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Gekaufte Küsse / Heißkalte Winternacht / Der sinnliche Plan des Millionärs

Brenda Jackson

Gekaufte Küsse

PROLOG

Fast hätte er das Klingeln seines Handys überhört, weil die vielen Gäste um ihn herum so fröhlich plauderten. Spencer Westmoreland zog das Telefon aus seiner Jackentasche und blickte kurz aufs Display. „Hi, Stuart“, meldete er sich. „Was gibt’s?“

„Nichts Erfreuliches“, entgegnete sein Anwalt. „Eines Ihrer neuen Projekte droht zu scheitern. Wann können wir uns treffen, um die Angelegenheit zu besprechen?“

„Heute leider nicht. Ich bin in Montana, auf der Hochzeit meines Cousins.“

„Okay. Dann genießen Sie den Tag. Überhastete Aktionen bringen uns in dieser Sache ohnehin nicht weiter. Lassen Sie uns morgen miteinander telefonieren.“

„Nein, nein. Wir können jetzt reden. Die Trauung ist gerade vorüber, und es wird wohl noch eine halbe Stunde dauern, bis die Feier beginnt.“

Braut und Bräutigam waren für Fotoaufnahmen drüben im Haupthaus der Ranch, während die Gäste in der Scheune warteten, die für den heutigen Tag in einen traumhaft schönen rustikalen Festsaal verwandelt worden war.

Das Handy am Ohr, bahnte Spencer sich einen Weg nach draußen, um dort in Ruhe zu telefonieren – und auch, um für eine Weile aus dem Blickfeld seiner Mutter zu verschwinden. Denn sie betrachtete ihn wieder mal mit einem Lächeln, das deutlich zu verstehen gab: Ich hoffe, du wirst der nächste Bräutigam sein.

Ganz bestimmt nicht, dachte Spencer, bevor er sich wieder auf das Gespräch konzentrierte. „Also, Stuart, erzählen Sie. Um welches Projekt geht es?“

„Um das Weingut der Familie Russell.“

„So? Das überrascht mich.“ Als er vor einigen Monaten erfuhr, dass dieses zweihundert Hektar große Weingut zum Verkauf stand, war Spencer ins Napa Valley gefahren und hatte sich auf Anhieb in das sonnige Tal mit den vielen Obstplantagen und Weinbergen verliebt. Seine Nachforschungen hatten dann ergeben, dass die Russells finanzielle Probleme hatten, die es ihnen schwer machten, ihren Besitz zu bewirtschaften. Und Spencer hatte seinen Anwalt zu ihnen geschickt – mit einem Angebot, das mehr als großzügig gewesen war.

Er plante, die Kellerei stillzulegen und das Anwesen in ein Urlaubsparadies zu verwandeln. Er wollte ein Nobelhotel errichten lassen, inklusive großem Wellnessbereich und Swimmingpool. Es würde auch Tennisplätze geben, Wege fürs Mountainbiking … ja, einfach alles, was sich verwöhnte Gäste wünschten.

„Wie kann das sein, Stuart? Sie haben doch neulich gesagt, es wäre nur noch eine Frage von Tagen, bis das Weingut mir gehört. Wer macht uns denn jetzt noch einen Strich durch die Rechnung?“

„Eine junge Frau namens Chardonnay Russell.“

„Die siebenundzwanzigjährige Enkelin des Besitzers?“

„Ja. Irgendwie hat sie den alten Mann dazu gebracht, sein Land nicht zu verkaufen.“

Spencer fluchte. „Aber er hatte mein Angebot doch schon mündlich akzeptiert.“

„So ist es.“

„Und ich dachte, die Russells hätten enorme Geldprobleme.“

„Haben sie auch.“

„Und warum können sie es sich plötzlich leisten, nicht zu verkaufen?“, fragte Spencer verärgert, weil ihm womöglich ein gutes Geschäft entging.

„Sie können es sich eigentlich nicht leisten. Meinen Informationen zufolge werden sie verkaufen müssen“, beruhigte Stuart ihn. „Aber ich schätze, die Enkelin möchte einen letzten Versuch unternehmen, doch noch eine Bank zu finden, die ihnen einen Kredit gewährt, damit sie das Weingut behalten können. Es ist seit über fünfzig Jahren im Besitz ihrer Familie, und die junge Frau ist wohl noch nicht bereit, das Handtuch zu werfen.“

„Sehr bewundernswert, aber zu spät, verdammt noch mal. Der Besitzer hat uns die Zusage gegeben, und ich habe keine Lust, mich von seiner Enkelin hinhalten zu lassen. Ich will das Weingut, Stuart. Also tun Sie bitte, was immer nötig ist, damit der Kaufvertrag schleunigst unterschrieben werden kann.“

„Tut mir leid, doch im Moment kann ich da nichts ausrichten. Chardonnay hat mir vorhin mitgeteilt, dass ihre Familie nicht weiter verhandelt.“

Und darum sollte er seinen schönen Plan einfach aufgeben? Oder geduldig warten? Nein, für ihn kam weder das eine noch das andere infrage. Er war ehrgeizig, und wenn er etwas haben wollte, sorgte er auch dafür, dass er es bekam. „Ich fliege morgen ins Napa Valley“, entschied er. „Vielleicht hilft es ja, wenn ich persönlich auf dem Weingut erscheine. Würden Sie den Russells bitte ausrichten, dass ich komme?“

„Wird erledigt. Ich möchte Sie allerdings warnen, und zwar vor der Enkelin. Obwohl sie den Namen eines köstlichen Weins trägt, ist sie stachlig wie ein Kaktus.“

Autsch! Wenn sich ein höflicher Mann wie Stuart zu so einer Äußerung hinreißen ließ, musste Chardonnay Russell eine wirklich schwierige Verhandlungspartnerin sein. Aber das macht nichts, dachte Spencer lächelnd. Er liebte Herausforderungen – und er mochte eigensinnige, selbstbewusste Frauen.

1. KAPITEL

„Donnay, kommst du bitte? Der Geschäftsmann aus San Francisco ist da.“

Chardonnay Russell blickte ihre Mutter an, deren Augen schon wieder so traurig wirkten. Gereizt warf sie den Stift beiseite, bevor sie aufstand. Oh, sie hasste es, hilflos mit ansehen zu müssen, wie ihre Familie litt, weil die finanzielle Situation von Tag zu Tag bedrohlicher wurde. Wenn sie doch nur etwas tun könnte!

Ihr Weingut hatte immer Gewinn abgeworfen, und das tat es nach wie vor. Schließlich produzierten sie Spitzenweine. Doch der Krankenhausaufenthalt ihres Großvaters hatte Anfang des Jahres ein Vermögen gekostet, und die teuren Medikamente, die er seitdem benötigte, zehrten so langsam ihre Ersparnisse auf. Nur noch wenige Monate – dann würden sie weder die Strom- noch die Wasserrechnung bezahlen können und müssten den Betrieb schließen.

Sie brauchten einen Kredit, und zwar schleunigst. Doch bisher hatten alle Banken abgelehnt. Winzer galten als nicht besonders kreditwürdig, denn eine schlechte Ernte reichte und sie kamen mit den Raten in Verzug.

Darum hatte ihr Großvater beschlossen, sein Land zu verkaufen. Chardonnay wusste jedoch, wie weh es ihm tat, dieses Weingut zu verlieren, das er eigenhändig aufgebaut hatte. Und solange es noch ein Fünkchen Hoffnung gab, würde sie nicht zulassen, dass er sein Lebenswerk opferte – als wäre seine schwere Herzkrankheit nicht schon Unglück genug.

Doch es gab ja noch Hoffnung. Auch wenn es eher ein Strohhalm war, an den sich Chardonnay klammerte. Sie war neulich bei einer Bank in San Francisco gewesen, und Mr Gordon, deren Manager, schien nicht abgeneigt gewesen zu sein, ihnen einen Kredit zu gewähren. Es musste klappen! Und falls nicht, würde sie weiter …

„Donnay?“ Die Stimme ihrer Mutter riss sie aus ihren Gedanken. „Kommst du? Unser Gast wartet.“

„Ja … er soll ruhig warten. Sonst glaubt er noch, hier würde jeder nach seiner Pfeife tanzen.“

Aber das glaubt er ohnehin, dachte sie grimmig, als ihr einfiel, was sie im Internet über Spencer Westmoreland gelesen hatte. Der 36-Jährige hatte seine erste Million schon vor dem dreißigsten Geburtstag gemacht und besaß inzwischen mehr Geld, als er jemals ausgeben konnte. Angeblich hatte er sich im letzten Jahr zur Ruhe gesetzt. Doch jetzt war ihm anscheinend langweilig geworden, und er wollte ein neues Spielzeug – das Weingut ihrer Familie.

Doch das sollte er nicht so leicht bekommen! Chardonnay hatte nämlich vor, um ihr Zuhause zu kämpfen.

Mit einem beruhigenden Lächeln ging sie zu ihrer Mutter, einer bildschönen Frau. Von ihrem Vater wusste Donnay leider so gut wie nichts. Ihre Mom war achtzehn gewesen, als sie sich in ihn verliebt hatte. Chad Timberlain, ein Berufssoldat, hatte während eines längeren Urlaubs auf diesem Weingut gearbeitet und war zu seiner Einheit zurückgekehrt, bevor Ruth hatte feststellen können, dass sie ein Kind von ihm erwartete.

„Wo sind Gramps und Grammy?“, fragte Donnay sanft. Sie wusste genau, dass ihre Großeltern noch nervöser waren als ihre Mutter, weil der reiche Geschäftsmann sie aufsuchte.

„In der Küche“, erwiderte Ruth. „Janice hat unseren Gast ins Wohnzimmer gebracht.“

„Gut.“ Donnay nickte. „Dann werden wir ihn jetzt begrüßen. Und vergiss nicht, Mom, ihr drei habt zugestimmt, dass ich das Gespräch führe.“

Man ließ ihn also warten. Spencer lächelte. Als erfolgreicher Geschäftsmann kannte er diese Taktik natürlich. Wer einen Besucher warten ließ, wollte seine eigene Überlegenheit demonstrieren. Wollte zeigen, dass er das Sagen hatte. Aber ihn konnte man damit nicht bluffen. Zumal seine Recherchen ergeben hatten, dass sich die Familie Russell in einer absoluten Zwangslage befand.

