Vater?“

Brooke blinzelte. Dan? Der Mann, mit dem sie zwei Jahre lang verheiratet gewesen war und der ihr an ihrem neunundzwanzigsten Geburtstag eine Affäre mit einer anderen Frau gestanden hatte, von der er ein Kind erwartete? An diesem Abend hatte er Brooke verlassen. Und eine Woche später hatte sie erfahren, dass sie selbst schwanger war. „Er spielt keine Rolle mehr in meinem Leben.“

„Überhaupt keine?“

Das schien ihn zu erstaunen. Wusste er denn nicht, wie viele alleinerziehende Mütter es auf der Welt gab? Ihr eigener Vater hatte ihre Mutter verlassen, als Brooke sechs gewesen war. Nur selten hatte sie ihn danach gesehen. Doch wenn er zu Besuch gekommen war, hatte sie ihn kaum gehen lassen wollen. Jede Nacht hatte sie um ihn geweint. Und als sie zehn gewesen war, hatten seine Besuche endgültig geendet.

Diese Qual wollte sie ihrer Tochter ersparen. Deshalb war sie aus Los Angeles weggezogen, um nicht mehr in Dans Nähe zu sein. Die darauffolgenden Monate hatte sie eine kleine Pension am Strand in der Nähe von San Diego betrieben. Und auch wenn sie damit nicht viel Geld verdient hatte, war sie zufrieden gewesen. Die frische Meeresluft hatte ihr während der Schwangerschaft gutgetan.

„Nein, nicht die geringste“, gab sie zurück. Es fühlte sich gut an, das zu sagen. Eines Tages würde sie Dan von Leah erzählen. Aber jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt dafür. Zuerst musste sie die Pension ihrer Tante auf Vordermann bringen und etwas Geld verdienen. Sie wollte finanziell unabhängig sein, wenn sie Dan sagte, dass er eine Tochter mit ihr hatte. Nicht, dass er am Ende noch das Sorgerecht für das Baby einforderte, weil sie nicht genügend Geld besaß, um der Kleinen ein gutes Leben zu bieten. Zwar war sie sich gar nicht sicher, ob Dan überhaupt etwas an seiner Tochter liegen würde, aber sie wollte es nicht darauf ankommen lassen. Zunächst würde sie die Pension, die sie von ihrer Tante geerbt hatte, in eine florierende Unterkunft für Touristen verwandeln.

„Du besuchst also deine Tante?“, wollte er wissen.

„Sie ist vor drei Monaten verstorben. Ich habe ihr Haus geerbt.“

Als er darauf antworten wollte, wachte Leah auf und gab ein leises Wimmern von sich. Das schien ihn zu verwirren. Ratlos sah er Brooke an, als wüsste er nicht, was er tun sollte.

„Sie ist hungrig und braucht wahrscheinlich eine neue Windel“, vermutete sie.

Sofort hielt er Leah von sich weg und musterte die Decke, in die sie eingehüllt war. „Glaubst du wirklich?“

„Hat sie die ganze Nacht lang dieselbe Windel getragen?“

„Ich glaube, eine Krankenschwester hat sie in der Nacht gefüttert und ihr die Windel gewechselt.“ Zögernd deutete er auf ihre Koffer. „Wir haben alles da drin gefunden.“

„Oh, ich hab meine Sachen ganz vergessen! Hast du sie hergebracht?“

Er nickte und stand auf. Als Brooke ihn von oben bis unten musterte, stellte sie fest, dass er noch attraktiver war, als sie in Erinnerung gehabt hatte. Bestimmt bekam er immer noch jede Frau, die er wollte. Vielleicht war es besser, wenn er bald ging.

„Du kannst mir Leah jetzt geben“, sagte sie. „Bestimmt bin ich bald wieder auf den Beinen.“

In diesem Augenblick betrat der Arzt mit einer Akte das Zimmer. „Da wäre ich mir nicht so sicher.“ Er stellte sich als Dr. Maynard vor.

Ihr Magen zog sich zusammen. „Wie meinen Sie das?“

„Auch wenn die Tests keine auffälligen Ergebnisse gezeigt haben, werden sie weiter unter Schwindel leiden. Sie sollten sich ausruhen und mindestens zwei Tage lang kein Auto fahren.“ Der Arzt nahm den Verband von ihrem Kopf und untersuchte die Wunde. „Ich kann Sie heute nur entlassen, wenn Sie jemanden haben, der sich um Sie kümmert. Kann Ihnen jemand mit dem Baby helfen?“

Seufzend schüttelte sie den Kopf. „Ich bin erst gestern Abend in der Stadt angekommen.“ Und wie sie angekommen war! „Aber ich kann eine Freundin anrufen.“ Nachdem sie die Highschool abgeschlossen hatte, war sie mehrere Jahre lang mit Molly Thornton in Kontakt geblieben. Und obwohl sie seit zwei Jahren nicht mehr mit ihr gesprochen hatte, wusste sie, dass sie auf ihre Hilfe zählen konnte. Molly würde niemals eine Freundin im Stich lassen.

„Gut, ich werde heute Ihre Entlassung anordnen“, entgegnete Dr. Maynard. „Ich schreibe Ihnen ein Rezept für ein Schmerzmittel aus. Nichts Starkes. Stillen Sie das Baby noch?“

„Ja.“

Lächelnd sah der Arzt zu Leah, die in Nicks Armen zappelte. „Was für ein süßer Fratz. Meine Tochter ist nur ein paar Monate älter als sie.“ Dann schaute er zu Nick auf. „Dass ich einmal ein Baby in deinen Armen sehen würde, hätte ich niemals gedacht, Carlino.“ Lachend wandte er sich an Brooke. „Wenn Sie das nächste Mal nach Napa kommen, würde ich Ihnen raten, nicht mit Nick zusammenzustoßen. Fahren Sie besser stur geradeaus weiter, wenn Sie ihn kommen sehen.“

Diese Erkenntnis hatte sie schon vor Jahren gehabt.

Schief lächelnd sah Nick ihn an. „Sehr komisch, Maynard. Wenn ich dich am Freitag auf dem Platz schlage, wird dir das Lachen vergehen.“

„Träum weiter.“ Im nächsten Moment drehte der Arzt sich zu Brooke um und sah sie ernst an. „Bitte lassen Sie sich von jemandem abholen, der sich um Sie kümmern kann. Und schonen Sie sich eine Weile.“

„In Ordnung“, erwiderte sie. „Ich danke Ihnen.“

Als der Arzt den Raum verließ, wandte sie sich an Nick, der Leah wieder beruhigend geschaukelt hatte. „Ich nehme sie jetzt.“

Zögernd trat er an ihr Bett. Brookes Tochter starrte ihn mit großen Augen an.

„Sie scheint mich zu mögen“, bemerkte er verblüfft. „Dabei habe ich keine Ahnung von Babys. Bis gestern Abend hatte ich nicht mal eins auf dem Arm gehalten.“

„Du hast keine eigenen Kinder?“

„Nein. Das überlasse ich meinen Brüdern.“

Als sie seine linke Hand mit einem kurzen Blick nach einem Ring überprüfte, ertappte er sie dabei. Sofort errötete sie. Diese Wirkung hatte er schon immer auf sie gehabt. Während ihrer gemeinsamen Nacht hatte er sie so gedemütigt, dass sie fast vor Scham gestorben wäre. Wahrscheinlich war die Geschichte danach in den Umkleidekabinen des Baseballteams der Running Gag gewesen.

Baseball, Mädchen und Partys feiern waren während der Highschoolzeit Nick Carlinos größte Hobbys gewesen.

Brooke musste damals verrückt gewesen sein zu denken, dass er an ihr interessiert sein könnte. Immerhin war er der beste Baseballspieler der Schule und ein vermögender Frauenheld gewesen. Später hatte sie schmerzlich erfahren müssen, wie wenig ebenbürtig sie ihm gewesen war.

Damals hatte er beinahe ihr Leben ruiniert. Ihr Selbstbewusstsein war mehr als angeknackst gewesen. Es hatte Jahre gedauert, bis sie sich von diesem Schock erholt hatte. Dafür hatte sie ihn über alles gehasst.

Und jetzt stand er vor ihr und überreichte ihr ihre fünf Monate alte Tochter. Er sah so gut aus wie nie zuvor, und sie konnte sich nicht gegen das Kribbeln wehren, das ihren ganzen Körper durchlief. Sie musste so schnell wie möglich Abstand zu ihm gewinnen. Am liebsten hätte sie nicht nur den Unfall von letzter Nacht vergessen, sondern auch alles, was damals passiert war.

„Es ist ganz einfach, Brooke. Du schläfst heute Nacht bei mir.“

„Das geht nicht, Nick“, wehrte sie ab und ignorierte das Schwindelgefühl in ihrem Kopf. Nachdem er ihr Zimmer verlassen hatte, war sie aufgestanden und hatte sich umgezogen. Anschließend hatte sie dreimal versucht, Molly zu erreichen – ohne Erfolg. Jetzt saß sie auf dem Besucherstuhl und stillte Leah.

