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Heirate niemals in Las Vegas! / Nur eine bedeutungslose Affäre? / Absolut verrückt nach dir

Cheryl St. John

Heirate niemals in Las Vegas!

1. KAPITEL

„Er schaut noch immer zu uns herüber“, bemerkte Emma Carlisle und nippte an ihrer dritten Cola Rum. Sie war verheiratet und hatte drei Kinder im Teenageralter, doch so wie sie über den großen blonden Cowboy an der Bar redete, hätte man meinen können, sie sei selbst noch ein junges Mädchen. Im Grunde benahm sich die ganze Gruppe von Krankenschwestern an diesem Tisch wie ein Haufen pubertierender Schülerinnen.

Rae Ann Benton stieß Brynna Shaw den Ellbogen in die Seite. „Er kommt auf uns zu. Tu so, als hättest du es nicht bemerkt.“

„Ich habe es nicht bemerkt“, erwiderte Brynna leise, doch das Herz schlug ihr bis zum Hals, als der große, blendend aussehende Mann in engen Jeans, Cowboystiefeln und einem verwaschenen Baumwollhemd sich seinen Weg zu ihrem Tisch bahnte. Seit einer halben Stunde schon war er der Gegenstand ihrer angeregten Unterhaltung.

Daher wusste Brynna bereits, dass er Holmes hieß – besser bekannt als „Devil“, also Teufel – und auf der Ranch seines Cousins außerhalb der Stadt als Vormann arbeitete. Er begrüßte die Frauenrunde mit einem höflichen Lächeln und nickte Brynna dann zu.

„Darf ich bitten?“, fragte er mit sonorer männlicher Stimme, die Brynnas Innerstes zum Schwingen brachte.

Aus der Jukebox erklang ein mitreißender Song der Dixie Chicks, bei dem es einem sofort in den Beinen zuckte. Normalerweise trank Brynna keinen Alkohol, doch an diesem Abend hatte sie bereits zwei Drinks gehabt. Sie betete darum, nicht zu stolpern und sich lächerlich zu machen, denn sie wollte unbedingt mit diesem Typen tanzen, auf den sie so sonderbar heftig reagierte.

Rae Anns Ellbogen bohrte sich derart schmerzhaft in ihre Rippen, dass sie praktisch von ihrem Stuhl in die Höhe sprang. Nun, für den Fall, dass ich stürze und mir etwas breche, bin ich wenigstens in Gesellschaft der besten Krankenschwestern des Staates Montana, schoss es ihr albern durch den Kopf, ehe sie dem attraktiven Mann in Richtung Tanzfläche folgte.

Nach ihrer Schicht in der Klinik hatte sie rasch geduscht und Jeans und ein ärmelloses Top angezogen. Ihr schulterlanges Haar war noch nicht ganz trocken, und abgesehen von Lipgloss und ein wenig Rouge war sie ungeschminkt. Warum dieser Traum von einem Mann ausgerechnet sie zum Tanzen aufforderte, war ihr völlig unklar.

Für Devlin Holmes war die schlanke, frische Schönheit die hübscheste Frau, die er seit Langem gesehen hatte. Zudem bewegte sie sich mit einer so natürlichen Sinnlichkeit, dass es ihm fast den Atem raubte. Die Singlefrauen, die man normalerweise in Joe’s Bar antraf, waren extra für die Männerjagd aufgestylt – Make-up, Parfum, hautenge T-Shirts und tief auf den Hüften sitzende Jeans, die meist irgendein Tattoo enthüllten. Und dann waren da noch die älteren Frauen auf der Suche nach Liebe, die nicht ganz so viel Haut zeigten, dieses Manko aber mit einem besonders aufreizenden Lächeln wettzumachen versuchten.

Diese junge Frau dagegen wirkte ein wenig nervös und verlegen. „Ich bin Devlin Holmes“, sagte er, während er sie vor sich her auf die kleine Tanzfläche schob. „Nenn mich einfach Dev.“

„Brynna Shaw“, rief sie ihm über die Musik zu.

Er nahm ihre weiche und doch kräftige Hand, und nach ein paar Tanzschritten entspannte sie sich und schien die Bewegung zu genießen. Ihr goldblondes Haar wippte im Rhythmus der Musik, und ihre ausdrucksvollen Augen verwirrten ihn. Sie duftete nach Seife und Shampoo, und er hätte gern ihr Haar berührt. Seit Langem hatte ihn keine Frau so angezogen wie sie.

Schon beim ersten Blick auf sie hatte er gewusst, dass sie etwas Besonderes war. Vielleicht weil sie in Joe’s Bar so fehl am Platz wirkte und dennoch erfreut schien, dass er sie aufgefordert hatte.

Nach zwei rockigen Liedern erklang ein langsamer Song von Garth Brooks. Dev nahm vorsichtig Brynnas Hand und zog die junge Frau an sich. Erfreulicherweise sträubte sie sich kein bisschen, sondern legte ihm die andere Hand auf die Schulter und sah zu ihm auf. Sein Herz schlug schneller, als er ihr in die Augen sah. Mit einem Mal fühlte er sich wie der glücklichste Mann in ganz Montana. Wieso war sie ihm bisher noch nicht aufgefallen? „Wohnst du in der Stadt?“, fragte er.

Sie nickte.

„Ich habe dich hier noch nie gesehen.“

„Normalerweise gehe ich nach der Arbeit gleich nach Hause.“

„Wo arbeitest du?“

„In der Klinik in Whitehorn. Und ehrenamtlich auch im Krankenhaus hier in Rumor.“

„Als Krankenschwester?“

„Assistenzärztin im dritten Jahr.“

Er zog die Augenbrauen hoch. „Kein Wunder, dass du nach der Arbeit müde bist. Ich sehe oft diese Arztserien, scheint ein aufregender und anstrengender Job zu sein.“

Sie lächelte ihn an, und ihm wurde ganz warm ums Herz.

„Ganz so aufregend auch wieder nicht“, widersprach sie. „Rumor ist eine kleine Stadt.“

„Trotzdem … du bekommst all die interessanten Fälle zu sehen.“

„Na ja, hin und wieder.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Ich bin in der Geburtshilfe tätig.“

Dev lachte laut. „Ich verkneife mir jeglichen Kommentar.“

„Danke, die kenne ich wirklich zur Genüge.“

Die Unterhaltung schien Brynna noch lockerer gemacht zu haben, denn sie lehnte sich leicht an ihn. Ihre Kurven schmiegten sich perfekt an seinen Körper, und er stellte fest, dass sie wie für ihn gemacht schien. Er konnte sein Glück kaum fassen.

„Wie wäre es mit einem Drink?“, fragte er nach dem nächsten langsamen Tanz.

Zu seiner Freude war sie einverstanden. Ihre Freundinnen kicherten und schickten ihnen vielsagende Blicke hinterher, als sie in einer Nische im hinteren Teil der Bar verschwanden, wo die Musik leiser und das Licht gedämpfter war.

Brynna beachtete sie gar nicht, sondern nahm einen Schluck von dem Drink, den die Kellnerin vor sie auf den Tisch stellte. Wenn ihr am Morgen jemand gesagt hätte, dass sie mit einem gut aussehenden Cowboy tanzen und sich von ihm einen Drink spendieren lassen würde, hätte sie ihn rundweg für verrückt erklärt. Auf dieser Erde gab es vermutlich niemanden, der so vernünftig und wenig spontan war wie sie. Solche Dinge tat sie sonst nie.

Doch der Tag in der Klinik war richtig grauenvoll gewesen. Sie hatte eine Mutter mit Leukämie verloren, die sie um jeden Preis zu retten versucht hatte. Die junge Frau hatte die dringend erforderliche Chemotherapie abgelehnt, um ihr ungeborenes Kind zu schützen. Somit blieb Brynna nichts anderes übrig, als sie nach der Geburt in die onkologische Abteilung zu verlegen.

Sogar jetzt löste der Gedanke an Heidi Price tiefes Bedauern in ihr aus.

Dev schien ihren Stimmungswechsel zu spüren, denn er fragte leise, was denn los sei.

Sie malte mit dem Finger Kreise in das Kondenswasser, das ihr Glas auf dem Tisch hinterlassen hatte, und sprach den schwierigen Satz aus. „Ich habe heute eine Patientin verloren.“

„Das muss schlimm sein.“

Brynna nickte. „Sie war erst vierundzwanzig Jahre alt, schwanger und hatte Leukämie, verweigerte aber die Chemo wegen ihres Babys.“

„Vermutlich gab es nichts, was du hättest tun können.“

„Es war so frustrierend.“

„Und das Baby?“

Sie sah ihm in die Augen. „Es kam vier Wochen zu früh, aber es geht ihm recht gut.“

„Schön zu hören.“

Sein Mitgefühl tat ihr wohl. „Ich musste ihrem Mann mitteilen, dass seine Frau es nicht geschafft hat.“

Er musterte sie aufmerksam. „Was hast du ihm gesagt?“

„Nun … es war das erste Mal, das ich so etwas tun musste. Man hat mir beigebracht, Fakten zu erklären, Fragen zu beantworten. Aber den Schmerz zu sehen … den Kummer … und …“ Bei der Erinnerung daran versagte Brynna die Stimme. Den ganzen Nachmittag war ihr zum Heulen zumute gewesen, doch sie hatte sich nicht gehenlassen, weil es ihr unprofessionell erschienen wäre.

„Und was?“, hakte Dev nach.

Dieser Mann besaß wahrlich eine Menge Einfühlungsvermögen. Sie ertappte sich dabei, ihm Dinge anzuvertrauen, die sie sonst für sich behielt. „Die Trennung zwischen dem Medizinischen und dem Zwischenmenschlichen fällt mir oft unglaublich schwer“, gab sie zu.

„Du bist eine mitfühlende Person, sonst wärst du wohl nicht Ärztin geworden. Die beiden Dinge gehören zusammen, oder?“

Sie nickte stumm.

Er legte seine Hand auf ihre, und die warme, liebevolle Berührung jagte ihr einen Schauer über den Arm. Brynna drehte ihre Hand um und verschränkte ihre Finger mit seinen. Seine gebräunte Hand war groß, mit langen Fingern und Schwielen auf der Handfläche – so ganz anders als ihre eigene und so typisch männlich. Sie empfand den Kontakt als sehr intim und sinnlich. Ihr wurde flau im Magen, und sie fragte sich, wie sich seine Hand wohl an anderen Stellen ihres Körpers anfühlen mochte.

