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Heißer Sex am ersten Tag

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Karen Kendall

Heißer Sex am ersten Tag

Sie ist intelligent, bildhübsch und nicht auf den Mund gefallen: Der Unternehmer Hal findet seine neue Imageberaterin Shannon einfach hinreißend. Nach jedem heißen Wortgefecht lieben sie sich leidenschaftlich. Doch Hal befürchtet, Shannon will nur eine Affäre …

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Karen Kendall

Heißer Sex am ersten Tag

Der Computer-Experte Hal Underwood ist von der bildhübschen Imageberaterin Shannon Shane total fasziniert. Schon am ersten Tag ihres Kennenlernens haben sie heißen Sex miteinander - Gefühle schließen beide aus. Doch Hal, der bisher wenig Erfolg bei schönen Frauen hatte, merkt plötzlich, er ist begehrt. Shannons Tipps sind einfach fantastisch. Aber die Einzige, die er wirklich beeindrucken will – und das nicht nur im Bett – scheint gegen seinen Charme immun zu sein. Ist Shannon wirklich nur an einer lustvollen Affäre interessiert?

1. KAPITEL

Shannon Shane rauschte in ihr Büro und stürzte sich gleich auf ihren Terminkalender. „Ein Glück! Es ist morgen und nicht heute.“ Sie ließ sich auf ihren gelben Ledersessel fallen und streckte die langen Beine aus.

Jane O’Toole, ihre Geschäftspartnerin, kam ins Büro und bemerkte trocken: „Soweit ich weiß, ist heute immer heute. Morgen ist es nie.“

Shannon drehte sich um und strich sich das blonde Haar aus dem Gesicht. „Wie witzig. Ich meinte meinen Termin mit Doris Rangel. Ich habe meinen Palm Pilot verlegt und konnte mich nicht genau erinnern. Sie ist diese neue Senatorin aus Norwich, der ich ein neues Styling und ein Medientraining verpassen soll.“

Jane ging hinaus in den Empfangsbereich, wo sich sogar ein Schreibtisch für eine Empfangssekretärin befand, obwohl sie sich noch gar keine leisten konnten. Dort zog sie Shannons vermissten Palm Pilot aus der obersten Schublade.

„Du solltest dir abgewöhnen, irgendetwas hier abzulegen, bevor du abends den Alarm aktivierst. Du schaffst es nie, die Sachen zu holen, ehe der Alarm angeht.“

„Du hast recht“, gestand Shannon reumütig. „Gib schon her. Ich werde ihn mir künftig ans Handgelenk binden.“ Sie nahm Jane den Organizer ab und legte ihn auf ihren Schreibtisch. „Haben wir Kaffee da?“

„Ja, Lilia hat welchen gemacht, und wenn du sie nett fragst, gibt sie dir vielleicht eine Tasse.“ Die bewundernswerte und geradezu beschämend perfekte Lilia London war die dritte Partnerin von Finesse, einer Beratungsfirma, die sich auf Stilund Typberatung sowie Vermittlung in Personalkonflikten spezialisiert hatte.

Jane war ein echter Kontrollfreak und meisterte ihre Aufgaben als Geschäftsführerin mit Bravour. Natürlich war die gelernte Psychologin auch eine erfolgreiche Personalberaterin. Lilia die Vollkommene beriet die Klienten in allem, was mit Etikette zu tun hatte, und Shannon war die Image-Fachfrau und Medienberaterin.

„He, ich bin immer nett“, erwiderte sie. „Ich bin schließlich der kleine Sonnenschein von uns dreien.“

„Na, auf jeden Fall hast du eine nicht zu übersehende Leuchtkraft“, stellte Jane fest und musterte Shannon, die heute eine pinkfarbene Lederhose, schwarze Cowboystiefel und eine kurze schwarze Lederjacke über einem Seidenmieder trug. „Süße, du lebst jetzt in Connecticut und nicht mehr am Rodeo Drive. Hier regnet es viel, ist siebzehn Prozent der Zeit grau, und die Leute in New England tragen keine rosa Hosen.“

„Ich bin aus New England, und ich ziehe sehr wohl rosa Hosen an“, verkündete Shannon im Brustton der Überzeugung. „Außerdem ist April, also Frühling, da ist Pink genau die richtige Farbe. Zieh du ruhig so viel Grau und Khaki an, wie du lustig bist, aber ich weigere mich, so langweilig rumzulaufen.“

Jane schaute sich resigniert im Empfangsbereich um, der sehr geschmackvoll und dezent eingerichtet war, und dann in Shannons Büro, dessen Wände in schreienden Farben gestrichen und mit Filmpostern verziert waren.

Shannon lachte nur. „Es geht ums Image, meine Liebe, und da kenne ich mich aus. Mein Image ist nun mal ein anderes als deines.“

„Gott sei Dank“, murmelte Jane. „Tja, wenigstens hast du den grünen Nagellack weggelassen.“

„Ja, ja, ich schätze, der war für die Durchschnittslangweiler hier doch ein bisschen zu viel des Guten.“

Lilia kam mit zwei Kaffeetassen aus der Küche und reichte Shannon eine. Mit ihren knappen Einssechzig musste sie aufblicken, um Shannon anzusehen. „Wächst du immer noch? Das ist unfair.“

„Danke“, sagte Shannon, „und wie oft soll ich dir noch sagen, dass es gar nicht so toll ist, über einsachtzig zu sein. Mit Absätzen überrage ich die meisten Männer.“

Lil hob eine dunkle Augenbraue. „Ich mag es, wenn man zu mir aufsieht. Es muss ein Supergefühl sein.“

Shannon schüttelte den Kopf und trank einen großen Schluck Kaffee. „Hör schon auf. Niemand blickt zu mir auf.“

„Aha“, machte Jane erstaunt. „Komisch, als ich letztes Wochenende mit dir um die Häuser zog, habe ich mindestens vier Männer bemerkt, die dich aus der Ferne anhimmelten, drei Typen, die schon fast sabberten, zwei Möchtegernaufreißer und einen, der sich mit dem schlechtesten Spruch aller Zeiten an dich ranmachen wollte.“

„Ach, du meinst den mit ‚Was macht eine Frau wie du in so einem Laden‘? Ja, ich weiß wieder. Ich dachte gar nicht, dass der Satz überhaupt noch im Umlauf ist. Furchtbar!“

Was niemand, nicht einmal ihre besten Freundinnen, zu verstehen schien, war, dass es kein bisschen Spaß machte, von allen Männern angehimmelt zu werden. Zu viel männliche Aufmerksamkeit war eher lästig und vor allem ärgerlich, weil die Männer sich nicht dafür interessierten, wer sie war, sondern wie sie aussah. Sie entsprach dem Ideal von der blonden Sirene. Andere Frauen verstanden nicht, warum ihr das zu schaffen machte, und hielten ihre Klagen für Koketterie. Schöne Frauen weckten nicht gerade Mitleid bei anderen. Hass schon, Neid auch, aber Mitgefühl? Nein, gewiss nicht.

Also wechselte sie das Thema. „Ich habe gestern Abend beim Treffen der Unifrauen an die zwanzig Visitenkarten von uns verteilt.“

„Sehr gut. Hoffen wir, dass wir wenigstens fünf Prozent Resonanz kriegen.“ Jane nahm das Telefon ab, das in diesem Moment läutete. „Finesse, Jane O’Toole am Apparat.“

Shannon und Lilia gingen in die Küche, um Jane in Ruhe telefonieren zu lassen. „Wie geht’s deiner Großmutter?“, fragte Shannon.

Lilia seufzte. „Sie hält sich wacker. Ein neues Kniegelenk zu bekommen, ist wahrlich kein Zuckerschlecken. Ich glaube, sie hat schreckliche Schmerzen. Aber sie lässt dir danken für den Präsentkorb mit Tee und Keksen, den du ihr gebracht hast. Darüber hat sie sich sehr gefreut.“

„Gern geschehen. Ich hoffe, sie isst und trinkt die Sachen auch und sieht sie nicht bloß an. Ich fahre Ende der Woche wieder zu ihr.“

„Schön. Noch weigert sie sich übrigens, die Rosen aus der Porzellankanne zu nehmen, obwohl sie fast verwelkt sind. Vielleicht schaffe ich es, sie heimlich zu entsorgen, während sie schläft, und dann werde ich sie überreden, sich von mir einen der Tees kochen zu lassen.“

Shannon lachte. „Und sag ihr, dass ich keine Dankeskarte erwarte, ja?“

Lil strich sich das glatte dunkle Haar hinter die Ohren. „Zu spät, die ist schon unterwegs. Und selbstverständlich ist es eine aus Büttenpapier, mit Federhalter beschrieben und wachsversiegelt. Ich schätze, du findest sie heute Abend in deinem Briefkasten.“

„Na, wenigstens wissen wir, woher du deine erstklassigen Manieren hast, Miss Vanderbilt.“

Lilia verzog das Gesicht gerade so weit, wie es ihre vorbildlichen Manieren zuließen.

„Ach, kennst du eigentlich Peggy Underwood, klein, aufgedreht und rothaarig?“

„Ja, ich glaube, ich habe sie schon mal getroffen.“ Lilia überlegte. „Genau, beim Tierarzt. Sie hat einen Cockerspaniel, und ich war mit Grandmas Pudel Pierre zum Impfen da. Wir kamen ins Gespräch und tauschten unsere Visitenkarten aus. Sie erwähnte etwas von einem Bruder, der Hilfe braucht.“

„Oh ja, und zwar eine Menge Hilfe, wenn ich sie richtig verstanden habe. Sie war gestern hier und meinte, ich sollte ihn anrufen, weil er nicht auf sie hören will.“

„Ist das nicht ein bisschen merkwürdig?“

„Klar. Ich meine, was soll ich ihm denn sagen? ‚Hallo, Mr. Underwood, wie ich höre, sehen Sie aus, als kämen Sie direkt von den Dreharbeiten zu Planet der Affen, deshalb sollten Sie sich von mir aufmotzen lassen.‘“

Lil verschluckte sich an ihrem Kaffee. „Sehr diplomatisch.“

„Ja, das ist meine Spezialität.“

„Ich fürchte, du weißt nicht mal, wie man diplomatisch buchstabiert“, sagte Lil und trank ihren Kaffee aus.

„Das muss ich gar nicht“, erwiderte Shannon. „Ich verdiene mein Geld damit, Leuten beizubringen, wie sie mit ihrem Auftreten etwas aussagen. Da hat Diplomatie oder falsche Höflichkeit nichts zu suchen.“

„Aber auch mit Höflichkeit kann man etwas aussagen“, widersprach Lil.

