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Collection Baccara, Band 268

NATALIE ANDERSON

Ein Chef zum Küssen

Rory Baxter ist absolut nicht der Typ Chef, der an einer Büroaffäre interessiert ist, aber seit die hinreißende Neuseeländerin Lissa mit ihm zusammenarbeitet, siegt sein Verlangen über den Verstand. Die Nächte mit ihr sind ein Feuerwerk der Lust. Doch plötzlich verhält Lissa sich abweisend: Hat sie so schnell das Interesse an ihm verloren?

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Heute Nacht und für immer?

Ein einziger Abend bleibt ihm, um die Frau zu erobern, die er schon so lange heimlich begehrt: seine beste Freundin Ella! Morgen zieht er nach Texas, doch heute Nacht will Shane ihr endlich zeigen, was er wirklich fühlt. Wie wird Ella reagieren? Und das Schicksal meint es gut mit ihm: Nach einem romantischen Dinner für zwei fällt der Strom aus ...

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Liebe wie im Rausch

Alexandre Dupree, weit gereister Weingutsbesitzer, hat schon mit vielen schönen Frauen Affären gehabt, aber ausgerechnet die, die sein Herz im Sturm erobert hat, will nichts von ihm wissen. Erst als er ihr Tagebuch findet, erkennt er, wonach sich Charlotte sehnt. Alexandre wird alles dafür tun, um ihre geheimen Träume zu erfüllen ...

Natalie Anderson

Ein Chef zum Küssen

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1. KAPITEL

Lissa war kaum auf den Balkon getreten, als sie Schritte hinter sich hörte. Hastig setzte sie sich auf die im Mauerschatten gelegene Bank in der Hoffnung, ungesehen verschnaufen zu können.

Aus den Augenwinkeln beobachtete sie die näher kommende Gestalt. Lissa hatte ihren Job bei Franklin and Co. jetzt seit fünf Monaten und kannte alle Mitarbeiter, aber dieser Mann war ihr unbekannt. Er war groß und dunkelhaarig und bewegte sich mit der Anmut eines Athleten. In dem spärlichen Licht, das aus den Fenstern des Empfangsraums auf den Balkon drang, konnte sie nicht viel erkennen. Das Herz wurde ihr schwer, und sie seufzte leise. Anscheinend hatte Gina ihren Freund Charles zu ihr herausgeschickt. Warum glaubten die Leute nur immer, sie verkuppeln zu müssen?

Ohne den Blick von ihm abwenden zu können, beschloss sie, das seltsame Gefühl in ihrem Magen und das Gina gegenüber gegebene Versprechen, „für alles offen zu sein“, zu ignorieren. Sie würde ihm gleich klaren Wein einschenken, damit er sich gar nicht erst falsche Hoffnungen machte.

„Hat Gina Ihnen gesagt, dass ich hier draußen bin?“ Ihre Stimme klang klar und bestimmt.

„Nein.“ Für einen kurzen Moment blitzten im Dunkel zwei Reihen weißer Zähne auf, als er lächelte. Mit einem freundlichen Nicken ließ er sich ihr gegenüber nieder und stellte sein Glas neben sich ab. Sein Gesicht lag im Schatten, und er war ihr sehr nahe, gefährlich nahe.

Sie war sich seiner Gegenwart überdeutlich bewusst und atmete den schwachen Duft nach Zitrone ein, der von ihm ausging. „Hören Sie, es tut mir leid“, begann sie und versuchte freundlich, aber bestimmt zu klingen. „Ich weiß nicht, was Gina Ihnen erzählt hat, aber ich bin wirklich nicht interessiert.“

„Ach. Tatsächlich?“ Er klang überrascht.

Sie atmete tief durch und verhaspelte sich vor lauter Eile fast. „Es mag vielleicht unglaubwürdig klingen, weil alle Welt an nichts anderes denkt, aber ich bin wirklich nicht auf ein Abenteuer aus. Sie sind sicher ein toller Mann und werden keine Probleme haben, jemand anderen zu finden. Besonders da drinnen.“ Sie wedelte bedeutungsvoll mit dem Arm zum Fenster. „Gina meint, Sie wären ein fantastischer Flirt.“

Überrascht hörte sie, wie er in Lachen ausbrach. Noch überraschender war allerdings die Hitzewelle, die dieses Lachen in ihr auslöste.

„Meint sie das? Wie nett von ihr.“ Er trank einen Schluck aus seinem Glas. „Aber wissen Sie, ich glaube nicht, dass ich jemand anderen möchte. Vor allem nicht ‚da drinnen‘.“ Er ahmte ihren Tonfall nach.

Sie umklammerte ihr kühles Glas. Ihr war noch immer heiß, und sie fühlte sich unwohl.

„Wie Sie meinen“, erwiderte sie resigniert. „Aber stellen wir eins klar: Zwischen uns läuft nichts, wir unterhalten uns nur ein bisschen, okay?“ Ihre direkten Worte waren ihr selbst peinlich, und sie musste tief durchatmen, um ihre Verlegenheit abzuschütteln.

„Einverstanden“, meinte er liebenswürdig. „Sind Sie immer so geradeheraus?“

Ihre Wangen waren heiß. „Hm, meistens. Tut mir leid, ich wollte nicht unhöflich sein, aber ich möchte keine Missverständnisse aufkommen lassen.“

„Okay.“ Für ihr Gefühl lachte er etwas zu herzlich.

Lissa warf ihm einen misstrauischen Blick zu und fand, dass er ziemlich gelassen dafür wirkte, dass er gerade eine Abfuhr erlitten hatte. Was sie sah, war ein freundliches, einladendes Lächeln, das sie unwillkürlich zurücklächeln ließ. Sie blickte über die Schulter zu den Fenstern und stellte amüsiert fest, dass sich gerade zwei Berater um Ginas Aufmerksamkeit bemühten. Verstohlen musterte sie ihn und wünschte sich, Gina hätte sie vorgewarnt, dass er der attraktivste Mann auf Erden war und nicht nur ein super Flirt.

„Nachdem wir das geklärt hätten, könnten Sie mir ja ein bisschen von sich erzählen“, sagte er leichthin.

„Was wollen Sie wissen?“, fragte Lissa, die nach der herben Abfuhr nun wenigstens ein bisschen entgegenkommend sein wollte.

„Keine Ahnung.“ Er streckte die Beine lang aus. „Aus welchem Teil Australiens kommen Sie?“

„Von der Südinsel Neuseelands“, antwortete sie kühl.

„Tut mir leid“, sagte er und lachte. „Können Sie mir je verzeihen?“

„Kein Problem. Ich gehöre nicht zu der Sorte Kiwis, die gleich einen Anfall bekommen, wenn man sie für Aussies hält.“ Vertraulich lächelnd beugte sie sich vor. „Ehrlich gesagt erkenne ich den Unterschied zwischen dem irischem und dem schottischem Akzent selbst nach fünf Monaten hier noch immer nicht.“

„Das ist ja unerhört.“ Er beugte sich ebenfalls nach vorn, und für einen Augenblick fragte sie sich, was er im Sinn hatte. Seine Nähe nahm ihr fast den Atem. „Und woher stamme ich, was denken Sie?“

„Hm …“ Sie war unschlüssig. „Schottland?“

Er nickte und lehnte sich zurück. „Richtig geraten.“

Die Wirkung, die er auf sie ausübte, nervte sie zunehmend. Die Nacht war dunkel und kühl, und trotzdem war Lissa heiß und seltsam zumute.

Gina tauchte wieder am Fenster auf, und Lissa beobachtete, wie ihr Gesicht aufleuchtete, als ein unbekannter Mann neben sie trat.

„Oh, das muss der berüchtigte Rory sein.“

Er drehte sich abrupt nach dem Fenster um. „Wo?“

„Bei Gina.“ Besagter Rory stand in Gedanken versunken neben Gina, die wild gestikulierend auf ihn einredete.

„Nun“, sagte Lissa sachlich, „ich glaube nicht, dass sie große Probleme haben wird, was meinen Sie?“

„Was für Probleme?“

„Mit Rory“, erwiderte sie ungeduldig. „Sie hat Ihnen doch sicher von ihm erzählt. Er ist nach einer Stippvisite im New Yorker Büro gerade erst gelandet. Als jüngster Berater, der je als Partner aufgenommen wurde. Morgen soll er hier anfangen, aber man hatte die Hoffnung, dass er heute Abend vorbeischauen würde. Sie hat extra für ihn das blaue Top angezogen.“

Lissa beobachtete das Paar noch immer. „Seltsamerweise glaubte sie, keine Chance bei ihm zu haben. Aber er ist offensichtlich an ihr interessiert, finden Sie nicht? Und zu Recht, sie ist einfach zauberhaft.“

„Wenn man den Typ mag“, kam die unverbindliche Antwort.

Lissa wandte sich ihm erstaunt zu. „Was wollen Sie? Gina hat wunderschöne blaue Augen, ist zierlich, naturblond und sehr quirlig. Man muss sie einfach toll finden, es sei denn, man steht nicht auf Frauen.“

„Ha!“, lachte er leise. „Glauben Sie? Da bin ich ganz anderer Meinung. Ich glaube, viele Männer bevorzugen große, gertenschlanke Frauen mit braunen Augen und Haar wie goldener Honig.“ Ehe sie ihn daran hindern konnte, hatte er die Hand ausgestreckt und eine Strähne ihres Haars zwischen die Finger genommen.

Bewegungslos starrte Lissa ihn an. Spürte, wie er sanft an ihrem Haar zog. Dann erst verstand sie den Sinn seiner Worte und unterdrückte ein Lächeln. Er hatte ihr gerade eben ein äußerst schmeichelhaftes Kompliment gemacht, indem er sie als Idealbild vieler Männer beschrieb.

„Gertenschlank?“, fragte sie amüsiert.

„Hm. Sehr anmutig.“ Er wickelte sich die Haarsträhne um den Finger.

Lissa atmete tief durch. Ihr wurde zunehmend unbehaglich. Dieser Charles war ziemlich clever. Sie befreite ihr Haar und machte ihre Position klar. „Wie schon gesagt, Sie brauchen sich nicht zu bemühen.“

„Ich bemühe mich nicht.“

Er musterte sie aufmerksam. Sie schlug die Beine übereinander und wippte mit einem Fuß. „Wissen Sie, ich hatte ihn mir ganz anders vorgestellt.“

„Wen? Rory?“

„Ja. Ich hätte ihn für größer und bemerkenswerter gehalten.“ Dieser Mann neben ihr war jedenfalls äußerst bemerkenswert. Lissa wurde plötzlich bewusst, dass sein Knie sich wie zufällig an ihr Bein drückte. Sie rückte von ihm ab und schlug die Beine wieder übereinander.

