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Falsche Geliebte, richtiger Mann? / Eine Spur von Leidenschaft / Liebesnacht vorm Hochzeitstag

Maxine Sullivan

Falsche Geliebte, richtiger Mann?

1. KAPITEL

„Und das ist Jenna Branson. Sie ist eine unserer vielversprechenden Nachwuchs-Schmuckdesignerinnen.“

Jenna hörte die Worte ihres Chefs, dankbar dafür, dass sie zumindest einen Moment lang Zeit hatte, sich von ihrem Schock zu erholen. Seit Adam Roth vor ein paar Minuten die Loge von Conti Corporate am Flemington Racecourse, dem Austragungsort der berühmten Pferderennen in Melbourne, betreten hatte, war sie wie gelähmt.

O Gott, dachte sie. Da stand der mittlere Sohn von Laura und Michael Roth, Inhaber einer Warenhauskette für Luxusgüter. Seine Familie gehörte zur australischen Aristokratie. Die Crème de la Crème der australischen Gesellschaft. Doch Jenna legte absolut keinen Wert auf die Bekanntschaft mit der Familie. Nicht nach dem, was Liam Roth ihrem Bruder angetan hatte.

Entgeistert beobachtete sie jetzt, wie dieses schlanke, durchtrainierte Familienmitglied mit den auffallend blauen Augen den Stuhl ihr gegenüber belegte. Über den Tisch hinweg sah er sie einen Moment an, als sei sie die einzige Person im Raum. Ihr Puls raste.

„Freut mich, Sie kennenzulernen, Jenna“, murmelte er. Sein Blick glitt von ihren glänzenden schulterlangen braunen Haare zu ihrem Gesicht und schließlich tiefer zu ihrem luftigen Blümchenkleid, das ihr, wie sie wusste, ausgezeichnet stand. Zum ersten Mal in ihrem Leben wünschte sie, sie würde weniger feminin aussehen.

Jenna rang sich ein Lächeln ab. „Freut mich auch“, brachte sie irgendwie hervor. Sie hoffte, einigermaßen ehrlich zu klingen, auch wenn sie sich an den Worten fast verschluckt hätte. Warum hatte sie sich bloß überreden lassen, heute hierherzukommen? Wenn nur ihr Chef Robert und seine charmante Frau Carmen nicht so hartnäckig gewesen wären. Sie hätte den Samstag viel lieber entspannt in ihrer Wohnung verbracht.

„Haben Sie schon Ihren Tipp abgegeben?“, fragte Adam mit einschmeichelnder Stimme, die ebenso kultiviert wie sonor klang.

„Bisher nicht.“

Er lächelte das selbstbewusste Lächeln eines Mannes, der mit Frauen Erfahrung hatte. „Vielleicht haben Sie ab sofort Glück.“

„Vielleicht.“

In dem Moment kehrte der Sohn ihres Chefs an den Tisch zurück und setzte sich neben sie. Marco hatte sie monatelang um ein Date gebeten. Jetzt glaubte er, sie mürbe gemacht zu haben. Nichts lag der Wahrheit ferner.

„Sie sind heute ohne Begleitung?“, fragte er Adam nach einer kurzen Begrüßung.

„Ja. Ich bin allein hier.“

„Völlig untypisch für Sie, amico mio“, scherzte er und legte den Arm in einer unmissverständlichen Geste über Jennas Stuhl. Sie gehört mir.

Adam Roths vielsagender Blick löste eine merkwürdige Reaktion in ihr aus. Sie wollte weder, dass Adam Roth glaubte, sie sei mit Marco hier. Noch sollten die beiden Männer glauben, sie sei für einen Flirt zu haben.

Im Verlauf des Nachmittags merkte sie jedoch immer wieder, dass Adam jede ihrer Bewegungen beobachtete. Sein Interesse an ihr war nicht zu übersehen. Es war ihr unangenehm, wenn auch nicht so sehr wie die Tatsache, dass der Sohnes ihres Chefs sich an sie heranzumachen versuchte.

Adam Roth war Witwer und Playboy. Seine Frau war vor über vier Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Seither wechselten seine Begleiterinnen ständig, und Jenna hatte keine Zweifel daran, dass er genau wusste, wie man eine Frau erfolgreich eroberte.

Sie würde seinem Charme nicht erliegen. Die Erinnerung daran, was ihr Bruder Stewart durchgemacht hatte, half ihr dabei. Durch ihn wusste sie, wozu die Familie dieses Mannes fähig war, und das half, Distanz zu wahren und jeden Annäherungsversuch abzuwehren.

Nach dem späten Lunch verspürte Jenna nur noch den Wunsch, auf die Damentoiletten zu entfliehen. Dankenswerterweise war Marco mit dem nächsten Rennen und einer Frau mit üppigem Busen beschäftigt. Jenna schnappte sich ihre Tasche und stahl sich davon. Allein Adam bemerkte ihr Gehen, wie sie mit pochendem Herzen feststellte.

Kaum war sie draußen, eilte sie über den weichen Teppich in Richtung Damentoiletten. Sie hatte das Gefühl, dass Adam ihr folgen würde. Dass er sie um ein Date bitten würde. Und das will ich nicht, dachte sie, als sie endlich vor der Tür stand. Sie griff nach der Klinke … und wollte sie gerade herunterdrücken …

„Jenna.“

Sie hielt inne, spielte mit dem Gedanken, ihn einfach zu ignorieren und in den Waschraum zu treten. Doch vermutlich würde er auf sie warten. Also holte sie tief Luft, ließ die Hand sinken und drehte sich um.

Adam stand so dicht hinter ihr, dass sie weiche Knie bekam. Er legte ihr die Hand an den Ellenbogen. Bei seiner Berührung schienen die anfeuernden Zurufe der Zuschauer auf die Lautstärke eines kaum wahrnehmbaren Flüsterns zu sinken, das Donnern der Hufe auf der Sandbahn drang nur noch gedämpft zu ihr herüber. Für einen Moment vergaß sie alles um sich herum.

Und dann wurde sein Blick um eine Nuance wärmer, und auf seinen sinnlichen Lippen breitete sich ein Lächeln aus, das Freuden versprach, die sie nie erlebt hatte. „Ich glaube nicht, dass Sie dorthin wollten.“ Bei dem erotischen Klang seiner Stimme lief ein heißer Schauer über ihren Rücken.

Sie blinzelte. „Nein?“

Er deutete auf das Zeichen an der Tür. „Das ist ein Lagerraum.“

„Oh.“ In der Eile war ihr das gar nicht aufgefallen. Sie wich zurück, und er ließ die Hand sinken. Noch immer stand er viel zu dicht bei ihr. Sie machte eine halbe Drehung, sah sich nervös nach der richtigen Tür um, zu der sie dann innerhalb der nächsten Sekunden fliehen konnte.

Doch dann schoss ihr ein Gedanke durch den Kopf. Hatte sie sich nicht sehnlich gewünscht, es gäbe eine Möglichkeit, ihrem Bruder zu helfen? Jetzt war die Gelegenheit da, und die sollte sie sich nicht entgehen lassen. Verdammt, sie musste etwas tun, um Stewart zu helfen.

Jenna holte tief Luft und öffnete den Mund, um etwas zu sagen, schloss ihn jedoch wieder, als eine junge Frau vorbeikam. Der Gang war nicht der geeignete Ort, eine heikle Angelegenheit zu besprechen.

Sie deutete auf den Lagerraum. „Haben Sie einen Moment Zeit für mich?“

Ein merkwürdiges Glitzern trat in seine Augen. „Da drinnen?“

„Ja.“ Sie musste mit ihm sprechen. Jetzt. Wenn sie nicht schnell genug war, würde sie die Gelegenheit verpassen. „Bitte.“

Adam rührte sich nicht. Er machte ein merkwürdiges Gesicht. Als wäre er … enttäuscht von ihr.

Er schüttelte den Kopf. „Tut mir leid, meine Schöne. Sie sind eine faszinierende Frau, und ich muss zugeben, dass die Versuchung groß ist, aber ein Quickie in einer Besenkammer ist nicht mein Stil. Ich ziehe es vor, eine Frau zuerst zu einem guten Abendessen einzuladen.“

Sie starrte ihn an. „Was?“

Er musterte sie mit einem Anflug von Bedauern. „Ohne Zweifel würden viele Männer diese Gelegenheit mit Freuden wahrnehmen, aber ich finde, etwas Romantik ist … befriedigender.“ Er wandte sich zum Gehen. „Ich wollte Sie um eine Verabredung bitten, aber …“

Sie schaffte es gerade noch, nach seinem Arm zu schnappen. „Sie dachten, ich will Sex?“, zischte sie außer sich. „Ich kann Ihnen versichern, das ist das Letzte, was ich im Sinn habe.“

Ihr Blick fiel auf ihre Hand an seinem Ärmel. Sie spürte seine Muskeln unter ihren Fingern.

„Ich muss wirklich mit Ihnen sprechen. Am liebsten allein …“ Sie schluckte, dann fuhr sie drohend fort: „Aber meinetwegen auch vor Publikum.“

Er musterte sie kalt. „Da wir uns erst vor ein paar Stunden kennengelernt haben, kann ich mir nicht vorstellen, dass Sie mir etwas Wichtiges zu sagen haben könnten.“

Sie hielt ihn immer noch am Arm fest und erwiderte seinen Blick kühl. „Da täuschen Sie sich.“

Es entstand ein kurzes Schweigen. „Haben Sie das heutige Treffen arrangiert?“

„Nein. Aber das bedeutet nicht, dass ich nicht einen triftigen Grund für ein Gespräch mit Ihnen habe. Es betrifft ihre Familie.“

„Meine Familie?“

„Vielleicht unterhalten wir uns doch besser unter vier Augen.“

Er neigte den Kopf und stimmte schließlich zögernd zu. „Einverstanden.“

Jenna ließ erleichtert die Hand sinken. Der erste Schritt war getan.

Adam stieß die Tür auf und ließ ihr den Vortritt. „Okay, reden Sie“, sagte er, nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hatte.

Sie erkannte, dass es ein Fehler gewesen war, vor ihm den Raum zu betreten. Jetzt gab es für sie keine Fluchtmöglichkeit mehr, nur ein großes Milchglasfenster, das den falschen Eindruck von Freiheit erweckte. O je, worauf hatte sie sich nur eingelassen?

