Logo weiterlesen.de
Collection Baccara, Band 269

KELLY HUNTER

Mehr als wilde Leidenschaft?

Der attraktive Tristan hält nichts von Bindungen – und das macht er der Goldschmiedin Erin auch sofort klar. Doch dann kommen sie einander auf einer Reise zu Australiens Diamantminen gefährlich nah, und plötzlich möchte Tristan mehr als nur wilde Leidenschaft mit der hinreißenden jungen Frau erleben. Hat sein ruheloses Herz endlich einen Hafen gefunden?

TRISH WYLIE

Flammendheiße Sehnsucht

Shane ist der absolute Frauenschwarm, aber er liebt seine Freiheit. Da zieht die süße Fiona vorübergehend zu ihm, weil ihr Haus abgebrannt ist, und plötzlich flammt mehr als Leidenschaft in ihm auf. Er will Fiona – für immer! Doch sie verlangt etwas von ihm, das er ihr unmöglich geben kann. War ihre Liebe nur ein Strohfeuer?

PENNY MCCUSKER

Immer von dir geträumt

Zehn Jahre hat Noah die bezaubernde Janey nicht gesehen. Ein einziger Blick in ihre schönen Augen, und schon erfasst ihn erneut heftiges Verlangen danach, seine Jugendliebe in den Armen zu halten. Aber er weiß, dass es ein langer Weg sein wird, bis sie ihm wieder vertraut. Denn schon einmal musste er sie allein zurücklassen …

Kelly Hunter

Mehr als wilde Leidenschaft?

image

1. KAPITEL

Verkehr war für Erin Sinclair nichts besonderes, egal ob Berufsverkehr, Verkehrsstau, Verkehr bei Regen oder, wie jetzt, Verkehrschaos auf dem Weg zum Flughafen. Sydney war eine große und doch malerische Stadt mit einer berühmten Brücke und beinahe unnatürlich blauem Wasser unten am Hafen. Am Montagmorgen um acht Uhr aber war Sydney vor allem eines: verstopft.

Taxifahrer wussten das.

Ihre Fahrgäste waren spät dran gewesen, aber Erin war es gelungen, sie in Rekordzeit zum Abflugterminal zu bringen. Zum Glück hatten sie kein einziges Mal bei Rot an der Ampel stehen müssen. Sie gaben ihr ein großzügiges Trinkgeld, aber wohl eher, weil sie zu sehr in Eile waren, um auf das Wechselgeld zu warten. Für ihre Fahrgäste hatte dieser Tag bisher nicht gerade ideal begonnen, für Erin hingegen schon. Nun brauchte sie nur noch eine Tour zurück in die Stadt.

Ihr Taxistand für Limousinen war direkt vor dem Ausgang des Ankunftsterminals. Ihr Wagen war der einzige, der hier stand, aber leider war auch weit und breit kein Fahrgast in Sicht. Doch das konnte sich jeden Moment ändern, also hielt sie an, entriegelte den Kofferraum und stieg aus.

Sie war vorschriftsmäßig in Schwarz gekleidet: schwarze Stiefel, eine schmal geschnittene schwarze Hose und ein schwarzes T-Shirt. Den Chauffeurhut hatte sie allerdings auf den Beifahrersitz gelegt.

Der Mann, der in diesem Moment aus dem Terminal kam, sah weniger förmlich aus, obwohl ihm Schwarz zweifellos auch sehr gut gestanden hätte. Stattdessen trug er abgewetzte Stiefel, eine ausgebeulte grüne Cargohose und ein wenig aufregendes graues T-Shirt. Seine Kleidung war allerdings das Einzige an ihm, was nicht bemerkenswert schien, ganz im Gegensatz zu dem, was sich darunter abzeichnete.

Er war breitschultrig, hatte schmale Hüften und wirkte durchtrainiert. Sein schwarzes Haar war kurz geschnitten, und seine Gesichtszüge erinnerten an einen griechischen Gott. Allerdings wirkte er müde, müder, als es nach einem langen Flug normal war. Und er schien sehr verschlossen, was Erin nur recht war, denn sie wusste, wenn dieser Mann lächelte, wäre sie ebenso verloren wie wahrscheinlich der Rest der weiblichen Bevölkerung auf diesem Planeten.

Er sah sich kurz um und kam dann auf sie zu. Erin hob den Kofferraumdeckel. Nun war er neben ihr, und zwar so nah, dass sie direkt in seine Augen sehen konnte. Das Karamellbraun passt zu ihm, dachte Erin und griff nach seiner Leinenreisetasche.

„Das mach ich schon“, sagte er mit tiefer, leiser Stimme.

„Ist das so ’n Macho-Ding?“, fragte sie herausfordernd.

„Nun, ich würde sagen, es ist eher ein Gewichtsding“, konterte er schlagfertig. Und dabei warf er ihr einen kurzen Blick zu, der ihr bis ins Mark fuhr. „Sie sehen nicht gerade groß und kräftig aus.“

Erin strich sich eine Strähne ihres kurzen braunen Haares aus der Stirn. Sie war knapp einssechzig und recht schlank, na und? Sie wusste ja wohl selbst am besten, was sie konnte und was nicht. Was sie auf keinen Fall leiden konnte, war, wenn sie auf ihre Körpergröße angesprochen wurde!

Als er den Kofferraum wieder geschlossen hatte, war sie bereits um den Wagen herumgegangen und hielt ihm die Tür auf. Er sah erst sie, dann die Wagentür an, und der Anflug eines Lächelns huschte über sein Gesicht. Offensichtlich war er es nicht gewohnt, dass man ihm Autotüren aufhielt.

„Sind Sie sicher, dass Sie eine Limousine wollen?“, fragte sie ihn spitz. „Die normalen Taxis stehen da drüben.“

Er blickte zu der langen Reihe von wartenden Wagen. „Komm ich mit einer Limousine schneller in die Stadt?“

„Nein, aber bequemer.“

Da war wieder dieses angedeutete Lächeln.

„Ich kann Ihnen drei verschiedene Zeitungen und frischen Kaffee anbieten.“

„Anständigen Kaffee?“, fragte er.

„Außergewöhnlich guten.“

„Okay, Espresso, schwarz, zwei Stück Zucker“, sagte er und stieg ein. Männer waren so leicht zu durchschauen!

Sie schloss die Tür und ging um die Kühlerhaube herum zur Fahrerseite. „Wohin?“, fragte sie, nachdem sie eingestiegen war.

„Albany Street, Double Bay.“

Schön. Sie nahm ihr Handy, gab seine Kaffeebestellung auf und bog in den Verkehr ein. „Welche Zeitung? Ich habe Sydney Morning Herald, The Australien oder Financial Review.“

„Keine, danke.“

„Musik?“

„Nein.“

Okay. Er sah nicht aus, als wollte er sich unterhalten, aber sie versuchte es trotzdem. „Von wo kommen Sie gerade?“

„London.“

„Waren Sie länger da?“ Seinem Akzent nach musste er Australier sein.

„Sechs Jahre.“

„Sechs Jahre in London? Ohne Unterbrechung? Kein Wunder, dass Sie müde aussehen.“

„Vielleicht nehme ich doch eine Zeitung.“ Ihre Blicke begegneten sich im Rückspiegel.

„Heißt das, Sie wollen nicht reden?“

„Stimmt.“

Sie gab ihm den Sydney Morning Herald. Vielleicht war er irgendein Profisportler, ein Fußballspieler oder so, der nach dem letzten verpatzten Spiel seiner Mannschaft in Europa nach Hause zurückkam. Möglicherweise hatte er einen Elfmeter verschossen und war verzweifelt. Ja, das könnte es sein. „Sind Sie Fußballspieler?“

„Nein.“

„Dichter?“ Immerhin hätte er Byron noch das eine oder andere darüber beibringen können, wie man sich sexy, unnahbar und anlehnungsbedürftig zugleich gab.

„Nein.“ Er schlug die Zeitung auf und raschelte laut mit den Seiten.

Na gut. Sie sollte ihren launischen Fahrgast vergessen und sich aufs Fahren konzentrieren. Kein Problem.

Fünf Minuten später hielt sie vor dem Café Siciliano, ließ das Rückfenster herunter, und eine kurvenreiche junge Kellnerin reichte dem Mann einen Espresso in einem Kunststoffbecher sowie zwei Zuckerpäckchen. „Der Zucker ist schon drin“, sagte die Kellnerin. „Der hier ist extra, für den Fall, dass Sie noch mehr möchten.“

„Sie sind ein Engel“, entgegnet er in dieser sanften, tiefen Stimme, und die junge Frau lächelte und wurde rot.

Prima! Erin drückte einen der Knöpfe am Armaturenbrett und beobachtete, wie die getönte Seitenscheibe hinauffuhr. Sie hatte er keinen „Engel“ genannt, und dabei verdankte er den Kaffee eigentlich ihr. Undankbarer Schuft! Wieder begegneten sich ihre Blicke im Rückspiegel, und sie wollte schwören, dass er amüsiert aussah.

„Elfen können keine Engel sein“, erklärte er. „Das sind zwei verschiedene Fantasiewelten.“

„Hmm“, machte sie. „Schön, dass wir das nun geklärt hätten.“

Er hatte so fantastische Augen, und bei seinem Gesicht stockte einem der Atem. Sie bog etwas abrupter als sonst auf die Straße ein. Schluss mit dem freundlichen Getue. Es war Zeit, dass sie ihren Fahrgast an seinem Ziel ablieferte.

Und dann stotterte der Motor. Das hörte sich gar nicht gut an. Er stotterte noch ein bisschen mehr, als sie um die nächste Ecke und in eine Seitenstraße fuhr. Da gab der neueste Luxus-Mercedes dann endgültig seinen Geist auf.

„Wir scheinen anzuhalten“, sagte er.

Ach, jetzt wollte er auf einmal reden! „Trinken Sie Ihren Kaffee“, sagte sie und versuchte, den Motor zu zünden, der japste und keuchte.

„Könnte was mit der Benzinzufuhr sein“, mutmaßte er.

„Könnte alles Mögliche sein.“ Erin trommelte mit den Fingern auf dem Lenkrad und überlegte. Eines nach dem anderen. „Ich rufe Ihnen einen anderen Wagen.“

„Nein, tun Sie nicht“, erwiderte er. „Machen Sie die Kühlerhaube auf, und wir sehen nach.“

„Sind Sie Kfz-Mechaniker?“

„Nein, aber ich kenne mich mit Autos aus.“

„Schön für Sie.“ Erin mochte Autos. Sie fuhr sie gern. Aber sie hatte keine Ahnung, was man mit ihnen anstellte, wenn sie nicht mehr fuhren. Dennoch öffnete sie die Motorhaube und stieg aus. Beide starrten auf den makellos sauberen Motor.

