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Jene Nacht in Paris

Muriel Jensen

Jene Nacht in Paris

Fassungslos überrascht Killian seine geliebte Frau mit einem anderen Mann in einem Hotelzimmer in Paris! Wie konnte Cordie ihre Ehe nur so leichtfertig zerstören? Er will keine Erklärungen hören – Schluss, aus, vorbei! Doch Cordie ist nicht bereit, ihr Glück aufzugeben. Mit einem gewagten Plan will sie Killians Herz zurückerobern …

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1. KAPITEL

Killian Abbott ging langsam auf die kleine Bar hinter seinem Schreibtisch zu, während Jack Eagan mit seinem Bericht fortfuhr. Jack war erst seit Kurzem bei ihm angestellt, doch er erwies sich schon jetzt als fähigster Personalleiter, den die Be-kleidungsfirma Abbott Mills je beschäftigt hatte. Killian hörte ihm daher nur mit einem Ohr zu, während er den Kaffee eingoss. Viel mehr beschäftigte ihn die Frage, ob er die kleine Boutiquenkette „Florida Shops“ kaufen sollte oder nicht, an der seine Stiefmutter so interessiert war.

Dabei handelte es sich nicht um eine große Investition – gerade mal ein paar Millionen Dollar –, aber er könnte Chloe mit der Übernahme eine Freude machen, weil der Besitzer ein Freund von ihr war. Trotzdem hatte er keine Lust, sich gerade jetzt mit allen lästigen Einzelheiten dieses Kaufs zu beschäftigen. Schließlich steckte er mitten in seiner Scheidung, und sein schärfster Konkurrent, die November Corporation, lauerte ständig auf eine Schwachstelle in seinem Unternehmen und hätte nichts gegen eine Übernahme von Abbott Mills.

„In den Fabriken ist die Produktivität um elf Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen, und die Verkaufserlöse in den Filialen sogar um zwanzig Prozent. Wir glauben, dass die neuen Fitnessräume dazu geführt haben. Das Betriebsklima ist ausgezeichnet und die Krankheitsrate so niedrig …“ Jack, der schon aufgestanden war, sobald sich Killian von seinem Chefsessel erhoben hatte, verstummte, als Killian ihm eine Tasse Kaffee reichte.

„Mr. Abbott“, brachte er gequält hervor. Er war ein gewissenhafter älterer Mann, der vor seiner Stelle bei Abbott Mills das Personal von reichen Adligen in England betreut hatte. „Es wäre mir lieber, wenn Sie mich nicht bedienen würden, Sir. Das macht mich ganz nervös.“

Killian bedeutete ihm, sich wieder hinzusetzen, und setzte sich selbst mit seiner Tasse in der Hand auf eine Ecke seines Schreibtisches. „Und mich macht es nervös, dass Sie jedes Mal aufstehen, wenn ich es tue. Ich bin kein Herzog oder Graf, Jack – nur Ihr Arbeitgeber. Und Sie müssen mich nicht mit ‚Sir‘ ansprechen.“

„Ja, Sir.“ Jack stöhnte, als Killian die Stirn runzelte. „Entschuldigen Sie. Auch nach zwei Jahren Studium an der Southern Massachusetts University kann ich mich immer noch nicht an die amerikanischen Umgangsformen gewöhnen!“

„Entspannen Sie sich ganz einfach.“

„Ja, Sir.“

Killian beschloss, die Sache erst einmal auf sich beruhen zu lassen. Er wies auf den Bericht in Jacks Hand. „Fahren Sie fort. Die Produktivität ist hoch, die Krankheitsrate niedrig. Sehr schön.“ Es war eine gute Idee gewesen, in jeder Filiale und Fabrik einen zusätzlichen Fitnessraum einzurichten. „Das gefällt mir.“

Jack hielt die Kaffeetasse sichtlich unbehaglich in der Hand und suchte mit dem Zeigefinger nach der Stelle auf dem Blatt, wo er gerade stehen geblieben war. „Mrs. Hamilton von der Filiale in Darmouth berichtet, dass der neue Reinigungsdienst hervorragend arbeitet – genauso wie die neue Einkäuferin für Damenbekleidung, die wir im vergangenen Monat an Bord genommen haben.“

„Nur gute Nachrichten“, stellte Killian fest und lächelte. „Na sehen Sie, das war doch gar nicht so übel.“

Jack lächelte erleichtert. Killian zog es vor, persönlich Bericht erstattet zu bekommen, anstatt eine schriftliche Ausfertigung bei der Vorstandssitzung zu erhalten. Doch für Jack war dies das erste Mal. Er war groß und stämmig und hatte trotz seiner sechsundfünfzig Jahre eine durchtrainierte Figur. Killian hatte ihn bei seinemVorstellungsgespräch gefragt, warum er England verlassen wollte, wo er doch sein ganzes Leben dort verbracht hatte.

Jack hatte geantwortet, dass seine Frau gerade gestorben war und er seinen einzigen Sohn bei einem Reitunfall verloren hatte, als dieser noch ein Teenager war. „Ich fühlte mich alt und ziellos“, hatte er freimütig zugegeben. „Da dachte ich, ein Tapetenwechsel würde mir gut tun. Außerdem suche ich eine langfristige Stelle. Wie Sie aus meinem Lebenslauf sehen, habe ich zwölf Jahre für den Herzog von Burrage gearbeitet, bis er aus steuerlichen Gründen sein Gut aufgeben musste. Danach habe ich zweiundzwanzig Jahre lang bei Lord Dunnsford gedient. Ich bin sehr beständig.“

Killian hatte ihn eingestellt. Auch er liebte Beständigkeit.

Das war nun drei Monate her, und Killian fand, dass es die beste Entscheidung war, die er je für Abbott Mills getroffen hatte – wenn man einmal davon absah, dass Jack ihn wie eine königliche Hoheit behandelte.

Der Kaffee schmeckte ausgezeichnet, der Personalbericht war erfreulich, und die Sonne schien warm durch das Fenster seines Büros mitten in Manhattan. Außerdem stand das Wochenende vor der Tür und verhieß ein paar gemütliche Stunden am Strand.

Jack atmete sichtlich erleichtert auf. „Ich bin auch froh, dass ich den Bericht gut hinter mich gebracht habe, Sir. Mr. Abbott, wollte ich sagen.“

„Aber in Zukunft müssen Sie von dem Gedanken Abstand nehmen, dass Sie bei einer königlichen Hoheit vorsprechen, wenn Sie zu mir ins Büro kommen. Wir sind nämlich eine ziemlich demokratisch geführte Firma. Und wir arbeiten alle gemeinsam im Dienste unserer Kunden – sozusagen. Sie werden schon noch lockerer werden, wenn Sie erst mal an unserer Jahresversammlung teilgenommen haben.“

Jack sah ihn zweifelnd an. „Man hat mir gesagt, das Jahrestreffen soll auf Ihrem Anwesen auf Long Island stattfinden. Ist das richtig?“

„Ja, das stimmt. Normalerweise halten wir es in einem großen Hotel ab. Die neuen Mitarbeiter werden vorgestellt, die aktuellen Produkte und die Verkaufsstrategie für das nächste Jahr präsentiert und so weiter. Das vergangene Jahr war äußerst erfolgreich für Abbott Mills, und da wollte ich gerne zum Ausdruck bringen, wie sehr ich die harte Arbeit meiner Angestellten schätze, indem ich sie zu mir nach Hause einlade. Sie müssen nur kurz den Personalbericht vortragen und werden dann ganz bestimmt viel Spaß beim Jahrestreffen haben.“

„Ich soll …?“ Jack klang entsetzt.

„Natürlich. Sie haben Ihre Sache gerade eben doch sehr gut gemacht. Das klappt schon. Wir werden alle miteinander ein schönes Wochenende verbringen und zwischendurch auch mal auf dem Grundstück oder am Strand spazieren gehen. So kann man das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden.“

„Ja, Mr. Abbott.“

Killian nahm Jacks Bericht zur Hand und überflog ihn. „Gibt es noch etwas, das ich wissen sollte?“

„Ich glaube nicht, Sir. Der schriftliche Bericht geht etwas mehr ins Detail, aber die wesentlichen Stichpunkte habe ich Ihnen alle mündlich vorgetragen. Insgesamt kann man sagen, dass die Personalsituation ausgezeichnet ist.“

Killian nickte und blätterte den Bericht durch. Plötzlich stutzte er bei dem Profil der neuen Einkäuferin für Damenbekleidung. Jack hatte sie als Glücksfall für Abbott Mills bezeichnet, da sie einen Universitätsabschluss in Betriebswirtschaftslehre und große Erfahrung im Modebereich besaß. Er hatte sich sehr positiv über ihren geschickten Umgang mit den Kollegen und ihre Kompetenz geäußert … Um Himmels willen!

Killian wurde heiß und kalt, als er die Stationen ihrer früheren Tätigkeiten überflog. Einkäuferin für Bloomford’s. Drei Jahre als Marketingleiterin beim Möbelhersteller Hyatt in Newport News, Virginia.

Und sie hatte drei Jahre als Model für … André McGinty gearbeitet!

Ihr Name: Cordelia Hyatt.

Unvermittelt sprang Killian auf und stieß ein paar Worte aus, die Jack vermutlich niemals bei seinen adeligen Arbeitgebern gehört hatte. Jedenfalls war er ziemlich blass, als sein Chef den Bericht auf den Schreibtisch knallte und sich abrupt zu ihm umdrehte.

„Stimmt was nicht, Sir?“, fragte Jack mit erstaunlich ruhiger Stimme. „Egal, worum es sich handelt – ich werde es sofort in Ordnung bringen.“

„Das will ich Ihnen aber auch schwer raten, Jack“, erwiderte Killian mit kaum verhülltem Zorn. „Sie haben meine Frau eingestellt!“

Jack starrte ihn einen Augenblick lang verwirrt an. „Sie meinen … Ihre Frau … von der Sie getrennt leben?“

„Ja, die Frau, von der ich mich gerade scheiden lasse!“, donnerte Killian. Plötzlich wurde ihm bewusst, dass er seine Angestellten grundsätzlich nie anbrüllte, und er zählte langsam bis zehn. „Was glauben Sie, wie viele Ehefrauen ich habe?“, entgegnete er etwas ruhiger.