„Ich möchte, dass Sie meinem Bruder das Geld zurückgeben, das Ihr Bruder Liam von ihm ergaunert hat.“

Adam erstarrte. „Noch einmal bitte. Und diesmal ganz langsam.“

Oh, dieser Mann verstand sich darauf, Ruhe zu bewahren – vorzüglich sogar –, aber vermutlich hatte er Erfahrung darin, seinen verstorbenen Bruder zu decken.

„Ich habe damit gerechnet, dass Sie es bestreiten. Die Roths halten zusammen.“ Stewart hatte ihr das gesagt, und es gab keinen Grund, ihm nicht zu glauben. Die Reichen und Privilegierten schienen mit allem davonzukommen. Bei ihrem Exfreund Lewis war es genauso gewesen, obwohl er an die Roths bei Weitem nicht heranreichte. Er hatte geglaubt, sich wegen seines Geldes alles erlauben zu können – auch, sie zu betrügen.

Adam Roths Augen funkelten vor Ärger. „Um etwas zu bestreiten, müsste ich zunächst wissen, worum es überhaupt geht“, sagte er kurz. Er zog die Augenbrauen zusammen. „Wer ist überhaupt Ihr Bruder?“

„Stewart Branson.“

Sein Gesichtsausdruck gab nichts preis. „Muss ich ihn kennen?“ Er ließ ihr keine Zeit zu antworten. „Ich fürchte, Sie sprechen mit dem Falschen, Sweetheart. Meine Familie hat nichts damit zu tun.“

Sie ärgerte sich über seine Abfuhr. „Ich weiß, was mein Bruder mir erzählt hat.“

„Ich würde gern genau hören, was er gesagt hat.“

Jenna atmete langsam aus, erleichtert, dass er zumindest bereit war, ihr zuzuhören. „Vor sechs Wochen gab es im Fernsehen einen Beitrag über die Teilnahme Ihrer Eltern an einem Dinner anlässlich des australischen Nationalfeiertags. Es wurden auch Aufnahmen von Liams Begräbnis gezeigt.“ Adams jüngerer Bruder war Anfang Dezember an einer unheilbaren Krankheit gestorben.

Adam rührte sich nicht. „Fahren Sie fort.“

„Stewart war zufällig bei mir. Er sah furchtbar aus. Ich wollte ihn gerade fragen, was los ist, als er zum Fernsehen blickte, die Bilder von der Beerdigung sah und zusammenbrach. Er erzählte, dass Ihr Bruder ihn überredet hatte, ihm eine große Summe Geldes zu geben. Einen Betrag, den er sich eigentlich gar nicht leisten konnte.“ Sie erinnerte sich noch gut, wie entsetzt sie über das gewesen war, was sie erfahren hatte.

„Liam würde so etwas nicht tun.“

„Ich fürchte doch“, sagte sie mit Überzeugung.

„Er hatte eigenes Geld. Er brauchte nicht das Geld anderer.“

Sie neigte den Kopf. „Hat er nicht in einen gescheiterten Themenpark im Norden investiert?“ Erst kürzlich war darüber in den Zeitungen berichtet worden. Wegen seines Todes erinnerte sie sich an Liams Namen besonders gut.

Endlich hatte sie Adam Roths Aufmerksamkeit für sich gewonnen.

„Erzählen Sie weiter.“

Die Luft war spannungsgeladen, doch Jenna ließ sich nicht einschüchtern. „Vor etwa zwei Jahren hat Stewart Liam bei einer Veranstaltung kennengelernt und …“

„Bei welcher Veranstaltung?“

Sie versuchte nachzudenken, was nicht einfach war, wenn er sie so anstarrte. „Das weiß ich nicht. Stewart hat es mir nicht gesagt.“

Adam zog die Augenbrauen zusammen, dann murmelte er: „Das war in etwa zu dem Zeitpunkt, als mein Bruder von seiner Krankheit erfuhr.“

„Ich weiß“, sagte sie ruhig. Sie fühlte sich miserabel, dass sie das Thema darauf gebracht hatte. „Aber das ändert nichts. Ihr Bruder hat das Geld trotzdem genommen.“

Er kniff die Lippen zusammen. „Ich bin nicht überzeugt.“

„Es ging um das Themenpark-Projekt, und Liam hatte ihm versichert, dass kein Risiko bestehe. Blöderweise hat Stewart sein Haus beliehen und Ihrem Bruder dreihunderttausend Dollar gegeben.“

Adam lachte kurz auf. „Dreihunderttausend? Er hat meinem Bruder ohne Weiteres diese Summe gegeben?“

„Stewart hat Ihrem Bruder vertraut.“ Sie biss die Zähne zusammen. „Ich meine, er ist ein immerhin ein Roth. Die Integrität Ihrer Familie sollte außer Frage stehen.“

„Sie steht außer Frage.“ Sein ganzes Auftreten zeigte, dass sie ihn beleidigt hatte.

„Wo ist dann das Geld meines Bruders? Der Bau des Themenparks sollte vor sechs Monaten beginnen, aber es gab immer wieder Verzögerungen. Schließlich ging die Gesellschaft pleite, wie Sie wahrscheinlich wissen.“ In den Medien war davon berichtet worden. Niemand konnte das verpasst haben; und auch nicht, dass Liam einer der Investoren gewesen war. „Mein Bruder glaubt, dass Ihr Bruder sich das Geld unter falschen Versprechungen erschlichen hat, und das glaube ich auch. Ihre Familie ist es Stewart schuldig, ihm die gesamte Summe zurückzuzahlen.“

Er musterte sie eindringlich. „Wo ist Ihr Bruder jetzt?“

„Er ist Architekt und zurzeit in Nahost, um schnelles Geld zu verdienen, damit seine Familie nicht das Dach überm Kopf verliert. Bis vor Kurzem hat er es glücklicherweise geschafft, die Zahlungen für sein Haus zu leisten, aber jetzt …“ Ihr wurde das Herz schwer vor Kummer. „Er hat eine Frau und zwei kleine Kinder, die ihn schrecklich vermissen. Sie möchten, dass er nach Hause kommt, aber er wird erst zurückkehren, wenn er genug Geld hat, um die Bank zu befriedigen, und die Gefahr gebannt ist, das Haus zu verlieren.“

Das Schlimmste für Jenna war, dass sie mit niemandem darüber sprechen konnte. Ihre Eltern und Stewarts Frau glaubten, dass er nach Übersee gegangen war, um das Haus schneller abbezahlen zu können. Die arme Vicki hatte keine Ahnung, dass der Verlust ihres schönen Heims drohte, auf das sie so stolz war.

„Warum ist er nicht selbst zu mir gekommen?“, fragte Adam. „Warum müssen Sie die Drecksarbeit für Ihren Bruder verrichten?“

Sein Ton gefiel ihr überhaupt nicht. „Stewart ist der Ansicht, dass es keinen Sinn hat, mit Ihrer Familie zu sprechen.“ Sie betrachtete ihn feindselig. „Ich verstehe jetzt, was er meint.“

Adam nagelte sie mit seinem Blick fest. „Wir haben ein Rechtssystem, das ihn schützt. Hat er gerichtliche Schritte eingeleitet?“

„Wie könnte er? Er hat nicht das Geld dazu. Ganz abgesehen davon muss er jetzt erst einmal dafür sorgen, dass seine Frau und seine Kinder nicht auf die Straße gesetzt werden. Sobald er diese Sorge los ist, wird er Sie ganz sicherlich gerichtlich belangen.“ Sie kniff die Lippen zusammen. „Auch wenn er wahrscheinlich keinen Erfolg haben wird. Ihre Anwälte werden einen Weg finden, Zahlungen zu vermeiden.“

„Ich mag es gar nicht, wenn man meine Familie beleidigt.“

„Das tut mir aber leid“, spottete sie.

„Was erwarten Sie von mir?“

„Geben Sie ihm sein Geld, damit er zu seiner Familie zurückkehren kann.“

„Ich soll nur auf Ihr und das Wort Ihres Bruders hin dreihunderttausend Dollar zahlen?“ Er lachte kurz auf.

„Es würde Ihnen eine Menge Ärger ersparen … und Ihrer Familie Peinlichkeiten.“

Er warf ihr einen eisigen Blick zu. „Drohen Sie mir nicht, Miss Branson.“

„Es ist keine Drohung. Es ist ein Versprechen.“

Wenn es sein musste, würde sie einen Weg finden, seine Eltern und seinen älteren Bruder Dominic, der gerade Liams Witwe Cassandra geheiratet hatte, zu informieren. Sie hoffte allerdings inständig, dass dies nicht nötig werden würde.

„Wenn Sie irgendetwas unternehmen, was meine Eltern aufregt“, warnte er, „dann wird Sie das teuer zu stehen kommen.“ Ihr lief ein eisiger Schauer über den Rücken, der nichts mit der Kälte im Lagerraum zu tun hatte.

Doch sie ließ sich nicht unterkriegen. „Warum zahlen Sie dann meinem Bruder nicht sein Geld zurück und ersparen Ihrer Familie damit den Ärger?“

„Auf diese Weise mache ich keine Geschäfte.“

„Offensichtlich.“

Schweigend betrachtete er sie, dann wurde sein Blick weich. „Roberto und Carmen halten sehr viel von Ihnen.“ Sein Ton war ruhig, aber sie ließ sich nicht täuschen.

„Ja.“ Plötzlich spürte sie, dass sie die Kontrolle über die Situation verlor, wusste aber nicht, was sie dagegen tun sollte.

„Und Marco ist scharf auf Sie.“

„Das ist nicht mein Problem.“

„Verstehe.“ Er schenkte ihr ein zufriedenes Lächeln, das seine Augen aber nicht erreichte. „Ich frage mich, was Roberto sagen würde, wenn er erfährt, dass eine seiner Angestellten seine Gastfreundschaft für ihre eigenen Zwecke ausnutzt?“

Sie starrte ihn an. „Wer droht hier wem?“

Er zuckte mit den Schultern. „Ich sage nur, dass Sie Ihren Job verlieren, wenn ich es darauf ankommen lasse. Und Sie so schnell auch keinen neuen bei einem renommierten Unternehmen bekommen.“

Sie hatte einen Kloß im Hals. „Ich habe begriffen, aber das ändert nichts. Wenn Sie sich meinem Bruder gegenüber nicht anständig verhalten, dann werde ich mich auch Ihnen und Ihrer Familie gegenüber nicht anständig verhalten.“

Ein Hauch von Bewunderung blitzte in seinen Augen auf. „Das gefällt mir. Sie lassen sich nicht so leicht einschüchtern.