„Warum? Wie hat Gina ihn denn beschrieben?“

„Ihren Worten nach scheint er eine Art Gottesgeschenk zu sein.“ Dankbar für die Ablenkung lachte sie und zählte seine Eigenschaften an den Fingern auf. „Groß, dunkel, attraktiv, toller Körper, als Chef knallhart, aber einer, den alle anbeten.“ Sie zog eine Grimasse. „Klingt zu schön, um wahr zu sein, oder? Doch das Beste kommt noch, O-Ton Gina: ‚Wenn er dich ansieht, dann glaubst du, die einzige Frau auf Erden zu sein. Seine Augen sind unglaublich.‘“

Schade, dass sie Charles’ Augen hier im Dunkeln nicht richtig sehen konnte.

„Dem Büroklatsch zufolge“, fuhr sie mit Rorys Beschreibung fort, „hatte er noch nie auch nur den winzigsten Flirt mit einer Mitarbeiterin aus der Firma. Dabei denken sie alle hier an nichts anderes.“

„Was spricht dagegen?“

„Wahrscheinlich nichts.“ Sie lachte leise. „Aber irgendwie ist es doch sinnlos. Büroaffären führen zu nichts. Zu viele Komplikationen.“ Aufgrund ihrer bitteren Erfahrung mit Grant wusste sie darüber nur zu gut Bescheid. „Deshalb will Gina mich mit Ihnen verkuppeln …“ Ihre Stimme verhallte.

„Und was hat sie über mich gesagt?“ Er klang jetzt sehr amüsiert.

Lissa sah ihn an und entschied sich für die Wahrheit. „Sie beschrieb Sie als einen wundervollen Mann, mit dem eine Frau sich großartig amüsieren kann.“

„Und Sie möchten sich amüsieren?“

„Anscheinend glaubt Gina das.“ Lissa lächelte schwach. „Aber da irrt sie sich. Wenn ich jemanden will, suche ich ihn mir selbst. Trotzdem vielen Dank. Gina machte sich Sorgen um Sie, weil Sie in den letzten zwei Monaten keine Verabredung hatten. Sie dachte, wir würden gut zueinander passen.“

„Dann hatten Sie also auch keine Verabredung?“

Dieser Mann war gefährlich. Sein Knie drückte schon wieder gegen ihres, und sie spürte seine Wärme. Mit einem Mal sehnte sie sich danach, näher bei ihm zu sitzen und sein ganzes Bein zu spüren, nicht nur sein Knie.

Er schien ihre Gedanken lesen zu können. „Ist Ihnen kalt? Wir sitzen schon eine ganze Weile hier draußen.“

Sie schüttelte den Kopf und antwortete hastig: „Mir geht es prima. Aber lassen Sie sich von mir nicht aufhalten, wenn Sie lieber wieder hineingehen möchten.“ Halb hoffte sie, ihn loszuwerden, halb hoffte sie, er würde bleiben. Er war amüsant, und sie genoss den kleinen Flirt mit ihm.

„Nein, ich bin gern hier draußen. Es ist sehr erfrischend. Was trinken Sie da eigentlich?“

„Keine Ahnung.“ Sie hielt das Glas ins Licht. „Irgendetwas mit Apfelgeschmack.“

„Sie trinken Alkopops?“

„Warum nicht? Sie schmecken gut. Süß.“

„Ja, und man darf sie auf keinen Fall zu schnell trinken. Wie viele hatten Sie denn schon?“

Sie setzte sich aufrechter hin. „Das ist mein zweites Glas.“

„Haben Sie zu Abend gegessen?“

„Soll das eine Einladung werden, oder wollen Sie andeuten, dass ich beschwipst bin? Wie auch immer, die Antwort ist Nein.“

Er wandte sich ihr zu und sah sie eindringlich an. Ihre Gesichter waren nur wenige Zentimeter voneinander entfernt.

Lissa hielt den Atem an. Das Licht aus dem Fenster fiel voll auf sein Gesicht, und zum ersten Mal konnte sie ihn richtig ansehen. Sie nahm ein kantiges Kinn und eine gerade Nase wahr, aber es waren seine Augen, die ihre Aufmerksamkeit auf sich zogen. Sie waren von einem erstaunlichen Smaragdgrün. Nie hatte sie so lebendige Augen gesehen. Wie gebannt starrte sie ihn an.

„Tatsächlich?“, fragte er gedehnt und lächelte anzüglich.

Fasziniert beobachtete sie, wie er die Mundwinkel nach oben zog. Seine Lippen waren voll und einladend. Als ihr bewusst wurde, dass sie sich instinktiv weiter zu ihm neigte, lehnte sie sich schnell zurück.

„Tatsächlich“, entgegnete sie schroff. „Glauben Sie bloß nicht, Sie könnten mich zu einem Date überreden.“

Er lehnte sich zurück und fing an zu lachen.

„Ach, hören Sie auf“, sagte sie hin und her gerissen zwischen Ärger und Belustigung. „So witzig war meine Bemerkung nun auch wieder nicht.“

Anscheinend konnte er nicht aufhören zu lachen, und sie fragte sich schon, ob sie irgendeine Pointe verpasst hatte. Sie nahm ihre ganze Würde zusammen und erhob sich.

„Wollen Sie sich jetzt drinnen amüsieren?“ Er stand ebenfalls auf.

Erst jetzt fiel ihr auf, wie groß er war. Obwohl sie selbst auch nicht gerade klein war, musste sie nach oben schauen, um in seine Augen sehen zu können. Sein Blick war so intensiv, dass sie schnell wegguckte.

„Ich glaube, ich muss jetzt nach Hause.“

„Gute Idee“, erwiderte er höflich.

„Es war nett, Sie kennenzulernen, Charles. Gute Nacht.“ Sie nickte ihm zu und streckte ihm ohne nachzudenken die Hand hin. Kaum hatte er sie ergriffen, erkannte sie ihren Fehler.

Der körperliche Kontakt mit ihm versetzte ihr einen elektrischen Schlag. Sein Händedruck war fest, seine Haut warm und trocken. Ein Schauer rann durch ihren Körper. Der Druck seiner Hand wurde fester, ihr Puls beschleunigte sich, und sie spürte eine Welle der Erregung in sich aufsteigen. An seinem Blick erkannte sie, dass er genau wusste, was in ihr vorging. Sofort entzog sie ihm ihre Hand, murmelte ein kaum hörbares „Auf Wiedersehen“ und floh zur Tür.
Er sah ihr nach. Hätte er sie aufklären sollen? Vermutlich schon, aber die Versuchung war zu groß gewesen. Eigentlich müsste er sich jetzt auf der Party blicken lassen, doch stattdessen eilte er zur Treppe, dem Objekt seiner Begierde hinterher. Dabei spielte ein hintergründiges Lächeln um seine Mundwinkel.

Lissa stieß erleichtert den Atem aus. Gut, dass sie sich aus dem Staub gemacht hatte. Sie war einfach nicht der Typ für „ein bisschen Spaß“. Tief in Gedanken versunken verließ sie den Lift und lief geradewegs in eine Person hinein, die direkt davor stand. Feste Hände packten sie an den Oberarmen, und ihre Nase schmerzte von dem Aufprall mit einer harten Männerbrust.

„Oh, ich bin …“ Sie hielt inne, als sie aufsah und erkannte, mit wem sie zusammengestoßen war. Mr. Grünauge persönlich. Sein amüsiertes Lächeln ärgerte sie. „Was ist?“, fragte sie unverblümt.

„Ich werde Sie nach Hause fahren.“ Sein selbstbewusster Ton machte sie nur noch ärgerlicher.

„Das glaube ich nicht.“

„Doch, das werde ich.“

Sie runzelte die Stirn. „Sie können nicht fahren, Sie haben getrunken.“

„Ich hatte den ganzen Abend über nur einen einzigen Drink.“

„Meine Mutter hat mich davor gewarnt, zu Fremden ins Auto zu steigen.“

„Ich bin kein Fremder. Wir haben uns während der letzten halben Stunde kennengelernt.“

Lissa spürte, wie ihr Widerstand bröckelte. Er war ein guter Bekannter von Gina, und die Aussicht, nach Hause gefahren zu werden, war verlockend. Und noch verlockender war der Gedanke, weitere zehn Minuten in seiner Gesellschaft zu verbringen.

„Außerdem“, versuchte er sie zu überreden, „haben Sie Ihr Desinteresse überaus deutlich zum Ausdruck gebracht. Sie haben also nichts zu befürchten.“

Im hellen Licht des Foyers konnte sie ihn zum ersten Mal von Kopf bis Fuß betrachten, und ihr wurde klar, dass ihr Instinkt sie nicht getrogen hatte. Der Mann war sehr sexy. Sie stand da und sah zu ihm auf, während ihr Gehirn langsamer als sonst arbeitete. Anscheinend konnte sie sich auf nichts anderes konzentrieren als auf diese unwiderstehlichen grünen Augen. Die Belustigung, die sie darin las, störte sie seltsamerweise überhaupt nicht mehr.

„Wenn Sie darauf bestehen“, sagte sie lakonisch, zog leicht die Augenbrauen nach oben und ließ sich zurück in den Lift führen.

„Wir müssen in die Tiefgarage“, erklärte er.

Was er wohl für ein Auto fuhr? Wahrscheinlich ein schnelles, sportliches Cabrio mit Ledersitzen.

Als sie den Lift verließen, nahm er wieder ihren Arm und führte sie durch die Reihen der geparkten Autos.

Beim Anblick der leicht verbeulten, braunen Familienkutsche, auf die er zusteuerte, war sie doch sehr überrascht. Der Siebensitzer wurde offensichtlich voll genutzt. Es roch unverwechselbar nach Kindern. Alle möglichen Einwickelpapiere lagen auf dem Boden, und auf zwei Rücksitzen befanden sich Kindersitze.

„Erwarten wir noch jemanden?“, fragte sie.

