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Der schöne Fremde in meinem Bett

Mollie Molay

Der schöne Fremde in meinem Bett

Was passierte letzte Nacht? Noch immer spürt Kelly Max’ aufregend sinnliche Zärtlichkeiten auf ihrer Haut, kann sich an die Momente wilder Lust erinnern, aber was geschah davor? Das Personal des Hotels in Las Vegas gratuliert ihnen zu ihrer Heirat. Doch Kelly und Max können sich nicht an eine Hochzeit erinnern …

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PROLOG

Pech gehabt, dachte Max Taylor, als das seidene Strumpfband der Braut seine Schläfe traf und ihm gar nichts anderes übrig blieb, als es aufzufangen.

Die vielen Hochzeitsgäste um ihn herum johlten begeistert, und vermutlich wurde er im Moment von jedem anderen Mann im Saal glühend beneidet, denn der Junggeselle, der das Strumpfband ergatterte, sollte es dem Mädchen, das den Brautstrauß aufgefangen hatte, übers Bein streifen.

Dieses Mädchen war Kelly, eine rothaarige Schönheit, und schon die Vorstellung, ihr gleich so nahe zu kommen, machte Max verlegen. Schließlich hatten sie beide sich erst gestern Abend kennengelernt. Sie war die Brautjungfer und er der Trauzeuge des Bräutigams, seines Cousins Troy.

Kelly setzte sich auf einen Stuhl. Graziös zog sie den Rock ihres smaragdgrünen langen Kleides bis über die Knie, streckte ein Bein vor und lächelte ihm auffordernd zu.

Die kleine Band begann zu spielen, und Braut, Bräutigam sowie sämtliche Gäste klatschten im Takt der Musik, während Max auf die wohlgeformten Beine der hübschen jungen Frau starrte und überlegte, ob er nicht doch lieber kneifen sollte.

Aber nein, so etwas kam natürlich nicht infrage. Damit würde er sich ja bis auf die Knochen blamieren, und Troy würde ihm ewig unter die Nase reiben, was für ein Feigling er war.

Also gut, dachte Max. Er nahm schnell noch einen kräftigen Schluck Champagner, um sich Mut anzutrinken, und drückte irgendjemandem das Glas in die Hand, bevor er auf die Brautjungfer zutrat.

Er kniete sich vor Kelly und umfasste behutsam ihren Knöchel, um ihr zuerst den Schuh auszuziehen. Dann streifte er das Strumpfband an ihrem schlanken Bein empor, allerdings nur bis zum Knie. Als er sich sofort wieder aufrichten wollte, protestierten die Zuschauer lachend.

„Höher, höher, höher!“, riefen sie im Chor.

„Weißt du etwa nicht, wo ein Strumpfband sitzt?“, grölte jemand.

Max kniete sich wieder hin, holte tief Luft und schob das schmale Band etwas weiter an Kellys schimmernden Seidenstrümpfen hinauf. Aber damit gab sich noch niemand zufrieden.

„Höher, höher, höher!“, riefen die Leute erneut.

Max spürte, wie sein Puls zu rasen begann, während er das Strumpfband jetzt um ein paar Zentimeter bewegte und seine Fingerspitzen dabei unweigerlich Kellys warmen Oberschenkel berührten. Fast hatte er das Gefühl, sich zu verbrennen. Und die recht eindeutigen Bemerkungen, die von allen Seiten auf ihn herabprasselten, machten ihm die Sache auch nicht gerade leichter.

Doch als er den Kopf hob und in Kellys tiefgrüne Augen blickte, vergaß er alles um sich herum. Plötzlich kam es ihm so vor, als wären nur noch sie beide im Saal – er und diese verführerische Frau.

1. KAPITEL

Max seufzte wohlig, als er aufwachte. Die Augen mochte er noch nicht öffnen, es war einfach zu schön, so dazuliegen und an den Traum der letzten Nacht zu denken.

Von einer bezaubernden, rothaarigen Frau hatte er geträumt, die mit sanfter Hand über seine nackte Schulter strich und ihn mit ihren unergründlich grünen Augen lockte. Die sich an ihn schmiegte und … O Gott! Plötzlich spürte er, dass sich ja wirklich ein weicher Körper an seinen schmiegte.

Erschrocken riss er die Augen auf. Als Erstes sah er einen roten Haarschopf auf seiner Brust. Dann starrte er auf eine nackte Schulter. Er hob den Kopf und ließ seinen Blick an dem schlanken Arm der Frau hinabwandern, bis zu ihrer schmalen Taille und der verführerisch gerundeten Hüfte, die nur teilweise von einem weißen Satintuch bedeckt war.

Max erstarrte. Nicht einmal in seinen wildesten Fantasien hatte er sich jemals einen Moment wie diesen vorgestellt – morgens aufzuwachen und mit einer fremden Frau im Bett zu liegen.

Gut, ganz fremd war ihm Kelly O’Rourke natürlich nicht. Er wusste, dass sie zweiundzwanzig Jahre alt war und die aufregendsten Beine der Welt besaß. Das war dann aber auch schon alles.

Max ließ den Kopf aufs Kissen sinken und überlegte hektisch, wie es sein konnte, dass er und Kelly gemeinsam im Bett lagen.

Auf der Hochzeitsfeier war es ziemlich hoch hergegangen, und das Letzte, woran er sich im Moment deutlich erinnerte, war dieses alberne Spielchen mit dem Strumpfband. So angestrengt er auch nachdachte, der weitere Ablauf der Party blieb irgendwie verschwommen.

Das lag vielleicht daran, dass er vorgestern erst am späten Nachmittag von Boston nach Las Vegas geflogen war. Gleich nach der Ankunft hatte er sich mit dem Brautpaar getroffen, um die Einzelheiten der Hochzeitsfeier zu besprechen, denn er war ja der Trauzeuge. Bei der Gelegenheit hatte er auch Kelly zum ersten Mal gesehen.

Anschließend war er auf Troys Junggesellenabend gewesen, und sie hatten die Nacht durchgefeiert. Und am nächsten Mittag war die Party weitergegangen. Also viele Stunden ohne Schlaf, dafür mit reichlich Champagner. Mit sehr viel Champagner. Kein Wunder, dass er einen Filmriss hatte.

Nachdenklich betrachtete Max das hübsche Gesicht, das sich an seine Brust schmiegte. Er hatte Kelly das Strumpfband übergestreift und ihr tief in die Augen gesehen. Und was war dann passiert? So unangenehm ihm das auch war, er hatte nicht den blassesten Schimmer.

Du musst nur in Ruhe überlegen, sagte er sich. Dann wird dir der Rest schon einfallen.

Max holte tief Luft und musterte seine Umgebung. Sicherlich befand er sich noch immer in Las Vegas, und zwar im Hotel Majestic, wo die Hochzeit zwischen Troy Taylor und DeeDee Connor stattgefunden hatte. Die überaus luxuriöse Ausstattung dieses Zimmers überraschte ihn allerdings. Hatte er wirklich solch eine teure Unterkunft gebucht? Offensichtlich, denn dort vorn stand sein Koffer.

Wie es aussah, hatten Kelly und er es ja ziemlich eilig gehabt, ins Bett zu kommen. Kleidungsstücke und Schuhe lagen auf dem Boden verstreut. Neben Kellys smaragdgrünem Kleid entdeckte er einen BH aus feiner Spitze und einen hauchzarten Slip. Und ihre Seidenstrümpfe hingen wie eine Siegestrophäe über einer der Nachttischlampen. Peinlich, so etwas hatte er noch nie fertiggebracht.

Das Schlafzimmer mit dem breiten Bett und den edlen Satinbezügen schien Teil einer Luxussuite zu sein. Durch eine offene Flügeltür blickte Max in den Wohnraum und sah dort einen riesigen Fernseher, eine Couch und passende Sessel. Auf dem Tisch davor lag der Brautstrauß, daneben ein weißer Schleier.

Ein weißer Schleier? Was sollte das denn? Er wusste ja, dass Kelly den Strauß aufgefangen hatte, aber wie kam DeeDees Brautschleier in sein Appartement?

Die interessantere Frage war allerdings, wie Kelly in sein Bett gekommen war.

Angestrengt versuchte er, dieses Rätsel zu lösen, und endlich lichtete sich der Nebel in seinem Kopf ein klein wenig. Er erinnerte sich wieder, wie sie nach der Geschichte mit dem Strumpfband miteinander getanzt hatten.

Deutlich sah er die Szene vor sich. Ja, er spürte sogar, wie herrlich es gewesen war, Kelly in den Armen zu halten. Sie hatte diesen verlockenden Ausdruck in den Augen gehabt, ein verführerisches Lächeln auf den sinnlichen Lippen, und die Zeit war wie im Rausch vorbeigeflogen. Im Champagnerrausch!

Jedenfalls hatte er heftig mit ihr geflirtet und versucht, sie zu erobern. Und so wie es hier im Zimmer aussah, schien ihm das wohl auch gelungen zu sein. Es war nur zu bedauerlich, dass er sich daran absolut nicht mehr erinnerte.

Versonnen betrachtete Max die in seinen Armen schlafende Frau. Ihre Haut schimmerte rosig, und mit den nackten Schultern und dem weißen Satintuch über ihren langen Beinen wirkte sie ebenso verführerisch wie vorhin in seinem Traum.

Sie lächelte im Schlaf und bewegte lautlos die Lippen.

Er schmunzelte. Kelly sah so süß aus, so natürlich und unschuldig – Verführerin und Engel zugleich. Sanft strich er ihr eine Locke von der Wange.

Vielleicht sollte ich sie jetzt lieber wecken, dachte Max, als er ein schlechtes Gewissen bekam, weil er sie heimlich beobachtete.

Er räusperte sich laut.

Kelly bewegte sich, doch es dauerte einen Moment, bis sie die Augen öffnete. „Du?“, fragte sie erstaunt.

„Ja“, antwortete Max vorsichtig.

Mit einem Griff zog sie das weiße Satintuch bis über ihre Brust, setzte sich auf und lehnte sich gegen die Kissen. „Was machst du hier?“

„Falls du mit ‚hier‘ diesen Raum meinst: Ich glaube, es ist mein Zimmer“, antwortete er und setzte sich neben sie. „Aber wenn du wissen möchtest, warum ich mit dir in einem Bett bin, kann ich dir die Frage leider nicht beantworten. Ich bin selbst gerade erst aufgewacht und genauso überrascht wie du.“

Verwirrt blickte Kelly ihn an. Ihr wirbelten etliche Fragen durch den Kopf. Fragen, die ihr viel zu peinlich erschienen, als dass sie sie aussprechen mochte.