„Ich bitte vielmals um Verzeihung, Sir. Das wusste ich nicht.“ Jack blickte äußerst bestürzt drein. „Ich habe zwar schon etwas über Ihre Trennung nach drei Monaten Ehe mitbekommen, aber ich hatte keine Ahnung … das heißt … alle sagten, Ihre Frau sei in Schottland. Und sie sei untröstlich, so habe ich gehört.“

Untröstlich! Wütend funkelte Killian Jack an. Cordelia war sicherlich alles andere als das. Sie war es gewohnt, alles zu bekommen, was sie sich in den Kopf setzte – und sie hatte ihn unbedingt haben wollen. Über die Trennung war sie höchstens enttäuscht. Allerdings hätte sie sich diese Enttäuschung ersparen können, wenn sie nicht mit Brian Girard geschlafen hätte, dem Marketingmanager der November Corporation und Sohn des Inhabers Corbin Girard.

Die Girards und die Abbotts waren schon lange scharfe Konkurrenten im Segment hochwertiger Damen- und Herrenbekleidung. Schon Killians Vater und Corbin Girard hatten einander gehasst, und deshalb hatten sich auch Killian und Brian immer misstrauisch gegenübergestanden. Die Abneigung wurde noch dadurch verstärkt, dass die Medien und die feine Gesellschaft die beiden ständig miteinander verglichen.

Schon seit einigen Jahren drohten die Girards Abbott Mills immer wieder mit einer feindlichen Übernahme. Obwohl Killian ziemlich sicher war, dass seine Firma viel zu gut dafür dastand, lasteten die Verantwortung für seine Angestellten und die Tatsache, dass das Unternehmen seit zweihundert Jahren in Familienbesitz war, schwer auf ihm.

Jack bemühte sich redlich, unter Killians wütendem Blick Haltung zu bewahren. „Tut mir leid, Sir, aber genau das hat man mir erzählt. Ich wäre nicht im Traum darauf gekommen, dass sie wieder in Amerika ist und sich auch noch um eine Stelle bei uns bemüht. Und der neue Trend bei den amerikanischen Frauen, ihren Mädchennamen beizubehalten, hat die Sache nicht gerade einfacher für mich gemacht.“

Killian wusste, dass er damit recht hatte. Er ging wieder zu seiner Bar, doch dieses Mal goss er sich einen Whisky ein und leerte das Glas in einem Zug. Allerdings besserte dies auch nicht seine Stimmung, und er konnte sich kein zweites Glas leisten, weil er eine halbe Stunde später ein Gespräch mit seinem Werbeleiter hatte.

„Cordelia hat bei der Eheschließung meinen Familiennamen angenommen“, erklärte Killian. „Bestimmt hat sie die Tatsache, dass Sie neu in der Firma sind, zu ihren Gunsten ausgenutzt und deshalb ihren Mädchennamen angegeben.“

„Und was wünschen Sie jetzt, Sir? Was soll ich tun?“

Auf diese Frage konnte es nur eine Antwort geben. „Ich erwarte, dass Sie die Sache für mich erledigen.“

Jack starrte ihn wieder etwas verwirrt an und räusperte sich. „Tut mir sehr leid, Mr. Abbott, aber Sie klingen ein bisschen wie Al Capone. Könnten Sie mir bitte genau erklären, was Sie unter ‚erledigen‘ verstehen?“

Killian sah ihm direkt in die Augen und fragte sich, ob der Mann wirklich nicht wusste, was er damit meinte – oder ob er bloß etwas Humor in die vertrackte Situation bringen wollte. „Sie sollen Cordelia nicht umbringen, Jack“, entgegnete er finster. „Sie sollen sie bloß feuern.“

„Und mit welcher Begründung, Sir? Sie hat sich bereits bestens eingearbeitet, und ihre Personalführung ist ausgezeichnet. Außerdem wurde sie bereits für alle wichtigen Mo-deschauen im Herbst angemeldet. Trilby sagt sogar, dass ihre Mitarbeiter ganz neu motiviert sind und …“

Killian hob abwehrend die Hand. Die siebenundzwanzigjährige Trilby Brown war Jacks Assistentin und arbeitete seit sieben Jahren für Abbott Mills. Sie hatte Cordelia schon gekannt, bevor Killian ihr begegnet war. „Trilby weiß doch, dass sie meine Frau ist“, stieß er wütend hervor. „Und sie hat Ihnen nichts davon gesagt?“

Jack schüttelte den Kopf. „Nein. Ich kann zu ihrer Verteidigung nur annehmen, dass sie meinte, Sie wüssten Bescheid und wären damit einverstanden.“

Killian warf ihm einen mitleidigen Blick zu. „Das glauben Sie doch selbst nicht, Jack.“ Jack seufzte. „Ich weiß nicht, Sir. Diese amerikanischen Frauen haben einen ganz eigenen Charme und eine Gerissenheit, bei der ich mit meinem begrenzten Erfahrungsschatz nicht mithalten kann.“

„Allerdings.“ Killian legte Jack freundschaftlich den Arm um die Schulter und begleitete ihn zur Tür. „Mir geht das ganz genauso. Und wenn ich es mir recht überlege, ist es nicht fair, dass Sie sich mit der ganzen Sache herumschlagen sollen. Ich werde mich selbst darum kümmern.“

„Aber Sir, schließlich bin ich verantwortlich für …“

„Nein.“ Killian schnitt ihm bestimmt das Wort ab. „Cordelia fällt in meinen Verantwortungsbereich. Ich werde die Angelegenheit regeln.“

Diesmal war es Jack, der Killian einen mitleidigen Blick zuwarf.

Cordelia Magnolia Hyatt Abbott bügelte im Hinterzimmer der größten Abbott-Filiale für Damenbekleidung ein paar Tops auf. Das Geschäft befand sich nur wenige Straßen vom Firmensitz entfernt und lag mitten in der eleganten Upper West Side von Manhattan. Oberteile, Röcke und Hosen in zarten Pastellfarben, die in dieser Saison angesagt waren, lagen um sie herum. Sie hatten beim Versand Falten bekommen und mussten nun erst einmal wieder in Form gebracht werden, bevor man sie zum Verkauf anbieten konnte.

Dies sollte ihre letzte Aufgabe am Ende eines langen und harten Arbeitstages sein. Sie hatte Stunden gebraucht, um die neue Ware auszupacken und neu auszuzeichnen und konnte es kaum abwarten, in ihrem kleinen Apartment die Füße hochlegen zu können. Natürlich könnte sie auch erst einmal im Fitnessraum vorbeischauen, doch dazu hatte sie keine Lust. Ein Stückchen Lasagne vom Italiener nebenan, vielleicht noch einen kleinen Salat dazu, erschien ihr im Augenblick wesentlich verlockender. Kalorienreich, aber verlockend.

Cordie tupfte sich vorsichtig die Schweißperlen von der Stirn. Arbeiten mit dem Dampfbügeleisen brachte sie ganz schön ins Schwitzen. Mit der anderen Hand gab sie dem blauen Top auf dem Bügelbrett den letzten Schliff.

Doch dann hörte sie die Stimmen ihrer Kolleginnen durch den Vorhang hindurch, der den Lagerraum vom Verkaufsbereich trennte.

„Hi, Mr. Abbott!“ Das war die zweiundzwanzigjährige Candy aus der Jugendabteilung. Sie fand, ihr Chef sei ein „klasse Typ“.

„Mr. Abbott! Schön, Sie zu sehen“, sagte Eleanor, die stellvertretende Filialleiterin. Sie trug ein elegantes Kostüm, das gut zu ihren grauen Haaren passte. Eleanor war schon in der Firma gewesen, als diese noch von Killians Vater geleitet wurde. Der Sohn war für sie ein „ganz lieber junger Mann“.

„Hey, Mr. Abbott! Wie geht’s denn so?“ Die junge Miss Hunter war Gewerkschaftsmitglied und hatte sich darüber beschwert, dass Abbott Mills keinen Betriebsrat hatte. Bis sie lange genug im Unternehmen arbeitete, um festzustellen, dass man hier keinen benötigte. Trotzdem hatte sie ein waches Auge darauf, ob irgendwo Arbeitnehmer benachteiligt wurden. Sie fand, Killian sei „ein Vorbild für moderne Unternehmensführung“.

Für Cordie hingegen war er einfach all das zusammen und noch viel mehr. Er gehörte zu ihr wie ihr Herzschlag und ihr Atem. Für sie war er die Liebe ihres Lebens. Unglücklicherweise hatte er sich einmal als Ehemann zum kompletten Narren gemacht und war vor drei Monaten wütend und verletzt davongefahren. Aber in den sieben Wochen, in denen sie sich in der Jagdhütte ihres Vaters in Schottland verkrochen hatte, hatte Cordie genügend Zeit gehabt, sich eine Strategie zurechtzulegen, wie sie ihn wieder zurückgewinnen könnte.

So schaute sie ihm mit wilder Entschlossenheit fest in die Augen, als er den Vorhang beiseiteschob. Obwohl er sich gewaltig in ihr täuschte und entschlossen schien, ihrer beider Leben zu ruinieren, liebte sie ihn von ganzem Herzen.

„Killy.“ Sie schenkte ihm ein freundliches Lächeln und bügelte unbeirrt weiter. Insgeheim verfluchte sie die Tatsache, dass ihr Haar so an ihrer Stirn klebte und ihr Arbeitskittel Flecken hatte. Viel lieber hätte sie ihn perfekt gestylt und in einem Ballkleid bei einer Party wiedergesehen. Aber das war natürlich völlig unrealistisch. „So eine nette Überraschung. Was führt dich denn hierher zu Abbott’s West?“ Wie gut, dass sie ein Bügeleisen in den Händen hatte. Sonst hätte er vielleicht bemerkt, dass ihre Finger vor Aufregung zitterten. Ihr Plan musste einfach klappen – sie wollte ihn unbedingt zurückhaben!

