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Verheiratet mit einem Fremden/In den Armen des Milliardärs/Sehnsucht, die wie Feuer brennt

Yvonne Lindsay

Verheiratet mit einem Fremden

 

 

 

 

 

 

 

1. KAPITEL

Ich bin seine Frau?

Wie konnte sie so etwas nur vergessen haben?

Wie konnte sie jemanden wie ihn vergessen haben?

Belinda musterte den schweigsamen Fremden, der neben ihrem Vater an ihrem Krankenhausbett stand. Er war groß, und nach dem Sitz seines Designeranzuges zu schließen, schien er in letzter Zeit Gewicht verloren zu haben. Die linke Hand hatte er in die Hosentasche gesteckt, mit der rechten umfasste er einen glänzenden schwarzen Gehstock.

Sie wusste nicht einmal, wie er hieß. Wie konnte sie mit einem Mann verheiratet sein, dessen Namen sie nicht kannte? Panik stieg in ihr auf.

Der Blick seiner grün schimmernden Augen ruhte unverwandt auf ihr. Hinter seiner unbewegten Miene war eine schwer zu deutende Regung erkennbar – war es Zorn? Die markanten Züge seines Gesichts deuteten zumindest darauf hin, dass er einen eisernen Willen und wenig Geduld hatte.

Belinda schluckte, um die Angst zu bekämpfen. Würde man wirklich von ihr erwarten, bei diesem Mann zu bleiben, der ein Fremder für sie war? Sie warf ihrem Vater einen Blick zu. Sein Lächeln wirkte angespannt, er war nervös. Plötzlich erschien die Aussicht, ihr Krankenzimmer und das Auckland City Hospital zu verlassen, gar nicht mehr so attraktiv.

„Wenn Sie wirklich mein Ehemann sind, warum waren Sie dann nicht hier in der Klinik, so wie meine Eltern? Ich bin schließlich schon vor zwei Wochen aus dem Koma erwacht.“ Ihr vorwurfsvoller Ton klang selbst in ihren Ohren seltsam schrill.

Ihr Vater und der Fremde wechselten einen kurzen Blick.

„Nun?“ Unter der Bettdecke ballte sie die Hände zu Fäusten.

„Ich bin bei dem Unfall ebenfalls verletzt worden, doch jetzt bin ich so weit genesen, dass ich nach Hause kann – zusammen mit dir.“

Instinktiv spürte sie, dass dies bestenfalls die halbe Wahrheit war. In den vergangenen Wochen war sie von den Ärzten und Schwestern ebenso wie von ihren Eltern mit Samthandschuhen angefasst worden. Sie erhielt medizinische Auskunft über ihren Zustand, aber sonst keine Informationen. Nicht einmal über den Unfall, durch den sie vier Wochen lang im Koma gelegen hatte, wusste sie Näheres.

Nach zahlreichen Tests und Untersuchungen waren die Ärzte zu dem Schluss gekommen, dass ihre Amnesie nicht durch die Kopfverletzung verursacht worden war. Sie hatte gedämpfte Gespräche aufgeschnappt, in denen von „Trauma“ und „hysterischer Amnesie“ die Rede war.

Die Ausdrücke hatten sie erschreckt. War sie etwa verrückt? Und was hatte es zu bedeuten, dass sie sich weder an den Unfall noch an ihre Ehe oder ihren Ehemann erinnern konnte? Gab es etwa einen guten Grund, all das zu vergessen?

Wieder schaute sie den Fremden an. Sein Klinikaufenthalt erklärte, dass der Anzug ihm nicht richtig passte. Sie hatte den Eindruck, er war ansonsten ein Mann, der auch auf kleine Details Wert legte. Vermutlich war es kein Zufall, dass er am selben Tag entlassen wurde wie sie.

Verärgert runzelte sie die Stirn.

Man hatte sie hereingelegt.

„Nein. Ich werde nicht mit Ihnen nach Hause gehen. Ich kenne Sie ja nicht einmal.“ Die Panik in ihrer Stimme war jetzt unverkennbar.

Der Unbekannte musterte sie eindringlich. „Ich bin Luc Tanner, und du bist Belinda, meine Frau. Natürlich werden wir gemeinsam nach Hause gehen.“ Er warf ihrem Vater einen Blick zu. „Glaubst du denn wirklich, dein Vater würde zulassen, dass du mit mir kommst, wenn er nicht sicher wäre, dass es das Richtige ist? Sei ganz beruhigt, du kennst mich sehr gut.“

In seinen Worten schwang ein seltsamer Unterton mit, der sie erschauern ließ. Belinda bemühte sich, die Fassung wiederzugewinnen. Was der fremde Mann – Luc, wie sie ihn wohl nennen sollte – sagte, klang schlüssig. Dennoch …

„Vielleicht sollte ich erst einmal bei meinen Eltern bleiben“, sagte sie zögerlich. „Zumindest so lange, bis meine Erinnerung zurückkehrt.“

„Und wenn das nicht passiert? Vergessen wir unsere Ehe dann einfach? Das Versprechen, das wir einander gegeben haben?“

Ein leicht bedrohlicher Ton lag in seiner Stimme, aber sie musste ihm recht geben. Was war, wenn die Erinnerung an die letzten Monate nicht zurückkehrte? Und warum konnte sie sich an so vieles erinnern, aber nicht an ihre Ehe, ihre Hochzeit oder die Liebe, die sie anscheinend füreinander empfanden?

Bei diesem Gedanken überlief sie eine plötzliche Erregung. Auch wenn ihr Gehirn sich weigerte, ihr Körper konnte sich nur zu deutlich an ihn erinnern. Trotz seiner Unnahbarkeit war Luc ein äußerst attraktiver Mann. Bei dem Gedanken daran, dass sie mit ihm intim gewesen sein musste, stieg ihr die Hitze in die Wangen.

Neugierig musterte sie sein Gesicht, den leichten Bartschatten, die dünne Narbe an seinem Unterkiefer und den sinnlich geschwungenen Mund. Hatte sie in seinen Armen gelegen, seinen Duft eingeatmet, ihre Finger durch das kurz geschnittene dunkle Haar geschoben, während er in ihr war?

„Belinda, ich weiß, dass du Angst haben musst, aber ich bin dein Mann.“

Seine dunkle Stimme klang wie eine zärtliche Liebkosung. Anscheinend hatte er beschlossen, die Taktik zu wechseln.

„Wenn du mir nicht vertrauen kannst, wem dann? Wir werden das hier gemeinsam durchstehen. Und sollte deine Erinnerung nicht zurückkehren, dann werden wir neue Erinnerungen für dich schaffen.“

Neue Erinnerungen. Warum klang das so seltsam in ihren Ohren?

Sie warf ihrem Vater einen zögerlichen Blick zu.

„Er hat ganz recht, Schätzchen“, sagte Baxter Wallace. „Und außerdem haben deine Mutter und ich eine Reise geplant. Wir haben sie nach deinem Unfall natürlich verschoben, aber jetzt, da es dir und Luc besser geht, würden wir gerne fahren. Wenn du mit Luc nach Hause gehst, wird alles in Ordnung kommen.“

Bildete sie sich das nur ein, oder klangen seine Worte etwas gezwungen?

„Die Ärzte sagen, dass du entlassen werden kannst. Es wird Zeit, nach Hause zu gehen.“ Luc streckte seine linke Hand aus, an der ein goldener Ring aufblitzte. Ein Ring, den sie ihm angesteckt haben musste, als sie ihm ihre Liebe erklärte.

Instinktiv warf sie einen Blick auf ihre Hand. Sie trug keinen Ring.

„Oh ja, natürlich.“ Luc schob eine Hand in seine Jackentasche und zog zwei Ringe heraus. Leicht hinkend trat er an ihr Bett. „Hier, lass mich.“

Seine Finger fühlten sich warm an, als er ihre Hand sanft, aber mit besitzergreifender Geste umfasste.

Er schob den Platinring mit den weißen Diamanten auf ihren Ringfinger. Die Edelsteine funkelten im Licht, und Belinda hielt den Atem an. Ein beängstigendes Déjà-vu-Gefühl überfiel sie. Das Bild, wie Luc ihr diesen Ring an einem anderen Ort und zu einer anderen Zeit ansteckte, stand ihr vor Augen. Erregung und Angst zugleich durchfluteten sie.

Vergeblich versuchte Belinda, die Erinnerung festzuhalten, sie verschwand so abrupt, wie sie gekommen war.

Sie bemerkte, dass Luc einen weiteren Ring auf ihren Finger schob. Der kunstvoll geschliffene blaugraue Diamant, der von kleineren weißen Steinen umgeben war, versprühte ein kaltes Feuer. Er war umwerfend schön.

„Habe ich den ausgesucht?“

Luc hob seine dunklen Augenbrauen. „Du kannst dich nicht daran erinnern? Eben dachte ich für einen Moment …“

Er hatte den kurzen Funken ihrer Erinnerung gespürt. Die Vorstellung, dass er sie so gut kannte, war beunruhigend, vor allem, da sie selbst nichts über ihn wusste.

„Nein“, flüsterte sie. „Ich kann mich nicht erinnern.“

„Ich habe den Ring an dem Tag in Auftrag gegeben, als ich dich zum ersten Mal gesehen habe.“

„An dem Tag, als wir … aber wieso?“ Verwirrt schaute Belinda ihn an.

Luke erwiderte ihren Blick. „Ich wusste schon an diesem Tag, dass du meine Frau werden würdest.“

Sie lachte gezwungen. „Und ich hatte dabei nichts zu sagen?“

„Belinda.“ Er sprach ihren Namen so zärtlich aus, dass es fast wie ein Streicheln war. „Du hast mich geliebt. Und du wirst dich wieder daran erinnern.“

Er hob ihre Hand an seinen Mund und küsste sie. Seine Lippen waren kühl auf ihrer erhitzten Haut, und ein erregender Schauer durchfuhr sie. Wie würde es sich anfühlen, wenn er ihren Mund küsste, sie streichelte und liebkoste? Würde das ihre gemeinsame Vergangenheit und die verlorenen Erinnerungen zurückbringen?