„Und was wollen Sie ohne Werkzeug anfangen?“

„Die Leitungen und Drähte überprüfen“, antwortete er und machte sich mit einem Selbstbewusstsein ans Werk, das irgendwie beruhigend war. Er hatte schöne Hände, die aussahen, als könnten sie stark und sanft sein. Unwillkürlich suchte sie nach einem Ring oder einer Armbanduhr, aber er trug weder noch. Manche Dinge brauchten eben keinen Schmuck mehr.

„Und ich dachte, Ritterlichkeit gäbe es nicht mehr.“ Da sie nichts tun konnte, lehnte sie sich an den Kühlergrill und wartete. „Retten Sie oft Leute? Sind Sie vielleicht bei der Feuerwehr oder so ähnlich?“

„Beurteilen Sie Männer immer nach ihrem Beruf?“, fragte er abwesend, während er ganz mit dem Motor befasst schien.

„Nicht immer. Manchmal beurteile ich sie auch danach, wie sie aussehen oder wie sie reden, aber das sind oft ziemlich unzuverlässige Anhaltspunkte.“

„Kann ich mir vorstellen.“

„Und dann gibt es ja auch noch die Sternzeichen“, sagte sie nachdenklich.

„Sie machen sich tatsächlich ein Bild von jemandem, das Sie nur an dessen Geburtstag festmachen?“ Wenigstens beachtete er jetzt sie und nicht den Motor.

„Na, irgendwie muss man ja anfangen, so schwer, wie Männer einzuschätzen sind.“

„Schon, aber muss das bei der Astrologie sein?“

„Ich glaube, Sie sind Skorpion. Launisch, tiefgründig …“ Unglaublich gut im Bett. Allein der Gedanke machte sie nervös. „Aber ich kann mich irren.“

„Sie irren sich wahrscheinlich oft.“

Immerhin hatte er nicht direkt gesagt, dass sie bei ihm falschlag. „Dann sind Sie Skorpion? Wusste ich’s doch!“

Er sah sie an. „Das heißt gar nichts.“

„Es heißt, ich kann mir ein grobes Bild machen, solange ich keine weiteren Informationen bekomme – zumindest in der Theorie.“ Nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu: „Wir passen übrigens ziemlich gut zusammen.“

„Schwer vorstellbar“, murmelte er.

Erin unterdrückte ein Kichern. „Tja, jedenfalls ist es ein Segen, dass Sie nur gut aussehen und nicht auch noch charmant sind, sonst würde ich womöglich dahinschmelzen.“

Plötzlich lächelte er, und ihr wurde beinahe schwindlig. „Meinen Charme spare ich mir auf.“

„Wofür?“

„Für später.“

Wow! „Schon verstanden“, sagte sie atemlos. Der Mann sollte ein Schild tragen. „Achtung! Benutzung auf eigene Gefahr!“ oder so etwas müsste draufstehen, damit Frauen gewarnt waren. Denn wenn er sich einmal vornehmen sollte, eine von ihnen für sich zu gewinnen, hatte die Ärmste nicht mal den Hauch einer Chance.

Erin spürte, wie ihre Wangen Feuer fingen, obwohl er noch nicht einmal versucht hatte, sie zu beeindrucken. Nicht wirklich jedenfalls.

„Die Sicherung der Benzinpumpe ist durchgebrannt.“

„Ach ja?“

„Aber zum Glück haben Sie hier die Ersatzsicherungen.“

„Ja.“

Er beugte sich über den Motor, während Erin sich bemühte, ihre Atmung wieder in den Griff zu bekommen.

„Versuchen Sie jetzt noch einmal, den Motor zu starten.“

„Oh, ja, klar“, stammelte sie und eilte zur Fahrertür. Sie setzte sich hinein, startete den Motor, und er schnurrte prompt los. „Es funktioniert!“

„Sie dürfen gern etwas weniger erstaunt sein.“ Er schloss die Kühlerhaube.

„Ich bin nicht erstaunt, sondern dankbar. Ehrlich.“ Sie überlegte. „Kann das noch mal passieren?“

„Schwer zu sagen“, antwortete er und stieg wieder hinten ein.

Der Mann schien ein Problem damit zu haben, klare Antworten zu geben. Nun, beim nächsten Mal würde sie den Wagen in die Werkstatt bringen. Bis dahin sollte sie ihren geheimnisvollen Fahrgast hoffentlich in Double Bay abgesetzt haben, dachte sie und fädelte sich wieder in den morgendlichen Berufsverkehr von Sydney ein.

Die Elfen-Chauffeurin hatte recht, dachte Tristan Bennett, während er den Rest seines lauwarmen Kaffees trank. Sechs Jahre fort von zu Hause waren eine lange Zeit. Er hatte sich in London problemlos eingelebt. Er hatte seine Arbeit gehabt, seine Wohnung, und auch seine Schwester lebte mittlerweile dort.

Und dennoch war es nie ein zweites Zuhause geworden. Wegen seiner Arbeit war er nach London gegangen und weiter durch ganz Europa gereist. Aber seine jugendliche Begeisterung schwand mit der Zeit und wich einem Gefühl von Leere.

Das anfängliche Feuer war erloschen, und dann kam diese letzte Ermittlung, die ihn bis an seine Grenzen gebracht hatte. Er wusste nicht, ob er so etwas noch einmal durchstehen wollte und konnte.

Seine Schwester Hallie hatte ihm vorgeschlagen, seinen längst überfälligen Urlaub zu nehmen und für eine Weile nach Australien zurückzukehren. Er solle ins Landesinnere reisen, meinte sie. Das wäre der ideale Ort, um gegen die eigenen Dämonen zu kämpfen und Frieden zu finden.

Nun war er also hier, verfolgt von Albträumen, die er nicht abschütteln konnte. Und er verlangte sicher zu viel von dem alten Haus, in dem ihn jede Menge Erinnerungen erwarteten – angenehme wie schmerzliche.

„Das da rechts ist es“, sagte er, als sie in die Straße einbogen, und zeigte auf ein altes, zweigeschossiges Holzhaus mit umlaufender Veranda im Erdgeschoss. Die Elfe nickte und bog in die Einfahrt. Dann stellte sie den Motor ab.

„Werden Sie von jemandem erwartet?“, fragte sie stirnrunzelnd.

„Nein.“ Sein Vater verbrachte gerade ein Jahr in Griechenland, und seine Geschwister waren über den ganzen Globus verstreut. Aber das machte nichts. Sie mussten nicht hier sein, damit er ihre Nähe spürte. Er war zu Hause.

„Ich kenne eine gute Reinigungsfirma, falls Sie eine brauchen“, sagte sie.

Zugegeben, das Haus war ein bisschen heruntergekommen und der Garten zugewuchert, aber damit wurde er allein fertig. „Ich kann ziemlich gut putzen“, erwiderte er. Und er hatte ja schließlich sonst nichts zu tun.

„Sie wissen gar nicht, was Sie mit so einem Satz in einer Frau auslösen, oder?“, sagte sie und drehte sich zu ihm um. Der Blick aus ihren lebhaften braunen Augen und ihr Lächeln trafen ihn mit einer ungeahnten Wucht. Leidenschaft und Spaß kamen ihm in den Sinn. „Ich sag Ihnen, der ist besser als jedes Vorspiel. Wenn Sie auch noch kochen können, gehöre ich Ihnen. Sie sind nicht zufällig Koch?“

„Sie tun’s schon wieder. Ihnen ist wichtiger, was ein Mann tut, als das, was er ist.“

„Ist das nicht dasselbe?“

„Nein. Und ich bin kein Koch.“

Sie schien erleichtert und enttäuscht zugleich. „Wahrscheinlich besser so“, murmelte sie.

„Wahrscheinlich“, sagte er und musste unweigerlich lächeln – nur ein wenig.

Sie war nicht sein Typ. Nicht dass er auf einen Typ festgelegt wäre, aber sie war es auf jeden Fall nicht. Sie überraschte ihn auf sehr angenehme Weise, das war alles.

Als der Wagen liegen blieb, hatte sie als Erstes an ihn gedacht und wie er an sein Ziel kam. Das machte sie sympathisch und hatte etwas Selbstloses.

Ihre Direktheit und ihr offenes Lächeln beunruhigten ihn allerdings ein bisschen. Er sprach ungern über sich. Außerdem gefiel ihm nicht, dass er überhaupt darüber nachdachte, ob sie sein Typ war oder nicht – und dass sein Körper offensichtlich anderer Meinung war als sein Kopf.

Derselbe Körper hatte vierundzwanzig Stunden in einer fliegenden Blechbüchse hinter sich und sollte sich vollkommen ruhig verhalten! „Was bin ich Ihnen schuldig?“

„Nichts. Sie haben den Wagen repariert.“

„Ich habe eine Sicherung gewechselt“, verbesserte er sie. „Und es war eine dreißigminütige Fahrt. Ich muss Ihnen doch was dafür bezahlen.“

„Nein, das geht schon in Ordnung.“ Irgendwo im Wagen klingelte ein Telefon. „Ich muss da leider rangehen“, entschuldigte sie sich. „Mein Bruder versucht schon den ganzen Morgen, mich zu erreichen.“

„Nur zu.“

Sie lächelte ihm kurz zu und holte ihr Telefon hervor. „Hallo?“

„Erin, Rory hier.“

Endlich. Erin entriegelte den Kofferraum und stieg mit dem Handy am Ohr aus, um ihrem Fahrgast beim Entladen zu helfen – was er natürlich nicht zuließ. „Was gibt’s?“

„Es geht um den Edelsteinkauf nächste Woche. Ich kann leider nicht mitkommen.“

„Was?“, rief sie entsetzt, dann fing sie sich wieder. „Wieso nicht?“

„Wir haben heute Morgen einen neuen Einsatzbefehl bekommen. In drei Tagen geht es nach Sumatra.“

„Verdammt, Rory. Ich wusste doch, dass so etwas kommt! Warum du? Warum jetzt? Du hast Urlaub!“ Erin ging neben dem Wagen auf und ab. Rory war Ingenieur bei der Army und mit seinem Beruf verheiratet. „Okay, vergiss die Frage. Weiß Mum davon?“

„Wir sollen nur beim Wiederaufbau der Infrastruktur helfen. Das ist ungefährlich.“

„Also weiß sie von nichts.“

Rory seufzte. „Ich sag’s ihr heute Abend, nach dem Essen. Du kommst doch auch, oder?“

„Nein!“ Sie fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Selbstverständlich würde sie kommen. Rory führte die Familie immer zum Essen aus, ehe er zum nächsten Einsatz sonstwohin aufbrach. Das war eine Familientradition. Ihr Vater, ein Konteradmiral, lud die ganze Familie auch immer zum Essen ein, bevor er seinen nächsten Einsatz antrat. Die Verteidigungskräfte besaßen sogar ein verflixtes Handbuch, in dem genau beschrieben wird, wie man seinen Lieben solche Nachrichten beibringt!

