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Viel zu schön, um wahr zu sein / Küsse für die Köchin / City-Girl sucht Cowboy fürs Leben!

Charlene Sands

Viel zu schön, um wahr zu sein

1. KAPITEL

Ali Pendrake hieb eifrig auf die Computertastatur ein. Doch an diesem Tag war sie aus irgendeinem Grund nicht in Form, jedenfalls vertippte sie sich ständig.

„Konzentrier dich endlich, Ali“, murmelte sie genervt, während sie wieder einmal die Rücktaste betätigte, um einen Fehler zu korrigieren.

Die Tür zum Chefbüro stand auf, und sie warf ihrem Boss heimlich einen Blick zu. Joe Carlino klebte förmlich an seinem Bildschirm und brummte undeutlich irgendwelche Zahlen vor sich hin. Sie stieß einen unhörbaren Seufzer aus.

Ständig geisterte Joe durch ihre Gedanken, und so sehr sie sich auch anstrengte, es gelang ihr einfach nicht, das abzustellen. Joe war groß, hatte dunkles Haar und sah mit seiner Brille umwerfend gut aus. Im vergangenen Jahr hatte sie in New York als seine persönliche Assistentin sehr eng mit ihm zusammengearbeitet und ihn dabei gut kennengelernt. Sie bewunderte seine Intelligenz, seine Arbeitsmoral und die faire Art, mit der er seine Mitarbeiter behandelte.

Meistens erlebte Ali Männer anders. Nach einem ersten Blick auf sie interessierten diese sich normalerweise nicht mehr dafür, ob sie Verstand hatte und etwas konnte, sondern sahen nur noch eine hübsche Frau mit kastanienrotem Haar, einem üppigen Busen und atemberaubenden Beinen. Allein ihr Aussehen war den meisten Männern Beweis genug, dass sie unmöglich auch noch intelligent sein konnte. Klar, sie alle hatten zunächst vorgegeben, sie wegen ihrer Fähigkeiten und Kenntnisse einzustellen, aber normalerweise dauerte es nicht sehr lange, bis Ali von all ihren Anzüglichkeiten und eindeutigen Angeboten genervt war.

Denn wenn sie eines ganz bestimmt nicht im Sinn hatte, dann, ihrer Mutter nachzueifern. Justine Holcomb, Schönheitskönigin und einstige Miss Oklahoma, hatte unzählige Liebhaber und vier Ehemänner verschlissen und brauchte die Aufmerksamkeit von Männern wie die Luft zum Atmen. Niemals ließ sie sich die Chance entgehen, sich einen wohlhabenden, mächtigen Mann zu angeln und ihn zu umgarnen, bis er sie heiratete. Inzwischen war sie zum fünften Mal verheiratet.

Ali hingegen interessierte sich nur für einen Mann. Leider schien sie diesem einen Mann nicht einmal einen näheren Blick wert zu sein.

„Ali, würden Sie bitte einen Moment zu mir kommen?“ Joe steckte den Kopf durch die Tür. Dabei rutschte ihm seine schwarz gefasste Brille auf die Nase.

Allein seine Stimme löste in Ali einen Adrenalinschub aus. Sie hatte sich lange gegen ihre Gefühle gewehrt, und das war auch eine ganze Weile gut gegangen. Aber dann war Joes Vater gestorben, und er wurde im elterlichen Weinimperium gebraucht und musste seine Zelte in New York abbrechen.

Ali hatte ihn zum Flugplatz La Guardia gefahren, als letzten Dienst sozusagen. Und da hatte er sie zu ihrer Überraschung in den Arm genommen und zum Abschied geküsst. Jetzt kam die Erinnerung daran wieder zurück – an seine Lippen, den feinen, ein wenig rauchigen Duft, das leichte Kratzen seiner Bartstoppeln und das beglückende Gefühl, in seinen Armen zu liegen.

Einen schier endlosen Augenblick lang hatten sie sich nur wortlos angesehen. Sie hatte vor Überraschung einfach nicht gewusst, was sie sagen sollte, und ihm schien es nicht anders zu gehen. Dann hatte er das Gate betreten und war von einem auf den anderen Moment aus ihrem Leben verschwunden.

Seit damals war kein Tag vergangen, an dem sie nicht an ihn dachte. Und diese Gedanken waren alles andere als jugendfrei.

Als er sie dann angerufen und ihr die Stelle als seine persönliche Assistentin angeboten hatte, musste sie nicht lange nachdenken und war ihm nach Kalifornien gefolgt. Sie hatte noch einmal eine Chance bekommen! Und so hatte sie New York ohne Bedauern verlassen und ihr ganzes Leben auf den Kopf gestellt.

Das war vor drei Wochen gewesen, und ihre anfängliche Euphorie war längst verflogen. Inzwischen war Ali zu der Überzeugung gelangt, dass Joe sogar der Blumentopf in der Ecke seines Büros mehr interessierte als sie. Er tat so, als hätte es diesen welterschütternden Kuss am Flughafen nie gegeben.

„Ich komme.“ Ali nahm ihren Notizblock und folgte ihm in sein Büro.

Joe wartete, bis sie Platz genommen hatte. „Ich habe Sie noch gar nicht gefragt, ob Sie sich in Napa Valley schon ein bisschen eingelebt haben.“

„Ja, ganz gut, danke.“ Ali erwiderte sein Lächeln. „Natürlich ist alles noch ganz neu und ungewohnt. Aber das gibt sich bestimmt bald.“ Sie schob den Ausschnitt ihrer Bluse zurecht, und Joe tat, als sähe er es nicht. „Und die Arbeit macht mir Spaß.“

Joe nickte. „Schön. Sie haben also keine Probleme? Oder irgendwelche Fragen vielleicht?“

Doch, dachte Ali. Warum nimmst du mich nicht zur Kenntnis? Gefalle ich dir nicht?

„Jedenfalls keine, die mit der Arbeit zu tun haben. Ich würde natürlich gern die Gegend hier näher kennenlernen. Eigentlich hatte ich vor, an den Wochenenden auf Erkundungsfahrt zu gehen.“

„Ja, tun Sie das. Das ist eine gute Idee.“

Ali strich ihren kurzen Rock glatt. Heute hatte sie sich für den Carmen-Look entschieden: große Ringe an den Ohren, ein weiter Ausschnitt, der die Schultern frei ließ, und großzügige Locken. Natürlich wusste sie, dass es im Leben auf anderes ankam, aber Mode war ihr eben wichtig. Und normalerweise wussten Männer das auch zu schätzen.

Einen Moment lang sah Joe sie einfach nur an, während sie darauf wartete, dass er ihr sagte, warum er sie zu sich gerufen hatte. Allmählich irritierte sie sein Schweigen. „Habe ich vielleicht etwas falsch gemacht?“, fragte sie endlich.

„Du lieber Himmel, nein“, erwiderte Joe erstaunt. „Wie kommen Sie darauf? Sie sind mit Abstand meine beste Mitarbeiterin.“

„Danke.“

„Das ist auch der Grund, warum ich Sie zu mir gebeten habe. Ich … Na ja, ich wollte Sie um einen Gefallen bitten. Aber ich nehme es Ihnen nicht übel, wenn Sie Nein sagen.“

Ali wartete einige Augenblicke, bis sie die Spannung nicht mehr aushielt. „Sagen Sie mir endlich, was Sie wollen, Joe.“

„Es ist so: Ich habe mich bereit erklärt, den Hochzeitsempfang für Rena und Tony auszurichten. Sie haben meinen Bruder und meine Schwägerin ja kennengelernt, glaube ich.“

„Ja, und ich fand sie sehr sympathisch“, sagte Ali.

„Die beiden haben vor Kurzem heimlich geheiratet, und jetzt wollen sie das Ganze offiziell machen und mit ihren Freunden und Bekannten feiern.“

„Und Sie haben sich bereit erklärt, das Fest zu organisieren?“

„Mein Bruder Nick hat mich irgendwie darauf festgenagelt, und jetzt sitze ich in der Klemme. Ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung, wie man so etwas macht.“ Ali nickte nur. „Und da dachte ich an Sie. Wenn Sie zu beschäftigt sind und keine Zeit haben, mir zu helfen, verstehe ich das natürlich. Aber …“

„Nein, nein!“ Ali war ganz aufgeregt. „Ich liebe Feste. Natürlich helfe ich Ihnen. Wie viel Zeit haben wir?“

„Nicht besonders viel. Ist es in drei Wochen machbar?“

„Ja, auf jeden Fall.“

„Wirklich?“ Unendliche Erleichterung stand in Joes Blick. „Aber das bedeutet, dass wir auch am Wochenende arbeiten müssen. Das heißt, wenn Sie so viel Zeit haben.“

Wenn sie so viel Zeit hatte? Machte er Witze? Sie saß jeden Abend in ihrem Apartment und langweilte sich zu Tode. Dabei hatte sie genügend Angebote von Männern. Aber keiner konnte es auch nur annähernd mit Joe aufnehmen.

„Kein Problem.“

„Aber das heißt natürlich, dass Sie in nächster Zeit nicht dazu kommen werden, sich die Gegend anzuschauen.“

Ali hatte einen Geistesblitz. „Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Wenn ich Ihnen helfe und das Fest ein Erfolg wird, dann können Sie mir als Ausgleich anschließend Ihre Heimat zeigen. Was halten Sie davon?“

Joe rückte seine Brille zurecht. Das tat er immer, wenn er Zeit zum Nachdenken brauchte. Ali kannte die Zeichen. „Ich fürchte, ich bin mit dem Innenleben meines Computers besser vertraut als mit meiner näheren Umgebung, und würde keinen sehr guten Fremdenführer abgeben.“

Aber so leicht ließ sie ihn nicht davonkommen. Sie musste die Gelegenheit beim Schopf packen. Wie sollten sie sich sonst besser kennenlernen? Ihre letzte Beziehung war ziemlich hässlich ausgegangen, und seitdem war sie bei Männern auf der Hut. Joe war der erste Mann, bei dem sie fand, dass ein neuer Versuch sich lohnte. „Ich bestehe darauf. Einverstanden?“

„Einverstanden. Ich werde mein Bestes geben.“

Joe rief seinen Bruder Nick an.

„Hallo, Bruder, du bist’s. Was kann ich für dich tun?“

„Ich wollte dir nur sagen, dass mit dem Hochzeitsempfang alles klargeht. Die Vorbereitungen laufen.“

„Hervorragend. Ich wusste, dass ich mich auf dich verlassen kann.“

„Ehrlich gesagt habe ich die Organisation sozusagen einem Ein-Frau-Team übertragen.“

Nach dem Tod ihres Vaters hatte Joe sein bisheriges Leben an der Ostküste aufgegeben, um mit seinen Brüdern Tony und Nick das Weingut weiterzuführen. Nie hätte er sich allerdings träumen lassen, dass seine neuen Aufgaben die Organisation von Hochzeitsfesten einschlossen.