„Nein.“

Sie blickte auf seine linke Hand auf dem Lenkrad. Kein Ring. Kein verräterisch heller Streifen auf der gebräunten Haut. Er hatte schlanke lange Finger und gepflegte Nägel. Ein Schauer durchlief sie und sie schaute schnell weg. Dieser Mann war Charles, verdammt. Der unverbesserliche Frauenheld und eingefleischte Junggeselle. Das Auto jedenfalls passte überhaupt nicht zu seinem Image.

„Der Wagen gehört meiner Schwester“, erklärte er endlich. „Ich habe ihn mir geliehen, weil meiner zur Reparatur ist. Sie hat drei ziemlich wilde Kinder.“

„Aha.“ Sie befestigte ihren Sicherheitsgurt. „Und was für ein Auto fahren Sie sonst?“

„Was glauben Sie?“

„Ach, keine Ahnung. Irgendetwas Sportliches, schnell, luxuriös, ein Auto, mit dem man die Frauen beeindrucken kann.“

„Ich brauche kein Auto, um Erfolg bei den Ladys zu haben“, erwiderte er sanft.

„Tatsächlich nicht?“, lachte sie.

Er schüttelte den Kopf und fiel in ihr Lachen ein.

„Dann setzen Sie also ausschließlich auf fantastisches Aussehen, blendenden Witz und Charme?“

„Ganz genau.“

Darauf hätte sie wetten können, von all diesen Eigenschaften besaß er mehr als genug.

„Nun, wohin soll es gehen?“

Sie sah ihn verwirrt an, ehe ihr bewusst wurde, dass sie seit etlichen Minuten im Auto saßen und er den Motor noch nicht angelassen hatte.

„Oh, St. Katharine’s Dock, Tower Hill.“

„Ich hätte gedacht, es ginge nach Earl’s Court oder Shepherds Bush, da treibt ihr Kiwis und Aussies euch doch vornehmlich herum, oder?“

„Vielleicht.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Aber das ist nicht meine Welt.“

„Sie meiden Ihre eigenen Landsleute?“ Er lenkte das Auto aus der Tiefgarage und reihte sich in den Verkehr ein.

„Nein, aber wenn ich ständig nur mit den anderen Neuseeländern herumhänge, hätte ich auch gleich dort bleiben können.“

„Laufen Sie vor irgendetwas weg?“

„Im Gegenteil, ich laufe auf etwas zu“, korrigierte sie ihn. „Verstehen Sie mich nicht falsch, ich liebe Neuseeland, aber ich wollte reisen und London kennenlernen. Das ist eine tolle Stadt.“ Sie seufzte zufrieden.

„Und dann entschieden Sie sich für St. Katharine’s Dock?“

„Jawohl.“ Sie lächelte. „Meine Wohnung liegt zwar in keinem der alten Lagerhäuser am Ufer, aber gleich dahinter in einem alten Viertel. Das Apartment ist fantastisch. Wissen Sie, ich komme jeden Tag auf meinem Weg zur Arbeit am Tower of London vorbei, und jedes Mal denke ich: Wow, ich bin in London! Es ist einfach fantastisch.“

„Sie sind ja ganz aus dem Häuschen“, neckte er sie.

„Was ist falsch daran? Irgendeine Leidenschaft muss man doch haben.“

„Zugegeben. Gibt es noch andere Lebensbereiche, in denen Sie ähnlich leidenschaftlich sind?“

Das war vorhersehbar gewesen. Sie warf ihm einen spöttischen Blick zu und entschied sich, auf Nummer sicher zu gehen.

„Ich liebe es, jeden Tag am Tower vorbeizugehen und über die Touristen zu lachen, die sich vom teuersten Eisverkäufer der Welt ausnehmen lassen.“

„Wirklich?“

Sie nickte. „Er hat seinen Stand gleich bei Dead Man’s Hole. Ganz unverschämte Preise.“

„Hm, aber ich wette, er ist nicht so teuer wie die Eisdiele am Ponte Vecchio in Florenz.“

„In Florenz? Da war ich leider noch nicht.“

„Es ist wunderschön dort. Ich nehme Sie mit.“

Lissa zog eine Augenbraue hoch und hoffte, cooler zu wirken, als sie war. „Ach ja?“

Wieder nickte er. „Sie müssen unbedingt die Venus von Botticelli sehen. Sie gleichen ihr aufs Haar.“

Es entstand ein Schweigen, während sie sein Kompliment auf sich wirken ließ. Dieser Mann konnte es einfach nicht lassen, mit ihr zu flirten. Das Dumme war nur, dass sie es genoss.

„Sie wissen wirklich, wie man Frauen den Hof macht“, bemerkte sie.

„Es funktioniert also?“, fragte er mit seinem gewinnendsten Lächeln.

Ja, und wie, dachte sie, und erwiderte sicherheitshalber nichts.

Sie kamen in St. Katharine’s Dock an, und Lissa lotste ihn zu ihrem Wohnhaus. Einerseits wollte sie so schnell wie möglich aus dem Auto springen, aber andererseits wollte sie auch bleiben und die „Möglichkeiten“ austesten, von denen Gina gesprochen hatte. Sie spürte seinen Blick auf sich ruhen, das amüsierte Lächeln um seine Mundwinkel.

Konnte er etwa ihre Gedanken lesen? Wahrscheinlich. „Vielen Dank, dass Sie mich nach Hause gefahren haben. Das war sehr freundlich von Ihnen.“

„Keine Ursache, es war mir ein Vergnügen.“

Sie löste den Sicherheitsgurt, öffnete die Tür und stieg aus. Überrascht beobachtete sie, dass er dasselbe tat.

„Ich dachte, ich bringe Sie zur Tür“, erklärte er. „Ich bin mir nicht sicher, ob Sie die Treppe schaffen.“

Erstaunt sah sie ihn an. „Aber natürlich schaffe ich das. Halten Sie mich für betrunken, oder was?“

„Nein, aber für ein bisschen müde. Das sind Sie doch, oder?“

Er stand viel zu dicht bei ihr. Lissa sah wie hypnotisiert zu ihm auf.

„Wenn Sie sicher sind, dass Sie es allein schaffen, dann verlasse ich Sie jetzt“, sagte er leise und trat noch näher.

„Hm …“, murmelte sie und stand wie angewurzelt. Er war hinreißend. Groß, attraktiv, witzig. Sie wusste, dass sie so schnell wie möglich diese Stufen hinaufeilen sollte, aber ihre Füße wollten ihr nicht gehorchen. Wie verzaubert sah sie ihn an.

Er streckte die Hand aus und strich sanft über ihr Haar. „Gute Nacht, meine Schöne“, flüsterte er. Dann legte er ihr die Hand in den Nacken, neigte den Kopf und küsste sie.

Es war nur eine flüchtige Berührung. Seine weichen, warmen Lippen streiften ihren Mund nur. Dann zog er sich zurück.

Lissa holte scharf Luft, ihre Sinne waren hellwach, und gerade als sie wusste, dass sie mehr wollte, küsste er sie wieder. Fest und wundervoll. Er hielt ihren Nacken umfasst, seine Finger streichelten ihre Haut. Sanfte Liebkosungen, die sie zum Schmelzen brachten. Sie spürte den Druck und die Wärme seiner Hand auf ihrem Rücken und konnte nicht anders, als seinen Kuss zu erwidern und Charles zu umarmen.

Er zog sie noch enger an sich.

Lissa stöhnte lustvoll auf. Sie öffnete den Mund, ihre Zungen berührten sich und verschmolzen miteinander, und sie konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Ganz instinktiv reagierte ihr Körper, ihre Brustspitzen wurden hart, ihr Mund war ganz weich und verlangend. Sie schloss genießerisch die Augen und atmete seinen verführerischen Zitrusduft ein. Spielerisch zerzauste sie sein volles Haar.

Er streichelte ihren Rücken und presste sie an sich.

Lissa genoss die Berührung seines durchtrainierten Körpers und schmiegte sich eng an ihn.

Jetzt streichelte er ihren Po, ihre Beine und ließ die Hände unter ihren Rock gleiten, bis sie über dem Rand ihrer Seidenstrümpfe auf ihre nackte, heiße Haut trafen.

Lissa hörte ihn an ihrem Mund stöhnen, als sie sich noch enger an ihn presste.

Dies war die Alarmglocke, die sie zur Vernunft brachte. Meine Güte, was tat sie da? Sie trat einen Schritt zurück. Die Heftigkeit des Kusses machte sie so verlegen, dass sie seinem Blick auswich. Stattdessen starrte sie hinauf zu den hohen Wohnhäusern und hoffte, ihr Körper würde sich beruhigen. Sie hatte Angst, sich wieder in Charles’ Arme zu werfen, wenn sie ihn nur ansah.

Er gab sie wortlos frei, doch sein heftiger Atem verriet ihn. Dieser Kuss hatte eine Leidenschaft entfacht, die nur ein Ziel haben konnte.

Aber Lissa hatte nicht die Absicht, sich auf einen One-Night-Stand mit dem Freund ihrer liebsten Arbeitskollegin einzulassen. Noch dazu, wo er als Frauenheld bekannt war. Kein Wunder, dass er so fantastisch küsste. Er tat einfach, was für ihn die natürlichste Sache der Welt war – während ihre Reaktion darauf alles andere als natürlich war. Ein so tiefes Gefühl konnte ein einziger Kuss doch gar nicht auslösen.

„Gute Nacht“, murmelte sie und entfernte sich von ihm, wobei sie in ihrer Handtasche nach ihrem Schlüssel kramte. Erst als sie den Laubengang auf ihrer Etage erreicht hatte, wagte sie es, sich nach ihm umzublicken.

Er lehnte mit verschränkten Armen am Auto und sah zu ihr hinauf.

Obwohl sie es im schwachen Licht der Straßenlaterne nicht genau sehen konnte, hätte sie schwören können, dass er lächelte. Zum Abschied winkte er ihr zu. Sie drehte sich aufgeregt um und brachte den Schlüssel wunderbarerweise gleich beim ersten Versuch ins Schloss. Ohne einen weiteren Blick zurück öffnete sie die Tür und schlug sie hinter sich zu.

Fünf Minuten später stand Lissa unter der Dusche und ließ das heiße Wasser über ihren Körper laufen, während sie in Gedanken seinen Kuss noch einmal in allen Einzelheiten durchlebte.