Als Nick sich vorhin verabschiedet hatte, war ihr klar gewesen, dass sie ihn noch nicht los war. Immerhin würde sie auf irgendeine Weise für den Schaden an seinem Ferrari aufkommen müssen. Allerdings hatte sie nicht damit gerechnet, dass er nach zwei Stunden ins Krankenhaus zurückkehren würde.

Als er an der Tür gelehnt und sie beim Stillen beobachtet hatte, war das fast ein intimer Moment zwischen ihnen gewesen. Doch gleich danach hatte er begonnen, ihr im Kommandoton Anweisungen zu geben.

„Ich komme zurecht“, erwiderte sie leise, um Leah nicht zu beunruhigen. Immerhin hatte sie sich während der Schwangerschaft selbst durchgeschlagen und ohne einen Partner das Baby zur Welt gebracht. Also würde sie auch diese Krise überstehen.

„Und wie? Dir bleiben nicht viele Möglichkeiten“, erwiderte er stur und verschränkte die Arme vor der Brust. „Du kannst deine Freundin nicht erreichen. Und du weißt, was der Arzt gesagt hat.“

„Danke, aber ich schaffe das allein. Ich brauche deine Hilfe nicht.“

Seufzend setzte er sich auf einen Stuhl ihr gegenüber und sah ihr eindringlich in die Augen. „Jetzt verstehe ich. Wie lange ist es her? Dreizehn Jahre? Und immer noch hegst du einen Groll gegen mich.“

Empört schnappte sie nach Luft. Am liebsten wäre sie einfach aufgestanden und gegangen. Sie wollte dieses Gespräch nicht mit ihm führen. Es erstaunte sie, dass er sich überhaupt an diese Nacht erinnerte. Für sie war dieses Erlebnis eine Katastrophe gewesen. Doch für ihn durfte es keine große Sache gewesen sein. Wahrscheinlich hatte er im Lauf der Jahre viele Mädchen so gedemütigt. „Das stimmt nicht.“ Dabei war das noch gelinde ausgedrückt. „Ich kenne dich kaum.“

„Du kennst mich gut genug, um meine Hilfe annehmen zu können.“

„Ich brauche sie nicht.“ Doch sie wusste genau, dass er recht hatte. „Warum liegt dir überhaupt etwas an mir?“

Die Augen geschlossen, fuhr er sich durchs Haar und schüttelte den Kopf. „Mach keine Staatsaffäre daraus, Brooke. Ich lebe praktisch allein in einem großen Haus. Bleib eine oder zwei Nächte bei mir, damit mein Gewissen beruhigt ist.“

„Dir geht es um dein Gewissen?“ Das klang ganz nach dem Nick Carlino, den sie von früher kannte.

„Ich habe gestern Nacht versprochen, mich um Leah zu kümmern. Und ihre Mutter braucht einen Ort, an dem sie sich ausruhen kann. Vielleicht tut es mir einfach leid, dass ich nicht schneller ausweichen konnte.“

„Du warst auf der richtigen Spur. Es war meine Schuld. Außerdem – wer soll sich um uns kümmern? Du etwa?“

Er zuckte mit den Schultern. „Ich könnte für ein paar Tage eine Krankenschwester anstellen. Wahrscheinlich würden wir uns nicht mal sehen.“

„Das kann ich mir nicht leisten.“

„Aber ich.“

Er schien es tatsächlich ernst zu meinen. Und ihr wurde klar, dass es wirklich ihre einzige Möglichkeit war. Trotzdem konnte sie seine Almosen nicht einfach so annehmen.

Als sie damals aus Napa weggezogen war, hatte sie allein zu Molly den Kontakt aufrechterhalten. Nie hatte sie sich mit den reichen Kindern der Winzer und Großgrundbesitzer verstanden. Nur wenige Schüler an der Highschool waren nicht aus diesen elitären Kreisen gekommen. Brookes Mutter hatte das Cabernet Café in der Nähe der Schule geleitet, und sie selbst hatte dort oft in ihrer Freizeit ausgeholfen. Die anderen Kinder hatten nie arbeiten müssen.

Als sie nicht antwortete, fuhr er fort: „Denk an deine Tochter.“

Für einen Moment schloss sie die Augen. Natürlich hatte er recht. Leah brauchte eine gesunde Mutter. Und in seinem Haus konnte sie bestimmt schnell genesen, vor allem, wenn sich eine Krankenschwester um Leah und sie kümmerte.

Verflucht! Warum hatte sie gerade auf Nick treffen müssen? Das alles erschien ihr wie ein schlechter Scherz.

„Nun?“, fragte er.

Der Gedanke daran, nur eine Minute in seinem Haus verbringen zu müssen, ließ sie schaudern. „Lass mich noch mal versuchen, Molly zu erreichen.“

2. KAPITEL

Besorgt sah Nick zu Brooke, die neben ihm in seinem Cadillac saß. Nur noch ihr Kopfverband wies auf den Unfall von letzter Nacht hin. „Alles in Ordnung?“

„Ja“, erwiderte sie und mied seinen Blick. Nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu: „Woher hast du so schnell den Babysitz für Leah bekommen?“

„Mein Mechaniker Randy hat zwei Kinder. Er hat mir einen geborgt.“

„Ich glaube, ich muss einen neuen kaufen. Nach einem Unfall sollte man ihn auswechseln.“

„Das wusste ich nicht.“

„Woher auch?“, fragte sie ungeduldig.

Ihm war klar, dass sie weiterhin starke Kopfschmerzen haben musste. Wahrscheinlich war sie deshalb so gereizt. „Mein Anwesen liegt nicht weit von hier entfernt.“

„Uns bleibt wohl keine andere Wahl.“

„Auf geht’s zum Haus des Schreckens.“

Verwirrt sah sie ihn an. „So nennst du es?“

„Ich? Nein. Aber nach dem, was passiert ist, könntest du es tun.“

Seufzend legte sie die Stirn in Falten. „Es hätte einfach nicht so weit kommen dürfen.“

„Was?“

„Eigentlich hatte ich vor, das Haus meiner Tante noch bei Tageslicht zu erreichen und am nächsten Morgen mit der Planung der neuen Pension zu beginnen.“

„Tja, das Leben läuft nicht immer nach Wunsch.“

„Das musst gerade du sagen.“

Schnaubend startete er den Motor. „Weil ich vermögend bin, richtig?“ Es störte ihn, dass sie so schlecht über ihn dachte. Immerhin versuchte er, ihr zu helfen.

„Schönes Auto. Wem gehört es?“

„Mir.“

„Siehst du?“ Sie lächelte schief. „Für dich ist der kaputte Ferrari nicht weiter tragisch. Bestimmt stehen mehr als genug Autos in deiner Garage.“

„Du glaubst also, nur weil ich einen Sportwagen fahre und in einem großen Haus wohne, sei ich glücklich?“

„Bist du das etwa nicht?“

Ohne zu überlegen, schüttelte er den Kopf. „Nein.“ Er hatte sich etwas anderes gewünscht. Und als es zum Greifen nahe gewesen war, hatte er es verloren.

Einen Moment lang sah sie ihn skeptisch an. Dann lehnte sie den Kopf zurück und schloss die Augen. Das gab ihm die Möglichkeit, sie genauer anzuschauen. Und er musste sich eingestehen, dass ihm gefiel, was er sah. Ihre Lippen waren voll und einladend. Vor langer Zeit hatte er sie geküsst. Doch er konnte sich nicht mehr daran erinnern, wie sie geschmeckt hatten.

Neugierig musterte er ihr langes blondes Haar und ihre vollen Brüste. Ihr Körper war wohlgeformt. Es war ihr nicht anzusehen, dass sie vor Kurzem ein Kind zur Welt gebracht hatte.

Aber er wusste, dass diese Frau nichts für ihn war. Auf keinen Fall hatte er vor, plötzlich ein Familienvater zu sein. Die Vergangenheit hatte ihm gezeigt, dass es besser war, Single zu bleiben.

Langsam, wie versprochen, fuhr er los und schlug den Weg zum Highway ein. „Wo befindet sich das Haus deiner Tante?“

„Etwas außerhalb. Auf dem Waverly Drive.“

Nick kannte diese Gegend. Sie befand sich am anderen Ende der Stadt. „Sollen wir vorbeifahren?“

Plötzlich hellte sich ihre Miene auf. „Ja. Ich bin neugierig, wie es aussieht. Seit Jahren bin ich nicht mehr dort gewesen.“

„Du bist nie wieder nach Napa zurückgekommen, obwohl deine Tante hier gelebt hat?“

„Nein.“

Als er zu ihr sah, wich sie erneut seinem Blick aus.

Den Rest der Fahrt schwiegen sie.