Tony hatte Rena Fairfield, seine erste große Liebe, die er schon seit der gemeinsamen Highschoolzeit kannte, nach dem Tod von Renas Mann heimlich geheiratet, damit ihr ungeborenes Kind versorgt war und sie ihr ererbtes Weingut erhalten konnte. Doch im Zuge dessen hatten sie sich neu ineinander verliebt und wollten jetzt zu ihrer Liebe stehen und ihr Eheversprechen öffentlich wiederholen.

Und jetzt hatte Joe unversehens die Organisation am Hals. Ihm war ein Stein vom Herzen gefallen, als Ali sich bereit erklärt hatte, ihm die Verantwortung abzunehmen.

„Und ihr werdet auch rechtzeitig mit allen Vorbereitungen fertig?“, fragte Tony jetzt vorsichtshalber nach.

„Ja, natürlich. Keine Angst“, versicherte Joe ihm.

„Wie ich dich kenne, hast du deine Assistentin erpresst, dir zu helfen. Sie sieht übrigens hinreißend aus, wenn ich das sagen darf.“

„Nick.“ Joe seufzte. „Sie hat auch einen Namen: Ali Pendrake. Und ja, du hast recht, Ali übernimmt die Organisation. Die weibliche Perspektive ist in so einem Fall enorm wichtig, und Ali ist wirklich außerordentlich fähig.“

„Ja, ich weiß, das hast du mir schon hundertmal erzählt.“ Nick lachte. „Ich warne dich. Schönheit und Intelligenz sind eine hochexplosive Mischung.“

„Wenn du es sagst.“ Joe trommelte auf seiner Tastatur herum. Die Richtung, die das Gespräch eingeschlagen hatte, missfiel ihm.

„Erzähl mir nicht, dass du nicht an ihr interessiert bist.“

„Sie ist meine Angestellte. Ich dachte, ich hätte das ein für alle Mal klargestellt.“

Dass er Ali einmal in den Armen gehalten und geküsst hatte, verdrängte Joe nach Möglichkeit. Schließlich hatte er sich damals nur von ihr verabschiedet, und die Situation war ein wenig außer Kontrolle geraten. In der Zeit war er insgesamt emotional ziemlich anfällig gewesen. Sein Vater war kurz zuvor gestorben, und er befand sich auf dem Weg in die alte Heimat. Sein Leben hatte sich von einem auf den anderen Moment drastisch verändert. Ali war für ihn da gewesen, hatte ihn unterstützt und getröstet. Der Kuss war einfach aus seiner Dankbarkeit ihr gegenüber entsprungen – und so verdammt gut gewesen, dass er eine Weile danach keinen klaren Gedanken mehr hatte fassen können.

Von da an war sie ihm einfach nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Aber nachdem seine ehemalige Assistentin und Exverlobte Sheila ihn so schändlich hintergangen hatte, kam eine Affäre mit einer Angestellten oder Mitarbeiterin für ihn einfach nicht mehr infrage. Natürlich war Ali eine äußerst attraktive Frau und hatte Eigenschaften, die ihm gefielen. Aber er hatte einen starken Willen und eine eiserne Selbstbeherrschung, und sie war einfach tabu für ihn. Nur seine Brüder konnten um nichts in der Welt verstehen, dass ihn mit ihr lediglich die Arbeit verband.

„Dann hättest du nichts dagegen, wenn ich einmal mit ihr ausgehe?“, erkundigte sich Nick.

Auf Joes Stirn bildete sich eine steile Falte. Nick hatte häufig wechselnde Freundinnen und spielte gern den Verführer. Aber er und Ali? Joe konnte sich die beiden einfach nicht zusammen vorstellen.

„Joe? Bist du noch da?“

„Ja, natürlich.“

„Ich meine, wenn du dir wirklich nichts aus Ali machst …“

„Tue ich nicht.“

„Gut. Dann bereitet es dir auch keine schlaflosen Nächte, wenn ich mich mit ihr verabrede?“

„Nein. Aber es geht trotzdem nicht.“

Besonders schien Nick das nicht zu treffen. „Und darf ich fragen, warum nicht?“

„Weil ich keiner meiner Angestellten raten würde, sich mit dir einzulassen, am wenigsten Ali. Du würdest ihr vermutlich das Herz brechen, und dann würde sie von hier weggehen, und ich säße ohne meine Assistentin da.“

„Besonders viel scheinst du ja nicht von mir zu halten.“

„Nichts für ungut, aber wenn ich an deine Frauengeschichten denke, kann ich mir lebhaft vorstellen, was passieren wird.“

„Vielleicht habe ich mich ja geändert“, gab Nick zu bedenken.

„Ja, vielleicht. Aber das ist höchst unwahrscheinlich. Und deshalb möchte ich nicht, dass ausgerechnet meine Assistentin als Versuchskaninchen herhalten muss.“

Nick musste lachen. „Du hast ja eine sehr hohe Meinung von mir.“

„Doch, absolut, aber nicht, was Frauen betrifft. Deine übrigen Qualitäten weiß ich durchaus zu schätzen.“ Joe hatte genug von dem Thema. „Wann fliegst du nach Europa?“

„Erst in ein paar Tagen. Aber zu dem großen Ereignis bin ich wieder da, keine Bange. Um nichts in der Welt würde ich Tonys Fest verpassen wollen.“

„Das beruhigt mich ja. Deine Planung ist wie immer makellos. Du schwirrst durch Europa, und an mir bleibt die Arbeit hängen.“

„Schließlich bin ich geschäftlich unterwegs.“

Wenn Joe ehrlich war, kam ihm Nicks Abwesenheit sehr gelegen. Dann konnte sein Bruder wenigstens nicht um Ali herumscharwenzeln.

Nick verabschiedete sich. „Dann sehen wir uns heute Abend.“

„Kann sein, dass Ali und ich heute ziemlich lange arbeiten müssen.“

„Dann wünsche ich euch viel Spaß.“ Joe sah Nicks süffisantes Lächeln förmlich vor sich. „Du kannst mir erzählen, was du willst, aber Alis Gesellschaft ist dir sicher nicht unangenehm.“

Joe legte den Hörer kopfschüttelnd wieder auf.

Im selben Augenblick erschien Ali in seinem Büro, den Terminkalender in der Hand. „Wir sollten den Termin für den Empfang festlegen, Joe.“

Diese verdammte Bluse war schon wieder verrutscht, und er musste sich zwingen, nicht ununterbrochen auf ihre nackte Schulter zu starren.

Die Zusammenarbeit mit Ali ähnelte einem Spaziergang durch das extravagante Reich der Mode. Heute war offenbar „Carmen“ an der Reihe, und sie sah, das musste er zugeben, sehr sexy aus – und sehr einladend. In New York hatte er nie besonders darauf geachtet, was sie anhatte, aber seit Tony und Nick ihn ständig mit seiner attraktiven Assistentin aufzogen, hatte sich das geändert.

Je bewusster er sie wahrnahm, desto entschlossener hielt er Distanz zu ihr. Außerdem war sie sowieso nicht sein Typ, schon weil sie ihn viel zu sehr an Sheila erinnerte. Er hatte schon einmal mit dem Feuer gespielt und hatte nicht die Absicht, diesen Versuch in absehbarer Zukunft zu wiederholen. Dass Sheila die Verlobung zugunsten eines glamourösen Milliardärs hatte platzen lassen, hatte ihn tief getroffen. Eine ähnliche Erfahrung wollte er nicht noch einmal riskieren.

„Ja, unbedingt“, erwiderte er jetzt. „Setzen Sie sich, dann gehen wir die möglichen Daten durch. Anschließend kläre ich den Termin mit Tony ab.“

„Das ist nicht nötig. Rena holt mich nachher zum Essen ab. Dann kann ich den Rest mit ihr besprechen, sobald wir beide uns geeinigt haben.“

Joe lehnte sich mit einem entspannten Lächeln zurück. Es war seine beste Idee gewesen, Ali nach Napa Valley zu holen. Das zeigte sich immer wieder. „Ich bin wirklich froh, dass ich Sie überreden konnte herzukommen, Ali.“

Alis jadegrüne Augen leuchteten auf. „Wirklich?“

„Ja. Ich werde Sie als Angestellte des Jahres vorschlagen.“

„Wie nett.“ Ali sah auf ihren Kalender hinunter.

Joe zog die Augenbrauen zusammen. Offenbar hatte er sie irgendwie enttäuscht, obwohl er ihr doch mit diesem Lob eine Freude machen wollte. Frauen waren ihm ein Rätsel.

Von Rena Carlino ging ein Strahlen aus. Trotz ihrer deutlich sichtbaren Schwangerschaft war ihr Gang leichtfüßig, und man sah ihr an, wie glücklich und zufrieden sie war – rundum zufrieden sozusagen.

Von Joe wusste Ali, dass Rena kein leichtes Leben gehabt hatte, und daran war dessen Bruder Tony nicht ganz unschuldig. Er und Rena waren einmal zusammen gewesen, aber dann hatte er sie verlassen, um sich nur noch seiner Leidenschaft, dem Rennsport, zu widmen. Aus Trotz hatte sie daraufhin seinen besten Freund David Montgomery geheiratet und Tony später für Davids Tod und den drohenden Ruin des Familienguts verantwortlich gemacht.

Doch als Tony dann nach Hause zurückgekehrt war, um das Versprechen zu erfüllen, das er seinem sterbenden Freund gegeben hatte, hatte sich Renas Zorn gelegt. Tony hatte sich verändert, und so willigte sie um ihres ungeborenen Kindes und des Familienbesitzes willen ein, ihn zu heiraten. Danach hatten sie sich wieder ineinander verliebt, und diese Liebe sah man Rena an.

„Hallo, Ali.“

Ali stand mit einem Lächeln auf. „Hallo.“ Sie kam um den Schreibtisch herum, um Rena zu umarmen. „Sie sehen wie das blühende Leben aus.“

Rena strich sich über den Bauch und zog eine Grimasse. „Das würde ich zwar nicht unbedingt behaupten, jedenfalls nicht immer, aber danke. Ich fühle mich gut. Doch ich finde es etwas schwierig, dass ich immer unbeweglicher werde und nicht mehr so kann, wie ich will. Und Tony ist absolut überfürsorglich und lässt mich nichts Schwereres mehr tragen als meine Handtasche. Und selbst die würde er mir am liebsten noch abnehmen.“

Einen winzigen Augenblick lang verspürte Ali so etwas wie Neid. Tony betete Rena an. Ob jemals ein Mann sie genauso lieben würde?