Die Stimme der Versuchung flüsterte ihr schmeichelnd zu: Es war Charles. Ginas Freund. Lissa arbeitete nicht mit ihm zusammen, es wäre also keine Büroaffäre. Was war schon gegen ein kleines Abenteuer einzuwenden? Es lag so lange zurück, dass sie das letzte Mal Sex gehabt hatte. Doch diese Sache war zu heiß, sie konnte sich daran verbrennen.

Außerdem würde sie London in zwei Monaten verlassen. Es wäre also verrückt, sich auf etwas einzulassen, was ihr womöglich über den Kopf wachsen würde.

2. KAPITEL

Schlecht gelaunt nach einer zu kurzen Nacht warf Lissa eine Brause-Vitamintablette in ein Glas Wasser und kippte es hinunter. Sie würde später richtig frühstücken.

„Und wie war es gestern Nacht bei dir?“ Gina saß an ihrem Schreibtisch und aß ein Müsli. Ihr Computer lief schon.

Lissa sah sie überrascht an. Eigentlich war sie davon ausgegangen, dass Gina längst ausführlich mit Charles gesprochen hatte. Sie beschloss, auf Zeit zu spielen. „Ich war gestern nicht so gut drauf. Eine ganze Weile saß ich draußen und bin dann früh nach Hause gegangen. Wie war es bei dir?“

Gina musterte sie nachdenklich. „Sonst nichts? Du siehst aus, als hättest du ein schlechtes Gewissen.“

Lissa spürte, wie sie rot wurde, beschloss aber, den Spieß umzudrehen. „Und du? Du müsstest heute Morgen doch hochzufrieden sein?“

„Wieso? Ganz im Gegenteil.“

„Es lief doch anscheinend ganz prächtig! Ihr beide machtet den Eindruck, als wärt ihr ganz verrückt nacheinander.“

Völlig perplex sah Gina sie an. „Wovon sprichst du eigentlich?“

„Von dir und Rory natürlich“, antwortete Lissa ungeduldig. „Er konnte doch die Augen nicht von dir lassen.“

„Rory? Er war nicht einmal da.“

Lissa warf den Kopf zurück. „Aber ich sah ihn doch mit dir zusammen. Groß, dunkel, in einem schwarzen Ledermantel.“

„Ach so.“ Gina begann zu lachen. „Das war nicht Rory, das war Charles.“

Der Boden unter Lissas Füßen schwankte. „Charles? Der Typ, mit dem du dich unterhalten hast, war Charles?“

„Natürlich!“

„Oh Gott“, hauchte Lissa. „Wer war dann …?“

Gina beobachtete sie neugierig. „Wer …?“

Vom Flur her hörte man lauter werdende Stimmen, und Gina versteckte ihre Müslischale hastig hinter einem Stapel Bücher. Die Tür ging auf, und eine Gruppe Berater kam unter Hugos Führung herein.

„Gina, Lissa, guten Morgen, ich habe eine Überraschung für euch“, begann er mit einem hintergründigen Lächeln und fuhr an Gina gewandt fort: „Du erinnerst dich doch sicher an Rory – er ist aus New York zurück.“

Lissa starrte mit offenem Mund den Mann an, der in diesem Augenblick hinter Hugo hervortrat. Oh, mein Gott. Groß, geradezu verboten attraktiv sah er in seinem maßgeschneiderten Anzug aus. „Charles“ von gestern Abend lächelte ihr direkt ins Gesicht. Das war Rory? Er funkelte sie aus unglaublich grünen Augen herausfordernd an.

Hugo stellte auch die beiden anderen Männer in seinem Gefolge vor, doch Lissa hörte nicht einmal ihre Namen. Ihre Knie gaben nach. Endlich gelang es ihr, den Blick von Rory abzuwenden und wieder gleichmäßig zu atmen. Sie lächelte den Männern zu und wünschte verzweifelt, der Boden würde sich unter ihr auftun und sie verschlucken. Teile des gestrigen Gesprächs mit dem angeblichen Charles über Rory kamen ihr in den Sinn. Du meine Güte, was hatte sie da alles von sich gegeben?

Am Rande nahm sie wahr, dass die Gruppe sich auf den Weg zur Zentralbibliothek machte, während sie wie gebannt auf Ginas Drehstuhl starrte.

„Ich hätte es dir sagen sollen.“

Sie sah auf und erkannte zu ihrem Entsetzen, dass Rory nicht mit den anderen weitergegangen war, sondern direkt neben ihr stand. Er lächelte noch immer und betrachtete sie mit sichtlichem Wohlgefallen.

„Allerdings“, flüsterte sie.

Zu ihrem Ärger wurde sein Lächeln noch breiter. „Tut mir leid, es war einfach zu verlockend.“

„Das war unverzeihlich. Du wusstest schließlich, dass ich dich für jemand anderen hielt.“

„Mmh.“ Er warf einen Blick auf die Gruppe um Hugo, ehe er offensichtlich ernsthaft besorgt fragte: „Hast du Kopfschmerzen?“

„Natürlich nicht.“ Vor Verärgerung fiel ihre Antwort lauter als gewollt aus.

Gina sah sie aus großen Augen an.

„Geh besser wieder zu deiner Gruppe.“ Dummerweise erinnerte Lissa sich ausgerechnet in diesem Moment daran, wie wundervoll sein Körper sich angefühlt hatte. Sie spürte die Hitze in ihre Wangen steigen und musste schlucken. Allmählich wurde ihr die volle Bedeutung seiner wahren Identität klar. Die Situation hatte sich völlig gewandelt. Er arbeitete hier. Sie konnte ihm nicht aus dem Weg gehen. Und da er ein Kollege war, konnte sie mit diesem Mann keinesfalls eine Affäre anfangen.

„Ich war nur sechs Monate weg. Da finde ich mich auch ohne sie zurecht.“

„Aber ich habe jede Menge zu tun.“

„Ich will dich auf keinen Fall aufhalten.“

Wie durch ein Wunder gelang es ihr, ihre Beine zu bewegen. Sie ging zu ihrem Schreibtisch, setzte sich und ärgerte sich, dass ihr PC noch nicht lief.

Er kam näher. Mit jeder Faser spürte sie seine Präsenz.

„Bye, meine Schöne“, flüsterte er.

Mit vor Wut, Verlegenheit und Verlangen hochrotem Kopf starrte Lissa auf ihren Bildschirm, während Rory sich entfernte. Noch immer sah sie sein Lächeln vor sich.

Rory musste die Hände in die Taschen stecken, um Lissa nicht zu berühren, ehe er sich den neuen Beratern anschloss. Das Lächeln auf seinem Gesicht hatte allerdings nichts mit seiner Begeisterung über das neue Computersystem zu tun.

Es war sein erster Arbeitstag als Partner, und er hatte nichts Besseres zu tun gehabt, als so schnell wie möglich ins Informationscenter zu kommen, um zu sehen, ob sie wirklich da war – ob sie wirklich existierte.

Nun, jetzt wusste er Bescheid. Es gab sie wirklich. Und sie war genauso hinreißend wie am Vorabend und sollte für ihn absolut tabu sein.

Er hatte eine Blitzkarriere gemacht und war gerade in die Chefetage aufgestiegen, wofür er verdammt hart gearbeitet hatte. Das Letzte, was er brauchte, war eine Affäre mit einer Praktikantin.

Doch sein beruflicher Ehrgeiz zwang ihn nicht, wie ein Mönch zu leben. Es musste ja nicht unbedingt etwas Ernstes sein. Ehe und Kinder waren zwar langfristig geplant, aber kurzfristig? Schließlich war er auch nur ein Mann.

Affären am Arbeitsplatz allerdings brachten Komplikationen mit sich, wie er schon etliche Male mitbekommen hatte. Aus diesem Grund hatte er sich auch immer zurückgehalten und zwischen Beruf und Privatleben streng getrennt.

Andererseits war sie eine Praktikantin mit einem zeitlich begrenzten Vertrag, noch dazu aus Neuseeland. Sie würde früher oder später den Job wechseln, vielleicht sogar in ein anderes Land ziehen. Also vielleicht genau die Richtige für einen schnellen, heißen Flirt.

Eine heikle Geschichte war es trotzdem – Partner und Praktikantin.

„Erzähl mir alles. Auf der Stelle.“

Ein Blick in Ginas Gesicht sagte Lissa, dass sie nicht schummeln konnte. „Ich dachte, er wäre Charles.“

„Was?“

„Rory. Ich dachte, er wäre Charles. Auf der Party.“

„Auf der Party?“, wiederholte Gina verdutzt. „Rory war da?“

„Auf dem Balkon.“

„Ihr seid nicht reingekommen?“

„Ich bin früh nach Hause aufgebrochen, er hat mich gefahren.“

„Okay …“ Gina war aufs Äußerste gespannt. „Und dann?“

Lissa spürte wieder, wie sie rot wurde. Sie spielte an ihrer Maus herum. „Ich, hm … habe ihm gesagt, dass ich nicht an ihm interessiert bin.“

„Was?“

„Ich dachte, er wäre Charles, und dass du ihn mir hinterhergeschickt hast. Deshalb sagte ich ihm, dass ich keine Lust auf einen Flirt hätte.“

Gina begann zu lachen. „Der Schuss ging ja wohl nach hinten los! Ich ahnte schon, dass es so kommen würde. Deshalb wollte ich ja, dass Charles dich aus der Schusslinie nimmt, damit ich eventuell eine Chance bei Rory habe, bevor er dich sieht.“

„Was?“ Jetzt konnte Lissa nicht so schnell folgen.

Gina seufzte. „Ich kenne Rory seit Jahren, und er hat nie auch nur das geringste Interesse an mir oder einem der anderen Mädchen hier gezeigt. Wir sind alle ganz scharf auf ihn, und er ist zu uns allen gleichermaßen liebenswürdig und distanziert. Ich hoffte, er würde mich nun nach seiner Rückkehr in einem anderen Licht sehen. Und Charles sollte dich aus dem Rennen ausschalten.“

„Ausschalten?“

Gina zog eine Grimasse. „Sieh dich doch an. Du bist groß, hast endlos lange Beine, Rundungen an den richtigen Stellen, langes, wunderschönes Haar. Du bist offen und witzig. Alle Männer hier wollen dich anmachen, und du lässt sie alle abblitzen. Du bist das weibliche Gegenstück zu Rory. Hinreißend und unerreichbar. Es war vorauszusehen, dass ihr beide aufeinander fliegen würdet.“

„Unerreichbar?“

„Ja, zumindest gibst du dir den Anschein.“ Gina warf ihr einen listigen Blick zu. „Aber ich habe gesehen, mit welchem Ausdruck Rory dich eben betrachtet hat, und ich kann dir sagen, so hat er noch niemanden angesehen. Und dich habe ich noch nie so verwirrt erlebt.“

Lissa stützte die Ellbogen auf den Schreibtisch.

