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Dieser Mann ist viel zu sexy

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Linda Turner

Dieser Mann ist viel zu sexy

Nach einem Unfall sitzt Taylor Bishop in Liberty Hall fest. Die einzige Pension des winzigen Ortes wird von Phoebe geleitet, einer jungen Frau, warmherzig und unglaublich sexy. Ein Mund zum Küssen und ein Körper – aber stopp! Eigentlich hat er doch ganz andere Pläne ...

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Linda Turner

Dieser Mann ist viel zu sexy

Oft genug ist die vermögende Phoebe schon von sogenannten Freunden ausgenutzt worden. Sie alle wollten ihr Geld und nicht ihre Liebe. Was aber will Taylor Bishop, ihr erster Gast in der gemütlichen, etwas altmodischen Pension, die sie von ihrer Großmutter übernommen hat? Welches Geheimnis umgibt diesen ungemein attraktiven Mann, der eher kühl und unnahbar wirkt und doch so zärtlich und leidenschaftlich lieben kann? Phoebe ist fest entschlossen, das Rätsel zu lösen, denn seine Umarmungen machen Lust auf mehr …

PROLOG

Er war der uneheliche Sohn einer alleinerziehenden Mutter.

Was das bedeutete, hatte Taylor Bishop schon in frühester Kindheit erfahren müssen. In der armseligen Gegend von San Diego, in der er aufgewachsen war, ging es Dutzenden von Kindern ebenso – auch sie hatten keinen Vater. Und irgendwie hatte diese Gemeinsamkeit etwas Tröstliches.

Später bekam er die Auswirkungen dieses Makels allerdings deutlich zu spüren. Es begann damit, dass einer seiner Schulfreunde ihm erklärte, dass seine, Taylors, Mutter eine Schlampe war. Taylor war sechs Jahre alt, als er begriff, dass es eine Schande war, keinen Vater zu haben. Doch trotz seines zarten Alters geriet er außer sich. Er verteidigte die Tugend seiner Mutter und die Ehre des Vaters, dessen Namen er nicht einmal kannte. Sein Heldenmut brachte ihm nichts weiter ein als eine aufgeplatzte Lippe.

An jenem Tag begann er seinen Vater zu hassen.

Seitdem waren fünfunddreißig Jahre vergangen, doch seine Gefühle waren noch immer dieselben. Er hasste den Mann, der sein Vater war – und bis heute wusste er seinen Namen nicht.

Letzteres würde sich allerdings nun ändern.

Taylor saß am Küchentisch seiner Mutter. Ihre persönlichen Papiere lagen vor ihm ausgebreitet. Sie hatte sich jahrelang abgerackert und jeden Penny umgedreht, bevor sie ihn ausgab, um das kleine Haus zu kaufen, in dem sie bis zuletzt gelebt hatte. Taylor starrte wie gebannt auf einen versiegelten Brief, den er in einer Geldkassette gefunden hatte. Ohne ihn zu öffnen, wusste er, dass dieser Brief die Antworten auf all die Fragen enthielt, die er seiner Mutter nun nicht mehr stellen konnte. Endlich würde er erfahren, wer sein Vater war.

Er ist ein guter Mann. Mehr brauchst du nicht zu wissen.

Jedes Mal, wenn er seine Mutter nach dem Mann fragte, der ihn gezeugt hatte, hatte sie ihm dieselbe Antwort gegeben. Sie hatte ihm versprochen, dass sie ihm eines Tages die ganze Geschichte erzählen würde, doch dabei war es geblieben. Wieso nur? Er betrachtete nachdenklich den Brief, den seine Mutter in ihrer fein säuberlichen Handschrift an ihn adressiert hatte. Hatte sie befürchtet, er würde sie weniger achten? Oder glaubte sie, dass er ihr die Schuld daran gab, dass sein Vater sich aus dem Staub gemacht hatte? Nein, sie wusste es garantiert besser.

Sein Herz zog sich schmerzhaft zusammen. War es möglich, dass sie nicht bemerkt hatte, wie sehr er sie geliebt und bewundert hatte? Unmöglich! Er schüttelte die Zweifel ab. Natürlich hatte sie gewusst, was er für sie empfand. Für ihn war sie die beste Mutter der Welt gewesen. Sie war immer für ihn da, solange er sie brauchte. Und später, als er größer wurde, hatte sie zwei Jobs gleichzeitig angenommen. Sie waren zwar stets knapp bei Kasse gewesen, aber sie hatte immer dafür gesorgt, dass es ihm an nichts fehlte.

Wie konnte man eine solche Mutter nicht lieben? Er hatte sie förmlich angebetet. Sie hatte ihn gelehrt, stolz auf sich selbst zu sein und hart für seine Ziele zu arbeiten. Sie hatte ihn gelehrt, an sich selbst zu glauben und der Zukunft voller Optimismus entgegenzublicken. Sie war überzeugt davon, dass er sein Leben meistern würde. Der Name seines Vaters spielte dabei keine Rolle.

Wieso lüftete sie das Geheimnis dann jetzt? Er nahm den Brief in die Hand. Als sie in der vergangenen Woche völlig unerwartet an einem Herzinfarkt gestorben war, war der Name seines Vaters wirklich das Letzte, was ihn beschäftigte. Schließlich war sie diejenige, die er geliebt hatte. Wenn er sie nur noch ein einziges Mal für fünf Minuten bei sich haben könnte, hätte er gern bis in alle Ewigkeit darauf verzichtet, den Namen seines Erzeugers zu erfahren.

Doch das war leider nicht möglich. Abgesehen von ihren paar Habseligkeiten, blieb ihm nur ein Brief – ein Brief, der so bedeutungsvoll war, dass er sein ganzes Leben verändern konnte.

Taylors Züge waren hart und angespannt. Die Trauer der letzten Tage hatte sein Gesicht gezeichnet. Er überlegte, ob er den Brief einfach zerreißen sollte, doch er enthielt die letzten Worte seiner Mutter an ihn. Entschlossen öffnete er den Umschlag und begann zu lesen.

An meinen geliebten Sohn,

ich hoffe, Du weißt, wie sehr ich Dich liebe. Du bist das größte Glück in meinem Leben gewesen – ein Geschenk, für das ich jeden Tag aufs Neue dankbar war. Ich weiß, wie schwer es für Dich war, ohne Vater aufzuwachsen, und es tut mir leid. Aber Dein Vater war nicht das gefühllose Monster, für das Du ihn immer gehalten hast. Er war ein wunderbarer Mann, der nichts von Deiner Existenz ahnte. Er heißt Gus McBride, und als wir uns begegneten, lebte er in Liberty Hill, Colorado.

Wir haben uns in Cheyenne, Wyoming, kennengelernt, als ich dort meine Großmutter während der Sommerferien besuchte. Bis zu jenem Tag hielt ich Liebe auf den ersten Blick für romantischen Unsinn. Doch als ich ihn sah, war plötzlich alles ganz anders. Er war wegen eines Rodeos in der Stadt, und wir verbrachten eine unvergessliche Nacht zusammen. Das war alles, mein Liebling, eine einzige Nacht. Ich verliebte mich unsterblich in ihn, auch wenn mir klar war, dass er meine Gefühle nicht erwiderte. Er liebte seine Exfreundin, von der er sich drei Wochen zuvor getrennt hatte. Anfangs hoffte ich noch, seine Liebe gewinnen zu können, doch es war ein Irrtum. Als er die Stadt am kommenden Morgen verließ, kehrte er garantiert zu ihr zurück.

Zwei Wochen später fuhr ich zu meinen Eltern nach San Diego. Nach weiteren vier Wochen entdeckte ich, dass ich schwanger war. Versuch meine Lage zu verstehen, Liebling. Damals waren die Zeiten ganz anders. Meine Schwangerschaft war ein Skandal. Für meine Eltern gab es nur einen Ausweg. Ich musste so schnell wie möglich heiraten. Dass Gus mich nicht liebte, spielte für sie keine Rolle. Sie wollten nur seinen Namen. Sie waren entschlossen, ihn zur Heirat zu zwingen. Sie begriffen nicht, dass er mich auf der Stelle geheiratet hätte, wenn er von meinem Zustand gewusst hätte. Er war so ein Mann. Und wenn er mich geliebt hätte, hätte ich keine Sekunde gezögert und Ja gesagt. Aber er liebte mich nicht, also behielt ich seinen Namen für mich. Deshalb haben Deine Großeltern mich vor die Tür gesetzt.

Hab jetzt bloß kein Mitleid mit mir und hasse Deine Großeltern nicht, Taylor. Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte und mein Leben noch einmal leben dürfte, ich würde mich wieder genauso entscheiden. Die Nacht, die ich mit Deinem Vater verbracht habe, war wunderbar, und Du warst sein Geschenk an mich. Ich habe es niemals bereut. Es ist mir wichtig, dass Du das weißt. Du und ich, wir hatten eine herrliche Zeit miteinander. Daran musst Du immer denken.

In Liebe,

Deine Mutter

Taylors Herz wurde schwer. Stumm bat er sie um Vergebung, weil er ihren letzten Wunsch nicht erfüllen konnte. Es war unmöglich. Er konnte nicht vergessen, was für ein hartes Leben sie gehabt hatte. Und Gus McBride aus Liberty Hill, Colorado, war dafür verantwortlich. Voller Grimm beschloss Taylor, seinen Vater dafür bezahlen zu lassen.