Wahrscheinlich stand da drin: Sorgen Sie dafür, dass Sie sich an einem öffentlichen Ort aufhalten, und füttern Sie alle Angehörigen gut durch. „Verflucht, Rory, das wird hoffentlich ein richtig teures Essen, denn du schuldest mir einiges. In einem Monat muss ich meine neue Kollektion abliefern, und für die brauche ich diese Steine!“

„Tut mir leid, Erin. Wenn du jemand anderen findest, der dich begleitet, kannst du den Wagen nehmen. Aber such dir bitte einen Eunuchen mit dem Schutzinstinkt eines Rottweilers.“

„Klar, wen frag ich denn mal? Die Liste ist unendlich lang.“

„Ja, ja, schon gut“, sagte Rory. „Okay, eine Frau darfst du auch mitnehmen, Allerdings sollte es eine sein, die dir Rückendeckung geben kann.“

„Ich könnte allein fahren.“

„Wenn du mit Karte bezahlst und dir die Steine schicken lässt. Dann ginge es.“

„Tu mir das nicht an, Rory!“ Er wusste ebenso gut wie sie, dass man die besten Edelsteine an den unmöglichsten Orten fand – in den Ein-Mann-Minen, in denen es Steine gegen Bargeld gab, und damit basta. „Bleibt aus deiner Einheit jemand hier, der mit mir kommen könnte?“

„Kommt gar nicht infrage!“

Erin seufzte. Sie war vollkommen immun gegen Militärangehörige, und sie verstand nicht, warum Rory meinte, sie vor ihnen beschützen zu müssen. „Vielleicht gebe ich eine Anzeige auf.“

„Nur über meine Leiche“, erwiderte er. „Ich lade euch übrigens zu Doyle’s zum Essen ein.“

Aha. Blick über den Hafen und die besten Meeresfrüchte der Stadt. Rory hatte tatsächlich ein schlechtes Gewissen. „Wann?“

„Halb acht. Und wenn du nicht kommst, hole ich dich.“ Dann legte er auf.

Super, einfach super! Verärgert warf Erin ihr Handy auf den Beifahrersitz. Ihr Fahrgast hatte inzwischen seine Tasche aus dem Kofferraum geholt und sah sie an. Seine Mundwinkel waren leicht nach oben gebogen, also musste er sich über irgendetwas amüsieren.

„Probleme?“, fragte er.

„Ja, aber ich arbeite an der Lösung.“ Sie konnte Edelsteine auf einer Auktion oder übers Internet kaufen, aber da waren sie meist überteuert und nicht so außergewöhnlich wie die, die man selbst vor Ort aussuchte. Nein, das ging nicht.

Sie nahm schließlich an einem Design-Wettbewerb teil, der über ihren Ruf und ihre Zukunft entschied. Und wenn sie eine reelle Chance haben wollte, musste sie sechs außergewöhnliche Einzelstücke mit perfekten Steinen vorweisen. „Sie sind nicht zufällig ein Eunuch, oder?“

„Ich will nicht einmal wissen, wie Sie auf diese Frage kommen.“

„Es ist bloß so, dass ich einen Begleiter brauche“, sagte sie eilig. Sein Blick fiel auf die Chauffeurskappe. „Nicht für die Limousine, sondern für einen Edelsteineinkauf im Westen. Und der Betreffende sollte schon, ähm, so gebaut sein wie Sie. Sprich: Ich brauche einen Bodyguard. Sie sind vermutlich nicht interessiert, oder?“

Er sah sie erst überrascht, dann streng an. „Sie sollten vorsichtiger sein. Was würde Ihr Bruder sagen, wenn er wüsste, dass Sie einen Wildfremden bitten, Sie auf diese Tour zu begleiten?“

„Darüber möchte ich lieber nicht nachdenken.“ Sie hatte keine Ahnung, wer er war oder was er beruflich machte, und erst recht keinen Schimmer, was in sie gefahren war, ihn zu fragen. Sie war eben impulsiv, immer schon gewesen. Na ja, so impulsiv normalerweise dann doch nicht. „Sie haben recht. Es war eine blöde Idee. Vergessen Sie’s.“

„Eine Anzeige würde ich Ihnen auch nicht empfehlen.“

„Damit stehen Sie nicht allein da.“ Sie wettete eins zu zehn, dass er irgendwo eine kleine Schwester hatte. „Aber ich möchte Sie nicht aufhalten.“

„Was schulde ich Ihnen?“

„Nichts. Der Taxameter lief nicht.“ Sie sah ihm an, dass er nicht aufgeben wollte. „Also gut, beantworten Sie mir eine Frage, und wir sind quitt.“

„Sie wollen wissen, was ich mache?“

„Wie kommen Sie darauf?“ Er sah sie mit einem Blick an, der sie beinahe zum Lachen brachte. „Ich würde eigentlich lieber Ihren Namen wissen.“

Nun trat ein Schweigen ein, das für beide ein bisschen peinlich war. Er wollte es ihr offensichtlich nicht sagen.

„Schon gut“, sagte sie schließlich kopfschüttelnd. Sie hätte es wissen müssen. Und dennoch war da etwas, das den Wunsch in ihr weckte, mehr über ihn zu erfahren. „Belassen wir es dabei. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.“

„Tristan“, sagte er leise, als sie sich wieder zum Wagen umdrehte. „Tristan Bennett.“

Erin erstarrte und blickte sich stumm zu ihm um. Er wirkte, als hätte er mit seinem Namen ein großes Geheimnis preisgegeben. Dabei gab es wohl kaum etwas Alltäglicheres als den eigenen Namen zu nennen. Und nun?

„Tja, Tristan Bennett“, sagte sie lächelnd. „Willkommen zu Hause.“

2. KAPITEL

Tristan wollte nicht, dass sie ging. Vielleicht war es Neugier oder der Wunsch, den Moment aufzuschieben, in dem er durch die Haustür trat und seiner Kindheit begegnete. Auf jeden Fall musste er einen Vorwand finden, sie aufzuhalten.

„Wofür brauchen Sie die Edelsteine?“, fragte er.

„Ich brauche sie, weil ich Goldschmiedin und Schmuckdesignerin bin, wenn ich nicht gerade als Chauffeurin arbeite“, antwortete Erin. „Und in vier Wochen findet ein sehr wichtiger Design-Wettbewerb statt. Für den brauche ich die besten Steine, die ich kriegen kann.“

Sie war Goldschmiedin? Darauf wäre er nie gekommen. „Aber Sie tragen überhaupt keinen Schmuck.“

„Das ist meine Geschäftspolitik. Was ich nicht trage, kann niemand kopieren.“

Keine dumme Idee, dachte er. „Und wann wollen Sie zu dieser Adresse, wo Sie die Steine bekommen?“

„Nächsten Montag.“

In einer Woche also. „Okay, sollten Sie bis dahin niemanden gefunden haben, melden Sie sich. Vielleicht kann ich Ihnen ja noch einmal helfen.“ Was sagte er da? Warum bot er ihr seine Hilfe an? Er war kein guter Samariter. Wahrscheinlich setzte ihm die Zeitverschiebung schlimmer zu, als er dachte.

Sie neigte den Kopf zur Seite und sah ihn an. „Sie sind richtig liebenswert, wissen Sie das? Ich meine, unter dieser harten Schale.“

Liebenswert? Niemand hatte ihn jemals so genannt. Und er fühlte sich auch gar nicht wohl dabei. „Nein.“

„Na gut. Wie dem auch sei, ich muss dann mal los.“

Nun fuhr sie doch weg! „Sie haben mir noch nicht verraten, wie Sie heißen.“

„Das wollen Sie auch nicht wissen.“

„Will ich nicht?“

„Nein, eigentlich nicht.“ Sie lächelte. „Aber ich sag’s Ihnen trotzdem. Mein Name ist Erin, Erin Sinclair.“

Fünf Tage dauerte es, bis Erin sich endgültig geschlagen gab. Freunde, Cousins, entfernte Cousins, alle waren beschäftigt. Hätte sie früher gefragt … Aber das hatte sie natürlich nicht, weil sie ja dachte, Rory käme mit.

Wie dem auch sei, die Stücke für den Wettbewerb mussten in etwas über drei Wochen fertig sein. Ihr lief die Zeit davon. Was sollte sie tun?

Also blieb nur noch Tristan Bennett. Eigentlich genau der Mann, den sie brauchte. Er wirkte stark und wie jemand, der andere beschützen wollte, auch wenn er gern auf Distanz blieb. Und er hatte gesagt, er würde ihr helfen.

Vielleicht sollte sie tatsächlich herausfinden, wie er das gemeint hatte.

Erin überlegte angestrengt, was sie anziehen sollte. Schließlich wählte sie eine beige Hose, flache Sandalen und ein Poloshirt. Sie wollte signalisieren, dass alles rein geschäftlich war.

Zugegeben, das Poloshirt war dunkelrosa und ziemlich tief ausgeschnitten, aber Dekolleté und cremefarbene Haut lieferten nur den Hintergrund für Wichtigeres.

Wie zum Beispiel Schmuck.

Sie legte eines ihrer Lieblingsstücke an: eine schmale Kette aus poliertem Jadestein, unregelmäßig eingearbeitet in hauchdünne Platinfassungen. Erin hatte sich schon immer für Schmuck und seine Geschichte begeistert.

Sie kannte die Bedeutungen all ihrer Motive, wusste perfekt über Materialien und ihre Herstellungsverfahren Bescheid. Ihre Entwürfe waren gut, anders, und manchmal glaubte sie, mit ein bisschen Glück könnte sie den Wettbewerb wirklich gewinnen.

Die richtigen Steine, das richtige Design und professionelles Können …

Eines nach dem anderen. Wer eine große Aufgabe vor sich hat, teilt sie sich am besten in viele kleine Schritte ein. Man setzt sich Ziele und Zeitrahmen und geht systematisch vor.

Das hatte Erin von ihrem Vater gelernt. Er dachte immer, sie würde ihm gar nicht zuhören, aber er hatte sich getäuscht.