Eins war wohl klar, sie lag mit dem Trauzeugen im Bett. Einem sechsundzwanzig Jahre alten Geschäftsmann, von dem ihre Freundin DeeDee ihr schon einiges erzählt hatte. Zuerst war sie nicht an Max interessiert gewesen … doch das hatte sich anscheinend im Laufe des gestrigen Abends gründlich geändert.

Kelly betrachtete Max’ zerzaustes braunes Haar, sein markantes Gesicht und die breiten, braungebrannten Schultern. Und verstohlen ließ sie den Blick über die dunklen Locken auf seiner muskulösen Brust bis hinunter zu seinem festen Bauch wandern. Max sah sehr sexy aus, das musste sie zugeben.

Sein attraktives Aussehen war allerdings keine Entschuldigung dafür, dass sie mit ihm in einem Bett lag. Wie war sie nur in diese Situation geraten?

Nach dem Spiel mit dem Strumpfband hatten sie beide keinen einzigen Tanz ausgelassen und heftig miteinander geflirtet, daran erinnerte sie sich noch gut. Auch an sein verführerisches Lächeln und das Verlangen in seinem Blick.

Vorsichtshalber zog Kelly das Satintuch bis unters Kinn. „Ich weiß nicht mehr, wie wir hierher gekommen sind. Und mit Sicherheit hatte ich nicht die Absicht, die Nacht mit dir zu verbringen“, sagte sie.

Max schielte verlegen auf die Seidenstrümpfe, die über der kleinen Lampe baumelten. „Mir geht’s genauso. Ehrlich gesagt, kann ich mich an nichts erinnern.“

„Der Champagner muss schuld gewesen sein“, meinte sie zerknirscht.

„Stimmt.“ Max brachte ein schiefes Lächeln zustande.

Kopfschüttelnd betrachtete Kelly die auf dem Boden verstreuten Kleidungsstücke. „Ich kann einfach nicht glauben, dass ich das gemacht habe. So etwas ist mir noch nie passiert.“

„Ach was, passiert ist doch vermutlich gar nichts“, beruhigte Max sie hastig. „Wir haben nur nebeneinander geschlafen.“

„Vielleicht“, murmelte Kelly.

„Vielleicht? Du erinnerst dich also an die letzte Nacht?“

„Nur zum Teil.“ Sie spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg, während sie daran dachte, wie leidenschaftlich Max sie geküsst hatte.

Anfangs war alles nur ein harmloses Spiel gewesen. Sie hatte mit ihm geflirtet, ihn herausgefordert. Aber bevor sie es verhindern konnte, hatte dieser Mann sie mit seinem verführerischen Lächeln völlig in den Bann gezogen.

Wann war das Spiel ernster geworden? Und vor allem: Wie weit war sie wirklich gegangen?

Ach, hätte sie es nur wie Aschenputtel gemacht und wäre vor Mitternacht verschwunden!

Kelly wirkte so unglücklich, dass Max wünschte, er könnte ihr irgendeine Erklärung liefern, um sie aufzuheitern. Deshalb versuchte er noch einmal, sich an die letzten zwölf Stunden zu erinnern. Wenigstens an irgendetwas.

Mit einem Mal stand ihm eine Szene vor Augen … und er hörte die Worte so deutlich … Natürlich war es unmöglich, nur kam es ihm leider verdammt real vor.

Er holte tief Luft. „Ich glaube, wir haben letzte Nacht geheiratet.“

„Geheiratet?“ Kelly schnaubte. „Das ist doch absurd. Warum hätte ich dich heiraten sollen? Ich kenne dich ja nicht einmal!“

„Stimmt“, gab Max zu. „Aber ich schwöre dir, dass ich mich an eine Trauungszeremonie erinnere.“

„Nicht an unsere“, erwiderte Kelly mit fester Stimme. „Das wüsste ich ja wohl.“

„Hm … Ja.“ Max überlegte. Schon möglich, dass er sich das alles nur einbildete. Schließlich hatte er reichlich Alkohol genossen, sein Hirn war noch wie benebelt, und sein Schädel dröhnte. Trotzdem, er wurde das Bild einfach nicht los.

„Ich erinnere mich wirklich ganz deutlich daran, wie wir beide vor dem Pfarrer stehen und er uns zu Mann und Frau erklärt“, versuchte er es erneut. „Vielleicht haben wir ja spontan beschlossen, zu heiraten. Hier in Las Vegas kann man sich rund um die Uhr trauen lassen.“

„Hör endlich auf mit dem Unsinn.“ Sie hob die Hand, um Max zum Schweigen zu bringen. „Ich will nichts mehr davon hören.“

Mein Gott, es wird ja immer verrückter, dachte Kelly mit leichter Verzweiflung. Sie wussten nicht, ob sie miteinander geschlafen hatten, und jetzt wollte Max ihr auch noch einreden, dass sie verheiratet waren.

Unter der Bettdecke tastete sie über ihre Beine. DeeDees Strumpfband, mit dem das ganze Desaster begonnen hatte, umspannte noch ihren Oberschenkel. Aber dieses hauchzarte Nichts aus Seide und Spitze war leider auch alles, was sie am Körper trug.

Kelly seufzte. Nie im Leben durften ihr Vater und ihre Brüder erfahren, was sie getan hatte. Die drei würden ihr ja die Hölle heiß machen. In einem Hotelbett zu erwachen, vollkommen nackt und neben einem Mann, den sie erst seit vorgestern Abend kannte? Nein, so etwas geziemte sich für eine Frau aus der irischen und streng katholischen Familie O’Rourke überhaupt nicht.

„Max, was sollen wir jetzt machen?“, fragte sie zaghaft.

„Keine Ahnung. Vielleicht weiß außer uns niemand, dass wir zusammen in diesem Hotelzimmer sind. Dann könnten wir die letzte Nacht einfach vergessen“, schlug er mit einem schwachen Lächeln vor. „Was meinst du?“

Alles einfach vergessen? Hm. Das wollte Kelly nun auch wieder nicht. Max war sympathisch und außerdem sehr, sehr attraktiv. Der Gedanke, ihn näher kennenzulernen, reizte sie schon.

Andererseits suchte sie ja keine Beziehung. Sie hatte einen Vater und zwei ältere Brüder, die ständig auf sie aufpassten, ihr laufend Vorschriften machten und ihr in alles hineinredeten. Davon war sie völlig genervt.

Nein, das Letzte, was sie brauchte, war ein weiterer Mann in ihrem Leben. Nicht mal einen so netten Typen wie Max. Und deshalb wäre es wirklich das Beste, diese gemeinsame Nacht zu vergessen.

Plötzlich schoss ihr ein sehr beunruhigender Gedanke durch den Kopf. Die O’Rourkes waren eine fruchtbare Familie. Weder ihre Mutter noch ihre Tanten hatten lange auf Nachwuchs warten müssen. Was, wenn sie letzte Nacht schwanger geworden war?

„Stimmt irgendwas nicht?“, erkundigte sich Max besorgt, als er sah, wie blass sie wurde.

„Vielleicht.“ Kelly biss sich verlegen auf die Lippe. „Hast du, äh …“ Sie schluckte. „Hast du an Verhütung gedacht?“

„In unserer Hochzeitsnacht?“, fragte er mit gespieltem Erstaunen.

„Max! Lass die Scherze. Ich finde das überhaupt nicht lustig.“

Nein, lustig fand er es auch nicht. Aber wie sollte er ihre Frage beantworten, wenn er sich doch an rein gar nichts erinnerte?

Er wusste nur, dass er sich immer sehr verantwortungsvoll verhielt und stets ein Kondom in seiner Brieftasche aufbewahrte. Deshalb nickte er entschlossen. „Ja, sicher hab ich daran gedacht.“

Ein paar Zweifel blieben ihm natürlich, und er nahm sich fest vor, seine Brieftasche zu checken, sobald er die Gelegenheit dazu bekam. Doch erst einmal klopfte es laut und vernehmlich an der Tür.

„Wer kann das sein?“, flüsterte Kelly. „Es darf mich hier niemand mit dir sehen.“

„Dann bleib im Schlafzimmer.“ Max wollte schon aus dem Bett springen, als ihm gerade noch rechtzeitig einfiel, dass er nackt war.

„Schließt du mal kurz die Augen?“, bat er.

„Nein, das werde ich nicht tun!“

„Wirst du doch. Ich hab nichts an, und meine Sachen liegen dort hinten.“

„Na und? Schließlich behauptest du, wir wären verheiratet“, konterte Kelly, bevor sie sich das weiße Satintuch bis über den Kopf zog.

Mit einem Satz war Max aus dem Bett. Er sprang in seine Hose, streifte sich schnell noch das Hemd über und eilte zur Tür.

„Ja? Wer ist da?“, fragte er vorsichtig.

„Reggie Bennett, Assistant Manager des Hotels, Sir. Ich hoffe, ich habe Sie und Mrs. Taylor nicht geweckt. Wir würden Ihnen gern das Frühstück servieren, das im Service unserer Hochzeitssuite inbegriffen ist.“

Max spürte förmlich, wie er erbleichte. Mrs. Taylor? Hochzeitssuite? O Gott! Dann hatte er sich die Trauungszeremonie also doch nicht eingebildet.

Was für eine Katastrophe! Kelly war süß, wirklich. Er mochte sie. Aber deshalb musste er sie doch nicht gleich heiraten. Zurzeit wollte er überhaupt nicht heiraten. Eine Ehe stand in seiner sorgfältig ausgetüftelten Lebensplanung an absolut letzter Stelle.

Nun ja, was auch immer passiert war, im Moment ließ es sich nicht ändern. Max öffnete die Tür einen Spaltbreit und spähte auf den Flur. Der Herr im Anzug, der vor ihm stand, strahlte ihn an. Und auch der Zimmerkellner, der sich etwas im Hintergrund hielt, lächelte freundlich.

„Dürfen wir eintreten, Sir?“, erkundigte sich Reggie Bennett.

Max blickte schnell noch einmal zum Schlafzimmer, um ganz sicher zu sein, dass man Kelly nicht sehen konnte, dann hielt er den beiden die Tür auf.

Der Kellner rollte einen festlich gedeckten Tisch herein, vor den Mr. Bennett zwei Stühle platzierte.

Ohne Zweifel war das ein Hochzeitsfrühstück. Wie benommen starrte Max auf all die Köstlichkeiten. Und auf die zu Herzen geformten Butterstückchen. Die kleine Torte mit den weißen Täubchen obendrauf. Den Champagner im Silberkübel. Die Kristallvase mit einem Dutzend weißer Rosen. Eine riesige Glückwunschkarte lehnte an der Vase. Und über dem Tisch schwebten bunte Luftballons.