Luc zog sie an sich, die Hitze seines Körpers drang durch das dünne Krankenhausnachthemd. Unwillkürlich zuckte sie zurück, zu beunruhigend waren die Gefühle, die seine Nähe auslösten. Sein Körper war ihr fremd, dennoch fühlte sie sich zu ihm hingezogen. Wie war das möglich?

„Der Hubschrauber wartet bereits, und ich fürchte, wir können den Landeplatz der Klinik nicht viel länger blockieren.“

„Hubschrauber? Wieso fahren wir nicht mit dem Auto? Und wohin eigentlich?“

„Tautara Estate liegt südöstlich vom Lake Taupo. Vielleicht wird es deinem Gedächtnis helfen, wieder dort zu sein.“

„Lake Taupo – das ist fast vier Autostunden von hier. Was ist denn, wenn …“ Sie verstummte hilflos. Ja, was wenn? Es würde niemand da sein, um ihr zu helfen, wenn die Panik, die in ihrem Kopf lauerte, plötzlich ausbrach.

„Was meinst du?“, fragte Luc mit angespannter Stimme.

„Nichts.“ Belinda schaute nach unten, sodass die Haare ihr Gesicht verdeckten. Luc sollte nicht sehen, dass ihr Tränen in den Augen standen. Eine innere Stimme sagte ihr, sie sei dabei, einen schrecklichen Fehler zu begehen, aber sie wusste einfach nicht, wie der genau aussah. Ihre Ärzte waren der Meinung, die Erinnerung würde von selbst zurückkehren und dass es keinen Sinn hatte, es erzwingen zu wollen, aber in diesem Moment war die Dunkelheit in ihrem Kopf unerträglich beängstigend.

„Dann lass uns gehen.“

Belinda registrierte, dass Lucs Gang nicht vollkommen sicher war. War er wirklich schon gesund genug, um die Klinik zu verlassen? Instinktiv wusste sie, dass sie ihm diese Frage nicht stellen konnte. Er war zu stolz, um eine körperliche Schwäche einzugestehen. Sie drehte sich zu ihrem Vater um und umarmte ihn.

„Wir sehen uns bald, Dad. Sag Mum viele Grüße von mir.“ Sie versuchte, seiner Miene zu entnehmen, warum er sich ihr gegenüber so ausweichend verhielt, seit Luc aufgetaucht war. Er sah jedoch zur Seite und umarmte sie so fest, als würde er sie zum letzten Mal sehen.

„Natürlich, das mache ich“, sagte Baxter Wallace mit belegter Stimme. „Ihr ging es heute nicht so gut, daher ist sie nicht mitgekommen.“

„Baxter.“ Lucs Stimme verriet seine Ungeduld, und ihr Vater trat einen Schritt zurück.

„Geh nur, Schätzchen. Alles wird gut, du wirst schon sehen.“

„Natürlich wird alles gut. Warum auch nicht?“ Luc nahm ihren Arm und dirigierte sie zur Tür.

Kurz darauf, als der Hubschrauber vom Dach der Klinik startete, versuchte Belinda sich vergeblich daran zu erinnern, wieso sie sich jemals auf ihre Entlassung gefreut hatte. Sie hatte nichts bei sich außer den Kleidern, die sie trug, und den Ringen an ihrem Finger. Ringe, die ebenso wenig zu ihr zu gehören schienen wie der Mann, mit dem sie offenbar verheiratet war.

Sie schaute nach vorne, wo Luc neben dem Piloten saß. Ihr Ehemann, der dennoch ein Fremder für sie war und es vermutlich noch sehr lange bleiben würde.

Du hast mich geliebt. Und du wirst dich wieder daran erinnern.

Seine Worte hallten in ihrem Kopf nach, und ihr wurde plötzlich klar, dass er nicht über seine Gefühle zu ihr gesprochen hatte. Davon, dass er sie liebte, war nicht die Rede gewesen. Diese Erkenntnis war wie ein Schlag ins Gesicht.

Erleichterung durchflutete Luc, als sich der Hubschrauber Tautara Estate näherte, das spektakulär über einem wunderschönen Tal lag, durch das sich ein Fluss zum Lake Taupo schlängelte. Er war erschöpft und konnte sich nur mit Mühe davon abhalten, seine schmerzende Hüfte zu reiben. Nur widerwillig hatte er eingesehen, dass er selbst noch nicht in der Lage war, den Hubschrauber zu fliegen. Die gebrochene Hüfte, der Milzriss und eine Infektion heilten weitaus langsamer, als er es sich wünschte.

Dabei hatte die Tatsache, dass seine Frau nur einige Zimmer entfernt von ihm lag, wenn auch für die Ärzte in einem unerklärlichen Koma, schon erheblich zu seiner Heilung beigetragen. Als sie vor zwei Wochen aus dem Koma erwachte, hatte er bereits mit der Krankengymnastik begonnen. Auf keinen Fall wollte er bei seinem Wiedersehen mit Belinda als Krüppel erscheinen, daher hatte er sich selbst einer harten Tortur unterzogen.

Mit Erfolg. Er war fast zu Hause.

Mit ihr.

Der Hubschrauber folgte dem Lauf des Flusses, an den Luc seine prominenten Gäste oft zum Forellenangeln führte. Die vertraute Landschaft war Balsam für seine Seele. Hier, in seinem eigenen Revier, wo er alles unter Kontrolle hatte, würde er sich schneller erholen.

Er drehte sich zu Belinda um, die aus dem Seitenfenster blickte, und ein seltsamer Besitzerstolz durchströmte ihn. Sie war sein. Ob sie nun ihre Erinnerung zurückgewann oder nicht, schon bald würde es wieder so werden, wie er es von Anfang an geplant hatte – vor dem Unfall.

Der Blick ihrer blauen Augen war ernst, als sie sich umsah. Ihr Gesicht war blass, die Hände im Schoß zu Fäusten geballt. Sie hatte sich während des Fluges kaum gerührt.

Wie seltsam, dass sie sich nicht an ihn erinnerte, nicht an ihre Beziehung oder die Hochzeit. Auch an den Unfall erinnerte sie sich nicht, und zum Teil hoffte er, dass es so bleiben würde.

Als der Hubschrauber über Tautara Estate kreiste, trat ein Lächeln in sein Gesicht. Die Lodge, ein beeindruckendes Zeugnis seines Erfolges und seiner Macht, war inzwischen unter den Einflussreichen und Wohlhabenden dieser Welt bekannt. Für ihn war es zu dem Zuhause geworden, das er vorher nie gekannt hatte. Die Worte seines Vaters klangen ihm in den Ohren: Du wirst es nie zu etwas bringen. Dir wird niemals etwas gehören.

Du hattest unrecht, alter Mann, dachte er nicht zum ersten Mal. Ich habe es zu wesentlich mehr gebracht, als du dir jemals erträumt hast.

Oh ja, und schon bald würde alles wieder so werden wie früher.

Der Pilot landete den Hubschrauber, und Luc stieg aus, um Belinda aus der Kabine zu helfen. Schweigend gingen sie auf das Haupthaus zu, das direkt vor ihnen lag. Sie blieb abrupt stehen.

„Stimmt etwas nicht?“ Mühsam unterdrückte er den Impuls, sie einfach in seine Arme zu nehmen und über die Türschwelle zu tragen.

„Ich bin schon hier gewesen?“, fragte sie unsicher.

„Sicher. Sehr viele Male, auch vor unserer Heirat.“

„Ich müsste mich doch daran erinnern, aber das tue ich nicht. Da ist einfach … nichts.“

Angesichts ihrer hilflosen Verzweiflung verspürte er einen Anflug von Mitgefühl, der jedoch schnell wieder verschwand.

„Komm ins Haus, vielleicht hilft das deinem Gedächtnis weiter.“

Er griff nach ihrer Hand und stellte befriedigt fest, dass sie seine Finger fest umklammerte, fast so, als hätte sie Angst, allein zu sein. Mit einem grimmigen Lächeln schloss er die andere Hand fester um seinen maßgefertigten Gehstock, der ihn immer an die Verletzung erinnern würde, die das Resultat ihrer kurzen Ehe war.

Ob Belinda sich erinnerte oder nicht, sie war wieder dort, wo sie hingehörte. Als sie über die Türschwelle in die Eingangshalle mit der hohen Decke und dem traditionellen neuseeländischen Holzparkett traten, hätte er am liebsten einen Triumphschrei ausgestoßen.

Niemand widersetzte sich Luc Tanner, ohne dass es Konsequenzen hatte. Schon gar nicht seine schöne Ehefrau.

Belinda schaute sich um. Sie hatte das Gefühl, an einem völlig fremden Ort zu sein. Die Eingangstür mit dem kunstvoll verzierten Glas und dem Rahmen aus Rimu-Holz war ihr gänzlich unbekannt, und als sie mit klackernden Absätzen durch die Halle ging, gab es nur ein kleines Aufflackern in ihrem Kopf. Der Schatten einer Erinnerung, der sofort wieder verschwand.

„Ich bringe dich zu unserer Suite.“

„Unsere Suite?“

„Ja, Tautara Estate ist eine Luxuslodge für Gäste aus dem Ausland. Sie zahlen viel Geld, um ihre Privatsphäre zu genießen, aber ich bestehe auch auf meiner. Hier entlang.“

Er führte sie durch weitere Türen einen breiten Korridor entlang. Links von ihr bot eine durchgehende Fensterfront eine wunderbare Aussicht über das Tal und den Lake Taupo, der in der Ferne glitzerte. Die stille Schönheit der Landschaft stand in hartem Kontrast zu der nervösen Unruhe, die Belinda verspürte.