1. KAPITEL

„Hallo, Herzchen. Ich hoffe, ich störe dich nicht. Falls du dich gerade für ein Rendezvous zurechtmachst, sag’s ruhig. Wie hieß noch mal der Typ, mit dem du zusammen bist? Mick? Ich hab glatt seinen Namen vergessen. Ich habe deiner Mutter schon vor drei Jahren gesagt, dass er nicht der Richtige für dich ist, aber sie war ja ganz hin und weg von ihm.“

Phoebe Chandler lächelte in sich hinein. Das war mal wieder typisch für ihre Großmutter. Myrtle Chandler konnte einfach nicht anders – sie hielt nie mit ihrer Meinung hinterm Berg. Das war einer der Gründe, weswegen Phoebe sie so sehr liebte. „Er heißt Marshall, Gran, und wir haben uns vor sechs Monaten getrennt. Habe ich dir das nicht erzählt?“

„O doch, natürlich. Jetzt erinnere ich mich. Sagtest du nicht, er wäre mehr an dem Erbe interessiert, das dein Dad dir hinterlassen hat, als an dir?“

Myrtle hatte recht. Das war einer der Gründe gewesen. „Ich habe ihn vor die Tür gesetzt, als er versuchte, sich Geld von mir zu leihen. Aber was gibt’s bei dir Neues? Mom meinte, du planst eine Reise mit deinen alten Highschool-Freundinnen.“

Myrtle lachte gut gelaunt. „Und ich dachte schon, alle außer Sara McBride und mir wären tot. Übrigens, ich wünschte, sie wäre hier. Sie würde sich riesig darüber freuen, unsere alte Gang wiederzusehen.“

„Wann kommt sie denn von der Hochzeitsreise zurück?“

„Das kann noch ein paar Wochen dauern. Sie haben sich nicht genau festgelegt.“

„Und wann wollt ihr dann losfahren? Du fährst doch mit, oder?“

„Klar! Du kennst mich doch. Meine Koffer sind immer gepackt. Obwohl – da gibt es ein kleines Problem.“

„Deinen Antiquitätenladen, stimmt’s?“, vermutete Phoebe. „Du brauchst eine Vertretung.“

„So ist es – aber da ist noch etwas anderes. Das Geschäft lief in der letzten Zeit nicht so gut, da habe ich mein Haus in eine Frühstückspension umgebaut und in ein paar Reisezeitschriften inseriert. Das war offensichtlich eine gute Idee, denn für die nächsten Wochen sind jede Menge Anmeldungen eingegangen.“

„Sag bloß! Das ist ja fantastisch.“

„Es wäre fantastisch“, erwiderte Myrtle mit leisem Bedauern, „wenn ich nicht gerade jetzt verreisen würde. Schließlich kann ich nicht an zwei Orten gleichzeitig sein. Ich habe schon hin und her überlegt, wie ich das Problem lösen könnte. Wie steht’s mit dir? Hättest du nicht im Juni Zeit, nach Liberty Hill zu kommen und mich zu vertreten?“

Phoebe überlegte keine Sekunde. „Das wäre super! Ich wollte zwar die Ferien nutzen, um mein Haus zu streichen, aber das kann warten. Sag deine Reise ruhig zu. Ich werde den Laden schon schmeißen, solange du weg bist.“

„Und wer kümmert sich um dein Geschäft, während du hier Wirtin spielst?“

„Jason. Er wollte mir sowieso den Sommer über helfen. Er verdient sich gern in den Ferien etwas dazu.“

Jason Chandler, Phoebes Cousin zweiten Grades, stand kurz vor seinem Highschool-Abschluss. Er hatte sie schon in den vergangenen Sommerferien unterstützt, und Phoebe wusste, dass sie sich hundertprozentig auf ihn verlassen konnte.

„Also, wann soll ich kommen?“

„Am achten Juni“, entgegnete ihre Großmutter wie aus der Pistole geschossen. „Das wird ein Riesenspaß, Herzchen, für uns beide. Du wirst die Gäste bestimmt mögen. Zwei Hochzeitspaare haben sich angemeldet. Ein Paar kommt aus Florida. Im Juli feiern beide ihren achtzigsten Geburtstag.“

„Ihren achtzigsten?“, wiederholte Phoebe ungläubig.

„Ich war auch überrascht“, schmunzelte Myrtle. „Als ich mit der Braut telefonierte, wirkte sie mindestens dreißig Jahre jünger.“

„Tja, was die Liebe so alles bewirken kann.“ Phoebe lächelte versonnen. „Sara McBride ist doch das beste Beispiel dafür. Wer weiß, Gran, vielleicht bist du ja die Nächste, die es erwischt. Es würde mich gar nicht wundern, wenn du auf deiner Reise einen tollen Mann kennenlernst.“

Ihre Großmutter lachte ausgelassen. „Da kannst du lange warten, mein Kind. Ich war mit der Liebe meines Lebens verheiratet. Für mich ist dieses Kapitel abgeschlossen. Jetzt bist du an der Reihe.“

Wenn es nur wahr wäre, dachte Phoebe wehmütig. Sie war gerne verliebt. Es war das herrlichste Gefühl der Welt … zumindest bis zu dem Augenblick, wenn der potenzielle Prinz Charming sein wahres Gesicht zeigte. Sie war im Lauf der Jahre so oft enttäuscht worden, dass sie kaum noch Hoffnung hatte, ihren Mr. Right zu finden.

„Herzlichen Dank, Gran. Aber ich glaube, ich verzichte lieber. Alle guten Männer sind vergeben, die anderen kannst du vergessen.“

„Ich verstehe, dass du nach deiner Enttäuschung mit Marshall so denkst. Aber es gibt auch andere. Die Welt ist voll von guten Männern. Du hast einfach noch nicht den Richtigen getroffen. Wart’s nur ab, eines Tages läuft er dir schon über den Weg, vermutlich dann, wenn du es am wenigsten erwartest.“

Phoebe bezweifelte das, aber sie würde sich hüten, mit ihrer Großmutter zu diskutieren. Myrtle war einfach eine unverbesserliche Optimistin … „Ich werde die Augen offen halten“, versprach Phoebe. „Aber wie soll ich jemanden kennenlernen, wenn du nur frisch Verheiratete bei dir einquartierst? Außerdem ist Liberty Hill nicht gerade das Zentrum der Welt. Wahrscheinlich findet man es noch nicht einmal auf der Karte. Meine Chancen, dort einen Heiratskandidaten zu treffen, sind wohl eher gering.“

„Mach du dich nur über mich lustig.“ Myrtle ließ nicht locker. „Liberty Hill ist vielleicht klein, aber das macht es für Mr. Right nur leichter, dich zu finden. Ich gehe jede Wette ein, dass du in sechs Monaten verheiratet bist.“

„Du bist unmöglich, Gran, weißt du das? Auf jeden Fall bin ich am achten Juni bei dir. Ich hoffe, das ist früh genug.“

„Perfekt, mein Kind. Es wird alles für dich bereit sein.“

Als sie den Hörer auflegte, stellte Phoebe fest, dass sie genauso aufgeregt und voller Vorfreude war wie Myrtle. Doch sie fühlte sich gleichzeitig schuldig. Seit ihrem achtzehnten Lebensjahr hatte sie im Unternehmen ihres Vaters mitgearbeitet. Es war ein langweiliges Geschäft, das aus der Verwaltung von Verkaufsautomaten bestand. Das bedeutete in erster Linie Geld zählen und zur Bank bringen. Für sie war es ein Job, nicht mehr, eine leidige Pflicht. Ihr Vater dagegen hatte es immer geliebt, in der Stadt herumzufahren und die Automaten zu leeren. Aber in der Hoffnung, eines Tages von zu Hause weggehen zu können, um ihr eigenes Leben aufzubauen, hatte sie sich nie beklagt.

Doch dann, als ihr Vater vor sechs Monaten unerwartet an einem Schlaganfall gestorben war, zerplatzten ihre Träume wie Seifenblasen. Er hatte ihr sein Geschäft vererbt.

Sie konnte es immer noch nicht glauben. Nein! Bei der Testamentseröffnung war sie kurz davor gewesen, in Tränen auszubrechen. Sie wollte das Unternehmen nicht. Sie hatte ganz andere Pläne. Genau wie ihre Großmutter wollte sie Antiquitäten verkaufen und ein B&B aufmachen. Es musste ja kein Hotel sein. Nur eine kleine Pension, ein gemütliches viktorianisches Haus, in dem sich ihre Gäste wohl fühlten. Am liebsten in einer kleinen Stadt wie Liberty Hill, wo das Leben nicht an einem vorbeiraste und alte Werte noch Bestand hatten.

Seit Jahren schon sparte sie für dieses Ziel. Und als ihr Vater starb, hatte sie schon eine beträchtliche Summe für die Anzahlung zusammen. Doch der letzte Wille ihres Vaters zerstörte diesen Lebenstraum. Von einer Sekunde auf die andere war alles anders geworden. Sie saß in der Falle. Trauer, Schuld und Pflichtgefühl drohten sie zu ersticken. Nie würde sie vergessen, welch abgrundtiefe Verzweiflung sie in diesen wenigen Sekunden empfunden hatte. Und heute war es nicht viel besser. Ihr Vater hatte ihr sein Lebenswerk anvertraut, und sie brachte es nicht fertig, sich kaltherzig davon zu trennen.

Auch nach seinem Tod wollte sie ihm eine loyale Tochter sein. So hatte sie mit niemandem über ihre wahren Gefühle gesprochen. Doch Myrtle kannte sie zu gut – sie verstand ihre Enkelin auch ohne Worte. Vergeblich hatte sie an Phoebe appelliert, ihre Jugend nicht zu vergeuden, indem sie den Lebenstraum eines anderen lebte. Sie sollte ihrem eigenen Herzen folgen. Aber das schien Phoebe nicht vergönnt.

„Ach du lieber Himmel, Tom und Betty können jeden Moment kommen, und ich bin noch nicht einmal mit dem Packen fertig. Ich weiß wirklich nicht, wo die Zeit geblieben ist! Wo hab ich denn bloß meine Ersatzbrille hingelegt? Die mit dem silbernen Gestell. Ich brauche sie unbedingt, falls ich die andere verliere. Oh, und mein Schirm. Ich darf auf keinen Fall den Schirm vergessen … es sieht ziemlich nach Regen aus. Ach ja, und meine Tabletten gegen den Bluthochdruck … Wo … ?“

Total zerstreut, mit Lockenwicklern im Haar, hastete Myrtle von einem Zimmer ins andere. Beim Anblick ihrer aufgeregten Großmutter konnte Phoebe sich nur mit Mühe ein Lachen verkneifen. Die alte Dame wirkte wie eine junge Braut, die zu spät zu ihrer eigenen Trauung kam.