Nach all den Jahren des Lernens, der Arbeit und der Selbstverleugnung erweckte dieser schlichte Hautkontakt in ihr ein tief verborgenes Verlangen.

Sie spürte verlegen, wie sie rot wurde, und bemerkte beim Aufblicken, dass sein dichtes blondes Haar eine Vertiefung dort hatte, wo normalerweise sein Hut saß. Haare und Augenbrauen waren von der Sonne ausgebleicht.

Dev war ein auffallend attraktiver Mann, und das lag nicht nur an seinen faszinierenden Augen und dem sinnlichen Mund, sondern vor allem an seinem Blick, der in ihr Gedanken an leidenschaftliche Küsse und das Gefühl von nackter Haut an nackter Haut weckte.

Eine heiße Welle des Begehrens flutete durch ihren Körper. Sein Blick und seine Berührung brachten ihr Innerstes zum Vibrieren. Die Kehle wurde ihr eng, als er ihr tief in die Augen sah. Ob er wohl ahnte, welche Wirkung er auf sie ausübte?

Als er lächelte, bildeten sich in seinen Wangen sexy Grübchen. Wieder überfiel sie der Gedanke, wie es sich wohl anfühlen mochte, ihn zu küssen. Ob er zärtlich war? Ob seine Lippen und seine Zunge nach dem Bier schmeckten, das auf dem Tisch stand?

Die Temperatur im Raum schien mit einem Mal um einige Grad angestiegen zu sein. Brynna bekam nur mühsam Luft und öffnete den Mund ein wenig, um tief durchzuatmen.

Dev ließ seinen Blick über ihre sich hebenden Brüste wandern, und in seinen Augen flackerte es auf. Er lächelte nicht mehr, sondern musterte sie mit erstaunlichem Ernst. Hatte auch er sich vorgestellt, sie zu küssen?

Die Bedienung stellte frische Getränke auf den Tisch, und sie lösten widerstrebend ihre Finger, damit Dev bezahlen konnte.

Kein Wunder, dass mir so schwindelig ist, dachte Brynna. Sie hatte einige Drinks zu viel gehabt. Der Alkohol war ihr offenbar direkt in den Kopf gestiegen und hatte dazu geführt, dass sie sich diesen Mann in erotischen Situationen vorstellte.

„Ich glaube, ich habe genug“, sagte sie.

Dev zog fragend eine Augenbraue hoch.

„Drinks“, erklärte sie.

„Wir könnten Kaffee bestellen“, schlug er lächelnd vor. Und als sie nicht gleich zustimmte, fügte er hinzu: „Oder an die frische Luft gehen.“

Sie blickte sich um und schien erst jetzt wieder zu bemerken, wo sie sich befand. Frische Luft würde ihr jetzt sicher guttun.

„Einverstanden.“ Sie stand auf und ging zum Tisch, wo ihre Freundinnen sich gerade eine Portion scharf gewürzter Hähnchenflügel teilten.

„Wir machen einen kleinen Spaziergang“, teilte sie Emma und den anderen beiden Krankenschwestern mit. Rae Ann war gerade auf die Tanzfläche verschwunden.

Emma griff unter den Tisch und holte Brynnas Rucksack hervor. Sie lächelte dem Paar arglos zu, doch Brynna war klar, dass ihre Kolleginnen hinter ihrem Rücken gleich die wildesten Vermutungen anstellen würden. „Bis dann“, sagte Emma.

Auf dem Weg zum Ausgang legte Devlin ihr mit typisch männlicher, besitzergreifender Geste eine Hand auf den Rücken. Im Vorbeigehen nahm er seinen schwarzen Stetson vom Haken und beugte sich an der Tür zu Joe, dem Rottweiler des Barbesitzers hinunter, der wie immer die Tür bewachte.

Die Luft draußen war feucht, aber kühl und erfrischend. Der glänzende Schimmer des Pflasters deutete darauf hin, dass es in der Zwischenzeit geregnet hatte.

Dev nahm Brynna den Rucksack ab und warf ihn sich über die Schulter. „Welche Richtung?“, fragte er.

Er sollte nicht denken, dass sie ihn zu sich nach Hause einladen wollte – was sie eigentlich am liebsten getan hätte –, und wies deshalb nach rechts, in Richtung Hauptstraße.

„Wohnst du allein?“, fragte er nach ein paar Schritten.

Sie nickte.

„Hast du Familie hier in der Stadt?“

„Meine jüngere Schwester Melanie lebt mit ihrer Familie in Logan. Sie ist verheiratet und hat zwei Söhne. Mein Bruder Kurt ist gerade vierundzwanzig geworden, er arbeitet als pharmazeutisch-technischer Assistent im Value Drugstore. Mein kleiner Bruder Tuck ist neunzehn und wohnt abwechselnd bei einem von uns. Im Herbst geht er aufs College. Und du?“, fragte sie. „Familie?“

„Mein Cousin hat einen Betrieb circa vierzehn Meilen von hier.“ Er wies nach Südosten. „Vielleicht kennst du die Holmes Ranch?“

Sie nickte. „Colby ist dein Cousin?“

„Genau.“

„Und woher stammst du?“

„Aus Seattle.“

„Leben deine Eltern dort?“

„Ja.“

„Ein ziemliches Kontrastprogramm zu Montana.“

„Bist du je dort gewesen?“

„Nein, aber ich kann es mir gut vorstellen.“

Als sie am Gerichtsgebäude vorbeikamen, begann es leise zu nieseln. Dev schlug vor, sich in dem überdachten weißen Pavillon gleich nebenan unterzustellen, und lief vor ihr die Stufen hinauf. Brynna folgte ihm, dann blieb sie stehen und schaute hinaus in den Regen.

Als sie sich umdrehte, stand er dicht hinter ihr. Seinen Hut hatte er neben ihren Rucksack auf eine Bank gelegt. Im Dunkel wirkten seine grünen Augen schwarz. Sie atmete den frischen Duft seines Hemds und seiner Haut ein. Das seltsam warme Gefühl in ihrem Bauch kehrte mit voller Wucht zurück, und sie hatte das dringende Bedürfnis, ihn zu berühren. Was würde er wohl von ihr denken, wenn er ihre Gedanken lesen könnte – oder schlimmer noch, wenn sie ihren Gefühlen einfach freien Lauf ließe?

Die Frage beantwortete sich von selbst, als er die Initiative ergriff und ihr behutsam eine Haarsträhne aus dem Gesicht strich. Sie standen sich so nah gegenüber, dass sie die Wärme seines Körpers spürte. Es war verrückt, aber die Anziehung zwischen ihnen war so stark, als handelte es sich um eine naturgesetzliche Kraft. Unmöglich, zu widerstehen.

„Ich möchte dich küssen, Brynna.“

Ihr Herz schlug wie wild. Endlich.

„Ja“, erwiderte sie atemlos und hob ihm ihr Gesicht entgegen.

Sein Mund war warm und schmeckte nach Bier. Der Druck seiner Lippen war sanft und ließ ihr die Freiheit, zu atmen, den Augenblick zu genießen und – wenn sie gewollt hätte – auch, sich von ihm zu lösen.

Doch das wollte sie nicht.

Ganz im Gegenteil.

Taumelnd sank sie gegen Dev, legte ihm eine Hand auf die Brust und neigte den Kopf, um ihm noch näher zu kommen. Er reagierte augenblicklich und umarmte sie. Eine Hand legte er auf ihren Rücken, die andere vergrub er in ihrem Haar und streichelte mit dem Daumen ihre Wange.

Sie konnte nicht genug von ihm bekommen.

Brynna war normalerweise eine vernünftige, verantwortungsbewusste Frau, die sich mehr um andere Menschen kümmerte als um sich selbst. Etwas zu tun, nur weil sie Lust dazu hatte, war ihr völlig fremd. Es fühlte sich seltsam an … beängstigend.

Und berauschend.

Wenn es wirklich so etwas wie eine biologische Uhr gab, dann tickte sie bei Brynna schon seit geraumer Zeit. Doch bisher war es ihr gelungen, sie zu ignorieren. Obwohl sie ihren Beruf liebte, sehnte sie sich nach einer Beziehung. Und nach einer Familie.

Aber nicht nach einem One-Night-Stand mit einem Fremden.

Ihre Lippen lösten sich voneinander, und in diesen Sekunden voller Herzklopfen versuchte Brynna, ihre Gedanken zu sammeln. Noch immer streichelte Dev ihre Wange und entfachte damit ein erotisches Feuer in ihrem ganzen Körper. Deutlich konnte sie ihre harten Brustspitzen fühlen. Sie schloss die Augen und legte den Kopf in den Nacken. Ihr war, als hätte sie schon seit Jahren auf Devs Berührung gewartet.

Er nutzte die Gelegenheit und ließ seine Zunge über ihren Hals gleiten, presste einen feuchten Kuss unter ihr Kinn … hinter ihr Ohr. „Du schmeckst so verdammt gut“, flüsterte er und sie erschauerte vor Wonne. Er löste seinen Griff um ihre Taille und legte eine Hand auf ihre Brust. Selbst durch den Stoff von T-Shirt und BH fand er ihre aufgerichtete Brustspitze und liebkoste sie.

Brynna seufzte vor Lust. Ihre Knie drohten nachzugeben, und sie wusste nicht, wie lange sie noch aufrecht würde stehen können.

Dieser Mann ließ sie all ihre Vernunft vergessen. Und sie war es leid, sich immer selbst zu verleugnen! Nur an Karriere, Arbeit und andere Verpflichtungen zu denken. Es war höchste Zeit, einmal etwas zu riskieren. Sie hatte sich einen verführerischen Cowboy, der ihr Zärtlichkeit und heiße Küsse schenkte, wahrlich verdient. Sie hatte sich Devlin Holmes verdient … und die sinnlichen Freuden, die er versprach.

Sie barg das Gesicht an seinem Hals und atmete seinen berauschenden Duft ein. „Wenn wir die Straße überqueren und durch die Hinterhöfe laufen, landen wir genau bei meiner Wohnung“, sagte sie leise, wobei ihr das Herz bis zum Hals klopfte.