Am Ende des Korridors öffnete Luc eine Tür mit einer Key Card. Beim Anblick des luxuriösen Salons unterdrückte Belinda einen leisen Aufschrei. Er war mindestens doppelt so groß wie das Wohnzimmer in dem großzügig geschnittenen Zuhause ihrer Eltern in Auckland. Doppelt so groß und allem Anschein nach auch doppelt so luxuriös eingerichtet.

Sie ging vor Luc die Stufen hinunter, die in den Raum führten. Mit einer Hand strich sie über die schweren Pflanzenkübel und dann über das glänzende Klavier, das gleich links in einer Nische stand.

„Spielst du?“, fragte sie und schlug mit einem Finger eine der elfenbeinfarbenen Tasten an. Ein unmelodischer Ton erklang.

„Ab und an“, sagte Luc ausweichend.

Sie hob den Kopf und sah ihn zum ersten Mal, seit sie das Krankenhaus verlassen hatten, direkt an.

„Hast du mir vorgespielt?“

Die Antwort auf die Frage war auf einmal von großer Bedeutung. Das Klavier war wunderschön, und Musik konnte Leidenschaft und Emotionen ausdrücken, wenn Worte dazu nicht in der Lage waren. Als sie Luc ansah, schienen sich seine Augen zu verdunkeln. Die Narbe an seiner Wange verblasste, da er die Zähne zusammenbiss.

„Luc?“ Sie musste es wissen.

„Ja. Ja, ich habe für dich gespielt“, brachte er schließlich hervor.

In seinen Augen spiegelte sich plötzlich ein seltsames Feuer, das auf ihren Körper übergriff. Zwei rote Flecken erschienen auf seinen Wangen, und er spannte die Kiefermuskeln an. Sie konnte die Energie, die er ausstrahlte, förmlich spüren. Hatte er sie mit seiner Musik verführt? Hatten diese langen, kräftigen Hände zuerst ihre Magie auf den Klaviertasten entfaltet und danach auf ihrem Körper?

Eine Welle des Begehrens durchschoss ihre Glieder, ihr Atem wurde plötzlich schwer.

Belinda zwang sich, den Blick von ihm abzuwenden, und inspizierte den Rest der exklusiven Ausstattung des Salons. Der Raum war nicht nur sehr teuer eingerichtet, sondern wurde offensichtlich auch gerne und viel genutzt. Man sah, dass dessen Bewohner sich dort wohlgefühlt hatten. Zumindest bis vor dem Unfall.

„Ich zeige dir den Rest der Suite.“

„Ja, das ist eine gute Idee.“ Sie folgte ihm über ein paar Stufen auf der anderen Seite des Salons zu einem Essbereich und einer kleinen, aber sehr praktisch eingerichteten Küche. „Das heißt, du bist hier wirklich ganz unabhängig“, sagte sie.

„Wir sind es.“ Die Betonung, die er auf das Wort „wir“ legte, war nicht zu überhören.

„Die Lodge hat einen eigenen Fitnessbereich und einen Pool, und dort drüben kannst du den Tennisplatz sehen“, fuhr Luc fort und wies durch ein Fenster hinaus. „Mein Büro ist im Haupthaus.“

„Sind denn im Moment keine Gäste hier?“ Belinda blickte hinaus auf den leeren Tennisplatz.

„Nein. Nicht seit dem Unfall.“

Verwirrt runzelte sie die Stirn. „Aber ist das nicht ungewöhnlich? Hätte dein Personal den Hotelbetrieb nicht aufrechterhalten können, während du im Krankenhaus warst?“

„Natürlich hätten sie das. Sonst würde ich sie kaum beschäftigen.“

„Also, warum sind keine Gäste hier?“

„Für diesen Zeitraum war die Lodge aus persönlichen Gründen für Gäste geschlossen.“

Sie bemerkte, dass er seine Hand fester um den Knauf des Gehstocks schloss.

„Persönliche Gründe?“

„Unsere Flitterwochen, um genau zu sein.“

Belinda war bei seinem Tonfall zusammengezuckt. Er hatte die Worte ausgestoßen, als wären sie vergiftet.

Unsere Flitterwochen?

„Wie lange genau sind wir denn verheiratet?“, fragte sie mit zittriger Stimme.

„Nicht lange.“

„Luc! Sag es mir.“

„Die Ärzte sagen, dass du Zeit brauchst. Du sollst dich nicht überanstrengen.“

„Wie lange sind wir verheiratet?“, wiederholte sie und betonte jedes Wort deutlich, obwohl ihr Mund wie ausgetrocknet war.

„Etwas mehr als sechs Wochen.“

„Sechs Wochen? Aber das heißt ja …“ Sie sprach nicht weiter. Ihre Knie schienen unter ihr nachzugeben, und sie griff nach hinten, um sich an der Wand abzustützen.

„Ich hätte es dir nicht sagen sollen.“

Luc trat einen Schritt auf sie zu, aber Belinda hob abwehrend die Hände. „Nein, nicht. Es geht mir gut. Es war nur … etwas unerwartet. Das ist alles.“

Sechs Wochen? Das bedeutete, dass der Unfall sich kurz nach ihrer Hochzeit ereignet haben musste. Warum nur wollte ihr niemand Genaueres darüber erzählen? Und warum um Himmels willen konnte sie sich nicht erinnern?

Stumm schaute Luc sie an, dann wandte er sich um und öffnete die Tür zu einem pompösen Schlafzimmer. Automatisch ging ihr Blick zu dem großen Bett, das den Raum dominierte.

Trotz des großzügig geschnittenen Zimmers und der breiten Fensterfront, durch die das Sonnenlicht fiel, fühlte sie sich auf einmal beengt. Die Spannung zwischen Luc und ihr war mit den Händen greifbar. Noch immer starrte sie auf das Bett mit dem blau und grau gemusterten Überwurf aus schwerem Damast. Sie hatte noch gar nicht darüber nachgedacht, wo sie schlafen würde. Erwartete Luc etwa, dass sie die Nächte dort mit ihm verbrachte?

Die Vorstellung, wie ihre beiden Körper ineinander verschlungen auf diesem Bett lagen, raubte ihr für einen Moment den Atem. Sie räusperte sich.

„Ist dies das einzige Schlafzimmer?“

„Ja. Wenn wir erst eine Familie haben, werden wir diesen Teil der Lodge vergrößern. Die Pläne existieren bereits.“

„Ich würde lieber woanders schlafen.“

„Das geht nicht.“

„Wie bitte?“

„Du bist meine Frau. Du schläfst bei mir.“

„Aber …“

„Hast du etwa Angst vor mir, Belinda?“

Luc trat so nahe heran, dass sie sein Aftershave riechen konnte. Er strich eine Strähne ihres Haares zurück. Sie bog den Kopf zur Seite, dennoch spürte sie, wie Hitze in ihre Wangen schoss.

„Angst? Natürlich nicht.“ Das war gelogen. Sie war in Panik. Was sie anging, hatte sie diesen Mann erst in dem Augenblick kennengelernt, als er vor ein paar Stunden ihr Krankenzimmer betrat.

„Glaubst du etwa, ich würde mich dir aufzwingen?“ Er strich über ihr Haar und sah sie an.

„Ich … ich weiß nicht“, stammelte Belinda. „Ich kenne dich ja nicht.“

„Oh, da liegst du grundlegend falsch, meine Liebe. Du kennst mich sehr, sehr gut.“

Er beugte sich vor, und noch bevor sie seine kühlen Lippen auf ihrem Mund spürte, sah Belinda einen seltsamen, fast besessenen Ausdruck in seinen Augen. Sie erstarrte unter seiner Berührung, aber gegen ihren Willen reagierte ihr Körper auf seine Liebkosung. Er küsste sie fester, voller Verlangen, dem sie automatisch nachgab.

2. KAPITEL

Beinahe hätte Belinda die Arme gehoben, sie um seinen Nacken geschlungen und sich an ihn geschmiegt, um das plötzlich in ihr aufflammende Begehren zu stillen. Luc ließ seine Zunge zwischen ihre Lippen gleiten und erkundete ihren Mund. Sie sehnte sich nach seiner Berührung, sehnte sich danach, von ihm aus der Dunkelheit des Vergessens erlöst zu werden.

Plötzlich trat er einen Schritt zurück.

„Siehst du, wir sind einander gar nicht so fremd, wie du glaubst.“ Sein funkelnder Blick schien sie förmlich zu durchbohren und zum Widerspruch herauszufordern. „Von Aufzwingen kann gar keine Rede sein.“

Humpelnd wandte er sich zur Tür und ließ sie stehen.

„Wohin gehst du?“, fragte sie. Sosehr seine Gegenwart und ihre eigene Reaktion darauf sie auch verunsicherten, sie wollte erst recht nicht allein sein. „Du musst müde sein. Dein Hinken ist schlimmer geworden.“

Sobald sie die Worte ausgesprochen hatte, wusste sie, dass es ein Fehler gewesen war. Luc Tanner war kein Mann, der gerne an seine Schwächen erinnert wurde.

„Oh, Belinda, du klingst ja fast wie eine besorgte Ehefrau.“ Er warf ihr ein kaltes Lächeln zu. „Ich muss mich um mein Geschäft kümmern, das schon viel zu lange ohne mich auskommen musste. Ruh dich aus bis zum Abendessen.“

Er drehte sich um und verließ den Raum.

Wer war dieser Mann, den sie geheiratet hatte? Was hatte sie an ihm angezogen? Und was um alles in der Welt hatte ihn an ihr angezogen?

Belinda legte ihre zittrigen Finger auf ihren Mund. War es zwischen ihnen nur um die körperliche Anziehung gegangen? Nach ihrer Reaktion auf seinen Kuss zu schließen, war das durchaus möglich. Dabei hatte Sex in ihren früheren Beziehungen nie eine große Rolle gespielt, sie war immer eher zurückhaltend gewesen, um es diskret zu umschreiben. Bei Luc jedoch hatte sie das Gefühl, dass sich hinter seiner kühlen Fassade alles andere als Zurückhaltung verbarg.