Das Weingut gehörte bald ihm, ohne Zweifel. Denn er verstand sein Handwerk, das wusste jeder in der Branche. Keiner verhandelte so geschickt wie er. Und heute würde es ein Kinderspiel werden. Er musste nur seinen Trumpf aus dem Ärmel ziehen, dann würde Mr Russell den Kaufvertrag mit Freuden unterschreiben.

Während Spencer langsam durchs Wohnzimmer wanderte, betrachtete er die vielen Urkunden an den Wänden – lauter Auszeichnungen, die Mr Russell für seine Weine erhalten hatte. Der Mann schien ein hervorragender Winzer zu sein.

„Es tut mir leid, dass Sie einen Moment warten mussten, Mr Westmoreland“, hörte er eine sanfte weibliche Stimme.

Ja, sicher, dachte er und wandte sich den Leuten zu, die ins Zimmer traten. Doch in der nächsten Sekunde konnte er keinen klaren Gedanken mehr fassen. Wie verzaubert blickte Spencer in die schönsten Augen, die er je gesehen hatte. In strahlend blaue Augen.

Er versank förmlich darin und brauchte einen Moment, um sich zu fangen. „Das war kein Problem.“

Nein, das Warten nicht. Diese junge Frau bereitete ihm allerdings Probleme, denn sie brachte ihn völlig durcheinander. Wie hatte Stuart sie bezeichnet? Als stachligen Kaktus? Nun … Spencer fand, sie glich eher einer wundervollen Blüte. Er hatte ja schon viele attraktive Ladies kennengelernt, aber Chardonnay Russell war eine wirklich außergewöhnliche Schönheit.

Sie war groß, mindestens ein Meter fünfundsiebzig, und schlank. Ihre weiße Bluse und ein schmaler Leinenrock betonten ihre weiblichen Kurven, während das lockige brünette Haar ihre Schultern umschmeichelte.

Ihr Gesicht war bezaubernd. Lange dunkle Wimpern umrahmten ihre Augen. Die leicht gebräunte Haut schimmerte seidig, und ihre sinnlichen Lippen luden zum Küssen ein.

Die silberfarbenen Kreolen, die an ihren Ohrläppchen baumelten, ließen sie noch begehrenswerter aussehen.

Noch nie hatte Spencer erlebt, dass der Anblick einer Frau ein solches Verlangen in ihm auslöste. Doch gegen die erotische Ausstrahlung von Chardonnay schien er machtlos zu sein, denn er konnte nicht anders, als mit offenen Augen zu träumen: von einem breiten Bett und ineinander verschlungenen Körpern.

„Da wir bisher nur mit Ihrem Anwalt Mr Fulmer zu tun hatten“, riss sie ihn aus seinen erotischen Fantasien. Aber er nahm ihre Worte kaum wahr – weil er sehnsüchtig auf ihre Lippen schaute und wünschte, er könnte sie küssen.

„… möchte ich Ihnen zunächst meine Familie vorstellen“, fuhr Chardonnay fort.

Spencer ließ sie nicht aus den Augen, während sie mit geschmeidigen Bewegungen auf ihn zukam. Sein Puls begann zu rasen, als er sie von oben bis unten musterte: ihre schlanke Taille, die langen Beinen, die sich unter dem Rock abzeichneten. Und sobald sie vor ihm stand, atmete er ihren süßen Duft ein.

Ihren verführerischen Duft, der ihn völlig betörte. Ihn träumen ließ …

Nein! Verdammt, reiß dich zusammen! Spencer rief sich zur Ordnung. Er war doch hier, um geschäftliche Verhandlungen zu führen. Doch wie sollte ihm das gelingen, wenn diese Frau ihm den Kopf verdrehte?

„Ich bin Chardonnay Russell“, sagte sie mit ihrer sanften Stimme und reichte ihm die Hand.

„Es freut mich, Sie kennenzulernen.“ Spencer nahm ihre Hand in seine – fest entschlossen, ganz cool zu bleiben –, doch leider reichte diese harmlose Berührung und es durchzuckte ihn wie ein elektrischer Schlag.

Fast hätte er verzweifelt aufgestöhnt. Warum reagierte er nur so heftig auf sie? Lag es vielleicht daran, dass er seit über sieben Monaten keinen Sex mehr gehabt hatte? Nein, wohl kaum. Es lag nur an ihr … an dieser zauberhaften Frau.

Schnell zog er die Hand zurück und bemühte sich, seine Gefühle hinter einer gleichgültigen Miene zu verbergen.

„Das ist meine Mutter, Ruth Russell.“ Chardonnay deutete auf die gut aussehende Dame neben ihr. „Und meine Großeltern, Catherine und Daniel Russell.“

Nachdem Spencer jeden von ihnen mit Handschlag begrüßt hatte, setzten sich alle an den rustikalen Esstisch.

„Eins möchte ich von vornherein klarstellen“, begann Chardonnay selbstsicher. „Wir verkaufen unser Weingut nicht. Und sollten Sie glauben, dass Sie es schaffen, uns doch zu überreden, Mr Westmoreland, irren Sie sich gewaltig.“

Ihr Mut imponierte Spencer. Sie ließ sich nicht einschüchtern, obwohl es ihrer Familie finanziell sehr schlecht ging. „Nein, Miss Russell, ich fürchte, Sie sind diejenige, die sich irrt“, erwiderte er – vielleicht eine Spur zu überheblich? „Denn bisher habe ich immer alles erreicht, was ich mir vorgenommen habe.“

Chardonnay zog die Stirn kraus. „Und jetzt wollen Sie unser Weingut, obwohl ich gerade gesagt habe, dass wir es nicht verkaufen?“

„Ja“, bestätigte er. „Ich bin mir auch sicher, dass Sie Ihre Meinung ändern werden. Vor allem, da ich die Konditionen zu Ihren Gunsten verbessert habe.“

Spencer konnte nicht anders, als Chardonnay arrogant anzugrinsen. Er ahnte, wie sehr sie sich darüber ärgerte. Aber das war ihm egal. Denn inzwischen hatte ihn eine ganz andere Leidenschaft gepackt – er brannte darauf, ein einträgliches Geschäft zu machen.

„Wenn Sie gestatten“, sagte er ruhig, „würde ich Ihnen jetzt gern mein neues Angebot präsentieren.“

Eine Viertelstunde später hatte Chardonnay seine Planungsunterlagen eingehend studiert. Deshalb blickte sie Spencer, der ihr am Tisch gegenübersaß, auch vorwurfsvoll an. „Was Sie mit unserem Land vorhaben, ist eine Frechheit. Sie wollen hier ja alles zerstören.“

Er zuckte mit den Schultern. „Ich biete Ihnen einen fairen Preis. Da kann es Ihnen doch egal sein, was ich mit dem Besitz anstelle, sobald er mir gehört.“

„Es ist uns aber nicht egal“, erwiderte sie. „Mountainbiking in den Weinbergen. Ein riesiges Hotel am Hang. Das kommt nicht infrage. Sie würden ja die Arbeit von fünfzig Jahren vernichten. Nein. Wir verkaufen unser Land nicht an Sie, Mr Westmoreland. Und ich bin sicher, wir haben die richtige Entscheidung getroffen.“

„Glauben Sie das allen Ernstes? Sehen Sie sich mein Angebot noch mal genau an, Miss Russell.“ Er beugte sich vor. „Ich habe meine erste Offerte um eine halbe Million Dollar erhöht. Das ist sehr viel Geld. Können Sie es sich wirklich erlauben, mein großzügiges Angebot auszuschlagen?“

Nein. Ehrlich gesagt, nicht. Chardonnay biss sich nervös auf die Lippe. Ob die Bank in San Francisco ihnen einen Kredit gewährte, stand in den Sternen. Und falls nicht? Sie blickte ihre Mutter und ihre Großeltern an. Die Zukunft der drei – doch besonders die ihres herzkranken Großvaters – hing davon ab, ob sie jetzt die richtige Entscheidung traf. Vielleicht sollten sie verkaufen.

Aber sie hasste es, wenn jemand wie Spencer Westmoreland hereinspazierte und meinte, er könnte aus ihrer traurigen Situation Profit schlagen.

Chardonnay hatte gleich geahnt, wie das Gespräch verlaufen würde, als sie ins Wohnzimmer gekommen war und Spencer dort hatte stehen sehen – im teuren Armani-Anzug und mit einer so selbstgefälligen Miene, als wollte er deutlich machen: Ich kann kaufen, was immer mir beliebt. Dieser arrogante Schnösel!

Zu allem Überfluss sah er auch noch fantastisch aus. Groß und schlank. Er hatte dunkles Haar, einen männlichen Mund und braune Augen. Sehr schöne dunkle Augen. Und ob Chardonnay nun wollte oder nicht – ihr lief jedes Mal ein lustvoller Schauer über den Rücken, sobald sich ihre Blicke trafen.

„Miss Russell? Ich hatte Sie etwas gefragt.“

Sie funkelte ihn böse an, denn sein Ton gefiel ihr überhaupt nicht. Dann blickte sie fragend zu ihrem Großvater hinüber – der lächelte ihr aufmunternd zu und nickte. Okay. Nun hatte sie die Antwort. Jetzt musste sie nur noch fest daran glauben, dass ein Wunder geschah und der freundliche Bankier aus San Francisco ihnen aus der Patsche half.