„Stopp! Gran, so beruhige dich doch. Du unternimmst diese Reise zum Spaß.“

Myrtle hielt mitten in der Bewegung inne. „Entschuldige, Herzchen. Ich bin ganz durcheinander heute Morgen. Eigentlich wollte ich dir noch ein paar Informationen über die Gäste geben, die ich erwarte. Dafür bleibt jetzt leider keine Zeit mehr. Aber keine Angst, vor nächster Woche Freitag ist niemand angemeldet. Du hast also ausreichend Gelegenheit, dich selbst ein wenig einzugewöhnen. Anschließend gibt es wieder ein paar Tage Luft. Aber dann wird’s turbulent. Bis zum ersten Mai sind wir ausgebucht.“

„Hey, das geht aber fix“, entgegnete Phoebe ungläubig. „Du hast das Haus doch erst vor ein paar Wochen in ein B&B umfunktioniert.“

„Du weißt doch, wie das ist“, schmunzelte Myrtle. „Man ruft einen guten Freund an, der informiert ein paar andere gute Freunde, und ehe du dich versiehst, hast du Kontakt mit dem Manager einer einflussreichen Reisegesellschaft, und dann nimmt alles seinen Lauf …“

Plötzlich hielt Myrtle nachdenklich inne und schaute Phoebe über den Rand ihrer Brille an. „Mute ich dir etwa zu viel zu, Liebes? In meiner Begeisterung habe ich gar nicht darüber nachgedacht, wie viel Arbeit das für dich bedeutet. Ganz besonders, wenn man so etwas noch nie gemacht hat. Vielleicht sollte ich Tom und Betty doch besser …“

„Vergiss es“, fiel Phoebe ihr ins Wort. Sie wusste, was Myrtle als Nächstes sagen wollte. „Du wirst unter gar keinen Umständen von dieser Reise zurücktreten, Myrtle Henderson. Wage es ja nicht, die Walkers zu enttäuschen. Sie zählen doch auf dich. Und du redest auch schon seit Wochen über kein anderes Thema mehr. Sieh lieber zu, dass du deine Sachen gepackt kriegst. Und denk daran, einen warmen Pulli mitzunehmen. Auch im Sommer ist es in den Bergen nachts häufig ganz schön kalt. Und wenn Tom hinterm Steuer sitzt, kann man nie wissen, wo man landet. Stell dir vor, er fährt Richtung L.A., und ihr findet euch in Montana wieder.“

„Na, so schlimm ist Tom nun auch wieder nicht“, lachte Myrtle, als der durchdringende Klang einer Hupe sie zusammenzucken ließ. „Oh, mein Gott, da sind sie schon. Und ich habe mein Kopfkissen vergessen. Ohne kann ich nicht schlafen. Und den Schlüssel für den Schuppen und die Gästeliste muss ich dir auch noch geben.“ Myrtle war das reinste Nervenbündel. „Wo ist denn nur mein Insektenspray?“

„Kein Grund zur Panik. Die Gästeliste liegt hier irgendwo herum. Ich habe sie vorhin schon gesehen und werde mich darum kümmern. Der Schlüssel hängt am Haken, und dein Insektenspray hab ich dir gerade in die Tasche gesteckt.“ Phoebe drückte ihrer Großmutter das Kopfkissen in die Arme. „So, und jetzt komm.“

Myrtles faltiges Gesicht strahlte vor Vorfreude, als Phoebe sie verabschiedete. Seufzend schloss sie die Tür hinter sich, nachdem die drei fröhlich winkend abgefahren waren.

Phoebe konnte es kaum erwarten, am Wochenende die ersten Gäste zu empfangen. Als sie in die Küche ging und das alte Kochbuch ihrer Großmutter mit all ihren Lieblingsrezepten auf dem Küchentisch liegen sah, wusste sie, dass nichts mehr schiefgehen konnte.

Ein gewaltiges Unwetter entlud sich über dem Gebirgsmassiv Colorados. Gerade eben noch war Taylor Bishop in Gedanken an seinen Vater und an all das, was er ihm sagen wollte, den Gebirgspass westlich von Liberty Hill entlanggefahren, als ein gewaltiger Regenguss auf die Windschutzscheibe seines schwarzen Mercedes niederprasselte. Fluchend richtete er seine Aufmerksamkeit auf die Straße, doch es war bereits zu spät. Er war von der Straße abgekommen und sah sich auf eine mächtige Pinie zurasen. In letzter Sekunde versuchte er noch, das Steuer herumzureißen und das Bremspedal durchzutreten. Vergeblich. Mit voller Wucht prallte er gegen den Baum.

Hinterher hätte er nicht mehr sagen können, wie lange er in der Dunkelheit in seinem Wagen gewartet hatte, bis der Sturm nachließ. Benommen stellte er fest, dass er das Lenkrad immer noch genauso fest umklammert hielt wie im Augenblick des Aufpralls. Ohne seinen Airbag wäre er zweifellos mit dem Kopf durch die Windschutzscheibe gegangen.

Ein greller Blitz zuckte über den bleischwarzen Himmel und erleuchtete die Gegend. Erst jetzt erkannte Taylor, wie viel Glück er gehabt hatte. Hätte der Baum nicht im Weg gestanden, wäre er direkt in einen Abgrund gestürzt.

Taylor stemmte sich gegen die Fahrertür und konnte sie nur mit Mühe öffnen. Er stieg aus, um den Schaden an seinem Wagen zu begutachten. Der Motorraum war ziehharmonikaartig eingedellt, und auch den Kotflügel hatte es ordentlich erwischt. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als den Abschleppdienst zu bestellen.

Es verging einige Zeit, bis der Abschleppwagen am Unfallort eintraf. „Mein lieber Mann, da haben Sie aber ganz schön Glück gehabt.“ Der Mechaniker in leuchtend gelber Regenbekleidung betrachtete den verbeulten Mercedes und pfiff leise durch die Zähne.

„Das Unwetter hat mich kalt erwischt“, versetzte Taylor genervt und strich sich das triefend nasse, dunkle Haar aus der Stirn.

„Da sind Sie nicht der Erste, dem das passiert“, entgegnete der Mann ernst. „Die meisten kommen allerdings nicht so glimpflich davon. Wo wollten Sie denn hin?“

„Liberty Hill. Auf dem letzten Schild stand, dass es noch zehn Meilen sind.“

Der Mann nickte zustimmend. „Nach diesen Kurven hier geht’s nur noch abwärts. Sie hätten nicht einmal mehr Gas geben müssen.“ Als sein Blick auf das kalifornische Nummernschild fiel, sah er Taylor überrascht an. „Sie haben sicher Familie in Liberty Hill? Ansonsten verschlägt es kaum jemanden in diese Gegend. Zu wem wollen Sie denn? Ich manage hier seit über zwanzig Jahren den Abschleppdienst. Vielleicht kann ich Ihnen ja weiterhelfen.“

Taylor überlegte rasch. Der hilfsbereite Mann hätte ihm sicher sagen können, wo er die McBrides fand. Andererseits hatte er nicht die Absicht, seinen geheimen Racheplan aufs Spiel zu setzen. Zunächst wollte er Gus McBrides Vertrauen gewinnen, ohne seine wahre Identität preiszugeben. Dann würde er zu einem Überraschungsschlag ausholen. Er wollte Vergeltung für das, was dieser Mann seiner Mutter und ihm angetan hatte. Dafür, dass er nicht da gewesen war, als sie beide ihn am meisten brauchten.

Ein rücksichtsloses Vorhaben, das wusste er selbst. Und er wusste auch, dass seine Mutter ganz und gar nicht damit einverstanden wäre. Und doch musste er es tun. Nichts und niemand konnte ihn daran hindern.

„Mein Cousin ist erst vor ein paar Monaten hierhergezogen“, erklärte er mit undurchdringlicher Miene. „Ich glaube nicht, dass Sie ihn kennen.“

Der Mann vom Abschleppdienst fragte nicht weiter, stattdessen vereinbarten sie, dass er Taylor in Liberty Hill absetzen würde, damit der sich eine Unterkunft suchen konnte. Der Wagen sollte in die nächste Werkstatt gebracht werden. Mit einem Leihwagen war auf keinen Fall vor Mitte nächster Woche zu rechnen. Erst dann konnte Taylor also seine Suche nach Gus aufnehmen.

Er war gereizt, und sein erster Eindruck von Liberty Hill trug nicht gerade zur Verbesserung seiner Laune bei. Die Heimatstadt seines Vaters wirkte klein und verschlafen. Der pittoreske Ortskern erweckte den Eindruck, als sei die Zeit stehen geblieben. Altmodische Laternen säumten die Hauptstraße. Jedes Haus hatte eine Veranda und einen kleinen, gepflegten Blumengarten. Im Augenblick konnte Taylor diesem kleinstädtischen Idyll jedoch nichts abgewinnen. Er liebte die Großstadt.

Obwohl der Regen inzwischen nachgelassen hatte, waren die Straßen menschenleer. Dabei war es gerade einmal zehn Uhr. Das einzige Geschäft, das noch nicht geschlossen hatte, war „Ed’s Diner“.

„So, da wären wir.“ Der Mechaniker hielt vor einer kleinen Werkstatt an und lud den zerbeulten Mercedes ab. „Die Werkstatt gehört Curtis Dean. Er macht morgen früh um sechs auf.“ Taylor bezahlte den Mann für seine Mühe und erkundigte sich nach einem Hotel in der Nähe.

„Ein Hotel gibt’s hier nicht, dafür ein B&B, das ‚Mountain View Inn‘. Gehen Sie einfach weiter die Straße entlang. Es ist ein großes viktorianisches Haus, Sie können es gar nicht verfehlen. Es liegt direkt neben einem Antiquitätenladen. Die Inhaberin heißt Myrtle Henderson. Vielleicht haben Sie dort Glück.“

Wenn man bedachte, wie entlegen Liberty Hill war, würde die Pension wohl kaum ausgebucht sein.

„Vielen Dank“, sagte Taylor. „Ich kann es zumindest versuchen.“

Wenige Minuten später stand Taylor vor Myrtles Haus. Auch hier brannte kein Licht mehr. „Verdammt.“ Gingen in dieser Stadt denn alle mit den Hühnern schlafen?

Und was jetzt? Wenn er Myrtle nicht aufweckte, würde ihm nichts anderes übrig bleiben, als die Nacht auf einer Parkbank zu verbringen. Falls es in diesem Kaff überhaupt einen Park gab!

Entschlossen öffnete er das Gartentor und ging zur Veranda. Die Türglocke befand sich direkt neben der altmodischen Haustür mit dem ovalen Fensterglas. Taylor klingelte. In der Stille des Abends war der melodische Ton bis nach draußen zu hören.

Nichts rührte sich. Taylor hob schon die Hand, um energisch gegen die Tür zu klopfen, als im Haus endlich das Licht aufflammte. Durch das ovale Fenster sah er eine Frau näher kommen. Im selben Moment wurde auch die Verandabeleuchtung eingeschaltet. Endlich! Vielleicht blieb ihm die Parkbank ja doch noch erspart.

Taylor sehnte sich nur noch nach einem warmen Bett und Schlaf. Erst als die Haustür von innen geöffnet wurde, fiel ihm ein, dass er vermutlich keinen besonders vertrauenerweckenden Anblick bot. Seine Kleidung war nass und zerrissen, und die Haare klebten ihm im Gesicht. Er musste aussehen wie ein Landstreicher. Es wäre klüger gewesen, sich in „Ed’s Diner“ zumindest Gesicht und Hände zu waschen, bevor er hier auftauchte. Seine Hoffnung auf ein Zimmer sank rapide.