War es diese Wildheit, die sie angezogen hatte, weil sie ihrer sicheren Welt entkommen wollte? Sie hatte in den vergangenen Jahren ihre vielversprechende Karriere als Landschaftsgärtnerin zurückgestellt, um ihrem Vater zu helfen. Nachdem die Gesundheit ihrer Mutter sich zunehmend verschlechtert hatte, hatte sie sich um die Veranstaltungen in seinen Hotels gekümmert. Ihr eigener Beruf war von ihren Eltern und ihren beiden älteren Schwestern immer als kleines Hobby abgetan worden, egal, wie viele Magazine über die von ihr gestalteten Gärten berichteten.

Nachdenklich ließ sie sich auf die Couch vor dem Fenster sinken. Sie konnte sich an alles erinnern, was geschehen war, bevor sie Luc traf. Warum nur hatte sie alle Erinnerungen an die Zeit mit ihm ausgeblendet?

Gab es einen guten Grund dafür?

Die Frage ließ einen Kälteschauer über ihren Rücken rieseln.

Energisch erhob Belinda sich von der Couch. Sie musste etwas finden, das ihr Gedächtnis anregte. Luc hatte gesagt, dass sie schon oft hier gewesen war. Es musste doch irgendwelche Spuren von ihr geben, irgendetwas Vertrautes.

Zögernd blieb sie vor einer Tür stehen, unsicher, was sie dahinter erwartete. Die Aussicht, die Wahrheit über ihre Vergangenheit zu entdecken, war ebenso verlockend wie beängstigend.

Erleichtert stellte Belinda fest, dass die Tür in ein exklusiv ausgestattetes Badezimmer führte. Hinter einer verglasten Wand befand sich eine große Badewanne, eine zweite war neben der breiten Kommode eingebaut, und an der hinteren Wand sah sie einen Duschbereich, der offensichtlich ebenfalls für mindestens zwei Personen ausgerichtet war.

Mit einem Lächeln bemerkte sie, dass die Kosmetikartikel in der Dusche und auf der Badezimmerkommode ihr gehörten. Der Anblick ihres Lieblingsparfüms und ihrer Bodylotion wirkte so natürlich, als würden sie genau hier hingehören. Sie griff nach der Tube und drückte eine kleine Menge duftende Lotion heraus, um sie auf ihren Armen zu verreiben. Der vertraute Geruch beruhigte ihre Nerven.

In einer Schublade, die sie aufzog, befanden sich ihr Make-up und weitere Kleinigkeiten, die unbestritten ihr gehörten. Allmählich ließ die Spannung, die ihren Körper erfüllt hatte, nach. Sowenig sie Luc auch zu kennen meinte, sie war hier offensichtlich zu Hause. Dies waren ihre Sachen.

Ermutigt durch diese Entdeckung, setzte sie ihre Suche fort und öffnete die andere Tür, die von ihrem Schlafzimmer abging. Mit einem leisen Lachen stellte sie fest, dass sie tatsächlich „ihr“ Schlafzimmer gedacht hatte. Das war ein gutes Zeichen.

Vor ihr öffnete sich ein Ankleidezimmer mit großen Kleiderschränken auf beiden Seiten. Dies war Lucs Garderobe und ihre. Sie ließ ihre Hände über legere Kleidungsstücke und exklusive Abendkleider gleiten, in der Hoffnung, etwas davon wiederzuerkennen.

Erschauernd griff sie nach einem Teil, das sich noch in der Schutzhülle der Wäscherei befand, und zog es heraus. Selbst durch das Plastik hindurch konnte sie die zahlreichen glitzernden Perlen erkennen, die wie Tränen auf dem Satinoberteil eines elfenbeinfarbenen Hochzeitkleides funkelten.

Belinda zog die Hülle ab. Dies war ihr Hochzeitskleid. Sie musste bei diesem Anblick doch etwas fühlen, irgendeine Emotion, irgendeine Erinnerung musste einfach noch in ihrem Kopf vorhanden sein. Sie hielt das Kleid an ihren Körper, betrachtete sich in dem großen Spiegel und versuchte sich vorzustellen, wie sie ausgesehen hatte, als sie durch die Kirche auf Luc zugegangen war, um ihm Liebe und Treue zu schwören.

Nichts.

Sie runzelte die Stirn, als sich ein Anflug von Kopfschmerzen bemerkbar machte. Frustriert schob sie die Hülle wieder über das Kleid, um es zurück in den Schrank zu hängen. Dabei streifte sie mit der Hand den Zettel von der Wäscherei. Sie riss ihn ab und erstarrte, als sie las, was dort stand. Es war der Hinweis, dass es gelungen war, die Blutflecken vollständig zu entfernen.

Blut. Wessen Blut? Ihres oder Lucs?

Sie rieb sich die schmerzende Stirn und versuchte fast gewaltsam, eine Erinnerung heraufzuzwingen, aber das Einzige, was sie erreichte, war, dass ihre Kopfschmerzen stärker wurden. Was immer sie aus ihrer Vergangenheit verdrängte, es blieb verborgen.

Nachdem sie einige weitere Schubladen durchsucht hatte, fand sie schließlich ein paar alte Jeans und einige T-Shirts, die zwar gewaschen, aber noch immer voller grüner Flecken waren. Belinda sank vor dem Schrank auf die Knie und zog die Sachen heraus.

Das war ihre Gartenkleidung. Ihr Herz begann schneller zu schlagen. Endlich hatte sie etwas wiedererkannt. Mit zitternden Händen streifte sie ihre Schuhe ab und zog die Kleider aus, die ihre Eltern ihr ins Krankenhaus gebracht hatten. Sie schlüpfte in die Jeans, die ein wenig zu weit war, da sie in der Klinik abgenommen hatte. Sie schnallte den Gürtel etwas enger, als sie es offenbar sonst getan hatte, und zog lächelnd eines der T-Shirts an. Oh ja, das fühlte sich endlich richtig an. Wenn sie jetzt in den Garten ging, würden vielleicht weitere Erinnerungen zurückkehren.

Sie ließ ihre Kleidung einfach auf dem Boden liegen, griff nach einem Paar flacher Schuhe im Regal und ging zur großen Glasfront im Schlafzimmer. Eine Tür führte hinaus auf die Holzterrasse, und dort draußen hing der Duft von Blumen und Kräutern in der Luft.

Ein paar Stufen führten rechts in die gepflegte Gartenanlage des Grundstücks. Belinda eilte hinunter und sah sich suchend um, in der Hoffnung, die Erinnerung würde bei diesem Anblick zurückkehren.

Die Anlage war weitläufig, und so stand die Sonne schon tief am Himmel, als sie den Kräutergarten fand. Die schmalen Wege wurden von alten Mauersteinen gesäumt und führten in verschlungenen Mustern durch die üppigen Kräuterbeete, deren Duft die Abendluft erfüllte. Im Zentrum des Gartens stand eine Sonnenuhr, die tiefe Schatten auf die Rosmarinsträucher warf.

Rosmarin – für die Erinnerung. Wäre die Ironie des Hamlet-Zitats, das ihr durch den Kopf schoss, nicht so schmerzhaft, hätte Belinda beinahe drüber lachen können. Von allen Orten, die sie bisher gesehen hatte, war dies derjenige, an dem sie sich am ehesten zu Hause fühlte. Abwesend pflückte sie einen Zweig Rosmarin, rieb die Blätter zwischen ihren Fingern und atmete den würzigen Duft tief ein.

Plötzlich wusste sie es. Dies war ihr Garten. Sie hatte ihn geplant und den Standort jeder einzelnen Pflanze sorgfältig festgelegt. Die Petersilie hatte sie selbst gepflanzt, daran erinnerte sie sich genau. Dabei hatte sie gelacht, weil ihr eine Bemerkung ihrer Schwestern eingefallen war, die ihr gesagt hatten, nach dem Pflanzen von Petersilie würde man schwanger werden. Sie erinnerte sich sogar daran, dass sie in diesem Moment gehofft hatte, der alte Aberglaube würde auch bei ihr zutreffen.

Die Erinnerung daran traf sie buchstäblich wie ein Faustschlag in den Magen. Schwankend ging sie zu einer Steinbank und ließ sich daraufsinken. Sie erinnerte sich. Sie erinnerte sich genau an den Garten, es hatte Monate gedauert, ihn fertigzustellen, aber was war mit dem Rest? Sie musste hier Zeit mit Luc verbracht haben, ihre Beziehung hatte sich entwickelt, sie mussten Pläne für eine gemeinsame Zukunft geschmiedet haben.

Der Druck hinter ihrer Stirn wurde plötzlich unerträglich. Stöhnend schloss sie die Augen, und noch während sie langsam das Bewusstsein verlor, hallte eine Frage dröhnend durch ihren Kopf: War dies der Schmerz der Erinnerung oder der Schmerz des Bedauerns?

Luc warf seinen Montblanc-Füller zur Seite, ohne Rücksicht auf das wertvolle vergoldete Schreibutensil zu nehmen. Ungeduldig schob er seinen Schreibtischstuhl zurück. Er konnte einfach keinen klaren Gedanken fassen und wusste genau, wer daran schuld war.

Belinda.

Der Wunsch, sie zu besitzen, war wie ein Stachel, der in ihm bohrte. Er hatte sich zwingen müssen, sie allein zu lassen, ihr Zeit zu geben. Dabei wollte er ihr am liebsten nah sein, um sich ihr wieder einzuprägen, ihrem Gedächtnis ebenso wie ihrem Körper. Er hätte es tun können. Sie hatte sich seinem Kuss nicht widersetzt, im Gegenteil, aber sein abstruses Ehrgefühl beharrte darauf, dass die Initiative von ihr ausgehen musste.