Unerreichbar? Man konnte nicht gerade behaupten, dass sie letzte Nacht unerreichbar gewesen war. Eher im Gegenteil. Und das durfte sich auf keinen Fall wiederholen. Er war immerhin einer der Chefs. Sie würde nicht noch einmal den gleichen Fehler machen. Nach ihrem Uni-Abschluss hatte sie einen der besten Jobs auf dem Markt dadurch verloren, dass sie sich auf eine Affäre mit ihrem Chef einließ, die dann kurze Zeit später in einem Debakel endete.

Lissa zwang sich, sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren, und wie die anderen arbeitete sie die Mittagspause durch. Gegen zwei Uhr wurden alle zunehmend müde.

„Kaffee?“, fragte Lissa. „Ich gehe und hole welchen.“ Sie wollte sich die Beine etwas vertreten.

Hugo und Gina blickten auf.

„Ich bin in zehn Minuten zurück“, sagte Lissa.

Draußen stemmte sie sich gegen den böigen Wind und schaffte die Strecke ins Café in Rekordzeit. Beim Eintreten erstarrte sie sofort, als sie Rory und zwei Berater am anderen Ende des Raums ins Gespräch vertieft sah. Im gleichen Moment blickte er auf, und ihre Blicke trafen sich.

Die Hitze in ihren Wangen muss wohl von der Kälte kommen, sagte sie sich.

Sie gab eilig ihre Bestellung auf, beobachtete den Barkeeper bei der Arbeit und versuchte, das Stimmengewirr hinter sich zu ignorieren. Als sie ihre Kaffeebecher in Empfang genommen hatte, sah sie unwillkürlich in die Ecke, in der Rory mit den anderen gesessen hatte. Zu ihrer großen Erleichterung waren die Stühle jetzt leer.

Er wartete an der Tür. Sie hatte ihn nicht gesehen und hätte beinahe den ganzen Kaffee verschüttet, als er ihr ins Ohr sagte: „Lass mich das tragen.“ Er nahm ihr das Tablett ab, noch ehe die Bedeutung seiner Worte in ihr Bewusstsein drang, und setzte sich in Gang. Ihr blieb nichts anderes übrig, als ihm zu folgen.

„Hast du mir verziehen?“

Sie antwortete nicht.

„Sprichst du nicht mehr mit mir?“

Sie fauchte ihn an: „Die Antwort lautet zweimal Nein.“

Er lächelte, doch Lissa wandte sich ab und ging, den Blick starr geradeaus gerichtet, weiter. Warum nur musste sein Lächeln so verführerisch sein? Es fiel ihr schwer, bei ihrer Entscheidung zu bleiben. „Du hättest mir von Anfang an sagen müssen, wer du bist.“

„Vielleicht“, gab er zu. „Aber es machte so viel Spaß, und es war äußerst interessant.“

„Gina wird mir das nie verzeihen. Dabei weiß sie noch nicht einmal alles.“ Den letzten Satz murmelte sie leise vor sich hin und spürte, wie ihr die Röte in die Wangen stieg.

„Sie muss auch nicht alles wissen“, sagte er leise. „Ich werde auf jeden Fall schweigen wie ein Grab. Geh mit mir zum Abendessen.“

Der Themenwechsel kam überraschend. „Nein.“

„Mittagessen?“

„Nein.“

„Kaffee?“

„Nein.“

„Warum nicht?“

„Weil ich nichts von Büroaffären halte.“

„Ich auch nicht.“

„Warum willst du dann mit mir ausgehen?“

„In deinem Fall würde ich eine Ausnahme machen. Wer spricht außerdem von einer Affäre?“

Lissa verbiss sich das Lachen. Aber sie machte Rory keinen Vorwurf. Zu einer anderen Zeit und an einem anderen Ort hätte sie vielleicht Ja gesagt. Aber nicht hier und nicht jetzt. Er war einer der Bosse. Und eine Affäre mit dem Chef kam nicht infrage. In dieser Hinsicht hatte Lissa bittere Erfahrungen gemacht und ihre Lektion gelernt. Doch das ging Rory nichts an. „Ich mag keinen Klatsch im Büro“, sagte sie stattdessen.

Er lachte laut auf. „Was? Und was war das gestern Nacht?“

Seine Anspielung saß, weil sie wusste, dass er recht hatte. „Ich war nicht der Meinung, wir würden über einen gemeinsamen Kollegen sprechen. Ich habe nichts Böses gesagt.“

Nachdenklich musterte er sie. Sie hielt seinem Blick stand, bis sie es nicht länger aushielt. „Niemand muss davon erfahren“, sagte er leise.

Die Versuchung war groß. Doch die Wirklichkeit war stärker.

„Das würde nicht funktionieren.“

„Ist es wirklich so wichtig, was die anderen denken?“

„Ja.“ Sie runzelte die Stirn, weil es natürlich nicht so war.

„Das war gestern Nacht kein gewöhnlicher Kuss, Lissa.“

Zum Glück trug sie den Kaffee nicht. Sonst hätte sie ihn nach dieser Bemerkung sicher fallen lassen. Seine Worte waren so leise gewesen, dass sie sich fragte, ob sie nur geträumt hatte. Ihr fiel keine Antwort ein. Ach, es wäre so viel einfacher, wenn er Charles wäre, mit dem zu flirten sie absolut kein Interesse hatte. Aber er war nun einmal Rory, der in einer ganz anderen Liga spielte, aber genauso unpassend war.

Sie erreichten das Bürogebäude, und Lissa wollte ihm das Tablett abnehmen, doch er schüttelte nur den Kopf, sodass sie ihm zähneknirschend die Tür öffnen musste. Ihre Absätze klapperten über den Flur, als sie ihm voraus zum Lift eilte.

„Du bist heute ziemlich schweigsam“, bemerkte er. „Seltsam, nachdem du gestern so viel zu erzählen hattest.“

Schweigend fuhren sie mit dem Lift nach oben. Lissa versuchte, Rorys Nähe zu ignorieren, doch es gelang ihr überhaupt nicht. Heimlich warf sie ihm einen Seitenblick zu und stellte verlegen fest, dass er sie unverhohlen musterte. Sofort starrte sie zu Boden, doch nur wenige Sekunden später sah sie wieder zu ihm hin. Sein Blick ruhte noch immer auf ihr. Er machte einen äußerst zufriedenen Eindruck. Innerlich schäumte sie.

Die Fahrstuhltüren gingen auf, und Lissa floh förmlich aus dem Lift.

„Vergiss deinen Kaffee nicht!“ Rory stand mitten auf dem Flur und hielt ihr das Tablett entgegen. Mit steifen Schritten ging sie auf ihn zu und nahm es ihm ab. Ohne sie aus den Augen zu lassen, legte er erst die eine, dann die andere Hand auf ihre. Ihre Haut begann zu glühen. Sie presste die Lippen aufeinander. Wie konnte das bloß angehen? Er war doch auch nur ein Mann wie jeder andere.

„Danke.“ Kam dieses Flüstern wirklich von ihr?

„Bye, meine Schöne.“ Er drückte kurz ihre Hände, lächelte atemberaubend und ging zu den rückwärtigen Büroräumen.

Lissa blieb wie erstarrt stehen. Sie fühlte noch den Druck seiner Finger auf ihren Händen und sah sein Lächeln vor sich.

„Habt ihr eine Minute Zeit für mich?“ Hugo betrat das Informationscenter.

Gina und Lissa drehten sich auf ihren Stühlen zu ihm um.

Hugo kam gleich zur Sache. „Wir haben einen vertraulichen Auftrag eines großen Kunden in Aussicht. Es geht zunächst um eine zweiwöchige Testphase. Kommenden Montag geht es los, und du bist mit im Team, Lissa.“

Sie machte große Augen.

„Du wirst in diesen zwei Wochen an nichts anderem arbeiten können, die Sache ist top secret und das Team klein – ein Partner, zwei Berater und du. Deine Aufgabe wird es sein, die Schlusspräsentation und unsere Vorschläge vorzubereiten. Überstunden werden vergütet. Bist du einverstanden?“

Sie nickte.

„Dann geh am Montag gleich in den Besprechungsraum zwei“, fuhr Hugo fort. „Du wirst für Rory arbeiten. Er hat dich persönlich vorgeschlagen.“

Nach einer denkbar schlechten Nacht erschien Lissa am Montagmorgen eine Viertelstunde zu früh. Trotzdem war sie die Letzte, was sie sehr verlegen machte.

Rory stand auf und kam um den Tisch herum auf sie zu. „Du bist nicht zu spät, Lissa. Wir haben nur früher angefangen, damit du gleich etwas zu tun hast.“

Sie nickte und sah ihn an. Ihre Blicke trafen sich. Seine Augen spiegelten nichts als professionelle Höflichkeit wider, und dennoch stieg ihre Pulsfrequenz. Während des Blickkontakts weiteten sich seine Pupillen.

Lissa holte tief Luft und konzentrierte sich auf die Konfiguration der Computer. „Ich möchte nur eben überprüfen, ob ich Zugang zu allen Datenbanken habe.“

Er nickte und wies ihr den einsamen PC am anderen Ende des Tisches zu. „In zehn Minuten gibt es Frühstück und eine Einsatzbesprechung, okay?“

Sie sah zu ihm auf, während ihr Herz Purzelbäume schlug, und diesmal entdeckte sie ein Funkeln in seinen Augen. Es würde schwieriger werden, als sie sich vorgestellt hatte. Wie sollte sie zwei Wochen engster Zusammenarbeit mit Rory aushalten, wenn sie sich jeder seiner Bewegungen bewusst war und ihr Körper schon auf bloßen Blickkontakt so heftig reagierte?