Trotzig sah sie ihn an. „Ich lasse mich überhaupt nicht einschüchtern.“

Er verzog leicht den Mund, dann wurde er wieder ernst. „Ich brauche Zeit, um nachzuprüfen, ob Ihre Forderung ein Schwindel ist oder nicht.“

„Es ist kein Schwindel.“

„Geben Sie mir etwas Zeit, das nachzuprüfen.“ Er betrachtete sie eingehend. „In der Zwischenzeit könnten Sie mir einen Gefallen tun.“

Sie erstarrte. „Ich soll Ihnen einen Gefallen tun? Ich wüsste nicht wie, und auch nicht warum.“

„Lassen Sie mich ausreden“, tadelte er, seine Augen funkelten warnend. „Ich brauche eine … Begleiterin.“

Fassungslos blickte sie ihn an. „Ich soll Ihre Geliebte werden?“

„Nein. Ich möchte, dass Sie ein paar Wochen lang einfach meine Begleiterin sind.“

Der Gedanke machte sie immer noch sprachlos. „Nein. Ganz bestimmt nicht.“

„Nein?“

„Nein, das werde ich nicht. Eher gehe ich an die Presse und bringe alles an die Öffentlichkeit.“

„Vergessen Sie nicht, dass jede Geschichte zwei Seiten hat, Jenna. Ich habe eine Familie, die ich liebe, und Sie offensichtlich auch. Wir wollen ihnen doch nicht unnötig wehtun.“ Er musterte sie abschätzend. „Oder?“

Sie stieß einen Seufzer aus. „Nein, das wollen wir nicht.“

„Dann lassen Sie uns Waffenstillstand schließen.“ Er schien erfreut über ihre Antwort. „Ich prüfe die Sache mit dem Geld, und Sie schenken mir ein paar Wochen Ihrer Zeit.“

Sie blinzelte. „Warum ich?“

„Das ist eine berechtigte Frage …“ Sie hörten Stimmen auf dem Gang. „Aber eine, die ich jetzt nicht beantworten möchte. Haben Sie heute Abend Zeit, mit mir essen zu gehen?“

„Wenn es sein muss.“ Ihr war flau im Magen.

„Was für eine erfrischende Art.“

„Gewöhnen Sie sich daran.“

Er entgegnete nichts darauf, sondern reichte ihr seine Karte. „Rufen Sie die Nummer auf der Rückseite an, und nennen Sie Ihre Adresse. Ein Fahrer wird Sie um acht Uhr abholen und zu meiner Wohnung bringen.“

„Ich habe einen eigenen Wagen. Und ich würde lieber in ein Restaurant gehen, wenn Sie nichts dagegen haben.“

„Ich ziehe es vor, in der Privatsphäre meines Hauses mit Ihnen zu sprechen.“ Er griff nach der Türklinke. „Mein Fahrer holt Sie ab.“ Mit einem letzten Blick auf sie verließ er den Lagerraum und schloss die Tür hinter sich.

Sie stand ein paar Minuten regungslos da, holte tief Luft und dachte darüber nach, was gerade passiert war. Irgendwie hatte er den Spieß umgedreht, und jetzt musste sie über seinen abstrusen Vorschlag nachdenken. Sie sollte ein paar Wochen seine Begleiterin sein? Nicht seine Geliebte, wie er beteuert hatte, aber war sie wirklich so naiv? Sicher kannte er genügend Frauen, die besser dafür geeignet waren. Einige würden bestimmt auch Sex mit ihm als Privileg ansehen.

Warum sie?

Sie war fasziniert und fühlte sich sogar etwas geschmeichelt, trotzdem hatte sie nicht die Absicht, auf den unerhörten Vorschlag einzugehen. Sie würde mit ihm essen, wenn er es unbedingt wollte. Sie würde sich auch anhören, was er zu sagen hatte, wenn das die einzige Möglichkeit war, von Stewarts Geld noch etwas zu sehen. Aber mehr nicht.

Entschlossen verließ sie den Lagerraum, ging einige Schritte in Richtung Firmenloge, merkte dann aber, dass sie heute Nachmittag niemanden mehr sehen wollte. Da sie ihre Tasche bei sich hatte, hinterließ sie eine Nachricht für ihre Gastgeber, auf der sie sich bedankte und ihnen mitteilte, dass sie wegen Kopfschmerzen nach Hause gefahren war. Ihr Chef und seine Frau würden Verständnis zeigen, und Marco würde wahrscheinlich nicht einmal bemerken, dass sie fort war.

Sie hatte das Gefühl, dass Adam Roth nicht so tolerant reagieren würde.

2. KAPITEL

Adam war fertig angezogen und warf einen Blick auf seine goldene Armbanduhr. Halb acht. Jenna Branson würde bald eintreffen.

Er würde es genießen, den nächsten Monat mit ihr zu verbringen. Sie war wunderschön und sexy, doch ihre unnachgiebige Haltung war es gewesen, die ihn auf den Gedanken gebracht hatte, mit ihrer Hilfe einem gravierenden Problem in seinem Leben zu begegnen. Die Frau seines besten Freundes versandte eindeutige Signale, dass sie „heiß“ auf ihn war, und es war nur noch eine Frage der Zeit, bis Todd etwas merkte. So weit durfte es nicht kommen.

Er brauchte jemand wie Jenna. Eine Frau, die sich behaupten konnte, sich aber emotional nicht auf ihn einlassen würde. Eine Frau, die am Ende des Monats gehen würde, ohne dass er sie darum bitten musste. O ja, sie würde ihn mit Freuden verlassen. Sie war so anders als einige der Frauen, die er kannte, die affektiert lächelnd nach seiner Nase tanzten und absolut langweilig waren.

Sicher, es gab auch Frauen, die er bewunderte. Zum Beispiel seine Schwägerin Cassandra, die ihn sehr an seine Mutter erinnerte. Beiden Frauen war ein gewisses Mitgefühl zueigen, beide waren integere Persönlichkeiten, beide kämpften für das, woran sie glaubten, und für beide Frauen stand die Familie an erster Stelle. Das gefiel ihm.

Familie war Familie.

Halt deinen Feind nah bei dir, rief er sich eine Redensart in Erinnerung, als er das Schlafzimmer verließ und in den offenen Wohnbereich ging. Jenna Branson war eine Feindin. Sie könnte seinen Eltern immensen Ärger bereiten, wenn sie weiter darauf beharrte, dass Liam ihren Bruder um eine solche große Summe Geldes gebracht hatte.

Sein Problem war, dass er nicht sicher war, dass Liam genau das nicht getan hatte. Er vermisste seinen jüngeren Bruder schrecklich, und Liam hatte es nicht verdient, so jung zu sterben, aber wenn es einen Menschen gegeben hatte, der sich im Leben nahm, was er haben wollte, dann war es Liam gewesen.

Sicher hatte sein Bruder Stewart Branson nicht um das Geld betrogen. Liam war kein Betrüger gewesen. Aber er hatte versucht, andere dazu zu bringen, in den Themenpark zu investieren, und hatte nicht erkannt, dass es keine gute Investition war. Zusammen mit Dominic hatte Adam versucht, seinen Bruder davon zu überzeugen, das Projekt aufzugeben. Das war kurz vor der Diagnose seiner Krankheit gewesen, und soweit er wusste, hatte Liam danach weiter in den Park investiert. Glücklicherweise war es nur eine Viertel Million Dollar gewesen und nicht eine halbe Million, wie er ursprünglich geplant hatte.

Doch all das ließ die Frage unbeantwortet, die ihm Magenschmerzen bereitete: Hatte Liam auch Jennas Bruder überzeugt, in den Park zu investieren? Adam würde keine Ruhe finden, bis er die Wahrheit herausgefunden hatte.

Jenna Branson musste das nicht wissen.

In dem Moment informierte ihn der Concierge, dass Jenna auf dem Weg ins Penthouse war. Adam verspürte prickelnde Erregung, als er zu seinem Privatfahrstuhl ging, um sie zu begrüßen. Seine Begierde im Zaum zu halten, würde sicherlich eine Herausforderung darstellen. Aber eine, die ihm gefiel.

Die Fahrstuhltür öffnete sich mit einem leisen Ping. In der Kabine stand eine atemberaubend schöne Frau in einem schwarzen Kleid. Sein Blick fiel auf ihre langen Beine in den sexy High Heels. Die Haare hatte sie zu einem eleganten Chignon zurückgesteckt, und mit ihren feinen Gesichtszügen war sie noch schöner, als er sie in Erinnerung hatte. In dem Moment traf er eine Entscheidung. Er drängte keine Frau, seine Geliebte zu werden, aber wenn diese schlanke Brünette mehr wollte, würde er nicht Nein sagen.

„Sie sehen wunderschön aus“, murmelte er, als sie in seine Wohnung trat.

Ein Hauch von Röte zog über ihre Wangen, und ein dünnes Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. „Bewahren Sie sich Ihre Komplimente für die richtige Frau in Ihrem Leben auf, Adam.“

„Und das sind Sie nicht?“ Ihm gefiel der Klang seines Namens aus ihrem Mund.

Sie blieb ein paar Schritte von ihm entfernt stehen. „Nein. Ich bin Ihr schlimmster Albtraum.“

Er musste lachen. „Das hat mir noch keine Frau gesagt.“

„Einmal ist immer das erste Mal.“

Sein Gesichtsausdruck wurde ernst. „Da muss ich zustimmen. Und das erste Mal ist immer etwas Besonderes.“

Etwas flackerte in ihren Augen auf, bevor sie an ihm vorbeiging. Bei der Bewegung nahm er den betörenden Duft ihres Parfums wahr. Midnight Poison, wenn er sich nicht täuschte. Es passte zu ihr.