„Nein, Höflichkeit ist langweilig.“

„Höflichkeit spricht für Selbstvertrauen.“

„Farbe spricht für Selbstvertrauen, Höflichkeit ist was für Schüchterne.“

„Nein, sie ist was für elegante Menschen.“

„Also, Lil! Streitest du etwa mit mir? Wie unhöflich“, sagte Shannon lachend. „Na gut, lassen wir das. Verrat mir lieber, was du diesem Underwood sagen würdest.“

„Ich würde ihm erzählen, dass ich seine Schwester getroffen habe und sie vorschlug, dass er eine Typberatung bei dir macht. Das ist ehrlich, direkt und überhaupt kein bisschen peinlich.“

Shannon nickte. „Okay. Vorher warte ich aber trotzdem ein paar Tage ab. Vielleicht ruft er ja von sich aus an.“

Jane erschien in der offenen Tür und sah Shannon an, die sich gerade Kaffee nachschenkte. „Bitte nicht! Mit zu viel Koffein wirkst du Furcht einflößend.“

Shannon stemmte eine Hand in die Hüfte und lächelte verschmitzt. „Weißt du, was passiert, wenn man einen Psychologen und eine Nutte für eine Nacht zusammensperrt?“

„Nein, keine Psychologenwitze mehr!“ Jane hielt sich die Hände über die Ohren.

„Am nächsten Morgen sagen beide, ‚Das macht hundertzwanzig Dollar‘“, beendete Shannon den Witz und lachte. „Und kennst du den …“

Jane wandte sich energisch ab. „Ich muss arbeiten, und du darfst deine schrecklichen Witze für dich behalten.“

„Ach, komm schon. Nur noch einen. Warum ist Psychoanalyse für Männer so viel billiger als für Frauen?“

„Ich will es nicht hören!“

„Weil sie nicht zurückgehen müssen, um in ihrer Kindheit anzukommen.“

„Das ist kein Witz“, sagte Jane eingeschnappt.

„Ha, siehst du? Ich kann sogar weise sein. Du solltest mir öfter zuhören.“

„Lilia, wir müssen auf koffeinfreien Kaffee umsteigen. Sie ist schon wieder außer Kontrolle.“

Lilia sah Shannon prüfend an. „Man könnte fast meinen, sie ist auf einer Zuckerüberdosis.“

Shannon bedachte die beiden mit einem geheimnisvollen Lächeln.

„Doughnuts!“, riefen die Freundinnen im Chor.

Sie hielt ihre Autoschlüssel hoch. „Krispy Cremes. Ich habe sie im Auto gelassen, um ein bisschen fies zu sein.“

„Lass mich in Ruhe, Peggy!“, sagte Hal Underwood zu seiner Schwester. Er strich sich das Haar nach hinten und rückte seine Brille zurecht. „Meine Firma geht in einem Monat an die Börse, und ich habe noch ein oder zwei Sachen zu erledigen, bevor es so weit ist.“ Von der Detektivarbeit ganz zu schweigen

Peggy Underwood, einsachtundfünfzig groß, rothaarig und stupsnasig, ließ sich nicht beirren. Normalerweise war seine Schwester ein echter Schatz, doch heute raubte sie ihm den letzten Nerv.

„Ich werde dich nicht in Ruhe lassen. Du bist ein Eigenbrötler, solange ich denken kann, und es wird höchste Zeit, dass sich daran etwas ändert. Ein fünfunddreißigjähriger Mann, dessen einzige Beziehung die zu seinem Computer ist, gilt in dieser Welt als krank.“

Hal hörte ihr nur mit einem halben Ohr zu, während er zugleich mehrere andere Dinge tat. Peggys Kritik prallte vollkommen an ihm ab.

„Hal! Hörst du mir überhaupt zu?“

„Ja, ich höre dir zu. Ich habe keine romantische Beziehung zu meinem Computer.“

Peg kniff die Augen zusammen. „Isst du dein Abendbrot, während du vor ihm sitzt?“

Hal zuckte mit den Schultern und nickte.

„Dein Frühstück?“

Er seufzte.

„Du nimmst ihn auch mit ins Bett, stimmt’s?“

Diese Schlacht verliere ich.

„Du führst eine Beziehung mit deinem Computer.“

„Herrgott noch mal, Peggy, hat Mom dich auf mich gehetzt?“ Hal rieb sich den verspannten Nacken. Wer in meiner Firma gibt vertrauliche Informationen nach draußen?

„Nein, obwohl sie gestern am Telefon so was in die Richtung sagte ‚Oh weh – ich bin ein Klischee‘, was für sie als Dichterin natürlich eine Katastrophe ist. Wie dem auch sei, sie wünscht sich Enkelkinder.“

„Dann schenk du ihr welche.“ Hal sah auf seinen Computerbildschirm. Hatte sich jemand illegal ins System eingeloggt?

„Oh nein. Ich habe dir doch schon gesagt, dass es mir nicht bestimmt ist, mich fortzupflanzen.“

„Hast du das auch Mom gesagt?“ Wir haben die Firewalls verstärkt und alle Server gesichert. Im E-Mail-System kann nichts sein, das überwachen wir rund um die Uhr.

Peggy nickte.

Hal verdrehte die Augen. „Das ist lächerlich. Und was soll dieses ‚Oh weh‘? Sie ist doch sonst keine Heulsuse.“

„Wegen des Reims. Aber egal. Hast du eigentlich in letzter Zeit zufällig in den Spiegel gesehen? Du siehst aus wie ein Serienmörder. Wann hast du dir das letzte Mal die Haare schneiden lassen? Und dieses Hemd! Hast du es aus einem Müllsack?“

„Frisch aus dem Trockner“, murmelte er geistesabwesend, während seine Finger über die Tastatur hüpften.

„Ich werde gleich die Stecker rausziehen, wenn du mir nicht endlich zuhörst. Ich zähle bis drei.“

„Ich warne dich. Erinnerst du dich, wie ich dich ins Klappsofa gesperrt habe? Ich verspreche dir, das war nichts im Vergleich zu dem, was ich mit dir mache, falls du auch nur ein Kabel rausziehst.“

„Schön. Du hörst mir zu“, sagte Peggy zufrieden.

„Was?“

„Mom und ich haben genau das Richtige für dich gefunden. Und Ryan ist übrigens einverstanden.“

Ryan Cabela war Hals Anwalt und guter Freund. Außerdem saß er im Vorstand von Hals Softwarefirma. „Ryan? Was hat Ryan mit Mom und dir zu schaffen?“ Könnte Ryan die undichte Stelle sein? Hal verdrängte den Gedanken gleich wieder. Nein, er ist dein bester Freund.

„Wir sind uns alle einig, dass du dein Image aufpolieren musst, Hal. Wenn dein Unternehmen an die Börse geht, kannst du nicht wie der letzte Freak auftreten.“

Hal sah sie an. „Was ist denn mit meinem Aussehen? Ja, okay, ich lass mir die Haare schneiden. Ein Stück die Straße runter ist ein Friseur.“

„Hal, mein Süßer, ich möchte dir ja nicht zu nahe treten, aber mit einem Haarschnitt ist es nicht getan. Du brauchst ein vollkommen neues Image und ein Medientraining, und für so was gibt es Berater.“

Berater? Nein danke, Peg!“ Hal sprang auf, kam um seinen Schreibtisch herum nach vorn und baute sich mit vor der Brust verschränkten Armen vor seiner kleinen Schwester auf. „Ich komme bestens allein klar. Ich werde mir die Haare schneiden lassen und mich rasieren.“

Peg schüttelte den Kopf. „Hal, du siehst aus wie ein Waldschrat.“

„Das ist nicht wahr!“

„Na gut, es ist ein bisschen übertrieben, aber Übertreibung macht anschaulich.“

„Möchtest du mich vielleicht nach Läusen absuchen?“

„Iiih!“ Peggy verzog das Gesicht. „Jetzt krieg dich wieder ein. Ich will dich doch lediglich davor beschützen, dich vor den Medien zu blamieren. Du musst die Presse bezirzen, wenn du Aktionäre gewinnen willst. Und es wäre auch nicht schlecht, wenn du bei der Gelegenheit gleich eine repräsentative Frau bezirzst. Dafür musst du als Erstes aufhören, deinen Computer ‚Schätzchen‘ zu nennen. So was tun normale Menschen nicht.“

„Das ist ein Scherz“, erklärte Hal, dessen Geduld allmählich erschöpft war.

„Das ist wunderlich.“

Hal seufzte erneut. „Meinetwegen, aber ich verstehe nicht, warum du dir solche Sorgen um die Presse machst.“

Ryan, sein Anwalt, der das Büro nebenan hatte, steckte den Kopf durch die Tür. „Es gibt durchaus Anlass zur Sorge, Hal. Tut mir leid, aber wenn du Peg schon nicht glaubst, dann glaub wenigstens mir.“

Hal sah Ryan wütend an. „Ich wusste gar nicht, dass du neuerdings Stilberater bist.“

„Wie ich aussehe, ist vollkommen schnurz“, konterte Ryan. „Wie du aussiehst aber nicht. Du bist der Manager von Underwood Technologies, und wenn du wie ein Höhlenmensch auftrittst, werden die Leute denken, dass es der Firma nicht besonders gut geht. Wir aber wollen, dass sie unsere Aktien kaufen, statt sich Gedanken über deinen Geisteszustand zu machen.“

Hal hob die Hände in die Höhe. „Sie kaufen Anteile an meiner Firma, nicht an mir! Und mein Geisteszustand ist vollkommen in Ordnung.“

„Du bist aber auch das Gesicht des Unternehmens, Hal. Das Gesicht, die Stimme und die Zukunft. Zeit für ein neues Image, mein Junge.“

Zeit für ein neues Image, mein Junge. Die Worte gingen ihm durch den Kopf, als Hal auf die Visitenkarte in seiner Hand blickte. Er hatte Peggy und Ryan nur mit dem Versprechen abwimmeln können, dort anzurufen. Was für ein Blödsinn! Er hatte seine eigene Firma gegründet, weil er sich gerade nicht mit so albernen Dingen wie den „richtigen Büroklamotten“ herumschlagen wollte. Und er wollte ganz bestimmt kein lebensgroßer Ken in Nadelstreifen werden.