Insgeheim hatte sie gehofft, dass er sich in den drei Monaten seit ihrer Trennung verändert hätte. Aber zu ihrer Enttäuschung wirkte er weder müde noch deprimiert, und sie konnte auch keine Traurigkeit in seinen strahlend blauen Augen lesen. Dafür aber Ärger.

Er trug das widerspenstige leicht gewellte Haar wie immer aus der hohen Stirn gekämmt. Jede Frau hätte ihn um seine Wimpern beneidet, die einen Ton dunkler als die hellbraunen Haare waren. Sein schön geschnittener Mund war im Moment fest zusammengepresst, sein Kinn kantig. Er hatte breite Schultern und war sehr groß und gut durchtrainiert.

„Was hast du dir dabei eigentlich gedacht?“, begann er ohne Umschweife und kam näher. Cordelia bemerkte, dass er einen seiner Armani-Anzüge trug, von denen er einen ganzen Schrank voll besaß.

Sie tat überrascht. „Ich arbeite“, gab sie zurück. „Das verlangst du doch von deinen Angestellten, wenn ich mich richtig erinnere.“

Er riss ihr das Bügeleisen aus der Hand. „Ich will aber nicht, dass du für mich arbeitest!“, stieß er wütend hervor. „Du hast vielleicht Nerven, dich hier zu bewerben!“

Cordie verschränkte die Arme und sah ihn mit der gleichen Verachtung an, mit der er sie bedachte. „Also, daran hättest du denken sollen, bevor du mich eingestellt hast!“

Ich? Das geht wohl eher aufs Konto des neuen Personalleiters. Er konnte ja nicht wissen, dass wir eine Beziehung hatten!“

Fragend hob sie eine Augenbraue. „Eine Beziehung? Killian, wir sind verheiratet.“

Killian stemmte eine Hand in die Hüfte und machte sie nach. „Ach, tatsächlich? Aber das hat dich nicht davon abgehalten, auf einer Geschäftsreise mit einem anderen Mann zu schlafen. Und nicht nur mit irgendwem, sondern ausgerechnet mit meinem schärfsten Konkurrenten!“

Cordie musste sich sehr zusammennehmen, um einen ru-higen Ton beizubehalten. „Ich habe nicht mit ihm geschlafen.“

„Was ich gesehen habe: du lagst im Bett, und er war über dich gebeugt. Das spricht für sich.“

„Ich habe dir doch gesagt, dass …“

„… dass er unvermutet hereingekommen ist. Ja, ich weiß. Aber du warst in seinem Zimmer.“

„Das habe ich dir auch erklärt.“

„Richtig. Dein Zimmer ließ sich nicht abschließen, seines dagegen schon. Du bist nach einem späten Abendessen mit Geschäftspartnern ins Hotel gegangen und konntest dem Empfangschef das Problem nicht verständlich machen. Daher hat Brian angeboten, mit dir das Zimmer zu tauschen. Das ist eine so lahme Ausrede, dass ich sie als Beweis für deine Schuld werte.“

Cordie holte tief Luft, um ihren letzten Trumpf zur Rettung ihrer Ehe auszuspielen. „Und warum tust du das? Weil du nur das Schlechteste von mir glauben willst.“ Sie beugte sich vor, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen. „Du warst glücklich mit mir, Killian! Irgendwie verstehe ich nicht – und du wahrscheinlich auch nicht –, warum du im Grunde deines Herzens nicht glücklich sein willst. Du arbeitest Tag und Nacht und versuchst mit aller Gewalt, auch noch die letzte Zelle in dir zu zerstören, die glücklich sein möchte … weil du wohl irgendwie glaubst, am Verschwinden deiner Schwester schuld zu sein!“

Drohend trat er auf sie zu. „Rede nicht von Dingen, die du nicht verstehst!“

„Dann erkläre es mir doch, damit ich es verstehe!“, flehte sie. „Sag mir doch, was die Entführung der kleinen Abigail in dir angerichtet hat. Ich möchte dir so gerne helfen.“

„Nicht nötig“, entgegnete er mit beunruhigendem Ernst. „Du versuchst immer, in mein Innerstes einzudringen und mit deiner unermüdlichen guten Laune alles auf den Kopf zu stellen. Aber du bist … wie soll ich sagen … so etwas wie ein Fehltritt in meinem Leben! Ich fühle mich zu ernsthaften, beständigen Frauen hingezogen – und nicht zu impulsiven Mädchen, die den ganzen Tag lang nur lachen und sich so aufführen, als wäre das Leben eine einzige große Party.“ Cordie schockierte es, als Fehltritt bezeichnet zu werden, aber sie schluckte es tapfer hinunter. „Du hast dich trotzdem in mich verliebt“, erwiderte sie schlicht.

Er schüttelte den Kopf. „In einer schwierigen Phase meines Lebens habe ich mich in den Gedanken verliebt, dass du mir einen Ausweg zeigen könntest.“

„Du liebe Güte, einen Ausweg! Ein harter Kerl wie du, Abbott! Es macht dir doch Spaß, deine Gegner zum Zittern zu bringen. Die November Corporation wird dein Unternehmen nie im Leben übernehmen können, und du weißt das sehr genau. Abbott Mills steht viel zu gut da. Brian hat diese ganze Hotelszene sehr geschickt eingefädelt, um dich an einer verwundbaren Stelle zu treffen. Und dir kam das sehr gelegen, weil du mich loswerden wolltest. Meinetwegen hast du nämlich ab und zu das Geschäft vergessen, und das hat dir Angst eingejagt – ein Mensch zu sein aus Fleisch und Blut und kein Eisklotz.“

Äußerlich war Killian nicht anzumerken, ob ihn diese Worte trafen. Er fragte ganz ruhig: „Wenn dir dieser Eisklotz so wenig gefällt, warum hast du dich dann um einen Job in meiner Firma beworben?“

„Weil ich weiß, was für ein wunderbarer Mann du tief in deinem Innern wirklich bist. Und diesen Mann will ich wie-derhaben“, entgegnete sie freimütig.

Er starrte sie einen Augenblick ungläubig an. Dann wurde sein Blick hart und kalt. „Ich habe die Scheidung einge-reicht.“

„Dazu brauchst du meine Einwilligung“, erinnerte sie ihn.

„Du kannst Widerspruch einlegen, aber das wird dir nicht lange etwas nützen. Irgendwann wird die Scheidung durchgehen, und du musst sie wohl oder übel akzeptieren.“

„Da hast du recht“, gab sie zu. „Aber bis dahin kann ich in der Hoffnung leben, dass du eines Morgens aufwachen und dich daran erinnern wirst, wie glücklich du einmal warst. Und wie schön es mit uns beiden war.“

Cordies Erwiderungen überraschten und verärgerten Killian. Er wollte schon etwas entgegnen, doch dann merkte er, dass seine Schlagfertigkeit ihn diesmal im Stich ließ. Wortlos drehte er sich um und ging davon. Killian hörte Cordies Schritte hinter sich, als er zum Aufzug eilte. Sie verstellte ihm den Weg.

„Bin ich gefeuert?“, fragte sie. „Ich muss das wissen, weil ich nämlich schon eine ganze Menge Termine mit Lieferanten vereinbart habe, und in den nächsten Wochen wollte ich ein paar wichtige Messen besuchen und …“

Ja, du bist gefeuert!, hätte er am liebsten laut geschrien. Aber diese aufmüpfige Hunter von der Gewerkschaft lauerte vor einem Regal mit Shorts und tat so, als ob sie die Hosen sortierte. Dabei lauschte sie ziemlich auffällig. Das würde ihm gerade noch fehlen, wenn die November Corporation Wind davon bekäme, dass er Angestellte ohne triftigen Grund einfach entließ.

Al Capones Interpretation von „erledigen“ war doch viel einfacher als seine, musste Killian sich grimmig eingestehen.

„Nein, du bist nicht gefeuert“, antwortete er widerstrebend. „Aber ich werde deine Arbeit mit Argusaugen überwachen. Und sobald sich auch nur der kleinste Anlass ergibt, werde ich dich entlassen.“ Die Türen des Aufzugs öffneten sich. „Wenn du mich jetzt freundlicherweise entschuldigen würdest. Ich fahre nach unten.“

Ihre Augen funkelten gefährlich. „Das stimmt“, erwiderte sie herausfordernd. „Mit dir geht’s steil bergab!“

2. KAPITEL

Killian studierte auf dem Rücksitz seiner Limousine die neuesten Geschäftszahlen von Abbott Mills, warf einen Blick auf die Kontoauszüge und klappte seinen Laptop wieder zusammen. Dieses Wochenende hatte er sich frei genommen. Normalerweise konnte er monatelang sechzehn Stunden am Tag arbeiten, und seit der Sache mit Brian und Cordie hatte er sich keine Pause mehr gegönnt. Aber jetzt brauchte er eine.

Zwei Tage lang würde er einmal nicht mehr ans Geschäft denken. Chloe, die zweite Frau seines Vaters, wollte das Wochenende in der Stadt verbringen, sein Bruder Sawyer war am Tag zuvor im Auftrag der Abbott-Stiftung nach New Hampshire gereist, und Campbell hatte ihm eine Nachricht hinterlassen, er sei nach Florida gefahren, um sich dort um eine Stelle zu bewerben.

Es passte Killian zwar nicht besonders, damit den Verwalter des Familiensitzes zu verlieren, aber er wusste schon lange, dass es seinen Halbbruder nicht auf Shepherd’s Knoll hielt. Er konnte nur hoffen, Campbell würde ein wenig Abstand gut tun.

„Sind Sie für heute fertig, Mr. Abbott?“ Daniel Chambers, sein Fahrer, war ein farbiger älterer Herr und trug stets einen dunklen Anzug. Er hatte bereits für Killians Vater gearbeitet und gehörte mit seiner Frau Kezia, die auf Shepherd’s Knoll den Haushalt führe, schon fast zur Familie.

