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Bezaubernde Betrügerin

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KARA LENNOX

BEZAUBERNDE BETRÜGERIN

Es sind die heißesten Stunden der Leidenschaft, die Brenna je erlebt hat. Nie wird sie diese Nacht mit dem attraktiven FBI-Agenten Heath in New Orleans vergessen. Doch am Morgen erwartet sie ein Schock: Sie wird verhaftet! Hält Heath sie wirklich für eine Betrügerin?

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KARA LENNOX

BEZAUBERNDE BETRÜGERIN

Es ist die heißeste Nacht ihres Lebens! Brenna Thompson erlebt in den Armen des aufregenden FBI-Agenten Heath Packer Stunden der Leidenschaft, die sie nie vergessen wird. Seine zärtliche Art, sie zu lieben, ist einfach einzigartig. Doch ihr Glück mit dem einfühlsamen Mann endet schon am nächsten Morgen. Zu ihrem Entsetzen stehen Kollegen von Heath vor ihrem Hotelzimmer und verhaften sie! Sie scheinen tatsächlich zu glauben, dass sie mit ihrem betrügerischen Exfreund unter einer Decke steckt. Waren Heath’ Gefühle nur gespielt?

PROLOG

Brenna Thompson kuschelte sich in die Steppdecke und versuchte, endlich zu schlafen. Doch nach kurzer Zeit schreckte sie hoch und war schlagartig wieder mitten in der harten Realität. Sie befand sich in einer billigen Bed-&-Breakfast-Pension in Cottonwood, Texas, wo sie völlig mittellos gestrandet war.

Und in dieser Pension klopfte jemand an ihre Tür.

Nur mit einem Seidenbody bekleidet schlüpfte sie aus dem Bett und öffnete. „Ich habe dir doch gesagt, du sollst den Schlüssel mitnehmen.“ Sie erwartete ihre Mitbewohnerin Cindy und fügte mürrisch hinzu: „Wie spät ist es überhaupt?“ Erst allmählich erkannte sie ihren Irrtum. Vor ihr stand ein breitschultriger Mann in einem dunklen Anzug mit strahlend weißem Hemd und blauer Seidenkrawatte. Er war einen ganzen Kopf größer als sie, sodass sie sich unwillkürlich streckte, als sie ihm in die kühlen blauen Augen sah. Hinter ihm stand noch ein Mann, der sich aber offenbar absichtlich im Hintergrund hielt.

Brenna schlug die Tür zu. Großer Gott. Der Fremde im Anzug hatte sie fast nackt gesehen. Sie errötete und bekam eine Gänsehaut.

Es klopfte noch einmal. Leise, aber bestimmt.

„Einen Moment bitte!“ Sie besaß keinen Bademantel. Dazu war sie nicht der Typ. Aber ihre andere Mitbewohnerin Sonya hatte ihren Morgenmantel aus weißer Seide am Fußende des Bettes zurechtgelegt. Brenna schlüpfte hinein. Die Ärmel reichten ihr bis an die Fingerspitzen. Sonya war groß. Aber ansonsten tat der Mantel seinen Dienst und bedeckte ihren Körper.

Brenna atmete tief durch und öffnete erneut die Tür. „Ja, bitte?“

Er stand noch da. Groß, imposant und gut aussehend. Nicht mein Geschmack, schoss es ihr durch den Kopf. Der Fremde strahlte eine gewisse Autorität aus, die sie nervös machte.

„Brenna Thompson?“

Seine tiefe Stimme verstärkte ihre Gänsehaut.

„Ja, das bin ich.“ Da er nicht lächelte, zog sie alarmiert die Augenbrauen hoch. „Ist etwas passiert? Jemand … aus meiner Familie?“

Er zögerte einen kurzen Moment. „Nein. Ich bin Agent Heath Packer vom FBI. Und das ist Agent Pete LaJolla.“

Der andere Mann trat vor und nickte ihr zu. Offenbar erwarteten sie, hereingebeten zu werden.

Sie sah sich über die Schulter um. Das Zimmer war furchtbar unordentlich. Überall lagen Kleidungsstücke herum. Ganz zu schweigen von den Babysachen, die Cindys kleinem Sohn gehörten. Nicht einmal das Bett der anspruchsvollen Sonya war gemacht. Kein Wunder, solche Arbeiten überließ sie ja selbst zu Hause dem Personal.

Agent Nummer eins wartete nicht auf eine Einladung. Er ging an ihr vorbei ins Zimmer und sah sich aufmerksam um.

„Wenn Sie mich vorgewarnt hätten, dann hätte ich noch aufräumen können“, bemerkte sie grimmig, während sie den Morgenmantel fester um ihren Körper schlang. Ihr war nicht bewusst gewesen, wie dünn der Stoff war.

Dann besann sie sich auf ihre gute Erziehung und räumte den einzigen Stuhl im Zimmer leer. „Setzen Sie sich bitte. Sie machen mich nervös. Und Sie auch, Mr. … LaJolla, stimmt’s?“ Sie schob die Kleidungsstücke auf Sonyas Doppelbett zusammen.

LaJolla nickte und setzte sich auf das Bett, während sie sich im Schneidersitz auf ihr eigenes Bett setzte und die Decke über die Beine zog.

„Ich nehme an, Sie wissen, warum wir hier sind“, sagte Packer. Er setzte sich in den Schaukelstuhl. Umgeben von so viel Spitze und Chintz wirkte er noch männlicher.

„Es kann nur mit Marvin Carter zu tun haben. Nimmt jetzt endlich jemand unseren Fall ernst? Dieser FBI-Typ in Louisiana … Del Roy hieß er, glaube ich. Er hat sich kaum dafür interessiert.“ Ihre Empörung war unüberhörbar. „Was ist schon dabei? Es haben doch nur drei dumme Blondinen ihre gesamten Ersparnisse verloren. Aber ich nehme an, dieser Koffer voller Bargeld hat Ihre Aufmerksamkeit erregt.“ Brenna, Cindy und Sonya, alle drei Opfer desselben Hochstaplers, hatten Marvin ohne die Hilfe des FBI in Louisiana aufgespürt. Marvin selbst war entkommen, aber immerhin konnten sie Cindys Geld sicherstellen. 300.000 Dollar in bar.

Während LaJolla gelangweilt auf seine Fingernägel blickte, musterte Packer sie eindringlich. Brenna konnte praktisch sehen, wie er nachdachte und seine Antwort sorgfältig überlegte. „Wir würden die Fakten zu diesem Fall gern von Ihnen selbst hören. Und wenn Sie nichts dagegen haben …“ Er zog einen kleinen Kassettenrekorder aus der Tasche und stellte ihn auf das Tischchen neben seinem Stuhl. Außerdem nahm er einen Notizblock zur Hand.

„Nein, ich habe nichts dagegen.“ Sie wartete, bis er seinen einleitenden Kommentar, der aus Datum, Uhrzeit, Ort und den Namen der anwesenden Personen bestand, auf das Band gesprochen hatte. Dann erzählte sie ihre Geschichte von Anfang bis Ende. Sie begann damit, wie der angebliche Kunsthändler, der sich „Seneca Dealy“ nannte, sie bei einer Kunstmesse entdeckt und ihr versprochen hatte, sie zu einem Juwel der Kunstszene zu machen. „Er sagte mir alles, was ich gern hören wollte“, bemerkte sie bitter. „Künstler lieben es, wenn man sie lobt und hohe Erwartungen in sie setzt.“

„Hatten Sie eine sexuelle Beziehung zu diesem Seneca?“

„Ich bin sicher, dass Sie das bereits wissen“, entgegnete sie mit rotem Kopf. „Aber ich verstehe nicht, weshalb diese Details nützlich für Sie sein könnten.“

„Sein Verhalten ist für uns sehr wichtig“, klärte Packer sie auf. „Ich muss genau wissen, wie dieser Typ agiert.“

„Schön.“ Sie atmete tief durch, bevor sie ihm die entsprechenden Informationen gab. „Er ist sehr gut im Bett. Er benutzt immer Kondome. Am liebsten die Marke Trojan. Ist es das, was Sie wissen wollten?“

LaJolla unterdrückte ein Lachen, doch Packer notierte pflichtbewusst jedes Wort. „Die Sache mit den Kondomen ist interessant. Manche Risiken nimmt er in Kauf, andere nicht. Fahren Sie fort.“

Sie seufzte frustriert. „Er hatte natürlich auch gute Eigenschaften“, räumte sie ein. „Als Künstler zweifelt man manchmal an den eigenen Fähigkeiten. Er hat mein Selbstbewusstsein immer gestärkt. Ihm habe ich es auch zu verdanken, dass ich den Mut aufgebracht habe, meine Arbeiten beim IJC-Komitee einzureichen. Kennen Sie das IJC?“

„Nein.“

„International Jewelry Consortium. Sie veranstalten die exklusivste Schmuck- und Edelsteinausstellung im Land. Es werden nur ganz wenige Händler und Designer eingeladen, ihre Arbeiten auszustellen. Sie haben mich ausgesucht“, erklärte sie stolz. Es war der Durchbruch in ihrer Karriere, für den sie fünf Jahre lang gearbeitet hatte.