„Finesse“ stand auf der Karte. Shannon Shane, Imageberaterin und Medientrainerin. Wahrscheinlich würde sie versuchen, ihm eine Khakihose und ein marineblaues Sakko aufzuschwatzen, die Einheitskleidung von Connecticut. Und sicher wollte sie auch, dass er sich die Haare blondieren und die Zähne überkronen ließ. Und ganz gewiss verlangte sie von ihm, Slipper zu tragen, aber das konnte sie vergessen.

Keine Slipper, auf gar keinen Fall. Er sah wieder auf die Karte, nahm das Telefon und tippte die Nummer ein.

„Finesse, Shannon Shane am Apparat.“

Shannon. Die einzige Frau mit diesem Namen, die er je gekannt hatte, war umwerfend schön und total vermurkst gewesen. Shannons waren wir Heathers und Tiffanys.

„Hallo?“

Hal räusperte sich. „Äh, hi. Ich bin, ähm, ich würde gern einen Termin mit Ihnen machen.“

„Freut mich. Verraten Sie mir Ihren Namen?“

Gott, hatte diese Shannon eine sexy Stimme! Tief und ein bisschen rau. „Ja, klar, mein Name, natürlich. Ich bin Hal, Hal Underwood.“

„Sehr schön, Hal. Darf ich fragen, wer mich Ihnen empfohlen hat?“

„Meine …“, er räusperte sich wieder, „… meine Schwester.“ Gab es eine peinlichere Antwort? „Und meine Mutter.“ Das wurde ja immer schlimmer. „Ach ja, und mein Anwalt.“ Na klasse!

„Das klingt ja, als hätten sich alle gegen Sie verschworen“, sagte sie.

„Ja, scheint so.“

„Und Ihnen gefällt das nicht, richtig?“

„Nein, nicht besonders.“

„Und was genau ist denn nun nach Meinung der anderen das Problem?“

Er dachte an Pegs Bemerkungen. „Ich gehe in einem Monat mit meiner Softwarefirma an die Börse“, antwortete er. „Und offensichtlich habe ich gewisse Ähnlichkeiten mit einem Waldschrat.“

Hal hörte sie deutlich lachen, auch wenn sie sich bemühte, es mit einem Hüsteln zu überspielen. „Ah, verstehe. Das klingt nach einem dringenden Fall. Warum machen wir unseren ersten Termin nicht gleich morgen Nachmittag?“

„Sie arbeiten samstags?“

„Ja, tun wir. Unsere Klienten haben oft unter der Woche keine Zeit.“

„Sehr gut. Fantastisch. Ich freue mich auf morgen“, sagte Hal und biss dabei die Zähne zusammen.

„Falls es Ihnen ein Trost ist, auch ein Waldschrat hat seinen Charme. Man muss ihn nur etwas zurechtstutzen.“

Hal starrte ungläubig auf den Hörer, ehe er wieder auflegte. Was hatte er sich da nur eingebrockt?

Heute war ein ganz gewöhnlicher Samstag, und doch erkannte Shannon sich nicht wieder. Wer ist diese Frau, die sich in der Glastür des Büros spiegelt? Eine unidentifizierte Blondine, sprich: ich. Ich bin dieselbe wie gestern und doch

Adoptiert. Sie war adoptiert.

Und sie kam sich wie ein Alien vor, als sie da vor dem Eingang von Finesse stand. Schwarze Lederhose, schwarze Stiefel mit Metallabsatz und eine enge, orange Lederjacke. Ihr normalerweise scharfer und klarer Verstand war wie benebelt.

Sie fühlte sich leer, unwirklich, als könnte sie sich jederzeit einfach in Luft auflösen. Allein der Griff nach der Türklinke kostete sie ungeheure Kraft.

Jane blickte von ihrem Schreibtisch auf in den Empfangsbereich. „Shan? Ist alles in Ordnung?“

„Wie? Oh. Ja.“

Lilia kam mit ihrem Terminkalender in der einen und ihrem Handy in der anderen Hand aus ihrem Büro. „Du siehst müde aus. Hast du nicht geschlafen?“

„Nicht viel“, gestand Shannon.

„Lange aus gewesen?“

Shannon schüttelte den Kopf und ging an ihnen vorbei in die Küche, um sich einen Kaffee zu holen. Reiß dich zusammen!

Sie hatte heute drei Termine, und da konnte sie unmöglich wie ferngesteuert sein. Andererseits war ihr, als würde sie nie wieder festen Boden unter den Füßen spüren.

Sei nicht melodramatisch, Shannon. Du sprichst schließlich nicht für eine Soap vor.

Es war ein Jammer, dass sie nicht mehr für Soaps vorsprach. Bei diesen Vorsprechen hatte sie wenigstens ein Skript, an das sie sich halten konnte, und den entsprechenden Adrenalinstoß.

Heute gab’s weder das eine noch das andere. Kein Skript, keine Hoffnung auf den Durchbruch, kein Zittern vor dem Regisseur. Nein, das hier war ihr Leben, und nach dem, was ihre Mutter ihr gestern eröffnet hatte, brach es gerade auseinander.

Lil folgte ihr in die Küche, und Shannon spürte ihre besorgten Blicke, obwohl sie ihr den Rücken zuwandte.

Dann legte Lil ihr die Hand auf den Rücken. Das war zu viel, vor allem für die Mascara. Shannon kullerten die Tränen über die Wangen, von wo aus sie wohl im Kaffeebecher gelandet wären, hätte Lil ihr kein Papiertuch gegeben.

„Was ist los?“

Shannon blinzelte und wischte sich die Nase. „Ich war gestern zum Essen bei meiner Mutter.“

Lil nickte.

„Das Übliche eben. Poliertes Silber und gestärkte Servietten. Wir hatten Hummer, Salat und einen dieser teuren französischen Weine.“ Sie schniefte. „Und natürlich sagte sie mir, dass mein Rock zu kurz ist und ich entschieden zu ordinär herumlaufe.“

„Ich glaube, sie will dich damit nur vor den Vorurteilen der anderen Leute beschützen. Du kennst doch Greenwich. Die Stadt ist nicht gerade berühmt für ihre toleranten Bürger.“

„Ja, ich weiß.“ Shannon schniefte wieder. „Deshalb bin ich ja nach dem College weg nach L.A. Ich konnte Greenwich nicht mehr aushalten.“ Sie schüttelte sich angewidert.

„Also, ihr habt gegessen, und was dann?“, fragte Lil nach.

„Na ja, ich ahnte die ganze Zeit, dass irgendwas nicht stimmte. Ich musste sie neulich nach einer bestimmten Erbanlage in der Familie fragen, was Medizinisches, und sie wollte mir nichts sagen. Stattdessen lud sie mich für gestern ein. Also sitzen wir da über diesem scheußlichen Salat, der wie Gras schmeckte, und auf einmal lässt sie die Bombe platzen. Ich bin adoptiert.“

Was?“

Shannon nickte, dann schüttelte sie den Kopf und nickte wieder. „Ja, nach all den Jahren kommt sie damit heraus. Sie meinte, ich sollte es endlich wissen. Ich glaube das alles noch gar nicht. Die ganzen Jahre dachte ich, ich weiß, wer ich bin, und dann stellt sich heraus, dass ich keinen Schimmer hatte.“

Lil sah sie eine Weile schweigend an, ehe sie sich auf einen der Küchenhocker setzte und ihr dunkles Haar nach hinten strich. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“

„Darüber schreibt Amy Vanderbilt wohl nichts, oder?“ Shannon lächelte unglücklich.

„Nein, nicht direkt.“ Lil sprang wieder auf und nahm ihre Freundin in den Arm. „Ich habe dich seit Jahren nicht mehr weinen sehen.“

„Vertrau mir, ich habe in L.A. auf Jahre im Voraus geheult, weil ich als Schauspielerin so jämmerlich versagte.“ Shannon trat einen Schritt zurück. Auch wenn sie dankbar für die Umarmung war, fühlte sie sich nie besonders wohl, wenn ihr jemand zu viel Mitgefühl zeigte.

Sie setzten sich beide auf die Küchenhocker an dem schmalen Tresen. Shannon umfasste ihren Kaffeebecher mit beiden Händen und starrte hinein.

„Weiß deine Mutter irgendetwas über deine biologischen Eltern? Und wieso erzählt sie es dir erst jetzt, mit neunundzwanzig?“

Shannon zuckte mit den Schultern. „Meine Adoptivmutter ist mir immer schon ein Rätsel. Ich meine, ich liebe sie natürlich, aber wir sind so verschieden. Ich bin bestimmt nicht die Tochter, die sie sich gewünscht hätte.“ Sie nippte an ihrem Kaffee. „Wie es aussieht, wollte mein Vater nicht, dass ich von der Adoption erfahre. Für ihn macht es keinen Unterschied, dass ich nicht sein leibliches Kind bin, und er dachte, ich könnte die Wahrheit nicht verkraften.“

Sie putzte sich die Nase. „Was ja auch schwer ist … Ich fühle mich, als hätten sie mich all die Jahre angelogen. Ganz abgesehen davon, dass der Gedanke nicht eben erheiternd ist, von der eigenen Mutter wie ein Welpe oder so was weggegeben zu werden.“

„Shan, das kannst du nicht vergleichen. Deine leibliche Mutter wird wahrscheinlich in einer Notlage gewesen sein und hat dich aus Liebe zur Adoption freigegeben. Vielleicht wollte sie ein besseres Leben für dich, als sie dir bieten konnte.“

„Woher willst du das wissen, Lil? Es könnte ebenso gut sein, dass sie sich einfach nicht mit einem Baby belasten wollte.“

„Tja, Genaues kann wohl nur sie selbst dazu sagen. Aber trotzdem solltest du nicht automatisch negativ über sie denken. Wer weiß denn, ob sie nicht die selbstloseste, schwierigste Entscheidung ihres Lebens getroffen hat.“

Shannon schob ihren Kaffee beiseite.

„Wie viel weiß deine Mutter denn?“, fragte Lil. „Konnte sie dir überhaupt irgendwas erzählen?“

Shannon drehte ihr langes Haar zu einem Knoten auf, den sie mit einem Bleistift feststeckte.

„Sie weiß so gut wie nichts über meine biologischen Eltern, nur dass meine Mutter sehr jung war. Sie ging noch zur Schule, als ich geboren wurde, und mein Vater war angeblich ein Collegestudent und Baseballspieler.“

„Möchtest du mehr herausfinden?“

Shannon spielte mit dem zerknüllten Papiertuch. „Ich weiß nicht. Teils ja, teils nein. Immerhin sind meine Eltern die Leute, die mich großgezogen haben. Sie haben mich gefüttert, mir die Windeln gewechselt und dafür gesorgt, dass ich die Finger nicht in die Steckdosen stecke. Sie haben mir Lesen und Radfahren beigebracht und mich aufs College geschickt.“

Lilia nickte.