„Wir haben uns erlaubt, mit dem Servieren des Frühstücks bis ein Uhr zu warten, Sir. Nach Ihrer turbulenten Eheschließung waren wir uns sicher, dass Sie und Mrs. Taylor gern ausschlafen würden.“

In Reggie Bennetts Augen blitzte es humorvoll auf, während er Max’ offenes Hemd betrachtete. „Sollten Sie noch irgendeinen Wunsch haben, zögern Sie bitte nicht, sich an mich oder meine Mitarbeiter zu wenden“, fügte er hinzu und verließ den Raum mit einem breiten Grinsen.

Turbulente Eheschließung? Ganz schwach erinnerte sich Max jetzt an Leute, die ihm Glückwünsche zuriefen, und an ein Blitzlichtgewitter. Aber das half ihm auch nicht viel. Nach wie vor hatte er keine Ahnung, wie es sein konnte, dass er heute als verheirateter Mann aufgewacht war.

„Max, sind sie weg?“, fragte Kelly ungeduldig.

„Ja, sie haben uns Frühstück gebracht“, erwiderte er tonlos und starrte auf die Flasche Champagner. Hätte er dieses Zeugs doch bloß nie angerührt! Es war der Champagner, der ihn ins Verderben gestürzt hatte.

„Ich hab keinen Hunger“, meinte Kelly. „Ich gehe ins Bad.“

Gut, dachte Max, dann ist sie wenigstens beschäftigt. Denn er musste erst mal herausfinden, ob er wirklich verheiratet war.

„Ich bin gleich zurück“, rief er, bevor er aus dem Zimmer stürzte.

Sobald Kelly hörte, wie die Tür ins Schloss fiel, sprang sie aus dem Bett und blickte in den Wohnraum.

Lächelnd betrachtete sie den festlich gedeckten Tisch mit den bunten Luftballons.

Verheiratet? Nein, bestimmt nicht. Niemand konnte ihr weismachen, sie hätte einem Mann das Jawort gegeben, ohne sich anschließend daran zu erinnern.

Wenn Max das glaubte, so war das sein Problem. Aber sie würde jetzt ein ausgiebiges heißes Bad nehmen und dabei in Ruhe überlegen, wie sie diesen Unsinn beenden konnte.

Als sie die Tür zum Badezimmer öffnete, ertönte drinnen eine sanfte, leise Melodie. Kelly trat ein und blickte sich staunend um. Solch einen Luxus hatte sie bisher nur in Hollywoodfilmen gesehen.

Vor einer verspiegelten Wand stand eine riesige Wanne. Exotische Pflanzen mit rosa Blüten rankten an einem weiß lackierten Spalier empor. Auf einer rot gepolsterten Bank lagen zwei weiße flauschige Bademäntel, verziert mit „Mr.“ und „Mrs.“ in goldener Stickerei. Und auf einem Regal entdeckte sie Glasflakons mit farbigen Badeölen, erlesenen Parfüms und edlen Körperlotionen.

Sie schnupperte an den Kostbarkeiten, dann drehte sie die Hähne an der Badewanne weit auf und gab von jedem der vielen Öle einen kleinen Schuss ins Wasser. Sofort schwebte ein verführerischer Duft durch den Raum, der sie davon träumen ließ, wirklich auf der Hochzeitsreise zu sein.

Mit Max? In ihrem Bauch begann es zu prickeln, während sie an ihn dachte.

Doch sie schob diesen Gedanken gleich wieder beiseite. Gestern Nacht hatte sie eine unverzeihliche Dummheit begangen, okay. Aber sie war nicht auf der Suche nach einem Mann. Und sobald Max Taylor zurückkam, würde sie ihm das auch klar und deutlich sagen.

2. KAPITEL

Max fluchte leise, während er durch die endlos langen Flure des Hotels irrte. Verdammt! Er musste doch irgendwie herausfinden können, ob er verheiratet war!

In dem Veranstaltungsraum, in dem gestern die Feier stattgefunden hatte, war er gerade gewesen, aber natürlich hatte ihn das kein Stück weitergebracht. Der Saal lag leer und verlassen da. Dort gab es keine Menschenseele, die ihm hätte Auskunft geben können, was am vorigen Abend passiert war.

Seine letzte Hoffnung war jetzt die Rezeption. Vielleicht gab es einen weiteren Gast mit dem Namen Maxwell Taylor und man hatte sie beide beim Einchecken verwechselt. So etwas kam schon mal vor. Deshalb war er in der Hochzeitssuite gelandet, obwohl er nur ein einfaches Zimmer gebucht hatte.

Und das mit der Trauungszeremonie bildete er sich nur ein. Bestimmt. Es konnte gar nicht anders sein.

Denn in Las Vegas war vieles möglich, aber selbst in dieser Stadt benötigte man eine Heiratslizenz, um getraut zu werden. Und die hatte er nicht beantragt.

Als Max im Erdgeschoss aus dem Lift stieg, blickte er sich verwundert um – die Hotelhalle sah aus, als hätte hier eine Riesenfete stattgefunden. Jede Menge Konfetti lag auf dem Boden. Bunte Luftballons schwebten unter der Decke. Und leere Sektgläser warteten darauf, weggeräumt zu werden.

„Muss ja ’ne ziemliche Party gewesen sein“, meinte er zu einem Hotelangestellten, der dabei war, umgekippte Blumenkübel aufzurichten.

„Das sollten Sie doch am besten wissen.“ Der junge Mann lachte herzhaft. „Sie und Ihre hübsche Lady waren ja die Stars des Abends. Übrigens, meinen herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Vermählung, Sir.“

Max fiel die Kinnlade runter. Stars des Abends? Was war denn noch passiert, außer dass Kelly und er angeblich geheiratet hatten?

Wen konnte er fragen? Seinen Cousin Troy? Nein, das ging nicht. Troy war bereits in den Flitterwochen, also mit unbekanntem Ziel verreist.

Verdammt! Irgendjemand musste ihm doch weiterhelfen können.

Vielleicht sollte er seine Tante Clara anrufen, Troys Mutter. Nein, unmöglich. Tante Clara würde sofort in der ganzen Familie herumposaunen, dass ihr Neffe Max geheiratet hatte, ohne davon etwas mitzubekommen. Und er würde für den Rest seines Lebens wie ein Idiot dastehen. Nein danke, darauf konnte er verzichten. Es war so schon alles schlimm genug.

Während Max noch grübelte, tauchte Reggie Bennett neben ihm auf.

„Kann ich Ihnen helfen, Mr. Taylor?“

Tja, vielleicht konnte der Mann ihm ja wirklich helfen. Max wusste nur nicht recht, wie er seine Situation erklären sollte.

„Ist ja ein ziemliches Chaos hier“, begann er verlegen.

„Kein Problem.“ Bennett strahlte. „Das werden wir in kürzester Zeit aufgeräumt haben. Machen Sie sich keine Sorgen, Sir. Die Publicity, die Sie und Mrs. Taylor unserem Haus beschert haben, ist mindestens eine Million Dollar wert.“

Ganz ruhig, Max. Bestimmt wirst du gleich aufwachen und dann feststellen, dass alles nur ein Traum war. Ein schrecklicher Albtraum.

Er kniff sich kräftig in den Arm, aber nichts passierte. Bennett stand noch immer vor ihm. Und Max traute sich nicht, den Mann zu fragen, was er und Kelly eigentlich getan hatten, um ein Hotel in Las Vegas in die Schlagzeilen zu bringen.

Stattdessen murmelte er: „Danke“, drehte sich um und hastete zum Fahrstuhl.

Das Schild „Bitte nicht stören“ hing an der Tür der Hochzeitssuite.

Max atmete tief durch, bevor er eintrat, denn er hatte keine Ahnung, wie es jetzt weitergehen sollte.

Kelly schien bereits auf ihn zu warten. Barfuß und in einen weißen Bademantel gehüllt, lief sie im Wohnraum auf und ab. Ihr lockiges rotes Haar, das noch etwas feucht war, umschmeichelte ihre Schultern. Und sie duftete so verführerisch, dass er sich prompt vorstellte, wie schön es wäre, sie in die Arme zu nehmen …

„Wo warst du?“, unterbrach sie seine Träumereien.

„Unten“, erwiderte er und ging zum Telefon. „Ich nehme an, der Kaffee ist inzwischen kalt. Ich werde neuen ordern. Es ist besser, wenn wir erst mal frühstücken.“

Max nahm den Hörer ab, wählte die Nummer für den Zimmerservice und gab seine Bestellung auf.

„Wie kannst du jetzt ans Essen denken?“, fauchte Kelly. „Wir haben etwas Wichtiges zu besprechen.“

„Stimmt. Aber mit leerem Magen kann ich überhaupt nicht denken. Und in den letzten vierundzwanzig Stunden hatte ich nicht viel mehr als ein paar Erdnüsse, die ich in Champagner ertränkt habe.“

Kelly schnaubte. „Gut. Dann setz dich eben hin und frühstücke. Aber eine Sache möchte ich gleich klarstellen: Wir zwei sind nicht verheiratet!“

Sie sieht süß aus, wenn sie wütend ist, dachte Max schmunzelnd. Was sie wohl sagt, wenn sie von meinem Erlebnis in der Hotelhalle erfährt?

Doch bevor er ihr davon erzählen konnte, hämmerte jemand gegen die Tür, und Kelly ging hin, um zu öffnen.

Vor ihr stand ein Junge. „Kelly! Schnell, versteck dich!“, schleuderte er ihr entgegen. „Dad und Damon suchen dich. Glaub mir, die beiden sind auf dem Kriegspfad.“

„Sean! Was machst du hier?“, fragte sie verwundert.

„Ich wollte dich warnen. Dad ist stinksauer, weil du geheiratet hast, ohne dass er davon wusste. Er behauptet, man hätte deine Trauung im Fernsehen gezeigt.“ Ein breites Grinsen zog über sein Gesicht. „Ich finde das ja echt cool. Hast du wirklich im Fernsehen geheiratet, Kelly?“

„Bestimmt nicht.“ Sie sah Max fragend an.

Der zuckte hilflos die Achseln. „Ich fürchte, es könnte so sein. Jedenfalls …“

„Komm rein, Sean“, unterbrach Kelly ihn.

„O nein, ich verschwinde lieber, bevor man mich hier erwischt.“

„Zu spät, Bürschchen“, ertönte eine tiefe Stimme, und in der Türöffnung tauchte ein uniformierter Polizist auf, der den Jungen an den Schultern packte und ihn vor sich her ins Zimmer schob.