Und nun brauchte sie im ersten Schritt die richtigen Steine. Und um die zu bekommen, brauchte sie Tristan Bennett.

Nummer hundertzweiundneunzig Albany Street sah völlig verändert aus. Der Rasen war gemäht und das Unkraut gejätet. Das Haus machte einen freundlichen Eindruck, sogar die Kletterrose, die sich an der Veranda entlangrankte, kam sehr gut zur Geltung.

Erin bemerkte ihn erst, als sie schon in der Einfahrt hielt. Er stand auf einer Leiter an der einen Hausseite und reinigte die Regenrinne. Als sie ausstieg, blickte er zu ihr hinunter.

„Erin Sinclair“, sagte er. Wenigstens hatte er ihren Namen behalten. „Ich hatte mich schon gefragt, ob Sie wohl wiederkommen würden.“

„Na ja, einen Mann wie Sie vergesse ich nicht so schnell.“ Von dem träume ich eher, dachte sie.

„Sie haben noch niemanden gefunden, der Sie begleitet, stimmt’s?“

„Nein“, gestand sie, als er von der Leiter stieg. „Aber ich hätte Sie auch sonst nicht vergessen.“ Er war größer, als sie ihn in Erinnerung hatte, und ein wenig gebräunter. Ob jede Frau in seiner Nähe atemlos wurde, oder war sie die einzige? Er zog sich die dicken Arbeitshandschuhe aus und hängte sie über eine Leitersprosse.

„Ich brauche immer noch einen Begleiter“, sagte sie. „Und ich wollte Sie fragen, ob Sie interessiert wären. Ich zahle natürlich Unterkunft und Verpflegung, und ich entschädige Sie auch für Ihren Zeitaufwand. Viel kann ich Ihnen zwar nicht bezahlen, aber wenn Sie gerade Arbeit suchen, na ja, dann ist auch wenig besser als gar nichts, oder?“

„Ich will Ihr Geld nicht“, sagte er. „Sparen Sie es für Ihre Steine.“

„Dann sind Sie gar nicht arbeitslos?“

„Ich habe Urlaub.“

Und wovon? Dieser Mann sprach wirklich nicht gern über sich selbst. „Ich gehe von vier bis fünf Tagen aus, je nachdem wie erfolgreich ich bin. Als Erstes will ich nach Lightning Ridge, um Opale zu kaufen, dann nach Inverell. Dort gibt es die besten Saphire.“

„Ein paar Tage könnte ich bestimmt erübrigen.“

„Ehrlich? Einfach so?“

Ihr Lächeln war wie ein Sonnenstrahl und zog Tristan magisch an, sodass er sich instinktiv innerlich zurückzog. Sie war zu offen und zu vertrauensselig – genau das Gegenteil von ihm.

„Da wäre nur ein Problem“, sagte sie. „Ich kenne Sie nicht besonders gut, also müsste ich Sie vorher irgendwie überprüfen.“

Aha, ganz so vertrauensselig war sie also doch nicht. Das sprach für sie. „Und wie?“

„Ich dachte da an ein Abendessen.“

Abendessen? Tristan sah sie ungläubig an. „Halten Sie ein Abendessen für eine verlässliche Methode, sich ein Bild von jemandem zu machen?“

„Sie haben recht, ich sollte noch eine zweite Meinung einholen. Wir essen bei meiner Mutter.“

„Bei Ihrer …“ Was? „Oh, nein. Nein.“ Er schüttelte energisch den Kopf. „Ich esse nicht mit anderer Leute Familien.“

„Es ist doch nur meine Mutter“, sagte sie. „Und vielleicht noch meine Großmutter.“

Zwei Mütter. „Auf keinen Fall!“

„Hören Sie, ich kann wohl schlecht für eine Woche mit einem Wildfremden wegfahren, ohne dass meine Familie ihn sich vorher angesehen hat, oder?“

„Sie sollten meine Schwester kennenlernen, sie würden ihr gefallen“, antwortete er. „Was ist mit Ihrem Vater? Kann ich ihn nicht stattdessen treffen? Oder Ihren Bruder?“ Mit Brüdern konnte er umgehen. Er hatte schließlich selbst drei.

„Die sind im Ausland. Außerdem sind sie in solchen Dingen oft überbesorgt. Mütter sind viel vernünftiger. Heute Abend um sieben?“

„Nein.“

„Wann dann?“

Nie. „Wie wär’s, wenn ich Ihnen einfach meinen Führerschein gebe?“, schlug er vor. „Der Führerschein verrät eine Menge über einen Menschen.“

„Zum Beispiel? Dass er Auto fahren kann?“

„Das, aber auch den vollen Namen, die Adresse und das Geburtsdatum. Damit können Sie auf andere Daten zugreifen.“

„Sind Sie etwa ein Krimineller?“

„Noch nicht.“

Sie betrachtete ihn nachdenklich und nicht halb so selbstbewusst, wie sie scheinen wollte. „Okay, einigen wir uns auf Brunch am Sonntag. Bei meiner Mutter. Und der Fairness halber dürfen Sie Ihre Mutter auch mitbringen.“

Tristan schüttelte wieder den Kopf. „Meine Mutter ist vor langer Zeit gestorben.“ Damals war er zwölf gewesen.

Sichtlich erschrocken sagte sie zunächst gar nichts. Gespannt wartete Tristan ab. Er hasste es, wenn andere sofort mit Mitleid reagierten. Vor allem Frauen bekamen dann oft so etwas Bemutterndes. Und er war dreißig Jahre alt, brauchte also keine mütterliche Fürsorge mehr.

„Tja, dann kommt das wohl nicht in Frage“, sagte sie schließlich. „Was ist mit Ihrer Schwester?“

„Die lebt in England.“

Erin Sinclair seufzte. „Ich vermute, Sie haben auch keine alte, alleinstehende Tante in der Nähe, die nichts mehr liebt, als Anekdoten aus Ihrer Kindheit zum Besten zu geben.“

„Nein, aber der Papagei meiner Nachbarn erinnert sich an mich. Den könnte ich mitbringen.“

„Na, das ist doch schon mal was. Bringen Sie die Nachbarn ruhig auch mit.“

Sie war wirklich hartnäckig. „Können Sie sich nicht einfach auf Ihr eigenes Urteilsvermögen verlassen?“

„Das tue ich ja gerade. Und es sagt mir, traue keinem Mann, der sich weigert, deine Mutter kennenzulernen.“

Das war ein Argument.

„Letzte Chance“, sagte sie. „Brunch morgen. Sie dürfen sogar ein Zeitlimit festsetzen. Eine halbe Stunde?“

Er zögerte immer noch.

„Falls ich jemand anderen suchen muss, der mit mir kommt, werde ich das tun.“

„Sie bluffen.“

Und sie bluffte sogar gut. Mit in die Hüften gestemmten Händen stand sie vor ihm und sah ihn ruhig an. Und so unsinnig es sein mochte, er bekam richtig Lust darauf, eine Woche mit Erin Sinclair herumzureisen.

„Wie viele Mütter?“, fragte er.

„Nur eine, wenn Sie sich dabei besser fühlen.“

Ja, tat er. Eine Mutter konnte er eine halbe Stunde lang aushalten. Und er war nicht Erins neuer Freund, der genauestens unter die Lupe genommen wurde.

Er musste nur hingehen, die Frau davon überzeugen, dass er gut auf ihre Tochter aufpassen würde, sich für den Kaffee bedanken und wieder verschwinden. „Eine Mutter, eine halbe Stunde. Höchstens.“

„In Ordnung.“ Sie lächelte ihn strahlend an. „Ich hole Sie um zehn ab. Einverstanden?“

„Geben Sie mir die Adresse, dann komme ich mit meinem Wagen hin.“ Der Wagen seines Vaters stand in der Garage. Obwohl … „Ist das Ihrer?“, fragte er und nickte zu dem Monaro-Sportcoupé in der Einfahrt.

„Rorys“, sagte sie und ging zum Wagen. Tristan folgte ihr. „Ich habe kein Auto, deshalb hat er mir angeboten, seinen zu leihen. Für die Tour nehme ich aber lieber den Ford meiner Mutter, denn wenn die Händler diesen Flitzer sehen, verdreifachen sie sofort ihre Preise.“

„Ich fange gleich an zu weinen.“

„Ja, und ich weine jedes Mal, wenn ich mit diesem Schlitten tanken muss.“

„Sie gehen da völlig falsch ran. Wir reden hier von einer Wahnsinnsbeschleunigung und einer Spitzengeschwindigkeit, bei der kein Auge trocken bleibt. Da sind Benzinpreise Nebensache.“

„Sie klingen wie mein Bruder“, sagte sie, angelte einen Pappuntersetzer und einen Stift von der Konsole und begann, etwas aufzuschreiben. „Was haben Männer bloß immer mit schnellen Autos?“

„Passen Sie auf das Verdeck auf.“

„Auch das höre ich nicht zum ersten Mal“, murmelte sie und schrieb weiter. „Was glauben Sie, wieso ich einen Untersetzer benutze?“

„Das ist doch eine gute Idee, oder nicht?“, fragte Erin am nächsten Morgen, als sie eine Packung frisch gemahlenen Kaffee und einen Kastenkuchen auf den Küchentisch ihrer Mutter stellte.

Seit zwei Jahren wohnte sie nicht mehr zu Hause, aber sie kam immer noch gern und oft hierher. Diese Küche war ein idealer Ort, um ein bisschen auszuspannen – und um Reisebegleiter unter die Lupe zu nehmen. „Jedenfalls kam sie mir gut vor.“

„Sehr vernünftig, Kleines.“ Lillian Sinclair musterte ihre Tochter über den Rand ihres roten Brillengestells hinweg. „Wie heißt er noch mal?“

„Tristan Bennett.“

„Ich kannte mal einen Tristan. Er war Choreograph und ein echter Schatz.“

„Der hier ist kein Choreograph, glaube ich.“ Zwar wusste sie es nicht, aber sie konnte sich Tristan Bennett beim besten Willen nicht vorstellen, wie er in engen Strumpfhosen übers Parkett hüpfte. „Der Name Tristan passt sowieso nicht zu ihm.“

„Ach nein? Wie sollte er denn deiner Meinung nach heißen?“

„Na, ich denke da zum Beispiel an Luzifer.“

Ihre Mutter zog die Augenbrauen hoch. „Eindrucksvoller Name.“

„Er sieht sehr gut aus.“ Erin fand, ihre Mutter sollte vorgewarnt sein.