„Auch wenn ich mich nicht zu Rebeccas Traumtochter entwickelt habe, ist sie dennoch meine Mom. Und von ihr und Dad habe ich meine Grundwerte, nicht von zwei Fremden, die mich zufällig auf einer Collegeparty gezeugt haben.“

„Nichtsdestotrotz wirst du mehr wissen wollen.“

„Nein. Doch. Ach, ich bin völlig durcheinander.“ Shannon sah auf ihre Uhr. „Und ich muss mich zusammenreißen und meinen drei Klienten heute vorgaukeln, ich wäre die selbstbewusste Frau, die die Lösung für ihre Probleme kennt.“

„Tja, falls es dich tröstet: Du siehst großartig aus. Du bist der einzige Mensch auf diesem Planeten, der selbst in solch einem Aufzug professionell wirkt.“

„Ich weiß“, sagte Shannon grinsend. „Es ist alles eine Frage der Einstellung.“

„Mit ein bisschen Abdeckstift und deiner Leopardenbrille wird keiner merken, dass du gerade geheult hast.“

„He, he. Wir alle wissen, dass ich viel zu cool bin zum Heulen. Ich war lediglich ein bisschen emotionell.“

2. KAPITEL

Irgendwie schaffte es Shannon, ihre beiden Vormittagstermine zur Zufriedenheit aller zu erledigen. Die erste Klientin war Mrs. Drake, eine geschiedene Frau von zweiundvierzig Jahren, die gerade einen Einser-Abschluss in Rechtswissenschaften gemacht hatte. Sie brauchte bloß ein paar grundsätzliche Ratschläge über Haltung und Auftreten – „Schultern zurück! Bauch einziehen! Kinn hoch! Strahlen Sie Selbstvertrauen aus!“ – und Hilfe bei der Garderobe. Außerdem musste ihr nach zwanzig Jahren, in denen ihr Exmann sie immer wieder kleingemacht hatte, von jemandem hören, dass sie eine kluge, talentierte Frau war, die eine große Zukunft vor sich hatte.

Shannon liebte es, Frauen wie Mrs. Drake zu helfen. Sie empfand eine große Befriedigung, wenn ihre Klientinnen nach wenigen Sitzungen gestärkt in die Welt hinauszogen.

Ihre zweite Klientin war ein junges Mädchen. Die Kleine schien furchtbar verlegen, und Shannon schloss sie auf Anhieb ins Herz. Die scheue Janna ließ sie für eine Weile ihre eigenen Probleme vergessen. Janna war zu Finesse gekommen, weil sie in einen „coolen“ Jungen verliebt war, der sie nie im Leben bemerken würde, wenn Shannon ihr nicht half. Die Beratung wollte sie von dem Geld bezahlen, das sie mit Babysitting verdiente. Offensichtlich hatte Jannas Mutter keine Ahnung, wo ihre Tochter war.

Shannon zögerte einen Moment, wischte ihre Bedenken dann jedoch beiseite. Schließlich hatte sie nicht vor, Janna in einen frühreifen Vamp zu verwandeln. Aber ihr Babysitting-Geld nehmen? Nein, das konnte sie nicht.

„Warte kurz auf mich“, sagte sie zu dem Mädchen. „Ich muss nur ein paar Papiere holen.“ Sie lächelte Janna zu, ehe sie aus ihrem Büro eilte und schnurstracks zu Jane ging.

„Ich kann diesem Mädchen keine Rechnung ausstellen“, sagte sie. „Das wäre geradezu kriminell. Sie ist erst fünfzehn. Kann sie nicht irgendwelche kleinen Aufgaben im Büro erledigen?“

„Hmm.“ Jane überlegte kurz, dann strahlte sie. „Post! Sie kann uns mit den Werbebriefen helfen. Wie wäre das?“

„Super.“ Shannon machte auf dem Absatz kehrt, schnappte sich eines der Formulare von Janes Kommode und ging zurück in ihr Büro.

„Da wären wir schon“, sagte sie und reichte Janna das Papier. „Füll das aus, und dann können wir direkt anfangen. Die gute Nachricht ist, dass wir ein Spezialprogramm für Jugendliche anbieten. Und wir suchen nach jemandem, der uns ein paar Stunden die Woche aushilft. Wärst du interessiert? Wir können dich zwar nicht offiziell einstellen, weil du zu jung bist, aber du kannst so einen Teil des Honorars abarbeiten.“

Janna sah aus, als wollte sie Shannon um den Hals fallen. Die ging im Geiste ihren Kleiderschrank durch, ob etwas davon dem Mädchen passen könnte. Wenn es um Kleidung, Frisur und Make-up ging, kam man mit einem Babysitterlohn nicht allzu weit.

Als Janna ging, war es bereits Mittag, was Shannon überraschte. Sie war kein bisschen hungrig, und kaum dass sie wieder ins Nachdenken kam, holte ihre Identitätskrise sie erneut ein. Wer mochte ihre wirkliche Mutter gewesen sein? Wo war sie jetzt? Wie sah sie aus? Unter welchen Umständen hatte sie ein Kind bekommen und dann weggegeben?

Ihr gingen so viele Fragen durch den Kopf, dass sie von einer unerträglichen inneren Unruhe erfüllt wurde. Sie musste nach draußen, und zwar vor ihrem Termin mit Hal Underwood. Und sie war ohnehin unsicher, ob sie dieser Begegnung heute gewachsen war. Der Mann hat ganz allein seine eigene Softwarefirma aufgezogen, und zwar so erfolgreich, dass er sie an die Börse bringen konnte.

Das war beeindruckend. Sehr viel beeindruckender als eine Frau, die als Schauspielerin gescheitert war und nun versuchte, sich ihre Brötchen zu verdienen, indem sie anderen Leuten eine neue Garderobe aufschwatzte.

Hal Underwood flößte ihr schon Minderwertigkeitskomplexe ein, ehe sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte.

Shannon nahm ihre Autoschlüssel vom Schreibtisch und griff sich ihre Handtasche. „Ich muss ein paar Besorgungen machen“, rief sie Lilia und Jane zu. „Ich bin um eins zurück.“

Sie eilte nach draußen in den grauen, kühlen Connecticut-Frühling. He, Petrus, weißt du denn nicht, dass wir April haben? Könntest du nicht ein bisschen besseres Wetter machen?

Shannon stieg in ihr weißes BMW-Cabrio und klappte das Verdeck herunter. Das Auto, ein Geschenk ihrer Eltern, schien auf einmal falsch. Plötzlich hasste sie es, hasste die braunen Ledersitze und das protzige Logo in der Lenkradmitte, und sie hasste es, wie sie in diesem Wagen wirken musste. Wie eine privilegierte, sorglose Luxusblondine. Was, wenn ihre richtige Mutter eine Kellnerin war? Lehrerin? Postangestellte? Was, wenn dieses Auto für sie ein ganzes Jahresgehalt bedeutete? Angesichts solcher Fragen beschämte es Shannon, einen solchen Wagen zu fahren.

Mit quietschenden Reifen fuhr sie vom Parkplatz. Der kalte Aprilwind wehte ihr durchs Haar.

Binnen weniger Momente verfinsterte sich der Himmel über ihr. Wie passend. Doch statt das Verdeck hochzuklappen, ließ Shannon sich vom Regen eine kalte Dusche verpassen. Ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, was andere von ihr halten könnten, rauschte sie im offenen Cabrio durch den Regen.

Was für eine Ironie des Schicksals, dass ich Imageberaterin bin. Ich bin selbst nichts anderes als ein Image. Alles an meinem bisherigen Leben war eine Lüge.

Hal biss die Zähne zusammen. Das Informationsleck in seiner Firma wollte ihm nicht aus dem Kopf. Stundenlang hatte er alles überprüft, um am Ende zu dem Schluss zu kommen, dass sich niemand von außen heimlich ins System eingeloggt hatte.

Um fünf Minuten vor eins bog er auf den Parkplatz von Finesse ein. Er freute sich nicht gerade auf seinen Termin bei Shannon Shane, aber er würde trotzdem niemals zu spät zu einer Verabredung kommen. Dennoch hatte er wahrlich Wichtigeres zu tun, als sich eine Typberatung geben zu lassen, die er überhaupt nicht wollte.

Er warf noch einen Blick in den Rückspiegel, um sich nochmals zu vergewissern, dass er keinerlei Ähnlichkeit mit einem Waldschrat hatte. Na gut, der Bart sieht grausig aus. Das Haar ist auch nicht mehr so toll. Aber ich sehe NICHT aus wie ein wahnsinniger Waldschrat!

Hal stieg aus seinem Explorer und ging durch den Regen zum Eingang von Finesse. Allein der Name! Anmaßend und lächerlich. Diese Shannon besaß zwar einen gewissen Sinn für Humor, wie er bei dem Telefonat festgestellt hatte, aber sie war sicher eine von diesen Damen, die immerzu auf hohen Absätzen herumstöckelten, ihre Frisuren mit Haarspray in Helme verwandelten und jedem ein gekünsteltes Lächeln schenkten.

Drinnen stand eine Frau in einem beigefarbenen Kostüm, die unsicher einen Schritt zurücktrat, als er hineinkam. Sah er doch so schrecklich aus?

„Sind Sie Shannon Shane?“, fragte Hal.

„Nein, tut mir leid, sie ist noch zum Essen. Ich bin Lilia London, eine von Shannons Partnerinnen. Möchten Sie sich setzen?“ Sie zeigte auf ein winziges Sofa im Empfangsbereich.

Hal nickte stumm und setzte sich auf das schreckliche Möbel, dessen Bezug ein wildes Muster aus pinkfarbenen Bauernrosen war.

„Kann ich Ihnen einen Kaffee bringen?“, fragte Miss London.

Er schüttelte den Kopf und blickte hinaus zum Parkplatz.

„Gern geschehen“, hörte er Miss London leise vor sich hin murmeln.

Er drehte sich zu ihr um. „Oh, danke, nein. Ich hatte heute schon zu viel Koffein.“

Sie lächelte ihn sehr höflich an. „Dann nicht.“

Hal nickte ihr zu und sah wieder aus dem Fenster. Bei dem Dauerregen kam man gar nicht darauf, dass Frühling war. Im nächsten Moment bot sich ihm ein recht eigenwilliges Bild.

