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Viel zu viel Sex-Appeal?

Kara Lennox

Viel zu viel Sex-Appeal?

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Kara Lennox

Viel zu viel Sex-Appeal?

1. KAPITEL

Alles ging ganz schnell. Gerade eben saß Jonathan Hardison noch im Sattel und trieb die Rinder auf die Winterweide. Im nächsten Moment flog er schon durch die Luft und schlug bei der Landung so hart mit dem Kopf auf, dass er kaum atmen konnte. Dann wurde er von dem Pferd fast totgetrampelt, das ihn abgeworfen hatte.

Er spürte einen stechenden Schmerz im Bein, doch als Rancher war er einiges gewöhnt. Die Arbeit auf der Ranch war nichts für weiche Männer.

Cal Chandler stieg von seinem Pferd und kam näher, um zu sehen, was passiert war. Cal arbeitete noch nicht lange auf der Hardison-Ranch. Er war der Enkel des Tierarztes und machte den Eindruck eines Mannes, den so schnell nichts umhaute.

Bis jetzt.

Cal starrte Jonathan mit offenem Mund an.

„Steh nicht einfach so rum!“, fuhr Jonathan ihn an. „Hilf mir hoch.“

„Sie bleiben besser liegen, bis der Rettungswagen hier ist, Boss.“

„Bist du verrückt geworden? Ich bin vielleicht etwas hart aufgeschlagen …“ Jonathan stützte sich auf den Ellenbogen, sah sein unnatürlich gekrümmtes Bein und wünschte, er wäre liegen geblieben.

„Haben Sie Ihr Handy dabei?“, fragte Cal.

„In der Satteltasche“, sagte Jonathan. Dann fiel er in Ohnmacht.

„Es hätte schlimmer kommen können“, sagte Jonathans Bruder Jeff am nächsten Tag im Mother Frances Hospital in Tyler, Texas. Tyler war die nächstgelegene größere Stadt.

„Dann lass mich nach Hause“, erwiderte Jonathan. Faul im Bett herumzuliegen, gehörte nicht zu seinen Lieblingsbeschäftigungen.

„Vielleicht morgen“, erwiderte Jeff. „Deine Gehirnerschütterung bereitet mir mehr Sorgen als der Bruch.“ Jeff war nicht nur Jonathans Bruder, sondern auch sein Arzt, und er genoss es sichtlich, seinem älteren Bruder Vorschriften zu machen.

„Von wegen vielleicht“, wetterte Jonathan. „Wenn du mich nicht entlässt, gehe ich auf eigene Verantwortung.“

„Ziemlich schlecht gelaunt, dein Bruder“, meinte Jeffs Verlobte Allison, die das Gespräch bisher schweigend verfolgt hatte.

„Das wärst du auch, wenn du so ein blödes Nachthemd tragen müsstest, das hinten offen ist.“

„Im Ernst, Jonathan“, sagte Allison. „Du kannst noch nicht nach Hause. Wie willst du allein zurechtkommen? Du brauchst Krücken …“

„Auf keinen Fall! Sorg dafür, dass ich einen Gehgips bekomme“, sagte Jonathan. „Ich kann laufen.“

„Das kannst du nicht“, erwiderte Jeff. „Wenn du dein Bein jetzt belastest, wird es nie richtig heilen.“

„Dann gib mir die Krücken und lass mich endlich gehen.“

„Vielleicht“, sagte Jeff wieder.

Jonathan konnte das Wort schon nicht mehr hören.

„Du brauchst zu Hause Unterstützung“, sagte Allison. „Immerhin hast du zwei sehr lebhafte Kinder.“

„Pete wird damit fertig“, sagte Jonathan.

Pete war der einundachtzigjährige Großvater. Er hatte die Hardison-Ranch aufgebaut, sie aber schon vor einigen Jahren seinen drei Enkelsöhnen überschrieben und sich zurückgezogen. Er lebte noch in dem Haupthaus und kümmerte sich gelegentlich um Jonathans Kinder, den achtjährigen Sam und die siebenjährige Kristin. Das gab ihm das Gefühl, gebraucht zu werden. Jonathan war froh darüber, denn er war schon lange geschieden und brauchte die Hilfe.

„Du vergisst, dass Pete und Sally am Samstag heiraten“, erinnerte ihn Jeff.

„Stimmt, verdammt.“ Nach der Hochzeit wollten Pete und seine langjährige Freundin Sally Enderlin auf Kreuzfahrt gehen. „Egal, ich werde es schon irgendwie schaffen.“ In Wirklichkeit wusste er aber nicht, wie. Sein jüngster Bruder Wade hatte angeboten, bei der Versorgung des Viehs zu helfen. Aber wie sollte er kochen, putzen und seine hyperaktiven Kinder überwachen?

„Ich werde jemanden einstellen, der ab und zu vorbeikommt“, sagte Jonathan entschieden.

Jeff schüttelte den Kopf. „Du musste jemanden haben, der ständig da ist, zumindest während der ersten Woche.“

Jonathan blickte zu Allison in der Hoffnung, dass sie ihre Hilfe anbieten würde. Was sie natürlich nicht tat. Konnte sie auch gar nicht. Sie war Zahnärztin und unterhielt eine gut gehende Praxis in Cottonwood, der kleinen Stadt, in der sie lebten. Allison konnte ihre Praxis nicht einfach eine Woche lang schließen.

Doch sie hatte diesen eigentümlichen Gesichtsausdruck, wie immer, wenn sie einen verrückten Einfall hatte.

„Woran denkst du?“, fragte er rundheraus.

„Ich habe eine Freundin in Dallas, die Krankenschwester ist“, sagte Allison langsam. „Im Dezember fängt sie einen neuen Job an, aber im Moment hat sie nichts zu tun. Ich dränge sie schon lange, mich einmal zu besuchen. Wenn sie hört, dass sie hier als Krankenschwester benötigt wird, kommt sie sofort.“

„Ich brauche doch keine Krankenschwester“, protestierte Jonathan und sah in Gedanken schon eine alte Schachtel mit Pferdegesicht vor sich, die ihn mit Spritzen quälte.

„Doch“, widersprach Jeff energisch. „Dann habe ich auch kein Problem, dich zu entlassen. Ruf sie an, Allie.“

Allison sah Jonathan an. „Es ist deine Entscheidung.“

Ihm blieb keine andere Wahl. Wenn diese Krankenschwester erst merkte, dass er allein ganz gut zurechtkam, würde sie ihn in Ruhe lassen und sich auf die Kinder konzentrieren. Daher nickte er.

Allison lächelte und öffnete ihre Tasche. „Ich rufe Sherry sofort an.“

Jeff fiel die Kinnlade hinunter. „Sherry? Meinst du etwa Sherry McCormick, diesen Männer verschlingenden Vampir?“

„Ach, Jeff, jetzt übertreibst du aber. Okay, sie war in dich verknallt. Was soll’s?“ Allison ging die Nummern auf ihrem Handy durch.

Interessant, dachte Jonathan. Ein Männer verschlingender Vampir? Klang nicht nach Pferdegesicht.

„Sherry ist eine ausgezeichnete Krankenschwester“, sagte Allison. „Sie hat gerade einen Job bei dem besten plastischen Chirurgen von Dallas bekommen.“

„Du kannst Sherry McCormick nicht nach Cottonwood holen“, sagte Jeff bedächtig. „Diese Großstadtpflanze passt nicht hierher.“

„Was ist los? Hast du Angst, dass sie sich wieder an dich heranmacht? Keine Sorge, sie ist über dich hinweg.“

„Und jetzt willst du sie auf Jonathan loslassen?“

„Jonathan ist nicht ihr Typ. Außerdem hat sie mir gesagt, dass sie nie etwas mit einem Patienten anfängt. Das wäre nicht professionell.“

„Warum bin ich nicht ihr Typ?“, wollte Jonathan wissen. Offensichtlich war diese Sherry ganz sein Typ – schrill und draufgängerisch. Seine Exfrau Rita war genauso gewesen, extravagant und verschwenderisch. Allerdings hatte die Verbindung nicht lange gehalten. Rita war in dem winzigen Cottonwood vor Langeweile fast eingegangen, und selbst ihre beiden Kinder hatten sie hier nicht halten können. Sie war in ihre Heimatstadt New Orleans zurückgekehrt und sah die Kinder höchstens zweimal im Jahr.

„Sie steht auf Ärzte und Anwälte“, antwortete Jeff. „Auf Männer in Anzügen mit teuren Autos, die sie in Vier-Sterne-Restaurants ausführen und mit Schmuck überschütten.“

So ein Mann war Jonathan ganz gewiss nicht.

„Ich bin nicht auf eine Affäre aus“, sagte Jonathan. „Wenn sie für den Job geeignet ist und kommen will, dann hol sie her.“

Allison lächelte zufrieden und wählte eine Nummer. Jeff stöhnte auf.

Sherry McCormick fuhr langsam um den Marktplatz von Cottonwood herum und sah sich staunend um. Wie die Kulisse in einem Hollywood-Filmstudio, dachte sie. Für ein Stück, das in den Zwanzigerjahren spielte. Ihr fiel kaum ein Wort ein, mit dem sie diese Stadt beschreiben konnte. Vielleicht auf altertümliche Weise hübsch.

Die malerischen Geschäfte und Restaurants bezauberten sie, und sie fühlte sich sofort heimisch, obwohl sie sonst für das beschauliche Leben in der Provinz nichts übrig hatte.

Sie war eher ein Stadtmensch. Letztes Jahr hatte sie sich in Dallas eine Wohnung gekauft und liebevoll eingerichtet, jedes Bild und jedes einzelne Teil sorgfältig ausgewählt. Aber obwohl das Apartment gemütlich eingerichtet war, fehlte ihm die Wärme. Wahrscheinlich konnte keine Wohnung, egal wie schön sie war, ein richtiges Zuhause sein, solange man allein darin lebte.

Seufzend verließ Sherry die Ortsmitte und folgte Allisons Wegbeschreibung zur Hardison-Ranch. Vielleicht war es ihr Los, Single zu bleiben. Sie hatte viele Männer kennengelernt, doch die meisten hatten sich bereits nach einer Nacht verabschiedet. Vielleicht war sie einfach nicht der Typ Frau, mit der ein Mann sein Leben verbringen wollte.

So traurig die Vorstellung war, Sherry konnte auch ohne Ehemann leben. Aber ohne Kinder alt zu werden – der Gedanke stimmte sie traurig. Allerdings blieb ihr noch Zeit. Sie war einunddreißig und wollte erst einmal beruflich weiterkommen. Ihren letzten Job hatte sie verloren. Ungerechterweise, wie Sherry fand. Sie war eine gute, sehr gewissenhafte Krankenschwester. Der Grund für die Kündigung waren Probleme im menschlichen Bereich gewesen. Gott sei Dank hatte sie ab Dezember einen neuen Job mit sehr guter Bezahlung bei dem besten Facharzt für plastische Chirurgie in Dallas.