„Schöne Wohnung.“ Sie ließ ihren Blick über den luxuriösen Wohnbereich schweifen, während er ihren schmalen Rücken und ihren knackigen Po bewunderte. „Sehr geschmackvoll.“ Sie drehte sich um und warf ihm einen schiefen Blick zu. „Ich bin trotzdem überrascht. Ich hatte mit einer Einrichtung gerechnet, die an arabische Nächte erinnert. Für Ihren Harem, meine ich.“

Er lachte. „Dies ist die Wohnung ohne Harem.“ Er sah, dass sie die Lippen leicht verzog. „Wie schön. Sie können ja lächeln.“

Ihr Lächeln verschwand sofort wieder. „Gewöhnen Sie sich gar nicht erst daran. Ich lächle normalerweise nur für Leute, die ich mag.“

„Dann müssen Sie mich mögen“, scherzte er. Er genoss es, mit dieser Frau verbal die Klingen zu kreuzen. Genoss es wirklich. Sie war unglaublich erfrischend.

Nun lag tatsächlich die Andeutung eines Lächelns auf ihren Lippen, doch sie drehte sich um und legte ihre Tasche auf den Couchtisch. Als sie wieder zu ihm sah, war ihr Gesicht ernst. „Sollen wir gleich zur Sache kommen?“

„Wie wäre es mit einem Drink vor dem Essen?“ Er ging an die Bar. „Weißwein?“

„Ja. Gern.“

Adam spürte ihren Blick auf sich. Er wusste um seine Wirkung auf Frauen, doch die Mischung aus kühler Reserviertheit und widerstrebender Empfänglichkeit, die diese Frau ausstrahlte, war etwas, was ihm lange nicht begegnet war. Sie faszinierte ihn.

Er reichte ihr ein Weinglas. „Kommen Sie mit auf die Dachterrasse und genießen Sie den Ausblick.“

„Ich kenne ihn.“

Er legte ihr die Hand unter den Ellenbogen. Ihre Haut unter seinen Fingerspitzen war weich. „Nicht von hier.“

Er deutete auf sehenswerte Plätze. „Da drüben ist der Royal Botanic Garden.“ Er trat näher zu ihr. „Und dort sind die Dandenong Ranges.“ Er trat noch näher.

„Hören Sie auf, es bei mir zu probieren. Adam.“

Diese Frau war wirklich scharfsinnig. „Tue ich das?“

„Sie wissen ganz genau, dass Sie das tun. Und es gefällt mir nicht.“ Ihr Puls raste wie verrückt. Trotzdem wich sie nicht zurück.

Jenna behauptete sich, und Adam merkte, dass sie es ernst meinte. Er spürte, dass ein Teil von ihr ihn wollte, aber sie würde sich nicht darauf einlassen. Eine völlig neue Erfahrung für ihn. Nicht einmal Maddie hatte …

Der alte Schmerz war wieder da. Maddie war schon lange tot. Fast fünf Jahre. Ihr Kind wäre jetzt vier, wenn das ungeborene Baby nicht mit seiner Mutter gestorben wäre.

Er verdrängte den Gedanken. Das Leben ging weiter. „Lassen Sie uns essen.“ Er drehte sich auf dem Absatz um und kehrte in die Wohnung zurück, mechanisch einen Fuß vor den anderen setzend, wie er es immer tat, wenn der Kummer ihn übermannte. Aus der Küche holte er den ersten Gang des Dinners, das seine Haushälterin vorbereitet hatte.

Als er die beiden Teller mit Hähnchen und Mangosalat in den Essbereich brachte, hatte er sich wieder im Griff. Er setzte sich Jenna gegenüber an den Tisch, und sie genossen das Essen. Besser gesagt, er genoss es, sie pickte darin herum.

„Schmeckt es Ihnen nicht?“

„Doch, es ist lecker. Aber ich bin einfach nicht gern hier“, sagte sie ehrlich.

Adam verspürte einen Anflug von Ärger. Normalerweise rissen sich Frauen darum, eine Einladung in seine Wohnung zu bekommen.

Und in sein Bett.

Er trank einen Schluck Wein. „Erzählen Sie mir von Ihrer Familie.“

Sie funkelte ihn an und legte die Gabel auf den Teller. „Mir wäre es lieber, Sie würden mir erklären, warum ich einen Monat lang Ihre … Begleiterin sein soll. Deshalb haben Sie mich heute Abend hierher eingeladen.“

„Erzählen Sie mir erst von Ihrer Familie. Es könnte mir helfen, ein besseres Bild von Ihrem Bruder zu bekommen.“

Sie presste die Lippen aufeinander, gab jedoch seinem Drängen nach. „Meine Eltern sind gesund und munter. Sie haben sich gerade aus dem Berufsleben zurückgezogen. Dann sind da noch Stewart und ich. Stewart ist fünf Jahre älter als ich. Er und seine Frau Vicki haben zwei kleine Mädchen.“

„Wie alt sind sie?“

„Fünf und drei.“ Sie warf ihm einen scharfen Blick zu. „Alt genug, ihren Vater zu vermissen.“

„Das glaube ich.“ Er fragte sich, ob Stewart seine Kinder so sehr vermisste wie sie ihn. Wusste der Mann überhaupt, wie glücklich er sich schätzen konnte, zwei Töchter zu haben? Er selbst würde seine Kinder ganz bestimmt nicht monatelang allein lassen.

Nicht, dass er welche haben wollte.

Zumindest nicht sofort.

Das einzige Kind in seinem Leben war seine einjährige Nichte Nicole, die, wie sie kürzlich erfahren hatten, Dominics Kind war und nicht Liams. Cassandra war mit Dominics Samen künstlich befruchtet worden. Nicole war ein süßes kleines Mädchen, das seinen Vater genauso anbetete wie er sie. Es würde Dominic das Herz brechen, sie für längere Zeit verlassen zu müssen.

Aus dem Grund hatten Dominic und Cassandra sie auch in die langen Flitterwochen mitgenommen, die sie in dem Ferienhaus der Familie im hohen Norden von Queensland verbrachten. Und deshalb hielt Adam sich jetzt in Melbourne auf und unterstützte seinen Vater bei der Firmenleitung, statt durch den Kontinent zu reisen und die Warenhäuser zu besuchen, was normalerweise seine Aufgabe war.

Das Klingeln des Telefons riss ihn aus seinen Gedanken. Er rührte sich nicht. Wer auch immer es sein mochte, er würde noch einmal anrufen. Und wenn es die Frau war, von der er glaubte, dass sie die Anruferin war, dann würde sie es garantiert wieder versuchen.

„Wollen Sie nicht ans Telefon gehen?“

„Nein.“

Es klingelte erneut.

Jenna blickte erst zu dem Apparat, dann zu ihm. „Lassen Sie sich von mir nicht abhalten.“

„Ganz bestimmt nicht“, erwiderte er kurz. Er war diese Anrufe so leid. Er sollte sie sich nicht länger gefallen lassen. Wenn da nicht …

In dem Moment schaltete sich der Anrufbeantworter ein, und eine heisere weibliche Stimme ertönte. „Adam, hier ist Chelsea.“ Pause. „Ich suche nach Todd, und ich dachte, er ist vielleicht bei dir. Könntest du mich bitte anrufen, wenn du zurück bist? Das wäre nett.“ Wieder eine Pause. „Ich warte auf deinen Anruf“, sagte sie fast atemlos, dann legte sie auf.

Schweigen breitete sich im Raum aus, dann zog Jenna die Augenbrauen hoch. „Sie wollten nicht mit ihr sprechen?“

„Sie ist der Grund, weshalb ich eine Begleiterin brauche.“

Jenna neigte den Kopf. „Ich verstehe nicht.“

Adam legte seine Gabel ab und lehnte sich zurück. „Chelsea ist mit meinem besten Freund verheiratet. Todd und ich kennen uns von Kindheit an. Ich war Trauzeuge bei seiner Hochzeit, und er war mein Trauzeuge als ich … geheiratet habe.“

„Sie sind Witwer, nicht wahr?“

„Ja.“ Er hasste dieses Wort.

„Was ist also das Problem mit dieser Chelsea?“

Er konzentrierte sich wieder auf die Gegenwart. „Denken Sie einmal nach. Ist Ihnen an ihrer Stimme nichts aufgefallen?“

„Doch natürlich. Sie ist scharf auf Sie.“

Er verzog das Gesicht. Bei Jenna klang es, als sei das etwas ganz Alltägliches. „Sie versucht alles in ihrer Macht Stehende, mich in ihr Bett zu bekommen.“

„Wie lange geht das schon?“

„Da geht gar nichts“, fuhr er sie an. „Jedenfalls nicht von meiner Seite aus.“

Sie winkte ungeduldig ab. „Dann eben von ihrer Seite.“

„Das erste Mal habe ich es etwa vor sechs Wochen gespürt. Sie suchte auffällig oft meine Nähe. Ich habe sie nicht dazu ermutigt. Ich mache ihr keine Hoffnung, doch es hilft nicht.“ Er stieß einen langen Atemzug aus. „Das Problem ist, dass ich sie vorher wirklich mochte. Ich dachte, sie sei genau die richtige Frau für Todd.“

„Sie ist attraktiv?“

„Ja, ist sie. Aber sie ist die Frau meines besten Freundes, Jenna. Und ich werde ganz sicher nicht mit der Frau meines Freundes ins Bett gehen.“

Neugierig sah sie ihn an. „Ich bin überrascht. Ich dachte …“ Sie sprach nicht weiter.

