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Schön, sinnlich und geheimnisvoll / Lippen wie Samt und Seide / In den Flammen der Leidenschaft

Debra Webb

Schön, sinnlich und geheimnisvoll

1. KAPITEL

Colby Agency, Chicago

Amy Wells schlug die nächste Seite ihrer Zeitschrift auf. „Der perfekte Mann.“

Sie zog die Augenbrauen hoch und las, wie sich Frauen zwischen achtzehn und dreißig Jahren den perfekten Mann vorstellten. Er sollte groß, breitschultrig und muskulös sein und verboten gut aussehen. So ließ sich der Text zusammenfassen. Welche Frau würde sich nicht so einen Mann wünschen?

Amy seufzte frustriert. Sie hatte es aufgegeben, nach ihrem Traummann zu suchen. Sie wusste, es gab keinen Mr Right für sie. Obwohl sie erst fünfundzwanzig war, sehnte sie sich nach einer festen, erfüllenden Beziehung. Doch bisher hatte sie nicht den richtigen Mann gefunden. Aber sie war nicht die Einzige, der es so erging. Viele ihrer Freundinnen hatten das gleiche Problem. Wo waren nur all die Traummänner geblieben?

Sie beschloss, nicht mehr daran zu denken, und konzentrierte sich auf die Arbeit. Wenn sie ihren Mr Right nicht finden konnte, wollte sie wenigstens beruflich aufsteigen. Und sie hatte schon vieles erreicht. Sie hatte eine Anstellung bei der Colby Agency erhalten, dem angesehensten Detektivbüro des Staates, wenn nicht des ganzen Landes. Dort hatte sie sich von der Empfangsdame zur persönlichen Assistentin hochgearbeitet. Aber das reichte ihr nicht. Sie wollte eine richtige Detektivin werden und auf Spurensuche gehen.

Erneut seufzte sie, als sie die Zeitschrift in die Schreibtischschublade zurücklegte. Auch wenn sie froh über ihre kürzliche Beförderung war, stimmte es sie nicht zufrieden. Amy arbeitete gern für Mildred, Victoria Colby-Camps loyale Sekretärin, doch sie sah sich zu Höherem berufen.

Sie hatte die Berichte aller Fälle gelesen, die in den letzten Jahren von der Colby Agency bearbeitet worden waren. Am Anfang war sie zufrieden mit ihren Aufgaben in der Detektei gewesen, doch mittlerweile wollte sie selbst Fälle klären. Und seit Nicole Reed-Michaels als neue Detektivin eingestellt worden war, machte Amy sich noch größere Hoffnungen. Vielleicht wurde ja eine weitere Stelle frei.

Amy genoss es, Nicole bei der Arbeit zuzusehen und ihre Geschicklichkeit und ihren Spürsinn zu erleben. Doch sie wollte einen eigenen Fall bearbeiten. Einen, bei dem sie einen Bösewicht auf frischer Tat ertappen und zum Stolz der Detektei werden würde.

Sie wollte eines Tages zu den besten Detektivinnen gehören.

Irgendwie musste sie ihrer Chefin deutlich machen, wie gut sie für diesen Job geeignet war. Vor etwa einem Jahr hatte Amy einen Kurs in Selbstverteidigung begonnen, und sie fand, sie machte sich sehr gut. Außerdem hatte sie ihren Spürsinn verfeinert, indem sie jedes Detail um sich herum genau beachtete. Schließlich hatte sie sich sogar für einen Kurs für Privatdetektive eingeschrieben.

Was konnte sie sonst noch tun?

Sie war erst fünfundzwanzig. Trotzdem lief ihr die Zeit davon. Wenn sich nicht bald etwas tat, würde sie ihren Traum, Detektivin zu werden, niemals verwirklichen können.

Na gut, das war nicht ihr einziger Wunsch. Sie wollte auch ihren Mr Right finden. Doch im Moment war es ihr wichtiger, ihre Karriere anzukurbeln. Sie hatte lange darüber nachgedacht, was passieren konnte, wenn sie sich verliebte, bevor sie Detektivin war. Natürlich war nichts falsch daran. Selbst die ehrwürdigen Detektive der Colby Agency hatten ein Liebesleben. Aber eine Beziehung konnte die Dinge komplizierter machen.

Trotzdem gefiel Amy der Gedanke, Karriere zu machen und gleichzeitig auch noch den richtigen Mann zu finden.

Doch wahrscheinlich war das nicht.

Das Telefon auf ihrem Schreibtisch klingelte und brachte sie in die Realität zurück.

Amy war immer noch Single und Mildreds persönliche Assistentin. Und daran würde sich erst mal nichts ändern.

Sie hob den Hörer ab. „Amy Wells“.

„Ich brauche die Hanover-Akte“, sagte Mildred. „Sofort.“

Amy zögerte nicht lange und ging ins Archiv, um nach der Akte zu suchen. Wieder musste sie an den Artikel in der Zeitschrift denken. Vor ihrem geistigen Auge stand ihr ein schemenhaftes Bild ihres Traummannes. Er war so, wie er in der Zeitschrift beschrieben worden war, und zugleich so viel mehr. Amy lächelte in sich hinein, während sie einen Schrank öffnete und die Akten durchblätterte. Am liebsten würde sie einen Mann bei ihrer Arbeit als Detektivin kennenlernen. Dann wüsste sie schon vieles über ihn.

„Guten Morgen, Mr Winterborne“, sagte Victoria Colby-Camp, als sie zu ihrem ungeduldigen Klienten durchgestellt wurde. Edgar Winterborne hatte darauf gedrängt, die Ermittlungen über seinen zukünftigen Schwiegersohn, den Ölmagnaten John Robert Calhoun IV., zu beschleunigen.

„Ich hoffe, Sie haben gute Nachrichten für mich“, entgegnete Edgar gereizt. „Bei diesem Geschäft geht es um sehr viel.“

Es geht auch um die Zukunft Ihrer einzigen Tochter, fügte Victoria in Gedanken hinzu.

Edgar Winterborne war dabei, die Fusion des Jahrhunderts zu vollziehen. Winterborne Industries aus Illinois und Calhoun Oil aus Texas standen kurz vor einem historischen Zusammenschluss zur Cal-Borne Alliance. Die beiden Familien waren schon vor dem amerikanischen Bürgerkrieg verfeindet gewesen. Geld hatte bei diesen Konflikten stets eine Rolle gespielt. Wer das meiste besaß, verfügte über Macht und Einfluss.

Und Edgar Winterbornes verwöhnte Tochter und der Calhoun-Erbe waren inmitten dieses Streits aufgewachsen.

„Sie können beruhigt schlafen“, teilte Victoria ihm mit. „John Calhoun ist sauber. Man kann ihm weder privat noch geschäftlich etwas anlasten. Wenn der Mann eine Leiche im Keller hätte, wären meine Detektive ihm auf die Schliche gekommen.“ Auf die Gründlichkeit ihrer Mitarbeiter konnte Victoria sich verlassen. Deshalb hatte sie keinen Zweifel an den Ermittlungsergebnissen. Die Nachforschungen über die Calhoun-Familie hatten viele Dinge ans Licht gebracht. Reichtum, Macht und ein starker Einfluss auf die Politik hatten die Familie zu dem gemacht, was sie heute war. Aber nichts deutete darauf hin, dass die Calhouns in dunkle Geschäfte verstrickt waren.

Victoria verstand nicht, warum die beiden Familien ihre Unternehmen zusammenschließen wollten. Warum konnten sie nicht weiter ihren eigenen Geschäften nachgehen, ohne ihre Kinder verheiraten zu müssen?

„Diese Angelegenheit ist mir sehr wichtig“, sagte Edgar ernst. „Das Wohl meiner Tochter bedeutet mir genauso viel wie die Zukunft meiner Firma.“

„Davon bin ich überzeugt“, log Victoria. Heutzutage gab es kaum noch arrangierte Ehen. Vor allem nicht in den Vereinigten Staaten. Sie hoffte, dass es den beiden Erben nicht bloß um Geld, sondern auch um Liebe ging. Aber wie konnte das der Fall sein, wenn sie sich nicht einmal kennengelernt hatten? Sie wünschte ihnen, dass sich das alles klärte, bevor Kinder ins Spiel kamen.

„Ich könnte Ihnen heute Nachmittag den vollständigen Bericht zukommen lassen“, unterbrach sie Edgar, der davon redete, wie viel Macht die fusionierten Unternehmen einmal haben würden.

„Das wäre wunderbar. Wir fliegen heute Abend nach Texas und verbringen dort ein paar Tage. Und ich würde gern einen Blick in den Bericht werfen, bevor wir abreisen.“

„Dann lasse ich ihn sofort zu Ihnen bringen“, bot Victoria an. „Regina freut sich bestimmt auf die Reise.“ Regina war Edgars Tochter und die Frau, deren Leben bald eine dramatische Wende nehmen sollte. Sie hatte dreimal die Universität gewechselt, bevor sie ihren Abschluss gemacht hatte. Ihr Vater war währenddessen damit beschäftigt gewesen, ihre unzähligen Rechnungen zu begleichen. Victoria war nicht sicher, mit wem sie mehr Mitleid hatte, mit Regina Winterborne oder deren zukünftigem Mann John Calhoun.

„Vielen Dank, Ms Colby-Camp. Auf Sie kann ich mich immer verlassen.“

„Ich danke Ihnen, Mr Winterborne. Schöne Reise.“ Victoria beendete das Gespräch und rief Mildred an. „Bestellen Sie bitte Amy in mein Büro.“

„Natürlich“, erwiderte ihre Sekretärin höflich.

Victoria zog besorgt die Brauen hoch, während sie auf Amy wartete. Mildred war seit Gründung der Detektei ihre Sekretärin. Victoria wollte sie nicht verlieren, doch das wurde immer wahrscheinlicher, denn Mildreds Beziehung mit Dr. Austin Ballard festigte sich von Tag zu Tag. Dr. Ballard war bereits pensioniert, die Leitung seines pharmazeutischen Unternehmens hatte er seiner Tochter übergeben. Seine Leidenschaft galt jetzt dem Reisen, und die wollte er mit der neuen Liebe seines Lebens teilen. Das nahm Victoria jedenfalls an.

Amy Wells betrat das Büro und lächelte erwartungsvoll. Wie immer war sie schick gekleidet, und ihr dunkles Haar war jugendlich frisiert. Doch ihr auffälligstes Merkmal waren ihre strahlend braunen Augen, aus denen sie Victoria wie immer freundlich anblickte.