In der Zwischenzeit würde sie auf der Hardison-Ranch Geld verdienen, was ihr half, die Kreditkartenrechnung auszugleichen.

Die Ranch war leicht zu finden. Sherry musste nur meilenweit dem weißen Zaun folgen, bis sie schließlich das Hauptgatter mit dem handgemalten Zeichen und einer Metallskulptur eines Langhornrinds erreichte. Oder war es ein Bulle? Ein Stier? Egal. Sherry kannte sich nicht mit Rindern aus, und sie interessierten sie auch nicht.

Sie bog mit ihrem Firebird ab und passierte das Gatter. Im Schritttempo fuhr sie den langen Schotterweg entlang. Zu ihrer Rechten bemerkte sie eine pittoreske rote Scheune.

„Was für eine Reise“, murmelte sie.

Als Sherry das Farmhaus erreichte, war sie beeindruckt. Es war ein riesiges zweigeschossiges Holzhaus. Ringsherum lagen saftige Weiden, und direkt am Haus sorgten große Bäume für Schatten im heißen Sommer von Texas. Chrysanthemen blühten leuchtend gelb.

Das Haus und das Gelände machten einen gepflegten Eindruck. Sie hoffte, dass das Innere ähnlich schön war, was sie allerdings bezweifelte, da die Ranch von Junggesellen bewohnt wurde. Der Gedanke, ihre ganze Zeit damit zu verbringen, Fußböden und Toiletten zu putzen, gefiel ihr überhaupt nicht, doch sie würde es tun, wenn es sein musste. Als sie damals den Campingplatz verließ, auf dem sie mit ihren Eltern lebte, hatte sie sich geschworen, nie wieder in ungepflegter und schmutziger Umgebung zu wohnen. Auch nicht kurzfristig.

Sherry parkte ihren Firebird neben einem Pick-up. Auf dem Parkplatz standen noch weitere Autos, alles Pick-ups oder Geländewagen. Mein flacher roter Sportwagen wirkt völlig fehl am Platz, dachte sie und musste lächeln. Was ihr neuer Arbeitgeber wohl denken würde?

Sie hatte sich keine großen Gedanken über ihren Patienten Jonathan Hardison gemacht. Auf ihre Frage, ob er genauso aufregend wie sein jüngerer Bruder sei, hatte ihre Freundin ausweichend erwidert: „Er ist ziemlich attraktiv, wenn er lächelt. Aber das ist nicht besonders häufig der Fall.“ Offensichtlich kein leichter Patient.

Nun, gleich würde sie ihn kennenlernen. Sie trug neuen Lippenstift auf, puderte ihre Nase, fuhr sich noch einmal durch die blonden Haare, nahm ihre Reisetasche und stieg aus.

„Sie ist da!“, verkündete Jonathans achtjähriger Sohn Sam aufgeregt.

„Ich will sie sehen!“ Die siebenjährige Kristin rannte zu ihrem Bruder ans Fenster.

Wenn Jonathan gekonnt hätte, hätte er es auch getan. Aber er war mit hochgelegtem Bein an seinen Lehnstuhl gefesselt. Er konnte sich zwar bewegen, konnte mit den Krücken auch laufen, wenn es sein musste, doch Jeff hatte absolute Schonung angeordnet.

Es war das erste Mal, dass Jonathan auf seinen Bruder hörte. Seit er die starken Medikamente nicht mehr nahm, die er im Krankenhaus bekommen hatte, schmerzte sein Bein sehr. Er würde alles tun, was notwendig war, damit die Fraktur so schnell wie möglich heilte und er wieder an die Arbeit konnte.

Die ganze Familie war ins Krankenhaus gekommen, um ihn abzuholen und nach Hause zu bringen. Jetzt hielt sie sich im Haus auf. Jeff und sein Vater Edward Hardison, der ebenfalls Arzt war, wollten die Krankenschwester einweisen. Wade war angeblich da, weil er in den nächsten Wochen die Ranch leiten würde. Aber Jonathan vermutete, dass er und seine Frau Anne nur aus Neugierde erschienen waren.

Und Allison, die alles eingefädelt hatte, wollte Sherry begrüßen. Petes fröhliche Verlobte Sally hatte für ihre Anwesenheit keine Entschuldigung, außer dass sie und Pete unzertrennlich waren. Und alle wieselten um ihn herum, bereiteten das Gästezimmer vor, wuschen Wäsche, füllten die Speisekammer auf. Sosehr Jonathan seine Familie liebte, jetzt wünschte er, sie würde verschwinden und ihn einfach in Ruhe lassen. Er war selbst in der Lage, mit der Krankenschwester alles zu klären.

Wade trat zu den Kindern ans Fenster und stieß einen leisen Pfiff aus. „Allison, bist du verrückt geworden? Sie sieht überhaupt nicht wie eine Krankenschwester aus, sondern eher wie …“

„Sag es nicht.“ Allison brachte ihren zukünftigen Schwager mit einer Handbewegung zum Schweigen. „Du kannst einen Menschen nicht nach seinem Äußeren beurteilen.“

Wonach denn sonst, dachte Jonathan.

„Lass mal sehen“, sagte Pete, Jonathans drahtiger Großvater. „Sie kann doch nicht – heiliger Strohsack! Was für eine Frau!“

„Pete, wirklich“, rügte Allison ihn. „Sherry ist eben … ein Individuum. Sie hat ihren eigenen einzigartigen Stil.“

„Ziemlich schrill“, kommentierte Anne. „Meine Güte, sieh dir bloß mal den Wagen an!“

„Und diese hochhackigen Schuhe!“, fügte Wade hinzu.

„Sie trägt eine Hose mit Leopardenmuster!“, beobachtete Sam.

„Geht endlich vom Fenster weg“, sagte Jonathan. „Was soll die Frau von uns denken!“ Er selbst dachte nur an die Kommentare seiner Familie – einzigartiger Stil … schrill … hochhackige Schuhe … Hose mit Leopardenmuster. Bedeutete das Löwenmähne und hautenge Kleidung? Bei dem Gedanken schlug sein Herz gleich etwas schneller. Reiß dich zusammen, sagte er sich. Das letzte, was er jetzt gebrauchen konnte, war, dass er sich in eine kapriziöse Städterin verliebte.

Es klingelte, und Allison seufzte. „Will noch jemand einen Kommentar zu der armen Sherry abgeben, bevor ich sie hereinlasse? Denn ich verspreche euch, dass ich jedem, der in ihrer Gegenwart etwas Gemeines sagt, den Hals umdrehen werde.“

Allison ging an die Tür. Jonathan täuschte Interesse an der Fernsehzeitung vor. Sollten die anderen doch so ein Getue um Sherry machen. Er würde ihr zeigen, dass er ihrem Kommen nur zugestimmt hatte, damit Jeff ihn aus dem Krankenhaus entließ.

„Allie, Liebes, du siehst wundervoll aus!“ Die Fremde trat ins Haus und umarmte Allison herzlich. „Die Verlobung scheint dir zu bekommen. Jeff, du Schlitzohr, es wird aber auch Zeit, dass du endlich von der Straße wegkommst.“ Sie küsste Jeff auf die Wange.

Jonathan betrachtete alles aus dem Augenwinkel heraus, konnte jedoch nur eine schlanke Figur und eine wallende blonde Mähne erkennen.

Allison stellte Sherry den restlichen Familienmitgliedern vor und führte sie schließlich zu Jonathan. Er blickte von seiner Fernsehzeitung hoch und setzte ein Lächeln auf, das ihm jedoch im nächsten Moment gefror. Vor ihm stand das fantastischste Wesen, das er je gesehen hatte. Eine Mischung aus Florence Nightingale und Madonna.

„Jonathan, darf ich dir Sherry McCormick vorstellen?“ Doch Jonathan hörte kaum, was Allison sagte.

Sherry streckte die Hand aus. Ihre Fingernägel waren unglaublich lang und so rot wie ihr Lippenstift. „Freut mich, Sie kennenzulernen, Jonathan. Ich hoffe, dass ich Ihnen helfen kann.“

Ihre Stimme klang rauchig. Jonathan nahm ihre Hand. Sie war kühl und weich. Er drückte sie kurz.

Das sollte eine Krankenschwester sein? Bei ihr konnte er sich alles vorstellen, nur nicht, dass sie einen Rollstuhl durch die Flure eines Sanatoriums schob.

„Wie haben Sie das geschafft?“, fragte Sally und deutete auf sein eingegipstes Bein.

Jonathan wollte nicht über seinen Unfall sprechen. Er war seit Jahren nicht mehr vom Pferd abgeworfen worden, und es war ihm peinlich.

„Reine Dummheit“, sagte er schließlich und hoffte, damit weiteren neugierigen Fragen vorzubeugen.

„Ich zeige dir dein Zimmer“, sagte Allison. Sie warf einen Blick auf die kleine Tasche, die Sherry in der linken Hand hielt. „Du hast doch mehr Gepäck dabei, oder?“

„Viel mehr“, erwiderte Sherry. „Ich reise nie mit leichtem Gepäck.“

„Wenn du mir die Schlüssel gibst, dann hole ich die Sachen aus deinem Wagen“, bot Jeff an.

Sherry reichte ihm die Schlüssel und ließ sich dann von ihrer Freundin zu ihrem Zimmer führen. „Das Zimmer liegt gegenüber von Jonathans“, sagte Allison im Weggehen. Die Kinder, die Sherry angestarrt hatten, als sei sie ein exotisches Tier im Zoo, folgten den zwei Frauen.

„Heiliger Strohsack!“, sagte Pete und unterdrückte ein Lachen.

„Sie ist … anders“, meinte Edward und wischte sich mit einem Taschentuch über sein rundes Gesicht.

„Jeff hat uns gewarnt“, sagte Wade und grinste übers ganze Gesicht. „Aber darauf war ich ehrlich gesagt nicht vorbereitet. Sie ist irgendwie …“

„Wie ist sie?“, fragte Anne, als sie sich zu Wade auf die Couch setzte und den Kopf an seine Schulter lehnte. „Du stehst doch auf Löwenmähne und eng anliegende Kleidung, oder?“ Sie warf ihm einen anzüglichen Blick zu.

„Aber nicht bei einer Krankenschwester.“ Er wusste genau, worauf Anne anspielte. Sie, die zurückhaltende, konservative Rechtsanwältin, hatte Wades Aufmerksamkeit für sich gewonnen, als sie als Countrysängerin herausgeputzt auf einem Rodeo schamlos mit ihm flirtete.

Edward sah seinen ältesten Sohn durchdringend an. „Du bist so ruhig. Was hältst du von ihr? Fühlst du dich wohl bei dem Gedanken, dass sie für dich und die Kinder sorgt?“

Wohlfühlen? Wie sollte er, wenn er so erregt war, dass ihm die Jeans zu eng wurde?