„Meinen Glückwunsch“, sagte Packer höflich.

„Danke“, erwiderte sie, obwohl ihr klar war, dass er nicht ermessen konnte, welche Bedeutung diese Ausstellung für sie hatte. „Ich habe wie verrückt an meinen Stücken gearbeitet“, erzählte sie weiter. „Meine Großmutter hatte mir sagenhafte Steine hinterlassen. Eines Morgens bin ich aufgewacht, und alles war weg. Mein Girokonto war leer und mein Treuhandkonto auch.“

„Wie ist er an das Treuhandkonto gekommen?“, fragte LaJolla, der bisher geschwiegen hatte. „Dafür gibt es doch strenge Sicherheitsvorschriften.“

„Es war kein richtiges Treuhandkonto. Ich habe es nur so genannt. Mein Vater hat mir jeden Monat Geld überwiesen, weil er glaubte, ich könnte nicht selbst für mich sorgen. Aber ich habe es nicht angerührt.“ Sie hatte vorgehabt, es irgendwann für wohltätige Zwecke zu spenden, um ihrem Vater zu beweisen, dass sie sein Geld nicht brauchte.

„Sie haben es aber angenommen“, bemerkte Packer.

„Warum interessiert Sie das? Es ist weg.“

„Ich versuche, mir ein vollständiges Bild zu machen.“

Sie erzählte ihm den Rest der Geschichte, wie Sonya, eine Debütantin aus Houston, sie ausfindig gemacht hatte, nachdem auch sie auf Marvin hereingefallen war, und wie die Spur sie nach Cottonwood geführt hatte, wo sie auf Cindy gestoßen waren. Die drei betrogenen und ausgeraubten Frauen hatten sich geschworen, Marvin vor Gericht zu bringen. Das letzte Mal hatten sie ihn gesehen, als er nackt die Hauptstraße einer kleinen Stadt in Louisiana entlanggelaufen war, erniedrigt – aber frei.

Als die Geschichte zu Ende war, packte Agent Packer seinen Rekorder wieder ein.

„Was wollen Sie jetzt unternehmen?“, fragte Brenna.

„Wir müssen ein paar Dinge überprüfen“, erwiderte er unverbindlich. „Wir setzen uns wieder mit Ihnen in Verbindung.“ Die beiden Beamten wechselten einen Blick.

Brenna ahnte, was dieser Blick bedeutete. „Also höre ich nie wieder etwas von Ihnen. Es wurde niemand ermordet oder entführt. Kein Fall für das FBI.“

„Miss Thompson“, sagte Packer. „Seien Sie unbesorgt, Sie haben mich nicht zum letzten Mal gesehen.“

Als er ohne sich umzublicken das Zimmer verließ, dachte Brenna über seine letzte Bemerkung nach. War es ein Versprechen? Oder eine Drohung?

Heath Packer setzte sich hinter das Steuer seines dunkelblauen Chrysler, während Pete LaJolla, von dem kurzen Weg schon leicht außer Atem, auf der Beifahrerseite einstieg.

„Sicher setzen Sie mich gleich ins Bild. Ich dachte, wir würden sie festnehmen.“

Heath startete den Motor und fuhr eine Ehrenrunde durch das idyllische Stadtzentrum von Cottonwood, während er darüber nachdachte, was er gerade über Brenna Thompson erfahren hatte. „Sie weiß nicht, dass wir sie verdächtigen.“

„Ah, und weiter?“

LaJolla war ein netter Kerl, aber nicht allzu helle. „Sie glaubt, dass sie mit ihrem Verbrechen davonkommt. Dass es ihren Eltern zu peinlich wäre, die eigene Tochter der Polizei auszuliefern.“

„Gut … und wenn sie sich in Sicherheit glaubt, wird sie unvorsichtig?“

Packer nickte. „Dann wird sie uns zu dem Picasso führen.“

„Glauben Sie, dieser Marvin hat das Gemälde? Wer ist dieser Marvin Carter überhaupt? Und was soll die Geschichte mit dem Koffer voller Geld?“

„Das müssen wir herausfinden.“

Brenna Thompson hatte ihn in mehr als einer Hinsicht überrascht. Es war nicht nur ihre Kleidung – oder besser gesagt: ihre nicht vorhandene Kleidung –, die ihn aus dem Gleichgewicht gebracht hatte. Er lächelte bei der Erinnerung an den Moment, als sie die Tür geöffnet hatte. Das vom Schlaf zerzauste platinblonde Haar, die verwischte Wimperntusche unter den Augen. Und diese Figur. Klein, aber mit Kurven, die einen Achterbahndesigner inspirieren würden. Ihr Body hatte nicht viel von ihren Rundungen verhüllt.

Aber auch vollständig bekleidet, sofern man diesen transparenten Morgenmantel als vollwertiges Kleidungsstück bezeichnen konnte, hatte sie eine ungewöhnliche Ausstrahlung, auf die er nicht gefasst gewesen war.

Sie war süß. Okay, süß und verflucht sexy. Und dieser Mund! Nicht nur die vollen, rosa Lippen, sondern vor allem, was aus diesem Mund herausgesprudelt war. Sie schien offen und ehrlich zu sein, bescheiden wie ein Gänseblümchen.

„Sie war ganz schön heiß, oder?“, bemerkte LaJolla. Neugierig beobachtete er Heaths Reaktion.

Verdammt. Dieser Fall hatte für ihn große Bedeutung. Die Thompsons waren einflussreiche Leute. Wenn er den Fall löste und das gestohlene Gemälde zurückbrachte, konnte er seine Vergangenheit wahrscheinlich endgültig hinter sich lassen. Sich auf Brenna Thompsons sexy Mund zu konzentrieren, war alles andere als klug.

Heath bog in die Allee hinter dem leeren Büro ein, das sie als Beobachtungsstützpunkt benutzten. „Ich finde, sie ist nichts Besonderes.“

1. KAPITEL

Heath Packer schwitzte, und das mitten im November. Es waren nur um die zwanzig Grad, eine Temperatur, die er an jedem anderen Ort als angenehm empfunden hätte. Aber hier in New Orleans betrug die Luftfeuchtigkeit annähernd hundert Prozent, und das bei absoluter Windstille. Außerdem saß Heath in einem Auto, das in der prallen Sonne stand.

Zu seinem Erstaunen waren Brenna und Sonya mitten in der Nacht aufgebrochen. Heath und LaJolla waren ihnen auf Verdacht bis in den Süden Louisianas gefolgt, wo die beiden Frauen sich ein Zimmer im Magnolia Guest House, einer einfachen Pension, genommen hatten. Er vermutete, dass dieser Trip etwas mit Marvin Carter zu tun hatte.

Heaths Recherchen zum Fall Carter hatten nebenbei einige faszinierende Informationen über Brenna ergeben. Da niemand sonst sich für den Fall interessierte, worüber sie sich mit Recht beklagt hatte, hatte Heath den Fall Carter mit dem Fall Thompson verbunden. Alles deutete darauf hin, dass Marvin Carter und Brenna Thompson Partner waren, während Sonya Patterson und Cindy Lefler Rheems zu den arglosen Geschädigten zählten. Allerdings musste Heath die Einzelheiten zu diesem Puzzle erst noch zusammentragen.

„Dies ist wohl Ihre erste Observation in unserem Klima“, bemerkte Grif Hodges, ein Beamter der örtlichen Polizei, der ihm zur Seite gestellt worden war. Der humorlose LaJolla war glücklicherweise nach Dallas zurückgefahren.

Grif trug Sportlershorts und T-Shirt, während Heath in Anzughose und Oberhemd schwitzte. Krawatte und Jackett hingen für den Fall bereit, dass er irgendeine offizielle Funktion erfüllen musste. Seit einer Stunde standen sie mit ihrem Wagen in dieser Straße und beobachteten Brennas Zimmer. Es dauerte eine ganze Weile, bis die beiden Frauen schließlich das Haus verließen.

Sonya war wie immer perfekt gekleidet. Seidenbluse, passendes Jackett und eine schmal geschnittene schwarze Hose. Brenna dagegen trug einen Overall und darunter ein pinkfarbenes Tanktop. Selbst in dieser legeren Kleidung waren ihre vollen Brüste und der runde Po nicht zu übersehen. Als sie die Tür abschloss, lachte sie über etwas, was Sonya gesagt hatte.

Heath runzelte die Stirn. Sollte er dieser kecken, sympathischen Frau wirklich einen so niederträchtigen Raub zutrauen? Die Beweise waren erdrückend.

Als die beiden Frauen sich in Richtung French Quarter auf den Weg machten, sah Brenna die Straße entlang. Ihr Blick blieb an Heaths Wagen hängen. Für einen Moment setzte sein Herz aus. Er war sicher, dass sie ihn entdeckt hatte. Doch dann blickte sie nach vorn und ging weiter.

Die beiden Beamten folgten den Frauen zu Fuß. Als sie jedoch an der nächsten Straßenecke ein Café betraten, blieb Grif dort und beobachtete sie, während Heath zurückging, um sich in ihrem Zimmer umzusehen.

Die Pensionswirtin, eine freundliche Dame mit blau gefärbten Haaren, ließ sich Heaths Ausweis zeigen und führte ihn dann ohne Einwände zu Brennas Zimmer.