„Entschuldigen Sie, dass ich so spät noch störe, aber ich hatte ein paar Meilen vor der Stadt einen Autounfall“, begann er, als die Tür endlich ganz offen war. „Jetzt suche ich eine Unterkunft …“

Weiter kam er nicht. Beim Anblick der jungen Frau, die da plötzlich im sanften Schein eines antiken Messingkronleuchters vor ihm stand, verschlug es ihm die Sprache. Sie war die schönste Frau, die er je gesehen hatte. Fasziniert starrte er sie an. Als Wirtin einer Frühstückspension hatte er sich automatisch eine ältere Dame vorgestellt. So konnte man sich täuschen!

Lag es am Lichteinfall des antiken Leuchters, oder spielte sein durch den Unfall malträtiertes Hirn ihm einen Streich? Auf jeden Fall sah diese junge Frau aus wie ein Wesen aus längst vergangener Zeit. Und er hatte das seltsame Gefühl, in diese Zeit einzutauchen.

Alles an ihr wirkte weich. Das blonde Haar fiel ihr in sanften Wellen über die Schulter, das altmodische Nachthemd aus einem fließenden Stoff und der dazu passende Morgenmantel bedeckten ihren Körper völlig, und doch war der Stoff traumhaft zart. Offensichtlich hatte sie gerade eben ein Bad genommen. Sie duftete nach frischer Seife, und ihre Haarspitzen waren noch feucht. Doch all das nahm er nur unterbewusst wahr. Sein Blick war wie gebannt auf ihr Gesicht geheftet, ein Gesicht von makelloser Schönheit.

Taylor schluckte. Er musste sofort aufhören, sie anzustarren! Was sollte sie denn von ihm denken? „Der Mann vom Abschleppdienst sagte mir, dass Sie Zimmer vermieten“, fuhr er mit belegter Stimme fort. „Ich …“

Ein zuckender Blitz erhellte den Abendhimmel, gefolgt von lautem Donnerkrachen. Beide fuhren erschrocken zusammen. Und bevor Taylor noch etwas sagen konnte, gingen im Haus und auf der Veranda die Lichter aus.

2. KAPITEL

Phoebe hielt die Luft an. Die Dunkelheit, die sie plötzlich umgab, war so vollständig, dass ihr unwillkürlich schauderte. Erst beim nächsten Blitz konnte sie wieder die Silhouette des fremden Mannes in der Tür erkennen.

In der Dunkelheit wirkte er riesig! Phoebe klopfte das Herz bis zum Hals. Dabei gehörte sie keineswegs zu jenem ängstlichen Typ Frau, der überall Gefahren witterte. Es gab auch überhaupt keinen Grund, sich zu fürchten. Sie war in Liberty Hill, Colorado. Was sollte ihr schon passieren? Hier trieben weder Axtmörder noch andere gefährliche Verbrecher ihr Unwesen. Phoebe konnte sich in ganz Amerika keinen sichereren Platz vorstellen.

Es war nur so, dass in stürmischen Nächten wie dieser gelegentlich die Fantasie mit ihr durchging. Die dunkle Gestalt im Türrahmen hatte zweifellos etwas Unheimliches an sich. Einen unwirklichen Moment lang stellte sie sich vor, den Geist ihres Vaters vor sich zu sehen, der von ihr zu wissen verlangte, warum sie sein Unternehmen, sein Lebenswerk, so schändlich vernachlässigte. Das sähe Jack Chandler ähnlich. Bestimmt würde er sich im Grab umdrehen, wenn er wüsste, dass sie sich um das B&B ihrer Großmutter kümmerte.

Fast fühlte sie sich schuldig. Doch nur fast. Es gab keinerlei Gründe für Schuldgefühle. Sie war ein erwachsener Mensch und konnte ihre Zeit verbringen, wie immer es ihr behagte.

Und was diesen seltsamen Fremden betraf, so hatte ihr ein Blick in sein ernstes Gesicht und auf seine derangierte Erscheinung genügt, um zu erkennen, dass er kein Gespenst war. Er brauchte Hilfe, während sie nur dastand und nicht wusste, was sie tun sollte.

„Genau genommen gehört das B&B meiner Grandma“, erklärte sie hastig. „Ich schaue nur nach dem Rechten, während sie im Urlaub ist. Wenn Sie einen Augenblick warten, hole ich eine Kerze. In diesem alten Haus brechen bei Unwetter oft die elektrischen Leitungen zusammen.“

Sie ließ ihn an der Tür stehen und tastete sich durchs Haus – sorgfältig darauf bedacht, möglichst nicht gegen Tische und Stühle zu stoßen. Glücklicherweise kannte sie jedes einzelne Zimmer wie ihre Westentasche. Was die elektrischen Leitungen betraf, hatte sie die Wahrheit gesagt. Wie oft hatte Myrtle bei einem Unwetter Öllampen und Kerzen herausgestellt und auf dem Gasofen einen Kessel Wasser für Tee aufgesetzt. Gemeinsam hatten sie dann eine Teeparty im Dunkeln gefeiert. Es war herrlich gewesen, Myrtles Geschichten über ihre abenteuerlustigen Vorfahren anzuhören – Geschichten aus der Zeit, als sie in überdachten Kutschen nach Colorado gekommen waren und sich dort niedergelassen hatten.

Doch jetzt war nicht der richtige Moment, das Unwetter zu genießen – nicht, solange der Fremde vor ihrer Tür stand. Mit ein paar raschen Handgriffen hatte Phoebe Kerzen und Streichhölzer herausgesucht, zündete eine Kerze an und stellte sie in ein Windlicht. Dann eilte sie zur Haustür zurück.

„Gibt es in dieser Gegend öfter Tornados?“ Der Fremde sah besorgt zum Himmel.

Phoebe zuckte ungerührt die Achseln. „Manchmal. Aber für heute ist das Schlimmste vorbei. In den Nachrichten habe ich gehört, dass die Schlechtwetterfront vor einer Stunde hier durchgezogen ist. Der Wind wird allerdings noch über Nacht anhalten.“

„Wie ich bereits sagte, ich brauche ein Zimmer“, kam Taylor auf sein Anliegen zurück. „Es sollte möglichst ruhig gelegen sein. Ich möchte nicht gestört werden.“

Seinem Tonfall nach zu urteilen, war er ein Mann, der stets bekam, was er wollte. Obwohl ihn das in Phoebes Augen nicht gerade sympathisch machte, war ihr bewusst, dass er als zahlender Gast sehr wohl ein Recht auf zuvorkommende Behandlung hatte. Sie hob die Kerze, um ihn besser betrachten zu können. Er war zugegebenermaßen ein gut aussehender Mann – schlank und sportlich und mit ausgeprägt männlichen Zügen, die ihr irgendwie vertraut vorkamen. Dabei war sie ziemlich sicher, dass sie ihm nie zuvor begegnet war. Diese ausdrucksvollen braunen Augen hätte sie niemals vergessen. Sein Blick war so durchdringend, als schaue er ihr geradewegs in die Seele.

„Wie lange möchten Sie denn bleiben?“, fragte sie voller Unbehagen. „Nur für eine Nacht oder bis Ihr Auto wieder in Ordnung ist?“

„Länger. Vielleicht einen Monat. Genau weiß ich es noch nicht.“

Phoebe liebte Liberty Hill, war sich aber wohl bewusst, dass die kleine Stadt nicht gerade zu den Touristenhochburgen gehörte. Ein verwöhnter und wohlhabender Mann wie dieser würde sich bereits nach zwei Tagen tödlich langweilen. Auch wenn seine Kleidung durch den Unfall ziemlich gelitten hatte, war sie zweifellos ziemlich teuer gewesen.

„Darf ich fragen, was Sie für einen ganzen Monat hier hält? Liberty Hill ist eine langweilige Stadt. Sie brauchen nicht einmal zehn Minuten, um alles zu sehen.“

Taylor zögerte mit der Antwort. „Ich bin Schriftsteller“, entgegnete er widerstrebend. „Ich arbeite an einem Buch über die Besiedlungsgeschichte von Colorado.“

Schriftsteller? Darauf hätte sie nie im Leben getippt. Bisher war sie immer stolz auf ihre gute Menschenkenntnis gewesen. Dass in diesem Fremden eine kreative Ader schlummerte, überraschte sie nun wirklich. Spontan hätte sie ihn für einen Immobilienmakler oder Anlageberater gehalten. Irgendwie sah er nach Geld aus.

Das entschuldigte jedoch nicht seine Unfreundlichkeit. Es war zwar verständlich, dass er sich über sein kaputtes Auto ärgerte, aber sein Groll schien tiefer zu sitzen, und das irritierte sie. Sie mochte Menschen … sie unterhielt sich gerne. Doch dieser Mann wirkte unnahbar.

Am liebsten würde sie ihn wieder wegschicken. Hinaus in den Regen. Sollte er sich doch woanders eine Unterkunft suchen. Wie konnten die anderen Pensionsgäste sich hier noch wohlfühlen, wenn dieser Typ schlechte Laune verbreitete?

Aber ihn abzuweisen kam natürlich nicht wirklich infrage. Es war eine fürchterliche Nacht, und er hatte wahrhaftig schon genug durchgestanden. Außerdem gab es in ganz Liberty Hill keine einzige weitere Unterkunft, wo er hätte absteigen können. Das nächste Hotel lag dreißig Meilen entfernt. Wie sollte er dort hinkommen? Zu Fuß? Immerhin war sein Auto kaputt. Sie durfte unmöglich so gefühllos sein.

„Kommen Sie rein.“ Sie lächelte freundlich, und er bemerkte die reizvollen Grübchen in ihren Wangen. „Ich bin Phoebe Chandler.“ Taylor trat über die Schwelle. „Entschuldigen Sie bitte, aber ich habe Ihren Namen nicht verstanden.“

„Taylor Bishop“, entgegnete er knapp.

Phoebe streckte ihm die Hand entgegen. „Nett, Sie kennenzulernen. Ich hoffe, Sie fühlen sich wohl hier.“

Er drückte kurz ihre Hand. „Es wird schon gehen.“

Nach all der Mühe, die Myrtle in den Umbau des „Mountain View Inn“ investiert hatte, klang das ziemlich lauwarm. Seine Worte waren, gelinde gesagt, eine Unverschämtheit. Es wird schon gehen. Abfälliger konnte er sich kaum äußern.