Zehn Minuten später hatte Lissa sich vom ordnungsgemäßen Zustand ihres PC überzeugt, und Rory rief sie zu den anderen. Sie lächelte erst Marnie freundlich zu und begrüßte dann James mit einem kühlen Nicken. Er hatte sie vor Monaten eingeladen, mit ihm auszugehen, und auf ihre Ablehnung nicht besonders freundlich reagiert.

James schenkte Kaffee ein, während Rory Lissa das Projekt erklärte. Fast sofort schweiften ihre Gedanken ab. Sie sah ihn an und hoffte, nach außen konzentriert zu wirken. Das war sie natürlich auch, aber nicht auf seine Erklärungen. Seine Schultern waren so verdammt breit, wie geschaffen, um sich daran anzulehnen.

Lissa betrachtete Rorys Hand, während er mit einem Kugelschreiber auf den Notizblock vor sich klopfte. Groß und stark.

Sie hätte jede Wette abgeschlossen, dass er im Gegensatz zu ihr kein Problem mit dem Öffnen von Marmeladengläsern hatte. Und dennoch konnte diese Hand so zärtlich sein, wie Lissa sich erinnerte.

James reichte ihr einen Kaffee. Sie trank einen großen Schluck und hoffte, das Koffein würde wieder Klarheit in ihre Gedanken bringen.

Es funktionierte. Zumindest für den Augenblick.

„Wir werden die nächsten beiden Wochen rund um die Uhr arbeiten, aber ich denke, das wird für niemanden ein Problem sein, oder?“ Rory blickte in die Runde.

Dann wies er auf die Papierverkleidungen an der Glastür und den Fenstern, die den Blick vom Flur in das Besprechungszimmer verhinderten. „Die ganzen Geheimhaltungsvorkehrungen sind übrigens ernst zu nehmen. Beschränkt eure sozialen Kontakte also bitte auf die Mittagspausen.“

„Welche Mittagspausen?“, warf James ein.

Rory grinste. „Ich weiß, aber es sind nur zwei Wochen. Ihr könnt mir glauben, der Einsatz lohnt sich. Wir liefern gute Arbeit ab, und am Ende springt ein lukrativer Vertrag für die Firma heraus. Davon profitieren wir letztendlich alle.“

Allzu sicher war sich Lissa da nicht – endlose Stunden eingesperrt mit Rory in einem winzigen Büro, was sollte daran gut für sie sein? Eine intensive, künstliche Atmosphäre war der ideale Nährboden für eine Affäre. Sie musste sehr stark sein.

Es war faszinierend für Lissa, Rory bei der Arbeit zu beobachten. Mit seinem Charme und seiner Begeisterungsfähigkeit gelang es ihm, die anderen zu motivieren und das Beste aus ihnen herauszuholen.

Wenn er Lissa Anweisungen gab, blitzte in seinen Augen kurz eine diabolische Freude auf. Und sie hätte dann am liebsten das genaue Gegenteil von dem getan, was er wollte.

Spät am Dienstagnachmittag arbeiteten nur sie beide im Raum, da James und Marnie an einer Sitzung teilnahmen. Ein beklemmendes Schweigen lastete über ihnen. Lissa gab Zahlen in ihren PC ein und wandte den Blick nicht vom Monitor, wild entschlossen, so zu tun, als sei Rory nicht vorhanden.

Plötzlich erhob er sich. Jetzt musste sie wohl oder übel aufsehen. Er streckte sich und brachte so seine volle Körpergröße zur Geltung. Lissa konnte den Blick nicht von ihm abwenden. Er lächelte sie an – und sie musste einfach sein Lächeln erwidern.

„Los komm, lass uns etwas trinken gehen und den Teamgeist stärken.“

Sie konnte ihre Überraschung nicht verbergen.

„Teamgeist“, wiederholte er, und sein verwirrendes Lächeln wurde breiter.

Lissa traute ihm nicht. „Die Hälfte des Teams fehlt aber.“ Sie hatte Angst davor, außerhalb des Büros mit Rory allein zu sein. Die Erinnerung an jene heiße Umarmung war ihr nur allzu gegenwärtig.

„Sie kommen nach, sobald die Besprechung vorbei ist. Spätestens in einer Viertelstunde. Wir können schon mal vorgehen und die erste Runde bestellen.“

Eigentlich klang es ziemlich harmlos. Sie würden die anderen dort treffen. Außerdem war Rory der Chef. Sie hatte im Grunde ohnehin keine Wahl. Daher nickte sie zustimmend und loggte sich aus ihrem PC aus, während er dasselbe tat. Dann nahm sie ihre Jacke vom Garderobenständer in der Ecke und zog sie über. Als sie aufblickte, ertappte sie ihn dabei, wie er sie beobachtete. Ein ziemlich zweideutiges Lächeln spielte um seine Lippen.

Lissa fühlte sich provoziert, gürtete die Jacke noch enger um sich und strich sie über den Hüften glatt.

Seine Augen glühten vor Verlangen, und seine Wangen röteten sich.

Sie hob den Kopf. Wie sehr sehnte sie sich nach seinen Berührungen, und Rory musste es gespürt haben.

Abrupt machte er auf dem Absatz kehrt und verließ den Raum.

Den Weg zum Lift legten sie schweigend zurück. Lissa machte sich insgeheim Vorwürfe. Warum ließ sie sich ihre Gefühle so sehr anmerken? Nur eine Sekunde lang hatte sie die Kontrolle verloren, und jetzt bezahlte sie dafür. Bei jedem Schritt war sie sich Rorys Nähe bewusst und sehnte sich nach noch mehr.

Auf der Straße überraschte er sie, indem er nicht die übliche Richtung einschlug.

„Gehen wir denn nicht zu Jackson’s?“

„Es wäre keine gute Übung für den Teamgeist, wenn wir dorthin gingen, wo die ganze Firma sich trifft. Hier geht es nur um uns, Lissa.“

Nur um uns? Schon wieder geriet ihr Herzschlag aus dem Takt und brachte ihr mühsam aufrechterhaltenes Gleichgewicht durcheinander.

„Wir werden stundenlang auf engstem Raum miteinander arbeiten“, fuhr er fort. „Daher ist es wichtig, dass wir eine enge Einheit bilden. Da ist kein Platz für irgendwelche Probleme oder … Ablenkungen.“

Ablenkungen? Nein, darauf legte auch Lissa keinen Wert.

„Marnie und James sind beide sehr ehrgeizig und wollen einander übertrumpfen, was einerseits gut ist, doch unser Hauptziel sollte die Qualität der Arbeit sein und kein interner Konkurrenzkampf oder …“, er räusperte sich, „… andere Spielchen.“

„Spielchen?“

Sein Gesicht hatte sich leicht gerötet. „Lissa, ich will ehrlich sein. Ich fühle mich zu dir hingezogen. Schon seit ich dich zum ersten Mal sah. Diese Anziehungskraft wird immer stärker, je öfter wir zusammen sind. Aber ich kann es mir nicht leisten, unser Projekt aufs Spiel zu setzen, weil ich nicht bei der Sache bin. Deshalb sage ich es dir jetzt ohne Umschweife – ich bin an dir interessiert. Ich möchte wissen, ob du genauso empfindest.“

Wie in weiter Ferne nahm Lissa die Passanten wahr, die an ihnen vorbeigingen, die Busse und Taxis auf der Straße, aber ihr war, als hätte sich über die Welt ein Nebelschleier gelegt, der alles verhüllte, außer Rory, den sie in brillanter Schärfe vor sich sah.

Die Zeit schien stillzustehen, während sich in ihrem Kopf die Gedanken überschlugen. Nein, das war unmöglich, auch wenn sie es vor wenigen Momenten noch herbeigesehnt hatte. Rory war ihr Chef, und sie kannte ihn kaum.

Endlich fand sie ihre Stimme wieder. „Das ist unmöglich.“

„Kannst du nicht, oder willst du nicht, Lissa? Ich weiß, dass du Single bist und auch, dass es dir gefallen hat, mich zu küssen.“

Wie könnte sie ihm da widersprechen? Sie schwieg.

„Gut.“ Er stieß den Atem aus. „Du willst also nicht. Dann konzentrieren wir uns also von jetzt an nur auf die Arbeit. Doch sobald wir dieses Projekt abgeschlossen haben, sollten wir uns noch einmal unterhalten.“

Er nahm ihren Arm und lächelte sie strahlend an. „Mach kein so ängstliches Gesicht. Alles wird gut.“

Sie betraten die Bar.

„Du suchst uns einen Tisch aus, ich hole die Drinks – Apfel oder Kirsche?“

Sie runzelte die Stirn.

„Welchen Geschmack soll dein Alkopop haben?“

„Ach so.“ Sie fühlte, wie ihr die Hitze in die Wangen stieg und lächelte verlegen. „Ich möchte bitte nur eine Limonade.“

Lissa wählte den Tisch unter der hellsten Lampe in der Mitte des Raumes. Keine dunkle Nische, in der man für sich war, denn es durfte keine Spur von Romantik oder Intimität aufkommen.

In jeder Hand einen Drink kam Rory auf sie zu und wählte den Stuhl ihr gegenüber. Also keine Möglichkeit für sie, seinem attraktiven Gesicht und seinem eindringlichen Blick zu entgehen.

„Gefällt dir die Arbeit bei Franklin?“

Bis vor Kurzem hätte sie diese Frage eindeutig bejaht. Das Klingeln seines Handys unterbrach ihre Gedanken. Mit einem entschuldigenden Blick nahm er den Anruf an und antwortete einsilbig mit „Ja“ und „Nein“. Dann legte er auf und sah sie mit einem eigentümlichen Glitzern in den Augen an, das sie nicht zu deuten vermochte.

„Das war James. Sie wurden bei dem Meeting aufgehalten.“

„Oh.“ Noch mehr Zeit mit Rory allein wollte Lissa lieber nicht verbringen. „Dann gehe ich jetzt nach Hause.“

Er deutete auf ihr noch fast volles Glas und seinen unberührten Wein.

„Wir können doch das Geld der Firma nicht einfach so zum Fenster hinauswerfen, Lissa. Bleib wenigstens, bis du ausgetrunken hast.“

Bei Lissa schrillten sämtliche Alarmglocken. Daher nahm sie ihr Glas und trank es fast in einem Zug aus.