„Wissen Sie schon, was es wird?“

„Ein Junge.“

„Ach, du liebe Güte. Noch ein Mann in der Familie. Da kann einem nur die nächste Generation kleiner Mädchen leidtun.“

Rena lachte. „Ich weiß, was Sie meinen.“

„Entschuldigen Sie mich für eine Sekunde. Ich muss Joe noch sagen, dass wir aufbrechen.“ Ali nahm ihre Tasche und ihren schmalen Aktenkoffer und drehte sich mit Schwung um. Dabei stieß sie mit Joe zusammen, der gerade aus seinem Büro kam, und trat ihm zu allem Überfluss auch noch auf die Füße. „Oh!“

Joe umfasste ihre Arme, damit sie nicht das Gleichgewicht verlor, und die Berührung durchfuhr sie heiß. Ihre Gesichter waren nur Zentimeter voneinander entfernt.

„Alles in Ordnung?“, erkundigte Joe sich besorgt.

Ali sah mit großen Augen zu ihm auf. Dann nickte sie. „Entschuldigen Sie. Ich habe Sie nicht gesehen. Aber das kommt davon, wenn man sich so anschleicht!“

„Ich habe mich nicht …“ Er unterbrach sich, als ihm klar wurde, dass sie das im Scherz gesagt hatte, und straffte die Schultern.

Es war wirklich erstaunlich, wie hart und sehnig er sich anfühlte, obwohl er ständig am Computer saß. Offenbar hatte er nicht ein Gramm Fett am Körper. Am liebsten hätte Ali sich selbst davon überzeugt. Wenn er doch nur ein bisschen …

Joe ließ sie wieder los und umarmte Rena. „Hallo, schöne Schwägerin. Behandelt mein Bruder dich anständig?“

„Wie eine Königin. Ich habe keinen Grund zur Klage.“ Rena seufzte. „Ich kann euch gar nicht sagen, wie dankbar ich euch beiden bin. Mit diesem ganzen Hausumbau sind Tony und ich völlig ausgelastet. Jetzt auch noch die Hochzeitsfeier zu organisieren würden wir nie schaffen.“

„Mach dir mal keine Gedanken“, erwiderte Joe großzügig. „Ich habe ja Ali. Zu zweit werden wir das Kind schon schaukeln.“ Er sah Ali an, und ihr Herz machte einen kleinen Sprung.

„Wenn du willst, kannst du uns gern zum Essen begleiten“, lud Rena ihn ein. „Aber ich muss dich warnen: Wir werden vermutlich hauptsächlich über die Hochzeit und über Babys reden.“

Blankes Entsetzen trat in Joes Blick. „Nein, danke. Geht ihr ruhig allein. Wenn ihr euch über die Einzelheiten der Feier einig seid, klinke ich mich wieder ein.“

„Ja, natürlich“, meinte Rena. Die beiden Frauen sahen sich an und fingen gleichzeitig an zu lachen.

„Darf ich fragen, was daran so komisch ist?“

„Vermutlich lassen Sie lieber drei Wurzelbehandlungen über sich ergehen, als mit uns zu essen“, behauptete Ali.

Joe hob, ganz gekränkte Unschuld, die Schultern, was Ali unglaublich sexy fand. „Dann wünsche ich den Damen einen guten Appetit.“

Ali und Rena verabschiedeten sich. Zwanzig Minuten später saßen sie sich nach einem gemächlichen Spaziergang über die Hauptstraße in einem kleinen Straßencafé gegenüber.

„Wie gefällt es Ihnen in Napa?“, wollte Rena wissen.

„Bis jetzt ziemlich gut, soweit ich das beurteilen kann“, meinte Ali. „Es ist völlig anders als New York.“

„Stammen Sie aus New York?“

Ali schüttelte den Kopf. „Nein. Eigentlich komme ich aus dem Süden, aus Oklahoma. Meine Eltern haben sich scheiden lassen, als ich noch ein Kind war. Meine Mom hatte sich ein besseres Leben vorgestellt, als Daddy uns bieten konnte. Schließlich war sie einmal Miss Oklahoma und hatte ziemliche Flausen im Kopf. Mit seinem Einkommen als Sheriff konnte Dad ihre Träume nicht erfüllen, und so ging sie mit mir an die Ostküste. Wir zogen von einer Stadt in die nächste, von Boston bis New York, aber nirgends blieben wir länger.“

„Das war sicher nicht leicht für Sie.“

Ali zuckte die Achseln. „Es war einfach so.“

„Sehen Sie Ihre Mutter noch?“

„Ja, so oft wie möglich. Meinen Dad auch. Er ist wieder verheiratet.“ Ali verriet Rena nicht, dass ihre Mutter inzwischen bei Ehemann Nummer fünf angelangt war. Bei keinem Mann hielt Justine es lange aus, das war auch der Grund für die ständigen Umzüge gewesen. Aber sie hatte sich in den Kopf gesetzt, nach oben zu heiraten. Deshalb waren ihr an einem Mann immer Geld und Macht wichtig gewesen. Im Augenblick war sie mit einem Anwalt verheiratet, der Millionär und der Bruder eines hohen Politikers war. „Mom führt ein gesellschaftlich sehr aktives Leben“, sagte Ali jetzt und schüttelte voller Abwehr den Kopf. „Das wäre nichts für mich, viel zu hektisch und oberflächlich. Die Ruhe hier gefällt mir.“

„Ich habe mich immer gefragt, warum Sie für Joe Ihr bisheriges Leben aufgegeben haben.“ Rena sah Ali neugierig an. „Darf ich Sie etwas Persönliches fragen?“

Ali nickte nur.

„Sind Sie und Joe …?“

„Nein.“ Ali schüttelte den Kopf.

Rena schien aufrichtig überrascht. „Ich hatte den Eindruck, als würde es ganz schön knistern zwischen Ihnen.“

„Na ja, knistern tut es nur bei mir. Joe interessiert sich nicht für mich.“

Rena schien etwas einwenden zu wollen, überlegte es sich dann aber augenscheinlich anders.

„Wollten Sie etwas sagen?“

Rena sah Ali einen Moment lang nur an. „Nein, das steht mir nicht zu.“

Schade. „Ich verstehe.“ AIi klappte ihren schmalen Aktenkoffer auf. „Wollen wir das Datum für das große Ereignis festlegen?“

„Ja, gern.“ Rena beugte sich vor und studierte Alis Kalender.

Sie einigten sich schnell.

„Eigentlich tue ich das nur wegen Tony“, gestand Rena. „Ich hatte mir einmal geschworen, nie wieder einen Fuß auf das Land der Carlinos zu setzen. Aber so kann ich Tony zeigen, dass ich die Vergangenheit endgültig begraben habe.“

„Es ist schön, wenn man eine zweite Chance im Leben bekommt“, sagte Ali, ein wehmütiges Lächeln auf den Lippen. Sie selbst hatte manchmal das Gefühl, dass das Leben an ihr vorbeilief.

Rena nahm ihre Hand. „Wenn ich etwas gelernt habe, dann, dass man immer versuchen muss, aus jedem Augenblick das Beste zu machen und sich nicht beirren zu lassen, wenn man etwas wirklich will.“

Ali blinzelte. Auf einmal schöpfte sie neue Hoffnung. Sie gehörte nicht zu den Menschen, die schnell aufgaben. Und wenn Joe einen kleinen Schubs brauchte, dann würde sie ihm genau diesen Schubs geben.

2. KAPITEL

Kaum hatte Ali die Tür geöffnet, bereute Joe bereits, dass er sich einverstanden erklärt hatte, zu ihr zu kommen.

„Hallo, Joe.“ Sie schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. „Ich bin Ihnen ja so dankbar, dass Sie mir helfen wollen. Mein Computer spielt einfach total verrückt.“

Sie trug ein knappes Leibchen, das ihre vollen Brüste aufs Vorteilhafteste zur Geltung brachte, und enge schwarze Leggings. Ihre Haut schimmerte feucht wie nach einer sportlichen Anstrengung.

„Es ist doch selbstverständlich, dass ich Ihnen helfe, Ali.“

Sie trat einen Schritt zur Seite, um ihn eintreten zu lassen. „Entschuldigen Sie meinen Aufzug, aber ich habe gerade ein bisschen Gymnastik gemacht. Kann ich Ihnen irgendetwas anbieten, während ich dusche?“

Joe schüttelte den Kopf. „Nein, danke.“ Er bemühte sich, an etwas anderes zu denken. Auf keinen Fall wollte er sich vorstellen, wie das Wasser über ihre nackte Haut lief …

„Kommen Sie.“ Ali führte ihn durch den kleinen Flur an einer offenen Tür vorbei.

Joe sah im Vorbeigehen ein ausladendes, gelb bezogenes Bett und Möbel, die eigentlich nicht zueinander passten, aber zusammen ein Bild völliger Harmonie ergaben. Leichter Lavendelduft stieg ihm in die Nase.

Vor einem kleineren Raum blieb Ali stehen. „Das Zimmer ist noch nicht fertig eingerichtet. Im Moment benutze ich es als Arbeitszimmer und Abstellkammer, wenn es sein muss, auch als Gästezimmer.“

Joe sah sich um. „Es sieht doch ganz passabel aus.“

„Na ja …“ Sie zeigte ihm den Computer auf dem Tisch. „Gut, dann störe ich Sie nicht weiter. Hoffentlich ist es nicht zu kompliziert.“

Computer hatten Joe schon als Kind fasziniert. Alle anderen Kinder waren lieber zum Sport gegangen oder hatten irgendetwas angestellt, aber er hatte sich zum Kummer seines Vaters immer am liebsten mit dem Computer vergnügt.

Keine Viertelstunde später hatte er das Problem gelöst und ging wieder ins Wohnzimmer. Die Tür zum Schlafzimmer war inzwischen geschlossen, und auch das Rauschen aus der Dusche war nicht mehr zu hören. Wahrscheinlich zog Ali sich gerade an.

Aber er gestattete sich diese kleine gedankliche Abweichung nur für zwei Sekunden, dann setzte er sich aufs Sofa und blätterte durch eine Zeitschrift. Kaum saß er, klingelte es.

„Ali“, rief eine Männerstimme. „Ich bin es, Royce. Ich habe etwas für dich.“

Joe betrachtete unschlüssig die Tür. Aber als Ali nicht erschien, um dem Besucher aufzumachen, öffnete er selbst.

Ein Mann, Typ Brad Pitt, stand mit einer offenbar heißen Kasserolle in den Händen vor ihm und betrachtete ihn abschätzig. „Entschuldigung, ich wusste nicht, dass Ali Besuch hat. Royce“, stellte er sich vor.