„Was? Dass ich der Typ Mann bin, der eine Ehe zerstört?“ Er presste die Lippen aufeinander. „Vielen Dank.“

„Sie haben immerhin den Ruf, ein Playboy zu sein.“

„Es gibt genügend alleinstehende Frauen. Von verheirateten lasse ich die Finger. Grundsätzlich.“

„Guter Grundsatz“, sagte sie, und er war sich nicht sicher, ob sie es sarkastisch meinte oder nicht. „Aber Chelsea kennt ihn vielleicht nicht.“

„Müsste sie aber. Ich habe mehr als einmal in aller Deutlichkeit gesagt, dass ich nur mit unverheirateten Frauen ausgehe.“

„Sie denken vielleicht, dass Sie sich klar ausgedrückt haben, aber …“

Er zog die Stirn kraus. „Auf wessen Seite stehen Sie eigentlich?“

Sie schob trotzig das Kinn vor. „Auf keiner. Nicht auf Chelseas, und ganz bestimmt nicht auf Ihrer.“

„Okay, das war deutlich. Aber kommen wir auf das Wesentliche zurück. Ich will endlich meine Ruhe vor Chelsea haben. Ich möchte nicht, dass sie etwas tut, was sie später bereut.“

Jenna nickte. „Weiß Todd davon?“

„Um Gottes willen, nein. Es würde ihn zerreißen. Er liebt seine Frau. Wenn ich ihm von meinen Befürchtungen erzähle, wird sie es glatt leugnen, und dann bin ich derjenige, der einen verdammt guten Freund verliert.“

Sie schien darüber nachzudenken. Dann kniff sie die Augen zusammen. „Ich soll also in den nächsten Wochen so tun, als sei ich Ihre Geliebte?“

„Begleiterin“, korrigierte er. Einstweilen. „Und sagen wir, einen Monat.“

Sie riss die Augen auf. „Einen Monat?“ Sofort schüttelte sie den Kopf. „Auf keinen Fall. Außerdem wird es nicht funktionieren. Keine Frau hat eine rein platonische Beziehung mit Ihnen. Chelsea weiß das. Sie wird merken, dass da etwas faul ist.“

„Schön, wir können auch so tun, als wären Sie meine Geliebte. Wenn Chelsea glaubt, ich habe eine Affäre mit Ihnen, dann hält sie sich vielleicht zurück.“

„Und wenn nicht?“

„Es muss klappen. Ich will meine Freundschaft mit Todd nicht aufs Spiel setzen.“ Todd war der Einzige, der nach Maddies Tod an ihn herangekommen war. „Er hat mir sehr geholfen, als ich ihn brauchte. Schon deshalb würde ich niemals mit seiner Frau schlafen.“

Jenna trank einen Schluck. „Ich frage Sie noch einmal, was ich heute Nachmittag schon gefragt habe: Warum ich?“

Er wäre enttäuscht gewesen, wenn sie die Frage nicht noch einmal gestellt hätte. „Sie sind anders. Zwischen uns gibt es keine Gefühle.“ Sie wollte etwas sagen, doch er hob die Hand. „Außer vielleicht Antipathie auf Ihrer Seite.“

„Stimmt.“

Er lächelte dünn. „Nach Ablauf der vier Wochen können wir uns also ohne Probleme trennen.“

„Stimmt auch.“ Sie überlegte kurz. „Das heißt, wenn ich zustimme, dann überprüfen Sie meine Anschuldigung?“

Er lehnte sich zurück und nickte. „Gleich nachdem wir zusammen auf dem Mayoral Ball am nächsten Freitag waren. Der Monat beginnt mit dem Event.“

Sie riss die Augen auf. „Aber das ist erst in einer Woche.“

„Enttäuscht?“

Sie schnaubte verächtlich. „Nur, weil ich möchte, dass Sie sofort etwas unternehmen.“

Er zuckte mit den Schultern. „Leider müssen Sie warten. Ich fliege morgen zu einer dreitägigen Konferenz nach Sydney und komme erst Donnerstagmorgen zurück.“

„Und vorher werden Sie mit Ihrer Recherche nicht beginnen? Haben Sie Angst, dass ich nicht Wort halte?“

„Man sollte nie einer Frau vertrauen, die etwas widerwillig tut.“

„Und ich weiß aus Erfahrung, dass man einem Mann so oder so nicht vertrauen kann. Punkt.“

Er zog eine Augenbraue hoch. „Jemand, den ich kenne ?“

„Das glaube ich nicht.“

Lag es am Licht, oder wirkte sie tatsächlich plötzlich sehr verletzlich? Er fragte sich, welcher Idiot sie verlassen hatte. Allerdings waren manche Männer vielleicht mit ihrer Intelligenz überfordert.

Andere wiederum liebten die Herausforderung.

3. KAPITEL

Jenna verbrachte die nächsten Tag damit, darüber nachzudenken, wie sie dem Vorschlag hatte zustimmen können, Adam Roths Geliebte zu spielen. Wie sollte sie das schaffen? Es bedeutete, dass sie viel Zeit mit ihm in der Öffentlichkeit verbringen musste. Nah bei ihm stehend. Ihn berührend. Lächelnd. So tuend, als wäre sie in ihn verliebt.

Wohl kaum!

Verdammt, zwischen ihnen spielte sich unbewusst etwas ab, was ihren Seelenfrieden störte. Es lenkte sie ab, dabei wollte sie sich nur auf den eigentlichen Grund konzentrieren, der sie zusammengebracht hatte.

Sie konnte ihm nur raten, sich an seinen Teil der Abmachung zu halten, oder er würde sein blaues Wunder erleben. Sie würde nicht zögern, seine Familie und auch die Medien zu informieren. Sie hoffte allerdings inständig, dass dies nicht nötig sein würde. Sie wollte nicht die Böse in der Geschichte sein. Dieser Titel gebührte dem verstorbenen Liam Roth.

Doch ihre Neugier an Chelsea und Todd war geweckt. Adam musste wirklich in der Klemme sitzen, sonst hätte er sich ihr nicht anvertraut. Das zumindest bestärkte sie in der Hoffnung, dass er seinen Teil der Abmachung einhalten würde.

Am Freitagabend klingelte es um Punkt sieben Uhr an ihrer Tür. Sie schaute durch den Spion, bevor sie öffnete, dachte, es sei Adams Fahrer, der sie zum Wagen begleiten würde.

Er war es nicht.

Es war Adam höchstpersönlich.

Mit klopfendem Herzen warf sie einen letzten Blick in den Flurspiegel und fuhr glättend über ihr Abendkleid. Es würde ihr kleines Geheimnis bleiben, dass sie das Kleid in einem Secondhandshop gefunden hatte. Sie hatte nicht das Geld, sich ein schickes neues Kleid zu kaufen. Und die zwei Abendkleider, die sie noch aus ihrer Zeit mit Lewis besaß, konnte sie auch nicht tragen. Das eine eignete sich eher für den Winter, und das andere hatte einen Weinfleck auf der Korsage.

Jenna holte tief Luft und öffnete die Tür. Sie hatte Adam seit letztem Samstag nicht gesehen. In seinem Smoking sah er fantastisch aus – noch attraktiver, als sie ihn in Erinnerung hatte, falls das überhaupt möglich war. Weder die Fotos in den Tageszeitungen noch die Farbfotos in den Magazinen wurden ihm gerecht. In natura sah der Mann einfach umwerfend aus.

Sie merkte, dass er einen anerkennenden Blick über ihr schulterfreies Chiffonkleid schweifen ließ, das die Farbe von dunkelblauem Saphir hatte. Sie wusste, dass sie gut aussah, und sie freute sich darüber. Doch sie hatte sich schick gemacht, um neben Chelsea bestehen zu können, nicht, um die Aufmerksamkeit dieses Mannes auf sich zu ziehen.

Verwirrt stürzte sie ins Wohnzimmer. „Ich hole meine Tasche.“ Sie bat ihn nicht hinein. Sie würde gleich zurück sein.

„Das habe ich auch noch nicht erlebt.“ Er folgte ihr in die Wohnung.

„Was?“ Ihr Herz klopfte laut.

„Sie geben mir keine Möglichkeit, Ihnen ein Kompliment für Ihr Aussehen zu machen.“

Sie nahm ihre Clutch, täuschte Gleichgültigkeit vor. „Sollte ich das?“

„Die meisten Frauen tun es.“

„Ich bin nicht wie die meisten Frauen.“

„Das stimmt.“ Er machte eine kurze Pause. „Ich möchte Ihnen trotzdem sagen, dass Sie wunderschön aussehen.“ Sein Blick verdunkelte sich.

Sie errötete. „Danke.“

„Haben Sie die Kette entworfen?“

Sie legte die Hand an ihren Hals. „Ja. Das ist mein Design.“

Er nickte. „Chelsea wird begeistert sein. Sie liebt ausgefallenen Schmuck.“

„Wie schön, dass wir wenigstens etwas gemeinsam haben“, erwiderte sie sarkastisch. „Abgesehen von Ihnen.“

Er lächelte nicht.

Seine Augen sagten komm näher.

Ohne Vorwarnung legte Adam den Arm um Jennas Taille und zog sie an sich. „Das hier wird sie nicht mit dir gemeinsam haben“, sagte er und legte seine Lippen sanft auf ihre.

Ein Prickeln ging durch ihren Körper. Sie öffnete leicht den Mund, wollte etwas sagen, aber in dem Moment küsste er sie auch schon. Ihr stockte der Atem, doch sie konnte sich nicht von ihm lösen. Er erforschte drängend die Süße ihres Mundes und ließ dann seine Zunge gekonnt um ihre kreisen, bis sie sich an ihn klammern musste, weil ihre Knie nachzugeben drohten.

Adam brach den Kuss ab und zog sich langsam zurück. „Wir müssen den Eindruck eines verliebten Paares erwecken.“ Seine Stimme klang heiser, doch beherrscht.

Die Realität holte sie ein, und sie wich hastig zurück. „Deshalb musstest du mich nicht küssen. Wir sind allein.“

„Musste ich nicht?“

Das ist wieder einer seiner Versuche, dachte sie und erkannte, dass es ihm in Wirklichkeit mehr darum ging, sich zu nehmen, was er haben wollte, als dass er den Eindruck erwecken wollte, sie seien ein Liebespaar.

Sie hob das Kinn. „Nein. Trotzdem, du küsst nicht schlecht.“ Er musste nicht wissen, dass neben diesem Kuss alle Küsse verblassten, die sie bisher bekommen hatte.

„Freut mich“, sagte er ruhig und wirkte dabei schrecklich selbstbewusst, arrogant und selbstzufrieden.

Oh, er wusste es.

„Ohne Zweifel hast du viel Erfahrung.“

„Ich möchte Frauen glücklich machen.“

„Wie schön“, sagte sie mit süßer Stimme und ging um ihn herum.

Er trat vor sie und zwang sie so, stehen zu bleiben. „Was ist mit dir, Jenna.“

„Mit mir?“

„Hast du schon viele Männer geküsst?“, fügte er klärend hinzu.

„Das geht dich nichts an.“ Plötzlich fiel ihr die Bemerkung ihres Exfreundes ein, dass ihr auf gewissen Gebieten etwas „fehlte“. „Warum fragst du? War ich nicht gut?“, fragte sie ohne nachzudenken, wofür sie sich gleich darauf am liebsten in den Hintern getreten hätte.

Seine Augen blitzten. „Du warst fantastisch“, versicherte er ihr.