„Patrick?“, kreischte Kelly.

„Ja, Patrick, dein Bruder. Nett, dass du mich noch erkennst. Und ich dachte schon, du hättest deine gesamte Familie vergessen.“ Er blickte sie grimmig an. „Ich hab einen ziemlich langen Einsatz hinter mir. Und als die Ablösung kam, haben mir alle möglichen Leute zur Hochzeit meiner Schwester gratuliert. Die Trauung wurde sogar im Fernsehen übertragen, aber uns hast du wohl nicht dabeihaben wollen, oder?“

„Es ist nicht so, wie es aussieht“, protestierte Kelly. „Ich kann das erklären.“

„Was gibt’s da noch zu erklären? Soweit ich informiert bin, hast du geheiratet. Dabei wusste ich nicht einmal, dass du mit jemandem ausgehst.“ Er musterte Max. „Du bist der Bräutigam?“

Der strenge Blick des jungen Polizisten schüchterte Max so sehr ein, dass er nur wortlos nickte.

„Kann mich nicht erinnern, dich schon mal gesehen zu haben. Bist du aus Las Vegas?“

Max schüttelte den Kopf und fragte sich, wann er endlich aus diesem Albtraum erwachen würde.

„Max, das sind zwei meiner Brüder, Sean und Patrick“, erklärte Kelly. „Sean ist der jüngste, er ist fünfzehn. Und Patrick ist beim Las Vegas Police Department“, fügte sie überflüssigerweise hinzu.

Mit einem etwas mulmigen Gefühl im Magen reichte Max dem Polizisten die Hand. „Mein Name ist Maxwell Taylor. Äh … freut mich, dass wir uns kennenlernen.“

„Mich auch“, erwiderte Patrick, obwohl man ihm deutlich ansah, dass er genau das Gegenteil meinte.

„Kelly O’Rourke!“ Wie ein Donnerschlag rollte der Klang einer tiefen Stimme durch den Raum.

Max blickte erschrocken zur Tür. Ein groß gewachsener Mann, bekleidet mit einer Uniform der Air Force, marschierte ins Zimmer. Er hatte rotes Haar, das an den Schläfen leicht ergraute, und sein finsterer Gesichtsausdruck verhieß nichts Gutes. Das konnte nur Kellys Vater sein.

Und hinter ihm erschien ein jüngerer Mann, ebenfalls in einer Air-Force-Uniform.

„Dad! Damon!“ Kelly schlang den Bademantel enger um sich. „Was macht ihr hier?“

„Eine bessere Frage wäre ja wohl, was du hier machst, mein Kind“, polterte Mr. O’Rourke. Er zog die buschigen Augenbrauen hoch. „Soweit ich informiert war, solltest du gestern DeeDees Brautjungfer sein. Du hast mir mit keinem Wort verraten, dass du auch heiraten würdest.“

„Ich hab nicht … Es ist alles ein …“ Hektisch überlegte Kelly, wie sie sich verhalten sollte.

Das mit der Trauung im Fernsehen konnte nur ein Missverständnis sein. Eine Verwechslung. Das Fernsehen übertrug keine Hochzeiten von irgendwelchen Unbekannten.

Doch wenn sie diesen Irrtum jetzt aufklärte, würde sie gleichzeitig zugeben, dass sie die letzte Nacht mit einem wildfremden Mann verbracht hatte. Ihr Vater würde ausrasten. O Gott, sie hörte schon seine Vorwürfe.

Und er dachte ja ohnehin, sie hätte heimlich geheiratet. Da war es wohl besser, ihn einfach in dem Glauben zu lassen.

„Für mich kam das auch völlig überraschend, Dad“, sagte sie und blickte Max flehend an, in der Hoffnung, er würde ihr Spiel mitmachen.

„Und das da ist also dein Mann?“

Max verstand sofort, als er die stumme Bitte in Kellys Augen sah. Deshalb zögerte er gar nicht, sondern streckte die Hand aus. „Maxwell Taylor, Sir.“

„Michael O’Rourke. Freut mich, dich kennenzulernen, mein Junge“, erwiderte Kellys Vater, während er Max kräftig die Hand schüttelte. Dann musterte er seinen frischgebackenen Schwiegersohn mit gerunzelter Stirn. „Ich bin nicht allzu glücklich, dass meine einzige Tochter heimlich geheiratet hat, verstehst du? Aber sie war schon immer sehr impulsiv und unbändig, sodass mich dieser Streich eigentlich nicht groß überraschen sollte. Also, erzählt! Wie stellt ihr euch eure Zukunft vor?“

Gute Frage, dachte Max zerknirscht und betrachtete die drei Männer in Uniform. Sie blickten streng und ernst und wirkten nicht gerade so, als seien sie zu Späßen aufgelegt. Ihnen jetzt die Wahrheit zu sagen, wäre sicherlich nicht die beste Idee.

Dieser Patrick schien extrem misstrauisch zu sein. Typisch Polizist. Er starrte auf Kellys Hand. Sicherlich hatte er gerade bemerkt, dass seine Schwester keinen Ehering trug. Als Nächstes musterte er DeeDees Brautstrauß. Dann den Schleier. Als würde er einen Tatort inspizieren.

Nur Sean grinste Max freundlich an.

„Ich höre.“ Kellys Vater wartete ungeduldig auf eine Antwort.

„Wir … Also, das haben wir …“, stammelte sie.

Max legte ihr den Arm um die Schulter. „Liebling, ich glaube, du solltest dich erst mal anziehen“, riet er, um sie aus ihrer peinlichen Lage zu erlösen.

Kelly nickte. „Stimmt. Ich bin in einer Minute zurück, Dad.“ Dann blickte sie Max an. „Kann ich dich nebenan kurz sprechen, Schatz?“

„Natürlich.“

Im Schlafzimmer fühlte sich Kelly noch nicht sicher genug. Sie zog Max bis ins Bad und schloss hinter ihnen die Tür.

„Was sollen wir jetzt machen?“, fragte sie verzweifelt.

„Uns wird schon was einfallen.“ Ich bin dafür, dass wir uns in diesem fantastischen Badezimmer einschließen, fügte er in Gedanken hinzu, während er die breite Wanne betrachtete. Leise, romantische Musik im Hintergrund … eine sinnliche Atmosphäre … und eine attraktive Frau, die sehr verführerisch duftete … Max seufzte. Okay. Für erotische Spielchen war’s definitiv der falsche Zeitpunkt. Sie beide hatten ein Problem zu lösen.

„Also, wir tun einfach so, als wäre alles in bester Ordnung, bis deine Familie verschwunden ist“, schlug er vor. „Dann versuchen wir herauszufinden, ob wir wirklich geheiratet haben. Und sollte das so sein, lassen wir die Ehe annullieren.“

„Annullieren?“ Kelly kräuselte die Stirn. „Nach einer gemeinsamen Nacht in der Hochzeitssuite?“

Ja, richtig. Daran hatte er gar nicht gedacht. Und da sie jetzt die letzte Nacht erwähnte, fiel ihm auch mit Schrecken wieder ein, dass er noch etwas überprüfen musste.

Hastig zog Max seine Brieftasche aus der Hose und wurde blass, als er einen Blick hineinwarf – die farbige Hülle eines Kondoms leuchtete ihm gehässig entgegen.

Kein Grund zur Panik, beruhigte er sich. Es war gar nicht nötig, an Verhütung zu denken, weil ihr todmüde ins Bett gefallen seid und nur geschlafen habt. Eine leidenschaftliche Nacht mit einer Frau wie Kelly würdest du mit Sicherheit nie vergessen.

Er sah sie an. „Okay, dann lassen wir uns scheiden.“

„Was wir auch machen, diese Geschichte ist und bleibt eine Katastrophe.“ Kelly holte tief Luft. „Wenn ich mich scheiden lasse, bricht es meinem Vater das Herz. Bei den O’Rourkes gibt es nämlich keine Scheidungen. Wir sind streng katholisch.“

„Ach, Kopf hoch, Kelly. Gemeinsam wird uns schon was einfallen. Erst mal sagen wir deiner Familie, dass wir in die Flitterwochen fahren …“

„In die Flitterwochen?“, unterbrach ihn Kelly entsetzt. „Eine gemeinsame Nacht mit dir hat ausgereicht, um mein ganzes Leben zu ruinieren. Auf Flitterwochen kann ich gut und gerne verzichten.“

„Wir tun doch nur so, damit wir deine Familie loswerden und in Ruhe überlegen können, wie es weitergehen soll.“

„Okay. Ich fürchte allerdings, Patrick und Damon werden uns nicht für eine Sekunde aus den Augen lassen. Bestimmt ahnen sie längst, dass das Ganze ein Schwindel ist. Sie haben uns vorhin so misstrauisch angesehen.“

„Unsinn. Das bildest du dir nur ein“, antwortete Max, obwohl auch ihm das aufgefallen war.

„O nein! Du kennst die beiden nicht. Meine lieben Brüder meinen, sie müssten ständig auf mich aufpassen. Was glaubst du, was Patrick anstellt, wenn ich mit jemandem ausgehe? Er fährt zu seiner Dienststelle, setzt sich an den Computer und guckt nach, ob gegen meinen Freund irgendwas vorliegt. Und schon bei einem Strafmandat wegen Geschwindigkeitsüberschreitung macht er einen Heidenaufstand. Das nervt mich dermaßen …“

Max legte sanft die Hände auf ihre Schultern. „Dann sieh es mal so: Als verheiratete Frau bist du deinen Brüdern keine Rechenschaft mehr schuldig. Du hast deinen Ehemann an deiner Seite und kannst die beiden einfach ignorieren.“

Kelly spürte, wie ihr Herz schneller schlug, als Max ihr tief in die Augen sah. Sein Blick war ebenso zärtlich und verführerisch wie am Abend zuvor. Und wie schon gestern, war sie gegen diesen Zauber völlig machtlos. Sie wünschte sich nur noch, sie könnte ihre Wange an seine Brust schmiegen und er würde seine starken Arme um sie legen.

„Wir sind aber nicht wirklich verheiratet, weißt du?“, murmelte sie, noch immer unfähig, den Blick von Max’ Augen zu lösen.