„Verrucht?“

„Ich hoffe nicht.“ Erin zögerte. „Mein Instinkt sagt mir, dass er in Ordnung ist. Aber ich habe auch das Gefühl, dass er irgendeine dunkle Seite hat.“

„Ein Mensch muss nicht Teil der Dunkelheit sein, um sie zu durchwandern“, zitierte ihre Mutter eines ihrer chinesischen Lieblingssprichwörter. „Was macht er beruflich?“

„Keine Ahnung.“

„Du hättest ihn fragen sollen.“

„Mach ich noch.“ Erin schnitt die Kaffeepackung mit einem Messer auf. „Er ist nur so … ausweichend.“

Es klingelte an der Tür. „Aber pünktlich“, sagte ihre Mutter. „Das spricht für ihn.“

„Wie sehe ich aus?“

„Frisch und munter. Wie willst du denn aussehen?“

Sie trug eine grüne Hose und ein ärmelloses Top in Blassrosa, dazu mehrere indianische Armreifen an dem einen Handgelenk. „Ich dachte an seriös, aber auch ein klein wenig pfiffig.“

„Dann hast du das mit dem Pfiffigen eindeutig übertrieben“, sagte ihre Mutter. „Willst du aufmachen oder soll ich?“

„Ich geh schon“, seufzte Erin.

Sie öffnete die Tür und fand sich Tristan im weißen Hemd gegenüber. Die oberen beiden Knöpfe waren offen und die Ärmel bis zu den Ellbogen aufgekrempelt. Dazu trug er eine Cargohose und Stiefel …

Und neben ihm stand ein Käfig mit einem Papagei!

„Das ist Pat“, stellte er vor. „Leider mussten die Nachbarn in die Kirche.“

„Kommen Sie rein.“

Er hob den Käfig hoch und folgte Erin in die Küche. Resigniert stellte sie fest, dass ihre Mutter sich auf den ersten Blick in Tristan und Pat verliebte. Nachdem sie alle miteinander bekannt gemacht hatte, setzte Tristan sich an den Frühstückstresen, Pat direkt neben sich. Erin kochte den Kaffee, und Lillian nahm gegenüber von Tristan Platz.

„Kuchen?“, fragte sie ihn.

„Gern, danke.“

Sie schnitt ihm eine dicke Scheibe ab und machte Pat ein Vollkornbrot mit reichlich Honig.

„Nicht fluchen“, sagte der Vogel zum Dank.

„Nein, nicht in meiner Küche“, stimmte Lillian ihm zu. „Also, Tristan, Erin erzählte, dass Sie in London gelebt haben.“

„Ja.“

Er sah aus, als fühlte er sich gar nicht wohl, fand Erin, als sie den Kaffee auf den Tresen stellte und drei Becher hinstellte. Tristan rührte seinen Kuchen nicht an. „Schwarz mit zwei Stück Zucker, stimmt’s?“

„Genau.“

„Essen Sie“, sagte Lillian und zeigte auf den Kuchen. „Sie sehen aus, als könnten Sie es vertragen.“

Artig brach er sich ein Stück von seinem Kuchen ab und aß es. „Der ist gut.“

„Sollte er auch. Ich habe ihn vom Delikatessenladen um die Ecke.“ Erin bemerkte, dass Tristan dunkle Schatten unter den Augen hatte. „Sie sehen aus, als könnten Sie auch ein bisschen Schlaf vertragen.“

„Ich schlafe sehr gut“, erwiderte er und griff nach seinem Kaffee. „Und ich esse auch genug.“

„Hölle“, verkündete Pat. „Fegefeuer.“

„Er ist katholisch“, erklärte Tristan.

„Dann sei ihm vergeben“, sagte Erins Mutter. „Was führt Sie zurück nach Australien?“

Tristan zuckte mit den Schultern. „Kein besonderer Grund. Ich hatte noch etwas Urlaub, und da habe ich beschlossen, mal wieder nach Hause zu fahren.“

Erin war sicher, dass das nicht die ganze Wahrheit war. Vielleicht musste er eine verflossene Liebe verarbeiten. „Wie lange bleiben Sie?“

„Sechs Wochen.“

Sechs Wochen waren ein reichlich langer Urlaub – in jedem Job. Sie wusste, dass es unhöflich war, Leute nach ihrem Beruf zu fragen, aber wenn sie es nicht gleich tat, würde er dem Thema auf ewig ausweichen. „Was machen Sie eigentlich?“

„Ich arbeite für Interpol.“

Erin starrte ihn mit offenem Mund an. Das hatte sie nicht erwartet.

„Im Büro?“, fragte sie.

„Nein.“

Nein.

„Verdammnis“, krähte der Papagei.

„Nicht doch, Pat. So schlimm ist es auch wieder nicht“, sagte Lillian zu dem Vogel. „Er könnte bei der Marine sein.“ Das fände sie weit schlimmer.

„Ein Interpol-Cop“, murmelte Erin matt. „Sie.“

„Ist das ein Problem?“

„Nur für Ihre künftige Frau.“ Erin hatte das Gefühl, dass er sie ein bisschen zu aufmerksam ansah. Und zu allem Überfluss betrachtete ihre Mutter sie mit einem Anflug von Mitleid. Tristan Bennett war Polizist, also auch wieder so ein Mann, der Geheimnisse wahren und den Job über die Familie stellen musste. Warum hatte sie das nicht gleich gemerkt?

„Wenigstens bist du bei ihm in Sicherheit“, sagte ihre Mutter.

„Ja.“ Verdammt. Warum konnte er kein Börsenmakler oder Steuerberater sein? „Wieso arbeiten Sie für die Polizei?“

„Ich mag Gerechtigkeit“, antwortete er ruhig. „Und mir gefällt die Jagd.“

„Kriegen Sie immer die, die Sie suchen?“

„Nein, nicht immer.“ Er wandte sich ab, doch zuvor hatte Erin einen Anflug von Enttäuschung in seinen Augen gesehen. Damit hatte sich ihre Gescheiterte-Liebe-Theorie überholt. Sein Job war das Problem.

Klasse, einfach klasse! Jetzt wollte sie ihn auch noch trösten! Genau wie ihre Mutter. Die schnitt ihm gerade ein zweites Stück Kuchen ab.

Erins Mutter war seit achtundzwanzig Jahren mit einem Soldaten verheiratet, und ihr Erstgeborener hatte sich ebenfalls dem Dienst am Vaterland verschworen. Darüber hinaus waren seelenverwundete Krieger Lillian Sinclairs Spezialgebiet.

„Ich zeige Ihnen mal, wo ich hin will“, sagte Erin, angelte eine Karte aus einem Zeitungsstapel und breitete sie auf dem Tresen aus. „Ich dachte, wir fahren durchs Binnenland.“

„Dann kommt ihr an den Warrambungles vorbei. Da könntet ihr zwischendurch ein wenig klettern.“ Ihre Mutter sah Tristan prüfend an. „Sie müssten ungefähr die Größe von Rory haben. Wenn Sie wollen, können Sie seine Ausrüstung leihen.“

„Sie klettern?“, fragte Tristan und blickte von Mutter zu Tochter.

„Ja, so etwas wie ein Sinclair-Familiensport. Ich klettere schon, seit ich krabbeln kann.“ Für alle Fälle konnte sie ja ihre Sachen mitnehmen. „Und Sie?“

„Nein.“

„Möchten Sie es mal ausprobieren? Wir könnten die Tour ganz nach Ihnen richten. Ich vermute, Sie sind einer von den Typen, die sich gern bis an ihre Grenzen fordern. Aber da kann ich mich natürlich irren.“

„Klettern ist ein herrlicher Sport“, sagte Lillian. „Es trainiert den Körper, klärt den Geist, und man bekommt dazu einen Ausblick, der nicht mit Geld zu bezahlen ist. Ich verstehe gar nicht, dass so wenig Leute daran Gefallen finden. Mehr Kuchen?“

„Sie scheinen mir ziemlich ausgefallene Leute zu sein“, stellte Tristan staunend fest.

„Na, hören Sie mal!“, beschwerte Erin sich. „Sie sind derjenige, der einen Papagei mitgebracht hat.“

Die halbe Stunde mit Erin und ihrer Mutter verging schnell. In Lillian Sinclairs Gegenwart kann man wahrscheinlich gar nicht anders, als entspannt zu sein, dachte Tristan, auch wenn sie ihn recht hartnäckig fütterte.

Auf den Kuchen folgten Sandwiches, üppig belegt mit Roastbeef, Salat, selbst angebauten Tomaten und Senf. Davon hatte sie ihm gleich zwei vorgesetzt, die er dankbar aufaß. Er war wirklich hungrig gewesen.

Zugegeben, die beiden hatten ihn ziemlich gelöchert. Lillian Sinclair kannte seinen Vater durch eine Kunstgalerie, die ihn einmal beraten hatte, also redeten sie eine Weile über ihn.

Dann erzählte Tristan von seinen drei älteren Brüdern und seiner jüngeren Schwester. Sie sprachen über London, Kensington Gardens, die Themse und Chelsea, wo er seine Wohnung hatte. Weitere Themen waren Klettern, Yoga, Kinderbuchillustrationen und die Vorzüge von superscharfen Küchenmessern.

Die Sinclairs waren jedenfalls keine Durchschnittsfamilie, so viel stand fest.

„War doch gar nicht so schlimm, oder?“, hatte Erin gefragt, als sie ihn und Pat zum Wagen begleitete.

„Es war auszuhalten.“

„Lügner! Sie haben es genossen, bei meiner Mutter in der Küche zu sitzen. Das tun alle, nur wollen Sie’s nicht zugeben.“

Sie hatte recht. Aber das musste sie ja nicht wissen. „Also, jetzt haben Sie sich ein Bild von mir gemacht. Und wie geht es weiter?“

„Packen Sie für eine Woche. Ich hole Sie morgen früh ab“, sagte sie, während er Pat im Käfig auf den Beifahrersitz stellte. „Es sei denn, Sie haben es sich nun anders überlegt.“

„Hab ich nicht“, sagte er. „Sie?“

„Nein.“

Sie sah nachdenklich aus. Und er glaubte auch zu wissen, warum. „Ihnen gefällt nicht, was ich beruflich mache, stimmt’s?“

„Sie sind bestimmt sehr gut in Ihrem Job“, entgegnete sie lässig.

Erin duftete nach Sonne und Limonen, und ihr schmaler kleiner Körper wirkte im Vergleich zu seinem geradezu winzig. Aber er hatte inzwischen festgestellt, dass sie alles andere als zerbrechlich war. „Sie haben meine Frage nicht beantwortet.“

„Verhaften Sie mich“, konterte sie frech.