Sie atmete erleichtert auf. Nicht seinetwegen, sondern ihretwegen. „Gut. Ich hasse den Gedanken, meine Performance könnte dich enttäuscht haben.“

Neugierig sah er sie an. „Warum? War schon mal jemand von deiner … Performance enttäuscht?“

„Das ist eine sehr persönliche Frage.“

Durchdringend sah er sie an, dann zuckte er gleichgültig mit den Schultern. „Vergiss es.“ Er blickte auf seine Uhr. „Wir müssen los.“

Plötzlich stieg die Angst in ihr auf, sie könnte ihm auf sexuellem Gebiet nicht gewachsen sein. Sie rauschte an ihm vorbei zur Tür. Es drängte sie, die Wohnung zu verlassen, in der die Wände eine Art magnetischer Energie zurückzuwerfen schienen. Magnetismus. Das Wort traf Adam Roths Wirkung wie kein anderes.

Im Fond der Limousine entschuldigte Adam sich, bevor er einen Anruf auf seinem Handy entgegennahm. Er sagte, es sei wichtig. Jenna hatte kein Problem damit. Sie war eher dankbar, dass sie sich nicht unterhalten mussten. Der Kuss hatte sie völlig durcheinandergebracht, und sie war immer noch fassungslos über ihre Reaktion auf einen Mann, den sie gerade erst kennengelernt hatte.

Sie schaute aus dem Fenster, um sich abzulenken, und blendete Adams Stimme aus. Es begeisterte sie nicht gerade, hier zu sein. Aber zumindest meine Familie freut sich, dachte sie. Sie hatte nur ungern von ihrem Date heute Abend erzählt, doch es war unvermeidlich gewesen, da im nächsten Monat Fotos von ihr mit Adam in den Zeitungen erscheinen würden. Also hatte sie ihren Eltern und ihrer Schwägerin Anfang der Woche von der Einladung zum Mayoral Ball erzählt.

Außerdem gab es noch einen ganz speziellen Grund, es ihnen zu erzählen. Stewart würde einen Herzinfarkt bekommen, wenn er wüsste, was sie seinetwegen tat. Deshalb hatte sie darum gebeten, ihrem Bruder gegenüber Adam nicht zu erwähnen. Als Begründung hatte sie angeführt, dass ihr Bruder sich Sorgen machen würde, wenn er erfuhr, dass sie sich wieder mit einem Playboy einließ. Ihr Bruder hatte laut und deutlich seine Meinung zu ihrer Beziehung mit Lewis kundgetan, und über diese würde er nicht besser urteilen.

Adam beendete seinen Anruf gerade, als sie ihr Ziel erreichten. Er entschuldigte sich noch einmal mit einem charmanten Lächeln.

Jenna überlegte, worüber sie sprechen konnten. „Sind deine Eltern heute Abend auch hier?“

„Nein, ich vertrete sie. Sie sind in Brisbane. Mein Onkel muss sich einigen medizinischen Untersuchungen unterziehen. Meine Eltern sind bei ihm, um ihn zu unterstützen.“

„Das ist sehr nett von ihnen.“

„Er gehört zur Familie“, war alles, was Adam sagte, als die Limousine vor dem Rathaus hielt.

Glücklicherweise waren der Bürgermeister und seine Frau auch gerade angekommen und zogen die Aufmerksamkeit der Presse auf sich. Jenna war froh, dass sie und Adam es ins Gebäude schafften, ohne dass jemand von ihnen Notiz nahm.

Das Rathaus von Melbourne war ein prachtvolles, über hundert Jahre altes Gebäude. Die wenigen Male, die sie hier gewesen war, hatte sie große Ehrfurcht verspürt. Es war so majestätisch, angefangen beim prunkvollen Haupttreppenhaus, dem Marmorfoyer und den herrlichen Buntglasfenstern bis zu den hohen Decken mit den funkelnden Kristalllüstern. Das Herzstück des Gebäudes war eine prächtig geschnitzte Pfeifenorgel, die größte in der südlichen Hemisphäre.

Ein elegant gekleideter Kellner führte sie an ihren Tisch. Jenna stockte der Atem, als sie sah, bei wem sie saßen. Sie hatte nicht darüber nachgedacht.

„Alles okay?“, murmelte Adam in ihr Ohr.

„Ich hatte nicht damit gerechnet, dass wir mit dem Bürgermeister von Melbourne und seiner Frau an einem Tisch sitzen“, zischte sie.

„Sei nicht nervös.“

„Tut mir leid, aber ich bin an solch piekfeine Gesellschaft nicht gewöhnt.“

Er lächelte sie schief an. „Nach außen mögen die Leute piekfein wirken, aber glaub mir, es sind Menschen wie du und ich.“

„Das bezweifle ich“, murmelte sie und rang sich ein Lächeln ab, als sie den Würdenträgern vorgestellt wurde.

Als die Drinks serviert wurden, beugte sich Adam zu ihr. „Du fühlst dich besser, wenn du dir jeden hier in Unterwäsche vorstellst“, flüsterte er so leise, dass nur sie ihn hören konnte. „Nackt sehen alle gleich aus.“

Sie legte den Kopf etwas zurück, ihr Blick wanderte von seinen festen Lippen zu seinen blauen Augen. Von wegen alle gleich. Diesen Mann gab es nicht noch einmal.

„Stellst du dir gerade vor, wie ich in Unterwäsche aussehe?“, murmelte er mit einem Funkeln in den Augen. Sein Kopf war ihrem ganz nah, und sie spürte seinen frischen Atem auf ihrer Haut.

Ein Prickeln lief durch ihren Körper. „Ich …“

„He, Adam“, unterbrach eine männliche Stimme den Moment. „Hör auf, mit der Lady zu flirten, und mach uns miteinander bekannt.“

Erleichtert über die Unterbrechung blickte Jenna zu dem Paar, das an ihrem Tisch Platz nahm. Der gut aussehende Mann kam ihr irgendwie bekannt vor, die attraktive Blondine neben ihm versuchte ihre Neugier zu verbergen, während sie Jenna musterte. In den Augen der Frau lag etwas …

„Halt dich zurück, Todd. Du hast bereits eine Frau“, scherzte Adam und legte besitzergreifend den Arm um Jenna. Das waren also Todd und Chelsea. Adam schien völlig locker, doch Jenna spürte seine plötzliche innere Anspannung, und sie merkte, dass er – bewusst oder unbewusst – körperlich auf Distanz zu dem Paar ging.

Chelsea ließ sich davon nicht beirren. „Adam, wie geht es dir?“ Sie beugte sich vor und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Fast schon auf den Mundwinkel. Jenna spürte, wie er sich verkrampfte.

Ohne sich aber etwas anmerken zu lassen, stellte er Jenna seinen Freunden vor. Ganz normale Leute? Im Leben nicht. Todd war der Sohn eines Immobilientycoons, und Chelseas Vater machte in Stahl. Beide Familien waren unglaublich reich.

Großer Gott, worauf hatte sie sich nur eingelassen? Sie hatte gewusst, dass die Roths der Oberschicht angehörten, deshalb hätte sie damit rechnen müssen, dass seine besten Freunde aus denselben Kreisen stammten. Und jetzt musste sie so tun, als sei sie eine von ihnen. Würde sie das schaffen? Sie blickte zu Chelsea, sah das Funkeln in ihren Augen und wusste, dass sie es versuchen musste.

Die Unterhaltung am Tisch hielt sich in Grenzen, da ständig jemand kam, um mit dem Bürgermeister zu plaudern. Es folgte ein köstliches Drei-Gänge-Menü, dazwischen wurden Reden gehalten, einige lang, einige kurz, einige ausgesprochen langweilig.

„Sagen Sie, Jenna“, sagte Chelsea, als das ganze Trara vorbei war. „Wohnen Sie in Melbourne?“

Jenna aß gerade ein Dessert, dessen Namen sie nicht aussprechen konnte, das aber herrlich schmeckte. Schlagartig verging ihr der Appetit. Sie nickte und verzog keine Miene, als das Verhör begann.

Chelsea neigte den Kopf. „Ich habe Sie noch nie gesehen. Was machen Sie?“

In Chelseas Welt machten Menschen ohne Zweifel Dinge, die nichts mit Arbeit zu tun hatten. In ihrer Welt aber arbeitete ein Mensch, um zu leben. „Ich bin Schmuckdesignerin.“

„Ach?“ Chelseas Blick fiel auf Jennas Kette. „Wie nett. Arbeiten Sie für jemand, den wir kennen?“

„Ich glaube nicht.“ Es gab keinen Grund, ihr zu erzählen, dass sie für Conti Corporate arbeitete. Je weniger Chelsea von ihr wusste, desto einfacher würde es.

Chelsea lachte gekünstelt. „Wie dumm von mir. Wenn ich Ihre Designs kennen würde, müsste ich ja nicht fragen, für wen Sie arbeiten.“

Todd blickte seine Frau voller Zuneigung an. „Du bist nicht dumm, Darling. Du bist total süß.“

„Ach, Todd“, murmelte sie, doch Jenna bemerkte, dass sie ihm nicht in die Augen sah.

Todd zwinkerte Adam zu. „Findest du nicht auch, dass meine Frau süß ist, Adam?“ Er schien tatsächlich völlig ahnungslos zu sein, was sich zwischen seiner Frau und seinem besten Freund abspielte.

Adam lächelte. „Da hast du völlig recht, Todd.“ Dann stand er auf und hielt Jenna den Arm hin. „Entschuldigt, aber ich möchte mit meiner Lady tanzen.“ Er führte sie in die Mitte der Tanzfläche. Dort zog er sie an sich und schmiegte seinen muskulösen Körper an ihre weiblichen Kurven.

Sofort beschleunigte sich ihr Pulsschlag. Sie wich zurück, gab vor, ihm ins Gesicht sehen zu wollen, dabei wollte sie ihm einfach nicht ganz so nah sein. „Die Frau hat es schwer auf dich abgesehen, Adam.“

„Danke. Das ist nicht gerade das, was ich hören wollte.“

„Entschuldige, aber diese Frau ist zuckersüß.“

„Ja, und ich mag Süßes nicht.“ Er lächelte schief. „Deshalb mag ich dich so gern.“

„Du sagst einer Frau so nette Dinge.“

Er lachte, in seinen blauen Augen blitzte der Schalk. „Lächle, Jenna.“

Sie rief sich in Erinnerung, dass es nur für das Publikum war. „So?“, fragte sie und schenkte ihm ein strahlendes Lächeln.