Auch wenn Victoria Amy als großen Zugewinn für die Detektei betrachtete, konnte sie sich Mildreds Assistentin nicht als neue Sekretärin vorstellen. Und das lag nicht daran, dass Amy nicht kompetent genug war. Die Büroarbeit schien einfach nicht zu ihr zu passen. Obwohl Amy ihre Arbeit gut erledigte, fehlte ihr die Leidenschaft dafür. Und das störte Victoria. Sie musste mit ihr darüber reden.

„Wie geht es Ihnen heute, Amy?“, fragte Victoria lächelnd.

„Gut. Was kann ich für Sie tun?“

Victoria musterte sie einen Moment lang. Sie glaubte, so etwas wie Hoffnung in ihren Augen zu sehen. Vielleicht sollten sie doch jetzt miteinander reden. Aber Edgar Winterborne benötigte den Bericht sofort, damit er ihn vor seiner Abreise nach Texas lesen konnte.

Sie stapelte die Seiten übereinander und steckte sie in einen großen Umschlag. Nachdem sie Edgar Winterbornes Adresse auf die Vorderseite geschrieben hatte, übergab sie ihn Amy. „Mr Winterborne wartet auf diesen Bericht. Bitte bringen Sie den Umschlag persönlich zu ihm.“

Amy nickte. „Natürlich. Gibt es sonst noch etwas?“

Wieder war diese Hoffnung in ihren Augen zu erkennen.

Victoria sah sie verwundert an. „Gibt es etwas, über das wir reden sollten, Amy?“ Auch wenn die Zeit drängte, wollte sie ihre Mitarbeiterin nicht wegschicken, ohne nachgehakt zu haben.

Amy blickte sie verunsichert an. „Bei mir ist alles in Ordnung“, sagte sie zögernd. „Brauchen Sie noch etwas?“

Victoria wusste, dass sie miteinander reden mussten. Aber da im Moment keine Zeit dafür blieb, schüttelte sie den Kopf. „Das ist alles.“ Sie beobachtete Amy, wie sie das Büro verließ. Es war höchste Zeit, dass sie herausfand, was das Mädchen belastete. Wenn Mildred wirklich kündigte, konnte Victoria nicht auch noch mit einer unglücklichen Amy leben. Sie war die Einzige in der Detektei, die wusste, wie Mildred arbeitete. Victoria konnte es sich nicht leisten, beide Frauen zu verlieren. Doch eins war gewiss, der Liebe würde sie sich nicht in den Weg stellen.

Victoria atmete tief aus. Was sollte sie tun? Manchmal verlor sie einen Mitarbeiter, dann kam wieder ein neuer hinzu. Am Ende glich sich alles aus. Das hoffte sie jedenfalls.

Immerhin hatte auch sie die wahre Liebe im Leben gefunden. Und das gleich zweimal. Sie musste lächeln, als sie an ihren geliebten Mann Lucas Camp dachte, wenngleich ihr erster Mann James Colby, mit dem sie einen Sohn hatte, immer einen besonderen Ort in ihrem Herzen haben würde. Sie wünschte sich, alle Paare würden so eine glückliche, auf Liebe und Vertrauen aufbauende Beziehung führen wie Lucas und sie.

John Robert Calhoun IV. ritt über eine riesige Weide und beobachtete die prächtigen Pferde beim Grasen. Einige von ihnen hatten glänzendes braunes oder schwarzes Fell, andere waren weiß gescheckt. Doch eines hatten sie gemeinsam: Sie besaßen einen perfekten Körperbau. Die Wild-Horse-Ranch war stolz auf diese einzigartige Herde. John blickte auf die endlos weite grüne Weide. Aber es waren nicht die Pferde, die den Namen Calhoun bekannt gemacht hatten. Es waren die riesigen Ölfelder, die unter dem Land der Familie lagen. Das schwarze Gold hatte den Calhouns zu Reichtum und Ansehen verholfen. Und wer in Texas viel Öl besaß, verfügte über Macht.

„Du meine Güte“, murmelte John. Gab es keinen anderen Ausweg?

„Ich verstehe deine Bedenken“, sagte Nathanial Beckman, der ihn begleitete. Der engste Vertraute seines Vaters würde nicht aufgeben, bis er den Willen von J. R. Calhoun Senior durchgesetzt hatte. Nathanial arbeitete jetzt schon seit vierzig Jahren für die Familie, und soweit John wusste, hatte er seine Aufgaben immer erfüllt.

John hob den Hut und fuhr sich durchs Haar. „Das glaube ich nicht. Diesmal steht zu viel auf dem Spiel.“

„John.“ Nathanial ritt näher zu ihm und sprach nachdrücklicher. „Dir sollte klar sein, worum es hier geht. Dieser Schritt wird nicht bloß die Zukunft unserer Unternehmen, sondern des ganzen Landes bestimmen.“

Jetzt versuchte er wieder, John ins Gewissen zu reden. Wenn Calhoun Oil und Winterborne Industries miteinander fusionierten, konnte die nationale Abhängigkeit von ausländischem Öl zu einem großen Teil reduziert werden. Beide Unternehmen würden dadurch viel gewinnen und wären zum ersten Mal seit vielen Generationen vereint. Somit lag die Zukunft des Landes und seiner Familie auf seinen Schultern. Aber war es seine Schuld, dass die beiden Familien vor über hundert Jahren durch Krieg und Geldgier entzweit worden waren?

Trotzdem schob sein Vater ihm diese Verantwortung zu.

„Ich weiß, worum es hier geht“, brummte John und wünschte sich, Nathanial würde ihn mit seinen Gedanken allein lassen.

Um eine arrangierte Ehe.

John verkniff es sich zu fluchen. Nicht, dass er niemals heiraten wollte. Aber er war doch gerade erst dreißig geworden. Warum musste es jetzt schon sein? Und warum mit einer Frau, die er nicht einmal kannte?

Um die Fusion des Jahrhunderts zu beschließen.

Das würde sein Vater sagen. Die einzige Möglichkeit, die beiden Familien wieder zusammenzubringen, war eine Hochzeit. Doch das war noch nicht alles. John musste diese Frau nicht bloß heiraten, er musste auch so bald wie möglich Kinder mit ihr zeugen.

Diesmal konnte John sich den Fluch nicht verkneifen. Nathanial schreckte zusammen, blieb aber tapfer in seiner Nähe, um weiter auf ihn einzureden.

Doch das war nicht notwendig. John wusste, worauf alles hinauslief.

Er musste Regina Winterborne heiraten. Eine Frau, der man wilde Eskapaden nachsagte. Sie war attraktiv und stolz auf ihre Herkunft. Mit anderen Worten, sie war ein Snob, der ein Vermögen für Designerkleidung ausgab und mehr Affären hatte, als John je haben würde. Und das hieß schon etwas.

Auch John war ausgesprochen gut aussehend, hatte von seiner Mutter die ebenmäßigen Züge und von seinem Vater eine gewisse Verwegenheit geerbt. Die Frauen scharten sich um ihn, als wäre er ein berühmter Filmstar. Meistens beachtete er sie nicht. Doch manchmal ließ er sich auf ein Abenteuer mit einer Frau ein, das meistens schnell ein Ende nahm. Wie sollte er auch wissen, ob eine Frau wirklich an ihm interessiert war oder bloß sein Geld wollte? Das war gar nicht so einfach.

Immerhin musste er sich deswegen keine Sorgen mehr machen, wenn er sich dem Willen seines Vaters beugte. Doch was für eine Art von Leben würde er dann führen? Wie sollte er später seinen Kindern erklären, dass er ihre Mutter nur geheiratet hatte, um die Zukunft des Unternehmens zu sichern?

Doch ihm blieb keine andere Wahl. Nie zuvor hatte er seinem Vater widersprochen. Außerdem wusste er, wie wichtig die Fusion für seine Familie und die Zukunft des Landes war.

Das war die Gelegenheit, auf die sein Vater und sein Großvater schon immer gewartet hatten. So knapp waren sie noch nie vor einem Zusammenschluss der zwei mächtigsten Ölfirmen des Landes gewesen. Deshalb konnte er seinem Vater den Wunsch nicht abschlagen.

„Wann wird sie hier sein?“, fragte John.

„Ich fliege in einer halben Stunde los, um die Winterbornes persönlich abzuholen“, sagte Nathanial stolz. „Wir sollten heute Abend um fünf Uhr eintreffen. Anschließend wird Abendessen serviert. Danach wird dir etwas freie Zeit mit Miss Winterborne zur Verfügung stehen, denn dein Vater wird später am Abend mit Mr Winterborne zum Poker spielen nach Runaway Bay fahren.“

Das allwöchentliche Pokerspiel. Seit John sich erinnern konnte, hatte sein Vater keinen Freitagabend die Pokerrunde der Ölbarone in Runaway Bay verpasst. John fragte sich, ob sie auch einen Spieler akzeptieren würden, der nicht aus Texas kam. Er musste lächeln. Vielleicht würde das Wochenende trotz des ganzen Ärgers doch interessant werden.

Die Entscheidung war gefallen. John würde der Fusion nicht im Weg stehen. Er wollte nicht, dass die beiden Familien sich weitere hundert Jahre anfeindeten. Und wenn dafür eine Hochzeit notwendig war, würde er sich seinem Schicksal beugen. Noch nie hatte er sich vor einer schwierigen Aufgabe gedrückt. Er war der einzige Erbe der Familie und wollte seine Pflicht erfüllen.

Doch einer Sache war er sich sicher. Er würde seine Frau mit niemandem teilen. Sie würde allein ihm gehören. Für ihn kam nicht infrage, dass sie einen Liebhaber hatte oder ihn betrog. Wenn sie verheiratet waren, würden sie sich wie ein Ehepaar verhalten. Und das galt auch für ihr Liebesleben.

Er atmete tief durch. „In Ordnung, Nate. Lass uns das Ganze über die Bühne bringen.“

John wandte sich von den Pferden und der endlosen Weide ab. Jetzt musste er sich mit etwas weitaus Unangenehmerem beschäftigen – nämlich mit seiner bevorstehenden Hochzeit.

Amy kam mit ihrem alten, aber zuverlässigen Auto schneller durch Chicagos Freitagnachmittagsverkehr, als sie angenommen hatte. Sie entspannte sich und warf einen Blick auf den Umschlag, der auf dem Beifahrersitz lag. Alles, was sie zu tun hatte, war, den Bericht zu Edgar Winterborne zu bringen. Danach hatte sie Feierabend. Mildred hatte ihr erlaubt, nach diesem Auftrag ins verlängerte Wochenende zu gehen. Montag war der vierte Juli, der amerikanische Unabhängigkeitstag.

Amy seufzte frustriert. Warum hatte sie Victorias Frage nicht ehrlich beantwortet? Sie musste endlich mutig sein und ihrer Chefin erzählen, was ihr auf der Seele lag. Immerhin war es gar nicht so unwahrscheinlich, dass sie eine Stelle als Detektivin bekam. Sie wusste, dass sie die Richtige für diesen Job war.