Er lehnte sich zurück, um ihr Gesicht im matten Schein der Straßenlaterne zu mustern. „Bist du sicher?“, fragte er.

„Ich habe heute Geburtstag“, erwiderte sie, als sei das eine hinreichende Erklärung.

„Davon hast du gar nichts gesagt.“ Er schien darüber mehr überrascht zu sein als über die Tatsache, dass sie ihn zu sich nach Hause einlud. Wahrscheinlich bekam er ständig jede Menge eindeutiger Angebote.

Brynna zuckte mit den Schultern und fragte sich schon, ob sie sich sein Interesse vielleicht nur eingebildet hatte. Enttäuschung machte sich in ihr breit.

Er strich über ihren nackten Arm. „Gib mir fünf Minuten, okay? Ich lauf nur rasch zur Tankstelle in der Hauptstraße.“

Ihre Erleichterung war so groß, dass sie sich beinahe schon schämte.

Er gab ihre Schultern frei und trat zurück. „Solltest du nicht mehr hier sein, wenn ich zurückkomme, dann weiß ich, dass das alles nur ein Traum war.“

„Ich werde hier sein.“

Er setzte seinen Stetson auf und trat hinaus in den Regen. Seine Stiefel quietschten im nassen Gras.

Sie sah auf die Uhr. Nach kaum vier Minuten war er zurück. Von seinem Hut tropfte es, und das nasse Hemd klebte ihm am Körper. „Du bist da“, sagte er, kaum außer Atem.

Sie nickte. „Ich habe auf dich gewartet.“

Langsam nahm er seinen Hut ab und setzte ihn ihr auf. Dann nahm er ihren Rucksack, ergriff ihre Hand, und gemeinsam gingen sie über die Straße. Auf einem schmalen Fußweg rannten sie durch Hinterhöfe und zwischen Häusern hindurch zu ihrem Appartementhaus.

Brynna sperrte die Haustür auf und lief ihm über eine mit orangefarbenem Teppich belegte Treppe voraus zu ihrer Wohnungstür. Vor Aufregung zitterten ihre Hände so, dass sie den Schlüssel fallen ließ. Dev legte ihr sanft eine Hand auf die Schulter und drehte sie herum. Dann presste er sie mit dem Körper gegen die Wand und küsste sie leidenschaftlich, wobei ihr der Hut vom Kopf fiel. Devs wilde Küsse übertrafen alles, was sie sich je in ihrer Fantasie ausgemalt hatte.

Wieder vergaß sie, wo sie war, bis er sich schließlich aus ihrer Umarmung löste. Er hob Schlüssel und Hut vom Boden auf und öffnete die Tür. Brynna tastete nach dem Lichtschalter. Die kleine Lampe neben ihrem Sofa ging an.

Dev ließ ihren Rucksack fallen und sah sich um. Ihre Blicke trafen sich.

Sie lächelte ihm verlegen zu und streifte die Schuhe von den Füßen.

„Vielleicht sollten wir erst mal unsere nassen Kleider loswerden“, schlug er vor.

Brynna schloss die Wohnungstür ab. „Ich hole uns Handtücher. Zieh du schon mal deine Schuhe aus.“

Im Bad knöpfte sie ihre Bluse auf und warf sie zusammen mit ihrem BH in die Badewanne. Als Nächstes kamen Jeans und Socken. Dann schlüpfte sie in einen Morgenmantel und kam mit einem Handtuch für Dev zurück in die Diele.

Er hatte sein nasses Hemd ausgezogen und über eine Stuhllehne gehängt. Sein nackter Oberkörper war braun gebrannt und muskulös. Ihr Mund wurde ganz trocken bei der Vorstellung, mit der Zunge über seine golden schimmernde Haut zu fahren.

Doch sie versuchte, vernünftig zu bleiben, und begann, sein Haar mit dem Handtuch trocken zu rubbeln. Dev hielt nur wenige Sekunden still, ehe er sie an sich zog und küsste. Als wäre sie blind, glitten ihre Finger forschend über seine Brust, über Schultern, seinen Hals und seine Wangen.

Dev fuhr sich mit dem Handrücken über das Gesicht. „Ich habe mich seit heute morgen nicht mehr rasiert. Ich wusste ja nicht, dass ich …“

„Schon okay. Ich mag das ganz gern.“ Er lächelte, und sie legte einen Finger in das Grübchen, das dabei entstand. „Und das da mag ich auch.“

„Ich könnte mich rasieren, falls du einen Rasierer hast.“

„Nein.“

Er hob eine Augenbraue.

„Ich meine, ich habe einen Rasierer“, erklärte sie. „Aber ich möchte nicht, dass du dich jetzt rasierst.“

„Aber ich will dich küssen.“

„Das will ich auch … und ich werde nicht warten.“

Das ließ sich Dev nicht zweimal sagen. Mit den Händen teilte er ihren hellgelben Morgenmantel und schob den Stoff zur Seite, bis eine ihrer Brüste sichtbar wurde. Ihre Brustspitze richtete sich auf, und Brynna genoss zu ihrer eigenen Bestürzung, dass Dev ihre Erregung deutlich sah. Er beugte sich hinunter und küsste ihre schwellende Brust. „Nicht zu kratzig?“

„Nein“, murmelte sie heiser und nahm seine Hand, um ihn ins Schlafzimmer zu ziehen.

Auf der Schwelle verharrte sie einen Augenblick, um den Raum mit seinen Augen zu sehen. Er war mitnichten ein Liebesnest, sondern zweckmäßig eingerichtet und spiegelte ihr arbeitsreiches Leben wider. In der einen Ecke standen ein Schreibtisch und ein Aktenschrank, in der anderen ein Laufband. Das Licht aus der Diele fiel auf ihr schlichtes Doppelbett mit dem karierten Bettzeug und dem Überwurf, den sie am Morgen aus Zeitmangel auf dem Boden liegen lassen hatte. Schließlich sah sonst nie jemand ihr Schlafzimmer.

Ganz offensichtlich interessierte sich Dev nicht im Geringsten dafür, ob ihr Bett gemacht war oder nicht. Er schlang seine Arme um sie und küsste sie so leidenschaftlich, dass sich ihre Verlegenheit schlagartig verflüchtigte. Er streichelte ihren Hals, berührte ihr Haar, und heißes Verlangen loderte in Brynna auf.

Dev bugsierte sie zum Bett und schob ihr den Morgenmantel von den Schultern, während sie sich bemühte, ihn aus seiner feuchten Jeans zu schälen. Sie fielen rücklings aufs Bett. Endlich berührten sich ihre nackten Körper.

Als Dev sich auf sie legte, empfand sie sein Gewicht als eine köstliche Mischung aus Glück und Qual. Ihn in den Armen zu halten und zu spüren war emotional und physisch überwältigender als alles, was sie bisher erlebt hatte. Sie begehrte ihn mit einer Intensität, die fast schon schmerzhaft war. Schon jetzt ahnte sie, dass die Vereinigung mit ihm ganz außergewöhnlich sein würde.

Sie küsste seinen Hals, umfasste sein Gesicht und saugte sanft an seiner Unterlippe, um dann wieder seine Zunge zu suchen und noch inniger mit ihm zu verschmelzen.

Dev erwiderte ihre Küsse, während er ihre Schultern und Brüste streichelte. Dann löste er seine Lippen von ihren, um sie zu ihren Brustknospen wandern zu lassen.

Brynna schloss die Augen vor Wonne. Seit sie sich in Joe’s Bar gegenübergesessen hatten, war sie für ihn bereit gewesen. Devs zärtliches Vorspiel quälte und beglückte sie, und sie konnte es kaum erwarten, ihn endlich in sich zu spüren.

Als er seine Hand sanft über ihre Hüften und ihren Bauch zwischen ihre Schenkel gleiten ließ, biss sie sich auf die Unterlippe und unterdrückte einen lustvollen Schrei. Er küsste sie stürmisch, als teile er ihre Ungeduld. Dann rückte er wortlos etwas von ihr weg und kramte nach dem Päckchen Kondome in seinen Jeans.

Sekunden später hatte er eines übergestreift und drang zärtlich in sie ein. Wellen der Lust liefen über Brynna hinweg und durch sie hindurch. Laut aufstöhnend kam sie augenblicklich zu einem gewaltigen Höhepunkt. Dieser Mann tat ihr so gut! Und er weckte Gefühle in ihr, die sie nie gekannt hatte.

Dev verlangsamte seine Bewegungen, küsste sie zärtlich und flüsterte ihr heiser zu, wie verrückt sie ihn mache. Dann umfasste er ihre Hüften und verlagerte sein Gewicht, um noch tiefer in sie einzudringen. Mit lasziven, rhythmischen Bewegungen fachte er ihre Lust erneut an und brachte sie langsam und bestimmt zu einem weiteren Höhepunkt, währenddessen auch er endlich seine Erlösung fand.

Noch ganz benommen drehte sich Brynna auf die Seite, um Dev anzusehen. Sie legte eine Hand auf seine Brust, wo sein Herz unter ihrer Berührung allmählich wieder langsamer schlug. Er hatte die Augen geschlossen, und eine Hand lag schlaff auf seinem Bauch. Seine Haut glänzte vor Schweiß. Brynna wunderte sich noch immer über ihr impulsives Handeln, das so gänzlich uncharakteristisch für sie war.

Doch seltsamerweise störte es sie nicht. Morgen würde sie vielleicht alles bereuen und sich dafür schämen, aber nicht in diesem Moment. Ein Lächeln huschte über ihre Lippen, während sie Dev betrachtete.

Er wandte den Kopf und öffnete die Augen. Dann hob er die Hand und berührte ihre Wange. „Hey.“

Sie lächelte zurück und überlegte, wie sie ihm klarmachen sollte, dass sie nicht erwartete, dass er zum Frühstück blieb.

Da blickte er ihr in die Augen und sagte völlig unerwartet: „Willst du mich heiraten, Brynna?“

2. KAPITEL

Acht Monate später

Brynna arrangierte zwei Porzellanteller, Silberbesteck und Servietten in Silberringen, stellte zwei Kerzenhalter mit elfenbeinfarbenen Kerzen in die Mitte des Esstisches und hielt dann inne. Zu offensichtlich, viel zu offensichtlich. Das Ganze wirkte wie die Inszenierung einer Verführung. Sie nahm die Kerzenhalter wieder vom Tisch, begutachtete erneut ihr Werk und überlegte hin und her. Sie konnte sich nicht entscheiden.

