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Collection Baccara, Band 258

KARA LENNOX

Am liebsten für immer!

Schon seit Jahren sehnt sich die schöne Erbin Sonya nur nach einem: John-Michael McPhee! Doch der blendend aussehende Mann ist ihr Bodyguard und entschlossen, ihr zu widerstehen. Bis Sonya wegen eines Unwetters die Nacht bei ihm verbringen muss. Sie nutzt ihre Chance: Mit ihren sinnlichen Blicken und erregenden Berührungen entfacht sie sein Verlangen ...

AMY J. FETZER

Höchster Einsatz: Liebe

Als Kyle – erfolgreicher Pilot – nach Hause zurückkehrt, kennt er nur ein Ziel: Er will Maxine zurückerobern. Vor Jahren hat sie ihn vor dem Traualtar stehen lassen, aber trotzdem brennt sein Begehren für sie nach wie vor lichterloh. Ein Traum erfüllt sich, als sie seinem heißen Werben nachgibt. Doch Maxine scheint ein Geheimnis zu haben ...

PENNY MCCUSKER

Mit dir am Ziel meiner Träume

Warm und weich ist Saras verlockender Körper – Max kann gar nicht genug davon bekommen, ihn zu streicheln. Noch in letzter Sekunde erwacht er aus dem Rausch der Leidenschaft. Er darf seinem Verlangen nicht nachgeben, denn er weiß, was Sara will: ihn ganz oder gar nicht! Doch Max glaubt, nach einer Enttäuschung, nie wieder wirklich lieben zu können ...

Kara Lennox

Am liebsten für immer!

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PROLOG

Die Sitze in der Touristenklassen waren viel zu schmal und zu dicht aneinandergereiht. Sonya Patterson hatte sich bisher keine Gedanken darüber gemacht, da sie normalerweise in der feudalen ersten Klasse flog.

Sie hatte auch noch nicht neben ihrem Bodyguard gesessen, was vielleicht ihre aufkeimende Klaustrophobie erklärte. John-Michael McPhee war ein breitschultriger, muskulöser Mann, und Sonya saß zwischen ihm und einem hyperaktiven siebenjährigen Kind eingequetscht, dessen Mutter in der Reihe hinter ihnen saß und fest schlief.

Sie konnte das Leder von McPhees Bomberjacke riechen. Er besaß diese Jacke schon seit Jahren, und jedes Mal, wenn Sonya ihn darin sah, machte ihr dummes Herz einen kleinen Satz. Es ärgerte sie, dass sie immer noch so auf ihn reagierte. Sie war jetzt fast dreißig und kein verliebter Teenager mehr.

„Ich wusste gar nicht, dass die Fliegerei dich nervös macht“, sagte McPhee und fuhr mit dem Zeigefinger über ihre linke Hand. Erst jetzt merkte Sonya, dass sie sich an der Armlehne festklammerte. Als würde der Flieger gleich abstürzen.

Glücklicherweise weiß er nicht, dass mich nicht die Fliegerei, sondern seine Nähe so nervös macht, dachte sie. Ihre Mutter wäre entsetzt, wenn sie davon wüsste.

Ihre Mutter. Sonya wurde das Herz schwer bei dem Gedanken an ihre energische und lebensfrohe Mutter, die jetzt angeschlossen an Maschinen im Krankenhaus lag. Muffy Lockridge Patterson gehörte zu den Frauen, die den ganzen Tag unendlich viel zu erledigen hatten. In den letzten Jahren hatte Sonya ihrer Mutter immer wieder geraten, sich mal etwas Ruhe zu gönnen und sich vor allem gesünder zu ernähren. Doch Muffy ließ sich nichts vorschreiben.

Sonya lockerte ihren Griff.

„Mach dir keine Sorgen“, sagte McPhee leise. „Ihr Zustand war stabil, als ich sie verließ. Und Tootsie war bei ihr.“

„Tootsie? Ich kann nicht gerade sagen, dass mich das beruhigt.“ Tootsie Milford, Muffys beste Freundin aus Internatszeiten, tat nur etwas für andere Menschen, wenn sie selbst dadurch ins Rampenlicht rückte.

Den Rest des Fluges schwiegen sie. Erst als sie in der Limousine saßen, die am Flughafen schon auf sie wartete, sprachen sie wieder.

„Möchtest du zuerst nach Hause?“, fragte McPhee.

„Nein, natürlich nicht. Tim“, wandte sie sich an den Chauffeur, „fahren Sie bitte direkt in die Klinik.“ Sie schnallte sich an und wühlte in ihrer Tasche nach ihrem Puderdöschen und dem Lippenstift. So mancher hätte kein Verständnis dafür, dass sie in einer Krisensituation wie dieser an ihr Äußeres dachte. Sonya jedoch fand darin einen gewissen Trost. Eine Eigenart, die sie mit ihrer Mutter teilte. Die Welt konnte untergehen, was aber nicht bedeutete, dass Sonya den Untergang mit glänzender Nase und unordentlicher Frisur erleben musste.

„Erzählst du mir, wie du dir in New Orleans mit deinen ‚Verbindungsschwestern‘ die Zeit vertrieben hast?“, fragte McPhee.

Aha, er glaubte ihre Geschichte nicht. Aber sie hatte schnell etwas erfinden müssen, als McPhee sie Hunderte von Meilen von dem Ort entfernt aufgespürt hatte, an dem sie eigentlich sein sollte. Einem Wellness-Hotel in Dallas.

„Ich habe mich in New Orleans für die Flitterwochen eingekleidet. Brenna ist Modeberaterin.“

McPhee lachte laut auf. „Gott bewahre uns davor, dass du so herumläufst wie diese Frau.“

Zugegeben, Brenna wirkte mit ihren gegelten Haaren, Miniröcken und Plateauschuhen ein bisschen avantgardistisch.

„Komm schon, Sonya, wer ist sie? Und sag jetzt nicht, dass sie eine alte Freundin ist. Ich kenne deine alten Freundinnen.“

„Du glaubst wohl, alles über mich zu wissen, was? Nun, das tust du aber nicht. Ich habe Brenna in dem Wellness-Hotel kennengelernt.“

„Ich habe in dem Hotel nachgefragt. Du warst seit drei Jahren nicht mehr dort.“

„Ich war dieses Mal in einem anderen.“ Immer mehr Lügen – und McPhee kaufte ihr keine ab.

Er sagte nichts, sondern fixierte sie nur mit seinen unglaublich braunen Augen. Seine Augen hatten sie immer fasziniert. Dunkel, obwohl er blonde Haare hatte, und so verdammt abgeklärt, als könnte er ihre intimsten Gedanken lesen.

Ich bin erwachsen, sagte sie sich, und lasse mich nicht mehr von diesem Blick einschüchtern. „Ich hatte private Gründe für meine Reise nach New Orleans, und sie gehen dich überhaupt nichts an.“

„Sehr wohl, Miss Patterson“, sagte er untertänigst. „Verzeihung, dass ich die Grenzen überschritten habe.“

Sonya hasste es, wenn er so redete. Sie war schließlich nicht diejenige, die Probleme mit dem Klassenunterschied hatte. Im Gegenteil, sie hatte sogar einmal versucht, die sozialen und finanziellen Mauern einzureißen, die sie trennten. McPhee war derjenige, der die meisten errichtet und unüberwindbar gemacht hatte.

„Was ist mit der Hochzeit?“, wechselte McPhee abrupt das Thema. „Es sind nur noch zwei Monate bis dahin.“

Sonya wurde heiß, als er die Hochzeit erwähnte. Sie hätte sie schon längst absagen müssen. „Wir legen sie auf Eis, bis wir wissen, wie es mit meiner Mutter weitergeht.“

„Das halte ich für eine richtige Entscheidung.“

„Ich dachte, du freust dich darauf, endlich arbeitslos zu sein.“ Muffy hatte schweren Herzens zugestimmt, McPhee freizustellen, wenn Sonya erst einmal verheiratet war.

„Ich werde nicht arbeitslos sein“, sagte McPhee kurz. „Sprich am besten mal mit June. Sie weiß, wie man den Aufschub einer Hochzeit verkündet, ohne Alarm zu schlagen.“ June war die Sekretärin ihrer Mutter, die sich um alles kümmerte, was mit den Medien zu tun hatte.

„Hat die Presse schon neugierige Fragen gestellt?“, fragte Sonya.

„June hat ein Statement herausgegeben, dass sich Mrs. Patterson einiger Routineuntersuchungen unterzieht. Aber es gibt da eine Reporterin, die Zweifel daran hat.“

„Lass mich raten. Leslie Frazier?“

„Genau.“

Schlecht. Leslie Frazier witterte überall Skandale, und sie arbeitete für das Klatschmagazin Houston Living. Wenn Leslie die Wahrheit über die Hochzeit herausfand – dass sie nämlich niemals stattfinden würde – und außerdem noch die Wahrheit über ihren angeblichen Verlobten Marvin Carter III, würde Sonya zur Zielscheibe ihres Spotts werden.

Natürlich würde die Wahrheit irgendwann ans Licht kommen. Doch den Zeitpunkt wollte Sonya selbst bestimmen.

Die Wahrheit war traurig genug. Marvin Carter III hatte sich als Heiratsschwindler entpuppt, der mehrere „Verlobte“ hatte. Vor ein paar Wochen war er aus Sonyas Leben verschwunden und mit ihm ihr Schmuck, ihre Pelze und ihr Geld.

Bisher hatte Sonya allerdings noch nicht den Mut aufgebracht, ihrer Mutter davon zu erzählen, und deshalb liefen die Hochzeitsvorbereitungen weiter auf Hochtouren.

1. KAPITEL

John-Michael McPhee betrachtete Sonya schweigend. Zwei Wochen waren vergangen, seit er sie aus New Orleans geholt hatte. Sie saß am Bett ihrer Mutter und hielt Muffys schlaffe Hand. Ihre normalerweise kunstvoll hochgesteckten Haare fielen jetzt in weichen Wellen auf ihre Schultern und erinnerten ihn an die Zeit, als sie ein Teenager gewesen war.

Zuerst hatte es den Anschein gehabt, als würde Muffy schnell gesund werden. Doch dann war eine Bypass-Operation notwendig geworden, von der sie sich nur schwer erholte. Noch immer lag sie auf der Intensivstation.

John-Michael hatte Sonya nicht mehr so traurig und in sich gekehrt gesehen, seit ihr Vater gestorben war. Sie war damals zehn Jahre alt gewesen. Die Verwandlung von einem kleinen, fröhlichen Plappermäulchen in ein dünnes, ernsthaftes und blasses Gespenst hatte ihm fast sein Teenagerherz gebrochen, und er hatte alles versucht, um sie aufzuheitern.

Er räusperte sich. Sonya blickte zu ihm, und ihr ganzer Kummer war ihrem Gesicht abzulesen. Seit Jahren hatte sie ihre Gefühle nicht mehr so deutlich gezeigt – jedenfalls nicht in seiner Gegenwart.