Ihr Mund gefiel ihm. „Was passt Ihnen an meinem Job nicht?“

„Das ist unwichtig. Ich will nur, dass Sie auf meine Edelsteine aufpassen. Mehr nicht.“

„Tatsächlich?“

„Ja. Verstehen Sie mich nicht falsch. Sie sind ein faszinierender Mann, aber nicht mein Typ.“

„Sind Sie fertig?“, fragte er leise.

„Ja, ich denke schon.“ Sie strich sich das Haar hinters Ohr und nickte. „Ja.“

„Gut, denn ich habe da diese Theorie.“

„Wissenschaftler haben Theorien.“

„Cops auch. Meine ist, dass Sie sich zu mir hingezogen fühlen. Und aus unerfindlichen Gründen fühle ich mich auch zu Ihnen hingezogen. Wollen Sie meine Theorie hören?“

„Nein.“

Aber sie war errötet, und als er ihr sanft mit dem Daumen über die Lippen strich, öffneten sie sich ein klein wenig. Außerdem sah er den Puls an ihrem Hals.

„Ich will Sie nicht“, sagte sie.

„Ja, das sehe ich.“ Er ließ ihr die Möglichkeit, zurückzuweichen, als er eine Hand in ihren Nacken legte und den Abstand zwischen ihnen verringerte. Sie kam ihm nicht entgegen, aber sie erschauderte, als seine Lippen ihre berührten, und das war ihm Zustimmung genug. Einmal, zweimal, und dann wieder.

Er glaubte, alles unter Kontrolle zu haben. Nur einen Kuss, mehr wollte er nicht, um ihr zu beweisen, dass sie eine Frau wie jede andere war. Er war absolut sicher, die Situation im Griff zu haben, als er sie näher zu sich zog.

Dann allerdings durchfuhr ihn ein Feuer, und ihm wurde schlagartig klar, dass sie nicht wie andere Frauen war. Und im selben Moment verlor er die Kontrolle.

Sie erwiderte seinen Kuss mit einem solchen Verlangen, dass er darin zu ertrinken drohte. Dabei vergrub sie die Finger in seinem Haar und gab sich ihm ganz hin.

Nichts mehr zählte außer dieser Frau in seinen Armen und dem Zauber, der sie beide erfasste. Nichts. Er hatte schon viele Frauen geküsst, doch bei keiner war es so gewesen wie bei ihr.

Abrupt ließ er sie los. „Verdammt“, murmelte er und trat erschrocken einen Schritt zurück. „Du bist auch nicht mein Typ.“

3. KAPITEL

Erin schaffte es zurück in die Küche, ohne dass ihre Beine nachgaben. Das war die gute Nachricht. Die schlechte war, dass ihre Mutter ihr sofort ansah, was gerade zwischen Tristan Bennett und ihr geschehen war.

„Ich glaube, ich hatte eben eine Erleuchtung“, sagte sie und ließ sich auf den Barhocker fallen, auf dem Tristan bis vor Kurzem gesessen hatte. „Ehrlich. Die Erde bebte, da war ein Feuerwerk, und ich bin sicher, dass ich Harfen gehört habe.“

„Das ist interessant. Hat Tristan sie auch gehört?“

„Weiß ich nicht. Er musste schnell weg.“ Von null auf sechzig in drei Sekunden, und das in einem Corolla.

„Ich mag ihn“, sagte ihre Mutter.

„Er ist der Falsche für mich“, entgegnete Erin. „Ich sollte ihn anrufen und die Sache abblasen. Dann muss ich die Steine eben auf einer Auktion kaufen. Bei der am Freitag zum Beispiel.“

„Gute Idee. Vielleicht findest du da zur Abwechslung mal welche, die du dir leisten kannst. Das wäre doch mal was Neues.“

Erin seufzte. „Er ist ein Cop.“

„Ein Elite-Cop sogar.“

„Ja, streu ruhig Salz in meine Wunden.“

„Dein Problem ist, dass du immer nur den Beruf siehst und nicht den Menschen dahinter.“

Nein, ihr Problem war, dass er sie von Anfang an fasziniert hatte und sein Beruf daran nichts zu ändern schien. Und das war gar nicht gut, denn sie wollte einen Mann, der jeden Abend nach Hause kam und keine Geheimnisse vor der Familie haben musste.

„Ist es denn verkehrt, wenn ich mich in einen Mann verlieben will, dessen Job ihn nicht rund um den Globus jagt, um böse Jungs zu fangen?“

„Nein, ganz und gar nicht“, murmelte Lillian. „Ich gebe zu, dass es bisweilen ziemlich an den Nerven zerren kann. Aber von einem leidenschaftlichen Kreuzritter kannst du nicht erwarten, dass er sich mit einem langweiligen Bürojob zufrieden gibt, Erin. Das passt einfach nicht zusammen.“

„Ich will ja gar keinen leidenschaftlichen Kreuzritter.“

„Natürlich willst du den, Kleines.“

„Okay, dann heirate ich einen Arzt. Der kann wenigstens zu Hause sein, während er die Welt rettet.“

„Ja, Ärzte haben es wirklich leicht. Achtzehn Stunden Arbeit pro Tag, Entscheidungen über Leben und Tod fällen, Patienten, die sie brauchen … Und Arztfrauen geht es auch bestens. Kein wichtiges Dinner wird von einem Anruf aus dem Krankenhaus unterbrochen, und ihre Männer kommen jeden Abend fröhlich um sechs Uhr nach Hause, um beim Kochen zu helfen.“

„Na schön, dann ist das vielleicht kein gutes Beispiel.“

„Das Leben ist ein Balanceakt, Erin. Du machst deine Arbeit auch mit Leidenschaft. Finde den richtigen Mann, und die Balance wird sich herstellen lassen, egal was für einen Beruf er hat. Und was Tristan Bennett betrifft, der ist zu haben und will dir helfen, dein Ziel zu erreichen. Er ist genau der Typ Mann, den du brauchst. Du musst allerdings aufpassen, dass er genug isst.“

Oh bitte! „Er ist erwachsen. Er wird essen, wenn er Hunger hat.“ Erin trommelte nachdenklich mit den Fingern auf den Tresen. Da war noch etwas an Tristan Bennett, das ihr Sorgen machte – abgesehen von seinem unglaublichen Kuss.

„Er läuft vor irgendetwas weg“, sagte sie schließlich. „Ein unabgeschlossener Fall, eine schlimme Nachricht, keine Ahnung. Auf jeden Fall bedrückt ihn etwas.“

„Ja, ist mir aufgefallen.“ Ihre Mutter sah sie an. „Und er redet mit dir.“

„Ungern.“

„Aber er redet.“

Eine halbe Stunde. Länger hatten Erin und Lillian Sinclair nicht gebraucht, um ihn zu enträtseln. Tristan fuhr durch die Vorortstraßen und dachte daran, dass er das letzte Mal bei seinem Interpol-Bewerbungsgespräch vor sechs Jahren so geschickt ausgehorcht worden war.

Damals war er naiv, voller Idealismus und sehr viel unbedarfter gewesen als heute. Zumindest bildete er sich gern ein, dass er seither reifer geworden war – und klüger. Wer ihn allerdings in der letzten halben Stunde erlebt hatte, dürfte mit Fug und Recht behaupten, dass das nicht stimmte.

Er spielte alles noch einmal in Gedanken durch. Wie hatten die beiden Frauen es angestellt, ihn so schnell zu knacken? Er hatte sich auf den Barhocker gesetzt, Lillian sah ihn an, Erin tat zwei Löffel Zucker in seinen Kaffee, und er war erledigt.

„Siehst du, was Stress mit einem anstellt?“, fragte er den Papagei. „Du isst nicht mehr, du schläfst nicht mehr, und ehe du dich’s versiehst, lässt du dich auf Sachen ein, die du normalerweise nie machen würdest.“

Wie zum Beispiel einen Brunch und eine einwöchige Reise mit einer Fremden. „Dann küsst du eine Frau, die keine Cops mag, nur um sie zu ärgern, und dabei verlierst du deinen Verstand. Halt dich fern von Frauen, Pat. Das rate ich dir dringend.“

Pat ignorierte ihn, denn er war damit beschäftigt, sein Gefieder zu putzen. Erst jetzt kam Tristan der Gedanke, dass Pat womöglich ein weiblicher Papagei war – was bedeutete, dass er sich seit dem zarten Alter von neun Jahren mit seinen größten Geheimnissen und kühnsten Fantasien einem Mädchen anvertraut hatte.

Patricia?“

Pat hielt mitten im Putzen inne und sah ihn mit einem Auge an. „Halleluja, Bruder!“

Ja, eindeutig weiblich. Wie konnte ihm das entgangen sein? Plötzlich schien Tristans Welt aus den Fugen geraten, nichts schien mehr wie zuvor.

Er hatte sich auf die Tour gefreut. Opale, Saphire, weite Landstraßen und die Gesellschaft einer wunderschönen Frau mit einem frechen Mundwerk und einem offenen Lächeln – all das war ihm wie eine willkommene Abwechslung vorgekommen. Er hatte sogar absichtlich das Knistern zwischen ihm und der Elfe genutzt. Schließlich war er auch bloß ein Mensch.

Aber wie leichtsinnig war er gewesen! Was er für eine angenehme Ablenkung hielt, konnte allzu schnell weit mehr werden.

Und sie hatte etwas gegen seinen Beruf, was nicht gut war, da er im Moment selbst damit haderte.

Außerdem lebte er in London, in einer Dreizimmerwohnung mitten in der Stadt, wo es kaum Luft zum Atmen gab. Sollte er seinen Job dort aufgeben, würde ihn nichts mehr in London halten. Er könnte überall hingehen, alles Mögliche machen. Selbst nach Hause zurückkehren könnte er.

Wäre da nicht die entsetzliche Angst, sich in eine Frau zu verlieben und sie dann zu verlieren.

Und diese Angst saß viel zu tief, als dass er sie jemals überwinden würde. Den genauen Grund dafür kannte er nicht, aber er vermutete, dass er nie verwunden hatte, seine Mutter sterben zu sehen und danach mitzuerleben, wie sein Vater an dem Verlust zerbrach.

Natürlich hatte sein Vater weitergelebt und – gearbeitet, wie sie alle, und dennoch war offensichtlich, wie schmerzlich er seine Mutter vermisste.

Dann hatte sein Bruder Jake jung geheiratet und um sein Glück mit Jianna gekämpft – bis sie ihn sechs Monate nach der Hochzeit verließ. Die niedliche, liebenswerte Jianna, die sie schon ein Leben lang kannten, war einfach auf und davon und nahm das Beste von Jake mit.

