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Collection Baccara, Band 265

ANNE OLIVER

Süße Träume, heiße Blicke

Sanft streichelt Ben über ihre samtweiche Haut, küsst Carissa leidenschaftlich und genießt es, sie zärtlich zu verführen. Wie wunderbar ist es, diese schöne Pianistin in seinen Armen zu halten – schon lange war er nicht mehr so glücklich. Doch am nächsten Morgen erlebt er eine Überraschung: Carissa will ihn nicht wiedersehen ...

CATHY GILLEN THACKER

Wetten, du bist der Richtige?

Lily ist begeistert: Der Filmstar Carson McRue will sich gerade mit ihr verabreden, da platzt der Tierarzt Fletcher Hart herein. Er reißt Lily in seine Arme, küsst sie heiß und behauptet, sie sei seine Freundin. Lily spürt, wie stark sie auf ihn reagiert. Immer hat sie von Carson geträumt. Warum schlägt dann ihr Herz bei Fletcher so schnell?

JO LEIGH

Liebe war nicht geplant

Sieben Nächte lang will Taylor die Leidenschaft mit Jack auskosten – und ihn dann vergessen! Doch ihre Pläne haben einen unerwarteten Haken: Seit sie Jack wiedergesehen hat, ihn das erste Mal erneut küsst und mit ihm durch die Straßen von Las Vegas bummelt, ist ihr Herz endgültig verloren. Nun muss sie alles wagen, um ihn für immer zu erobern …

Anne Oliver

Süße Träume, heiße Blicke

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1. KAPITEL

Das erste Zeichen war das Parfum ihrer Großmutter. Das zweite das Kribbeln in ihrem Nacken. Während sie Grannys Duft mit etwas Freundlichem und Vertrautem verband, jagte ihr das zweite Zeichen kalte Schauer über den Rücken.

Carissa Grace ignorierte niemals Zeichen.

Ängstlich blickte sie sich vor dem Cove Hotel von Sydney um. Ihre Stiefschwester Melanie hatte darauf bestanden, Carissa nach ihrem Auftritt in der Pianobar heute Abend abzuholen – um kurz nach zwölf. Das war vor zwanzig Minuten gewesen.

Beeil dich, Mel. Hier ist irgendetwas …

Das Kreischen von Autobremsen hallte durch die Nacht und übertönte die sanften Saxofonklänge aus dem nahe gelegenen Nachtklub. Als der verbeulte Holden auf den Kantstein rauschte, überstrahlten dessen Scheinwerfer die Szene für einen Moment wie silberne Laser.

Carissa stand wie angewurzelt da, bis der Wagen gleich wieder verschwand und eine Wolke beißenden Abgas- und Gummigestanks zurückließ.

„Jemand verletzt?“, fragte eine tiefe Stimme hinter ihr. Dann trat ein Mann aus der Menge der Hotelgäste.

Er war groß und breitschultrig. Sein Kinn wies einen dunklen Bartschatten auf, das braune Haar war ungekämmt und kräuselte sich im Nacken. Er trug ausgeblichene schwarze Jeans und ein T-Shirt. Kurz: Er verkörperte sämtliche „Bad Boy“-Fantasien Carissas.

„Jemand soll einen Krankenwagen rufen“, kommandierte er.

Da erst sah Carissa die Gestalt, die auf dem Pflaster lag. Mit zwei großen Schritten war der Mann bei ihr, beugte sich über sie und sprach leise mit ihr. Es handelte sich um eine alte Frau, wie Carissa jetzt erkannte. Sie hatte kurz zuvor beobachtet, wie die Frau eine Mülltonne in der Nähe durchwühlte. Trotz der Hitze war sie in einen schmutzigen Mantel gehüllt. Nun versuchte sie zitternd, sich aufzurichten.

Ohne zu zögern stützte der Mann ihren Kopf mit einer Hand, hielt sie hoch und redete beruhigend auf sie ein.

Carissa lief hinüber, um die vollgestopfte Tasche der Frau aufzuheben. Dann hockte sie sich neben sie. „Hier sind Ihre Sachen.“

Die Frau warf ihr einen misstrauischen Blick zu und griff nach der Plastiktüte.

„Ist alles okay?“, fragte Carissa.

„Ich glaube schon“, sagte er. „Aber sie sollte lieber untersucht werden.“ Er war so beschäftigt, dass er Carissa gar nicht ansah.

Neben dem strengen Geruch der Stadtstreicherin nahm Carissa eine männliche Note wahr. Es war lange her, seit sie unverfälschten männlichen Körperduft gerochen hatte. Alasdair duftete immer nach französischem Rasierwasser. Allerdings konnte sie sich auch nicht vorstellen, dass ihr Verlobter diese Situation so ruhig und selbstbewusst gemeistert hätte.

Der Mann setzte die Frau auf und strich ihr über den Rücken. Dabei bemerkte Carissa die teure Uhr an seinem Handgelenk. „Meinen Sie, Sie können …“ Eine Autohupe verschluckte den Rest seiner Worte.

Carissa sah zur Straße. Das Hupen galt ihr. Sie winkte Melanie zu und stand auf. Da der Fremde hier alles unter Kontrolle hatte, wurde sie wohl nicht mehr gebraucht.

„Tut mir leid, dass ich zu spät bin“, sagte Mel, als Carissa zu ihr ins Auto stieg. „In der Notaufnahme tobte der Bär. Was ist hier eigentlich los?“

„Hier tobt auch gerade der Bär“, antwortete Carissa, die immer noch Herzklopfen hatte. „Aber jetzt dürfte alles geregelt sein.“ Dank dem Helden des Tages.

Sie sah immer noch zu dem Mann, der in diesem Moment die Stadtstreicherin in die Lobby des Cove führte.

Ein Mann mit gefährlich viel Sex-Appeal. Er sah aus, als wäre er geradewegs einem erotischen Traum entsprungen, einem dieser Träume, die Carissa in letzter Zeit mit erschreckender Regelmäßigkeit heimsuchten.

Sie seufzte. Seit einem Jahr hatte sie Alasdair nicht gesehen, wen wunderte es da, dass jeder Mann mit nur halb so viel Sex-Appeal wie der Fremde ihr gefährlich erschien?

Nicht dass sie nicht warten wollte, bis Alasdair seine Doktorarbeit in Frankreich beendet hatte. Aber aus den versprochenen zwölf Wochen waren inzwischen zwölf Monate geworden.

Sie warf noch einen letzten Blick auf die wandelnde Versuchung. In sieben Tagen sollte Alasdair zurückkommen. Das Warten würde endlich ein Ende haben.

„Alasdair kommt nicht zurück.“

Mit seinem Brief in der Hand hockte Carissa sich neben Melanie auf die Verandatreppe. Der erste Schock war überstanden, und nun traute sie sich zu, darüber zu reden – ruhig und vernünftig.

„Oh, Carrie!“, sagte Mel mit großen Augen, stellte ihren Eistee ab und nahm Carissas Hand. „Da tut mir leid. Ihr zwei wart sieben Jahre zusammen, oder? Was ist passiert?“

„Er hat jemanden kennengelernt. Ich hätte damit rechnen müssen, wo er so weit weg ist und den ganzen Tag von hübschen jungen Forschungsassistentinnen umgeben.“ Sie schloss die Augen. „Ich hätte allerdings nie damit gerechnet, dass seine neue Liebe Pierre heißt.“

„Oh Gott.“ Mel atmete langsam aus. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Alles in Ordnung mit dir?“

„Es geht schon wieder.“ Carissa drückte die Hand ihrer Schwester, dann stand sie auf und lief umher. „Ich habe ihm vertraut und auf ihn gewartet. Obwohl ich mir nicht mehr sicher war, dass er der Mann meines Lebens ist, habe ich gewartet, zumindest bis ich ihn wiedersehe. Wie konnte ich nur so dumm und naiv sein!“

„Mach dir keine Vorwürfe. Es ist nicht deine Schuld, dass er dich betrogen hat – noch dazu auf die schlimmstmögliche Art. Bist du sicher, dass du klarkommst?“

„Bestens.“ Sie knüllte den Brief zusammen und blinzelte in den dunklen Garten. Der heiße Sommerwind nahm zu und brachte das lose Regenrohr zum Klappern, das Carissa immer noch nicht repariert hatte.

„Ich bin schon so lange allein, dass es praktisch keinen Unterschied mehr macht. Mein Leben geht weiter wie bisher. Ich habe mein eigenes Haus.“ Sie sah auf die durchhängende Veranda. An dem Haus, das sie von ihren Großeltern geerbt hatte, mussten dringend einige Reparaturen vorgenommen werden. „Und ich habe Arbeit.“

„Außerdem hast du mich“, sagte Mel leise.

„Ich weiß.“ Sie blickte ihre Stiefschwester liebevoll an. „Soll ich dir mal ein Geheimnis verraten, Mel? Ich bin immer noch Jungfrau.“

„Du meinst, Alasdair und du, ihr habt nie …?“

Carissa ging weiter auf und ab. „Jetzt wird mir auch klar, warum Alasdair so zurückhaltend war.“

„Du wirst in wenigen Tagen sechsundzwanzig und bist noch Jungfrau? Wow!“

Am liebsten hätte Carissa auf irgendetwas eingeschlagen. Sie musste ihre überschüssige Energie loswerden. Klavierspielen half.

Melanie folgte ihr ins Haus. „Willst du wirklich, dass dein Leben weitergeht wie bisher? Ohne Mann, ohne Sex, ohne Spaß?“

Carissa blieb stehen. Antworte nicht.

„Carrie, du brauchst einen Lover, wenigstens für eine Nacht.“

Was für ein abwegiger Vorschlag! Aber im Augenblick war Carissa frustriert genug, um ernsthaft darüber nachzudenken. „Vielleicht hast du recht.“ Sie warf die zerknüllte Nachricht in den Mülleimer.

„Du solltest es allerdings nicht überstürzen“, warnte Mel sie, als wäre ihr nicht mehr ganz wohl dabei. „Ruf dir jemanden, der dir dein Klavier stimmt, nicht gleich einen Klempner.“

„Was ist an einem Klempner verkehrt, wenn er die richtige Ausstattung mitbringt?“ Carissa musste unweigerlich lächeln, als sie Mels Gesichtsausdruck sah. „Ich passe schon auf.“

In der Pianobar des Cove Hotels tummelten sich die üblichen Sonntagabendgäste. Carissa sah sich um, während sie ihre Auswahl verträumter Chopin-Nocturnes spielte. Einige der Anwesenden waren Stammgäste, die meisten aber Touristen, die ein paar Stunden totschlagen wollten, ehe sie in die Nachtclubs von Sydney weiterzogen.

So viel zu ihrem tollen Plan, einen Mann für eine Nacht zu finden! Wer sechs Abende die Woche arbeitete, hatte nicht mehr viel Privatleben. Carissa hatte schon verlernt, wie man sich in der Dating-Szene bewegte.

Sie sah ihn in dem Moment, in dem er hereinkam.

Er füllte den gesamten Türrahmen aus. Carissa geriet fast ins Stocken, als sie wie gebannt den über einsneunzig großen Mann in den verblichenen Jeans und dem schwarzen T-Shirt betrachtete.

Wie von selbst spielten ihre Finger die Mondscheinsonate, während sie ihn beobachtete, wie er ein Bier bestellte und zu einem der Tische am Fenster ging.

Oh! Es war der Mann, den sie gestern Abend vorm Hotel gesehen hatte.

Er musste etwa Mitte dreißig sein. Sein dunkelbraunes Haar war kürzer als gestern, wirkte aber immer noch ein bisschen zerzaust.

Und er hatte die fantastischsten Augen, die sie je gesehen hatte. Carissa griff nach ihrem Mineralwasser, sah auf ihre Uhr und seufzte. Sie musste noch zwei Stunden und zehn Minuten spielen. Bis dahin war er sicher längst gegangen.

Ben Jamiesons Blick huschte flüchtig über die Pianistin, bevor er gleich darauf zu ihr zurückkehrte und sie genauer ansah. Dieser Abend ließ sich weit angenehmer an als erwartet. Warum sollte er ihn allein verbringen und über sein Leben nachgrübeln, wenn die Ablenkung, die er brauchte, direkt vor seiner Nase war?

Rave würde sagen, dass er sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen durfte. Beinahe glaubte Ben, seinen Freund vor sich zu sehen.

Er nahm einen Schluck Bier. So wie ihre Hände über die Tasten tanzten, waren sie sicher auch in anderen Dingen recht geschickt.

Ihr langes saphirblaues Abendkleid schrie buchstäblich danach, ausgezogen zu werden. Langsam, Zentimeter für Zentimeter. Bei einem solchen Körper überstürzte man nichts.

Sie ist groß, stellte er fest, aber nicht zu groß. Und das Haar – ein loser Knoten aus purem Sonnenschein, der von einer paillettenbesetzten Spange gehalten wurde. Bei hochgestecktem Haar juckte es Ben immer in den Fingern. Er stellte sich vor, wie er über ihren schlanken Hals strich, bevor er den Knoten löste und ihm die seidige Pracht über die Hände fiel.

Als Carissa die nächsten leichten Klassiker anstimmte, konnte sie nicht umhin, noch einmal einen Blick zu riskieren. Der Mann sah nicht aus, als hörte er gern Klassik, aber sein Musikgeschmack tat nichts zur Sache. Als hätte er gespürt, dass sie ihn ansah, drehte er sich zu ihr um. Ihre Blicke begegneten sich über dem aufgeklappten Deckel des kleinen Flügels. Carissa wurde heiß.

Sie senkte den Kopf und fluchte leise, als sie beinahe einen falschen Ton spielte. Seit zwei Jahren spielte sie freitags und samstags in der Cocktailbar und hatte noch nie danebengegriffen.

Konzentrier dich aufs Wesentliche, ermahnte sie sich. Wie zum Beispiel darauf, dass sie diesen Job nicht verlieren durfte. Ihr Montags- bis Freitagsjob im Café brachte nur halb so viel ein wie dieser hier. Außerdem brauchte sie dringend einen Untermieter, um das Haus halten zu können. Deshalb hatte sie einen Zettel ans Schwarze Brett in der Mitarbeiter-Cafeteria gehängt. Per Anzeige zu suchen, schien ihr zu riskant.

Beim Klavierspiel konnte sie normalerweise alles andere vergessen. Nicht so heute Abend. Ihr Schutzschild gegen die Welt schien nicht zu funktionieren. Sie konnte weder die üblichen Geräusche in der Bar ausschalten, noch die Gedanken an ihn.

Um halb elf klappte Carissa den Flügel zu und steckte ihre Noten ein.

„Darf ich dir einen Drink spendieren?“ Beim Klang der tiefen Stimme fuhr sie erschrocken zusammen.

Sie drehte sich um und atmete eine Mischung aus Aftershave und Bier ein. Eigentlich wollte sie höflich ablehnen, aber die Worte blieben ihr im Hals stecken.

Ein Anflug von Panik erfüllte sie. „Tut mir leid, das Management gestattet den Angestellten keinen Kontakt zu Gästen.“

Sie lehnte ab? War sie verrückt? Carissa atmete tief durch und lächelte. „Zumindest nicht im Hotel.“

Er lächelte ebenfalls. „Dann machen wir einen Spaziergang und trinken woanders etwas. Ich heiße übrigens Ben Jamieson.“ Beim Lächeln zeigte sich ein Grübchen auf seiner rechten Wange, das absolut bezaubernd aussah. Seine Augen waren leuchtend grün und funkelten interessiert.

Carissa umklammerte ihre Notentasche, damit er das Zittern ihrer Hände nicht bemerkte. „Ich muss eine Bahn und einen Bus erwischen, und ich möchte nicht zu spät fahren.“

„Ich zahle dir das Taxi nach Hause.“

„Oh … ich …“

„Komm mit mir. Es ist ein schöner Abend, und wir werden nicht weitergehen, als du möchtest.“

Wieder erschienen sehr erotische Bilder in ihrem Kopf, dabei ließ der Mann durch nichts erkennen, dass er sich absichtlich zweideutig ausgedrückt hatte.

Sie schob die Klavierbank halb unter den Flügel und nickte.

„Verrätst du mir deinen Namen?“

„Carissa.“ Sie sah ihn an. Gefährlich, warnte sie sich im Stillen. „Nur Carissa.“

Wieder lächelte er, und Carissa schmolz dahin. „Also, Nur-Carissa, hast du eine Tasche oder so etwas?“

„Ja, in der Personalgarderobe. Ich ziehe mich schnell um und treffe …“

„Nein.“ Das grüne Feuer in seinen Augen drohte sie zu verbrennen. „Bitte zieh dich nicht um.“

Er begleitete sie bis ins Foyer, wo er seine Nachrichten abfragte – aha, ein Gast also – und dann wartete, während sie in die Garderobe ging.

Sie war hoffnungslos durcheinander. So etwas hatte sie noch nie getan.

„Wie wär’s, wenn du mich zur Bahn begleitest?“, schlug sie vor, als sie gemeinsam hinaus in die Sommernacht traten.

Er sah sie an. „Warum? Wirst du zu Hause erwartet?“

Falls sie einen Rückzieher machen wollte, war dies der passende Moment. Andererseits war er mit dem Empfangschef per Du, wohnte im Hotel, und man hatte sie zusammen weggehen sehen. „Nein.“

„Mir gefällt die Vorstellung nicht, dass eine Frau nachts allein mit der Bahn fährt. Fährst du immer mit öffentlichen Verkehrsmitteln?“

„Seit ich meinen Wagen verkauft habe, ja.“

Er legte ihr die Hand auf den Rücken und schob sie sanft zu einem freien Tisch in einem Straßencafé. Allein die leichte Berührung jagte ihr heiße Schauer über den Körper.

„Was möchtest du?“

Dich. „Mineralwasser mit Eis, bitte.“ Sie setzte sich auf den Plastikstuhl, den er ihr hinrückte, und stellte ihre Handtasche unter den Tisch. Etwas Stärkeres brauchte sie nicht, denn sie war schon berauscht.

Er zahlte am Tresen, reichte ihr das Glas und setzte sich mit einer Flasche Bier ihr gegenüber hin. „Ich schau dir in die Augen, Kleines.“

Bei diesen Worten bekam sie fast eine Gänsehaut. Um ihn davon abzulenken, fragte sie: „Magst du Musik?“ Er antwortete nicht, und ein Schatten huschte über seine Augen. Sie beobachtete, wie sich seine Hand fest um den Hals der Bierflasche schloss. „Okay, du magst keine Klassik, bist aber zu höflich, es zu sagen.“

„Es tut nichts zur Sache, solange sie von einer Frau gespielt wird, deren … was würdest du sagen, welche Farbe deine Augen haben?“

Sie blinzelte. „Blau.“

„Blau.“ Er rieb sich das Kinn und betrachtete sie. „Ich würde sagen ultramarin. Tief und rätselhaft. Womit sich die Frage aufdrängt: Was tust du, wenn du nicht am Klavier sitzt, Nur-Carissa?“

„Sechs Tage die Woche kellnere ich und spiele Klavier. Da bleibt nicht viel Zeit für anderes.“

Es erstaunte sie, dass sie eine normale Unterhaltung mit diesem Mann führte, während sie an nichts anderes denken konnte als daran, wie er aussehen mochte, wenn er sich einzig zu ihrem Vergnügen vollkommen entblätterte, bereit für … Hör auf damit. „Und du?“

Er blickte hinaus aufs Wasser. „Ich bin an ein paar Geschäften beteiligt.“

Sie sah ihn über ihr Glas hinweg an. „Wenn du nicht gerade ein Held bist.“

„Wie bitte?“

„Gestern Abend. Ich war draußen vorm Cove. Ich habe dich gesehen.“

Er trank einen Schluck Bier. „Ich bin kein Held.“

„Falsch. Du hast einer alten Dame geholfen, um die andere Leute einen weiten Bogen gemacht hätten.“

„Das war doch nichts Besonderes. Das Auto wurde übrigens nicht gefunden. Diese dummen Gören …“ Er schüttelte den Kopf. „Über kurz oder lang landen die alle im Graben.“

„Klingt nicht gerade optimistisch.“

Er schien sich an etwas Trauriges zu erinnern, denn er kniff die Lippen zusammen und lächelte verbittert. „Ich bin eher Realist. Da wird man seltener enttäuscht.“

Womit er recht hatte. Ein realistischer Mensch hätte gewusst, dass Alasdair sie verlassen würde. „Was ist mit deiner Familie?“ Gibt es irgendwo eine Verlobte, die du gerade betrügen willst?

„Ich bin in Melbourne aufgewachsen, habe nie geheiratet und will es auch in Zukunft nicht tun. Eine ganze Weile habe ich im Outback gelebt und bin vor ein paar Jahren in die Stadt zurückgekehrt.“

„Und deine Eltern?“

„Meine Mutter wohnt noch in Melbourne. Mein Vater ist tot.“

Ende der Geschichte. Carissa beobachtete, wie er sein Bier austrank. „Bleibst du länger im Cove?“

„Das weiß ich noch nicht genau.“

Der Mann hatte Probleme. Wollte sie damit etwas zu tun haben? Dann dachte sie an gestern Abend. Er war einer von den Guten. Außerdem wollte sie ja keine Beziehung mit ihm.

„Komm mit“, sagte er. „Am Wasser ist es kühler.“

Sie schlenderten hinunter an den Strand, weg von den grellen Lichtern. Der Duft von Salzwasser und Sommer erfüllte die Luft. Carissa zog ihre hochhackigen Sandalen aus und hielt den Kopf in die sanfte Brise. „Ich arbeite seit zwei Jahren im Cove, aber hier war ich noch nie.“

„Wie schön, dass ich dir etwas Neues bieten kann.“

Sie hätte beinahe gelächelt. Wenn er wüsste!

Er blieb stehen. „Weißt du, woran ich dachte, als ich dich spielen sah?“

„Woran?“

Er beugte sich zu ihr, bis sein Mund nur noch Millimeter von ihrem entfernt war. „Daran.“ Er strich ganz sacht mit den Lippen über ihre. „Dich zu berühren und zu schmecken.“

Oh ja, dachte sie, ich auch.

Sanft nahm er ihre Hand und zog Carissa ganz nah zu sich, sodass sie seine Erregung spürte.

Sie wich nicht zurück. Er war groß und männlich, und im Gegensatz zu ihrem Exverlobten begehrte er sie. Als er sich erneut zum Kuss zu ihr beugte, ließ sie ihre Sandalen fallen und schlang die Arme um ihn.

In diesem Moment setzte ihr Verstand aus. Sie schmeckte seinen Mund, fühlte seine Zunge, als er den Kuss vertiefte, und seine Fingerspitzen, die über ihre Arme strichen.

Nach ihrer anfänglichen Nervosität entspannte sie sich und merkte, wie erregt er war.

Ihr ging es genauso. Sie wollte diesen Mann. Wollte wissen, wie es war, einen Mann auf ihrem Körper und in sich zu spüren. Ob die Wirklichkeit mit ihrer Fantasie mithielt? Dieser Mann sollte derjenige sein, der es ihr zeigte.

Danach würde sie ihn nie wiedersehen. Es wären keine Gefühle im Spiel. Und sie würde sich damit selbst ein Geburtstagsgeschenk machen. Viel zu lange schon hatte sie sich nichts mehr gegönnt.

Ihr wurde heiß, und ihre Knie drohten nachzugeben, während ihr Puls hämmerte.

Sex mit einem Fremden. Durch sein T-Shirt hindurch streichelte sie seine Brust, bevor sie die Hände über seinen Bauch bis zum Saum wandern ließ. Dann glitt sie unter den Stoff und fühlte feste, heiße Haut. Sie hakte mit den Daumen hinter seinen Hosenbund und zog.

Sie spürte, wie sich seine Bauchmuskeln anspannten, und er hielt hörbar den Atem an. Ja, er würde sie für unverkrampft und erfahren halten. Beinahe musste sie lachen.

„Carissa, ich kann dich auf der Stelle in ein Taxi setzen, oder wir gehen in mein Zimmer. Du entscheidest.“ Ungeduldig rieb er die Hüften an ihren Händen. „Aber entscheide dich bitte schnell.“

Sie brauchte es nur zu sagen, und schon wäre sie in seinem Zimmer, in seinem Bett.

Im Cove Hotel.

Sie seufzte enttäuscht. „Mitarbeitern ist es nicht gestattet, zu Gästen mit aufs Zimmer zu gehen.“

„Ist das ein Nein oder ein Problem?“

„Ein … Problem“, antwortete sie zögernd. „Regeln sind Regeln.“

Sein Lächeln begann in seinen Augenwinkeln und breitete sich von dort bis zu seinem Mund aus. „Dann werden wir eben ein paar Regeln brechen müssen.“

2. KAPITEL

Vor der Eingangstür trennten sie sich und trafen sich vor den Fahrstühlen wieder. Staunend beobachtete Carissa, wie Ben seine Karte in das Schaltbrett des Fahrstuhls einführte. „Das Penthouse?“

„Ich hab’s gern geräumig und mit einer hübschen Aussicht.“

Sekunden später glitten die Fahrstuhltüren wieder auf, und sie betraten direkt das Penthouse. Carissa blickte sich sprachlos um. Die gedämpfte Beleuchtung brachte die Aussicht über Sydneys alte „Kleiderbügelbrücke“ und das Opernhaus sehr gut zur Geltung. Der große Raum war ganz in Schwarz und Weiß gehalten. Alles schrie förmlich nach Geld. „Wow.“

Er ging zur großen Glastür, die auf die Dachterrasse führte, und schob sie auf. Die dünnen Organzavorhänge blähten sich in der Abendbrise. „Für mich ist das der schönste Ausblick der Welt“, sagte er.

Carissa war aber nicht wegen der Aussicht hier. Auch nicht, um Romantik zu erleben.

Sie war hergekommen, weil sie Sex wollte.

Und der Mann der Stunde lehnte lässig am Terrassengeländer, ließ sich den Wind durchs Haar wehen und wirkte verführerisch gelassen und distanziert. Ihr erster Liebhaber.

Er musste ihr ansehen, was ihr durch den Kopf ging, denn auf einmal sagte er: „Entspann dich und komm her.“

Sie schluckte und blieb, wo sie war. „Du solltest wissen, dass ich normalerweise nicht … ich meine, das ist nicht …“ Jetzt stotterte sie auch noch! Diese Sache wuchs ihr über den Kopf.

„Ich mag es, wenn du rot und nervös wirst. Das ist ein sehr interessanter Kontrast zu der coolen, klassischen Schönheit am Flügel.“

Sofort meldete sich ihr Trotz. „Ich bin nicht nervös.“ Aber immerhin entspannte sie sich, als sie ein humorvolles Blitzen in seinen Augen bemerkte, während er auf sie zukam.

„Na gut.“ Er ließ die Finger an ihrem Hals hinauf und in ihr Haar gleiten.

Ein Summer ertönte. Carissa sah sich erschrocken zum Fahrstuhl um.

„Hey“, flüsterte er. „Entspann dich. Genieß die Aussicht, ich bin gleich wieder da.“

Sie wandte sich ab und wartete, bis sie hörte, wie sich die Fahrstuhltüren wieder schlossen.

„Fröhlichen Valentinstag! Rote Rosen für die Blue Lady.“ Er hielt ihr ein Dutzend langstielige rote Rosen hin.

Kein Mann hatte ihr jemals Blumen geschenkt. „Die sind wunderschön, danke. Aber Valentinstag war gestern.“

„Irgendwo auf der Welt ist er auch heute noch.“

„Wo hast du die herbekommen? Es ist nach Mitternacht.“

„Für die richtigen Leute macht die Boutique unten zu jeder Tages- und Nachtzeit auf.“

Was meinte er? Wer war Ben Jamieson? Nun, offensichtlich jemand, der Geld im Überfluss besaß.

Dennoch, mit ihm hier zu sein, umgeben vom lieblichen Blumenduft, rührte sie fast zu Tränen. Sie würde nie wieder an den Valentinstag denken können, ohne sich an Ben Jamieson zu erinnern. Er hatte eine Saite tief in ihrem Innern zum Klingen gebracht, die sie am liebsten für immer vergraben hätte. Sehnsucht. Die Sehnsucht nach mehr als simpler Lustbefriedigung.

Aber mit der Sehnsucht kam auch Verletzlichkeit. Halt deine Gefühle da raus. Du gehst noch heute Nacht wieder weg und siehst ihn nie wieder. „Das wäre nicht nötig gewesen“, sagte sie.

„Warum nicht?“ Er hob sanft ihr Kinn an. „Wenn ich dich in diesem blauen Kleid ansehe, möchte ich dich auf den Sydney Tower entführen, wo es nur uns und die Sterne gibt.“

Er nahm ihre Hand und führte sie zur einen Seite der Dachterrasse, von wo aus sie besagten Tower aufleuchten sahen.

Das war nicht geplant. Wieso verwandelte Ben alles in ein romantisches, kompliziertes Erlebnis?

Er nahm ihr die Rosen ab und legte sie auf den Rauchglastisch. Dann küsste er Carissa.

Sein Mund fühlte sich fest und weich zugleich an, und der Kuss war so ruhig und sinnlich, dass Carissa an nichts anderes mehr denken konnte als die unvorstellbaren Freuden, die sie erwarteten.

Auf einmal war ihre Welt nur noch Intensität, Leben, Farbe und Bewegung. Sie hörte den gedämpften Verkehrslärm, und Ben zog sie näher zu sich. Weil sie das Gefühl hatte, zu fallen oder sich zu schnell zu drehen, hielt sie sich an ihm fest.

„Komm mit.“ Er führte sie in das angrenzende Zimmer.

Das Schlafzimmer war ebenso eindrucksvoll wie der Rest der Suite. Eine einzelne Tischlampe mit einem schwarzen Schirm tauchte den Raum in ein verführerisch mattes Licht. Die Tagesdecke des extrabreiten Doppelbetts war bereits für die Nacht zurückgeschlagen, und Carissas Herz machte einen kleinen Hüpfer angesichts der unverhohlenen Einladung.

Da spürte sie auch schon, wie er mit geübten Fingern unter den Rückenausschnitt ihres Kleides griff und langsam den Reißverschluss aufzog. Als Nächstes löste er den Hakenverschluss ihres BHs. Dann schob er ihr die Träger sanft über die Schultern, sodass beide Kleidungsstücke zu ihren Füßen landeten. Nun stand sie nur noch in ihrem winzigen saphirblauen Slip und den hochhackigen Sandalen vor ihm.

Seine Augen wurden eine Nuance dunkler, als er zurücktrat. „Lass die an“, sagte er und strich über ihre Schenkel. „Ich will dich ansehen.“

Sie bekam eine Gänsehaut, und ihre Brustspitzen richteten sich pochend auf. Alles war irgendwie unwirklich.

Er stieß langsam seinen Atem aus und verschränkte die Arme vor der Brust. „Du bist eine lebende Fantasie. Jetzt zieh deinen Slip aus. Ganz langsam.“

Mit einer Erregung, die sie nie zuvor gekannt hatte, hakte sie die Finger hinter die dünnen blauen Stoffbänder und ließ sie ganz langsam über ihre Schenkel gleiten. Dabei sah sie, wie sich winzige Schweißperlen auf seiner Stirn bildeten und er die Haltung wechselte, worauf ihr unwillkürlich auffiel, dass die Wölbung in seiner Jeans noch größer wurde.

Er zeigte auf den Slip. „Leg ihn aufs Bett.“

Wieso? Dann spürte sie, wie er ihren Körper mit seinen Augen verschlang, als sie sich hinunterbeugte, um seiner Bitte nachzukommen.

„Jetzt lass dein Haar herunter. Mit beiden Händen.“

Bei der Bewegung hoben sich ihre Brüste. Carissa hatte Mühe zu atmen, löste aber den locker geflochtenen Zopf, bis ihr die blonden Locken weich über den Rücken fielen. Ben hatte sie kaum berührt, aber sie glühte bereits.

„Vorfreude ist schon der halbe Genuss“, murmelte er.

Carissa entflammte buchstäblich. Sie sah ihn sehnsüchtig an.

Trotzdem berührte er sie nicht. Mit einer geschmeidigen Bewegung zog er sein T-Shirt aus, warf es auf den Boden und sah sie an. „Fass mich an.“

Sie schluckte ihre Angst herunter. Angezogen war alles kein Problem, aber allein mit einem halb nackten Mann und zu wissen, dass er jede Minute noch nackter sein würde … Was, wenn er wollte, dass sie … etwas tat, von dem sie nicht wusste, wie es ging?

Reiß dich zusammen. Er will bloß, dass du ihn anfasst. Bisher. Vorsichtig berührte sie sein dunkles Brusthaar. Sie wagte sich sogar weiter vor, folgte der dunklen Spur zu seinem Nabel und tiefer …

Er nahm ihre Hand und legte sie auf seine empfindsamste Stelle. Sehr bald würde sie ihn in sich spüren. Aber … das Letzte, was sie gebrauchen konnte, war eine ungewollte Schwangerschaft. Sie sah ihn verängstigt an. „Du hast doch Kondome da, oder?“

„Schon gut, Carissa. Dir wird nichts passieren. Versprochen.“ Tief stöhnend schob er sie aufs Bett. Einer ihrer Schuhe fiel zu Boden, und Ben öffnete den Reißverschluss seiner Jeans. Er streifte sie zusammen mit seinen Boxershorts ab und zwängte sich gleich darauf zwischen Carissas Beine.

Sanftes Licht spielte auf bronzener Haut und harten Muskeln. Seine rastlosen Hände glitten über ihren Bauch und hinauf zu ihren Brüsten, bevor er ihr Haar zerzauste.

Er neigte den Kopf und küsste ihre Brustspitzen. Carissa spürte ein leichtes Ziehen bis in die Fußsohlen. Stöhnend bog sie sich ihm entgegen, überwältigt von der Vielzahl von Empfindungen, die Ben in ihr weckte.

Als Nächstes streichelte er ihre Beine und bedeckte sie mit unzähligen Küssen, bis es keinen Millimeter Haut mehr gab, der nicht kitzelte. Ausgenommen die Stelle, an der sie ihn am sehnlichsten wollte.

Sie glaubte schon, es nicht mehr aushalten zu können, da liebkoste er sie dort, wo sie noch nie jemand berührt hatte. Wieder stöhnte sie. In ihren kühnsten Träumen hatte sie sich nicht ausgemalt, dass es sich so unglaublich gut anfühlen würde.

Er schien sich mit dem weiblichen Körper weit besser auszukennen als sie selbst. Carissa staunte, wie überaus erregend die langsamen Bewegungen seiner Hand waren.

„Ben …“ Da war noch mehr, etwas, was sie nicht kannte, und nach dem es sie dennoch instinktiv verlangte. „Ben, ich will …“

„Ich weiß.“ Er beschleunigte das Tempo, und auf einmal explodierte ein Feuerwerk hinter Carissas geschlossenen Lidern. Zum ersten Mal in ihrem Leben erlebte sie einen Orgasmus. Sie schien zu fliegen.

Ben war immer noch da, als sie langsam auf die Erde zurückkehrte. Dann rollte er sich zur Seite und griff nach etwas auf dem Nachttisch. Carissa hörte das Reißen von Plastikfolie und schloss die Augen, als er sich wieder auf sie legte. Sie fühlte seinen Herzschlag auf ihren Brüsten, seinen heißen Atem an ihrem Ohr, und bereitete sich darauf vor, von ihm in noch luftigere Höhen entführt zu werden.

Als sie ihn jedoch zwischen ihren Schenkeln spürte, wichen alle rosigen Träume einer grellen Realität, und ihr wurde klar, was sie hier tat.

Zu spät. Mit einem einzigen Stoß, der ihr den Atem raubte, drang er in sie ein. Dann erstarrte er – und fluchte plötzlich.

Sie hielt die Luft an, als sie den kurzen, stechenden Schmerz fühlte, und versuchte, nicht in Panik zu geraten.

„Warum hast du mir nichts gesagt?“

„Du hast nicht gefragt.“ Sie konnte kaum sprechen, so sehr war sie auf ihren eigenen Körper konzentriert und auf das, was gerade mit ihr geschah. Der Schmerz war bereits fort, und sie wollte mehr, aber zugleich bekam sie Angst. Vielleicht mochte er keine Jungfrauen. War er enttäuscht? „Ist es denn wichtig?“

„Und ob.“ Er zog sich vorsichtig zurück und stützte sich auf die Ellbogen. „Es gibt Regeln …“

„Wir … ich … habe schon die Regeln gebrochen, indem ich mit herkam.“

Meine Regeln. Das ist etwas anders.“ Er strich mit dem Finger über ihre Wange und ihre Lippen. „Warum jetzt ? Warum ich?“

„Weil ich es will, und weil du hier bist.“ Sie nahm seine Hand und legte sie auf ihren Busen. „Weil du mir das Gefühl gibst, schön und lebendig zu sein.“

Er schien verärgert. „Mach es nicht zu etwas, was es nicht ist, Carissa. Ich bin nicht der Mann deiner Träume, und ich bin auch nicht der Typ, der auf etwas Dauerhaftes aus ist. Das hier ist alles, was zwischen uns sein wird.“

Sie schluckte. „Mehr will ich gar nicht. Ich suche keine Beziehung. Damit wären wir also die idealen Partner für heute Nacht.“ Sie legte die Arme um seinen Hals und bewegte die Hüften.

Er biss die Zähne zusammen, und seine Arme zitterten unter der Anstrengung, sein Gewicht zu halten. „Carissa, ich will dir nicht wehtun …“

„Erzähl mir jetzt nicht irgendwelchen Quatsch von wegen, für Männer wäre es anders.“ Sie glitt mit den Fingernägeln über seinen Rücken und seinen Po, dass er erschauerte.

„Na gut. Du willst etwas, an das du dich gern erinnerst. Das kann ich dir geben.“

Und er hielt Wort.

Carissa nahm alles mit Freuden. Sie entspannte sich, je vertrauter sie damit wurde, Ben überall zu spüren. Diese Nacht mit ihm würde sie niemals vergessen, denn der Mann gab ihr alles, was sie sich je erträumt hatte.

Danach lag er still da, hielt sie in den Armen, schien aber zugleich weit weg. Er distanzierte sich von ihr.

Genau wie es sein soll, sagte sie sich. Er würde weiterziehen und sie zu ihren beiden Jobs und ihrem baufälligen Haus zurückkehren.

Doch anstelle der Befriedigung, die sie erwartet hatte, empfand sie … Leere. Sie fühlte sich beinahe betrogen, als hätte sich eine Tür in eine andere Welt geöffnet und wäre ihr gleich wieder vor der Nase zugeschlagen worden.

Ich wollte gar nicht einschlafen. Das war ihr erster Gedanke, als sie aufwachte und eine Hand auf ihrem Bauch spürte. Bilder der Nacht und wundervolle Erinnerungen gingen ihr durch den Kopf.

Dann meldete sich ihr Verstand zurück. Der perlmuttgraue Himmel kündigte den bevorstehenden Sonnenaufgang an, und Carissa wurde plötzlich panisch. Ihr Ruf und ihr Job standen auf dem Spiel. Sie widerstand dem Impuls, aus dem Bett zu springen. Es leise und behutsam anzugehen, war wesentlich weiser. Schließlich wollte sie Ben nicht wecken.

Einen letzten Blick konnte sie sich dennoch nicht verkneifen. Er war der erste Mann, den sie nackt sah. Zwischen ihren Schenkeln begann es zu pulsieren, als sie ihn betrachtete. Erschrocken sah sie zu seinem Gesicht, doch er war vollkommen entspannt und hatte die Augen geschlossen.

Mit klopfendem Herzen wandte sie sich ab. Verschwinde von hier, solange du noch kannst. Sich seinem Arm zu entwinden, war nicht leicht, aber zum Glück schlief er tief und fest.

Sie hob ihre Sachen vom Boden auf, streifte sich das Kleid über und stopfte ihren BH in die Handtasche. Dann steckte sie sich das Haar hoch und suchte dabei nach ihren Sandalen.

Ihr Slip war nirgends zu sehen. Er musste irgendwo unter den zerknautschten Laken liegen – möglicherweise unter Ben. Nun, unter den gegebenen Umständen war der Verlust wohl das geringere Übel.

Sie bemerkte seine Brieftasche auf dem Nachttisch. Geld. Gott sei Dank. Sie holte einen Stift und einen kleinen Notizzettel aus ihrer Handtasche, schrieb ihm eine kurze Nachricht, in der sie versprach, ihm das Geld morgen am Empfang zu hinterlegen, und steckte sich einen Geldschein ein. Es ging nicht anders, denn sie würde auf keinen Fall um sechs Uhr morgens im Abendkleid in den Zug steigen.

Sehnsüchtig betrachtete sie die Rosen, die sie leider zurücklassen musste. Leb wohl, Ben Jamieson. Ohne ihn noch einmal anzuschauen, stahl sie sich aus der Suite und aus seinem Leben.

Ben beobachtete durch halb geschlossene Augen, wie sie leise durch sein Schlafzimmer ging. Er hatte die ganze Nacht wach gelegen, aus Angst, er könnte einen seiner üblichen Albträume haben.

Es war hell genug, um ihre aufregenden Kurven zu erkennen. Sie bückte sich, um ihre Sachen aufzuheben, und als sie sich wieder aufrichtete, waren ihm ihre Brüste für einen kurzen Moment verführerisch nahe.

Dann drehte sie sich um und schlüpfte in ihr langes blaues Kleid. Bens Blut geriet in Wallung. Aber dann zog sie den Reißverschluss hoch.

Er fragte sich, ob sie vorhatte, um diese Zeit noch mit der Bahn nach Hause zu fahren. Als sie ihm etwas aufschrieb und sich einen Geldschein aus seiner Brieftasche nahm, war er erleichtert. Sie hätte ihn ausrauben können, aber dass sie es nicht tat, bestätigte ihm nur, was er bereits zu wissen glaubte. Carissa war eine ehrliche, wenn auch naive junge Frau.

Vielleicht war sie zu verlegen, um ihm noch einmal ins Gesicht zu sehen. Offensichtlich hatte sie keinerlei Erfahrungen damit, wie man sich am Morgen danach benahm. Ben begriff beim besten Willen nicht, wieso eine Frau sich einen Fremden für ihr erstes Mal aussuchte.

Er sah, wie sie aus dem Zimmer und zum Fahrstuhl ging, dann streckte er sich, schlug das Kissen auf und verschränkte die Hände unter dem Kopf. Das Problem bei Jungfrauen war gewöhnlich, dass sie nach dem ersten Mal einen Verlobungsring erwarteten. Auf Carissa traf das nicht zu.

Er hörte, wie die Fahrstuhltür aufglitt und sich wieder schloss. Plötzlich fühlte er sich einsam. Als hätte Carissa einen Teil von ihm mitgenommen. Was natürlich Blödsinn war. Keine Frau nahm Ben Jamieson irgendetwas weg.

Er warf die Decke beiseite und ging zum Fenster. Sie kam aus dem Hotel, winkte ein Taxi heran, stieg ein und fuhr fort. Seine Hände ballten sich zu Fäusten. Verdammt, er wollte keine Beziehung, weder mit ihr noch mit sonst jemandem. Und schon gar nicht jetzt.

Er hob seine Jeans auf und nahm das Goldarmband heraus, das er Carissa abgenommen hatte. Es sah antik aus. Eine Rückversicherung, sagte er sich und steckte es wieder ein. Er könnte sie wiedersehen, wenn er wollte. Außerdem wusste er ja, wo sie sich freitags und samstags aufhielt. Es wäre also einfach.

Und er könnte es noch einfacher haben. Nur-Carissa war eine Fremde, die für eine Nacht sein Bett geteilt hatte.

Sie wusste nicht, dass er ihr Armband hatte. Und ihren Slip, wie er feststellte, als er einen Fetzen blauer Seide bemerkte. Na gut, er würde ihn ihr als Geschenk verpacken und am Empfang hinterlegen. Das Armband hingegen sollte sie schon persönlich zurücknehmen.

Ein Mädchen mit ihrem klassischen Hintergrund wusste wahrscheinlich nichts über eine Band wie XLRock, vermutete er, während er die Karte vom Zimmerservice studierte. Raves Band hatte am Anfang finanzielle Unterstützung gebraucht, und Ben war gern bereit gewesen, ihnen Geld zu geben.

Vor vierzehn Jahren hatte Ben den fünfzehnjährigen Ausreißer in einem winzigen Pub am Rand der Nullabor Plain unter seine Fittiche genommen und ihm das Gitarrenspiel beigebracht. Aus dem Ausreißer war ein Star geworden.

Ben starrte an die Decke. Alles, was er sah, war Rave. Vor ein paar Wochen war er mit seiner eigenen Gitarre eingesprungen, als eines der Bandmitglieder am Abend vor einem Open-Air-Konzert in Desert Rock ausgestiegen war. Auf dem Heimweg hatte Ben nicht widerstehen können, kurz im Broken Hills Musikklub vorbeizusehen.

Die Erinnerung verfolgte ihn, und schlagartig hatte er überhaupt keinen Hunger mehr. Verärgert hob er seine Jeans auf und ging ins Bad.

Er stellte das Wasser auf lauwarm und seifte sich ab. Immer noch sah er die Wut in Raves Augen. Aber er hatte sich längst an die kleinen Ausbrüche gewöhnt. „Jess wird ein weiterer Abend nichts ausmachen, Rave. Ruf sie an und gib mir die Schuld. Hier, nimm den Porsche und mach eine kleine Spritztour.“ Er hatte ihm die Autoschlüssel gegeben.

Ben drehte den Wasserhahn zu und presste sich die Hände auf die Augen. Er hätte bei Rave nie damit gerechnet, dass er betrunken ins Auto stieg. Das war ein folgenschwerer Fehler gewesen. Er versuchte, die Bilder zu verdrängen, aber die Schuldgefühle blieben.

Und die Albträume kehrten immer wieder.

Für einen kurzen Moment hatte Carissa ihn alles vergessen lassen.

Als er ins Wohnzimmer kam, hatte ihm ein unsichtbarer Nachtportier den Sydney Morning Herald unter der Tür durchgeschoben. Er warf die Zeitung weg, ohne auch nur auf die Schlagzeilen gesehen zu haben. Wie sehr er die unpersönliche Atmosphäre von Hotelzimmern leid war!

Nur ein einziges Mal wollte er aus einem Fenster blicken und einen unordentlichen kleinen Garten sehen, einen halb verkümmerten Eukalyptus oder einen Holzbriefkasten, von dem die Farbe abblätterte. Wie viele Jahre war es her, seit er in einem Haus geschlafen hatte? In einem echten Zuhause? Viel zu viele.

Er brauchte dringend einen Ort, an dem ihn niemand von seinen Leuten finden würde. Dort könnte er ein paar Tage in Ruhe nachdenken, bevor er mit Jess sprach.

Selbst wenn er ein paar Monate Miete für wenige Tage zahlen musste, das Zimmer an der Küste von Sydney, das am Schwarzen Brett in der Personal-Cafeteria inseriert war, könnte genau der vorübergehende Unterschlupf sein, den er suchte.

3. KAPITEL

Er schob seine Sonnenbrille etwas herunter und betrachtete das Haus. Bevor er aus dem Mietwagen stieg, sah er noch einmal auf die Anzeige: „Suchen Sie ein ruhiges Plätzchen, weit weg vom Lärm der Stadt?“, stand da. „Biete zwei Zimmer mit Bad und Gemeinschaftsküche in altem Einfamilienhaus. Auf Wunsch auch mit Vollpension.“

Das Haus war ein hübscher alter Bungalow, allerdings etwas renovierungsbedürftig. Die Mittagssonne schien auf einen ausgetrockneten Rasen und eine Reihe von ungepflegten Rosensträuchern. An der Veranda und den Fensterrahmen blätterte hier und da Farbe ab. Das Dach hing stellenweise etwas durch, und eine der Holzstufen zur Vordertür fehlte.

Musik von Mozart klang aus einem offenen Fenster, als er aus dem Wagen stieg. Er ging durch die Pforte und den kleinen Weg hinauf. Der Duft von Kaffee und frisch gebackenem Kuchen wehte ihm entgegen.

Er klopfte. Drinnen hörte er eine Stimme, dann ging die Tür auf, und eine junge Frau mit langem schwarzen Haar und grauen Augen sah ihn an. Ihr bauchfreies Top entblößte große Teile ihrer gebräunten Haut, schwarze Shorts schmiegten sich an ihre schlanken Beine. Sie war, in einem Wort, ein Hingucker.

„Guten Tag, mein Name ist Ben Jamieson. Ich komme wegen des Zimmers.“

Sie starrte ihn einen Moment schweigend an, bevor sie grinste. „Hey, Carrie, dein Klavierstimmer ist da!“, rief sie kichernd den Flur hinunter.

„Nein“, sagte er. „Das muss ein Missverständnis sein. Ich …“

„Ben Jamieson.“ Sie kniff die Augen zusammen. „Warte mal. Der Ben Jamieson?“ Sie lächelte. „Ich bin Melanie Sawyer, Carries Stiefschwester“, stellte sie sich vor und reichte ihm die Hand. „Ich wohne hier nicht, sondern bin nur kurz auf dem Weg vom Krankenhaus nach Hause vorbeigekommen. Ich bin Krankenschwester.“

„Ich habe keinen Klavierstimmer bestellt, und die Küchenspüle …“ Eine Frau trat zu Melanie, die verstummte, als sie ihn sah.

Seine Blue Lady, nur verwandelt.

Ben sprach das erste Wort, das ihm in den Sinn kam, nicht aus, sondern holte tief Luft.

„Carrie, da bist du ja“, sagte Melanie. „Das ist Ben Jamieson. Er ist wegen des Zimmers gekommen. Ben, das ist …“

„Carissa.“

Er betrachtete die beiden Frauen, die ihn anstarrten. Melanie mochte zwar umwerfend aussehen, aber Carissa hatte eine besondere Ausstrahlung.

Wie ein goldener Wasserfall fiel ihr das offene Haar über den Rücken. Sie hatte ein knappes, leuchtend gelbes Top an und keinen BH darunter. Ihre langen Beine wurden von den kurz abgeschnittenen Jeans noch zusätzlich betont. Sie war barfuß, und auf ihren Knien waren dunkle Flecken – ebenso wie an ihrer Wange.

Sie schien nicht gerade begeistert, ihn zu sehen.

„Was willst du hier?“, fragte sie. Sie errötete, aber ihre blauen Augen wirkten eisig.

„Ich war in der Personal-Cafeteria …“ Er hielt ihr ihre Anzeige hin.

„Wie hast du das denn angestellt? Freunde in gehobenen Positionen?“

Er sollte schnellstens von hier verschwinden, aber irgendwie wollten seine Füße nicht.

Melanie sah fragend von Ben zu Carissa. „Ihr kennt euch?“

„Ich …“ Carissa warf ihm einen misstrauischen Blick zu, dann wandte sie sich an ihre Schwester. „Woher kennst du ihn?“

Melanie schüttelte den Kopf. „Carrie hat nicht viel Ahnung von Popmusik. Ben ist ein bekannter Songwriter.“ Sie legte die Stirn in Falten. „Du warst da, als … oh Gott.“ Die kurze Stille wurde nur vom Vogelgezwitscher und den Mozartklängen aus einer Stereoanlage ausgefüllt. „Rave Elliot, XLRock“, fügte sie leise hinzu.

Carissa riss die Augen auf. „Dieser furchtbare Unfall. Ich habe davon gelesen.“ Sie lehnte sich seitlich an die Tür. „Ich hatte keine Ahnung, dass du … Tut mir leid.“

„Rave und ich standen uns sehr nah.“

Für wenige Stunden hatte ihn diese Frau seine Trauer vergessen lassen. Könnte sie ihm vielleicht etwas länger Trost spenden? Wenn sie von Anfang an klare Regeln festsetzten …

Die besten Entscheidungen waren oft die, über die man nicht allzu lange nachdachte. „Ich würde mir die Zimmer gern ansehen.“

Carissa schien verwirrt. „Wozu? Warum willst du lieber in einem alten Haus zur Untermiete wohnen als in einer Penthouse-Suite?“

Eine berechtigte Frage. „Ich würde gern eine Weile etwas zurückgezogener leben. Falls du dir Sorgen wegen der kurzen Zeit machst, ich könnte für ein halbes Jahr im Voraus zahlen.“

Carissa sagte nichts, aber Melanie lächelte ihm aufmunternd zu. „Entschuldige uns kurz. Wir sind gleich wieder da.“ Mit diesen Worten zog sie Carissa in den Flur zurück und schloss die Tür.

Ben ging auf der Vorderveranda auf und ab und überlegte, ob sein Angebot klug gewesen war. Carissa wollte ihn offensichtlich nicht hierhaben, und er …

„Ben?“

Er drehte sich zu Melanie um.

Carissa stand neben ihr und schluckte. „Okay, du kannst dir die Zimmer ansehen.“

„Also, wie habt ihr zwei euch kennengelernt?“, hörte er Melanie fragen.

Wieder schluckte Carissa. „In der Pianobar. Wir haben etwas getrunken …“

Ihre Blicke trafen sich, und sofort dachte Ben daran, wie sich ihr Körper unter seinem angefühlt hatte. „Da fällt mir etwas ein.“ Er griff in seine Hosentasche. „Ich habe hier noch etwas von dir.“

„Oh nein, nicht … ich …“, stammelte sie verlegen.

Er ließ sich Zeit und genoss es. „Das hier musst du verloren haben.“

„Ach … mein … Gott sei Dank.“ Ihre Wangen glühten, und sie machte keinerlei Anstalten, das Armband zu nehmen, das er ihr hinhielt.

„Du klingst überrascht. Hast du noch etwas verloren?“, fragte er.

Sie sah kurz zu Mel, bevor sie ihm die Hand hinstreckte. „Es gehörte meiner Großmutter. Ich habe erst heute Morgen bemerkt, dass es weg war.“

Seine Finger verharrten etwas länger als nötig auf ihrer Hand.

„Hier entlang“, sagte sie, drehte sich um und ging voraus den Flur hinunter. „Einen Zimmerservice gibt es übrigens nicht.“

„Carrie“, schalt Melanie sie, die hinter ihr hereilte. Dann warf sie Ben einen entschuldigenden Blick zu. „Sie ist schon den ganzen Morgen neben der Spur. Ich weiß nicht, was mit ihr los ist.“

Er hätte fast gelächelt. War das dieselbe Frau, die letzte Nacht in seinen Armen dahingeschmolzen war? Ihr zarter Frühlingsduft umwehte ihn und erinnerte ihn an die Leidenschaft, die er in ihr geweckt hatte. Er allein.

Das Haus war spärlich möbliert. Sie kamen an einigen beinahe leeren Zimmern vorbei, dann in einen größeren Raum, der früher wohl für Gesellschaften gedient hatte. Im ausladenden Erker stand ein Klavier, auf dessen Deckel Notenblätter lagen. Ansonsten waren nur ein zerschlissenes Sofa, zwei Sessel und ein Couchtisch in dem Zimmer.

Er wünschte, sie würde stehen bleiben und Melanie verschwinden, damit er in Ruhe mit Carissa reden konnte. Aber sie lief weiter.

„Vorsichtig“, warnte sie ihn an der Küchentür. „Die Spüle ist verstopft.“

Was ihre schwarzen Knie erklärte, denn es waren noch Reste von Schmutzwasser auf dem Boden zu sehen. „Hast du einen Klempner gerufen?“

Melanie lachte, worauf Carissa ihr einen vernichtenden Blick zuwarf.

„Ich kann es mir ansehen …“, begann er.

Carissa winkte ab. „Schon erledigt.“ Ein Telefon läutete. „Kannst du bitte rangehen, Mel? Sag, ich ruf zurück.“ Sie öffnete eine Tür. „Hier sind die Zimmer. Nicht der Standard, an den du gewöhnt bist. Also …“

„Ich nehme sie“, sagte er, ohne hinzusehen. „Halt still“, murmelte er und wischte ihr mit dem Daumen über die Wange. „Da war ein bisschen … Schmutz“, erklärte er, als sie ihn stumm anstarrte.

Sie fasste an ihre Wange. „Das ist alles nicht wahr.“

„Reiner Zufall, würde ich sagen.“

„Ich glaube an Zeichen, nicht an Zufälle.“

„Na gut, dann ist es eben ein Zeichen.“ Wofür, wusste er allerdings nicht. Er stützte einen Arm im Türrahmen ab, sodass sie nicht an ihm vorbeikam. „Wir müssen reden, Carissa.“

„Falls du letzte Nacht meinst, da gibt es nichts zu reden. Belassen wir es beim Geschäftlichen.“ Ihre Stimme klang gereizt, und sie wollte an ihm vorbeigehen, scheute sich aber offensichtlich, ihn zu berühren.

Er ersparte es ihr, indem er ihren Arm locker umfasste. Ein zarter Schauer durchfuhr sie. „Ich glaube schon. Du scheinst dich in meiner Gegenwart unwohl zu fühlen. Wenn wir zusammenwohnen wollen, müssen wir …“

„Ich habe noch nicht entschieden, ob ich dich als Untermieter nehme. Und selbst wenn, würden wir nicht zusammenwohnen.“

„Okay. Falls du entscheidest, mich zu nehmen, werden wir uns sehr oft über den Weg laufen. Und ich möchte nicht, dass du dich in deinem Zuhause unbehaglich fühlst.“

Er dachte wieder daran, wie er ihre Haut gespürt hatte. Verdammt, das wollte er noch einmal.

„Ich bin ein guter Mieter, Carissa. Du willst doch nicht jemanden in dein Haus holen, den du nicht kennst.“

„Und dich kenne ich?“, erwiderte sie trocken und überlegte. „Okay, versuchen wir’s. Aber ich mache nichts Langfristiges ab.“

„Ich will auch nichts Langfristiges.“ Er strich ihr über den schmalen Hals. Für einen kurzen Moment bebten ihre Lippen. Das gefiel ihm. „Carissa …“

„Ein One-Night-Stand, mehr war es nicht“, flüsterte sie.

Es war beinahe komisch, denn genau dasselbe hatte er sich selbst wieder und wieder gesagt. „Das Schicksal scheint andere Pläne zu haben.“

„Nein.“ Sie wandte sich eilig ab.

Die zwei Zimmer, die er mieten würde, waren besser eingerichtet als der Rest des Hauses, und von den Fenstern aus blickte man in den Garten. Nun, Garten war geschönt ausgedruckt.

Dünne weiße Vorhänge blähten sich in der leichten Sommerbrise, und auf dem Einzelbett lag ein handgemachter Quilt. Der Läufer vorm Bett war neu, der Dielenboden frisch versiegelt.

„Eine Klimaanlage gibt es nicht, aber du hast einen Ventilator“, sagte sie. „Das Bad ist hinter der Tür.“

„Das ist ein schönes altes Haus“, stellte er fest, nachdem er auch das Bad angesehen hatte.

„Ja. Es gehörte meinen Großeltern. Ich habe leider einige Dinge vernachlässigen müssen. So ein Haus zu unterhalten, kostet Unsummen, aber es ist alles, was mir von meiner Familie geblieben ist.“

„Das ist hart“, sagte er. Er wusste zu gut, was es hieß, Menschen zu verlieren, die man liebte.

„Na ja, ich komme klar.“ Die Art, wie sie ihr Kinn reckte, verriet ihm, dass sie hart arbeiten musste, um über die Runden zu kommen.

Sie sah auf ihre Uhr. „Ich muss jetzt weg. In der Küche findest du frischen Kaffee und Kuchen. Du darfst die Küche benutzen – bis auf die Spüle –, aber der Rest des Hauses ist privat. Ich werde deine Zimmer nicht betreten, du meine nicht. So sollten wir Probleme vermeiden.“

„Okay.“

„Ich bin rechtzeitig zurück, um Abendessen zu machen, falls du gleich heute einziehen willst.“ Sie zog eine Schublade auf, nahm einen kleinen Schlüsselbund heraus und legte ihn auf den Tisch. „Vorder- und Hintertür. Und du kannst die Garage benutzen. Die Miete ist jeweils zwei Wochen im Voraus zu zahlen.“ Auf einmal wurde sie rot. „Ach ja, und zieh bitte das ab, was ich mir heute Morgen von dir genommen habe.“

„Nein“, sagte er ruhig und holte seine Brieftasche hervor. Er zählte ein paar Scheine ab und reichte sie ihr. „Das gehört dir.“

„Okay, danke … Ben.“ Sie nahm die Scheine und achtete darauf, ihn nicht zu berühren.

Als sie die Tür hinter sich schloss, nahm er seine Autoschlüssel aus der Tasche. Er würde in die Stadt zurückfahren und sein Gepäck holen. Anschließend könnte er einen Spaziergang am Strand machen, der nur wenige Minuten von hier entfernt war.

Wie erwartet, sprang Melanie mit einem „Wow!“ von der Couch, sobald Carissa ins Wohnzimmer kam.

„Ja, wow“, erwiderte Carissa wenig begeistert, nahm sich ein Stoffband vom Klavier und band sich damit die Haare zurück. „Wer war das am Telefon?“, fragte sie.

„Hat er nicht gesagt. Er will wieder anrufen. Also, Carrie, was läuft da zwischen euch beiden?“

„Nichts.“

„Quatsch. Ich hab doch gesehen, wie er dich anguckt. Der Typ ist scharf auf dich.“

„Ist mir nicht aufgefallen.“ Sie konnte aber nichts dagegen tun, dass sie wieder rot wurde. „Grins nicht so.“ Um ihre Verlegenheit zu überspielen, sammelte sie die verstreuten Teile der Zeitung von gestern zusammen.

„Der Klavierstimmer?“, murmelte Melanie.

„Hör auf.“

„Okay, aber er hat einiges zu bieten. Erstens sieht er klasse aus“, zählte Melanie auf, „zweitens ist er zu haben, drittens schwimmt er in Geld, viertens ist er hier …“

„Genau das ist es“, unterbrach Carissa sie. „Er ist hier. Wenn ich einen One-Night-Stand will, suche ich mir wohl kaum meinen Untermieter aus, den ich täglich sehe, oder?“

„Ich weiß nicht.“ Mel überlegte kurz. „Fünftens ist er interessiert. Du brauchst jemanden, der deine sinnliche Saite zum Klingen bringt, und wer wäre da geeigneter als ein Musiker?“

„Ich begreife nicht, dass ich überhaupt noch mit dir rede, aber bleib bitte zum Abendessen, Mel. Hilf mir.“

Mel schüttelte den Kopf. „Du brauchst meine Hilfe nicht, Schwesterherz. Außerdem wollen Adam und ich heute Abend zum Bowlen gehen.“

„Dann bring ihn einfach mit. Je mehr, desto besser.“ Und desto sicherer.

„Nein, da musst du ganz allein durch.“

„Verräterin“, murmelte Carissa, warf die Zeitung auf den Couchtisch und sank aufs Sofa.

Melanie grinste, nahm ihre Handtasche und hängte sie sich über die Schulter. „Du wirst mir dafür noch mal dankbar sein. Ich muss dann los.“ An der Tür blieb sie stehen. „Du denkst doch nicht mehr an Alasdair, oder? Falls du reden willst, bin ich jederzeit für dich da, und falls du jemanden treten willst, ist Adam für dich da.“

Carissa musste lächeln. „Das werde ich Adam erzählen. Und, nein, ich denke nicht an Alasdair.“

Als Melanie fort war, setzte Carissa sich ihren alten Sonnenhut auf und ging hinaus in den Garten. Die Sonne kribbelte auf ihrer Haut.

Er war in die Pianobar gekommen. Wie standen die Chancen, dass derselbe Mann plötzlich in ihr Haus marschierte? In ihr Leben? Sie atmete genüsslich den Duft der Lavendel- und Rosmarinzweige ein, die sie in ihrem kleinen Kräuterbeet gepflückt hatte, während sie weiter durch den Garten schlenderte.

Nun, hierher wird er mir wenigstens nicht folgen, dachte sie, als sie die quietschende Pforte öffnete, die zu dem kleinen Friedhof hinter der alten Kirche führte. Sie ging direkt zum Grab ihrer Großmutter.

„Hi, Granny.“ Sie stellte die Kräuterzweige in den Tontopf, setzte sich vor das Grab und legte ihren Hut neben sich auf den Boden. Ein paar Reihen weiter waren die Gräber von ihrem Vater und Mels Mutter. Carissas leibliche Mutter war schon länger tot, als sie sich erinnern konnte.

Seit vierzehn Jahren besuchte sie regelmäßig das Grab ihrer Großmutter. Granny war diejenige, mit der sie sprach, wenn ihr etwas auf dem Herzen lag. Hier störte sie niemand, und ihre wichtigsten Entscheidungen traf sie unter diesen Bäumen.

„Granny, ich habe etwas getan, was du sicher nicht gutheißen würdest. Ich war mit einem Mann zusammen.“ Ihr Herz klopfte. „Du kennst den Typ, groß, dunkel und gefährlich reizvoll. Wir haben etwas getrunken, und ich habe mich mit ihm eingelassen, nachdem ich ihn gerade mal eine Stunde kannte. Es war mein allererstes Mal.“

Sie umfasste ihre Knie. „Und weißt du was? Ich schäme mich nicht, obwohl ich weiß, dass zwischen uns nie etwas sein wird. Er hat mich nicht verführt, sondern ich wusste genau, was ich tat. Nur jetzt – jetzt wohnt er unter meinem Dach.“ Sie stand auf.

„In dem Moment, in dem er vor meiner Tür aufkreuzte, musste ich mich beherrschen, um nicht gleich über ihn herzufallen.“ Sie vergrub die Hände in den Taschen ihrer Shorts und blickte zu Boden. „Aber dazu wird es nicht kommen, das habe ich ihm klargemacht. Glaube ich.“

Ein Auto fuhr vorbei.

„Wie kann ich ihm am Küchentisch gegenübersitzen, als wäre nie etwas gewesen?“ Auf einmal sah sie Bens Gesicht vor sich, seine Augen, die sie betrachteten, während er in sie eindrang.

Sie schüttelte das Bild ab und ballte die Fäuste. „Alasdair hat jemand anderen.“ Sie lächelte verbittert. „Pierre. Ich hatte erwartet, verletzt zu sein, aber ich fühle mich nur ausgenutzt und bin wütend. Ich hatte auf seine finanzielle Unterstützung gezählt, und er wollte sich um das Haus kümmern, damit ich aufs Konservatorium gehen kann.“

Sie atmete tief durch. „Wir hatten eine gute Partnerschaft, aber mehr auch nicht. Und nun blieb mir nichts anderes übrig, als einen Untermieter zu nehmen. Ich will dein Haus unter allen Umständen halten, Granny. Ben Jamieson wird mir helfen, alle Rechnungen zu bezahlen.“

Sie bückte sich, hob ihren Hut auf und strich über den Grabstein. „Uns trennen Welten. Trotzdem fühle ich mich lebendiger denn je.“

Ben verbrachte eine ruhige halbe Stunde damit, sein Gepäck auszuladen. Es fühlte sich gut an, die morschen Vorderstufen hinaufzusteigen, das Quietschen der Fliegentür zu hören. Falls Carissa nichts dagegen hatte, könnte er sich im Haus ein bisschen nützlich machen und den Garten zu neuem Leben erwecken.

Vor vierundzwanzig Stunden wusste er noch gar nichts von Carissa Grace’ Existenz, und jetzt wohnte er in ihrem Haus. Was mochte ihn gestern zum Anschlagbrett in der Personal-Cafeteria geführt haben? War es eines dieser mystischen Zeichen, an die Carissa glaubte? Er selbst hielt auf jeden Fall nichts von solchem Hokuspokus.

Aber was bedeutete dieses merkwürdige Gefühl in seiner Magengegend?

Um sich abzulenken, ging er in die Küche, nahm sich eine Vase für die Rosen, die er aus dem Hotel mitgebracht hatte, und stellte sie auf den Tisch. Als Nächstes hob er die Werkzeuge auf und sah sich die Spüle an.

Eine halbe Stunde und ein paar Flüche später war der Abfluss wieder frei – hoffte er zumindest. Er ging durch die Hintertür in den Garten und fand nach einigem Suchen einen Gartenschlauch, der auf einem Haufen angeschlagener Blumentöpfe im alten Gartenschuppen lag. Offensichtlich fehlte Carissa die Zeit zur Gartenarbeit, was eine Schande war. Mit etwas Anstrengung könnte der Garten fantastisch aussehen.

Ben hatte nie einen Gedanken daran verschwendet, wie viel Spaß es machen könnte, selbst etwas anzupflanzen und wachsen zu sehen. Er schloss den Schlauch an und sprengte das, was einmal ein Rasen gewesen war. Ob er sich retten ließ, wusste Ben nicht, doch er würde es versuchen.

Das erinnerte ihn an seine Mutter, die sich voller Stolz und Freude ihrem Garten widmete. Dabei war sie damals schon verloren gewesen. Mit sechzehn hatte Ben sich viel zu sehr auf sich selbst konzentriert, um mitzubekommen, was um ihn herum vorging – er wollte nur weg von zu Hause.

Vier Jahre später kehrte er zurück und war entsetzt, als er entdeckte, was sein betrunkener Vater getan hatte. Seine Mutter aber weigerte sich, in das Frauenhaus zu gehen, das er für sie ausfindig gemacht hatte, und wollte ebenso wenig mit ihm zu dem Pub im Outback ziehen, wo er zu jener Zeit arbeitete. Dennoch machte er sich bis heute Vorwürfe, weil er sie bei diesem Kerl zurückgelassen hatte.

„Was machst du da?“ Carissa klang verärgert.

Er drehte sich um und sah sie durch den Garten auf sich zukommen. „Ich helfe dem Rasen ein bisschen“, antwortete er. „Er sieht aus, als könnte er’s gebrauchen.“

„Und wer hat dich zum Gärtner ernannt?“

Die Verlockung war zu groß, um ihr zu widerstehen. Er stellte den Wasserstrahl auf sehr fein und grinste. „Dir scheint sehr heiß zu sein. Kühlen wir dich etwas ab.“

„Nein!“, schrie sie empört, als der feine Nebel sie umhüllte.

Ihr Hut segelte in den Staub. Wasser glänzte auf ihren Schultern und in ihrem Haar.

„Stell das ab! Sofort!“

Als er einfach nur fasziniert dastand, marschierte sie auf den Wasserhahn zu. Er eilte ebenfalls hin.

Sie versuchte, ihm den Schlauch zu entwinden, wobei sie beide nass wurden. „Lass das!“

Schlamm bildete sich zu ihren Füßen, und der Geruch feuchter Erde stieg um sie herum auf, während Ben nur Carissas Brüste fühlte, die seinen Oberkörper berührten. Erschrocken wich sie zurück. Das T-Shirt klebte ihr am Leib.

„Jetzt sieh dir an, was du gemacht hast“, murmelte sie und wischte sich das Gesicht ab.

Oh ja, das tat er.

Dann musste sie tatsächlich lachen, ganz kurz. „Das wird dich teuer zu stehen kommen, Mr. Jamieson.“

Der Schlauch fiel herunter, und das Wasser floss ihnen über die Füße. „Schlag’s auf die Miete auf.“

„Ich dachte eher an eine Woche Duschverbot. Das wird dich lehren, Wasser zu verschwenden.“

„Dann müsste ich mit dir duschen.“

Ihre Augen feuerten blaue Funken ab, als er sie in die Arme nahm. Sie wehrte sich gegen ihn, doch er hielt sie fest.

„Was ist los, Miss Grace? Angst vor ein bisschen Wasser?“ Ihre Beine rieben an seinen, und er nutzte die Gelegenheit, um sie noch näher an sich zu ziehen. Etwas an dieser Frau verzauberte ihn.

Wo immer ihr Körper ihn berührte, erwachte seiner zum Leben. Sie musste seine Erregung spüren, denn sie wurde auf einmal sehr still. Er neigte den Kopf, bis sein Mund nur noch Millimeter von ihrem entfernt war. „Oder hast du vor etwas anderem Angst?“

Sie schloss die Augen. „Ich habe Angst vor Wasserverschwendung. Und ich möchte nicht bei der nächsten Wasserrechnung feststellen, dass ich sie nicht bezahlen kann. Wenn du also bitte den Hahn zudrehen würdest.“

Das zuzugeben, hatte sie einiges gekostet. „Deshalb lässt du den Garten verfallen?“, fragte er leise.

Sie kniff den Mund zusammen. „Dachtest du, ich lasse meinen Rasen freiwillig vertrocknen?“

„Entschuldige.“ Er ließ sie los und drehte das Wasser ab. Gern würde er ihr helfen, aber ihr Stolz ließe es nie zu, mehr Geld von ihm anzunehmen.

Er hatte nicht damit gerechnet, dass sie direkt hinter ihm war, um ihren Hut aufzuheben, als er sich wieder zu ihr umdrehte. Bei seinem Seitwärtsschritt rutschte er mit einem Fuß weg, und im nächsten Moment fielen sie beide zu Boden. Gleich darauf lag er auf dem Rücken im Matsch, Carissas Beine auf seinen Hüften, ihre Brüste auf seinem Gesicht.

Sie wand sich auf ihm, sodass eine Brustspitze unweigerlich über seinen Mund strich. Instinktiv schloss er die Lippen um die Wölbung der kleinen Knospe.

Mit einem erschrockenen Schrei stützte sie sich auf. Ihr T-Shirt war komplett durchsichtig.

Er sah zu ihr auf. Carissas Augen waren weit aufgerissen, und wortlos legte er die Hände an ihre Hüfte und zog sie tiefer, bis sie rittlings auf ihm hockte.

Sie stemmte die Hände auf seine Brust. „Nein“, hauchte sie, aber ihre Finger krallten sich in sein T-Shirt und kratzten über seine Brust.

Für einen kurzen Moment lockerte er seinen Griff, um ihr die Chance zu lassen, jetzt gleich abzubrechen, was sich hier anbahnte. Aber sie rührte sich nicht.

Mit beiden Händen streichelte er ihre Schenkel, bis er den Saum ihrer Shorts erreichte. Seine Daumen drangen unter den Jeansstoff und ertasteten ihren Seidenslip.

Dann waren seine Daumen an der Stelle, an der sie besonders heiß war.

Er holte tief Luft. „Bist du sicher?“, murmelte er atemlos, während er tiefer und tiefer drang und mit dem Daumen ihren empfindsamsten Punkt reizte. Sie stöhnte vor Lust.

„Nein … oh.“ Sie errötete. „Das geht nicht.“

Er sah sie fragend an, zog ihren Slip weiter beiseite und streichelte sie. „Tut es nicht?“

Stöhnend ließ sie ihren Kopf nach vorn sinken, sodass ihr Haar über seine Schultern fiel. „Du wolltest … mich … abkühlen.“

„Das hier macht aber mehr Spaß.“ Zweifellos … nur … Er atmete ihren aufregenden Duft ein, genoss es, ihre Hitze zu fühlen, und hatte alle Mühe, sein eigenes Verlangen im Zaum zu halten.

Keine Kondome.

Er streichelte sie wieder, und schon war es um sie geschehen. Sie bäumte sich lustvoll auf, bevor sie befriedigt und atemlos auf seine Brust sank. Leider würde seine Befriedigung wohl noch eine ganze Weile auf sich warten lassen.

Sobald sie etwas Atem geschöpft hatte, richtete sie sich auf und sah ihn verträumt an. Verflucht! Mit einer wenig sanften Bewegung hob er sie von sich und setzte sich auf.

„Willst du nicht …?“

Und ob er wollte! Im Moment wollte er nichts lieber als das, aber er verzichtete auf ungeschützten Sex. Keine Frau könnte ihn mit einer ungewollten Schwangerschaft einfangen.

Eine Dusche. Er brauchte sofort eine kalte Dusche. „Das reicht für heute“, raunte er zwischen zusammengebissenen Zähnen. „Für dich ist das alles neu, da sollte man es langsam angehen.“

Um sich abzulenken, hob er ihren Hut auf.

„Sieht aus, als könnten wir beide eine Dusche vertragen“, sagte er mit Blick auf ihre nassen, schmutzigen Sachen. Er sah nicht auf ihre Brüste. „Danach können wir essen gehen oder irgendwo etwas holen. Ich zahle.“

Wir. Plötzlich schien die ganze Szenerie viel zu vertraut. Aber seine Sorge war unbegründet. Carissa wandte sich ab und wischte hektisch über ihre Knie. „Ich habe heute Abend frei“, sagte sie. „Ich gehe mit einer Freundin ins Kino.“

Er wusste, dass sie log. „Hey“, sagte er leise, stand auf, legte eine Hand unter ihr Kinn und zwang sie, ihn anzusehen. „Ist schon gut. Du musst nicht meinetwegen das Haus verlassen. Ich habe sowieso noch in meinem Zimmer zu tun und kann mir später etwas zu essen holen.“

Er klopfte den Staub von ihrem Hut, setzte ihn ihr auf und ging dann ins Haus. Aber er spürte, wie sie ihm nachsah.

4. KAPITEL

„Sie wurden gesehen, wie Sie im Morgengrauen in einem unangemessenen Aufzug aus dem Mitarbeiterausgang kamen, Miss Grace. Das Cove Hotel duldet derart schamloses Verhalten nicht bei seinen Mitarbeitern.“

Carissa stand am offenen Küchenfenster und hielt das Telefon fest umklammert. Ein einziges Mal hatte sie gegen die Regeln verstoßen! Sie schluckte ihren Stolz herunter und sagte: „Es tut mir leid, Mr. Christos. Das wird nicht wieder vorkommen.“

„Nein. Ich erwarte Sie morgen früh um neun Uhr in meinem Büro.“

„Ich werde da sein.“

Sie drückte den Telefonknopf und schleuderte das Mobilteil auf den Tisch. „Idiot!“ Wie viele Überraschungen konnte sie heute noch verkraften?

„Dein Boss?“

Sie drehte sich um. Ben stand in der Tür, das Haar feucht vom Duschen, eine Hand am Türrahmen abgestützt.

Dieselbe Hand, die noch vor Kurzem zwischen ihren Schenkeln gewesen war. Sie wurde rot, und ihr Herz hämmerte in ihrer Brust. „Wie lange stehst du schon da?“

„Lange genug.“

„Verstehe.“ Beschämt, verlegen und entschlossen, ihn zu ignorieren, marschierte sie zur Speisekammer und holte sich ein paar Zutaten heraus. Dann schüttete sie Mehl und Salz in eine Schüssel und fügte eine großzügige Portion blaue Lebensmittelfarbe hinzu. Sie verrührte alles, bis ihr der Arm wehtat.

Er kam zu ihr. „Wenn das das Abendessen wird, passe ich.“

„Ich dachte, du wolltest dir selbst etwas holen.“

„Ich dachte, du wolltest ins Kino gehen.“

Oh. „Meine Freundin hat abgesagt.“ Sie wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. „Das ist Knetmasse.“

„Knetmasse für Kinder?“

„Ja, für die Kinder im Krankenhaus. Mel hilft oft auf der Kinderkrebsstation aus.“ Sie stellte die Schüssel in die Mikrowelle. Dann betrachtete sie durch die Scheibe, wie sich die Schale drehte. Ben setzte sich. Anscheinend war er fertig mit dem, was er in seinem Zimmer zu tun gehabt hatte.

Als die Mikrowelle klingelte, holte sie die Schüssel heraus, formte den Teig zu einer Kugel und trug sie zum Tisch, wo sie die Knetmasse neben den Blumen ablegte, die Ben hingestellt hatte. „Ich habe mich noch gar nicht für die Rosen bedankt. Vielen Dank. Sie sind wunderschön.“

„Gern geschehen.“

„Probier mal.“ Sie brach ein kleines Stück Teig ab und reichte es ihm, bevor sie weiterknetete. „Ich liebe diese Konsistenz, und wenn der Teig warm ist … Jemand hat mich verpetzt.“

Ben rollte seinen Teig zwischen den Händen. „Ich werde anrufen …“

„Nein, das wirst du nicht“, fiel sie ihm ins Wort. Als könnte er irgendwas tun!

„Fahren wir ein bisschen herum“, sagte er. „Im Fahrtwind verfliegt der Stress. Ich bin in fünf Minuten startklar.“

Das Angebot war verlockend. Er wollte ihr einfach helfen, und sie konnte ein bisschen Abwechslung brauchen. „Hast du nicht gesagt, du hast zu tun?“

„Das läuft mir nicht weg.“ Er beugte sich vor und sah sie an. „Fürs Protokoll: Was immer letzte Nacht war, es war kein Fehler.“

Sie drückte den Teig, bis er zwischen ihren Fingern vorquoll. „Schon gut. Wird schon alles wieder.“ Schließlich war Optimismus angeblich ihre Stärke.

Er legte seine kleine Teigkugel neben ihre Hand auf den Tisch. „Natürlich.“

Ja. Klar dachte er das. Ein Mann, der alles hatte, konnte leicht zuversichtlich sein.

„Eine Bedingung“, sagte sie, ohne ihn anzusehen. „Kein Sex.“

„Wie du meinst.“

Mit heruntergekurbelten Fenstern fuhren sie, bis die Lichter von Sydney nur noch ein Glühen am Horizont waren.

„Schwebt dir ein bestimmtes Ziel vor?“ Melbourne vielleicht?

„Das weiß ich erst, wenn wir da sind.“

Er stellte einen Radiosender ein, der Hits aus den Neunzigern spielte. „Ist wohl nicht dein Geschmack, oder?“, fragte er kurz darauf.

„Dass ich Klassik spiele, heißt nicht automatisch, dass ich nichts anderes mag.“

„Gitarrenmusik?“

„Ich liebe Gitarrenmusik. Spanisch, klassisch …“

Ben nickte. „Klassische Gitarre dürfte so ziemlich das einzig Klassische sein, von dem ich etwas weiß.“

„Und nun ein Hit vom letzten Album von XLRock …“ Die Stimme des Moderators wurde von Gitarrenklängen übertönt.

Wortlos schaltete Ben das Radio ab. Er starrte schweigend und wie versteinert auf die Straße.

„Es tut mir leid“, sagte Carissa und wünschte, sie wüsste, wie sie ihn trösten konnte.

Er hielt am Straßenrand. „Laufen wir etwas“, murmelte er angespannt.

Weit weg von der Stadt war der Nachthimmel voller Sterne.

„Kennst du die Sternbilder?“, fragte Ben nach einer ganzen Weile.

„Ich erkenne das Kreuz des Südens.“ Sie sah hinauf zu dem vertrauten Sternbild. „Und da ist der Große Wagen.“

Er nickte. „Die Orionkonstellation. Und der helle da ist Sirius. Siehst du den großen roten Stern? Das ist Betelgeuse. Hast du je den Nachthimmel überm Outback gesehen?“

„Ich war nie weiter weg von Sydney.“

„Das solltest du eines Tages nachholen.“ Er sah hinauf in den Himmel. „All die schwarze Leere, da fühlt man sich ganz klein und unbedeutend.“

„Oder aber man glaubt, dass hinter allem ein Sinn steht.“

Er sah sie lächelnd an. „Da spricht die wahre Optimistin.“ Er setzte sich auf einen Grasflecken und klopfte auf den Platz neben sich. „Was willst du wegen deines Jobs im Cove machen?“

„Was kann ich schon machen? Ich bin der Gnade des alten George Christos ausgeliefert.“

„Ich bin schuld daran. Lass mich …“

„Kommt nicht in Frage.“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich bin für mich selbst verantwortlich. Ich habe eine Wahl getroffen und muss mit den Folgen leben.“ Wie immer die aussehen mochten. Und sie dachte nicht nur an ihren Job.

„Auch wenn ich diesen Job verliere, werde ich klarkommen. Ich habe immer noch meinen Kellnerjob von Montag bis Donnerstag im Three Steps. Ich werde sie fragen, ob sie noch Freitags- und Samstagsschichten freihaben.“

„Kellnern? Du vergeudest dein Talent. Ich will dich wieder am Klavier sehen, in diesem blauen Kleid, das du gestern Abend anhattest. Oder, noch besser, ohne das blaue Kleid.“

Er legte ihr einen Finger auf die Lippen, als sie ihn entrüstet ansah. „Entschuldige, der letzte Satz war ein Ausrutscher.“

Oh nein. Nein, nein, nein! Das konnte sie nicht noch einmal zulassen. Zum Glück hatten sie ja auch beschlossen, keinen Sex zu haben.

Aber sie konnte sich nicht rühren. Im Mondlicht war Bens Gesicht silbern und überschattet, seine Augen auf ihre gerichtet. Dann fühlte sie seine Hand auf ihrer Schulter und unter dem dünnen Träger ihres Tops. Ihre Bauchmuskeln spannten sich, ihre Brustspitzen wurden hart, und dieses wohlige Pulsieren zwischen ihren Beinen meldete sich wieder.

„Nicht. Bitte“, flehte sie heiser. „Du hast es versprochen.“

Er nahm seine Hand nicht weg. „Es ist ein Kerl, stimmt’s? Ein Kerl hat dich sitzen lassen, du rächst dich mit einem One-Night-Stand. Die klassische Rache.“

S

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