Er erhob sich von seinem Stuhl und durchquerte das großzügig geschnittene Büro. Vom Fenster aus hatte er eine gute Aussicht über die Gartenanlage. Beim Anblick der jungen Frau in der alten Jeans und dem T-Shirt dachte er zuerst, dass sich jemand unberechtigt Zutritt zum Grundstück verschafft hatte, aber noch bevor er sie wirklich erkannte, verriet ihm die Reaktion seines Körpers, dass es Belinda war. Genau so hatte er auch reagiert, als er sie das erste Mal sah. Er hatte sofort gewusst, dass er sie besitzen wollte. Luc lächelte.

Die Erweiterung des kleinen Küchengartens war ein Vorwand gewesen, um sie nach Tautara zu locken. Er hatte gründlich recherchiert und wusste genau, dass sie der Versuchung, einen Kräutergarten von dieser Dimension anzulegen, nicht würde widerstehen können. Didier, der Chefkoch, den er von einem Fünfsternehotel an der Côte d’Azur abgeworben hatte, hatte schon länger darüber lamentiert, dass er für seine Kochkünste mehr frische Kräuter brauchte. Als der Garten fertiggestellt war, war Didier Belinda vor Dankbarkeit um den Hals gefallen.

Ihr langer Aufenthalt auf Tautara, unterbrochen von einigen Fahrten nach Auckland, um Veranstaltungen in den Hotels ihres Vaters zu organisieren, war der perfekte Hintergrund für sein Vorhaben gewesen. Sie war oft genug fort, um ihn zu vermissen und um einzusehen, dass sie ihn liebte und zu ihm gehörte, an seine Seite. Es hatte lange gedauert, aber am Ende hatte er sein Ziel erreicht.

Luc Tanner war schließlich ein Mann, der immer das bekam, was er wollte, und Belinda hatte er mit einer Intensität gewollt, die alles überstieg, was er bisher kannte. Er dachte an das erste Mal, als er sie gesehen hatte, in einem der Hotels, die Baxter Wallace gehörten.

Statt sie direkt anzusprechen, war er damals zu ihrem Vater gegangen. Baxter hatte ihm ins Gesicht gelacht, als er darum bat, seiner heiß geliebten jüngsten Tochter vorgestellt zu werden. Unverdrossen hatte Luc abgewartet und sie aus der Entfernung beobachtet. Er war sicher, dass seine Zeit kommen würde. Und er hatte recht behalten.

Wenige Monate später hatte Belindas Vater durch einen Kreditkartenbetrug in mehreren seiner Hotels Hunderttausende von Dollars verloren. Seine Bank hatte sich damals bereit erklärt, ihm einen Kredit zu gewähren. Kurz darauf jedoch wurde bei Baxters Frau eine seltene Form von Krebs diagnostiziert, die eine teure Behandlung nötig machte, die nicht durch die Krankenversicherung abgedeckt war. Dieses Mal hatten die Banken abgewinkt, und an wen hatte sich Baxter in seiner Verzweiflung gewandt?

An ihn, Luc Tanner.

Niemand sonst wäre bereit und in der Lage gewesen, ihm auszuhelfen. Sosehr es Baxter Wallace auch widerstrebte, gerade den Mann um Hilfe zu bitten, den er so brüsk abgewiesen hatte, war ihm nichts anderes übrig geblieben.

Sie hatten eine Vereinbarung getroffen. Eine Vereinbarung, die ihnen beiden zugutekam und deren Erfüllung nun davon abhing, ob Belinda ihr Gedächtnis zurückerlangte oder nicht.

Luc beugte sich vor, als er plötzlich sah, dass Belinda von der Bank rutschte, eine Hand an ihren Kopf gepresst. Etwas war geschehen. Er drehte sich zur Tür und rief nach Manu, seinem engsten Vertrauten.

Manu war lange vor ihm bei ihr, der seinen Stock krampfhaft umklammerte und einmal mehr diese Verletzung verwünschte, die es ihm unmöglich machte, seiner Frau zu helfen, wenn sie ihn brauchte.

„Was denkst du, ist sie in Ordnung?“, fragte er den Mann, dem er mehr vertraute als allen anderen.

Manu blickte auf, nachdem er Belinda kurz untersucht hatte. „Sie wacht schon wieder auf, es war nur eine kurze Ohnmacht, denke ich.“

Ungeschickt ließ Luc sich auf die Knie fallen und ignorierte den scharfen Schmerz, der durch seine Hüfte schoss. Er strich Belinda das Haar aus dem Gesicht, als sie langsam die Augen öffnete.

„Luc?“ Ihre Stimme war schwach, und sie blinzelte verstört.

„Du bist ohnmächtig geworden. Manu schaut, ob alles mit dir in Ordnung ist. Mach dir keine Sorgen, ich würde ihm mein Leben anvertrauen.“

„Alles in Ordnung, Luc. Sie hat keine Beule oder sonstige Verletzungen.“

„Wie fühlst du dich?“ Luc legte einen Arm um Belindas Schultern, als sie sich aufsetzte.

„Ich … ich weiß nicht, was passiert ist. In der einen Sekunde ging es mir gut, ich hatte nur etwas Kopfweh, und dann war da auf einmal dieser höllische Schmerz. Dann wart ihr auch schon da. Mehr weiß ich nicht.“

„Und jetzt? Sind die Kopfschmerzen verschwunden?“ Sobald sie wieder im Haus waren, würde er ihren Neurologen anrufen. Kopfschmerzen, die eine Ohnmacht verursachten, klangen beunruhigend.

„Sie sind fast weg. Mir geht es gleich wieder gut.“

Ihr blasses Gesicht strafte ihre Worte Lügen. Die beiden Männer stützten sie auf dem Weg zurück ins Haus, wobei Luc erneut gezwungen war, sich auf Manus Hilfe zu verlassen. Vor dem Unfall hätte er Belinda einfach hochgehoben und in ihr Zimmer gebracht, aber jetzt war er dazu nicht mehr imstande. Langsam betraten sie das Haus und fuhren mit dem Fahrstuhl in den ersten Stock zu ihrer privaten Suite.

„Ich werde dafür sorgen, dass euch das Abendessen gebracht wird“, sagte Manu, als er sie an der Tür verließ.

„Danke.“ Luc griff nach der Hand seines besten Freundes. „Für alles.“

„Kein Problem, Luc. Du weißt, dass ich immer für dich da bin.“

Luc nickte ihm kurz zu. Er und Manu hatten eine lange gemeinsame Geschichte, an deren Anfänge sich keiner von beiden gerne erinnerte. Als Teenager hatten sie das eine oder andere Mal das Gesetz gebrochen, in dem Versuch, sich den zerstörerischen Einflüssen ihrer Eltern zu entziehen.

Mit einem lauten Seufzer ließ Belinda sich auf eines der tiefen Ledersofas im Salon sinken.

„Ich rufe deinen Arzt an.“ Luc griff nach dem schnurlosen Telefon auf einem der Tische. Die Nummer des Spezialisten, der sich auf seinen Wunsch hin in der Klinik um Belinda gekümmert hatte, kannte er bereits auswendig.

„Nein, bitte. Lass das. Mir geht es gut, ich habe mich nur etwas überanstrengt. Ich habe versucht, eine Erinnerung herbeizuzwingen. Das war genau das, was ich nicht tun sollte.“

Sie stand auf und nahm ihm das Telefon aus der Hand. „Wirklich. Mir geht es gut.“

„Aber du wirst es mir sofort sagen, wenn diese Kopfschmerzen noch einmal auftauchen“, beharrte Luc.

„Ja, sicher.“ Sie wich seinem Blick aus.

Würde sie das wirklich tun? Ihre Körpersprache sagte etwas anderes, aber er gab ihrem Wunsch nach.

„Solange ich nicht davon überzeugt bin, dass sich so etwas nicht wiederholen wird, lasse ich dich nicht aus den Augen.“ Sein Tonfall machte klar, dass er keine Bitte äußerte, sondern einen Befehl aussprach.

„Das ist doch nicht nötig, abgesehen davon, dass es auch sehr unpraktisch ist“, gab Belinda zu bedenken.

„Diese Sorge überlass am besten mir.“ Er griff nach ihrer Hand und legte sie an seine Brust. „Ich habe dich schon einmal beinahe verloren. Ich bin nicht bereit, ein solches Risiko noch einmal einzugehen.“

Seine Äußerung verfehlte ihre Wirkung nicht, wie er sehen konnte. Belinda schien zu zittern, ihre Augen weiteten sich. Er wusste, dass seine Worte oberflächlich als Liebesbeweis eines frisch verheirateten Mannes gedeutet werden konnten. Die wahre Bedeutung dahinter kannte nur er.

Belinda lauschte dem Klang dessen, was Luc gerade gesagt hatte. Sie sollte sich beschützt fühlen, geborgen durch diesen Beweis seiner Fürsorge, stattdessen fürchtete sie sich. Luc hielt noch immer ihre Hand an seine Brust gepresst, sie konnte den kräftigen Schlag seines Herzens unter ihren Fingern spüren.

Mühsam versuchte sie die aufsteigende Erregung zu unterdrücken, die sie durchfuhr. Am liebsten hätte sie ihre Hand an seinem Körper hinabgleiten lassen und sie auf seinen Schoß gelegt. Als sie den Kopf hob, um ihn anzusehen, schlug ihr Herz schneller.

Sein Blick war unverwandt auf sie gerichtet, und unwillkürlich trat sie näher, bis sie dicht vor ihm stand, ihr Körper an seinen gedrängt. War sie wirklich auf ihn zugegangen, oder hatte Luc sie an sich gezogen? Belinda wusste es nicht, sondern spürte nur die festen Muskeln seiner Schenkel an ihren Beinen, ihre Hüfte an seiner.