„Ja.“ Killian streckte die Beine aus. „Sie wollen doch jetzt nicht etwa wieder ein paar Tipps haben, wie Sie am besten Ihr Geld anlegen können?“

Daniel lachte. „Im Film Sabrina hat Linus Larrabee Fairchild einen Rat gegeben, und am Ende hatte der Chauffeur ein paar Millionen auf dem Konto.“

„Das stimmt. Allerdings hat Larrabee senior dem Fahrer Tipps gegeben, und der hatte eine hübsche Tochter, in die sich Linus verliebt hat.“

„Aber Sie sind doch verheiratet!“

„Nicht mehr.“

„Ach, Mr. Abbott. Sie werden Cordie immer lieben. Das Problem ist nur, dass Sie nicht wissen, wie Sie mit ihr leben können.“

„Selbst der liebe Gott wüsste nicht, wie er mit ihr auskommen sollte. Ich kann auf den Ärger verzichten.“

Daniel gab ihm keine Antwort. Das konnte nur bedeuten, dass er anderer Meinung war. Und Killian war wieder verblüfft, dass weder seine Familie noch sein Personal Cordelia den Ehebruch nachtrugen. „Hören Sie, Daniel, Sie müssten mich doch jetzt eigentlich aufmuntern“, meinte Killian. „Warum sagen Sie nicht, dass Frauen im Allgemeinen nichts tau-gen – Ihre Kezia natürlich ausgenommen – und dass sie Männern nur Schwierigkeiten machen?“

„Männer haben aber im Allgemeinen diese Sorte Schwierigkeiten gern“, erwiderte Daniel mit einem Grinsen.

„Na gut, Daniel. Übrigens, Sie können sich übers Wochenende frei nehmen. Ich brauche den Wagen erst am Montag wieder.“ Daniel lebte mit Kezia im ehemaligen Gästehaus des Anwesens.

„Ist das Ihr Ernst, Mr. Abbott?“

„Ganz bestimmt.“

Killian liebte Shepherd’s Knoll, sein Zuhause, wo er schon seine Kindheit verbracht hatte. Wie oft hatte er damals als kleiner Junge am Anfang der pappelgesäumten Allee abends darauf gewartet, dass sein Vater nach Hause kam.

Sonntags war Nathan Abbott oft mit seinen Söhnen nach Long Island gefahren und hatte ihnen Geschichten von ihren Vorfahren erzählt, die mit der Mayflower nach Amerika gekommen und nahe bei Plymouth Schafe gezüchtet hatten. Über Generationen waren die Abbotts immer wohlhabender geworden, und schließlich hatte William Abbott im neunzehnten Jahrhundert eine Wollspinnerei gegründet. Killians Urgroßvater verheiratete seinen Sohn mit der Tochter eines Baumwollplantagenbesitzers aus Virginia, und das Vermögen wuchs rasch an.

Als Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts Kunstfasern auf den Markt kamen, übernahm Nathan den Betrieb. Er heiratete Susannah Stewart, Tochter eines texanischen Ölbarons, und brachte sie nach Shepherd’s Knoll an der Südküste von Long Island.

Killians Erinnerungen an seine Mutter waren nicht die an eine warmherzige Frau, sondern an eine blonde Göttin in Abendkleidern, geschmückt mit glitzernden Juwelen, die ihm lächelnd vom Fuß der Treppe her ein paar Kusshände zuwarf.

Er hatte stets gehofft, dass sie eines Tages zu ihm hinaufkommen und ihn in den Arm nehmen würde.

Stattdessen war sie eines Tages verschwunden, und sein Vater rief ihn und Sawyer eines Tages in sein Arbeitszimmer und erklärte seinen Söhnen, dass er wieder heiraten wollte. Die neue Frau war Französin und Designerin bei Abbotts.

Killian war damals fünf gewesen, doch er erinnerte sich noch deutlich daran, wie traurig er gewesen war. Seine Göttin war für ihn für immer verloren.

Irgendjemand sollte dafür büßen, und Killian war damals der Meinung, dass dies Chloe, seine Stiefmutter, sein sollte. Er warf ihr rundheraus an den Kopf, dass er nichts mit ihr zu tun haben wolle und dass sie seinen Bruder nicht anfassen dürfe. Doch Chloe eroberte sein Herz im Nu.

„Gibt es eigentlich einen Grund dafür, warum sich die Kinder nur in diesem Stockwerk aufhalten dürfen, wenn wir zu Hause sind?“, fragte sie eines Abends.

Sein Vater musste einen Moment nachdenken. „Susannah wollte es so haben. Sie wollte sich nicht mit den Kindern in die Haare kriegen, wenn ihre Bekannten da waren.“

Chloe hatte nur die Achseln gezuckt und war sich durch die kurzen Haare gefahren. „Na ja … bei meiner Frisur kann gar nichts passieren. Da können die Kinder doch gerne im Haus herumspringen, solange du nicht arbeiten musst.“ Dabei hatte sie Killian und Sawyer über die Wange gestreichelt. „Und ihr versprecht mir, brav zu sein, n’est-ce pas?“

Obwohl Killian weiterhin jeden Abend am Fenster saß und auf Susannahs Rückkehr hoffte, fasste er Zuneigung zu Chloe. Sie nahm die Kinder überallhin mit – zum Einkaufen, zur Kirche, zu Freunden, zum Strand.

Im darauffolgenden Jahr wurde Campbell geboren und die kleine Abby vier Jahre danach.

Killian verspürte wieder diesen dumpfen Schmerz, als er an seine hübsche kleine Schwester mit den großen Augen und den niedlichen Pausbäckchen dachte. Dann verdrängte er den Gedanken an sie und ihr mysteriöses Verschwinden. Schließlich wollte er dieses Wochenende ausspannen.

Daniel fuhr die Auffahrt zu dem stattlichen Anwesen hinauf. Das Haus hatte große Fenster und einen Turm. Am hinteren Ende befand sich ein Wintergarten, von dem aus man einen herrlichen Blick aufs Meer hatte.

Winfield, ein ehemaliger Boxer, den Campbell vor knapp einem Jahr eingestellt hatte, öffnete ihm die Tür. Killian bezeichnete ihn scherzhaft als eine Mischung aus Butler und Bodyguard, was Campbell gar nicht gefiel. Er antwortete stets darauf, dass Killian die Gefahr eines Einbruchs oder eines Kidnappings nicht ernst genug nahm.

Tatsächlich war das Gegenteil der Fall. Killian dachte fast täglich an das Verschwinden der vierzehn Monate alten Abby, das nun fast siebenundzwanzig Jahre zurücklag.

Also hatte Killian Campbells Wunsch nachgegeben. Er ließ sogar zu, dass Winfield ihm die Jacke und die Aktentasche abnahm.

„Wie geht es Ihnen, Mr. Abbott?“, fragte Winfield höflich. Er war etwas kleiner als Killian, aber ein Muskelpaket, hatte eine Boxernase und jagte so manchem Gast erst einmal Angst ein, wenn er die Tür öffnete. Doch im Grunde war er freundlich und sanft.

„Danke, gut. Und Ihnen, Winfield?“, gab Killian zurück.

„Keine Klagen. Obwohl ich mir Sorgen um Ihre Mutter mache.“

„Warum denn?“

„Sie will nach Paris fliegen, Mr. Abbott.“

„Paris?“ Killian war erstaunt. „Ich dachte, sie wollte übers Wochenende nur in die Stadt.“

„Das hatte ich auch ursprünglich vor!“ Die schmalen Absätze der eleganten Schuhe klapperten, als Chloe Abbott schwungvoll die Treppe herunterkam. Sie war klein und grauhaarig und stets temperamentvoll. „Die Mitchells haben mich in ihre Stadtwohnung eingeladen, und wir wollten eigentlich ins Theater gehen. Aber ihre Tochter ist doch jetzt beim Ballet de Paris, und sie hat ihnen Karten für ihr début geschickt. Stell dir vor, ich soll sie begleiten. Du weißt ja, wie sehr ich Ballett liebe – und ich könnte bei dieser Gelegenheit auch Tante Bijou besuchen.“

Tante Bijou war schon legendär. Sie war die Schwester von Chloes Mutter. Im Zweiten Weltkrieg war sie in der Résistance gewesen und hatte darüber ein Buch geschrieben. Während ihres bewegten Lebens hatte sie fünf oder sechs Mal geheiratet. Sie war Chloes einzige noch lebende Verwandte in Frankreich.

„Man hat mich eingestellt, damit ich Sie beschütze, Mrs. Abbott“, gab Winfield zu bedenken. „Wie soll ich das anstellen, wenn ich hier bin und Sie in Frankreich sind?“

Chloe verdrehte die Augen. Es war offenbar nicht das erste Mal, dass Winfield dieses Problem ansprach. „Sie kommen auf keinen Fall mit und lassen die Jungs hier ganz allein und hilflos zurück“, entgegnete sie lachend. Killian hatte im College Boxen gelernt, Sawyer hatte den schwarzen Gürtel in Karate, und Campbell konnte sich auch bestens wehren.

Winfield gab nicht nach. „Mr. Campbell würde aber darauf bestehen, dass …“

Killian klopfte Winfield auf die Schulter. „Das ist schon in Ordnung. Steve Mitchell war mal Elitesoldat.“

„Sir, er ist aber schon über sechzig!“

„Das bin ich auch!“, rief Chloe empört. „Aber deshalb bin ich noch lange nicht alt und gebrechlich!“

„So habe ich das auch nicht gemeint …“

„Jedenfalls hat Mr. Mitchell beim Golf einen ordentlichen Schlag drauf“, warf Killian ein. „Er kann bestens auf die Ladys aufpassen.“

Winfield wollte protestieren, als es an der Tür klingelte. Es war Steve Mitchell, um Chloe abzuholen. Er nahm ihre Tasche und führte sie zu seinem schwarzen Cadillac.

„Wir rufen nachher bei Ihrer Firma an und fordern einen Ihrer Kollegen an. Er soll sie und die Mitchells beschatten“, flüsterte Killian Winfield zu. Dann rief er seiner Mutter nach: „Wo wohnst du denn in Paris, Mom?“

„Im Hôtel Clarion St. James et Albany! Weißt du, da hat schon der Herzog von Noailles einen Empfang für Marie Antoinette gegeben.“

Killian sah Winfield verschwörerisch an und zwinkerte ihm zu.