Er blickte auf sie hinab. „Nicht ganz. Es muss verträumt aussehen. Echt.“

„Ah, ich soll mich verstellen, meinst du.“

Jetzt hast du es.“

Sie lächelten sich an. Plötzlich glitt sein Blick tiefer und wanderte unendlich langsam über ihren Brustansatz. Wie Fingerspitzen. Sie spürte, dass ihr das Blut in die Wangen schoss.

„Gut. So ist es sehr überzeugend“, murmelte er. „Jetzt hast du so reagiert, als hätten wir gerade einen sehr intimen Moment geteilt.“

Sie versteifte sich. „So, habe ich das?“

„Entspann dich. Sonst verdirbst du es.“

Sie legte den Kopf noch weiter zurück. „Ich?“

Er zog sie wieder enger an sich. „Pst. Wir sehen aus, als würden wir streiten. Tu so, als würdest du mir süße Worte ins Ohr flüstern.“

Es war ihr egal, welchen Eindruck sie im Moment machten. Hier ging es nicht um die anderen. Hier ging es darum, dass er den Moment ausnutzte. „Ich bin nicht süß, schon vergessen? Und ich turtel auch nicht mit dir herum.“

„Chelsea beobachtet uns“, sagte er leise.

„Pech!“

Eine Sekunde verging, bevor er warnend sagte: „Vergiss unseren Deal nicht, Miss Branson.“

Sie atmete einmal tief durch. Vergiss Stewart nicht, war das, was er eigentlich meinte. Ihr lag auf der Zunge, ihn an seinen eigenen Bruder Liam zu erinnern, doch eine solche Retourkutsche wäre nicht hilfreich. Im Gegenteil. Es wäre unklug von ihr, seine Warnung nicht ernst zu nehmen. Sie musste das Gesamtvorhaben im Auge behalten und durfte nicht aufs Spiel setzen, was sie heute Abend erreicht hatten.

Sie blickte über seine Schulter auf die anderen tanzenden Paare und schaffte es irgendwie, sich zu entspannen.

„So ist es besser“, sagte er nach ein oder zwei Minuten.

Sie blickte zu ihm auf. „Warum hast du mir nicht gesagt, wer Todd und Chelsea sind? Ich wusste nicht, dass ich es mit so reichen Leuten zu tun haben würde.“

Er wirkte überrascht. „Ich dachte, das spielt keine Rolle.“

„Tut es auch nicht“, log sie, „aber ich wäre gern vorgewarnt worden.“

„Du schlägst dich doch wacker. Lass dich von ihnen nicht einschüchtern.“ Er blickte auf sie hinab und lächelte verschmitzt. „Denk an den Trick mit der Unterwäsche.“

Sie verdrehte die Augen. Hauptsache, sie stellte sich Adam nicht in Unterwäsche vor. Sie ahnte, dass er keine Boxershorts trug. Nein, dieser Mann trug einen Slip und zeigte einer Frau ungeniert, wie sehr er sie begehrte. Bei dem Gedanken wurde ihr heiß.

In dem Moment endete die Musik, und sie kehrten an ihren Tisch zurück. Jenna vermutete, dass ihre geröteten Wangen Bände über Adams Wirkung auf sie sprachen. Glücklicherweise wurde er aber von einem anderen Paar abgelenkt.

Jenna nahm ihre Tasche und ging in Richtung Damentoilette. Sie frischte gerade ihren Lippenstift auf, als Chelsea eintrat. Jenna unterdrückte einen Seufzer. Genau das hatte ihr noch gefehlt.

Die Frau setzte sich lächelnd auf den Hocker neben Jenna und begann, ihre Mähne aufzuschütteln. Nach ein paar Sekunden sagte sie beiläufig: „Sie und Adam sind zwei richtige Turteltauben.“ Die Blicke der beiden Frauen trafen sich im Spiegel.

Jenna steckte ihren Lippenstift wieder ein und bemühte sich um einen glücklichen Gesichtsausdruck. „So?“

„Ich gestehe, dass ich überrascht war, Sie mit ihm hier zu sehen. Er war in letzter Zeit immer in Begleitung einer anderen Frau.“

Jenna schaffte es, ihr Erstaunen nicht zu zeigen. Adam hätte sie darauf zumindest vorbereiten können. „So kann es gehen.“ Sie nahm ihre Tasche und wollte aufstehen.

„Wie lange kennen Sie ihn schon?“ Chelsea trug Rouge auf.

Jenna blieb sitzen, plötzlich neugierig, wie weit diese Frau gehen würde. „Lange genug“, erwiderte sie geheimnisvoll lächelnd. Sie sah Unmut in den Augen der anderen aufblitzen. „Und Sie? Wie lange kennen Sie Adam schon, Chelsea?“

Chelsea fasste sich schnell. „Fast ein Jahr“, säuselte sie. „Wir sind sozusagen noch in der Kennenlernphase.“

Jenna war sprachlos. Wenn sie wirklich mit Adam zusammen wäre, dann würde sie sich über diese Andeutung ärgern. „Was soll das heißen?“, fragte sie kalt. Auch wenn sie nur ihre Rolle spielte, so war sie trotzdem entschlossen, sich von dieser Frau nicht unterbuttern zu lassen.

Chelsea blinzelte. „Ähm … nichts.“ Hastig nahm sie ihre Tasche, flüchtete in eine der Kabinen und verschloss die Tür hinter sich.

Als sie an den Tisch zurückkehrte, war sie ruhiger als zuvor und vermied es, direkt mit Jenna zu sprechen. Allerdings wanderte ihr Blick immer wieder zu Adam, wenn sie sich unbeobachtet glaubte.

„Möchtest du nach Hause?“ Jenna war erleichtert, als Adam endlich die erlösende Frage stellte. Der Abend hatte an Schwung verloren, und sie war es leid, noch länger auf dem Präsentierteller zu sitzen.

„Du kannst noch nicht nach Hause!“, rief Chelsea aus, bevor Jenna etwas sagen konnte. „Komm noch auf einen Drink zu uns, Adam. Bitte.“

Todd nickte. „Ja, gute Idee. Ihr solltet beide noch auf einen Absacker zu uns kommen. Oder wir könnten ins Kasino gehen, wenn ihr Lust habt.“

Jenna unterdrückte einen Seufzer. Nein, sie hatte keine Lust. Sie wollte nach Hause in ihr eigenes Bett. Um zu schlafen. Und um diese Menschen zu vergessen, zumindest vorübergehend.

Adam schüttelte den Kopf. „Danke, aber es ist spät, und wir haben ein anstrengendes Wochenende vor uns.“ Er lächelte Jenna an, als sei sie sein Ein und Alles.

„Aber …“, begann Chelsea.

„Darling.“ Todd legte die Hand auf den Arm seiner Frau. „Die beiden wollen allein sein.“

Chelsea wurde blass. „Oh.“

Todd lachte. „Sag nicht, dass du vergessen hast, wie sich das anfühlt.“ Er schüttelte den Kopf. „Wie schnell Frauen vergessen.“

Zum ersten Mal hatte Jenna das Gefühl, dass Todd eine Show abzog. Sie konnte sich allerdings nicht erklären, warum. Sein Lächeln war so strahlend wie zuvor, seine Haltung genauso locker. Da war nur ein Hauch von irgendetwas … etwas tief in seinen Augen …

Gemeinsam mit den beiden verließen sie den Ball, dann stiegen sie in unterschiedliche Limousinen. Kaum hatten sie im Fond Platz genommen, ließ Adam die Scheibe hinunter, die sie vom Fahrer trennte. „Harry, fahren Sie direkt zu meiner Wohnung“, wies er den Mann an und legte seine Hand an Jennas Arm, um sie zum Schweigen zu bringen, als sie etwas sagen wollte.

„Ja, Mr Roth.“ Die Scheibe glitt wieder hinauf.

Sie wurde nervös. „Ich will nach Hause, Adam“, sagte sie mit fester Stimme. Das gehörte nicht zu ihrem Deal.

„Chelsea und Todd sind hinter uns.“

„Was?“ Sie richtete sich auf und drehte sich um. Die weiße Limousine fuhr direkt hinter ihnen. „Folgen Sie uns?“

„Nein. Ihr Weg nach Hause führt direkt an dem Apartmenthaus vorbei, in dem ich wohne. Es ist einfach Pech, dass sie gleichzeitig mit uns aufgebrochen sind.“

Sie blickte ihn im Licht der Straßenlampen argwöhnisch an, doch es schien kein Trick zu sein. „Dann nehme ich von dir aus ein Taxi nach Hause.“

„Harry bringt dich nach einem kleinen Schlummertrunk nach Hause.“

„Ich würde lieber sofort nach Hause fahren.“ Führte er doch etwas im Schilde?

Er sah sie eindringlich an. „Hast du Angst, in meine Wohnung zu kommen?“

„Nein.“

„Hast du Angst vor mir?“

„Nein.“ Und wenn sie Angst hätte, würde sie es niemals zugeben.

Er betrachtete sie und schien ihre Antwort zu akzeptieren. „Weißt du, Chelsea und Todd sind Nachteulen. Es ist gut möglich, dass sie durch die Gegend fahren und überlegen, wo sie noch hingehen. Ich möchte nicht, dass sie dich in einem Taxi oder allein in meiner Limousine sehen.“ Sie öffnete den Mund. „Ja, auch wenn die Scheiben getönt sind. Am besten, du kommst noch etwas mit zu mir, bis sie irgendwo eingekehrt sind.“

„Denkst du dir das nach und nach alles aus?“

Er lachte. „Nein.“ Dann wurde er ernst. „Ich wünschte, es wäre so. Ich weiß, es klingt unwahrscheinlich, aber glaube mir einfach mal.“

Sie dachte darüber nach. Sie durfte wirklich kein Risiko eingehen, egal, wie klein es war. Sie wollte zwar nicht daran denken, dass Adam sein Wort brechen könnte, aber er könnte auch beschließen, wegen des Geldes für Stewart nichts zu tun. Nicht, bis sie ihren Beitrag geleistet hatte.