So blind aufs Glück zu vertrauen, mochte ja dumm sein, aber Chardonnay riskierte es. Sie schaute Spencer in die Augen und sagte: „Ja. Wir können Ihr Angebot ausschlagen, und das tun wir.“

Dann stand sie auf. „Und jetzt möchten wir Ihre kostbare Zeit nicht länger in Anspruch nehmen, Mr Westmoreland. Meine Familie dankt Ihnen für Ihr Interesse am Weingut Russell. Doch wie ich schon zu Beginn des Gesprächs sagte – es steht nicht mehr zum Verkauf.“

Spencer erhob sich und klappte seine Aktentasche zu. Schweigend. Bevor er schließlich sagte: „Wenn Sie glauben, dass ich aufgebe, haben Sie sich geirrt, Miss Russell.“ Er grinste sie an. „Es macht mir richtig Spaß, mit Ihnen zu verhandeln.“

Aber mir nicht. „Es gibt keine weiteren Verhandlungen“, erwiderte sie kühl. „Warum suchen Sie sich nicht einfach ein anderes Weingut, aus dem Sie einen Freizeitpark machen können?“

„Weil mir Ihres so besonders gut gefällt.“ Er lächelte breit und bedachte sie mit einem Blick, unter dem sie wieder wohlig erschauerte. „Auf Wiedersehen, Miss Russell. Und ich bin mir sicher, dass wir uns schon bald wiedersehen.“

Als das Haus der Familie Russell eine gute Meile hinter ihm lag, lenkte Spencer den Mietwagen an den Straßenrand und griff zu seinem Handy. „Stuart? Hier ist Spencer. Könnten Sie herausfinden, welche Bank eventuell beabsichtigt, den Russells einen Kredit zu gewähren? Und informieren Sie mich bitte, sobald Sie etwas in Erfahrung gebracht haben.“

Er klappte das Handy zu und ließ den Blick über die Weinberge wandern. Es war Anfang Dezember, doch ein sonniger Tag, und die Landschaft war herrlich. Spencer wollte dieses Weingut seit Monaten. Und jetzt gab es noch etwas, das er wollte.

Chardonnay Russell.

Er war noch nie einer Frau begegnet, die ihn dermaßen faszinierte. Die ein solches Verlangen in ihm auslöste. Die sein Herz rasen ließ, sobald er sie anschaute. Er begehrte sie. Und Chardonnay ging es umgekehrt ebenso – das hatte er deutlich in ihren Augen gelesen.

Nachdenklich zog er die Stirn kraus. In seiner großen Familie gab es kaum noch Singles. Die meisten seiner Cousins und Brüder waren glücklich verheiratet, und seine Mutter wünschte sich, auch ihre weiteren Söhne recht bald vor dem Traualtar zu sehen.

Nach dem Tod seiner Verlobten hatte Spencer sich allerdings geschworen, nie zu heiraten. Lynette war mit dem Jetski verunglückt – vor vier Jahren auf den Bermudas –, und die Obduktion hatte ergeben, dass sie in der sechsten Woche schwanger gewesen war. Also war er als Vater nicht infrage gekommen. Denn sie war zwei Monate lang dort gewesen – beruflich –, und er hatte keine Zeit gefunden, sie zu besuchen.

Aber war das ein Grund gewesen, ihn zu betrügen? Seine Hände krampften sich um das Lenkrad. Es hatte ihn sehr verbittert, dass Lynette mit irgendeinem Kerl ins Bett gehüpft war, obwohl sie beide bereits ihre gemeinsame Zukunft geplant hatten.

Seit diesem Verrat glaubte Spencer nicht mehr daran, jemals die wahre Liebe zu finden. Trotzdem. Er war sechsunddreißig und hatte ein Vermögen angehäuft. Da wäre es sinnvoll, eine Familie zu gründen. Nachkommen zu haben. Viele Kinder, die hatte er sich doch immer gewünscht.

Und obwohl er seinen Traum von einer Liebesheirat vor Jahren begraben hatte, konnte er es sich durchaus vorstellen, eine Ehe zu führen, die auf gegenseitigem Respekt und erotischer Anziehungskraft basierte.

O ja … sein Leben mit einer Frau zu teilen, die ihm allein mit ihrem Anblick den Atem raubte, würde ihm sehr gefallen.

Spencer ließ den Motor an und fuhr weiter in Richtung des Hotels Chablis, in dem er übernachten wollte. Er hatte soeben einen Entschluss gefasst. Bei ihrem nächsten Treffen würde er Chardonnay ein neues Angebot machen – und sie würde es akzeptieren. Bestimmt. Denn er war ein Mann, der dafür sorgte, dass er immer alles bekam, was er wollte. Der niemals aufgab, bevor er sein Ziel erreicht hatte.

Und jetzt wollte er Chardonnay – in seinem Bett, in seinem Leben, als seine Ehefrau.

2. KAPITEL

„Hier ist ein Anruf für dich.“

Chardonnay, die im Weinkeller Inventur machte, drehte sich zu ihrer Mutter um. „Die Bank?“, fragte sie hoffnungsvoll.

Ruth schüttelte den Kopf. „Nein. Mr Westmoreland.“

Sie seufzte. Ihre Mutter wusste doch, wie sehr ihr dieser Kerl gestern auf die Nerven gegangen war. Wieso hatte sie ihn nicht abgewimmelt?

„Danke, Mom“, sagte sie sarkastisch, als die ihr das Telefon reichte. Dann bedeckte sie das Mikrofon mit der Hand und flüsterte: „Warum hast du ihm nicht gesagt, ich wäre nicht da?“

„Weil sein Anruf wichtig sein könnte.“

„Ts. Das bezweifle ich. Der will mich nur wieder nerven.“ Sie drückte das Telefon ans Ohr, während ihre Mutter hinausging.

Mit Westmoreland zu reden, war nun wirklich das Letzte, was sie wollte. Es reichte ihr gerade, dass sie sein Bild nicht mehr aus dem Kopf bekam. Gestern hatte sie unaufhörlich an ihn denken müssen. Und was noch viel schlimmer war – die ganze Nacht lang hatte sie von diesem attraktiven dunkelhaarigen Mann geträumt. Obwohl sie ihn doch so gern aus ihrem Gedächtnis streichen würde, denn arrogante Businesstypen wie er waren ihr zuwider.

„Ja?“, meldete sie sich schroff.

„Miss Russell? Hier ist Spencer Westmoreland. Ich rufe an, um Sie zu fragen, ob ich Sie heute Abend zum Dinner einladen darf.“

Der sinnliche Ton in seiner Stimme sandte sofort ein warmes Prickeln über ihre Haut. Chardonnay seufzte. Diese verräterischen Hormone! Wie’s aussah, könnte ein Date mit dem Mann sehr gefährlich werden. „Mr Westmoreland, warum sollte ich mit Ihnen essen gehen?“

„Um das Weingut Ihrer Familie zu retten.“

„Es tut mir ja leid, Sie enttäuschen zu müssen, aber wir brauchen Ihre Hilfe nicht.“

„Sind Sie sich da absolut sicher?“

Nein. Im Gegenteil. Die Bank in San Francisco hüllte sich in Schweigen. Dabei hatte Mr Gordon versprochen, bis spätestens heute Mittag anzurufen – und jetzt zeigte die Uhr halb zwölf. Chardonnay lehnte sich gegen ein Weinregal. Vielleicht wäre es klüger, sich anzuhören, was Spencer Westmoreland zu sagen hatte. „Okay. Wir können uns gern noch mal unterhalten. Aber es muss ja nicht beim Dinner sein.“

„Doch. Ich bestehe darauf.“

„Und wenn ich mich weigere, mit Ihnen essen zu gehen?“, fragte sie verärgert.

„Dann werden Sie nicht erfahren, was ich Ihnen vorschlagen möchte.“

„Ach … ich glaube, es interessiert mich auch gar nicht.“ Was sollte er schon vorschlagen? Er würde den Kaufpreis um weitere hunderttausend Dollar erhöhen. Jemand wie Spencer verstand es wohl nicht, aber der Familie Russell war es wichtiger, ihr Weingut zu behalten, statt Millionen auf dem Konto zu haben. „Ich habe Ihnen doch gestern gesagt, dass es keine weiteren Verhandlungen gibt. Haben Sie das schon vergessen?“

Sie hörte ihn leise lachen, und der Klang gefiel ihr. „Nein. Aber ich hoffe, dass ich Sie umstimmen kann.“

„Nein, Mr Westmoreland. Es bleibt dabei: Wir verkaufen nicht, und Sie können sich jedes weitere Angebot sparen.“

„Wollen Sie es wirklich riskieren, mir eine Abfuhr zu erteilen, bevor Ihr Kredit bewilligt wurde?“

Bei den Worten beschlich Chardonnay ein ungutes Gefühl. Ließ er ihr etwa nachspionieren? „Was wissen Sie über meine Verhandlungen mit den Banken?“

„Nichts. Aber es ist doch klar, dass Sie eine Finanzspritze brauchen. Sonst hätten Sie Ihr Weingut ja nie zum Verkauf angeboten. Außerdem lege ich Wert darauf, immer gut über meine Geschäftspartner informiert zu sein.“

„Das wäre in diesem Fall nicht nötig gewesen. Denn wir beide kommen nicht ins Geschäft.“

„Wenn Sie das glauben möchten, bitte. Und jetzt zu meiner Einladung … Ich habe einen Tisch im Sedricks reservieren lassen. Darf ich Sie um sieben Uhr abholen?“

Chardonnay wünschte, sie könnte Nein sagen. Nur schien ihr das zu riskant. Vielleicht brauchten sie Spencers Hilfe ja doch noch. Dann wäre es dumm, ihn vorher zu verärgern. „Okay. Sieben Uhr passt mir.“

„Wunderbar. Also sehen wir uns dann.“

Kaum hatte er aufgelegt, wählte Chardonnay die Nummer der Bank in San Francisco. Und als Mr Gordon ihr sagte, der Kredit fürs Weingut Russell sei genehmigt worden, da strahlte sie vor Glück.

Was für ein herrlicher Tag! Dieser Kredit war ihre Rettung. Jetzt konnten sie endlich wieder beruhigt in die Zukunft sehen. Grund genug, um gleich eine Flasche ihres besten Weines zu öffnen und mit der Familie zu feiern.

Chardonnay lächelte. Und heute Abend beim Dinner würde sie Spencer Westmoreland genüsslich sagen, dass er für immer aus ihrem Leben verschwinden solle. Darauf freute sie sich schon.

Spencer lächelte zufrieden, als er sich auf den Rücksitz der Limousine sinken ließ, die er für den heutigen Abend gemietet hatte.