Aber irgendwie musste sie das beweisen.

Doch heute konnte sie nichts mehr erreichen, denn es war Freitag, und Montag war ein Feiertag. Vielleicht sollte sie es einfach vergessen und das verlängerte Wochenende genießen. Möglicherweise fiel ihr bis Dienstag ein, wie sie ihren Plan in die Tat umsetzen konnte. Und wenn auch noch ein gut aussehender Mann bei ihr im Haus einzog und sie um Hilfe beim Umzug fragte, war alles perfekt.

Genau, das würde bestimmt passieren.

Wieder erregte der Umschlag ihre Aufmerksamkeit. Sie sah auf die Uhr. Die Fahrt zu den Winterbornes dauert mindestens eine weitere Stunde. Amy konnte eine Pause einlegen und einen Blick in den Bericht werfen. Warum auch nicht? Immerhin hatte sie bis jetzt alle Berichte der Detektei gelesen.

Ohne weiter darüber nachzudenken, hielt sie bei einer Tankstelle und öffnete den Umschlag.

John Robert Calhoun IV. Sie musterte das Bild des Mannes, der wie ein texanischer Cowboy wirkte, und musste sofort an den Artikel in der Zeitschrift denken. Der Mann auf dem Foto war groß, hatte breite Schultern und sah sehr gut aus. Er saß auf einem Pferd und trieb anscheinend gerade eine Pferdeherde zusammen. Ein lustvoller Schauer lief ihr über den Rücken, als sie das Bild betrachtete. Der Mann war wirklich atemberaubend gut aussehend.

Sie erinnerte sich daran, wie Victoria Mildred erzählt hatte, dass seine Ranch Wild Horse hieß, weil er wilde Pferde aus dem ganzen Land holte, um sie vor Wilderern zu schützen. Ein Held also. Ein hinreißender Held sogar.

Sein blondes Haar und seine blauen Augen waren ein starker Kontrast zu seiner gebräunten Haut. Er sah wie ein Cowboy aus, der jede Frau dahinschmelzen ließ. Der perfekte Mann. Amy seufzte. Und er gehörte ganz Regina Winterborne. Was für ein Glück diese Frau hatte!

Amy schüttelte den Kopf und steckte den Bericht zurück in den Umschlag. Sie machte sich doch gar nichts aus starken Cowboys. Im Moment musste sie sich darauf konzentrieren, Detektivin zu werden.

Leider blieb ihr für alles andere keine Zeit. Und dazu gehörte auch, für einen wilden Cowboy zu schwärmen, der einer anderen Frau versprochen war.

2. KAPITEL

Man konnte Regina Winterborne viele Dinge anlasten. Sie war verwöhnt und impulsiv, das stritt sie nicht ab, aber dumm war sie ganz bestimmt nicht. Auf keinen Fall hatte sie die Absicht, einen sturen Cowboy zu heiraten, der zudem ein Macho war. Und ihr war egal, was ihr Vater ihr dafür versprach.

Eine Autostunde außerhalb von Chicago zu leben, war schlimm genug. Besuche beim Friseur oder Schönheitssalon waren da nicht einfach. Selbst wenn sie nur die kleinste Angelegenheit erledigen wollte, müsste sie den ganzen Weg in die Stadt fahren. Und das hasste sie genauso, wie auf dem Land zu leben.

Dabei hatte sie eine eigene Wohnung in der Stadt gehabt. Das Penthouse war ohne Frage angemessen gewesen. Und auch über ihre drei Angestellten – einen Koch, ein Hausmädchen und eine persönliche Assistentin – hatte sie nicht meckern können. Der einzige Nachteil war das Geld gewesen, das es gekostet hatte, denn davon war für Regina einfach nie genug da.

Ihr Vater hatte entschieden, dass sie mit einem gewissen Budget auskommen musste, wenn sie nicht mehr zu Hause wohnte. Deshalb hatte er ihr monatlich einen festen Betrag überwiesen. Aber wie hätte sie von dem bisschen Geld jemals vernünftig leben sollen? Am Ende des Monats war kaum je etwas für den Lohn der Angestellten übrig geblieben. Aus diesem Grund war sie wieder zurück in ihr Elternhaus gezogen.

Sie verschränkte die Arme vor der Brust und blickte aus dem Fenster des Arbeitszimmers ihres Vaters. Auf keinen Fall wollte sie ihrem Vater direkt in die Augen sehen, denn sonst würde er sofort wissen, was sie dachte.

„Regina, dreh mir nicht den Rücken zu“, befahl er so laut, dass sich die Vorstandsmitglieder von Winterborne Industries ihnen zuwandten.

Regina verdrehte die Augen. „Das tue ich nicht, Daddy. Ich genieße bloß die schöne Aussicht.“

Er kam näher und schien sich über ihre Lüge zu ärgern. „Es ist zu deinem eigenen Besten, Regina. Ich würde nie etwas Schlechtes für dich wollen.“

Genau. Er wollte sein historisches Geschäft zum Abschluss bringen und sie gleichzeitig loswerden. „Dessen bin ich mir sicher.“

„Ich weiß, was du denkst“, sagte er gelassen.

Das glaubte sie nicht, denn sonst wäre er noch wütender geworden. Im Moment wünschte sie sich nämlich nichts lieber, als dass sie jemand aus dieser Situation befreite.

Jemand wie Kevin. Ihr Herz schlug schneller, als sie an ihn dachte. Aber das mit Kevin war lange vorbei. Er hatte schnell genug davon gehabt, dass ihr Vater sich ständig in ihre Beziehung einmischte. Genauso war es bei allen anderen Männern gewesen, mit denen sie zusammen gewesen war.

„Du glaubst, dass ich dich nur verheiraten will, damit sich jemand anderer um dich kümmern muss“, fuhr ihr Vater fort.

Sie musste sich beherrschen, um nicht laut aufzuschreien.

„Aber das ist nicht wahr“, fuhr er fort. „Du bist mein einziges Kind. Ich möchte bloß das Beste für dich.“ Er seufzte. „Und ich möchte nicht, dass so ein Nichtsnutz wie Kevin Martin dich heiratet.“

Regina wusste, wie sehr ihr Vater ihn hasste. Ihm hatten ihre Freunde nie gefallen.

Doch das war sein Pech. Ihr Vater wählte ganz bestimmt nicht den Mann für sie aus. Sie würde sich doch nicht zu einer arrangierten Ehe drängen lassen.

„Wenn deine Mutter hier wäre, würde sie dir dasselbe erzählen“, sagte ihr Vater wieder etwas sanfter. „Männer wie Kevin Martin sind wie Blutsauger. Sie interessieren sich nicht für dich, sondern nur für dein Geld. Er ist dir nicht ebenbürtig. Ich hoffe, du siehst das ein.“

„Ja, Daddy“, log sie, um das Thema wechseln zu können. „Ich weiß, dass Kevin Abschaum ist. Aber du musst dir keine Sorgen machen, er hat vor Langem mit mir Schluss gemacht.“

Das stimmte. Kevin war es satt gewesen, ständig mit ihrem Vater zu streiten und hatte sie irgendwann verlassen. Und jetzt wollte ihr Vater sie auch noch mit einem anderen Mann verheiraten, nachdem es seine Schuld gewesen war, dass Kevin die Beziehung mit ihr beendet hatte. Auf keinen Fall!

„Du bist jetzt vierundzwanzig, Regina. Es wird Zeit, dass du vernünftig wirst und Verantwortung als alleinige Erbin der Familie übernimmst. Du wirst alles bekommen, wofür ich und meine Vorfahren hart gearbeitet haben. Aber wenn du nicht bereit dafür bist, könntest du alles verlieren.“

Das machte Regina hellhörig. Jetzt sah sie ihrem Vater doch in die Augen. „Was meinst du damit?“

Er schüttelte traurig den Kopf. „Ich hatte keine andere Wahl, als ein Kodizill zu meinem Testament hinzuzufügen. Falls ich der Überzeugung sein sollte, dass du noch nicht bereit für die Führung des Unternehmens bist, wird der Vorstand die Geschäfte leiten. Während dieser Zeit erhältst du eine monatliche Zahlung. Erst wenn die Vorstandsmitglieder der Auffassung sind, dass du reif genug für deine Aufgaben bist, wirst du die Leitung des Unternehmens übernehmen.“

Reginas Hals wurde trocken. „Aber … aber … wovon werde ich leben?“ Das konnte doch nicht sein Ernst sein. Bestimmt war diese monatliche Zahlung viel zu gering. Und die Vorstandsmitglieder hassten sie wie die Pest.

„So weit muss es nicht kommen“, fuhr ihr Vater fort. „Wenn du mir vertraust, wird es dir an nichts fehlen.“

Langsam wurde ihr alles klar. „Mit anderen Worten, wenn ich den Texaner heirate, erbe ich alles … und wenn nicht, erhalte ich bloß ein mickriges Taschengeld.“

Ihr Vater sah sie entsetzt an. „Dein Taschengeld war nie mickrig! Du hast immer bekommen, was du wolltest.“ Jetzt wurde er richtig wütend. „Vielleicht ist das ein großer Fehler gewesen.“

„Daddy, du kannst nicht ernsthaft von mir erwarten, dass ich einen Mann heirate, den ich nicht kenne.“

Er hob die Brauen und musterte seine Tochter. „Genau deswegen verbringen wir dieses Wochenende auf seiner Ranch. Dadurch bekommen wir die Gelegenheit, ihn kennenzulernen. Und jetzt will ich nichts mehr zu diesem Thema hören. Wenn du es dir nicht mit mir verscherzen möchtest, wirst du mir diesen Gefallen tun.“

Regina konnte die Hochzeit ablehnen und ihr Erbe damit aufs Spiel setzen. Oder sie heiratete einen Fremden, der sie wahrscheinlich wie ihr Vater herumkommandieren würde. Das waren tolle Aussichten!

„Pack deine Sachen“, befahl ihr Vater. „In einer Stunde fahren wir los. Und benimm dich auf der Ranch, sonst wirst du es bereuen. Habe ich mich klar genug ausgedrückt?“

Sie starrte ihren Vater an. Er liebte sie. Das wusste sie. In seinen Augen tat er nur das, was am besten für sie war. Sie zweifelte nicht daran, dass er ein gutes Herz hatte. Aber das machte die Sache nicht besser. Denn was war ihre Freiheit wert, wenn sie kein Geld mehr hatte?

„Ja, Daddy“, sagte sie gehorsam. „Ich gehe packen.“

Das Telefon klingelte, und ihr Vater eilte zum Schreibtisch, um das Gespräch entgegenzunehmen. Regina sah aus dem Fenster und versuchte, sich die öde Landschaft von Texas vorzustellen. Sie konnte endlose Weiten nicht ausstehen und fürchtete sich vor Pferden. Und sie hasste arrogante Machos. Wie sollte sie dieses Wochenende auf der Ranch bloß überstehen?