„Klasse Strategie, Mr. Abbott“, meinte Winfield anerkennend.

„Man sollte nie einen Kampf führen, den man sowieso nicht gewinnen kann“, erwiderte Killian und warf seiner Stiefmutter einen Handkuss zu.

Es war bereits acht Uhr, als Cordie endlich die Beine hochlegen konnte. Sie schaute zum Teller mit der dampfenden Lasagne, auf die sie sich schon den ganzen Nachmittag gefreut hatte. Aber jetzt hatte sie auf einmal überhaupt keinen Appetit mehr.

Seufzend legte sie den Kopf zurück und überlegte, ob es mit ihr und Killian so ähnlich war – dass er sie nicht mehr interessant fand, nachdem er sie erst einmal erobert hatte.

Aber das konnte sie nicht so recht glauben. Die wilde Entschlossenheit, mit der er um sie geworben hatte, konnte doch nicht einfach so verpufft sein. Und die heiße Leidenschaft, mit der er sie geliebt hatte, konnte auch nicht so schnell erkalten.

Andererseits hatte sein Interesse an ihr schon vor dem Debakel mit Brian spürbar nachgelassen. In seinen Augen hatte ein Hauch von Reue gelegen, und er hatte sie manchmal ganz impulsiv fest an sich gezogen, nur, um es sich im nächsten Moment gleich wieder anders zu überlegen.

Was war bloß passiert?

Darüber hatte sie sich auch schon in Schottland den Kopf zerbrochen. Aber so sehr sie auch grübelte, sie konnte sich keinen Reim darauf machen.

Es war hart, einen Mann zu lieben, der sie von sich stieß. Und bevor sie Killian auf der Modenschau seiner Stiefmutter kennen gelernt hatte, wäre sie die letzte Frau auf der ganzen Erde gewesen, die einem Mann nachgelaufen wäre, der sie nicht wollte. Doch instinktiv fühlte sie, dass Killian sie noch immer liebte und sein plötzlicher Rückzug von ihr eine Art selbst auferlegte Bestrafung für seine angebliche Schuld am Verschwinden seiner Schwester Abigail war.

Kezia hatte ihr die ganze Geschichte bald nach ihrer Hochzeit mit Killian erzählt. Sie und Daniel hatten noch kein ganzes Jahr für die Abbotts gearbeitet, als Killians kleine Schwester Abigail eines Nachts verschwand. Killian, damals knapp elf, hatte bei einem Freund übernachtet. Seine Brüder und seine Eltern hatten nichts gehört oder bemerkt. Es gab keine Einbruchspuren – deshalb nahm man an, dass jemand, der zum Haus Zugang hatte, die kleine Abigail entführt hatte.

Eine intensive Suche begann. Trotz aller Ermittlungen konnte nie festgestellt werden, was in dieser verhängnisvollen Nacht geschehen war. Es gab keine Lösegeldforderungen und auch kein Lebenszeichen von dem Baby.

Diese Tragödie hatte die Familie nie ganz verkraftet.

Killian war ein viel zu ernster Mensch, der nur für die Arbeit lebte. Cordie hatte nach ihrer Heirat versucht, ihn aus der Reserve zu locken. Er sollte Spaß haben, auch mal ausspannen und abschalten, und sie hoffte, dass er dadurch lockerer und offener werden würde. Aber am Ende hatte er ihr genau das übel genommen.

Sie musste einen anderen Weg finden. Vielleicht hatte er seine lebensfrohe Frau für oberflächlich gehalten. Cordelia würde so viel arbeiten wie er, damit er begriff, dass ihr der Erfolg von Abbott Mills genauso wichtig war wie ihm.

Sie trug die Lasagne, die sie nicht angerührt hatte, zurück in die Küche. An diesem Abend würde sie lediglich ein paar Salatblätter herunterbekommen.

Sie beschloss, ihre Eltern anzurufen. Die hatten sich sehr um sie gekümmert, als sie sich nach Schottland in deren Ferienhaus zurückgezogen hatte, und waren extra aus Texas angeflogen. Beide waren entsetzt gewesen, wie blass und dünn ihre Cordie geworden war.

„Killian ist es nicht wert“, hatte ihre Mutter geschimpft. Ihre Eltern hatten ihn zwar nur kurz gekannt und ihn als Schwiegersohn ins Herz geschlossen – aber Judith Hyatt hielt im Zweifelsfall unbeirrbar zu ihrer einzigen Tochter. Obwohl Killian Cordie im Bett eines anderen Mannes gefunden hatte, war Mrs. Hyatt felsenfest davon überzeugt, dass ihr Kind sich nichts hatte zuschulden kommen lassen. Und dass der Fehler eindeutig bei Killian liegen musste.

Als Cordie ihren Eltern nach der Trennung erzählte, dass sie sich bei Abbott Mills in New York auf die Stelle als Einkäuferin bewerben wollte, hatte ihr Vater sie für verrückt erklärt. „Cordie, er ist wütend auf dich. Er will sich von dir scheiden lassen. Warum willst du ihm da auch noch die Möglichkeit geben, dich weiter zu demütigen, indem er deine Bewerbung ablehnt?“

Cordie schüttelte energisch den Kopf. „Er wird erst in ei-nem Vierteljahr durch den Personalbericht von meiner Einstellung erfahren. Bis dahin bin ich hoffentlich so gut eingearbeitet, dass mich meine unmittelbaren Vorgesetzten unbedingt behalten wollen.“

„Sie liebt ihn, weißt du“, schloss ihre Mutter seufzend.

Ihr Vater konnte es dennoch nicht verstehen. „Du sagst doch

selbst, dass die ganze Sache mit der Scheidung seine Schuld ist.“

„Natürlich.“

„Warum liebt sie ihn dann immer noch?“

„Weil er zwar schuld ist an der Trennung, aber nicht an den Problemen, die ihn dazu getrieben haben.“

Ihr Vater, der Inhaber einer der exklusivsten Möbelfabriken des Landes und selbst Millionär war, hatte seine Frau nur verständnislos angestarrt.

Ihre Mutter tätschelte seine Wange. „Liebe, Schätzchen. Das verstehst du eben nicht. Vertrau Cordie einfach. Sie weiß immer, was sie tut.“

3. KAPITEL

Ursprünglich hatte Killian vorgehabt, am Samstagmorgen ausnahmsweise lange auszuschlafen. Doch die Sonne schien schon um sechs Uhr hell durch das Fenster. Nachdem er sich noch eine Stunde unruhig in den Kissen herumgeworfen hatte, stand er auf und zog sich Shorts und ein T-Shirt an. Er ging zur Küche, bereitete sich ein Omelette zu und steckte ein Brot in den Toaster.

Kezia tauchte auf, als er den Toast gerade mit Butter bestrich. Sie machte ein entsetztes Gesicht. „Killian, es ist doch meine Aufgabe, das Essen für Sie zu richten.“

Er küsste sie leicht auf die Wange und schob das Omelette auf den Teller. „Ist schon in Ordnung“, meinte er und ging mit dem Frühstück zur Terrasse. „Sie müssen schließlich auch mal ein Wochenende frei haben. Ich habe Daniel gesagt, dass ich ihn vor Montag nicht brauche. Also machen Sie sich keine Gedanken um mich.“

Kezia brummte etwas Unverständliches, während Killian die Terrassentür hinter sich schloss und es sich draußen bequem machte. Vor der Terrasse erstreckte sich eine weite sattgrüne Rasenfläche, die von Blaubeerbüschen gesäumt war. Weiter hinten, zwischen den Obstbäumen hindurch, führte ein Weg zum Strand.

Killian, der sich nur langsam von einer hektischen Arbeitswoche entspannte, musste immer wieder an Cordie denken.

Ihre braunen Augen hatten riesengroß gewirkt in ihrem blassen Gesicht. Sie war dünner, als er sie in Erinnerung gehabt hatte. Offenbar hatte ihr die Trennung zugesetzt. Doch er konnte in diesem Fall keine Zugeständnisse machen. Es gab nichts daran zu rütteln – Cordie und er passten einfach nicht zusammen.

Schade, dass er dies nicht gleich am Anfang gemerkt hatte. Da war er vollkommen geblendet gewesen von ihrem wunderschönen roten Haar und ihren elfenbeinfarbenen Schultern, die sich von ihrem engen schwarzen Kleid abhoben.

Er schüttelte den Kopf, als wolle er dadurch seine Gedanken an sie vertreiben. Immerhin hatte er sich vorgenommen, dieses Wochenende auszuspannen.

Langsam aß er das Omelette und zählte die Bäume am Horizont, um sich von Cordie abzulenken.

Danach zog er sich mit einem Buch an den Strand zurück und versuchte zu lesen. Schließlich stand er auf und fragte sich, warum er sich als schwer arbeitender Mensch eingebildet hatte, am Wochenende einfach so abschalten zu können. Er war gewohnt, ständig aktiv zu sein und rasche Entscheidungen zu treffen.

Entschlossen ging er zum Haus zurück und rief Lew Weston an. Lew war ein alter Freund und Mädchen für alles bei Abbott Mills.

„Ich dachte, du wolltest dir zwei Tage frei nehmen“, war Lews Reaktion.

„Das tu ich auch“, erwiderte Killian. „Ich wollte nur wissen, ob du den Bericht über die Florida Shops fertig hast.“

„Na klar. Der wartet am Montag auf dich.“

„Ist deine Frau nicht sauer, dass du für mich einspringen solltest?“

„Ach wo. Ich habe ihr versprochen, zum Ausgleich heute Abend mit ihr ins Theater und danach noch essen zu gehen.“

„Raffiniert von dir.“

„Stimmt. Also überlass mir einfach die Arbeit und geh zurück an den Strand oder mach sonst was.“

Killian legte auf und ging zur Garage. Er setzte sich auf Campbells Vespa und fuhr über das Anwesen. Die Apfelplantage war gepflegt, und die weißen Blüten verströmten einen zarten Duft. Campbell hielt das Grundstück wirklich prima in Ordnung.