Trotz ihrer Verärgerung behielt Phoebe ihren freundlichen Ton bei. „Ich denke, wir haben etwas mehr zu bieten als das.“

„Mehr brauche ich nicht. Ich bin schon zufrieden, wenn ich in Ruhe arbeiten kann.“

Das war deutlich, dachte Phoebe wütend. Er glaubte wohl, sie würde ihn mit aufdringlicher Fürsorge beglucken. Nun, da hatte er sich geirrt. Ihretwegen sollte er doch seine Ruhe haben. „Gut, kommen Sie, ich zeige Ihnen Ihr Zimmer.“

Sie drehte sich auf dem Absatz um und stieg vorsichtig die Treppe hinauf. Wenn doch der Strom bloß endlich wieder funktionierte! Erst jetzt wurde ihr bewusst, wie intim Kerzenlicht sein konnte. Und auch die Stille in Myrtles Haus wirkte beunruhigend. Es war so leise, dass sie fast befürchtete, er könne ihren Herzschlag hören. Spürte er ihre Gegenwart ebenso intensiv wie sie seine? Sie waren ganz allein in diesem großen, dunklen Haus. Da konnte allerhand passieren …

Bevor ihre Fantasie völlig mit ihr durchging, öffnete sie die Tür zu einem der abgelegeneren Zimmer am anderen Ende des Hauses. „Es ist nicht sehr geräumig, aber ich denke, es wird Ihnen gefallen. Auf dieser Seite hört man nicht einmal den Straßenlärm. Außerdem haben Sie eine herrliche Aussicht in den Garten. Hier wird Sie garantiert niemand bei der Arbeit stören.“

Das Zimmer war tatsächlich sehr schön. Die schweren Möbel und die in Dunkelrot gehaltene Dekoration wirkten sehr geschmackvoll. Taylor Bishop sah sich um. „Das ist in Ordnung.“ Es klang herablassend, und Phoebe registrierte, dass sie schon wieder wütend wurde. Bleib ruhig, ermahnte sie sich im Stillen. Er ist nur ein Gast. Du musst ihn ja nicht mögen. Schließlich würde er ja nicht ewig bleiben. Ihr Job war es, ihm seinen Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen. Und wenn er ihr Entgegenkommen nicht schätzte, dann war das ganz allein sein Problem.

„Das Badezimmer liegt direkt gegenüber, falls Sie mit den Handtüchern in Ihrem Zimmer nicht auskommen, nehmen Sie sich bitte so viele, wie Sie brauchen, aus dem Wäscheschrank. Frühstück gibt es zwischen sieben und zehn Uhr im Speiseraum. Falls Sie sonst noch etwas benötigen, lassen Sie es mich bitte morgen früh wissen. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt.“

Nachdem sie ihren Text heruntergerattert hatte, nickte sie ihm kurz zu und wandte sich zum Gehen. Phoebe wusste, dass das nicht besonders höflich war, aber er schien es ja nicht anders zu wollen.

Auch gut. Er war eben nicht die Art Gast, für die es sich lohnte, die Wäsche liebevoll auf der Wäscheleine zu trocknen, damit sie besonders frisch duftete, und neue Frühstücksrezepte auszuprobieren. Phoebe kochte innerlich vor Wut, als sie ihr eigenes Zimmer betrat und die Tür etwas zu heftig hinter sich ins Schloss zog.

Endlich allein, entdeckte Taylor in der untersten Schublade des Schreibtisches das, was er dringend brauchte – ein Telefonbuch. Nach knappen fünfzehn Sekunden hatte er den Namen McBride gefunden. Es gab zwei McBrides in Liberty Hill: Joe und Zeke.

Ein Gus McBride war nicht dabei. Taylor runzelte nachdenklich die Stirn. Vielleicht hatte er eine Geheimnummer – oder er war umgezogen. Immerhin war es inzwischen einundvierzig Jahre her, seit Gus und seine Mutter diese eine schicksalhafte Nacht bei dem Rodeo in Cheyenne miteinander verbracht hatten. Gus hatte sich als Cowboy ausgegeben. Doch er konnte ebenso gut gelogen haben, um ein unschuldiges junges Mädchen zu beeindrucken.

Wie auch immer, es gab McBrides in Liberty Hill, und es würde leicht sein herauszufinden, ob die mit Gus verwandt waren. Die Chancen standen gut. Immerhin war Liberty Hill ein winziges Kaff. Er würde Joe und Zeke nach Gus fragen. Dann würde er den alten Mann aufspüren und ihm sagen, was er von ihm hielt.

Taylor hatte keine Ahnung, wie oft er sich diesen Moment in den letzten Jahren ausgemalt hatte, doch als er sich jetzt auszog und in das riesige Himmelbett legte, das den kleinen Raum dominierte, konnte er sich plötzlich überhaupt nicht mehr auf das bevorstehende Zusammentreffen konzentrieren. Die Stille des Hauses hielt ihn umfangen, und die sanfte Brise, die durch das geöffnete Fenster ins Zimmer strömte, erinnerte ihn daran, dass er nicht mehr in San Diego war. Plötzlich nahm er ganz deutlich die duftende Frische der Bettwäsche wahr, und in Gedanken sah er Phoebe Chandler vor sich.

Was war nur mit ihm los? Er musste eine Mission erfüllen. Was ging ihn die Enkelin der Besitzerin dieser Frühstückspension an? Zugegeben, ihre natürliche Schönheit war ihm nicht entgangen. Allerdings war sie überhaupt nicht sein Typ. Er mochte Frauen der gehobenen Gesellschaft – Frauen von Welt. Und soweit er es beurteilen konnte, gehörte Phoebe Chandler nicht dazu. Nicht, dass das von Bedeutung war. Im Moment hatte er sowieso keine Zeit für Frauen. Ihn interessierte nur eins: Er musste seinen Erzeuger finden und ihn dafür bezahlen lassen, was er seiner Mutter und ihm angetan hatte.

Immerhin hatte er seine Prioritäten jetzt wieder klar und deutlich vor sich. Phoebes Bild war vergessen. Er konzentrierte sich auf Joe und Zeke McBride. Wie sollte er ihnen gegenübertreten? Normalerweise folgte er seiner Intuition. Er ließ die Dinge einfach auf sich zukommen und handelte dann. Doch der Fall Gus McBride war ihm zu wichtig. Hier wollte er nichts dem Zufall überlassen.

Erneut versuchte er sich zu konzentrieren. Er war es gewöhnt, nachts über komplizierte Fälle nachzudenken, ohne auch nur eine Spur von Müdigkeit zu empfinden. Doch heute war es anders. Ständig fielen ihm die Augen zu, und seine Aufmerksamkeit ließ nach. Seufzend gab er den Kampf gegen den Schlaf schließlich auf.

Sein letzter Gedanke hätte seinem Vater gelten müssen, doch stattdessen erinnerte das laue Lüftchen, das durchs offene Fenster strich, ihn an ihren Duft: zart, süß und sehr weiblich. So kam es, dass er Phoebe mit in seine Träume nahm.

Als Phoebe am nächsten Morgen auf leisen Sohlen die Treppe herunterkam, war es noch dunkel draußen. Kein Mensch war auf der Straße, kein Telefon klingelte, und auch Radios und Fernseher schwiegen. Wahrscheinlich war sie die Erste, die in Liberty Hill auf den Beinen war. Phoebe liebte diese frühen Morgenstunden.

Doch heute konnte sie die Zeit nicht so recht genießen. Obwohl ihr neuer Gast gestern Abend deutlich zu verstehen gegeben hatte, dass er seine Ruhe haben wollte, musste sie natürlich trotzdem Frühstück für ihn machen. Seltsamerweise war sie ziemlich sicher, dass er zur Fraktion der Frühaufsteher gehörte. Sie konnte von Glück sagen, wenn sie wenigstens noch zwei Stunden für sich hatte. Und sie würde sie nutzen, bevor sie Mr. Wichtigtuer unter die Augen trat.

Mr. Wichtigtuer, was für ein merkwürdiger Spitzname. Phoebe schmunzelte. Wie war sie nur darauf gekommen? Besonders nett war das nicht. Auch wenn sie Taylor Bishop nicht wirklich mochte, verfügte schließlich jeder Mensch auch über gute Eigenschaften. Immerhin sah er unverschämt gut aus. Aber gutes Aussehen allein genügte nicht. So leicht war sie nicht zu beeindrucken.

Warum zerbrach sie sich überhaupt den Kopf über ihn? Im Grunde genommen konnte er ihr doch egal sein. Als Schriftsteller würde er sich sowieso die meiste Zeit in seinem Zimmer aufhalten. Mit ein bisschen Glück würden sie sich ausschließlich zum Frühstück begegnen. Und wenn die anderen Gäste erst eingetroffen waren, würde sie sich sowieso die meiste Zeit in der Küche aufhalten. Phoebe plante nämlich, ihre Gäste jeden Morgen mit einem besonderen Leckerbissen zu empfangen. Sie hatte wahrhaftig mehr zu bieten als gewöhnlichen Schinken mit Eiern.

Mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen, die Arme voller köstlicher Zutaten aus der Vorratskammer, wollte sie gerade die Küche betreten, als ein undefinierbares Geräusch die morgendliche Stille störte. Phoebe hielt inne und horchte.

„Du meine Güte“, sagte sie sanft. „Das klingt nach Hundebabys.“

Rasch deponierte sie die Sachen, die sie immer noch im Arm hielt, auf den Küchentisch, schnappte sich eine Taschenlampe und ging durch die Hintertür nach draußen. Jetzt hörte sie das Wimmern und Jaulen ganz deutlich. Es kam unter der Veranda her.

Im Nachthemd stürzte sie die Stufen der Treppe hinab und leuchtete mit der Taschenlampe unter die Verandabretter. Beim Anblick der sechs niedlichen Labradormischlinge, die sie erwartungsvoll anschauten, lächelte sie zärtlich. „Oh, ihr Armen! Habt ihr Hunger? Hat eure Mom euch allein gelassen?“

Die Kleinen wackelten aufgeregt mit den Schwänzchen und begrüßten Phoebe mit einem tapferen „Woof, woof“. Sie waren so süß und zutraulich, dass Phoebe im Handumdrehen ihr Herz verlor. Rasch brachte sie die Welpen in die Küche und gab ihnen etwas zu fressen.

Das Bellen von Hundebabys und der Klang eines glücklichen Frauenlachens rissen Taylor am nächsten Morgen aus dem Schlaf. Im ersten Moment wusste er nicht, wo er war.

Da war das Lachen wieder. Langsam dämmerte es ihm. Bilder vom Vorabend stiegen in ihm auf. Der Autounfall, Liberty Hill, Phoebe Chandler – sie war diejenige, die gelacht hatte –, diese faszinierende junge Frau mit dem Gesicht eines Engels.

Er konnte es kaum fassen, aber er hatte schon wieder an sie gedacht. Ihretwegen war er nachts ständig aus dem Schlaf hochgeschreckt – und jedes Mal, wenn er die Augen schloss, sah er sie erneut vor sich, wie sie in ihrem altmodischen Nachthemd und mit dem wallenden Haar im Licht des Eingangs gestanden hatte. Und jetzt dominierte sie schon wieder sein Bewusstsein.

