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Ein skandalöses Geheimnis

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Leah Vale

Ein skandalöses Geheimnis

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1. KAPITEL

Ich, Marcus McCoy, im Vollbesitz meiner geistigen und körperlichen Kräfte, erkenne hiermit die Erstgeborenen von Helen Metzger, Ann Foley, Bonnie Larson und Nadine Anders als meine leiblichen Söhne an. Jede dieser Frauen hat für ihr Schweigen eine Million Dollar erhalten.

Nach meinem Tod und der Verlesung meines Testaments erbt jeder meiner Söhne einen gleichen Anteil meines Vermögens. Alexander, Helens Sohn, genießt bereits sämtliche Privilegien. Meine drei anderen Söhne dagegen sollen so schnell wie möglich den ihnen zustehenden Platz in der Familie und in der Firma einnehmen.

Marcus McCoy

Durch die verschlossene Tür drangen Musik, Lachen und Stimmengewirr der fröhlichen Feier ins Arbeitszimmer. Alexander McCoy lehnte sich im Schreibtischsessel zurück, blendete alle störenden Geräusche aus und blickte starr auf die Unterschrift am Ende der Zusatzverfügung des Testaments.

Unwillig löste er den Knoten der Krawatte. Wenn er doch das Gefühl, von allen Menschen betrogen worden zu sein, auch so leicht ausblenden könnte.

Die Unterschrift stammte von dem Mann, den er immer für seinen Bruder gehalten und bewundert hatte. Selbst wenn Alex noch irgendwelche Zweifel gehabt hätte, waren diese von David Weidman völlig zerstreut worden. Der langjährige Anwalt der Familie McCoy war Zeuge gewesen, als Marcus den Zusatz zum Testament schrieb.

Dieses Testament war vor fast einem Monat eröffnet worden, vier Tage nach Marcus’ Tod am 8. Juni. Er war beim Angeln von einem Grizzlybären getötet worden, dem offenbar die menschliche Konkurrenz nicht gefallen hatte. Vor dem Verlesen des Testaments hatte Alex um die Beziehung getrauert, die er irgendwann zu seinem wesentlich älteren Bruder hatte entwickeln wollen. Aber jetzt …

Es war geradezu absurd, dass sein Bruder … Vater auf diese Weise ums Leben gekommen war. Vielleicht hatte Marcus dadurch für seinen mehr als laschen Umgang mit der Wahrheit bezahlt, einer Wahrheit, die alles veränderte.

Alexanders ganzes Leben war bisher eine einzige Lüge gewesen.

Die hoch angesehene Familie McCoy, die zu den reichsten des ganzen Landes gehörte, hatte ein schmutziges kleines Geheimnis, wobei Alex’ wahre Herkunft der schlimmste Teil davon war.

Sein Bruder war sein Vater gewesen, und der Mann, den er für seinen Vater gehalten hatte, war in Wirklichkeit sein Großvater.

Unbegreiflich!

Alex strich sich über die Augen. In den letzten Wochen hatte er die Tatsachen so gut wie möglich verdrängt und sich ganz darauf konzentriert zu verhindern, dass aus Marcus’ Testament eine PR-Katastrophe entstand. Heute Abend konnte er jedoch nicht mehr. Hunderte Gäste, unter ihnen seine drei jüngst entdeckten Halbbrüder, feierten den fünfundsiebzigsten Geburtstag seines Großvaters mit allem angemessenen Pomp, doch Alex saß hier und starrte auf das Dokument, das sein Leben auf den Kopf gestellt hatte.

Unzählige Male hatte Marcus abgeblockt, wenn sein jüngerer Bruder seine Aufmerksamkeit erringen wollte – sein Bruder, der in Wahrheit sein Sohn war. Der Altersunterschied von fast zwanzig Jahren hatte früher Marcus’ Desinteresse an Alex erklärt, doch nun schmerzte es unbeschreiblich.

Und Helen! Immer hatte die langjährige Haushälterin der Familie Alex wie eine Mutter umsorgt – weil sie seine Mutter war!

Alex hatte einen bitteren Geschmack im Mund, als er aufstand und unruhig zwischen den Bücherregalen und den schweren dunkelroten Samtvorhängen hin und her ging. Sie waren am Nachmittag zugezogen worden, um die Bücher und die kostbaren Mahagonimöbel vor den Strahlen der Julisonne zu schützen.

Gleich nach der Verlesung des Testaments hatte Helen ihm zu erklären versucht, wieso sie auf Josephs und Elises Plan eingegangen war. Alex war jedoch nicht in der Stimmung gewesen, sich Entschuldigungen anzuhören. Klugerweise hatte sie sich sofort zurückgezogen und begriffen, dass er alles erst verarbeiten musste. Allerdings war er gar nicht sicher, ob er diese Ungeheuerlichkeiten überhaupt verarbeiten konnte.

Wenigstens war Elise erspart geblieben, als seine Großmutter entlarvt zu werden. Bisher hatte man sie immer für eine Frau gehalten, die sehr spät noch ein Kind bekommen hatte. Dass sie verschont wurde, war das einzig Gute an ihrem Krebstod vor zehn Jahren. Nun fragte Alex sich unweigerlich, ob nicht ein großer Anteil ihrer Liebe zu ihm in Wahrheit Schuldgefühle gewesen waren.

Und zuletzt war da Joseph McCoy, der Mann, der ein Riesenvermögen durch eine Kaufhauskette erworben hatte – mit dem Motto Vertrauen Sie nur einem echten McCoy. Joseph hatte vor Stolz gestrahlt, als Alex sich schon in jungen Jahren bemühte, ein Sohn zu sein, auf den sein Vater stolz sein konnte, ein Sohn, der Familie und Firmenimperium ehrlich und aufrichtig zu noch größerem Ansehen führen würde.

Bisher war Alex das gelungen – im Gegensatz zu Marcus.

Hatte Marcus vielleicht deshalb nach seinem Tod die Welt seines Sohnes zerstört? Es hatte zwar nie eine offene Rivalität zwischen ihnen bestanden, aber wer wusste schon, was sich in Marcus’ Kopf abgespielt hatte.

Alex blieb vor dem Kamin stehen, über dem ein Gemälde von Joseph, Elise und Marcus hing. Sein Blick blieb an dem zehnjährigen Jungen mit dem gleichen schwarzen Haar und den gleichen dunkelblauen Augen hängen, die er selbst hatte. Sicher war es richtig, dass Marcus seine anderen unehelichen Söhne anerkannt hatte, aber wieso hatte er das auch bei seinem ältesten Sohn getan? Alex ballte die Hände zu Fäusten und schlug auf das Kaminsims. Er war doch schon ein McCoy gewesen!

Es klopfte.

Alex drehte sich um, hatte jedoch nicht die geringste Absicht, sich zu melden. Eine Party war angesichts seiner düsteren Stimmung absolut nichts für ihn, schon gar nicht eine Party zu Ehren von Joseph, den er für seinen Vater gehalten hatte.

Alex wusste nicht, wem er was mehr verübelte – Marcus, dass er die Wahrheit enthüllt, oder Joseph, dass er die Wahrheit so lange verschwiegen hatte.

Er musste weg von hier, raus aus diesem Haus!

Da die Zufahrt zur Garage von den Wagen des Partyservice blockiert wurde, blieb ihm nur der Stall. Er wartete eine Weile, bis er sicher war, dass niemand mehr vor der Tür stand. Dann schloss er auf und wagte sich auf den von Menschen überfüllten Flur hinaus.

Die Düfte raubten ihm fast den Atem. Es roch nach Gardenien und Rosen, die jeden Tisch im Haus schmückten, nach Parfum und Aftershave.

Von dem weitläufigen und hohen Foyer des Herrenhauses drängten sich alle möglichen Leute durch den breiten Flur zur Terrasse hinter dem Haus. Sämtliche Gäste waren natürlich gut gekleidet, trugen jedoch von Maßanzug und Abendkleid alles bis hin zu schlichten dunklen Anzügen und einfachen Kleidern. Joseph war dafür bekannt, Menschen aus unterschiedlichen Schichten einzuladen. Industriemagnaten standen daher neben Postboten, die Joseph durch ihren Arbeitseifer aufgefallen waren.

„Alexander!“ Peter Carver, Finanzchef von McCoy Enterprises, winkte ihm zu und kam näher. „Ihr Vater hat sich diesmal selbst übertroffen.“

Alex rang sich ein Lächeln ab und versuchte, die Küchentür zu erreichen und von dort …

Nein, Helen hielt sich sicher in der Küche auf und überwachte die Mitarbeiter vom Partyservice, obwohl Joseph sie für den heutigen Abend ausdrücklich als Gast und nicht als Angestellte eingeladen hatte. Aber sie hörte wohl kaum auf ihn, wie sie das nie getan hatte, weil sie sich schon lange nicht mehr als Angestellte fühlte. Mittlerweile verstand Alex auch den Grund.

Peter drängte sich zu ihm vor. „Marcus wäre sehr zufrieden gewesen.“

Mit der riesigen Feier sicher, aber wahrscheinlich nicht damit, dass Joseph an seinem fünfundsiebzigsten Geburtstag öffentlich die drei bisher unbekannten illegitimen Söhne in die Familie aufnahm, die sogenannten Verschollenen Millionäre. Alex nickte bloß.

Sobald sie die weit geöffneten Türen nach draußen erreichten, bemerkte er: „Vom nördlichen Ende der Veranda sieht man das Feuerwerk am besten.“

„Danke“, erwiderte Peter lächelnd.

Alex hob grüßend die Hand und entfernte sich in die andere Richtung, um endlich allein zu sein.

Obwohl Madeline Monroe gerade jemanden interviewte, fiel ihr der Mann auf, der aus dem Arbeitszimmer kam. Während sie weiterhin dem Bürgermeister von Dependable das Mikro vor den Mund hielt, tat sie so, als würde sie nur das schulterlange blonde Haar nach hinten streichen. Dabei beugte sie sich weiter zum Geländer der geschwungenen Freitreppe, um sich davon zu überzeugen, dass sie sich nicht geirrt hatte. Das war nicht ganz ungefährlich, weil sie zu dem langen roten Kleid Schuhe mit hohen Absätzen und dünnen Riemchen trug.