„Ich schließe wieder ab, wenn ich fertig bin“, sagte Heath energisch, als die Dame keine Anstalten machte, ihn allein zu lassen.

„Was soll ich denn sagen, wenn sie sich beschweren, dass jemand in ihrem Zimmer war?“, fragte sie besorgt.

„Sie werden es nicht bemerken“, beruhigte er sie. „Und von Ihnen werden sie es doch bestimmt nicht erfahren.“

Es war ein kleines, spartanisches Zimmer. Zwei Betten, ein kleiner Tisch und Stühle, eine alte Eichenkommode. Am Fenster eine lärmende Klimaanlage. Auf jedem der Betten lag ein halb ausgepackter Koffer. Aus dem einen hing der cremefarbene Seidenbody heraus, den Brenna bei ihrer ersten Begegnung getragen hatte. Heath erkannte das hauchzarte Stück Stoff sofort wieder. Er konnte nicht widerstehen, es durch seine Finger gleiten zu lassen.

Doch er war nicht hier, um seine Fantasien zu nähren. Also legte er den Body zurück und untersuchte zunächst Brennas Koffer. Er enthielt Kleidung, Schuhe, Toilettenartikel. Dann sah er sich die Kommode an. Die Schubladen auf Sonyas Seite waren gut sortiert gefüllt. Brennas waren leer. Auch im Schrank fand er nur Kleidungsstücke vor, die offensichtlich Sonya gehörten. Farblich perfekt abgestimmte Mehrteiler mit Designerlabels.

Heath ging ins Badezimmer. Auf der einen Seite des Regals teure Kosmetika, alle von derselben Firma, wie im Schaufenster einer Parfümerie. Auf der anderen Seite ein Sammelsurium von verschiedenen Stiften und Cremes.

Er sah sich alles genau an, fand aber nichts Verdächtiges. Keine Telefonnummern oder mysteriösen Visitenkarten, die Brennas Aufenthalt in New Orleans erklären würden. Erst recht keine gestohlenen Ölgemälde. Er nahm sich noch einmal Brennas Koffer vor und tastete die Innenwände ab. Ihm fiel eine verdächtige Beule auf. Tatsächlich entdeckte er einen versteckten Reißverschluss, der ihm bei der ersten Untersuchung entgangen war. Er öffnete ihn und griff in das Geheimfach.

Heiliger Strohsack. Bargeld. Brenna hatte ihm gesagt, dass Marvin Carter sie komplett ausgeraubt hatte und sie absolut mittellos sei. Eilig zählte er das Geld. An die zwölftausend Dollar.

Als er draußen Schritte hörte, legte er das Geld in das Versteck zurück. Ein Schlüssel wurde ins Schlüsselloch gesteckt. Heath tat das einzig Mögliche und versteckte sich im Kleiderschrank. Was er hier machte, war nicht direkt illegal, da ihn die Pensionswirtin selbst hereingelassen hatte. Aber er wollte sein Schicksal auch nicht unbedingt herausfordern. Außerdem würde Brenna ihn sicher nicht zu Marvin Carter und dem gestohlenen Gemälde führen, wenn sie herausfand, dass er sie überwachte.

Die Tür wurde geöffnet. Heath erwartete, die Stimmen der beiden Frauen zu hören. Stattdessen sagte ein Mann: „Danke.“ Danach klappte die Tür zu.

Heath öffnete die Schranktür einen Spaltbreit und erblickte einen breitschultrigen Mann in Lederjacke, der ihm den Rücken zukehrte. Der Mann sah sich im Zimmer um, ohne etwas anzurühren.

Sollte Heath das Glück haben, dass Marvin Carter ihm buchstäblich in den Schoß fiel?

Als der Mann sich umdrehte, stellte sich heraus, dass es sich nicht um Marvin handelte. Dieser Mann hatte widerspenstige blonde Haare, ein kantiges Kinn und hohe Wangenknochen. Er trat an Sonyas Bett und untersuchte systematisch den Inhalt ihres Koffers. Als er gerade alles wieder eingepackt hatte, wurde er durch ein Geräusch an der Tür aufgeschreckt. Wieder wurde der Schlüssel ins Schloss gesteckt. In diesem Zimmer ging es zu wie auf einem Hauptbahnhof.

Plötzlich öffnete der blonde Mann den Schrank, zwängte sich hinein und zog die Tür zu.

„Ich verstehe nicht, wie du das Geld vergessen konntest“, sagte Sonya. „Wie peinlich.“

„Ich habe mich daran gewöhnt, dass du immer mit deiner Visa-Card bezahlst“, erwiderte Brenna. „Wenigstens mussten wir nicht Geschirr spülen.“

„Ja, aber wir sollten trotzdem schnell zurückgehen und bezahlen.“

Etwa in diesem Moment bemerkte der blonde Mann, dass er nicht allein im Schrank war. Bis auf ein kurzes Zusammenzucken ließ er sich sein Erstaunen nicht anmerken.

„Wer sind Sie?“, flüsterte Heath, der sicher war, dass das Dröhnen der Klimaanlage ihn übertönte.

„Dasselbe wollte ich Sie gerade fragen“, gab der Blonde zurück.

„Warte“, sagte Sonya. „Ich hänge nur schnell mein Jackett auf.“ Damit öffnete sie den Kleiderschrank.

Im ersten Moment wollte sie um Hilfe schreien, doch der Schrei erstarb auf ihren Lippen, als sie den blonden Mann erkannte. „John-Michael McPhee, was machst du in meinem Schrank?“

Brenna kam hinzu. „Mr. Packer?“, bemerkte sie erstaunt.

Heath musste sich eine Erklärung einfallen lassen, und zwar schnell. Instinktiv wechselte er einen Blick mit dem anderen Mann, bevor sie beide den Schrank verließen. Seinem Verhalten nach zu urteilen, schien der Blonde über eine Ausbildung im Polizeidienst oder einem anderen Sicherheitsdienst zu verfügen.

„Deine Mutter hat mich beauftragt, dich zu suchen, Sonya“, begann McPhee.

Sonya setzte sich auf ihr Bett und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich bin kein Kind mehr. Ich kann tun und lassen, was ich will.“

„Nicht, wenn deine Mutter die Rechnung bezahlt. Sie hat die Visa-Aufstellung bekommen. Rechnungen von überall aus Texas und Louisiana. Sie hatte Angst, jemand hätte dich entführt.“

„Das erklärt aber nicht, warum du in mein Hotelzimmer einbrichst.“

Brenna zeigte mit dem Zeigefinger auf Heath. „Und es erklärt erst recht nicht, was er hier macht.“ Sie sah ihn aus ihren blauen Augen kühl an. „Ich wette, Sie sind gar nicht beim FBI. Sie sind ein Betrüger!“

Heath gab ihr seinen Ausweis, den sie eingehend untersuchte, obwohl sie einen echten von einem gefälschten Ausweis gar nicht unterscheiden konnte. „Ich habe diesen Mann hier in Ihr Zimmer gehen sehen“, improvisierte er. „Zuerst dachte ich, er wäre Ihr verschwundener Verlobter. Ich wollte ihn eigentlich festnehmen.“

Er blickte den anderen Mann an, der ihm erstaunlicherweise nicht widersprach.

„Also haben Sie mich verfolgt“, sagte Brenna entrüstet.

„Ja, das stimmt“, gab Heath zu. „Ich dachte, Sie würden diesen Marvin Carter vielleicht decken. Das ist keine Seltenheit. Hochstapler werden häufig von ihren Opfern geschützt.“

„Sie finden es also völlig richtig, dass Sie unser Zimmer ohne unsere Erlaubnis betreten haben“, sagte Brenna, während sie die beiden Männer abwechselnd ansah. „Wir könnten Sie festnehmen lassen“, drohte sie McPhee. Dann wandte sie sich zu Heath. „Und Sie, haben Sie einen Durchsuchungsbefehl?“

Heath schwieg. Das Letzte, was er im Moment gebrauchen konnte, war Ärger mit seinem Vorgesetzten. Er bewegte sich ohnehin schon auf dünnem Eis. Spezialagent Flemming Ketcher würde toben, wenn er von dieser Sache erfuhr.

McPhee schien von Brennas Drohung wenig beeindruckt. Er setzte sich zu Sonya aufs Bett. „Ich habe mir deinetwegen Sorgen gemacht“, sagte er sanft. „Ich dachte wirklich, du wärst entführt worden.“

Sonya ließ sich auf keine Versöhnungsversuche ein. „Der einzige Mensch, um den du dir Sorgen machst, bist du selbst. Wenn mir irgendetwas passiert, würdest du ziemlich schlecht dastehen.“

„Sonya, du weißt, dass das nicht stimmt. Sag mir, was los ist.“

Sonya überlegte eine Weile. „Brenna ist eine alte Freundin von mir. Aus der Studentinnenverbindung“, begann sie.

Brenna zog die Augenbrauen hoch, sagte aber nichts.

„Ich werde ja nun heiraten“, fuhr Sonya fort. „Da wollte ich mich vorher noch ein bisschen amüsieren und ablenken.“

Sie log, ohne rot zu werden. Und offenbar hatte sie ihrer Familie noch nicht erzählt, dass sie auf einen Hochstapler hereingefallen war.