Sie konnte sehen, dass seine Pupillen sich erweiterten, und hören, dass er die Luft anhielt. Oder vielleicht war sie es selbst, deren Atem stockte? Die Grenze zwischen ihren Körpern schien zu verschwimmen. Belinda befeuchtete ihre Lippen mit der Zunge, während Luc sie weiter ansah, die Augenbrauen zusammengezogen.

„Luc?“ Ihre Stimme klang heiser und fast flehentlich. Die Spannung in seinem Körper ließ nach, als er den Kopf senkte und sie küsste. Die Berührung seiner Lippen ließ sie beinahe erneut ohnmächtig werden, dennoch war da etwas, das sie davon abhielt, seiner Liebkosung nachzugeben. Unter größter Willensanstrengung trat sie einen Schritt zurück und löste ihre Hand von seiner Brust. Der Verlust des Körperkontakts war beinahe schmerzhaft.

Luc trat ebenfalls zurück und fuhr sich mit einer Hand durch das kurz geschnittene Haar. Diese Geste verriet Belinda mehr als tausend Worte. Also war ihr so kühl und souverän wirkender Ehemann doch aus dem Gleichgewicht zu bringen. Leider verlieh ihr diese Erkenntnis nicht das Gefühl von Macht, auf das sie gehofft hatte.

„Ich werde vor dem Abendessen noch duschen. Komm doch mit.“

Seine Einladung – oder war es eher ein Befehl? – schien in der Luft zu schweben, während Luc die Stufen zu ihrem Schlafzimmer hinaufhumpelte, das Geräusch seines Gehstocks ein dumpfes Hämmern auf dem Boden.

Die spontane Ablehnung blieb Belinda im Hals stecken. Sie waren schließlich verheiratet, so unwahrscheinlich ihr diese Tatsache auch erschien. Würde sie es wagen, sich vor ihm nackt zu zeigen? Würde seine Berührung weitere Erinnerungen zurückbringen? Sie trat einen Schritt vor, dann war die Angst wieder größer als ihre Neugier, und sie blieb stehen.

„Belinda, ich meinte ernst, was ich vorhin gesagt habe. Ich will dich nicht aus den Augen lassen.“ Luc drehte sich an der Treppe nach ihr um. „Du brauchst nicht mit mir zu duschen, wenn du nicht möchtest, aber ich will, dass du bei mir bist. Im selben Raum.“

Sie versuchte, seine Worte zu deuten. War das etwa ein Test?

„Okay“, antwortete sie schließlich. „Ich glaube, ich werde lieber ein Bad nehmen.“

„Ich werde es dir einlassen.“

„Das kann ich doch selbst tun.“

„Natürlich kannst du das.“ Sein Tonfall war etwas herablassend. „Aber lass es mich bitte machen. In den letzten sechs Wochen habe ich nicht viel für dich tun können.“

Auch diese Worte schienen eine verborgene Botschaft zu enthalten, die ihr ein unbehagliches Schaudern verursachte. Verstimmt schüttelte Belinda den Kopf, als könnte sie auch ihre negativen Gefühle abschütteln. Sie war einfach zu empfindlich. Andererseits konnte man es ihr nicht verdenken, schließlich hatte sie am Morgen noch in ihrem Krankenzimmer gelegen und von all dem nichts geahnt. Plötzlich verspürte sie das dringende Bedürfnis, sich in das heiße Wasser der Badewanne zu legen und die letzten Spuren des Krankenhausgeruches abzuwaschen.

Als sie das Schlafzimmer betrat, sah sie Lucs Anzugjacke auf dem Bett liegen, und aus dem Badezimmer ertönte das Rauschen von Wasser.

Sie hielt inne. Was, wenn er seine Meinung änderte und zu ihr in die Wanne stieg? Der Gedanke war beängstigend und verlockend zugleich. Sie zwang sich, die Badezimmertür zu öffnen. Luc stand über die Wanne gebeugt, goss duftendes Badeöl in das Wasser und rührte es um. Er atmete den Duft tief ein, und ein sehnsüchtiger Ausdruck trat in seine Augen.

Belinda wurde plötzlich klar, dass sie nicht darüber nachgedacht hatte, wie schwer die vergangenen Wochen für ihn gewesen waren. Frisch verheiratet zu sein, seine Frau im Koma zu wissen und sie dann an dieses dunkle Niemandsland der Amnesie zu verlieren.

„Es hat mir gefehlt“, sagte er und drehte sich halb zu ihr um. Seine Stimme wurde dunkler. „Ich habe dich vermisst.“

„Es … es tut mir leid, Luc. Ich versuche ja, mich zu erinnern.“ Frustriert ballte sie die Hände zu Fäusten. „Und es ist mir auch gelungen! Ich habe mich an den Garten erinnert, kurz bevor die Kopfschmerzen so unerträglich wurden.“

„Du darfst es nicht erzwingen, Belinda, sonst hast du wieder einen Zusammenbruch. Lass die Dinge einfach ihren Lauf nehmen.“ Er drehte den Wasserhahn zu. „Da, dein Bad wartet auf dich.“

Ohne sich noch einmal umzudrehen, zog er sein Hemd aus der Hose und knöpfte es auf. Sie konnte die Augen nicht von ihm abwenden, während er den dünnen Baumwollstoff über seine Schultern gleiten ließ und die muskulösen Linien seines Rückens entblößte. Als er den Gürtel seiner Hosen öffnete und sie zu Boden fiel, durchfuhr sie erneut ein erregender Schauer. Dann sah sie die grelle rote Narbe, die sich von seiner rechten Hüfte hinab über das Bein zog.

Sie konnte den leisen Aufschrei nicht unterdrücken.

„Kein schöner Anblick, ich weiß.“ Luc drehte sich halb zu ihr um, ein zorniges Funkeln in seinen Augen. „Sie haben mir gesagt, dass sie verblassen wird, ebenso wie diese hier.“ Er wies auf die Operationsnarbe auf seinem Unterleib. „Aber das Hinken wird bleiben.“

„Ist es noch sehr schmerzhaft?“, fragte Belinda, die den Blick nicht von der Narbe lösen konnte. Sie hatte ein schlechtes Gewissen, weil sie so sehr mit ihren eigenen Problemen beschäftigt war, dass sie gar nicht daran gedacht hatte, was er durchmachte.

„Manchmal mehr, manchmal weniger“, sagte er ausdruckslos und trat in die Dusche, um das Wasser aufzudrehen. „Also los, genieß dein Schaumbad.“

Sie sah zu, wie das Wasser über seinen Körper lief, über seine leicht behaarte Brust und weiter hinab über den flachen Bauch. Obwohl er in der Klinik Gewicht verloren hatte, war er noch immer sehr muskulös gebaut. Als er seinen Körper mit Duschgel einrieb, wünschte sie sich plötzlich, mutig genug zu sein, um mit ihm zu duschen. Dann könnte sie jetzt die Seife auf seiner Brust verreiben, auf seinem flachen Bauch und weiter unten.

Hitze stieg ihr in die Wangen. Was war nur mit ihr los? Noch vor wenigen Stunden hatte der Gedanke, allein mit Luc die Sicherheit ihres Krankenzimmers zu verlassen, sie in Angst und Schrecken versetzt. Jetzt stand sie hier und sah ihm zu, wie er seinen nackten Körper einseifte.

Abrupt drehte sie sich um. Sie musste ihre Haare hochbinden, bevor sie in die Wanne stieg. Intuitiv öffnete sie die Schublade, die ihre Spangen und Haarbänder enthielt. Das war ein gutes Zeichen, beschloss Belinda, während sie sich in das heiße, duftende Wasser gleiten ließ. Langsam entspannte sie sich. Der weiße Schaum würde sie vor Lucs Blicken verbergen, wenn er aus der Dusche kam, gleichzeitig sehnte sie sich danach, sich ihm zu zeigen. Sie schien keine Kontrolle über ihre Gefühle zu haben.

Genau das war es wohl, was ihr am meisten Angst machte. Die Frau, die sich in Luc Tanner verliebt und ihn geheiratet hatte, war nicht die Belinda Wallace, an die sie sich erinnerte und die sie zu sein glaubte.

Irgendetwas war in den vergangenen Monaten geschehen, das sie verändert hatte. Etwas Entscheidendes. Sie hatte ihr Zuhause in Auckland aufgegeben, ihre Familie und ihren Beruf hinter sich gelassen, und das alles nur für ihn.

Langsam ließ sie sich tiefer ins Wasser gleiten und streckte ihre langen Beine aus. Durch das große Fenster konnte sie das Tal sehen, das von der untergehenden Sonne in Rot und Purpur getaucht wurde.

Sie war es sich selbst und auch Luc schuldig, sich daran zu erinnern, was mit ihr geschehen war.

 

 

 

 

 

 

 

3. KAPITEL

Trotz ihrer Sorge, was geschehen würde, wenn Luc aus der Dusche kam, musste Belinda feststellen, dass ihr alles unerwartet vertraut vorkam. Dennoch spannte sie die Schultern an, lehnte den Kopf an das Polster der Wanne und schloss die Augen, sobald sie hörte, dass er das Wasser abstellte.

Ihre Vorstellungskraft lieferte ihr die passenden Bilder, während sie zuhörte, wie er eins der dicken weißen Badetücher von den Heizstangen nahm und sich damit abtrocknete. Sie zählte langsam bis hundert und öffnete dann die Augen.

Luc stand vor der Badezimmerkommode, das Handtuch um seine Hüfte geschlungen, sein Gehstock lehnte an der Ablagefläche aus grau gemustertem Marmor. Gebannt sah sie zu, wie er Rasierschaum in seinem Gesicht verteilte und nach dem Rasiermesser griff. Sie hatte bisher nicht gewusst, wie unglaublich sexy es war, einem Mann beim Rasieren zuzusehen. Sie konnte ihn nicht aus den Augen lassen.

Etwas hatte seine Aufmerksamkeit geweckt, denn er drehte sich abrupt um. Ein leichtes Lächeln spielte um seine Lippen, das sie tief in ihrem Innersten berührte.