Tristan mochte Frauen. Er mochte warmherzige, kluge Frauen, die einen Mann zum Lachen brachten. Er mochte strenge, ernste Frauen, die wussten, was sie wollten, und sich für ihre Ziele einsetzten. Er mochte sie alle, war gern mit ihnen zusammen und schlief gern mit ihnen. Nur zu nahe kommen sollten sie ihm nicht.

Bei Erin war das anders. Wenn er sie ansah, regte sich etwas in ihm, das er nicht zuordnen konnte. Aber es war stark genug, um seiner alten, steten Gefährtin – der Angst – mächtig ins Gehege zu kommen.

Auf jeden Fall war es keine Liebe. Verlangen vielleicht, von der Sorte, die schmerzlich und unstillbar scheint. Liebe hingegen kam für ihn nicht infrage, und er war entschlossen, jeder Regung zu widerstehen, die in diese Richtung ging.

All dies sagte er sich, während sein Herz zitterte.

Erin konnte nicht schlafen. Die Erinnerung an Tristans Kuss und die Sorge um das, was er beruflich machte, rumorten in ihrem Kopf und ließen sie nicht zur Ruhe kommen. Er war der falsche Mann für sie, ganz gleich, was ihre Mutter dachte. Lillian irrte sich. Er war zu stark, zu faszinierend, zu … beunruhigend.

Und er küsste himmlisch.

Sie sah auf die Uhr. Es war kurz vor Mitternacht. Vielleicht sollte sie ihn anrufen und ihm sagen, dass sie es sich anders überlegt hatte und ihn doch nicht brauchte. Schließlich war sie eine erwachsene Frau, noch dazu eine kluge.

Und es war weitaus ungefährlicher, allein loszufahren und ihr Glück zu versuchen, als ihr Herz an jemanden wie Tristan Bennett zu verlieren.

Nein. Er hatte müde ausgesehen, also war es zu spät, um ihn anzurufen. Vielleicht schlief er in diesem Moment zum ersten Mal seit Wochen tief und fest. Ganz abgesehen davon hatte sie nicht einmal seine Telefonnummer.

Sie sollte jetzt auch schlafen. Morgen früh war noch genug Zeit, um ihn anzurufen. Sie drehte sich um, klopfte ihr Kissen auf und schloss die Augen.

Okay, das konnte sie vergessen.

Zwei Minuten später hatte sie Tristans Nummer, oder besser gesagt: die von seinem Vater. Mit dem schnurlosen Telefon in der Hand stand sie neben ihrem Bett und hörte auf den Klingelton. Sie musste ihm lediglich in aller Ruhe mitteilen, dass die Fahrt ausfiel, dann konnte sie vielleicht schlafen.

Nach dem sechsten Klingeln hob er ab.

„Bennett.“ Tristans Stimme klang rau und verschlafen. Sie hatte ihn also tatsächlich geweckt. Das war nicht nett, aber es freute ihn jetzt sicher umso mehr, dass er morgen nicht mit ihr losfahren musste.

„Hier ist Erin“, sagte sie und begann, im Zimmer auf- und abzugehen. „Ich habe mir das mit der Reise anders überlegt.“

„Prima“, murmelte er. „Gute Nacht.“

„Warte!“ So viel zu ihrer Ruhe. „Willst du gar nicht fragen, warum ich es mir anders überlegt habe?“

„Nein.“

„Also, du kannst mich doch nicht einfach küssen und dann erwarten, dass ich weitermache, als wäre nichts geschehen. Ich finde, ich habe eine Erklärung verdient.“

„Da gibt es keine Erklärung“, sagte er. „Es war einer der kleinen Scherze, die das Leben nun einmal mit uns treibt.“

„Ich lache nicht.“

„Vertrau mir, es kommt nicht wieder vor.“

„Da hast du verdammt recht!“

„Elfen fluchen nicht“, sagte er.

„Ich bin keine Elfe. Und was die Fahrt angeht …“

„Dann ist das Kussthema erledigt?“

„Sofern du mir nicht sagen möchtest, dass unser Kuss so vollkommen war, dass du seitdem nicht mehr atmen, essen oder schlafen kannst, ja.“

„Okay, also zur Fahrt.“

Klar doch! Wo war sie stehen geblieben? Ach ja, bei der Fahrt. Sie hockte sich im Schneidersitz auf ihr Bett. „Ich überlege, die Tour ausfallen zu lassen.“

„Wegen des Kusses?“

„Nein, natürlich nicht. Darüber reden wir nicht mehr, schon vergessen?“

„Entschuldige. Mein Fehler.“ Er klang ein wenig wacher und sehr amüsiert. „Warum willst du sie ausfallen lassen?“

Weil es vielleicht noch mehr Küsse geben könnte. „Ich habe gehört, dass bei einer Auktion nächste Woche ein paar gute Steine dabei sein sollen. Ich werde wahrscheinlich auch dort das bekommen, was ich brauche.“

„Lügnerin“, erwiderte er. „Aber es war ein netter Versuch.“

„Woher weißt du, dass ich lüge?“

„Ich bin Polizist.“

Das hatte sie nicht vergessen. „Was für ein Polizist bist du eigentlich?“ Sie erwartete keine Antwort, sondern wollte einfach sehen, wie er reagierte. „Was genau ist dein Gebiet?“

„Ich ermittle im internationalen Autodiebstahl.“

„Arbeitest du undercover?“

„Manchmal.“

„Und redest du je darüber?“

„Nein.“

Was für eine Überraschung! Vielleicht hielt sie es ja doch eine Woche mit ihm aus, zumal er offensichtlich nicht vorhatte, das mit dem Küssen fortzusetzen. Und solange er auf Abstand blieb, hatte sie kein Problem. Es war voreilig von ihr gewesen, die Fahrt abzusagen.

Immerhin war es durchaus möglich, dass sie sich nicht in ihn verliebte. „Wahrscheinlich schadet es nicht, sich die Opale in Lightning Ridge trotzdem mal anzusehen. Nur für den Fall.“

Tristan seufzte. „Warum schläfst du nicht eine Nacht drüber und rufst mich morgen früh wieder an?“

„Tja, würde ich ja gern tun, aber ich kann nicht schlafen. Deshalb möchte ich die Sache lieber schon jetzt klären und dann schlafen.“

„Wollen wir das nicht alle?“

Auf Verführung war er offensichtlich nicht aus. Das war gut. Gar nicht gut war, dass sie sich in diesem Moment vorstellte, wie er allein in seinem Bett lag, umrahmt von weißen Kissen und Decken, die sein dunkles Haar, sein kantiges Gesicht und seine fantastischen Augen perfekt zur Geltung brachten.

„Erin?“

Was für eine sanfte, sexy Stimme. Schade, dass sie diesen ungeduldigen Unterton hatte. „Was?“

„Entscheide dich.“

Dieser Befehlston gefiel ihr auch nicht. Sie hatte etwas gegen Leute, die Befehle gaben, als wären sie dazu geboren. „Wir fahren.“

„Bist du sicher?“

„Ich hol dich wie geplant um acht ab. Der Kuss heute Morgen war ein einmaliger Ausrutscher. Das gilt in jedem Fall für mich.“

„Wie erfreulich“, sagte er und legte auf.

Erin wachte noch vor Sonnenaufgang auf. Nachdem sie für sich geklärt hatte, dass Tristan zwar atemberaubend, aber nicht der richtige Mann für sie war, konnte sie es gar nicht erwarten, endlich loszufahren.

In Rekordzeit bereitete sie ihnen einen Picknickkorb zum Mittagessen vor und packte ihre Sachen in den Wagen. Und nur eiserne Selbstbeherrschung hielt sie davon ab, zwei Stunden früher als vereinbart bei ihm aufzukreuzen.

Es war immer irgendwie magisch, auf Reisen zu gehen. Da draußen gab es tausend Möglichkeiten, die entdeckt werden wollten – und hoffentlich den idealen Stein für das außergewöhnliche Schmuckstück, das ihr dazu einfiel. Es warteten weite Straßen, die bis zum Horizont reichten; neue Gesichter, neue Orte.

Wieder sah Erin auf ihre Uhr. Viertel vor sechs. Ob Tristan schon wach war? Sollte sie ihn anrufen?

Nein, lieber nicht. Ein peinlicher Anruf innerhalb von vierundzwanzig Stunden war genug.

Um kurz vor halb acht bog sie in seine Einfahrt. Sie war eine halbe Stunde zu früh, aber daran ließ sich nichts ändern. Inzwischen war er ja wohl wach. Sie läutete die alte Messingtürglocke und trat einen Schritt zurück. Zwanzig Sekunden, dreißig Sekunden vergingen, dann hörte sie Schritte von innen.

Im nächsten Augenblick ging die Tür auf, und Tristan stand nur in einer Jeans, mit nassem Haar und einem Handtuch in der Hand vor ihr. Frisch geduscht und rasiert sah er einfach extrem gut aus.

„Schön. Du bist fast fertig“, sagte sie und versuchte, nicht auf seine muskulöse Brust zu starren. „Lass dir Zeit, ich will dich nicht hetzen.“

„Du kommst zu früh.“

„Nur ein bisschen.“

Tristan trat zur Seite, damit sie hineinkommen konnte. Dann blickte er an ihr vorbei zu dem Ford ihrer Mutter und seufzte.

„Der Wagen ist sehr bequem“, sagte sie.

„Schon, aber er ist nicht der Monaro.“

„Er fährt uns von A nach B“, erwiderte sie streng. „Hast du eine Ahnung, wie auffällig der Monaro ist? Dieses Knattern und die Rennreifen. So ein Wagen lockt bloß Ärger an.“

„Ich weiß.“ Sein Grinsen war gefährlich. „Was denkst du, weshalb wir Kerle auf solche Wagen stehen?“ Er schloss die Tür hinter ihr und ging den Flur hinunter. Erin folgte ihm unsicher.

Sie wollte ihn nicht die ganze Zeit anstarren, während er sich das Haar trocken rubbelte, deshalb sah sie sich im Haus um. Es wirkte eindeutig maskulin. Dunkle Dielenböden, ein blauer Läufer im Flur, die Wände halbhoch mit dunklem Holz verkleidet und darüber in kühlem Tannengrün gestrichen. Vom Flur kamen sie in das Wohnzimmer. Das Mobiliar hier war ebenfalls aus dunklem Holz, und die Wände standen größtenteils voller Bücherregale.