Rory grinste. „Mache ich dich so nervös?“

„Natürlich nicht.“ Ihre eigene Schwäche machte sie viel nervöser. Sie wollte sich auf keinen Fall noch einmal zum Narren machen, doch er übte eine geradezu überwältigende Anziehung auf sie aus.

„Ich sehe dir deine Unentschlossenheit an, Lissa, und das bringt mich fast um den Verstand.“

Sofort senkte sie den Blick. Seine leisen, direkten Worte drohten schon wieder ihre Abwehrmechanismen zu unterlaufen. Aber meinte er es denn ehrlich? Oder spulte er seinen routinierten Charme ab? Die grünen Augen blitzen lassen, der Lady Komplimente machen und ihre Neugier reizen, bis sie sich ergibt? Nichts einfacher als das.

„Ich sollte jetzt wirklich gehen.“

„Tatsächlich?“

„Ja.“ Auf jeden Fall.

„Warum essen wir vorher nicht noch eine Kleinigkeit?“

„Netter Versuch, Rory.“ Er hatte es wirklich faustdick hinter den Ohren.

„Wieso?“ Er hob in scheinbarer Unschuld die Hände und sagte dann leise: „Wir sprechen uns noch, Lissa.“

Nachdem sie sein Angebot, sie nach Hause zu bringen, abgelehnt hatte, verließ sie die Bar. Sie nahm den Bus, doch als sie am Fenster saß, bemerkte sie kaum etwas von den Sehenswürdigkeiten Londons, sondern war so in Gedanken vertieft, dass sie sogar ihre Haltestelle verpasste.

Sie hatte Grant damals für ehrlich gehalten. Er war zehn Jahre älter als sie gewesen, aber viel erfahrener. Mit voller Berechnung hatte er ihr den Hof gemacht, sie mit Aufmerksamkeit, Blumen und Komplimenten überhäuft, wie sie es bisher nur aus Filmen kannte. Sie hatte geglaubt, ihn zu lieben und wiedergeliebt zu werden. Dass es für sie beide ein Happy End geben würde. Doch es war alles nur Theater gewesen.

Irgendwann kam sie hinter die Sache mit Melissa. Seiner Verlobten. Die traurige Wahrheit war mit einem Mal beschämend offenkundig. Grant hatte Lissa nie mit in seine Wohnung genommen, sie gebeten, Stillschweigen über ihre Beziehung gegenüber den Kollegen zu bewahren, und sie waren nie zusammen ausgegangen. Stattdessen war er immer in ihre Wohnung gekommen, hatte für sie gekocht und ihr schöne Worte ins Ohr geflüstert, während er sie in Wirklichkeit doch nur ausnutzte.

Sie hatte einen Schlussstrich gezogen oder zumindest versucht, das Verhältnis zu beenden. Doch leider zeigte er daraufhin seinen wahren, fiesen Charakter. Er machte ihr das Leben zur Hölle, verleumdete sie vor Kollegen, gab ihr nur die miesesten Jobs, und wann immer sich die Gelegenheit bot, versuchte er sie zu betatschen.

Schließlich hatte sie gekündigt und ihre Koffer gepackt.

Und jetzt hatte sie Rory getroffen. Sie wusste nichts von ihm, außer dass es ihm innerhalb von wenigen Stunden gelungen war, ihren Schutzwall zu durchbrechen. Sie sehnte sich nach ihm, wollte ihn berühren und spüren. Doch es würde auf ihrem Lebenslauf schlecht aussehen, wenn sie schon wieder einen Job hinschmiss.

Sie musste Rory auf Distanz halten, was bedeutete, ihn nicht anzusehen und nicht mit ihm zu reden, es sei denn, die Arbeit erforderte es.

3. KAPITEL

Spätestens am Dienstagnachmittag war klar, dass Lissas Plan nicht aufging. Durch Rorys ständige Nähe lagen ihre Nerven blank. Wenn sie von ihrem PC aufschaute, fiel ihr Blick unweigerlich auf Rory. Fast immer ertappte sie ihn dabei, wie er sie ansah oder verstohlen beobachtete. Dann wandte sie sich hastig ab und biss sich auf die Unterlippe. Dieses Spielchen wiederholte sich mehrmals. Irgendwann war sie so frustriert, dass sie aufstand und zur Toilette ging, um Rory ein paar Minuten lang nicht sehen zu müssen.

Auf dem Rückweg ins Büro wurde sie plötzlich am Arm gepackt und in einen leeren Besprechungsraum gezogen. Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss.

Lissa wirbelte herum und starrte in Rorys Gesicht, der jetzt mit vor der Brust verschränkten Armen den Eingang blockierte. „Was soll das?“, flüsterte sie und versuchte, ihr Gleichgewicht wiederzufinden. Seine Nähe nahm ihr fast den Atem. Die Luft zwischen ihnen knisterte vor Spannung. Verzweifelt bemühte sie sich, ihre Gedanken zu ordnen. An Computer-Passwörter zu denken, an Telefonnummern, an alles, nur nicht daran, wie unverschämt attraktiv dieser Mann war.

„Lissa, wenn wir schon kein Verhältnis miteinander haben können, was ich akzeptiere, können wir dann nicht wenigstens Freunde sein?“

Ihre Miene war skeptisch. „Hältst du das wirklich für möglich?“

„Von mir aus schon. Ich kann meine Bedürfnisse ganz gut unter Kontrolle halten und werde nicht versuchen, dich bei nächstbester Gelegenheit auf dem Schreibtisch zu verführen.“ Mit leiser Stimme fragte er dann: „Warum … kannst du nicht?“

Lissa schwieg, wollte ihm eigentlich antworten, aber in ihrem Kopf entstand das verstörende Bild einer Liebesszene auf dem Schreibtisch. Sie zog die Unterlippe zwischen die Zähne und biss darauf in der Hoffnung, der Schmerz würde sich beruhigend auf ihren Pulsschlag auswirken. Doch in Wirklichkeit sehnte sie sich nur nach einem Kuss.

Rorys Augen wurden schmal, während er sie musterte. Er trat einen Schritt näher, umfasste ihr Kinn und zwang sie, ihn anzusehen. „Kannst du wirklich nicht?“, wiederholte er mir rauer Stimme. Er streichelte ihren Hals. Mit dem Daumen rieb er sanft über ihre Lippen.

Lissa war kurz davor, den Mund zu öffnen und seinen Daumen einzusaugen. Erschrocken über sich selbst, wich sie zurück und ging ein paar Schritte von ihm weg, bis der Tisch zwischen ihnen stand.

„Keine Angst, ich bin nicht der Typ, der Frauen sexuell belästigt.“ Rory stemmte die Hände lässig in die Hüften. „Ich werde dich nicht wieder anfassen, es sei denn, du bittest mich darum.“ Er schob die Hände in die Hosentaschen, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. „Wenn du mich weiterhin so abblockst wie heute, dann wird die Gerüchteküche bald brodeln. Und du willst doch nicht, dass es Klatsch gibt.“ Seine Worte trieften vor Ironie.

Sie wich seinem Blick aus. „Das bringt doch alles nichts, Rory.“

„Nein, aber wir sollten wenigstens ehrlich sein.“

„Und das heißt?“

„Warum nennst du mir nicht den wahren Grund dafür, dass du nicht mit mir ausgehen willst?“

„Ich war ehrlich, ich will nicht, dass geredet wird.“

Er schüttelte den Kopf. „Nein, ich glaube, da steckt mehr dahinter.“

„Was denn?“ Ihr Herz schlug schneller.

„Ich glaube, du hast Angst.“

„Wovor? Vor dir?“

„Nein. Vielleicht. Ja.“ Sein Blick durchbohrte sie. „Du hast Angst vor dieser starken Anziehung zwischen uns. Sag nicht, dass du nicht weißt, wovon ich spreche. Ich sehe es dir an, Lissa.“

Verflixt. Rory hatte ja recht. Aber sie konnte wohl schlecht mit einer Sonnenbrille im Büro herumlaufen.

„Die Situation ist auch für mich neu“, bekannte er leise.

Sie schloss die Augen. Seine Worte waren aufrichtig, das spürte sie, aber es erschreckte sie umso mehr.

„Es tut mir leid. Versuchen wir, Freunde zu sein.“ Sie sah sich im Raum um, als suche sie nach einem zweiten Ausgang. „Sind wir jetzt fertig?“

Sein Blick war sardonisch. „Nur für heute.“ Dann trat er zur Seite und öffnete ihr die Tür.

Lissa rieb sich die schmerzenden Schläfen. Den gestrigen Abend hatte sie mit Gina bei einer Flasche Wein und einem Teller Pasta in einer ruhigen Ecke ihres Lieblingsitalieners verbracht, und dabei sprachen sie über Männer und über Reisepläne. Sie hatte dem Büro und ihren Gedanken entfliehen wollen, doch es hatte nicht geklappt. Der Grund für ihre Kopfschmerzen war über einen Meter achtzig groß und beherrschte all ihre Gedanken. Es war so frustrierend.

Sie seufzte leise. Marnie bemerkte es und vermutete, dass sie Kopfschmerzen hatte.

„Dein Haar war die ganze Woche über so fest zum Pferdeschwanz zusammengebunden. Kein Wunder, dass dir der Kopf wehtut.“ Sie stand von ihrem Platz auf, stellte sich hinter Lissa, nahm ihr die Spange aus dem Haar und lockerte es, dass es ihr über die Schultern fiel.

„Marnie!“, protestierte Lissa.

„Das wird dir guttun. So …“ Marnie lege die Finger auf Lissas Kopfhaut und begann zu massieren. „Ist der Druck so okay?“, fragte sie.

„Ach, es ist ganz wunderbar.“ Lissa schloss die Augen und fühlte dankbar, wie der Schmerz nachließ.

Nach einer Weile beendete Marnie die Massage. „So, jetzt müsste es dir besser gehen.“

„Kann ich meine Spange wiederhaben?“

„Nein, die konfisziere ich. Du solltest das Haar offen tragen. Das sieht viel hübscher aus.“

Sie wollte nicht hübsch aussehen.

Rory sah nachdenklich zu ihr hin. „Hat jemand bestimmte Pläne fürs Mittagessen?“

Niemand antwortete. Lissa vermutete, dass sie wieder durcharbeiten mussten.

„Gut, dann gehen wir aus. Wir müssen ohnehin noch unser Teamgeist-Treffen nachholen.“

Lissa unterdrückte einen Seufzer.