Beruflich spielte es keine Rolle, welcher McCoy da gerade auf den Flur getreten war. Sie sollte nach Möglichkeit jeden von ihnen vor die Kamera holen. Trotzdem hoffte sie, dass es Alexander McCoy war. Eigentlich war das unsinnig. Schließlich waren sie vor sieben Jahren nur ein paarmal miteinander ausgegangen. In letzter Zeit hatte sie ihn jedoch wegen der Verschollenen Millionäre fast täglich um ein Interview gebeten, und das hatte ihre Gefühle für ihn wieder erweckt.

Auch das war im Grunde unsinnig, weil sie heute so wenig wie damals das hübsche Anhängsel eines reichen Mannes sein wollte.

Ihr Kameramann Dan lenkte ihre Aufmerksamkeit durch Gesten wieder auf den Bürgermeister. Dabei interessierten sich ihre Produzenten ebenso wenig wie das Publikum von Entertainment This Evening für das Oberhaupt einer Kleinstadt, sondern nur für die milliardenschweren McCoys.

Das galt vor allem jetzt, da der früher makellose Ruf drei große Flecken aufwies. Uneheliche Millionenerben waren ein gefundenes Fressen für Journalisten. Wenn es ihr gelang, tiefer zu graben und hinter den offiziellen Pressemitteilungen der Familie echten Schmutz zu finden, wurde sie sicher endlich von den Verantwortlichen der Nachrichtensendungen ernst genommen, um die sie sich seit Jahren bemühte.

Ihr journalistischer Instinkt sagte Maddy, dass im Big House noch mehr zu finden war.

Zusätzlich hatte sie gestern einen rätselhaften Anruf vom ersten unehelichen Erben Cooper Anders erhalten. Er hatte ihr eine Nachricht auf den Anrufbeantworter gesprochen. Als sie sich jedoch mit ihm traf, behauptete er, sie nur über eine weitere gute Tat seines Großvaters informieren zu wollen. Der Anruf hatte ihr trotzdem zu denken gegeben.

Um Alexander nicht aus den Augen zu verlieren, lobte Madeline den Bürgermeister für seine Taten, bedankte sich für das Interview und schickte ihn die Treppe hinunter.

Dan senkte die Kamera und kam zu ihr. „Maddy, er hat fast nur über die Blumenampeln geredet, die überall in der Stadt hängen und die Joseph McCoy gespendet hat. Das ist nicht sonderlich aufschlussreich, oder?“

„Wirklich?“, fragte sie betroffen.

Dan nickte, stellte einen Fuß auf die nächsthöhere Stufe und stützte die schwere Kamera auf dem Schenkel ab. Anstelle eines Smokings trug er schwarze Jeans und ein schwarzes T-Shirt zu Wanderstiefeln, das Eleganteste, was er überhaupt jemals anzog. „Sieht dir eigentlich gar nicht ähnlich, Maddy“, stellte er fest. „Normalerweise stellst du genau gezielte Fragen. Was ist los?“

„Ein schwarzhaariger blauäugiger und sehr verschlossener Gott namens Alexander McCoy ist los“, erwiderte sie und kam eine Stufe herunter. Im Flur drängten sich so viele Menschen, dass Alex nicht sehr weit gekommen war – sofern es Alex gewesen war. Es konnte sich auch um Cooper Anders gehandelt haben, der ganz ähnlich aussah. „Und was heißt hier genau gezielte Fragen? Du solltest dich nicht so oft mit den Kameramännern der BBC treffen, Danny-Boy. Du gewöhnst dir schon ihre hochgestochene britische Redeweise an.“

Dan winkte ab. „Gestern Abend war ich nicht mit ihnen zusammen, sondern habe mir mit meinem Sohn den neuesten Harry Potter angesehen. Dem Kleinen ging es nicht besonders gut.“

„Und wie hast du das gemacht? Der kleine Dan ist in L. A., und du hast dich im malerischen und mit Blumenampeln überschwemmten Dependable aufgehalten.“

„Bezahlfernsehen und Handy. Er wollte vor allem hören, ob ich an den richtigen Stellen lache oder nach Luft ringe.“

„Dann hast du hoffentlich auf dem Handy eine Flatrate. Diese Filme sind sehr lang.“

„Wem sagst du das?“, erwiderte er lächelnd. „Hauptsache, Danny hat sich besser gefühlt.“

„Du bist ein guter Mensch, Big Dan. War Connie auch da?“

„Ja, irgendwo“, meinte er und zuckte mit den Schultern.

Es belastete Dans Ehe, dass er oft lange von zu Hause weg war, mittlerweile schon einen ganzen Monat. Er behauptete, Connie würde das verstehen, aber da war Madeline nicht so sicher.

Das war für sie ein Grund, keine ernsthafte Beziehung einzugehen, solange sie noch hinter ihrem Traum herjagte. Sie wollte jederzeit verreisen können, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, weil sie jemanden allein zurückließ.

Ihre Eltern machen ihr schon ein schlechtes Gewissen, aber es war ihr sowieso noch nie gelungen, Anerkennung von den beiden zu bekommen.

„Los“, sagte sie, um Dan und sich abzulenken, „versuchen wir, den McCoy abzufangen, der gerade aus dem Arbeitszimmer gekommen ist.“

„Du kennst die Abmachung, Maddy“, wandte Dan ein. „Wir müssen hier auf den Stufen bleiben.“

Am Fuß der Treppe hielten sich betont lässig Politiker, Berühmtheiten und Manager auf, die auf ein Interview vor der Kamera hofften. Sie taten zwar so, als wären sie ganz zufällig dort, aber Madeline kannte dieses Benehmen in einer Gesellschaft, in der man allein durch öffentliche Beachtung berühmt wurde.

„Normalerweise würde ich mich auf diese Typen da unten stürzen“, raunte sie Dan zu, „aber ich ahne, dass hier im Haus eine viel interessantere Story wartet. Wir müssen sie nur finden.“

„Wir finden uns höchstens an der frischen Luft wieder, wenn man uns hinauswirft“, warnte Dan.

„Hey, du zweifelst doch nicht etwa an meinen Fähigkeiten“, entgegnete sie, meinte es aber scherzhaft. Dan war so ziemlich der Einzige, der sie als Reporterin ernst nahm. „Dass Joseph McCoy uns die Exklusivrechte für die Berichterstattung von seiner Geburtstagsfeier übertragen hat, riecht nach Manipulation. Er will uns bloß kontrollieren, und nur darum sollen wir uns auf der Treppe aufhalten. Das deutet darauf hin, dass er etwas zu verbergen hat.“

Dan sah sich um, als suchte er irgendwo versteckte Kameras.

„Ich gehe, und du hältst dich weiter hier auf“, entschied Madeline. „Solange Scheinwerfer und Kamera auf der Treppe bleiben, halten wir uns praktisch an die Abmachung. Du kannst ja die Leute im Foyer aufnehmen. Preston wird begeistert sein, wenn ein Senator in die Kamera sagt: ‚Sehen Sie sich auch das nächste Mal Entertainment This Evening an‘.“

Ihre Produzenten lebten schließlich von berühmten Namen und Gesichtern, die ihre Einschaltquoten in die Höhe trieben, und vor allem Preston Estcomb war nicht an ernst zu nehmenden Nachrichten interessiert. Nur durch eine interessante Story konnte Madeline beweisen, dass sie mehr zu bieten hatte als die Krone der Miss Central USA, die nach sieben Jahren schon Staub angesetzt hatte.

Dan seufzte. „Senatoren gehen eher auf Vorschläge ein, wenn sie von dir kommen. Du machst das viel besser als ich.“

„Es gibt immer Leute, die noch besser sind als ich.“

Dan lachte herzlich über ihren Scherz, ohne zu ahnen, dass ein Funken Wahrheit dahintersteckte, der sie gewaltig störte.

Den Titel als Miss hatte sie nur gewonnen, weil die eigentliche Siegerin wegen eines Sexskandals mit einem Kongressabgeordneten zurücktreten musste. Dadurch war Madeline vom zweiten auf den ersten Platz vorgerückt. Die Anstellung als Reporterin hatte sie sich letztlich auch nicht wirklich verdient, und das nagte an ihr.

„Geh schon“, sagte Dan verständnisvoll. „Ich sage allen, die nach dir fragen, dass du dich frisch machst. Du bist eine Frau, und darum wird jeder verstehen, dass das eine Weile dauert.“

„Vor allem in dem Kleid“, lächelte sie und strich über den perlenbestickten roten Stoff. „Ist dein Handy eingeschaltet?“

„Ja, mit Vibrationsalarm.“

„Gut.“ Madeline holte ihre Handtasche aus Dans Gerätekoffer. „Ich rufe dich an, falls der unwahrscheinliche Glücksfall eintritt, dass sich jemand vor laufender Kamera aussprechen möchte. Dafür könnten wir auch riskieren, dass du diese Stelle hier verlässt.“

„Okay. Viel Glück bei deinem Alleingang. Du kannst es brauchen.“

„Herzlichen Dank für dein Vertrauen in meine Fähigkeiten.“

„Ich bin schlicht und einfach Realist. Die McCoy-Jungs sehen selbst viel zu gut aus, um sich von einem hübschen Gesicht beeindrucken zu lassen.“

Nur gut, dass sie Dan nicht anvertraut hatte, dass sie früher mit Alexander McCoy zusammen gewesen war. Daher hatte er keine Ahnung, wie sehr sie damals verletzt worden war, und worum es ihr unter anderem ging.

Am Fuß der Treppe mischte sie sich unter die Reichen und Privilegierten und drängte sich zum Hinterausgang. Aufgehalten wurde sie von den zahlreichen Leuten, die mit ihr reden wollten. Sie war zwar weit weg von hier in St. Louis aufgewachsen und hatte später in Los Angeles gelebt, aber für diese Menschen gehörte sie einfach dazu, weil Joseph McCoy sie akzeptiert hatte. Damit würde es jedoch vorbei sein, falls sie heute Abend ihr Ziel erreichen sollte.

Endlich betrat sie die hintere Veranda mit der angrenzenden Terrasse. Hier war es etwas kühler als drinnen im Haus. Sie atmete den Blumenduft ein und genoss die angenehme Luft, bis sie Joseph McCoys dröhnende Stimme hörte.

Er stand abseits der Gäste bei einer kleinen Gruppe. Auf den ersten Blick erkannte Madeline, dass es sich hier um eine Familienangelegenheit handelte. Die Männer waren hochgewachsen und breitschultrig, die Frauen waren schön und strahlten vor Glück. Vorsichtig näherte sie sich der Gruppe.