„Joe.“

Der blond gesträhnte Brad-Pitt-Verschnitt schien von Joes Anwesenheit wenig begeistert, und Joe trug nicht dazu bei, es ihm leichter zu machen.

„Ich bin Alis Nachbar.“ Joe nickte. „Ich wollte ihr meine neueste Kreation vorbeibringen. Sie ist sozusagen meine Testesserin.“

Joes Augen wurden schmal. „Einen kleinen Moment. Ich hole sie.“

In diesem Moment trat Ali durch die Tür. „Ich bin schon da.“ Sie trug Jeans und ein weißes Oberteil dazu und hatte ein Handtuch um die feuchten Haare gewickelt. Ein zarter Zitronenduft ging von ihr aus. „Oh, hallo, Royce. Was hast du dir diesmal ausgedacht?“

„Champagnerhähnchen mit einem Hauch von Cognac.“

„Mhh! Es riecht köstlich. Komm herein.“ Sie drehte sich zu Joe um. „Royce ist Koch im Cordial Contessa“, erklärte sie und wandte sich dann wieder ihrem Nachbarn zu. „Und das ist mein – das ist Joe.“

Joe stellte mit einem Stirnrunzeln fest, dass Royces Blicke ausschließlich Ali galten. „Ali arbeitet für mich.“

Ali beobachtete die Männer leicht irritiert. „Danke, Royce. Ich sage dir morgen, wie es mir geschmeckt hat. Es sei denn, du willst dich uns anschließen?“

„Wobei?“

„Joe versucht gerade, meinen alten Computer in Ordnung zu bringen.“

„Joe hat gerade Ihren alten Computer bereits in Ordnung gebracht“, korrigierte Joe.

„Sie sind schon fertig?“ Alis Augen leuchteten auf, und Joe verspürte tiefste Befriedigung. „Siehst du?“, wandte sie sich triumphierend an Royce. „Er ist einfach genial.“

„Ist schon gut, Ali. Betrachten Sie es als kleines Dankeschön für Ihre Hilfe bei dem Hochzeitsempfang.“

„Welche Hochzeit?“, wollte Royce wissen. Ein leicht irritierter Ausdruck stand in seinen Augen.

„Joes Bruder hat geheiratet, und ich helfe bei der Planung der Feier.“

„War das Teil deiner Stellenbeschreibung?“, wollte Royce von Ali wissen.

„Nein, sie macht das in ihrer Freizeit, um mir einen Gefallen zu tun. Nicht, dass Sie das etwas anginge“, erwiderte Joe an Alis Stelle.

Langsam wurde Ali ein wenig unruhig. „Ich mache so etwas einfach gern. Organisieren liegt mir sozusagen im Blut, so wie Joe der Umgang mit dem Computer.“

Joe betrachtete Royce voller Abneigung. Was wollte der Typ eigentlich von Ali? Seine Geduld wurde wirklich auf eine harte Probe gestellt.

Ali begleitete Royce zur Tür. „Danke noch mal für das Hähnchen.“

„Jederzeit“, gab er zurück. „Und sag mir, wie es dir geschmeckt hat.“

„Auf jeden Fall.“ Sie schloss die Tür hinter ihm.

Joe kam zu ihr. „Ist er Ihr Freund?“

„Nein.“ Sie schüttelte den Kopf.

„Ist er – steht er auf Männer?“

„Eher nicht“, erwiderte sie amüsiert.

Aus ihrem Lachen und dem überraschten Gesichtsausdruck schloss Joe, dass Royce keineswegs nur edle Motive für seinen Besuch gehabt hatte.

„Wahrscheinlich betrachtet er sich wirklich so ein bisschen als meinen Beschützer.“

„Tatsächlich?“ Joes Lippen waren schmal geworden. Auf einmal verspürte er einen völlig unerklärlichen und unpassenden Anflug von Eifersucht. „Er ist an Ihnen interessiert“, behauptete er.

„Eigentlich habe ich ihm sehr deutlich gemacht, dass wir nicht mehr sein können als Freunde.“

Als würden Männer so etwas ernst nehmen! Wenn ein Mann mehr von einer Frau wollte als Freundschaft, ließ er sich davon bestimmt nicht abhalten.

Ali duftete frisch und appetitlich, und um ihr Gesicht ringelten sich kleine Löckchen. Ihr Blick fiel auf Joes Mund, und Joe hatte Schwierigkeiten, die Beherrschung zu bewahren. Wenn sie nur noch eine winzige Bewegung auf ihn zu machte, war er verloren.

Mühsam musste er sich daran erinnern, dass Affären im Büro niemals glücklich endeten.

„Damit könnten wir das Thema Royce vielleicht beenden“, schlug Ali vor. „Es wird Zeit, dass wir uns an die Planung machen. Die Zeit drängt.“

„Ja, richtig.“ Joe schob seine Brille die Nase hoch. „Wer zum Teufel ist Royce?“

Ali dachte an Joe, und es waren überaus erfreuliche Gedanken. Es hatte ganz danach ausgesehen, als habe seine Rüstung einen Sprung bekommen. Jedenfalls schien er alles andere als entzückt über Royces Auftauchen gewesen zu sein. Wäre sie ihm völlig gleichgültig, hätte ihn der nachbarschaftliche Besuch wohl kaum gestört.

Als sie hier eingezogen war, hatte Royce ihr geholfen, sich einzuleben. Wann immer sie etwas brauchte, half er ihr. Aber sie hatte ihm von Anfang an zu verstehen gegeben, dass sie nicht an einer Beziehung interessiert war.

Bei Joe war es anders. Ali kuschelte sich tiefer in ihr Bett. Joe wurde zu einem immer wichtigeren Teil ihres Lebens. Genau genommen war er der einzige Mann, der sie interessierte. Sie wünschte, sie hätte ihn woanders kennengelernt und nicht gerade als ihren Chef. Ihr Verhältnis zueinander war rein geschäftlich gewesen – bis er sie damals auf dem Flughafen zum Abschied geküsst hatte. Davor hatte sie sich nicht die geringsten Hoffnungen auf mehr gemacht, aber nach seiner offenkundigen Eifersucht heute Abend hatte sie das Gefühl, dass noch nicht alles verloren war.

Als Ali am nächsten Morgen aufstand, schien die Sonne warm und strahlend durchs Fenster. In den Nachrichten waren für diesen Tag Rekordtemperaturen angekündigt worden. Und so entschied sie sich für ein ärmelloses weißes und schwingendes Sommerkleid, das sie in der Taille mit einem roten Ledergürtel zusammenhielt, eine rote Halskette mit passendem Armband und hochhackige Sandaletten.

Nach einem Glas Orangensaft machte sie sich auf den Weg zum Weingut, um mit Joe weitere Einzelheiten zu besprechen. Wenn der Hochzeitsempfang ein Erfolg werden sollte, musste sie sich das Anwesen noch einmal genau ansehen.

Das Anwesen der Carlinos war in seiner Weitläufigkeit überwältigend. Gleich hinter dem Haus erhoben sich die sanft geschwungenen Weinberge. Sie würden eine traumhafte Kulisse für das Fest abgeben.

Die Haushälterin wartete bereits, um Ali ins Innere des Hauses zu führen. Da kam Nick Carlino die Treppe hinunter. „Hallo, Ali.“

„Hallo, Nick.“

Er betrachtete sie mit sichtlichem Wohlgefallen. „Sie sehen großartig aus.“

„Danke.“

„Joe hat mir schon erzählt, dass Sie vorbeikommen. Ein Segen, dass er Sie hat. Allein wäre er verloren.“ Nick lächelte. „Ich habe den Eindruck, dass er sich hundertprozentig auf Sie verlässt.“

„Ja, vermutlich.“

„Kommen Sie, ich bringe Sie zu ihm.“

Nick führte Ali auf eine Terrasse hinaus, an die sich ein Swimmingpool anschloss, der sich so perfekt in die Landschaft einfügte, als sei er ein Teil davon.

„Joe schwimmt hier jeden Morgen ein paar Runden.“

Auch jetzt zog er seine ruhigen Bahnen durch das Becken. Alis Herz schlug unwillkürlich schneller.

„Hey, Joe, du hast Besuch“, rief Nick und drehte sich dann zu Ali um. „Leider muss ich zum Flugplatz und kann Ihre Gesellschaft nicht länger genießen.“ Er wandte sich zum Gehen, blieb dann aber noch einmal stehen und zwinkerte ihr zu. „Was Sie vielleicht noch wissen sollten: Mein Bruder ist nicht ganz so edel, wie es vielleicht den Anschein hat.“

„Und das bedeutet?“

„Geben Sie nicht zu schnell auf.“

Ali machte den Mund auf, um zu widersprechen, aber sie sah Nick an, dass sie sich das sparen konnte. Er würde ihr ohnehin nicht glauben, wenn sie abstritt, an Joe interessiert zu sein.

Meine Güte, war es so offensichtlich?

„Ich bin gleich da“, rief Joe aus dem Pool.

Dann kletterte er über den Rand, und sie sah ihn zum ersten Mal auf eine ganz andere Art. Er hatte einen sehnigen, nicht zu muskulösen Körper, seine Haut war sonnengebräunt – ein Mann, der Frauenherzen höherschlagen ließ.

Alis Kehle wurde eng.

Ihr Clark Kent hatte sich gerade in Superman verwandelt.

3. KAPITEL

Das frühmorgendliche Sonnenlicht ließ Joes Haut golden schimmern, als er aus dem Pool stieg und sich aufrichtete. Wasser tropfte aus seinem Haar auf die breiten Schultern und lief von dort in kleinen Rinnsalen über seinen Oberkörper. Er sah aus wie ein junger griechischer Gott. Schnell trocknete er sich ab und schlüpfte in T-Shirt und Hose.

Ali gab sich einen Ruck. Schließlich wollte sie nicht dabei ertappt werden, dass sie ihren Chef anstarrte wie ein liebeskranker Teenager.

„Tut mir leid, dass Sie warten mussten“, entschuldigte er sich.

„Schwimmen Sie jeden Morgen?“

„Ja. Immer hundert Längen.“

Ali konnte es nicht glauben. „Hundert Längen? Jeden Tag?“

„So gut wie jeden Tag.“

Kein Wunder, dass er einen so anbetungswürdigen Körper hatte!