McPhee schien über ihre Erklärung nachzudenken, ließ sich aber nicht anmerken, ob er ihr glaubte oder nicht. „Sonya, du musst nach Hause kommen. Es geht deiner Mutter nicht gut.“

Sie verdrehte die Augen. „Meiner Mutter geht es nie gut. Sie ist ein Hypochonder.“

„Diesmal ist es ernst. Sie liegt im Krankenhaus. Deine Mutter hatte … einen Herzinfarkt.“

Sonya wurde kreidebleich. „Oh Gott“, flüsterte sie. „Wie geht es ihr? Sag mir die Wahrheit, John-Michael.“

„Ihr Zustand ist stabil. Aber du musst nach Hause kommen. Jetzt gleich.“

Sie nickte. „Ich packe schnell noch meine Sachen. Würdest du bitte draußen auf mich warten? Es dauert nur eine Minute.“

McPhee zögerte. Dann nickte er und stand auf. Einen Augenblick lang musterte er Heath skeptisch, bevor er ihm die Hand entgegenstreckte. „John-Michael McPhee. Danke, dass Sie mich nicht erschossen haben.“

Heath ergriff seine Hand. „Heath Packer. Normalerweise stelle ich erst ein paar Fragen, bevor ich schieße.“

Brenna hielt McPhee mit warnendem Blick die Tür auf. Dann wandte sie sich an Heath. „Sie auch.“

„Ich muss noch mit Ihnen reden.“

„Besorgen Sie sich einen Durchsuchungsbefehl.“

„Okay.“ Wenigstens rief sie nicht seinen Boss an.

„Wer ist dieser gut aussehende Typ?“, fragte Brenna, kaum dass die beiden Männer das Zimmer verlassen hatten.

„Mein Bodyguard.“ Sonya packte ungerührt weiter.

„Du hast einen Bodyguard?“ Brenna lachte.

„Ja. Aber es war nicht meine Idee. Meine Mutter wollte es so.“

Sonyas Mutter. Das gab Brenna das Stichwort für ihre nächste Frage. „Deine Mutter weiß also noch gar nicht, dass Marvin ein Hochstapler ist?“

„Ich habe es nicht fertiggebracht, es ihr zu sagen. Brenna, sie war so glücklich. Die Planung dieser Hochzeit ist ein Höhepunkt in ihrem Leben. Seit meiner Verlobung redet sie von nichts anderem als einer perfekten Hochzeitsfeier.“

Brenna hatte Verständnis für Sonyas Verhalten. Sie selbst hatte ihren Eltern auch nicht erzählt, dass ihr reicher, aalglatter Kunsthändler ein Betrüger war.

„Es tut mir leid, dass ich abreisen muss“, sagte Sonya. „Versprich mir, dass du nicht allein nach Marvin suchst. Er könnte gefährlich werden. Oder du verliebst dich womöglich in diesen FBI-Agenten.“

Brenna schnaubte verächtlich. „Von wegen! Er glaubt, ich würde Marvin schützen. So ein Unsinn.“

„Die Statistik spricht jedenfalls nicht gegen seine Theorie. Woher soll er wissen, dass du nicht zu diesen Frauen gehörst, die einen Heiratsschwindler decken?“

„Das ist doch nicht dein Ernst. Du verteidigst ihn auch noch? Er hat unser Zimmer durchsucht. Womöglich hat er sogar in unserer Unterwäsche herumgeschnüffelt.“

Sonya widersprach. „John-Michael war der Eindringling. Agent Packer wollte uns nur beschützen.“

Das stimmte wohl, wie Brenna einräumen musste, vorausgesetzt, Packer sagte die Wahrheit.

„Versprich mir, dass du nichts auf eigene Faust unternimmst“, verlangte Sonya. „Du willst doch nicht, dass ich mir um dich Sorgen mache.“

Unter den gegebenen Umständen blieb Brenna nichts anderes übrig. „Versprochen. Mach dir keine Sorgen. Fahr nach Hause und kümmere dich um deine Mutter.“

Brenna nahm Sonya in die Arme. Außer, dass sie aus wohlhabenden Familien stammten, hatten sie wenig Gemeinsamkeiten, sodass sie unter normalen Umständen kaum miteinander befreundet wären. Doch in den vergangenen Wochen hatten sie eine Menge zusammen erlebt.

Brenna begleitete Sonya nach draußen, wo ihr Bodyguard den schweren Koffer mühelos in den Kofferraum seines Mietwagens hievte. Packer war nirgends zu sehen, der Verräter.

Im letzten Moment nahm Brenna ihre Freundin noch einmal beiseite. „Wie gut kennst du diesen Typen?“

„Leider besser, als mir lieb ist. Wir sind zusammen aufgewachsen, obwohl er ein paar Jahre älter ist als ich. Als ich achtzehn war, hat meine Mutter ihn als Bodyguard für mich engagiert.“

„Ich könnte mir ein schlimmeres Schicksal vorstellen.“ Der Bodyguard sah wirklich gut aus, aber dass Brenna Notiz davon nahm, lag hauptsächlich an ihrer eigenen hormonellen Verfassung, wofür wiederum Heath Packer verantwortlich war.

Die beiden Frauen umarmten sich zum Abschied. Dann stieg Sonya in den Wagen und verschwand auf unbestimmte Zeit.

Brenna fühlte sich plötzlich einsam. Was sollte sie nun tun? Dem FBI die Jagd auf Marvin überlassen? Na toll. Als ob die bisher irgendetwas Sinnvolles unternommen hätten. Stattdessen verschwendete dieser Packer seine Zeit damit, sie zu verdächtigen.

Nun, am besten bezahlte sie erst einmal ihre Rechnung im Restaurant, bevor Willie, der griesgrämige Cajun-Kellner, sie mit der Kaffeekanne verfolgte.

Sie ging ins Zimmer zurück und zog eine Zwanzig-Dollar-Note aus ihrem Versteck. Wenigstens hatten die Einbrecher ihr Geld nicht entdeckt.

„Hey, Willie!“, rief Brenna dem Kellner entgegen. „Hier ist das Geld.“

Ah, plötzlich konnte Willie lächeln. „Oh, kein Problem, Miss. Ihre Rechnung ist schon bezahlt.“

„Oh.“ Hatte Sonya … Nein. Der Wagen war in die entgegengesetzte Richtung davongefahren. Sie spürte ein Kribbeln im Nacken und wusste im selben Moment Bescheid. Als sie sich umdrehte, sah sie Heath Packer am Tisch sitzen. Vor ihm stand ein Teller Gumbo.

Sie ging zu ihm und nahm unaufgefordert ihm gegenüber Platz. „Sie sind also immer noch hier. Wahrscheinlich erwarten Sie jetzt von mir, dass ich vor Dankbarkeit auf die Knie sinke.“

Er sah von seinem Teller auf. „Ein einfaches ‚Dankeschön‘ würde genügen.“

Brenna legte den Geldschein auf den Tisch. „Hier. Ich zahle lieber selbst.“

„Das ist nicht nötig.“

„Wie kommen Sie darauf, dass ich einen Kerl schützen würde, der mich gedemütigt und ausgeraubt hat? Ganz davon zu schweigen, wie sehr er meinen Ruf geschädigt hat. Wenn ich auf der IJC-Messe meinen Schmuck nicht ausstelle, ist es mit meiner Karriere vorbei, bevor sie überhaupt angefangen hat.“

„Ich muss mich an die Informationen halten, die mir zur Verfügung stehen“, sagte Heath ruhig. „Agent Delacroix hat mir erzählt, was in Faring, Louisiana passiert ist. Durch Ihre Warnung ist Marvin Carter entkommen.“

„Das war Zufall. Er sollte Cindy doch gar nicht sehen. Ach, wieso versuche ich überhaupt, Ihnen irgendetwas zu erklären?“ Sie nahm sich das Päckchen Salzgebäck, das zu Heaths Essen serviert worden war.

„Haben Sie nicht gerade erst gegessen?“

„Ich habe einen schnellen Stoffwechsel.“

Heath beschäftigte sich eine Weile mit seinem Eintopf und aß um die Okraschoten herum. Offenbar stammte er nicht aus dem Süden.

„Was hat Sie nach New Orleans geführt?“, fragte er schließlich.

„Internet-Recherche.“ Brenna war so stolz darauf, was Sonya und sie herausgefunden hatten, dass sie Packer gern informierte, obwohl sie eigentlich nicht mit ihm reden wollte. „Sonya hatte Marvin in einem Chatroom kennengelernt. Sie war davon überzeugt, dass er an dieser Gewohnheit nichts ändern würde. Und tatsächlich haben wir ihn auch wieder in einem Chatroom für Singles entdeckt. Er hat natürlich einen anderen Namen benutzt, aber seine Masche war unverkennbar. Er flirtete mit einer Frau, die sich French Quarter Chic nannte. Später habe ich dann bemerkt, dass er Stadtpläne von New Orleans an meinem Computer heruntergeladen hatte.“

Packer nickte bewundernd. „Gute Arbeit.“

„Die beiden sind mit Sicherheit hier.“

„New Orleans ist nicht gerade klein.“

„Ich weiß. Aber ich könnte mir denken, dass er versucht, einen Teil der gestohlenen Juwelen hier abzustoßen. Auf der Royal Street gibt es mehr als genug Juweliere, die auch mit gebrauchtem Schmuck handeln.“

Heath musste zugeben, dass sie über einen scharfen Verstand verfügte. Die Story, die sie ihm präsentierte, war mit größter Wahrscheinlichkeit erfunden, aber durchaus schlüssig. Darüber hinaus verfügte sie über einen erstaunlichen Appetit. Die Tüte mit Knabberzeug war kaum leer, und schon hatte sie ein Auge auf seinen Muffin geworfen.

Er legte den Muffin auf eine Papierserviette und schob ihn zu ihr hinüber. „Himmel, ich möchte Sie nicht erleben, wenn Sie eine Mahlzeit auslassen müssen.“

Sie biss von dem Muffin ab, ohne sich auch nur zu bedanken.

„Was haben Sie nun vor?“, erkundigte sich Heath.

„Nichts. Ich habe Sonya versprochen, nichts auf eigene Faust zu unternehmen. Sie glaubt, Carter könnte gefährlich sein, und sie wollte sich um mich keine Sorgen machen müssen.“

„Natürlich nehmen Sie Rücksicht auf Ihre alte Freundin aus der Studentinnenverbindung.“

Brenna lachte unerwartet. „Das war wirklich lustig. Ich in einer Studentinnenverbindung. Ich frage mich, ob Mr. Universum-Bodyguard ihr die Geschichte abgekauft hat.“

„Finden Sie, dass er gut aussieht?“

Sie schaute ihn von schräg unten an. „Oh, ja.“

Was zum Teufel war in ihn gefahren, dass er solche Fragen stellte? Heath ermahnte sich, bei der Sache zu bleiben. Wen Brenna Thompson attraktiv fand und wen nicht, ging ihn nichts an.

„Warum braucht Sonya einen Bodyguard?“, fragte er.

„Sie braucht keinen. Aber ihre Mutter ist übervorsichtig. Sonyas Vater wurde ermordet, als sie zehn war. Nun hat ihre Mutter nur noch sie.“

Ein hässlicher Gedanke schoss Heath durch den Kopf. Hatte Brenna sich mit Sonya angefreundet, um an die reiche Mrs. Patterson heranzukommen? Als er sie nun dabei beobachtete, wie sie seinen Muffin aß, fiel es ihm schwer, sie zu verdächtigen. Aber sein Job verlangte es nun einmal von ihm.

„Ich mache Ihnen einen Vorschlag“, sagte er. „Warum arbeiten wir beide nicht zusammen?“ Diesen Plan hatte er hastig mit Grif entworfen, nachdem sie nun wusste, dass sie beobachtet wurde.

Heath wollte sich mit ihr verbünden, während Grif, von dessen Existenz sie nichts wusste, sie aus sicherer Entfernung beobachten konnte. Auf diese Weise hofften sie, schnell eine Spur zu Marvin zu finden.

Viel Zeit blieb Heath nicht. Sein Chef Flemming Ketcher drängte ihn, Brenna festzunehmen. Er war von Heaths Plan, sie als Lockvogel zu benutzen, nicht sehr begeistert.

„Ich will nicht mit Ihnen zusammenarbeiten“, sagte sie. „Ich mag Sie nicht. Sie haben zu viele Geheimnisse. Außerdem halten Sie mich für dumm oder glauben, dass ich lüge.“

„Weder das eine noch das andere.“ Es war nur die halbe Wahrheit. Für dumm hielt er sie jedenfalls nicht. „Ich glaube, dass Sie wirklich nicht wissen, wo Marvin ist, und dass sie ihn auch nicht schützen.“

„Oh, vielen Dank.“

Er musste sie davon überzeugen, dass er auf ihrer Seite stand. „Hören Sie, Brenna. Auch wenn Sie mich nicht mögen, ich verfüge über Mittel, die Sie nicht haben. Zum Beispiel freien Zugang zu Datenbanken und Untersuchungslabors. Nicht zu vergessen, dass ich Ihnen einen gewissen Schutz bieten kann.“

„Aber wozu brauchen Sie dann mich?“

„Sie können den gestohlenen Schmuck identifizieren und natürlich auch Marvin. Ich habe nur ein paar undeutliche Fotos von ihm.“

Brenna dachte über seine Argumente nach. „Wollen Sie auch noch etwas essen?“, fragte sie unvermittelt. Dann winkte sie den Kellner heran. „Kann ich bitte eine Portion Gumbo haben? Eine große Portion.“

2. KAPITEL

Brenna und Heath verbrachten den Nachmittag im French Quarter und klapperten auf der Suche nach dem gestohlenen Schmuck sämtliche Juweliere dort ab. Ohne Erfolg. Es erkannte auch niemand Marvin auf dem Foto wieder, dass Heath ihnen vorlegte.

Dennoch war Brenna in ihrem Element. Sie probierte protzige gebrauchte Ringe aus, die mehr Geld kosteten, als sie im ganzen Jahr verdiente. Es machte ihr Spaß, sich vorzustellen, wie sie den Schmuck in ihrem eigenen Stil neu gestaltete.

Außerdem gefiel es ihr, Heath in seiner Rolle als FBI-Agent zu beobachten. Der Anzug, sein Dienstausweis und sein Auftreten verschafften ihm Respekt. Die Leute nahmen ihn ernst. Einige wirkten sogar eingeschüchtert. Und die Frauen zollten ihm ausnahmslos unverhohlene Bewunderung.

Brenna seufzte. Respekt hatte sie in ihrem Leben nie erfahren. Als jüngstes von sechs Kindern hatte sie immer den Hals gereckt und zu ihren älteren Geschwistern aufgeblickt.

Marvin hatte dieses Defizit sehr geschickt ausgenutzt. Er hatte ihr das Gefühl gegeben, dass er sie als Menschen schätzte und ihre Intelligenz und ihr Talent erkannte.

Intelligenz. Haha. Es war wirklich besonders schlau von ihr, ein Wiesel in den Hühnerstall zu lassen.

„Bitte, Brenna, kommen Sie, sonst schaffen wir heute nicht mal die Geschäfte im French Quarter.“

Erst jetzt bemerkte sie, dass sie in Gedanken versunken war, während sie die Brosche in Form einer Libelle betrachtet hatte. Der Aquamarin hatte sie beinahe in Trance versetzt.

Sie schüttelte den Kopf. „Tut mir leid, ich brauche etwas zu essen.“

„Schon wieder?“

„Es ist fast vier Uhr. Teatime. Kommen Sie. Ich lade Sie auf einen Kaffee ein.“

Sie gingen die Pirate’s Alley entlang Richtung Jackson Square, wo die Straßenkünstler um die Gunst der Touristen buhlten. Brenna sah ihnen staunend zu, während Heath sie gar nicht zu bemerken schien. Dann entdeckte sie das Café du Monde. Es war in einer Broschüre erwähnt, die sie im Magnolia Guest House durchgeblättert hatte.

„Hier entlang.“ Brenna roch förmlich schon den Kaffee und das süße Gebäck.

„Wovon wollen Sie denn die Rechnung bezahlen?“, fragte Heath. „Ich dachte, Sie wären pleite.“

„Ein bisschen Geld habe ich noch.“ Von den zwölftausend Dollar in ihrem Geheimfach wollte sie ihm lieber nichts erzählen, solange Cindy sich mit ihrem Mann in Italien vergnügte. Ohne Zeugen würde Heath ihr die Geschichte niemals glauben.

Glücklicherweise ergatterten sie in dem Café einen Tisch ganz am Rand, wo man die Passanten wunderbar beobachten konnte. Für eine Weile war dies Brennas einzige Unterhaltung. Heath sprach kaum ein Wort. Er war angespannt und auf der Hut, als ob er jede Sekunde irgendeinen Angriff erwartete.

Die ganze Sache würde mehr Spaß machen, wenn er sich etwas mehr entspannte. „Woher kommen Sie eigentlich?“, fragte sie. „Ich weiß, dass Sie nicht aus Texas sind, aber ich kann Ihren Akzent nicht einordnen.“

„Zuletzt war ich in Baltimore.“

„Was hat Sie nach Dallas getrieben? Sie leben doch in Dallas?“

„Ich wurde versetzt.“

„Warum? War es Ihr Wunsch? Oder schickt das FBI die Leute beliebig herum?“

„Es geschah in gegenseitigem Einvernehmen.“

Brennas Nasenflügel zitterten. Sie spürte, dass mehr dahintersteckte. „Ich wette, es ging um eine Frau.“

Er sah sie alarmiert an. „Wie kommen Sie darauf?“

„Niemand lässt sich einfach so quer durchs Land schicken. Also laufen Sie hinter irgendetwas her oder vor irgendetwas davon. Ich glaube nicht, dass es mit Ihrer Arbeit zu tun hat. Sie wirken sehr zuverlässig und verantwortungsvoll. Es kann sich also nur um eine Frau handeln.“

Er sah sie an, als hätte sie den Verstand verloren, aber sie bekam weder eine Bestätigung noch ein Dementi.