Doch sie musste an das viele Geld denken, das sie erben würde. Na gut, eine Weile konnte sie es dort aushalten.

„Ich komme sofort“, hörte sie ihren Vater am Telefon sagen.

Wo wollte er bloß hin, wenn sie in einer Stunde abreisten?

Er beendete das Gespräch und kam aufgebracht zu ihr zurück. „Die Arbeiter von einer der Förderanlagen sind in Streik getreten. Ich muss dorthin, um das zu klären. Im Moment kann ich mir keine schlechte Presse leisten.“

Er wollte wahrscheinlich nicht, dass die Calhouns von den Problemen erfuhren.

„Natürlich“, sagte sie erleichtert. Das bedeutete, dass sie heute nicht nach Texas flogen. Somit blieb ihr mehr Zeit, um sich aus dieser Situation zu befreien. „Mr Calhoun wird das bestimmt verstehen.“ Regina wäre am liebsten vor Freude in die Luft gesprungen.

„Nicht so schnell, Fräulein“, meinte ihr Vater. „Sein Flugzeug ist schon auf dem Weg zu uns. Du fliegst einfach vor. Ich komme nach, wenn ich die Angelegenheit geklärt habe.“ Er warf ihr einen unmissverständlichen Blick zu. „Erwähn es nur nicht, ja?“

Ihre Hoffnung zerplatzte wie eine Seifenblase. „Na gut“, murmelte sie. Was blieb ihr anderes übrig? Ihre Zukunft hing von ihrem eigenen Verhalten ab. Aber vielleicht konnte sie den Cowboy davon überzeugen, sie nicht zu heiraten. Natürlich musste es für Außenstehende wirken, als wäre es nicht ihre Schuld gewesen. Dann würde ihr Vater ihr nichts anlasten.

Sie lächelte. Der Plan konnte funktionieren.

„O mein Gott“, murmelte Amy, als sie auf der Einfahrt das Auto zum Stehen brachte und das Anwesen vor ihr betrachtete. Das Haus der Winterbornes war so groß, dass es wie ein Palast wirkte.

Sie fuhr weiter, passierte einen beeindruckenden Brunnen und parkte an der Seite des Hauses. Ihr altes Auto direkt vor dem luxuriösen Anwesen abzustellen, wäre ihr unangenehm gewesen.

Plötzlich fand sie auch ihre Kleidung nicht schick genug. Sie strich ihre Bluse glatt und bürstete schnell ihre Haare. Sie war zwar nur eine Kurierin der Colby Agency, aber hier ging es um einen wichtigen Auftrag.

Sie stieg die Treppe herauf und klingelte an der massiven Tür. Eigentlich hatte sie erwartet, dass ihr ein Butler öffnete, doch plötzlich stand eine Frau in Amys Alter vor ihr und sah sie genervt an. „Einen Moment“, keifte sie in das Telefon, das sie am Ohr hielt. „Was wollen Sie?“, fragte sie anschließend.

Amy zwang sich zu einem Lächeln. Trotz der unangenehmen Situation wollte sie professionell bleiben. „Guten Tag. Ich bin Amy Wells von der Colby Agency. Ich glaube, Mr Winterborne erwartet mich.“

Die Frau musterte sie geringschätzig. „Er ist nicht hier. Ich sage ihm, dass Sie da waren.“

So einfach wollte Amy nicht aufgeben. Immerhin hatte Victoria gesagt, dass Mr Winterborne diesen Bericht dringend brauchte. „Warten Sie!“, rief Amy, bevor ihr die Tür vor der Nase zugeschlagen wurde.

„Wie bitte?“, schnappte die Frau, während sie den Telefonhörer wieder vom Ohr nahm.

Amy stellte sich in die Tür, sodass sie nicht zufallen konnte. „Ich muss Mr Winterborne diesen Bericht übergeben. Er wartet darauf.“

„Gut. Kommen Sie herein. Sie können ihn auf dem Ölfeld anrufen.“

Amy betrat die Eingangshalle und war sofort ergriffen von der Pracht des Hauses. Von außen war es schon sehr beeindruckend, aber von innen war es atemberaubend.

Die Frau entfernte sich ein paar Schritte, um ihr Telefongespräch fortzusetzen. „Ich kann nicht glauben, dass du mich einfach anrufst“, zischte sie in den Hörer.

Amy betrachtete die imposante Architektur der Empfangshalle und tat so, als würde sie das angeregte Telefongespräch der Frau nicht hören.

„Nein“, sagte die Frau scharf. „Du hast mich verlassen, Kevin. Dir war egal, dass ich allein mit meinem Vater zurechtkommen musste.“

Jetzt verstand Amy. Die Frau war anscheinend Mr Winterbornes Tochter, und ihr Gesprächspartner ihr Exfreund.

„Las Vegas?“, fragte die Frau. „Was zum Teufel tust du in …?“

Schweigen trat für eine Weile ein.

„Wie viel?“ Die Frau schien nicht mehr wütend, sondern erstaunt zu sein. „So viel hast du gewonnen?“

Amy nahm an, dass der Exfreund der Frau in Las Vegas war, eine hohe Summe gewonnen hatte und Winterbornes Tochter zurückhaben wollte. Amy lächelte. Das Ermitteln lag ihr im Blut. Sie musste nur noch Victoria davon überzeugen. Aber einfach um eine Stelle als Detektivin zu bitten, kam nicht infrage. Amy wollte ihre Chefin beeindrucken, damit sie ihr von selbst anbot, als Detektivin zu arbeiten.

„Sag das nicht, wenn du es nicht so meinst“, fuhr die Frau wehmütig fort. „Gut, ich fahre sofort zum Flughafen und nehme den nächsten Flieger.“ Sie lächelte. „Ja, ich liebe dich auch.“

Amy hatte mit ihren Annahmen recht gehabt. Das freute sie.

Die Frau schreckte zusammen, als sie Amy erblickte. „Oh, Sie habe ich ganz vergessen.“

Amy lächelte schief. „Ich muss bloß diesen Bericht zu Ihrem Vater bringen.“

Miss Winterborne nickte. „Er ist auf dem Caldwell-Ölfeld.“ Sie ging zur Tür. „Ich kann Ihnen eine Wegbeschreibung oder seine Handynummer geben. Aber ich muss jetzt wirklich los.“

Amy folgte ihr mit dem Umschlag in den Händen. Victoria hatte sie angewiesen, den Bericht persönlich bei Mr Winterborne abzuliefern. Und wenn sie dafür zu einem anderen Ort fahren musste, war das kein Problem. Hauptsache, sie erledigte den Auftrag.“Eine Wegbeschreibung wäre gut.“

Miss Winterborne öffnete die Tür und schloss sie gleich danach wieder. Sie sah erschrocken zu Amy. „Sie sind hier.“

Wer war hier?

Wer immer es auch war, es war nicht Amys Problem. Sie hatte eine Aufgabe auszuführen. Und sie konnte es sich nicht leisten zu versagen, wenn sie Victoria beeindrucken wollte. „Können Sie mir jetzt bitte die Wegbeschreibung geben, damit ich …?“

„Ja, warten Sie hier.“ Miss Winterborne eilte zur anderen Seite der Halle und holte einen Designerkoffer, der wahrscheinlich mehr gekostet hatte, als Amy im Monat verdiente. „Ich bin gleich wieder zurück“, versicherte die Frau und verließ das Haus.

Was war hier los? Amy erinnerte sich an das Telefongespräch von Miss Winterborne, in dem sie versprochen hatte, den nächsten Flug nach Las Vegas zu nehmen.

Miss Winterborne würde sie doch wohl nicht im Stich lassen? Amy sah sich um. Das Haus schien leer zu sein. Wie sollte sie Mr Winterborne finden, wenn seine Tochter verschwunden war?

Das war unmöglich.

Amy riss die Tür auf und ging nach draußen.

Eine lange schwarze Limousine stand in der Einfahrt. Der Fahrer legte Miss Winterbornes Tasche in den Kofferraum und schloss ihn. Er lächelte Amy zu und eilte zur Fahrertür.

Wo war Miss Winterborne?

Amy blickte sich um, aber sie konnte sie nirgends sehen. Wahrscheinlich saß sie in der Limousine. Verärgert ging Amy die Stufen herunter. Sie musste herausfinden, wo sich Mr Winterborne befand.

Ein Mann stieg aus dem Auto. „Guten Tag, Miss Winterborne. Ich bin Nathanial Beckman.“

„Wo ist …?“

Bevor Amy die Frage beenden konnte, unterbrach sie der Mann und gestikulierte zur Limousine. „Das Flugzeug wartet. Mr Winterborne hat uns informiert, dass er im Lauf des Wochenendes nachkommen wird.“

Das Flugzeug? Was für ein Flugzeug?

Amy schüttelte verwirrt den Kopf. Wo war Miss Winterborne? Amy musste doch den Umschlag überbringen. „Ich habe den Auftrag …“

„Wir sind spät dran“, unterbrach der Mann sie und öffnete ihr die Tür. „Wir möchten Mr Calhoun nicht warten lassen.“

Mr Calhoun? Wen?

Sie erinnerte sich an das Foto des Mannes mit dem Cowboyhut. Das war der Mann, um dem es in dem Bericht in ihren Händen ging.

„Der Flug wird ungefähr drei Stunden dauern. Die Bar ist gut gefüllt, und Sie können einen Film sehen, wenn Sie möchten.“ Er ergriff ihren Arm und zog sie zur Tür. „Wir haben eine große Auswahl.“

Einen Moment mal! Warum hatte er sie vorhin Miss Winterborne genannt?

„Aber ich bin nicht …“, begann sie.

Mr Beckman lächelte geduldig. „Ich bin mir sicher, dass Sie das am Ende des Wochenendes sein werden. Mr Calhoun ist sehr charmant.“

Mit diesen Worten drängte er sie in die Limousine und schloss die Tür. Anschließend setzte er sich auf den Beifahrersitz und ordnete dem Fahrer an, loszufahren.

Die Türen waren verschlossen. Amy konnte nicht entkommen. Und als sie um die Ecke bogen, fiel ihr auf, dass ihr Auto verschwunden war. Sie hatte es nicht abgeschlossen und den Schlüssel stecken lassen, denn sie wollte in wenigen Minuten wieder zurück sein. Wer hätte damit gerechnet, dass es jemand an diesem Ort stehlen würde?

Da begriff sie es.

Miss Winterborne musste damit zum Flughafen gefahren sein, von wo aus sie zu ihrem Freund nach Las Vegas fliegen wollte.