Sie neigte den Kopf. „Einverstanden. Gehen wir noch auf einen Drink zu dir.“

„Schön.“

Es war fast Mitternacht, doch an einem Freitagabend herrschte auf der St. Kilda Road auch um diese Uhrzeit noch viel Auto- und Fußgängerverkehr. Jenna nahm das Treiben in der Stadt jedoch nicht wahr. Alle ihre Sinne konzentrierten sich auf Adam. Sie spürte ihn auf dem Sitz neben sich … sah seine Schenkel in der dunklen Hose … atmete den Duft seines Aftershaves ein … Seine Nähe brachte sie völlig durcheinander.

Sie blickte zu ihm, wollte das Schweigen brechen. „Chelsea hat mir erzählt, dass du mit einer anderen Frau zusammen bist.“

Er presste die Lippen aufeinander. „Das ist schon seit ein paar Wochen vorbei.“

Es war schwer zu sagen, ob er auf sie wütend war, weil sie es erwähnte, auf Chelsea, weil sie darüber gesprochen hatte, oder auf die andere Frau. Wahrscheinlich alles drei.

„Dann solltest du sie auf den neuesten Stand bringen“, überlegte Jenna.

„Chelsea weiß genau Bescheid“, murmelte er. Sein Gesichtsausdruck verhärtete sich. „Sie hat sich mit Diane angefreundet – das ist die Frau, mit der ich zusammen war, die aber nicht wahrhaben will, dass es vorbei ist. Deshalb ist sie bestens über alles informiert.“

Jenna legte den Kopf in den Nacken. „Mann, dein Leben ist ja ein einziges Chaos.“

Er zog eine Grimasse. „Ja, aber das liegt nicht an mir.“ Dann zuckte er mit den Schultern. „Ich fürchte, das gehört einfach dazu.“

„Du meinst, weil du ein Roth bist?“

„Weil ich ein Mann bin.“

Sie erreichten Adams Wohnung. Jenna zuckte zusammen, als die weiße Limousine von Todd und Chelsea laut hupend an ihnen vorbeifuhr.

„Mach es dir schon gemütlich, während ich uns einen Drink einschenke“, sagte er, als sie aus dem Privatfahrstuhl traten, der direkt in sein Penthouse führte.

Jenna legte ihre Tasche auf die Couch und schlenderte auf den Balkon. Sie hatte nicht vor, es sich zu gemütlich zu machen, jedenfalls nicht so, wie er vielleicht meinte.

Er folgte ihr kurz darauf, und mit einem Brandy in der Hand genossen sie die laue Herbstnacht. Das Gebäude war nicht besonders hoch, aber es war ein Prestigeobjekt an der Hauptstraße, und Adam gehörte die gesamte obere Etage mit herrlichem Blick auf die Stadt, die Bucht und die Gebirgskette in der Ferne.

Sie drehte sich um. Als sie das Funkeln in seinen dunklen Augen sah, stockte ihr der Atem. Er hatte die Krawatte gelöst und sah unglaublich sexy aus.

„Die Farbe steht dir“, murmelte er.

Nervös sagte sie das Erstbeste, was ihr in den Sinn kam. „Bei Vinnies gibt es tolle Sachen.“

Er zog die Stirn kraus. „Vinnies? Habe ich noch nie gehört.“

Sie musste lachen. „St. Vincent de Paul. Eine katholische Hilfsorganisation. Sie hat einige Secondhandshops.“

„Du trägst ein gebrauchtes Kleid?“

„Zweifellos unerhört in deiner Welt.“ Komischerweise nahm sie es ihm nicht übel. Er wusste es einfach nicht besser. „Die Läden sind sauber und ordentlich und bieten tolle Sachen an. Ernsthaft, viele Leute kaufen dort. Es ist eine gute Sache. Die Menschen kriegen vernünftige Kleidung, Sachen, die sie sich sonst vielleicht nicht leisten könnten, und das Geld ist für einen guten Zweck.“

Er sah sie an, als würde sie eine fremde Sprache sprechen. Sie lachte über seinen verwirrten Gesichtsausdruck. Der Mann hatte keine Ahnung von der realen Welt. Nicht jeder konnte sich Kaviar und Champagner leisten.

Sein Blick intensivierte sich, er sah auf ihre Lippen. Das Funkeln kehrte in seine Augen zurück. Langsam senkte er den Kopf, und ihr Lächeln erlosch. Bewegungslos stand sie da, konnte nicht einmal das Glas abstellen, das sie krampfhaft in der Hand festhielt.

Ihre Lippen fanden sich, und diese zärtliche Berührung war das Unglaublichste, was sie je erlebt hatte. Wie konnte das sein? Sie wollte nicht darüber nachdenken.

Und dann teilte er mit der Zunge ihre Lippen. Sie wehrte sich nicht, als er sie zärtlich küsste. Langsam, nicht drängend, aber forschend … einfach richtig … so richtig … sie spürte seinen warmen Atem … als wäre es ihrer … bis sie wieder selbst atmen konnte.

Langsam wich er zurück. Sie holte tief Luft in dem Bewusstsein, dass etwas zwischen ihnen geschah, das nicht mehr rückgängig zu machen sein würde. Der Funke war übergesprungen. Einen Augenblick später füllten sich seine Augen mit männlicher Genugtuung. Jenna erstarrte.

„Ich sollte dir eine knallen.“

„Hmm, ein bisschen pervers.“

Sie hob trotzig das Kinn. „Nur, weil ich dir keine geknallt habe, bedeutet das nicht, dass ich mir das noch einmal gefallen lasse.“

Herausfordernd sah er sie an, ein Lächeln umspielte seine sinnlichen Lippen. „Mit anderen Worten, du willst nicht meine Geliebte sein, und ich erwarte es besser gar nicht erst von dir.“

„Genau.“

„In Ordnung.“

Sie schnaubte. Was für ein Spiel spielte er?

Er zog die Augenbrauen hoch. „Du scheinst überrascht.“

„Das bin ich auch. Ich hätte nicht erwartet, dass du so schnell aufgibst.“

„Wer sagt, dass ich das getan habe?“ Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, dann wurde er ernst. „Bleib über Nacht.“

„Was? Waren wir uns nicht gerade einig, dass …“

„Es ist spät. Du kannst im Gästezimmer schlafen.“

Forschend sah sie ihn an. „Ist das wirklich nötig, Adam?“

„Ich fürchte, ja. Es ist mir gerade erst in den Sinn gekommen, aber ich wäre nicht überrascht, wenn Chelsea morgen früh vor meiner Tür stünde, um zu sehen, ob du noch da bist.“

Jenna fühlte sich unbehaglich. „Dafür gibt es einen Ausdruck. Stalking.“

„Den Eindruck kann man bekommen, obwohl ich keinen Beweis habe. Jedes Mal, wenn sie mich anruft, oder selbst wenn sie morgen früh kommen würde – sie schiebt immer Todd als Grund vor. Vor Gericht hätte ich keine Chance.“ Er verzog das Gesicht. „Nicht, dass ich so weit gehen würde.“

„Vielleicht solltest du mit Todd sprechen?“ Sie sprach ihren Verdacht nicht aus, dass Todd möglicherweise ohnehin längst etwas gemerkt hatte.

„Noch nicht. Ich habe die Hoffnung, dass deine Gegenwart sie zur Vernunft bringen wird.“

„Und wenn nicht?“

„Darüber mache ich mir Gedanken, wenn es so weit ist.“

Plötzlich waren alle Argumente, warum sie nach Hause gehen sollte, nicht mehr wichtig. Sie stellte ihr Glas auf dem kleinen Tisch ab. „Ich glaube, ich gehe jetzt ins Bett.“

Er nickte nur, schien aber erfreut, dass sie bleiben würde. „Soll ich dir ein T-Shirt von mir geben?“

„Das wäre nett.“ Sie wunderte sich, dass er keine anzügliche Bemerkung übers Nacktschlafen machte.

„Aber tu mir bitte einen Gefallen“, sagte er schließlich. „Mach kein Licht an.“

„Warum nicht?“

„Für den Fall, dass Chelsea und Todd vorbeigehen. Sie kennen das Penthouse. Sie können es von der Straße aus sehen.“ Die Ader an seiner Schläfe pulsierte. „Verdammt! Ich hasse es, so zu leben!“

Trotz allem empfand sie Mitleid mit ihm. Er war zwar daran gewöhnt, ständig öffentlich wie ein Goldfisch im Aquarium betrachtet zu werden, aber ohne Zweifel hatte er sich immer auf seine engsten Freunde verlassen können.

Bis jetzt.

Jetzt waren sein bester Freund und dessen Frau diejenigen, die er sich vom Leib halten musste.

Es ist merkwürdig, eine Frau über Nacht in meiner Wohnung zu haben, aber nicht in meinem Bett, dachte Adam. Er kehrte auf den Balkon zurück, nachdem er Jenna das Gästezimmer gezeigt und sich noch einen kleinen Brandy eingeschenkt hatte. Im Dunkeln setzte er sich auf den Liegesessel, die frische Brise kühlte seine Haut. Es hatte keinen Sinn, ins Schlafzimmer zu gehen und sich auszuziehen. Noch nicht. Nicht, solange er an Jenna dachte, die wahrscheinlich genau in dieser Minute sein T-Shirt über den Kopf und ihren herrlichen Körper zog.

Seufzend versuchte er, die Vorstellung zu verdrängen, doch es fiel ihm schwer. Jenna war so wunderschön und hatte so fantastisch in ihrem Abendkleid ausgesehen, ob aus einem Secondhandshop oder nicht. Sie war eine Bereicherung des Balls gewesen, hatte sich jedem gegenüber behauptet, einschließlich Chelsea. Er hatte schon lange nicht mehr eine so schöne Zeit mit einer Frau gehabt, vor allem nicht bei einem offiziellen Anlass.

Obwohl es ihm schwerfiel, in ihrer Gegenwart wirklich entspannt zu sein. Seit sie sich geküsst und miteinander getanzt hatten, sehnte er sich danach, mit ihr ins Bett zu gehen.

Besser, er dachte nicht länger darüber nach, sonst würde er nie zur Ruhe kommen. Er ahnte, dass Schlafmangel im nächsten Monat vorprogrammiert war. Ob es ihm auch an Sex mangeln würde, lag an Jenna.

Zumindest war eines erreicht: Jenna hielt ihm Chelsea vom Leib.

Er hatte eine gute Wahl getroffen.

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