Cooper Anders stand neben der hübschen brünetten Sara Barnes, mit der er verlobt war. Der frühere Besitzer einer Baufirma fühlte sich in seinem schwarzen Smoking sichtlich wohl. Sara wirkte in dem cremefarbenen eng anliegenden Kleid von Dior besonders zart und zierlich, und sie benahm sich sehr selbstbewusst.

Cooper schuldete Madeline noch ein Interview über seinen Weg vom Gefängnis ins Big House der McCoys, in dem er sich in eine leitende Managerin von McCoy Enterprises verliebt hatte. Das konnte jedoch warten.

Mitch Smith, ebenfalls einer der neu gefundenen Enkel Josephs, hatte Madeline schon kennengelernt. Er war als Einziger bei der Feier in Jeans, Cowboystiefeln und einem braunen Wildleder-Blazer erschienen. Außerdem fiel er innerhalb der Familie auf, weil nur er blond war. Alison Sullivan, die Privatdetektivin, die ihn aufgespürt hatte, stand neben ihm. Mitch legte die Hand besitzergreifend auf den Rücken der attraktiven Rothaarigen in einem schwarzen Satinkleid. Offenbar gab es auch zwischen den beiden eine Liebesgeschichte.

Die zwei, die Madeline nicht kannte, waren ein gut aussehender Marineoffizier in Galauniform und eine hochgewachsene Frau in einem kurzen schwarzen Kleid, deren langes Haar so dunkel war wie das ihres Begleiters. Offenbar handelte es sich auch bei dem Offizier um einen der Verschollenen Millionäre, der die Frau an seiner Seite liebevoll anlächelte.

Ja, das waren sehr schöne und sehr glückliche Menschen. Madeline nahm sich jedoch bewusst vor, nicht weiter darüber nachzudenken.

Alle schüttelten sich gegenseitig die Hände. Offenbar waren sie gerade erst auf dem Fest erschienen.

Madeline hätte einfach darüber berichten können, wie diese Männer von Joseph McCoy in die superreiche Familie geholt worden waren. Doch das war nicht die Karriere, die sie anstrebte. Darum ging sie weiter. Alexander McCoy war nicht hier, obwohl er eigentlich seine neu gefundenen Neffen begrüßen sollte.

Diese neu gefundenen Neffen waren schätzungsweise annähernd so alt wie der vierunddreißig Jahre alte Onkel …

Dass Marcus McCoy von einem Bären gefressen geworden war und nach seinem Tod drei uneheliche Söhne anerkannt hatte, war eine wichtige Story, auch wenn schon so gut wie jeder Reporter darüber berichtet hatte. Sollte allerdings Alexander, der als Marcus’ jüngerer Bruder galt, in Wahrheit doch nicht …

Madeline atmete tief durch. Falls das Undenkbare stimmte, bedeutete das nichts anderes, als dass auch Joseph McCoy in die Geschichte verwickelt war, und das wäre eine ganz andere Story gewesen. Eine Sensationsstory!

„Wo ist Alexander?“, fragte Joseph gerade.

Leider konnte sie die Antworten nicht verstehen.

„Vielleicht ist er zum Stall gegangen“, sagte Cooper dann etwas lauter.

„Dorthin zieht er sich normalerweise zurück, wenn er unter Stress steht“, bemerkte eine Frau, wahrscheinlich Sara Barnes.

Madeline raffte ihr Kleid hoch und eilte die Stufen von der Veranda hinunter. Sie kannte den Weg zum Stall, der wie das Haus aus roten Ziegeln und mit weißen Säulen erbaut war. Fackeln brannten neben dem Weg bis hin zu einem Spalierbogen mit süß duftenden Kletterpflanzen. Dahinter reichte das Licht des Vollmondes aus, um die Steinplatten erkenntlich zu machen.

Bis zu dem lang gestreckten Stall war es nicht mehr weit. Madeline trat vorsichtig auf, als sie sich den weißen Toren näherte, damit die Absätze ihrer Schuhe sie nicht vorzeitig verrieten. Drinnen war es dunkel, doch durch die Glaskuppel fiel Mondlicht in den Stall.

Schon wollte sie eines der großen Tore aufschieben, als sie die normale Tür entdeckte, die in einen der Flügel eingelassen war. Lautlos trat sie ein und schloss die Tür wieder hinter sich, damit Alex sie nicht bemerkte und sich zurückzog.

Boxen erstreckten sich zu beiden Seiten eines breiten Mittelgangs, wie sie im Mondschein erkannte. Im Zeugraum rechts brannte kein Licht. Auf der anderen Seite gab es einige Türen, die nur angelehnt waren.

Der Klang einer leisen tiefen Stimme aus der ersten Box links lockte Madeline an. Auf Zehenspitzen schlich sie näher heran und warf einen Blick durch die Gitterstäbe der Tür.

Im Mondschein stand Alexander McCoy vor einem dunklen Pferd, die Stirn gegen den Kopf des Tieres gedrückt. Die Smokingjacke war offen, die Fliege war gelöst und hing locker um seinen Hals.

„Ich würde alles dafür geben, wenn mir jemand sagen könnte, wie ich damit umgehen soll“, raunte er dem Pferd gepeinigt zu.

Alex litt. Madeline sah ihn plötzlich in einem völlig neuen Licht. Er schien nicht sonderlich um Marcus getrauert zu haben, doch vielleicht hatte er seinen Schmerz nur gut verborgen.

„Hast du eine Ahnung, mein Junge?“, fragte er den Hengst.

Das mächtige Tier gab einen Laut von sich, der Madeline an das Schnurren einer großen Katze erinnerte.

„Ich weiß, du möchtest mir gern helfen“, redete Alex weiter. „Am liebsten würde ich weglaufen.“

Alex und weglaufen? Er war ein Mann, der jedes Problem löste und nie die Flucht ergriff.

Seufzend streichelte er das Pferd. „Ich weiß einfach nicht mehr, wer ich bin.“

Madeline stiegen Tränen in die Augen, und plötzlich hatte sie den Wunsch vergessen, Schmutz über diesen reichen und privilegierten Mann auszugraben. Jetzt wollte sie nur noch Alexander McCoy trösten.

„Alex“, sagte Madeline leise.

Er drehte sich hastig um und sah sie an, als würde er seinen Augen nicht trauen. „Du?“, fragte er schroff. „Was machst du hier?“

Madeline trat an die Box. „Alles in Ordnung mit dir?“

„Ich habe gefragt, was du hier machst.“ Auch jetzt schwang Schmerz in seiner Stimme mit, ein Schmerz, der Madeline tief berührte.

„Ich habe dich gesucht.“

„Das hat mir gerade noch gefehlt“, stöhnte er abweisend, wandte sich wieder dem Pferd zu und streichelte es.

Um nicht zu verraten, wie leid er ihr tat, suchte sie ein harmloses Thema. „Wie heißt es?“

„Wie bitte?“

„Dein Pferd. Wie heißt es?“

Er rückte das schmale Lederband zurecht, das sich um das Maul des Pferdes spannte. „Das ist ein Hengst, und er ist unter dem Namen Most Excellent Endeavor Rennen gelaufen. Hier bei mir heißt er Duke.“ Sobald Alex über das Pferd sprach, entspannte er sich sichtlich.

Wenigstens das hatte sich nicht geändert. Seine Pferde hatten ihm immer am Herzen gelegen und geholfen, Stress abzubauen. „Er sieht wirklich wie ein Duke aus“, stellte sie lächelnd fest. „Adlig. Aber sind Hengste nicht gefährlich?“

„Nur, wenn sie nicht richtig trainiert sind“, erklärte Alex, „und Duke hier hat seine Sturm- und Drangzeit schon hinter sich.“

„Ich hatte nie etwas mit Pferden zu tun. Früher wollte meine Mutter, dass ich wegen meiner Haltung Reitunterricht nehme. Mein Vater meinte, Golf würde mir eher im Leben weiterhelfen.“ Als Frau eines Managers oder eines Politikers. Beides hätte ihrem Vater gefallen, weil es auch auf ihn ein gutes Licht geworfen hätte. Noch heute hatte sie nicht vergessen, dass man immer versucht hatte, sie zu formen beziehungsweise umzuformen.

„Hat es dir geholfen?“

„Nein“, antwortete sie. „Ich hatte nie die Absicht, mein Leben mit Golf zu verbringen und am Arm eines reichen Mannes zu hängen.“ Um von sich abzulenken, deutete sie auf das Pferd. „Das ist also ein Vollblut?“

„Ein ganz besonders schönes Exemplar, aber die Zeiten der Rennen sind für ihn vorbei. Ab und zu wird er zum Decken herangezogen, und ich reite besonders gern auf ihm aus.“

Madeline ließ einige Sekunden verstreichen. „Alex, wie hast du das vorhin eigentlich gemeint, du wüsstest nicht mehr, wer du …“

„Hör mal, Maddy“, fiel er ihr hastig ins Wort. „Sei mir nicht böse, aber du bist ganz sicher der letzte Mensch, mit dem ich jetzt sprechen möchte.“

Für einen Moment stockte ihr der Atem, und sie musste sich an der Tür der Box abstützen. „Tut mir leid. Mir war nicht klar, dass es zwischen uns so schlimm geendet hat.“

Er seufzte und kam einen Schritt auf sie zu. „Das habe ich nicht gemeint. Zwischen uns hat es nicht schlimm geendet.“

Er hatte damals nicht mehr angerufen. Sie war gerade im Begriff gewesen, die Arbeit bei Entertainment This Evening in Los Angeles anzutreten. Darum hatte sie sich eingeredet, dass der Bruch letztlich sinnvoll gewesen wäre. Nur nachts hatte sie sich gelegentlich gefragt, ob es nicht doch hätte anders laufen können.

Beim nächsten Schritt geriet sein Gesicht in den Schatten eines Deckenbalkens. „Es geht um deinen Beruf“, fuhr er schroff fort.

Es enttäuschte sie tief, dass er sie von sich wies. Dabei wollte sie ihm helfen. „Deshalb bin ich nicht hier“, versicherte sie. Zumindest ging es nicht mehr um ihren Beruf, seit sie gesehen hatte, in welchem Zustand Alex war.