„Warten wir’s ab“, sagte er sanft und strich ihr behutsam eine Locke aus der Stirn. „Und bis wir es herausgefunden haben, stehen wir die Sache gemeinsam durch.“

„Danke. Aber ich warne dich. Mit meiner Familie wird es nicht einfach. Die werden uns nicht so schnell in Ruhe lassen.“

„Tja, mich wundert, dass sie nicht längst an die Tür klopfen. Vielleicht ist es besser, wenn du dich jetzt anziehst. Ich gehe schon mal ins Wohnzimmer, und wenn du kommst, wimmeln wir sie mit vereinten Kräften ab.“

„Okay“, stimmte Kelly zu.

Seinen Urlaub hatte er sich ja eigentlich anders vorgestellt. Wie war er bloß in dieses Dilemma geraten? Max schüttelte den Kopf, als er durch das Schlafzimmer schritt. Ein paar Tage in Las Vegas, zuerst die Hochzeit, dann reichlich Zeit, um das Nachtleben zu genießen. So war’s geplant. Und anschließend hatte er nach Hawaii fliegen wollen, um sich dort mit Lian, seiner Verlobten, zu treffen.

Natürlich. Er könnte sich das Leben leicht machen und einfach abhauen. Doch damit würde er Kelly im Stich lassen, und das kam überhaupt nicht infrage. Dafür mochte er sie viel zu sehr.

Sean grinste ihn freundlich an, als Max den Wohnraum betrat.

Patrick war dabei, den Brautstrauß von allen Seiten zu beäugen.

Und Damon erkundigte sich sofort misstrauisch: „Wo ist Kelly?“

„Sie kommt gleich“, erwiderte Max und war heilfroh, als es im selben Moment klopfte und er erst mal an die Tür gehen musste. Eine kleine Gnadenfrist, bevor ihn die drei uniformierten O’Rourkes ins Kreuzverhör nehmen konnten.

„Ihr Kaffee, Mr. Taylor.“ Der Zimmerkellner rollte einen Servierwagen herein. „Wünschen Sie sonst noch etwas?“

Ja, ein Wunder. „Nein, danke. Das ist alles.“

Es lief wie befürchtet. Kaum hatte er Kellys Vater eine Tasse Kaffee angeboten, da folgten auch schon die ersten Fragen.

„Ich habe dich noch nie gesehen“, begann Michael O’Rourke. „Also, erzähl mir ein bisschen von dir. Woher kommst du? Was machst du beruflich? Wo hast du meine Tochter kennengelernt? Seit wann kennst du sie überhaupt?“

„Lange genug, um sicher zu sein, dass ich keine andere zur Frau haben möchte“, erwiderte Max schlagfertig. „Ich lebe in Boston und bin Geschäftsmann. Mir gehören einige Fitnesscenter. Und Kelly habe ich kennengelernt, als ich meinen Cousin Troy und seine Verlobte DeeDee besucht habe. Möchten Sie sonst noch etwas wissen?“

„Im Moment nicht. Aber ich muss dir sagen, dass ich von deinem Verhalten sehr enttäuscht bin. Ich denke, es wäre anständiger gewesen, mich offiziell um die Hand meiner Tochter zu bitten. Zumindest hättest du ihre Familie zur Trauung einladen können.“

„Es war ein sehr spontaner Entschluss, Mr. O’Rourke“, antwortete Max.

„Mr. O’Rourke? Warum nennst du mich nicht Dad, nachdem du meine Tochter geheiratet hast?“ Kellys Vater seufzte. „Na ja, ich nehme an, die Zeiten haben sich geändert, seit ich ein junger Mann war und um die Hand meiner Moira angehalten habe.“

Wieder seufzte er. „Trotzdem, ich hätte es lieber gesehen, wenn ihr in unserer Kirche geheiratet hättet. In Anwesenheit der gesamten Familie. So, wie es sich nun einmal gehört. Nicht auszudenken, was ihre verstorbene Mutter zu alldem sagen würde.“

Michael O’Rourke hob die Augenbrauen und schien zu überlegen. „Aber wenn ich mit Pater Joe rede, lässt sich da ja vielleicht noch etwas machen …“

Ein eiskalter Schauer lief Max über den Rücken, denn er ahnte, dass diese Geschichte noch weitaus komplizierter werden könnte, als sie es ohnehin schon war.

Und richtig. „Ihr beide werdet für ein paar Tage zu mir nach Hause kommen“, hörte er seinen neuen Schwiegervater verkünden. „Damit Kellys Familie die Chance hat, dich kennenzulernen. Und ich denke, es ist auch noch nicht zu spät.“

Bevor Max den Mund aufbekam, trat Kelly neben ihn. In ihrem wunderschönen smaragdgrünen Kleid.

„Zu spät für was?“, fragte sie vorsichtig.

„Für eine anständige Hochzeit in der Kirche!“

„Wir sind bereits verheiratet, Dad!“

„Und wenn schon. Ich möchte, dass du in unserer Kirche getraut wirst. So, wie es sich gehört“, erwiderte ihr Vater, und seinem Ton nach zu urteilen duldete ein Michael O’Rourke keinen Widerspruch.

Sowohl Patrick als auch Damon nickten zustimmend.

„Max, sag doch etwas!“, bat Kelly mit zittriger Stimme.

„Ja, also … vielleicht könnten wir mit dem Besuch in Ihrem Haus noch etwas warten, Mr. O’Rourke“, schlug Max vor und nahm Kellys Hand beschützend in seine. „Ich bin nur auf einen kurzen Urlaub in Las Vegas, und die Zeit für unsere Flitterwochen ist knapp bemessen.“

„Spielt keine Rolle“, erwiderte Kellys Vater. „Die Familie bedeutet uns sehr viel. Es sollten dich alle kennenlernen, und ich muss wissen, wie ihr euch die Zukunft vorstellt. Also werdet ihr die nächsten ein, zwei Tage unter meinem Dach verbringen.“

„Aber, Dad …“

„Kein Aber mehr, Kelly! Ich habe es so beschlossen. Max, ich hoffe, du nimmst meine Einladung an.“

„Natürlich, Sir. Kelly und ich werden uns nachher gleich auf den Weg machen.“

„Gut. Wir erwarten euch“, dröhnte Michael O’Rourke. „Kommt, Jungs.“

Sobald die vier verschwunden waren, fragte Kelly entsetzt: „Warum hast du zugesagt?“

„Weil dein Dad sonst nicht von der Stelle gewichen wäre. Ich verspreche dir, es wird alles gut. Morgen früh versuche ich herauszufinden, ob für uns eine Heiratsurkunde ausgestellt wurde. Und heute Nacht bleiben wir eben bei deinem Vater. Was soll’s? Ist doch kein großes Problem.“

Fassungslos schüttelte sie den Kopf. „Max, ich glaube, du hast keine Ahnung, worauf du dich da einlässt.“

3. KAPITEL

Das Zuhause der Familie O’Rourke lag nicht etwa in einer der Wohngegenden von Las Vegas, sondern auf einem weit außerhalb gelegenen Stützpunkt der US Air Force namens Nellis.

Mit leichtem Unbehagen schaute sich Max um, während sie über das Gelände fuhren – Leute in Dienstkleidung, wohin er auch blickte. Hier war er von Militärs umzingelt. Und dabei fand er die drei uniformierten O’Rourkes schon Furcht einflößend genug.

„Scheint niemand da zu sein“, meinte Kelly, als sie das Reihenhaus betraten.

Max atmete erleichtert auf. Wenigstens blieb es ihm erspart, dass sich sein „Schwiegervater“ sofort auf ihn stürzte, um ihn mit weiteren Fragen zu seinen Zukunftsplänen als Ehemann zu quälen.

„Dann zeige ich dir erst mal mein kleines Reich“, fügte sie hinzu.

Ihr Zimmer erinnerte Max an den winzigen Raum, den er damals im College bewohnt hatte. An der einen Wand stand ein Bett, an der nächsten ein Schreibtisch mit einem Stuhl davor. Ein beigebrauner Ledersessel und eine Stehlampe nahmen den Platz vor dem Fenster ein. Ein Kleiderschrank füllte die vierte Wand aus. Und eine Tür führte in ein angrenzendes kleines Bad.

Es war sehr beengt, und doch gemütlich, denn Kelly hatte dem Zimmer eine persönliche Note gegeben. Mit vielen Familienfotos an den Wänden, einem bunten Flickenteppich auf dem Boden sowie einem herzförmigen rosa Kissen auf dem Bett.

Auf einem Bett, das ziemlich schmal war!

Max schluckte. Für eine zierliche Frau wie Kelly mochte es ja reichen, aber doch nicht für ihn, einen Mann, der über einen Meter achtzig maß. Und schon gar nicht für sie beide!

„Habt ihr ein Gästezimmer?“, fragte er hoffnungsvoll.

„Nein.“

„Wir müssen also beide in diesem Bett schlafen?“

„Es wird uns nichts anderes übrig bleiben“, meinte sie trocken. „Ich hab ja gesagt, du weißt nicht, worauf du dich einlässt.“

„Stimmt, aber ich hab gedacht, dass du damit deine Familie meintest, nicht die Einrichtung deines Zimmers.“ Max stöhnte. „Mal sehen. Vielleicht kann ich deinen Dad nachher dazu bringen, seine Meinung zu ändern, und dann suchen wir uns ein Hotel.“

„Vergiss es. Mein Vater ändert nie seine Meinung. Und als Offizier erwartet er, dass seine Anordnungen widerspruchslos befolgt werden.“

„Dann war es vielleicht doch keine so gute Idee von dir, ihm zu sagen, dass wir verheiratet sind.“

„Im Gegenteil. Sonst hätte Patrick dich nämlich ins Gefängnis geworfen.“ Kelly lachte unbeschwert.

„Weil wir eine gemeinsame Nacht verbracht haben?“, fragte Max ungläubig. „Das ist ja wohl kein Vergehen. Du bist volljährig.“

„Ja, und katholisch und eine O’Rourke. Deshalb spielt es für meine Brüder keine Rolle, wie alt ich bin“, erklärte sie ihm fröhlich. „Patrick hätte sich schon einen Grund ausgedacht, um dich für ein paar Stunden einzubuchten. Ich kenne seinen Blick. Und so wie er dich angesehen hat, war er am Überlegen, was er dir anhängen könnte.“

„Ich wüsste nicht, was es an mir auszusetzen gibt.“ Max ließ den Blick an seinem weißen Hemd, dem dunkelblauen Blazer und der grauen Hose hinabgleiten. „Na ja, ist auch egal. Da wir jetzt als verheiratet gelten, lässt er mich ja wohl in Ruhe.“

„Nein, mach dir keine Hoffnungen. Er wird es nicht akzeptieren, dass ich dich zum Ehemann gewählt habe.“

„Und warum nicht?“

„Also …“ Kelly hielt die linke Hand hoch, um die Punkte an den Fingern abzuzählen. „Du hast keine irischen Vorfahren. Du bist nicht beim Militär. Nicht bei der Polizei. Du trägst keine Uniform. Und bestimmt wird Patrick noch weitere Gründe finden, sobald er deinen Namen in seinen Polizeicomputer eingibt.“

Wo war er hier gelandet? Auf einem fremden Planeten zwischen Verrückten, die alle zum Stamme der O’Rourkes gehörten?