Tristan hatte erwähnt, dass sein Vater hier allein lebte, und dennoch sah man überall noch Spuren der Familie, die einst hier wohnte. Erin fiel ein Karategürtel in einem Glasschrank auf. „Wer ist denn der erfolgreiche Karatekämpfer?“

„Jake. Er betreibt eine Kampfkunstschule in Singapur.“

„Und die Bücher über Flugzeuge?“

„Das sind Petes. Er ist Pilot für eine Charterfluglinie auf den griechischen Inseln. Aber das ist nur ein Sommerjob.“ Tristan schien es nichts auszumachen, von seiner Familie zu erzählen. Er redete eben nur nicht gern über sich selbst. Auf einem der Regale stand ein Foto von einem jungen Mann, Tristan sehr ähnlich, in weißer Marineuniform.

„Das ist Luke“, sagte er, ehe sie fragen konnte. „Der würde dir gefallen. Er ist Marinetaucher.“

Erin lächelte spöttisch. „Reichlich männliche Hormone, was? Hat in deiner Familie auch jemand einen normalen Job?“

„Hallie kauft und verkauft chinesische Kunst“, sagte er. „Das ist normal.“

Ja, natürlich. Wenigstens hörte er endlich auf, sich die Haare zu rubbeln. Nur standen sie jetzt in alle möglichen Richtungen ab und verliehen ihm so etwas Jungenhaftes, beinahe Unschuldiges.

Das war trügerisch, denn Tristan Bennett war sicher nicht unschuldig. Und wie ihr Körper auf ihn reagierte, war erst recht alles andere als das. Das Schlimmste aber war, dass er offensichtlich erkannte, welche Wirkung er auf sie hatte.

Eilig wandte sie sich zu einem alten, gerahmten Filmposter von Anna und der König von Siam um, das über dem Kamin hing. Das war das einzige halbwegs Feminine in diesem Raum – Deborah Kerr, die Yul Brynner Walzertanzen beibrachte. „Ich schätze, das Poster gehört deiner Schwester.“

„Ja, es wird hier geduldet“, sagte Tristan. „Das war früher Hallies Lieblingsfilm.“

Die Gouvernante, die den stolzen, mächtigen König zähmte. Ein junges Mädchen, das ohne Mutter in einem Haus voller Alphamännchen aufwächst.

Kein Wunder, dass ausgerechnet dieser ihr Lieblingsfilm war. Sie brauchte eine Art weibliches Vorbild. „Meine Mutter und ich haben den Film vor ein paar Jahren im Kino gesehen“, erzählte Erin und seufzte. „Der Film ist göttlich! Seitdem habe ich eine Schwäche für kahlköpfige Männer.“

„Wie bitte?“

Erin betrachtete sein zerzaustes Haar. Wenn er nicht ganz so dichtes Haar hätte, würde sie vielleicht nicht diesen starken Drang verspüren, die Hände darin zu vergraben. „Du könntest einen Haarschnitt vertragen.“

„Ich werde mir nicht für dich den Schädel rasieren!“

„Natürlich nicht. Obwohl …“

„Nein.“

Na gut. In dem Fall musste die nackte Haut aber dringend verschwinden. „Willst du dich nicht langsam mal fertig machen? Ich meine, ein Hemd anziehen?“

„Würde ich gern, sobald du aufhörst, Fragen zu stellen“, antwortete er.

Erin lächelte. „Ich warte hier.“

Tristan warf ihr einen warnenden Blick zu und ging zur Tür. Doch noch ehe er sie erreicht hatte, kam die nächste Frage. „Wer sammelt denn die kleinen Spielzeugautos?“

„Automodelle“, korrigierte er sie streng und verschwand im Flur. „Das sind erstklassige Nachbildungen.“

„Aha.“ Sie gab sich keine Mühe, ihr Schmunzeln zu unterdrücken. Die Spielzeugautos gehörten ihm.

Ihre Fahrt war wie ein Flug mit einer übertrieben begeisterten und optimistischen Elfe, stellte Tristan drei Stunden später leicht resigniert fest. Er hatte es mit Schweigen versucht, mit vernichtenden Blicken und damit, das Fahren zu übernehmen.

Nichts konnte Erins überschäumendes Temperament zügeln. Und von den neunhundert Kilometern bis Lightning Ridge hatten sie noch nicht einmal die Hälfte geschafft.

„Wir können Ich sehe was, was du nicht siehst spielen“, sagte sie munter.

„Nein.“

„Mittagspause?“

„Es ist noch nicht Mittag.“

Erin seufzte. „Soll ich dich beim Fahren ablösen?“

Er fuhr noch keine ganze Stunde. „Nein. Leg eine CD auf.“ Sie waren gerade zu weit von der nächsten Stadt entfernt und hatten seit zwanzig Kilometern keinen Radioempfang mehr.

„Mir ist im Moment nicht nach Musik.“

„Wie wär’s mit einem Nickerchen?“, schlug er hoffnungsvoll vor.

„Vielleicht nach dem Mittagessen.“

Er warf ihr einen Blick zu. Sie hatte eindeutig vor, ihn aus der Reserve zu locken.

„Erzähl mir von dir“, sagte sie.

„Was ist mit dem ‚Wir wollen uns nicht näher kennenlernen‘?“, entgegnete er. Diesen Punkt hatten sie nämlich vor ungefähr einer halben Stunde beschlossen. Und er war froh, denn er brauchte etwas, um ihre Wirkung auf ihn in Grenzen zu halten.

Sie trug ein leuchtend blaues T-Shirt und eine schlichte graue Hose, war also nicht besonders sexy oder feminin angezogen, und dennoch war jede ihrer Bewegungen graziös, weiblich und ungemein attraktiv. Wie sollte er das eine Woche lang aushalten?

„Ich finde diesen Plan, sich nicht näher kennenzulernen, doch eher schwierig“, sagte sie. „Außerdem gehe ich davon aus, dass ich dich nur noch halb so faszinierend finden werde, wenn ich erst einmal mehr von dir weiß. Und wenn ich ganz großes Glück habe, mag ich dich dann gar nicht mehr.“

Ja, die Idee hatte einiges für sich. „Was willst du wissen?“

„Erzähl mir, wie du bei Interpol gelandet bist.“

„Es war eine Stelle in der Abteilung für Autoschieberei frei. Sie suchten jemanden, der sich mit Autos auskennt und undercover arbeiten kann. Ich erfüllte die Voraussetzungen.“

„Und war es so, wie du es dir vorgestellt hattest?“

„Am Anfang ja. Es war spannend.“ Er hatte den Nervenkitzel genauso geliebt wie den Adrenalinschub, der mit jedem großen Fang einherging.

„Und was hat sich geändert?“, fragte sie und sah ihn prüfend an.

„Die Fälle wurden schwieriger, die Einsätze verlangten mir immer mehr ab. Irgendwann hörte es einfach auf, sich wie ein Spiel anzufühlen“, sagte er leise. „Ich wurde erwachsen. Ende der Geschichte.“

„Keine besonders schöne Geschichte. Gab es auch Einsätze, die gut ausgegangen sind?“

„Doch. Da war dieser Autoschiebering, der von Serbien aus operierte. Ein Familienunternehmen, könnte man sagen. Wir kannten alle Beteiligten, konnten nur niemandem etwas nachweisen. Der alte Herr starb an einem Herzinfarkt, und die Söhne brachten sich im Streit um die Macht gegenseitig um. Und so lebten alle anderen glücklich und zufrieden bis an ihr selig Ende.“

„Wow, die Kinder werden deine Gutenachtgeschichten lieben.“

„Welche Kinder?“

„Na, deine Kinder. Du willst doch irgendwann eine Familie, oder nicht?“

„Darüber habe ich noch nicht nachgedacht.“

„Noch nie?“

„Bisher nicht.“

„Dann tut mir die Frau leid, die dich irgendwann einmal heiraten wird.“

„Ich weiß“, sagte er und unterdrückte ein Grinsen. Sie sah richtig wütend aus. „Ich habe andere Stärken.“

„Ich wüsste nicht, welche.“

„Doch, weißt du.“

Sie wurde knallrot und machte den Mund auf, als wollte sie etwas sagen, doch dann wandte sie sich ab.

Endlich Stille! Tristan genoss den Moment, wie immer, wenn einer seiner Pläne aufging.

In Gulgong hielten sie an, um Mittag zu essen. In Gilgandra machten sie einen Fahrerwechsel und Lightning Ridge erreichten sie, als die Sonne gerade hinter dem Wüstenhorizont aus rotem Staub verschwand. Auf dem Schild an der Stadtgrenze stand „Lightning Ridge, Einwohner …?“, weil niemand die genaue Zahl kannte.

Es mussten zwischen zwei- und zwanzigtausend Einwohner sein, die sich hier mitten in der Pampa angesiedelt hatten. In Lightning Ridge lebten Aussteiger, Opalminenarbeiter und Leute, die ein Vermögen machen wollten. Außerdem war die Stadt ein idealer Unterschlupf für jeden, der sich vor irgendetwas verstecken musste oder wollte.

„Wo wollen wir übernachten?“, fragte Tristan.

„Wir sind flexibel.“ Sie warf ihm ein Lächeln zu. „Aber vielleicht wäre jetzt ein guter Zeitpunkt, es zu entscheiden.“

„Verstehe“, sagte er und fragte sich, warum es ihn so maßlos störte, dass es Erin gar nicht auszumachen schien, eine Reise mit unbestimmtem Ziel zu unternehmen. Er reiste schließlich immer so. Seine Undercover-Arbeit setzte Flexibilität voraus, und er mochte es so. Frauen hingegen, zumindest die Frauen, die er kannte, mochten es normalerweise nicht.

Sie wollten genau wissen, wohin die Reise ging und wann sie dort ankamen – in jeder Beziehung. „Versuchen wir es mal da.“ Er zeigte auf ein Motel rechts an der Straße.

„Okay.“

Laut Anschlag im Empfang hatten alle Zimmer Klimaanlage und Satellitenfernsehen. Die Frau an der Rezeption war erschreckend direkt. „Ich kann Ihnen nur die Familiensuite mit zwei Zimmern und Kitchenette anbieten“, sagte sie, als Erin sie fragte, ob noch etwas frei wäre.

„Keine zwei getrennten Zimmer?“, fragte Tristan.

„Die Suite oder gar nichts.“

„Wir sehen sie uns an“, sagte er. Die Frau nahm einen Schlüssel vom Hakenbrett hinter ihr und knallte ihn auf den Tresen.

„Die letzte Tür links.“

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Collection Baccara Band 0269" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen