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Ein Prinz zum Verlieben

Mindy Neff

Ein Prinz zum Verlieben

Immer wieder Freitags kommt der attraktive Millionär Jace Carradigne in das Restaurant, in dem Vickie jobbt – nur ihretwegen! Denn er will sie erobern. Doch kaum wird sie in einer Nacht voller Leidenschaft seine Geliebte, erhält Jace eine Nachricht, die ihr aufregendes Glück bedroht …

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Mindy Neff

Ein Prinz zum Verlieben

Endlich! Mit viel männlichem Charme gelingt es Jace Carradigne, die hübsche Kellnerin Vickie zu einem Ausflug zu bewegen. Sein heißester Traum wird wahr, als er sie auf seiner weißen Jacht vor San Diego zum ersten Mal in seinen Armen hält und voller Leidenschaft liebt. Stürmisch macht er ihr einen Heiratsantrag, den sie annimmt. Ein Leben voller Liebe und Glück scheint vor ihnen zu liegen. Bis Jace überraschend von den Absichten seines Großonkels, des Fürsten von Colina, erfährt: Er hat einen Plan, in dem Jace die Hauptrolle spielt – und in dem für Vickie kein Platz ist ...

1. KAPITEL

Victoria Meadland spürte ein Kribbeln im Bauch, als sie ihn durch die Menge auf sich zukommen sah.

Seit mehreren Monaten tauchte Jace Carradigne jeden Freitagabend mit seinen Freunden in dem schicken Szene-Club in San Diego auf.

In letzter Zeit kam er häufiger. Ohne seine Freunde.

Um sie zu sehen.

Ihre Finger zitterten, als sie das Tablett mit schmutzigen Gläsern und halbleeren Bierflaschen auf dem Tresen absetzte.

Das Geschäft im Diamond Jim’s lief immer prächtig, aber freitags war es am vollsten. Sie arbeitete zwar nur Teilzeit, doch sie brauchte den Job, bis sie ihr Lehramts-Studium abgeschlossen hatte. Zu unterrichten war ihr Lebenstraum.

Deshalb war es besser, sich nicht mit Kunden einzulassen. Und sich nicht auf das verführerische Lächeln und die Komplimente eines gewissen Mannes zu freuen.

Doch das war leichter gesagt als getan.

Er kam geradewegs auf sie zu – groß, attraktiv, braun gebrannt und mit hellen Strähnen im dunkelblonden Haar.

Immer hatte er ein Lächeln auf den Lippen und einen Scherz auf Lager.

Victoria mahnte sich insgeheim zur Vorsicht, denn sie hatte weiß Gott schon genügend Fehler in ihrem Leben gemacht. Diesmal würde sie sich nicht so leicht überrumpeln lassen.

Sie strich sich das schulterlange braune Haar hinters Ohr und gab sich alle Mühe, ihr klopfendes Herz zu ignorieren und sich nur auf die Jazzmusik und das Stimmengewirr der Nachtclub-Gäste zu konzentrieren.

Jace lehnte sich an die Bar. Das Grübchen in seiner Wange vertiefte sich, als er über sein vom Wind zerzaustes Haar strich.

„Sie sind das hübscheste Wesen, das mir je begegnet ist, ich schwöre es. Heiraten Sie mich, Victoria.“

Ihr blieb fast das Herz stehen. Für den Bruchteil einer Sekunde nahm sie seine Worte ernst. Dann rief sie sich zur Ordnung.

Lächelnd schüttelte sie den Kopf. „Jace, Jace, Sie wissen doch, dass das nicht geht.“

„Natürlich geht es. Sagen Sie einfach ja, und schon fliegen wir mit dem Firmenjet Richtung Las Vegas.“

„Und was geschieht mit all den gebrochenen Herzen hier in Südkalifornien? Das könnte ich nicht mit meinem Gewissen vereinbaren.“

„Wie ich Ihnen schon mehrfach erklärt habe, bin ich frei wie ein Vogel. Weit und breit kein Herz, um das Sie sich sorgen müssten.“

„Wenn du wüsstest“, murmelte sie.

„Wie bitte?“

„Nichts.“ Sie polierte den Tresen und füllte die Schale mit Popcorn nach.

„Hm. Da ich Sie nun mehrfach um Ihre Hand gebeten habe, könnten Sie wenigstens mal mit mir ausgehen, oder?“

„Sie sind verrückt“, erwiderte sie ein wenig geschmeichelt.

„Nach Ihnen.“

Er war wirklich süß. Und dazu noch witzig, aufmerksam, wohlhabend … „Sie kennen mich doch gar nicht.“

„Aber ja doch. Wir sehen uns mindestens einmal pro Woche, also sind wir so gut wie verlobt.“ Er sah auf seine Uhr. „In einer halben Stunde haben Sie Feierabend. Ich lade Sie zu einem späten Abendessen ein.“

„Ich muss noch lernen.“

„Ein leerer Magen studiert nicht gern – das Sprichwort kennen Sie doch sicher.“

Victoria biss sich auf die Unterlippe, um nicht lachen zu müssen. „Ich habe schon zu Abend gegessen.“

„Wann genau? Um fünf? Seitdem sind sechs Stunden vergangen. Okay, dann eben auf einen Kaffee!? Kommen Sie schon, Vickie, sagen Sie ja.“

Sie nahm das Tablett, das Paul inzwischen mit den bestellten Drinks bestückt hatte, und kam hinter der Bar hervor. Als sie an seinem Barhocker vorbeiging, zögerte sie und sagte dann: „Ja.“

Er stieß einen Freudenschrei aus, während sie ein Lächeln unterdrückte und die letzten Bestellungen verteilte und gleich abkassierte. Jace Carradigne ließ sie dabei nicht aus den Augen, als wäre sie die einzige Frau im ganzen Universum.

Während sie seine Blicke im Rücken spürte, fragte Victoria sich, warum sie ausgerechnet heute Abend eingewilligt hatte, mit ihm auszugehen. Sie hatte geglaubt, er würde das Interesse verlieren, wenn sie ein paarmal Nein sagte. Denn sicherlich war sie nur ein kleiner Freitagabendflirt für ihn.

Doch da war etwas in seinen lachenden grünen Augen, dem sie nur zu gern nachgeben wollte …

Hatte sie sich nicht fest vorgenommen, in Zukunft besser auf ihr Herz aufzupassen?

Unbewusst berührte sie die beiden Saphirringe, die sie am Mittelfinger der rechten Hand trug.

„Anscheinend hast du gerade Mister Mobilfunk Superreich glücklich gemacht“, stellte Tiffany Hershey fest, als sie an Victoria vorbei hinter die Bar schlüpfte und automatisch damit begann, schmutzige Gläser zu spülen.

„Warum nur musst du alle Menschen immer nach ihrem Beruf oder ihrem Bankkonto einordnen?“

Tiffany zuckte lächelnd mit den Schultern. „Bankkonten sind wichtig, meine Liebe. Und wenn der Inhaber dann auch noch attraktiv ist … „ Sie warf Jace aus stark geschminkten Augen einen schmachtenden Blick zu. „Nun, ich würde sagen, du hast das große Los gezogen.“

„Wir gehen nur einen Kaffee trinken.“

„Ich weiß. Ich habe nämlich gelauscht.“ Tiffany legte Victoria eine Hand auf den Arm. „Gib ihm eine Chance.“

„Tiffany …“

„Still jetzt. Dein Leben besteht doch nur aus Arbeit und Studium. Jeder Mensch braucht ein wenig Glück.“

„Ich habe nicht sein Format.“

„Hör bloß auf. Du kannst einem Mann mehr geben, als die meisten von ihnen verdienen. Manchmal denke ich, du bist einfach zu gut, aber dieser Mann ist anders. Ich glaube nicht, dass er dich nur ausnutzen will.“

„Da hätte er bei mir ohnehin keine Chance.“

„Umso besser. Jetzt geh mit ihm Kaffee trinken und lass die Dinge auf dich zukommen.“

„Mal sehen.“ Sie hatte schon früher die Dinge auf sich zukommen lassen. Viel zu sehr. Und die Leichen in ihrem Keller ließen ihr keine Ruhe. Keinen Tag lang.

Vickie zählte ihr Trinkgeld ab und ging in einen Nebenraum, wo sie ihre Schürze abnahm und ihre Jeansjacke überzog.

Sie war nun einunddreißig Jahre alt – schon ziemlich alt, um eine berufliche Karriere zu beginnen, doch besser spät als nie. Sie hatte sich fest vorgenommen, es zu etwas bringen. Eine solide Laufbahn als Lehrerin war ihr wichtigstes Ziel.

Seit langer Zeit schon hatte sie keinen Kontakt mehr zu ihren ehemaligen Gefährten aus den Heimen, in denen sie aufgewachsen war, doch sie würde es ihnen schon zeigen, auch wenn sie womöglich nie von ihrem Aufstieg erfahren würden.

Ihr Herz klopfte stürmisch, als sie zur Bar zurückkehrte, wo Jace Carradigne mit einem Bier in der Hand auf sie wartete.

Er erhob sich, als sie näher kam. „Fertig?“

„Ich sollte wirklich nach Hause gehen und lernen. Am Montag habe ich eine Prüfung in Psychologie.“

„Da haben Sie aber Glück. Zufällig bin ich Experte auf diesem Gebiet.“

„Wie kommt das?“, fragte sie lächelnd.

„Auf dem College war ich Klassenbester in Psychologie. Mir blieb gar nichts anderes übrig, sonst wäre ich vermutlich durchgedreht. Denn meine Schwester Kelly war eines dieser hochbegabten Kinder. Sie ist erst sechsundzwanzig, aber schon eine anerkannte Medizinwissenschaftlerin.“

„Und was hat das mit Ihren Psychologiekenntnissen zu tun?“ Victoria winkte Tiffany im Hinausgehen zu.

„Sie warf mit Fremdwörtern um sich, die ich nicht verstand.“

Victoria verdrehte vielsagend die Augen. „Das bezweifle ich. Wenn ich den Erzählungen Ihrer Freunde glaube, sind Sie der personifizierte Erfolg. Der König des Mobilfunkmarktes. Ein solcher Mann lässt sich nicht von ein paar Fremdwörtern einschüchtern.“

„Sehen Sie? Auf meine Freunde ist Verlass. Das mit dem König ist allerdings etwas übertrieben – obwohl ich Beziehungen zu einer fürstlichen Familie habe. Haben die Loblieder meiner Freunde Sie dazu bewogen, endlich meine Einladung anzunehmen?“

Wieder lächelte sie. „Ich bin noch gar nicht entschlossen, sie anzunehmen.“

„Zu spät. Wir sind schon unterwegs. Und Sie sind bei mir.“

Vickie schob die Riemen ihrer Handtasche über die Schulter und steckte die Hände in die Jackentaschen. „Sind Sie immer so …“

„Wie?“

„Ich weiß nicht. Von sich überzeugt?“

Er lachte. „Man nennt es positive Lebenseinstellung. Wirkt sich äußerst effektiv im Geschäftsleben aus.“

„Und auch privat.“

„Ja? Funktioniert es?“

„Ich denke, das wissen Sie selbst. Wohin gehen wir eigentlich?“

„Das entscheiden natürlich Sie. Aber ich habe eine sehr schöne Wohnung auf der anderen Seite der Bucht. Mit einer unglaublichen Aussicht. Außerdem mache ich ein irrsinnig leckeres Omelett. Und recht guten Kaffee.“

„Wahrscheinlich haben Sie auch eine Briefmarkensammlung, die Sie mir zeigen könnten?“

Er legte treuherzig eine Hand auf seine Brust. „Victoria, meine Liebste. Sie tun mir Unrecht. Ich bin der perfekte Gentleman.“

Sie konnte sich das Lachen kaum verkneifen. Jace Carradigne war einfach unwiderstehlich. „Ich fürchte, ich fühle mich ein wenig überrumpelt.“

„Kein Problem. Wir heben uns die Aussicht für ein anderes Mal auf. Wie wäre es mit dem Café gleich hier um die Ecke? Dort gibt es einen ausgezeichneten Apfelkuchen.“

„Das ist unfair. Ich liebe Süßigkeiten.“

Sein Gesicht kam ganz nahe. „Ach ja? Das habe ich mir beinahe gedacht. Und ich muss gestehen, ich hätte zu gern auch ein Stückchen.“ Sein Blick liebkoste ihr Haar, ihre Lippen. „Von dir.“

Victoria wurde es ganz schwindlig, so plötzlich überfiel sie das Verlangen nach diesem Mann. Sie musste unbedingt aufpassen. Werd bloß nicht rückfällig, ermahnte sie sich.

Sie räusperte sich, nahm die Hände aus den Jackentaschen und fingerte an ihrer Handtasche herum. „Oh …“

„Okay. Wir werden nichts überstürzen.“

„Jace …“

Er legte ihr sanft einen Finger auf die Lippen. „Du brauchst keine Angst vor mir zu haben,Victoria. Ich habe immer einen frechen Spruch auf Lager, aber ich meine es nicht so. Ehrlich.“

Die Wärme seines Fingers auf ihren Lippen und sein aufrichtiger Blick besänftigten sie. Das Problem war nur, dass ihr das schon früher passiert war. Mit ihrer Menschenkenntnis war es nicht weit her, wenn es um Männer und Gefühle ging.

Dabei wollte sie ihm so gern glauben.

„Du machst dir viel zu viele Gedanken“, sagte er leise.

„Ich hatte in letzter Zeit wenig Übung in solchen Dingen.“

„Auf einen Kaffee auszugehen? Das ist ein Klacks. Überlass dich einfach meiner Führung.“

Er hatte ja recht. Sie machte in der Tat aus einer Mücke einen Elefanten. Sie würde sich jetzt endlich seit langer Zeit einmal wieder in der Gesellschaft eines netten Mannes entspannen.

Jace wählte eine etwas abseits gelegene Nische in dem schicken Café und beobachtete, wie Vickie sich auf der meergrünen Vinylbank niederließ. Am liebsten hätte er sich dicht neben sie gesetzt, um die Wärme ihres Körpers zu spüren, doch stattdessen nahm er ihr gegenüber Platz.

Es war wirklich verrückt. Noch nie zuvor hatte er so auf eine Frau reagiert. Doch seit dem ersten Augenblick im Diamond Jim’s, als er sie Drinks servieren sah, war er bezaubert von ihr. Ob es an ihrem unschuldigen, süßen Lächeln lag, den Grübchen in ihren Wangen, ihrer melodischen Stimme oder dem kleinen Tattoo auf ihrem Rücken, von dem er zufällig einen Blick erhascht hatte, als ihr Pulli beim Abwischen eines Tisches nach oben gerutscht war, wusste er nicht.

Vielleicht war es auch etwas viel Wesentlicheres.

Noch kannte er sie nicht, doch das wollte er schnell ändern. Sie gab kaum etwas preis von sich, egal wie sehr er sich darum bemühte, ihr näherzukommen. Sie lächelte immer nur geheimnisvoll und entzog sich ihm, was ihn nur noch mehr faszinierte.

Aus dem Flirt mit einer hübschen Bedienung war echte Zuneigung geworden. Instinktiv spürte er, dass Victoria Meadland sein Leben ändern würde.

„Entspann dich“, sagte er.

„Wie schon gesagt, ich bin ziemlich aus der Übung.“

„Sei einfach locker und du selbst. Nimm dir ein Beispiel an mir.“

„Ziemlich selten im Geschäftsleben, oder?“

Er zuckte mit den Schultern. „Eigentlich nicht. Man muss mich nehmen, wie ich bin, das ist meine Devise.“

„Ich bewundere Menschen mit einem gesunden Selbstbewusstsein.“

„Jeder kann das haben. Für meine Mitarbeiter gebe ich hin und wieder kleine Seminare in positiver Lebenseinstellung.“

„Vielleicht sollte ich daran einmal teilnehmen.“

„Sehr witzig! Du könntest meine Leute vermutlich unterrichten. Nachdem ich dich jetzt über einen Monat lang beobachtet habe, würde ich sagen, du hast mehr Selbstbewusstsein als alle meine Mitarbeiter zusammen.“ Aus irgendeinem Grund schien sie sich darüber zu freuen.

„Das ist nur Freundlichkeit dem Kunden gegenüber, ohne ihn übermütig werden zu lassen“, erwiderte sie.

„So wie du mich seit über einem Monat hinhältst?“

„So ähnlich.“ Victoria lächelte in sich hinein.

Die Bedienung blieb an ihrem Tisch stehen. Jace hatte noch nicht einmal auf die Karte gesehen. Er war nicht wirklich hungrig, aber Apfelkaramelltorte war allemal eine Versuchung.

„Für mich einen Cappuccino mit viel Sahne und die Apfeltorte. Vic?“

„Einen Käsekuchen und einen entkoffeinierten Kaffee.“

„Kein Koffein? Wolltest du nicht noch arbeiten?“

„Schon, aber ich will nicht die ganze Nacht wach bleiben.“

„Ich kann trotz Kaffee schlafen.“

„Du Glücklicher.“

„Manchmal. So, Victoria Meadland, jetzt will ich alles über dich wissen.“ Fast unmerklich zuckte sie zurück, und eine leichte Röte überzog ihre Wangen. Jace besann sich sofort anders. „Nein, warte. Wollten wir nicht eine kleine Psychologiestunde abhalten?“

Sie lächelte und entspannte sich wieder ein wenig. „Genau. Unsere Lebensgeschichten werden mir bei meiner Prüfung nämlich wenig helfen.“

„Ich könnte Fremdwörter benutzen.“

Sie lachte, und er betrachtete sie fasziniert. Ihr Lachen war wundervoll und erhellte ihr ganzes Gesicht. Wie schön, dass sie sich in seiner Gesellschaft offensichtlich wohl zu fühlen begann.

„Also, was sind deine Hauptfächer?“

„Pädagogik und Englisch für das Lehramt. Noch ein Semester, dann mache ich meinen Bachelor.“

Die Kellnerin brachte ihre Bestellung.

Vickie probierte ihren Käsekuchen.

Jace beobachtete, wie sie genüsslich die Augen schloss. „Gut?“, fragte er.

Sie öffnete die Augen und sah ihn direkt an. „Köstlich.“ Heißes Begehren flammte in ihm auf. Eine Weile sahen sie sich unverwandt in die Augen. Dann senkte sie verlegen den Blick.

„Und du?“ Sie räusperte sich. „Wo hast du studiert?“

Er kostete von seiner Torte. „Technische Hochschule Virginia.“

„Virginia? Kommst du von da?“

„Nein, nein. Geboren und aufgewachsen bin ich hier in San Diego. Aber ich wollte von Anfang an ins Mobilfunkgeschäft einsteigen, und in Virginia boten sie die besten Kurse dafür an.“

Sie legte ihre Gabel nieder und musterte ihn aufmerksam. „Seit wann hast du deine Firma?“

„Gleich nach dem Studium gründete ich Carracell Inc. und baute es mit ein paar engen Mitarbeitern auf. Das liegt nun fast zehn Jahre zurück, als der Boom in der Mobilfunkbranche begann. So wie es aussieht, war ich zur rechten Zeit am rechten Fleck.“

Victoria seufzte. „Das klingt so einfach. Vor allem, dass du genau wusstest, was du wolltest, und es auch in die Tat umsetzen konntest, als du jung warst.“

Er runzelte die Stirn, als er begriff, dass sie sich mit ihm verglich. „Du bist doch auch noch jung. Wie alt bist du, fünfundzwanzig?“

„Das ist das netteste Kompliment seit langer Zeit. Ich bin einunddreißig. Und mit über dreißig aufs College zu gehen, kann ziemlich ernüchternd sein.“

„Man bleibt aber im Herzen jung dabei.“

„So kann man es auch sehen.“

„Darf ich fragen, warum du erst so spät aufs College gegangen bist? Du scheinst doch auch genau zu wissen, was du willst.“

Sie rutschte unruhig auf dem Vinylpolster hin und her und drehte ihre Tasse zwischen den Händen. Dann sah sie ihm direkt in die Augen und reckte dabei das Kinn.

„Mit sechzehn bin ich aus dem Heim abgehauen und habe die High School abgebrochen. Von da an musste ich arbeiten, um meinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Ich war jung und erkannte nicht, dass man arbeiten und gleichzeitig aufs College gehen kann.“

„Dieses … äh, Heim. War es so etwas wie eine Pflegefamilie?“ Eigentlich ging es Jace ja nichts an, doch er wollte so gern mehr über sie erfahren.

„Nein.“ Sie drehte nervös an den beiden Ringen ihres Mittelfingers herum. „Ich habe aber als Kind auch in einigen Pflegefamilien gelebt. In manchen war es nett, in manchen weniger. Das Heim war für Jugendliche, die noch nicht auf eigenen Füßen stehen können. Es hieß Helen’s Heim. Wir nannten es Höllenheim.“

„Dafür, dass du aus der Hölle kommst, hast du dich aber definitiv in einen Engel verwandelt.“

Sie lachte kurz auf. „Du bist verrückt.“

„Nach dir.“

„Würdest du bitte mit diesem Unsinn aufhören?“

„Ich kann nicht anders. Ich sehe dich an, und die Worte purzeln einfach so aus mir heraus.“

„Gab es an deinem schicken College auch Kurse, wie man Frauen anmacht?“

Jace beugte sich über den Tisch und berührte ihre Hand. „Ich mache dich nicht an, Victoria. Du wirst entdecken, dass mein Wort gilt.“

Wie zufällig berührte sie mit dem Daumen seine Hand. „Was willst du, Jace?“, fragte sie, und ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch.

„Dich.“

Sie schüttelte den Kopf.

„Gib mir eine Chance. Mehr verlange ich nicht.“

„Ich habe keine Zeit für eine Beziehung.“

„Du wirst überrascht sein, wie viel Zeit man gewinnen kann, wenn man sie sich gut einteilt.“

„Zwischen Arbeit und Studium gibt es fast nichts mehr einzuteilen.“

„Ich weiß. Und ich habe nicht die Absicht, deinen Zielen im Weg zu stehen. Ich will nur ein winzigkleines Stück von deiner Zeit.“

„Jace …“

„Du spürst es doch auch, oder?“

Sie atmete tief ein und wieder aus. Dann nickte sie. Sie wusste genau, was er meinte.

„Ja. Ich mag dich sehr, Jace Carradigne. Aber es könnte sein, dass ich nicht die bin, nach der du suchst. Und daher ist mir das Risiko zu hoch.“

2. KAPITEL

Vickie hatte bis zwei Uhr morgens über ihren Büchern gesessen. Als das Telefon sie um acht Uhr dreißig am Samstagmorgen weckte, war sie noch völlig verschlafen.

Sie tastete nach dem Hörer und warf dabei den Wecker vom Nachttisch. „Hallo?“, nuschelte sie.

„Habe ich dich geweckt?“

Der Adrenalinstoß machte sie schlagartig hellwach.

„Es ist Samstagfrüh halb neun, und ich bin nicht gerade ein Morgenmensch. Was erwartest du also?“

„Tut mir leid.“ Jaces Stimme klang fröhlich. „Ich habe es nicht länger ausgehalten.“

Sie stopfte sich ein Kissen in den Rücken und nahm Sissy in den Arm, die am Fußende des Bettes zusammengerollt geschlafen hatte und höchst unwillig auf die Störung reagierte.

„Erzähl mir bitte nicht, dass du einer dieser schrecklich gut gelaunten Frühaufsteher bist.“

„Ertappt.“

Er klang so zerknirscht, dass Vickie lächeln musste, während sie das Kätzchen streichelte.

„Was hast du gerade an?“

„Das geht dich nichts an.“

„Lass mich raten. T-Shirt und bequeme Shorts.“

Sie öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Dann blickte sie an ihrem mit kleinen Schafen und Halbmonden bedruckten Flanellpyjama hinunter. „Nicht wirklich.“

„Heiß oder kalt?“

Wie konnte sie sich nur auf eine solche Diskussion einlassen? Es musste daran liegen, dass sie ihren obligatorischen Morgenkaffee noch nicht getrunken hatte. „Warm … es ist bequem.“ Ihre Stimme senkte sich vertraulich. „Aber weder T-Shirt noch Shorts.“

Einen Augenblick herrschte Stille. „Madonna. Sag bloß, du schläfst nackt.“

Victoria biss sich auf die Unterlippe. „Nicht im Traum würde ich dir so etwas erzählen.“

„Zu spät“, murmelte Jace. „Mein Pech, dass ich eine so lebhafte Fantasie habe. Jetzt muss ich erst mal kalt duschen.“

„Du hast damit angefangen. Und da wir schon dabei sind: Hast du mich zu dieser unchristlichen Stunde nur angerufen, um zu erfahren, was ich anhabe?“ Victoria wunderte sich über sich selbst. Wer hätte gedacht, dass sie so locker flirten konnte?

„Eigentlich wollte ich dich zum Frühstück einladen.“

„Kannst du an nichts anderes denken als an Essen?“

„Manchmal denke ich auch an andere Dinge.“ Seine Stimme wurde eindringlich. „In letzter Zeit zum Beispiel habe ich ziemlich oft und lange an dieses kleine Tattoo auf deinem Rücken gedacht.“

Wann mochte er es wohl entdeckt haben? Der kleine tätowierte Blumenstrauß war das einzige sichtbare Überbleibsel ihrer vergeudeten Jugend, das sie liebte. Normalerweise wurde er allerdings von ihrer Kleidung verdeckt.

Noch ehe sie etwas erwidern konnte, sprach Jace weiter.

„Ehe du mich abwimmelst – die Einladung zum Frühstück gilt auch als Einladung zum Lernen. Bring deine Bücher mit, dann frage ich dich ab, okay?“

Sie sah durch die Jalousien zum Fenster hinaus. Es war ein sonniger Tag mit wenigen Wolken am leuchtendblauen Himmel. Im Eukalyptusbaum vor ihrem Fenster krächzte ausdauernd ein Eichelhäher und wippte dazu mit dem Schwanz.

„Ich denke, ich bin ganz gut vorbereitet für die Prüfung.“

„Super. Dann frühstücken wir und bummeln anschließend durch die Stadt.“

Wie unglaublich verlockend das klang!

Mit einem Mal wurde ihr bewusst, dass sie es allmählich leid war, für die Sünden ihrer Vergangenheit zu büßen. Was war schon dabei, wenn sie die Gesellschaft eines attraktiven Mannes genoss?

Es musste ja nicht gleich eine Affäre daraus werden.

„Eigentlich wollte ich heute nach Torrey Pines hinausfahren und Vögel beobachten“, sagte sie.

„Vögel beobachten?“, wiederholte Jace.

„Das bringt Punkte in Biologie.“

„Verstehe.“ Seine Stimme klang enttäuscht.

Victoria wickelte die Telefonschnur um ihren Finger. Vor lauter Herzklopfen wusste sie nicht, wie sie ihre Frage formulieren sollte. „Hättest … hm … hättest du Lust mitzukommen?“

„Natürlich. Mit allergrößter Begeisterung.“

Er hatte keine Sekunde gezögert. Erleichtert stieß sie den Atem aus, den sie unwillkürlich angehalten hatte. „Okay. Wir können uns entweder irgendwo treffen, oder ich hole dich ab.“

„Ich hole dich ab.“

„Nein, es war mein Vorschlag, also werde ich fahren.“

Er lachte. „Okay. Ich wohne auf der anderen Seite der Bucht in Coronado. Hast du etwas zu schreiben?“

Jace gab ihr verschiedene Telefonnummern und einen Torcode, außerdem eine genaue Wegbeschreibung, die sie gar nicht gebraucht hätte, weil sie schon öfter mit der Fähre in den Nobelvorort Coronado übergesetzt hatte, um die Atmosphäre in sich einzusaugen, in der die Reichen dieser Welt lebten.

„Dann sehen wir uns in etwa anderthalb Stunden, okay?“, fragte sie.

„Ich warte auf dich.“

Vickie legte den Hörer auf und betrachtete Sissy, die sie aus unergründlichen blauen Augen ansah.

„Was ist? Wir gehen nur Vögel … ich meine, wir beobachten die Natur. Es gibt keine Regel, die besagt, dass ich immer alles allein machen muss.“

Sissy leckte nur ihr seidiges Fell, als könne sie genau in Vickies Seele blicken und auch die Schmetterlinge in ihrem Bauch tanzen sehen.

„Warte, bis du ihn gesehen hast, und sag mir dann, du könntest der Versuchung widerstehen.“

In ihrem zehn Jahre alten Chrysler Cabrio brauste Victoria über die spektakuläre zwei Meilen lange Brücke, die Coronado Island mit dem Festland verband. Ihr Haar flatterte im Fahrtwind. Sie liebte es, an sonnigen Tagen mit offenem Verdeck zu fahren, auch wenn die kühle Luft sie in ihrem leichten Pulli fast frösteln ließ.

Beim Anblick des majestätischen Hotel Del Coronado mit seinen Türmchen, Kuppeln, Erkern und Balkonen stiegen Erinnerungen in ihr auf. Als junges Mädchen hatte sie einen Film mit Marilyn Monroe gesehen, der in diesem Hotel gedreht worden war.

Sie hatte damals in einem Waisenhaus in Washington gelebt, und Kalifornien schien Welten entfernt. Seltsamerweise peilte sie genau dieses Hotel bei ihrer Flucht mit Chet an. Sie hatten es damals nur bis Los Angeles geschafft. Doch immerhin hatten die Anziehungskraft des Hotels und ihre damit verbundenen Fantasien sie eines Tages nach San Diego geführt … allein und sehr viel klüger.

Unwillig verscheuchte sie die Erinnerungen. Nichts sollte ihr diesen wunderschönen Tag verderben.

Ohne Schwierigkeiten fand sie Jaces Wohnung und gab am Tor den Code ein, den sie aufgeschrieben hatte. Das zweistöckige, im spanischen Stil errichtete Gebäude war ziemlich beeindruckend, aber damit hatte sie schon gerechnet. Es lag direkt am Strand und hatte eine Aussichtsterrasse, von der aus man bei klarer Sicht wahrscheinlich bis nach San Diego, Mission Bay und auf den endlosen Pazifik dahinter sehen konnte.

Sie stieg aus dem Wagen und atmete tief den Duft von Meer und Herbstblumen ein.

Jace öffnete die Tür, noch ehe sie klopfen konnte.

„Hi“, begrüßte er sie.

Sekundenlang starrte sie ihn sprachlos an. Über Jeans und einem enganliegenden blauen Pulli trug er eine weiße Küchenschürze. Die hellen Strähnchen in seinem gekonnt verwuschelten dunkelblonden Haar zeugten von der Kunstfertigkeit eines teuren Friseurs.

Und sein Lächeln war schlicht hinreißend.

Er hob fragend die Augenbrauen. „Was ist? Habe ich Spinat zwischen den Zähnen?“

Sie schüttelte ihre Benommenheit ab. „Nein. Entschuldige.“

„Komm rein.“

„Warum hast du eine Schürze um?“ Wie ein ängstliches Kind, das zum ersten Mal ein Schloss betritt, betrachtete sie die hohen Decken und den glitzernden Kronleuchter aus Kristall. Ein makellos glänzendes Klavier aus Ebenholz zog den Blick in das große Wohnzimmer, auf die Wand aus Glas, den Balkon und das Meer dahinter.

„Ich hatte dich zum Frühstück eingeladen, erinnerst du dich?“

Vickie sah ihn an. „Wollten wir nicht in den Park?“

„Hast du etwa schon gefrühstückt?“

„Nein, aber …“

„Dann komm rein und lass dich von meinen Kochkünsten beeindrucken.“

Sie folgte ihm über Sandsteinfliesen und einige Stufen in eine Küche, die ebenfalls mit einer Glaswand und einer unglaublichen Sicht auf die Stadt und den Ozean aufwartete. Bei Nacht musste der Ausblick noch atemberaubender sein.

Auf der langen Granit-Arbeitsfläche waren sämtliche hochwertigen Küchengeräte aus Edelstahl aufgereiht, die man sich nur vorstellen konnte, viele davon in doppelter Ausfertigung, wie Vickie feststellte. Vermutlich hätte die Ausstattung ihres ganzen Appartements in diesen einen Raum gepasst.

„Versuchst du, mich zu beeindrucken?“

„Ja, in der Tat.“

„Wenigstens bist du ehrlich. Was man in punkto Bescheidenheit von dir nicht behaupten kann.“

„Wie schon gesagt, man muss mich nehmen, wie ich bin.“

Ja, und sie würde ihn liebend gern nehmen. Um ihre Verlegenheit zu vertuschen, blickte sie zur Seite.

Der Esstisch war liebevoll mit Porzellan und Kristall gedeckt. Auf einem Beistelltisch standen Gläser mit Orangensaft und Champagner im Eiskübel.

Ein köstlicher Duft hing in der Luft. Jace nahm zwei Topflappen, bückte sich und holte einen Auflauf aus Eiern und Spinat aus dem Ofen.

„Wie in aller Welt hat man dir das alles in kaum mehr als einer Stunde geliefert?“, fragte Vickie.

Er trug das Tablett zum Tisch. „Wenn ich das alles hätte liefern lassen, würde ich dann wohl in einer Schürze vor dir herumstolzieren?“

„Klar, du willst mich doch beeindrucken.“

„Aber natürlich nur mit meinen Kochkünsten, denn ich bin ein großartiger Koch. Etwas Mimosa?“, fragte er und hielt die Champagnerflasche hoch.

Victoria schüttelte den Kopf. „Nein, ich muss fahren.“

„Du musst nicht, das weißt du.“

„Aber so war es ausgemacht. Außerdem brauche ich einen klaren Kopf und vor allem eine klare Sicht auf die Vögel.“

„Einverstanden.“ Er stellte den Champagner zurück ins Eis und bot ihr mit eleganter Geste einen Stuhl an.

Sie nahm Platz, während Jace einen Korb mit warmen Croissants brachte. Dann nahm er seine Schürze ab und setzte sich Vickie gegenüber.

Er hob sein Glas mit Orangensaft. „Auf unser zweites Date.“

Victoria hatte automatisch ebenfalls nach ihrem Glas gegriffen, zögerte aber. „Es ist kein Date.“

Jace stieß mit ihr an. „Lass mir einfach meine Illusionen.“

Victoria lachte leise und trank einen Schluck Saft. „Das sieht alles wirklich ganz fantastisch aus. Aber du hättest nicht für mich kochen müssen.“

„Es macht mir aber Spaß. Kochen ist kreativ und entspannend.“

„Das sehe ich ganz anders.“

„Dann solltest du mich vielleicht doch heiraten und dich von mir bekochen lassen.“

Victoria nahm einen Bissen von dem Auflauf und wartete auf eine Bemerkung wie „War nur ein Scherz“ von ihm, doch er saß ihr lächelnd gegenüber und blieb stumm.

„Du wiederholst dich, hat dir das schon mal jemand gesagt?“

„Hm.“ Ungerührt schob er sich ein Stück Melone in den Mund.

Einige Sekunden lang sah Victoria ihn unverwandt an, ehe sie zu lachen begann. „Deine Mutter hat dich als Kind wohl ganz schön verwöhnt, oder?“

„Macht das nicht jede Mutter?“ Am liebsten hätte er seine Bemerkung sofort wieder zurückgenommen. „Ach, Vickie, ich wollte nicht …“

„Ist schon okay. Es ist nicht deine Schuld.“

„Ich komme mir wie ein Trottel vor.“

„Musst du nicht. Dieser Teil meines Lebens berührt mich nicht mehr allzu sehr.“

„Möchtest du darüber reden?“

„Da gibt es wirklich nicht viel zu reden.“ Victoria zuckte mit den Schultern. „Ich habe keine Ahnung, wer mein Vater ist. Als ich ungefähr fünf Jahre alt war, sah sich meine Mutter nicht mehr in der Lage, mich zu ernähren, und übergab mich den staatlichen Behörden.“

„Da warst du erst fünf?“

Jace wirkte so verblüfft und entsetzt, dass Vickie ihn am liebsten auf der Stelle umarmt hätte. „Ja. Ich war schon alt genug, um mich zu erinnern. Meine Mutter war drogenabhängig und hatte einen Liebhaber nach dem anderen. Die Sucht war stärker als mütterliche Instinkte, nehme ich an.“

„Hast du je nach ihr gesucht, als du älter warst?“

„Natürlich.“ Sie seufzte. „Seltsam, aber die Hoffnung stirbt zuletzt, egal welches Unheil wir erleben. Sie starb zwei Jahre, nachdem sie mich weggegeben hatte.“

Er fasste nach ihrer Hand, aber nicht aus Mitleid, wie sie sehr wohl spürte. Der leichte Druck seiner Finger vermittelte ihr Halt und Zuversicht.

„Du kannst stolz auf dich sein.“

„Warum?“

„Weil du dein Leben in die Hand genommen und die richtigen Entscheidungen getroffen hast. Bei vielen anderen geht eine solche Geschichte nicht so positiv aus.“

Eine Welle von Scham überrollte Vickie. Nervös drehte sie an den Ringen, die an ihrem Mittelfinger steckten. „Nicht alle meine Entscheidungen waren so großartig.“

„In Kürze wirst du dein Studium abschließen. Du verdienst dir deinen Lebensunterhalt selbst. Und das alles ohne jegliche Unterstützung von familiärer Seite. Darauf kannst du wirklich stolz sein.“

Victoria war es nicht gewohnt, gelobt zu werden. Sie genoss es mehr, als sie zugeben wollte. „Danke“, murmelte sie daher nur verlegen und widmete sich weiter dem fantastischen Frühstück.

„Toller Wagen“, bemerkte Jace, als sie über die Brücke in Richtung Stadt brausten. „Er passt zu dir.“ Voller Wohlgefallen betrachtete er, wie der Wind ihr seidiges Haar zerzauste.

„Ich mag ihn.“

Er hob die Hand und strich ihr eine Haarsträhne zurück, die sich in ihrem Mundwinkel verfangen hatte. Und erntete dafür einen fragenden Seitenblick. Sie war noch immer unsicher ihm gegenüber, so als wüsste sie nicht, ob sie ihm vertrauen könne. Diesen Zustand musste er unbedingt so schnell wie möglich ändern.

Sie war voller Widersprüche, und genau das faszinierte ihn. Je länger er sie betrachtete, umso begehrenswerter fand er sie mit ihren verführerisch glänzenden Lippen, dem engelsgleichen Gesicht … und diesem Tattoo.

„Was machst du sonst so? Außer Vögel beobachten, meine ich.“

„Dienstag- bis Samstagnacht arbeite ich im Diamond Jim’s. Tagsüber und am Sonntag sitze ich über meinen Büchern.“

„Das heißt, du gehst an fünf Tagen aufs College und arbeitest sechs Nächte …“

„Fünf. Sonntag und Montag habe ich frei.“

„Gut zu wissen.“

Sie warf ihm einen Blick zu. Er lächelte nur.

„Da bleibt dir wirklich nicht viel Freizeit.“

„Das stört mich nicht. Ich habe mich dafür entschieden und basta.“

„Sag bloß, du hattest keinen Freund, seit du zur Schule gehst?“ Ihre Hände umfassten das Lenkrad fester, wie er bemerkte. Diese Geste weckte seine Neugier.

„Mit fünf kam ich in die Schule. Warte … in der dritten Klasse ging ich fest mit Terry Small. Und am Ende der vierten Klasse hatte ich ein heißes Techtelmechtel mit Chad Holkum …“ Sie sah ihn kurz an. „Willst du die komplette Namensliste?“

Ihm gefiel ihr Humor. Auch wenn ihm nicht verborgen blieb, dass sie tiefere Gefühle dahinter versteckte. In ihrer Stimme lag eine betonte Freundlichkeit, die ihn davor warnen sollte, verbotenes Terrain zu betreten.

Doch er war nicht der Typ, der auf Warnsignale achtete. „Das können wir uns für unsere nächste Verabredung aufheben. Was mich interessiert, sind mehr die Männer deiner jüngeren Vergangenheit. Um zu wissen, wer meine Rivalen sind.“

„Das ist völlig unwichtig, weil es zwischen uns keine Beziehung geben wird.“

„Victoria „, begann er mit einem Seufzer, „du machst es mir wirklich schwer. Aber keine Angst, ich bin geduldig. Und ich liebe Herausforderungen.“

„Ich fordere dich nicht heraus, Jace.“ Sie bog in die Einfahrt des Torrey Pines State Reserve Park ein. Nachdem sie den Wagen in eine Parkbucht gefahren hatte, stellte sie den Motor ab und wandte sich ihm zu. „Ich bin nicht interessiert.“

„Nein?“ Er erwiderte ihren Blick und strich mit einem Finger eine widerspenstige Haarsträhne von ihrer Wange. Dann legte er ihr eine Hand in den Nacken, zog sie näher und nahm ihr die Sonnenbrille ab. „Mal sehen.“

Es war ein Überrumpelungsmanöver, doch nach kaum merklichem Widerstand gaben ihre Lippen unter seinen nach. Bei ernsthafter Gegenwehr hätte er sie sofort losgelassen. Doch im Gegensatz zu ihren Worten war ihr Mund süß, hungrig … und definitiv interessiert.

Sie ist mein Schicksal, schoss es ihm urplötzlich durch den Kopf. Doch der Gedanke verflog sofort, denn das berauschende, elektrisierende Verlangen, das seinen Körper erfasst hatte, verdrängte jedes andere Gefühl.

Victoria Meadland küsste unglaublich gut.

Jace drückte sie fester an sich, und zu seiner Überraschung erwiderte Victoria seinen immer heftiger werdenden Kuss mit der gleichen Leidenschaft.

Irgendwo wurde eine Autotür zugeschlagen, und eine hohe Kinderstimme drang störend in sein Unterbewusstsein.

Langsam und sanft löste sich Jace von Victoria und betrachtete sie liebevoll. „Für mich fühlte sich das durchaus interessiert an.“

Blitzschnell hatte sie sich wieder in der Gewalt. Sie rückte von ihm ab, strich sich das Haar hinter die Ohren und setzte die Sonnenbrille wieder auf. „Sexuelle Anziehungskraft macht noch keine Beziehung aus.“

„Nein, aber sie ist hilfreich.“ Er bemerkte, dass ihre Hände zitterten.

„Jace, ich habe dir doch gesagt, dass ich nur Freundschaft will.“

„Aber ich bin dein Freund.“

Frustriert stieß sie den Atem aus. „Es war wohl keine gute Idee, hier herauszufahren.“ Sie griff nach dem Autoschlüssel.

Rasch legte Jace seine Hand auf ihre. „Der Tag hat doch noch gar nicht richtig begonnen.“

Sie blickte hinaus auf die hohen Pinien, deren Duft die Luft erfüllte, dann nahm sie die Sonnenbrille ab und wandte sich ihm zu. In ihrem Blick lag eine geheimnisvolle Verletzlichkeit, die sie verzweifelt zu verbergen suchte. Sein Herz flog ihr zu, am liebsten hätte er sie in die Arme genommen und versprochen, ihr sämtliche Sterne vom Himmel zu holen.

„Ich habe Fehler gemacht, Jace, die ich nicht wiederholen möchte.“

Er legte ihr einen Finger auf die Lippen. „Die Vergangenheit interessiert mich nicht. Jeder macht Fehler. Aber jeder verdient auch eine zweite Chance.“ Sie drehte ihren Kopf zur Seite. „Ich habe Angst“, sagte sie leise.

„Ich doch auch. Normalerweise werbe ich nicht so hartnäckig um eine Frau, glaub mir das, aber du hast etwas an dir …“

„Jace …“

Wieder unterbrach er sie. „Lass uns damit aufhören ja?“ Er nahm ihre Hand. „Wollten wir nicht Vögel beobachten?“

Zaghaft begann sie zu lächeln. „Du bist wirklich verrückt, weißt du das?“

Er erwiderte ihr Lächeln und drückte ihre Hand. „Also los.“

Sie schlugen den Guy Fleming Trail ein, weil er Victoria am besten gefiel und hier nur wenige Touristen unterwegs waren.

„Wie friedlich es hier ist“, staunte Jace und bewunderte die riesigen Pinien. „Mein ganzes Leben habe ich in San Diego verbracht und war noch nie hier.“

„Weil du wahrscheinlich immer in den Parks am Strand zum Inlineskaten oder Joggen warst, stimmt’s?“

„Woher weißt du das?“

„Man sieht es dir an.“ Sie musterte ihn rasch von Kopf bis Fuß.

„Danke für das Kompliment.“

„Bitte“, erwiderte sie trocken.

„Du willst mir doch nicht etwa Eitelkeit vorwerfen?“

Victoria überlegte einen Augenblick lang. Eigentlich hatte er ja nur ein sehr gesundes Selbstbewusstsein. „Kleiner Scherz – oh, schau mal.“ Sie streckte einen Arm aus. Vier Wachtelküken kreuzten direkt vor ihnen den Pfad.

„Die sind ja süß“, sagte Jace.

„Sch.“ Zu spät. Beim Klang seiner Stimme kam auch schon die Wachtelmutter aus dem Gebüsch und scheuchte ihre Kleinen eiligst zurück.

Vickie seufzte. „Regel Nummer eins beim Beobachten von Vögeln ist, sich still zu verhalten.“

„Ich weiß“, erwiderte er verlegen.

Während der nächsten Minuten ging er schweigend neben ihr her, doch sie spürte die vibrierende Unruhe, die von ihm ausging.

Schließlich ertrug sie es nicht länger. „Was ist?“, fragte sie.

Er hob die Augenbrauen.

„Du siehst aus, als würdest du gleich platzen.“

„Ich bemühe mich nur, den Mund zu halten. Normalerweise fällt mir das nicht schwer, aber heute schon.“

„Warum? Kannst du die Einsamkeit der Natur nicht genießen?“

„Doch. Es sei denn, ich befinde mich in Gesellschaft einer schönen Frau.“

Sein Kompliment machte sie für einen Moment sprachlos. „Wir können ruhig reden. Die meisten Vögel sind hoch oben in den Bäumen und interessieren sich nicht für uns.“

Erleichtert stieß Jace den Atem aus.

Einvernehmlich setzten sie ihren Rundgang fort, bis er plötzlich seinen Schritt verlangsamte und nach ihrer Hand fasste. Unwillkürlich zuckte Vickie zurück. Schließlich waren sie kein verliebtes Pärchen. Doch seine große, warme Hand fühlte sich so angenehm an. Vertrauenerweckend. Wie die Pinien um sie herum.

Die Bäume in diesem Teil des Parks waren nicht die größten oder seltensten ihrer Art. Doch Victoria hatte sie gleich ins Herz geschlossen, als sie vor einigen Jahren zum ersten Mal hier war. Hoch auf den Klippen wuchsen ihre Wurzeln in magerem Boden, sie litten unter Trockenheit, wurden von Stürmen geschüttelt und von der Sonne versengt, und trotzdem überlebten sie.

Auch sie hatte schwere Zeiten durchlebt und nie aufgegeben. Auch sie hatte überlebt.

Jace drückte kurz ihre Hand. „Du bist auf einmal so still“, bemerkte er.

„Man verliert sich leicht in der Stille der Natur.“

Sie waren jetzt am südlichen Aussichtspunkt angelangt.

„Sieh dir das an“, rief Jace begeistert aus. „Von hier aus hat man klare Sicht bis Catalina Island.“

„Und das beeindruckt dich? Du hast von deiner eigenen Wohnung aus eine großartige Aussicht.“

„Ja, aber das Wetter spielt oft nicht mit, und dann kann man die Insel nicht sehen.“ Er hob ihre ineinander verschränkten Hände und deutete nach Süden. „Das ist La Jolla. Siehst du den Hügel dort?“

Victoria lehnte sich ein wenig an ihn und atmete den frischen Geruch seiner Kleider ein. „Der mit den Villen?“

„Genau. Meine Eltern leben dort.“

„Da bist du groß geworden?“

„Die meiste Zeit. Sie besitzen das Haus seit zwanzig Jahren.“

„Dann hast du schon immer im Paradies gelebt.“

Ein Hauch von Neid, aber auch aufrichtige Anerkennung sprachen aus ihrer Stimme. Er hatte sein Heim immer als selbstverständlich hingenommen und nie von außen betrachtet. Und er hatte schon wieder vergessen, dass Vickie in einer Umgebung aufgewachsen war, die sie Höllenheim nannte.

Sie war so hübsch. Nicht wie ein gestyltes Model oder ein Filmstar. Sie wirkte frisch und natürlich. Ihre Haut war weich und mit ein paar winzigen Sommersprossen gesprenkelt. Ihre Lippen waren voll, ihre Augen blau wie ein Bergsee und ihr schulterlanges Haar seidig und glatt.

„Wollen wir uns für einen Moment setzen?“

„Gerne.“

Vickie trat bis an den Rand der Klippe, bückte sich, um zu prüfen, ob der Boden feucht war, und setzte sich ohne viel Federlesen auf die mit Piniennadeln bedeckte Erde. Sie zog die Knie an und schlang die Arme darum. Jace ließ sich neben ihr nieder und lauschte einen Augenblick lang dem Meer, dem Wind und den Schreien der Möwen.

„Du hast also dein ganzes Leben am Meer verbracht“, sagte Vickie schließlich leise, während sie hinaus auf die Wellen sah.

„Es gibt nichts Schöneres.“

„Segelst du?“

„Hm. Ich habe einen kleinen Katamaran, mit dem ich mehrmals im Monat hinausfahre. Und eine sechzig Fuß lange Michaelson, das ist die Königin unter den Yachten für Sportfischer. Und super geeignet für Wochenendausflüge nach Catalina Island. Bist du je dort gewesen?“

„Nein.“

„Ich nehme dich mit. Es macht auch unheimlich Spaß, damit abends durch den Hafen zu schippern, den Sonnenuntergang und die Lichter der Stadt zu beobachten. Das sollten wir auch bald mal machen.“

„Puh. So viele Pläne – wann arbeitest du eigentlich?“

„Ich stehe früh auf und kümmere mich ums Geschäft, wenn die Telefone noch nicht heiß laufen. Außerdem habe ich hoch qualifizierte Mitarbeiter, die in der Lage sind, das Tagesgeschäft in eigener Verantwortung abzuwickeln. Die meisten von ihnen sind seit der Firmengründung mit dabei. Sollte ich mich morgen aus dem Geschäft zurückziehen, würde es auch ohne mich weiterlaufen.“

„Würdest du das übers Herz bringen? Ich meine, es ist dein Baby, wenn man es so nennen will. Würdest du es nicht vermissen?“

„Vielleicht. Aber manchmal denke ich, ich müsste noch einmal etwas Neues, Anderes ausprobieren. Eine neue Herausforderung, verstehst du? So wie du mit deinem Plan, Lehrerin zu werden.“

„Damit werde ich sicher keine Millionen verdienen.“

„Aber du verfolgst deinen Traum.“

Sie sah zu ihm hinüber und umfasste ihre Knie fester. „So könnte man es nennen.“

„Es ist so. Egal, was man im Leben tut, man sollte es mit Hingabe tun. Ich habe die Leidenschaft in deiner Stimme gehört, als du über deinen zukünftigen Beruf sprachst, und das bewundere ich. Jeder sollte seine Talente erkennen und in bestmöglicher Weise weiterentwickeln und einsetzen. Wie du.“

Victoria sah ihn an, während er sprach und sich immer mehr begeisterte. Es berührte sie in ihrem Innersten, wie positiv sein Urteil über sie ausfiel. Dabei hatte sie in ihrer Vergangenheit genau das Gegenteil erfahren. Immer wieder hatte man ihr in Worten oder Gesten zu verstehen gegeben, dass sie nicht gut genug war. Nur ein weiterer Mund, den es zu füttern galt …

Jace berührte ihre Wange und holte sie aus ihren Gedanken. „Woran denkst du?“

Sie sah hinaus aufs Meer und den Hügel voller Luxusvillen, von denen eine seiner Familie gehörte. „Als ich fünfzehn war, schwänzte ich mit einer Freundin die Schule. Ihre Eltern waren beide berufstätig, und wir hingen bei ihr zu Hause herum. Wir hörten Musik, quatschten über Jungs, fanden eine Flasche Wein und probierten später noch ein paar Liköre aus der Hausbar aus. Ich fand sehr schnell heraus, dass das Durcheinandertrinken verschiedener Alkoholika verheerende Folgen hat.“

Sie hielt inne und verfolgte mit den Augen den Flug einer Gruppe von Pelikanen. „Tracys Mutter erwischte uns und brachte mich zurück ins Heim. Ich wollte mich nur irgendwo verkriechen und sterben.“

„Im Höllenheim waren sie wahrscheinlich nicht begeistert.“

„Darauf kannst du wetten. Helen meinte, sie hätte von mir ohnehin nichts anderes erwartet. Dass ich aus der Gosse käme und für den Rest meines Lebens Abschaum bleiben würde.“

Jace stieß einen leisen Fluch aus und legte einen Arm um sie. „Du hast ihr aber nicht geglaubt.“

„Doch, das tat ich. Zumindest für eine Weile.“ Sie mochte den Druck seines Armes um ihren Körper, doch das Thema der Unterhaltung gefiel ihr ganz und gar nicht. Wie war sie nur dazu gekommen, ihm diese erniedrigende Geschichte überhaupt zu erzählen?

„Egal“, sagte sie und strich sich energisch das Haar hinter die Ohren. „Es war nett, was du vorhin gesagt hast. Dass ich mich bemühe, meinen Traum zu verwirklichen.“

Sanft berührte er mit den Lippen ihre Schläfe und lehnte dann seinen Kopf an ihren. Lange Zeit blieben sie so sitzen und beobachteten das Meer und die Möwen unter ihnen.

Als Victoria später am Tag in die Einfahrt zu Jaces Wohnung einbog, ließ sie den Motor laufen, um gar nicht erst in Versuchung zu kommen, noch mit zu ihm hineinzugehen. Sie war verwundert, wir prächtig sie sich verstanden, obwohl sie sich erst so kurz kannten.

Jace streckte die Hand aus und drehte selbst den Zündschlüssel um. „Wie wäre es mit einem Abendessen, ehe du zur Arbeit fährst?“

Sie schüttelte den Kopf. „Keine Zeit. Ich muss um sechs in der Bar sein.“

Er fuhr mit den Fingerknöcheln über ihre Wange. „Ich möchte nicht, dass der Tag schon endet.“

„Steig schon aus, Jace Carradigne“, sagte sie lachend. „Sonst komme ich zu spät.“

„Bekomme ich einen Gute-Nacht-Kuss?“

„Ich kann keinen klaren Gedanken fassen, wenn du mich küsst.“

„Dann küss einfach du mich. Ich verspreche dir, ich werde ganz stillhalten.“

„Glaubst du, das macht einen Unterschied?“

„Wir könnten es wenigstens versuchen. Als eine Art Experiment. Ich bin auf jeden Fall bereit, mich zu opfern.“

„Hast du eigentlich je eine Abfuhr bekommen?“

„Natürlich. Häufig.“

Sein Mund war ganz dicht vor ihrem Gesicht, lächelnd und einladend. Victoria konnte der Versuchung nicht widerstehen. „Okay. Aber behalt deine Hände bei dir.“

„Jawohl, Madame.“

Sie unterdrückte das nervöse Kichern, das in ihrer Kehle aufstieg, beugte sich zu ihm und streifte mit den Lippen flüchtig seinen Mund. Ein richtiger Kuss hätte nicht elektrisierender sein können. Was konnte sie also verlieren?

Seine Augen nahmen die Farbe von dunkelgrünem Moos an, als sie die Hand an seine Wange legte. Diesmal war ihr Kuss fordernd und direkt. Aus dem Kichern tief in ihrer Kehle wurde ein leises, begehrliches Stöhnen.

Obwohl er wie versprochen seine Hände bei sich behielt, erwiderte er ihren Kuss leidenschaftlich.

Von ihren eigenen Gefühlen übermannt, vergaß Vickie ganz, dass sie eigentlich Herrin der Situation hatte bleiben wollen. Sie umschloss auch mit ihrer anderen Hand sein Gesicht und drängte sich dicht an ihn.

Natürlich war es nicht fair, mit dem Feuer zu spielen, aber sie konnte nicht anders.

Benommen löste sie sich schließlich von ihm und schlüpfte wieder hinters Steuerrad.

Endlose Sekunden lang saß Jace völlig in sich gekehrt da. Dann fuhr er sich mit der Hand durchs Haar. „Wow.“

Victoria lächelte nur, da sie ihrer eigenen Stimme noch nicht traute.

„Jetzt musst du mir aber versprechen, dass du morgen mit mir zum Brunch kommst.“

„Ist dir schon mal in den Sinn gekommen, dass ich vielleicht auch noch etwas anderes zu tun habe?“

„Hm, sicher. Aber du würdest mir einen großen Gefallen tun. Sonntags gibt es bei meinen Eltern immer Brunch. Das kann oft recht öde sein, auch wenn meine Eltern völlig in Ordnung sind.“

„Bei deinen Eltern? Ich platze doch nicht uneingeladen in ein Familienfrühstück. Schließlich kenne ich deine Eltern gar nicht.“

„Aber ich lade dich hiermit ein, und morgen wirst du sie kennenlernen.“

„Du kannst doch nicht einfach einen Gast mitbringen.“

„Warum nicht?“

„Weil es irgendwie peinlich ist.“

„Meine Mutter wäre ziemlich beleidigt, wenn sie das hören würde. Sie ist so stolz auf ihre Gastfreundschaft. Komm schon, Vickie. Ich will mit dir zusammen sein. Und ich möchte, dass du meine Eltern kennenlernst. Sag ja.“

Irgendwie ging ihr das alles viel zu schnell, obwohl sie überrascht war, wie gern sie seine Eltern treffen und mit eigenen Augen sehen wollte, wo er seine Jugend verbracht hatte.

„Der Himmel weiß, wie du es geschafft hast, mich zu überreden, aber ich sage Ja. Ich komme mit.“

Zu ihrer Verlegenheit hob er ihre Hand an seine Lippen und küsste sie.

„Dann hole ich dich morgen früh um zehn Uhr ab.“ Er stieg aus dem Auto.

Victoria nickte nur wortlos, ließ den Motor an und fuhr rückwärts aus der Einfahrt.

Er hatte ihre Hand geküsst. Wie sollte sich eine Frau danach auf den Verkehr konzentrieren?

3. KAPITEL

Punkt zehn Uhr am nächsten Morgen stand er vor ihrer Tür. Die Hand auf der Klinke, zögerte Victoria, weil sie nicht wusste, ob sie ihn hereinbitten sollte. Womöglich würde er sich alles ganz genau ansehen wollen, und ihr Schlafzimmer sah aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen.

Nach einem letzten prüfenden Blick in den großen Dielenspiegel atmete sie tief durch, um ihre Nerven zu beruhigen. Sie hatte nicht gewusst, welche Kleidung für einen Brunch bei den unbekannten Eltern passend war, und hatte fast jedes ihrer wenigen Outfits anprobiert, ehe sie sich schließlich für eine schwarze Hose und einen hellrosa Pulli entschieden hatte. Dazu trug sie einen schwarzen Ledergürtel und Cowboystiefel aus Kalbsleder.

Sie öffnete die Tür, und ihre Nerven flatterten noch mehr, denn Jace Carradigne sah attraktiver aus denn je.

„Hi.“ Er hielt ihr eine schmale rote Schachtel entgegen. „Das ist für dich.“

„Wofür?“ Sissy schlich hinter dem Sofa hervor, um den fremden Mann in ihrem Hoheitsgebiet zu begutachten.

„Nur so.“

Ihr Herz hämmerte gegen die Rippen. Sie öffnete den Deckel und sog vor Überraschung die Luft ein. Das schlichte Armband bestand aus feinen goldenen Gliedern mit winzigen herzförmigen Anhängern, die mit glitzernden Saphiren besetzt waren.

„Ach du meine Güte! Es ist wunderschön! Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich kann es nicht … ich sollte wirklich nicht …“

„Es würde mich sehr verletzen, wenn du sagen würdest, dass du es nicht annehmen kannst.“

„Aber es ist viel zu wertvoll.“ Sie strich mit den Fingern über die kühlen Steine.

„Ich habe es heute Morgen zufällig entdeckt, als ich durch verschiedene Geschäfte lief und an dich dachte. Es passt zu deinen Ringen.“

Automatisch berührte sie die beiden Saphirringe an ihrem Mittelfinger. Sie hatte sie selbst gekauft. Abgesehen von ihrer Uhr und ein paar Ohrringen war es der einzige Schmuck, den sie besaß.

Vor Rührung musste sie schlucken. Niemand hatte ihr je Schmuck geschenkt.

„Du solltest nicht so viel Geld für mich ausgeben“, brachte sie schließlich hervor.

„Vickie, ich verdiene ein Vermögen und bin glücklich, wenn ich es ausgeben kann. Vor allem, wenn ich dir eine Freude damit machen kann.“

Bewundernd betrachtete sie das Armband und fragte sich, warum ihr auf einmal so wehmütig ums Herz war. „Danke, ich freue mich sehr darüber.“

Da sie ihn noch immer nicht hereingebeten hatte, trat er nun über die Schwelle, nahm ihr die Schmuckschachtel ab und holte das Armband heraus. „Darf ich es dir umlegen?“

Sie hielt ihm das Handgelenk entgegen. Als seine Finger ihre Haut berührten, lief ihr ein Schauer den Arm entlang. Sie blickte auf seinen Hinterkopf, als er sich vorbeugte, um das Armband zu befestigen. Alles in ihr sehnte sich nach ihm. Ein wohlbekanntes Verhaltensmuster.

Aber vielleicht war dieses Mal ja alles anders.

Langsam, Vickie. Nichts übereilen.

Mit einem Lächeln auf den Lippen blickte er zu ihr auf. „Können wir gehen?“

Die Saphirherzen schlugen leise gegeneinander, als sie ihre Hand sinken ließ. Verflixt! Gleich würde sie anfangen zu weinen. Tränen stiegen ihr in die Augen, obwohl sie mit aller Macht dagegen ankämpfte.

Jace wischte ihr die Tränen sanft von der Wange, dann zog er sie an sich und drückte einen zärtlichen Kuss auf ihre Stirn. „Das ist der schönste Dank, den ich je für ein Geschenk bekommen habe“, flüsterte er.

„Ich komme mir so idiotisch vor.“

Jetzt küsste er ihre Lider und ihre Wangen. „Du bist vollkommen.“

Wenn er auch nur den geringsten Versuch unternommen hätte, dann hätte Victoria auf der Stelle die Tür hinter ihm geschlossen und ihn ungeachtet aller Unordnung in ihr Schlafzimmer eingeladen. Doch er machte keinerlei Anstalten, die Situation auszunutzen.

Er war ein echter Gentleman und Ehrenmann.

Jace nahm Victoria bei der Hand und führte sie zu seinem Wagen. Zu einem sportlichen, unverschämt teuren schwarzen Porsche.

„Allzu viele Probleme scheint dir das Geldausgeben doch nicht zu bereiten“, bemerkte Victoria, während sie auf den Ledersitz schlüpfte.

„Ich liebe es, schnell zu fahren.“

„Wer hätte das gedacht“, murmelte sie vor sich hin, während Jace die Beifahrertür zuschlug. Sie blickte auf das Armband an ihrem rechten Handgelenk, das in der Sonne glitzerte.

Allmählich fühlte sie sich wie eine Prinzessin. Daran sollte sie sich besser gar nicht erst gewöhnen.

„Schnall dich an“, sagte er und startete den Motor.

„Hast du vor, deiner Leidenschaft für Geschwindigkeit zu frönen?“, fragte sie.

„Ich werde versuchen, die Schallmauer nicht zu durchbrechen.“

„Wie beruhigend.“

Jace lachte. „Entspann dich und genieße es.“

„Wie soll ich mich entspannen, wenn ich uneingeladen beim Sonntagsbrunch deiner Eltern auftauche?“

„Aber du bist eingeladen! Ich habe natürlich zu Hause angerufen, und meine Mutter freut sich wie eine Schneekönigin. Das genau waren ihre Worte.“

„Ich war noch nie bei den Eltern eines Bekannten.“

„Im Ernst? Hatten denn deine Freunde keine Familien?“

„Anscheinend nicht.“ Vickie zuckte mit den Schultern.

Er fasste hinüber, verschränkte seine Hand mit ihrer. „Sehr gut“, sagte er zufrieden. „Es gefällt mir, dass ich dein Erster bin.“

Einen Moment lang glaubte sie, er spiele auf ihre – nicht mehr vorhandene – Jungfräulichkeit an. Dann erst wurde ihr bewusst, dass er den Besuch bei seinen Eltern meinte. Wieder wurde ihr mulmig.

„Erzähl mir von deinen Eltern.“

„Dad ist Arzt, genauer gesagt Gynäkologe. Bei ihm ist es jederzeit möglich, dass er vom Tisch aufspringt, weil er in die Klinik zu einer komplizierten Geburt gerufen wird.“

„Dann muss es schwierig für deine Mutter sein, gemeinsame Aktivitäten zu planen.“

„Sie nimmt das völlig locker. Er liebt seine Arbeit, und das macht auch sie glücklich.“

„Und was macht deine Mutter?“

Ein Lächeln spielte um seinen Mund. „Sie ist Professorin … für Psychologie.“

Vickie riss die Augen auf. „An der Uni San Diego?“

„Nein, an der UCSD in La Jolla.“

„Oh.“

„Trotzdem werdet ihr beiden jede Menge Gesprächsstoff haben. Und solltest du irgendwelche Fragen haben, wird sie dir liebend gerne ausführlichst Auskunft geben.“

„Was sollte ich noch über sie wissen?“

„Sie ist sehr attraktiv, wie du selbst gleich feststellen wirst. Sie ist jetzt fünfundfünfzig und hat noch immer die Figur einer Zwanzigjährigen. Und sie ist echt cool. Sie bringt es fertig und geht mit uns auf den Hof, um Basketball zu spielen. In ihrem Job ist sie ziemlich ehrgeizig, und gleichzeitig geht ihr die Familie über alles. „

„Klingt, als sei sie ganz wunderbar“, bemerkte Vickie wehmütig.

„Das ist sie.“

Wie hätte es wohl sein können, wenn sie mit einer solchen Mutter hätte aufwachsen dürfen? Der Himmel auf Erden, dachte sie.

„Wie heißen deine Eltern?“

„Annie und Chris. Christopher … mein Vater.“

„Darauf wäre ich fast von allein gekommen“, erwiderte sie trocken. Sie spürte, wie ihre Nervosität zunahm, und sah zur Ablenkung aus dem Fenster.

Sie hatten inzwischen ungefähr zwölf Meilen vom Zentrum San Diegos bis La Jolla zurückgelegt. Die Straße führte in steilen Haarnadelkurven auf eine Klippe und bot ständig neue atemberaubende Ausblicke.

Ganz oben mit einem Blick über die Küste und einen kleinen privaten Sandstrand parkte Jace den Porsche in einer breiten Auffahrt, die zu einem Herrenhaus im wahrsten Sinne des Wortes führte.

Selbst jetzt im Herbst war der Garten ein Meer von Blumen. Ausgedehnte Rasenflächen wurden unterbrochen durch gepflasterte Pfade, alten Baumbestand und Springbrunnen, in denen Vögel badeten. Über einem der Garagentore war ein offensichtlich oft benutzter Basketballkorb angebracht, der inmitten dieser vornehmen Umgebung ein wenig deplatziert wirkte.

Trotz seiner Größe und Eleganz machte das Haus einen einladenden Eindruck.

Noch ehe Jace den Motor des Porsche ausgeschaltet hatte, ging die Haustür auf, und seine Eltern kamen heraus, um sie zu begrüßen.

Annie war genauso schön, wie Jace gesagt hatte. Sie wirkte wie vierzig mit dem kurzen dunklen Haar, das ihr bildhübsches Gesicht umrahmte.

Und sein Vater – hellblondes Haar, mindestens eins fünfundachtzig groß und schlank – erinnerte sie an den Schauspieler Robert Redford. Wahrscheinlich verliebten sich seine Patientinnen reihenweise in ihn.

Mit einem strahlenden Lächeln half Jace Vickie beim Aussteigen und legte einen Arm um ihre Schultern. „Komm. Ich stelle dich vor.“

Er umarmte erst seine Mutter, dann seinen Vater. „Mom, Dad, ich möchte euch Victoria Meadland vorstellen.“ Er blinzelte ihnen vertraulich zu. „Seid nett zu ihr. Sie ist etwas ganz Besonderes.“

Vickies Gesicht wurde flammend rot. Sie wünschte, er würde solche Dinge nicht sagen. Aber seine Worte taten ihr unendlich gut.

„Schön, Sie kennenzulernen.“

Annie nahm Vickies Hand in ihre beiden Hände und drückte sie. „Wir freuen uns wie die Schneekönige, dass Sie hier sind. Wir sind Annie und Chris. Wenn es Ihnen recht ist, dann lassen wir doch die Förmlichkeiten beiseite und duzen uns, einverstanden?“

„Ja, gerne.“ Victoria bemerkte, wie Jace ihr zuzwinkerte, als seine Mutter das Wort ‚Schneekönige‘ wiederholte. Genau wie er gesagt hatte.

Chris schüttelte Victorias Hand. „Komm rein. Annie steht seit Stunden in der Küche.“

„Stimmt gar nicht. Ich habe nur einen überbackenen French Toast vorbereitet und einen Eierauflauf.“

Ein Haus von dieser Größe, und sie stand selbst in der Küche? Victoria hatte mit Bediensteten gerechnet, die sich diskret im Hintergrund hielten.

„Oha“, sagte Jace. „Irgendetwas musst du von mir wollen, wenn es meine Lieblingsgerichte gibt.“

Annie tätschelte liebevoll den Arm ihres Sohnes. „Du bist ganz schön frech. Ich habe an Victoria gedacht beim Kochen, nicht an dich. Kelly!“, rief sie beim Durchqueren der Halle so unvermittelt, dass Vickie vor Schreck zusammenzuckte. „Frühstück!“

„Deine Mutter hat darauf bestanden, dass wir im Patio essen“, sagte Chris, der bisher geschwiegen hatte. „Ich habe die Heizstrahler angestellt. Die Sonne ist zwar angenehm, aber die Luft ist etwas frisch.“

Der Patio umfasste einige hundert Quadratmeter und wurde von einem kristallblauen Pool samt Wasserfall aufgelockert. Möwen kreisten hoch in der Luft, um dann wieder im Sturzflug hinter der Klippe zu verschwinden. Das Rauschen des Meeres vereinigte sich mit dem Plätschern des Wasserfalls.

Jace bot Victoria einen Stuhl an, als eine junge Frau mit schnellem Schritt auf der Terrasse erschien.

„Oh, die zerstreute Wissenschaftlerin beehrt uns mit ihrer Anwesenheit“, sagte Jace neckend. „Welch Wunder, dass du dich mal ausnahmsweise nicht in deinem geliebten Labor vergraben hast.“

Kelly zuckte mit den Schultern. „Mom meinte, ich müsste zum Brunch zu Hause sein.“

„Sechsundzwanzig und noch immer tun, was Mom sagt?“

„Absolut“, antwortete Annie anstelle ihrer Tochter. „Aber wo bleiben deine Manieren? Stell Victoria deiner Schwester vor.“

„Jawohl, Ma’am. Victoria, das ist meine Schwester Kelly. Du weißt schon, die gerne Sachen explodieren lässt.“

„Ich lasse gar nichts explodieren“, protestierte Kelly und erwiderte schüchtern Vickies Blick. „Freut mich, dich kennenzulernen.“

Sie war still, dünn und ein wenig linkisch. Ihr langes, leicht gewelltes blondes Haar war zu einem unordentlichen Pferdeschwanz zusammengebunden, so als lege sie wenig Wert auf ihr Aussehen. Ihr Blick wirkte abwesend, als hätte man sie bei einer wichtigen Arbeit unterbrochen.

Zerstreute Wissenschaftlerin schien die passende Bezeichnung für sie zu sein.

„Jace hat mir erzählt, dass du an einem Medikament gegen besondere Viren arbeitest.“

Augenblicklich erhellte sich Kellys Blick, und sie begann eine ziemlich ausführliche Schilderung ihrer Laborarbeit. Schließlich stöhnte sie auf. „Ich komme schon wieder vom Hundertsten ins Tausendste“, entschuldigte sie sich.

„Das klingt wirklich unglaublich spannend“, sagte Vickie.

Doch Kelly schien wieder in ihrer eigenen Welt zu versinken und die Familie zu vergessen, die um den Tisch versammelt war und den wunderbar lockeren French Toast mit karamellisiertem braunem Zucker und Ahornsirup genoss.

Jace und sein Vater unterhielten sich über verschiedene geschäftliche Dinge, und Vickie war froh, dass sie der Unterhaltung einfach nur still zuhören konnte.

Ihr wurde klar, dass es genau das war, wonach sie sich immer gesehnt hatte. Eine Familie, die scherzte und lachte und sich bedingungslos liebte.

Sie musste sehr vorsichtig sein. Denn nichts würde leichter sein, als sich einzubilden, ein Teil dieser glücklichen Menschen sein zu können. Dazuzugehören. Besonders jetzt, da ihre Gefühle für Jace immer stärker wurden.

Doch es war töricht, an Hochzeit und Kinder auch nur einen Gedanken zu verschwenden. Sie war nicht ganz aufrichtig zu Jace gewesen. Sie hatte ihn zwar auch nicht belogen, doch da gab es Dinge, die er erfahren musste. Dinge, die seine Meinung über sie ändern würden.

Quer durch das Zimmer beobachtete Jace, wie Vickie Geschirr in der Küche stapelte und über eine Äußerung seiner Mutter lachte. Er hatte gewusst, dass die beiden sich gut verstehen würden.

Es gefiel ihm, dass sie sich so wohl in der Gesellschaft seiner Familie fühlte.

Sein Vater kam und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Sie ist ein tolles Mädchen“, sagte er.

„Ja, das ist sie.“

Der Druck von Chris’ Hand bedeutete Anerkennung. „Ich will dir keinen Vortrag über schnelle Entscheidungen halten, aber ich wusste im ersten Augenblick, dass deine Mutter die richtige Frau für mich ist. Empfindet Victoria wie du?“

„Ich habe sie noch nicht gefragt.“

„Darf ich dir einen Rat geben, mein Sohn? Rede nicht lange um den heißen Brei herum, frag sie einfach.“

„Danke für den Tipp, Dad. Und danke, dass ihr sie so herzlich aufgenommen habt.“

Als Victoria am Dienstagabend wieder in die Bar zur Arbeit ging, spürte sie leichte Entzugserscheinungen. Zum ersten Mal nach vier Tagen hatte sie Jace den ganzen Tag über nicht gesehen.

Noch immer versuchte sie sich einzureden, dass sie nur Freunde waren.

Am Sonntag nach dem Brunch bei seinen Eltern hatten sie einen langen Spaziergang an der Mission Bay entlang gemacht. Jace hatte zwei Drachen gekauft, und wie kleine Kinder waren sie damit über den Strand getobt. Schließlich hatte er sie sogar zu einer Fahrt in der wundervoll restaurierten Achterbahn aus Holz überredet.

Anschließend hatte er in seiner Wohnung ein spätes Abendessen zubereitet, hatte sie im Mondlicht unten am Strand unter seinem Balkon geküsst und dann nach Hause gefahren. Am Montag war er nach der Uni vor ihrem Appartement aufgetaucht und hatte sie in ein wundervoll elegantes italienisches Restaurant entführt, in dem die Speisekarte die Preise nicht auswies.

Sie fühlte sich wie Aschenputtel, nachdem der Prinz sie erwählt hatte.

„Ach, du meine Güte, was ist das?“, rief Tiffany aus und griff nach Vickies Handgelenk, um das Armband aus der Nähe zu betrachten.

„Ein Geschenk.“

„Von dem Mobilfunk-Typen?“

„Er heißt Jace. Und wenn du es genau wissen musst, ja, er hat es mir geschenkt.“

„Hattest du Geburtstag? Wie dumm von mir, dass ich nicht daran gedacht …“

„Nein, hatte ich nicht.“

Tiffanys schwarz umrandete Augen wurden vor Staunen riesengroß. „Sieh mal einer an“, murmelte sie schließlich. „Der Mann ist anscheinend komplett verrückt.“

„Er hat nur mehr Geld, als er ausgeben kann. Für ihn ist es eine Kleinigkeit.“

„Das ist achtzehn Karat Gold, meine Liebe, und die Steine sind auch echt. Hast du mit ihm geschlafen?“

„Tiffany!“ Victoria schaute sich verlegen um, ob jemand in der gut besuchten Bar ihr Gespräch mithörte. Paul polierte Gläser hinter der Bar. Seine hochgezogenen Augenbrauen bedeuteten entweder, dass er jedes Wort verstanden hatte, oder dass sie sich um ihren Job kümmern sollten.

„Also, ich hätte mit ihm geschlafen. Er ist ein toller Mann, finde ich, einerseits ein richtiger Kumpeltyp und auf der anderen Seite schlicht zum Verlieben …“

„Sehr interessant“, erwiderte Vickie anzüglich. „Wir haben nicht … du weißt schon. Ich stürze mich nicht Hals über Kopf in eine Beziehung. Dafür ist in meinem Leben kein Platz.“

„Blödsinn! Du musst doch keine Beziehung eingehen, um Sex zu haben.“

„Das habe ich alles hinter mir“, erinnerte Vickie sie. „Und ich werde die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen.“

„Aber du bist inzwischen erwachsen geworden. Außerdem kannst du Jace nicht in einen Topf mit diesem schmierigen Typen werfen, der im Kittchen sitzt. Oder mit dem Jungen vergleichen, mit dem du abgehauen bist.“

Die Erinnerung an ihre Vergangenheit versetzte Victoria den wohlbekannten Stich der Schande.

„Und wie kommt es, dass du plötzlich Jace Carradignes Loblied singst? Hat er dich bestochen?“ Tiffany lachte und reichte Paul den Bon mit Bestellungen. „Nein, aber nachdem der Hauptpreis vergeben ist, dachte ich, ich könnte mir einen seiner Freunde schnappen … und dabei brauche ich deine Hilfe. Wo findet man sonst schon erfolgreiche, attraktive Männer, die sich nicht zu schade sind, einen Freund zu verkuppeln?“

„Erstens, der Hauptpreis ist nicht vergeben. Und seine Freunde haben uns auch nicht verkuppelt. Außerdem muss ich jetzt wieder an die Arbeit.“

Sie schlüpfte hinter die Bar, wischte ihr Tablett sauber und lud die Drinks darauf, die Paul vorbereitet hatte.

„Mach das ruhig“, erwiderte Tiffany mit einem Augenzwinkern. „Da kommt dein Liebster.“

Vickies Herz tat einen Sprung. Jace stand in der Tür. Ihre Blicke trafen sich quer durch den Raum, und Victoria hatte das Gefühl, als schwanke der Boden unter ihren Füßen.

Dieser Mann gab ihr das Gefühl, die einzige Frau auf der Welt für ihn zu sein.

Manhattan begann ihn allmählich zu langweilen, und die Zeit wollte und wollte einfach nicht vergehen.

Seine Eingeweide brannten höllisch. Nur der weiche Geschmack seines Lieblingswhiskys vermochte das Feuer zu löschen.

Er hasste es, auf Anrufe warten zu müssen. Warten, warten, warten.

Hastig nahm er einen Schluck der goldbraunen Flüssigkeit, schenkte sich eine ordentliche Menge nach und verschüttete dabei einen Teil auf seine Hand. Seine Ungeschicktheit machte ihn wütend. Aber daran waren nur sie schuld. Warum nur musste ausgerechnet er wie ein Gefangener in dieser endlosen Warteschleife verharren?

Er verdiente es, an der Spitze zu stehen.

Sie schuldeten es ihm. Alle.

Als das Telefon endlich klingelte, war seine Wahrnehmung bereits leicht getrübt.

„Hallo.“

„Wir haben vielleicht etwas gefunden, was uns hilft. Es gibt da eine Frau. Anscheinend eine ernste Sache. Er hat sie seinen Eltern vorgestellt.“ Der Nebel vor seinen Augen wurde etwas lichter. „Schön, schön.“ Obwohl eine Spielfigur mehr die Sache auch verderben konnte. Denn zu viele nah aufeinanderfolgende Unfälle konnten verdächtig wirken.

Doch niemand würde sich ihm in den Weg stellen.

„Bleibt dran. Ich will alles über sie wissen. Sogar die Marke ihrer Zahnpasta.“

Er legte den Hörer auf, leerte sein Glas in einem Zug und füllte es noch einmal drei Fingerbreit hoch.

Vielleicht war es an der Zeit, wieder einmal zu verreisen. Der Himmel draußen vor seinem Fenster war grau und trüb. Das sonnige Kalifornien wäre eine schöne Abwechslung.

Und ein wenig weibliche Gesellschaft würde das Ganze noch abrunden.

Er stieß ein kurzes Lachen aus und nahm den Hörer wieder ans Ohr.

Victoria stolperte in den Flur, legte ihre Bücher auf dem Küchentisch ab und nahm den Hörer beim vierten Klingeln ab.

„Hallo?“

„Hi, Victoria, hier ist Paul vom Diamond Jim’s.“

Etwas enttäuscht verdrehte sie die Augen und klemmte sich den Hörer zwischen Schulter und Ohr, um Sissys Wassernapf zu füllen. Die dumme Katze hatte ein Geschirrtuch vom Haken gezerrt und in den Napf fallen lassen.

„Nachdem ich seit drei Jahren für dich arbeite, erkenne ich dich eigentlich an der Stimme, Paul.“

„Reine Gewohnheit. Hör zu, Baby, ich rufe dich an, um dir einen Riesengefallen zu tun.“

„Und der wäre?“, lachte sie.

„Was sagst du, wenn ich dir heute Abend bei voller Bezahlung freigebe?“

„Ich würde sagen, du stehst unter Drogen. Was ist los?“

„Meine Nichte ist zufällig in der Stadt. Sie will unbedingt mal als Bedienung arbeiten, und da dachte ich, den besten Einblick bekommt sie an einem Freitagabend, wenn die Bude voll ist.“

Trotzdem machte es keinen Sinn. „Warum willst du mir dann freigeben?“

„Weil ich einfach nett bin?“

„Natürlich bist du nett, aber ich nehme dir die Geschichte nicht ab.“

„Willst du freihaben oder nicht?“

Ein freier Abend bei voller Bezahlung – ein solches Angebot konnte sie eigentlich nicht ausschlagen. Auch wenn sie auf ihr Trinkgeld verzichten musste, was freitags meistens recht hoch ausfiel. Trotzdem …

„Nimm mein Angebot einfach an und verbring die Zeit mit deinem Freund“, schlug Paul vor.

Jetzt machte es klick bei Victoria. „Steckt Jace dahinter?“

„Wieso bist du nur so misstrauisch?“

„Paul.“

„Und wenn?“

„Wäre ich vielleicht ziemlich sauer.“

„Aber lass es bitte nicht an mir aus. Ob du arbeitest oder nicht, ist mir egal. Aber die Geschichte mit meiner Nichte stimmt. Sie möchte das wahre Leben schnuppern, ehe sie aufs College geht. Und wenn wir unterbesetzt sind, wird sie am schnellsten merken, dass ein Job als Bedienung alles andere als erstrebenswert ist.“

Vickie entspannte sich. „Das ist ziemlich gemein von dir.“

„Ja, aber davon abgesehen bin ich der beste Onkel der Welt.“

„Sicher. Okay, dann soll die Kleine sich mal plagen. Soll ich morgen wieder kommen?“

„Klar.“

Sie legte den Hörer auf und öffnete eine Dose Thunfisch für Sissy.

Fünf Minuten später klingelte das Telefon erneut.

Ihr Herz klopfte schon wieder viel zu schnell, obwohl sie seinen Anruf erwartete. Sie atmete tief durch, ehe sie den Hörer abnahm.

„Hi“, sagte Jace leise. „Wie war dein Tag?“

Allein der Klang seiner Stimme brachte ihr Herz zum Schmelzen. „Ganz gut …bis ich nach Hause kam und einen seltsamen Anruf aus der Bar erhielt.“

Jace zögerte einen Moment, als er ihren pikierten Tonfall wahrnahm. „Und dieser Anruf hat dir … hm …die Stimmung verdorben?“

„Ich will es mal so ausdrücken: Ich bin nicht gerade erpicht auf jemanden, der mein Leben organisiert.“

„Verflixt. Ich hätte auf meinen Dad hören sollen.“

„Dein Dad hat auch damit zu tun?“Vickie war jetzt so durcheinander, dass sie sich setzen musste.

„Nein. Er gab mir nur den Rat, die Frauen erst zu fragen, statt gleich die Planung zu übernehmen.“

„Frauen“, wiederholte sie leicht gereizt.

„Frau“, korrigierte Jace sich rasch. „Du bist die einzige Frau in meinem Leben.“

„Jace …“

„Ach Vickie. Es mag sein, dass ich Fehler mache, aber ich werde mich bessern. Versprochen. Wenn du willst, kannst du mich bei meinem Vater auch verpetzen.“

„Und wieso hast du einen freien Abend für mich arrangiert?“

„Weil du mir fehlst. Und weil ich mit dir zusammen sein wollte, ohne dauernd auf die Uhr zu schauen. Ich mache mich jetzt gleich auf den Weg zu dir. Zieh dir etwas Bequemes und Warmes an. Wir nehmen das Boot.“

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