„Okay, ich will Sie nicht bedrängen. Ist es schön in Baltimore? Ich war noch nie dort.“

„Sehr schön. Ein hübscher Hafen. Schöne alte Häuser.“

„Aber nicht Ihre Heimatstadt.“

„Warum nicht?“

„Sie sind zu leidenschaftslos. Wenn Sie dort geboren wären, würden Sie die Stadt entweder lieben oder hassen.“

Er ließ sich mit seiner Antwort Zeit. Doch am Ende sagte er: „St. Louis.“

Brenna schnippte mit den Fingern. „Natürlich. Aus dem Mittleren Westen. Für mich klingt es, als wäre es gar kein Akzent. Ich war vier Jahre in Kansas City am Kunstinstitut. Ich hätte selber darauf kommen können.“

„Sie waren am Kansas City Art Institute?“, fragte er überrascht.

„Ja. Und ich habe auch meinen Abschluss dort gemacht“, gab sie stolz zurück. Es war bisher der größte Erfolg in ihrem Leben, dennoch waren ihre Eltern nicht zu ihrer Diplomfeier gekommen. Sie hielten die Kunstschule im Vergleich zu einem Jura- oder Wirtschaftsabschluss für vollkommen unbedeutend.

Als das Gespräch ins Stocken geriet, blätterte Brenna ein Schmuckmagazin durch, das sie aus einem der Geschäfte mitgenommen hatte. Plötzlich erstarrte sie. Ihr Puls beschleunigte sich. „Oh, mein Gott!“

„Was?“ Heath blickte sich um. Automatisch legte er seine rechte Hand an die Pistole.

„Hier unten, Mr. FBI. Sehen Sie sich das an.“ Sie drehte die Zeitschrift herum und zeigte auf die Anzeige, die ihre Aufmerksamkeit erregt hatte.

„Synthetische Smaragde mit der Post?“

„Nein, daneben.“ Ungeduldig tippte sie mit dem Zeigefinger auf das Inserat, das sie meinte. „Perlen- und Edelsteinausstellung. Dieses Wochenende. Hier, in New Orleans. Wenn ich heiße Ware loswerden wollte, würde ich es dort versuchen.“

„Sie meinen, Marvin könnte dort sein?“

„Darauf wette ich.“

„Dann gehen wir heute Abend hin. Und vorher lade ich Sie zum Essen ein.“

„Ich nehme die Austern und ein kühles Beck’s“, sagte Brenna entschlossen.

Die Kellnerin nickte und blickte erwartungsvoll zu Heath. „Und Sie?“

„Ich nehme das Étouffée und eine Pepsi.“

Brenna schnaubte. „Pepsi? Sie wissen wirklich, wie man sich amüsiert“, murmelte sie kopfschüttelnd.

Dieser Kommentar verletzte ihn mehr, als er zugeben wollte. In Baltimore hatte er, sooft der Dienstplan es zuließ, mit seinen Kollegen im Garten gegrillt und viel Spaß gehabt. Dabei hatte er trotzdem den Ruf eines gewissenhaften, zuverlässigen und hartnäckigen Agenten genossen.

Das alles endete schlagartig mit Christines Verhaftung.

Heute hatte er das Gefühl, auf Spinnweben zu gehen. Ein falscher Schritt, und seine Karriere beim FBI war beendet. Dieser falsche Schritt würde ihm nicht passieren. Er hatte sich vorgenommen, seinen guten Ruf beim FBI durch Erfolg bei der Arbeit wiederherzustellen.

Und deshalb konnte er Brenna auch nicht einfach festnehmen und nach Dallas zum Verhör bringen. Er brauchte sie, weil sie ihn zu Marvin und damit zu dem Picasso führen konnte.

In diesem Moment ging Grif zum dritten Mal am Fenster des Restaurants vorbei und blieb vor der Speisekarte stehen. Er stellte sich nicht besonders geschickt an. Wenn er nicht aufpasste, würde Brenna ihn bald bemerken.

Als die Kellnerin das Essen und Brennas Bier brachte, lief Heath das Wasser im Munde zusammen. Er liebte ein kühles Bier zum Essen, doch er konnte sich bei der Arbeit keinen Alkohol erlauben.

Um die Austern beneidete er Brenna nicht. Er musste sich sogar abwenden, als sie sich die rohen Muscheln in den Mund schob und praktisch im Ganzen hinunterschluckte.

„Austern sind ein Aphrodisiakum“, bemerkte sie gut gelaunt zwischen zwei Bissen.

„Das ist ein Ammenmärchen.“

„Sie können es gern ausprobieren. Es sind genug da.“

„Ich bleibe bei meinen Shrimps mit Reis. Vielen Dank.“ Sein Essen war ausgezeichnet, wie er fand. „Außerdem brauche ich keine Austern.“ Kamen diese Worte wirklich aus seinem Mund? Heath war darüber nicht weniger erstaunt als Brenna. Warum hatte er das gesagt?

Ganz einfach. Es war die Wahrheit. Diese kleine blonde Diebin erregte ihn wie keine andere Frau, seit er aus dem Alter heraus war, wo er sich heimlich den Playboy Channel angeguckt hatte. Das bedeutete nicht, dass er darauf eingehen musste.

Brenna aß ihre Austern und bestellte anschließend noch ein üppiges Dessert mit zwei Löffeln. Es war ein Genuss, dieses Kunstwerk aus Pudding in zerlassener Butter mit braunem Zucker, Zimt und Muskatnuss, garniert mit einer Rumsauce.

„Zu süß für Sie?“, fragte Brenna.

„Nein, durchaus nicht.“ Er gönnte sich diese kleine Sünde, die er begehen konnte, ohne darüber nachdenken zu müssen, was Ketcher dazu sagen würde.

Die Ausstellung fand im Kongress-Zentrum statt, das direkt am Mississippi lag. Es war ein modernes Gebäude voller Touristen. Etliche Männer trugen Anzüge, sodass Heath nicht auffiel. Niemand beachtete ihn.

Brenna dagegen zog in ihrer auffälligen Kleidung alle Blicke auf sich. Sie trug einen schwarzen Jeansminirock und ein knappes leuchtend rotes Top. Die Haare hatte sie unter einer Baseballkappe verborgen, damit Marvin sie nicht gleich erkannte, falls er dort war. Aber es war nicht nur ihre Kleidung, die sie so auffällig machte, sondern vor allem ihre Ausstrahlung. Diese Frau war ein unglaubliches Energiebündel.

„Sie freuen sich ja richtig auf die Ausstellung“, sagte Heath, als sie mit dem Fahrstuhl in den dritten Stock fuhren.

„Ich sehe mir gern Schmuck an.“

„Darauf wäre ich nie gekommen.“ Am Nachmittag hatte er sie aus einigen Geschäften förmlich herauszerren müssen. Sie hatte unzählige Schmuckstücke probiert und sich nach den Steinen und der Herstellungsmethode erkundigt. Bei vielen Stücken erkannte sie das Herstellungsjahr allein am Schliff der Steine.

„Und nicht vergessen“, sagte er. „Wir haben keine Zeit zum Anprobieren. Dazu sind es zu viele Stände. Wir suchen in den Auslagen nur nach Ihrem gestohlenen Schmuck und halten nach Marvin Ausschau. Wenn Sie ihn sehen …“

„Ich weiß. Abstand halten und die Sache Ihnen überlassen.“

Sie bezahlten den Eintritt und gingen in den Ausstellungssaal. Heath war überwältigt. Solche Mengen an glitzerndem Schmuck hatte er noch nie gesehen. „Wir brauchen einen Plan“, sagte er eilig, als Brenna auf den ersten Stand zusteuerte, der ihre Aufmerksamkeit erregte. „Den einen Gang hinauf und den anderen wieder hinunter. Vielleicht sollten wir uns aufteilen.“ Wenn sie vorhatte, sich mit Marvin zu treffen, dann vielleicht hier. Er wollte ihr Gelegenheit geben, ihren Plan in die Tat umzusetzen.

„Wenn wir uns wie die Feldwebel bei der Truppeninspektion benehmen, fallen wir nur auf“, erwiderte sie. „Wir müssen schlendern. Und es ist auch besser, wenn wir zusammenbleiben. Womöglich erkennen Sie meine Schmuckstücke gar nicht.“

Wieder einmal überraschte Brenna ihn mit ihrer Reaktion. Wenn sie Marvin treffen oder ihm eine Nachricht zukommen lassen wollte, wäre sie auf Heaths Vorschlag sofort eingegangen. War sie vielleicht doch unschuldig? Die Beweise sprachen zwar gegen sie, aber Beweise konnte man auch fälschen. Marvin war ein cleverer Betrüger. Er hätte Möglichkeiten gehabt …

Nein, diesen Gedanken wollte Heath nicht zu Ende führen. Schon einmal war er auf eine verführerische, äußerst liebenswerte Frau hereingefallen. Denselben Fehler würde er nicht zweimal begehen.

Drei Stunden lang schlenderten sie von einem Stand zum nächsten. Bei den moderneren Ausstellern erkundigte sich Brenna nach einem besonderen Saphirring. Es war das auffälligste Stück, das ihr gestohlen worden war, hatte sie Heath erzählt. Und sie hoffte nun, dass jemand diesen Ring vielleicht gesehen hatte. Doch niemand wollte den Köder schlucken.

„Ich glaube, wir sollten für heute Schluss machen“, sagte Brenna unvermittelt. „Mir ist irgendwie übel.“

„Kein Wunder, nach den vielen Austern.“ Sie sah tatsächlich etwas blass aus, wie er zugeben musste.

„Im Ernst. Ich muss nach Hause und mich hinlegen. Wir können morgen früh weitermachen.“

„Okay.“ Es war ohnehin schon spät. Einige Aussteller packten bereits zusammen.

Brenna steuerte auf den Ausgang zu, doch nach einigen Schritten blieb sie wie angewurzelt stehen. „Oh, mein Gott!“

„Was ist passiert? Müssen Sie sich übergeben?“, fragte Heath besorgt.

„Vielleicht, aber das ist es nicht …“ Sie trat an einen Stand mit dem Schild French Quarter Chic.

Zum Teufel. Die Lady aus dem Chatroom. Er konnte kaum fassen, dass er das Schild nicht selbst bemerkt hatte.

Brenna sah hastig die Auslagen durch. Dann ergriff sie Heaths Arm. „Das ist meine Halskette“, flüsterte sie. Bevor er reagieren konnte, fügte sie hinzu: „Ich muss mich übergeben.“ Sie rannte zum Ausgang.

Heath sah sich um. Wo um alles in der Welt steckte Grif?

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte die Endvierzigerin, deren Namensschild sie als Alice Smith auswies.

„Ich würde mir gern diese Kette mal ansehen“, gab Heath zurück. Er zeigte auf die von Brenna identifizierte Opalhalskette.

Die Frau zögerte zunächst. Dann holte sie die Kette aus der Auslage und präsentierte sie auf ihrer Hand.

Heath betrachtete den Anhänger genau. Er ähnelte einer der Zeichnungen, die Brenna von ihren gestohlenen Stücken angefertigt und beim FBI abgegeben hatte. Doch um die Kette zu identifizieren, brauchte er Brennas Zeichen.

„Woher stammt das Stück?“, fragte er beiläufig.

„Von einem Konkurs in Florida. Ich habe es schon vor einigen Monaten gekauft. Aber es musste überarbeitet werden, sodass ich es heute zum ersten Mal ausstelle.“

Heath streckte die Hand aus. „Darf ich?“

Sie gab ihm die Kette, und er sah sich den Anhänger unter seiner Lupe an. Es war kein Zeichen darauf zu entdecken.

„Wissen Sie, wer der Designer ist?“

„Nein.“

„Haben Sie eine Quittung für die Kette?“

Alice wurde hellhörig. „Was soll das werden, ein Verhör?“

„Die Frau, mit der ich eben hier war, meint, dass ihr diese Kette gestohlen wurde.“

„Oh, das wäre ja furchtbar“, entgegnete Alice mit übertriebenem Mitgefühl. „Ich hoffe, dass es nicht so ist. Natürlich habe ich eine Quittung. Sie ist zu Hause in meinem Büro. Wann ist denn der Diebstahl passiert?“

„Erst vor wenigen Wochen.“

Sie lächelte. „Dann muss es sich um eine Verwechslung handeln. Wie ich schon sagte, ich besitze die Kette schon seit Monaten. Geben Sie mir Ihre Faxnummer. Ich kann Ihnen die Quittung gern faxen.“

Hatte Brenna sich geirrt? Ihr Zeichen war nicht auf dem Stein. Er entschied, dass sich die Sache nur klären ließ, wenn Brenna ihre Kette selbst identifizierte.

Wo zum Teufel steckte Grif? Wenn man ihn wirklich brauchte, war er nicht da.

Heath hielt Alice seinen FBI-Ausweis unter die Nase und forderte sie auf, den Stand nicht zu verlassen. Dann machte er sich auf die Suche nach Brenna. Er fand sie auf der Damentoilette über das Waschbecken gebeugt, wo sie sich kaltes Wasser ins Gesicht spritzte.

„Was machen Sie denn hier?“, fragte sie vorwurfsvoll. „Das ist die Damentoilette.“

„Ich habe mir Sorgen um Sie gemacht.“

„Mir fehlt nichts. Verhaften Sie lieber diese Frau. Sie hat meine Kette.“

„Sind Sie sicher?“

„Natürlich! Glauben Sie, ich würde ein Stück nicht wiedererkennen, an dem ich tagelang gearbeitet habe?“

„Ich habe es genau untersucht. Ihr Zeichen ist nicht da.“

„Wirklich nicht?“

„Nein.“

„Marvin könnte es entfernt haben.“

„Die Frau sagte, sie hätte die Kette vor einigen Monaten in Florida gekauft.“

„Dann lügt sie. Heath, haben Sie sie etwa laufen lassen?“

„Ich habe ihr meinen Ausweis gezeigt und sie aufgefordert, den Stand nicht zu verlassen. Wenn Sie die Kette identifizieren, kann ich die Quittung von ihr verlangen.“

„Dann lassen Sie uns gehen.“

„Ist alles wieder in Ordnung?“

„Nein, aber ich werde es überleben.“

Die Ausstellung war bereits geschlossen, als sie am Eingang ankamen. Heath musste seinen FBI-Ausweis vorzeigen, damit das Sicherheitspersonal sie noch einmal hineinließ. Doch der French-Quarter-Chic-Stand war ebenso wie die benachbarten Stände verlassen. Alice war verschwunden, und mit ihr die gesamten Ausstellungskästen.

Das Einzige, was Heath noch sicherstellen konnte, war eine leere Limonadendose, die er auf Fingerabdrücke untersuchen lassen wollte.

„Sie haben sie entwischen lassen“, sagte Brenna, zu erschöpft, um ihrem Ärger wirklich Luft zu machen.

„Wir finden sie“, versprach Heath. Wenn sie tatsächlich gestohlene Ware anbot, war sie vielleicht als Hehlerin aktenkundig.

Als sie die Pension erreichten, ging es Brenna so schlecht, dass sie sich kaum noch auf den Beinen halten konnte. Ihr Magen fühlte sich an, als würde eine riesige Hand ihn zusammenquetschen. Ihr war schwindlig, und sie fror.

Sie sank auf ihr Bett. Heath zog ihr die Sandalen aus und deckte sie zu. „Ich habe unten im Auto Medikamente. Ich bin sofort zurück.“ Bei der Gelegenheit konnte er auch gleich Grif nach Hause schicken, der längst wieder aufgetaucht war. Auf der Ausstellung hatte er für seine Freundin ein paar Ohrringe gekauft und war deshalb für einen Moment unaufmerksam gewesen. Nun, heute Nacht wurde er nicht mehr gebraucht.

In der Zwischenzeit zog Brenna sich mühsam ihre verschwitzte Kleidung aus und schlüpfte wieder unter die Decke. Sie fühlte sich entsetzlich. Warum konnte sie nicht einfach sterben?

Wie versprochen kam Heath mit einer Handvoll Medikamente zurück. „Etwas gegen Übelkeit, gegen Schmerzen und Fieber. Und ein Entspannungsmittel für die Muskeln.“

„Reisen Sie immer mit einer ganzen Apotheke?“

„Ich kann mir bei meinem Job keine Krankheiten leisten.“

Sie war sich nicht sicher, wie die Tabletten auf ihren strapazierten Magen wirken würden, aber sie schluckte sie mit dem Wasser hinunter, das Heath ihr brachte. Dann zog sie sich die Decke bis zum Kinn. „Es wird schon wieder. Sie können ruhig gehen.“

„Ehrlich gesagt, ich überlege, ob ich Sie ins Krankenhaus bringe.“

„Unsinn.“ Allerdings war sie nicht in der Verfassung, sich wirklich zu wehren. „Na gut. Dann bleiben Sie von mir aus hier. Aber glauben Sie nicht, dass ich Sie umsonst übernachten lasse. Sie müssen die Hälfte … bezahlen.“ Sie verspürte bereits eine angenehme Lethargie. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis sie einschlief.

Ihr letzter Gedanke war, dass er zum Schlafen seine Krawatte abnahm. Und dass er unerwartet reizvolle Unterwäsche trug.

Brenna war die ganze Nacht lang krank. Gegen Morgen schien sich ihr Zustand zu bessern. Sie wachte auf, als sie ihre Zimmertür klappen hörte, und riskierte einen ersten Blick bei Tageslicht. Heath Packer betrat ihr Zimmer mit zwei Pappbechern in der Hand.

Brenna stöhnte und zog sich die Decke über den Kopf.

„Hey.“ Er lächelte, als er bemerkte, dass sie ihn verstohlen mit einem Auge musterte. „Wie geht die Geschichte weiter? Bleiben Sie am Leben?“

„Das weiß ich noch nicht. Waren Sie die ganze Nacht hier?“

Er zeigte auf das zweite Bett, das sichtlich zerwühlt war. „Beinahe.“

„Tragen Sie knappe schwarze Slips, oder habe ich das geträumt?“

„Ich weiß nicht, wovon Sie reden.“

Vielleicht hatte sie es tatsächlich geträumt. Jedenfalls trug er heute wieder seine Anzughose und ein weißes Hemd. Keine Krawatte. Und er war frisch rasiert.