„Nimm es mir nicht übel, aber das kann ich kaum glauben.“

Dazu hatte er guten Grund. Der Verstand sagte ihr, dass sie sich auf ihre Aufgabe konzentrieren sollte. Deshalb war sie schließlich in den Stall gegangen. Und es war ihre Aufgabe, Alex zum Reden zu bringen. Gleichzeitig wollte sie ihn beruhigen. „Ich arbeite nun einmal für ein Unterhaltungsmagazin, Alex.“

„Leider finden die Leute heute alles Mögliche unterhaltsam“, erwiderte er. „Und als wir zusammen waren …“

„Das waren doch nur einige öffentliche Auftritte in meiner Eigenschaft als Miss und ein paar Abendessen, die alles andere als privat waren“, warf sie ein.

Alex nickte. „Ich hatte jedenfalls den Eindruck, dass du unbedingt als Reporterin arbeiten willst.“

„Das war vor sieben Jahren“, meinte sie und staunte, dass er sich noch an ihren Traum erinnerte. „Menschen ändern sich“, fügte sie hinzu, damit er nicht misstrauisch wurde.

„Du hast dich nur zu deinem Vorteil verändert“, sagte er leise.

„Wieso willst du dann nicht mit mir sprechen?“

Sekundenlang stand er schweigend vor ihr, und sie hätte alles dafür gegeben, um jetzt in seinen blauen Augen lesen zu können.

„Was willst du wissen?“, fragte er schließlich.

Bist du wirklich Marcus’ Bruder? Das war die erste Frage, die ihr einfiel und die sie nicht stellen konnte. Sie durfte nicht mit der Tür ins Haus fallen. „Wie kommst du mit den Veränderungen nach Marcus’ Tod zurecht?“, fragte sie bloß.

„Sein Tod war ein harter Schlag für die Familie, aber es hat uns allen geholfen, seine Söhne kennenzulernen.“

Das stammte aus der Presseerklärung der Familie, wortwörtlich sogar. Trotzdem ärgerte Madeline sich nicht und war nicht einmal frustriert, ganz im Gegenteil. Sie fühlte in seiner Stimme noch immer so viel Schmerz, dass sie am liebsten die Arme beruhigend um ihn gelegt hätte.

„Du hast dich auch verändert“, stellte sie fest. „Ich weiß nicht, ob das im Lauf der Jahre geschehen ist oder erst seit Marcus’ Tod, was ich eher vermute. Es spielt keine Rolle. Ich würde nur gern verstehen, was du im Moment durchmachst. Vielleicht kann ich dir helfen.“

Alex trat aus dem Schatten ins Mondlicht, und Madeline stockte der Atem. Sein Gesicht wirkte hart, und aus seinen Augen traf sie ein durchdringender Blick, der ihr einen Schauer über den Rücken jagte.

Sie konnte sich nicht von ihm wenden oder von der Stelle rühren. Der Duft seines Rasierwassers mischte sich mit den Stallgerüchen und löste in ihr Sehnsucht nach ihm aus.

Langsam hob er die Hand und strich ihr mit den Fingerspitzen über die Wange. Madeline dachte sofort daran, wie er vorhin das herrliche Pferd gestreichelt hatte, doch bei ihr wirkte diese Geste nicht beruhigend – im Gegenteil. Sie wurde erregt, ihre Haut prickelte, und ihr Herz schlug schneller.

Sein Blick wanderte über ihr Gesicht zu ihren Lippen, während seine Finger über die glatte Haut von ihrem Hals und über ihre rechte Brust glitten.

„Was ich im Moment durchmache, Madeline“, sagte er kaum hörbar, „ist nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Ich werde nicht zulassen, dass du mich erneut für deine Zwecke einspannst. Und wenn du mich jetzt bitte entschuldigst …“

Bevor sie überhaupt begriff, was er gesagt hatte, schob er sie zur Seite und stieß einen kurzen Pfiff aus. Duke kam sofort zu ihm.

Durch die Stäbe oberhalb der Boxenwände sah sie, wie Alex ein Seil von einem Haken nahm und an Dukes Halfter befestigte. Dann schwang er sich – im Smoking – trotz der Größe des Pferdes mühelos auf dessen Rücken, schnalzte leise mit der Zunge und ritt aus dem Stall.

Madeline blickte regungslos dem Reiter nach. Ein oder zwei andere Pferde wieherten in ihren Boxen, vermutlich, weil sie auch gern frei herumgelaufen wären. Dann waren Alex und Duke in der Nacht verschwunden.

Der Mondschein reichte aus, um die ganze Gegend zu erleuchten, und Alex kannte vermutlich jeden Quadratmeter des riesigen Besitzes. Er hatte Madeline früher mal erzählt, dass er sich vom Stress der Firma entspannte, indem er um den Besitz ritt.

Der Hufschlag entfernte sich. Alex hatte die Weiden erreicht, die sich hinter dem Big House über mehrere Morgen Land erstreckten. Nur noch das Zirpen der Grillen und die Geräusche der Feier waren zu hören.

Erst jetzt wurde Madeline in vollem Umfang klar, was Alex gesagt hatte. Er glaubte, sie hätte ihn damals benutzt und wäre nur mit ihm ausgegangen, damit Joseph ihr eine Anstellung bei Entertainment This Evening verschaffte. Aber das stimmte nicht.

Alex irrte sich. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass Joseph seinen Einfluss zu ihrem Vorteil geltend machen würde. Sie war für die Sendung geeignet gewesen, weil sie einen gewissen Bekanntheitsgrad besaß. Dank Josephs Macht hatte ein Wort von ihm während einer beiläufigen Unterhaltung mit dem Chef des Fernsehsenders genügt, um ihr die Anstellung zu sichern.

Nach ihrer Zeit als Schönheitskönigin hatte sie beweisen wollen, was sie alles konnte. Eigentlich wollte sie als Reporterin für eine Nachrichtensendung arbeiten. Ihr Abschluss in Journalismus und der Titel der Schönheitskönigin hatten jedoch die Verantwortlichen nicht von ihren Fähigkeiten überzeugt. Daher hatte sie das Angebot von Entertainment This Evening angenommen. Sie brauchte Erfahrung, und nach sieben Jahren war sie überzeugt, endlich bereit zu sein.

Nun gut, heute wollte sie Alex für ihre Zwecke einspannen. Das stimmte. Er würde ihr jedoch nicht glauben, dass sie es damals nicht getan hatte. Die zeitliche Übereinstimmung sprach gegen sie. Dabei war sie mit ihm ausgegangen, weil er sich von allen Männern unterschied, die sie jemals kennengelernt hatte.

Ganz abgesehen davon, dass er höchst attraktiv war, hatte sie ihn bewundert. Sein Verstand hatte sie gleichermaßen beeindruckt wie seine Kraft und seine Entschlossenheit, mit der er die von seinem Vater gegründete Firma führte – sofern Joseph tatsächlich sein Vater war.

Ihre Zweifel in dieser Hinsicht wurden durch Alex’ sonderbares Verhalten geschürt. Früher hätte er niemals eine Party mit so vielen VIPs verlassen, schon gar nicht die Feier zu Josephs fünfundsiebzigstem Geburtstag. Joseph hatte ihr erklärt, diese Feier sollte ihm über den Verlust seines geliebten Sohnes Marcus hinweghelfen.

Dass Alex um Marcus trauerte, wäre eine Erklärung für sein Verhalten gewesen. Madeline hatte zwar nie den Eindruck gehabt, dass die beiden einander sonderlich nahegestanden hatten. Trotzdem war der Verlust des Bruders ein harter Schlag, noch dazu eines wesentlich älteren, den Alex vielleicht insgeheim verehrt hatte. Als Einzelkind konnte Madeline in dieser Hinsicht nur Vermutungen anstellen.

Eines stand für sie fest: Sie würde nicht nach Los Angeles zurückkehren, bevor sie sich davon überzeugt hatte, ob ihre Zweifel berechtigt waren. Sie musste sie Wahrheit über Alex herausfinden.

„Miss Monroe“, sagte hinter ihr eine Frauenstimme.

Madeline wirbelte erschrocken herum und entdeckte Sara Barnes, die an der offenen Stalltür stand und besorgt und höchst misstrauisch zu ihr herüberblickte.

Madeline bemühte sich, jetzt gelassen und möglichst entspannt zu wirken. „Nennen Sie mich doch bitte Maddy, Miss Barnes.“

Der Name Madeline war ihr zwar lieber, weil er seriöser klang. Von ihren Eltern bis zu ihren Produzenten drängten sie jedoch alle zu Maddy, weil das flotter klang und leichter zu merken war. Sobald sie eine Anstellung als Reporterin gefunden hatte, würde sie auf Madeline bestehen.

Sara raffte ihren Rock, kam näher und sah dabei in den Zeugraum und in Dukes Box. Offenbar suchte sie Alex. „Und Sie können mich Sara nennen. Sind Sie mit Alexander McCoy hierher gegangen?“

„Nein.“ Madeline verschwieg, dass sie Alex gefolgt war. Das hätte Sara sicher nicht gern gehört. Seit Marcus’ Tod hatte Sara besonders darauf geachtet, die McCoys abzuschirmen. Dadurch hatte sie Madelines Verdacht verstärkt, dass es noch weitere Geheimnisse gab. „Ich musste mich von der Hitze der Scheinwerfer und von den Leuten erholen, die sich unbedingt im Rampenlicht zeigen wollen. Alex hat früher immer davon geschwärmt, wie friedlich es im Stall ist. Darum bin ich hergekommen.“

Sara nickte. Offenbar glaubte sie die Ausrede. „Haben Sie vielleicht zufällig Alex gesehen? Joseph sucht ihn.“

Madeline war ziemlich sicher, dass Joseph der letzte Mensch war, den Alex jetzt sehen wollte – neben ihr. Offenbar brauchte er Zeit, um sich zu sammeln und später bei der Feier eine unverfängliche Miene zeigen zu können. Einen anderen Grund, aus dem der sonst immer zuverlässige Alex eine wichtige Party verließ, kannte sie nicht.

Noch jetzt hörte sie den Schmerz in seiner Stimme und beschloss, ihm etwas Luft zu verschaffen. Es war ja möglich, dass er bald von dem Ausritt zurückkehrte. „Wissen Sie“, schwindelte Madeline, „bevor ich das Haus verlassen habe, erinnerte Senator Percy Alex lautstark daran, dass er ihm die Garage zeigen wollte. Sie wissen doch – Autos sind das Lieblingsspielzeug aller großen Jungs. Vielleicht finden Sie Alex dort.“

„Ach, gut“, meinte Sara erleichtert und lächelte sogar. „Vielen Dank. Hoffentlich bekommen Sie genug Material für Ihre Sendung“, fuhr sie fort und ging schon zum Tor. „Sie wissen, wie sehr Joseph Ihre Fähigkeiten und Ihre Ehrlichkeit schätzt.“

Fähigkeiten? Vorhin hatte sie vergeblich versucht, Alex etwas zu entlocken. Und für ihre Ehrlichkeit hatte sie gerade ein tolles Beispiel geliefert.