Die Wege waren staubig, doch die Luft roch nach Seetang und Gras und Frühsommer. Das erinnerte ihn unerklärlicherweise wieder an Cordie.

Missmutig kehrte er zum Haus zurück und stellte fest, dass Kezia, obwohl er ihr frei gegeben hatte, das Abendessen zubereitete. Aus einem plötzlichen Impuls heraus bat er die Angestellten, ihm beim Abendessen Gesellschaft zu leisten.

Winfield sah ihn mit gerunzelter Stirn an. „Wir wissen doch, dass Sie ein sozial eingestellter Arbeitgeber sind“, entgegnete er höflich. „Das müssen Sie uns nicht extra noch beweisen.“

„Also gut. Entweder ihr setzt euch zu mir, oder es werden Köpfe rollen.“

Seine Angestellten gehorchten schmunzelnd. Aber es dauerte bis zum Dessert, bis sie unbefangen mit ihm plauderten.

Killian schlief am Sonntag aus. Seine Mutter rief ihn an, als er gerade ein spätes Frühstück einnahm.

„Tante Bijou geht es gar nicht gut“, berichtete Chloe besorgt. „Ihre Haushälterin macht sich große Sorgen. Deshalb kümmere ich mich jetzt um sie. Aber deshalb werde ich wohl länger wegbleiben als geplant. Ist das für dich in Ordnung?“

„Natürlich“, antwortete Killian. „Bleib so lange, wie sie dich braucht.“

„Danke, Killian. Grüß doch bitte Sawyer und Campbell von mir.“

„Das werde ich.“

Campbell schwebte am Sonntagabend per Hubschrauber ein. Er landete direkt auf dem Vorplatz, und es machte einen solchen Lärm, dass alle Hausbewohner neugierig zur Tür kamen.

Sie sahen gerade noch, wie er aus dem Helikopter ins Gras sprang und geduckt unter dem Bereich der Rotorenblätter hervorkam. Dann winkte er der Pilotin nach.

„Er ist doch nicht etwa wieder verhaftet worden?“, fragte Winfield besorgt. Offenbar war er bei seinem abendlichen Training gestört worden, denn er hielt noch eine Hantel in der Hand.

„Bisher hat er uns noch nicht darum gebeten, eine Kaution für ihn zu hinterlegen“, bemerkte Killian trocken. „Und das eben war auch kein Polizeihubschrauber.“

Kezia wies mit einem Kochlöffel in die Richtung. „Das ist seine Freundin Billie Sandusky. Sie hat ihn zu dem Vorstellungsgespräch geflogen.“

Killian und Winfield sahen sie neugierig an.

Doch Kezia zuckte nur die Achseln. „Nein, ich weiß nicht, ob sie etwas miteinander haben. Aber ich hoffe nicht. Billie trinkt öfter mal einen Klaren. Das kann ich bei Frauen überhaupt nicht leiden.“

Daniel, der einen schmierigen Lappen in der Hand hielt, warnte sie mit einem leisen „Kezia!“. Er trug zwar keine Uniform, aber er achtete stets darauf, seine Stellung als Angestellter im Abbott-Haushalt zu wahren. Was angesichts ihrer langjährigen Zugehörigkeit zur Familie nicht einfach war.

Kezia hingegen hielt mit ihrer Meinung nie hinterm Berg. Trotzdem war sie bei allen sehr beliebt.

Killian sah sie an und runzelte die Stirn. „Woher wissen Sie denn, was Billie trinkt?“

„Ich spiele mit der Haushälterin ihrer Mutter Bridge. Das Mädchen ist außer Rand und Band. Und da Campbell selbst nicht weiß, wer er ist und wohin er gehört, kann er so etwas ganz bestimmt nicht brauchen.“ Plötzlich schien ihr doch bewusst zu werden, dass sie sich zu einer zu vertraulichen Aussage hatte hinreißen lassen. „Natürlich geht mich das überhaupt nichts an. Ich geh jetzt mal zu meinem Kuchen zurück.“

„Hey, Daniel!“ Campbell klopfte dem Chauffeur auf die Schulter und sprang die Treppe hinauf, indem er zwei Stufen auf einmal nahm.

„Guten Abend, Mr. Campbell.“ Daniel warf Killian einen Seitenblick zu und zuckte als Entschuldigung für die Unver-blümtheit seiner Frau die Schultern.

Campbell grinste Winfield und Killian an. „Hallo, die Herren. Nett, dass ihr mich am Hubschrauber abholt. Habt ihr mich vermisst, oder wollt ihr nur versuchen, mir den Weg ins Haus abzuschneiden?“

Winfield legte seine riesige Pranke auf Campbells Schulter. „Ich bin froh, dass Sie wieder heil und gesund zurück sind, Mr. Campbell.“

Campbell hatte dunkles Haar und einen dunklen Teint wie Chloe. Er war ein paar Zentimeter kleiner und etwas schlanker als Killian, aber durch seine Arbeit als Gutsverwalter war er durchtrainiert und muskulös. Chloe ermahnte ihn zwar immer, die Erntearbeiter nur bei der Apfelernte zu betreuen. Aber er war nicht der Typ, der gerne kommandierte. Lieber packte er selbst mit an.

Killian hatte ihm als Kind einmal beibringen wollen, wie man einen Baseballschläger richtig schwingt. Am Ende hatte ihm Campbell einfach den Schläger aus der Hand genommen und so lange geübt, bis er vollkommen erschöpft war. Damals hatte ihr Vater gesagt, dass Wille manchmal wichtiger war als Können.

„Hast du die Stelle angenommen?“, fragte Killian.

„Man hat sie mir noch nicht angeboten“, erklärte Campbell. „Es sind noch sechs weitere Kandidaten im Rennen.“

„Möchtest du den Job denn überhaupt?“

„Hör mal – Florida!“

Killian zuckte nur die Schultern. „Jeden Tag Sonnenschein und tropische Früchte …“

„Frauen in knappen Bikinis“, ergänzte Campbell mit leuchtenden Augen. „Und zwar den ganzen Tag lang, das ganze Jahr über! Im Februar kann man die Frühstückspause am Strand verbringen.“

„Hier hast du doch auch nur ein paar Meter bis zum Strand.“ Das war zugegeben ein schwaches Argument, wie Killian wusste. Aber zwischen den Brüdern gab es ein paar ungeklärte Fragen, und die hätte Killian am liebsten noch gelöst, bevor sein Bruder Hunderte von Meilen weit wegzog.

Campbell stellte seine Reisetasche an der Garderobe ab. „Wenn ich hier im Februar an den Strand gehe, kann ich Mom bei der nächsten Party als Eisfigur dienen.“ Plötzlich wurde ihm bewusst, dass seine Mutter nicht bei dem Begrüßungskomitee dabei gewesen war. „Ist sie schon weg? Sie wollte doch mit den Mitchells nach Paris fliegen.“

„Ja. Winfield hat zwar Theater gemacht, aber sie hat sich dadurch nicht beirren lassen. Möchtest du einen Kaffee?“

Campbell musterte ihn misstrauisch. „Du willst jetzt aber kein tiefgründiges Gespräch über unser Familienleben mit mir führen? Nein, jetzt weiß ich – du willst mich über Billie ausfragen!“

Killian schüttelte den Kopf. „Über die weiß ich schon alles. Sie ist nicht zu bändigen und trinkt gerne mal einen Klaren. Eigentlich wollte ich nur hören, wie dein Wochenende war.“

Campbell folgte ihm zur Bibliothek. Der Raum war mit Eichenholz getäfelt und hatte Bücherregale bis zur Decke. Es gab auch eine fahrbare Leiter, um Bücher aus den oberen Regalen holen zu können. Killian und seine Brüder hatten mit dieser Leiter so manches Kindermädchen zur Verzweiflung getrieben, als sie noch klein waren. Beim offenen Kamin luden gemütliche dunkelblau bezogene Sessel zum Lesen ein.

Killian, der diesen Raum als Büro nutzte, hatte an einer Seite eine Bar einbauen lassen. Auf der Theke aus Granit stand ein teurer Kaffeeautomat und verströmte einen verlockenden Duft.

Große Flügeltüren führten zur Veranda und zum Garten hinaus.

Killian goss Brandy in hohe Gläser, fügte heißen Kaffee hinzu und trug die Getränke zum Sofa, wo Campbell es sich bereits gemütlich gemacht hatte.

„Hattest du auch ein bisschen Zeit, dir die Gegend anzusehen?“, fragte er.

„Nein“, meinte Campbell. „Aber die Sehenswürdigkeiten, die ich dir schon beschrieben habe, gibt es dort an allen Ecken und Enden. Das ist wirklich sehr verlockend.“ Er nippte an seinem Glas. Schließlich sagte er entschuldigend: „Weißt du, es ist ja nicht so, dass ich der Familie den Rücken kehre – nur, weil ich mich nach Florida bewerbe.“

Killian war zwar nur sechs Jahre älter als Campbell, aber da dieser erst siebzehn gewesen war, als ihr Vater starb, war er mehr als nur ein großer Bruder für ihn. Er hatte darauf bestanden, dass Campbell weiter zur Schule ging, als er einen einfachen Job bei einer Softwarefirma angeboten bekam. Er war es auch gewesen, der nach Campbell gesucht hatte, als dieser ausgebüxt war. Und er hatte die Kaution gestellt, nachdem man Campbell bei einer Schlägerei in einer Bar in Southampton festgenommen hatte.

„Das weiß ich doch“, beschwichtigte ihn Killian. „Und das hat auch niemand behauptet.“

„Doch. Mom schon.“

„Na ja, du bist ja auch ihr Liebling. Sie würde …“

„Nein!“, unterbrach Campbell ihn. „Siehst du? Immer dasselbe! Es stimmt nicht. Ich bin nicht ihr Liebling.“

Killian runzelte die Stirn. „Was meinst du mit ‚immer dasselbe‘?“

Campbell hob entnervt die Arme. „Immer bekomme ich zu hören, dass Mom mich mehr liebt als euch, weil ich ihr leiblicher Sohn bin. Und du tust auch so, als ob ich derjenige wäre, der unterscheidet zwischen deiner Hälfte der Familie und meiner. Aber in Wirklichkeit machst du das!“

„Es gibt keine zwei Hälften der Familie“, widersprach Killian.