Ein weißes BMW-Cabrio fuhr – mit offenem Verdeck – auf den Parkplatz und hielt direkt neben seinem Explorer. Die Fahrerin, eine Blondine mit einer wilden, blonden Lockenmähne, war sichtlich durchnässt, hatte es aber dennoch nicht eilig, aus dem Wagen zu kommen. Sie saß da und trommelte mit den Fingern auf das Lenkrad.

Verrückt. Die Frau war vollkommen verrückt. Nun zog sie den Zündschlüssel ab, öffnete die Fahrertür und streckte ein paar in schwarzes Leder gehüllte Beine heraus, die ihr ungefähr bis zu den Achseln reichen mussten. Sie stellte sich hin, schlug die Autotür zu, beugte sich vornüber und schüttelte den Kopf wie ein nasser Hund. Dann kam sie auf die Eingangstür zu, ohne das Wagenverdeck zu schließen.

Hal war perplex – und fasziniert.

Die Frau blieb vor der Tür unter der kleinen grünen Markise stehen, zog einen Bleistift aus der Brusttasche ihrer orange Lederjacke und beugte sich erneut vor, um das Wasser aus ihrem Haar zu schütteln. Dann drehte sie es zu einer Rolle auf, die sie mit dem Bleistift feststeckte.

Wie gebannt beobachtete Hal sie. Dann öffnete sie die Tür.

Hal stand auf und sprach sie direkt an. „Sie haben Ihr Verdeck offen gelassen.“

„Hi“, sagte sie und schenkte ihm ein bezauberndes Lächeln. „Sie müssen der Waldschrat sein.“

„Der Wa…? Ach so, ja.“ Hal zeigte nach draußen. „Ihr Wagen.“

„Ich weiß, danke. Ist schon in Ordnung.“

Nein, ist es nicht, du Wahnsinnige!

„Trotzdem danke“, sagte sie. Hal fiel auf, dass ihre weiße Bluse unter der Jacke klatschnass und entsprechend durchsichtig war.

„Ihre Polster und das ganze Wageninnere werden nass“, gab er zu bedenken.

Sie zuckte mit den Schultern. „Und wenn schon.“

Die Frau war eine Bilderbuchamazone. Grüne Katzenaugen, eine fein geschnittene kleine Nase und Lippen, bei denen jedem Mann die Tränen kamen. Ihre Brüste waren schlicht atemberaubend. „Möchten Sie, dass ich rausgehe und das Verdeck für Sie schließe?“

„Nein, danke. Es ist schon gut, wirklich.“ Sie musterte ihn von oben bis unten, nicht abschätzig, sondern einfach interessiert. „Ich bin übrigens Shannon.“

Er biss sich auf die Lippen. Keine dreißig Sekunden, und er dachte über ihre Brüste nach! Peg hatte recht: Er war schon viel zu lange nur auf seinen Computer fixiert. Andererseits war Shannon Shane ja auch absolut umwerfend.

Hal fühlte sich in die Schulzeit zurückversetzt, als er eine Cheerleaderin angebetet hatte, ohne sich die geringsten Hoffnungen zu machen.

In diesem Moment wurde er wieder zu dem schlaksigen Teenager mit den dicken Brillengläsern. Er war das Opfer der grausamen Schulschönheit gewesen, an die er doch nie mehr denken wollte. Carlie Miller. Shannon Shane erinnerte ihn an sie.

Er streckte seine Hand aus. „Hal Underwood alias der Waldschrat“, sagte er. „Ich melde mich gehorsamst zur Stilberatung. Wollen wir anfangen?“

Sie legte den Kopf ein wenig schief und sah ihn an. „Klar, sobald ich mir ein Handtuch geholt habe.“ Sie zeigte ihm ihr Büro und bot ihm den Besucherstuhl an. „Bin gleich wieder da.“

Hal versuchte, ihr nicht hinterherzustarren, aber ihr fantastischer Po in der engen schwarzen Lederhose war praktisch eine Aufforderung zu wildem, zügellosem Sex. Auf jeden Fall entsprach Shannon Shane ganz und gar nicht dem Bild, das er sich von ihr gemacht hatte. Aber welche Frau zog sich denn auch so an, wenn sie ins Büro ging?

Er blickte sich um. Alles hier sah total nach Los Angeles oder Miami aus, nicht aber nach dem Örtchen Farmington in Connecticut. Die Wände waren in Hellgrün gestrichen, und überall hingen Schwarz-Weiß-Porträts berühmter Schauspieler oder gerahmte und signierte Plattencover.

Der Schreibtisch bestand aus einer dicken Glasplatte auf vier großen, mundgeblasenen Murano-Glasvasen. Wo hatte sie nur vier genau gleich große und doch unterschiedliche Vasen gefunden? Er fragte sich, ob diese Konstruktion überhaupt stabil war.

Dann wanderte sein Blick zu dem Ledersessel, und in seinem Geist tauchten Bilder auf, die momentan alles andere als angebracht waren.

Er stellte sich vor, wie er in diesem Sessel saß und Shannon Shane rittlings auf seinem Schoß, mit nichts als ihrer orangefarbenen Lederjacke bekleidet.

Ausgerechnet in diesem Augenblick kam Shannon ins Zimmer, die Jacke bis oben geschlossen. Gott sei Dank. Hal war schon erregt genug, ohne ihr auf die Brüste zu starren.

„Also“, sagte sie. „Ich möchte mich dafür entschuldigen, dass ich zu spät und durchnässt bin. Mich hat der Regen auf dem Highway überrascht.“

„Macht nichts“, antwortete er und erwähnte nicht, dass es in ihrem Wagen einen Knopf gab, den sie nur zu drücken brauchte, um auch während der Fahrt das Verdeck hochzuklappen.

Hal saß schweigend da, weil ihm nichts einfiel, das er sagen könnte, außer „Nimm mich jetzt gleich!“, was natürlich gegen jeden Anstand verstieß – so viel wusste er auch ohne Medientraining.

Shannon setzte sich in ihren Sessel und zog einen Block aus einer Schublade hinter sich. Hal erkannte auch von dort, wo er saß, dass sie sich „Small Talk“ notierte. Na prima, sie schrieb sich auf, was er alles nicht konnte, während er sich nach ihr verzehrte.

„Ich mag keinen Small Talk“, sagte er. „Das ist Zeitverschwendung.“

„Okay, dann kommen wir direkt zu dem Grund, weshalb Sie hier sind. Soweit ich es verstanden habe, wurden Sie gleich von mehreren Leuten bedrängt, herzukommen. Was meinen Sie, warum alle daran interessiert sind, dass Sie Ihr Image verbessern? Und warum jetzt?“

„Weil ich dabei bin, meine Firma an die Börse zu bringen. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren, und mein Rechtsanwalt redet dauernd davon, dass ich das Gesicht des Unternehmens bin und die Zukunft von mir abhängt … bla, bla, bla.“

„Und was ist mit Ihrer Mutter und Ihrer Schwester?“

Hal sah auf den Boden. „Meine Mutter wünscht sich vor allem, dass ich kahlköpfige Minimenschen produziere.“

„Wie bitte?“

„Kinder. Mom will Enkelkinder, und meine Schwester will einfach nur, dass ich mehr unter Leute gehe.“ Mist, ich höre mich an wie ein Verlierer.

„Was wollen Sie denn, Hal?“

Seltsam. Sie schien sich kein bisschen über ihn lustig zu machen. Na ja, sie hatte ja auch einen dicken Scheck zu erwarten. „Was ich will? Nun, ich will, dass meine Firma Erfolg hat. Und ich will, dass mich die anderen in Ruhe lassen.“

Außerdem will ich wissen, wer vertrauliche Informationen an die Konkurrenz weitergibt. Dieser Halunke Greer Conover hat nie im Leben allein einen Prototyp entwickelt, der unserem zum Verwechseln ähnlich sieht. Conover war immer schon ein Schleimer und Betrüger gewesen. Schon im College hatte er bei Hal abgeschrieben.

„Okay“, sagte Shannon. „Dann gehen wir es am besten Schritt für Schritt an. Wir beginnen mit ein paar Äußerlichkeiten, einem neuen Haarschnitt, einer Rasur und neuer Kleidung.“

„Das hatte ich befürchtet.“

„Es wird alles ganz schmerzlos, versprochen.“

„Hmm.“ Sie hatte ein schönes Lächeln, und gerade deshalb glaubte er ihr kein Wort. Ein solches Lächeln war immer Mittel zum Zweck.

„Übrigens denke ich, dass Sie unter diesem vielen Haar viel besser aussehen als ein Waldschrat.“

Ja, ja, du trägst besonders dick auf, damit ich dir einen Scheck ausstelle. „Das will nicht viel heißen.“

Sie lachte. „Na gut. Im zweiten Schritt werden wir uns mit Dingen wie Small Talk, Auftreten und Umgang mit den Medien beschäftigen. Und der dritte Schritt wird sein, Sie unwiderstehlich zu machen.“

„Unwiderstehlich?“

„Absolut unwiderstehlich.“ Ihre Stimme klang fest und überhaupt nicht ironisch. Diese Shannon Shane war eine verdammt gute Schauspielerin.

„Und das alles innerhalb der nächsten dreißig Tage?“

Sie nickte.

„Wann fangen wir an, und was wird mich der Spaß kosten?“

Sie sah auf ihre Uhr, eine Platinuhr, die ihren Freund so viel gekostet haben dürfte, wie Hal seiner Empfangssekretärin im Jahr bezahlte. „Wir fangen jetzt gleich an. Ich habe bereits einen Termin mit einem Stylisten gemacht. Er ist ein guter Freund von mir, und ich konnte ihn überreden, kurzfristig noch ein bisschen Zeit freizuhalten.“

Stylist? Allein das Wort klang schon teuer und verdächtig. „Ich gehe normalerweise zu einem Friseur bei mir um die Ecke.“

„Von jetzt ab nicht mehr.“ Sie lächelte ihn an und nannte ihm eine Summe, die ihm die Sprache verschlug.

„Wissen Sie, wie viele Computer ich dafür kaufen könnte?“, fragte er entsetzt.

Sie sah ihn ungerührt an. „Sie brauchen aber keine Computer mehr, oder?“

Was sollte das denn heißen? Man konnte immer mehr Computer gebrauchen. Diese Frage war es nicht mal wert, dass er darauf antwortete.

„Was Sie hingegen auf jeden Fall brauchen, ist ein neues Image.“

Ansichtssache.