„Und? Was halten Sie davon?“

„Von Ihrer Kondition? Sehr eindrucksvoll.“

Joe schob seine Brille zurecht und fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Das war wieder der Joe, den sie kannte. „Was? Nein, ich dachte an den Empfang. Meinen Sie, das Anwesen ist geeignet für so ein großes Fest?“

„Es ist der absolute Traum, Joe! Dabei kenne ich erst einen kleinen Teil.“

„Den Rest zeige ich Ihnen gleich. Lassen Sie mich nur schnell duschen und anziehen. Vielleicht trinken Sie in der Zwischenzeit eine Tasse Kaffee. In fünf Minuten bin ich wieder da.“

Ali sah ihm nach. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals. Von einem auf den anderen Moment hatte jeder Realitätssinn sie verlassen, und ihre Gefühle drohten sie zu überwältigen. Bisher war es für sie eher eine sportliche Herausforderung gewesen, ihn für sich zu interessieren, und dafür hatte sie jede Gelegenheit genutzt. Aber mit der Zeit war etwas anderes daraus geworden. Sie bewunderte Joe nach wie vor, fand ihn einzigartig und intelligent und unbeschreiblich sexy. Aber das war längst nicht mehr alles.

Konnte es sein, dass sie gerade dabei war, sich ernsthaft in ihren Chef zu verlieben?

„Ich finde Ihren Besitz geradezu ideal für den Zweck“, erklärte Ali nach dem Frühstück.

Nachdem Joe sie durchs Haus geführt hatte, ließen sie sich wieder auf der Terrasse nieder. Joes Mutter hatte das Haus einst eingerichtet und dabei sehr viel Geschmack und ein Händchen fürs Detail bewiesen. Ihre Persönlichkeit war noch überall zu spüren, und wenn Joe von ihr sprach, dann immer voller Liebe und Zärtlichkeit.

Das Haus hatte etwas Warmes, und der Steinfußboden mit Einlegearbeiten, die Holzmöbel und die bunt bezogenen Sofas vor den blassgolden bemalten Wänden sorgten für eine mediterrane Atmosphäre.

Ali hatte sich auf der Stelle in das Haus verliebt – nicht, weil man ihm den Reichtum seiner Besitzer ansah, sondern weil es so viel Harmonie und Geborgenheit ausstrahlte.

Sie selbst hatte niemals ein richtiges Heim gekannt und nahm ihrer Mutter immer noch übel, dass sie sie von einer Stadt in die nächste gezerrt und Männer geheiratet hatte, die Kinder als Belastung empfanden; oder zumindest als etwas, das man als Justines Ehemann notgedrungen ertragen musste. Vielleicht war sie ungerecht, aber sie konnte es ihrer Mutter nicht ganz verzeihen, dass sie ihr keine normale Kindheit ermöglicht hatte.

„Und wo soll die Zeremonie stattfinden?“, wollte Joe jetzt wissen. Er trug inzwischen eine legere schwarze Hose zu einem weißen Hemd und hatte sich von Superman zurück in ihren Chef verwandelt.

Seine Frage riss sie aus ihren melancholischen Gedanken, und sie kehrte in die Gegenwart zurück. „Direkt am Swimmingpool fände ich ideal“, sagte sie. „Der Wasserfall ist der perfekte Hintergrund. Für das Gelöbnis stelle ich mir einen Blumenbogen vor, nicht zu üppig, sondern eher einfach, damit die Umgebung besser zur Geltung kommt.“

Joe betrachtete den Swimmingpool eine Weile, dann nickte er. „Ja, ich glaube, Sie haben recht.“

„Ich habe immer recht“, behauptete Ali mit einem Augenzwinkern.

„Ich weiß“, gab Joe völlig ernst zurück.

Ali sah ihm in die Augen. Hatte er wirklich so viel Vertrauen in sie und ihre Fähigkeiten? „Rena gefällt es bestimmt“, meinte sie. „Tony kenne ich nicht so gut. Meinen Sie, er ist einverstanden?“

„Daran habe ich nicht den geringsten Zweifel. Schließlich hat er die Frau bekommen, die er liebt. Das ist alles, was zählt.“

„Ich wollte …“, begann Ali und unterbrach sich im nächsten Moment. Sie biss sich auf die Lippen.

„Was?“, wollte Joe wissen und berührte dabei seine Brille. Ali war die Geste nur zu vertraut. Offenbar interessierte es ihn wirklich. Natürlich konnte sie ihm nicht die Wahrheit sagen, aber vielleicht konnte sie die Gelegenheit nutzen und mehr über ihn erfahren. „Waren Sie jemals richtig verliebt, Joe?“

Er sah sie verblüfft an. „Wer? Ich?“

Ali nickte nur.

Seine Lippen wurden schmal. „Einmal“, erwiderte er einsilbig. „Aber es wurde nichts daraus.“

Joe war über dreißig, sah fantastisch aus und hatte viele einnehmende Eigenschaften, aber irgendwie konnte Ali ihn sich nicht mit einer Frau vorstellen – es sei denn, mit ihr.

„Entschuldigen Sie“, sagte sie. „Ich wollte nicht indiskret sein.“

„Ist schon in Ordnung. Sie meinen es ja nur gut.“ Damit war das Thema für ihn beendet, und er nahm sich die Menü-Vorschläge vor, die Ali mitgebracht hatte. „Haben Sie schon genauere Vorstellungen davon, wie der Empfang ablaufen soll?“

„Ich habe mir ein paar Gedanken gemacht.“

Sie stand auf und ging auf und ab, um etwas Abstand zwischen sich und ihn zu legen. Sonst konnte sie keinen vernünftigen Gedanken fassen. Aus einem unerklärlichen Grund machte es ihr zu schaffen, dass er schon einmal verliebt gewesen war, auch wenn nichts daraus geworden war. Möglicherweise hatte seine distanzierte Art auch mit seinen schlechten Erfahrungen zu tun.

Joe kam auf sie zu, und ihr Herz schlug schneller. „Also, was haben Sie geplant?“

In seiner Welt musste es für alles und jedes einen Plan geben, als brauchte er dringend Halt.

Ali drehte sich zu ihm um. Er war ihr gefährlich nah, so nah, dass sie ihn fast berührt hätte. Sie sah zu ihm auf, als fände sie in seinen Augen die Antwort auf ihre Fragen. In diesem Moment beschloss sie, aus dieser Planung ein Meisterstück zu machen.

„Ich arbeite noch daran“, antwortete sie. „Aber wenn der Plan steht, werden Sie es als Erster erfahren.“

Ali ging das Weinangebot von Purple Fields durch. Alles hier atmete die jahrzehntelange Familientradition, auch wenn gerade reger Baubetrieb herrschte.

„Ali! Das ist aber eine Überraschung.“ Rena kam aus dem hinteren Raum auf sie zu.

„Hallo, Rena. Ich hoffe, ich störe Sie nicht mit meinem kleinen Überfall.“

„Nein, gar nicht. Ich freue mich, Sie zu sehen. Tut mir leid, dass es bei uns so chaotisch ist. Aber wir wollen mit dem Umbau fertig sein, bevor das Baby kommt.“

„Da haben Sie sich ja viel vorgenommen“, meinte Ali trocken.

Rena nickte. „Die Carlinos sind eine zupackende Familie. Wenn sie etwas beschlossen haben, dann ziehen sie es durch.“

Ali sah aus dem Fenster und seufzte. „Ja, wenn sie es unbedingt haben wollen, jedenfalls.“

Rena sah sie forschend an. „Ist etwas passiert?“

„Nein, nein, es ist alles in Ordnung.“ Ali schüttelte den Kopf und zwang sich zu einem strahlenden Lächeln. „Ich wollte mit Ihnen über den Empfang sprechen.“

„Kommen Sie, ich hole uns etwas zu trinken. Sie müssen unbedingt unseren Merlot probieren.“

Schnell verschwand Rena in einem Nebenraum und kam dann mit zwei Gläsern zurück. Sich selbst hatte sie Saft eingeschenkt.

Ali nippte an ihrem Wein. „Der schmeckt fantastisch!“ Sie stellte das Glas auf die weißblaue Tischdecke und wartete, bis Rena sich gesetzt hatte. „Danke.“

„Eher sollte ich mich bei Ihnen bedanken“, wehrte Rena ab. „Ich hoffe nur, Joe lädt Ihnen nicht zu viel Arbeit auf.“

„Nein, nein.“ Ali sah Rena verlegen an. „Im Grunde hätte ich Sie auch anrufen können. Ich habe ja gerade erst mit der Planung angefangen, und es gibt noch nicht viel zu berichten.“

„Okay“, sagte Rena leicht verwirrt. „Aber Sie brauchen doch keine Entschuldigung, wenn Sie auf einen Sprung vorbeischauen wollen. Schließlich sind Sie neu in Napa, und ich würde nur zu gern …“

„Nein, darum geht es nicht. Ich habe einen bestimmten Grund, warum ich hier bin.“ Ali nagte an ihrer Unterlippe und holte tief Luft. Sie gehörte nicht zu den Menschen, die wichtige Dinge aufschoben. „Also gut. Ich glaube, ich habe mich in Joe verliebt“, stieß sie dann ohne weitere Einleitung hervor.

Rena sah sie mit großen Augen an. „Oh, wow.“

„Ja, wow. Es ist wunderbar, aber gleichzeitig macht es mir Angst.“

„Ich weiß.“ Rena nickte lächelnd. „Genauso ging es mir bei Tony. Ich wollte mich um nichts in der Welt in ihn verlieben, aber gegen Gefühle ist man machtlos.“

„Joe hat nicht den geringsten Verdacht. Vermutlich weiß er gar nicht, dass es mich überhaupt gibt.“

„Doch, das weiß er sehr wohl, glauben Sie mir. Aber über seiner Arbeit vergisst er alles andere.“

„Wem sagen Sie das? Er hat mich zur Angestellten des Jahres nominiert“, erwiderte Ali ein wenig bitter.

Rena sah sie eine Weile lang an. „Ist es Ihnen wirklich ernst mit ihm?“

„Ja. Ich habe das Gefühl, dass Joe einfach der Richtige für mich ist. Das ist mir noch bei keinem Mann vorher so gegangen. So richtig verliebt war ich eigentlich noch nie. Aber wenn er auf etwas scharf ist, dann auf eine korrekte Kalkulation für Carlino Wines, nicht auf mich.“

Rena musste lachen. „Sie sind immer so wunderbar direkt, Ali.“

„Wunderbar finde ich das weniger, ehrlich gesagt. Es wäre mir lieber, ich würde nicht immer gleich mit allem herausplatzen, was mir in den Sinn kommt.“

„Aber Sie sind so erfrischend aufrichtig. Ich mag das.“

„Glauben Sie, dass ich Joe damit vergraule?“

Rena antwortete nicht sofort, und Ali bereute ihre Frage bereits. Sie war sich nicht sicher, ob sie die Antwort wirklich hören wollte.