„Und ob! Auch wenn du es nicht zugeben willst – es stimmt trotzdem. Du stammst aus der ersten Reihe der Abbotts – aus der Gründerfamilie. Reichtum, gesellschaftliche Stellung, die richtigen Vorfahren. Ich bin nur das Kind der zweiten Frau, die keine solche Abstammung hat. Und wenn Mom mir vorhält, ich solle mir mal ein Vorbild nehmen, wen nennt sie dann? Dich!“

„Reichtum, gesellschaftliche Stellung und die richtigenVor-fahren haben Sawyer und mir auch nicht viel genutzt, oder? Deine Mutter hat dich nicht verlassen!“

Campbell war einen Augenblick lang verblüfft. „Deshalb brauchst du doch keine Krokodilstränen zu vergießen. Dich liebt Mom doch auch. Sie hat dich zwar nicht geboren, aber Tatsache ist, dass du ihr Liebling bist.“

Killian schüttelte den Kopf. „Wir streiten wie kleine Kinder. Ist es nicht viel wichtiger, dass wir alle hier gemeinsam leben?“

Campbell fuhr sich mit der Hand übers Gesicht und seufzte. „Das sollte man annehmen. Aber ich habe das Gefühl, ich weiß nicht, wer ich eigentlich bin, solange ich hier lebe. Du bist ein hervorragender Geschäftsmann. Sawyer ist der heldenhafte Draufgänger, und ich bin einfach nur da – der Gärtner.“

„Campbell …

„Gib dir keine Mühe. Es ist so.“

„Du bist der beste Gutsverwalter, den wir hier je hatten.“

„Kunststück. Vor mir hat es auch ja noch keinen anderen gegeben. Und du hast mir den Job doch nur zugeteilt, weil du vollauf mit der Firma beschäftigt bist und Sawyer alle Hände voll zu tun hat mit der Stiftung und seinen halsbrecherischen Versuchen, sich umzubringen.“

„Es spielt doch keine Rolle, warum du unser Gutsverwalter geworden bist. Du machst deine Sache prima.“

„Deshalb glaube ich auch, dass ich mein Können anderswo einbringen sollte. Wenn ich mich jemals wie ein gleichberechtigter Abbott fühlen will, muss ich mir das beweisen. Und das kann ich nicht hier. Ich will zeigen, dass ich ein ganzer Kerl bin.“

„Und hier habe ich was für einen ganzen Kerl!“ Sawyer marschierte gekonnt wie ein Ober mit drei Tellern herein, auf denen jeweils ein sehr lecker aussehendes Stück Schokoladenkuchen lag. Während seines letzten Jahres an der High School und in den Sommerferien am College hatte er in einem Café als Kellner gejobbt. Sein umwerfender Charme hatte ihm so manch großzügiges Trinkgeld eingebracht. Killian erinnerte sich noch daran, dass ihr Vater darauf bestanden hatte, die Jungen sollten sich ihr Taschengeld selbst verdienen. Nur so konnten sie lernen, wie hart viele Menschen für ihr Geld arbeiten müssen.

Campbell lachte und griff gierig nach einem Teller. „Wie hast du das bloß wieder geschafft?“

Sawyer reichte erst Killian einen Teller, bevor er antwortete und sich zu seinen Brüdern gesellte. „Kezia wollte den Kuchen gerade einfrieren, und da habe ich meinen Charme spielen lassen.“

„Nett von dir, dass du uns auch etwas mitgebracht hast.“ Killian hob anerkennend die Gabel. „Ich kann mich an Zeiten erinnern, wo du alle drei Stücke allein verdrückt hättest.“

„Das hätte ich jetzt auch getan“, gestand Sawyer frech grinsend. „Aber Kezia hat ganz deutlich gesagt: ‚Ihre Brüder sind in der Bibliothek. Zwei Stücke sind für sie.‘ Ich möchte mir nicht ihren Zorn zuziehen, wenn ich euch nichts abgebe. Und ich weiß genau, dass ihr petzt.“

„Darauf kannst du dich verlassen“, antwortete Campbell. „Und wie war deine Reise?“

„Ganz gut. Ein paar nette Ladys in New Hampshire versuchen gerade, ohne Geld ein Haus für ausgerissene Jugendliche zu bauen. Sie wollen, dass wir ihnen beim Aufbau helfen, und glauben, den Unterhalt mit Spenden finanzieren zu können.“

„Helfen?“, fragte Killian.

„Das Geld dafür bereitstellen“, stellte Sawyer klar.

„Und? Können wir das?“

„Wenn wir uns etwas einfallen lassen, schon.“

„Und das auf legale Art und Weise?“

„Natürlich.“ Sawyer antwortete mit einem treuherzigen Augenaufschlag, doch Killian kannte ihn zu gut. Sawyer sagte stets das, was man hören wollte. Danach machte er alles genau so, wie es ihm in den Kram passte.

Und normalerweise kam er damit auch noch durch. Sawyer hatte das glatte blonde Haar ihrer Mutter geerbt, das er jetzt in einem ziemlich wilden Stil mit vielen hochgegelten Stacheln trug. Doch selbst das schien bei den Frauen gut anzukommen.

Auch seine blauen Augen, die er wie Killian von ihrem Vater geerbt hatte, und sein spitzbübisches Lächeln ließen viele Frauenherzen höher schlagen. Sein Sinn für Humor war unwiderstehlich, doch seine Waghalsigkeit machte der ganzen Familie zu schaffen.

Jedes Jahr stellte Sawyer seinen Mut für die Wohltätigkeitsveranstaltung der amerikanischen Kinderkrebshilfe zur Schau. Viele Leute erklärten sich zu einer großen Spende bereit, weil sie gerne sehen wollten, welchen Stunt er sich dieses Mal einfallen ließ. Mal war es Fallschirmspringen aus einem Flugzeug gewesen, ein andermal war er an der Fassade des Abbott-Anwesens hochgeklettert, und einmal hatte er sich einer Junggesellenversteigerung zur Verfügung gestellt – was zwar körperlich nicht so herausfordernd, aber nicht minder gefährlich gewesen war.

In diesem Jahr wollte er Wasserski laufen. Killian kannte die Einzelheiten seines Vorhabens zwar nicht, aber es hatte relativ harmlos geklungen.

„Ich will schwer hoffen, dass alles legal ist“, meinte Killian. „Es ist eine Sache, Campbell nach einer Schlägerei in einer Bar auf Kaution herauszubekommen. Aber dich vorm Finanzgericht zu verteidigen, wäre schon viel schwieriger.“

Campbell lachte.

Sawyer sah seinen jüngeren Bruder finster an. „Ich dachte, wir halten zusammen, wenn Killian mal wieder den großen Bruder raushängt.“

„Stimmt.“ Campbell schob sich ungerührt ein großes Stück Kuchen in den Mund. „Nur nicht, wenn er auf dir he-rumhackt. Das gefällt mir irgendwie.“

Sawyer stöhnte. „Bitte sag jetzt, dass du den Job bekommen hast und bald hier ausziehst.“

Campbell schüttelte den Kopf. „Tut mir leid. Du wirst mich noch eine Weile ertragen müssen. Es sind noch ein paar andere Bewerber im Rennen. Wahrscheinlich wird es noch weitere Gespräche geben.“

Sawyer seufzte resigniert. „Ich versuche schon seit über dreißig Jahren, dich endlich loszuwerden. Schätze, da wird es auf ein paar Monate mehr oder weniger auch nicht mehr ankommen.“

„Sei froh, dass er uns noch ein bisschen erhalten bleibt“, warf Killian ein. „Solange Mom ist nicht da ist, muss er den Vorsitz bei der Frauenversammlung für sie übernehmen. Anderenfalls müsste es einer von uns tun.“

Die älteren Damen trafen sich einmal im Monat im Haus der Abbotts, da Chloe seit vielen Jahren Mitglied war.

Sawyer nickte. „Ach so. Dann ist das in Ordnung.“

Campbell machte ein wütendes Gesicht, doch insgeheim musste er ein Grinsen unterdrücken. „Die Ladys mögen mich sowieso viel lieber als euch“, konterte er. „Einige wollen mich sogar mit ihren Töchtern verkuppeln.“

„So könnten wir dich natürlich auch loswerden“, warf Sawyer fröhlich ein.

„Das reicht“, meinte Campbell und stand auf. „Für den Moment lasse ich euch erst mal allein. Es war doch ganz schön anstrengend, meine Fähigkeiten ins rechte Licht zu rücken.“

„Welche Fähigkeiten?“, rief Sawyer ihm nach. Er machte sich noch eine Tasse Irish Coffee.

„Glaubt er, dass er sich gut verkauft hat?“, fragte er Killian.

„Darüber hat er nichts gesagt. Er wollte sich rechtfertigen, weil er sich so weit weg beworben hat. Ich habe ihm natürlich gesagt, wie wichtig er hier für uns ist, und da haben wir uns wie immer in die Haare gekriegt.“

Sawyer, der Campbells Probleme nur zu gut kannte, nickte verständnisvoll. „Er muss erst weggehen, um festzustellen, dass er dazugehört.“

Killian musste lachen. „Und du hast ihn gerade damit aufgezogen, dass wir seit Jahren versuchen, ihn loszuwerden.“

„Er weiß doch, dass das nur Spaß ist. Aber worüber habt ihr zwei euch denn wirklich gestritten?“

„Darüber, wer Moms Liebling ist“, antwortete Killian wahrheitsgetreu.

Sawyer schnaubte verächtlich. „Das liegt doch auf der Hand. Ich natürlich!“

Als Killian am darauffolgenden Montagmorgen zur Arbeit fuhr, versprach sein Terminplaner einen vergleichsweise ru-higen Tag. Er nahm den Fahrstuhl zum dreiundzwanzigsten Stock und lächelte den Angestellten zu, die ihn mit einem fröhlichen „Guten Morgen, Mr. Abbott“ begrüßten. Die Post lag sauber gestapelt auf seinem Schreibtisch, neben einem dampfenden Kaffee und einem Croissant.