Amy schüttelte den Kopf. „Hören Sie“, sagte sie zu den beiden Männern. „Das ist ein großes Missverständnis.“

Mr Beckman wandte sich ihr zu. „Alles wird in Ordnung kommen, Miss Winterborne“, beruhigte er sie. „Entspannen Sie sich, dann wird alles einfacher für Sie sein.“

Was meinte er damit? Amy war wütend. Warum hörte der Mann ihr nicht zu? „Ich versuche Ihnen doch schon die ganze Zeit zu erklären, dass ich nicht …“

Bevor sie den Satz beenden konnte, war die Trennwand zur Fahrerkabine hochgefahren.

Voller Wut klopfte sie an die Scheibe und rief den Männern zu. „Sie haben das falsche Mädchen!“ Doch sie konnten sie weder hören noch sehen.

Na gut. Sie lehnte sich zurück und atmete tief durch. Mr Beckman hatte gesagt, ein Flugzeug würde auf sie warten. Das bedeutete, dass sie zu einem Flughafen fuhren. Und sobald sie das Auto verließen, um zum Flugzeug zu gelangen, würde sie dem Mann erklären, dass sie verwechselt worden war.

Aber was passierte, wenn Miss Winterborne Ärger hatte, und Amy das jetzt für sie ausbaden musste? Langsam bekam sie es mit der Angst zu tun. Sie wusste nicht, was auf sie zukam.

Doch sie erinnerte sich, dass der Mann Mr Calhoun erwähnt hatte. Mr Calhoun wartete anscheinend auf sie. Das hieß, sie waren auf dem Weg zu ihm … nach Texas.

Sie griff nach dem Umschlag und holte den Bericht heraus. Bisher hatte sie ihn nur überflogen und nichts Negatives entdeckt. Vielleicht sollte sie ihn noch einmal sorgfältiger lesen. Mächtige Männer wie er hatten möglicherweise etwas zu verbergen. Warum sonst hatte Mr Beckman sie ins Auto gedrängt und die Türen abgeschlossen?

Kein Wunder, dass die richtige Miss Winterborne weggelaufen war.

Amy seufzte. Was war, wenn Mr Winterborne und Mr Calhoun ein Geschäft vereinbart hatten, das Winterbornes Tochter verschreckt hatte? Vielleicht hatte sie sogar Angst um ihr Leben gehabt.

Amy konzentrierte sich wieder auf den Bericht. Wenn Mr Calhoun etwas zu verbergen hatte, waren ihm die Detektive der Colby Agency ganz sicher auf die Schliche gekommen. Sie musste bloß alles sorgfältig durchlesen. Dann konnte sie Miss Winterborne vielleicht vor dem bewahren, was sie in Texas erwartete. Allerdings würde Mr Winterborne seine Tochter bestimmt nicht zu einem unehrenhaften Mann schicken.

Doch da fiel Amy ein, dass Mr Winterborne den Bericht noch gar nicht gelesen hatte. Er konnte demzufolge nicht wissen, wer dieser Mr Calhoun wirklich war. Amy nahm sich vor, alles über den Texaner herauszufinden, bis sie am Flughafen ankamen.

Das sah nicht gut aus.

Amy starrte auf die letzte Seite des Berichts über Mr Calhoun. Oberflächlich gesehen war der Geschäftsmann unbescholten, aber das schien alles nur Fassade zu sein.

Sie erschauderte, als sie erneut die Worte las. Man nahm an, dass Calhoun Verbindungen zur Mafia besaß und alles tat, um an Geld zu kommen. Der gesamte Bericht ließ den Mann positiv erscheinen, nur der Anhang verurteilte ihn aufs Schärfste. Die Information war nicht bestätigt, doch Trent Tucker von der Colby Agency arbeitete daran.

Amy nagte an den Fingernägeln. Der Verdacht war schrecklich. Bestimmt hätte Mr Winterborne seine Tochter nicht zu Mr Calhoun geschickt, wenn er davon gewusst hätte.

Da hatte Amy eine Idee. Vielleicht war das ihre Chance, um ihre Fähigkeiten als Detektivin unter Beweis zu stellen. Sie konnte an diesem Wochenende die Wahrheit herausfinden. Im Moment waren Calhouns Verbindungen zur Mafia rein spekulativ. Aber Amy konnte der Sache auf den Grund gehen, denn sie würde Zugang zu Calhouns Haus und vielleicht sogar zu geheimen Akten haben.

Sie lächelte. Das konnte ihr erster Fall werden, auch wenn sie bloß zufällig dazu gekommen war. Beckman hatte nicht erwähnt, dass Mr Calhoun sie sofort treffen würde, und keiner von ihren Begleitern schien zu wissen, dass sie nicht Miss Winterborne war. Wenn auch Calhoun Amy für die Frau hielt, hätte sie vielleicht das ganze Wochenende für ihre Ermittlungen Zeit.

Das war der Moment, auf den sie gewartet hatte. Wenn sie den Verdacht gegen Mr Calhoun anhand von Beweisen bestätigen konnte, würden alle wissen, was für eine gute Detektivin sie war.

Alles, was sie tun musste, war, das Verwechslungsspiel weiterzuspielen. Mr Calhoun war ein attraktiver Mann. Das machte die Angelegenheit sogar noch etwas interessanter. Endlich waren ihre Gebete erhört worden.

Die Limousine blieb an einem privaten Flugplatz stehen, und Amy folgte Beckman zu dem Privatjet, der auf sie wartete. Sie war nicht verwundert, dass ein Mann wie Calhoun ein eigenes Flugzeug besaß. Immerhin war er ein Ölmagnat. Doch vielleicht hatte er sein Geld nicht nur mit Erdöl, sondern auch mit dunklen Geschäften verdient. Mit etwas Glück würde sie bald dahinterkommen.

Amy nutzte den Flug, um sich Gedanken über die Winterbornes zu machen. Allzu viele Informationen hatte sie nicht über die Familie, aber sie würde ihre Rolle als Regina so gut wie möglich spielen. Wenn Calhoun Winterbornes Tochter noch nicht kennengelernt hatte, sollte das nicht sehr schwierig werden.

„Möchte Mr Calhoun John oder Robert genannt werden?“, fragte sie Beckman, der in eine Akte vertieft war.

Der Mann sah zu ihr auf. „Er hat es lieber, wenn man ihn John nennt.“

Amy nickte. Irgendwie musterte Beckman sie argwöhnisch. Hatte er Verdacht geschöpft? Ihr Herz schlug schneller.

Er legte die Akte beiseite und musterte Amy. „Miss Winterborne, John ist ein ehrenwerter Mann. Er weiß, dass es am Anfang nicht einfach sein wird. Aber es ist das einzig Richtige.“

Amy wusste nicht genau, was er meinte. Sie hatte ein ungutes Gefühl. Wahrscheinlich sprach Mr Beckman damit das Geschäft zwischen Mr Winterborne und Mr Calhoun an. Doch vielleicht irrte sie sich auch.

„Ich weiß nicht genau, was Sie meinen“, sagte sie mit pochendem Herzen. Plötzlich glaubte sie, dass es doch keine gute Idee war, sich für Miss Winterborne auszugeben.

„Die Ehe zwischen Ihnen und John, was sonst?“, antwortete Beckman verwundert.

Ehe?

„Sie erwarten wirklich, dass Re…“, Amy korrigierte sich gerade noch rechtzeitig, „… dass ich einen Mann heirate, den ich gar nicht kenne?“ Wenn aber Regina Calhoun bereits kennengelernt hatte, würde Amy endgültig auffliegen.

Beckman musterte sie geringschätzig. „Lassen Sie mich ehrlich sein. Sie sind doch kein naives Mädchen mehr, oder? Soweit ich weiß, genießen Sie in der Männerwelt einen gewissen Ruf. Und jetzt haben Sie die Möglichkeit, Ihr Ansehen durch diese Ehe zu steigern.“

Amy wurde wütend. Wie konnte dieser Mann nur so über Regina Winterborne reden?

Na gut. Dann musste Amy sie eben verteidigen. „Wie bitte?“, entgegnete sie empört.

Beckman lächelte. „Kommen Sie, Miss Winterborne, ich weiß alles über Ihre Eskapaden. Wie war der Name Ihrer letzten Affäre?“ Beckman rieb sich nachdenklich das Kinn. „Ach ja, Kevin hieß er, oder? Er hat Sie um mehrere tausend Dollar erleichtert und ist danach verschwunden. Könnte man Ihre Beziehung mit ihm so zusammenfassen?“

Kevin. Das war der Name des Mannes, mit dem Regina telefoniert hatte, als Amy ins Haus der Winterbornes gekommen war. Und jetzt war Regina davongerannt, um ihn in Las Vegas zu treffen. Amy seufzte. Sollte sie Beckman nicht einfach die Wahrheit erzählen? Und was war, wenn nicht Calhoun, sondern Regina dunkle Geheimnisse hatte? Vielleicht hatte Amy das alles falsch verstanden.

Doch sie musste an den Bericht denken. Wenn er stimmte, waren Reginas Affären im Vergleich zu Calhouns Geschäften kaum der Rede wert.

Amy beugte sich nach vorn. „Mr Beckman, Sie haben keine Ahnung, mit wem Sie es zu tun haben. Ich finde es unglaublich, dass Sie sich so etwas erlauben. Vielleicht sollte ich Mr Calhoun darauf ansprechen, wenn ich ihn treffe.“

Beckmans Lächeln verblasste. „Das wird nicht notwendig sein, Miss Winterborne. Ich bin mir sicher, dass ich mich geirrt habe. Sie sollten wissen, mir liegt sehr viel an Mr Calhouns Wohlbefinden. Ich möchte einfach nicht, dass ihm jemand das Herz bricht.“

Amy zweifelte an seiner Ehrlichkeit. Außerdem konnte Mr Calhoun bestimmt auch auf sich selbst aufpassen. Er wirkte jedenfalls nicht wie ein unerfahrener Junge. Wieder lief ihr ein lustvoller Schauer über den Rücken. Sie konnte sich sogar sehr gut vorstellen, dass er genau wusste, was er wollte.

Aber John Calhoun war sicherlich nicht einfach zu durchschauen. Und auch wenn er attraktiv und charmant war, würde sie sich davon nicht beeindrucken lassen. Sie musste Beweise für seine dunklen Geschäfte finden und allen zeigen, was für eine gute Detektivin sie war. Sie glaubte an sich. Zu lange hatte sie auf diese Gelegenheit gewartet, um sich jetzt von jemandem abhalten zu lassen. Weder Geld noch Liebe konnten sie von ihrem Weg abbringen.

Mr Calhoun sollte sich auf etwas gefasst machen, denn Amy Wells war ihm auf den Fersen.

3. KAPITEL

John rückte sich die Krawatte zurecht und fluchte leise. Es machte keinen Unterschied, wie er aussah. An diesem Wochenende ging es zwar um seine Zukunft, aber beeinflussen konnte er sie nicht. Sein Vater stand kurz davor, das Geschäft seines Lebens abzuschließen, und John spielte eine wichtige, wenn auch unfreiwillige Rolle darin.

Doch er wusste, wie bedeutsam es für seine Familie war, und beugte sich deshalb dem Willen seines Vaters.

John hatte viele Beziehungen geführt, in denen er sich ausleben konnte. Aber er hatte sich versprochen, wenn er einmal heiratete, würde die Frau ihn lieben – und nicht sein Geld.

Doch jetzt würde es ganz anders kommen. Bei seiner bevorstehenden Ehe ging es nicht um Liebe oder Vertrauen. Er zog die Krawatte fester. Warum diese Förmlichkeiten? Warum heirateten sie nicht gleich an diesem Wochenende? Dann hatten sie es hinter sich.

Einer Sache war er sich sicher. Er würde die Ehe nicht nur auf dem Papier führen. Wenn er mit Regina verheiratet war, erwartete er Treue von ihr. Er würde es nicht akzeptieren, dass sie andere Männer traf.

Bisher hatte er nur ein Foto von Regina Winterborne gesehen, und darauf hatte sie ihm sehr gefallen. Er fragte sich, warum diese attraktive Frau einer arrangierten Ehe zugestimmt hatte.

Wahrscheinlich aus dem gleichen Grund wie er.

Genau wie John war sie die einzige Erbin der Familie. Ihre Väter nahmen an, dass die Ehe die Zukunft ihrer Unternehmen sicherte. Und John konnte die Beweggründe dafür nachvollziehen. Trotzdem war diese Vereinbarung irrwitzig. Heutzutage ging niemand mehr arrangierte Ehen ein.

Doch John hatte zugestimmt. Noch nie hatte er ein Versprechen gebrochen. Jetzt musste er sich der Situation stellen – ob er wollte oder nicht.

Irgendwie würde er dieses Wochenende überstehen. Und vielleicht konnte sich ja mehr aus der Zweckehe mit Regina entwickeln. Die Hoffnung wollte er nicht aufgeben.

Und dass ihr Vater erst Sonntagmittag zu ihnen stieß, machte die Sache etwas erträglicher. So blieb John mehr Zeit, um Regina kennenzulernen. Er nahm sich vor, alle wegzuschicken, um mit Winterbornes Tochter allein zu sein.

Am Ende des Wochenendes würde er wissen, ob sie eine Frau war, mit der er den Rest seines Lebens verbringen konnte.

So sentimental es auch klang, die Ehe war wichtig für ihn. Und er wollte wenigstens versuchen, eine richtige Beziehung zu Regina aufzubauen. Obwohl seine Mutter vor mehr als zehn Jahren gestorben war, erinnerte er sich immer noch an das innige Verhältnis, das sie zu seinem Vater gehabt hatte. Und genau diese Art von Beziehung strebte John an. Allerdings würde das unter den gegebenen Umständen nicht einfach werden.

Ein leises Klopfen brachte ihn in die Wirklichkeit zurück.

„Es ist offen“, rief er.

Liam betrat den Raum. „Sie kommen“, kündigte er in seinem üblichen ungehaltenen Tonfall an.

Liam arbeitete auf der Ranch, seit John sich erinnern konnte. Und er mochte es gar nicht, wenn die tägliche Routine durch etwas unterbrochen wurde.

„Nate hat angerufen“, fuhr Liam fort. „Er lässt ausrichten, dass sie in wenigen Minuten hier sein werden.“

„Danke“, sagte John und lächelte dem älteren Mann zu.

Liam brummte etwas Unverständliches und verließ das Zimmer.

John musterte sich ein letzes Mal im Spiegel. Er war mit seinem Äußeren zufrieden und bereit für die erste Begegnung mit seiner zukünftigen Frau.

Tief durchatmend setzte er sich den Hut auf und ging die Treppe hinunter. In der Eingangshalle angekommen, setzte er sich in einen Sessel, um auf seinen Gast zu warten. Er war stolz auf sein Zuhause und hoffte, Regina würde es auf der Ranch gefallen. Und wenn nicht, war es ihr Problem. In seinen Augen war dies der schönste Ort auf der Welt.

Sein Vater war vor fast drei Jahren in eine Seniorenresidenz gezogen. John hatte damals alles versucht, um ihm diese Idee auszureden. Doch der sture alte Mann hatte darauf bestanden. Kurze Zeit später war John klar geworden, weshalb sein Vater unbedingt in einem der kleinen, aber luxuriösen Zimmer der Residenz wohnen wollte. J. R. Calhoun kam sich dort wie im Himmel vor, denn in der Einrichtung gab es kaum männliche Bewohner. So lud Johns Vater fast jeden Abend eine andere Dame zum Essen ein.

Die Sonntage waren für John reserviert, und freitags spielte er Poker, um durchatmen zu können, wie er seinem Sohn erzählte.

John konnte es seinem Vater nicht übel nehmen. Seit dem Tod seiner Frau war er sehr einsam. Um das Unternehmen und die Ranch brauchte er sich nicht allzu viel zu kümmern, deshalb wollte er seinen Lebensabend lieber genießen. Eine Sache allerdings bereitete ihm Kopfschmerzen. Bevor John nicht in seine Pläne einwilligte und damit die Zukunft des Familienunternehmens sicherte, würde er keine Ruhe finden.

John seufzte und verdrängte die Gedanken. Er musste sich auf das Wochenende konzentrieren. Ihm blieben lediglich drei Tage, um herauszufinden, ob er wirklich den Rest seines Lebens mit Regina Winterborne verbringen konnte.

Der Anblick des Hauses, vor dem die Limousine hielt, verschlug Amy den Atem.

Mr Beckman warf ihr einen Blick zu und war sichtlich überrascht von ihrer Reaktion. Schließlich war das Haus der Winterbornes nicht weniger pompös als das der Calhouns.

Das Gebäude, vor dem sie nun hielten, hatte allerdings etwas Spezielles, irgendwie Persönliches an sich. Wie das Haus der Winterbornes war es sehr groß. Doch es erinnerte mehr an eine mediterrane Villa als an einen Palast. Hinter dem prächtigen Bau mit dem roten Ziegeldach erstreckten sich endlose Weiden. Und im Gegensatz zum Grundstück der Winterbornes waren keine Luxusautos in der Einfahrt geparkt. Die Limousine schien eine Ausnahme zu sein. Wahrscheinlich war sie für diesen Anlass gemietet worden.

Mr Beckman öffnete Amy die Tür. „Willkommen auf der Wild-Horse-Ranch“, sagte er stolz. „Ich bin sicher, Sie werden sich hier wie zu Hause fühlen.“

Amy sah sich um. „Ich habe es mir anders vorgestellt“, bemerkte sie, weil Regina bestimmt das Gleiche gesagt hätte.

Beckman lächelte. „Den meisten Menschen geht es so, wenn sie das erste Mal die Ranch besuchen.“ Er begleitete sie zum Eingang, während der Fahrer den Koffer aus der Limousine holte.

Erst jetzt dachte Amy über Kleidung nach. Sie hoffte, Regina hatte dieselbe Größe wie sie.

„Nachdem ich Sie vorgestellt habe, fahre ich zurück in die Stadt“, erklärte Beckman.“

„Sie bleiben nicht hier?“ Das bedeutete, Calhoun und sie würden allein im Haus sein. Aber da sie Beckman nicht mochte, störte sie das nicht weiter.

Sie blieb auf den Eingangsstufen stehen und musterte die massive Tür. Was sie wohl dahinter erwartete? Ein Mann mit Geheimnissen … dunklen Geheimnissen, wenn die Anschuldigungen stimmten. Und um diese zu lüften, musste sie durch diese Tür gehen und sich dem stellen, was sie drinnen erwartete.

Nur leider war sie allein.

Langsam begann sie an ihrem scheinbar perfekten Plan zu zweifeln.

Aber was sollte sie tun? Jetzt war sie hier. Ihr blieb keine Wahl mehr. Das war ihre Chance, um zu beweisen, dass sie eine talentierte Detektivin war.

Plötzlich öffnete sich die Tür, und der Cowboy, den sie vom Foto kannte, stand vor ihr.

Er war größer und seine Schultern waren breiter, als sie angenommen hatte. Und seine Augen leuchteten viel intensiver, als auf dem Foto zu erahnen war. Noch nie hatte sie so schöne blaue Augen gesehen. Und in diesem Moment waren sie genau auf sie gerichtet.

„Willkommen auf der Wild-Horse-Ranch“, sagte der Cowboy mit einer tiefen, rauen Stimme, die Gänsehaut bei ihr verursachte.

„Danke“, entgegnete sie mit klopfendem Herzen.

„Miss Winterborne“, schaltete Beckman sich ein. „Das ist John Calhoun. John, das ist Regina Winterborne.“

„Kommen Sie herein“, forderte der Cowboy sie auf.

Amy wurde in das Haus geführt, und als sie in der Empfangshalle stand, blickte sie sich erstaunt um. Der Raum war voller massiver Holzbalken, die Decken und Wände waren mit Stuck verziert, und der Terrakottaboden war der schönste, den sie je gesehen hatte.

Doch das wahre Highlight des Hauses war der Mann, dem es gehörte. Nie zuvor war sie von jemandem bei der ersten Begegnung so beeindruckt gewesen.

John Robert Calhoun IV. kam ihrem Bild vom perfekten Mann sehr nahe.

Und seinem Blick nach schien er genauso von ihr angetan zu sein. Ihr Bauch kribbelte und ihr Puls raste, als John sie musterte. Er glaubte, er blickte seiner zukünftigen Frau in die Augen. Und ihm schien zu gefallen, was er sah.

Zu schade, dass sie bloß für Regina eingesprungen war – und seine dunklen Geheimnisse enthüllen wollte.

Dieser Plan kam ihr plötzlich vollkommen unsinnig vor.

Aber jetzt war es zu spät, um einen Rückzieher zu machen.

Die Ermittlungen hatten schon begonnen.

Regina war anders, als John sie sich vorgestellt hatte.

Auch wenn er sie bloß von einem Foto kannte, hatte er sie für abgeklärter gehalten. Die Unschuld und Verletzlichkeit in ihren Augen überraschte ihn. Irgendwie schien sie sich sogar zu fürchten.

Doch warum sollte eine Frau, die so viele Erfahrungen mit Männern besaß, Angst vor ihm haben?

Da wurde ihm klar, dass sie sich nicht vor ihm fürchtete, sondern vor der Ehe. Bestimmt war es die Vorstellung, an einen unbekannten Mann gebunden zu sein, die sie erschreckte.

John blickte zu Nathanial, der den Eindruck machte, die Sache angehen zu wollen. Hoffentlich hatte er Regina nichts von seinen Bedingungen erzählt. Er wollte dieses Wochenende nicht mit einer Katastrophe beginnen lassen. Aber genauso wenig hatte er vor, seine Meinung zu ändern.

Er würde Regina Winterborne nur zur Frau nehmen, wenn ihre Absichten ehrlich waren.

John genoss es, wie Regina ihn von oben bis unten musterte. Er hätte blind sein müssen, um nicht zu merken, wie sehr sie von ihm angetan war. Und das beruhte auf Gegenseitigkeit. Vielleicht würde doch alles so kommen, wie er es sich vorstellte. Es war wirklich lange her, dass ihm eine Frau auf Anhieb in den Bann gezogen hatte.

„Vielleicht sollten wir uns alle erst mal einen Drink gönnen“, schlug Nathanial vor, um die angespannte Situation aufzulockern.

John fuhr zusammen, als Nathanial zu sprechen begann. Er war ganz von Regina gefangen gewesen. Aber er musste ihr Zeit lassen. An diesem Wochenende gab es viele Dinge zu klären. Und wenn es stimmte, was man über Regina sagte, würde sie ihren eigenen Willen durchsetzen wollen. Falls sie jedoch seine Vorstellungen von einer Ehe nicht teilte, konnte sie zurück nach Chicago gehen und sich dort einen neuen Liebhaber suchen.

„Das ist eine gute Idee“, meinte John. Ein guter Drink war jetzt genau das Richtige. Liam hatte sogar extra Reginas Lieblingsbrandy bestellt.

„Was kann ich Ihnen anbieten, Miss Winterborne?“, fragte Nathanial.

Sie blinzelte nervös. „Was immer Sie trinken.“

John runzelte die Stirn. Immerhin hatten sie keine Kosten und Mühen gescheut, um ihren Lieblingsbrandy zu besorgen. Vielleicht sollte er ihr sagen, dass sie ihn vorrätig hatten. Ihr Vater hatte bemerkt, sie würde keinen anderen Drink zu sich nehmen. Er schob den Gedanken beiseite und deutete auf ein Sofa. „Machen Sie es sich gemütlich, Miss Winterborne.“

„Sie haben ein wunderschönes Zuhause, Mr Calhoun“, sagte sie etwas atemlos und sah sich im Raum um, bevor sie sich setzte.

John war stolz auf sein Heim. Vor drei Jahren hatte er persönlich die Renovierungsarbeiten überwacht, damit ja nichts gemacht wurde, was seine Mutter nicht gewollt hätte. Er fühlte sich ihr dadurch näher. Auch nach zehn Jahren vermisste er sie immer noch sehr.

„Nennen Sie mich John“, sagte er zu Regina, die sich auf eins der Ledersofas gesetzt hatte. Er nahm in einem Sessel gegenüber von ihr Platz und fragte sich, ob sie sich vorstellen konnte, zusammen mit ihm in seinem Haus zu wohnen.

Sie lächelte und ließ sein Herz damit höher schlagen. „Nur wenn Sie mich …“ Erneut sah sie ihn verunsichert an.

„Soll ich Sie Regina oder Gina nennen?“

„Gina“, antwortete sie schnell und wirkte erleichtert.

Nathanial kam mit drei Gläsern Whiskey zurück. „Bitte, Gina“, sagte er, als er ihr ein Glas anbot. Er musste ihre Unterhaltung mitgehört haben. Und das war nicht verwunderlich, denn dem Mann entging nichts.

„Danke.“ Sie nahm das Glas vorsichtig entgegen.

„Danke, Nate“, sagte John und griff dann ebenfalls nach einem Whiskey.

Nathanial hob sein Glas. „Auf die Zukunft.“

„Auf die Zukunft“, wiederholte John und blickte zu Amy, die einen Schluck trank und das Gesicht verzog. „Wir haben auch Brandy“, bemerkte er.

„Nein, danke“, quiekste sie. Dann räusperte sie sich und trank einen weiteren Schluck.

Diesmal verzog sie nicht das Gesicht, aber der Ausdruck in ihren Augen verriet, wie viel Überwindung es sie gekostet hatte. Irgendwie wurde John das Gefühl nicht los, etwas würde nicht stimmen. Er wusste nur nicht, was es war. Doch eins war sicher, John musste ihr zur Hilfe kommen. Er stellte das Glas beiseite und stand auf. „Kommen Sie, Gina. Ich zeige Ihnen Ihr Zimmer.“ Er lächelte warmherzig, während sie ihn verängstigt ansah. „Sie wollen sich vor dem Abendessen bestimmt etwas ausruhen.“

Sie nickte und stand ebenfalls auf. „Das wäre sehr schön.“

„Ich mache mich auf den Weg“, sagte Nathanial zu John. „Da Mr Winterborne es nicht geschafft hat, werde ich ihn bei der Pokerrunde vertreten.“

John nickte, aber Gina wirkte enttäuscht.

„Wann kommen Sie wieder zurück?“, fragte sie.

„Ich werde morgen nach Ihnen sehen.“ Nathanial lächelte. „Einen schönen Abend.“ Er verließ das Haus und ließ die beiden allein zurück.

„Hier entlang“, sagte John.

Sie folgte ihm schweigend nach oben. Er hatte den Eindruck, dass ihr die Situation genauso unangenehm war wie ihm.

Als sie vor ihrem Zimmer stehen blieben, sah sie ihn erschrocken an.

„Ihr Koffer ist bereits in Ihrem Zimmer.“ Er deutete auf die geschlossene Tür vor ihnen. „Das Abendessen ist um achtzehn Uhr.“

Amy nickte schweigend und war erleichtert, als er sich endlich umdrehte und ging. Dann umfasste sie den Türknauf und betete, dass es nicht sein Schlafzimmer war.

Sie hatte keine Ahnung, wie er sich ihr gegenseitiges Kennenlernen an diesem Wochenende vorstellte, aber sie hoffte, es hatte nichts mit Sex zu tun. Auch wenn er bestimmt ein hervorragender Liebhaber war, konnte sie sich nicht darauf einlassen … oder etwa doch?

Sie spürte, wie ihr ganzer Körper beim Gedanken an John kribbelte. Ihr Gastgeber war atemberaubend, daran bestand kein Zweifel. Doch sie war hier, um seine dunklen Geschäfte aufzudecken, und nicht, um mit ihm im Bett zu landen.

Sie wusste, dass sie unterschiedliche Absichten hatten. Er wollte immerhin seine zukünftige Frau kennenlernen.

Amy nahm all ihren Mut zusammen, öffnete die Tür und betrat den Raum.

Ihr stockte der Atem. Das Zimmer war riesig. Vom Boden bis zur Decke reichende Fenster ließen das warme Sonnenlicht in den Raum. Zu ihrer Linken stand ein breites Himmelbett, und auf der rechten Seite befanden sich edle dazu passende Möbel. Durch eine Tür gelangte man in ein eigenes Bad, das keine Wünsche offen ließ.

Reginas Koffer lag auf dem Bett.

Amy atmete tief durch und versuchte, sich zu sammeln. Sie musste sich konzentrieren, sonst konnte sie ihre Aufgabe nicht erfüllen. Bis zum Ende des Wochenendes war sie Regina Winterborne. Sie musste alles tun, um John Calhoun abzulenken, während sie Beweise gegen ihn sammelte.

Das war alles nicht so schwer, versuchte sie sich einzureden. Er mochte sie und wollte möglichst viel über seine zukünftige Frau in Erfahrung bringen. Das war ein Vorteil für sie, denn er würde ihr bestimmt jeden Wunsch erfüllen.

Sie setzte sich auf das Bett und öffnete den Koffer, der ihre Garderobe für das Wochenende beinhaltete.

Das schwarze Kleid erweckte sofort ihre Aufmerksamkeit. Sie überprüfte die Größe. Es sollte passen. Aber leider war es viel zu kurz. Darunter fand sie eine enge Hose und ein ärmelloses Oberteil. Im Koffer lagen weitere Hosen und eine gestreifte Bluse. Die Sachen gefielen ihr. Ganz unten waren ein pfirsichfarbener Rock mit passendem Pullover und ein weiteres lässiges Outfit in Jadegrün verstaut. Dann entdeckte sie das Glanzstück der Kollektion: ein weißes Abendkleid, das sehr figurbetont geschnitten war. Das Laufen darin fiel bestimmt nicht leicht. Genauso wenig wie in den zwei Paaren hochhackiger Schuhe, die Regina eingepackt hatte.

Zum Glück hatte sie auch an bequeme Sandalen ohne Absatz gedacht.

Amy war beeindruckt, als sie den beiliegenden Beutel mit der Unterwäsche fand. Sie bestaunte die Tangaslips und knappen BHs, die sie sonst niemals anziehen würde, und fragte sich, wie sie das Wochenende mit diesen unbequemen Sachen überstehen sollte. Seufzend legte sie den Beutel beiseite und öffnete die Kosmetiktasche. Unglaublich! Regina hatte so viel Make-up und Parfums, dass sie damit einen eigenen Laden eröffnen könnte.

Amy war klar, dass sie sich wie Regina kleiden und schminken musste, um ihre Rolle gut zu spielen. Sie überlegte, was sie an diesem Abend anziehen sollte und beschloss, dass das jadegrüne Outfit das kleinste Übel war. Die Schuhe musterte sie skeptisch. Die Sandalen passten nicht dazu, deshalb blieb ihr keine andere Wahl, als die schwarzen hochhackigen Schuhe anzuziehen. Allerdings musste sie zuerst üben, bevor sie damit nach unten ging.

Aber im Moment war ihr mehr nach einem Bad.

Sie legte die Sachen beiseite und ließ sich ein heißes Bad einlaufen. Die Wanne glich eher einem Whirlpool und war sehr einladend. Das war jetzt genau das Richtige.

Während sie in der Wanne entspannte und den herrlichen Duft des Badeöls genoss, entschied sie, dass sie John Calhoun erst als schuldig ansehen würde, wenn sie Beweise für seine illegalen Geschäfte gefunden hatte. Jedes Gericht würde genauso verfahren.

Sie schloss die Augen und stellte sich John vor. Die Beschreibung des perfekten Mannes aus der Zeitschrift traf genau auf ihn zu. Bestimmt war er die Vorlage dafür gewesen. Er war wirklich perfekt. Und diese Augen. Sie lächelte und spürte, wie ihr Puls raste. Wenn sie nur an seine raue Stimme dachte, jagten heiße Schauer über ihren Rücken.

Sie fragte sich, ob so das Leben einer Detektivin war. Aufregend und abenteuerlich.