Es lief alles nach Plan. Später beim Dinner – in einem eleganten Restaurant, bei Kerzenschein und Wein – würde er Chardonnay ein sehr persönliches Angebot machen. Und wenn er sich nur vorstellte, mit dieser Frau zu schlafen … ihren wundervollen Körper mit seinen Lippen, seinen Händen zu erkunden, wurde ihm heiß.

Oh, natürlich war Spencer nicht so naiv, zu glauben, dass sie seinen Vorschlag akzeptierte. Nein, im Gegenteil. Er rechnete fest damit, dass sie sein Angebot zurückwies. Jedenfalls heute. Aber er konnte sehr überzeugend sein. Und nach einigen Tagen Bedenkzeit würde sie zustimmen. Da war er sich sicher.

Ihr blieb ja auch gar keine andere Wahl. Wieder lächelte Spencer. Chardonnay musste seine Frau werden – zumindest, wenn sie wollte, dass ihre Familie das Weingut behielt.

Durch die getönte Fensterscheibe blickte er auf die sanften Hügel, und wieder mal wurde ihm bewusst, wie schön es im Napa Valley war. Er stammte aus Atlanta, lebte aber schon seit vielen Jahren in Kalifornien, da es ihm hier so gut gefiel. Und so gern er reiste oder nach Atlanta fuhr, um seine Familie zu besuchen, fand er es immer herrlich, nach Sausalito zurückzukehren. Dieser malerische Ort an der Bucht von San Francisco wurde oft mit der französischen Riviera verglichen wegen seines mediterranen Flairs.

Er besaß dort ein Haus. Eine elegante Villa, am Hang gelegen, mit einer fantastischen Sicht auf San Francisco, die Bucht und die Golden Gate Bridge. Er genoss es sehr, dort zu wohnen. Aber das ländliche Napa Valley erschien ihm noch reizvoller, denn dieses Tal strahlte so viel Ruhe aus. Hier – weitab vom Trubel der hektischen Städte – würde er sich gern niederlassen, heiraten und seine Kinder großziehen.

Ja. Spencer hatte sich entschlossen, sein Plan stand fest. Und da er seine Ziele immer erreichte, würde es auch diesmal nicht anders sein.

Chardonnay schaute in den Spiegel. Warum hatte sie sich eigentlich so viel Mühe gegeben, heute besonders hübsch auszusehen? Weil das Sedricks ein exklusives Restaurant war. Ja, bestimmt. Nicht, um Spencer zu gefallen.

Lächelnd drehte sie sich hin und her. Ihr schwarzes Seidenkleid hatte einen tiefen Rückenausschnitt und schmiegte sich eng an ihre Hüften.

So viel zeigte sie nur selten von ihren weiblichen Kurven. Bei der Arbeit trug sie ja meistens Jeans und bequeme Pullover oder T-Shirts. Und wann hatte sie schon mal einen Grund, sich so aufzubrezeln? Ihr letztes Date lag gefühlte hundert Jahre zurück, denn nach dem Fiasko mit Robert Joseph, einem Professor am College, war sie Männern gegenüber eher misstrauisch.

Sie war vierundzwanzig gewesen und studierte im letzten Semester Weinbau, als sie sich in Robert verliebte. Der geschiedene 40-Jährige hatte sie heftig umworben, sie beeindruckt und von einer gemeinsamen Zukunft gesprochen – bis er nach vier Monaten plötzlich sagte, er wäre wieder mit seiner Exfrau zusammen. Da begriff Chardonnay, dass sie für ihn nur ein Zeitvertreib gewesen war. Ein Spielzeug. Und so weh es tat, sie hatte ihre Lektion gelernt. Nun wusste sie: Wenn ein Mann von Liebe redete, sollte eine Frau ihm nicht unbedingt glauben.

Mit einem strahlenden Lächeln blickte sie in den Spiegel. Sie fühlte sich unendlich erleichtert und glücklich. Ein ganzes Jahr lang hatte sie keinen Grund zum Lachen gehabt. Da war zunächst die Sorge um das Leben ihres Großvaters gewesen. Und dann hätten sie beinahe ihr Zuhause verloren. Doch jetzt durfte sie wieder unbeschwert sein.

„Du siehst schön aus, mein Kind.“

„Danke, Mom. Mir geht’s auch wunderbar. Ich kann’s kaum erwarten, Spencer Westmoreland zu sagen, dass wir keinen Grund mehr haben, unser Weingut zu verkaufen. Egal, wie viele Millionen er uns dafür bietet.“

„Sei vorsichtig, Chardonnay“, mahnte ihre Mutter besorgt. „Ich habe den Eindruck, Mr Westmoreland ist ein Mann, der nicht gern verliert.“

Sie kicherte. „Das denke ich auch. Aber es kann mir doch egal sein, wie er mit dieser Niederlage fertig wird.“

„Ja, schon. Trotzdem, er könnte uns Schwierigkeiten …“

„Nein, Mom, mach dir keine Sorgen.“ Lächelnd griff Chardonnay nach der Hand ihrer Mutter. „Ich gehe heute Abend mit ihm essen. Und ab morgen haben wir mit diesem unerträglich arroganten Kerl nichts mehr zu tun. Glaub mir. Alles wird gut.“

Spencer stieg aus der Limousine, während der Chauffeur ihm die Tür offen hielt. Er dankte dem Mann mit einem Nicken und ging forsch auf das Haus der Russells zu.

Mit jedem Schritt, den er tat, pochte sein Herz etwas schneller. Wieso eigentlich? Er war ja sonst nicht aufgeregt vor einem Date. Und doch benahm er sich heute wie ein verliebter Teenager, der es gar nicht erwarten konnte, seine Angebetete wiederzusehen. Den ganzen Tag über hatte er sich auf diesen Moment gefreut.

Sein Puls beschleunigte sich nochmals, als Spencer die Klingel betätigte. Und als die Tür aufging und Chardonnay vor ihm stand, raubte ihr Anblick ihm schier den Atem.

Lächelnd trat sie einen Schritt zurück, um ihn hereinzulassen. „Eine Sekunde. Ich hole nur meine Stola.“ Sie eilte davon.

Und er sog scharf die Luft ein, als sein Blick auf ihren nackten Rücken fiel. Ihr Kleid war sensationell. Es betonte ihre sanften Kurven und brachte ihre langen Beine perfekt zur Geltung, aber dieser tiefe Rückenausschnitt wirkte sehr erregend … Während Spencer verlangend auf ihre helle Haut starrte, spürte er ein heißes Ziehen in seinen Lenden. Darum beschloss er auch, an der Tür stehen zu bleiben, und war froh, dass er einen Ledermantel trug.

Er beobachtete, wie Chardonnay ihre Stola von der Garderobe nahm, sich den schwarzen Schal um die Schultern legte und sich dann zu ihm umdrehte. Im selben Moment trafen sich ihre Blicke, verfingen sich ineinander. Und wie schon gestern hatte Spencer das Gefühl, in ihren strahlend blauen Augen zu versinken. Er vergaß alles um sich herum und war nicht mehr imstande, klar zu denken.

Aber halt! Das gefiel ihm nicht. Er war ein Mann, der gern die Kontrolle behielt, und jetzt fühlte er sich völlig wehrlos. Verunsichert, weil diese Frau es schaffte, ihn mit einem einzigen Blick in ihren Bann zu ziehen.

Wer war sie? Eine Zauberin aus dem Napa Valley? Er sollte sich vorsehen. Nicht so tief in ihre Augen schauen. Sonst kniete er schon bald vor ihr nieder und schenkte ihr dieses Weingut.

Doch so weit ließ er es natürlich nicht kommen. Spencer räusperte sich und hatte sich wieder im Griff. „Können wir gehen?“

Lächelnd kam sie auf ihn zu. „Ja, gern.“

Chardonnay schmiegte sich an das weiche Lederpolster der Limousine, während sie über die dunkle Landstraße fuhren, vorbei an ihren geliebten Weinbergen. Und fast hätte sie angefangen, fröhlich zu summen. Es war so schön, ihren Großvater wieder glücklich zu sehen. Die ganze Familie war erleichtert … ja, dankbar dafür, dass sie ihr Weingut behalten durften. Was ja immerhin ihr Zuhause war.

Es hätte sie hart getroffen, das Anwesen an jemanden verkaufen zu müssen, der die schöne Natur und die Ruhe in diesem Tal gar nicht schätzte. Der ihr Land zerstören wollte, statt es zu kultivieren. Der vorhatte, fünfzig Jahre alte Rebstöcke aus der Erde zu reißen, um eine Spielwiese für reiche, verwöhnte Leute zu erschaffen.

Dieser Jemand saß neben ihr – mit deutlichem Abstand – und hatte noch nicht ein Wort gesagt, seit die schwarze Limousine vom Hof gefahren war. Chardonnay gestand sich ein, dass sie ziemlich überrascht gewesen war, als sie aus dem Haus trat und diesen großen Wagen sah. Aber sie hätte wohl damit rechnen müssen. Denn Spencer Westmoreland schien ein Mann zu sein, der es genoss, seinen Reichtum herzuzeigen.

Sie musterte ihn von der Seite. Im Mondlicht konnte sie seine Gesichtszüge nur undeutlich erkennen, aber es war klar, dass er aus dem Fenster starrte. Das ärgerte sie. Warum schaute er sie nicht an? Wenigstens ab und zu. Und wieso sprach er nicht mit ihr?

Seltsam. Zuerst riss er sich darum, mit ihr essen zu gehen, doch jetzt saß er stumm da und würdigte sie keines Blickes.

Hatte er vielleicht schon kapiert, dass er ihr Weingut nicht bekam, und innerlich aufgegeben? Na, wohl kaum. Wahrscheinlicher war, dass Spencer gerade überlegte, wie er sein Ziel am schnellstens erreichen könnte.