„Gefällt es dir in der Wanne?“ Sein Blick glitt über ihre Schultern und ihre Arme, die auf dem Rand der Badewanne lagen, dann hinauf zu ihrem Hals. Wenn er mit den Händen über ihren Körper gefahren wäre, hätte sie die Berührung kaum deutlicher spüren können. Unter dem dichten Schaum richteten sich ihre Brustwarzen auf, und sie spürte ein sehnsüchtiges Ziehen.

„Hm, sehr schön“, stieß sie hervor und wusste selbst, dass sie weniger das Schaumbad als vielmehr den Anblick meinte, den Luc ihr bot.

„Bist du hungrig?“, fragte er, und Belinda brauchte einen Moment, um ihre erotischen Fantasien unter Kontrolle zu bringen, bevor ihr klar wurde, dass sie in der Tat sehr hungrig war.

„Ziemlich. Ich steige wohl besser aus der Wanne.“

„Nein, lass nur. Ich schaue erst nach, ob das Essen fertig ist.“ Er rieb sein Gesicht mit einem kleinen Handtuch ab und verließ das Bad.

Als er zurückkam, schob er einen Servierwagen vor sich her, auf dem ein großer Porzellanteller, zwei geschliffene Gläser und ein Weinkühler mit einem der exklusiven Sauvignon-Blanc-Weine aus der Region standen.

„Das sieht sehr professionell aus“, bemerkte Belinda, als Luc die Flasche herausholte und mit einer weißen Leinenserviette abwischte, bevor er sie öffnete.

„Ich habe früher ein wenig gekellnert“, sagte er kurz angebunden.

Er goss den Wein in die Gläser und reichte ihr eines. Dann schob er einen Hocker näher an die Wanne, um sich darauf niederzulassen. Das Handtuch um seine Hüfte öffnete sich an der einen Seite, sodass die rote Narbe sichtbar wurde. Belinda wandte den Blick ab und sah hinaus zum Fenster über das Tal, aus dem die letzten Sonnenstrahlen inzwischen fast verschwunden waren. Seine Nähe – und sein nackter Körper – machten sie nervös. Die Hitze und Energie, die von ihm ausgingen, waren eine ständige Versuchung für sie.

Sie konzentrierte sich auf den Geschmack des Weißweins und genoss das Aroma. Ihr Gedächtnis mochte nicht perfekt funktionieren, aber sie wusste genau, dass bisher kein anderer Mann diese Gefühle in ihr ausgelöst hatte.

War es das, was sie an Luc gefesselt hatte? Diese überwältigende physische Anziehung, die jederzeit unter der Oberfläche hervorbrechen konnte?

„Hier, versuch das mal.“ Lucs Stimme riss sie aus ihren Gedanken.

Belinda sah, dass er ihr ein Stück Provolone-Käse in einer Scheibe Prosciutto entgegenhielt. Automatisch öffnete sie den Mund. Hatte sie vorhin noch gedacht, dass sie ihre Reaktionen auf Luc inzwischen halbwegs kontrollieren konnte, wurde sie jetzt eines Besseren belehrt. Als seine Fingerspitzen ihre Lippen berührten, schienen sie ihre Haut unter Strom zu setzen.

„Lecker?“, fragte er.

„Hm, köstlich. Aber Luc, du brauchst das nicht zu tun“, protestierte sie.

„Ich weiß“, gab er zurück, „aber ich möchte gern.“ Er tauchte eine Brotscheibe in Aioli. „Hier, das ist Didiers eigenes Rezept und aus Produkten hergestellt, die wir auf Tautara anbauen.“

Als er die Scheibe an ihren Mund hob, fiel ein Tropfen Aioli herab und landete auf ihrem Schlüsselbein.

„Oh, das geht natürlich nicht“, murmelte Luc. Er beugte sich vor und ließ seine Zunge über ihre Schulter gleiten. Jeder Muskel in Belindas Körper spannte sich an, und sie wäre bei dieser kurzen Liebkosung fast aus der Wanne gesprungen. Sie schloss die Finger so fest um den schlanken Stiel des Weinglases, dass sie Angst hatte, es zu zerbrechen.

„Mehr?“, flüsterte er dicht an ihrem Ohr, und sein Atem spielte auf ihrer glühenden Haut.

„M…mehr?“, stammelte sie.

„Mehr Antipasti, meine ich.“ Wieder hauchte er die Worte über ihren erhitzten Körper. „Versuch das hier.“

Belinda war nicht imstande, etwas anderes zu tun, als gehorsam den Mund zu öffnen und langsam das Artischockenherz zu kauen, das er ihr anbot.

Während er ihr weitere Köstlichkeiten reichte und sie zwischendurch immer wieder an dem Wein nippte, plauderte Luc über unverbindliche Dinge. Er berührte sie nicht wieder, aber Belinda musste sich eingestehen, dass sie es sich wünschte, und zwar sehr.

Als ihr Glas leer war, stellte er es zurück auf den Servierwagen und erhob sich, schwer auf den Gehstock gestützt.

„Ich denke, unsere Hauptmahlzeit wird jetzt auch fertig sein. Ich lass dich allein, damit du dich abtrocknen und anziehen kannst. Es sei denn, du brauchst dabei Hilfe.“

Er sah auf die Wanne, wo sie noch immer in dem langsam kühler werdenden Wasser lag. Belinda konnte sehen, dass seine Stirn von feinen Schweißperlen überzogen war. Ein Muskel an seinem Hals zuckte. Die Tatsache, dass ihn die Situation nicht völlig gleichgültig ließ, gab ihr eine gewisse Genugtuung.

„Danke, ich komme allein zurecht, denke ich.“

„Gut. Aber denk an das, was ich vorhin sagte – ich möchte dich nicht lange aus den Augen lassen.“

„Im Rahmen des Vernünftigen, meinst du“, fügte sie schnell hinzu, in einem Versuch, zumindest eine gewisse Kontrolle über das, was mit ihr geschah, zu übernehmen.

„Wenn es um dich geht, Belinda, bin ich einfach nicht vernünftig. Lass mich nicht zu lange warten.“ Seine grünen Augen funkelten, und ein Schatten legte sich über sein Gesicht.

Nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hatte, starrte sie ihm noch lange hinterher. Hatte er gerade eine Warnung ausgesprochen? Seine Worte schienen ein bedrohliches Element zu enthalten, das ihre körperlichen Reaktionen auf seine Nähe umso gefährlicher machte.

Er war ein komplettes Rätsel für sie. Zu widersprüchlich waren die Botschaften, die er aussandte. Der Mann, der ihr die Antipasti gereicht hatte, war ein völlig anderer Mensch als der, der sie vor einigen Stunden aus der Klinik abgeholt hatte. Oder als der, der an ihrer Seite gewesen war, als sie im Garten aus der Ohnmacht erwachte. Fragte sich nur, welcher von ihnen der wahre Luc Tanner war. Und welcher war der Mann, in den sie sich verliebt hatte?

Als Belinda sich abgetrocknet und im Ankleidezimmer saubere Kleidung ausgewählt hatte, erwartete Luc sie bereits im Schlafzimmer. Er selbst trug schwarze Jeans und ein schwarzes Poloshirt, das das Grün seiner Augen betonte. Egal, was er trug, er war ein atemberaubend attraktiver Mann mit einer unglaublichen physischen Präsenz.

Nervös strich sie über die braune Leinenhose, die sie mit einem hellen Seidentop kombiniert hatte. „Ist das in Ordnung?“, fragte sie nervös unter seinem prüfenden Blick.

„Natürlich. Du siehst immer wunderschön aus. Komm, Manu hat auf der Terrasse für uns gedeckt, damit wir den Sommerabend noch genießen können.“

Belinda folgte ihm durch den Salon hinaus auf die mit Fackeln erleuchtete Terrasse, wo ein gedeckter Tisch mit funkelndem Silberbesteck auf sie erwartete. Abgedeckte Servierschüsseln und eine Schüssel mit Salat standen auf einem kleinen Beistelltisch. Es war fast zu schön, um wahr zu sein.

Alles schien perfekt – der gedeckte Tisch, das Tal unter ihnen, in dem allmählich die Lichter der entfernten Ortschaft aufleuchteten, und die leise Musik, die aus dem Inneren des Hauses erklang. Ganz zu schweigen von dem köstlichen Duft, der aus den Servierschüsseln aufstieg.

„Ich habe Manu gesagt, dass wir uns selbst bedienen“, sagte Luc und hob einen der Deckel an, unter dem kleine, mit frischen Kräutern bestreute Kartoffeln lagen. Er reichte ihr einen Teller mit Goldrand.

Aufmerksam betrachtete sie das Muster des teuren Porzellans. Gehörte es zu ihrer Hochzeitsausstattung, oder war es einfach Teil des luxuriösen Lebens in der Lodge?

„Du schaust so seltsam. Versuchst du dich wieder zu erinnern?“, fragte Luc.

„Dieses Geschirr. Haben wir das ausgesucht?“

Ein überraschter Ausdruck trat in seine Augen, bevor er schnell zur Seite sah. „Ja. Du hast mir vor der Hochzeit bei der Ausstattung der Suite geholfen. Es war dir sehr wichtig.“

Und er hatte sie nur zu gern dabei unterstützt, da war sie sich sicher. Sie hatte den Eindruck, dass er unbedingt wollte, dass sie sich auf Tautara heimisch fühlte, dass es genauso zu ihrem Zuhause wurde wie zu seinem.