Verdammt ärgerlich. Eine solche Ablenkung konnte er jetzt überhaupt nicht gebrauchen. Er hatte Wichtigeres zu tun, als hier tatenlos herumzuliegen und von der altmodischen Lady da unten zu träumen. Mit Schwung warf er die Decke zur Seite und ging ins Badezimmer. Gleich nach dem Duschen würde er in Colorado Springs anrufen und einen Leihwagen anfordern, um sich endlich auf die Suche nach seinem Erzeuger zu machen.

Als Taylor zehn Minuten später die Treppe hinabstieg, hatte er den Wagen bereits bestellt. Es würde ein paar Tage dauern, bis er eintraf, aber sobald er da war, würde Taylor die beiden McBrides aus dem Telefonbuch aufsuchen.

Taylor war so in seine Pläne vertieft, dass er darüber sogar das Frühstück vergaß. Er ignorierte sogar den Duft nach gebratenen Äpfeln mit Zimt. Schließlich war es Phoebes helles Lachen, das ihn magisch anzog. Anstatt das Haus zu verlassen, wie er es geplant hatte, betrat er die Küche.

Phoebe trug noch dieselben Sachen wie am Vorabend – das wallende Nachthemd, das ihn um den Schlaf gebracht hatte. Ob die Lady wohl immer im Nachtzeug Frühstück machte, oder galt dieser besondere Service ihm? Was für ein unsinniger Gedanke. Phoebe Chandler wusste ja nicht einmal, dass er sie beobachtete.

Ihre ganze Aufmerksamkeit galt den Hundebabys in ihrem Schoß, die tollpatschig und verspielt übereinanderkletterten, mit den Schwänzchen wackelten und ihr begeistert das Gesicht leckten. Phoebe kicherte, und Taylor lächelte gegen seinen Willen. Es war das erste Lächeln seit dem Tod seiner Mutter.

Keine Frau hatte das Recht, so früh am Morgen schon so wunderschön auszusehen. Phoebe hatte das Haar mit einer Spange hochgesteckt, aber sie trug keine Spur von Make-up. Sie hatte sich nicht einmal die Zeit genommen, Schuhe anzuziehen. Ihre nackten Füße lugten unter dem Saum ihres Nachthemds hervor. Ihre Fußnägel waren rosa lackiert. Unwillkürlich stellte er sich vor, wie sie bei Kerzenschein im Badezimmer saß und sich die Zehennägel lackierte, während sie die Füße auf die altertümliche Badewanne mit den klauenartig geformten Keramikfüßen stützte.

Zum wiederholten Mal rief Taylor sich in Erinnerung, dass Phoebe ganz und gar nicht sein Typ war. Man konnte sie weder als mondän bezeichnen, noch bewegte sie sich in einflussreichen politischen Kreisen. Phoebe konnte ihm überhaupt nicht gefallen – und trotzdem zog sie ihn in ihren Bann. Er beobachtete, wie sie ein Hundebaby nach dem anderen zärtlich küsste und dann in einen Pappkarton setzte, in dem sie ein Lager für die Kleinen hergerichtet hatte. Taylors Blick wanderte zu ihrem Mund. Ob sich ihre Lippen wohl so warm und weich anfühlten, wie sie aussahen?

„Guten Morgen“, riss Phoebe ihn aus seinen Gedanken. „Entschuldigung, dass ich noch nicht angezogen bin. Aber ich habe unerwartete Gäste. Hoffentlich haben sie Sie nicht aufgeweckt.“

„Ich bin ohnehin Frühaufsteher“, entgegnete er kurz angebunden. Dann nickte er in Richtung Hundebabys. „Wo ist denn die Mutter?“

„Keine Ahnung.“ Sie stand auf. „Sieht so aus, als hätte sie sie im Stich gelassen. Ich habe schon Merry McBride angerufen, damit sie die Kleinen nachher abholt.“

„Wer ist Merry McBride?“ Taylor konnte sein Glück kaum fassen. Da er wusste, dass Phoebe die Pension ihrer Großmutter nur aushilfsweise führte, hätte er im Traum nicht daran gedacht, dass sie die Einwohner von Liberty Hill kannte – schon gar nicht die McBrides. „Gehört ihr das örtliche Tierheim?“

„Nein. Eigentlich ist sie Tierärztin, aber sie wird sich trotzdem um die Hunde kümmern und ein Zuhause für sie finden.“

Taylor wollte noch weiterfragen und so viel wie möglich über die McBrides herausfinden, als ihm bewusst wurde, dass er sich ja als Schriftsteller ausgegeben hatte. Neugierige Fragen fielen wohl eher in den Zuständigkeitsbereich von Anwälten. Er konnte versuchen, vorsichtig nachzuhaken, aber es durfte nicht nach einem Kreuzverhör aussehen.

„McBride“, meinte er so beiläufig wie möglich. „Ich glaube, den Namen habe ich schon einmal gehört. Führt Merry McBrides Mann zufällig eine Ranch hier in der Gegend?“

„McBride ist ihr Mädchenname. Sie ist mit Nick Kincaid, dem Sheriff, verheiratet. Die McBrides sind allerdings seit über hundert Jahren Rancher in Liberty Hill. Sie sollten auf jeden Fall mit ihnen reden. Bestimmt können sie Ihnen wertvolle Informationen für Ihr Buch liefern.“

Taylor wunderte sich, dass sie ihm so bereitwillig Auskunft über die McBrides gab. Fragte sich nur, ob es sich tatsächlich um die McBrides handelte, von denen sein Vater abstammte. Seine Mutter hatte gesagt, sein Vater sei Cowboy gewesen. Um wie viele Ecken war er mit Merry, der Tierärztin, verwandt? Und wieso wusste Phoebe so gut über die Familie McBride Bescheid?

Neugierig geworden, zog er sich einen Stuhl an den Küchentisch und stellte ihr genau diese Frage. „Warum wissen Sie so viel über die McBrides? Gute Freunde von Ihnen?“

Phoebe lächelte. „Ich kenne die McBrides schon mein Leben lang. Meine Großmutter und Sara McBride sind die besten Freundinnen.“

„Und Sara McBride ist …?“

„Merrys Mutter. Sie und Myrtle haben bereits zusammen die Schulbank gedrückt. Sie sind zusammen aufs College gegangen und waren immer wie Schwestern.“

„Gibt es auch einen Mr. McBride?“

„Gus.“

Phoebe sprach den Namen seines Vaters mit einer Selbstverständlichkeit aus, dass ihm beinahe die Luft wegblieb. Wenn sie wüsste, wie sehr er nach dieser Information gelechzt hatte! Er hatte den Kerl gefunden, dabei war er gerade erst in Liberty Hill angekommen. Nie hätte er für möglich gehalten, dass es so einfach sein würde. Jetzt brauchte er nur noch die Adresse.

Direkt danach fragen mochte er jedoch nicht. Das wäre nun doch zu auffällig. Er musste sich also etwas einfallen lassen. „Wenn Sara so alt ist wie Ihre Großmutter, ist Gus doch sicher auch schon ein älterer Herr. Betreibt er seine Ranch denn immer noch selbst? Oder gehen Rancher auch irgendwann in Rente? Erzählen Sie mir doch ein bisschen über ihn.“

„Über Gus?“ Phoebe klang überrascht. „Tut mir leid. Habe ich das nicht erwähnt? Gus ist vor zwanzig Jahren gestorben.“

3. KAPITEL

Taylor erstarrte. Gus war tot? Unmöglich! Er konnte nicht tot sein. Nicht jetzt, da er ihn endlich aufgespürt hatte! So grausam konnte das Schicksal nicht sein.

Phoebe musste sich irren. Doch ein Blick in ihr Gesicht reichte, um jeglichen Zweifel zu zerstreuen. Sie kannte die McBrides. Und weshalb sollte sie lügen?

Mit einem Mal begriff Taylor, was diese Enthüllung für ihn bedeutete. Es würde keine Rache geben. Es war zu spät. Gus würde nicht für seine Tat geradestehen müssen. Der Schuft hatte seine Mutter benutzt und sie dann sitzen lassen – schwanger und ohne einen Penny. Und welche Strafe hatte er dafür bekommen? Ein Leben in Wohlstand auf einer großen und angesehenen Ranch. Er hatte eine Frau gehabt und Kinder, die nicht einmal ahnten, was ihr Vater in Wirklichkeit für ein Mensch gewesen war.

Das ist nicht fair, dachte Taylor bitter. „Dann ist er sehr jung gestorben?“, fragte er schroff.

„O ja, das ist er. Wenn ich mich recht erinnere, war Joe gerade mit der Highschool fertig. Das heißt, Gus muss so ungefähr Mitte vierzig gewesen sein. Ganz genau kann ich es allerdings nicht sagen. Ich war damals ja noch ein Kind. Ich glaube, er erlitt einen Herzinfarkt. Das war ein großer Schock für alle. Besonders natürlich für die arme Sara. Sie hat Gus so sehr geliebt … Ich glaube, die beiden waren sehr glücklich miteinander. Niemand hätte gedacht, dass sie jemals wieder heiraten würde. Aber wahrscheinlich ist was dran an dem Sprichwort: ‚Die Zeit heilt alle Wunden.‘ Im Moment ist sie nämlich mit Dr. Michaels auf Hochzeitsreise in Mexiko.“ Phoebe lächelte verträumt. „Ach, es war eine wundervolle Hochzeit.“

Taylor wäre beinahe herausgerutscht, dass ihn die Hochzeit von Sara McBride herzlich wenig interessierte. Immerhin hatte sein Vater seine Mutter ihretwegen sitzen lassen. Es war ihm wohl kaum zu verdenken, dass er sie von vornherein ablehnte. Ohne Sara wäre das Leben seiner Mutter sicher angenehmer verlaufen.

Taylor hatte erwartet, seine feindseligen Gefühle kontrollieren zu können. Offensichtlich war das nicht so. Irgendetwas in seinen Zügen erweckte Phoebes Misstrauen. Das verträumte Lächeln war verschwunden, und sie sah ihn fragend an. „Was ist denn los? Stimmt etwas nicht?“

Ob etwas nicht stimmte? Die Frage musste wohl eher lauten, ob überhaupt noch irgendetwas stimmte. Als er sich von seiner Arbeit hatte beurlauben lassen, um die Suche nach seinem Vater aufzunehmen, war ihm alles so leicht erschienen. Doch leider war er nun der Dumme. Gus war tot. Ende der Geschichte.