Wie auch immer … beim Abendessen würde sie ihm verraten, dass die Familie Russell keinen Grund mehr hatte, mit ihm zu verhandeln. Chardonnay lächelte zufrieden, als sie daran dachte, dass ihre Mom und ihre Großeltern endlich wieder ruhig schlafen konnten. Ob ihr das heute ebenfalls vergönnt war, bezweifelte sie allerdings. Wenn sie Pech hatte, lag sie wieder die halbe Nacht wach und dachte mit Herzklopfen an diesen attraktiven Mann.

Sie betrachtete sein Profil, während er nach wie vor aus dem Fenster starrte. Spencer sah einfach … umwerfend aus. Durch und durch männlich, oh ja. Und er verstand es, sich zu kleiden. Das war ihr schon gestern aufgefallen. Langsam ließ sie den Blick an ihm hinabwandern. Unter diesem schicken Ledermantel trug er bestimmt wieder einen eleganten Anzug, der seine schlanke und doch kräftige Figur betonte.

„Haben Sie schon einmal bei Sedricks gegessen?“, hörte sie seine tiefe Stimme.

Ups! Chardonnay hob schnell den Kopf – Spencer schaute sie an. Und wie lange schon? Hatte er etwa mitbekommen, wie sie seine Kleidung bewunderte?

„Ja, ich kenne Sedricks recht gut“, gab sie ihm zur Antwort. „Und Sie?“

„Ich war nur ein einziges Mal dort. Aber der Service und vor allem das Essen haben mich begeistert.“

„Oh ja. Der Koch ist ein wahrer Künstler.“ Täuschte sie sich, oder hatte sich der Abstand zwischen ihnen beiden verringert?

„Und das ruhige Ambiente im Sedricks gibt uns die Gelegenheit, uns ausgiebig zu unterhalten.“

„Worüber?“, hakte sie nach – in der Hoffnung, mehr über den Grund seiner Einladung zu erfahren.

„Dies und jenes.“ Plötzlich rutschte er dicht an sie heran. Ihr Herz begann wild zu pochen. Spencer hatte eine so erotische Ausstrahlung, dass sie lustvoll erschauerte, sobald sie in seine Nähe kam. Und gerade jetzt war er ihr bedenklich nahe.

Robert hatte nie diese Wirkung auf sie gehabt. Er war auch ein ganz anderer Typ. Der gebildete Mann hatte sie mit seinem Wissen beeindruckt. Und er sah gut aus, aber typisch Professor, interessierte er sich nur für seine Studien und nichts anderes, schon gar nicht für Mode. Darum trug er meist ausgebeulte Cordhosen zu einem uralten Sakko. In seinen Kreisen spielte das Äußere ja auch keine Rolle.

Spencer Westmoreland hingegen war das Paradebeispiel eines erfolgreichen Geschäftsmannes. Er sah blendend aus, war souverän, weltmännisch … und arrogant. Chardonnay zweifelte nicht daran, dass er viel Macht und Einfluss in der Finanzwelt besaß. Und um mit dreißig Millionär zu werden, brauchte man sicherlich auch ein gewisses Maß an Rücksichtslosigkeit. Dieser Gedanke beunruhigte sie. Denn Spencer wollte ihr Weingut. Unbedingt. Und was würde er tun, wenn er es nicht bekam?

Hoffentlich behielt ihre Mutter nicht recht, und er machte ihnen irgendwelche Schwierigkeiten.

Chardonnay stockte der Atem, als Spencer den Arm ausstreckte, um ihn hinter ihrem Kopf auf die Rückenlehne zu legen. „Ich muss zugeben“, meinte er mit rauer Stimme, „dass ich befürchtet hatte, Sie würden meine Einladung nicht annehmen.“

Sie sah ihm in die Augen. „Dann habe ich es ja geschafft, Sie zu überraschen, Mr Westmoreland. Und ich glaube, es wird mir heute Abend noch mal gelingen.“ Nur würde es keine freudige Überraschung für ihn sein.

„So?“

„Ja.“

Er hielt ihren Blick eine Weile gefangen, bevor er leise sagte: „Sie haben wunderschöne Augen.“

Ein Kompliment, das sie ihm glatt zurückgeben könnte. Doch wozu? Der Mann war ja schon eingebildet genug. „Danke.“

„Es ist nur die Wahrheit. Sie sind eine zauberhafte Frau.“

Was sollte das werden? Wollte er sie mit Schmeicheleien betören, damit sie ihm das Weingut überließ? Sie sah ihn abweisend an. Seine schönen Worte konnte er sich sparen. Andere Frauen mochten darauf reinfallen, aber sie nicht. „Nochmals danke, Mr Westmoreland.“

„Lassen wir doch die Förmlichkeiten. Duzen wir uns. Nenn mich Spencer.“

„Gut.“ Sie nickte. „Ich bin Donnay.“

Er lächelte. „Chardonnay gefällt mir besser.“

Sie versuchte, den sinnlichen Klang in seiner Stimme zu ignorieren, mit dem er ihren Namen aussprach. Und tapfer verdrängte sie, wie gut er roch – nach einem würzigen Aftershave und seinem eigenen männlichen Duft. Sehr verführerisch.

„Chardonnay.“ Wieder ließ er jede Silbe auf der Zunge zergehen, sagte ihren Namen auf eine Art, die sie erschauern ließ. Und sein Blick senkte sich auf ihre Lippen. Würde er sie gleich küssen? Zwischen ihren Schenkeln begann es zu pochen. Oh ja, sie sehnte sich nach seinem Kuss.

Trotzdem sollte sie vernünftig bleiben. Sie durfte sich nicht mit diesem Mann einlassen, weil sie genau wusste, dass er nur mit ihr spielte.

Es war jedoch zu spät. Zu spät, um Spencer Westmoreland noch länger widerstehen zu können. Er beugte sich zu ihr und strich mit der Zunge leicht über ihre Lippen, bevor er sie küsste, zärtlich und verführerisch. Chardonnay erzitterte vor Verlangen.

Und sobald sie seine Zunge spürte, die fordernd nach ihrer tastete, konnte sie gar nicht anders, als ihren Gefühlen nachzugeben … begierig erwiderte sie seinen Kuss.

Es ist herrlich, dachte sie genussvoll. Einfach himmlisch.

Spencer zog sie eng an sich, und Chardonnay stöhnte vor Lust auf, als er den Kuss vertiefte.

Kein Mann hatte sie jemals so geküsst. So heiß und tief und verzehrend. So erregend. Das sinnliche Spiel seiner Zunge berauschte sie ebenso wie sein männlicher Duft und sein Geschmack. Noch nie hatte sie ein so unbändiges Verlangen verspürt wie jetzt. Und je hungriger sie Spencer küsste, desto leidenschaftlicher reagierte er.

Doch plötzlich löste er sich von ihren Lippen. Chardonnay seufzte enttäuscht. Sie öffnete die Augen, und erst jetzt bemerkte sie, dass sie förmlich auf ihm lag. Auf seinem Schoß. Und Spencer blickte ihr in die Augen – verlangend und besitzergreifend.

Verflucht noch mal, sie hätte sich niemals so gehen lassen dürfen. Jetzt glaubte dieser arrogante Kerl doch, sie wäre Wachs in seinen Händen.

Was ja auch leider stimmte.

Trotzdem sollte er sich bloß nicht einbilden, das würde jetzt so weitergehen. Nein. Sie würde sich nicht von ihm verführen lassen. Egal wie gut er küsste. Hastig setzte sich Chardonnay neben ihn. Mit deutlichem Abstand, wohlgemerkt, um nicht wieder in Versuchung zu geraten.

„Ich werde deinen Geschmack niemals vergessen, Chardonnay.“

Sie blickte ihn an, als er selbstsicher hinzufügte: „Und ich werde es genießen, dich wieder und wieder zu küssen.“

„Bestimmt nicht“, widersprach sie.

Spencer lächelte. „Oh doch. Denn du hast eine große Schwäche: deine Loyalität. Die aber gleichzeitig eine wundervolle Eigenschaft ist. Ja, ich glaube … deine Treue ist das, wofür ich dich am meisten bewundere.“

Chardonnay begriff nicht, wie er das meinte. Und bevor sie ihn danach fragen konnte, sagte er: „Wir sind da. Lass uns während des Dinners weiterreden.“

3. KAPITEL

Spencer wusste, dass er den richtigen Ort für ihr Gespräch ausgewählt hatte, sobald er Chardonnay in das elegante Restaurant führte. Allein dieses Ambiente verdiente fünf Sterne.

Das im europäischen Stil errichtete Backsteingebäude lag auf einer Anhöhe im Herzen des Napa Valley. Die Räume waren geschmackvoll geschmückt, und sogar heute, am Dienstag, schien jeder Tisch besetzt zu sein. Spencer bemerkte, wie einige Männer bewundernd auf die Frau an seiner Seite schauten. Da legte er Chardonnay die Hand auf den Rücken, damit klar war, zu wem sie gehörte.

Sie sah ihn mit großen Augen an.

„Ich habe reserviert“, meinte er lächelnd. „Also werden wir wohl nicht lange warten müssen.“

Kaum hatte er ausgesprochen, erschien ein Kellner im Frack, der sie an den vielen Gästen vorbei zu einem Séparée im hinteren Teil des Restaurants führte. Wände aus rotem Ziegelstein, dunkle Holzbalken sowie ein schmiedeeiserner Kronleuchter, der von der Decke hing, schufen hier eine sehr romantische Atmosphäre.

Nachdem Chardonnay und Spencer sich an den einzigen Tisch in dem kleinen Raum gesetzt hatten, wurden ihnen die Speisenkarten und die Weinliste gereicht. Diskret zog sich der Mann zurück.

Dann waren sie allein.

Spencer betrachtete Chardonnays Gesicht und versuchte, ihre Gedanken zu erraten. Hatte er sie eben überrascht, als er die Hand auf ihren Rücken legte? Vermutlich. Und ehrlich gesagt, hatte es ihn selbst überrascht. Er wurde sonst nie eifersüchtig, wenn seine Begleiterin begehrliche Blicke anderer Männer auf sich zog.

„Es ist schön hier“, meinte sie anerkennend. „So gemütlich und sehr stilvoll eingerichtet.“

„Ja“, pflichtete Spencer ihr bei – und hätte am liebsten gesagt, dass nichts so schön war wie sie. Er spürte noch ihren Geschmack auf seinen Lippen und wünschte, es würde so bleiben. Für immer. Er hatte es unglaublich genossen, Chardonnay zu küssen, die Arme um sie zu schlingen und sie eng an sich zu pressen, während er ihren Mund eroberte. Und ihr genussvolles Stöhnen hatte sein Verlangen noch um einiges gesteigert.

Seine Erinnerungen wurden jäh unterbrochen, als der Kellner hereinkam, der ihnen zwei Gläser Wasser brachte und sich nach ihren Wünschen erkundigte. Beide entschieden sich für ein Fischgericht und einen Weißwein des Weingutes Russell.

„Hast du unseren Wein schon einmal gekostet?“, fragte Chardonnay, sobald sie wieder allein waren.

„Nein. Doch sollten die Urkunden in eurem Wohnzimmer nicht lügen, müsste er gut sein.“

Sie zog die Stirn kraus. „Er ist mehr als gut. Unser Wein ist vorzüglich. Der beste im Land.“

Spencer lachte. „Verständlich, dass du das sagst. Na, ich bin auch schon sehr gespannt.“ Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. „Was sind eigentlich deine Aufgaben auf dem Weingut?“

„Ich mache ein bisschen von allem. Je nach Jahreszeit“, erklärte Chardonnay. „Im Winter kümmere ich mich hauptsächlich um den Verkauf. Im Frühjahr und Sommer arbeite ich im Weinberg. Rebstöcke beschneiden oder pflanzen. Unkraut zupfen. Ich kann jedoch auch mit der Weinpresse umgehen. Und meine schönste Aufgabe ist die des Weinverkostens.“

Nachdem sie einen Schluck Wasser getrunken hatte, fragte sie: „Wieso interessiert es dich, was ich mache?“

Er zuckte mit den Schultern. „Weil ich neugierig bin.“

Chardonnay sah ihm in die Augen. „Und ich bin ebenso neugierig wie du, Spencer.“ Sie beugte sich zu ihm, als sie seinen Vornamen zum ersten Mal aussprach. „Worum geht es hier? Wieso hast du mich zum Essen eingeladen?“

Auch er beugte sich jetzt vor, ohne den Blickkontakt zu lösen. „Warum hast du akzeptiert?“, fragte er mit rauer Stimme.

Sie lächelte strahlend. „Weil es etwas gibt, das ich dir gern erzählen möchte.“

Oh, er liebte ihr Lächeln. Es ließ sein Herz höherschlagen. „Was denn?“

„Das erfährst du gleich.“ Chardonnay lehnte sich wieder zurück. „Wir brauchen den Wein zum Anstoßen. Denn meine Neuigkeit ist ein Grund zum Feiern.“

„Das klingt ja spannend.“

„Ist es auch. Du wirst staunen. Aber du musst dich gedulden, bis der Wein da ist.“

„Gut. Dann kannst du mir in der Zwischenzeit ja mehr über dich erzählen.“

„Nein.“ Sie schüttelte den Kopf. „Du weißt schon genug. Jetzt bist du dran.“

Er hätte ihr gern widersprochen. Denn es reichte ihm längst nicht, was er über sie wusste. Er war so neugierig auf Chardonnay und hätte sie am liebsten stundenlang ausgefragt. Trotzdem fügte er sich und antwortete: „Ich bin ein Westmoreland.“

Sie grinste. „Und das soll etwas bedeuten?“

„Oh, in Atlanta schon. So wie deine Familie hier beheimatet ist, hat meine ihre Wurzeln dort. Wir sind sogar berühmt“, scherzte er. „Mein Cousin Dare ist Sheriff in College Park, einem Vorort von Atlanta. Und mein Cousin Thorn Westmoreland …“

„Ist ein bekannter Rennfahrer“, beendete Chardonnay den Satz und schenkte ihm erneut ein strahlendes Lächeln. „Ich hatte dich bisher nicht mit ihm in Verbindung gebracht. Thorn Westmoreland … für den habe ich als Teenager geschwärmt. In meinem Zimmer hing sogar ein Poster von ihm. Er war ein absolut heißer Typ.“

Spencer lachte. „Ich schätze, du würdest ihn auch heute noch attraktiv finden. Aber er ist glücklich verheiratet, und seine Frau Tara erwartet Ende Dezember ihr erstes Baby. Einen Jungen.“

„Wie schön. Und hast du auch Geschwister?“

„Fünf Brüder. Jared ist der Älteste von uns. Durango, Ian, Quade und Reggie sind jünger als ich.“

„Wohnen alle in Atlanta?“

„Nur Jared und Reggie. Ian lebt in Lake Tahoe. Und Quade arbeitet für die Regierung in Washington.“

„Interessant. Und was genau macht er dort?“

„Keine Ahnung. Er ist Sicherheitsbeamter. Und da vieles der Geheimhaltung unterliegt, erzählt er uns nichts“, behauptete Spencer. Denn er wollte nicht länger über seine Brüder reden, sondern mehr über Chardonnay erfahren. „Und deine Familie? Besteht sie nur aus dir, deiner Mutter und deinen Großeltern?“

„Ja. Wir vier sind eine eingeschworene Gemeinschaft. Wir stehen einander sehr nah.“

„Was ist mit deinem Vater?“

Sie zuckte die Schultern. „Ich kenne ihn nicht. Und er weiß nicht, dass ich existiere. Ende der Geschichte.“

Der Kellner trat in den Raum und brachte den Wein.

Nachdem er ihnen davon eingeschenkt hatte und wieder gegangen war, hob Chardonnay lächelnd ihr Glas. „Auf das Weingut Russell“, sagte sie. „Mögen wir für immer bestehen. Und mit dem Kredit, den die Bank uns heute bewilligt hat, ist das durchaus möglich.“

Sie blickte ihn über den Rand des Glases hinweg an, während sie am Wein nippte, und ihre Augen funkelten. Spencer wusste auch, warum – sie triumphierte, weil sie glaubte, sie hätte seine Pläne zunichtegemacht.

Im nächsten Moment änderte sich ihre Miene jedoch. „Und?“, fragte sie sichtlich enttäuscht. Bestimmt, weil er nicht die gewünschte Reaktion zeigte.

„Und was?“

„Willst du nichts dazu sagen?“

„Doch. Aber lieber erst nach dem Essen“, erwiderte Spencer höflich. „Ich fürchte, wir könnten uns bei diesem Thema streiten, und es wäre ja schade, wenn wir uns damit den Appetit verderben.“

Dieser Kommentar schien ihr zu bestätigen, dass sie ihn ausgebootet hatte. Denn jetzt lächelte Chardonnay wieder siegessicher. „Du wirst es schon verschmerzen, dass du unser Weingut nicht bekommst.“

„Ich habe noch nie aufgegeben, wenn ich etwas möchte.“

„Tja … in diesem Fall wird dir wohl nichts anderes übrig bleiben. Du musst deine schönen Pläne begraben.“

Die Tür ging auf, und beide schwiegen, während der Kellner ihnen die Hauptspeisen servierte.

„Lass uns das Essen genießen.“ Spencer sah Chardonnay lächelnd an. „Und anschließend werde ich dir erklären, warum du dich irrst.“

Chardonnay verzichtete auf ein Dessert, denn sie war das Katz-und-Maus-Spiel leid, das Spencer und sie hier veranstalteten. Sie hatte sich wahnsinnig darauf gefreut, ihm ins Gesicht zu sagen, dass er das Weingut Russell nicht bekam. Trotz all seiner Millionen. Und natürlich hatte sie ihren Triumph auskosten wollen. Aber der Kerl zeigte ja keine Reaktion. Weder Ärger noch Enttäuschung noch sonst was. Er schien nicht mal überrascht zu sein – darum fragte sie sich schon die ganze Zeit, ob er wohl mehr wusste als sie.

Und jetzt hielt sie es einfach nicht länger aus. „Du bist mir noch eine Erklärung schuldig, Spencer. Warum meintest du vorhin, ich würde mich irren?“

Sie beobachtete, wie er sein Weinglas auf den Tisch stellte. Dann griff er in die Innentasche seines Jacketts, um die Brieftasche hervorzuholen. Aus der nahm er eine Visitenkarte und reichte sie ihr.

Spencer Westmoreland. Adresse, Telefon. „Ja, und?“ Chardonnay sah ihn verdutzt an. „Was soll mir das sagen? Deinen Namen kenne ich doch schon.“

„Auch die Branche, in der ich tätig bin?“

Sie schielte auf die Karte. „Finanzbeteiligungen?“

„Ja. Das ist einer der vielen Bereiche, in denen ich mein Geld verdiene.“

Schön. Trotzdem begriff sie nicht, worauf er hinauswollte. Chardonnay sah ihm in die Augen. „Und was hat das mit mir zu tun?“

Spencer hielt ihrem Blick stand. Er wusste genau, dass ihr seine Erklärung nicht gefallen würde. Und sein Angebot wohl noch viel weniger. Einen Moment lang überlegte er, ob er nicht alles rückgängig machen sollte. Ob es nicht besser wäre, wenn er ihrer Familie das Weingut überließ und aus ihrem Leben verschwand.

Das schaffte er jedoch nicht. Auf das Stück Land könnte er ja verzichten. Mit Leichtigkeit. Aber nicht auf Chardonnay. Nachdem er diesen Abend mit ihr verbracht hatte, fand er sie faszinierender als zuvor. Und er begehrte sie mit einer Leidenschaft, die er bisher nicht gekannt hatte.

„Du hast vorhin erwähnt“, begann Spencer, um ihre Frage zu beantworten, „dass euch ein Kredit bewilligt wurde.“

„Ja. Von einer Bank in San Francisco.“

„Ich weiß.“

Sie zog die Stirn kraus. „Woher solltest du das wissen?“

„Bei riskanten Kreditgeschäften holen sich die Banken oftmals Partner ins Boot. Ein privater Investor ist dann der eigentliche Kreditgeber, während die Bank nur die Abwicklung übernimmt.“

Spencer schwieg einen Moment, um ihr Zeit zu geben, den Zusammenhang zu verstehen. Aber das ging schneller als erwartet. Sie starrte ihn an. „Und du bist der private Investor, der uns einen Kredit gibt?“

„Ja.“ Er beschloss, langsam und ruhig zu sprechen, damit sie ihm auch zuhörte und begriff, in welcher Situation sich ihre Familie befand. „Die Bank konnte keinen anderen Investor finden. Und wäre ich heute Mittag nicht eingesprungen, hättet ihr mit Sicherheit keinen Kredit bekommen. Jetzt ist es so: Sobald ihr den Kreditvertrag unterschreibt, wird mir eine Hypothek auf euer Weingut eingeräumt.“

„Das hast du ja clever eingefädelt“, fauchte sie ihn an. „Du hältst eine Hypothek auf unser Land, und falls wir mit den Raten in Verzug kommen, gehört alles dir?“

„Ja“, bestätigte er. „Das sind meine Bedingungen. Ich gebe euch einen Kredit in beliebiger Höhe. Aber ich bin der neue Besitzer des Weingutes, sobald ihr das Geld nicht vereinbarungsgemäß zurückzahlt.“

Ihre Augen funkelten vor Zorn. „Willst du unser Land so sehr, dass du uns mit diesem Knebelvertrag unter Druck setzt, damit wir sofort an dich verkaufen?“, fragte sie mit bebender Stimme.

Nun wurde es Zeit, ihr die volle Wahrheit zu sagen. „Ich will euer Weingut schon seit Monaten“, begann er. „Aber seit gestern gibt es etwas, das mir weitaus wichtiger ist als jedes profitable Geschäft.“

„Prima. Dann kannst du dich ja darauf konzentrieren“, meinte Chardonnay ironisch. „Worum geht es denn? Was steht jetzt ganz oben auf deiner Wunschliste?“

„Du“, erwiderte Spencer, während er ihr in die Augen sah. „Ich will dich.“

Chardonnay starrte ihn an. Seine Antwort hatte sie völlig verwirrt. Sonst wäre sie auch kaum auf die Idee gekommen, die naive Frage zu stellen: „Und wofür?“

„Ich will dich heiraten“, erklärte Spencer. „Denn ich möchte eine Familie gründen, viele Kinder haben, und du wärst die perfekte Ehefrau für mich.“

„Wie bitte?“ Fassungslos schaute sie in sein Gesicht und suchte nach Anzeichen, ob er vielleicht nur scherzte. Aber dem schien nicht so zu sein. „Glaubst du allen Ernstes, ich würde mich darauf einlassen?“

„Ja.“ Er nickte. „Du wirst mich heiraten – weil es dir wichtig ist, dass deine Familie das Weingut behält.“

„Aber ich bin doch kein Posten im Warenhaus, den man sich einfach aussuchen kann“, protestierte sie wütend. „Nein, Spencer Westmoreland, trotz all deiner Millionen … mich kannst du nicht kaufen.“

„So darfst du das nicht sehen. Schließlich würden wir beide von unserer Ehe profitieren.“

„Oh, toll“, gab sie bissig zurück. „Hast du schon eine Gewinn- und Verlustrechnung erstellt? Mein Gott! Von einem romantischen Heiratsantrag wie deinem habe ich immer geträumt.“

„Hör mir bitte einen Moment zu“, bat Spencer. „Ich glaube, du verstehst nicht, in welch prekärer Lage deine Familie steckt. Ihr findet keine Bank, die euch einen Kredit gewährt. Und ihr habt kaum noch Rücklagen. Darum werdet ihr die Kellerei bald schließen müssen.“

Womit er leider recht hatte.

„Außerdem seid ihr ein kleines Familienunternehmen, das heutzutage gar nicht mehr konkurrenzfähig ist“, fuhr er fort. „Trotzdem bin ich bereit, mein Geld in euer Weingut zu stecken. Und ich biete dir zwei Möglichkeiten. Ihr könnt den Kredit bei der Bank in San Francisco in Anspruch nehmen – aber den müsst ihr innerhalb von sechs Monaten zurückzahlen.“

„In sechs Monaten?“, fragte sie empört. „Du weißt bestimmt, wie unmöglich das ist. Und Mr Gordon hatte vorgeschlagen, die Rückzahlung über fünf Jahre zu strecken. Schneller schaffen wir es auch gar nicht.“

„Verstehe. Dann solltest du die zweite Möglichkeit in Betracht ziehen. Heirate mich und schenke mir Kinder. So bleibt das Weingut in deiner Familie, und du darfst es leiten, wie immer du möchtest. Ich versorge dich mit dem nötigen Betriebskapital. Und ich bin bereit, jede gewünschte Summe zu investieren, damit ihr die Kellerei ausbauen könnt, um die Produktion zu steigern. Das würde euch ermöglichen, eure Weine auch international bekannt zu machen und zu exportieren.“

„Vergiss es!“ Chardonnay beugte sich vor und wäre Spencer am liebsten an die Gurgel gegangen. „Ich werde weder die erste noch die zweite Option wählen.“

„Okay.“ Er zuckte mit den Schultern. „Es ist deine Entscheidung. Aber egal, was du tust – euer Land wird früher oder später mir gehören. Darum rate ich dir, mich zu heiraten. Dann wäret ihr alle Sorgen los. Ihr behaltet euer Weingut. Und wenn du versprichst, mir Kinder zu schenken, gebe ich meine Pläne bezüglich des Hotels auf. Stattdessen werde ich meine Energie und Zeit dem Weingut Russell widmen. Das heißt … wenn ich nicht gerade versuche, dich zu schwängern.“

„Ich bin doch nicht deine Zuchtstute!“ Empört sprang Chardonnay auf. Sie hatte gar nicht geahnt, wie wütend man auf einen Menschen sein konnte. „Du bist so was von kalt und arrogant und berechnend, Spencer Westmoreland. Wie kannst du es nur wagen, mir diesen abscheulichen Handel vorzuschlagen? Ich werde dich nicht heiraten. Und ich werde bestimmt nie ein Kind von dir bekommen – denn ich kann mir nicht vorstellen, jemals Sex mit dir zu haben.“

„Willst du damit sagen, du verzichtest auf alles, was ich dir anbiete?“, fragte er ruhig. „Obwohl du genau weißt, dass deine Familie dann ihr Zuhause verliert?“

„Ja, Spencer. Mich kannst du nicht kaufen. Und ich verzichte mit Freuden darauf, dich jemals wiederzusehen.“ Chardonnay rannte hinaus.

Doch kaum stand sie vor dem Eingang des Restaurants, tauchte Spencer an ihrer Seite auf. „Ich bringe dich nach Hause, Chardonnay.“

„Nein.“ Sie strafte ihn mit einem vernichtenden Blick. „Ich hab mir ein Taxi bestellt. Und nimm sofort die Hand von meinem Arm. Sonst schreie ich so laut, wie du es noch nie gehört hast.“

„Gut“, meinte Spencer ruhig und trat einen Schritt von ihr weg. „Aber darf ich dich etwas fragen?“

„Was?“

„Warum bist du jetzt so wütend auf mich?“

Musste sie ihm das etwa erklären? Chardonnay schüttelte den Kopf. Begriff der Mann nicht, wie erniedrigend sein Angebot für sie war? Er wollte sie nur heiraten, damit sie ihm Kinder schenkte. Von Gefühlen redete er nicht. Na ja, wahrscheinlich hatte er auch keine. Außer denen erotischer Natur.

Eine Ehe schien für ihn nichts anderes zu sein als eine Geschäftsbeziehung. Wirklich sehr romantisch.

Sie wünschte sich ja all das, was er ihr bot – einen Ehemann, Kinder und die Möglichkeit, das Weingut auszubauen. Aber doch nicht zu seinen Bedingungen. Sein Vorschlag zeigte nur, wie rücksichtslos dieser Mann sein konnte und wie weit er ging, um genau das zu bekommen, was er wollte.

Chardonnay sah ihn an. „Warum ich wütend auf dich bin? Weil du glaubst, ich würde dich heiraten. Aber schon bei dem Gedanken daran wird mir übel. Denn du bist absolut nicht mein Typ, Spencer.“

„Miss, Ihr Taxi ist da“, rief der Portier.

Gott sei Dank. Chardonnay eilte zu dem Wagen, der vor dem Eingang hielt, und ließ Spencer einfach stehen.

„Wie war dein Dinner mit Mr Westmoreland?“

Chardonnay blickte die Treppe hinauf, wo ihre Mutter oben auf dem Absatz stand. Bald würde sie ihr sagen müssen, dass es mit dem Kredit nichts wurde. Aber nicht heute. Nein, bitte nicht. Heute Nacht sollte ihre Mom beruhigt schlafen.

„Gut“, erwiderte sie.

„Nur gut?“ Lächelnd kam Ruth die Treppe herunter. „Ich kann mich nicht erinnern, jemals bei Sedricks gegessen zu haben, ohne hellauf begeistert gewesen zu sein.“

„Du warst ja auch nie mit Spencer Westmoreland dort. Der Kerl ist einfach widerlich.“

„Und wie hat er es aufgenommen, dass uns ein Kredit bewilligt wurde?“

„Fast gleichgültig. Und ich fürchte, er ist immer noch an unserem Weingut interessiert“, gestand sie.

„Ach, das macht nichts. Da wir den Kredit von der Bank haben, kann er uns ja nicht mehr bedrängen, an ihn zu verkaufen.“

Schön wär’s! Chardonnay wünschte, sie könnte jetzt ehrlich sein und ihrer Mutter erzählen, dass es den Kredit nur in Verbindung mit Spencer gab. Morgen früh gehe ich zu Glenn Forbes, beschloss sie. Das war ihr Anwalt. Spencer hatte bestimmt gegen moralische Grundsätze verstoßen, indem er auf einer so schnellen Rückzahlung des Kredites bestand. Und wenn sich das gerichtlich anfechten ließ, würde sie es auch tun.

Erst jetzt bemerkte sie, wie schick ihre Mutter gekleidet war. „Und wie hast du den heutigen Abend verbracht?“, fragte sie neugierig.

Chardonnay hatte schon vor Jahren aufgegeben, ihre Mom zu ermutigen, auch mal auszugehen, um ein bisschen Spaß zu haben und vielleicht einen netten Mann kennenzulernen. Das war kein Thema für Ruth. Sie sagte immer, Chardonnays Vater sei die Liebe ihres Lebens gewesen und andere Männer interessierten sie nicht.

„Ich war im Café“, erzählte sie. „Jemand, den ich von früher kenne, ist zu Besuch im Tal. Wir haben bei einer Tasse Kaffee über alte Zeiten getratscht.“

„Oh, das freut mich. Dann hattest du ja ein paar schöne Stunden. Und du siehst fantastisch aus, Mom.“

„Danke.“ Ruth gähnte. „Aber jetzt sollte ich wohl schlafen gehen.“

Chardonnay umarmte sie. „Gute Nacht, Mom.“

„Gute Nacht, mein Kind.“

Chardonnay war schon halb die Treppe hinaufgegangen, als Ruth ihren Namen rief. Sie wandte sich um. „Ja, was ist denn?“

Ihre Mom schaute sie nachdenklich an. Im nächsten Moment schüttelte sie jedoch den Kopf und lächelte. „Ach nichts, Schatz. Wir können ein anderes Mal darüber reden. Es hat Zeit.“

„Wirklich?“ Lag ihrer Mutter irgendwas auf dem Herzen? Nein, wohl kaum. Sie wirkte sehr glücklich, wie Chardonnay beruhigt sah.

„Ja“, bestätigte Ruth. „Geh ins Bett, und träum was Schönes.“

Chardonnay lächelte. „Du auch, Mom.“

4. KAPITEL

Du bist nicht mein Typ … Wem will sie das weismachen, dachte Spencer, während er beim Frühstück saß.

Es konnte ja gar nicht sein, dass sie diese Worte ernst gemeint hatte. Er musste doch nur an ihren leidenschaftlichen Kuss denken – und schon wusste er genau, dass sie ihn ebenso heiß begehrte wie er sie.

Darum gab es für ihn auch gar keinen Grund, seine Pläne zu ändern und aus dem Napa Valley abzureisen, bevor sie zugestimmt hatte, seine Frau zu werden.

Ob sie wohl auch die halbe Nacht wach gelegen und an den Kuss gedacht hatte? Er jedenfalls. Und während er schlief, hatte er von ihr geträumt.

Was ihm nicht unbedingt gefiel.

Denn er behielt ja gern einen klaren Kopf – und wie sollte ihm das gelingen, wenn er ständig das Bild einer Frau vor Augen sah?

Ja, er meinte sogar, ihren Duft einzuatmen. Ihren süßen betörenden Duft. Und ihm wurde heiß, wenn er sich vorstellte, wie er sie küsste …

Verdammt. Nun träumte er schon mit offenen Augen von ihr.

Es war ihm unerklärlich, wie sie es schaffte, ihn so in ihren Bann zu ziehen. Ihn so zu faszinieren, dass er plötzlich seine gesamte Zukunft neu plante.

Bis vorgestern hätte er noch geschworen, er würde ewig Single bleiben. Aber nun war es sein größter Wunsch, Chardonnay zu heiraten und den Rest seines Lebens mit ihr im Napa Valley zu verbringen.

Spencer war sich sicher, dass sie schon bald Chardonnay Westmoreland hieß. Auch wenn sie ihm gestern eine kräftige Abfuhr erteilt hatte. Aber damit war ja zu rechnen gewesen. Und es würde ihm bestimmt gelingen, sie davon zu überzeugen, dass eine Ehe mit ihm eine gute Sache war.

Und da er nie Zeit vergeudete, wenn er etwas erreichen wollte, beschloss er, noch heute Morgen mit ihr zu reden. Er blickte auf die Uhr – es war zehn.

Eine Stunde später stand er vor dem Haus der Russells und wollte gerade klingeln, als die Tür aufgerissen wurde. Ruth stürzte heraus – völlig aufgelöst, fast hysterisch. „Mr Westmoreland! Oh, helfen Sie uns! Mein Vater ist ohnmächtig.“

„Wollen Sie damit sagen, dass es keine Chance gibt, die Bedingungen des Kreditvertrages anzufechten, Glenn?“

Glenn Forbes war schon seit vielen Jahren der Anwalt des Weingutes Russell, und Chardonnay bemühte sich, ihm nicht zu zeigen, wie niedergeschlagen sie war.

„Ja, so ist es leider“, bestätigte Glenn. „Da es das Geld von Mr Westmoreland ist, steht es ihm frei, die Konditionen festzulegen.“

„Aber wir können den Kredit nicht innerhalb von sechs Monaten zurückzahlen.“

„Und das weiß er genauso gut wie Sie. Darum hat er es ja zur Bedingung gemacht. Denn er will Ihr Land. Also, Chardonnay … wenn Sie den Kredit in Anspruch nehmen, besteht die Gefahr, dass Sie das Weingut in sechs Monaten verlieren.“

Sie seufzte. „Was sollen wir nur tun?“

„Nun ja … eine Möglichkeit wäre, an Mr Westmoreland zu verkaufen. Das Angebot, das er Ihnen vorgestern gemacht hat, ist wirklich sehr großzügig. So viel Geld wird Ihnen wohl kein anderer Interessent bieten. Und wenn Sie es akzeptieren, ist Ihre Familie auf einen Schlag reich.“

„Aber dann verlieren wir unser Zuhause.“ Und wie ihr schien, ließ sich das kaum noch verhindern. „Trotzdem, vielen Dank für Ihre Beratung, Glenn.“

„Gern geschehen. Wie geht’s denn Ihrem Großvater?“

Chardonnay lächelte. „Prima. Seine neuen Medikamente wirken hervorragend. Er ist nur ein wenig betrübt, weil er seine Pläne für die Erweiterung des Weinguts nicht verwirklichen kann. Dafür fehlt uns das Geld.“

Während der letzten Jahre hatte ihr Großvater es geschafft, die Qualität seiner Weine nochmals erheblich zu verbessern. Darum besaß das Weingut Russell inzwischen einen exzellenten Namen in dieser Region. Aber er träumte schon lange davon, seine Weine im ganzen Land bekannt zu machen und sogar zu exportieren. Dafür müssten sie allerdings die Produktion steigern, weitere Rebflächen kultivieren und die Kellerei ausbauen.

So, wie Spencer es vorgeschlagen hatte. Und mit seinem Geld wäre es spielend möglich. Nur der Preis, den er dafür verlangte … der war Chardonnay zu hoch.

Sie stand auf. „Jetzt sollte ich mich wohl verabschieden, Glenn. Ich habe Ihre Zeit schon viel zu lange in Anspruch genommen.“

„Unsinn.“ Der ältere Mann erhob sich ebenfalls. „Ich wünsche Ihnen alles Gute, Chardonnay. Und seien Sie bitte vorsichtig, wenn Sie mit aalglatten Managern aus der Stadt verhandeln … wie diesem Mr Westmoreland. Er wird jeden Fehler, den Sie machen, schamlos ausnutzen. Und wenn er Ihr Land unbedingt will, ist ihm vermutlich kein Trick zu schmutzig, um es zu bekommen.“

Das musste man ihr nicht erzählen. Chardonnay lächelte Glenn freundlich an und wollte gerade etwas erwidern, als ihr Handy klingelte.

Sie blickte aufs Display. „Es ist meine Mutter. Entschuldigen Sie bitte“, bat sie, bevor sie das Gespräch annahm. „Ja, Mom?“

Sekunden später griff Chardonnay haltsuchend nach Glenns Schreibtisch, da ihre Knie nachgaben. Panik schnürte ihr die Kehle zu. „Was? Wie geht’s ihm?“

Sie nickte. „Ich bin gleich da.“

„Ist etwas passiert?“, fragte Glenn besorgt.

„Ja. Mein Großvater musste ins Krankenhaus gebracht werden“, rief Chardonnay, während sie bereits zur Tür lief.

Chardonnay rannte zum Warteraum der Notaufnahme und blickte sich hektisch nach ihrer Mom und ihrer Großmutter um. Sobald sie die beiden entdeckte, fühlte sie sich etwas erleichtert … als sie jedoch sah, wer neben ihnen saß, packte sie die Wut.

Was tat Spencer Westmoreland hier? War er schuld am Zusammenbruch ihres Großvaters? Hatte er dem herzkranken Mann vielleicht einen Schock versetzt? Mit irgendeiner Drohung? Ja, so musste es sein. Denn als sie heute Morgen mit ihrem Großvater frühstückte, war er ja noch in bester Verfassung gewesen. Und jetzt lag er im Krankenhaus.

Während ihr vor Wut die Tränen in die Augen stiegen, ging Chardonnay weiter. Spencer – der sie als Erster sah – flüsterte den beiden Frauen etwas zu und stand auf. Auch ihre Mom und ihre Großmutter erhoben sich – beide kreidebleich im Gesicht.

„Wie geht es Gramps?“, fragte Chardonnay besorgt.

„Das wissen wir nicht“, antwortete Ruth. „Der Arzt war noch nicht hier, um mit uns zu reden. Ach, es ging alles so schnell. Wir waren in der Küche. Dein Großvater fühlte sich wunderbar. Doch plötzlich griff er sich an die Brust und brach ohnmächtig zusammen.“

„Es kann sein, dass er einen Herzinfarkt hatte“, fügte Spencer hinzu.

Chardonnay starrte ihn an. „Woher weißt du das?“

Ihre Mutter erklärte: „Er war bei uns …“

„Das dachte ich mir“, platzte Chardonnay wütend heraus. „Was hast du zu meinem Großvater gesagt, Spencer? Du hast ihm gedroht, nicht wahr? Du hast ihn so aufgeregt, dass sein Herz versagte. Du bist schuld, dass er hier liegt, und das werde ich dir niemals vergeben.“

„Kind, du irrst dich, Mr Westmoreland …“

„Ich bedaure es, dass du eine so schlechte Meinung von mir hast, Chardonnay“, unterbrach Spencer ihre Mutter.

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