„Ich weiß.“ Sie zögerte kurz. „Ich erinnere mich nicht, aber irgendwie …“ Sie legte eine Hand auf ihre Brust. „Irgendwie weiß ich es.“

Luc antwortete nicht sofort. Er zog nachdenklich die Augenbrauen zusammen und sagte schließlich: „Ausgezeichnet. Du scheinst Fortschritte zu machen.“

Warum hatte sie das Gefühl, dass seine Worte nicht aufrichtig gemeint waren? Zitterte seine Hand etwa, als er ihnen auftat? Belinda ermahnte sich, nicht zu viel auf ihre Einbildungen zu geben. Stattdessen genoss sie das gegrillte Forellenfilet mit der Kräutersauce, die Kartoffeln und den frischen Salat. Schon lange hatte sie so etwas Köstliches nicht mehr gegessen, die Mahlzeiten im Krankenhaus war sie schon bald leid gewesen. Während des Essens schwiegen sie.

„Es ist wunderschön hier“, sagte Belinda und blickte über das dunkle Tal. „Wie schaffst du es nur, überhaupt jemals von hier fortzugehen?“

„Manchmal geht es eben nicht anders, aber am liebsten bin ich hier. Tautara Estate ist über sechstausend Hektar groß, da gibt es immer genug zu tun.“

Er lächelte, als sie ein Gähnen unterdrückte.

„Warum gehen wir nicht ins Bett? Du hattest einen anstrengenden Tag, und ich kann auch etwas Ruhe gebrauchen.“

„Tut dein Bein weh?“, fragte sie.

„Nicht mehr als sonst auch.“ Luc wehrte ihre Sorge mit einer Handbewegung ab.

„Kann ich irgendetwas für dich tun?“

Er presste die Lippen zusammen. Die Frage hatte ihm offenbar nicht gefallen.

„Nein. Sei einfach nur du selbst“, gab er zurück.

Was sollte das nun wieder bedeuten?, fragte sie sich und biss sich auf die Unterlippe, um nicht mit genau dieser Frage herauszuplatzen. Sie selbst sein. Im Augenblick würde sie viel darum geben, zu wissen, welches „Selbst“ er genau damit meinte.

Auf seinen Stock gestützt, erhob Luc sich vom Tisch. Kurz verzog er schmerzhaft das Gesicht.

War es immer so zwischen ihnen gewesen, dass er seine wahren Gefühle und Gedanken vor ihr verbarg? Sie konnte sich nicht vorstellen, dass sie einen Mann geheiratet hatte, der sich so vor ihr verschloss. Das war so gar nicht ihre Art. In ihrer Familie war man immer sehr offen und herzlich miteinander umgegangen. Geteiltes Leid ist halbes Leid, pflegte ihr Dad gerne zu sagen.

Hatten Luc und sie auch eine solche Beziehung geführt? Instinktiv wusste sie, dass das Gegenteil der Fall war, und dieser Gedanke war ausgesprochen beunruhigend.

Als sie ins Schlafzimmer gingen, waren Belindas Nerven zum Zerreißen gespannt. Die Vorhänge waren zugezogen, und die Nachttischlampen verbreiteten ein warmes goldenes Licht über dem breiten Bett. Ein Bett, in dem sie gemeinsam mit ihrem Ehemann schlafen würde. Jemand vom Hotelpersonal hatte die Tagesdecke zur Seite geschlagen und die Zierkissen weggeräumt. Auf dem kleinen Tisch stand eine einzelne wunderschöne dunkelrosa Rose.

Die Absurdität dessen, was nun folgen würde, raubte ihr fast den Verstand. Ihr Herz schlug wie wahnsinnig, und sie konnte nur mit Mühe ruhig atmen. Himmel, sie wusste ja nicht einmal, auf welcher Seite des Bettes sie schlief.

Als hätte er ihre Gedanken gelesen, nickte Luc zu der Seite, wo der kleine Tisch mit der Vase stand. „Du schläfst normalerweise dort“, sagte er. „Aber wenn es dir lieber ist, können wir gerne tauschen.“

Was mir lieber wäre, wären getrennte Betten, dachte Belinda. Oder am besten getrennte Schlafzimmer. Sie zwang sich, ihn gelassen anzusehen. „Das ist in Ordnung. Wenn wir es immer so gemacht haben.“

Sein Lächeln schien für einen Moment zu erstarren, dann nickte er. „Belinda, ich …“

Das Klingeln seines Handys unterbrach ihn. Ungeduldig warf er einen Blick auf das Display. „Bitte entschuldige mich, diesen Anruf muss ich annehmen. Es kann etwas länger dauern.“

Sie sah ihm nach und hörte, wie er mit dem Anrufer sprach, bevor er die Tür hinter sich schloss. Eilig ging sie ins Ankleidezimmer und suchte aus den Schubladen ein tiefrotes Nachthemd heraus, entledigte sich ihrer Kleidung und schlüpfte in den dünnen Seidenstoff, der ihre Brüste fest umschloss.

Sie strich über das weiche Material und fragte sich unwillkürlich, ob das Nachthemd ein Geschenk von Luc gewesen war. Die bloße Idee, dass seine Hände so wie jetzt ihre über den Stoff und ihre Haut darunter geglitten waren, ließ sie vor Verlangen erschauern.

Was war nur los mit ihr? Sie war so aufgewühlt, dass sie sich wie eine verängstigte Jungfrau vor ihrer Hochzeitsnacht fühlte, aber ihr Körper sehnte sich mit aller Macht nach Lucs Berührung. Sie schüttelte verwirrt den Kopf und ging ins Badezimmer. Alles, was heute geschehen war, hatte nur wieder neue Fragen aufgeworfen. Sie war so unendlich müde. Plötzlich wirkte das große Bett ungemein einladend.

Als sie sich im Badezimmerspiegel betrachtete, fragte sie sich, ob es nicht besser wäre, einfach im T-Shirt zu schlafen. Die dünnen Spaghettiträger des Oberteils ließen sie sehr verletzlich erscheinen, und der dunkelrote Stoff würde vielleicht falsche Signale aussenden.

Sie atmete tief durch. Sie machte sich selbst nur verrückt, das musste aufhören.

Sie ließ sich auf den Hocker vor dem Frisiertisch fallen und begann, ihr langes, dunkles Haar mit festen Strichen zu bürsten. Als sie aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahrnahm, hielt sie inne. Luc trat näher und nahm ihr die Bürste aus der Hand.

„Versuchst du etwa, dir die Haare auszureißen?“

Seine Stimme war ungewohnt sanft, ebenso wie seine Bewegungen, als er fortfuhr, ihre Haare zu bürsten.

„Ich dachte, du wärst schon im Bett“, sagte er, als sich ihre Blicke im Spiegel trafen.

Also hatte er bemerkt, dass sie Angst hatte. Er kannte sie besser, als sie dachte, aber das war wohl klar. Genau genommen kannte er sie besser als sie sich selbst. Bei diesem frustrierenden Gedanken stiegen ihr Tränen in die Augen.

Er hielt inne und legte die Hände auf ihre Schultern.

„Belinda?“

Sie blinzelte die Tränen fort und sah schnell zur Seite. „Schon gut. Ich bin nur müde, das ist alles.“

„Völlig verständlich. Es war ein langer Tag, für uns beide.“ Er nahm ihre Hand. „Geh schon ins Bett. Ich komme später.“

Sie wusste nicht genau, ob sie erleichtert oder enttäuscht sein sollte. „Bist du nicht auch müde?“, fragte sie.

„Doch, aber es ist noch etwas dazwischengekommen. Gäste, die wir erst für nächste Woche erwartet haben, haben ihre Reise plötzlich vorverlegt und werden schon übermorgen eintreffen. Manu und ich müssen noch einige Dinge besprechen.“

„Gäste? So bald schon?“

„Ich weiß, es ist nicht ideal, aber wir können nicht absagen. Sie werden nur einige Nächte bleiben.“

„Sind es Stammgäste?“

„Sozusagen, ja.“

„Dann haben sie hohe Erwartungen, die wir erfüllen müssen. Das ist klar. Unter normalen Umständen würdest du das auch tun, oder?“, sagte Belinda, obwohl die Aussicht, hier auf noch mehr ihr fremde Menschen zu treffen, sie verschreckte. Schnell rief sie sich zur Ordnung, schließlich hatte Luc den Hotelbetrieb der Lodge schon sechs Wochen lang ruhen lassen und musste seine Arbeit endlich wieder aufnehmen. Außerdem würde ihr Gedächtnis sich vielleicht schneller erholen, wenn sie ihr gewohntes Leben führte.

„Gesprochen wie die Tochter eines Hoteliers“, sagte Luc. „Wir können morgen darüber reden. Jetzt geh einfach schlafen.“

Er küsste sie zart auf die Stirn und schob sie in Richtung Schlafzimmer. Als sie im Bett lag, schaltete er die Nachttischlampe aus. Belinda griff nach seinem Arm. „Lass die Lampe auf deiner Seite bitte an, bis du ins Bett kommst.“

„Stört dich das Licht denn nicht?“

„Nein, ich habe mich im Krankenhaus daran gewöhnt.“ Sie gähnte. „Außerdem glaube ich nicht, dass mich irgendetwas heute vom Schlafen abhalten könnte.“

Ein herausfordernder Ausdruck trat in seine Augen, und sofort spürte sie die verräterische Reaktion ihres Körpers. Der dünne Stoff des Nachtkleides spannte über ihren aufgerichteten Brustwarzen.

Nun ja, vielleicht gab es also doch etwas. Auch wenn ihr Verstand sich dagegen wehrte, konnte sie die magische Spannung zwischen ihnen nicht leugnen. Luc richtete sich auf und ließ seine Finger leicht über ihre Schulter und ihren Arm gleiten. Seine Berührung schien elektrische Schauer über ihre Haut zu senden.

Das Pochen ihres Herzens dröhnte so laut in Belindas Ohren, dass sie kaum hörte, wie er die Tür hinter sich schloss. Das Verlangen, ihn zurückzurufen, war beinahe überwältigend. Sie musste sich eingestehen, dass sie sich plötzlich sehr allein und verlassen vorkam.

Das Treffen mit Manu war sehr produktiv gewesen, und Luc öffnete die Tür zur Suite mit einem erleichterten Seufzer.

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