Verbittert, weil seine Pläne zum Teufel waren, wollte er nur noch eins – weg von hier. Er musste allein sein, brauchte Zeit zum Nachdenken. „Doch, doch. Es ist alles in Ordnung. Aber ich würde jetzt gern anfangen zu arbeiten. Gibt es hier in der Nähe eine Bibliothek? Dort finde ich sicher ein paar alte Chroniken.“

Phoebe beschrieb ihm den Weg zur Bücherei. Taylor bedankte sich und wandte sich zum Gehen.

„Halt, warten Sie. Sie haben ja noch gar nicht gefrühstückt. Ich bin in zehn Minuten fertig“, hielt Phœbe ihn zurück.

„Sparen Sie sich die Mühe“, brummte er. „Ich bin nicht hungrig.“

Er war aus der Tür, bevor sie ein Wort erwidern konnte. Fassungslos starrte sie hinter ihm her. Er war nicht hungrig? Und das, nachdem sie in aller Frühe aufgestanden war, um sein Frühstück zuzubereiten? Das konnte unmöglich sein Ernst sein.

Doch Sekunden später schlug die Haustür hinter ihm zu, und sie war allein. Phoebe betrachtete den köstlichen Apfelstrudel mit Vanillesauce, die selbst gebackenen Croissants und den Schinken, den sie mit den Eiern hatte braten wollen. Sie wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Es gab Milliarden von Menschen auf dieser Welt. Wieso war ausgerechnet Taylor Bishop vor ihrer Tür gestrandet?

Es war ein herrlicher Sommermorgen, kühl und klar. Und unter anderen Umständen hätte Taylor einen flotten Spaziergang zu schätzen gewusst. Aber heute stürmte er nur in Richtung Bibliothek, ohne auch nur einen Blick für die Schönheit des Morgens zu haben. Mit jedem Schritt wuchs sein Groll. Dieser verdammte Gus McBride! Solange Taylor denken konnte, hatte er diesen gesichtslosen Mann gehasst, der niemals für ihn da gewesen war wie andere Väter für ihre Söhne. Er hatte nur eine Antwort auf die ständig bohrende Frage gewollt: Warum? Und jetzt würde er nicht einmal mehr die bekommen.

Seine Mutter hätte wahrscheinlich auch noch um Gus getrauert. Taylor hatte nie verstanden, wieso sie diesem Mann nicht grollte. Er hatte ihre Liebe nicht erwidert, sonst wäre er nicht einfach weggegangen.

Und das alles ohne Konsequenzen für sein weiteres Leben, dachte Taylor grimmig. Er hatte sich einfach aus der Verantwortung gestohlen. Damals und heute auch noch. Taylor wusste natürlich, dass das Unsinn war. Schließlich war Gus nicht absichtlich gestorben, um auf diese Weise der Konfrontation mit seinem unehelichen Sohn zu entgehen. Aber für ihn fühlte es sich so an. Und es machte ihn wütend, dass Gus seine Gefühle derart beherrschte. Selbst über den Tod hinaus.

Was konnte er jetzt noch tun? Bei Licht besehen, gab es nun gar keinen Grund mehr, die Scharade vom interessierten Schriftsteller weiter fortzusetzen. Er konnte genauso gut ins „Mountain View Inn“ zurückkehren, seine Sachen packen und nach Hause fahren.

Und doch führte ihn sein Weg weiter in Richtung Bibliothek, und plötzlich fand er sich auf den Eingangsstufen wieder. Hier eröffnete sich ihm die Chance, etwas über Gus McBride herauszufinden, hier, in dieser kleinen Stadt, in dieser alten Bücherei mit ihren Chroniken. Anschließend würde er stillschweigend nach Hause fahren und den Mann, den er hätte Dad nennen sollen, vergessen.

In der Bibliothek herrschte nicht gerade Hochbetrieb. Außer einer alten Frau, die in der Abteilung für Ahnenforschung an ihrem Stammbaum bastelte, und einem älteren Herrn mit dicken Brillengläsern, der über die Tageszeitung gebeugt auf einem abgenutzten Lederstuhl saß, war da nur noch die Bibliothekarin, die eifrig die Bücherregale abstaubte.

Taylor begab sich sofort in die Abteilung für regionale Geschichte, die direkt neben dem Zeitungsarchiv lag. Ausgezeichnet! Nun konnte er in aller Ruhe seine Neugier über den Mann, der sein Vater gewesen war, befriedigen.

Er beschloss, Gus McBrides Leben rückwärts aufzublättern. Das bedeutete, er würde mit dem Nachruf beginnen.

Taylor fand schnell, was er suchte. Liberty Hill war nur eine kleine Gemeinde. Hier starben jede Woche nur ein paar Leute. In wenigen Minuten hatte er die Todesanzeigen der vergangenen zwanzig Jahre durchgesehen.

GUS McBride IST TOT

Die Überschrift sprang ihm sofort ins Auge. Taylor starrte wie gebannt darauf und begann zu lesen.

Gus McBride starb am dritten Oktober 1983 im Alter von vierundvierzig Jahren auf seiner Ranch in Liberty Hill. Er hinterließ seine liebende Frau Sara J. McBride und seine Kinder Joseph McBride, Jane McBride, Zeke McBride und Merry McBride sowie zahlreiche Neffen und Nichten.

Gus McBride gehörte zu den Gründer-Familien von Liberty Hill und war von 1979 bis 1983 Präsident der Viehzüchtervereinigung. In den letzten fünfzehn Jahren seines Lebens war er Anführer der Boy Scouts und engagierte sich als Dekan in der Kirchengemeinde. Als liebender Ehemann und Vater wird er in den Herzen seiner Frau und seiner Kinder unvergesslich bleiben.

Abschiedsbesuche bitte Dienstagabend zwischen 19.00 und 21.00 Uhr in der Friedhofskapelle von Liberty Hill. Der Aussegnungsgottesdienst findet am Mittwoch, den sechsten Oktober, um 10.00 Uhr im Haus der McBrides statt. Anschließend wird Gus McBride auf dem Familienfriedhof bei Twin Pines bestattet.

Taylor konnte hinterher nicht mehr sagen, wie lange er an dem alten, abgenutzten Eichentisch gesessen und auf den vergilbten Nachruf seines Vaters gestarrt hatte, bevor er überhaupt begriff, was er da las. Von Phoebe wusste er bereits rein zufällig, dass er eine Schwester und einen Bruder hatte. Nun stellte er fest, dass es sogar zwei Schwestern und zwei Brüder waren. Natürlich hatte er damit gerechnet, Geschwister zu haben. Aber gleich vier!

Und doch empfand er nichts. Nichts als Groll.

Gus McBrides eheliche Kinder waren auf der Familienranch aufgewachsen. Durch ihren Vater hatten sie alle Rechte und Privilegien, die rechtmäßigen Nachkommen zustanden. Im Gegensatz zu ihm, Taylor, hatten sie nicht nur einen Vater gehabt, sie wussten auch, wer ihre Großeltern waren und woher ihre Vorfahren stammten. Sie würden bis an ihr Lebensende in Liberty Hill bleiben und schließlich hier – auf dem eigenen Friedhof – zur letzten Ruhe gebettet werden.

Und wo waren seine Rechte und Privilegien? Als er klein gewesen war, hatte kein Vater an seinem Bett gesessen und die Monster verscheucht, die ihn in seinen Albträumen verfolgten. Kein Vater war mit ihm zum Angeln gegangen, hatte ihm gezeigt, wie man sein Fahrrad repariert und all die anderen unzähligen Dinge, die ein guter Vater seine Kinder lehrt.

Seine Mutter hatte versucht, den fehlenden Vater zu ersetzen. Sie hatte wirklich alles getan, was in ihrer Macht stand. Dennoch gab es Zeiten, wo sie mit ihren eigenen Ängsten zu kämpfen hatte. Schließlich war sie allein, und sie hätte einen Mann gebraucht, der ihr zur Seite stand, genauso wie er einen Vater gebraucht hätte. Ihnen war weder das eine noch das andere vergönnt.

Weil Gus McBride irgendwo auf der anderen Seite des Staates seine richtige Familie beschützte.

Taylor hätte gewettet, dass Zeke, Merry, Joe und Jane als Kinder nachts nicht unter Albträumen litten. Sie mussten sich nicht um unbezahlte Rechnungen sorgen und darüber, wo das Geld für neue Kleider herkommen sollte, wenn sie aus den alten herausgewachsen waren. Sie wurden auch nicht in einer verhassten Nachbarschaft groß. Nein, sie lebten sorglos in den Colorado Rockies auf einer Ranch, die einer ihrer Vorfahren aufgebaut hatte.

Wussten sie ihr Glück überhaupt zu schätzen? Sie hatten alles bekommen, was man sich nur wünschen konnte. Es würde Taylor nicht wundern, wenn sie ihren Vater für eine Art Superdad hielten. Doch das war er nicht. Schade, dass sie es niemals erfahren würden.

Es sei denn, er würde es ihnen erzählen.

In seinem tiefsten Innern meldete sich eine Stimme, die ihn daran erinnerte, dass es nicht seine Art war, die Gefühle unschuldiger Menschen zu verletzen. Normalerweise hätte er auf die Stimme gehört, doch die Bitterkeit, die er beim Gedanken an Gus McBride empfand, war stärker. Er war wie besessen – und diese Besessenheit erstickte jegliche Vernunft und jeglichen Anstand im Keim. Taylor konnte nur an eins denken: die Ungerechtigkeit, dass sein Vater ungestraft davongekommen war. Die Wahrheit musste ans Licht!

Und er würde sie ans Licht bringen. Er würde sich nicht damit zufriedengeben, dass seine Halbgeschwister die Wahrheit erfuhren, nein, Sara McBride sollte es auch wissen. Schließlich war es ihre Schuld, dass Gus seine Mutter hatte sitzen lassen. Ihretwegen hatte er ohne Vater aufwachsen müssen. Wenn sie nicht gewesen wäre, hätte seine Mutter Gus vielleicht ausfindig gemacht und ihm von ihrer Schwangerschaft erzählt. Schließlich hatte sie ihn geliebt. Und nur wegen Sara auf ihn verzichtet.

Obwohl Taylor genau wusste, dass die Vergangenheit nicht mehr zu ändern und auch das gebrochene Herz seiner Mutter nicht zu heilen war, war er fest entschlossen, Sara mit dem wahren Charakter ihres verstorbenen Mannes zu konfrontieren. Das einzige Problem bestand darin, dass Sara zurzeit ihre Flitterwochen genoss und er nicht wusste, wann sie zurückkam. Egal – er konnte warten.