Marnie und James griffen bereits nach ihren Jacken und gingen zur Tür, begierig, dem Kerker zu entfliehen.

Lissa blieb sitzen.

Rory sah sie fragend an.

„Brauchst du mich dabei?“, fragte sie und fuhr dann zögernd fort: „Ich meine, ihr drei seid die Berater. Ich recherchiere und tippe bloß.“

„Du bist genauso ein Teil des Teams wie jeder von uns.“ Rory beugte sich zu ihr hinunter, bis sie auf gleicher Augenhöhe waren. „Du kommst mit, und wenn ich dich tragen muss.“

Das würde er tun, da war sie sich sicher. Gedankenverloren blieb sie sitzen und spürte, wie ihre Lippen sich ironisch verzogen. Unter seinem forschenden Blick öffnete sie leicht den Mund. Rory zog scharf den Atem ein. Ihre Lippen fühlten sich mit einem Mal so trocken an. Lissa spürte das dringende Bedürfnis, sie mit der Zunge zu befeuchten. Noch dringender allerdings wünschte sie sich, seinen Mund zu spüren. Jede Faser ihres Körpers erwachte zu neuem Leben, als er noch näher rückte.

Marnie steckte den Kopf durch die Tür. „Kommt ihr?“

Rory richtete sich hastig auf und wandte sich um. „Gleich.“

Marnie sah Lissa überrascht an, die versuchte, diesen Blick so cool wie möglich zu erwidern.

Lissa stand auf und beeilte sich, ihr zu folgen.

Sie gingen zu einem kleinen italienischen Restaurant ganz in der Nähe des Büros. James saß neben Lissa, während Marnie und Rory ihnen gegenüber Platz genommen hatten. Es war ein schmaler Tisch, und Lissa spürte, wie Rory sein Knie an ihres presste. Schnell schob sie ihren Stuhl etwas zurück, während sie die Speisekarte übertrieben gründlich studierte.

Sie bestellten und aßen, und Lissa saß schweigend dabei und hörte den anderen zu. Das Essen war köstlich, und sie war sehr hungrig. Nach dem Hauptgang brachte der Ober die Dessertkarte. Sie leckte sich über die Lippen, während sie zwischen der Torte aus weißer Schokolade mit Himbeeren und der Limonensiruptorte mit Himbeeren schwankte. Sie liebte Himbeeren. Der Ober kam zurück und fragte, ob sie Dessert oder Kaffee wünschten.

Lissa bestellte sofort, ohne abzuwarten, was die anderen wählen würden. „Für mich bitte die Limonensiruptorte mit Himbeeren und Schlagsahne. Und könnte ich bitte eine Extraportion Sahne bekommen?“

„Natürlich“, lächelte der Ober.

Lissa sah die drei anderen erwartungsvoll an und musste feststellen, dass sie alle mit befremdlicher Miene auf sie starrten. Sie fühlte sich wie ein Insekt unter dem Mikroskop.

„Was ist denn?“, fragte sie verwirrt. „Haben wir keine Zeit für einen Nachtisch? Müssen wir gleich ins Büro zurück?“

„Nein, es ist schon in Ordnung“, erwiderte Rory, griff nach der Speisekarte und bestellte nach einem kurzen Blick darauf die weiße Schokoladentorte mit Himbeeren.

„Für mich nur einen Espresso“, warf Marnie ein.

„Das gleiche für mich“, schloss James sich an.

„Nimmst du keinen Nachtisch?“, fragte Lissa Marnie ungläubig, als der Ober sich entfernt hatte. „Ich verzichte nie auf ein schönes Dessert“, erklärte sie nachdrücklich.

Marnie lachte. „Jetzt wissen wir, wie wir dich bei Laune halten können. Das ganze Essen über warst du schweigsam, und erst jetzt, wo der Nachtisch kommt, wirst du lebendig.“

Noch immer waren alle Augen auf Lissa gerichtet.

„Freust du dich eigentlich schon auf zu Hause, Lissa?“, fragte Marnie in die plötzliche Stille hinein.

Rory blickte auf seinen Teller hinunter.

„Ja, ich war die ganze Zeit über kein einziges Mal da. Ich freue mich, die alten Freunde wiederzutreffen. Obwohl ich mir eigentlich noch tausend Orte ansehen wollte, aber irgendwann werde ich wieder reisen und alles nachholen, hoffe ich.“

„Du willst nicht in London bleiben?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Selbst wenn ich wollte, könnte ich nicht. Meine Arbeitserlaubnis läuft in zwei Monaten aus, und dann muss ich das Land verlassen.“

„Du solltest dir einen englischen Ehemann suchen, Lissa, dann könntest du überall in Europa arbeiten, solange du willst.“ James hob die Augenbrauen. „Lass mich wissen, wenn du einen Kandidaten suchst.“

Der angewiderte Blick, mit dem Rory James bedachte, war zu komisch.

Lissa lächelte beiden zuckersüß zu. „Vielen Dank auch, James, aber sollte ich jemals heiraten, dann nur aus Liebe.“

Sie konzentrierte sich wieder auf ihren Teller und genoss das köstliche Dessert mit allen Sinnen. Schließlich waren nur noch ein paar Himbeeren und kleiner Berg Schlagsahne übrig. Sie vergaß ihre guten Manieren, legte die Gabel beiseite, nahm eine Beere mit den Fingern, tauchte sie in die Sahne und steckte sie in den Mund. Köstlich! Als sie ihren Finger in den Mund steckte, um die restliche Sahne abzulecken, sah sie auf und begegnete Rorys Blick. Das versetzte ihr einen solchen Schock, dass sie verlegen die Hand sinken ließ.

„Wie schmeckt deine Torte?“, fragte sie ihn, um ihre Verlegenheit zu überspielen.

„Wunderbar“, sagte er augenzwinkernd. „Möchtest du probieren?“

„Oh nein“, erwiderte sie sofort und schüttelte heftig den Kopf. „Nein, vielen Dank.“

Er spießte ein Stückchen Torte auf die Gabel und hielt es Lissa quer über den Tisch hin. „Komm schon, du willst doch.“ Seine Stimme war so weich und verführerisch wie der Kuchen.

Sie sah ihn an und spürte das Verlangen in sich aufsteigen. Warum musste sie auch immer so gierig sein? Sie konnte vor Marnie und James jetzt auch schlecht einen Rückzieher machen. Sorgfältig darauf bedacht, jeden Kontakt mit seinen Fingern zu vermeiden, nahm sie die Gabel und steckte sie in den Mund. Rory hatte recht, die Torte war köstlich, aber ihren Hunger nach ihm vermochte sie nicht zu stillen.

Er ließ sie nicht aus den Augen, während sie ihm die Gabel zurückgab.

„Noch ein bisschen?“, fragte er leise, und sie schüttelte den Kopf, ohne den Blick von ihm zu wenden. Sie zog die Lippen zwischen die Zähne und biss darauf, um ihre wachsende sexuelle Spannung zu verbergen. Doch er wusste ohnehin Bescheid, das Flackern in seinen Augen sprach Bände.

Das Gespräch zwischen Marnie und James war verstummt. „Möchte vielleicht einer von euch probieren?“, fragte Lissa mit gespielter Fröhlichkeit, um die seltsam intensive Atmosphäre zu vertreiben.

Beide lehnten ab.

James stand auf, um einen Anruf zu erledigen, und Marnie ging im selben Augenblick zur Toilette.

Ihre gute Erziehung bewog Lissa, am Tisch zu bleiben und Rory Gesellschaft zu leisten, während er langsam sein Dessert aufaß.

Er sah sie an, sein Blick ruhte auf ihrem Mund. „Du hast da etwas Sahne.“ Er zeigte auf sein Kinn.

„Oh.“ Sie hob die Hand, um sich die Sahne abzuwischen.

„Nein“, lächelte er. „Nicht da. Hier.“ Er streckte die Hand über den Tisch und legte seinen Zeigefinger genau unter ihre Unterlippe und ließ ihn dort kurz liegen, ehe er sanft über ihre Lippe strich.

Lissa war wie erstarrt.

„Sag mir, dass ich dich nicht berühren soll“, flüsterte er.

Ihr Blick flackerte, doch sie schwieg. Wieder strich er quälend sanft über ihre Lippe, und sie sehnte sich nach mehr.

Sie wollte seine Lippen auf ihren spüren und beugte sich näher zu ihm.

„Lissa?“, flüsterte er. „Spürst du das? Ja?“

„Das ist nur sexuelle Leidenschaft.“ Verzweifelt bemüht, die Situation zu entschärfen, lehnte sie sich zurück.

„Wenn es sonst nichts ist, was haben wir dann zu verlieren?“

Eine Affäre mit ihm haben? Einen One-Night-Stand? Wie ein Kaninchen seinen Trieben folgen? Die Versuchung war groß. Sie würde ohnehin bald das Land verlassen, warum also eigentlich nicht? Ihr Herz klopfte wie verrückt – zu gefährlich.

Sie starrte auf den Tisch.

Rory streckte wieder die Hand aus und hob ihr Kinn. In seinen Augen las sie Leidenschaft und noch etwas anderes, Undefinierbares – Wärme? Zärtlichkeit? „Weil es doch mehr als Sex ist?“, fragte er sanft.

Er hatte recht, sie wusste es. Die Anziehungskraft zwischen ihnen war mehr als nur physisch. Ein Grund mehr, Nein zu sagen. „Es geht nicht, Rory.“

Er ließ die Hand sinken. „Wie du meinst.“

Wieder zurück im Büro und bei der Arbeit, stellte Lissa fest, dass sich die Stimmung zwischen ihr und Rory verändert hatte. Sie hatte zugegeben, dass zwischen ihnen eine magische körperliche Anziehung bestand. Und obwohl sie nicht vorhatte, dieser Anziehung nachzugeben, war es doch ein Geheimnis, das sie miteinander teilten, eine Art unsichtbares Band zwischen ihnen. Ihre Blicke trafen sich in stillschweigendem Einverständnis, wenn James einen seiner unverschämten Kommentare von sich gab. Ihre Finger berührten sich, wenn sie einander Unterlagen reichten. Lissa wusste, dass Rory sie ebenso verstohlen und häufig ansah wie sie ihn. Es war ein gefährliches Spiel, aber sie glaubte, es beherrschen zu können.

K

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