Tatsächlich deckte sie nur den Tisch fürs Abendessen. Wenn ihr Terminkalender es erlaubte, dann zelebrierten Dev und sie zwei Mal im Monat ein Candlelight-Dinner, warum also sollte sie den Tisch dann nicht romantisch decken?

Sie stellte die Kerzenleuchter zurück auf den Tisch, legte Streichhölzer daneben und drehte den Strauß frisch gepflückter Gänseblümchen so lange, bis er am besten zur Geltung kam. Dev liebte Gänseblümchen. Hoffentlich erinnerte er sich an ihre Verabredung und kam pünktlich.

Sie sah auf ihre Uhr und zwang sich, ihre Befürchtungen beiseitezuschieben. Er hatte schon mehr als einmal ihre abendlichen Pläne vergessen und war irgendwo mit dem Flugzeug unterwegs gewesen, während sie auf ihn wartete. Seine Vergesslichkeit war bereits des Öfteren ein Streitpunkt zwischen ihnen gewesen.

Die Ehe ist noch neu für ihn, dachte Brynna und ertappte sich dabei, wie sie wieder einmal versuchte, seinen Freiheitsdrang zu rechtfertigen. Acht Monate waren einfach nicht genug, um einander richtig kennenzulernen, geschweige denn alte Gewohnheiten aufzugeben. Bevor er sie geheiratet hatte, war er niemandem Rechenschaft schuldig gewesen, und so gesehen machte er sich großartig. Und normalerweise ließ Brynna ihm auch gern seine Freiheiten.

Doch an diesem Abend hatte sie ihm eine Neuigkeit mitzuteilen, von der sie nicht wusste, wie er sie aufnehmen würde. Jeder Tag, jede Situation mit Dev war für Brynna immer noch unvorhersehbar wie eine Segeltour in unbekanntem Gewässer.

Als Scheinwerferlicht durch die Panoramafenster im Wohnzimmer wanderte, wusste Brynna, dass Devs Pick-up in die Einfahrt eingebogen war. Erleichterung durchflutete sie, ehe die Nervosität sie von Neuem packte.

Sie atmete tief durch, entzündete rasch die Kerzen und schaltete die Deckenbeleuchtung aus.

Die Tür ging auf, und ihr großer, gut aussehender Gatte trat ein, warf seinen Hut auf eine Bank und suchte sie sofort mit seinem Blick. „Hallo, meine Süße“, begrüßte er sie.

Lächelnd ging sie ihm entgegen. „Du bist pünktlich.“

Er umfasste ihre Ellbogen und blickte zärtlich auf sie hinunter. „Das ist unser einziger gemeinsamer Abend diese Woche. Ich hätte ihn für nichts versäumen wollen.“

„Am Freitag ist Tucks Geburtstagsfeier bei Melanie“, sagte sie und berührte seine Wange. „Vergiss das bitte auch nicht. Ich habe Rufbereitschaft, werde aber wohl hauptsächlich auf der Feier sein.“

Er schlang die Arme um sie und wiegte sie sanft. „Ich werde da sein.“

Als sie sich küssten, war sie wieder erstaunt, wie frisch ihre Verliebtheit nach acht Monaten noch immer war. Und doch mischte sich in ihr Glück immer auch ein wenig Angst. Wie lange würde ein freiheitsliebender Mann wie Dev wohl mit ihr und diesem Leben zufrieden sein?

„Du hast gekocht“, bemerkte er mit einem anerkennenden Blick über ihre Schulter.

„Ja.“

„Dann schenke ich uns Wein ein.“

Sie ging in die Küche, um das Essen zu holen.

„Für mich nicht, danke.“

„Nun, dann verzichte ich auch.“ Er warf ihr einen Blick zu. „Für mich allein lohnt es sich nicht, die Flasche aufzumachen. Kann ich dir helfen?“ Er war ihr in die Küche gefolgt.

„Habe ich deine Hilfe schon jemals abgelehnt?“

Er lächelte und küsste ihren Nacken, ehe er sich ans Werk macht.

Als das Essen auf dem Tisch stand, setzten sie sich und begannen mit ihrer Mahlzeit.

„Ich habe heute ein Kaufangebot für die Sky Spirit bekommen“, sagte er, während er Butter und Sauerrahm auf einer Kartoffel verteilte.

„Schon wieder?“ Es ging um das Ultraleichtflugzeug, das er konstruiert hatte und das sein ganzer Stolz war.

„Von einem Typen in Denver.“

„Du warst heute in Denver?“

„Heute Morgen.“ Er kostete von dem Steak. „Hmm, köstlich.“

Brynna hatte keinen Überblick über seine Aktivitäten. An manchen Tagen arbeitete er auf der Holmes Ranch, andere verbrachte er damit, zu fliegen. Sie hatte vor ihrer Hochzeit mit Dev nicht viel über ihn gewusst, doch ihr war schnell klar geworden, dass er nicht aus finanziellen Gründen auf der Ranch seines Cousins arbeitete.

Dev war der zweitälteste Sohn einer wohlhabenden Familie und hatte ein College besucht. Seinem Cousin ging er zur Hand, wenn es nötig war, doch hauptsächlich beschäftigte er sich damit, die Ultraleichtflugzeuge zu fliegen, die er baute und verkaufte. Nur sein Lieblingsstück, die Sky Spirit hatte er bisher nicht verkauft. Er besaß und flog auch noch eine Cessna 206 und eine Piper Seneca, die in einem Hangar des Lee-Henderson-Flugplatzes nördlich von Rumor standen.

„Das Flugwetter war heute grandios“, berichtete er. „Der Himmel über Colorado hätte dir gefallen.“

Brynna lächelte geduldig. „Mit Sicherheit.“

Dass Dev den Pilotenschein hatte, bewährte sich, als sie nach Las Vegas zu ihrer Hochzeit geflogen waren. Drei Tage nach seinem Heiratsantrag, als Brynna immer noch nicht genug von ihm bekommen konnte, obwohl sie inzwischen vollkommen nüchtern war, hatte sie eingewilligt, mit ihm nach Nevada zu fliegen, um dort zu heiraten.

Seitdem waren sie nicht mehr gemeinsam geflogen. Doch Dev hatte eine Safari in Afrika für den Herbst als Flitterwochen geplant. „Wie der Himmel wohl über Nairobi sein wird?“, fragte sie mit einem neckenden Unterton.

Dev legte die Gabel nieder und nahm einen Schluck Wasser. „Ich habe nicht die leiseste Ahnung, mein Süße. Aber wir werden es erleben.“

Brynnas Gedanken wanderten zu der Neuigkeit, die sie heute erfahren hatte, und sie fragte sich, wie sie sich wohl auf ihre Reise auswirken würde.

Sie beendeten ihr Essen, und Dev trug das Geschirr in die Küche. Als er den Geschirrspüler öffnen wollte, legte Brynna ihm die Hand auf den Arm.

„Das kann warten.“

Er nahm lächelnd ihre Hand. „Hast du etwa bestimmte Pläne?“

Sie nickte und nahm eine Glasschale aus dem Kühlschrank.

Dev warf fragend einen Blick auf die Mousse au Chocolat in der Schale. „Hier oder im Schlafzimmer?“, fragte er und lächelte zweideutig.

„Am Tisch, Dev.“ Brynna wurde rot.

„Okay.“ Er zuckte mit den Achseln.

Sie füllte für jeden eine Portion Schokoladenmousse auf einen Teller, und gemeinsam setzten sie sich wieder an den Esstisch.

Dev beugte sich über den Tisch und fuhr mit einem Finger über Brynnas Stirn, als wolle er dort eine Falte glatt streichen. „Stimmt irgendetwas nicht, meine Süße?“

Sie verschränkte die Hände im Schoß. „Ich muss dir etwas sagen.“

„Okay.“

Die Angst vor seiner Reaktion schnürte ihr den Hals zu.

„Was ist los, Brynna? Was hast du denn?“ Er stand auf, kniete sich neben ihrem Stuhl nieder und bedeckte ihre eiskalten Finger mit seiner warmen Hand.

Die Liebe und Sorge in seinem Blick gaben ihr Mut. Sie atmete tief durch. „Dev, ich bin schwanger.“

Es dauerte einen Moment, bis ihre Worte in sein Bewusstsein drangen. Dann bildete sich eine steile Falte zwischen seinen Augenbrauen. „Bist du sicher?“

Sie nickte. „Ich bin Gynäkologin“, erklärte sie überflüssigerweise. „Ich habe den Ultraschall selbst gesehen.“

„Ja, natürlich, aber … wie konnte das passieren? Wir haben doch immer aufgepasst.“

„Tja, so etwas kommt vor“, antwortete sie etwas ungehalten, weil ihn offenbar nur die technische Seite des Problems interessierte. „Ich habe immer wieder Patientinnen, die trotz Verhütung schwanger wurden.“

Er sah ungläubig zu ihr auf und setzte sich dann auf den Fußboden, als brauche er Bodenhaftung. Sein Gesicht spiegelte wider, wie schockiert er war. „Du bist schwanger, Brynna?“

Sie nickte und unterdrückte die Tränen, die ihr aus Enttäuschung über seine Reaktion in die Augen stiegen. Sie musste ihm ein wenig Zeit geben, die Nachricht zu verdauen. Schließlich hatte sie selbst sich in den zwei Wochen der Ungewissheit auf diese Tatsache vorbereiten können. Außerdem wünschte sie sich schon seit Langem eine Familie.

Er fuhr sich mit den Fingern durchs Haar und starrte blicklos vor sich hin. Sein Schweigen zerrte an ihren Nerven.

Brynna erhob sich und ließ sich neben ihm auf dem Fußboden nieder. „Es war keine Absicht von mir, Dev.“

„Das ist mir keine Sekunde in den Sinn gekommen.“

„Ich wollte nur nicht, dass du womöglich Zweifel daran hast.“

„Habe ich nicht. Warum sollte ich dir misstrauen?“

„Keine Ahnung.“ Sie schüttelte den Kopf. „Vielleicht weil ich nie ein Geheimnis daraus gemacht habe, wie viel Freude es mir macht, Menschen bei der Familienplanung zu helfen, und dass ich mir immer eine Familie gewünscht habe – mit dir.“

„Ich war nie dagegen“, erwiderte er abwehrend.

„Aber du bist noch nicht bereit dafür.“

„Ich weiß es nicht. Leg mir bitte keine Worte in den Mund. Ich kann für mich selbst sprechen.“

„Dann sag mir, was du denkst.“

Er hob die Hände in einer hilflosen Geste. „Ich bin einfach total von den Socken. Ich habe nie darüber nachgedacht …“

„Dass wir ein Baby habenkönnten“, vervollständigte sie den Satz für ihn.

„Genau. In meinem Plan kam kein Kind vor. Auf unserem Plan kam keines vor.“

„Du hast recht. Aber jetzt ist es passiert, und wir sollten dankbar dafür sein.“

Er nickte, ohne wirklich überzeugt zu sein.

„Es ist doch nicht so schlimm, Dev. Wir werden eben etwas früher als geplant eine Familie haben, das ist alles.“

„Du hast gerade erst vor einem Jahr angefangen zu arbeiten“, warf er ein.

Brynna nahm seine Hand. „Ich kann bis wenige Wochen vor der Geburt weiterarbeiten. Und wenn das Baby erst da ist, können wir eine Haushaltshilfe einstellen. Ich weiß, dass ich eine gute Mutter sein werde, auch ohne meine Karriere zu vernachlässigen, Dev.“

„Das glaube ich dir“, antwortete er. Er stand auf und zog sie an der Hand zu sich hoch. „Wie weit bist du?“, fragte er, wobei er sie noch immer nicht ansah.

„In der achten Woche.“

„Wie viele Wochen sind es insgesamt?“

„Vierzig.“

Er rieb sich mit der Hand über das Gesicht. Keine Frage danach, wie es ihr ging. Ob sie unter morgendlicher Übelkeit litt. Was sie fühlte. Wieder stiegen ihr Tränen in die Augen, die sie wegblinzelte.

„Wann würde es also geboren werden?“

Sie nannte ihm den errechneten Geburtstermin.

Er nickte, als versuche er, den Termin in seinen Planungen unterzubringen.

„Isst du deinen Nachtisch noch?“, fragte Brynna.

„Nein“, sagte er geistesabwesend. „Danke.“

Sie brachte das Geschirr in die Küche und kehrte zurück, um die Kerzen auszublasen.

Dev lehnte im Türrahmen zum Wohnzimmer. Das Flurlicht zeichnete die Umrisse seines Körpers nach. Ihre Liebe war überschattet von der Angst, dass er ihre potenziellen Kinder womöglich vernachlässigen könnte, um sein ungebundenes Leben weiterzuführen.

Sie ging zu ihm hinüber, und er nahm sie in die Arme. Sie legte den Kopf auf seine Brust, während eine Träne über ihr Gesicht auf sein Hemd tropfte.

„Ich liebe dich, Brynna“, sagte er leise.

„Ich liebe dich auch“, flüsterte sie heiser.

Er streichelte ihren Rücken und umfasste ihre Pobacken und erweckte damit wie immer Leidenschaft und Begierde in ihr.

„Ist es okay, wenn wir uns lieben?“, fragte er.

Brynna nickte nur und zog ihn hinter sich her ins Schlafzimmer.

Am folgenden Morgen stand Brynna in Unterwäsche vor dem Spiegel und betrachtete ihren noch kaum gewölbten Bauch, in dem ein neues Leben heranwuchs. Sie berührte die Stelle, wo ihr Baby sich eingenistet hatte, und dachte an Devs Reaktion auf ihre Eröffnung letzte Nacht.

Devs ganze Leidenschaft gehörte der Fliegerei, und das erinnerte sie in beängstigender Weise an ihre Eltern, die sich immer nur für ihr eigenes Privatleben interessiert hatten. Sie wollte nicht das alleinige Rückgrat ihrer kleinen Familie sein, sondern wünschte sich Devs Unterstützung. Sie fürchtete nichts mehr, als in dieser Ehe allein zu sein.

Brynna hatte sich ihre Karriere hart erarbeitet. Disziplin und Pflichtgefühl hatten sie dahin gebracht, wo sie heute war. Sie hatte das alles aus eigener Kraft geschafft und war nicht bereit, es aufzugeben. Doch genauso leidenschaftlich wünschte sie sich dieses Kind. In ihr machte sich die schreckliche Angst breit, durch die überstürzte Ehe mit einem Mann, den sie kaum kannte, einen schweren Fehler begangen zu haben. Dieses Gefühl ließ sich einfach nicht mehr abschütteln.

An den nächsten beiden Abenden hatte Brynna Dienst, und als sie nach Hause kam, erwartete Dev sie bereits mit einem leichten Abendessen. Sie machten ein wenig Smalltalk, wobei sie das Thema Schwangerschaft sorgfältig vermieden. Doch all die ungesagten Worte standen zwischen ihnen wie eine Wand, und Brynna war mehr in Alarmbereitschaft denn je. Würde Dev sich an den Gedanken gewöhnen können, Vater zu werden?

Oder würde sie die gemeinsame Wohnung eines Tages leer vorfinden, wenn sie von der Arbeit nach Hause kam? Da sie sich innerlich auf diese Möglichkeit vorbereitete, ging sie jeden Tag ein wenig mehr auf Distanz.

Freitagabend nach der Arbeit duschte Brynna und zog sich für die Party ihres jüngeren Bruders um. Sie war beunruhigt, weil sie von Dev seit dem Morgen nichts gehört hatte. Sie versuchte, ihn auf seinem Handy zu erreichen, doch es meldete sich nur die Mailbox, auf der sie ihm eine kurze Nachricht hinterließ.

Sie nahm eine leichte Jacke aus dem Schrank und fuhr zu Melanies und Franks Haus. Beißender Geruch nach Rauch lag in der Luft. Brynna suchte den Horizont ab und entdeckte eine dunkle Wolke in Richtung Logan’s Hill. Seit Wochen hatte es nicht geregnet, und die Berichte über vereinzelte Waldbrände waren beängstigend. Dieses Feuer schien ziemlich nah zu sein.

Ihr Schwager begrüßte sie an der Tür.

„Wo ist denn dein Sahneschnittchen?“, fragte Frank und sah sich suchend um. Er hatte Dev diesen Spitznamen gegeben, seit er gehört hatte, dass die Krankenschwestern an der Klinik ihn als Augenweide bezeichneten.

„Ich weiß es nicht, ich konnte ihn telefonisch nicht erreichen. Sag mir lieber, wo das Geburtstagskind ist.“

Sie hatte Tucks Auto in der Auffahrt gesehen.

„Hinten im Garten, beim Grill.“

„Hast du die Rauchwolken im Nordosten gesehen, Frank? Dort brennt es.“

„Ich schalte gleich den Polizeifunk an. Geh du schon mal nach hinten in den Garten.“

Sie ging durchs Haus auf die Terrasse, wo Tuck mit seinen Neffen am Tisch saß und mit Playmobil-Figuren spielte. John, sechs Jahre alt, und Chandler, vier Jahre, rannten ihrer Tante sofort entgegen. Brynna umarmte und küsste sie liebevoll, ehe sie ihren Bruder und ihre Schwester begrüßte, die am Grill standen und Steaks brutzelten. Es duftete unglaublich gut, und Brynna spürte mit einem Mal, wie hungrig sie war.

„Hast du schon die Formulare für das Studiendarlehen und die Anmeldung bekommen?“, fragte sie ihren Bruder. Er war an einem College an der Westküste aufgenommen worden und hatte zum Glück einige kleinere Studienbeihilfen erhalten.

Ihr jüngster Bruder nickte. „Kam alles mit der Post.“

„Ich werde meine Dienstpläne durchschauen, dann können wir beide mal hinfahren und uns die Studentenwohnheime ansehen“, sagte sie.

„Dev fliegt mich nächste Woche hin, um ein Apartment und einen Teilzeitjob mit mir zu suchen“, antwortete er zu ihrer Überraschung. „Er ist echt cool.“

„Aber Studentenwohnheime sind viel billiger als eine Wohnung, Tuck. Vor allem in Kalifornien“, entgegnete sie besorgt.

„Vielleicht finde ich jemanden, der mit mir in eine WG zieht, dann können wir uns die Miete teilen. Am Schwarzen Brett im Studentensekretariat hängen sicher jede Menge Angebote. Wo ist Dev eigentlich?“

Brynna blickte auf ihre Uhr. „Keine Ahnung.“

Genau in diesem Augenblick zerriss Sirenengeheul die abendliche Stille. Man hörte, wie Rumors einziges Löschfahrzeug mit quietschenden Reifen die Feuerwehrstation verließ.

Der kleine Chandler sprang auf und griff nach Tucks Hand. „Onkel Tuck, ich will schauen gehen!“

3. KAPITEL

„Ich rette erst mal die Steaks“, sagte Melanie und hob sie vom Grill auf eine Platte.

Brynna folgte den Jungs bis ans Ende der Auffahrt, wo sie beobachten konnten, wie der Löschwagen in den Schotterweg Richtung Logan’s Hill einbog. Der Himmel war von Rauchwolken geschwärzt.

„Das sieht wirklich ziemlich nah aus“, fasste Tuck Brynnas stille Befürchtung in Worte.

„Wir brauchen dringend Regen“, bemerkte Melanie, die zu ihnen hinausgekommen war. „Diese Dürre wird allmählich gefährlich.“

„Dem Wetterbericht zufolge kommt von der Westküste ein Sturmtief, aber vermutlich schwächt es sich ab, ehe es hier ist.“ Frank stand auf der Schwelle und warf ebenfalls sorgenvolle Blicke auf den Himmel.

Ein schwarz glänzender Sportwagen fuhr in die Einfahrt und kam hinter Brynnas Auto zum Stehen. Ihr Bruder Kurt stieg aus.

Brynna umarmte und küsste ihn. „Ich habe dich ewig nicht gesehen. Immer beschäftigt, was?“

„Du sagst es. Aber jetzt bin ich da.“

„Dann kommt mal alle zum Essen rein“, forderte Melanie die Familie auf.

Sie setzten sich an den großen runden Esstisch, wobei Devs Abwesenheit deutlich spürbar war.

In diesem Moment ertönte Brynnas Pieper, und sie stöhnte auf. „Nicht jetzt.“

Doch zu ihrer Überraschung sah sie nicht die Nummer der Notaufnahme auf dem Display, sondern die ihres Mannes. „Es ist Dev“, sagte sie und lief ins Nebenzimmer, um ihr Handy aus der Handtasche zu holen und ihn anzurufen.

Er meldete sich beim ersten Läuten. „Brynn?“

„Dev, wo bist du?“

„In Washington. Hier geht gerade ein heftiges Gewitter nieder, und ich stecke noch mindestens drei Stunden fest.“

„Washington“, wiederholte sie irritiert. „Du solltest doch in Rumor sein und jetzt mit der Familie hier am Tisch sitzen. Heute ist Tucks Geburtstagsfeier.“

„Das habe ich nicht vergessen“, erwiderte er. „Ich kann doch auch nichts dafür, wenn sich das Wetter gegen mich verschworen hat.“ Wie zum Beweis knisterten elektrostatische Störungen in der Leitung.

„Du bist wirklich unmöglich, das Wetter für deine mangelnde Planung verantwortlich zu machen. Statt nach Washington zu fliegen, hättest du vorausplanen sollen. Du hast mit keinem Wort erwähnt, was du vorhast.“

„Ich hatte es ja gar nicht vor, aber mir wurde ein Ersatzteil für die Sky Spirit angeboten, und der Wetterdienst hat keinerlei Störungen vorhergesagt. Ich weiß, wie enttäuscht du jetzt bist, aber ich hatte wirklich vor …“

„Wenn du vorgehabt hättest, hier zu sein, dann hättest du eben nicht fliegen dürfen.“

„Ich hatte jede Menge Zeit.“

„Oder es war dir einfach egal, ob du rechtzeitig zurück sein würdest oder nicht.“

„Brynn, ich habe mich entschuldigt. Was erwartest du noch?“

„Deine Entschuldigung ändert auch nichts. Du hättest hierbleiben sollen. Meine ganze Familie ist anwesend, nur du fehlst – und natürlich meine Eltern. Aber die haben sich noch nie um irgendwelche Geburtstage gekümmert.“

„Das ist nicht fair.“

„Ach nein? Mein Steak wird kalt. Wir sehen uns, wenn du irgendwann nach Hause kommst.“ Sie schaltete ihr Handy aus, warf es in ihre Handtasche und ging zurück ins Esszimmer.

Als Melanie die gereizte Miene ihrer Schwester sah, wollte sie wissen, was Dev gesagt hatte.

Brynna setzte sich an den Tisch. „Er steckt in Washington fest.“

„Ich wette, er kriegt Riesenärger, wenn du ihn zu fassen bekommst“, scherzte Tuck.

„Ich bin nicht seine Mutter“, erwiderte Brynna wenig begeistert. „Er kann machen, was immer er ver…“ Sie warf den Kindern einen Blick zu und nahm ihre Gabel auf. „Verdammt noch mal machen will.“

Nach ein paar Minuten stockender Unterhaltung beschloss Brynna, ihrem kleinen Bruder zuliebe fröhlich zu sein, und sie beendeten das Essen in angeregter Runde.

Nachdem das Geschirr abgeräumt war, packte Tuck seine Geschenke aus und freute sich wie ein Schneekönig über einen funkelnagelneuen Laptop, das Geschenk von Brynna und Dev.

„Das ist echt supercool, tausend Dank.“

„Gern geschehen. Denk daran, es ist auch ein Schreibprogramm für deine Hausarbeiten installiert.“

Er grinste zufrieden.

Während Melanie den Geburtstagskuchen anschnitt, verteilte Brynna Eisportionen auf kleine Teller und zuckte zusammen, als ihr Pieper wieder ansprang. Hoffentlich nicht schon wieder Dev. Doch dieses Mal war es die Klinik. Brynna rief zurück und erfuhr, dass ein Feuerwehrmann mit leichteren Brandverletzungen eingeliefert worden war.

„Was ist passiert?“, fragte sie Rae Ann.

„Bei Logan’s Hill ist ein Feuer ausgebrochen“, erklärte ihre Freundin. „Es breitet sich durch den Wald aus.“

„O mein Gott.“

„Es gibt noch mehr schlechte Nachrichten. Die Feuerwehrleute haben zwei teilweise verkohlte Leichen am Entstehungsort des Feuers gefunden. Bis jetzt haben sie noch keine Namen genannt. Jedenfalls hast du Rufbereitschaft.“

„Ich bin schon unterwegs.“

Der Feuerwehrmann war nur leicht verletzt. Nachdem sie ihn behandelt und entlassen hatte, fuhr sie nach Hause in eine leere Wohnung. Sie fühlte sich einsam und verletzlich. Als Dev um Mitternacht noch immer nicht zurückgekehrt war, fiel sie in einen unruhigen Schlaf.

Die Junisonne blendete, und Dev setzte eine Sonnenbrille auf, um den Rauch, der über dem Horizont aufstieg, beobachten zu können. Die Feuerwehr bekämpfte noch immer den Brand, der am Abend zuvor ausgebrochen war. Logan’s Hill war gute fünfzehn Meilen von der Holmes Ranch entfernt, wenn man das Feuer bis dahin sehen konnte, musste es also ziemlich groß sein.

Dev kehrte zu seiner Arbeit zurück. Er lud Kisten mit neuen Salzbehältern und Getreidetrögen von seinem Ford Pick-up ab. Colby hatte beschlossen, die Ställe in Ordnung zu bringen, ehe der Herbst kam.

Ob er im Herbst überhaupt noch hier arbeiten würde? Das Cowboyleben gefiel ihm eigentlich gut. Er hatte eine Menge über die Aufzucht und Haltung von Pferden gelernt, und die tägliche Stallarbeit machte ihm Spaß. Doch er konnte dem Ruf des weiten Himmels nicht widerstehen. Immer, wenn ihn die Lust zu fliegen überkam, musste er ihr nachgeben und sich ein paar Tage freinehmen. Machte ihn das zu einem verantwortungslosen Menschen?

Seit Brynna ihm mit der Nachricht über ihre Schwangerschaft den Boden unter den Füßen weggerissen hatte, hatte er viel über Verantwortung nachgedacht. Erst recht nach dem Fiasko des vergangenen Abends, als er Tucks Geburtstag versäumt hatte und seine Frau ihm daraufhin am Morgen die kalte Schulter zeigte.

Eigentlich war er sich nie verantwortungslos vorgekommen. Doch früher hatte er auch nicht allzu viele Pflichten gehabt. Es gab Vermögensverwalter, die sich um seine finanziellen Angelegenheiten kümmerten und seine Steuern bezahlten. Hin und wieder tauchte er bei einer Aktionärsversammlung auf, oder er musste Papiere unterzeichnen und Entscheidungen absegnen, aber sonst war er Herr über seine Zeit. Am Unternehmen seines Vaters hatte er keinerlei Interesse, auch wenn er jede Menge Kritik dafür hatte einstecken müssen.

In den letzten Jahren hatte er sich mit dem Bau von Leichtflugzeugen und der Rancharbeit beschäftigt. Es war nicht etwa so, dass er nichts fand, was ihm Spaß machte, sondern dass ihm vieles gefiel und er alles ausprobieren wollte.

Doch als künftiger Vater musste er zuverlässig und vor allem auch anwesend sein. Und auf diese Rolle war er in keiner Weise vorbereitet. Sicher würden er und Brynna Kinder haben, aber irgendwann in ferner Zukunft. Nicht schon in zweiunddreißig kurzen Wochen!

Wie konnte Brynna nur die unerwartete Mutterschaft so ohne jedes Wenn und Aber akzeptieren?

Weil sie wusste, was sie wollte, erkannte er. Und das schloss ihre Karriere als Ärztin ebenso ein wie einen Ehemann und eine Familie. Ehe Dev Brynna getroffen hatte, war ihm nicht einmal bewusst gewesen, dass er sich eine Ehefrau wünschte. Doch auf den ersten Blick war ihm klar gewesen, dass sie die Richtige war.

Vielleicht würde es ihm mit dem Baby ja ähnlich gehen.

Dev legte die Hand aufs Gatter, und mit einem Mal traf ihn die Erkenntnis wie ein Blitz. Seine Frau wollte eine Familie. Ein Baby. Beides hatte er ihr bereits gegeben. Ein starker männlicher Stolz erfasste ihn bei diesem Gedanken. Sei’s drum! Vielleicht wurden sie früher Eltern, als er erwartet hatte, aber es war nun einmal geschehen, und er sollte dankbar dafür sein und glücklich.

In den letzten zwei Tagen nach ihrem unglücklichen Gespräch, war Brynna still und in sich gekehrt gewesen. Er hatte sie enttäuscht. Und zu allem Überfluss war er auch nicht zu Tucks Party erschienen. Sie hatte allen Grund, sauer auf ihn zu sein.

Er würde sie am Abend mit einem romantischen Essen überraschen. Er stellte sich ihre Freude und ihr Lächeln vor und war sich sicher, dass nun alles wieder gut werden würde. Es musste einfach so sein, denn die Kluft zwischen ihnen während der letzten Tage war unerträglich gewesen.

Das Klingeln des Telefons drang an sein Ohr, und er eilte aus dem Stall, da er sein Handy auf dem Sitz des Pick-ups liegen lassen hatte. Brynna rief ihn auch während des Tages manchmal an, wenn sie ein paar freie Minuten hatte. Er wollte ihren Anruf auf keinen Fall verpassen. Auf dem Display sah er die Nummer der Klinik. „Hey, meine Süße“, rief er ins Telefon.

„Danke“, erwiderte eine weibliche Stimme, „aber hier ist Rae Ann Benton. Wir haben Brynna gerade in ein Bett verfrachtet und werden jetzt einen Ultraschall machen.“

Dev hatte das Gefühl, einen Schlag in die Magengrube bekommen zu haben, und er musste nach Luft ringen, um zu fragen: „Was ist passiert?“

„Das kann ich noch nicht sicher sagen, aber es sieht so aus, als würde sie ihr Baby verlieren.“

Dev gefror das Blut den Adern. „Ich komme sofort.“ Er legte auf und sprang ins Auto. Eine Minute lang blieb er mit der Stirn auf dem Lenkrad sitzen … um sich zu sammeln? Um zu beten?

„Dev?“ Ash McDonough, einer der Farmarbeiter, blieb neben seinem Wagen stehen.

Dev richtete sich auf und startete den Motor. „Sag Colby, dass ich in die Stadt musste. Ich rufe ihn später an.“

„Alles in Ordnung?“, fragte Ash. „Ist es wegen des Feuers?“

„Nein. Wegen meiner Frau. Näheres weiß ich nicht.“ Er legte den Gang ein und fuhr los, wobei er eine Staubwolke hinter sich herzog.

Das war alles nur sein Fehler, weil er sie gestern so aufgeregt hatte. Nein, Unfug, alles würde gut werden. Brynna wünschte sich dieses Baby mehr als alles andere, und es würde nichts geschehen. Auch er wollte dieses Baby, das wurde ihm jetzt klar, und sein Herz raste in wilder Panik.

Die Fahrt schien nicht enden zu wollen, und als er schließlich die Klinik erreicht und sein Auto einfach im Halteverbot geparkt hatte, rannte er zur Auskunft. Nachdem er erfahren hatte, wo Brynna lag, jagte er die Gänge hinunter, bis er endlich vor ihrer Tür stand. Brynna lag im OP-Kittel auf einem Bett hinter einem grünen Vorhang und hatte einen Infusionszugang auf dem Handrücken.

Dev eilte zu ihr und legte ihr die Hand auf den Arm. „Alles okay?“

Eine Träne lief ihr aus dem Augenwinkel, und sie presste die blassen Lippen zusammen. „Nein“, schluchzte sie. „Ich verliere das Baby, Dev.“

O mein Gott. Dev war wie betäubt. Warum? Warum musste das passieren? „Kann man denn gar nichts tun?“

Sie schüttelte den Kopf. „Der Muttermund ist geweitet, und auf dem Ultraschall konnte man sehen … dass der Fötus nicht mehr lebt.“

Sie wischte sich die Tränen vom Gesicht. „So früh in der Schwangerschaft nennt man es ‚spontaner Abort‘, eine Art natürlicher Ausleseprozess, wahrscheinlich aufgrund einer genetischen Anomalie. Vielleicht hat mein Körper auch nicht genügend Hormone produziert, oder ich hatte eine Immunreaktion auf den Embryo.“

Dev hörte sich ihre medizinische Erklärung an, verstand sie auch und konnte sie dennoch nicht mit dem Baby verknüpfen, das sie erwarteten. „Es tut mir so leid“, murmelte er leise.

Brynnas Unterlippe bebte, und er beugte sich zu ihr. Sie legte ihren freien Arm um seinen Hals und umarmte ihn fest.

„Wir schaffen das zusammen“, versicherte er ihr hilflos.

„Ich weiß.“ Ihre Worte wurden durch sein Hemd gedämpft. „Es ist nur … auch wenn ich versuche, professionell zu sein …“

„Das musst du nicht“, sagte er. „Es war unser Baby.“ Er strich ihr das Haar aus dem Gesicht.

Sie ließ den Kopf zurück auf das Kissen sinken und sah mit tränenverschleierten Augen zu ihm auf.

„Ich dachte, wir hätten zu Weihnachten ein Baby“, stammelte sie. „Ich wollte für uns drei Stiefel mit Geschenken füllen.“

Tiefe Trauer erfüllte Dev, und er hätte gern mit ihr geweint, doch er tat es nicht. Er zwang sich, stark zu sein, und überlegte fieberhaft, wie er seine Frau trösten könnte. „Wir werden ein anderes Baby haben“, versprach er ihr.

Sie nickte zwar, war jedoch offensichtlich wenig überzeugt von seinen Worten.

Der Gedanke an ein Kind hatte inzwischen auch in ihm zu wachsen begonnen, und er empfand tiefe Trauer über den Verlust – wie traurig musste dann sie sich erst fühlen? Verzweifelt suchte er nach Worten, um ihr über diesen tragischen Augenblick hinwegzuhelfen.

„Wir hatten doch diese Safari in Kenia im Frühjahr geplant“, erinnerte er sie. „Weißt du noch? Wie hätten wir das mit einem Baby machen sollen? Wir haben so viele Pläne. Jetzt können wir all die Dinge tun, die wir machen wollten, und später immer noch ein Kind haben.“

Als er ihre entsetzte Miene sah, wurde ihm bewusst, dass er etwas Verkehrtes gesagt hatte.

Der Schmerz und die Enttäuschung in ihrem Blick waren so tief, er musste sie in ihrem Innersten getroffen haben. Er war ein Idiot. „Du möchtest all diese Dinge tun, Dev“, flüsterte sie. „Nicht ich. Ich wollte dieses Baby.“

Ihm fiel nichts ein, was er als Entschuldigung hätte sagen können. „Ich wollte dieses Baby auch“, erwiderte er schließlich.

„Ich möchte, dass du jetzt gehst“, sagte sie, schloss die Augen und drehte den Kopf zur Wand. Sie glaubte ihm nicht. Warum auch?

„Ich möchte hier bei dir sein.“

„Du findest sicher eine bessere Beschäftigung für diesen Nachmittag“, antwortete sie sarkastisch. Als es ginge es ihm nur um sein Vergnügen.

„Lass mich jetzt bitte allein“, fügte sie hinzu.

„Wie lange wirst du hierbleiben müssen?“

„Nur so lange, bis die Fehlgeburt beendet ist.“ Ihre Stimme zitterte. „Danach kann ich nach Hause.“

Entsetzt über seinen eigenen Fehler trat er einen Schritt vom Bett weg. „Ich warte draußen.“

„Ich will, dass du gehst.“

Sein Schmerz wurde so groß, dass er sich unwillkürlich die Hand auf die Brust legte. Bemerkte sie denn nicht, dass auch er litt? Doch schnell verwandelte sich der Schmerz in Ärger. Er drehte auf dem Absatz um und stürmte aus dem Raum.

Draußen knallte ihm die heiße Sonne Montanas auf den Kopf, und er fragte sich geistesabwesend, wo er wohl seinen Hut gelassen hatte. Er stand eine Weile neben seinem Truck, ohne zu wissen, wohin er gehen und was er tun sollte. Seine Welt war aus den Fugen geraten – und er hatte keine Ahnung, wie er den Schaden beheben sollte.

Brynna starrte an die Decke und kämpfte gegen das Schluchzen, das sie innerlich fast zerriss. Wenn sie erst einmal zu weinen anfing, würde sie nicht wieder damit aufhören können. Dann würde man ihr Beruhigungsmittel geben müssen und sie zum Psychologen schicken. Dabei wusste sie genau, was mit ihr los war. Devs Worte hatten ihr den wahren Charakter ihres Ehemanns enthüllt.

Schon seine Reaktion auf ihre Schwangerschaft hatte sie tief enttäuscht. Doch sein heutiges Verhalten hatte ihr das Herz gebrochen. Er war erleichtert gewesen! Alles, was ihn von seinen Vergnügungen abhielt, war ihm lästig. Wie das Baby. Wie sie. Und diese Last wollte sie ihm nicht sein. Wenn er für eine Familie nicht bereit war, würde sie ihn nicht darum bitten.

Rae Ann erschien und maß ihren Blutdruck. Ihre ruhige professionelle Berührung tröstete sie mehr, als Dev es vermocht hatte.

Abends um sechs verließ Brynna die Klinik. Emma fuhr sie nach Hause. Es war ihr peinlich gewesen, der älteren Frau erklären zu müssen, dass sie Dev weggeschickt hatte. Doch ihr war nichts anderes übrig geblieben, sonst hätte die Krankenschwester ihn angerufen, damit er sie abholte.

„Du solltest dir ein paar Tage freinehmen, um dich zu erholen“, sagte Emma.

„Mir geht es gut. Ich kann arbeiten.“

„Vielleicht geht es dir körperlich gut, aber du musst das Ganze ja auch emotional verarbeiten, und das dauert seine Zeit. Glaub mir, ich weiß das.“

„Dir ist das auch schon passiert?“

Emma nickte. „Zwei Mal.“

„Na gut, vielleicht bleibe ich ein paar Tage zu Hause.“

„Tu das.“ Emma parkte in der Einfahrt.

Brynna starrte auf den Pick-up vor der Garage und öffnete schließlich die Beifahrertür, um auszusteigen. „Vielen Dank noch mal.“

Sie ging ins Haus, wo mehrere Lampen brannten und leise Musik aus der Stereoanlage drang. Dev kam aus der Küche und hielt inne, als er sie sah. „Alles okay, Brynn?“

Sie nickte und legte ihre Tasche ab. Es ging ihr so gut, wie es einem eben gehen konnte, wenn man an einem einzigen Nachmittag ein Baby und einen Traum verloren hatte.

„Ich habe dir etwas zu essen gemacht.“

„Ich möchte nichts essen.“

„Das solltest du aber.“

Sie sah ihn an. Er machte sich Sorgen um sie. Doch leider hatte er nicht den geringsten Bezug zu den Dingen, die ihr wichtig waren. Es war ein großer Fehler gewesen, ihn zu heiraten.

„Schau mal.“ Er hatte auf dem Sofa ein gemütliches Nest aus Kissen und Decken vorbereitet. „Setz dich und leg die Füße hoch.“

Die strenge Kontrolle, die Brynna immer über ihr Leben gehabt hatte, war ihr so gefährlich entglitten, dass sie sich selbst nicht mehr kannte. Seit dieser Mann in ihr Leben getreten war, hatte sie falsche und irrationale Entscheidungen getroffen, die ihr Angst machten. Sie war dabei, alles zu verlieren. Beherrschtheit. Geduld. Orientierung.

Sie hatte ihr Baby verloren, und das Leben war ihr noch nie so schal erschienen. Doch es würde noch schlimmer kommen. Mit den Worten, die sie gleich aussprechen musste, würde sie den Mann verlieren, den sie liebte. Doch um ihrer selbst willen musste sie ehrlich sein. Ihr Herz hatte Dev bereits gebrochen, also hatte sie nichts mehr zu verlieren.