Brooke wollte ihm nicht erzählen, dass Tante Lucy die Schwester ihres Vaters gewesen war. Nach der Scheidung ihrer Eltern hatte ihre Mutter mit Lucy nie wieder ein Wort gewechselt. Aber ihre Tante hatte sie heimlich von der Schule abgeholt und sie auf ihrem Heimweg begleitet. Und als Brooke auf der Highschool gewesen war, hatte Lucy sie manchmal in ihr Haus eingeladen. Sie mochte ihre Tante, auch wenn sie etwas exzentrisch war. Immerhin hatte sie nicht viele Verwandte. Irgendwann hatte ihre Mutter mitbekommen, dass sie Lucy traf. Doch sie hatte sie nicht davon abgehalten.

Als sie weggezogen waren, hatte Brooke sich fest vorgenommen, den Kontakt zu ihrer Tante aufrechtzuerhalten. Aber mit der Zeit hatte sie immer seltener mit ihr telefoniert, und irgendwann war der Kontakt vollständig abgebrochen.

Heute hatte sie ein schlechtes Gewissen, weil sie sich nicht darum bemüht hatte, ihre Tante vor ihrem Tod ein letztes Mal zu sehen. Deshalb war sie überrascht gewesen, als man ihr eröffnet hatte, dass sie Lucys Haus erbte. Die einzige Bedingung war, dass sie es in den ersten fünf Jahren nicht verkaufte. Deshalb hatte sie beschlossen, nach Napa zu ziehen und dort mit ihrer Tochter ein neues Leben zu beginnen.

Zögernd blickte sie zu Nick, der gerade vom Highway abgebogen war. Er war einer der Gründe dafür, weshalb sie ursprünglich nie wieder nach Napa hatte zurückkehren wollen. In den vergangenen dreizehn Jahren waren die Erinnerungen an ihn verblasst. Fast hatte sie vergessen, wie schrecklich es sich angefühlt hatte, zurückgewiesen zu werden, weil sie nicht gut genug für ihn gewesen war.

Und jetzt hatte sie das Schicksal wieder zusammengeführt. Plötzlich war sie auf seine Hilfe angewiesen. Sie würde mit ihm unter einem Dach wohnen und ihm für immer zu Dankbarkeit verpflichtet sein.

„Wie lautet die genaue Adresse?“, erkundigte er sich, als er auf den Waverly Drive einbog.

„Das Haus befindet sich einen halben Block weiter auf der rechten Seite. Es ist das einzige dreistöckige Gebäude in der Straße.“

Die Häuser in dieser Straße standen weit voneinander entfernt, und zu jedem gehörte ein stattliches Grundstück. Soweit sie sich erinnerte, hatte ihre Tante mehr Land besessen als ihre Nachbarn. Und tatsächlich war es das größte Anwesen in der Umgebung.

„Wir sind da“, sagte sie aufgeregt und deutete auf ein Haus. Das war der Beginn ihres neuen Lebens! Sofort erinnerte sie sich daran, wie sie während ihrer Highschoolzeit hier mit ihrem alten Wagen vorgefahren war. „Es ist das Haus im Viktorianischen Stil, das …“ Enttäuscht brach sie den Satz ab. Als sie näher kamen, bemerkte sie, in welch einem miserablen Zustand sich das Haus befand. Der Zaun war verrostet. Und der Garten, der einst üppig mit Blumen bewachsen gewesen war, machte einen erbärmlichen Eindruck. Das Haus selbst wirkte eher wie eine Ruine. Der Anblick stimmte sie traurig.

„Oh“, murmelte sie mit Tränen in den Augen. „Es ist nicht so, wie ich es in Erinnerung hatte.“

„Möchtest du hineingehen?“

Gezwungen lächelte sie. „Mir bleibt wohl nichts anderes übrig.“ Was hatte sie erwartet? Ihre Tante war in ihren letzten Lebensjahren krank gewesen und hatte das Haus nicht mehr in Schuss halten können. Hoffentlich war sie wenigstens nicht allein gestorben. Erneut quälte Brooke ein schlechtes Gewissen. Seufzend sah sie zu Nick. „Was ist mit Leah?“

„Ich bleibe bei ihr. Geh du hinein und schau dich um.“ Als sie ihn nachdenklich anblickte, fügte er hinzu: „Oder soll ich dich begleiten?“

„Nein, das ist nicht notwendig. Pass du auf Leah auf.“

Er stieg aus dem Auto, öffnete ihr die Tür und half ihr aus dem Wagen. Dann reichte er ihr den Arm und stützte sie, bis sie bei der Treppe angelangt war. Seine Berührung brachte sie vollkommen durcheinander. Dabei wollte sie gar nicht, dass er ihr schon wieder half. Doch letztendlich war sie auf seine Hilfe angewiesen. Außerdem sollte sie nicht mehr an das denken, was damals passiert war. Noch einmal würde sie so etwas ohnehin nicht zulassen. In der Hinsicht vertraute sie ihm nicht mehr.

Als sie vor der Tür standen, zögerte Brooke.

„Alles in Ordnung?“, fragte er und hielt ihren Arm fest.

„Ja. Ich kann bloß nicht glauben, dass ich hier bin.“

„Ich warte draußen auf dich. Ruf mich, wenn du mich brauchst.“

Seufzend schob sie seine Hand weg und trat einen Schritt zurück. Er musterte sie skeptisch und ging zum Wagen.

Langsam holte sie den Schlüssel aus der Tasche und öffnete die Tür.

Fünf Minuten später hatte sie genug gesehen. Und ihre Enttäuschung war noch größer geworden. Das Haus war jahrelang vernachlässigt worden. Die einzigen Räume, die sich in einem halbwegs ordentlichen Zustand befanden, waren die Küche und das Schlafzimmer ihrer Tante. Es würde sie viel Mühe und Geld kosten, die Pension zu renovieren. Und in diesem Augenblick war das einfach zu viel für sie.

Enttäuscht verließ sie das Haus und blieb auf der Veranda stehen.

Nick lehnte an seinem Auto und sah sie erwartungsvoll an. „Und?“

„Drinnen sieht es nicht viel besser aus.“

„Ist es so schlimm?“

Als sie die Stufen der Veranda hinunterstieg, drehte sich alles in ihrem Kopf. Schwer atmend versuchte sie, die Balance zu halten. Sofort eilte Nick zu ihr und fing sie auf, bevor sie fallen konnte.

Mit seinen starken Händen umfasste er ihre Hüften und presste Brooke eng an sich. „Alles in Ordnung?“

„Ja, wenn du mich loslässt, schon.“

Er lachte.

Rasch schob sie ihn von sich weg und versuchte, das Gleichgewicht wiederzuerlangen. Dabei hatte es sich so gut angefühlt, in seinen Armen zu liegen. Lange hatte sie kein Mann so gehalten. Nur das konnte die Erklärung dafür sein, warum seine Nähe so intensive Gefühle bei ihr auslöste. Denn über Nick Carlino war sie seit Langem hinweg.

„Das war keine gute Idee“, sagte er sanft.

„Wie recht du hast.“ Ihr wäre lieber gewesen, wenn er ihr nicht zu Hilfe geeilt wäre.

„Ich hätte dich nicht an diesen Ort bringen dürfen. Du bist noch nicht wieder fit genug für so etwas.“

Erstaunt stellte sie fest, dass sie seinen Kommentar falsch verstanden hatte. „Ja. Aber ich fühle mich schon besser.“

Nickend ergriff er ihre Hand und zog Brooke zum Auto. Komm, ich bringe dich nach Hause. Du musst dich ausruhen.“

Langsam stieg sie in den Wagen und hielt die ganze Fahrt über die Augen geschlossen. Auch wenn sie es nicht wollte, musste sie in einem fort daran denken, wie gut es sich angefühlt hatte, Nick nahe zu sein. Wenn es ein anderer Mann gewesen wäre, hätte sie sich gern an diesen Moment erinnert. Aber da es sich um Nick handelte, versuchte sie, den Gedanken schnell zu verdrängen. Denn seit damals hatte sich nichts verändert: Nach wie vor war sie ihm nicht ebenbürtig.

Welch Ironie des Schicksals, dass sie jetzt mit ihm nach Hause fuhr. Nur komisch konnte sie daran nichts finden.

Schon damals hatte sie viel vom Anwesen der Carlinos gehört. Einige Male war sie daran vorbeigefahren und hatte die großzügigen Parkanlagen bewundert, doch nichts hatte sie auf die Überraschung vorbereitet, die sie ereilte, als sie das Haus nun zum ersten Mal betrat. Sie hielt den Atem an. Eigentlich hatte sie geschmacklosen Prunk erwartet, aber stattdessen strahlten die Räume eine wohltuende Wärme aus.

Sehr beeindruckend.

Die Decken und Wände waren in angenehmen Farbtönen gehalten, die Einrichtung war elegant und komfortabel. Nick erklärte ihr, dass das Gebäude aus vier Flügeln bestand und von einem bekannten Architekten entworfen worden war.