„O Phoebe, sind die süß!“ Merry McBride-Kincaid drückte begeistert einen der kleinen Welpen an sich, die Phoebe frühmorgens unter Myrtles Veranda gefunden hatte. „Bist du sicher, dass du nicht einen behalten möchtest? Es war sicher ein Wink des Schicksals, dass sie ausgerechnet dir in den Schoß gefallen sind. Vielleicht solltest du doch noch einmal darüber nachdenken.“

„Hör bloß auf“, winkte Phoebe lachend ab. „Versuch ja nicht, mich zu überreden. So niedlich die Kleinen auch sind, ein Hund ist das Letzte, was ich jetzt gebrauchen kann. Vielleicht später. Ich muss erst einmal meine Zukunft vernünftig planen. Aber wenn es so weit ist, melde ich mich bei dir.“

Merry trug den Karton mit den Hundebabys, und Phoebe ging voraus, um ihr die Tür zu öffnen, als sie fast mit Taylor zusammenprallte. Er war gerade im Begriff gewesen zu klingeln. „Oh!“ Wie jedes Mal, wenn sie ihn sah, machte ihr Herz einen freudigen Satz. „Ich dachte, Sie sind in der Bibliothek.“

„Das war ich auch. Ich habe dort alles gefunden, was ich für meine Arbeit brauche.“ Er sah an Phoebe vorbei und bemerkte Merry, die mit dem Karton voller Hundebabys durch die Tür kam.

„Merry, darf ich dir meinen ersten Gast vorstellen“, wandte Phoebe sich an die junge Frau. „Das ist Taylor Bishop. Er ist Schriftsteller und schreibt ein Buch über die Besiedlungsgeschichte in dieser Gegend.“

„Tatsächlich?“ Merry sah ihn interessiert an. „Dann müssen Sie unbedingt mit meiner Mutter und meinen Brüdern reden. Und auch mit Janey. Sie hat unseren Familienstammbaum erstellt und die Vorfahren der McBrides bis nach Schottland zurückverfolgt.“

Immer noch ein wenig benommen von dem überraschenden Zusammentreffen mit seiner attraktiven Halbschwester, hatte Taylor Mühe, ihre Worte zu erfassen.

„Taylor? Ist alles in Ordnung?“

Als er sah, wie die beiden jungen Frauen sich amüsierten, stieg ihm das Blut in die Wangen. So ein Aussetzer war ihm schon lange nicht mehr passiert. „Offen gestanden hat es mir die Sprache verschlagen.“

„Da sind Sie nicht der Erste“, schmunzelte Merry. „Keine Ahnung, woran es liegt. Trotzdem herzlich willkommen in Liberty Hill. Nett, Sie kennenzulernen, Taylor.“

„Gleichfalls“, erwiderte er ohne besonderen Enthusiasmus. „Darf ich Ihnen mit dem Karton behilflich sein?“ Endlich besann er sich auf seine gute Erziehung. Die jungen Hunde waren sicherlich ziemlich schwer.

„O ja, vielen Dank. Stellen Sie sie bitte in meinen Truck. Er steht dort drüben.“ Sie nickte mit dem Kopf Richtung Auffahrt.

„Kein Problem.“

„Er ist nett“, raunte Merry Phoebe zu, als sie ihn außer Hörweite wähnte. „Zumindest das, was sich hinter seiner Schutzmauer verbirgt.“

Phoebe war sich noch nicht ganz sicher, ob sie ihn als nett bezeichnen würde. Aber zumindest sah er verboten gut aus, jedenfalls, wenn er ausnahmsweise mal nicht schlechter Laune war.

Taylor platzierte die Kiste mit den Welpen vorsichtig auf dem Rücksitz und wandte sich dann Merry zu, die mit Phoebe neben ihn trat. „Phoebe erzählte mir vom frühen Tod Ihres Vaters“, sagte er beinahe feierlich. „Das tut mir sehr leid. Ich hatte gehofft, möglichst viele von den alten Ranchern zu befragen, um etwas über die Geschichte dieser Gegend zu erfahren.“

„Dad hätte sich bestimmt gern mit Ihnen unterhalten“, erwiderte Merry mit einem wehmütigen Lächeln. „Als wir noch Kinder waren, hat er uns immer Geschichten über die Ranch erzählt, die er schon von seinem Vater kannte.“

„Wie alt waren Sie, als er starb?“

„Zwölf“, erwiderte sie. „Es war für uns alle ein Schock –immerhin war er erst vierundvierzig. Für meine Mutter war es furchtbar, aber am schlimmsten hat es, glaube ich, meinen Bruder Joe getroffen. Er war damals achtzehn und wollte gerade aufs College, als Dad starb. Meine Mutter versuchte ihn zu überreden, trotzdem zu gehen, aber er wusste, dass sie die Ranch unmöglich allein führen konnte. Schließlich hatte sie ja auch noch uns drei jüngere Kinder am Hals.“

„Und? Was ist aus dem College geworden?“, wollte Taylor wissen. „Hat er es später nachgeholt?“

„Nein. Zeke hat seinen Doktor gemacht, ich bin Tierärztin geworden, und Janey ist Ingenieurin. Joe hat unseretwegen verzichtet. Wir verdanken ihm sehr viel. Wenn er nicht die Ranch übernommen und uns durch die Schulzeit begleitet hätte, wer weiß, was dann aus uns geworden wäre.“

Merrys Worte stimmten Taylor nachdenklich. In seiner Fantasie hatte er der Familie seines Erzeugers immer ein sorgenfreies, glückliches Leben angedichtet. Offensichtlich war es nicht ganz so rosig gewesen. Auch seine Halbgeschwister hatten schwere Zeiten durchgemacht, Joe sogar auf seine Ausbildung verzichtet.

Einen schwachen Moment lang empfand er beinahe Mitleid für diesen Joe, den er nicht einmal kannte. Doch die Stimme selbstgerechter Empörung gewann gerade noch rechtzeitig wieder die Oberhand. Während er in einer billigen Sozialwohnung aufgewachsen war, hatten seine Halbgeschwister das Leben auf einer Ranch genossen, die fast so groß war wie der Rocky Mountains National Park. Das Mitleid für Joe erübrigte sich also.

„Sie wären sicher ohnehin aufs College gegangen. Und Joe wäre wohl auch unter anderen Umständen Rancher geworden“, sagte er. „Wahrscheinlich liegt es ihm im Blut.“

„Es liegt uns allen im Blut. Auch wenn Janey und ich nicht so intensiv auf der Ranch arbeiten, hängen wir genauso sehr an ihr wie unsere Brüder. Deshalb wohnen wir auch alle auf unserem eigenen Land. Dort wird immer unser Zuhause sein.“

Aber nur, weil du eine McBride bist, dachte Taylor grimmig. Eine eheliche McBride.

„Kommen Sie uns doch einfach mal besuchen“, lud Merry ihn ein. „Wir treffen uns einmal in der Woche zum Abendessen, um zu erfahren, was die anderen so treiben. Heute Abend sind wir bei Joe. Phoebe, komm du doch auch. Wir haben uns schon so lange nicht mehr gesehen.“

Phoebe sah Merry überrascht an. „O nein, vielen Dank für die nette Einladung, aber ich möchte euer Familientreffen nicht stören. Ich würde mich wie ein Eindringling fühlen. Ganz abgesehen davon geht es um Taylors Arbeit. Da habt ihr genug zu besprechen, und ich möchte auch nicht neugierig sein. Ich komme euch bestimmt ein anderes Mal besuchen.“

Taylor konnte sein Glück kaum fassen. Nie hätte er damit gerechnet, so schnell auf die Ranch eingeladen zu werden. Und diese Chance würde er sich nicht entgehen lassen. „Was meine Arbeit betrifft, gibt es keine Geheimnisse, Phoebe. Ich hätte kein Problem damit, wenn Sie dabei wären. Außerdem komme ich ohne Sie gar nicht zur Ranch. Schon vergessen? Mein Auto ist in der Werkstatt, und der Leihwagen wird frühestens morgen zugestellt. Falls Sie also für heute Abend keine anderen Pläne haben, wäre ich Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mich führen. Na ja, und dann können Sie doch auch gleich dableiben.“

Das klang logisch. Phoebe fiel so rasch kein Gegenargument ein. „Also gut“, gab sie zögernd nach. „Wenn ihr beide sicher seid, dass ich …“

„Super!“, rief Merry gut gelaunt und umarmte Phoebe herzlich. „Das wird ein Spaß! Also, vergesst nicht: heute Abend um sieben Uhr bei Joe.“ Die Welpen im Wageninnern begannen unruhig zu werden. „Das ist das Zeichen zum Aufbruch“, lachte Merry. „Bis später.“

Sie war so schnell verschwunden, dass Phoebe keine Zeit blieb, darüber nachzudenken, ob sie die Einladung wirklich hatte annehmen wollen. Und dann traf es sie plötzlich wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Alles in allem lief es auf eines hinaus: Sie war mit Taylor zum Dinner verabredet. Du lieber Himmel! Wie hatte das nur geschehen können?

Sie hätte sofort einen Rückzieher machen müssen. Phoebe mochte die McBrides sehr, und es hätte ihr auch jederzeit den größten Spaß gemacht, sie zu besuchen – doch nicht zusammen mit Taylor. Dazu empfand sie seine Nähe als viel zu beunruhigend. Er hatte etwas an sich, das ihr Herz schneller schlagen ließ. Keine Ahnung, was es war. Sie wollte es gar nicht, aber sie konnte sich nicht dagegen wehren. Und das machte sie nervös. Sie kannte den Mann kaum und war sich nicht einmal sicher, ob ihr das, was sie bis jetzt von ihm wusste, gefiel. Er war launisch und überheblich. Für eine Frau wie sie war er außerdem viel zu gebildet. Aus diesem Grund wäre es klüger, Abstand zu halten, genauso kühl und reserviert zu tun, wie er sich gab, und sich auf den Tag seiner Abreise zu freuen. Stattdessen war sie dumm genug gewesen, Merrys Einladung zum Dinner anzunehmen.

Um zehn Minuten vor sechs stand Phoebe vor ihrem Kleiderschrank und betrachtete stirnrunzelnd die wenigen Kleidungsstücke, die sie mitgebracht hatte. Was sollte sie nur zu dieser Verabredung anziehen, die eigentlich gar keine echte Verabredung war? Sie hatte den ganzen Tag Zeit gehabt, darüber nachzudenken, und war letztendlich zu dem Ergebnis gekommen, dass Taylor einfach nur einen Chauffeur brauchte. Diese Erkenntnis hätte eigentlich bewirken müssen, die Schmetterlinge in ihrem Bauch zu besänftigen. Ihre, Phoebes, Aufgabe war es, ihn zur Ranch der McBrides zu fahren – nicht mehr und nicht weniger –, und dort würde sie die Zeit nutzen, um mit ihren Freunden zu plaudern, während er seiner Arbeit nachging.

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