„Nein, das nicht“, meinte Rena schließlich. „Er mag ein Computerfreak sein, aber er hat keine Angst vor Frauen, wenn Sie das meinen. Falls es Ihnen noch nicht aufgefallen ist, er ist durchaus ein Frauentyp.“

„Ja, mir ist schon klar, dass er unverschämt gut aussieht, aber das allein ist nicht der Grund, warum ich mich in ihn verliebt habe.“

Ali schwärmte Rena von Joe vor, von seiner Intelligenz und seiner fairen Einstellung, davon, dass er sie immer mit Respekt behandelte und nicht einmal versucht hatte, ihr zu nahezutreten – im Gegensatz zu ihrem vorherigen Chef.

„Ich habe ihn gefragt, ob er schon einmal verliebt war, und er antwortete, ja, einmal. Aber mehr wollte er dazu nicht sagen. Glauben Sie, dass er die Frau immer noch liebt?“

„Nein“, antwortete Rena entschieden, und neue Hoffnung keimte in Ali auf. „Er ist schon eine ganze Weile über Sheila Maxwell hinweg.“

„Was ist es dann?“

„Keine Ahnung. Dazu kann ich nur sagen, dass Sheila ihn zutiefst verletzt hat. Sogar verlobt war er mit ihr. Sie war sehr schön und ziemlich berechnend, wenn Sie mich fragen. Aber seine Millionen waren ihr offenbar nicht genug. Sie wissen ja, dass Joe jede Form der Angeberei hasst. Doch Sheila ging es hauptsächlich um den gesellschaftlichen Rang, und als sie dann einen Ölmagnaten aus Texas kennenlernte, einen Milliardär, ließ sie Joe fallen wie eine heiße Kartoffel.“

„Der Ärmste. Es muss schrecklich für ihn gewesen sein.“

„Allerdings. Er war völlig fertig und kam sich wie der letzte Idiot vor, weil er auf sie hereingefallen war. Und jetzt hat er anscheinend Angst, dass ihm so etwas noch einmal passiert. Deshalb hat er sich geschworen, sich mit keiner Frau mehr einzulassen, die für ihn arbeitet.“

„Aha.“ Ali stieß einen Seufzer aus. „Verstehe.“

„Das war die schlechte Nachricht. Die gute ist, dass das ja nicht bis in alle Ewigkeit so bleiben muss. Wenn die richtige Frau kommt, ist es ihm wahrscheinlich egal, woher er sie kennt. Ich bin davon überzeugt, dass er an Ihnen interessiert ist, aber er braucht eben noch eine Weile, bis er seine Prinzipien über Bord wirft.“

„Nick hat so eine komische Bemerkung gemacht: Joe sei nicht so edel, wie man immer denkt. Glauben Sie, er hat das damit gemeint?“

„Möglich. Sie sind eine sehr schöne Frau, Ali. Sie haben Ausstrahlung und Stil, und Sie sind, um es einmal so auszudrücken, ziemlich sexy. Und das ist meiner Meinung nach genau der Grund, weshalb bei Joe die Alarmglocken schrillen, sobald er Sie nur sieht.“

„Sehr ermutigend.“ Ali verzog das Gesicht.

„Sie dürfen nicht so schnell aufgeben. Nick hat mir erzählt, dass er gern mit Ihnen ausgehen würde, und Joe hat wohl ziemlich ungehalten darauf reagiert und es ihm mehr oder weniger verboten.“

Alis Stimmung hob sich wieder ein wenig. „Hat er gesagt, warum?“

„Angeblich will er nicht, dass Nick Ihnen das Herz bricht. Für mich klingt das verdächtig nach Eifersucht.“

„Na ja, ich weiß nicht …“ Ali trank einen Schluck Wein und dachte nach. „Und was soll ich jetzt tun?“

„Sie müssen ihn sozusagen umprogrammieren“, meinte Rena. „Das heißt, Sie sollten sich in Zukunft weniger auffällig anziehen, damit er sich nicht bedroht fühlt.“

„Ich muss mich unattraktiver machen?“

„So ungefähr.“ Rena lächelte. „Ich könnte mir vorstellen, dass Sie stärker auf ihn wirken, wenn Sie nicht zuoberst auf seiner Gefahrenliste stehen. So eine Art Cinderella, die sich in Aschenbrödel verwandelt.“

Alis Puls schlug schneller, als sie sich den Gedanken durch den Kopf gehen ließ. „Ja, Sie könnten recht haben. Einen Versuch wäre es wert.“

„Auf jeden Fall. Wenn ich nicht die Funken zwischen Ihnen beiden hätte sprühen sehen, würde ich Sie nicht ermutigen. Aber Joe ist ein toller Typ, und er verdient es, wieder glücklich zu werden.“

„Bis jetzt hat jedenfalls nichts funktioniert, was ich ausprobiert habe.“

„Machen Sie den Versuch. Von meiner Seite bekommen Sie jede Unterstützung.“

„Wenn die Taktik aufgeht, nenne ich unser erstes Kind nach Ihnen.“

„Ich werde Sie an Ihr Versprechen erinnern! Und jetzt würde ich vorschlagen, dass wir uns duzen. Schließlich gehören wir bald zur selben Familie!“

„Wann soll ich es angehen?“, fragte Ali unternehmungslustig.

„Ich schlage vor, dass du in den nächsten Wochen so nach und nach anfängst. Die Veränderung darf nicht auf einmal passieren, sondern muss schön langsam vor sich gehen. Und dann …“

„Und dann?“

„Die endgültige Verwandlung wird stattfinden, wenn es am meisten auffällt.“ Rena beugte sich vor. „Bei meinem Hochzeitsempfang. Da wird aus Cinderella endgültig das unscheinbare Aschenbrödel.“

4. KAPITEL

Endlich war der große Tag gekommen. Joe sah sich auf dem Anwesen um. Ali hatte mit wenigen geschickten Veränderungen aus dem weitläufigen Gelände eine traumhafte Hochzeitskulisse gezaubert.

Die letzten Wochen hatten er und Ali zusammen an den Einzelheiten gefeilt, aber im Grunde hatte sie seine Hilfe gar nicht gebraucht. Sie war das geborene Organisationstalent und hatte instinktiv das richtige Gespür für ein gelungenes Arrangement. Nebenbei hatte sie nicht nur die Hochzeitstorte in Auftrag gegeben, sondern sich auch noch um die Aufstellung der Tische und um die Sitzordnung gekümmert, eine fünfköpfige Kapelle und eine Floristin für den Blumenschmuck engagiert und Royce zum Küchenchef bestimmt.

Darüber war Joe zwar nur mäßig begeistert gewesen, er hatte sich aber jedes Kommentars enthalten.

Ali, in Jeans und Sweatshirt, war schon seit dem frühen Morgen da, um sich zu vergewissern, dass alles nach Plan lief. Joe konnte ihre Leistung gar nicht hoch genug preisen, aber zugleich war er auch einfach nur persönlich stolz auf sie. Als Hochzeitsplanerin könnte sie wahrscheinlich in kürzester Zeit viel Geld verdienen.

„Wunderbar“, sagte Tony da und stellte sich neben seinen Bruder auf die Veranda. Inzwischen waren fast alle Gäste eingetroffen und unterhielten sich angeregt im Garten.

„Sag das Ali. Das ist alles ihr Werk.“

„Sie hilft Rena gerade beim Anziehen. Die beiden sind inzwischen die dicksten Freundinnen.“

„Das freut mich.“ Ohne dass er es sich erklären konnte, war Joe doch sehr froh darüber, dass seine Schwägerin Ali so ins Herz geschlossen hatte.“

„Ich kann dir gar nicht sagen, wie dankbar wir euch beiden sind.“

„Na ja.“ Joe hob die Schultern. In seinem eleganten Anzug hätte er auf jeder Modenschau auftreten können. „Ehrlich gesagt, ich hätte mir die Arbeit schlimmer vorgestellt.“

„Das glaube ich dir aufs Wort.“ Tony grinste. „Ich habe mir sagen lassen, dass du die letzten Wochen, Samstag und Sonntag eingeschlossen, praktisch rund um die Uhr mit Ali zusammen warst.“

Joe bedachte seinen Bruder mit einem warnenden Blick. „Das hat überhaupt nichts damit zu tun. Zwischen uns ist nichts.“

„Ich weiß“, gab Tony zurück. „Und ehrlich gesagt, genau das ist mir völlig unverständlich.“

„Ja, mir manchmal auch“, erwiderte Joe halblaut. Diesen Gedanken hatte er in den letzten Wochen öfter gehabt, ihn aber immer gleich wieder verdrängt.

Die Kapelle begann zu spielen, und die Gäste suchten ihre Plätze. Bei einem tiefen Atemzug rückte Tony seine Krawatte zurecht. „Es geht los. Ich hole Rena.“

Joe umarmte seinen Bruder. „Bis gleich“, sagte er. „Ich freue mich sehr für euch und wünsche euch alles Glück der Welt.“

Nach Alis Ablaufplan war vorgesehen, dass Tony und Rena gemeinsam den Gang zwischen den Sitzreihen nach vorn zu einem Blütenbogen entlangschritten. Sie hatten eine schwierige Zeit hinter sich, und dieser gemeinsame Weg sollte das symbolisieren.

Joe hätte am liebsten Ali neben sich gehabt. Schließlich hatten sie diesen Empfang gemeinsam auf die Beine gestellt, und er fand, dass sie an seine Seite gehörte. Aber sein Platz war natürlich neben seinen Brüdern, nicht neben seiner Assistentin. Irgendwie lockte Ali ihn immer wieder auf gedankliche Abwege.

Er stellte sich zu Nick neben den Blütenbogen. Die untergehende Sonne spiegelte sich im Wasser des Swimmingpools, und er musste ein wenig die Augen zusammenkneifen, weil das Licht ihn blendete. Die Musik hatte aufgehört, und die Gespräche waren verstummt, während alle auf das Brautpaar warteten. Dann setzte die Harfe ein.

Joe suchte Ali in der Schar der Gäste. Endlich entdeckte er sie neben der letzten Stuhlreihe, und ihre Blicke trafen sich.

Sein Herz schlug schneller, und er hielt unwillkürlich den Atem an.

In dem jadegrünen Satinkleid mit passendem Jäckchen und den züchtig zusammengesteckten Haaren hätte er sie fast nicht erkannt. Soweit er das von hier erkennen konnte, hatte sie kaum Make-up aufgelegt. Sie sah einfach überwältigend aus. Ohne all den auffälligen Schmuck, den sie üblicherweise trug, und ohne die wilde Haarkaskade wirkte sie sehr weiblich und sehr zart.