„Brauchst du Hilfe?“, fragte er, als sie mit Leah auf dem Arm die Stufen hinaufstieg.

„Nein, du musst mich nicht wieder auffangen.“

„Schade“, sagte er bedauernd und folgte ihr mit den Koffern.

Flirtete er etwa mit ihr? Jedenfalls brachten seine Kommentare sie durcheinander. Und das war kein gutes Zeichen.

Als sie oben angekommen war, drehte sie sich zu ihm um. „Welche Richtung?“

„Geradeaus durch die Tür.“

Neugierig betrat sie den Raum. „Das ist dein Zimmer, habe ich recht?“ Es war nicht schwer, das festzustellen: Überall im Raum standen Baseballtrophäen und Bilder seiner Familie. Die großen Fenster boten einen atemberaubenden Blick auf die Stadt.

„Ja, das ist mein Reich.“

Aus zusammengekniffenen Augen sah sie ihn an. „Du erwartest doch nicht etwa …?“ Vor ihrem inneren Auge spielten sich die erniedrigenden Szenen ihrer gemeinsamen Nacht ab. Sie konnte nicht aussprechen, was sie dachte.

Lässig stellte er die Koffer ab und musterte Brooke von oben bis unten.

Panik machte sich in ihr breit.

„Es ist einfacher so“, sagte er. „Dieser Raum verfügt über eine Verbindungstür zum Schlafzimmer, wo die Krankenschwester übernachten wird. Und keine Angst, ich schlafe unten im Gästezimmer.“

Erleichtert seufzte sie auf. Wie kam sie überhaupt darauf, dass er an ihr interessiert war? Bestimmt standen die Frauen nach wie vor Schlange bei ihm.

„Ich bringe die anderen Sachen später hoch“, fuhr er fort. „Ruh dich erst mal etwas aus.“

„Ich … ähm … danke dir, Nick.“

„Kein Problem. Fühl dich wie zu Hause. Die Krankenschwester kommt in einer halben Stunde. Ich schicke sie hoch, sobald sie hier ist.“

„Was ist mit dir? Du hast bestimmt Pläne für heute gehabt. Ich will dich nicht von der Arbeit abhalten.“

„Meine Liebe, niemand hält mich von dem ab, was ich mir vornehme.“ Anschließend drehte er sich um und verließ das Zimmer.

Wie gut sie das wusste.

„Tja, Leah, Nick Carlino hat sich nicht verändert.“

Ihre Tochter sah sich mit großen Augen um. Sie schien fasziniert von der neuen Umgebung zu sein. Nun, letztendlich zählte bloß, dass es ihnen beiden gut ging. Seufzend setzte sie sich auf Nicks Bett und legte Leah auf ihren Schoß. „Versprich mir, dass du dich nicht in ihn verliebst, meine Kleine. Man kann ihm nicht trauen. Mommy hat das damals getan und ist sehr enttäuscht worden.“

„So etwas kennt man gar nicht von dir“, bemerkte Nicks Bruder Joe, als er aus dem Pool stieg und sich mit einem Handtuch trocken rubbelte. „Ich hätte nicht gedacht, dass du eine Frau und ihr Kind in deinem Haus wohnen lässt.“

„Ich hatte keine Wahl.“ Missmutig sah Nick ihn an. „Was hätte ich tun sollen? Immerhin hat sie ein Kind. Außerdem ist sie verletzt und hat hier niemanden sonst. Ich konnte sie nicht im Stich lassen. Ihr geht es nicht gut.“

„Das kann es auch nicht, wenn sie bei dir einzieht.“ Kopfschüttelnd legte Joe das Handtuch beiseite und setzte seine Brille auf.

„Sehr witzig, Joe.“

„Wer ist sie?“

„Sie heißt Brooke Hamilton. Wir sind zusammen zur Highschool gegangen.“

„Brooke Hamilton? Irgendwie kommt mir der Name bekannt vor.“

Nick schwieg. Sein Bruder sollte selbst draufkommen.

„Ah, sie ist das Mädchen, das im Cab Café gearbeitet hat, richtig?“

„Genau.“

„Jetzt erinnere ich mich an sie. Sie hat dort gekellnert und sich in dich verknallt.“

„Das ist eine Ewigkeit her.“ Auf keinen Fall wollte Nick sich an diese Zeit erinnern – obwohl er damals zum ersten Mal richtig gehandelt hatte. Auch wenn Brooke das möglicherweise nicht so sah, war es zu ihrem eigenen Wohl gewesen, als er sie ziehen lassen hatte. Nach all den Jahren schien sie es ihm immer noch nicht verziehen zu haben.

„Also bist du jetzt der gute Samariter?“

„So etwas Ähnliches“, brummte Nick. „Wie ich schon sagte, sie bleibt höchstens ein paar Tage. Nur so lange, bis Maynard davon überzeugt ist, dass sie selbst zurechtkommt.“

„Wie kann es eigentlich sein, dass mein kleiner Bruder einen Autounfall hat und seiner Familie nichts davon erzählt?“

„Ich habe versucht, dich anzurufen. Doch dann ist mir eingefallen, dass ihr auf den Bahamas seid.“

„Ja, wir sind erst gestern Abend zurückgekommen. Hast du den Unfall gut überstanden?“

„Ja.“

„Da bin ich ja beruhigt. Wie alt ist eigentlich das Kind?“

„Leah ist fünf Monate alt.“

„Ein Baby?“ Skeptisch musterte Joe seinen Bruder. „Du bist doch nicht …?“

Sofort schüttelte Nick den Kopf. „Ich habe Brooke seit der Highschool nicht mehr gesehen. Dass du mir so etwas zutraust …“

„Hey, sei nicht gleich eingeschnappt. Immerhin hast du einen gewissen Ruf, was Frauen angeht.“

Das konnte Nick nicht abstreiten. Er mochte Frauen – und das beruhte auf Gegenseitigkeit. Doch seine Beziehungen endeten immer schnell. Wenn er seinen Spaß gehabt hatte und merkte, dass sich etwas Ernstes entwickelte, zog er sich zurück. Manchmal machten seine Freundinnen auch selbst Schluss, wenn sie begriffen, dass er nichts mehr in die Beziehung investierte. Allerdings hatte er nie einer Frau etwas vorgemacht. Er ließ sie immer wissen, dass er kein Interesse an etwas Dauerhaftem hatte.

Als junger Mann hatte er gedacht, das würde sich auswachsen, und irgendwann würde er eine Frau fürs Leben finden. Doch diese Illusion hatte sein Vater ihm schnell geraubt. Santo Carlino hatte Nick dazu bestimmt, das Familiengeschäft zu übernehmen. Und da Tony zum Motorsport übergangen war und Joe versucht hatte, sein Glück in New York zu finden, war Nick nichts anderes übrig geblieben, als dem Wunsch seines Vaters zu folgen.

„Ich bin nicht an Brooke Hamilton interessiert“, stellte er klar. „Glaub mir, Joe, ich möchte ihr einfach nur helfen. Auf keinen Fall will ich auf einmal eine eigene Familie haben.“ Verflixt! Erst jetzt sah er Brooke hinter seinem Bruder stehen. Die Babyflasche in ihrer Hand fiel auf den Boden. Ihre Wangen glühten. Bestimmt tobte sie innerlich vor Wut.

Rasch hob Joe die Flasche auf und reichte sie ihr. „Bitte schön. Hallo übrigens, ich bin Joe.“

„Ich erinnere mich an Sie“, entgegnete sie verwirrt und lächelte. „Hallo, Joe.“

„Das mit Ihrem Unfall tut mir leid“, sagte Nicks Bruder. „Ich hoffe, Sie erholen sich schnell von Ihren Verletzungen.“

„Danke, es geht mir schon besser.“

„Solltest du dich nicht ausruhen?“, schaltete Nick sich ein. Vor etwa einer Stunde hatte er die Krankenschwester zu ihr ins Zimmer geschickt.

Ernst wandte Brooke sich ihm zu. „Ich konnte nicht schlafen. Deshalb dachte ich, ich schnappe etwas frische Luft.“

„Und was ist damit?“ Verwundert deutete er auf die Flasche.

„Oh, die wollte ich in den Kühlschrank stellen. Es ist abgepumpte Milch.“

Ungläubig blinzelte er. „Abgepumpt?“

„Ich glaube, ich sollte jetzt gehen“, sagte Joe und verabschiedete sich von ihnen.

„Tut mir leid, dass ich euch gestört habe“, entschuldigte sich Brooke bei Nick und wollte sich umdrehen, um ebenfalls zu gehen.