Er zuckte mit den Schultern und machte ein gleichgültiges Gesicht. „Es wird schon gehen. Und wenn nicht, schicke ich sie wieder nach Hause.“ Er hoffte, dass sie eine schreckliche Krankenschwester war und dass er noch vor Einbruch der Dunkelheit tausend Gründe fand, sie zu feuern. Wenn nicht, würde er hart daran arbeiten müssen, die Hände von ihr zu lassen.

2. KAPITEL

Sherry ließ sich von Allison durch das Haus führen. Obwohl seit Jahren keine Frau mehr in diesem Haus wohnte, war es entgegen ihren Befürchtungen absolut sauber und gepflegt. Diese Sorge war ihr genommen. Gut so, denn jetzt hatte sie ganz andere Probleme – zum Beispiel, wie sie Distanz zu ihrem Patienten halten sollte. Jonathan Hardison war der aufregendste Mann, der ihr je begegnet war. Er sah umwerfend gut aus, noch besser und vor allem ganz anders als sein jüngerer Bruder Jeff.

Erstens war er größer. Das war Sherry aufgefallen, obwohl Jonathan im Sessel gesessen hatte. Zweitens hatte er breitere Schultern und war sehniger, wie der Cowboy aus der alten Zigarettenwerbung. Sein Gesicht war gebräunt, obwohl schon fast Winter war. Das Aufregendste an ihm waren seine Augen. Dunkel, geheimnisvoll, wachsam. Nichts törnte sie so sehr an wie ein geheimnisvoll wirkender Mann.

Schade, dass sie sich zur Regel gemacht hatte, die Hände von einem Patienten zu lassen. Warum lernte sie so einen Mann nicht unter anderen Umständen kennen?

Vielleicht bin ich ja gar nicht lange hier, dachte sie. Der Mann hatte sie zwar höflich lächelnd willkommen geheißen, doch das Lächeln hatte seine Augen nicht erreicht. Offensichtlich wollte Jonathan Hardison sie nicht in seinem Haus haben.

Schon früh hatte Sherry die Erfahrung gemacht, dass die meisten Menschen ihr erst einmal ablehnend gegenüberstanden und sie erst nach näherem Kennerlernen schätzten.

Jonathan schien zu diesen Menschen zu gehören. Sie würde alles dransetzen, ihn für sich zu gewinnen – falls er sie nicht vorher feuerte.

Beim Anblick seiner süßen Kinder wurde ihr das Herz schwer. Erinnerungen wurden wach, die sie schnell wieder verdrängte.

„Wir haben heute Morgen schon eingekauft“, sagte Allison, als sie die Küche betraten. „Ich habe keine Ahnung, was du gern kochst, deshalb habe ich einige Grundnahrungsmittel besorgt und auch Tiefkühlkost, nur für den Fall. Falls du etwas brauchst, kannst du auf unsere Rechnung einkaufen.“

Sherry inspizierte die Schränke und den Kühlschrank in der großen, gemütlichen Küche. Für die nächsten Tage würde es reichen. „Brauche ich eine Vollmacht?“

„Für was?“

„Für den Supermarkt.“

Allison lachte. „Nein. Ich habe Clem von Grubb’s Food Mart angerufen. Er weiß Bescheid.“

Wow, dachte Sherry, so läuft das Leben in einem Dorf. Jeder kannte jeden und vertraute offensichtlich jedem. Sherry war sich nicht sicher, ob ihr das gefiel. Sie war an die Anonymität in Großstädten gewöhnt. Jeden Tag lernte sie neue Menschen kennen, und keiner kannte ihre Vergangenheit, sondern nur das, was sie von sich erzählte.

Das reicht auch, dachte sie und musste lächeln.

„Warum lächelst du?“, fragte Jonathans kleine Tochter.

„Weil ich mich freue, hier zu sein.“

„Du hast schöne Zähne.“

„Die schönsten, die man mit Geld kaufen kann“, witzelte Sherry.

„Was ist mit deinen Zähnen passiert?“, fragte Allison. „Du weißt, ich bin Zahnärztin. Deshalb interessiert mich so etwas rein beruflich.“

„Ich bin als Kind mit dem Fahrrad gestürzt und habe mir dabei zwei Zähne angeschlagen.“ Diese Geschichte erzählte Sherry seit Jahren, denn sie war schöner als die Wahrheit.

„Dein Zahnarzt hat gute Arbeit geleistet“, sagte Allison, als sie durch das Esszimmer zurück ins Wohnzimmer gingen.

„Danke.“ Sich die Zähne machen zu lassen, war das Erste gewesen, was Sherry nach ihrer Ausbildung getan hatte.

Jeff kam mit Sherrys Gepäck ins Haus. Jonathan runzelte die Stirn, als er die vielen Taschen sah. „Sie sind doch nur für ein paar Tage hier, oder?“

„Ich weiß, es ist etwas viel“, entschuldigte sie sich. „Aber ich kann mich nie entscheiden, was ich mitnehmen soll. Keine Sorge, ich räume gleich alles weg.“ Sie nahm sich so viele der kleineren Taschen, wie sie tragen konnte, und eilte damit in ihr Zimmer.

Jeff und Allison kümmerten sich um den Rest.

„Soll ich dir beim Auspacken helfen?“, fragte Allison.

„Das mache ich später. Jetzt würde ich mich gern mit Jeff zusammensetzen und mich mit ihm darüber unterhalten, welche Pflege Jonathan braucht.“ Sie holte einen Block und einen Stift aus einer ihrer Taschen.

„Er hat eine Gehirnerschütterung“, sagte Jeff. „Und eine Tibiafraktur. Zum Glück ist es kein komplizierter Bruch. Wir mussten nicht operieren, sondern das Bein nur eingipsen. Er sollte es hochlegen und nicht belasten. Ansonsten achte bitte auf Anzeichen einer Infektion. Er hat einige Abschürfungen von den Tritten des Pferdes.“

Sherry schnappte nach Luft. „Ein Pferd hat ihn getreten?“

„Nachdem es ihn abgeworfen hatte“, fügte Allison hinzu. „Männer und ihre Pferde … Egal, außer auf Jonathan zu achten, musst du kochen, den Haushalt versorgen und dich um die Kinder kümmern. Ich weiß, dass dieser Job nicht deinen Fähigkeiten entspricht …“

„Das macht nichts“, sagte Sherry schnell, merkte aber sofort, wie übereifrig sie klang. Aber der Gedanke, mit Jonathan Hardison und seinen Kindern Vater-Mutter-Kind zu spielen, reizte sie wesentlich mehr, als gut für sie war. „Nimmt Jonathan Medikamente?“

„Ich habe ihm Antibiotika und Schmerzmittel verschrieben. Das Schmerzmittel nimmt er allerdings nicht, weil es ihn müde macht. Sorg dafür, dass er es zumindest nimmt, wenn er nachts nicht schlafen kann. Er braucht unbedingt viel Schlaf.“

„Okay.“ Sie machte sich ein paar Notizen. Dann kehrten alle drei ins Wohnzimmer zurück.

„Kristin hat eine Lebensmittelallergie“, informierte Allison sie noch. „Die Liste der Dinge, auf die sie reagiert, hängt am Kühlschrank.“

Sherry schrieb alles auf. „Noch etwas?“

„Sam hasst es zu baden und wird alles versuchen, sich davor zu drücken. Lass dich nicht von ihm unterkriegen.“

Das kann ja heiter werden, dachte Sherry. Sie hatte noch nie in einem Privathaushalt gearbeitet, sondern nur im Krankenhaus oder in einer Arztpraxis, wo sie viele Ratgeber hatte, wenn es Fragen oder Probleme gab.

„Bleibt doch alle zum Abendessen“, schlug sie vor. „Ich könnte uns einen leckeren Snack zubereiten. Was haltet ihr von einem Frito-chili Pie?“

Jonathan glaubte seinen Ohren nicht zu trauen. Wie lange war die Frau jetzt in seinem Haus? Eine Viertelstunde? Und schon spielte sie die Hausherrin und lud Gäste zum Essen ein. Sie sollten endlich alle nach Hause gehen. Er hatte keine Lust, Gäste zu unterhalten.

Aber er musste sich ja nicht mit an den Tisch setzen. Er würde sich sein Essen auf einem Tablett servieren lassen.

Sherry machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Da sie nicht wollte, dass Jonathan allein aß, verkündete sie, dass sie das Essen ins Wohnzimmer bringen wollte. „Die Kinder können sich auf den Fußboden vor den Couchtisch setzen, alle anderen bekommen ein Tablett. Sie haben doch welche, oder?“ Sie sah Jonathan fragend an.

Er zwang sich zu einem Lächeln und erklärte ihr, wo sie die Tabletts fand.

Frito-chili Pie. Ein traditionelles mexikanisches Gericht, aber Jonathan mochte die mexikanische Küche nicht. Er wollte Kartoffeln mit Fleisch. Der Duft jedoch, der aus der Küche zu ihm drang, war zugegebenermaßen nicht schlecht.

Allison holte die Tabletts, und Kristin half ihr, sie für das Essen herzurichten. Anne legte flotte Musik auf, während Sally sämtliche Lampen im Haus einschaltete. Schon bald war die Party in vollem Gange.

Eine Party war das, was Jonathan jetzt am wenigsten brauchte. Warum merkte seine Familie das nicht? Und Sherry – wusste sie nicht, dass Kranke Ruhe und Frieden brauchten? Was war sie nur für eine Krankenschwester?

In weniger als einer Stunde war das Essen fertig. Er musste ihr zugestehen, dass sie zügig arbeitete. Das dampfende Essen auf seinem Teller stimmte ihn aber nicht gerade fröhlich. Ein saftiges Kotelett wäre ihm lieber gewesen.

„Betet ihr vor dem Essen?“, fragte Sherry, als alle mit ihren Tabletts im Wohnzimmer saßen.

„Eigentlich nur, wenn mein Vater hier ist“, antwortete Allison. „Ich glaube, ich habe dir erzählt, dass er Pfarrer ist. Aber lasst uns beten. Willst du das übernehmen, Sherry?“

„Gern.“ Sie senkte den Kopf. Hingerissen beobachtete Jonathan sie. Ihre weichen Locken fielen nach vorn, und die Haarspitzen streichelten ihr Dekolleté. „Herr, wir danken dir für dieses Essen“, sagte sie. „Und ich danke dir, dass ich diesen Job habe und so meine Kreditkartenabrechnung bezahlen kann. Hilf, dass Jonathan schnell wieder gesund wird.“

„Amen.“

„Guten Appetit!“, rief Sam und nahm seine Gabel.

Jonathan steckte die erste Gabel voll in den Mund und hatte das Gefühl, innerlich zu verbrennen. Irgendwie schaffte er es, die Pastete mit einem Schluck Milch hinunterzuspülen, doch dann musste er husten. Er blickte sich um und stellte fest, dass er nicht der Einzige war, der Probleme hatte. Jeff hatte Tränen in den Augen. Edward hatte die Hand an den Mund gelegt, die Augen traten ihm hervor, und Anne schnappte nach Luft.