„Das ist ja absurd“, wehrte er sich. „Warum bin ich als Zivilist und Geschäftsmann nicht gut genug für dich? Immerhin gehören mir die Taylor Fitness Center.“

„Dann passen wir ja gut zusammen. Ich bin Aerobiclehrerin. Ich unterrichte hier auf dem Stützpunkt.“ Wieder lachte sie unbekümmert.

Max musste lächeln. Es wärmte ihm das Herz, wenn Kelly lachte. Bisher hatte er wirklich jede einzelne Minute mit ihr genossen. Sie war so fröhlich, so spontan, so natürlich und unkompliziert. Sie strahlte genau das aus, was in seinem Leben fehlte. Und er spürte deutlich, dass er sich viel stärker zu ihr hingezogen fühlte, als ihm eigentlich lieb war.

„Keine Angst, das mit dem Gefängnis war nicht ernst gemeint.“ Kelly lächelte verschmitzt. „Trotzdem solltest du dich darauf einstellen, dass meine Familie uns noch Schwierigkeiten bereiten wird. Dad scheint mir ja zu glauben. Aber Patrick und Damon sind bestimmt misstrauisch, was unsere heimliche Heirat angeht.“

„Das vermute ich auch.“ Max sah sich nach einem geeigneten Platz für seinen Koffer um. „Ich hab gesehen, wie Patrick auf deine Hand gestarrt hat. Bestimmt hat er sich gefragt, warum du keinen Ehering trägst. Was meinst du, sollte ich losfahren und dir einen Ring besorgen, bevor dein Vater nach Hause kommt?“

„Nein, das würde uns nicht helfen.“ Kelly setzte sich auf die Bettkante und streifte die Pumps von den Füßen. „Das eigentliche Problem ist nämlich, dass wir keine Heiratsurkunde haben. Ich wette, es dauert nicht lange, bis Patrick uns danach fragt.“

Als ihr Blick auf den Schleier fiel, den sie auf dem Schreibtisch abgelegt hatte, zog sie die Stirn kraus. „Sag mal, wie bin ich eigentlich zu DeeDees Brautschleier gekommen?“

„Keine Ahnung. Vielleicht hat sie ihn dir geliehen, weil wir überraschend heiraten wollten.“

„Sei nicht albern“, fauchte Kelly. „Wir sind nicht verheiratet. Auch wenn ich meinem Vater gegenüber das Gegenteil behaupte. Selbst in Las Vegas wird einem keine Heiratslizenz ausgestellt, wenn man volltrunken auf dem Standesamt erscheint. In nüchternem Zustand war ich nicht dort. Das weiß ich genau. Und ohne Heiratslizenz gibt’s keine Trauung. Also können wir nicht verheiratet sein.“

„Wenn du dir in dem Punkt so sicher bist, würde ich lieber sofort aus Las Vegas verschwinden“, erwiderte Max. Und Kelly nie wiedersehen? Komisch, dieser Gedanke gefiel ihm gar nicht. „Als Polizist könnte Patrick schnell herausfinden, dass wir gelogen haben, und dann lande ich am Ende doch noch im Gefängnis.“

Kelly guckte erschrocken. „O nein, du kannst mich jetzt nicht alleinlassen! Ich brauche dich, damit man mir meine Story glaubt.“

„Tolle Story“, murmelte er.

„Nur für heute Abend, Max. Bitte!“

„Okay.“ Er seufzte. „Wir sind da gemeinsam hineingeraten, also werden wir das Problem auch gemeinsam lösen. Aber mir kommt es langsam so vor, als würden wir beide in einer Grube sitzen, die so tief ist, dass wir nie wieder rauskommen.“

Wenn du ganz ehrlich bist, willst du das auch gar nicht, Max! flüsterte ihm eine innere Stimme zu, die er jedoch sofort zum Verstummen brachte.

Zum wiederholten Male betrachtete er das Bett, und der Gedanke an die kommende Nacht brachte ihn gewaltig ins Schwitzen. Wie sollte er die Hände von Kelly lassen, wenn sie so dicht neben ihm lag? Wie stellte sie sich das eigentlich vor?

„Äh … ich bin sicher, dass dein Bett zu schmal ist für uns beide“, begann er. „Gibt es vielleicht noch eine andere Lösung?“

Kelly zuckte mit den Schultern. „Wohl kaum. Die Couch im Wohnzimmer kommt nicht infrage, denn wenn du dort schläfst, nimmt uns niemand das glückliche Ehepaar ab. Und ein Gästezimmer haben wir nicht. Tut mir leid, dieses Haus ist nicht groß. Es reicht gerade für Dad, Sean und mich.“

„Und wo wohnen deine älteren Brüder?“

„Damon drüben in der Unterkunft der Junggesellen. Und Patrick hat ein Apartment in Las Vegas.“

Noch immer starrte Max auf das schmale Bett. „Okay. Ist ja nur für eine Nacht. Wo soll ich meinen Koffer lassen?“

Bevor sie antworten konnte, kam ein kleines haariges Bündel ins Zimmer gerast, das auf ihren Schoß sprang und ihr überschwänglich das Gesicht leckte.

„Das ist Honey“, erklärte Kelly fröhlich, während sie den Cockerspaniel kraulte. „Ich hab sie gestern zu unseren Nachbarn gebracht. Sie muss durch die Hundeluke hereingekommen sein. Honey ist meine beste Freundin. Weißt du, wir ziehen so häufig um, und jedes Mal muss ich all meine Freunde zurücklassen. Deshalb bin ich froh, dass ich wenigstens sie immer bei mir habe.“

„Meine Familie lebt seit Generationen im selben Haus in Boston.“

„Dann bist du zu beneiden.“ Kelly seufzte. „Wir sind richtige Zigeuner, die von einem Militärstützpunkt zum nächsten wandern. Das ist einer der Gründe, warum ich mich entschieden habe, Aerobiclehrerin zu werden. Damit bin ich flexibel. Ich bin bei der Air Force angestellt und kann jeweils dort arbeiten, wo mein Vater stationiert ist.“

Kelly setzte den Hund neben sich aufs Bett, stand auf und blickte an sich hinunter. „Also, langsam hab ich das Gefühl, dieses Kleid würde an mir kleben. Es wird Zeit, dass ich mich endlich umziehe.“

Max beobachtete, wie sie den Schrank öffnete und ein Paar Jeans sowie einen dunkelgrünen Pullover herausholte. Schade. Er hätte nichts dagegen gehabt, sie weiterhin in diesem betörenden Kleid zu sehen. Der seidige Stoff schmiegte sich perfekt an ihren Körper und betonte ihre sanften Kurven.

„Wo soll ich meinen Koffer lassen?“, fragte er, um sich von dem verführerischen Anblick abzulenken.

„Unter dem Bett.“

Doch damit schien Honey leider nicht einverstanden zu sein. Sie knurrte bedrohlich, sobald Max näher kam.

„Was hat sie?“, erkundigte er sich.

„Na ja, das ihr Territorium. Aber keine Angst, sie wird dich schon nicht beißen.“

„Wie tröstlich.“ Max bückte sich, um den Koffer unters Bett zu schieben, und behielt Honey dabei im Auge. „Sei endlich still“, murmelte er in ihre Richtung. „Spätestens heute Abend musst du mir den Platz sowieso überlassen.“

O Gott, jetzt redete er schon mit einem Hund!

Kopfschüttelnd richtete sich Max auf, und sein Blick fiel auf eines der Familienfotos an der Wand.

Es zeigte Kellys Vater in Uniform. Neben ihm eine dunkelhaarige Frau mit einem freundlichen Gesicht. Damon und Patrick – schon als Teenager mit ernsten Mienen – rahmten die Eltern ein. Und die verschmitzt lächelnde, vielleicht zwölfjährige Kelly saß mit einem kleinen Jungen vor ihnen.

„Die Frau auf dem Foto hier … ist das deine Mutter?“

„Ja. Sie ist vor fünf Jahren gestorben.“

„Tut mir leid“, antwortete Max. „Das muss schwer für euch gewesen sein.“

„Vor allem für Sean. Er war erst zehn. Sean und ich stehen uns sehr nahe. Ich bin wohl fast Mutterersatz für ihn.“

„Dann hast du einen guten Job geleistet. Der Junge ist wirklich nett.“

„Danke.“ Kelly lachte. „Wir zwei haben immer zusammengehalten. Gegen Dad und meine älteren Brüder. Wir beide sind eben einfach anders als der Rest der Familie. Mein Vater will, dass Sean mehr wie Damon und Patrick ist, dass er später zum Militär geht oder zur Polizei. Der arme Sean, er ist gar nicht der Typ dafür. Er möchte Computerspiele programmieren, wenn er mit der High School fertig ist. Das wird er auch, ganz bestimmt. Sean ist der geborene Rebell.“

„So wie du?“

„Na ja.“ Wieder lachte sie. „Mein kleiner Bruder ist viel intelligenter als ich. Und er schafft es spielend, seinen Willen durchzusetzen. Mir als einzigem Mädchen in der Familie hat man kaum Freiheiten gewährt.“ Mit Jeans und Pullover über dem Arm, ging sie zum Badezimmer, doch bevor sie darin verschwand, drehte sie sich in der Tür um und schenkte Max ein atemberaubendes Lächeln. „Aber da ich jetzt verheiratet bin“, erklärte sie schelmisch, „wird ja alles anders.“

Verheiratet? Da war er sich nicht sicher. Er wusste nur, dass es für ihn eine Tortur werden würde, mit dieser verführerischen Frau in einem Bett zu liegen und trotzdem die Finger von ihr zu lassen.

Durch die geschlossene Badezimmertür hörte er Kelly fluchen. „Brauchst du meine Hilfe?“

„Nur wenn du imstande bist, die Knöpfe auf meinem Rücken mit geschlossenen Augen zu öffnen.“

Max lächelte. „Du bist heute Morgen in meinen Armen aufgewacht, und zwar nackt. Wo ist das Problem, wenn ich deinen Rücken sehe?“

„Für heute Morgen bin ich nicht verantwortlich, Maxwell Taylor“, rief sie. „Schuld war der Champagner. Au! Verflixt!“

„Was ist jetzt passiert?“

„Mist. Mein Haar hat sich an einem Knopf verheddert.“

„Komm her“, lockte Max. „Das klingt nach einem Notfall.“

„Ist es auch“, bestätigte Kelly, als sie aus dem Bad trat.