„Brooke?“

Zögernd hielt sie inne und wandte sich ihm wieder zu. „Es ist nicht so, dass Leah und ich eine Wahl hätten, Nick. Ich möchte nicht undankbar erscheinen, aber für mich ist diese Situation genauso unangenehm wie für dich.“

„Wenn ich dich hier nicht wollte, hätte ich dich nicht eingeladen. Warum konntest du nicht schlafen?“

Nervös spielte sie mit der Flasche in der Hand. „Es liegt am Unfall. Jedes Mal, wenn ich die Augen schließe, spielt sich alles wieder vor meinem inneren Auge ab.“ Sie schluckte und fuhr mit rauer Stimme fort: „Und wenn ich daran denke, was Leah hätte passieren können …“

Langsam kam er zu ihr und legte ihr behutsam die Hände auf die Schultern. „Aber es ist ihr nichts geschehen. Und dir wird es auch bald besser gehen.“

„Ich weiß.“ Eine Sekunde lang schloss sie die Augen. Sie wirkte unglaublich verletzlich.

In diesem Augenblick passierte etwas mit ihm. Er wusste nicht genau, was der Grund dafür war, doch plötzlich fühlte er sich heftig zu ihr hingezogen.

Wie in Zeitlupe berührte er mit dem Finger ihre Wange und sah ihr tief in die Augen. Und dann presste er sanft die Lippen auf ihre. Eigentlich wollte er sie mit diesem Kuss bloß beruhigen, aber es zeigte ihm auch, dass da immer noch etwas zwischen ihnen war. Damals hatte sie ihn in den Bann gezogen, weil sie anders gewesen war als die Mädchen auf seiner Schule.

Sie war etwas Besonderes gewesen … ein Mädchen, mit dem man sich über alles unterhalten konnte und das sich nicht nur für Partys und Kleidung interessierte. Damals hatten sie eine einzige Nacht miteinander verbracht, in der er Brooke beinahe die Unschuld genommen hätte.

Noch Jahre danach hatte er sich gefragt, ob es wirklich richtig gewesen war, in dieser Nacht einen Rückzieher zu machen. Wie oft hatte er sich vorgestellt, wie es gewesen wäre, mit ihr zu schlafen? Es hätte ihm sehr gefallen, ihr erster Mann zu sein. Nein, sagte er sich dann immer wieder, er hatte richtig gehandelt.

Ihre Lippen waren warm und einladend. Am liebsten hätte er den Kuss vertieft, aber er wich von ihr zurück.

Als sie ihn verwundert ansah, strich er ihr eine Locke aus dem Gesicht und seufzte. „Nur, damit du es weißt: Ich knüpfe keine Bedingungen an deinen Aufenthalt bei mir.“

„Das ist mir klar. Du versuchst mir nur zu helfen und bist nicht an mir interessiert. Und glaub mir, das beruht auf Gegenseitigkeit.“ Nach diesen Worten drehte sie sich um und stieg die Treppen hinauf.

Und als er sie dabei beobachtete, musste er lächeln. Jetzt wusste er wieder, warum er sie damals so gemocht hatte. Sie sprach immer aus, was sie dachte.

3. KAPITEL

Nachmittags lag Brooke in Nicks Bett und starrte an die Decke. Normalerweise schlief sie nie um diese Zeit, aber der Arzt hatte ihr Ruhe verordnet. Sie wollte alles tun, um so schnell wie möglich das Haus verlassen zu können. Leah lag neben ihr in einer Wiege, und die Krankenschwester befand sich eine Tür weiter. Deshalb konnte sie beruhigt die Augen schließen und etwas schlafen.

Doch das war einfacher gesagt als getan. Der intime Moment mit Nick am Pool ging ihr nicht aus dem Kopf. Wie hatte sie bloß so dumm sein und sich von ihm küssen lassen können?

Dabei lag es nicht daran, dass er schlecht küsste. Als seine Lippen ihre berührt hatten, war ein Kribbeln durch ihren ganzen Körper gelaufen. Für einen Augenblick hatte sie sich gefühlt, als würde sie schweben.

Nur leider hatte sie sich ihren Gefühlen hingegeben, ohne an die Konsequenzen zu denken. Noch einmal würde ihr das garantiert nicht passieren. Ab sofort würde sie sich von ihm fernhalten.

Sie seufzte und versuchte, sich wieder zu beruhigen. Die Ereignisse der letzten vierundzwanzig Stunden waren einfach zu viel für sie gewesen. Erleichtert spürte sie, wie ihre Augenlider immer schwerer wurden. Vielleicht konnte sie doch endlich etwas Schlaf finden.

Nick entfernte sich von seiner Clique, die sich an einen Tisch im Cab Café setzte, und ging auf Brooke zu. Als sie ihn vom Tresen aus erblickte, schlug ihr Herz sofort schneller. Jedes Mal, wenn er mit seinen Freunden ins Café kam, wollte sie am liebsten wegrennen und sich verstecken.

Sie war ihnen nicht ebenbürtig. Die Baseballspieler und ihre Cheerleader-Freundinnen gehörten einem ganz eigenen exklusiven Klub an. Mehr als ein „Hallo“ hatten sie für Mädchen wie Brooke nicht übrig. Selbst, wenn sie wollte, würden sie sie niemals in ihre Clique aufnehmen. Dagegen sprach allein, dass sie im Cab Café arbeitete und auf der falschen Seite der Stadt wohnte.

„Hallo“, begrüßte Nick sie und setzte sich auf den Barhocker vor ihr.

„Hi, möchtest du etwas trinken?“, fragte sie, während sie einem anderen Kunden einen Kaffee und ein Stück Kuchen servierte.

Er lächelte. „Am liebsten hätte ich einen Vanille-Shake. Aber leider bin ich derzeit im Training, deshalb bring mir bitte eine Limonade.“

„Kommt sofort“, entgegnete sie und versuchte, ihn nicht anzustarren. Wenn er lächelte, bekam er Grübchen, die sie ganz verrückt machten. „Was macht das Team?“

„Gestern Abend haben wir gewonnen. Ich habe meinen zwölften Home Run geschlagen.“

Nervös schenkte sie ihm ein Glas Limonade ein und stellte es vor ihm ab. „Ist das ein neuer Rekord?“

„Noch nicht, aber ich nähere mich immer weiter an. Du solltest mal zu einem der Spiele kommen.“

„Ähm … danke für die Einladung. Vielleicht mache ich das wirklich.“ Brooke musste am Wochenende arbeiten, wenn die Spiele stattfanden. Allerdings konnte ein Junge aus der Oberschicht das wohl nicht ahnen. Bestimmt wusste er nicht, dass es Menschen gab, die arbeiten mussten, um ihre Rechnungen bezahlen zu können.

„Das hoffe ich doch“, meinte er und sah sie so eindringlich an, dass sie schlucken musste.

Warum lag ihm überhaupt etwas daran, dass sie zu seinen Spielen kam? „Ich werde es versuchen.“

Lässig trank er einen Schluck Limonade. „Wie war der Mathetest bei dir?“

„Ich habe eine Eins bekommen. Und du?“

„Du hast mich geschlagen, Brooke.“ Verschmitzt lächelte er sie an. „Du weißt doch, es gefällt mir nicht, zu verlieren.“

Wenn er ihren Namen sagte, konnte sie kaum noch klar denken. Es schockierte sie, welchen großen Einfluss dieser Junge auf sie besaß. „Du solltest mehr lernen. Dann bekommst du bestimmt auch eine Eins.“

Lächelnd stand er auf und trank seine Limonade aus. Nachdem er das Geld auf den Tisch gelegt hatte, ging er zu seinen Freunden zurück. Brooke atmete tief durch und wandte sich dem nächsten Kunden zu. Zu ihrer Überraschung drehte Nick sich noch einmal zu ihr um. „Morgen um drei Uhr habe ich ein Spiel.“

Als sie zu ihm sah, ergriff Candy, die die Leiterin des Cheerleader-Teams war, seine Hand und warf ihr einen vernichtenden Blick zu.

Der Traum ließ Brooke aus dem Schlaf hochschrecken. Doch es war kein Traum gewesen, es war eine reale Erinnerung. Lange hatte sie nicht mehr an diesen Tag zurückgedacht. Wahrscheinlich hatte die gegenwärtige Situation die alten Erinnerungen wieder hochkommen lassen. Immerhin war sie in einen Unfall mit Nick verwickelt gewesen und lag in diesem Augenblick in seinem Bett.

Seufzend sah sie zu Leah, die friedlich neben ihr in der Wiege schlief. Ihre Tochter bedeutete ihr alles. Solange es ihr gut ging, war Brooke glücklich.

Konzentriere dich auf sie. Vergiss Nick und die Vergangenheit.

Doch das konnte sie nicht. Der Traum war so real gewesen, dass er weitere Erinnerungen an die damalige Zeit in ihr wachrief.