So nett das Wochenende auch gewesen war – er hatte sich einsam gefühlt. Chloe war nicht da gewesen, und seine Brüder waren erst am späten Sonntagabend zurückgekommen. War er sich selbst zu wenig, dass er sich ohne Familie leer und nutzlos fühlte?

Der Gedanke war überraschend.

Er trank seinen Kaffee, während er die Post und die E-Mails durchsah. Dabei fiel ihm eine Nachricht von Jack mit der Bitte auf, ihn wegen einer vertraulichen Personalinformation möglichst schnell zurückzurufen. Killian wollte die Notiz schon beiseite legen, als sein Blick auf den Namen der Angestellten fiel.

Cordelia Magnolia Hyatt.

Er griff nach dem Telefon und wählte Jacks Nummer.

Cordie saß in einem kleinen Café auf der gegenüberliegenden Straßenseite von Abbott West und las die neueste Ausgabe des InStyle-Magazins. Sie hatte den Sonntag damit verbracht, in aller Ruhe die neue Ware in die Regale des Geschäfts zu stapeln und ein Schaufenster mit der aktuellen Mode zu dekorieren. Das machte sie am liebsten, wenn der Laden geschlossen war und keine Kunden bedient werden mussten. Sie fand, dass sie sich deshalb eine Auszeit am Montagmorgen verdient hatte. Ihre Kolleginnen wussten, wo sie zu finden war.

Trotzdem konnte sie ihr ungestörtes Frühstück nicht genießen. Das Sesambrötchen, das in der Theke so verlockend ausgesehen hatte, brachte sie einfach nicht herunter. Außerdem plagten sie Zweifel. War es wirklich eine so glänzende Idee gewesen, sich bei Abbott’s zu bewerben und damit einen erneuten Versuch zu starten, ihre Ehe zu retten? Sie war davon überzeugt gewesen, doch nachdem Killian am vorigen Freitag seine Feindschaft so offen zur Schau gestellt hatte, waren ihr Bedenken gekommen. Während ihrer wochenlangen Trennung hatte sie ganz vergessen, wie ernst es ihm gewesen sein musste, als er ihr verkündet hatte, er wolle sich scheiden lassen.

Sie nippte am Pfefferminztee. Andererseits war es ihr schon bewusst, dass es keine Leichtigkeit sein würde, Killian zurückzugewinnen. Sie hatte nicht ernsthaft angenommen, dass er sie mit offenen Armen empfangen würde. Du wirst doch nicht gleich bei der ersten Schwierigkeit aufgeben, schalt sie sich im Stillen.

Wahrscheinlich fühlte sie sich nur etwas entmutigt, weil sie wieder von ihrer morgendlichen Übelkeit geplagt war.

Cordie hielt die Teetasse mit beiden Händen und starrte vor sich hin. Sie war so in Gedanken versunken, dass sie Killian erst bemerkte, als er direkt vor ihr stand.

Seine Augen blitzten unergründlich. Sie konnte darin keinen Zorn lesen, aber irgendein anderes finsteres Gefühl, das sie nicht genau bestimmen konnte.

„Du bist schwanger“, sagte er anklagend.

Sie schloss die Augen. Dieser Tag hatte schlecht angefangen und sollte wohl nicht besser werden.

Als Killian und sie geheiratet hatten, hatte sie sich oft vorgestellt, wie sie ihm eines Tages eröffnen würde, dass sie Nachwuchs erwarteten. Allerdings war in ihren Träumen kein einziges Mal ein lautes Café vorgekommen. Und er war außer sich vor Glück und Stolz gewesen … und hatte sie nicht mit diesem seltsamen Ausdruck angesehen.

Er setzte sich ihr gegenüber auf einen Stuhl.

„Wie weit bist du?“, fragte er kurz angebunden.

Sie wusste, was er mit dieser Frage wirklich bezweckte. „Ja, es ist dein Baby“, gab sie zurück. „Selbst wenn du mir nicht glaubst, dass ich dich nicht betrogen habe – ich bin im vierten Monat, und diese Hotelgeschichte liegt drei Monate zurück. Ich kann es dir sogar beweisen, wenn du darauf bestehst.“

„Das ist nicht notwendig.“

„Aber ich bin nicht zurückgekommen, um dem Baby sein Erbteil aus dem Abbott-Vermögen zu sichern. Ich will nur arbeiten. Am liebsten nun mal in modischer Damenbekleidung, und da ist Abbott’s einfach die beste Firma weit und breit.“ Sie holte tief Luft und sah ihn direkt an. Er blickte noch finsterer als vorher, aber sie war fest entschlossen, sich dadurch nicht einschüchtern zu lassen. „Du hast neulich deinen Standpunkt, was eineVersöhnung anbelangt, klar und deutlich ausgesprochen. Also habe ich die Hoffnung darauf aufgegeben.“ Das war eine dicke Lüge. „Trotzdem möchte ich den Job gerne behalten.“

Killian sah sie aufmerksam an. Hatte er sie durchschaut?

„Wann warst du beim Arzt?“, fragte er.

„Einmal in Schottland. Dann bei Dr. Rosenkrantz in der zehnten Straße. Sie sagt, alles sei in Ordnung, und …“

Davon schien Killian nicht überzeugt zu sein. „Du siehst blass und dünn aus.“

„Mir ist morgens ziemlich übel, aber das wird schon vorübergehen.“

„Jack Eagan macht sich Sorgen, weil du im Lager schwere Sachen herumschleppst.“ Seine Stimme klang nun nicht mehr zornig. „Und deine Kolleginnen haben mir erzählt, dass du am Sonntag gearbeitet hast, um die neue Kollektion einzuräumen.“

„Das ist eben einfacher, wenn keine Kunden da sind.“

Er nickte zustimmend. „Aber schwere Kisten zu schleppen, wenn dir niemand dabei helfen kann, ist nicht so klug.“

Cordie fühlte, wie die Spannung in ihr anstieg. Er klang, als sei er besorgt um sie. Und er war noch beherrschter als sonst. Wahrscheinlich hätte er sie lieber angeschrien und musste sich ziemlich zusammenreißen.

„Ich werde in Zukunft vorsichtiger sein“, versprach sie und griff nach dem Tee. Doch dann überlegte sie es sich anders und stellte die Tasse wieder ab.

„Warum bist du hier? Willst du mich feuern?“, fragte sie herausfordernd.

„Das könnte ich.“ Er runzelte die Stirn und betrachtete ihr Gesicht. „Du hast das bei deiner Bewerbung verschwiegen.“

„Man hat mich doch gar nicht danach gefragt, ob ich schwanger bin“, hielt sie dagegen.

„Aber man hat dich sehr wohl danach gefragt, ob es medizinische Dinge zu beachten gibt. Und es ist nicht fair, wenn ich von Jack erfahren muss, dass der Arzt dir schweres Heben verboten hat – und dass ich erst einmal das Attest genauer lesen muss, um die Gründe dafür herauszufinden.“

Sie schüttelte den Kopf. „Die Firma muss nichts von meiner Schwangerschaft wissen. Das ist etwas Persönliches.“

Killian seufzte. „Und wie lange wolltest du das geheim halten?“

Sie beachtete seine Frage nicht – das gehörte zu ihrem Plan. „Du hast gesagt, du wolltest nichts mehr mit mir zu tun haben.“

„Lass uns mal etwas klarstellen“, beharrte er. „Eine Firma muss sehr wohl von einer Schwangerschaft erfahren, denn sie ist für den Mutterschutz verantwortlich. Und mir hättest du auf jeden Fall davon erzählen müssen. Schließlich bin ich der Vater.“

Cordie tat empört. „Ich wollte das Baby nicht dazu benutzen, dich zurückzugewinnen!“ Wieder eine Lüge.

„Aber du wolltest mich von dir fernhalten“, hielt er dagegen. „Dir muss doch klar gewesen sein, dass ich mich darum kümmern würde, wenn ich erst einmal von seiner Existenz erfahre.“

Cordie wünschte sich nichts sehnlicher als das. „Ich will nicht, dass du dich einmischst“, log sie wieder.

„So ein Pech.“ Er warf einen kritischen Blick auf das Brötchen, von dem sie nur einmal abgebissen hatte, und auf den halbvollen Pfefferminztee. „Hast du fertig gefrühstückt?“

„Ja.“

Er stand auf und reichte ihr auffordernd ihre rosafarbene Jacke. „Schön. Dann holen wir jetzt deine Sachen.“

Empört sprang sie auf. „Ich dachte, du willst mich nicht entlassen!“

„Nicht deine Arbeitspapiere“, meinte er beruhigend und half ihr in die Jacke. „Deine persönlichen Sachen. Du wirst auf Shepherd’s Knoll leben, bis das Baby da ist. Ich habe deinen Kolleginnen schon gesagt, dass du heute nicht mehr zur Arbeit kommst.“

„Wie bitte?“ Mit einem Arm in der Jacke drehte sie sich erstaunt zu ihm um. Bei ihm wieder einzuziehen, war genau das, was sie wollte. Aber das konnte er ja nicht wissen.

„Es ist ein Kompromiss. Du willst nicht, dass ich für das Baby sorge. Ich schon.“

„Und das erreichst du, wenn ich bei dir wohne? Wo ist da der Kompromiss?“

„Immerhin habe ich dich nicht gefeuert“, entgegnete er gelassen und schob sie zur Tür hinaus.

Cordie blieb mitten auf dem Bürgersteig stehen. „Erst müssen wir etwas klären!“

Killian seufzte laut und steckte die Hände in die Hosentaschen. „Was noch?“

„Was versprichst du dir von all dem?“

„Das Baby“, antwortete er, ohne mit der Wimper zu zucken.

Sie war wie vom Blitz getroffen. Vielleicht war ihr Plan doch nicht so genial, wie sie glaubte! „Wie bitte?“

„Das Baby“,

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