„Absolut hinreißend“, flüsterte Nick neben ihm. „Sie kann einem Mann wirklich den Verstand rauben.“

Dass sein Bruder genau das aussprach, was er selbst gedacht hatte, irritierte Joe. In letzter Zeit geisterte Ali für seinen Geschmack viel zu oft durch seine Gedanken und Träume. Gut, natürlich hatten sie in den vergangenen drei Wochen sehr viel Zeit miteinander verbracht, da war das sicher nicht überraschend.

Aber er war doch stolz darauf, dass es ihm gelungen war, ihre Beziehung auf rein geschäftlicher Ebene zu halten. Wann immer er sich im Geiste auf erotischen Abwegen ertappte, rief er sich sofort zur Ordnung und erinnerte sich daran, dass sie seine Angestellte und damit schon grundsätzlich tabu für ihn war. Das einzige Gefühl, das er sich gestattete, war Stolz auf ihre Leistung.

Jetzt richtete er seine Aufmerksamkeit auf Nick und Rena, die den Blumenbogen erreicht hatten und symbolisch ihr Ehegelöbnis erneuerten. Beide waren tief bewegt und immer wieder den Tränen nahe. Als die Zeremonie schließlich vorüber war, nahm Tony die Hand seiner schwangeren Frau, und beide wandten sich den applaudierenden Gästen zu.

Rena strahlte übers ganze Gesicht, und Tony sah so glücklich aus, wie Joe ihn noch nie erlebt hatte. Unwillkürlich erfasste ihn Neid. Es hatte einmal eine Zeit gegeben, da er geglaubt hatte, auch einmal so glücklich zu werden. Aber er hatte seine Lektion gelernt, und sie war hart gewesen. Er würde sich von keiner Frau mehr zum Narren machen lassen.

Nachdem Joe das Brautpaar umarmt hatte, drehte er sich zu Ali um, die inzwischen zu ihm gekommen war.

„Sie haben es geschafft, Ali“, gratulierte er.

Wir haben es geschafft, Joe.“

„Seien Sie nicht so unbescheiden. Den größten Anteil daran hatten Sie. Sie haben wahre Wunder bewirkt, und ich kann Ihnen gar nicht genug dafür danken.“

Ali senkte den Blick. „Danke.“

Normalerweise bestritt sie einen großen Teil der Unterhaltung, aber heute erschien sie Joe ungewöhnlich schweigsam, fast melancholisch. „Kann ich Ihnen etwas zu trinken holen?“

„Das wäre nett, danke.“

„Ich bin gleich wieder da.“

Joe hielt einen Ober an, der ein Tablett voller schlanker Champagnerflöten durch die Gästeschar balancierte, und kehrte mit zwei Gläsern zurück. „Auf Sie!“

Sie ließen die Gläser klirren, und Joe sah Ali in die Augen. Es verwirrte ihn, dass sie so ruhig war. Jetzt lächelte sie ein wenig.

In dem Moment kam Royce auf sie zu. „Ali, kann ich dich eine Minute sprechen? Ich brauche unbedingt deine Meinung.“

„Ja, sofort.“ Ali sah zu Joe auf. „Entschuldigen Sie mich bitte.“

Royce legte ihr die Hand auf den Rücken und führte sie in Richtung Küche. Joe presste die Kiefer zusammen, kippte mit einem Schluck den Inhalt seines Champagnerglases hinunter und machte sich dann auf die Suche nach etwas Stärkerem.

An der Hausbar bediente er sich mit einer großzügigen Menge Scotch. Langsam entspannte er sich wieder.

Gelächter aus der Kirche machte ihn neugierig, und er ging, um nachzusehen, was da los war. Vor der Tür blieb er stehen. Die Stimmen gehörten Royce und Ali, die ihren Nachbarn gerade für die gelungene Zusammenstellung des Menüs lobte und dann wieder über etwas lachte, was offenbar nur Royce verstand.

Völlig unerwartet wurde Joe von einem Anfall von Eifersucht erfasst, und er stürmte wütend nach draußen. Sein Blut kochte.

Beim Essen saß Ali neben Joe am Tisch der Familie. Royces Kochkunst stieß auf allgemeine Begeisterung. Anfangs war Ali nicht sicher gewesen, ob er wirklich eine gute Wahl gewesen war, wenn man bedachte, dass Joe ihn nicht mochte. Aber nachdem schon seine Vorspeise so gut ankam, gratulierte sie sich zu ihrer Entscheidung.

Ihr war klar, dass man sie nur aus Höflichkeit an den Familientisch gebeten hatte – weil sie den Empfang organisiert hatte –, trotzdem gingen alle sehr herzlich mit ihr um. Es kostete sie einige Mühe, ihrem Temperament nicht freien Lauf zu lassen. Aber sie beherzigte Renas Rat, sich unauffällig zu geben.

Die vergangenen drei Wochenenden hatte sie mit Joe verbracht. Während der ganzen Zeit hatte er zwar großen Einsatz gezeigt und sich alle Mühe gegeben, ihr zu helfen, aber zugleich nicht das geringste Interesse an ihrer Person an den Tag gelegt. Dabei hatte sie sich viel zurückhaltender gegeben als bisher, hatte ihr Haar unauffälliger getragen und sich angezogen wie eine Lehrerin auf dem sonntäglichen Weg zur Kirche.

Ihr Selbstbewusstsein war dabei in den Keller gesunken.

Deshalb hatte sie beschlossen, an diesem Abend noch eine letzte Anstrengung zu unternehmen. Wenn er dann immer noch nicht mehr in ihr sah als nur eine Angestellte, würde sie aufgeben. Geduld gehörte nun einmal nicht zu ihren herausragenden Eigenschaften.

„Falls ich bisher vergessen habe, es zu erwähnen“, sagte Nick da quer über den Tisch zu ihr, „Sie sehen wunderschön aus.“ Er fixierte seinen Bruder. „Findest du nicht auch, Joe?“

Joe warf ihm einen strengen Blick zu und drehte sich dann zu Ali um. „Ja“, sagte er und schob seine Brille ein Stückchen höher, soweit das noch möglich war. „Wirklich. Sie sehen sehr hübsch aus, Ali.“

Nick lachte breit, und Ali konnte sich nicht entscheiden, welchem der beiden Carlino-Brüder sie am liebsten als Erstes einen Tritt gegeben hätte.

Aber sie ließ sich nichts anmerken. „Vielen Dank.“

Unwillkürlich sah sie zu Rena hinüber, die ihr bestätigend zunickte. Rena hatte ihr in den letzten Wochen sehr geholfen und Tipps gegeben, wie sie ihre Veränderung allmählich und unauffällig bewerkstelligen sollte. Sie hatte sie auch gewarnt, dass es eine Weile dauern könne, bis der Plan griff, aber Ali wusste nicht, wie lange sie diesen Zustand noch aushielt. Es war die Hölle, Joe zu lieben und nichts zurückzubekommen.

Nach dem Essen fing die Kapelle wieder an zu spielen, und die Gäste begaben sich auf die Tanzfläche oder verteilten sich auf dem weitläufigen Gelände.

Auch Ali stand auf, um der Musik zuzuhören, und sofort kam einer der Gäste auf sie zu. „Haben Sie Lust, mit mir zu tanzen?“

Sie kam gar nicht dazu, dem Mann zu antworten, denn im selben Moment tauchte Joe neben ihr auf und ergriff ihre Hand. „Tut mir leid, Allen. Den ersten Tanz hat sie mir schon versprochen.“

Alis Puls raste, als Joe sie hinter sich her zur Tanzfläche zog. Beinahe wäre sie gestolpert.

„Ich werde versuchen, Ihnen möglichst wenig auf die Zehen zu treten“, versprach er, während er sie an sich zog.

Sie fühlte sich wie im siebten Himmel. Der Duft seines Rasierwassers brachte sie fast um den Verstand. Mein Gott, war der Mann sexy. Der Kopf schwirrte ihr, und sie hätte um kein Geld der Welt sagen können, zu welcher Melodie sie sich eigentlich bewegten. Nur Joes Nähe zählte, von ihrer Umgebung bekam sie nichts mit. Ihre Gesichter waren nur Zentimeter voneinander entfernt.

Ali kostete jede Sekunde aus.

Joe zog sie noch etwas näher an sich. „Wie kann ich Ihnen für diesen Abend danken?“, flüsterte er.

Ali hätte da durchaus ein paar Vorschläge gehabt, aber die konnte sie ihm schlecht unterbreiten, wenn sie den Anstand wahren wollte. Jedenfalls kamen Besichtigungstouren in Napa Valley darin nicht vor. Aber sie wollte ihr Glück nicht zu sehr auf die Probe stellen, sondern musste bei ihrer Strategie bleiben. „Wir haben eine Abmachung“, erinnerte sie ihn. „Wissen Sie noch?“

„Ja, natürlich. Und ich habe auch vor, meinen Teil zu erfüllen. Ein Mann, ein Wort.“

„Ich weiß.“

Joe löste sich ein wenig von ihr und sah ihr in die Augen. Er blinzelte ein paarmal, dann schenkte er ihr ein Lächeln, das ihr endgültig den Verstand raubte. Am liebsten hätte sie ihn sofort in ihr Schlafzimmer entführt und ins Bett gezerrt. Und dann hätten sie sich bis zum Sonnenaufgang geliebt, stürmisch und voller Leidenschaft.

„Ich fürchte nur, dass ich kein sehr begabter Fremdenführer bin.“

Auch Nick und Royce hatten sich schon angeboten, sie herumzufahren und ihr die Gegend zu zeigen, aber Ali wollte nur Joe. Sie hatte ihm das Versprechen abgerungen und würde ihn jetzt nicht vom Haken lassen. Aber ihre neue Strategie erforderte, dass sie nicht auf ihr Recht pochte. „Wenn Sie keine Lust haben, verstehe ich das“, behauptete sie verständnisvoll.

Joe hob die Augenbrauen. „Sie unterstellen mir doch wohl nicht, dass ich mich drücken will? Im Gegenteil. Ich werde mir größte Mühe geben, Ihnen alles zu zeigen.“

Sie lächelte. „Danke.“

Damit gab er sich zufrieden und zog sie wieder enger an sich, bis die Kapelle zu spielen aufhörte. Ali hätte ewig so weitertanzen können. Sie konnte gar nicht genug von Joe bekommen.

„Danke für den Tanz“, sagte er höflich, als er sie zum Tisch zurückbegleitete.

„Ich habe zu danken, Joe.“

Er wollte ihr den Stuhl zurechtrücken, aber da überlegte sie es sich anders. „Ich glaube, ich mache lieber einen kleinen Spaziergang.“

„Stört es Sie, wenn ich Sie begleite?“

Was für eine Frage! Sie zögerte nur den Bruchteil einer Sekunde. „Nein, natürlich nicht. Es würde mich freuen.“

Sie schlenderten am Eingangsbereich vorbei, in dem in verschwenderischer Zahl kleine Lichter und Laternen aufgestellt waren, und einen kunstvoll gepflasterten Weg entlang zu einer steilen Treppe. Jetzt wies ihnen nur noch das Mondlicht den Weg. Die Musik war kaum noch zu hören.