„Du bist nicht zum Spiel gekommen.“ Nick fing sie ab, als sie den Schulflur entlangging. Der Unterricht war zu Ende, und nun lag ein langer Heimweg vor ihr. Verunsichert sah sie ihn an. Wie immer, wenn er in ihrer Nähe war, spielten ihre Gefühle vollkommen verrückt. Warum begleitete er sie überhaupt? „Ich musste arbeiten. Du weißt schon, manche Leute müssen das tun, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen.“

„Machst du heute einen auf Moralapostel?“

„Ich?“ Verunsichert griff sie sich mit der Hand auf die Brust und bemerkte sofort ihren Fehler. Sein Blick wanderte zu ihrem Dekolleté. Die Brauen hochgezogen, starrte er ihre Brüste an.

Sie ging schneller, doch nach wenigen Metern holte er sie ein. „Hey, arbeitest du nach der Schule?“, erkundigte er sich.

„Warum? Brauchst du jemanden, der mit dir Mathe lernt?“

Er lachte. „Nein. Solange ich den Test bestehe, mache ich mir keinen Stress. Dann bleibe ich nämlich im Team.“

„Das ist alles, was für dich zählt?“

Wenn er so weitermachte, würde er ganz sicher bald in der Major League spielen. Schon jetzt wurde er von zahlreichen Talent-Scouts umgarnt. Deshalb musste er sich keine Sorgen um seine Noten machen.

„Ja. Ich habe nicht vor, aufs College zu gehen. Und für meinen Vater werde ich auch nicht arbeiten. Baseball ist alles für mich.“

Immerhin hatte er Träume. Und im Gegensatz zu ihr konnte er sie sich erfüllen. Er musste nicht kellnern, um seiner Mutter zu helfen.

„Also arbeitest du oder nicht?“, hakte er nach.

„Erst heute Abend.“

„Dann fahre ich dich nach Hause.“

Eigentlich wollte sie dankend ablehnen. Doch als sie in seine leuchtenden Augen sah, machte sie sich plötzlich Hoffnungen. Trotzdem konnte sie nicht einfach mit ihm fahren. „Warum?“

„Warum nicht?“

Skeptisch zog sie die Brauen hoch.

„Vielleicht fahre ich ohnehin in deine Richtung“, fügte er hinzu. „Oder ich mag dich.“

Darüber konnte sie nur lachen.

Im nächsten Moment stellte er sich vor sie und versperrte ihr den Weg. „Brooke?“

Als er ihren Namen sagte, schöpfte sie erneut Hoffnung. Vielleicht war er ja doch an ihr interessiert. „Na gut.“

Sein Lächeln raubte ihr den Atem. „Komm, mein Auto steht auf dem Parkplatz.“

Die letzten Wochen im Juni vor ihrem Schulabschluss waren eine einzige gefühlsmäßige Achterbahnfahrt gewesen. Immer wenn Nick nach der Schule kein Training hatte, fuhr er sie nach Hause und redete draußen auf der Veranda über Gott und die Welt mit ihr. Sie erfuhr dabei viel über seine Kindheit und seine Baseballträume. Und wenn er über seine Mutter sprach, kam er jedes Mal ins Schwärmen.

Brookes Gefühle für ihn wurden immer stärker. Doch zu ihrer Überraschung fragte er nie, ob sie mit ihm ausgehen wollte. Genauso wenig versuchte er, sie zu küssen. Und das passte gar nicht zu seinem Ruf. Immerhin hatte er sich mit jedem gut aussehenden Mädchen auf der Schule verabredet. Candy Rae war die Letzte in diesem Kreis gewesen. Gerüchten zufolge hatte er mit ihr Schluss gemacht. Doch das Einzige, worüber sie nicht sprachen, waren andere Mädchen.

Nach einer gewissen Zeit fand sie sich damit ab, dass sie nicht mehr als eine Freundin für ihn war, die auf der anderen Seite der Stadt wohnte. Als der Abschlussball näher rückte, wartete sie darauf, dass er sie fragte – leider vergeblich. Deshalb ging sie mit einem Jungen hin, der manchmal im Café aushalf. Und als sie Nick mit Candy auf dem Ball entdeckte, brach es ihr das Herz. Obwohl er ihr nie etwas versprochen hatte, fühlte sie sich betrogen. Trotzdem wollte sie sich nicht den Abend verderben lassen und tanzte mit ihrem Begleiter, bis sie nicht mehr konnte.

Als sie aus dem Waschraum kam, ergriff plötzlich jemand ihre Hände und zog Brooke in eine Ecke. „Nick? Was tust du da?“

„Ich wollte dich bloß begrüßen.“

„Hallo“, meinte sie tonlos.

Er lächelte. Und erneut verzauberten sie seine Grübchen.

„Du siehst umwerfend aus.“ Er ließ seinen Blick über ihren ganzen Körper wandern. Schließlich schaute er ihr eindringlich in die Augen. „Du hast wunderschöne Augen. Das ist das Erste, was mir an dir aufgefallen ist.“

Seine Nähe brachte sie so sehr durcheinander, dass sie beinahe zu atmen vergaß. Warum quälte er sie so?

„Ich wollte nicht mit Candy zum Ball kommen“, gestand er. „Nur leider habe ich es ihr vor ein paar Monaten versprochen.“

„Und du brichst keine Versprechen, richtig?“

„Ich versuche es jedenfalls. Ihre Mutter hat letzte Woche meinen Vater angerufen, um sicherzugehen, dass sie heute Abend meine Begleiterin ist. Mein Dad hat mich unter Druck gesetzt.“

„Warum erzählst du mir das?“

Verwundert sah er sie an. „Das weißt du nicht?“

Sie schüttelte den Kopf.

Sanft berührte er ihr Haar. Einen Augenblick später senkte er den Kopf und küsste sie.

Brooke konnte nicht glauben, was da passierte. Seine Lippen waren genau so, wie sie sich das vorgestellt hatte. Sie waren warm und vielversprechend. So lange hatte sie sich nach diesem Moment gesehnt, dass sie nichts anderes tun konnte, als den Kuss zuzulassen.

Leise seufzend legte Nick die Arme um sie und presste sie eng an sich. Es war wie in einem Traum. Jetzt konnte sie sich nicht mehr zurückhalten. Leidenschaftlich erwiderte sie den Kuss und vergaß alles um sich herum.

Nach einer Weile wurde über die Lautsprecher der letzte Tanz angekündigt.

„Ich muss zurück“, sagte er heiser und löste sich von ihr. Doch in seinen Augen konnte sie sehen, wie ungern er von ihr abließ.

Die Dinge waren außer Kontrolle geraten. Aber das machte ihr in diesem Moment nichts aus. Sie wusste genau, dass sie in der kommenden Nacht von ihm träumen würde.

Mrs Jacobs betrat den Raum, um Brooke den Blutdruck und die Temperatur zu messen. Seufzend richtete sie sich im Bett auf und ließ geduldig die Prozedur über sich ergehen.

„Sieht alles gut aus, Mrs Keating“, beruhigte sie die Krankenschwester. „Alle Ihre Werte sind normal. Was ist mit dem Schwindelgefühl?“

Schon einmal hatte sie die Frau darum gebeten, sie nicht Mrs Keating zu nennen. Nur ungern wollte sie an ihre Ehe erinnert werden. „Wir wollten es doch bei Brooke belassen, erinnern Sie sich? Vor ein paar Stunden hatte ich einen leichten Schwindelanfall. Aber seitdem geht es mir gut.“

Erfreut sah Mrs Jacobs sie an. „Die Ruhe tut Ihnen gut. Jetzt müssen Sie nur noch regelmäßig essen. Mr Carlino lässt ausrichten, dass um sechs Uhr das Abendessen serviert wird. Fühlen Sie sich fit genug, um nach unten zu gehen, oder soll ich Ihnen etwas aufs Zimmer bringen?“

„Nein, nein. Das ist nicht notwendig. Wir kommen nach unten.“

Langsam wurde Leah unruhig. Brooke wusste, dass sie genug geschlafen hatte. Spontan beschloss sie, sie später an die frische Luft zu bringen, damit sie sich an die neue Umgebung gewöhnen konnte.

„Sie ist ein liebes Baby und schläft brav“, bemerkte Mrs Jacobs lächelnd. „Bei meinen Kindern war das nicht so. Sie haben mich immer wach gehalten. Später, als sie groß waren, haben sie mir dafür zum Glück wenig Probleme bereitet.“

„Was will man mehr? Sind Ihre Kinder schon erwachsen?“

„Mein Sohn steht kurz vor seinem Abschluss in Berkeley, und meine Tochter ist bereits verheiratet. Ich hoffe also, dass ich einmal Großmutter werde.“

Sofort musste Brooke an ihre eigene Mutter denken. Sie hatte ein schweres Leben gehabt und sich mittlerweile mit ihrem zweiten Mann auf Hawaii niedergelassen. Brooke freute sich für sie, aber sie vermisste sie sehr. Immerhin würde sie nach Napa kommen, sobald sie sich mit Leah eingelebt hatte.