„Schön, Sie brauchen also eine Menge Coaching, anständige Anzüge für Interviews, eine neue Brille, neue Schuhe …“

„Keine Slipper“, unterbrach er sie.

„Wie bitte?“

„Ich werde keine Slipper tragen.“

„Slipper? Nein, natürlich nicht. Die sind was für langweilige reiche Söhne aus New England. Wir verpassen Ihnen ein hippes, intellektuelles Image, das zugleich sexy ist.“

Hal hätte fast gelacht, denn „hip“ und „sexy“ waren nicht unbedingt die Adjektive, mit denen er sich jemals beschreiben würde. Aber wenigstens hatte Shannon Shane nicht vor, ihm Slipper aufzuzwingen.

„Na gut“, sagte er und ergab sich seufzend in sein Schicksal.

Shannon kam sich vor wie eine Betrügerin. Daran konnten auch alle orangen Lederjacken der Welt nichts ändern. Sie, die gescheiterte Schauspielerin, war ein Nichts verglichen mit jemandem wie Hal Underwood, der so brillant war, dass er nicht nur seine eigene Softwarefirma gegründet hatte, sondern sie auch noch bis an die Börse brachte.

Natürlich konnte sie ihm helfen, sein Image zu verbessern. Das waren Äußerlichkeiten, die nichts darüber aussagten, wer Hal war. Bei ihr hingegen lag die Sache ganz anders. Wer sie ansah, achtete auf nichts als Äußerlichkeiten. Solange sie denken konnte, wurde sie angestarrt, während es niemanden interessierte, was sich unter der Hülle verbarg.

Sie hatte sich daran gewöhnt, ständig begafft zu werden, da sie ja ohnehin nichts dagegen tun konnte. Woran sie sich jedoch nie gewöhnt hatte, waren die merkwürdigen Gefühle, die ihr Aussehen in anderen Menschen weckte. Und sie hatte sich ebenfalls nie daran gewöhnt, dass niemand ihr zuhörte, weil alle zu beschäftigt damit waren, auf ihre Lippen zu starren.

Eigentlich hatte nie jemand gewusst, wer sie wirklich war, und nun wusste sie es nicht einmal mehr selbst.

Da ihr Auto überflutet war, fuhren sie in Hals Wagen zu Enrique, dem Stylisten. Sein Salon war ein einziger Lobgesang auf blauen Samt. Empfangstresen und das lange Besuchersofa waren in dunkelblauem Samt bezogen, die Stühle und Kissen in allen möglichen Farbnuancen zwischen Marine, Türkis und Kornblumenblau.

Für Shannon war die pompöse Ausstattung nichts Neues, aber Hal stand da wie ein Reh im Scheinwerferlicht, während Enrique um sie herumtänzelte und sie begrüßte.

„Gute Tag, meine Schöööne!“, trällerte er Shannon zu.

„Hi, Enrique.“ Sie gab ihm einen Kuss auf die Wange. „Wie geht es dir?“

Bueno.“ Der kleine, drahtige Mann, der Shannon kaum bis zur Schulter ging, musterte Hal interessiert und rieb sich das Kinn. Dann umkreiste er ihn einmal.

„Ich denke, unter diese ganze Haare ist etwas Gutes, meine Freund.“

Hal ließ die Schultern sacken und warf Shannon einen flehenden Blick zu, der so viel besagte wie: „Bringen Sie mich hier weg!“

Sie lächelte.

„Komme Sie“, forderte Enrique ihn auf, hakte ihn unter und führte ihn weg. Shannon, der nicht entging, wie unwohl Hal sich fühlte, folgte den beiden kichernd.

„Erssemal rasiere, ja?“ Enrique zupfte an Hals Bart.

„Au!“

„Diese Bart ist keine gute Look fur Sie. Wegge damit!“ Der Stylist hielt ein altmodisches Rasiermesser in die Höhe.

Hal griff sich panisch an den Hals. „Kann ich das nicht selbst machen?“

„Nein, nein. Sie solle sich entspanne.“ Der kleine Mann drückte ihn in einen Salonstuhl und kippte die Lehne zurück, sodass Hal halb lag. Innerhalb von Sekunden hatte er ihm Gesicht und Hals mit Rasierschaum verhüllt und machte sich ans Werk. Hal wirkte ungefähr so entspannt wie ein Hummer, der über einen Topf mit kochendem Wasser gehalten wurde.

Während Enrique schabte und kratzte, summte er leise vor sich hin, und Shannon konzentrierte sich schmunzelnd auf den recht schrägen Klangmix, der irgendwo zwischen Ricky Martin und Walgesang angesiedelt war.

„Keine Sorge, Hal. Enrique ist zwar schrecklich unmusikalisch, aber er wird Ihnen nicht die Kehle aufschlitzen“, versicherte sie ihrem Klienten.

Der Mann, der fünfzehn Minuten später unter all dem weißen Schaum auftauchte, hatte hohe Wangenknochen, ein kantiges Kinn und volle Lippen. Zusammen mit den leuchtend blauen Augen, deren Strahlkraft selbst durch die Brille nicht gemindert wurde, ergab das eine erstaunliche Kombination. Shannon konnte nicht umhin, ihn anzustarren. Hal sah kein bisschen wie ein Waldschrat aus. Er sah … gut aus. Wirklich gut. Verdammt gut sogar.

Enrique rupfte ihm die Brille von der Nase, packte sein Gesicht mit beiden Händen und wandte seinen Kopf prüfend hin und her. Dann strich er das zu lange Haar zurück, schürzte die Lippen und sagte: „Sí!“

Sí?“ fragte Shannon. „Eine Caesar-Frisur oder das Deckhaar etwas länger?“

„Caesar, ja. Er hatte Knochen dafür.“

„Hat er?“, fragte Hal. „Ich meine, habe ich?“

„Aber ja!“

„Ich bin mir nicht sicher, ob …“ Hal verstummte, da in diesem Augenblick schon dicke Haarbüschel zu Enriques Füßen landeten. „Warten Sie!“

„Schon gut. Sie sind in den Händen eines Genies“, beschwichtige Shannon ihn.

„Ja, iche binne eine Genie!“, beteuerte Enrique tänzelnd.

Hal schloss die Augen, als würde er ein stilles Gebet sprechen. Unterdes segelte mehr und mehr Haar zu Boden.

Als das Klappern der Schere langsamer wurde, öffnete Hal vorsichtig die Augen und angelte nach seiner Brille. Er mochte selbst nicht glauben, welches Bild sich ihm im Spiegel bot.

Shannon war wie vom Donner gerührt. Hal war umwerfend!

Enrique blickte stirnrunzelnd auf die Brille, machte ein paar letzte Korrekturschnitte und grinste zufrieden, während Hal noch auf den Fremden im Spiegel starrte.

Shannon starrte ebenfalls.

Bueno!“, rief Enrique aus. „Dasse isse Caesar!“

Shannon bezweifelte, dass der große Julius Caesar je ein Karohemd oder eine so furchtbare Brille getragen hatte.

Hal blinzelte immer noch ungläubig in den Spiegel und murmelte etwas von den alten Römern.

Enrique griff erneut nach der Brille, doch Hal wehrte ihn ab.

„Wegge damit!“, beharrte der kleine Mann. „Die musse verschwinde fur immer! Sie ruinierte meine Schopfung. Sie wolle Kontaktelinse, sí?“

Shannon nickte. „Wir gehen von hier direkt zum Optiker.“

Hal protestierte, verstummte jedoch schlagartig, als ihm Enrique seine Rechnung präsentierte. Shannon lächelte verstohlen, als sie seinen entsetzten Blick bemerkte.

„Das glaub ich nicht“, sagte Hal matt. „Das ist Raub!“

Enrique plusterte sich auf. „Perdón? Rrrraub?“

„Ja, Wucher“, beharrte Hal.

Enrique kniff die dunklen Augen zusammen. „Iche kenne diesse Wort nicht, aber esse isse bestimmt unverschämte.“

Hal sah nochmals auf die Rechnung, ohne zu widersprechen.

Der Stylist wandte sich wütend zu Shannon um. „Er nimmte dasse zuruck, oder ich klebe ihm diese Haare wieder ins Gesicht.“ Er bückte sich, griff nach den Haarbüscheln auf dem Boden und machte Anstalten, damit nach Hal zu werfen.

Shannon legte ihm die Hand auf den Arm. „Enrique! Er hat es nicht so gemeint. Das war bloß eine Redewendung. Hal wollte einen Scherz machen, nicht wahr, Hal?“

„Ähm, nein“, sagte der. „Nein, ich wollte keinen Scherz machen.“

Enrique schnaubte vor Wut.

„Hal!“

„Was?“

„Sie machen es mir hier nicht gerade leicht.“ Sie holte ihre Brieftasche hervor und schob Hal dann Richtung Ausgang. „Warten Sie draußen auf mich. Ich bezahle und versuche, meine Beziehung zu dem einzigen Topstylisten diesseits von New York zu retten.“

3. KAPITEL

Während Hal vor der Tür stand, die Arme vor der Brust verschränkt, spielte sich drinnen ein Drama Shakespeare’scher Güte ab. Shannon redete auf Enrique ein, der sich weigerte, sie auch bloß anzusehen. Erst nachdem sie eine halbe Ewigkeit gesprochen hatte, drehte er sich langsam zu ihr um und nickte schließlich.

Sie reichte ihm ein unanständig dickes Geldbündel, doch Enrique schüttelte den Kopf und hob die Hand. Shannon brachte eine Engelsgeduld auf und schaffte es am Ende, dass er das Geld doch noch annahm.

Hal schnaubte verächtlich und beobachtete, wie Shannon etwas sagte, das Enrique tatsächlich zum Lächeln brachte, doch er rümpfte gleich wieder die Nase, als er durch die Glastür hinaus zu Hal sah. Shannon sagte noch etwas. Darauf machte Enrique eine angewiderte Geste und nickte.

Eine Weile später gab er Shannon einen Kuss auf die Wange und verschwand im hinteren Teil des Salons.

Shannon kam heraus. Sie sah erschöpft und vor allem sehr ernst aus.

Hal war zwar egal, was mit Enrique sein mochte, nicht aber, dass er Shannon offensichtlich sehr verärgert hatte. Niemand verärgerte ungestraft eine Göttin. Was würde sie jetzt mit ihm machen? Er sah sie unsicher an.

„Takt, Hal. Sie sollten sich dringend ein bisschen Taktgefühl zulegen. Ist Ihnen überhaupt klar, in was für eine Situation Sie mich gebracht haben?“

Hal schwieg trotzig.