Kristin war weniger höflich. Sie spuckte einfach alles wieder aus. „Das ist zu scharf!“, schrie sie.

Sam hielt die Gabel in der Hand und starrte auf sein Essen, als sei es vergiftet.

Sherry betrachtete die Kinder besorgt. „Ist es wirklich zu scharf? Ich habe Chilis in die Pastete getan – sie lagen im Kühlschrank, deshalb dachte ich, ihr mögt scharfes Essen.“

Pete lachte. „Sie gehören mir. Ich liebe Chilis, aber diese Weichlinge mögen sie nicht.“ Pete nahm einen zweiten Bissen. Ihm machte die Schärfe offensichtlich nichts aus.

„Daddy, kann ich ein Brot mit Erdnussbutter haben?“, fragte Kristin.

Alle außer Pete und Sherry holten sich etwas anderes zu essen. Sherry war die Situation peinlich.

„Was ist mit Ihnen, Jonathan?“, fragte sie. „Soll ich Ihnen etwas anderes machen?“

„Ich bin nicht hungrig“, sagte er. „Ich glaube, ich gehe ins Bett.“

„Ich helfe Ihnen.“

Er wehrte ab. „Das schaffe ich schon allein, danke.“

Sherry ignorierte seinen Einwand und half ihm aus dem Sessel. Sie hielt ihn fest, bis er auf seinem gesunden Bein stand, während er die Krücken nahm.

„Jetzt geht es, danke.“

Doch die verdammte Frau ließ nicht locker. „Der erste Tag mit Krücken ist immer der schwerste“, sagte sie. „Sie werden sich aber schnell daran gewöhnen. Allerdings sollten Sie die ersten Tage überhaupt nicht laufen.“

„Ich habe nicht vor – was zum Teufel ist denn das?“ Jonathan blieb auf der Schwelle zu seinem Schlafzimmer stehen und starrte auf das Monstrum auf seinem Bett.

„Das ist eine aufblasbare Rückenstütze“, sagte Sherry fröhlich. „Sehr praktisch, wenn man ans Bett gefesselt ist. Schließlich will man nicht die ganze Zeit liegen …“

„Ich bin nicht ans Bett gefesselt und kein Invalide!“, wetterte er.

Sie zog das Teil vom Bett und schob es zur Seite. „Ich benutze es gern, wenn ich nachts im Bett lesen will“, sagte sie immer noch fröhlich. „Wo sind Ihre Schlafanzüge?“

Wie selbstverständlich zog sie eine Kommodenschublade nach der anderen auf.

„Ich trage keinen Schlafanzug.“

„Ach so, okay.“ Sie schlug die Bettdecke zurück. „Setzen Sie sich, und ich helfe Ihnen …“

„Verdammt noch mal!“, brüllte er. „Merken Sie denn nicht, dass ich keine Hilfe will?“

Sie starrte ihn einen Moment lang an, dann senkte sie den Blick. „Doch“, sagte sie leise, „das zeigen Sie mir unmissverständlich, seit ich hier bin. Aber ich sehe auch, dass Sie Hilfe brauchen, ob Sie es nun wollen oder nicht.“

„Anscheinend habe ich mich nicht deutlich genug ausgedrückt. Noch einmal: Beschränken Sie sich auf das Kochen und Putzen, und kümmern Sie sich um meine Kinder. Ich kann für mich selbst sorgen.“

Sie nahm das aufblasbare Bettgestell und zog den Stöpsel hinaus. „Wie Sie wollen. Wenn Sie etwas brauchen, rufen Sie mich einfach.“

Sherry war schon längst weg, aber Jonathan konnte immer noch ihr Parfum riechen. Er bedauerte sein unhöfliches Benehmen. Schließlich erledigte sie nur ihren Job. Doch es war die einzige Möglichkeit gewesen, sie so schnell wie möglich loszuwerden. Diese Frau machte ihn total an, und es wäre sehr peinlich gewesen, wenn sie gesehen hätte, wie sehr ihn allein ihre Anwesenheit erregte.

Er schloss die Augen und fing an zu träumen – Sherry zog ihn aus, kühl, distanziert, ganz die erfahrene Krankenschwester. Mit ihren schönen Händen berührte sie ihn und kratzte mit ihren langen Nägeln leicht über seine nackte Haut. Unwillkürlich stöhnte er auf. Hoffentlich hatte ihn niemand im Haus gehört.

„Tut mir leid, dass Jonathan sich so unmöglich benimmt“, sagte Allison, als sie Sherry in der Küche half. „Normalerweise ist er sehr umgänglich, nur etwas zurückhaltend. Aber es stinkt ihm, so hilflos zu sein.“

„Kein Wunder. Und dann habe ich auch noch beinahe die ganze Familie vergiftet. Aber ich bin ja lernfähig. Kein scharfes Essen für die Hardisons.“ Sherry lächelte schief. Ausgerechnet die erste Mahlzeit im Haus war total daneben gewesen. „Allison, ich weiß, wie manche Männer reagieren, wenn sie krank oder verletzt sind. Sie fühlen sich schwach und machtlos und kompensieren dieses Ohnmachtsgefühl dadurch, dass sie jeden anbrüllen, der ihnen über den Weg läuft. Daran bin ich gewöhnt. Das stört mich nicht.“ Aber in Wirklichkeit machte es ihr etwas aus. Ihr war es nicht nur wichtig, gute Arbeit zu leisten, sondern sie wollte auch, dass die Patienten sie mochten. Jonathan, so vermutete Sherry, konnte sie jedoch nicht ausstehen.

Nun, sie würde die Herausforderung annehmen.

„Vielleicht regt er sich ab, wenn wir weg sind“, meinte Allison.

„Ihr geht jetzt?“ Natürlich hatte Sherry gewusst, dass die Familie nicht die Nacht hier verbringen würde. Aber der Gedanke, die ganze Verantwortung, vor allem für die Kinder, allein tragen zu müssen, machte sie nervös.

„Pete ist noch eine Nacht hier. Morgen heiraten Sally und er, und dann gehen sie auf Kreuzfahrt.“

„Will Jonathan an der Hochzeitsfeier teilnehmen?“, fragte Sherry besorgt.

„Würde er gern, aber Jeff hat Nein gesagt.“

„Was ist mit den Kindern?“

„Pete nimmt sie mit zur Kirche. Wenn du dafür sorgen könntest, dass sie rechtzeitig fertig sind, wäre das eine große Hilfe.“

„Okay.“ Sherry dachte einen Moment lang nach. „Wo findet der Empfang statt?“

„Im Gemeindesaal. Dort gibt es Punsch und Kuchen. Es wird eine ganz kleine Hochzeit. Warum?“

„Ich will mich nicht einmischen, ich habe nur überlegt, ob wir vielleicht den Empfang hier machen sollten. Dann könnte Jonathan an der Feier teilnehmen.“

Allisons Augen leuchteten auf. „Das ist eine super Idee! Lass uns zu Sally und Pete und hören, was sie davon halten.“

Das ältere Paar war begeistert. „Warum sind wir nicht selbst darauf gekommen?“, sagte Sally. „Wir haben nicht viele Gäste eingeladen, der Platz ist also kein Problem. Ich rufe Gussie und Reenie an und bitte sie, Getränke und Essen hierherzubringen. Haben Sie wirklich nichts dagegen?“

„Ich?“ Sherry lachte. „Ich liebe Partys.“ Sie konnte es gar nicht abwarten, Jonathan die gute Neuigkeit zu überbringen.

Jonathan wurde am nächsten Morgen brutal von hellen Sonnenstrahlen geweckt. Schlaftrunken öffnete er die Augen und sah Sherry, die die Gardinen aufriss. In ihren schwarzen Leggins und einem knallengen pinkfarbenen Top, die Lockenpracht sorglos auf dem Kopf aufgetürmt, war sie eine zum Leben erwachte erotische Fantasie.

„Guten Morgen.“ Zack! Die nächste Gardine. „Möchten Sie das Frühstück im Bett haben?“, fragte sie fröhlich. „Oder möchten Sie sich zuerst fertig machen und dann in Ihren Sessel setzen?“

„Was fällt Ihnen ein, ohne anzuklopfen hereinzuplatzen?“, fuhr er sie wütend an. „Wir sind hier nicht im Krankenhaus. Dies ist mein Haus, mein Zimmer.“

„Ich habe geklopft. Sie haben nicht geantwortet. Deshalb bin ich ins Zimmer gekommen. Und als ich sah, dass Sie atmen …“

„Lassen Sie mich doch einfach in Ruhe!“

„Aber es ist spät, und Sie müssen aufstehen.“

„Warum? Habe ich einen Termin mit dem Präsidenten?“

Sie lächelte geheimnisvoll. „Sie müssen sich für die Hochzeitsfeier fertig machen.“

„Was soll das? Ich kann nicht auf die Hochzeit gehen.“

„Das müssen Sie auch gar nicht. Die Hochzeit findet hier statt. Ein Teil zumindest. Pete und Sally haben den Empfang hierherverlegt, damit Sie die Feier nicht verpassen.“

Jonathan glaubte seinen Ohren nicht zu trauen. „Die ganze Meute kommt hierher?“ Na toll, jetzt wurde die ganze Stadt Zeuge seines Gebrechens. „Auf keinen Fall. Das kommt überhaupt nicht infrage.“

„Freuen Sie sich nicht?“

„Ich bin nicht in der Verfassung, um Gäste zu bewirten!“

„Sie müssen sich um nichts kümmern. Das verspreche ich.“

Er seufzte. Diese Frau war gerade vierundzwanzig Stunden hier und brachte ihn schon zum Wahnsinn. Er hatte Pete gesagt, dass er es bedauerte, das Fest zu verpassen, aber in Wirklichkeit war er gar nicht böse darum. Hochzeitsfeiern waren nicht seine Sache. Sie erinnerten ihn zu sehr daran, dass seine Ehe gescheitert war.

„Schön“, sagte er mit zusammengebissenen Zähnen, da sie auf eine Entscheidung von ihm zu warten schien. „Ich werde mich erst anziehen und dann frühstücken.“

Sie strahlte. „In Ordnung. Haben Sie irgendwo eine Plastikschüssel, die ich benutzen kann?“

„Eine Plastik…“ Plötzlich begriff er. „Oh nein, das werden Sie nicht tun. Sie bleiben mir mit Ihrem Schwamm vom Leibe. Ich kann mich selbst waschen.“

„Jonathan. Sie haben das Bein von oben bis unten eingegipst. Sie können nicht allein baden oder duschen. Jetzt hören Sie auf. Es muss Ihnen nicht peinlich sein. Ich habe Hunderte von Patienten gewaschen …“

„Nein. Wenn Sie unbedingt jemanden waschen wollen, dann die Kinder. Damit haben Sie genug zu tun.“

„Sie haben schon gebadet.“

„Wirklich?“ Er war beeindruckt.