„Meine Mutter ist verrückt nach Leah“, erzählte Brooke. „Wir haben sie letzten Monat besucht und …“

Plötzlich schrie die Kleine laut auf. Sofort stand Brooke auf und ging zu ihr hinüber. Dabei wurde ihr schwindlig, und sie musste sich am Bettgestell festhalten.

Rasch eilte Mrs Jacobs zu ihr und legte einen Arm um sie. „Sie sind zu schnell aufgestanden. Bitte seien Sie vorsichtiger. Wie geht es Ihrem Kopf?“

Brooke holte tief Luft und sah sie an. „Besser.“

„Ich kümmere mich um Leah. Setzen Sie sich, und ruhen Sie sich aus. In der Zwischenzeit wechsle ich ihre Windel und bringe sie Ihnen dann, damit Sie sie stillen können.“

Brooke folgte dem Rat der Krankenschwester. Sie wusste, je früher sie sich erholte, desto schneller konnte sie Nicks Haus verlassen. Mittlerweile stand sie ganz furchtbar in seiner Schuld. Nicht nur, dass sie sein Auto beschädigt hatte, sie hatte auch seine Gastfreundschaft in Anspruch genommen und sich eine Krankenschwester von ihm bezahlen lassen. Und sie nahm sich fest vor, ihm jeden Penny zurückzuzahlen, den sie ihm schuldete.

Eine Stunde später hatte sie geduscht, sich umgezogen und sich ein wenig zurechtgemacht. Als sie ihrer Tochter ein geblümtes Kleid und dazu passende Sandalen anzog, musste sie lächeln. Leah sah unglaublich süß aus.

„Das Lächeln steht Ihnen gut“, bemerkte Mrs Jacobs. „Fühlen Sie sich besser?“

„Ja, viel besser. Ich gehe jetzt nach unten.“

„Ich nehme Leah, wenn Sie ohne mich die Stufen schaffen.“

„Ich helfe ihr nach unten“, sagte Nick. Lächelnd stand er in der offenen Tür und nickte der Krankenschwester zu. Er trug ein schwarzes Polohemd, das seine starken Muskeln betonte, und eine edle weiße Hose.

„Das brauchst du nicht“, entgegnete Brooke.

„Lassen Sie sich von ihm helfen“, schaltete sich Mrs Jacobs ein. „Nur um sicherzugehen.“

Brooke zögerte, aber jetzt war nicht der Zeitpunkt, um zu diskutieren. „Na gut.“

Erst als sie am Rand der Treppe war, legte Nick den Arm um ihre Hüfte. Seine Berührung ließ sie wie immer wohlig erschauern. Wenn die Krankenschwester gewusst hätte, wie schwindlig ihr wurde, wenn sie in seiner Nähe war, hätte sie es bestimmt nicht erlaubt.

„Ich freue mich, dass du zum Abendessen nach unten kommst“, sagte er. „Ich dachte, du bist wegen vorhin immer noch böse auf mich.“

„Das wäre ganz sicher nicht angebracht. Immerhin kümmerst du dich … rührend um mich.“

„Und das passt gar nicht zu mir, oder?“

„Dazu sage ich lieber nichts“, sagte sie lächelnd. Gut, dass auch er es mit Humor zu nehmen schien.

Als sie unten ankamen, führte er sie zur Terrasse, wo ein Tisch unter einem Vordach aufgestellt worden war. „Da wir im Augenblick nach einem neuen Koch suchen, habe ich uns etwas bestellt. Wenn ich uns etwas gekocht hätte, wärst du bloß wieder im Krankenhaus gelandet.“

„Wunderbar. Ich danke dir.“ Schnell streckte sie die Hände nach Leah aus. „Komm zu mir, meine Kleine.“ Als ihre Tochter auf ihrem Schoß saß, gab sie ihr einen Kuss auf die Wange. Im Laufe der Zeit hatte sie sich angewöhnt, so mit ihrer Tochter zu essen. Es machte ihr nichts aus, denn es war ihr lieber, wenn Lean in ihrer Nähe blieb.

Die Haushälterin Carlotta servierte ihnen ein üppiges Mahl. Brooke war überrascht, dass sie so hungrig war. Sie aß Shrimpssalat und Nudeln mit Pesto-Hähnchen und konnte kaum genug davon bekommen. Während des Essens unterhielten Nick und Mrs Jacobs sich über ihre Kindheit in Napa. Und jedes Mal, wenn Nick ihr in die Augen sah, durchlief ein Kribbeln ihren ganzen Körper.

Schließlich reichte Carlotta ihnen ein italienisches Dessert, das aus einem zur Familie gehörenden Restaurant stammte. In dem Moment, als Brooke es mit der Gabel berührte, schoss eine Schokoladenfontäne heraus. Und Leah ließ es sich nicht nehmen, mit ihrer eigenen kleinen Plastikgabel auf das Dessert zu schlagen, sodass die flüssige Schokolade auf Brookes Bluse spritzte. Das Baby jauchzte und schlug wieder auf die klebrige Masse, die sich auf dem ganzen Tisch verteilte.

„Leah!“ Kopfschüttelnd musterte sie ihre frisch gewaschene weiße Bluse, die nun voller Schokoladenflecken war.

Sofort eilten Carlotta und Mrs Jacobs in die Küche, um Putztücher zu holen.

„Schau mal, was du angestellt hast!“, ermahnte Brooke ihre Tochter.

Doch Leah gluckste bloß und brabbelte vor sich hin.

Schließlich musste Brooke lächeln. Sie konnte ihrer Tochter nicht böse sein. „Jetzt hast du mich ganz mit Schokolade bekleckert.“

„Wie lecker“, sagte Nick lächelnd und sah ihr in die Augen. Genüsslich aß er einen Löffel von dem Dessert.

Für einen Augenblick wusste sie nicht, wie sie reagieren sollte. Flirtete er etwa erneut mir ihr?

„Hier, nehmen Sie das.“ Mrs Jacobs war mit einem Tuch zurückgekommen. „Wenn Sie Glück haben, bleiben keine Flecken zurück.“

„Ach, ich gehe einfach nach oben und ziehe mich um.“

Eine beunruhigte Miene im Gesicht, kam Carlotta auf die Terrasse. „Nick, Sie haben Besuch.“

Bevor er etwas entgegnen konnte, stürmte eine dunkelhaarige Frau in den Garten. „Hallo, Nicky“, begrüßte sie ihn.

„Rachel.“ Überrascht stand er auf.

Die Frau war sehr attraktiv – obwohl sie etwas älter zu sein schien als er. Lächelnd kam sie auf ihn zu und drückte ihm einen Kuss auf die Wange.

Unangenehm berührt, sah Brooke zu Boden. Sie fragte sich, was Rachel dazu sagen würde, wenn sie wüsste, dass Nick sie vor wenigen Stunden genau an dieser Stelle geküsst hatte.

„Wer sind deine Gäste?“, fragte Rachel.

Er stellte ihr alle vor. Und als Brooke an die Reihe kam, starrte Rachel zuerst ihre beschmutzte Bluse und dann das Baby an.

Doch anstatt beschämt wegzusehen, begrüßte Brooke sie selbstbewusst. Sie hatte gelernt, mit solchen Situationen umzugehen. „Freut mich, Sie kennenzulernen, Rachel.“

„Rachel gehört das ‚Rock and A Hard Place‘“, verriet Nick.

Fragend zog Brooke die Brauen hoch. „Tut mir leid, ich erinnere mich nicht daran.“

„Es ist ein Nachtklub“, erklärte Rachel. „Ich habe ihn vor ungefähr drei Jahren eröffnet, er ist sozusagen mein Baby.“ Sie warf einen Blick auf Leah. „Das heißt, bis ich ein eigenes habe.“ Sie sah Nick an und dann wieder auf die Kleine. „Sie ist so goldig.“

„Danke“, gab Brooke zurück. „Derzeit ist sie allerdings nicht sehr ansehnlich. Wir beide sind es nicht. Deshalb sollten wir uns besser umziehen.“

Als sie aufstand, kam Mrs Jacobs zu ihnen. „Ich nehme Ihnen Leah ab.“

„Danke.“ Sie sah zwischen Nick und Rachel hin und her. „Ich lasse euch beide jetzt besser allein. Einen schönen Abend noch.“

„Brauchst du meine Hilfe, um nach oben zu kommen?“, erkundigte er sich.

„Es geht mir schon besser“, entgegnete Brooke. „Danke für das Abendessen.“ Kopfschüttelnd sah sie an sich herab. „Das, was nicht auf meiner Bluse gelandet ist, war sehr lecker.“

Nick lächelte und sah ihr hinterher.

Als sie fast die Terrasse verlassen hatte, hörte sie Rachel fragen: „Nach oben?“

Sie beschloss, so schnell wie möglich in ihr Zimmer zu gehen. Von diesem Gespräch wollte sie nichts mitbekommen.

Mit einem Bier in der Hand lehnte Nick am Geländer der Terrasse, die einen atemberaubenden Blick über das Tal bot. Er hatte in Frankreich mit Mönchen Champagner getrunken und die besten Weine Europas verkostet – ganz abgesehen von den Schätzen, die im Weinkeller seiner Familie ruhten. Doch heute Abend war ihm einfach nach einem kühlen Bier.

Sein Vater hätte das ganz bestimmt nicht gutgeheißen. Carlinos tranken kein Bier. Sie waren Winzer. Allerdings hatte Santo nicht bedacht, dass seine Söhne diesen Beruf vielleicht gar nicht ausüben wollten und andere Interessen hatten. Das war ihm nie in den Sinn gekommen. Nachdem seine Frau gestorben war, hatte er mit aller Macht versucht, seine Interessen bei seinen Söhnen durchzusetzen.

Tony und Joe hatten es geschafft, sich davonzustehlen. Aber Nick hatte nicht so viel Glück gehabt. Sein Vater hatte seine Karriere ruiniert, bevor sie richtig losgegangen war.

„Ich bin schwanger, Nick“, hatte Candy vor seinem ersten Baseballspiel in der Major League ins Telefon geschluchzt. „Ich habe Angst und brauche dich. Bitte komm nach Hause.“

Doch das war unmöglich gewesen. Erst kurz davor war er von den Chicago White Sox verpflichtet worden. An diesem Tag musste er beweisen, was für ein guter Spieler er war. Auf gar keinen Fall konnte er dieses Spiel ausfallen lassen.

Doch als er Candy versichert hatte, dass er so bald wie möglich nach Hause kommen würde, hatte sie sich nicht damit zufriedengegeben. In den folgenden Wochen hatte sie ihn jeden Tag angerufen und ihm die Konzentration gestohlen, die er auf dem Feld dringend benötigte. Irgendwann ging er nicht mehr ans Telefon. Die Konsequenz war, dass sie nach ein paar Tagen plötzlich vor seiner Tür stand. Damals war sie im sechsten Monat und unübersehbar schwanger gewesen. Und obwohl er sie nicht liebte, war es ihm sehr wichtig gewesen, dafür zu sorgen, dass es seinem Kind gut ging. Allerdings reichte ihr das nicht. Allen Ernstes verlangte sie, dass er nach Hause kam und sie heiratete. Natürlich konnte er ihr diesen Wunsch nicht erfüllen. Es kam zu einem Streit, bei dem sie beide sehr laut wurden. Eine Stunde später betrat Nick das Baseballfeld.

Bei dem folgenden Spiel war er so unkonzentriert und aufgebracht, dass er mit einem Mitspieler zusammenstieß und sich die Schulter auskugelte. Und am nächsten Tag stellte sich heraus, dass er sich operieren lassen und einer langen Rehabilitation unterziehen musste.

Seufzend nahm er einen Schluck von seinem Bier und dachte zurück an diese unheilvolle Zeit.

Im Haus war es still. Am Himmel waren nur wenige Sterne zu sehen, und die Ruhe und Einsamkeit deprimierte ihn. Sein Leben hätte ganz anders verlaufen können.

Erst im Spätsommer dieses schrecklichen Jahres hatte er herausgefunden, dass Candys Baby gar nicht von ihm gewesen war und sein Vater diesen Schwindel eingefädelt hatte. Die beiden hatten gemeinsam den Plan geschmiedet, um Nick wieder nach Hause zu bekommen. Candy behauptete, dass sie ihn liebte. Und ihr Vater wollte ihn dazu bringen, dass er die Familiengeschäfte leitete.

Kurz nach seiner Verletzung wurde Nicks Vertrag mit den White Sox gelöst. Bis zum heutigen Tag hasste er seinen Vater dafür. Santo war Zeit seines Lebens ein skrupelloser Geschäftsmann gewesen, der immer nur seinen Vorteil gesehen hatte.

Nick verzieh ihm nie, dass seinetwegen sein Lebenstraum zerplatzt war wie eine Seifenblase.

Nach dem Debakel war er für einige Jahre nach Europa gezogen und hatte dort die Auslandsgeschäfte von Carlino Wines geleitet. Das war für ihn der einzige akzeptable Kompromiss gewesen. Andernfalls wäre er nicht bereit gewesen, für das Familienunternehmen tätig zu sein. Den Abstand zu Santo hatte er gebraucht. Nebenbei hatte er ein Immobiliengeschäft aufgebaut, mit dem er schnell zu eigenem Wohlstand gekommen war.

Plötzlich hörte er Schritte im Haus. Als er sich zur Tür drehte, sah er Brooke herauskommen. Sie war barfuß und trug einen Bademantel.

Bis jetzt hatte sie ihn nicht entdeckt, denn er stand in einer dunklen Ecke. Und das war auch gut so. Er wollte die Gelegenheit nutzen, um sie in Ruhe zu beobachten.

Zögerlich ging sie ein paar Schritte weiter und atmete tief ein. Sie schien beunruhigt zu sein und war wahrscheinlich hier, um einen klaren Kopf zu bekommen. Als sie ihn entdeckte, trat sie schnell einen Schritt zurück. „Oh, tut mir leid“, flüsterte sie. „Ich dachte nicht, dass jemand hier ist.“

„Ich auch nicht. Konntest du nicht schlafen?“

„Ich bin nicht müde. Wahrscheinlich habe ich mir ein zu langes Nickerchen gegönnt. Scheint so, als würdest du die Ruhe genießen. Ich gehe besser wieder nach oben.“ Sofort drehte sie sich um.

„Bitte bleib.“ Innerlich verfluchte er sich. Bei seiner derzeitigen Stimmung war es besser, wenn sie ging.

Zögernd blieb sie stehen. „Ich sollte wirklich hochgehen.“

Ohne weiter darüber nachzudenken, legte er von hinten die Arme um sie. Schon immer hatte er Brooke gemocht. Sie war eine besondere Frau und besaß einen großartigen Humor. Wie kaum jemand anderer konnte sie ihn zum Lachen bringen. Außerdem war sie unglaublich sexy. Und in diesem Moment begehrte er sie mehr als je zuvor.

„Was ist mit Rachel passiert?“, erkundigte sie sich mit zitternder Stimme.

„Sie wollte etwas, das ich ihr nicht geben kann.“

Nach kurzem Zögern fragte sie leise: „Und was ist das?“

„Mich.“ Sanft zerzauste er ihr Haar und küsste ihren Nacken.

Sofort bekam sie eine Gänsehaut.

Er drängte sich enger an sie. „Du hingegen willst gar nichts von mir. Hasst du mich immer noch so sehr?“

„Nein, das habe ich dir doch gesagt.“

„Was ist es dann, Brooke?“

Langsam drehte sie sich um und sah ihn an. „Warum interessiert dich das?“

„Du warst mir mal wichtig. Früher waren wir Freunde.“

Entsetzt öffnete sie den Mund und schob Nick von sich weg. „Mehr war ich nicht für dich?“

Fragend sah er sie an und lachte schließlich. „Was ist eigentlich los?“

„Siehst du? Du scheinst nichts verstanden zu haben.“

„Warum erklärst du es mir nicht einfach?“

„Du hast gesagt, dass wir damals nur Freunde waren.“

„Habe ich nicht“, behauptete er. Nach kurzem Zögern fügte er seufzend hinzu: „Na gut. Ich habe es gesagt. Aber was macht es für einen Unterschied?“

Wütend drehte sie sich um und wollte gehen. „Ich habe keine Lust, mich weiter mit dir zu unterhalten. Es bringt nichts.“ Bei diesen Worten verließ sie die Terrasse und betrat das Haus.

Verflixt! Warum rannte sie immer von ihm weg? Rasch folgte er ihr. „Setz dich, Brooke.“

Sie blieb im Wohnzimmer stehen und starrte ihn an. „Ist das ein Befehl?“

Langsam hatte er ihre Bemerkungen satt und fragte sich, warum er überhaupt ein klärendes Gespräch mit ihr führen wollte. Vielleicht lag es an seiner seltsamen Stimmung. Oder daran, dass Rachel ihn bezichtigt hatte, herzlos zu sein. Aber vielleicht dachte er auch einfach, dass er einmal im Leben etwas Richtiges getan hatte und Brooke ihn nun dafür bestrafte.

Eigentlich sollte er sich nicht darum scheren, was sie über ihn dachte.

Doch er tat es.

„Jetzt mach mal langsam, Brooke, und erzähl mir, was dir auf der Seele liegt.“

„Ich weiß nicht, ob es so gut ist, wenn ich mich aufrege. Vielleicht wird mir wieder schwindlig.“

„Dann setz dich.“

Zögernd nahm sie auf dem Sofa Platz. Er setzte sich ihr gegenüber und wartete.

„Du warst der letzte Mensch auf Erden, den ich wiedersehen wollte“, begann sie schließlich.

„Das weiß ich. Und jetzt erzähl mir, was der Grund dafür ist.“

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