„Er ist sehr stolz auf seine Arbeit, und er hat schon echte Berühmtheiten frisiert. Sie können so jemandem nicht sagen, seine Rechnung wäre Raub!“

„Aber …“

„Das ist ungefähr so, als würde einer Ihrer Kunden sagen, Sie hätten ihm viel zu viel berechnet und Ihre Software wäre einfach nur Müll.“

Hal lachte kurz auf. „Niemals. Das kann mir gar nicht passieren.“

„Aha. Nun, ich denke, Enrique ist es auch noch nie passiert. Haben Sie sich denn mal richtig angesehen? Der Mann da drinnen ist jeden einzelnen Penny wert!“

„Er hat mir die Haare geschnitten, mein Gott. Und was sollte dieser Caesar-Quatsch?“

Shannons Mundwinkel zuckten. „Glauben Sie mir, Enrique hat weit mehr getan, als Ihnen die Haare zu kürzen. Er ist ein wahrer Künstler.“

„Trotzdem leuchtet mir nicht ein, warum er das Sechsfache von dem kassiert, was mein Friseur nimmt.“ Hal fuhr sich mit der Hand durchs frisch geschnittene Haar.

Obwohl sie sichtlich wütend und gereizt war, umspielte ein kleines Lächeln ihre Lippen. Machte sie sich jetzt auch noch über ihn lustig? Diese ganze Situation war unerträglich. Und er würde Peggy erwürgen, weil sie an allem schuld war.

Sie kamen zu seinem Wagen, und Hal öffnete Shannon die Beifahrertür. Eine Göttin dürfte solche Gesten der Höflichkeit erwarten. Sie stieg ins Auto, und Hal bemühte sich, nicht darauf zu achten, wie sich ihre Beinmuskeln unter dem schwarzen Leder abzeichneten. Vergebens.

Also versuchte er es mit einer stummen Ermahnung.

Diese Frau ist eine Heimsuchung, die mir meine Schwester geschickt hat, und sie hat vor, mein Bankkonto zu plündern. Mich interessiert weder ihre Lederhose noch was darunter ist.

Aber wem machte er hier etwas vor?

Hal stieg hinters Lenkrad, startete den Motor und sah in den Rückspiegel, ehe er losfuhr. Wer zum Teufel …? Ach ja. An sein neues Erscheinungsbild musste er sich erst mal gewöhnen.

„Okay“, sagte Shannon, seine Heimsuchung und Kontenplünderin. „Jetzt fahren wir nach Avon.“

Er hatte den starken Verdacht, dass er lieber nicht dorthin fahren sollte. „Warum?“

„Wir kümmern uns um Ihre Sehhilfe.“

„Ich habe diese Brille erst vor anderthalb Jahren bekommen. Ich brauche keine neue.“

Sie sah ihn an. „Sie meinen, Sie haben die Gläser vor anderthalb erneuert. Das Gestell ist älter.“

„Ja, schon gut.“

„Dachte ich mir’s doch. Ich tippe mal auf 1989.“

„Äh …“

„Ist ja auch egal.“ Shannon legte zwei Finger unter sein Kinn und drehte sein Gesicht in ihre Richtung.

He, ich versuche hier zu fahren! Aber er sprach es nicht aus, da die Berührung eine lang verdrängte Sehnsucht in ihm weckte.

„Wir brauchen etwas Kleineres, Leichteres und Eckigeres“, stellte sie fest und benetzte sich die Lippen.

Bildete er es sich ein, oder hatte sich gerade für den Bruchteil einer Sekunde ein Schleier über ihre Augen gelegt? Hal wandte sich hastig wieder der Straße zu.

„Ich möchte, dass Sie Kontaktlinsen ausprobieren.“

„Nein. Die reizen meine Augen und machen mich wahnsinnig.“

„Wann haben Sie denn zuletzt welche getragen?“

„Im College.“

„Seitdem hat sich einiges getan. Manche von den modernen Linsen sind so dünn und beweglich, dass Sie sie gar nicht spüren.“

Hal seufzte. Anscheinend stand ihm ein langer Tag bevor, und jeder Moment, den er mit Shannon Shane verbrachte, ging von seiner Zeit für Nachforschungen ab.

Er rieb sich das Kinn, und da, wo früher sein dichter Bart gewesen war, fand sich nichts außer glatter Haut. Wie weit sollte diese Verwandlungsgeschichte noch gehen?

Er blickte kurz zu Shannon hinüber, doch die schien tief in Gedanken versunken und wirkte nervös, wie sie mit den Fingern auf dem Sitzpolster trommelte.

Irgendetwas schien sie innerlich aufzuwühlen. Was mochte in ihrem Kopf vorgehen? Nein, das brauchte Hal nicht zu interessieren. In den Köpfen umwerfend schöner Frauen tat sich normalerweise ohnehin nicht viel. Solche Frauen sonnten sich in ihrem eigenen Glanz und der Bewunderung anderer.

Shannon war zwar gewiss nicht dumm, aber Hal bezweifelte dennoch, dass sie über Nietzsche oder Kant nachdachte.

Sie unterbrach ihre Grübelei gerade lang genug, um ihm den Weg zu beschreiben, und bald fuhren sie auf den Parkplatz vor einer kleiner Einkaufsstraße, in der sich der Optiker befand, der Schauplatz seiner nächsten Feuerprobe.

Hals vager Unmut wandelte sich in offene Verzweiflung, als er Shannon in den Laden folgte und sich Hunderten – oder waren es Tausende? – von leeren Brillengestellen gegenüber fand. So viele Brillen auf einmal hatte er noch nie gesehen. Seine bisherigen Brillen hatte er in Kaufhäusern erstanden, und da war die Auswahl stets begrenzt gewesen.

Er blickte sich um. Horngestelle, Drahtgestelle und Plastikgestelle in allen erdenklichen Formen und Farben. Dazu gab es Gläser in allen möglichen und unmöglichen Tönungen.

„Die kann ich auf keinen Fall alle aufprobieren“, sagte er. „Da bräuchte ich Stunden, nein, Tage.“

„Natürlich nicht“, erwiderte sie. „Sie testen mit Marta ein paar der Kontaktlinsen, während ich Ihnen fünf, höchstens zehn Brillengestelle aussuche, die infrage kommen. Okay?“

„Aber ich will mir keine Plastikstückchen ins Auge stecken. Ich habe Ihnen doch gesagt, dass ich …“

Sie nickte und hörte ihm zu. Dann bohrte sie ihm einen Finger in den Rücken und schob ihn auf eine mollige, freundliche Frau zu.

„Marta? Das ist Hal Underwood. Er hat was gegen Kontaktlinsen, aber ich glaube, seine letzten Erfahrungen damit liegen Jahre zurück. Ich überlasse ihn Ihrer Obhut.“

„Hi, Mr. Underwood. Wir haben mehrere Arten von weichen Linsen, die Sie gar nicht spüren, versprochen. Und Sie sehen wirklich gut aus! Warum wollen Sie so ein Gesicht hinter einer Brille verstecken?“ Sie lächelte ihm zu.

Er sah gut aus? Die Frau hatte Halluzinationen. Oder aber Shannon bezahlte sie dafür, dass sie den Klienten schmeichelte, mit denen sie herkam.

Er murmelte etwas vor sich hin und überlegte, wann er wohl endlich wieder ins Büro könnte. Er hatte Dringenderes zu tun, als sich seinem Aussehen zu widmen. Nichtsdestotrotz setzte er sich auf einen Drehstuhl vor einem der Spiegel. Marta fragte ihn nach seinen Dioptrinzahlen und brachte kurz darauf mehrere kleine Schachteln, die sie auf der Spiegelkommode abstellte.

Dann desinfizierte sie sich die Hände und angelte mit Zeigefinger und Daumen ein kleines Ding aus einer der Schachteln, das wie ein kreisrundes Stück Frischhaltefolie aussah.

„Es ist vollkommen schmerzlos, ehrlich“, versprach Marta. „Sie legen sich die Linse so auf den Zeigefinger und geben einen Tropfen von der Lösung darauf. Dann legen Sie sie sich aufs Auge und blinzeln einmal.“

Hal verzog das Gesicht. „Und wie krieg ich das Ding wieder raus?“

„Sie nehmen sie so, ziehen und fertig.“

Ja. Ziehen und fertig. Hal hatte eher den Verdacht, er würde diese Dinger bis ins Grab tragen.

Doch bis auf das Blinzeln, mit dem er sich der überschüssigen Lösung entledigen musste, waren die Linsen tatsächlich nicht unangenehm – und er sah sogar besser damit. Seine alten Gläser waren offensichtlich nicht stark genug gewesen. Kaum waren die Linsen eingesetzt, spürte er nichts mehr.

Er sah sich im Spiegel an, immer noch befremdet von seinem veränderten Aussehen. Der kleine Enrique hatte ihm das Haar wirklich sehr kunstvoll geschnitten. Leider hatte er ihm auch Gel hineingearbeitet, was sich ein bisschen eklig anfühlte.

Nein, er sah wirklich nicht schlecht aus. Nun musste er nur noch herausfinden, wo die undichte Stelle in seiner Firma war, und alles war bestens.

Shannon hatte ein halbes Dutzend Gestelle ausgesucht, mit denen sie auf den unwilligen Hal zukam. Sie setzte ihm eines nach dem anderen auf und wieder ab. Es war verblüffend, wie unterschiedlich er damit aussah – gebildeter, selbstsicherer und sogar ein wenig autoritär.

Bald waren nur noch zwei Gestelle in der engeren Auswahl, eines mit dunklem und eher eckigem Rahmen und ein rahmenloses, runderes.

„Welches von beiden gefällt Ihnen besser?“, fragte sie Hal.

„Ist mir egal“, antwortete er. „Ich will nur sehen können.“

Sie entschied sich dann für das dunklere, das ihm eine Aura von Macht verlieh. Dazu ein schwarzer Cashmerepullover mit V-Ausschnitt und … mmh. In diesen meerblauen Augen könnte sie glatt versinken.

Er räusperte sich und sah zur Seite.

Shannon wurde erst jetzt klar, dass sie ihn schon seit Minuten anstarrte. Andererseits hatte er sie ebenfalls angestarrt, oder nicht?

Ja, er hatte ihr in die Augen gesehen, nicht bloß ihre Kurven bewundert und sich ausgemalt, wie sie nackt aussehen mochte. Den Unterschied erkannte sie sofort.