„Pete hat mir geholfen“, gestand sie.

„Kümmern Sie sich doch bitte um das Frühstück“, sagte er etwas freundlicher. „Ich bin gleich da.“

Sie zuckte mit den Schultern. „Okay. Aber bevor ich gehe, muss ich Sie kurz untersuchen.“

„Was gibt es zu untersuchen?“, fragte er grimmig. „Das Bein ist eingegipst.“

Doch ihr unerbittlicher Gesichtsausdruck sagte ihm, dass jeder Widerstand zwecklos war. Diesen Kampf würde er verlieren. Jeff und Ed hatten ihn beide vor den Komplikationen gewarnt, die eine Gehirnerschütterung nach sich ziehen konnte. Seufzend ließ er es zu, dass sie mit einer Lampe in seine Augen leuchtete, um zu sehen, ob seine Pupillen richtig reagierten. Dann zeigte sie mit dem Finger in die Luft und bat ihn, mit den Augen zu folgen.

Als sie versuchte, die Decke über seinen Beinen zurückzuschlagen, wehrte er sich – er war nackt. Doch er gab schließlich nach, und sie achtete darauf, dass der Rest seines Körpers züchtig bedeckt blieb.

Er legte sich zurück, schloss die Augen und versuchte, nicht daran zu denken, dass Sherry ihn berührte. Dabei ging sie viel behutsamer mit ihm um als die Schwestern im Krankenhaus. Sie überprüfte seine Zehen auf eine Schwellung oder schlechte Durchblutung. Dann maß sie seine Temperatur, um sicher zu sein, dass er kein Fieber hatte. Insgeheim genoss er Sherrys Fürsorge.

„Fertig.“

Er öffnete die Augen. Sherry lächelte wieder ihr strahlendes Lächeln.

„Sie lieben Ihre Arbeit, was?“, fragte er.

„Ja. Sehr. Wenn ich irgendetwas anders machen soll, dann sagen Sie es mir bitte.“

„Es gibt da nur eins.“

„Was?“ Sie sah ihn aus ihren großen grünen Augen an, Augen, die mit braunem Lidschatten und dunklem Eyeliner betont waren, und Wimpern, so lang und vollkommen, dass sie eigentlich gesetzlich verboten sein müssten.

„Müssen Sie immer so schrecklich fröhlich sein?“

Sie hörte sofort auf zu lächeln. „Ich werde versuchen, etwas depressiver zu wirken.“ Und dann ging sie.

Jonathan hatte sofort ein schlechtes Gewissen. Was hatte diese Frau nur an sich, dass er sich von seiner schlechtesten Seite zeigte?

3. KAPITEL

Sherry klopfte an Petes Schlafzimmertür. „Pete? Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“

Jonathans Großvater öffnete die Tür. Die Haare standen ihm wild vom Kopf, und in seinen Augen spiegelte sich Panik wider. „Ich habe keine Schuhe! Für die Hochzeit habe ich mir einen neuen Anzug gekauft, aber ich habe keine Schuhe dazu!“

„Das gibt es doch gar nicht.“

„Ich habe nur Stiefel. Cowboystiefel und Arbeitsstiefel, ein Paar Hush Puppies und Hausschuhe.“

„Zeigen Sie mir mal die Stiefel.“

Als Pete sie einen Blick in den Schrank werfen ließ, erkannte sie sofort das Problem. Seine Stiefel waren braun, und der Anzug war blau. Sie wählte das Paar aus, das am besten aussah. Braunes Straußenleder. „Diese bekomme ich hin.“

Pete sah sie zweifelnd an. „Wenn Sie meinen.“

Sie tätschelte seinen Arm. „Ich kümmere mich darum.“

„Sind die Kinder angezogen?“

„Ich habe ihnen die Sachen hingelegt.“

„Das reicht nicht.“

Sherry sah auf die Uhr. Noch fünfundvierzig Minuten, bis Pete und die Kinder zur Kirche fahren mussten. „Sam! Kristin?“ Keine Antwort. Sie sah in den Zimmern nach. Die Kleidung lag unberührt dort. Diese Rasselbande. Die beiden versteckten sich, um Sherrys Autorität auszutesten. Ich muss strenger sein, dachte sie. Schon bald wäre Pete nicht mehr da, um ihr zu helfen.

Unter dem Spülbecken hatte sie schwarze Schuhcreme gesehen. Sie rieb die Stiefel dick damit ein und polierte sie dann, bis das Straußenleder schwarz glänzte. Dann stellte sie sie zum Trocknen auf Zeitungspapier und machte sich auf die Suche nach Jonathans Kindern. Sein Frühstück musste warten.

Im Haus waren sie nicht zu finden. Sherry ging hinaus und rief laut. Keine Antwort. Etwas beunruhigt entfernte sie sich weiter vom Haus und rief immer wieder: „Kinder, kommt, ihr müsst euch für Grandpas Hochzeit anziehen!“

Als sie immer noch nicht antworteten, ging Sherry in die Scheune. Sie hörte Kinderlachen und seufzte erleichtert auf. „Kinder? Kommt schon, es wird Zeit, dass ihr euch …“ Sie blieb abrupt stehen, als sie die Kinder in einer leeren Box entdeckte. Sie beugten sich über ein Aquarium auf einem alten Picknicktisch und ignorierten Sherry total.

„Habt ihr Dreck in den Ohren? Ihr wollt doch nicht zu spät zur Hochzeit kommen, oder?“

Sam blickte schließlich auf. „Dies sind unsere Haustiere. Alexander der Große und Miss Pooh. Hier, guck mal.“ Er griff in das Aquarium, holte etwas Großes heraus, und bevor Sherry reagieren konnte, hatte er die Kreatur schon auf ihre Schulter gesetzt.

Sie spürte schleimige Haut und kalte, nasse Füße an ihrem Nacken.

Sie schrie. Die Kreatur sprang von ihrer Schulter und landete auf einem Heuballen.

„Fang ihn wieder ein!“, schrie Sam. Beide Kinder stürzten sich auf das Tier, das, wie Sherry jetzt erkannte, ein riesiger Frosch war.

„Nein! Ihr werdet ganz dreckig!“ Die Kinder kümmerten sich nicht um Sherrys Einwände. Sie krabbelten beide über den schmutzigen Scheunenboden und jagten hinter dem glitschigen Frosch her.

Schließlich hatten sie ihn in die Enge getrieben und setzten ihn wieder in das Aquarium. Erst dann drehten sie sich zu Sherry, die vor Wut bebte.

„Geht sofort zurück ins Haus“, befahl sie streng. „Wascht euch Hände und Gesicht, zieht euch die Sonntagssachen an, und setzt euch dann ins Wohnzimmer, bis es Zeit wird, zur Kirche zu fahren. Und wehe, ihr rührt euch vom Fleck.“

Sam schluckte. „Ja, Ma’am.“ Er stürmte davon, gefolgt von Kristin, die ein Gesicht zog, als wollte sie gleich anfangen zu weinen.

Toll. Jonathan hasste sie, und jetzt hatte sie sich auch noch seine Kinder zu Feinden gemacht. Wenigstens Pete mochte sie.

Dachte sie zumindest.

Pete stand mit der Fliege in der Hand in der Küche und starrte auf die schwarzen Stiefel. „Was zum Teufel haben Sie mit meinen Straußenstiefeln getan?“

„Ich habe sie poliert.“

„Sie haben sie schwarz gefärbt! Junge Frau, das sind siebenhundert Dollar teure, maßgefertigte Stiefel!“

„Na und? Können Stiefel nicht schwarz sein?“

„Diese müssen braun sein!“

Sherry war ratlos. Ihrer Meinung nach sahen die Stiefel jetzt viel besser aus.

In dem Moment humpelte Jonathan in die Küche. Er trug dieselben aufgeschnittenen Jeans wie gestern und dazu ein frisches Oberhemd.

„Probleme?“, fragte er.

Sam und Kristin kamen zu ihm gerannt. Sie waren immer noch schmutzig und nicht umgezogen. „Dad, Sherry hat uns angeschrien!“

Jonathan warf Sherry einen flüchtigen Blick zu.

„Sie haben einen Frosch auf mich geworfen“, verteidigte Sherry sich. „Und sie haben mir nicht gehorcht. Tut mir leid, dass ich die Beherrschung verloren habe, aber ich wollte nicht, dass Pete zu spät zu seiner eigenen Hochzeit kommt.“ Während sie redete, zog sie einen Stuhl für Jonathan zurück, damit er sich an den Küchentisch setzen konnte. Obwohl er nichts sagte, konnte sie seinem Gesicht ansehen, dass er beim Stehen Schmerzen hatte.

Jonathan setzte sich, dann sah er seine Kinder an. „Geht und wascht euch. Und zieht euch ordentlich an“, sagte er so leise, dass Sherry ihn kaum hörte.

Sie eilten davon.

„Sehen Sie? Man muss nicht schreien.“

Richtig. Sherry hatte den Kindern genau dasselbe gesagt, doch sie hatten nicht auf sie gehört. Besaßen Menschen wie Jonathan eine angeborene Autorität, auf die Kinder reagierten? Und strahlte sie selbst diese Autorität nicht aus?

Eine Frage, auf die sie eine Antwort finden sollte, falls sie einmal eigene Kinder haben wollte.

Pete nahm seine Stiefel und verließ ärgerlich die Küche.

Jonathan sah ihm amüsiert nach. Dann drehte er sich zu Sherry. „Heute scheint nicht Ihr Tag zu sein. Wenn Sie es jetzt auch noch schaffen, mein Frühstück anzubrennen, dann haben Sie einen weiteren Freund fürs Leben.“

Jonathan hatte Mitleid mit Sherry, als er beobachtete, wie sie Eier für ihn briet und Brot toastete. Immerhin bemühte sie sich, das musste er ihr lassen. Sie war vielleicht eine erfahrene Krankenschwester, aber sie passte nicht in diesen Haushalt. Er hätte auf Jeff hören sollen.

Nach der Hochzeitsfeier würde er ihr kündigen.

Nachdem er diese Entscheidung getroffen hatte, war er Sherry gegenüber milder gestimmt. Er dankte ihr für das Frühstück und lobte es sogar, obwohl die Eier zu weich und der Toast zu dunkel waren. Egal, dies war das letzte Frühstück, das sie für ihn zubereitete.

Pete und die Kinder verließen das Haus ohne weiteren Zwischenfall. Sherry stand in der Haustür und winkte ihnen nach. „Bye und viel Glück, Pete.“ Dann wurde es richtig lustig. Gussie und Reenie kamen mit Blumen und Girlanden, einem Hochzeitskuchen in Form einen Cowboyhuts und genug Essen für eine ganze Kompanie.

Sherry war offensichtlich in ihrem Element. Gussie und Reenie begegneten ihr zunächst mit Misstrauen. Von seinem Sessel im Wohnzimmer aus beobachtete Jonathan, wie die beiden siebzigjährigen Damen jedes Mal miteinander flüsterten und missbilligend die Köpfe schüttelten, wenn Sherry das Zimmer verließ.