Sobald Max die Hände an ihren Rücken legte, kam Honey wie der Teufel angeschossen und sprang böse knurrend an seinem Hosenbein empor.

„Was hat dein Köter jetzt wieder auszusetzen?“

„Sag nicht Köter, sonst ist sie beleidigt.“

„Du willst hoffentlich nicht behaupten, dass sie meine Worte versteht, oder?“, fragte er ungläubig.

„Natürlich nicht. Aber Hunde sind viel sensibler, als die meisten Menschen annehmen. Sie hört an deinem Tonfall, ob du sie magst.“

„Sie hat angefangen. Sie hat zuerst geknurrt.“

Kelly lachte. „Sie will mich nur vor dir beschützen.“

„Na toll, noch ein Wachhund. Als würde Patrick nicht schon reichen.“

Unter Honeys aufmerksamem Blick begann Max, die rote Haarsträhne, die sich um einen Knopf gewickelt hatte, vorsichtig zu lösen. Was gar nicht so einfach war, da er sich kaum konzentrieren konnte.

Der verführerische Duft, der Kelly umgab, verwirrte ihn. Und ihre weiche Haut, die er unter seinen Fingerspitzen spürte, ließ ihn an heute Morgen denken – vor seinem inneren Auge sah er eine rothaarige Frau, die sich im Schlaf an ihn schmiegte, mit nichts als einem weißen Satintuch über den Hüften.

Wie gern würde er sie jetzt in seine Arme ziehen und ihre Lippen küssen! Einfach dort weitermachen, wo sie gestern Abend aufgehört hatten. Und mit ihr über die Möglichkeit einer gemeinsamen Zukunft reden.

Hoppla, wo war dieser Gedanke hergekommen? So langsam wurde es gefährlich.

Nachdem die Haarsträhne befreit war, begann Max, die verbleibenden Knöpfe an Kellys Kleid zu öffnen, und bei jedem ließ er die Finger etwas länger als nötig auf ihrer Haut liegen.

„Max?“

„Ja, ich bin gleich fertig“, murmelte er.

Es war einfach nicht zu ändern. Kelly zog ihn magisch an. Mit ihrem bezaubernden Lächeln, ihrer fröhlichen Art. Vermutlich steckte er schon tiefer drin, als er es je gewollt hatte. Wenn es mit diesem Tempo weiterging, war er bald wirklich mit ihr verheiratet. Nein, stopp! Eine Ehe passte zurzeit nicht in seine Lebensplanung. Also sollte er sehen, dass er einen klaren Kopf behielt.

Abrupt trat Max einen Schritt zurück. „Sobald du dich umgezogen hast, müssen wir noch überlegen, wohin wir in die Flitterwochen fahren. Also … ich meine … beratschlagen, welches Ziel wir deinem Vater nennen“, stotterte er.

Kelly hielt ihr Kleid am Dekolleté fest, damit es nicht rutschte, und drehte sich zu Max um. „Es bleibt also dabei?“

„Ja, wie besprochen. Wir erzählen deinem Vater, dass wir in die Flitterwochen fahren. Dann überprüfen wir, ob wir verheiratet sind. Und sobald das geklärt ist, trennen wir uns. Das willst du doch, oder?“ Hoffentlich sagt sie jetzt Nein, flüsterte eine Stimme in ihm.

Nein! Ihr Herz pochte heftig. Sie spürte noch die zärtliche Berührung seiner Finger auf ihrem Rücken. Und am liebsten hätte sie sich jetzt in seine Arme gestürzt, damit er sie wieder so leidenschaftlich küsste wie am Abend zuvor. Aber das sollte sie lieber bleiben lassen, denn es war ja alles nur ein Spiel auf Zeit. Sobald Max die Bestätigung hatte, dass sie beide nicht verheiratet waren, würde er zurück nach Boston fahren.

Und das war auch besser so. Schließlich wollte sie sich nicht an einen Mann binden, sondern endlich frei sein.

Die Geschichte mit der angeblichen Trauung war ihre große Chance. Auf diese prima Idee war sie vorhin im Hotel gekommen, und Max hatte sich bereit erklärt, ihr Spiel mitzumachen. Sie würde ihrem Vater weiterhin vorschwindeln, sie sei verheiratet, und in eine andere Stadt ziehen, um dort ihr eigenes Leben zu führen. Unabhängig und ohne ständig kontrolliert und bevormundet zu werden.

Davon träumte sie doch seit langem. Warum störte sie bloß der Gedanke, sich von Max trennen zu müssen, so sehr?

„Ja, genau das will ich“, sagte Kelly hastig und verschwand schnell im Bad.

Kaum war sie in Jeans und Pullover wieder herausgekommen, da dröhnte eine tiefe Stimme durchs Haus. „Das ist eine verdammte Frechheit“, hörte man Michael O’Rourke laut schimpfen.

Kelly und Max blickten sich erschrocken an.

„Hat Patrick etwa schon herausgefunden, dass wir gelogen haben?“, flüsterte Max.

Kelly wurde blass, und ohne ihm zu antworten, ging sie hinaus auf den Flur.

Max folgte ihr mit sehr gemischten Gefühlen und sah Michael, Patrick sowie Damon im Eingang stehen – natürlich in Uniform. Zogen sie die überhaupt mal irgendwann aus? Alle drei starrten ihn so grimmig an, dass ihm angst und bange wurde.

„Was ist passiert?“, fragte Kelly vorsichtig.

„Dieser Trottel von Militärpfarrer weigert sich, dich und Maxwell zu trauen.“

„Aber Dad, Max und ich sind schon verheiratet.“

„Eine Zwei-Minuten-Trauung in einem Las-Vegas-Hotel zählt für mich nicht“, schnaubte ihr Vater. „Und jetzt dieses Fiasko. Als ich Pater Joe gebeten habe, euch morgen Nachmittag in unserer Kirche zu trauen, hat er kategorisch abgelehnt. Er besteht darauf, dass ihr beide euch erst besser kennenlernt. Und er möchte zuerst einige Gespräche mit euch führen, um sicher zu sein, dass ihr nicht zu den Leuten gehört, die überstürzt heiraten und sich sofort wieder scheiden lassen.“

„Ach, Dad, die Zeremonie in der Kirche können wir zu einem späteren Zeitpunkt nachholen“, meinte Kelly, der ein Stein vom Herzen fiel. „Morgen fahren wir in die Flitterwochen, denn Max hat nur eine Woche Urlaub.“

Ihr Vater zog missbilligend die buschigen Augenbrauen hoch. „Das geht nicht. Du musst kirchlich getraut sein, bevor du in die Flitterwochen fährst. Schließlich könnte es Konsequenzen geben.“

Konsequenzen? Ein Baby? Nein, vermutlich nicht, beruhigte sich Max. Aber da er sich an nichts erinnerte, ließ sich natürlich auch nichts ausschließen. Und sollte Kelly schwanger sein, durfte er sie mit diesem Problem nicht alleinlassen …

„Unsere Trauung ist gut genug für mich, Dad“, protestierte Kelly.

„Aber für mich nicht“, entgegnete ihr Vater grimmig. „Doch wie auch immer. Da Pater Joe meine Bitte abgelehnt hat, muss ich wohl einen Kompromiss schließen. Ich werde euch für die Flitterwochen ein Hausboot mieten. Dann könnt ihr jederzeit herkommen, damit Max die Familie kennenlernt und Pater Joe in Ruhe mit euch beiden sprechen kann. Also, wenn ihr meinem Vorschlag zustimmt, erkläre ich mich im Gegenzug damit einverstanden, dass wir mit der kirchlichen Trauung noch etwas warten. Was sagt ihr dazu?“

„Wir werden selbst entscheiden, wohin wir …“, begann Kelly erbost.

Max legte ihr einen Arm um die Schulter und drückte sie fest an sich. „Sie haben ganz recht, Mr. O’Rourke. Und wir nehmen Ihr freundliches Angebot gern an.“

4. KAPITEL

Kaum hatten die drei O’Rourkes das Haus wieder verlassen, riss Kelly sich von ihm los.

„Sag mal, bist du nicht mehr ganz richtig im Kopf, Maxwell Taylor?“, schimpfte sie. „Was fällt dir ein, diesem dämlichen Vorschlag zuzustimmen? Also, nein, das halte ich einfach nicht mehr aus.“ Sie ließ ihn stehen und marschierte zu ihrem Zimmer.

Max musste erst mal Honey abschütteln, die sich böse knurrend an seinem Hosenbein festbiss, weil er es gewagt hatte, den Arm um Kelly zu legen, dann lief er ihr hinterher.

„Hör zu, Kelly, ich hab’s nur deinetwegen getan. Ich fürchte nämlich, es könnte ein weiteres Problem geben.“

Sie drehte sich um und blieb so abrupt stehen, dass er mit Schwung in sie hineinrannte, beide die Balance verloren und gemeinsam aufs Bett fielen.

Einen Moment lang blickte er ihr nur in die Augen, doch dann konnte er nicht länger widerstehen – er senkte den Mund auf ihren.

Kellys Lippen schmeckten süß wie Honig, und sie erwiderte seinen Kuss so hingebungsvoll, dass er alles um sich herum vergaß. Er ignorierte sogar die warnende Stimme in seinem Hinterkopf, die ihn mahnte, sich bloß nicht in diese Frau zu verlieben.

Sobald sie seine weichen Lippen auf ihren spürte, war sie völlig verloren. Wie sehr hatte sie sich danach gesehnt, dass Max sie noch einmal so küsste! So leidenschaftlich und doch zärtlich wie gestern Abend. Die Vernunft riet ihr, sofort zu stoppen, aber dazu war sie nicht bereit. Nicht jetzt. Noch nicht.

„Ein weiteres Problem?“, fragte Kelly atemlos, als sie es endlich schaffte, sich von seinen Lippen zu lösen. „Was meintest du damit?“

Max holte tief Luft. Es fiel ihm schwer, die passenden Worte zu finden. „Es könnte sein … also vielleicht … hat dein Vater recht“, antwortete er.