Sara winkte zum Abschied. „Genießen Sie die Pause, aber versäumen Sie nicht das Feuerwerk. Das müssen Sie gesehen haben.“

„Ja, danke, das werde ich nicht versäumen“, erwiderte Madeline und winkte zurück.

Für sie gab es keinen Grund, sich noch länger im Stall aufzuhalten. Schließlich hatte sie nur herausgefunden, dass ihre Gefühle für Alex McCoy alles andere als erloschen waren, und das machte ihr gewaltig Angst.

2. KAPITEL

Alex betrachtete düster die Papiere, die sich auf seinem Schreibtisch in der Zentrale von McCoy Enterprises angesammelt hatten. Die zum dunkelblauen Nadelstreifenanzug passende blaue Seidenkrawatte hatte er gelockert.

Die Sonne schien in das große Büro in der vierzehnten Etage mit der teuren Einrichtung in Leder und Mahagoni. Es duftete nach dem Kaffee, den seine Assistentin Peggy vorhin gebracht hatte.

Ein grauer wolkenverhangener Tag und ein Glas Whisky hätten eher seiner Stimmung entsprochen als diese Szenerie, die zu einer Kaffeereklame passte.

Seit gestern Abend versuchte er, die düstere Stimmung zu überwinden und sich mit den Lügen in seinem Leben abzufinden. Der Ausritt hatte ihm jedoch ebenso wenig geholfen wie seine Grübeleien.

Er schob die Unterlagen auf dem Schreibtisch beiseite und stützte den Kopf in die Hände. Heute lenkte ihn auch die Arbeit nicht ab.

Das schaffte nur ein Mensch, eine wunderschöne Blondine mit hellblauen Augen, die ihn an kostbare Edelsteine erinnerten. Diese Frau hatte er nie ganz aus seinen Gedanken verbannen können, obwohl sie sich nur mit ihm getroffen hatte, damit Joseph ihr eine gute Stelle verschaffte.

Deutlich erinnerte er sich daran, wie das Mondlicht auf ihr perlenbesticktes Kleid gefallen war, das sich verlockend um ihre Rundungen schmiegte. Ihr mitfühlender Blick würde ihn von nun an ständig verfolgen.

Die Tür zu seinem Büro öffnete sich ganz langsam. Hoffentlich hatte er Peggy vorhin nicht allzu schlecht behandelt, als sie ihm den Kaffee brachte. Freundlichkeit lag ihm im Moment nicht.

Mit etwas Glück nahmen alle Nichteingeweihten auch weiterhin an, dass sein Verhalten auf Marcus’ Tod zurückzuführen wäre. Natürlich konnte er sich nicht ewig damit entschuldigen, und er hatte nicht die geringste Ahnung, wie lange es dauern würde, bis er sich endlich wieder fing.

Ein Gesicht tauchte auf, doch nicht das seiner tüchtigen und freundlichen Assistentin. Glänzendes blondes Haar, weiche Kinnpartie, volle Lippen, eine schmale Nase und faszinierende blaue Augen – das war die Frau aus seinen Gedanken.

Maddy Monroe kam einfach unangemeldet zu ihm, ungebeten und vollkommen unerwünscht. Und sie zögerte nur einen Moment, bis sie ihm ihr strahlendstes Lächeln zeigte, das er aus dem Fernsehen kannte. „Alex, hast du einen Moment Zeit für mich?“

Also kam sie in ihrer Eigenschaft als Reporterin. Doch selbst wenn das nicht der Fall gewesen wäre und er in ihr eine Freundin oder sogar mehr gesehen hätte, wäre es unklug gewesen, mit ihr zu reden – unklug und auch sinnlos, weil ohnehin niemand verstand, was er durchmachte.

„Nein, habe ich nicht“, entgegnete er knapp.

Trotzdem trat sie ein und schloss die Tür hinter sich. Die zartrosa Bluse und die weiße Hose stachen bei weitem nicht so ins Auge wie die Sachen, die sie vor der Kamera trug, hatten ihr aber wahrscheinlich ermöglicht, unbehelligt seine Etage zu erreichen. „Es geht ganz schnell, großes Ehrenwort.“

„Sicher geht es schnell, weil du sofort wieder gehst“, erwiderte er und zeigte zur Tür.

„Ich habe nur zwei Fragen, Alex, bitte“, beschwor sie ihn.

Er wollte gerade nach der Kaffeetasse greifen, zog jedoch die Hand zurück. Ihre Stimme bebte leicht, und er hätte gern gewusst, was mit ihr los war.

Unter den Augen hatte sie mehr Make-up aufgelegt als normal, und ihr Haar war leicht zerzaust.

Wenn er Maddy schon nicht ignorieren konnte, musste er sie vertreiben. „Reicht es dir nicht, dass du exklusiv von Joseph McCoys Geburtstagsfeier berichten durftest?“, fragte er kühl.

Sie hatten nur Entertainment This Evening zugelassen, um die Berichterstattung kontrollieren zu können. Vielleicht hatte Maddy den Plan durchschaut, doch sie hatte schließlich davon profitiert. Also konnte ihr das völlig egal sein.

„Deine Produzenten sind sicher begeistert“, fügte er noch hinzu. „Man muss sich doch nur die Gästeliste ansehen.“

„Sie sind zufrieden“, bestätigte Maddy und ließ sich vor dem Schreibtisch in einen der Mahagonistühle mit Lederpolsterung sinken. „Trotzdem bin ich noch nicht fertig, weil ich mit dir sprechen muss.“ Bevor er sie abweisen konnte, fuhr sie hastig fort: „Ich weiß, dass du gern im Hintergrund bleibst und die Öffentlichkeit scheust. Darum bin ich ohne meinen Kameramann Dan Gurtings gekommen und habe weder einen Recorder noch ein Notizbuch mitgebracht.“

„Das hat es dir auch erleichtert, dich am Sicherheitsdienst vorbeizuschmuggeln“, bemerkte er geringschätzig und stellte die Tasse wieder auf den Tisch, ohne zu trinken.

Maddy lächelte flüchtig. „Joseph hat mir ein kurzes Interview gegeben, und Cooper Anders hat mich angerufen, um einen Termin zu vereinbaren.“

Es fiel Alex schwer, sich nicht zu verraten. Hoffentlich war es Sara gelungen, Cooper noch vor dem Gespräch mit Maddy von seinen Plänen abzubringen. Wahrscheinlich traf das zu. Maddy würde sich jetzt nicht so viel Mühe geben, wenn Cooper schon Einzelheiten ausgeplaudert hätte.

Als Alex sie nur schweigend ansah, seufzte Maddy. „Ich möchte sehr gern mit dir über alles sprechen, das in deiner Familie durch Marcus’ Tod ausgelöst wurde.“

„Eigentlich dachte ich, mich klar und deutlich genug ausgedrückt zu haben, als du …“

„Ich weiß, dass da noch irgendetwas ist“, fiel sie ihm ins Wort. „Ich brauche dich doch nur anzusehen. Du hast dich verändert und bist nicht mehr du selbst.“

Das stimmte tatsächlich. Alles, worauf er sein Leben aufgebaut hatte, war eine einzige Lüge gewesen. Wie schon im Stall geriet er auch jetzt in Versuchung, sich Maddy anzuvertrauen und ihr seine Verwirrung und seinen Schmerz zu gestehen.

Vor Jahren war es leicht gewesen, mit ihr zu reden. Sie hatte ihm gern zugehört und nie versucht, ihn irgendwie zu beeindrucken. Madeline Monroe war die erste Frau, die ihm nicht nur rein äußerlich gefiel, sondern bei der er sich auch wohlgefühlt hatte.

Nachdem sie die Stelle bei Entertainment This Evening angenommen hatte, war er jedoch überzeugt gewesen, dass sie sich nur umgänglich und verständnisvoll gegeben hatte, um an Joseph heranzukommen. Joseph verfügte schließlich über beste Beziehungen zur Medienwelt. Im Grunde seines Herzens hatte Alex aber gehofft, dass Maddy doch nicht berechnend gewesen war.

Im Moment konnte er es sich nicht leisten, ihre Ehrlichkeit auf die Probe zu stellen. „Du hast selbst gesagt, dass Menschen sich verändern“, erklärte er.

„Aber nicht ohne Grund“, wandte sie ein.

„Und aus welchem Grund hast du dich verändert?“

„Da gibt es keinen Grund“, behauptete sie. „Wir sprechen auch nicht über mich, sondern über dich.“

„Irrtum, Maddy. Wir sprechen eben nicht über mich, sondern du gehst wieder.“ Er beugte sich vor und drückte die Taste der Sprechanlage. „Peggy!“

„Sie ist nicht an ihrem Schreibtisch“, sagte Maddy.

„Ja, natürlich war sie vorhin nicht an ihrem Platz, sonst hättest du nie mein Büro betreten können. Aber jetzt ist sie sicher wieder da.“ Ungeduldig drückte er erneut die Taste. Für gewöhnlich sagte Peggy ihm Bescheid, wenn sie sich von ihrem Schreibtisch entfernte. Vielleicht wollte sie ihn aber nicht stören, weil er heute extrem schlechte Laune hatte.

„Sie ist nicht da“, wiederholte Maddy. „Die Alarmanlage in ihrem Auto ist losgegangen, und Peggy musste nach unten, um die Sirene auszuschalten.“

„Ach, tatsächlich?“, sagte er ironisch, weil ihm das zufriedene Lächeln nicht entging.

„Ja, so etwas passiert schon mal“, versicherte sie.

„Ach, hat vielleicht dein Kameramann die Alarmanlage ausgelöst?“

Maddy zuckte bloß ungerührt mit den Schultern. Trotz allem gefiel ihm ihre Unverfrorenheit genau wie damals, bevor er herausgefunden hatte, dass Maddy ihn nur als Mittel zum Zweck benutzte. Es war erstaunlich, wie sehr ihn das heute noch schmerzte. Sie hatte ihn benutzt, und er hatte nicht einmal mit ihr geschlafen.

„Was geht hier wirklich vor sich, Alex?“, fragte sie eindringlich.

Für einen Moment verlor er die Beherrschung und schlug mit der flachen Hand auf den Schreibtisch. „Marcus McCoy wurde von einem Bären getötet, und dadurch haben wir erfahren, dass er uneheliche Söhne hatte. Reicht dir das denn nicht für deine Sendung, Maddy?“

Sie stand rasch auf, griff nach seiner Hand und strich sanft darüber. „Ich weiß, Alex, tut mir leid, wirklich. Ich hätte gleich wissen müssen, dass du trauerst, aber … Offen gestanden hatte ich immer gedacht, dass es zwischen dir und Marcus keine sonderlich enge Bindung gegeben hat.“

Alex biss die Zähne zusammen und hielt den Blick starr auf ihre Hände gerichtet. Gerade jetzt wollte er nicht daran denken, wie eng die Bindung zwischen ihm und Marcus eigentlich hätte sein sollen.

„Was ist mit Joseph?“, fuhr Maddy in dem gleichen mitfühlenden Ton fort. „Er hat ganz offen große Freude über seine Enkel gezeigt. Verbirgt er seine Trauer?“

„Er freut sich aufrichtig darüber, Marcus’ Söhne gefunden zu haben“, gestand Alex. Obwohl Marcus den Müttern jeweils eine Million gezahlt hatte, damit sie schwiegen, war Joseph bereit, sich zu seinen Enkeln zu bekennen.

Alex entzog Maddy die Hand, stand auf und trat an die Glaswand des Büros. Er war der Einzige, der weiterhin mit Geheimnissen und dem Wissen leben musste, dass alle Menschen ihn belogen hatten.

„Ich habe mir bloß Gedanken gemacht“, sagte Maddy hinter ihm, „weil Joseph …“

Er warf flüchtig einen Blick zu ihr. „Madeline, ich will auch nicht über meinen Großvater sprechen, klar?“, sagte er entschieden und drehte sich wieder zum Fenster. Er wollte an Joseph, Marcus und Helen nicht einmal denken. Alles hatte sich verändert, und er konnte nicht so tun, als wäre alles in Ordnung.

„Ich wusste es“, flüsterte Maddy.

„Was?“, fragte er und drehte sich zu ihr um. Wieso überraschte es sie, dass er nicht über Joseph sprechen wollte?

Sie sah ihn aus weit aufgerissenen Augen an und stand langsam auf. „Ich habe nachgerechnet, und ich glaube nicht an Zufälle. Du bist schließlich ungefähr im selben Alter wie die anderen.“

„Wovon redest du, Madeline?“

Sie kam langsam näher. „Du hast es nicht gewusst? Um Himmels willen!“

Er nahm sich gewaltig zusammen, damit sie ihm nichts anmerkte. „Ich habe nicht die geringste Ahnung, was du meinst.“

„Alex.“ Maddy legte ihm die Hand auf den Arm. „Du hast Joseph gerade deinen Großvater genannt. Du hast gesagt, dass du nicht über deinen Großvater sprechen willst.“

Alex stockte der Atem. Es war ihm unglaublich schwergefallen, in Joseph nicht mehr seinen Vater zu sehen und ihn auch nicht länger so zu nennen. Ausgerechnet jetzt hatte ihm sein Unterbewusstsein einen Streich gespielt! Ausgerechnet jetzt!

Vermutlich drängte ihn sein Unterbewusstsein, sich Madeline anzuvertrauen und ihr Einblick in seinen tiefen Schmerz zu geben. Das war jedoch ein gewaltiger Fehler. Er fand in ihrem Blick nämlich nicht nur Mitgefühl, sondern auch Triumph, und das traf ihn hart.

Er hatte ihr die Story ihres Lebens geliefert. Die McCoys waren nun den Medien ausgeliefert, und jedermann würde erfahren, dass Joseph McCoy gelogen hatte, um seinen Sohn Marcus zu beschützen – seinen einzigen Sohn.

„Du hast dich verhört“, behauptete er.

„Nein“, widersprach sie voll Mitleid. „Und das weißt du auch.“

„Ich weiß gar nichts“, wehrte er ab.

Sie ließ seinen Arm nicht los, und nun fand er keinen Triumph mehr in ihrem Blick.

„Bitte, tu das nicht“, flehte sie.

„Was?“, fragte er eisig.

„Schotte dich nicht gegen mich ab.“

Doch das wollte und musste er. „Wieso bist du nun wirklich hier?“, erkundigte er sich.

„Weil ich sicher war, dass du versuchst, mit irgendetwas fertig zu werden und …“

„Mit dem schrecklichen Verlust eines Familienmitglieds“, fiel er ihr ins Wort. „Und was wolltest du weiter unternehmen?“

„Ich …“, setzte sie an und verstummte.

Offenbar fiel es ihr nicht leicht, wegen einer guten Story zu lügen. Trotzdem schob er ihre Hand von seinem Arm und wich ihr aus. „Du bist hier, weil du eine sensationelle Story suchst. Gut, das ist dein Beruf, und das verstehe ich auch. Du brauchst mir nichts vorzumachen.“

Maddy schüttelte stumm den Kopf und biss sich auf die Unterlippe.

„Solltest du aber in deiner Sendung bringen“, fuhr er fort, „was du glaubst, gehört zu haben, werde ich es entschieden bestreiten. Dann steht dein Wort gegen meines, das Wort einer Klatschreporterin gegen das eines trauernden McCoys.“ Obwohl es unfair war, fügte er noch hinzu: „Und vergiss dabei nicht, wer dir deine Anstellung überhaupt verschafft hat.“

Das erzielte endlich Wirkung. Maddy straffte sich. „Mir ist völlig klar, weshalb ich eingestellt wurde“, entgegnete sie. „Darum strebe ich jetzt auch einen wesentlich anspruchsvolleren Job an, und den werde ich mir selbst verdienen.“

„Gut“, meinte er, „aber rechne dabei nicht mit meiner Hilfe.“

„Ich will überhaupt keine Hilfe“, wehrte sie empört ab.

Alex deutete zur Tür. „Dann wünsche ich dir noch einen schönen Tag.“

„Danke.“ Damit wirbelte sie herum, blieb jedoch nach einigen Schritten stehen und wandte sich ihm langsam wieder zu. Von Empörung gab es keine Spur mehr in ihrem Gesicht, nur noch Mitgefühl und Entschlossenheit. „Aber ich ziehe mich nicht zurück, Alexander, nicht von dir. Ich weiß genau, was ich gehört habe, und ich weiß auch, wie schlimm das alles für dich ist. Das sehe ich dir an.“

Maddy kam wieder einen Schritt näher. „Es wird dir erst besser gehen, wenn du die Wahrheit ans Tageslicht bringst. Nur dann kannst du dich damit auseinandersetzen. Ich werde dafür sorgen, dass es dazu kommt.“

Schlagartig erkannte er, dass es für ihn nur eine Möglichkeit gab, sich mit der Wahrheit auseinanderzusetzen. Er holte die Schlüssel aus der Schreibtischschublade und ging zur Tür.

„Wohin willst du?“, fragte Maddy.

„Das werde ich dir ganz sicher nicht verraten“, erwiderte er, ohne sie anzusehen.

Er musste weg, bevor er noch einen Fehler beging. Es war schon schlimm genug, dass er sich bei Maddy Monroe verraten hatte. Das lag nicht nur daran, dass sie Reporterin war, sondern vor allem daran, dass sie die einzige Frau war, bei der er sich jemals schlicht und einfach als Mann gefühlt hatte –als Mann, der nicht für seinen Namen und sein Geld, sondern für sein Wesen geliebt werden wollte.

Die Ironie dabei war, dass er nicht mehr wusste, wer er überhaupt war.

Madeline zuckte zusammen, als die Bürotür gegen den Stopper knallte. Sie hatte auf der ganzen Linie versagt. Alex’ Haltung drückte Wut, Frust und Schmerz aus.

Armer Alex. Das Mitleid mit ihm vertrieb jeden Triumph darüber, dass sie recht behalten hatte. Alexander McCoy war tatsächlich Marcus’ und nicht Josephs Sohn.

Wer war nun die Mutter? War das ebenfalls im Testament enthüllt worden, oder hatte Joseph es Alex hinterher gestanden?

Madeline konnte sich kaum vorstellen, welche Auswirkungen es auf einen Menschen hatte, einer so gewaltigen Lüge auf die Spur zu kommen. Ihre Eltern hatten sie immer kritisiert, aber letztlich nie einen Zweifel an ihrer Liebe aufkommen lassen. Alex dagegen wurde garantiert von Zweifeln geradezu zerrissen.

Erneut stiegen ihr Tränen in die Augen. Der Schmerz, den sie für Alex empfand, war so stark, dass es ihr Angst einjagte. In mehreren schlaflosen Nächten hatte sie versucht, ihre Gefühle für Alex endgültig zu verbannen. Offenbar war ihr das nicht gelungen.

Es war dringend notwendig, dass sie sich ganz auf die Story konzentrierte. Die Hauptperson dieser Story stürmte jedoch gerade aus dem Büro und wollte sie abhängen. Aber so leicht ließ sie sich nicht zurückstoßen.

Entschlossen folgte sie Alex durch das leere Büro seiner Sekretärin und vorbei an den Schreibtischen der übrigen Mitarbeiter und am Pausenraum der Angestellten.

Alex war nirgendwo zu sehen. Noch bevor Madeline die Aufzüge erreichte, sah sie die Tür zum Treppenhaus und zögerte. Vielleicht hatte er die Treppe genommen.

Sie befanden sich zwar im dreizehnten Stock, aber er hatte wahrscheinlich auf der Fahrt nach unten mit niemandem sprechen wollen und deshalb das Treppenhaus benutzt. Sollte sie hinter ihm herjagen? Er hatte einen Vorsprung und war außerdem aufgewühlt. Zudem trug sie Schuhe mit hohen Absätzen. Darum entschied sie sich für den Aufzug.

Jetzt war es ihr gleichgültig, ob sie Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Sie lief zu den Metalltüren, hämmerte mehrmals gegen sämtliche Knöpfe und hatte Glück. Die Türen des linken Aufzugs öffneten sich sofort. Madeline trat eilig ein und drückte die Taste fürs Erdgeschoss.