Doch Sherry arbeitete unermüdlich, bügelte kleine Falten aus dem Tischtuch, suchte in den Schränken nach der Bowleschüssel, polierte den silbernen Kerzenleuchter, entfernte ein braunes Blatt aus dem Blumenarrangement. Sie erledigte alles, worum die beiden älteren Damen sie baten, mit einem Lächeln, lobte Gussies entsetzlichen Hut und bat Reenie sogar um das Rezept für den Krabbensalat.

Es dauerte nicht lange, und die drei Frauen arbeiteten im Team, plauderten und lachten, als würden sie sich seit Jahren kennen.

Sherry hat etwas Besonders an sich, dachte Jonathan. Sie schaffte es, ihn innerhalb von dreißig Sekunden auf die Palme zu bringen, aber jeder konnte sehen, dass sie es eigentlich nur gut meinte. Sie schien niemandem etwas Böses zu wollen, und hinterlistige Gedanken waren ihr fremd.

Und sie hatte einen sehr aufregenden Körper.

Jonathan konnte nicht anders, er musste einfach hinsehen. Sie hatte sich umgezogen und trug jetzt eine tief ausgeschnittene weiße Bluse zu einem roten Minirock. Ein breiter Gürtel betonte ihre Wespentaille. Ihre langen Beine waren umhüllt von schwarzen Strümpfen, ihre Füße steckten in hochhackigen schwarzen Schuhen mit roten Punkten. Sie hatte sogar ein rot gepunktetes Band in ihrer wilden blonden Mähne.

Die Lippen und Fingernägel waren natürlich auch knallrot.

Als Sherry sich bückte, um eine Olive aufzuheben, zeigte sie ihm fast ihren Slip. Passte er farblich auch zu ihrem Outfit? Entschlossen blickte Jonathan in sein Buch. Es hatte keinen Sinn, von Sherry zu träumen. Selbst wenn sie noch länger auf der Ranch blieb, sie war nicht die richtige Frau für ihn. Eines hatte er aus seiner gescheiterten Ehe gelernt: Eine Frau, die ihn körperlich erregte, war nicht unbedingt die, die er brauchte, um glücklich zu sein.

Wollte er überhaupt eine Frau?

Gute Frage. Nach seiner Scheidung hatte er sich geschworen, die Finger von Frauen zu lassen. Wahrscheinlich war das eine ganz normale Reaktion. Doch je mehr Zeit verstrich, desto häufiger sehnte er sich nach einer Frau.

Aber es durfte keine Frau wie Sherry sein, sondern eine, die sich auf dem Land wohlfühlte und das Leben auf der Ranch liebte. Außerdem sollte seine zukünftige Partnerin mit Kindern umgehen können. Sosehr Sherry sich auch bemühte, ihre mütterlichen Instinkte schienen nicht sehr ausgeprägt zu sein.

Er brauchte eine Frau, die sich nicht schämte, ihre Kleidung bei Wal-Mart einzukaufen, die sich nicht über einen abgebrochenen Fingernagel aufregte und die nicht täglich nach Champagner und exklusiven Mahlzeiten verlangte. Sherrys beiläufige Bemerkung über ihre Kreditkartenabrechnung klang ihm noch in den Ohren. Wahrscheinlich war sie genauso kaufsüchtig wie Rita.

Jonathan hatte nichts gegen gelegentliches Shopping in Dallas oder ein schönes Essen in einem teuren Restaurant. Er war nicht geizig, und vor seiner Heirat hatte er es genossen, eine Frau zu verwöhnen.

Aber Rita war maßlos gewesen. Sie hatte sich nichts dabei gedacht, für eine Hose zweihundert Dollar auszugeben und sie dann nicht anzuziehen.

Als Rita vorschlug, eine Tagesmutter für die Kinder einzustellen, hatte Jonathan kategorisch abgelehnt. Eine ganztägige Betreuung war absolut überflüssig. Rita arbeitete nicht außerhalb des Hauses, und Pete passte jederzeit auf die Kinder auf, wenn Rita ihn darum bat. Aber ihre Freundinnen in Dallas und New Orleans hatten Nannys, also wollte sie auch eine.

Kurz nach dem Streit hatte sie ihn verlassen.

Jonathan blickte verstohlen zu Sherry. Teure Frau, dachte er. Schlag sie dir aus dem Kopf.

Kurz darauf trudelten die Hochzeitsgäste ein – Hunderte, wie ihm schien. Jeder begrüßte ihn und fragte nach den Umständen des Unfalls. Immer wieder erzählte er die Geschichte. Und dann wurde ihm ständig etwas zu essen gebracht. Kleine gefüllte Champignons, winzige Quiches und Mini-Käsesandwiches. Ihm wäre ein ordentliches Sandwich mit Roastbeef lieber gewesen. Aber seine Krankenschwester war zu sehr damit beschäftigt, die Gastgeberin zu spielen, als dass sie sich um ihn kümmern könnte.

„Du siehst aus, als hättest du auf eine Zitrone gebissen.“

Jonathans Vater näherte sich und setzte sich auf die Armlehne des Sessels. „Geht dir dieser ganze Hochzeitstrubel an die Nieren? Erst Wade und jetzt Pete. Im Dezember sind es dann Jeff und Allison.“

„Ja, sieht aus, als blieben nur wir beide übrig. Denkst du manchmal daran, dir wieder eine Frau zu suchen?“

Edward lachte. „Ich? Auf keinen Fall.“

„Das hat Pete auch gesagt.“

„Ich könnte es einfach nicht. Jede Frau, die ich kennenlerne, vergleiche ich mit eurer Mutter. Und da kann keine mithalten.“

„Mom war wirklich eine besondere Frau.“

„Denkst du daran …“

„Nein, ich nicht. Die besten Frauen in Cottonwood sind bereits vergeben.“

„Holst du deshalb eine von außerhalb hierher?“ Edward sah zu Sherry, die mit einer Flasche Champagner in der einen Hand und einer Platte Hors d’Oeuvres in der anderen durch den Raum eilte. Sie füllte die Gläser und sorgte dafür, dass es niemandem an irgendetwas mangelte.

„Nein, ich habe genug von diesen extravaganten Frauen. Die Erfahrung habe ich einmal gemacht, das reicht.“

Als Pete und Sally schließlich in die Flitterwochen aufgebrochen waren und die letzten Gäste das Haus verlassen hatten, lehnte Jonathan sich erschöpft zurück.

Sherry lief mit einem Müllbeutel durch den Raum und sammelte Papierservietten, Teller und Gläser ein. „Ich würde sagen, die Feier war ein voller Erfolg.“

„So? Würden Sie?“ Er sah sich das Chaos an, das in seinem Haus herrschte.

„Oh, machen Sie sich darum keine Gedanken. Das habe ich in null Komma nichts aufgeräumt.“ Sie schleuderte ihre hochhackigen Schuhe von sich und arbeitete weiter. „Ich fand es einfach schön, alle kennenzulernen. Wenn ich jetzt jemanden in der Stadt treffe, dann ist es kein Fremder mehr. Vielleicht mögen mich nicht alle Leute. Annes Mutter, Deborah Chatsworth, zum Beispiel. Sie hat den Mund nicht mehr zubekommen, als ich den Korken mit den Zähnen aus einer Champagnerflasche gezogen habe.“

„Deborah Chatsworth ist ziemlich versnobt, und ihr Mann ist noch schlimmer. Sie wollten, dass Anne Jeff heiratet, damit sie einen Arzt in der Familie haben. Stattdessen hat sie sich in Wade verliebt, einen Rodeo-Cowboy. Erst als sie merkten, dass Anne und Wade sich wirklich lieben, haben sie ihn akzeptiert. Aber wenn man Annes Eltern erst einmal richtig kennenlernt, sind sie ganz in Ordnung.“ Jonathan fügte nicht hinzu, dass Sherry diese Gelegenheit nicht bekommen würde.

„Und Reverend Crane, Allisons Vater“, sagte sie. „Ich habe meine Hand an einem heißen Teller verbrannt und etwas geflucht. Er ist so rot geworden, dass ich dachte, er kippt gleich um, und ich muss ihn wiederbeleben.“

„Sie haben sich die Hand verbrannt?“

Sie streckte ihre schöne, gepflegte Hand aus und zeigte ihm den roten Fleck an der Außenseite des kleinen Fingers. „Nicht schlimm, aber es hat fürchterlich wehgetan.“ Sie blickte sich um, doch die Kinder waren nicht in der Nähe. „Wo sind diese Kiddys? Ich hoffe, sie haben sich umgezogen, bevor sie in die Scheune gelaufen sind, um mit ihren Fröschen zu spielen.“

„Das glaube ich kaum.“

„Sie sind nicht mehr sauer auf mich.“

Das wusste Jonathan bereits. Mit Kuchen und Punsch hatte sie die Kinder gewissermaßen bestochen.

Auf dem Weg in die Küche drehte sie sich noch einmal um. „Jonathan, kann ich Ihnen irgendetwas bringen? Ich habe Sie in den letzten Stunden ein bisschen vernachlässigt.“

Schön, dass Ihnen das auch auffällt. „Ich würde gern etwas essen.“

„Sind Sie wirklich noch hungrig? Ihnen hat doch ständig irgendeine der Frauen etwas zu essen gebracht.“

„Immer bloß winzige Snacks. Davon wird nicht mal eine Maus satt.“

„Ich bin so satt, dass ich …“ Sie unterbrach sich. „Natürlich. Was möchten Sie gern? Ich könnte Ihnen ein Sandwich oder eine Suppe machen.“

„Ist noch Roastbeef da?“

„Ich glaube schon. Anne und Allison haben den Kühlschrank gut gefüllt.“

„Dann bitte ein Sandwich.“

„Okay.“

Als er sie einen Moment später in der Küche wirken hörte, bekam er ein schlechtes Gewissen. Sie hatte genug mit den Aufräumarbeiten nach der Party zu tun. Andererseits hätte es ohne sie überhaupt keine Party gegeben.

Kurz darauf setzte sie ihm ein Tablett vor – ein Sandwich mit dünn geschnittenem Grillfleisch und eine Tasse cremige Kartoffelsuppe. Wie hatte sie das so schnell geschafft? Die Suppe schien hausgemacht. Vielleicht hatten Anne oder Allison fertige Gerichte in den Kühlschrank gestellt.

„Ist es so recht?“

„Hmm, ja, das sieht gut aus.“

Sie lächelte und räumte dann weiter auf.

„Die Ladies von dem Kirchenchor scheinen sehr nett zu sein“, sagte Sherry, als sie den Couchtisch abwischte.