„Womit?“

„In Bezug auf mögliche Konsequenzen. Du könntest schwanger sein.“

Kelly wurde blass. „Heute Morgen hast du gesagt, du hättest an Verhütung gedacht. Daran kann ich mich genau erinnern.“

„Ja, das habe ich gesagt. Aber um ehrlich zu sein, weiß ich überhaupt nicht, was letzte Nacht passiert oder auch nicht passiert ist. Und du weißt das genauso wenig. Deshalb vermute ich, dass wir beide todmüde ins Bett gefallen und sofort eingeschlafen sind. Doch das wissen wir eben nicht.“

„Und was sollen wir jetzt machen?“, fragte sie leise.

„So lange zusammenbleiben, bis wir sicher sind, dass du nicht schwanger bist. Ich würde mir wie ein Schuft vorkommen, wenn ich dich mit diesem Problem alleinließe. Und wenn ich eine Weile hierbleibe, ist es nur vernünftig, dass wir dem Vorschlag deines Vaters folgen und aufs Hausboot ziehen. Dort lässt uns deine Familie wenigstens in Ruhe.“

Kelly sah so unglücklich aus, und ihm tat es von Herzen leid, sie in diese vertrackte Situation gebracht zu haben.

„Mach dir keine Sorgen“, sagte Max aufmunternd. „Wir wissen ja noch nicht, ob du schwanger bist. Es wird bestimmt alles gut.“

„Ich mache mir keine Sorgen“, antwortete sie. Was eine glatte Lüge war. Ein Kind. O Gott! Sie liebte Kinder. Und sie wollte gern eigene Kinder haben, aber doch nicht zu diesem Zeitpunkt. Und nicht mit einem Mann, den sie kaum kannte.

Nun ja, das Grübeln half nichts. Es war viel besser, optimistisch zu bleiben und davon auszugehen, dass überhaupt nichts passiert war.

Sie zwang sich zu einem Lächeln. „Denk nicht, dass meine Familie uns auf dem Hausboot in Ruhe lässt. Wir könnten die Flitterwochen in der tiefsten Sahara verbringen und sie würden uns trotzdem beobachten. Glaub mir, die würden sich als Beduinen verkleiden, sich hinter einer Sanddüne verstecken und jeden unserer Schritte mit dem Fernglas verfolgen.“

Zum Glück hat sie ihren Humor nicht verloren, dachte Max erleichtert.

„Auch wenn sie uns nicht ganz in Ruhe lassen sollten, hat das Hausboot seine Vorteile“, meinte er. „Denn dort gibt’s mit Sicherheit ein breiteres Bett. Aber in den Genuss kommen wir ja leider erst morgen.“ Er seufzte. „Ich wüsste wirklich gern, wie du dir die nächste Nacht vorstellst.“

Max deutete auf den Cockerspaniel, der leise knurrend auf dem bunten Flickenteppich lag und sie beide aufmerksam beobachtete. „Honey muss weichen, anders geht’s nicht. Für uns drei ist in deinem Bett nicht genügend Platz. Also, entweder schläft sie bei dir oder ich.“

Der Hund blickte ihn jetzt noch feindseliger an, oder? Als hätte dieser Köter wirklich jedes Wort verstanden! Unglaublich. Und dabei hatte Max sich bemüht, einen besonders freundlichen Ton anzuschlagen, damit Honey nicht merkte, dass sie ausgebootet werden sollte.

Kelly schien eine Weile überlegen zu müssen. „Na ja“, sagte sie endlich, „ich schätze, sie könnte auf dem Sessel schlafen. Wenn ich ihr das Kissen dort hinlege, geht’s vielleicht.“

Max stieß hörbar die Luft aus. „Gott sei Dank! Ich hab schon gedacht, du würdest dich für den Hund entscheiden.“

„Ich war auch kurz davor.“ Kelly zog die Stirn kraus. „Sogar sehr kurz. Und ich hoffe, dir ist klar, dass wir heute Nacht nichts tun außer schlafen.“

Er lächelte. „Großes Ehrenwort. Vorher brauche ich aber noch etwas zu essen, ich bin am Verhungern.“

„Dann müssen wir in die Kantine gehen. In unserer Küche werden wir kaum etwas finden, wir essen nämlich nie zu Hause.“

„Und in der Kantine laufen wir deinem Vater über den Weg, oder? Nein danke, das würde ich mir lieber ersparen.“

„Ich sehe mal nach, vielleicht finde ich eine Packung Cornflakes. Ich kann mich erinnern, dass Sean sich die mal mitgebracht hat.“

Kelly sprang vom Bett auf, und gefolgt von Max, ging sie zur Küche, wo sie als Erstes in einen der Wandschränke blickte. „Nein, da ist nichts“, meinte sie enttäuscht.

Anschließend inspizierte sie den Kühlschrank. „Ich fürchte, wir haben nur Milch, Erdnussbutter und Erdbeermarmelade. Sean ernährt sich ausschließlich von Erdnussbutter und Marmeladenbrot.“

„Toll, wenn’s für einen heranwachsenden Teenager reicht, wird’s auch für mich reichen. Wo ist dein kleiner Bruder überhaupt?“

„Dad hat ihn zu meiner Tante gebracht.“

„Damit Sean nichts von unseren Flitterwochen mitbekommt?“, fragte Max mit einem Augenzwinkern.

„Wahrscheinlich.“ Die Vorstellung von wirklichen Flitterwochen mit Max trieb ihr prompt die Röte ins Gesicht, und sie wandte sich schnell dem Kühlschrank zu, um den dürftigen Inhalt herauszuholen.

Max zog das Jackett aus und hängte es über eine Stuhllehne. „Kann ich dir beim Zubereiten helfen?“

Kelly wurde nervös, als er sich dicht neben sie stellte, die Ärmel hochkrempelte und den Hemdkragen öffnete. Verstohlen betrachtete sie seine gebräunten Unterarme. Und unweigerlich musste sie daran denken, wie aufregend es gewesen war, heute Morgen in seinen Armen aufzuwachen. An seinen nackten, muskulösen Körper geschmiegt und …

„Kelly?“

Ach herrje, er wartete ja auf eine Antwort!

„Natürlich kannst du mir helfen“, sagte sie hastig und reichte ihm Brot sowie ein Glas Erdnussbutter. „Du schmierst die Butter aufs Brot und ich dann die Marmelade.“

Max schraubte das Glas auf und schnupperte daran. „Mm. Der Geruch erinnert mich an die Erdnussbutterkekse, die unsere Haushälterin früher für mich gebacken hat.“

„Wenn ihr euch eine Haushälterin leisten konntet, hatte deine Mutter sicherlich viel Zeit für dich.“

„Zeit schon, aber keine Lust, sich mit mir zu beschäftigen. Sie ist … na ja … etwas distanziert ihren Kindern gegenüber. Als ich klein war, hatte ich ein Kindermädchen, und während der Schulzeit war ich meistens im Internat.“

Verständnislos schüttelte Kelly den Kopf. Ihre Mutter war ganz anders gewesen, voller Wärme und Herzlichkeit.

„Sag mal, Max, macht es dir eigentlich nichts aus, länger als geplant in Las Vegas zu bleiben? Gibt es niemanden, der in Boston auf dich wartet?“

„Du meinst ein Mädchen?“ Max biss von seinem Brot ab. „Na ja“, erwiderte er kauend, „wenn man’s genau nimmt. Sie heißt Lian Thomas.“ Nur war sie im Moment nicht in Boston, sondern auf Hawaii, und dort würde sie in ein paar Tagen auf ihn warten.

„Wirst du sie heiraten?“ Kellys Herz pochte heftig, während sie auf seine Antwort wartete. Obwohl es ihr doch eigentlich egal sein sollte, dass Max bereits vergeben war. Sie suchte ja keinen Mann.

„Ja, wahrscheinlich“, sagte er so gleichgültig, als würden sie über die Anschaffung eines neuen Fernsehers sprechen. „Man könnte unsere Verbindung als eine Art Fusion bezeichnen. Lians Vater und meiner sind Geschäftspartner, und unsere Eltern planen unsere Heirat seit unserer Kindheit. Lian hat gerade ihr Examen als Grundschullehrerin bestanden“, fügte er nach einer kleinen Pause hinzu. „Und bei unserem letzten Treffen hat sie gemeint, sie würde gern im Sommer heiraten.“

Schon im Sommer, dachte Kelly erschrocken. Jetzt war bereits März. „Und du? Willst du das auch?“

Max zuckte die Achseln. „Nein, so schnell wohl nicht. Eine Heirat steht in meiner Lebensplanung an ziemlich letzter Stelle.“

Kelly nahm zwei Gläser aus dem Schrank und reichte sie Max. „In deiner ‚Lebensplanung‘? Eine ‚Fusion‘? Und kein Wort von Liebe? Ist die Ehe für dich etwa nichts anderes als eine Geschäftsbeziehung? Also, wirklich! Kein Wunder, dass du noch Single bist. Welche Frau würde dich auch wollen, wenn du so denkst?“

Max schenkte ihnen Milch ein und griff nach einem weiteren Sandwich. „Ich bin eben ein nüchterner Geschäftsmann, der gern alles im Griff hat. Ich finde, eine gewissenhafte Planung macht das Leben unkomplizierter.“

„Aber wie kann jemand nach einem Plan leben? Das klingt ja trostlos.“

„Im Gegenteil. Auf diese Weise bleiben einem viele Unannehmlichkeiten erspart. Man trifft keine impulsiven Entscheidungen und erlebt keine bösen Überraschungen.“ Als er Kellys ungläubigen Blick sah, runzelte er die Stirn. „Meinst du nicht, dass ich recht habe?“

„Nein. Wenn du so redest, kommt es mir vor, als wärst du ein Roboter. Aber dank der bösen Überraschung, die du heute Morgen erlebt hast, wissen wir ja, dass du ein Mensch bist wie wir alle. Was ist eigentlich gestern Abend passiert, dass du deine gewissenhafte Planung vergessen hast?“

Dafür musste ich nur ein einziges Mal in deine wunderschönen Augen sehen. Max betrachtete sein halb volles Glas. „Der Alkohol war schuld. Ich hätte eben keinen Champagner, sondern Milch trinken sollen.“

Kelly starrte ihn an. Die starke Anziehungskraft, die Max auf sie ausübte, wollte sie ja nicht leugnen. Aber sie träumte auch von Romantik und tiefer Liebe. Und ein Mann, der Unmengen von Champagner brauchte, um sich von einem Roboter in einen Menschen zu verwandeln, war definitiv nichts für sie. Sollte er doch zurück nach Boston fahren und diese Lian Thomas heiraten. Das machte ihr überhaupt nichts aus.

Ach nein? meldete sich eine hinterhältige Stimme in ihrem Kopf.

Nein, bestätigte sie trotzig.

Um sich abzulenken, blickte Kelly aus dem Fenster.

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