„Komm schon, komm schon“, murmelte sie ungeduldig während der Abwärtsfahrt. „Oh nein“, stöhnte sie, als er Aufzug unterwegs hielt.

Die Türen öffneten sich, und ein gedrungener blonder Mann im Hemd und mit einer braunen Krawatte kam herein. Madeline nahm sich zusammen und senkte den Blick.

Die Türen hatten sich kaum geschlossen, als der Mann auch schon fragte: „Sind Sie nicht Maddy Monroe von Entertainment This Evening?“

„Ja. Hi“, erwiderte sie und zwang sich zu einem Lächeln. Sonst freute es sie, Leute zu treffen, die sie vom Fernsehen kannten. Jetzt wollte sie jedoch nichts weiter, als möglichst schnell das Erdgeschoss zu erreichen.

„Toll“, meinte der Mann. „In Wirklichkeit sehen Sie noch besser aus als auf dem Bildschirm. Dabei habe ich gedacht, dass man euch Mädchen im Fernsehen durch technische Tricks attraktiv macht.“

„Nun ja, manchmal schon“, erwiderte sie lachend.

Er winkte ab. „Auf Josephs Fest habe ich Sie nur kurz gesehen. Darf ich Sie um ein Autogramm bitten?“ Unbeholfen versuchte er, die Aktenmappe unter seinem Arm zu öffnen und gleichzeitig einen Stift aus der Brusttasche zu ziehen. Schließlich hielt er ihr die ganze Mappe hin, damit sie darauf unterschrieb.

Der Aufzug hielt im Erdgeschoss, die Türen öffneten sich.

Madeline biss die Zähne zusammen und wäre am liebsten losgelaufen, griff jedoch nach dem Stift. Nie hatte sie die Aufmerksamkeit von Fans als Preis des Ruhms angesehen, sondern vielmehr als Privileg. Darum unterschrieb sie jetzt hastig und schob sich gleichzeitig aus dem Aufzug in die Halle hinaus.

Die Tür zum Treppenhaus schloss sich in diesem Moment. Madeline wirbelte herum. Alex eilte zum Ausgang. Lächelnd gab sie dem Mann Aktenordner und Stift zurück und lief hinter Alex her.

Eine schlanke Brünette Ende vierzig näherte sich ihm und sprach ihn an. Er blieb jedoch nicht stehen, sondern ging einfach weiter. Die Frau sah ihm erstaunt hinterher.

„Ich bin in der nächsten Zeit nicht hier, Peggy“, sagte er noch. Dank des Echos von der Marmorwand der Halle hörte Madeline es. Im nächsten Moment ging er schon nach draußen.

„So leicht entkommst du mir nicht“, murmelte Madeline und folgte ihm so schnell, wie es gerade noch ging, ohne Verdacht zu erregen. In der Halle hielten sich Sicherheitsbeamte auf, und wenn sie hinter einem McCoy herlief, würde sie mit Sicherheit abgefangen und festgehalten. Sobald sie jedoch die Eingangstür hinter sich gelassen hatte, hetzte sie los.

Allerdings stand Alex’ schnittiger zweisitziger Cadillac gleich neben der Auffahrt. Nur Josephs riesiger weißer Cadillac parkte noch ein Stück näher. Hinter Alex’ Auto stand Cooper Anders’ roter Pick-up.

Alex stieg schon in seinen Wagen und schloss die Tür, bevor Madeline den Gehweg erreichte. Der Motor heulte auf. Madeline blickte zum Wagen von Alex’ Sekretärin, der auch in der Nähe stand, doch Dan war nirgendwo zu sehen. Wahrscheinlich hatte er die Alarmanlage von Peggy Wagens ausgelöst und war dann zu seinem Van gegangen.

Anstatt sich wie in einem Videoclip zu einem Rocksong auf die Motorhaube von Alex’ Wagen zu werfen, eilte sie in die entgegengesetzte Richtung zum Besucherparkplatz, wo Dan den Van abgestellt hatte, um nicht aufzufallen.

Nicht aufzufallen war in diesem Fall jedoch sehr schwer. Auf dem Dach des Vans befand sich eine riesige Satellitenschüssel, die man kaum übersehen konnte. Außerdem stand Entertainment This Evening auf der Seitenwand. Zum Glück wurde die Sicht auf den Van durch einen Baum mit dunkelroten Blättern verdeckt, sodass die Sicherheitsleute ihn nicht bemerkt hatten.

Heute wäre Madeline im Reich der McCoys nicht willkommen gewesen. Die Rechte zur exklusiven Berichterstattung waren Schlag Mitternacht am Abend der Geburtstagsfeier erloschen. Obwohl sich noch zahlreiche Gäste im Haus aufgehalten hatten, waren Madeline und Dan weggeschickt worden. Die Frau, die den Haushalt führte, hatte ihnen für ihre Zeit und Mühe gedankt, doch es war klar gewesen, dass sie ab sofort unerwünscht waren.

Dem Geräusch nach manövrierte Alex gerade seinen Wagen aus der Parklücke. Madeline duckte sich und lief zwischen den abgestellten Fahrzeugen weiter. Alex sollte nicht merken, dass sie ihm folgen wollte. Zwischen den Autos sah sie ihn davonjagen. Wenn sie den Van nicht schnell erreichte, würde sie Alex mit Sicherheit aus den Augen verlieren.

Er fuhr wahrscheinlich nicht nach Hause, sondern irgendwohin, wo sie ihn nicht fand. Das konnte praktisch überall in den Vereinigten Staaten von Amerika sein, weil ein Mann wie er verreisen konnte, ohne vorher zu packen.

So rasch wie möglich lief sie zum Van und riss die Beifahrertür auf. „Los, Dan, schnell!“, rief sie und warf sich auf den Sitz.

„Was ist?“, fragte er verblüfft, steckte jedoch gleichzeitig sein Handy ein und startete den Motor.

„Alex will weg!“ Madeline drehte sich um. Zum Glück war der Parkplatz vor McCoy Enterprises sehr groß, sodass Alex ihn noch nicht verlassen hatte und sie noch sah, wie er nach links abbog. Links ging es nach Dependable und zum Big House, aber auch zur Autobahn. „Beeil dich, Dan!“

„Tue ich ja.“ Er fuhr ruckartig rückwärts aus der Parklücke, schaltete das Automatikgetriebe auf vorwärts und rammte den Fuß aufs Gaspedal. Der ganze Wagen schaukelte, und die Reifen quietschten, als Dan auf die Zufahrtsstraße einbog.

„Was ist passiert?“, fragte Dan.

„Vorne links abbiegen“, erwiderte sie und beobachtete Alex’ Wagen. „Alex hat sich in der Aufregung versprochen und Joseph seinen Großvater genannt. Nicht Vater, sondern Großvater.“ Die Erinnerung an Alex’ Schmerz schnürte ihr noch jetzt die Kehle zu.

„Das heißt gar nichts“, meinte Dan. „Ich habe meinen Sohn schon oft mit dem Namen von unserem Hund angesprochen.“

„Das ist nicht dein Ernst“, sagte sie ungläubig.

„Doch. Ich nenne ihn manchmal Belzer.“

Madeline schüttelte den Kopf. „Bei Alex ist das jedenfalls anders. Ich hatte mir schon wegen Alex und seinen neu gefundenen angeblichen Neffen Gedanken gemacht, weil das alles nicht zusammenpasst. Da ist zum Beispiel das Alter der Männer. Dann kommt noch Alex’ seltsames Verhalten hinzu.“

„Und mit dem Versprecher hat er deine Vermutungen bestätigt?“

Auch der verstörte Ausdruck in Alex’ Augen und seine kaum gezügelte Erregung waren Beweise gewesen. „Ja, hundertprozentig.“

Dan fuhr jetzt etwas langsamer. „Dann bring doch die Story und beruf dich dabei auf ihn.“

„Nicht langsamer werden“, warnte sie. „Es genügt nicht, mich auf ihn zu berufen. Er würde alles abstreiten. Mein Wort würde dann gegen seines stehen. Nein, ich brauche mehr, zum Beispiel eine Aufzeichnung, wenn er das Eingeständnis wiederholt, oder einen anderen unanfechtbaren Beweis.“

Dan beschleunigte auf der gepflegten Straße zwischen dem McCoy-Bürohaus und Dependable. „Wieso hast du deinen kleinen Stimmenrecorder nicht mitgenommen?“

„Weil ich wollte, dass Alex mir vertraut und offen mit mir spricht. Woher sollte ich denn wissen, dass er diese Bombe platzen lassen würde?“

Dan seufzte. „Schade, dass wir keine Zeit mehr haben.“

In dem Moment sah sie, wie Alex die erste Ampel am Stadtrand passierte. „Dort ist er!“, rief sie und schlug mit der Hand aufs Armaturenbrett. „Du musst das grüne Licht erwischen!“

„Wird gemacht.“ Dan gab noch mehr Gas und holte auf.

Erst jetzt dachte Madeline an den Sicherheitsgurt. Nachdem sie sich angeschnallt hatten, wurde ihr bewusst, was Dan gerade gesagt hatte. „Was heißt, wir haben keine Zeit mehr?“

Die Ampel schaltete auf Gelb, und Dan bremste, anstatt, wie üblich bei der Verfolgung einer Berühmtheit, weiterzufahren. „Ich habe gerade mit Preston telefoniert, als du eingestiegen bist. Er hat unseren Einsatz beendet.“

„Was?“, rief sie erschrocken.

„Er ist begeistert – seine Worte – über deine Berichterstattung von der Geburtstagsfeier des alten McCoy, und er findet, dass es reicht. Wir sollen noch heute zurückkehren. Du kannst fliegen, wenn du willst, oder mit mir fahren. Jedenfalls müssen wir so schnell wie möglich nach Los Angeles zurück.“

Sie heftete den Blick auf den Cadillac, der sich immer weiter entfernte. „Dan, ich kann nicht weg. Ich bin hier noch nicht fertig.“

„Du kannst aber Preston nicht sagen, dass du mehr Zeit für eine Story brauchst, die dir einen besseren Job bei einem anderen Sender verschafft.“

„Das weiß ich“, murmelte sie, doch im Zusammenhang mit Alex ging es ihr nicht nur um den Job. Da steckte viel mehr dahinter.