Jonathan wusste nicht, welche Ladies sie meinte, da er auf den Chor kaum achtete, wenn er einmal zur Kirche ging. „Hmm.“

„Es ist schade, dass sie in nächster Zeit nicht mehr proben können.“

„Wie bitte?“

„Offensichtlich hat Reverend Crane den Gemeindesaal an die Tanzgruppe der High School vermietet, weil der Fußboden in der Turnhalle der Schule renoviert wird. Die Kirche braucht das Geld, deshalb machen die Damen dem Reverend auch keine Vorwürfe.“

„Natürlich nicht.“ Jonathan nahm sein Buch in der Hoffnung, Sherry würde dann endlich ihren Mund halten. Doch er merkte schnell, dass ihr Geschwätz einen sehr speziellen Zweck verfolgte.

„Ich erzähle Ihnen das alles, weil ich Mitleid mit den Frauen habe. Deshalb habe ich sie eingeladen, hier zu proben.“

„Was?“ Er hatte wohl nicht richtig gehört.

„Die Einladung ist mir herausgerutscht, bevor ich überhaupt darüber nachdenken konnte. Wenn wir die Möbel hier etwas zusammenrücken, ist ausreichend Platz.“ Sie deutete auf den Wohn- und Essbereich. „Wir können Klappstühle aufstellen …“

„Sind Sie verrückt geworden?“, brüllte er. „Der Kirchenchor? Hier?“

„Die Musik wird Sie aufheitern. Es gibt Studien von Ärzten, die belegen …“

„Die Musik wird mich nicht aufheitern. Im Gegenteil. Fünfzig fremde Frauen im Haus, und meine Laune ist auf dem Tiefpunkt angelangt!“

„Es sind nur zweiunddreißig.“

„Sherry. Ich mag keine Partys. Vor allem mag ich keine Anhäufung schwatzender Frauen, die nur aufhören zu reden, wenn sie singen – und dann auch noch falsch.“

„Aber ich habe sie schon eingeladen.“

„Dann müssen Sie sie eben wieder ausladen.“

„Das wäre sehr unhöflich.“

„Ich finde es unhöflich, sie einzuladen, ohne mich vorher zu fragen. Auch die Hochzeitsfeier haben Sie selbstherrlich hierherverlegt. Sie sind einfach vorgeprescht, als würde Ihnen das Haus gehören.“

„Aber ich wollte Ihnen doch nur eine Freude machen. Allison hat erzählt, wie enttäuscht Sie waren, dass sie an der Hochzeit nicht teilnehmen konnten, und da dachte ich …“

„Sie haben falsch gedacht.“

Sie senkte den Kopf. „Okay, ich lade den Chor wieder aus. Und das nächste Mal frage ich, bevor ich solche Einladungen ausspreche.“

„Es wird kein nächstes Mal geben.“

„Wie bitte?“

„Sie passen nicht hierher. Es funktioniert einfach nicht. Sie werden mit den Kindern nicht fertig. Sie anzuschreien und dann mit Süßigkeiten zu erpressen, ist nicht der richtige Weg. Egal, wir kommen allein zurecht.“

Sherry blickte ihm direkt ins Gesicht, die Hände in die Hüften gestemmt. „Sie werden jedes Mal kreidebleich, wenn Sie aufstehen und mit den Krücken durch die Gegend humpeln. Wie wollen Sie unter diesen Umständen für die Kinder sorgen?“

„Das schaffe ich schon.“

„Wie wollen Sie für sie kochen?“

„Dafür habe ich die Mikrowelle. Es kann nicht schlimmer sein als …“ Er sprach nicht weiter, aber sie wusste, was er sagen wollte.

„Ich habe verstanden. Ihnen schmeckt mein Essen nicht.“

„Es ist ein bisschen würzig. Wir sind eher an normale Kost gewöhnt. Aber keine Sorge, ich bezahle Sie für die Zeit, die Sie hier waren, plus ein paar Extratage als eine Art Aufwandsentschädigung.“

„Ich werde mich bessern. Sie müssen mir nur sagen, was Ihnen nicht passt, und dann werde ich …“ Ihre Stimme verlor sich, als sie merkte, dass Jonathan von seinem Entschluss nicht abzubringen war. „Okay. Ich räume hier noch auf, dann packe ich meine Sachen zusammen.“

„Lassen Sie alles liegen. Montagmorgen kommen die Putzfrauen.“

Sie stellte den Plastikbecher ab, den sie in der Hand hielt. Einen Moment lang sah sie Jonathan herausfordernd an. Dann drehte sie sich um und flüchtete aus dem Zimmer.

Ich habe sie zum Weinen gebracht, dachte er schuldbewusst. Das hatte er nicht gewollt. Er wollte einfach, dass sie ging. Sie musste doch auch sehen, dass es mit ihnen beiden nicht funktionierte.

Sherry wartete, bis sie in ihrem Zimmer war. Erst dann ließ sie ihren Tränen freien Lauf. Wie hatte sie sich so täuschen können? Sie hatte wirklich geglaubt, dass alles in bester Ordnung wäre. War es nicht ein genialer Einfall gewesen, die Hochzeit in Jonathans Haus zu feiern? Ebenso ihre Idee, den Kirchenchor einzuladen, um Jonathan mit Musik aufzuheitern.

Doch sie lag voll daneben.

Was stimmte nicht mit ihr? Jonathans Worte klangen ihr noch in den Ohren, als sie hastig ihre Sachen packte. Sie passen nicht hierher. Das war genau das, was auch ihr letzter Arbeitgeber gesagt hatte, als er sie feuerte. Zu auffallend. Zu extravagant. Zu schrill für eine angesehene Arztpraxis. Später hatte sie zufällig mit angehört, wie eine der anderen Arzthelferinnen sie als „billig“ bezeichnete.

Die Kritik schmerzte, doch Sherry hatte sie abgeschüttelt. Dr. Crosslys Praxis war ziemlich versnobt, die Patienten wurden schamlos ausgenommen, und die Krankenschwestern wurden mehr nach familiären Beziehungen als ihren medizinischen Fähigkeiten beurteilt. Sherry hatte sich sogar eingeredet, dass ihre Kolleginnen eifersüchtig auf ihren angeborenen Charme waren und sie loswerden wollten.

Jetzt allerdings fragte sie sich, ob in der Kritik nicht doch ein Körnchen Wahrheit steckte. War ihr die Herkunft so deutlich anzumerken? Sie selbst fand sich modisch gekleidet. Aber vielleicht war ihr persönlicher Stil nicht nur farbenfroh, sondern tatsächlich grell und billig?

Wie müsste sie aussehen, um in Jonathans Welt zu passen? Wenn sie an die Hochzeitsgäste dachte, fielen ihr einige Damen ein, die auch auffallend gekleidet waren und hochhackige Schuhe getragen hatten. Manche sogar Hüte. Also konnte es nicht an ihrer Kleidung liegen. War es ihr Benehmen? Lachte sie zu laut? Redete sie zu viel?

Egal. Sie würde Cottonwood verlassen und wohl nie wieder einen Fuß in dieses Städtchen setzen.

Sherry zog sich bequeme Leggins und einen langen Pullover für die Fahrt nach Hause an. Als alles andere gepackt war, schleppte sie ihre Taschen zur Haustür. Jonathan, der immer noch auf seinem Sessel kauerte, versteckte sich hinter seinem Buch und tat, als würde er sie nicht sehen.

Sie lief bereits das dritte Mal, als Sam ins Wohnzimmer kam. „Dad? Kristin hat Bauchschmerzen.“

„Kein Wunder“, sagte Jonathan mürrisch. „Sie hat bestimmt vier Stück Kuchen gegessen und wer weiß wie viel Punsch getrunken.“

„Sie sagt, dass es furchtbar wehtut.“

„Gib ihr Pepto-Bismol. Du findest es im Arzneischrank in meinem Badezimmer.“

„Ich sehe nach ihr“, sagte Sherry.

Jonathan blickte sie finster an. „Ich finde, Sie haben schon genug getan.“

Sherry eilte trotzdem in Kristins Zimmer. Gefeuert oder nicht, sie würde kein Kind ignorieren, das Schmerzen hatte.

Sam folgte ihr.

Der Anblick, der sich ihr im Kinderzimmer bot, war erschreckend. Kristin lag in ihrem hübschen Kleid auf dem Bett und krümmte sich vor Schmerzen.

Sherry setzte sich auf die Bettkante. „Kristin?“

„Es tut so weh“, jammerte die Kleine.

Sherry fühlte die Stirn des Mädchens. Sie war glühend heiß. „Sam, könntest du mir bitte ein Fieberthermometer holen?“

Der Junge nickte und rannte los.

Vorsichtig tastete Sherry Kristins Bauch ab. Einen Moment später war sie sicher, dass es sich um eine Blinddarmentzündung handelte.

„Tut mir leid, mein Schatz, aber du musst ins Krankenhaus.“

Kristin begann zu weinen. „Ich will nicht ins Krankenhaus. Dort bekommt man Spritzen.“

„Ich weiß, Süße, aber danach geht es dir besser.“ Sherry hob Kristin aus dem Bett und trug sie ins Wohnzimmer.

Jonathan erkannte glücklicherweise sofort den Ernst der Situation. „Was hat sie?“

„Blinddarmentzündung. Ich bringe sie ins Krankenhaus. Welches ist das nächste?“

„Tyler. Highway 60, Richtung Norden. Wenn Sie in Tyler sind, biegen Sie an der ersten Kreuzung links ab. Das Krankenhaus liegt dann auf der rechten Seite.“

„Verstanden. Rufen Sie dort an, und sagen Sie Bescheid, dass wir kommen. Sagen Sie, dass es dringend ist.“

„Okay. Mein Vater oder Jeff wird dort sein.“

„Sam, du bleibst hier und kümmerst dich um deinen Dad.“

Sam, der ganz bleich geworden war, nickte.

Einen Moment später schnallte Sherry Kristin schon auf dem Beifahrersitz des Firebird an. Sie hätte den Rettungswagen rufen können, fürchtete jedoch, dass es hier auf dem Land zu lange dauern würde, bis er endlich da war. Sie dagegen besaß ein schnelles Auto und auch die Nerven, Gas zu geben.

„Warst du schon einmal im Krankenhaus?“, fragte Sherry das kleine Mädchen, um es etwas von den Schmerzen abzulenken.

Kristin nickte. „Ich hatte eine Verletzung am Kopf und musste operiert werden.“

„Das klingt schlimm. Wie ist es passiert?“

„Ich bin auf dem Bett herumgesprungen … und dann runtergefallen.“

Sherry hatte schon viele Kopfverletzungen gesehen. Sie selbst hatte auch mal eine gehabt. Der berüchtigte Fahrradunfall. Nur, dass sie in Wirklichkeit gar nicht Fahrrad gefahren war. Ihr Vater hatte einen Stuhl auf ihrem Kopf zerschlagen, als sie ihm als Teenager beichtete, dass sie schwanger war. Doch jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, um an die Vergangenheit zu denken, an die Fehler, die sie gemacht hatte, und das Baby, das sie zur Adoption freigegeben hatte. Neben ihr saß ein Kind und brauchte ihre volle Aufmerksamkeit.