Wenn das der Fall war, hatte sie keinen Zweifel an ihrem Berufswunsch.

John hatte es nur mit Mühe geschafft, seinem Vater auszureden, an diesem Abend schon zur Ranch zu kommen. Der alte Mann wollte sich persönlich davon überzeugen, dass John und Regina gut miteinander auskamen. In Wahrheit würde er erst Ruhe finden, wenn das Geschäft besiegelt war. Doch als John ihm klargemacht hatte, dass er zu spät zur Pokerrunde kommen würde, wenn er am Abendessen auf der Ranch teilnahm, verzichtete sein Vater auf den Besuch. John wollte das Ganze auf seine eigene Art erledigen.

Aber zuerst musste John sich ein genaueres Bild von Regina Winterborne machen. Und das ging nur, wenn sie allein waren. Nathanial hatte glücklicherweise nichts dagegen gehabt, sich für das Wochenende zurückzuziehen und bloß gelegentlich nach dem Rechten zu sehen. Deshalb war John bis zur Ankunft von Reginas Vater am Sonntagmittag ungestört.

Ihm blieben somit achtundvierzig Stunden, um die Frau kennenzulernen und zu entscheiden, ob er mit ihr zusammenleben konnte.

Er trank seinen Whiskey aus und lehnte sich in seinem Sessel zurück. John musste zugeben, dass er sich zu Regina hingezogen fühlte. Sie war eine attraktive Frau – das überraschte ihn nicht. Doch ihre unschuldige Art passte gar nicht zu den Geschichten, die er über sie gehört hatte.

Vielleicht war ihr Liebesleben gar nicht so wild, wie man sagte. Aber selbst ihr Vater hatte sich über ihre ständigen Eskapaden beklagt. Regina hatte den Ruf, ein böses Mädchen zu sein. Und die Frau, die oben gerade ihr Zimmer bezogen hatte, schien diesem Bild nicht zu entsprechen.

Aber vielleicht täuschte er sich auch. Möglicherweise spielte sie ihm die Unschuld bloß vor. Was war, wenn sie ihn während der nächsten achtundvierzig Stunden von sich überzeugte und es ihm die nächsten achtundvierzig Jahre leidtat?

In diesem Moment kam sie die Treppe herunter. Er sah zu Regina auf und war gefangen von ihrer Schönheit.

Sie trug ein smaragdgrünes Kleid, das ihre atemberaubende Figur betonte und einen Blick auf ihre unendlich langen Beine erlaubte. Die Haare hatte sie kunstvoll zusammengebunden, sodass ihr schlanker Hals frei lag.

Eines war sicher, an diesen Anblick konnte John sich gewöhnen.

„Ich hoffe, ich bin nicht zu spät“, sagte sie leise und sah schnell auf die antike Uhr über dem Kamin.

Regina war zu spät, aber das machte John nichts aus. Er wollte sie einfach bloß weiter betrachten. Das Abendessen konnte warten.

„Kein Problem“, bekam er schließlich heraus. „Sie sehen …“, er suchte nach dem richtigen Ausdruck, um ihre Schönheit zu beschreiben, ohne dabei plump zu wirken, „… großartig aus.“

Sie lächelte verlegen. „Danke, Sie … aber auch.“

„Sollen wir?“, fragte er und deutete zum Esszimmer.

Sie nickte steif und ging voran. Erneut fiel ihm ihre Unsicherheit auf. Doch als er die femininen Kurven ihres Körpers betrachtete, vergaß er alles andere. Er fragte sich, ob ihre langsamen und zögerlichen Schritte Teil der Verführung waren. Falls es so war, hatte sie vollen Erfolg damit.

John blinzelte und folgte ihr. Unfassbar! Sie hatte ihn vollkommen in den Bann gezogen, obwohl sie kaum ein paar Worte miteinander gewechselt hatten. Wie sollte er sie bloß kennenlernen, wenn er so von ihrem Äußeren abgelenkt war? Vielleicht sollte er sie gleich in sein Bett tragen …

Während des Abendessens redeten sie kaum. Doch die Gerichte waren köstlich. Amy konnte sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal so gut gegessen hatte. Und das zweite Glas Wein hinterließ ein angenehmes Gefühl in ihrem Magen.

Sie wusste nicht, ob es am Alkohol lag, aber nur ihren Gastgeber beim Essen zu beobachten, ließ Hitze in ihrem Körper aufsteigen. Seine bloße Anwesenheit brachte ihre Sinne vollkommen durcheinander. Doch sie musste sich beherrschen. Sie war nicht hier, um sich in ihn zu verlieben, sondern um ihm seine Mafiakontakte nachzuweisen.

Trotzdem konnte sie nicht leugnen, dass sie sich zu ihm hingezogen fühlte. Wie war das bloß nach so kurzer Zeit möglich? Aber wenn er sie ebenfalls attraktiv fand, konnte ihr das bei ihren Ermittlungen nur helfen. Trotzdem kam es ihr nicht richtig vor.

Wieder trafen sich ihre Blicke. Sie spürte, wie ihr gesamter Körper kribbelte. Doch es gab keine Zukunft für sie. Das durfte Amy nicht vergessen. Vielleicht sollte sie sich mit dem Wein zurückhalten.

Sie schob den Teller beiseite und starrte auf die Tischdecke. Plötzlich zweifelte sie daran, dass sie John ausspionieren konnte, ohne Gefühle für ihn zu entwickeln.

Aber auf keinen Fall würde sie jetzt aufgeben. Sie würde es schaffen. Wenn sie Detektivin werden wollte, musste sie professionell bleiben.

Sie musste sich konzentrieren.

Langsam hob sie den Kopf und sah John in die Augen … und erschauerte vor Begierde.

Es würde nicht einfach werden.

„Liam bereitet die köstlichsten Desserts zu“, sagte John.

Liam war der Mann, der ihnen das Abendessen serviert hatte. Er war etwas älter, sechzig vielleicht, und hatte sie den ganzen Abend über gemustert, als ob sie etwas im Schilde führte. War sie so leicht zu durchschauen? Oder war das einfach seine Art?

„Tut mir leid, ich kann nicht mehr“, entgegnete Amy.

„Wie wäre es mit einem Spaziergang?“, schlug ihr charmanter Gastgeber vor und stand auf. „Vielleicht bekommen Sie danach Appetit auf ein Dessert.“

Sie nickte leicht, während er um den Tisch herumging und ihr den Stuhl zurückzog. Nachdem sie aufgestanden war, ergriff er ihre Hand und führte Amy nach draußen.

Erst jetzt wurde ihre klar, dass sie in großen Schwierigkeiten steckte.

„Ich wette, Sie haben in Chicago keinen Sternenhimmel wie diesen“, meinte er, als sie auf einen Feldweg einbogen.

Sie wollte etwas sagen, aber als sie nach oben blickte und die unzähligen funkelnden Sterne sah, stockte ihr der Atem.

John hatte recht. In Texas gab es viele Dinge, die in Chicago nicht zu finden waren – vor allem diese blauen Augen, die sie gerade leidenschaftlich anblickten.

Amy musste zurück auf ihr Zimmer gehen, bevor sie etwas Falsches tat. Auf das Dessert musste sie verzichten, denn sie war mehr als sicher, dass es viel zu gefährlich für sie war.

John sah sie weiter aus seinen tiefblauen Augen an.

Viel zu gefährlich.

4. KAPITEL

Am nächsten Morgen lag Amy im Bett und lauschte den Geräuschen im Haus. Lange bevor es hell geworden war, hatte sie unten ein lautes Lachen gehört. Das musste Liam gewesen sein, der Mann der sich um das Haus zu kümmern schien. Sie konnte sich zwar nicht vorstellen, dass ein einziger Mann das schaffte, aber bisher hatte sie keine weiteren Angestellten entdeckt.

Auch Johns tiefe Stimme war zu hören gewesen. Sie musste an den Spaziergang der vergangenen Nacht denken. Wie sehr sie sich gewünscht hatte, dass er sie küsste! Sie hatte die Leidenschaft in seinen Augen gesehen – und die Enttäuschung, als Amy wieder ins Haus gehen wollte. Doch was war ihr anderes übrig geblieben? Es wäre zu riskant gewesen, sich von John küssen zu lassen.

Sie duschte und zog sich um. Im Haus war es wieder still. Also beschloss sie, endlich mit ihren Ermittlungen zu beginnen. Schließlich war sie hier, um den Mann auszuforschen, nicht um ihn zu bewundern.

Vorsichtig näherte sie sich der Treppe und lauschte. Nichts zu hören. Sie ging leise hinunter und überprüfte zuerst das Wohnzimmer und anschließend die Eingangshalle, wo sie die Tür öffnete und nach draußen blickte.

Die Vögel zwitscherten, und in der Ferne glaubte sie, ein Pferd zu hören. Hatte John etwa einen Reitausflug unternommen? Vielleicht musste er Zäune überprüfen oder anderen Arbeiten nachgehen.

Das gesamte untere Stockwerk schien verlassen zu sein. Ihre größte Sorge galt im Moment Liam. Sie wusste nicht, wo er sich aufhielt.

Grübelnd durchstreifte sie das Haus. Auf dem Küchentresen erregten ein Notizbuch und ein Bleistift ihre Aufmerksamkeit. Der Notizblock schien gerade benutzt worden zu sein. Sie wusste nicht genau, ob es ihr weiterhalf, aber sie nahm den Bleistift flach in die Hand und schraffierte leicht über das Blatt, um den Text wieder sichtbar zu machen. Vorratsliste konnte sie erkennen. Darauf folgte eine Aufstellung von benötigten Waren und Lebensmitteln.

Liam war demnach in die Stadt gefahren, um einzukaufen. Amy riss die Seite ab, zerknüllte sie und warf sie in den Papierkorb. Da sie nicht wusste, wie lange Liam weg sein würde, musste sie sich mit ihren Nachforschungen beeilen.

Als Nächstes wollte sie Johns Arbeitszimmer durchsuchen. Es befand sich auf der anderen Seite des Hauses. Amy schlich leise dorthin und lauschte noch einmal, um sicherzugehen, dass niemand in der Nähe war. Ihr Puls raste. Sie musste sich beruhigen. Das war ihre Chance, allen zu zeigen, was in ihr steckte. Jetzt durfte sie bloß keinen Fehler machen oder nachlässig sein.

Sorgfältig prüfte sie die Akten in jeder Schublade und jedem Regal. Auch wenn es sie viel Zeit kostete, überflog sie jede Akte, die nichts mit Pferden zu tun hatte. Sie fragte sich, warum ein Mann überhaupt Kontakte zur Mafia pflegen sollte, wenn er gleichzeitig bedrohte Pferde bei sich aufnahm.

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