Brynna atmete tief ein und sah ihm in die Augen. Irgendwo in ihrem Innern fand sie den Mut, zu sagen, was sie sagen musste.

„Dev, ich möchte, dass du gehst.“

4. KAPITEL

Dev drehte sich langsam zu ihr um. „Wohin soll ich gehen?“

„Keine Ahnung. Flieg irgendwohin, wo du Spaß haben kannst. Nur bleib nicht hier.“

„Aber hier ist mein Platz, hier bei dir. Ich möchte nicht weg.“

Brynna musterte ihn. Seit seinem Besuch in der Klinik hatte er geduscht und sich umgezogen. Er war der attraktivste Mann, den sie kannte. Ihn nur anzusehen, ließ ihr Herz schneller schlagen. „Ach nein?“

„Nein.“

„Ich denke, du solltest jetzt deine Sachen packen und gehen.“

„Packen“, wiederholte er und schaute sie entgeistert an. „Ausziehen? Du willst, dass ich ausziehe?“

Sie blieb stumm.

„Brynna, womit um Himmels willen habe ich dich so verärgert?“

„Ich bin nicht sauer, ich habe nur keine Lust mehr, mich selbst zu betrügen. Und ich weiß jetzt, dass es nicht funktioniert.“

„Was funktioniert nicht?“

„Unsere Ehe.“

Er sah sie unverwandt an. „Bis jetzt hat sie doch super funktioniert. Aber plötzlich kann ich dir nichts mehr recht machen. Ich weiß, ich sage und tue oft das Falsche, aber hab doch bitte etwas Nachsicht. Ich bin auch nur ein Mensch. Was ich heute Nachmittag gesagt habe, war total verkehrt, das weiß ich selbst.“

„Es hat überhaupt nicht super funktioniert bisher“, widersprach sie ihm. „Du hast nur die Augen davor verschlossen, dass wir nicht die gleichen Ziele haben. Du möchtest fliegen, wann immer dir danach zumute ist. Du möchtest den Cowboy spielen, du willst nach Kenia reisen. Ich dagegen wusste immer, was ich wollte – und dazu gehören ein Ehemann und eine Familie.“

„Ich wünsche mir auch eine Familie“, erwiderte er und bemühte sich, ruhig zu bleiben. „Ich habe nie etwas anderes behauptet.“

„Ach, wirklich? Jedenfalls bist du nicht gerade vor Freude im Viereck gesprungen, als du erfuhrst, dass ich schwanger war. Und kaum hatte ich das Baby verloren, da dachtest nur an deine wiedergewonnene Freiheit.“

„Das stimmt nicht. Ich …“

„Ich bin es leid, dir ein Klotz am Bein zu sein, Dev“, sagte sie resigniert. „Ich kann wegen meines Jobs nicht mit dir reisen, und ich erwarte nicht von dir, deshalb hier neben mir zu versauern.“

„Ich bitte dich! Ich war vielleicht ein paar Mal weg, aber …“

„Nein, es funktioniert nicht, zumindest nicht für mich. Wenn du nicht gehst, dann werde ich meine Sachen packen. Ich kann einstweilen zu Melanie.“

„Auf keinen Fall, das möchte ich nicht.“ Er stützte eine Hand in die Hüfte und schaute nachdenklich in die Ferne.

„Du gehst also?“, fragte sie und hasste sich dafür.

Jetzt erst blickte er sie wieder an, und sie wappnete sich gegen die verrückte Liebe und Leidenschaft, die sie für ihn empfand. Doch sie würde jetzt keinen Rückzieher machen.

„Wenn du das wirklich möchtest“, antwortete er in einem Ton, den sie noch nie von ihm gehört hatte. „Dann werde ich gehen.“

Sie ließ sich aufs Sofa fallen.

„Aber du solltest nicht allein sein“, fügte er hinzu. „Lass mich wenigstens heute Nacht hierbleiben.“

Wenn sie jetzt nachgab, würde sie immer nachgeben und nie bekommen, wonach sie sich wirklich sehnte. Sie wollte nicht allein sein, aber sie wollte auch nicht weiter an den Fehler erinnert werden, den sie mit dieser Heirat begangen hatte. Brynna hatte ihre Entscheidung getroffen und musste sie auch durchziehen. „Ich rufe Melanie an“, sagte sie. „Sie wird herüberkommen.“

„Können wir noch einmal über alles reden, wenn du dich ausgeruht hast?“

„Ich weiß nicht, worüber wir noch zu reden hätten“, erwiderte sie.

Wut flammte in seinem Blick auf. „Über uns. Über unsere Ehe“, antwortete er knapp.

„Darüber hätten wir früher reden sollen“, erklärte Brynna bestimmt.

Verletzt und zornig hastete Dev die Treppe hinauf. Er warf Kleidung, Rasierapparat und ein paar persönliche Dinge in einen Koffer und brachte ihn in die Diele hinunter. Dann holte er aus dem Schrank seine Jacke und einige Stetsons und hielt mit der Hand auf dem Türknauf kurz inne.

Sein Stolz verbot es ihm, sich noch einmal nach ihr umzublicken. Also öffnete er die Tür und schloss sie hinter sich mit einem endgültigen Klicken. Dann stand er auf der Veranda neben einem Topf weißer Geranien, die die Köpfe hängen ließen. Vielleicht sollte er Brynna wie jeden Abend daran erinnern, sie zu gießen.

Zur Hölle mit den Geranien. Er stürmte die Stufen hinunter zu seinem Truck. Weg von Brynna und ihrem Haus. Obwohl es auch sein Haus war. Sie hatten es knapp zwei Wochen nach ihrer Heirat gekauft und zu gleichen Teilen bezahlt.

Dev warf seine Sachen auf den Beifahrersitz und betrachtete den Garten, den sie gemeinsam angelegt hatten. Das hier war ihrer beider Zuhause … und er verließ es jetzt. Aber hatte er eine andere Wahl? Auf keinen Fall wollte er, dass Brynna in dieser schwierigen Situation auch noch ihr Heim verlor.

Zweifellos verdiente er ihren Ärger, er hatte sich benommen wie ein Idiot erster Klasse. Aber verdiente er es auch, hinausgeworfen zu werden? Vielleicht. Als sie ihn am meisten brauchte, hatte er ihr nicht beigestanden, sondern stattdessen etwas unglaublich Dummes gesagt.

Er ließ den Motor an und startete in Richtung der Ranch. Die ganze Fahrt über grübelte er über die verfahrene Situation nach, bis seine Stimmung schließlich auf dem Nullpunkt angelangt war. Im Grunde war es doch reichlich übertrieben von ihr, ihm derart heftige Vorwürfe zu machen und ihn für seine wenn auch unangemessenen Worte derart zu bestrafen. In ein oder zwei Tagen würde sie hoffentlich wieder zur Vernunft kommen, und dann wollte er ihr zeigen, wie man eine Entschuldigung mit Würde annahm. Er hoffte und betete nur, dass sie wirklich wieder zur Vernunft kam – egal wie lange es dauerte.

Als Brynna am nächsten Morgen in die Klinik kam, hatte sich die Nachricht über das Feuer auf Logan’s Hill bereits in Windeseile verbreitet. Bei den beiden Toten, die man gefunden hatte, handelte es sich um Wanda Cantrell, die Frau eines Lehrers der Rumor High School, und Morris Templeton, einen Tankwart und Kioskbetreiber. Wandas Ehemann Guy Cantrell wurde noch vermisst. Und natürlich grassierten wilde Spekulationen.

Brynna machte Visite und ging kurz vor Mittag nach Hause, um sich auszuruhen. Melanie erwartete sie bereits auf den Eingangsstufen. „Ich fasse es nicht, dass du tatsächlich in der Klinik warst. Gestern wolltest du nicht, dass ich noch vorbeikomme, und heute möchte ich nach dem Rechten sehen, da bist du ausgeflogen.“ Sie schloss Brynna in die Arme und drückte sie fest.

„Ich sagte dir doch, dass es mir gut geht“, meinte Brynna mit einem gezwungenen Lächeln, während sie mühsam versuchte, die Tränen zurückzuhalten.

„Das war ja wohl schlicht gelogen. Wo ist eigentlich dein Mann? Er hätte dir verbieten müssen, heute zur Arbeit zu gehen.“

Gefolgt von Melanie sperrte Brynna die Haustür auf und betrat das kühle Haus. Sie legte Schlüssel und Handtasche auf einen kleinen Tisch in der Diele und atmete tief durch. „Er ist weg. Ich habe ihn gebeten auszuziehen.“

Melanie starrte sie verständnislos an. „Was? Warum denn das?“

In knappen Worten versuchte Brynna ihrer Schwester zu erklären, was zu ihrer Entscheidung geführt hatte, und diese schien Brynnas verletzte Gefühle instinktiv zu verstehen.

„Setz dich, ich mache uns etwas zu essen“, sagte sie.

Brynna zog sich um und kuschelte sich dann auf das Sofa zwischen die Kissen und Decken, die Dev für sie vorbereitet hatte.

Wenig später erschien ihre Schwester mit zwei Tellern und Sandwichs und nahm ihr gegenüber Platz. „Wenigstens ist es dir erspart geblieben, eines Morgens aufzuwachen und festzustellen, dass du einen Macho geheiratet hast“, begann sie und biss in ein Thunfischsandwich.

„Was meinst du damit?“, fragte Brynna, erleichtert darüber, dass ihre Schwester offensichtlich mal wieder nur ihre eigenen Probleme im Kopf hatte und ihr keine unangenehmen Fragen stellte.

„Frank macht mich noch wahnsinnig. Manchmal glaube ich, ich halte es keine Sekunde länger mit ihm aus. Stell dir vor …“

Sie erzählte Brynna in aller Ausführlichkeit, warum ihr Mann nicht wollte, dass sie ein paar Stunden nebenbei arbeitete. Als ihre Schwester ihr schließlich mehrfach versichert hatte, dass sie jederzeit auf ihre beiden Söhne aufpassen könne, wenn es mit ihrem Dienstplan in der Klinik vereinbar sei, kamen sie endlich auf Brynnas Eheprobleme zu sprechen.

„Also, jetzt erzähl“, sagte Melanie, „hast du vor, Dev zu sagen, wie du dich fühlst?“

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