Sherry fand das Krankenhaus ohne Probleme. Sie hielt an der Notaufnahme. Zwei Pfleger holten Kristin aus dem Wagen, legten sie auf eine fahrbare Krankentrage und schoben sie hinein. In dem Moment kam Jeff in seinem Porsche vorgefahren.

Er sprang aus dem Wagen und rannte zu Sherry. „Was ist passiert?“

„Bauchschmerzen, Übelkeit, hohes Fieber, extreme Sensibilität im rechten Unterbauch.“

„Könnte eine Menge Ursachen haben …“

„Es ist der Blinddarm.“

„Ich will dich nicht beleidigen, Sherry, aber du bist kein …“

„Ich bin examinierte Krankenschwester und kann diese Diagnose stellen. Es ist der Blinddarm.“ Sie drehte sich um und kehrte zu ihrem Wagen zurück.

„Warte, wohin willst du?“

„Ich fahre zurück nach Dallas. Dein sturköpfiger Bruder hat mich gefeuert.“

Sie stieg in den Wagen, bevor Jeff sehen konnte, dass sie weinte … wieder einmal.

Sam war lange aus dem Schmusealter hinaus, doch an diesem Abend krabbelte er zu Jonathan auf den Sessel und kuschelte sich an ihn.

„Wann kommt Kristin wieder nach Hause?“

„Das werden wir hoffentlich bald erfahren“, erwiderte Jonathan.

„Jetzt ist sie schon das zweite Mal im Krankenhaus. Ich war noch nie dort.“

Jonathan schüttelte kläglich den Kopf. „Es scheint immer einen in der Familie zu treffen. Als ich klein war, war es dein Onkel Wade, der ständig etwas hatte – meistens fiel er vom Pferd. Einmal ist er in einen Ameisenhaufen gefallen, Feuerameisen, und hat so stark allergisch reagiert, dass er in die Notaufnahme musste.“

„Dad? Ist Sherry weg?“

„Ja.“

„Warum? Mag sie uns nicht? Ich habe mich dafür entschuldigt, dass ich den Frosch auf ihre Schulter gesetzt habe.“

„Sie mag uns. Es liegt an mir. Ich habe sie gefeuert.“

„Warum?“

„Ich habe gedacht, dass wir sie nicht brauchen.“

„Aber Dad, wenn sie nicht hier gewesen wäre …“

„Ich weiß. Ich weiß.“ Er seufzte. „Sie hat Kristin vielleicht das Leben gerettet.“

„Dann kann sie also bleiben?“

„Ich weiß nicht, ob sie es überhaupt will. Ich war ziemlich hart zu ihr.“

„Dann entschuldige dich bei ihr. Ich muss mich auch entschuldigen, wenn ich etwas falsch gemacht habe. Sie bleibt ganz bestimmt, wenn sie weiß, dass wir sie brauchen.“

4. KAPITEL

Zwei Stunden nachdem Sherry mit Kristin ins Krankenhaus gefahren war, rief Jeff an.

„Kristin geht es gut“, sagte er ohne Einleitung. „Sherry hatte recht, es war der Blinddarm. Kristin ist operiert. Gerade noch rechtzeitig. Etwas später, und der Blinddarm wäre geplatzt. Sie hat die OP gut überstanden. In ein paar Tagen kann sie wieder nach Hause.“

„Mein Gott“, sagte Jonathan, „und ich wollte ihr Pepto-Bismol geben.“

„Sei froh, dass Sherry da war.“

„Sie hat dir wahrscheinlich gesagt, dass ich sie gefeuert habe.“

„Warum hast du das getan?“

Jonathan legte die Hand über die Sprechmuschel. „Sam, bring Sherrys Gepäck zurück in ihr Zimmer.“

„Jippieh! Sie bleibt!“ Sam sprang vom Sessel und begann, das Gepäck nach oben zu tragen.

„Jonathan? Bist du noch da?“

„Es gab für mich nur zwei Möglichkeiten: Entweder ich feuere sie, oder ich gehe mit ihr ins Bett“, flüsterte Jonathan ins Telefon.

Jeff lachte. „Soll das ein Witz sein?“

„Ich wünschte, es wäre so.“

„Dann geh mit ihr ins Bett. Was ist schon dabei?“

„Selbst wenn sie wollte – was wahrscheinlich nicht der Fall ist, so wie ich sie behandelt habe –, würde ich nicht mit ihr schlafen, während die Kinder im Haus sind.“

„Ich lade sie ins Kino ein“, sagte Jeff lachend. „Einen Film in Überlänge.“

„Du nimmst mich nicht ernst. Die Sache ist nicht so einfach. Ich kann nicht mit Sherry schlafen. Ich bin nicht wie du, oder wie du warst. Eine Nacht die eine, die andere Nacht die nächste Frau.“

Jeff hörte auf zu lachen. „Und mehr käme für dich mit Sherry nicht infrage?“

„Natürlich nicht. Du warst doch absolut dagegen, Sherry nach Cottonwood zu bringen. Und jetzt kannst du sie dir plötzlich als meine Freundin vorstellen?“

„Ich würde es nicht ausschließen. Sicher, sie kann nicht kochen, und sie ist bei der Hälfte der Hochzeitsgäste angeeckt, aber die andere Hälfte hat sie mit ihrem Charme bezaubert. Selbst ich muss zugeben, dass sie ihre Vorzüge hat.“

Jonathan legte frustriert auf. Er hätte Jeff nichts sagen sollen. Jetzt würde sein Bruder wahrscheinlich nicht mehr davon aufhören.

Ein paar Minuten später betrat Sherry das Haus.

Jonathan, der es mit Sams Hilfe geschafft hatte, seinen Sessel zu verlassen, versteckte sich in seinem Zimmer und übte in Gedanken, was er ihr sagen sollte.

„Jonathan? Ist niemand da? Was ist mit meinem Gepäck passiert?“

Sam rannte die Treppe hinunter zu Sherry. „Hi! Weißt du was? Dad sagt, du kannst bleiben!“

„So? Wirklich?“

Das klingt nicht gut, dachte Jonathan. Sie will nicht bleiben. Er nahm seine Krücken und machte sich auf den Weg ins Wohnzimmer.

„Du bleibst doch, oder?“, fragte Sam. „Ich weiß nicht, was Dad gesagt hat, aber er meint es nicht so. Er ist einfach genervt wegen der Krücken und allem.“

Das war nicht alles. Jonathan humpelte in den Raum. Er fing Sherrys Blick auf. Sie sah ihn kalt an.

„Sam“, sagte Jonathan und setzte sich auf das Sofa. „Könntest du bitte …“

„Schon klar. Erwachsenenkram. Vergiss nicht, ihr von Kristin zu erzählen, Dad.“ Und dann hüpfte er aus dem Zimmer.

„Geht es ihr gut?“, fragte Sherry.

Jonathan nickte. „Sie ist operiert worden. Es war wirklich der Blinddarm. Jeff sagt, dank Ihnen geht es ihr gut.“

Sherry schüttelte den Kopf. „Sie hätten auch schnell gemerkt, dass irgendetwas nicht stimmt, und den Rettungswagen geholt.“

„Ich bin Ihnen trotzdem sehr dankbar.“

„Ist schon okay.“

„Ich habe Sam gebeten, Ihr Gepäck in Ihr Zimmer zurückzubringen.“

„Dann werde ich ihn bitten, mir zu helfen, es wieder hinauszutragen. Ich bleibe nicht dort, wo man mich nicht will.“

„Wir möchten gern, dass Sie bleiben. Wir brauchen Sie. Sie haben recht, ich kann mich nicht allein um die Kinder kümmern, vor allem jetzt nicht, wo Kristin nach der OP auch noch Pflege braucht. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie bleiben würden und ein Auge auf Kristin hätten. Auf uns alle.“

Sie sah ihn skeptisch an. „Sind Sie sicher, dass Sie das nicht nur aus Dankbarkeit oder einem schlechten Gewissen heraus sagen?“

„Ganz sicher. Tut mir leid, dass ich so unhöflich zu Ihnen war“, fügte er hinzu. „Sam hat recht. Ich bin genervt. Es soll zwar keine Entschuldigung sein, aber ich habe schlecht geschlafen.“

Sofort sah sie ihn besorgt an. „Wenn Sie wegen der Schmerzen nicht schlafen können, dann sollten Sie die Medikamente nehmen, die Ihnen verschrieben worden sind.“

„Nein. Ich habe zu viele Menschen gesehen, die davon abhängig sind.“

„Ich auch. Wissen Sie was? Sie nehmen heute und morgen eine, damit Sie wenigstens einmal richtig schlafen können. Und dann nicht mehr. Den Rest werfe ich weg.“

„Heißt das, dass Sie morgen noch hier sind?“

„Unter einer Bedingung.“

„Und die wäre?“

„Dass der Chor hier üben darf.“ Sie sah ihn mit flehenden Augen an. „Ich bringe es einfach nicht fertig, Betty Bruno abzusagen.“

„Meinetwegen.“ Vielleicht konnte er sich ja für die Zeit in sein Büro in der Scheune zurückziehen.

Sie klatschte in die Hände. „Okay. Ich hatte sowieso keine Lust, die ganzen Taschen wieder zu meinem Auto zu tragen. Aber Sie müssen mir helfen, damit ich in Zukunft alles richtig mache. Ich weiß jetzt, dass Sie kein scharfes Essen mögen, und ich werde auch keine Partys mehr ohne Ihre Zustimmung organisieren. Was sonst noch?“

„Ich … mir fällt im Moment nichts ein.“

„Jetzt sagen Sie es schon. Die Kinder – nicht anschreien, nicht bestechen und nicht so viele Süßigkeiten. Aber ich habe nicht geschrien, sondern nur mit energischer Stimme gesprochen.“

Jonathan musste grinsen.

„Was sonst noch? Sie haben gesagt, dass ich nicht hierherpasse. Warum nicht? Was soll ich ändern?“

„Sherry, Sie sind schon in Ordnung. Mutter Teresa höchstpersönlich könnte meine Krankenschwester sein, wenn sie noch lebte, und ich würde mich beklagen. Es passt mir einfach nicht, dass ich überhaupt eine Krankenschwester brauche.“

„Okay. Wenn Ihnen etwas einfällt, sagen Sie es mir. Was möchten Sie und Sam zum Dinner? Vielleicht Makkaroni mit Käse?“

„Das klingt gut.“ Und wenn es doch fürchterlich schmecken sollte, konnte er immer noch an den Kühlschrank gehen, sobald sie im Bett lag.

Sherry summte leise vor sich hin, als sie ihre Sachen wieder in den Schrank räumte. Sie war glücklich, dass sie bleiben konnte. Viel zu glücklich. Auf dem Weg von Tyler hierher hatte sie sich eingeredet, dass es das Beste für sie war, die Hardison-Ranch zu verlassen.

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