„Geh doch einfach nach Hause und ruh dich etwas aus“, sagte John-Michael. Sonya saß schon seit fast vierundzwanzig Stunden am Bett ihrer Mutter.

„Aber sie ist vor ein paar Minuten wach geworden und hat mit mir gesprochen. Sie hat gesagt, dass es ihr leidtut, dass sie so kurz vor meiner Hochzeit krank geworden ist.“ Sonya traten Tränen in die Augen. „Das war das Erste, woran sie gedacht hat.“

John-Michael hätte am liebsten die Arme um Sonya gelegt und sie getröstet. Er wusste, dass sie ein schlechtes Gewissen hatte, weil sie fort gewesen war, als ihre Mutter in die Klinik musste, und auf seine dringenden Anrufe nicht reagiert hatte.

Doch Sonya würde seine tröstend gemeinte Umarmung abwehren.

Warum ist ihr Verlobter nicht bei ihr? dachte er aufgebracht. Marvin, der gefühllose Flegel, trieb sich irgendwo in der Welt herum und war offensichtlich nicht zu erreichen.

„Deiner Mutter ist nicht damit gedient, wenn du vor Erschöpfung zusammenbrichst“, sagte er.

„Ich bleibe“, entgegnete sie stur. „Du kannst ja nach Hause fahren.“

John-Michael blieb auf seinem Posten. Zehn Jahre lang war er immer in ihrer Nähe gewesen. Bei jedem Date war er in diskretem Abstand gefolgt; nächtelang hatte er vor fremden Häusern im Wagen gewartet; er hatte in Wartezimmern gesessen und vor Klassenräumen, hatte sie ständig im Auge gehabt, während sie ihr Leben lebte, und sich dabei oft gefragt, ob er jemals sein eigenes Leben führen würde.

Eigentlich hatte Sonya niemals einen Bodyguard gebraucht. Sie war nie bedroht oder von einem Stalker verfolgt worden. Ihr Leben war nicht mehr und nicht weniger gefährdet als das anderer reicher junger Frauen auch. Aber Muffy hatte Angst um ihre einzige Tochter. Ihr Mann war ein Opfer von Kidnappern geworden. Die Mörder saßen im Gefängnis, doch Muffy fürchtete, dass so etwas noch einmal geschehen könnte.

Also würde John-Michael Sonya auch in dieser Situation nicht allein lassen. Er setzte sich auf die Bank vor der Intensivstation und wartete.

Dreißig Minuten später erschien Sonya. „Die Schwestern haben mich hinausgeworfen. Offensichtlich habe ich ihre Geduld überstrapaziert.“

„Wahrscheinlich wollen sie nur, dass du ein wenig Schlaf bekommst.“

„Ich könnte hier schlafen.“ Sie warf einen Blick auf die Bank, auf der er saß.

„Sonya …“

„Schon gut. Bring mich bitte nach Hause. Die Schwestern haben meine Handynummer. Sie haben versprochen, sofort anzurufen, wenn irgendetwas ist.“ Sonya sah ihn mitleidig an. „Du siehst müde aus. Es ist wirklich nicht nötig, dass du die ganze Zeit bei mir bleibst.“

„Marvin sollte bei dir sein.“

Sie sah weg, ein sicheres Zeichen dafür, dass sie ihm eine Lüge auftischen würde. „Ich habe dir doch gesagt, dass er irgendwo in China ist.“

„Ruf in seiner Firma an“, sagte John-Michael auf dem Weg zum Fahrstuhl. „Seine Sekretärin weiß bestimmt, wo er zu erreichen ist.“

„Zurzeit arbeitet er an einer wichtigen Sache, und ich möchte ihn nicht unnötig aufregen. Er meldet sich alle paar Tage. Das nächste Mal werde ich ihm von Muffy erzählen.“

Was ist mit ihr los? dachte John-Michael. Sicher, Sonya und er hatten gelegentlich Meinungsverschiedenheiten gehabt, aber sie hatte ihn nie angelogen, sondern ihm immer vertraut. Er hatte Muffy nie von den Partys der Studentenverbindungen erzählt, die oft zu Sauforgien ausgeufert waren. Oder von dem Abend, als er Sonyas beste Freundin, Cissy Trask-Burnside, ins Krankenhaus fahren musste, weil sie eine Fehlgeburt erlitten hatte. Außer Sonya und ihm hatte niemand von der Schwangerschaft überhaupt gewusst, und niemand würde es jemals erfahren.

Warum vertraute Sonya ihm jetzt nicht?

Als sie in der Villa der Pattersons ankamen, lief Sonya ohne ein weiteres Wort die Treppe zu ihren Zimmern hinauf.

John-Michael zog sich in sein eigenes Apartment zurück. Doch er war zu aufgewühlt, um zu schlafen. Stattdessen zog er sich Sportkleidung an und ging in den Fitnessbereich der Villa, der mit Geräten, Swimmingpool, Sauna und Whirlpool ausgestattet war.

Während John-Michael auf den Boxsack einschlug, dachte er an die schöne Freundschaft, die Sonya und ihn verbunden hatte, als sie Kinder gewesen waren. Obwohl er nur der Sohn des Gärtners war und fünf Jahre älter als sie, war sie seine Freundin gewesen, sein kleiner Plagegeist, lief immer hinter ihm her, um bei ihm und seinen Freunden zu sein.

Als Muffy einen geeigneten Bodyguard für Sonya gesucht hatte, war John-Michael die logische Wahl gewesen. Er hatte gerade die Ausbildung an der Polizeiakademie beendet und wollte eigentlich zur Strafverfolgungsbehörde. Muffy hatte ihm aber ein wesentlich höheres Gehalt geboten und versprochen, ihn an eine Eliteschule für Bodyguards zu schicken. Damals hatte er das Angebot gern angenommen und überhaupt nicht gemerkt, dass er sich damit eine Schlinge um den eigenen Hals legte.

Muffy brauchte John-Michael jedoch nicht nur als Sonyas Bodyguard. Sie wollte ihn auch in der Nähe wissen, wenn es wieder einmal „Schwierigkeiten“ mit Jock gab. Ihrem Gärtner, der zufällig auch John-Michaels Vater war.

Bis zu jener Nacht, als Sonya die erste Verbindungsparty besuchte, lief alles in geregelten Bahnen. John-Michael hielt sich wie immer in ihrer Nähe auf und beobachtete mit wachsender Sorge, wie sie sich mit Margaritas betrank. Er zerrte sie von der Party, bevor es zu spät war.

Zuerst beschimpfte sie ihn wütend, schrie, dass sie erwachsen sei und in einer freien Welt lebte und dafür sorgen würde, dass ihre Mutter ihn feuerte. Einen Moment später warf sie sich ihm an den Hals und presste ihren herrlichen Körper an seinen. „Ich bin wirklich ganz schön verdorben, was?“ Bevor er überhaupt denken konnte, küsste sie ihn schon.

Sein Körper reagierte sofort, und ihm wurde zum ersten Mal bewusst, dass sein Schützling kein Kind mehr war. Sonya hatte den Körper einer Frau, bewegte sich wie eine Frau …

Nachdem sie sich einen Moment leidenschaftlich geküsst und die Körper aneinander gerieben hatten, riss er sich zusammen und stieß sie von sich.

„Was ist?“, protestierte sie laut genug, um die ganze Nachbarschaft zu wecken. „Sag mir nicht, dass du mich nicht willst. Du willst mich. Ich konnte es spüren.“

Lieber Himmel. In dem Moment erkannte er, was für eine große Dummheit er fast begangen hätte. Sex mit dem Mädchen zu haben, das er beschützen sollte, wäre unverzeihlich. Ganz zu schweigen davon, dass er Gefahr lief, seinen Job zu verlieren.

Ihm blieb in dieser Situation nichts anderes übrig, als mit allen Mitteln dafür zu sorgen, dass so etwas nie wieder geschah.

John-Michael schlug fester auf den Boxsack ein, als er sich daran erinnerte, wie schwierig es gewesen war, grausam zu Sonya zu sein.

Er hatte gelacht und gesagt: „Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich an einer so verwöhnten kleinen Göre wie dir interessiert bin?“

Die Beleidigung saß. Sonya traten Tränen in die Augen. „Du hast den Kuss erwidert“, warf sie ihm vor.

„Ich bin auch nur ein Mann“, sagte er erbarmungslos. „Manchmal spielen die Hormone eben verrückt. Aber ich habe glücklicherweise auch Verstand, und ich bin nicht so blöd, etwas mit Muffy Pattersons Tochter anzufangen.“

„Sie wird es nicht erfahren“, sagte Sonya.

Um der Versuchung nicht zu erliegen, drehte er sich um und öffnete die Beifahrertür ihres BMW – ein Geschenk von Muffy zum Examen. „Steig ein. Du machst dich lächerlich.“

„Hast du eine Freundin?“, fragte sie.

„Das geht dich nichts an.“

„Ich habe dich noch nie mit einem Mädchen gesehen.“

„Meinst du, meine Freundinnen sollen mitbekommen, wie du mich herumkommandierst?“

Er hatte keine Freundin. Er hatte überhaupt keine Gelegenheit, eine zu finden. Seine ganze Zeit verbrachte er damit, auf Sonya aufzupassen oder die Katastrophen auszubügeln, die sein Vater verursachte. Aber seine List funktionierte. Sonya sagte kein Wort mehr. Und sie testete ihre weiblichen Reize nie wieder bei ihm.

Leider aber hatte ihre einstige schöne Freundschaft unter diesem Vorfall gelitten. Seit jenem Abend behandelte sie ihn kalt und von oben herab. Trotzdem hatte sein Verlangen nach ihr nie nachgelassen, denn sie hatte sich zu einer faszinierenden Frau entwickelt.

Sonya schlief sofort ein und erwachte erst ein paar Stunden später. Sie sah auf die Uhr und stellte entsetzt fest, dass es nach zwei Uhr nachts war.

Ihr erster Gedanke war, dass die anderen schlechte Nachrichten von ihr ferngehalten hatten. „Die anderen“, das waren John-Michael, Tim, der Chauffeur, June, die Sekretärin, und Matilda, die Haushälterin.

Sie setzte sich auf, rieb sich den Schlaf aus den Augen und machte Licht. Das Handy lag direkt neben ihr. Keine Nachricht. Sie wählte die Nummer der Intensivstation.

„Ihrer Mutter geht es besser“, sagte die Stationsschwester. „Die Medikamente wirken. Sie schläft die meiste Zeit, aber sie hat auch etwas getrunken. Und sie hat nach Ihnen gefragt.“

Sonya war schon auf den Füßen. „In zwanzig Minuten bin ich da.“

„Nein“, sagte die Schwester bestimmt. „Ich habe Ihre Mutter gefragt, ob ich Sie anrufen soll, aber sie wollte, dass Sie sich erst einmal ausschlafen.“

Typisch Muffy, dachte Sonya. Selbst vom Krankenbett aus erteilte sie Befehle.

„Es ist wirklich alles in Ordnung. Wahrscheinlich wird sie morgen schon auf die normale Station verlegt.“

„Wenn sie wach wird, sagen Sie ihr bitte, dass ich gleich morgen früh bei ihr bin“, sagte Sonya.

Nach dem Anruf fühlte sie sich besser. Sie war hungrig. Seit Muffys Operation vor ein paar Tagen hatte sie kaum etwas gegessen. Sie zog ihren Bademantel an und lief die Treppe hinunter in die riesige, perfekt ausgestattete Küche. Im Kühlschrank würde sie mit absoluter Sicherheit einige schmackhafte Gerichte finden.

Muffy gab häufig große Dinnerpartys, für die Eric, ein absoluter Meisterkoch, Gaumenfreuden zauberte, die in der High Society von Houston hochgelobt wurden.

Hinter der Glastür des Kühlschranks verbargen sich Dutzende von Keramikschalen, ordentlich gestapelt und beschriftet mit Inhalt und Haltbarkeitsdatum. Sonya las die Etiketten durch und zog die Nase kraus. Ihr stand nicht der Sinn nach Erics Seebarsch mit Dillkruste und Parmesansauce oder glasierten Schweinemedaillons an Shiitake-Pilzen. Dann entdeckte sie etwas, was sie reizte – Matildas Makkaroni mit Käse.

Sie nahm die Schale heraus und stellte sie in die Mikrowelle.

In dem Moment wurde ihr bewusst, dass sie nicht länger allein war. John-Michael stand in der Tür.

„Alles in Ordnung?“, fragte er. Egal, wie spät es war, er bemerkte immer sofort, wenn sie durch das Haus schlich. Schon oft hatte sie sich gefragt, ob er überhaupt jemals schlief.

„Ich habe Hunger“, antwortete sie. „Kein Grund, sofort in Alarmbereitschaft zu sein.“ Ihre schnippische Bemerkung tat ihr im gleichen Moment leid. „Entschuldige. Die letzten Tage waren nicht einfach. Möchtest du ein paar Makkaroni mit Käse?“

„Gern.“ Er ging an den Kühlschrank und holte sich Milch heraus. Ohne zu fragen nahm er für sie eine Flasche Mineralwasser mit Kirschgeschmack, öffnete sie und reichte sie ihr.

Er kannte sie so gut, wahrscheinlich besser als ihre eigene Mutter. Und das ärgerte Sonya. Sie hatte sich wirklich darauf gefreut, nach der Hochzeit von ihm befreit zu sein. Einer Hochzeit, die nicht stattfinden würde. Wahrscheinlich war sie auch in zwanzig, dreißig oder fünfzig Jahren noch Single, wohnte nach wie vor in Muffys Haus, ständig McPhees Adleraugen ausgesetzt. Vermutlich würde er noch jeden ihrer Schritte bewachen, wenn sie beide in einem Altersheim lebten. Was für ein deprimierender Gedanke.

„Ich habe im Krankenhaus angerufen“, sagte sie. „Meiner Mutter geht es besser. Sie hat etwas getrunken und der Krankenschwester befohlen, mich nicht anzurufen.“

„Also wieder ganz die herrische Alte“, stellte McPhee fest, doch er lächelte dabei. Er mochte Muffy wirklich. Sie war eine gute, wenn auch strenge Arbeitgeberin. Und sie bezahlte ihren Angestellten weit mehr als üblich und konnte sich deshalb ihrer Loyalität gewiss sein.

Das Signal der Mikrowelle ertönte, und Sonya nahm die Schale mit den Nudeln heraus. Sie verteilte großzügige Portionen auf weiße Porzellanteller mit Goldrand.

„Hmm, ich liebe dieses Gericht“, sagte McPhee.

„Dann genieß es, solange es so etwas noch in diesem Haus gibt. Sobald Muffy wieder hier ist, müssen Matilda und Eric auf gesunde Ernährung achten.“

„Das wird Matilda gar nicht gefallen“, meinte McPhee.

„Sie wird sich daran gewöhnen müssen. Ich sage meiner Mutter schon seit Jahren, dass sie sich sehr ungesund ernährt. Jetzt muss sie auf mich hören.“

„Muffy hört nie auf jemanden.“

Sonya seufzte. „Ich weiß.“

„Vielleicht sollten wir unsere Kräfte bündeln. Zwei gegen einen.“

Sonya lachte. „Das wäre ja etwas ganz Neues. Wir waren uns nicht mehr einig seit … nun, seit wir Kinder waren.“

Seit ich dich angemacht habe, hätte sie fast gesagt. Auch nach so vielen Jahren verspürte Sonya noch ein Prickeln bei der Erinnerung daran.

„Wenn wir uns einig sind“, sagte McPhee, „muss Muffy auf uns hören.“

„Seit wann nennst du sie Muffy?“

Er zuckte mit den Schultern. „Das tue ich normalerweise nicht. Nur bei dir.“

„Um mich zu irritieren.“

„Bald bist du mich los. Offiziell hast du die Hochzeit doch noch nicht verschoben, oder?“

„Nein.“ Ihr schlechtes Gewissen regte sich. „Zählst du schon die Tage?“

„Noch neunundvierzig.“

Sonya war überrascht. Sie hatte die Frage als Scherz gemeint. War er tatsächlich so unglücklich als ihr Bodyguard? „Was hast du anschließend vor? Ich nehme an, Muffy hat einen neuen Job für dich.“

McPhee schüttelte den Kopf. „Ich habe mich beim Harris County Sheriff’s Department beworben und bin auch genommen worden.“

Das war neu für Sonya, und sie war erschüttert. Es fiel ihr schwer, sich das Haus ohne John-Michael vorzustellen. „Was ist mit deinem Vater?“

„Er ist trocken.“

„Ja, aber wie lange noch?“

„Zehn Jahre lang war ich praktisch der Gefangene von meinem Vater, Muffy und dir“, sagte John-Michael erregt. „Es reicht. Falls mein Vater etwas Verrücktes tut und gefeuert wird, werde ich mich darum kümmern. Ansonsten will ich endlich mein eigenes Leben führen.“

Sonya hatte kaum gehört, was er nach „Gefangene“ gesagt hatte. „Wenn die Konditionen hier so schlecht waren, warum hast du dann nicht schon längst gekündigt?“, forderte sie ihn heraus.

„Meinst du, ich hätte es nicht versucht? Aber deine Mutter hat mir klar zu verstehen gegeben, dass Jock auch gehen muss, wenn ich gehe. Und das konnte ich ihm nicht antun. Wo sollte er hin?“

„Und was ist jetzt anders?“

„Er hat endlich begriffen, was für ihn auf dem Spiel steht, wenn er wieder rückfällig wird. Ich bin sicher, er schafft es dieses Mal.“

Sonya wollte gern glauben, dass Jock trocken blieb, doch es fiel ihr schwer. Aber er war der beste Gärtner von ganz Houston. Und außerdem ein sehr netter Mann, wenn er nüchtern war. Sonya mochte ihn. Nach dem Tod ihres Vaters war er besonders lieb zu ihr gewesen.

Auch McPhee. Er hatte sich rührend um sie gekümmert, obwohl er eigentlich mit einem zehnjährigen Kind nichts anfangen konnte.

Schon damals hatte sie sich in ihn verliebt.

Verdammt, sie wollte nicht daran denken. „Nun, ich wünsche dir viel Glück in deiner neuen Karriere. Und es tut mir leid, dass wir dir das Leben so unangenehm gemacht haben.“

„Es tut dir nicht leid“, stellte er grinsend fest. „Du hast es absichtlich getan. Du hast mir übel genommen, dass ich dich auf Schritt und Tritt verfolgt habe, und ich habe dir übel genommen, dass ich das Kindermädchen für einen verwöhnten Grünschnabel spielen musste.“

Sonya legte ihre Gabel auf den Tisch. „Mann, jetzt gibst du es mir aber.“

„Mir kann nichts mehr passieren. Ich habe bereits gekündigt.“

„Ich finde es nicht besonders taktvoll, gerade jetzt zu erfahren, dass du mich hasst. Schließlich habe ich genug andere Sorgen.“

„Ich hasse dich nicht.“

„Aber du findest, dass ich verwöhnt bin.“

„Jeder, der für seinen Lebensunterhalt nicht arbeiten muss, ist verwöhnt. Es ist nicht dein Fehler, dass du mit einem goldenen Löffel im Mund geboren wurdest.“

Er hatte recht. Es hatte ihr nie an irgendetwas gefehlt im Leben. War sie deshalb aber verwöhnt?

Ohne eine Antwort darauf zu geben, aß sie weiter, in der Hoffnung, dass er gehen würde.

John-Michael tat es. Er stellte seinen Teller in die Spülmaschine und verließ die Küche ohne ein weiteres Wort.

Kurz darauf ließ ein Geräusch an der Tür Sonya aufhorchen. Sie drehte sich um und sah Jock McPhee, John-Michaels Vater.

„Hallo, Jock“, sagte Sonya.

„Hallo, Sonya“, erwiderte er lächelnd. „Ich konnte nicht schlafen und sah das Licht. Ich hoffe, ich störe dich nicht.“

„Nein, natürlich nicht. Möchtest du vielleicht ein paar Nudeln mit Käse?“

Er schüttelte den Kopf. „In letzter Zeit habe ich keinen Hunger. Ich komme einfach nicht zur Ruhe, seit Miss Muffy ins Krankenhaus gebracht worden ist. Es ist doch nichts passiert, oder?“

Sonya hatte Mitleid mit dem Mann. Er war schon als Baby zu den Pattersons gekommen. Seine Mutter hatte hier gekocht. Er und Muffy waren zusammen aufgewachsen, und sie mochten sich sehr, obwohl sie manchmal heftig stritten. Vor allem, wenn es um die alten Kamelienbüsche ging, die Jock nicht einmal ausputzen durfte, obwohl sie schrecklich wucherten und ihre Glanzzeit längst hinter sich hatten.

„Meiner Mutter geht es besser“, sagte Sonya. „Ich habe vorhin im Krankenhaus angerufen. Vielleicht wird sie morgen auf die normale Station verlegt.“

„Gott sei Dank“, sagte Jock und sank erleichtert auf einen Küchenstuhl. „Ich bin ganz krank vor Sorge. Kann ich irgendetwas für sie tun?“

„Zurzeit nicht, Jock. Bete für sie.“

„Meinst du, ich könnte sie im Krankenhaus besuchen? Keine Sorge, ich würde nicht lange bleiben. Ich könnte ihr ein paar Blumen bringen.“

„Sie würde sich sicherlich über deinen Besuch freuen. Ich sage dir Bescheid, sobald sie Besuch bekommen darf.“

„Danke, Sonya. Ich könnte mir vorstellen, dass deine Hochzeitspläne ein bisschen durcheinandergeraten sind, oder?“

„Vielleicht verschieben wir die Trauung“, bestätigte sie. Jedes Mal, wenn sie es sagte, verspürte sie eine gewisse Erleichterung. Wenn sie den eigentlichen Termin, 8. Januar, erst einmal abgesagt hatte, wäre es einfach, keinen neuen Termin festzulegen. Sie könnte ihre Mutter überzeugen, dass sie es sich anders überlegt hatte. Vielleicht brauchte sie Muffy nie zu erzählen, was für eine Idiotin sie gewesen war.

„Ich würde gern den Brautstrauß binden“, sagte Jock ruhig. „Natürlich weiß ich, dass du einen hervorragenden Floristen für den ganzen Blumenschmuck engagiert hast, doch ich hoffe … nun, ich habe wunderschöne Rosen.“

„Jock, das wäre fantastisch.“ Sonya wusste, was für kunstvolle Arrangements er zusammenstellte.

Jock lächelte. „Danke, Sonya. Du und deine Mutter, ihr wart immer so gut zu mir, selbst in schlechten Zeiten.“

„Die schlechten Zeiten sind vorbei, oder?“

„Ich arbeite daran“, bestätigte Jock. „Ich gehe zu den Anonymen Alkoholikern. Eigentlich wollte ich jetzt noch dorthin.“

„Mitten in der Nacht?“

„Man findet dort zu jeder Zeit einen Ansprechpartner. Und ich brauche jetzt jemanden. Die Sache mit deiner Mutter … nun, wenn ein Mann nichts trinken darf, wenn jemand, den er mag, todkrank ist, wann soll er dann trinken?“

Sonya war nicht daran gewöhnt, dass Jock so offen über sein Alkoholproblem sprach, doch wahrscheinlich war es ein Zeichen dafür, dass er sich wirklich geändert hatte.

„Ich will dich nicht aufhalten“, sagte Sonya. „Und ich bin stolz auf dich. Ich weiß, dass es nicht einfach ist, Gewohnheiten, die man sein Leben lang hatte, abzulegen oder zu ändern.“

„Es gibt Gewohnheiten, die geändert werden können“, sagte er. „Aber es gibt auch Dinge, die man nicht ändern kann.“ Mit diesem geheimnisvollen Kommentar ging er.

2. KAPITEL

John-Michael merkte schnell, dass Sonya schmollte, als sie am nächsten Morgen zum Krankenhaus fuhren.

„Ich war gestern Abend ziemlich hart zu dir. Tut mir leid“, entschuldigte er sich.

„Vergiss es.“

Okay. Sie war gestresst, und er nervte sie. Seit sie von ihrem mysteriösen Trip zurück war, verhielt sie sich merkwürdig.

„Hast du eine Affäre?“, fragte John-Michael. „Warst du deshalb in New Orleans?“

„Ja. Mit Brenna“, erwiderte sie trocken. „Gott sei Dank ist es jetzt endlich heraus.“

Tim, für den die Unterhaltung eigentlich gar nicht bestimmt war, lachte.

„Ich begreife einfach nicht, was dich in all diese Orte geführt hat, in denen du in den letzten Wochen warst“, fuhr John-Michael fort. „Dallas ergibt ja noch Sinn. Aber Cottonwood, Texas? Und dann dieses billige Hotel in Smoky Bayou, Louisiana?“

Cottonwood war der Ort, in dem Cindy Rheems, ein weiteres Opfer von Marvin, lebte. Und Smoky Bayou war eine der kleinen Städte, in die sie gekommen waren, als sie Marvin durch zwei Staaten hindurch verfolgt hatten. „Vergiss es einfach.“

„Ich bin für deine Sicherheit verantwortlich, deshalb muss ich wissen, was du tust.“

„Dann entbinde ich dich hiermit von deiner Verantwortung.“

Diese Unterhaltung hatten sie schon unzählige Male geführt, seit er den Job als ihr Bodyguard angenommen hatte.

Als sie das Harris County Medical Center erreichten, sprang Sonya aus der Limousine, ohne auf John-Michael zu warten. Normalerweise waren extreme Sicherheitsvorkehrungen auch nicht nötig, doch heute war leider kein normaler Tag.

Eine Journalistin erschien wie aus dem Nichts und hielt Sonya auf, bevor sie die Eingangstür erreichte.

„Miss Patterson, Leslie Frazier vom Houston Living. Geht es Ihrer Mutter gut?“

„Ja“, erwiderte Sonya und lächelte höflich.

„Aus sicherer Quelle habe ich erfahren, dass sie einen Herzanfall hatte und auf der Intensivstation liegt.“

John-Michael wollte gerade einspringen, doch Sonya meisterte die Situation souverän.

„Sie unterzieht sich einigen Tests“, sagte sie mit fester Stimme. „Und jetzt lassen Sie mich bitte gehen.“

Die Journalistin sah John-Michael hoffnungsvoll an, doch der folgte Sonya kommentarlos in die Klinik.

Muffy war in ein normales Krankenzimmer verlegt worden. Als Sonya und John-Michael das Zimmer betraten, saß sie in ihrem Bett, und der Fernseher lief, obwohl John-Michael nicht glaubte, dass sie das Programm wirklich verfolgte.

„Mom?“

Muffy blickte auf und lächelte dann schwach. „Sonya. Und John-Michael. Wie nett.“

Er trat ans Bett und drückte Muffys Hand. „Mrs. Patterson. Es scheint Ihnen viel besser zu gehen. Sie sehen wundervoll aus.“

„Lügner. Ich muss … schrecklich … aussehen.“ Das Sprechen strengte sie offensichtlich sehr an.

„Mom, sprich nicht.“

„Ich will … sprechen. Ich muss … John-Michael … danken.“

„Für was danken?“

„Dass er … dafür gesorgt hat … dass ich ins Krankenhaus gehe. Ich dachte … es wäre … eine Magenverstimmung. Und dass er … dich gefunden … und nach Hause … gebracht hat.“

Sonya blickte John-Michael neugierig an. „Du hast sie ins Krankenhaus gebracht? Warum hat mir das niemand gesagt?“

„Weil es unwichtig war.“

„Du hast ihr wahrscheinlich das Leben gerettet“, sagte Sonya. „Danke.“

Er zuckte nur mit den Schultern, denn er betrachtete sich nicht als Held. Schließlich hatte er getan, was jeder andere auch tun würde.

Sonya drehte sich wieder zu ihrer Mutter und strich ihr sanft über die Wange. „Tut mir leid, dass ich nicht hier war, als es passierte.“

„Ich weiß, Schatz. Ist Marvin da?“

„Er ist noch in China. Ich kann ihn nicht erreichen.“ Sie sprach schnell, als hätte sie die Antwort zigmal geprobt, und ihr Blick ging unruhig hin und her. John-Michael kannte sich in der Gebärdensprache aus und wusste, dass Sonya log. Oder zumindest nicht die ganze Wahrheit über Marvins Aufenthaltsort sagte. Er wünschte, er könnte das Geheimnis lüften, doch er wollte Sonya nicht bedrängen, solange sie in Sorge um die Mutter war.

„Wie weit sind die Hochzeitsvorbereitungen?“, fragte Muffy.

„Die Hochzeit ist erst einmal auf Eis gelegt“, erwiderte Sonya. „Jetzt ist nur wichtig, dass du wieder gesund wirst.“

„Du kannst sie nicht verschieben“, protestierte Muffy mit überraschend fester Stimme. „Der Country Club ist völlig ausgebucht. Wir bekommen keinen anderen Termin.“

„Mom, mach dir darum bitte keine Gedanken. Ich kümmere mich um alles. Die Hauptsache ist, dass du gesund wirst.“

„Es sind noch zwei Monate. Bis dahin bin ich gesund.“

„Wir werden sehen.“

John-Michael amüsierte sich über den Rollentausch zwischen Mutter und Tochter. Sonya spielte die geduldige Mutter, Muffy das bockige Kind. Nie hätte er so etwas erwartet. In seinen Augen war Sonya das ewige Kind, die verwöhnte Prinzessin, und Muffy die duldsame, aber strenge Mutter.

Sonya war seit ihrer Reise verändert. Reifer, ernster, durchsetzungsfähiger. Und noch attraktiver.

„Ich lasse euch zwei jetzt allein“, sagte er und ging an die Tür.

„Oh, John-Mikey“, sagte Muffy. Sie war der einzige Mensch, der es sich erlauben konnte, ihn mit dem Kosenamen aus seiner Kindheit anzusprechen. Nicht einmal Jock tat es. „Könntest du mir etwas zu essen bringen? Vielleicht einen leckeren Blaubeermuffin?“ Sie klimperte mit den Wimpern. „Das Frühstück hier ist erbärmlich.“

„Untersteh dich“, sagte Sonya. „Sie bekommt nur das, was der Arzt erlaubt. Aber hol du dir doch etwas zu essen“, fügte sie hinzu. „Du musstest heute Morgen so früh aufstehen, und ich habe dir nicht einmal ein Frühstück angeboten.“

John-Michael verließ das Zimmer. Er brauchte unbedingt Abstand zu Sonya. Ihre ungewohnt freundliche Art verwirrte ihn. Schon gestern Abend war sie viel liebenswürdiger als sonst gewesen, was nicht ohne Wirkung auf ihn geblieben war. Zumal sie in ihrem sexy Nachthemd und dem leichten Morgenmantel unglaublich verführerisch ausgesehen hatte.

Sonya hatte gedacht, dass sie die Hochzeit zur Sprache bringen könnte, wenn sie erst einmal mit ihrer Mutter allein war. Noch wollte sie zwar nicht zugeben, dass sie einem Heiratsschwindler auf den Leim gegangen war, aber sie könnte vielleicht anklingen lassen, dass sie die Hochzeit nicht nur verschieben, sondern ganz absagen wollte. Sie konnte einfach nicht zulassen, dass die Vorbereitungen fortschritten. Ihre Mutter hatte schon ein Vermögen ausgegeben.

Doch Muffy machte ihr einen Strich durch die Rechnung. Kaum waren sie allein, griff sie nach Sonyas Hand. „Sonya, du musst mir etwas versprechen.“

„Kommt darauf an. Einen Käsekuchen schmuggle ich dir nicht ins Krankenzimmer.“

„Nein, ich meine es ernst. Du kannst die Hochzeit nicht verschieben.“

„Mom …“

„Hör mir zu. Diese Hochzeit zu planen … hat mir mehr Freude gemacht als alles andere in meinem Leben. Mehr Freude sogar, als meine eigene zu planen.“

„Ich weiß“, sagte Sonya. „Aber der Stress …“

„Ach was, Stress. Ich hatte meine Freude daran, und das verursacht keinen Herzanfall. Jahrelang habe ich die Ratschläge des Arztes – und deine – ignoriert. Das hat mich krank gemacht. Und als ich auf dieser fahrbaren Krankentrage auf die Intensivstation geschoben wurde, hat mich nur der Gedanke an deine Hochzeit am Leben gehalten. Ich will sie nicht verpassen.“

„Oh, Mom …“

„Wir können sie nicht verschieben. Was ist, wenn ich einen zweiten Herzanfall bekomme und ihn nicht überlebe?“

„Das wird nicht passieren. Dein Arzt hat mir gesagt …“

„Ärzte wissen auch nicht alles. Versprich mir …“ Sie machte eine kurze Pause, um nach Luft zu schnappen. „Versprich mir, dass die Hochzeit wie geplant am 8. Januar stattfinden wird.“

„Natürlich, Mom.“ Was hätte sie anderes sagen sollen? Sie würde alles klären, sobald ihre Mutter gesundheitlich außer Gefahr war. Bis dahin würde sie weiter die glückliche Braut spielen.

Drei Tage später hatte sich ihr Gesundheitszustand merklich gebessert. Muffy stand auf, sprach mit fester Stimme, aß normal – obwohl das Krankenhausessen für Muffy natürlich nicht normal war – und bat darum, endlich entlassen zu werden. Sie saß lieber auf dem Stuhl als im Bett und sah prächtig aus in dem seidenen Bettjäckchen, das ihre Freundin Tootsie ihr geschenkt hatte. Sie hatte ihre Nagelpflegerin und ihren Friseur kommen lassen und war sogar geschminkt.

Auf Muffys Bitte hin hatte Sonya deren Terminkalender mitgebracht, und jetzt stellte Muffy eine lange Liste mit den Dingen auf, die so schnell wie möglich erledigt werden mussten. Der Kardiologe kam zufällig in diesem Augenblick ins Zimmer, und Sonya war sicher, dass er diesem Blödsinn einen Riegel vorschieben würde. Ja, sie hoffte, dass Dr. Cason Muffy dringend raten würde, die nächsten sechs Monate an so etwas Stressiges wie die Hochzeit ihrer Tochter nicht einmal zu denken.

Genau das Gegenteil passierte. Dr. Cason warf einen Blick auf Muffy, bemerkte das Funkeln in ihren Augen, die rosigen Wangen und das fröhliche Lachen und erklärte das Planen einer Hochzeit zu der geheimnisvollen Wundermedizin, nach der jeder suchte.

„Aber, Dr. Cason“, wagte Sonya einen Vorstoß. „Meinen Sie nicht, dass diese Hochzeit für meine Mutter im Moment viel zu anstrengend ist? Wir können sie ohne Weiteres verschieben.“

„Nein“, sagte Muffy.“ Auf keinen Fall. Dann müssten wir ganz von vorn anfangen, und das wäre viel anstrengender, als jetzt die letzten Kleinigkeiten zu erledigen.“

Dr. Cason lächelte. „Ihre Mutter hat recht, Sonya. Sehen Sie sie doch an. Sie ist guter Dinge und lacht viel. Und Studien haben gezeigt, dass Lachen die beste Medizin ist.“

„Ich werde auch nicht übertreiben. Versprochen. Ich werde mich auf meinem Sofa zurücklehnen, gedünsteten Brokkoli essen und fettarme Milch trinken“ – sie schüttelte sich leicht – „und Sonya herumkommandieren.“

„So ist es richtig“, sagte Dr. Cason.

Natürlich war auch McPhee Zeuge des Gesprächs. Hilfe suchend blickte sie zu ihm, doch er schwieg. Erst als sie auf dem Rücksitz der Limousine saßen, äußerte er seine Meinung.

„Dir scheint sehr daran gelegen zu sein, die Hochzeit zu verschieben.“

„Unsinn. Ich kann es gar nicht abwarten, Marvin zu heiraten. Mir geht es nur um meine Mutter.“

„Hast du schon mit Marvin gesprochen?“

„Ja. Gestern Abend hat er angerufen. Er war entsetzt, als er von dem Herzanfall meiner Mutter hörte, und wird so schnell wie möglich nach Hause kommen.“

Und dann tat John-Michael etwas Merkwürdiges. Er schloss die Trennscheibe zwischen Fahrer und Fond. Normalerweise konnte Tim alles hören, er war absolut diskret. Seit Sonya geboren war, fuhr er die Pattersons.

„Marvins Eltern wären sicher froh, wenn sie wüssten, dass du mit ihm telefoniert hast“, sagte McPhee. „Denn sie haben seit drei Monaten nichts von ihm gehört oder gesehen“, fügte er wie beiläufig hinzu.

„Wie bitte?“ Sonyas Herz schlug plötzlich so laut, dass sie fürchtete, er könnte es hören.

„Ich habe weitere Erkundigungen über Marvin Carter III eingeholt. Er ist wirklich der älteste Sohn einer sehr wohlhabenden Bostoner Familie mit einem bemerkenswerten Stammbaum.“

„Natürlich ist er das!“, sagte Sonya verzweifelt. Der Klang von McPhees Stimme verhieß nichts Gutes.

„Sonya, dieser feine Herr ist ein Gewohnheitsdieb! Seine Familie hat alles getan, um das vor der Öffentlichkeit geheim zu halten. Festnahmeprotokolle wurden beseitigt, Anschuldigungen fallengelassen, Menschen geschmiert. Aber vor etwa drei Monaten ist er verschwunden. Die Familie hat keine Ahnung, wo er ist, und insgeheim hofft sie, dass er auch nicht wieder auftaucht. Das ist aber nicht alles. Es kommt noch schlimmer. Das FBI sucht ihn wegen Kunst- und Juwelendiebstahls.“

„Wo hast du diesen Unsinn gehört?“, fragte sie, doch das Zittern in ihrer Stimme verriet sie. McPhee wusste es. Er wusste alles.

„Was hat er dir alles gestohlen, Sonya?“

„Ich weiß nicht, wovon du sprichst.“

„Mir ist aufgefallen, dass du außer deinem Verlobungsring keinen Schmuck mehr trägst.“

Nervös drehte sie den Zweikaräter an dem Ringfinger ihrer linken Hand. Sie hatte ihn prüfen lassen. Es war nur ein Zirkonia.

„Sonya, je länger du es leugnest, desto schlimmer wird es werden, wenn die Wahrheit ans Licht kommt. Und sie wird ans Licht kommen, glaube mir. Früher oder später bekommt die Presse Wind davon.“

Sonya legte die Hände vors Gesicht. Warum musste ausgerechnet McPhee die Wahrheit herausfinden? Er war derjenige, der sie von Anfang an vor Marvin gewarnt hatte.

„Deine neuen Freundinnen Brenna und Cindy sind auch Opfer von Marvin, stimmt’s?“

Sonya nickte stumm.

McPhee ließ die Scheibe ein wenig hinunter und sagte etwas zu Tim, was sie allerdings nicht verstehen konnte. Ein paar Minuten später hielt die Limousine an.

„Ich bin gleich zurück“, sagte McPhee.

Sonya sah auf. Sie standen vor einem Shoppingcenter. Sie hatte keine Ahnung, was McPhee vorhatte, und es war ihr auch egal. Sie wollte einfach die Zeit seiner Abwesenheit nutzen, sich in den Griff zu bekommen. McPhee hatte recht, sie konnte die Wahrheit nicht länger leugnen. Sie durfte den Kopf nicht länger in den Sand stecken, sondern musste Entscheidungen treffen.

Ihre Freundinnen Brenna und Cindy hatten dies viel früher erkannt und von ihrer Entschlusskraft profitiert. Cindy hatte ihr Restaurant und zumindest einen Teil des Geldes zurückbekommen und Brenna den Picasso ausfindig gemacht, den Marvin ihren Eltern gestohlen hatte, sowie einen Teil ihres Schmucks. Es wurde Zeit, dass auch Sonya den Kampf gegen Marvin aufnahm.

Als McPhee ein paar Minuten später zurückkehrte, saß sie mit hochmütigem Gesicht da, die Hände hatte sie sittsam im Schoß gefaltet. Diesen Gesichtsausdruck hatte sie von Muffy gelernt, und sie setzte ihn in jeder Krisensituation auf. „Lass nie jemanden deine Tränen sehen“, hatte Muffy der zehnjährigen Sonya nach dem Begräbnis des Vaters gesagt, als sie ihre Mutter fragte, warum sie während der Trauerfeier nicht geweint hatte. „Wenn du weinen musst, dann tue es, wenn du allein bist.“

Dann sah sie, dass McPhee einen großen Toffee Nut Latte, einen Caffè Latte mit cremigem Karamell-Nuss-Aroma und Nusssplittern von Starbucks in der Hand hielt – eine ihrer vielen Schwächen. „Ich habe ihn mit extra viel Sahne machen lassen“, sagte er. „Du kannst ein paar Kalorien gebrauchen.“

Diese kleine Aufmerksamkeit brachte sie völlig aus der Fassung. Sie war nicht daran gewöhnt, dass McPhee freundlich oder mitfühlend war. Höflich, ja. Immer darauf bedacht, ihre Wünsche zu erfüllen. Sie nahm den Becher und sah McPhee an. Kein süffisantes Grinsen. Nur ehrliche Sorge.

„Ich habe Tim gesagt, er soll einfach eine Weile durch die Gegend fahren“, sagte McPhee. „Und nun möchte ich die ganze Geschichte hören. Ich muss wissen, was geschehen ist, wenn ich dir helfen soll. Lass uns ganz am Anfang beginnen. Wie viel hat er dir gestohlen?“

Resigniert erzählte sie ihm alles, was er wissen wollte. „Nicht so viel wie den anderen Opfern. Ich hatte nicht viel Geld, an das er leicht herankommen konnte – nur etwa fünfunddreißigtausend Dollar. Er hatte keine Chance, an meinen Treuhandfonds zu kommen, worauf er wahrscheinlich gehofft hatte. Aber er hat meinen Schmuck geklaut, und der ist ziemlich wertvoll.“ Von ihrer Mutter hatte sie zu jeder Gelegenheit Schmuck geschenkt bekommen – je größer und ungewöhnlicher, desto besser.

Sonya trank noch einen Schluck von dem süßen, cremigen Kaffee.

„Außerdem hat er drei Pelzmäntel mitgenommen“, fuhr sie fort. „Einen Zobel, einen Nerz und einen Fuchs.“

„Marvin war also mit Brenna und Cindy und dir gleichzeitig verlobt?“

„Ja. Cindy besaß viel Geld aus einer Lebensversicherung ihres verstorbenen Mannes. Ihre Eltern hatten ihr ebenfalls Geld vermacht. Außerdem ein Haus und ein Restaurant, deshalb war sie für Marvin wohl sehr interessant. Und Brenna ist die Erbin eines bekannten Kaufhausbesitzers in Dallas.“

„Wie hast du die beiden ausfindig gemacht?“

„Ich habe Brennas Telefonnummer in der Anrufliste von Marvins Handy gefunden.“

McPhee zog eine Augenbraue hoch. „Und warum hast du dort gesucht?“

„Ich hatte den Verdacht, dass er eine Freundin hat“, gab sie zu. „Diese langen Geschäftsreisen. Leise Telefonate zu merkwürdigen Uhrzeiten. Deshalb habe ich geschnüffelt. Aber ich habe erst Kontakt zu ihr aufgenommen, als Marvin mit all meinen Sachen fort war. Als ihr mich in dem Wellness-Hotel vermutet habt, war ich in Wirklichkeit bei Brenna. Sie hatte eine Spur zu dem dritten Opfer, Cindy. Cindy wohnt in Cottonwood – deshalb waren wir dort. Leider jedoch zu spät. Marvin war bereits fort. Mit ihrem Geld.“

„Heiliger Strohsack. Gib es noch mehr Opfer?“

„Sein nächstes Opfer war eine Bankangestellte. Ihrem Vater gehört die Bank. Aber wir haben ihn aufgescheucht, bevor er ihr tatsächlich schaden konnte. Wir haben einen Teil von Cindys Geld zurück. Leider konnte Marvin entkommen.“ Sie lachte. „Stell dir vor, er ist splitterfasernackt durch die Main Street gerannt, um vor uns zu flüchten.“

Sie sah McPhee an und stellte fest, dass sie ihn überrascht hatte. Er starrte sie mit offenem Mund an. „Habe ich dich richtig verstanden?“, fragte er, als er sich von dem Schock erholt hatte. „Du bist mit Brenna und Cindy – diesen beiden hübschen Blondinen, die ich vor ein paar Wochen kennengelernt habe, als du in Dallas warst – auf Verbrecherjagd gegangen? Deshalb wart ihr in New Orleans?“

„Ja. Und in New York.“

„Du warst auch in New York?“

„Nein, ich nicht. Aber Brenna. Sie und Agent Packer haben Marvin auf einer Schmuckausstellung in die Enge getrieben. Er konnte jedoch durch einen Sprung in den Fahrstuhlschacht entkommen.“ Im Fernsehen war darüber berichtet worden, und auch der Houston Chronicle hatte die Geschichte aufgegriffen. Glücklicherweise war Marvins wirklicher Name nicht genannt worden.

„So langsam fügen sich die Puzzleteile zusammen“, sagte McPhee nachdenklich. „Aber ich hätte dir so etwas nie zugetraut.“

„Wie ich schon sagte“, erwiderte sie mit übertriebener Geduld, „du kennst mich eben nicht richtig. Und damit du es weißt, ich habe vor, die Suche nach Marvin fortzusetzen. Er wird immer dreister und habgieriger. Es kann nicht mehr lange dauern, und er unternimmt etwas wirklich Blödes.“

„Es ist zu gefährlich. Du kannst nicht …“

„Ich kann, und ich werde. Wegen der Krankheit meiner Mutter muss ich aussetzen, aber sobald es ihr wieder gut geht, bin ich dabei. Die Strafverfolgungsbehörde ist in dieser Sache nicht besonders engagiert. Marvin hat niemanden ermordet und auch keine Bank ausgeraubt, deshalb ist er ein kleiner Fisch.“

„Was ist mit Packer?“

„Er war der einzige FBI-Mann, der die Sache ernst genommen hat, aber er ist gefeuert worden. Er arbeitet jetzt als Privatdetektiv.“

Sonya fühlte sich plötzlich stark und gar nicht mehr so hilflos wie noch vor ein paar Minuten. Egal, was McPhee von ihr dachte, sie war nicht nur das verwöhnte, reichte Töchterchen. Sie war klug und kompetent und konnte große Dinge erreichen, wenn sie nur wollte.

„Wir glauben, dass Marvin …“

McPhee hielt die Hand hoch. „Hör auf, ich will nichts mehr hören. Du hast schon mein ganzes Weltbild durcheinandergebracht.“

„Schön“, sagte sie lächelnd. „Das brauchst du manchmal.“

John-Michael lehnte sich fassungslos zurück. Er hatte gewusst, dass Sonya ein Geheimnis mit sich herumtrug. Daraufhin hatte er versucht, der Sache auf den Grund zu gehen, als sie überraschend nach Dallas gereist war, um Brenna zu helfen, die Schmuckausstellung vorzubereiten. Damals entdeckte er, dass sie eine weitere neue Freundin hatte. Cindy. Aus Cottonwood, Texas. Die drei verhielten sich, als seien sie seit Jahren eng befreundet. Ihm war klar, dass irgendetwas nicht stimmte, doch er hatte der Situation ratlos gegenübergestanden.

John-Michael war davon überzeugt gewesen, dass Sonya einen Lover hatte. Das wäre ziemlich schockierend gewesen. Doch zu erfahren, dass sie klammheimlich auf Verbrecherjagd gegangen war, haute ihn von den Socken.

Sonya trank nachdenklich einen Schluck von ihrem cremigen Kaffee. Die Sahne hinterließ einen weißen Schnurbart auf ihrer Oberlippe, den sie mit der Zungenspitze ableckte.

Sehr erotisch, fand John-Michael. Aber jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, an Sex zu denken. Normalerweise wurde er schnell Herr über sein heimliches Verlangen nach Sonya Patterson. Er musste nur daran denken, wer Sonya wirklich war – ein verwöhntes, nutzloses, reiches Mädchen, das nichts weiter im Kopf hatte als den nächsten Maniküretermin. Äußerlich war sie vielleicht eine faszinierende Frau, doch er hatte vor langer Zeit gelernt, dass es Wichtigeres gab als einen tollen Körper. Hübsche Mädchen gab es wie Sand am Meer, und er hatte keine Probleme damit, sich eins zu angeln. Aber sie waren uninteressant. Doch eine Frau, die hübsch und intelligent und anregend war – das war etwas, was McPhees Libido weit mehr als dreißig Sekunden reizte.

Und Sonya wurde plötzlich zu so einer Frau. Verdammt, sie hatte einen schlechten Zeitpunkt gewählt, um ihm zu zeigen, dass mehr in ihr steckte, als er geglaubt hatte. John-Michael hatte seine Zukunft geplant, ein Leben abseits der Pattersons. Er hatte sich darauf gefreut, doch jetzt war er nicht mehr so sicher.

Hastig zwang er sich, an eine kalte Dusche zu denken, bis seine Jeans schließlich nicht mehr so eng saßen. Dann kam er auf das Thema zurück.

„Wann willst du es Muffy sagen?“

Entsetzt sah sie ihn an. „Im Moment überhaupt nicht! Bist du wahnsinnig? Die Nachricht würde sie umbringen! Dr. Cason hat gesagt, dass wir sie bei guter Laune halten sollen.“

„Du musst es ihr aber irgendwann sagen. Sieh der Tatsache doch einmal ins Gesicht. Der Bräutigam wird nicht zur Hochzeit erscheinen.“

„Ich sage es ihr, sobald ihr Gesundheitszustand sich gefestigt hat. Aber jetzt noch nicht. Sie ist noch nicht einmal aus dem Krankenhaus heraus. Und du wirst es ihr auch nicht sagen“, befahl sie mit fester Stimme. „Du wirst es niemandem sagen. Niemand darf erfahren, dass diese Hochzeit nicht stattfindet.“

„Meinst du nicht, dass die Leute misstrauisch werden, wenn sie den Bräutigam nie zu Gesicht bekommen? Irgendwann wird seine ständige Abwesenheit auffallen.“

„Ich habe bereits gesagt, dass er geschäftlich viel unterwegs ist. Außerdem lebt er in Boston. Und ich glaube, es gibt keinen Mann, der sich an den Hochzeitsvorbereitungen beteiligt. Es wird also nicht auffallen.“

„Aber … du kannst doch nicht zulassen, dass deine Mutter ein Vermögen für eine Hochzeit ausgibt, die gar nicht stattfinden wird“, protestierte John-Michael. „Ist es nicht grausam, sie so anzulügen? Außerdem, je länger du die Wahrheit verschweigst, desto schwieriger wird es, die Hochzeit dann irgendwann abzusagen.“

Natürlich würde es schwer werden. Doch Geldverschwendung würde Muffy überleben, einen weiteren Herzanfall nicht. „Sobald der Arzt mir versichert, dass sie schlechte Nachrichten verkraften kann, werde ich es ihr sagen. Aber nicht vorher. McPhee, versprich es mir. Du sagst ihr kein Wort.“

„Ich verspreche es.“

3. KAPITEL

Es war schon Dezember, als Muffy endlich nach Hause kam. Und dann ging der Spaß erst richtig los.

Sonya, die immer noch ein schlechtes Gewissen hatte, weil sie nicht zu Hause gewesen war, als ihre Mutter den Herzanfall erlitten hatte, wurde Muffys Gesundheitsberaterin und achtete darauf, dass die Anweisungen des Arztes, insbesondere die gesunde Ernährung, strikt eingehalten wurden.

Ebenso sorgte sie dafür, dass Muffy ihre gesellschaftlichen Verpflichtungen einschränkte. Dr. Cason hatte betont, dass Besuche zwar angenehm, aber auch ermüdend waren. Geringe Aktivität war wünschenswert, aber genügend Ruhe lebenswichtig.

Tootsie war Sonyas erste große Herausforderung. Muffy war gerade eine Stunde zu Hause, da stand sie an der Tür.

„Sie muss sich ausruhen“, sagte Sonya und verweigerte Tootsie den Eintritt. Tootsie war fast jeden Tag im Krankenhaus gewesen. Stundenlang hatte sie den neuesten Tratsch und Klatsch erzählt, bis die Schwestern sie hinausgeworfen hatten. „Und du gibst ihr nicht die Pralinen. Tootsie, was denkst du dir eigentlich dabei? Meine Mutter muss strengste Diät einhalten!“

Tootsie verdrehte die Augen. „Wenn sie sich wieder besser fühlt, ist noch genug Zeit für eine Diät“, sagte Tootsie. Sie selbst war gertenschlank. Übergewicht und daraus folgende Gesundheitsprobleme waren für sie kein Thema. „Ich kenne das alles noch von meinem Mann. Jetzt lass mich rein. Ich bleibe auch nicht lange.“

Tootsies Mann war nach dem dritten Herzanfall gestorben. Natürlich konnte man Tootsie nicht dafür verantwortlich machen, aber eine Expertin in Sachen Nachsorge war sie sicherlich nicht.

„Tut mir leid, Tootsie aber ich kann dich nicht …“ Sonya sprach nicht weiter, als sie merkte, dass Tootsie ihr gar nicht zuhörte. Sie blickte über Sonyas Schulter und lächelte strahlend.

Ohne sich umzudrehen, wusste Sonya, wer hinter ihr stand. Tootsie hatte schon immer gern mit John-Michael geflirtet.

„John-Michael“, schnurrte sie. „Was sehen Sie heute wieder gut aus. Würden Sie Ihrem kleinen Schützling bitte sagen, dass er mich hineinlassen soll? Muffy wird glauben, ihre beste Freundin hätte sie vergessen, wenn ich sie nicht jeden Tag besuche.“

Sonya biss die Zähne zusammen, als sie als McPhees „kleiner Schützling“ bezeichnet wurde.

McPhee legte die Hand auf Sonyas Arm und zog sie sanft von der Tür, damit Tootsie eintreten konnte. „Mrs. Patterson ist gerade mit der Physiotherapeutin zusammen und hat darum gebeten, nicht gestört zu werden. Aber Sie können gern warten. Es dauert nur zwei Stunden.“

Tootsie warf einen Blick auf ihre brillantenbesetzte Piaget-Uhr. „Oh, ich kann nicht warten. Leider muss ich meinen Wagen zur Inspektion bringen. Ich komme später wieder. Würden Sie bitte dafür sorgen, dass Muffy dies bekommt?“ Sie reichte McPhee die Pralinen.

„Natürlich.“

Tootsie drehte sich um und ging. Vor der Haustür blieb sie noch einmal stehen und warf einen Blick über die Schulter auf Sonya. „Du kommst dir wohl ganz toll vor, jetzt, wo du einen Millionär heiratest.“

Sonya zuckte zusammen. Herablassende Bemerkungen war sie von Tootsie gewohnt, nicht aber offene Feindschaft.

„Vergiss nicht, ich kannte Muffy schon, da warst du noch gar nicht geboren. Ich weiß, was sie am meisten braucht. Wie eine Invalidin behandelt zu werden, ganz bestimmt nicht.“

Überrascht sah Sonya ihr nach. Die Frau hatte Nerven. Als der Wagen sich entfernt hatte, drehte Sonya sich um und sah, dass John-Michael die Pralinenschachtel öffnete.

„Du willst sie nicht deiner Mutter geben?“

„Natürlich nicht. Möchtest du eine?“

„Nein, möchte ich nicht! Was hast du dir eigentlich dabei gedacht, mich einfach so zur Seite zu schieben und diese Frau hereinzulassen?“

„Ich bin sie doch losgeworden, oder?“

Er hatte recht.

„Man muss Tootsie nur das Gefühl geben, dass sie die Entscheidung trifft. Sie hasst es zu warten, deshalb konnte ich auf Zeit spielen. Ich wusste, dass sie gehen würde.“

„Die Physiotherapeutin ist gar nicht da, oder?“

„Sie kommt um zwei Uhr. Willst du wirklich keine Praline?“

„Du weißt genau, dass ich eine möchte.“ Sonya liebte Süßigkeiten, doch normalerweise ließ sie sich nicht dazu verleiten, da sie dazu neigte, sie maßlos in sich hineinzustopfen.

John-Michael steckte sich eine Praline in den Mund.

Sonya lief bei dem Anblick das Wasser im Mund zusammen. Doch das lag nicht nur an der Schokolade, John-Michael selbst war die Versuchung pur.

Er hielt ihr die Schachtel hin. „Du musst dir um dein Gewicht wirklich keine Gedanken machen.“

Sie hatte tatsächlich abgenommen. Außerdem galt Schokolade als Antidepressivum. Das hatte sie in den Ernährungsbüchern gelesen, die Dr. Cason ihr gegeben hatte. „Vielleicht esse ich doch ein Stück – natürlich nur aus therapeutischen Gründen.“

„Natürlich.“

Sie begutachtete die Pralinen und wählte eine mit Mandeln aus. „Mandeln sind reich an Omega-3-Fettsäure“, sagte sie und steckte sie in den Mund. Köstlich! Sicher, Tootsie kaufte nie etwas, was nicht erstklassig und superteuer war. Sonya wählte eine zweite Praline. Kirschtrüffel. Kirschen waren Früchte. Also gesund. „Hmm, die sind gut.“

McPhee stellte die Schachtel auf einen kleinen vergoldeten Tisch im Foyer, neben dem zwei Louis-XV-Stühle standen. Er setzte sich auf den einen, Sonya auf den anderen. Auf keinem Fall würde sie ihm alle Pralinen überlassen.

„Wir sollten sie teilen“, sagte sie.

„In der Schachtel sind drei Lagen. Genug für uns beide.“

„Oh, okay.“ Sonya nahm ein Toffee. „Ich wüsste gern, wie du es geschafft hast, Tootsie so einfach zu manipulieren. Wenn ich gesagt hätte, dass sie meine Mutter während der Therapie nicht besuchen kann, hätte sie mich in Grund und Boden geredet und schließlich ihr Ziel erreicht.“

„Tootsie ist altmodisch. Sie fügt sich eher einem Mann, auch wenn er nur ein Dienstbote ist.“

„Ich betrachte dich nicht als ‚Dienstboten‘“, sagte Sonya großmütig. Schokolade stimmte sie immer mild. „Du gehörst zur Familie.“

McPhee lachte. Der tiefe Klang ging Sonya durch und durch. „Komisch, ich fühle mich überhaupt nicht wie ein Bruder.“

Sonya steckte sich wahllos die nächste Praline in den Mund. Er hatte natürlich recht. Niemals würde sie einen Bruder so kalt behandeln wie McPhee in den letzten zehn Jahren. Aber zu einem Bruder hätte sie sich sexuell auch nicht hingezogen gefühlt.

Leider hatte er ihre Gefühle nicht erwidert, sondern ihr knallhart gesagt, dass er kein Interesse hatte. Deshalb war sie ihm von dem Tag an mit Kälte und Arroganz begegnet und hatte sich eingeredet, ihn zu hassen.

Was sie natürlich nicht tat. Und niemals getan hatte. Sie war auch nie über die Geschichte hinweggekommen. Selbst als sie sich in Marvin verliebte, hatte sie nachts oft wach gelegen und sich gefragt, was geworden wäre, wenn McPhee in jener Nacht vor so langer Zeit anders reagiert hätte.

Jetzt war es aber an der Zeit, einen Schlussstrich unter die Geschichte zu ziehen. Sie war kein Teenager mehr, sondern eine erwachsene Frau.

„McPhee, ich habe dich schrecklich behandelt. Und dafür möchte ich mich entschuldigen. Ich weiß natürlich, dass eine Entschuldigung zehn Jahre Gehässigkeit nicht gutmachen kann …“

„Wow!“ McPhee schüttelte den Kopf, als könnte er es nicht fassen. „Hast du dich wirklich gerade entschuldigt?“

„Ich habe es versucht. Aber wenn du dich darüber lustig machst …“

„Nein, bitte. Mach weiter.“

Sie versuchte, das amüsierte Zucken seines Mundes und das Blitzen in seinen Augen zu ignorieren. „Seit der Krankheit meiner Mutter habe ich über einiges nachgedacht. Man kann von heute auf morgen einen Menschen verlieren, den man mag. Und dann sind vielleicht wichtige Dinge ungesagt geblieben. Das soll mir nicht passieren.“

„Ich … danke. Bedeutet das, dass du mir verzeihst?“

„Was?“, fragte sie und tat, als wüsste sie nicht, wovon er sprach.

„Du weißt, was ich meine. Jene Nacht. Als sich alles änderte.“

„Ach, das.“ Sie winkte ab, als wäre es unwichtig. „Ich hatte zu viel getrunken und dich in eine unangenehme Lage gebracht.“

„Aber ich hätte taktvoller sein können.“

„Die Geschichte gehört der Vergangenheit an.“ Sonya war sehr stolz auf sich, weil sie so ruhig darüber sprechen konnte. „Wir hätten schon vor Jahren darüber sprechen sollen. Aber besser spät als nie. Ich möchte, dass wir Freunde sind“, fügte sie hinzu.

„Das möchte ich auch. Vor allem jetzt, wo ich euch verlasse.“

Sonya richtete sich auf. „Du gehst nicht wirklich, oder?“

„Ich habe dir doch erzählt, dass ich für das Sheriff’s Department arbeiten werde.“

„Ja, aber da hast du noch geglaubt, ich würde heiraten.“

„Ich gehe trotzdem. Mein letzter Tag ist der 8. Januar.“

„Aber meine Mutter …“

„Wird sich an den Gedanken gewöhnen müssen.“

Vor ein paar Tagen hatte Sonya sich noch Gedanken darüber gemacht, ob ihr Bodyguard für den Rest ihres Lebens an ihr kleben würde. Jetzt hatte sie die Antwort. Eigentlich sollte sie sich freuen, aber was sie fühlte, war keineswegs Erleichterung.

Frustriert wollte sie die nächste Praline nehmen, doch McPhee zog die Schachtel weg. „Dir wird schlecht, wenn du noch mehr davon isst.“

Wie viele hatte sie bereits gegessen? Drei? Vier?

„Du hast sieben verdrückt“, sagte McPhee, als könnte er ihre Gedanken lesen.

„Sieben! Warum hast du sie mir überhaupt angeboten? Du weißt doch, dass ich nicht aufhören kann.“

„Ja, du bist nicht gerade die Bescheidenheit in Person“, stimmte er zu.

„Wie viele hast du gegessen?“

„Das ist egal.“ Er schloss die Schachtel und kam auf das eigentliche Thema wieder zu sprechen.

„Du hast mir also verziehen?“

„Wenn du mich bis zum 8. Januar nicht mehr ärgerst.“

„Manchmal muss ich nur ‚Guten Morgen‘ sagen, und du bist schon sauer.“

„Das liegt dann an deinem frechen Grinsen.“

„Ich grinse nicht frech.“

„Doch. Also hör damit auf, und ich bin nur noch sauer auf dich, wenn du es wirklich verdienst.“ Mit diesen Worten verließ sie das Zimmer und machte sich auf die Suche nach Tabletten gegen Sodbrennen.

John-Michael sah ihr nach. Sein Magen spielte verrückt, doch das hatte nichts mit den Pralinen zu tun. Wer war diese Frau? Sie verhielt sich absolut nicht wie die verwöhnte, reiche Tochter, und das machte ihm zu schaffen.

Mit einer zickigen Sonya konnte er leichter umgehen als mit einer freundlichen, einfühlsamen, lustigen Sonya. Und das erste Mal seit vielen Jahren war er nicht sicher, ob er sein Verlangen nach ihr unterdrücken und Gleichgültigkeit vortäuschen konnte.

Vielleicht musste er das aber auch gar nicht. Verdammt, bald stand er nicht mehr auf der Gehaltsliste der Pattersons. Und damit war Sonya auch nicht länger eine verbotene Frucht. Der Gedanke faszinierte ihn.

Vor sich hin pfeifend trug er den Pralinenkasten in die Küche. Dort traf er Matilda. Normalerweise war die pummelige Köchin der Pattersons munter und fröhlich. Doch seit Muffys Herzanfall schmollte sie, weil sie jetzt völlig anders kochen musste. In diesem Moment saß sie über ihren Rezepten und sortierte die Karten nach „behalten“ und „wegwerfen“. Der Stapel „wegwerfen“ war wesentlich höher als der andere.

„Die Rezepte, die mir Mrs. Pattersons Arzt gegeben hat, sind so langweilig“, klagte sie.

„Matilda, sieh es als Herausforderung. Erfinde deine eigenen Rezepte. Vielleicht kannst du zusammen mit Eric sehr schmackhaftes, aber gesundes Essen kreieren, von dem wir alle profitieren.“

Sie blickte auf die Pralinenschachtel in John-Michaels Hand. „Gesünder? Und was ist das? Woher hast du sie?“

„Tootsie. Sie hat sie Mrs. Patterson mitgebracht.“

„Das darf doch nicht wahr sein! Will sie ihre beste Freundin umbringen? Nur weil sie selbst dünn wie eine Bohnenstange ist und alles essen kann. Tu das Zeug weg.“

„Mattie?“, sagte eine Stimme aus dem Nichts. „Mattie? Sind Sie da?“ Es war Muffy an der Gegensprechanlage.

Matilda ging nun an den Apparat neben dem Telefon. „Ja, Mrs. Patterson?“

„Könnten Sie bitte meine Tochter zu mir schicken? Ich kann sie nicht finden.“

„Sie versteckt sich wahrscheinlich vor Ihnen“, sagte Matilda, ohne jedoch den Sprechbutton zu drücken. John-Michael lächelte. Muffy liebte die Aufmerksamkeit, die ihr jeder seit ihrem Herzanfall entgegenbrachte.

Er drückte die Sprechtaste. „Kann ich irgendetwas für Sie tun, Mrs. Patterson?“

„Nein, es geht um die Hochzeit. Ich habe gerade ein Geschäft ausfindig gemacht, das wunderbare belgische Spitze verkauft. Für Sonyas Brautkleid. Es ist in Los Angeles. Sie muss unbedingt dorthin. Du wirst sie natürlich begleiten.“

Keine schlechte Idee, dachte er. Kalifornien, ein warmer Strand, Sonya im Bikini … „Ich werde sie suchen.“

Er fand sie in der Schwimmhalle. Ihr bevorzugter Aufenthaltsort, um Stress abzubauen. Er wartete, bis sie aus dem Pool stieg.

„Stressabbau?“, fragte er.

„Kalorienabbau. Aber ich kann gar nicht so viele Runden schwimmen, wie nach den Pralinen nötig wären.“

Er reichte ihr ein Handtuch. Sie trug keinen Bikini, sondern einen schlichten Badeanzug.

„Deine Mutter will dich sprechen.“

Sonya seufzte. „Okay. Ist es dringend? Eigentlich wollte ich noch in die Sauna gehen.“

„Es geht um belgische Spitze aus Kalifornien. Sie möchte, dass du hinfährst, um sie dir selbst auszusuchen.“

„Ich will nicht nach Kalifornien.“ Sie trocknete sich ab, und John-Michael wusste plötzlich nicht mehr, wohin er sehen sollte. Der hellgrüne Badeanzug klebte an Sonyas Körper. Ihre Brustspitzen waren hart und zeichneten sich deutlich ab.

„Außerdem muss ich mich um meine Mutter kümmern. Ich kann gar nicht weg“, fuhr sie fort und bemerkte seine Bedrängnis gar nicht.

„Es sind genug Leute hier, die auf Muffy aufpassen. Sonya, du brauchst eine Pause. Seit einem Monat bist du deiner Mutter nicht von der Seite gewichen. Sie liebt die Aufmerksamkeit, aber langsam muss der Alltag wieder einkehren. Es ist ein gutes Zeichen, dass sie dich für ein paar Tage loslässt. Du solltest die Gelegenheit nutzen.“

„Aber nach Kalifornien? Um Spitze für ein Kleid auszusuchen, das ich niemals tragen werde?“

„Gibt es im Dezember einen schöneren Ort?“, entgegnete er.

„Wir könnten Marvins Eltern in Boston besuchen. Sie können uns vielleicht helfen. Ich werde Brenna und Cindy anrufen. Das wird ein Spaß!“

„Spaß?“

„Ja, Spaß“, bestätigte sie. „Es ist schrecklich, was Marvin mir angetan hat, aber durch ihn habe ich Brenna und Cindy kennengelernt. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nicht so viel Spaß gehabt wie mit den beiden.“

John-Michael zweifelte keinen Moment an ihren Worten. Sie war so aufgewühlt, wie er sie noch nie erlebt hatte. Und das reizte ihn mehr, als er zugeben wollte. Gott sei Dank schenkte sie ihm keine besondere Beachtung, denn sonst wäre ihr vielleicht aufgefallen, dass seine Sporthose plötzlich sehr eng saß.

„Du magst die Frauen wirklich, ja?“

„Ich habe das erste Mal im Leben das Gefühl, wirkliche Freundinnen zu haben.“

„Du hattest immer viele Freundinnen.“

„Ich hatte immer viele Mädchen um mich herum“, korrigierte sie ihn. „Doch der Grund waren nicht gemeinsame Interessen, sondern das Geld unserer Eltern und die abgeschottete Welt, in der wir lebten. Einige haben sich auch nur mit mir angefreundet, weil sie glaubten, davon profitieren zu können. Sie liebten es, von Matilda bekocht und bedient zu werden, und genossen es, wenn Muffy uns alle zum Lunch in die nobelsten Restaurants führte.

Aber Brenna und Cindy – sie mögen mich um meiner selbst willen. Die beiden sind weder an Geld noch an der neuesten Designermode interessiert, noch wollen sie ihre Namen in der Gesellschaftsspalte einer Zeitung lesen. Und je mehr Zeit ich mit den beiden verbracht habe, desto klarer wurde mir, was wirklich wichtig im Leben ist.“

Sonya rubbelte nun ihre wilde Lockenpracht trocken. John-Michael gefiel es, wenn sie nicht sorgfältig gestylt war. Sie sah dann aus, als käme sie gerade aus dem Bett.

Er verdrängte den Gedanken. Vor langer Zeit hatte er gelernt, sich nicht zu wünschen, was er nicht bekommen konnte. Vielleicht hätte er Sonya damals haben können. Auf dem Rücksitz seines Wagens. Oder sie hätten sich in ein leer stehendes Schlafzimmer geschlichen. Aber das hätte ihn nicht befriedigt. Er wollte mehr als ein Abenteuer für ein reiches Mädchen sein.

Außerdem stand für ihn fest, dass Frauen wie sie nicht ihren Bodyguard heirateten.

Nur noch wenige Wochen, dann war er nicht mehr ihr Bodyguard. Eine berufliche Karriere außerhalb der Welt der Pattersons lag vor ihm …

„McPhee?“

Der Klang seines Namens brachte ihn in die Gegenwart zurück.

„Du warst mit den Gedanken ganz woanders. Entschuldige, ich habe dich wahrscheinlich schrecklich mit meinem Geschwätz über Freundschaften und Abenteuer und dem Sinn in meinem Leben gelangweilt.“

„Überhaupt nicht“, erwiderte er. Im Gegenteil, sie hatte seine Fantasie beflügelt. Er zwang sich, in die Wirklichkeit zurückzukehren. Ja, er freute sich auf seinen neuen Job. Trotzdem blieb er für Sonya der Sohn des Gärtners.

Sonya fühlte sich so gut wie schon lange nicht mehr. Sie war sehr früh aufgestanden und hatte gepackt. Jetzt frühstückte sie Weizenflocken mit frischen Früchten und fettarmer Milch – ganz gesund – und freute sich auf die Reise nach Cottonwood. Sie würden dort auch Brenna treffen, und alle würden sie in der Pension übernachten.

Gestern hatte sie mit der freundlichen Dame in Los Angeles gesprochen, die die belgische Spitze importierte, und unbesehen zehn Meter bestellt, denn Muffy würde sich wundern, wenn keine Lieferung kam.

McPhee betrat die Küche, als Sonya gerade Blaubeeren in ihre Schüssel gab und ein paar geröstete Mandeln hinzufügte, um dem Ganzen wenigstens etwas Geschmack zu geben.

„Nennst du das Frühstück?“, fragte er und deutete auf die Schachtel mit den Weizenflocken. McPhee sah fantastisch aus in seiner Freizeithose und dem gestärkten burgunderroten Hemd. Er hatte sich sogar die Haare schneiden lassen. „Rühreier mit Schinken wären mir lieber.“

„Du weißt, dass es so etwas in diesem Haus nicht mehr gibt.“

„Nur weil Muffy auf Diät ist, muss der Rest von uns auch dieses Essen ertragen?“, klagte er und holte sich eine Schüssel und einen Löffel aus dem Schrank.

„Wir können alle ein etwas gesünderes Essen vertragen“, sagte Sonya. „Dann erleiden wir in dreißig Jahren keinen Herzanfall. Hast du gepackt?“

„Ja. Sollen wir die Limousine nehmen?“

„Nein, wir nehmen meinen Wagen. Der ist nicht so auffällig.“

„Ich fahre“, sagte McPhee.

„Wer sagt das?“

„Das würde jeder sagen, der deine Fahrkünste kennt.“ Er wartete darauf, dass sie auf die Provokation reagierte.

Doch Sonya war viel zu gut gelaunt, um zu streiten. Außerdem hatte er recht. Sie besaß kaum Fahrpraxis und fuhr nicht gern. Entweder chauffierte Tim sie in der Limousine, oder sie ließ John-Michael fahren.

„Okay, du kannst fahren. Aber ich lerne es nie, wenn ich keine Fahrpraxis bekomme.“

„Mit dir ist heute Morgen aber leicht auszukommen.“

Sie zuckte mit den Schultern. Die Aussicht, Brenna und Cindy zu treffen, erfüllte sie mit Freude.

„Weißt du was, McPhee? Ich hätte nie gedacht, dass ich es jemals zugeben würde, aber du hattest recht. Ich bin verwöhnt. Und nutzlos. Ich bin fast dreißig Jahre alt und tue nichts. Mein Leben besteht nur aus sozialem Engagement und Shopping.“

„Was ist mit deiner Wohltätigkeitsarbeit?“

„Oh, du meinst diese Sitzungen, an denen ich einmal im Monat teilnehme? Oder die Ausschüsse, die ich zwei- oder dreimal im Jahr betreue, damit ich die Illusion aufrechterhalten kann, dass mein Leben einen Sinn hat?“

„Jetzt ist, glaube ich, nicht der richtige Zeitpunkt für gnadenlose Selbstkritik“, sagte McPhee mit sanfter Stimme. „Du hast im Moment viel um die Ohren. Die Krankheit deiner Mutter und das kleine Problem mit Marvin …“

„Marvin. Was habe ich mir nur gedacht? Wenn ich ihn geheiratet hätte, wäre ich eine weitere Muffy geworden oder – Gott bewahre – eine Tootsie.“

„Welche Alternative hast du?“

„Ich könnte … ach, ich weiß nicht. Vielleicht könnte ich in einem Obdachlosenheim oder in einer Klinik ehrenamtlich arbeiten.“

McPhee lachte, verstummte jedoch sofort, als er den scharfen Blick sah, den Sonya ihm zuwarf. Liebe Güte, sie meinte es ernst. Und ihr Gesichtsausdruck war unbezahlbar.

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