„Ich muss auf jeden Fall zurück, Maddy, und mich um meine Familie kümmern.“

Erst jetzt sah sie ihn sich genauer an und bemerkte die tiefen Kerben in den Mundwinkeln. „Probleme mit deiner Frau?“

Er zuckte mit den Schultern und seufzte. „Ich weiß nicht, ob es hilft, wenn ich nach Hause fahre, aber ich muss es versuchen. Es geht aber in erster Linie um Danny. Er fühlt sich noch nicht besser. Vielleicht steckt da etwas Ernstes dahinter. Connie hat jedenfalls schon für ihn einen Termin bei einem Spezialisten abgemacht. Wenn ich heute losfahre und mich beeile, komme ich noch rechtzeitig nach Hause.“

Auch wenn sie keine eigenen Kinder hatte, fühlte sie doch mit Dan. Auf keinen Fall durfte sie ihn von seiner Familie fernhalten. „Ich drücke euch die Daumen.“

„Danke.“ Er gab Gas, sobald die Ampel auf Grün schaltete, und zeigte auf den schwarzen Sportwagen, der an der nächsten Kreuzung warten musste. „Wieso glaubst du, dass er nicht einfach nach Hause fährt?“

„Weil er es mehr oder weniger selbst gesagt hat“, erwiderte Madeline und überlegte, wie sie gleichzeitig Alex folgen und Dan die Rückfahrt nach Kalifornien ermöglichen konnte. Im günstigsten Fall fuhr Alex doch nach Hause, und sie hatte genug Zeit, um einen Leihwagen zu nehmen.

„Er biegt ab“, stellte Dan fest. „Sieht aus, als wollte er zur Autobahn.“

Madeline seufzte. Alex war so reich, dass er unterwegs alles Nötige kaufen konnte. Er würde ihr entkommen, weil sie Dan nicht von seiner Familie fernhalten durfte.

Doch dann entdeckte sie am Straßenrand einen geparkten gelben Wagen mit einem Schild auf dem Dach. „Ein Taxi! Halt an! Ich folge Alex mit dem Taxi!“

„Ich hätte gar nicht gedacht, dass sie so etwas hier haben“, murmelte Dan.

„So klein ist Dependable nun auch wieder nicht“, antwortete sie und griff nach der rosa Handtasche und dem schwarzen Aktenkoffer mit Laptop und Audiorecorder.

„Wie viele Einwohner gibt es hier? Zehntausend? Für mich ist das eine Kleinstadt, in der sich kein Taxiunternehmen rentiert.“

„Immerhin befindet sich die Zentrale einer der größten Kaufhausketten des Landes hier in der Stadt“, erwiderte Madeline und hielt sich fest, als Dan an den Straßenrand fuhr.

Er hielt hinter dem gelben Wagen und hupte kurz, damit der Fahrer sie auch bemerkte und nicht womöglich wegfuhr. Durch die Heckscheibe sah man, wie der Fahrer zusammenzuckte. Er hatte entweder in seiner Zeitung gelesen oder geschlafen.

„Wahrscheinlich hast du ihm einen Herzinfarkt verschafft“, stellte Madeline fest. „Hoffentlich gibt es noch ein zweites Taxi in der Stadt.“

„Hast du genug Bargeld bei dir?“

„Ja, ich denke schon.“ Sie öffnete die Tür und stieg aus. Dan folgte ihr.

Auch der Taxifahrer, der offenbar den Schrecken überlebt hatte, stemmte sich aus seinem Wagen und kam ihr entgegen. Dabei warf er einen Blick auf die Seitenwand des Vans. „Alles klar bei Ihnen? Wollen Sie von mir ein Interview?“

Madeline schenkte dem Mann ihr allerschönstes Lächeln.

„Verfolgen Sie für mich einen anderen Wagen?“

Der Fahrer stürzte sich förmlich auf die hintere Tür und riss sie auf. „Für Sie würde ich sogar den Präsidenten verfolgen, Miss Monroe. Sie sind doch Maddy Monroe, richtig?“

„Sehr richtig, Mr. …“ Sie ließ sich auf die Rücksitze des Wagens sinken, in dem es nach Thunfisch roch. Zum Glück mochte sie Fisch.

„Nennen Sie mich bitte Al.“ Der Fahrer hätte wahrscheinlich noch länger geplaudert, aber Dan schob ihn zu seinem Platz.

„Mach es gut, Madeline“, sagte Dan.

„Sei vorsichtig, Daniel“, erwiderte sie voll freundschaftlicher Zuneigung. „Und grüß Connie und Danny von mir.“

Er nickte und wollte die Tür schließen.

„Und sorg bitte dafür“, fügte sie eilig hinzu, „dass das Hotel mein Zimmer weiterhin für mich bereithält, wenn du ausziehst.“ Ab sofort musste sie jedoch mit ihrer eigenen Kreditkarte bezahlen und konnte nicht mehr auf Spesen leben.

Dan salutierte und schloss die Tür.

Al fuhr mit Vollgas an. „Wen verfolgen wir denn?“

Sie stellte den Aktenkoffer zwischen den Beinen auf den Boden. „Haben Sie vorhin den schwarzen Cadillac vorbeifahren sehen?“

„Den von Alex McCoy?“, fragte er und warf ihr einen Blick im Rückspiegel zu.

„Genau. Ich hatte ein Problem mit ihm, und jetzt möchte ich mich entschuldigen.“

Al nickte. „Dann verfolgen wir also den Caddy. Ich habe genau gesehen, wohin er gefahren ist. Wenn jemand verdient, dass sich eine hübsche Frau bei ihm entschuldigt, ist es Alexander McCoy. Der arbeitet vielleicht hart! Er legt keinen Wert auf Lob und Anerkennung, aber wir hier in der Stadt wissen Bescheid. Das können Sie mir glauben.“

Madeline glaubte es gern. Alex war in Dependable beliebt. Aber ahnte er auch, dass ihn die Leute bewunderten? Oder nahm er an, dass Joseph die gesamte Anerkennung zufiel?

Endlich lehnte Madeline sich entspannt zurück. Sie war hinter Alex her, um die Wahrheit über seine Herkunft unwiderruflich festzuhalten. Gefühle hatten dabei nichts zu suchen, sondern hätten sie nur behindert. Aber sie hatte nicht vergessen, wie sie in seinem Büro reagiert hatte. Im Moment setzte sie sich jedoch nicht mit ihren widerstreitenden Empfindungen auseinander.

Als Al nicht zur Autobahn abbog, beugte sie sich betroffen vor. „Er wollte zum Highway!“

„Sind Sie sicher?“, fragte der Fahrer.

„Ich bin ziemlich sicher, dass er die Stadt verlässt“, bestätigte sie.

„Dann fahre ich richtig“, behauptete Al. „Ich habe nämlich gesehen, dass er nicht die Auffahrt zur Autobahn genommen hat, sondern hier abgebogen ist.“

Als er nach links schwenkte, kniff Madeline die Augen zusammen. Sie hatte vergessen, die Sonnenbrille aufzusetzen. „Wohin führt diese Straße?“

„Zu einem privaten Flugfeld ungefähr fünf Kilometer von hier. Es wird hauptsächlich von einer privaten Chartergesellschaft benutzt, die Besucher zu den McCoys bringt. Dort gibt es auch eine Flugschule. Ach ja, und die McCoys benutzen das Flugfeld gelegentlich. Sie haben einen Jet“, fügte er bedeutungsvoll hinzu und drehte sich kurz um.

Madeline hielt den Atem an. Sie musste Alex abfangen, bevor er an Bord einer Maschine ging und wegflog. Er durfte sich nicht allein mit der Wahrheit über Marcus herumschlagen. Und sie durfte sich nicht die Gelegenheit für eine großartige Story entgehen lassen.

3. KAPITEL

Alex warf noch einen Blick in den Rückspiegel. Der Van folgte ihm nicht mehr. Also hatte er den Wagen abgehängt.

Es hatte ihn nicht überrascht, dass Maddy ihn beschattete. Für einen Rückzug war sie viel zu entschlossen gewesen. Irgendwie wäre er sogar enttäuscht gewesen, wenn sie es nicht versucht hätte. Allerdings konnte er sie jetzt wirklich nicht brauchen.

Langsam näherte er sich dem Flugplatz. Der Anblick des Vans von Entertainment This Evening hatte den Ausschlag für seine Entscheidung gegeben, einfach wegzufliegen.

Da der Firmenjet gerade mit einer schwerkranken Neunzehnjährigen nach Kalifornien unterwegs war, wo eine Herz-Lungen-Transplantation durchgeführt werden sollte, hatte Alex beschlossen, eine Maschine zu chartern.

Bisher hatte er das noch nicht getan. Joseph war es lieber, wenn auch leitende Mitarbeiter von McCoy Enterprises von Kansas City aus wie normale Menschen Linienflüge benutzten. Nur falls es sich nicht anders einrichten ließ, durften sie den Privatjet nehmen.

Wenn Alex seine unvermutet gewachsene Familie und die Firma vor einem Skandal bewahren wollte, musste er schleunigst spurlos verschwinden, bis er klar denken konnte. Vielleicht gelang es ihm, bald wieder zu sich selbst zu finden. Schließlich hatte er sich sein ganzes Leben lang vernünftig verhalten und immer die richtigen Entscheidungen getroffen.

Er stellte den Wagen in der Nähe des Gebäudes der Chartergesellschaft ab, blieb am Steuer sitzen und überlegte, wohin er fliegen sollte. Der einzige Ort, der ihn im Moment wirklich lockte, war seine Berghütte, die man jedoch nicht aus der Luft erreichen konnte. In der Hütte würde ihn jedenfalls niemand finden, weil er sie von einer Maklerfirma hatte kaufen lassen und geschickt verschleiert hatte, dass er der Eigentümer war.

Wenn er nicht überzeugt gewesen wäre, dass der Wagen von Entertainment This Evening irgendwo an der Autobahn auf ihn wartete, hätte er den Motor wieder gestartet und wäre zur Hütte gefahren. Dann hätte er aber Maddy und ihren Kameramann hinter sich hergeschleppt.

Es blieb ihm nichts anderes übrig, als auf dem Luftweg zu fliehen. Vielleicht sollte er sogar den Piloten das Ziel aussuchen lassen und den Mann dann für sein Schweigen bezahlen.

Alex griff nach der schwarzen Sporttasche, stieg aus, schloss ab und schaltete die Alarmanlage ein. Im nächsten Augenblick kreischten Reifen auf dem Asphalt des Parkplatzes. Ein gelbes Taxi hielt direkt hinter seinem Wagen. Die hintere Tür flog auf.

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