Doch sie verdrängte den Gedanken und sagte Marta, welches Gestell sie nehmen würden. Dann machte sie sich für den nächsten Ausbruch bereit, denn mit der Entspiegelung, dem stoßsicheren, kratzfesten Glas, der leichten Tönung und dem teuren Gestell würde Hal seine Brille …

„Waaas? Wie viel kostet das?“

… wahrscheinlich einen Hirn- und Herzschlag gleichzeitig einbringen.

„Ja, aber was Sie nicht begreifen, Hal“, erklärte sie ihm, als sie wieder im Wagen saßen, „ist, dass Marta die Preise nicht macht! Sie erfindet sie nicht, sondern sie arbeitet bloß in dem Laden. Und Sie hatten keinen Grund, sie derart anzufahren, als sie Ihnen den Gesamtpreis nannte. Die Ärmste war kreuzunglücklich.“

„Was glauben Sie, wie kreuzunglücklich ich erst war! Wer zahlt denn über sechshundert Dollar für eine Brille?“

„Hal, hören Sie mir zu. Sie zahlen für ein Image. Sie müssen für Ihre Firma werben, und sie wollen Intelligenz, Entschlossenheit und Klugheit ausstrahlen. Sie wollen, dass die Leute auf Ihre Leistung vertrauen, also …“

„Also zeige ich ihnen das verdammte Produkt. Wen interessiert mein Aussehen? Ist unsere Gesellschaft denn so oberflächlich? Warum kann ich keinen ganz normalen Haarschnitt haben und eine Brille tragen, die aus einem Kleiderbügel zusammengebogen wurde? Das sagt schließlich nichts darüber aus, wie gut ich bin oder wie gut die Software ist, die ich mache. Das ist doch alles Schi…“

Shannon warf die Hände in die Höhe. „Ja, ja, ja“, sagte sie erschöpft. „In einer perfekten Welt hätten Sie vollkommen recht, Hal. Aber auf so einem Planeten leben wir nicht.“ Sie griff sich seufzend ins Haar und drehte es zu einem Knoten auf. Dann angelte sie einen Stift aus ihrer Tasche und steckte das Haar damit fest.

„Fahren Sie mich bitte zu Finesse zurück, ja? Es ist offensichtlich, dass Sie dieser ganzen Sache gegenüber feindselig eingestellt sind, und offen gesagt verletzen Sie jetzt allmählich meine Gefühle. Ich versuche nur, meinen Job zu machen, und nicht, Sie um Ihre Ersparnisse zu bringen.“

Ein paar Minuten lang fuhren sie schweigend weiter. Shannon spürte förmlich, wie es in Hal arbeitete, doch sie drehte den Kopf zur Seite und sah aus dem Fenster.

Ob ihre leibliche Mutter irgendwo hier in den Cape Cods lebte? Oder wohnte sie vielleicht in Florida oder in Texas, in einer Skihütte in Utah oder Colorado?

Wie durch einen Nebel hörte sie Hals Stimme. „Tut mir leid“, sagte er. „Ich wollte Sie nicht angreifen.“ Er legte eine Hand auf ihren Arm.

Ein seltsamer Schauer durchfuhr sie, und sie drehte sich überrascht zu ihm um. Dass ein Mann sich entschuldigte, hatte sie nur sehr selten erlebt. Wieder sah er sie an, und wieder hatte sie das Gefühl, dass er viel tiefer blickte, als sie es gewöhnt war.

„Ich weiß“, sagte sie.

Er nickte und wandte das Gesicht wieder nach vorn. Shannon lauschte dem Motorengeräusch und dem Fahrtwind.

„Sind Sie in dieser Gegend aufgewachsen, Shannon?“

Die Frage traf sie unvorbereitet. „In der Nähe.“ Sie zögerte, ehe sie genauer wurde. „In Greenwich.“ Viele Leute hielten sie automatisch für einen Snob, wenn sie sagte, dass sie aus Greenwich war.

„Interessant. Sie sind gar nicht der Greenwich-Typ.“

„Nein, bin ich nicht.“

„Wie sind Sie zu diesem Job gekommen?“

„Ach, das war eigentlich die Idee meiner Freundin Jane, der Mitinhaberin von Finesse. Wir waren alle drei in einer beruflichen Sackgasse, besser gesagt, die beiden anderen. Ich war eine gescheiterte Schauspielerin, die sich vergeblich mit tausend anderen um einen Durchbruch in L.A. bemühte.“ Sie lachte unsicher.

„Da braucht man starke Nerven“, sagte Hal.

„Nein, nur eine Menge Naivität.“ Ihr Lachen klang selbst in ihren Ohren gequält.

„Wie immer Sie es nennen, ich nenne es Mut. Einen Traum mit einer solchen Entschlossenheit zu verfolgen und dafür weit wegzugehen von allem, was einem vertraut ist …“

Ich könnte ihn küssen. Der Gedanke schockierte sie nicht halb so sehr wie er sollte. Ich könnte ihn dafür küssen, dass er mir das gerade jetzt sagt, als wüsste er, wie dringend ich das brauche.

Sie fuhren auf den Parkplatz von Finesse, wo Hal seinen Wagen direkt neben ihrem durchnässten Cabrio parkte – dem einzigen anderen Auto, das noch dastand.

„Danke“, sagte Shannon und folgte ihrem Impuls, indem sie sich zu ihm hinüberbeugte.

Shannons Wunsch, Hal zu küssen, war gleichsam aus dem Nichts gekommen, und eigentlich sollte es ein freundschaftlicher, kurzer und nicht zu persönlicher Kuss werden.

Doch sobald ihre Lippen seine Wange berührten, drehte er sich überrascht um. Im nächsten Moment lag ihr Mund auf seinem, und ein elektrisierender Schauer durchfuhr sie. Noch ehe sie begriff, was hier geschah, übernahm Hal die Führung, presste seine Lippen auf ihre und zog sie in die Arme.

Wieder war ihr, als bekäme sie einen Stromschlag. Sie zitterte, als er sie auf seinen Schoß zog, und Alarmglocken schrillten in ihrem Kopf. Sie wich ein wenig zurück, um Hal nicht auf falsche Gedanken zu bringen. Anders als andere Männer versuchte er nicht, sie fester an sich zu drücken. Stattdessen legte er beide Hände an ihre Wangen, küsste ihre Augenlider und dann wieder ihren Mund.

Er war so sanft und zärtlich, dass sie gar nicht anders konnte, als seinen Kuss zu erwidern. Shannon hatte in den vergangenen Jahren so viele unverschämte Grapscher erlebt, dass sie gar nicht fassen konnte, wie zurückhaltend Hal war. Und ironischerweise wünschte sie sich tatsächlich, dass er sie berührte.

„Mach meine Jacke auf“, hauchte sie.

Er hob den Kopf und sah ihr in die Augen. „Bist du sicher, dass du das willst?“

„Ja.“

Er zögerte und schien mit seinem Blick nach der Antwort auf eine Frage zu suchen, die sie nicht kannte. „Warum ich?“, fragte er schließlich.

„Weil du hier bist“, antwortete sie. „Und ein scharfer Typ.“ Sie verriet nichts davon, dass sie dringend Ablenkung und Trost brauchte. Sie brauchte jemanden, der sie daran erinnerte, dass sie begehrt wurde.

Ja, sie wollte nichts als wilden Sex, ohne Nachdenken und ohne Verpflichtungen.

Hal griff nach dem Reißverschluss ihrer Jacke, zögerte allerdings noch.

Shannon setzte sich rittlings auf seinen Schoß und rieb sich schamlos an ihm. „Hal, Süßer, sei ein braver Junge und stell keine Fragen. Es ist ein Geschenk, okay? Und jetzt sei still und nimm es dir.“

Er gehorchte und folgte ihr in ihr Büro, wo sie an einem Samstagabend kaum damit rechnen mussten, von Shannons Partnerinnen ertappt zu werden.

Hal hatte gewartet, bis sie drinnen waren und Shannon die Jalousien geschlossen hatte, ehe er die Führung übernahm. Er hob sie auf den Empfangsschreibtisch und öffnete erst ihre Jacke, dann ihre noch feuchte Bluse. Als Nächstes hakte er den Frontverschluss ihres BHs auf und begann, ihre Brüste zu küssen.

Shannon stöhnte und wand sich rastlos unter den heißen Liebkosungen. Sie strich mit beiden Händen über seine Schultern und Arme, erstaunt darüber, wie muskulös er war.

Er küsste erst die eine, dann die andere Brust, ehe er ihre Lederhose öffnete.

„Meine Stiefel“, flüsterte sie.

„Die Stiefel sind das Einzige, was anbleibt, meine Schöne.“ Er zog sie bis auf die Stiefel und ihren Tanga aus. Die Jacke flog in die eine, die Bluse in die andere Ecke. Dann landeten ihr BH und die Lederhose in der Mitte des Raumes, wobei Hal besonders das Ausziehen der Hose zu genießen schien.

Er kniete sich vor sie und betrachtete ihre Schenkel voller Bewunderung. Shannon spürte, wie ihr immer heißer wurde.

Er küsste die Innenseite ihres Schenkels, dann richtete er sich auf. Mit wenigen Handgriffen hatte er seine Jacke und sein Hemd ausgezogen.

Sein Oberkörper sah fantastisch aus. Er war wie ein Leistungsschwimmer gebaut, ohne ein einziges Gramm Fett.

Die wirkliche Überraschung jedoch erlebte Shannon, als sie ihn gleich darauf ohne Hose sah. Wer hätte gedacht, dass ein Computerfachmann so atemberaubend gut ausgestattet wäre?

Shannon schmolz bei dem Anblick dahin. Dann kniete er sich wieder vor sie, und sie legte ihm die Beine über die Schultern. Er grinste keck und zog sie ein Stück weiter nach vorn. Sie spürte seinen Atem auf ihrer empfindlichsten Stelle, doch er berührte sie dort nicht. Seine Liebkosungen blieben vorerst ihren Brüsten vorbehalten, und erst als sie vor Verlangen stöhnte, glitt er mit der Zunge unter ihren Tanga.

Sie stöhnte laut auf, während seine Küsse sie alles vergessen ließen. Sie spürte, wie die Spannung in ihr immer stärker wurde, bis sie ihn schließlich anflehte.

„Bitte! Ich will dich in mir fühlen.“

Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, als er ihr auch schon den Tanga auszog und sich in Windeseile ein Kondom überstreifte. Sie hatte keine Ahnung, woher er es so schnell nahm, aber das interessierte sie auch nicht.

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