„Vorsicht, die Stufen sind gefährlich“, warnte Joe sie und nahm Alis Hand, um ihr hinunterzuhelfen. An diesem Abend hatte er sie schon öfter berührt als im gesamten vergangenen Jahr. Das war zwar noch nicht der große Durchbruch, aber zu vorsichtiger Hoffnung bestand doch Anlass, fand sie.

Endlich waren sie unten angekommen, und Joe ließ Alis Hand wieder los. Sie sah über die schier endlose Reihe der Rebstöcke hinweg und stieß einen ehrfürchtigen Seufzer aus. „Wenn man bedenkt, dass die meisten Leute gerade mal eine Hollywoodschaukel hinter dem Haus stehen haben …“

„Die hatten wir trotzdem. Wir waren natürlich privilegiert, aber trotzdem hatten wir eine ganz normale Kindheit. Jeder hatte seine kleinen Pflichten und Aufgaben, und wenn wir schlechte Noten nach Hause brachten, gab es dicke Luft. Das war nicht anders als in allen anderen Familien. Mein Vater sorgte schon dafür, dass wir uns anständig benahmen und uns nicht als etwas Besseres fühlten. Wobei Nick und Tony ihm allerdings so manches graue Haar eintrugen.“

Ali wollte, sie hätte auch Eltern gehabt, die sie bedingungslos liebten. Geborgenheit war für sie ein Fremdwort gewesen. Trotz allen Reichtums und der gesellschaftlichen Stellung der Familie Carlino hatte Joe vermutlich eine sehr viel normalere Kindheit gehabt als sie.

„Ihm war eben wichtig, was aus seinen Söhnen werden würde.“

Joe rieb sich das Kinn. „Ja, vermutlich. Er war streng, aber meine Mutter brachte die weichen Seiten an ihm zum Vorschein. Er liebte sie so sehr, dass er sein Leben für sie gegeben hätte.“

Ali wandte sich ab und tat, als betrachtete sie die Weinberge. In Wirklichkeit ließ sie ihr eigenes Leben Revue passieren. Die Liebe, die Eltern und Kinder miteinander verband, hatte sie nie kennengelernt. Die Kindheit galt gemeinhin als glücklichste Zeit im Leben, aber das konnte sie von ihrer nicht sagen. Sie war den größten Teil der Zeit sich selbst überlassen gewesen und sehnte sich nach der liebevollen Geborgenheit, die Joe bei seinen Eltern gefunden hatte.

Sie hätte ein Leben führen können wie ihre Mutter, oberflächlich, sprunghaft, geprägt von flüchtigen, ständig wechselnden Beziehungen und Affären, immer auf der Suche nach einem Zipfelchen Glück. Aber sie hatte sich geschworen, es einmal anders zu machen. Geld war ihr nicht wichtig. Dass sie sich ausgerechnet in Joe, einen millionenschweren Erben, verliebt hatte, war Zufall. Wäre es nach ihr gegangen, er hätte genauso gut bettelarm sein können. Sie würde ihn trotzdem lieben. Das war wohl der entscheidende Unterschied zwischen ihr und ihrer Mutter.

„Ist alles okay mit Ihnen?“, fragte Joe da hinter ihr. Seine Stimme klang sanft, fast zärtlich. Er strahlte etwas so Verlässliches aus, und das war vielleicht einer der Gründe, warum sie sich in ihn verliebt hatte. „Sie sind heute irgendwie anders.“

Tränen traten ihr in die Augen, doch sie kämpfte dagegen an. Sie wollte kein Mitleid von ihm, sondern Liebe, und das brach ihr fast das Herz. Aber sie würde ihm nicht von ihrer Mutter erzählen, nicht von den Sehnsüchten ihrer Kindheit.

Und so holte sie tief Luft und drehte sich mit einem kleinen Achselzucken wieder zu ihm um. „Hochzeiten machen mich immer sentimental. Das ist alles.“

„Aber Sie sind schon den ganzen Tag so still. Ich dachte immer, dass Sie gern feiern.“ Joe sah ihr forschend in die Augen. Er wirkte verwirrt und rührend besorgt.

Wie sie dieses Verstellen hasste! Am liebsten wäre sie damit herausgeplatzt, dass sie ihn liebte und dass ihr das Herz wehtat, weil er sich nichts aus ihr machte. Aber das war das Letzte, was er hören wollte. Damit würde sie von vornherein alles kaputt machen. Sie musste einfach weiter ihren Plan verfolgen.

„Das stimmt auch. Ich finde das Fest wirklich sehr schön.“

Joe betrachtete sie zweifelnd. „Habe ich etwas falsch gemacht?“

„Nein“, sagte sie mit einem Kopfschütteln.

Zu ihrer Überraschung griff er nach ihren Händen und umfasste sie ganz fest. Sie hielt unwillkürlich den Atem an. Ihr Herz hämmerte so laut, dass sie Angst hatte, er könnte es hören.

Joe sah ihr tief in die Augen, dann neigte er den Kopf. „Vielleicht ist das ja falsch“, flüsterte er direkt neben ihrem Mund.

Und dann küsste er sie.

Es war ein sanfter Kuss, ein Kuss, der nichts forderte, aber trotzdem schien ein ganzes Feuerwerk in ihrem Kopf zu explodieren. Sie konnte gar nicht glauben, was da geschah. Am liebsten hätte sie die Arme um seinen Hals geschlungen und sich an ihn gepresst.

Bitte, bitte, lass das nie vorbeigehen!

Offenbar hatte er ihre stumme Bitte gehört, denn jetzt ließ er die Hände an ihren Armen hinaufgleiten und zog sie enger an sich. Sein Kuss wurde tiefer und leidenschaftlicher.

Ali konnte keinen vernünftigen Gedanken mehr fassen, während ihre Zungen sich wie zu einem Tanz fanden und umkreisten. Ein zutiefst zufriedener Laut kam aus Joes Kehle.

Es war wirklich passiert. Endlich.

„Joe?“, rief da Nick von oben. „Steckt ihr da unten? Wir wollten auf das Brautpaar anstoßen.“

Ali löste sich mit einem Ruck von ihm.

„Wir kommen“, rief Joe. Nick war von hier nicht zu sehen, und das hieß, dass er nicht mitbekommen hatte, was geschehen war.

Jetzt sah Joe Ali an. „Tut mir leid. Wir gehen wohl besser zu den anderen zurück.“

Ali brachte kein Wort heraus, und so nickte sie nur.

„Ich, äh, vielleicht sollte ich erklären …“ Joe räusperte sich. „Aber Sie sahen irgendwie so aus, als – als brauchten Sie Trost.“ Er runzelte die Stirn. Offenbar wunderte er sich selbst über diese Erklärung.

„Trost?“, gab Ali zurück.

„Ja.“ Joe sah die Treppe hinauf. „Kommen Sie.“ Er nahm ihre Hand, und sie stiegen die steilen Stufen hinauf, Ali immer einen Schritt hinter ihm. Bevor sie die oberste Stufe erreicht hatten, drehte er sich noch einmal zu ihr um. Sein Blick fiel auf ihren Mund. „Als ich gesagt habe, dass es mir leidtue, meinte ich nicht, dass ich Sie geküsst habe. Es tat mir leid, dass wir unterbrochen wurden.“

„Ja“, sagte Ali. Sie hielt den Atem an.

Ein Lächeln huschte über Joes Gesicht. „Wenn ich etwas falsch gemacht habe, würden Sie es mir sagen, oder?“

Du liebe Güte, war der Mann korrekt! „Ja, natürlich würde ich es Ihnen sagen.“

Nach einem letzten bedauernden Blick auf ihre Lippen setzte Joe seinen Weg fort. Ali schwebte wie auf Wolken.

Nachdem Joe und Nick gebührend auf das Brautpaar angestoßen hatten, nippten die Gäste an ihren Champagnergläsern und stellten sich in eine Reihe, um den beiden ihre guten Wünsche zu überbringen.

Wenig später trat Rena zu Ali, die am Rande der Tanzfläche stand. „Und? Wie läuft es?“

Ali strahlte ihre neue Freundin an. „Wunderbar. Ich mache Fortschritte. Er behandelt mich jedenfalls nicht mehr wie ein Stück Büroeinrichtung.“

Rena freute sich. „Gut.“

„Stell dir vor, eben hat er mich geküsst“, sprudelte es aus Ali heraus. Am liebsten hätte sie ihr Glück in alle Welt hinaustrompetet: Joe Carlino nahm sie endlich zur Kenntnis! „Es war … Ach, ich kann es gar nicht beschreiben.“

„Und was hat er gesagt?“

„Nicht viel. Aber er hat sich Sorgen um mich gemacht. Ich glaube, diese äußerliche Veränderung hat ihn wirklich in Verwirrung gestürzt.“

„Hauptsache, er hat erst einmal gemerkt, dass es dich gibt.“

Ali schöpfte tief Atem und seufzte dann. „Ja, ich weiß, du hast recht. Aber ich bin so schrecklich ungeduldig. Ich will mehr.“

Rena lachte übermütig, und ein paar Gäste drehten sich zu ihnen um. „Ganz ruhig. Es läuft doch alles nach Plan. In diesem Kleid siehst du übrigens hinreißend aus.“

„Ich hätte nie gedacht, dass ich so etwas tragen kann und dass es mir auch noch steht.“

„Ich schon.“

„Na ja. Ich darf jetzt nur nicht zu früh zu viel erwarten.“

„Das braucht alles seine Zeit. Es wird schon so kommen, wie es kommen soll“, erklärte Rena weise. „Übrigens, weißt du, wer gerade zielstrebig auf uns zukommt? Wobei er allerdings nur dich anschaut …“

Ali wandte den Kopf leicht um und entdeckte Joe, der in ihre Richtung unterwegs war. Und wie jedes Mal, wenn sie ihn in diesem perfekt sitzenden schwarzen Anzug sah, mit dem leichten Anflug von Bartstoppeln und der Brille, die ihn so sexy aussehen ließ, dass es eigentlich verboten werden müsste, fing ihr Herz an zu rasen.

Rena neigte sich zu ihr. „Denk dran: Hochzeiten bringen bei den meisten Menschen die besten Seiten zum Vorschein“, flüsterte sie.

Endlich hatte Joe die beiden Freundinnen erreicht. „Müsste jetzt nicht die Hochzeitstorte angeschnitten werden?“

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