„Wollen Sie Frühstück?“ Er hielt eine weiße Bäckertüte hoch.

Sie stöhnte dramatisch und verkroch sich unter der Decke. „Zeigen Sie mir bloß nichts zu essen. Was immer es ist, ich will es nicht sehen und auch nicht riechen.“

„Okay. Aber es ist nur trockener Toast. Das soll gut sein für einen verdorbenen Magen. Außerdem habe ich Tee mit Honig mitgebracht.“

Gab es diesen Mann wirklich? Die meisten Männer flüchteten, wenn jemand in ihrer Nähe krank wurde. Ihr Vater war einmal für drei Tage verreist, als ihre Mutter eine Erkältung hatte.

Aber wahrscheinlich war Heath nur so hilfsbereit und liebenswürdig, weil er eingesehen hatte, dass er sie brauchte. Ohne sie hätten sie die gestohlene Halskette nicht entdeckt und den French-Quarter-Chic-Stand auch nicht.

„Ich versuche es mit dem Tee“, sagte sie schließlich. Ein kleiner Schluck würde sie schon nicht umbringen. Und wenn sie den bei sich behalten konnte, würde sie vielleicht sogar einen kleinen Toast vertragen.

Als sie sich aufsetzen wollte, fiel ihr schlagartig ein, dass sie sich gestern Abend komplett ausgezogen hatte. Sie spähte unter die Decke. Alles in Ordnung. Sie trug ihr uraltes Flanellnachthemd, das sie im Koffer ganz unten verstaut hatte, nachdem sie Sonyas feine Nachtwäsche gesehen hatte.

Moment mal. Ganz gleich, wie schlecht es ihr gestern gegangen war, sie hätte sich doch niemals dieses Nachthemd angezogen. Nicht in Gegenwart eines gut aussehenden Mannes.

Misstrauisch blickte sie zu Heath hinüber, der den Deckel von ihrem Tee entfernte, bevor er ihr den Becher reichte. „Sie haben nicht zufällig …“ Nein. Das war wirklich zu lächerlich.

„Möchten Sie Milch in den Tee?“

„Haben Sie mir gestern Abend das Nachthemd angezogen?“

„Sie haben vor Kälte gezittert. Es war das Wärmste, was ich in Ihrem Koffer finden konnte“, erklärte er ganz selbstverständlich.

Brenna wäre vor Verlegenheit am liebsten gestorben. Sie trank von ihrem Tee und versuchte, an etwas anderes zu denken.

„Langsam“, warnte Heath. Dann nahm er seinen Kaffeebecher und setzte sich mit der Morgenzeitung auf sein Bett.

Mann, war das wohl gemütlich?

„Sie haben mich nackt gesehen“, hörte sie sich sagen.

Er blickte von der Zeitung auf. „Wie bitte?“

„Sie haben mich nackt gesehen.“

Heath grinste. „Ich habe nicht hingeguckt. Nicht, dass es nicht reizvoll gewesen wäre, aber ich bin nicht der Typ, der so eine Situation ausnutzt.“

„Wie soll das funktionieren, dass Sie nicht hingesehen haben?“

Er verdrehte die Augen. „Ich habe Ihnen das Nachthemd gegeben und mich umgedreht, bevor Sie es angezogen haben.“

Statt der erwarteten Erleichterung verspürte sie eigentlich eher Enttäuschung. Warum konnte sie sich nicht erinnern? Und überhaupt, angenommen, er hatte sie nackt gesehen, dann hatte ihn dies offenbar völlig kaltgelassen. Verlor sie jetzt schon ihre erotische Ausstrahlung?

Um sich abzulenken, trank sie noch etwas Tee und aß einen halben Toast. Ihr Magen rebellierte nicht.

„Ich glaube, eine heiße Dusche würde mir jetzt guttun.“ Sie zog sich mit frischen Sachen zum Anziehen ins Bad zurück.

Kaum war Brenna im Bad verschwunden, ließ Heath seine Maske ebenso wie die Zeitung fallen. Ja, er hatte ihr das Nachthemd angezogen. Die arme Frau hatte so laut mit den Zähnen geklappert, dass er gefürchtet hatte, sie würde sich die Backenzähne zertrümmern. Aber sie war vor Fieber ja kaum noch bei Bewusstsein gewesen. Also hatte er sie angezogen.

Und er hatte genau hingesehen.

Dann hatte er sie mit allen Decken zugedeckt, die er im Zimmer finden konnte. Als das immer noch nicht half, hatte er sich zu ihr gelegt, um sie zu wärmen.

Nach ein paar Minuten hatte sie aufgehört zu zittern und war ruhiger geworden. Er hatte gebetet, dass sie sich an nichts erinnern würde, als er sich schließlich in sein Bett gelegt hatte, um selbst noch etwas Schlaf zu bekommen.

Doch er hatte für den Rest der Nacht an Brenna denken müssen, wie er sie umarmt und sie ihre Schultern an seine Brust und ihren Po gegen seine harte Männlichkeit gepresst hatte. Er war sicher, dass ihn dieses Gefühl sein Leben lang begleiten würde.

Gott sei Dank schien sie sich an nichts erinnern zu können.

3. KAPITEL

Gegen Mittag fühlte sich Brenna kräftig genug, um ihr Hotelzimmer zu verlassen. „Ich kann nicht länger herumsitzen“, sagte sie. „Irgendwo da draußen ist Marvin. Wir müssen etwas unternehmen.“

„Wahrscheinlich ist er längst gewarnt und wieder untergetaucht.“

„Sie sind ja nicht gerade ein Optimist.“

„Ich versuche nur, realistisch zu sein.“

„Also geben wir auf?“

„Nein.“ Heath war keineswegs sicher, ob er Marvin Carter finden wollte. Sobald er ihn hatte, würde er Brenna verhaften müssen. Alles in ihm sträubte sich dagegen. Andererseits durfte er seinen Instinkten nicht mehr vertrauen. Nicht nach der Erfahrung mit Christine.

Brenna verschwand im Badezimmer. Sie trug etwas Lippenstift und Rouge auf und schlüpfte in eine hellblaue Hose, die so tief auf den Hüften saß, dass man befürchtete, sie könnte herunterrutschen.

„Na los“, drängte sie ihn. „Binden Sie Ihren Schlips um, und dann geht’s los.“

„Heute gehe ich ohne Schlips.“

Sie sah ihn überrascht an. „Nicht möglich.“

„Doch.“ Sie hatte ihn wegen seiner Krawatte genug gehänselt. Aber er steckte sich eine in die Tasche. Für alle Fälle.

„Was steht als Erstes auf dem Programm?“

„Mögen Sie Bilderbücher?“

Als sie ihn verständnislos ansah, grinste er nur. Kurze Zeit später saßen sie auf einer Polizeistation und blätterten die Verbrecherfotos durch.

„Vielleicht ist diese Alice Smith gar nicht registriert“, meinte Brenna. „Sie könnte auch eines von Marvins Opfern sein.“

„Sie hat mir in die Augen gesehen und mich angelogen, ohne mit der Wimper zu zucken. Außerdem hat sie vor der Ausstellung dafür gesorgt, dass keine Papiere vorhanden sind, mit denen man sie ausfindig machen könnte. Das ist ein krimineller Instinkt, den man nicht über Nacht entwickelt.“

Nach zwei Stunden gaben sie die Suche erfolglos auf und verließen die Polizeistation. „Wollen wir irgendwo zu Mittag essen?“, fragte Heath. Dann nickte er Grif, der in seinem Wagen Zeitung las, unauffällig zu.

Sie schüttelte den Kopf.

„Das ist doch nicht möglich. Haben Sie denn gar keinen Hunger?“

„Na ja, ein paar Cracker könnte ich schon vertragen. Aber wir müssen irgendwohin gehen, wo es keine Meeresfrüchte gibt. Allein der Geruch …“

„Schon gut.“

Sie entschieden sich für ein Lokal, wo man draußen sitzen und die Boote auf dem Mississippi beobachten konnte. Heath bestellte einen Hamburger mit Pommes Frites. Brenna wollte nur eine Portion Reis.

„Es ist furchtbar“, sagte sie, als die Kellnerin sich entfernt hatte. „Nun bin schon mal in New Orleans und kann nichts von all den guten Sachen essen.“

„Für Sie muss das wirklich schlimm sein.“ Er lächelte sie an. Brenna kam ihm vor wie ein quirliger kleiner Welpe, den plötzlich alle Energie verlassen hatte. Er wollte sie in die Arme nehmen und trösten und …

Sie ist eine Diebin, ermahnte er sich, auch wenn er nicht wirklich davon überzeugt war. Aber die Beweise sprachen nun einmal gegen sie. Er hatte mit eigenen Augen den Brief gesehen, den sie am Tatort hinterlassen hatte.

Liebe Mom, lieber Dad,

zuerst möchte ich euch sagen, dass ich nie aufgehört habe, euch zu lieben. Ich weiß nicht, wie es dazu kommen konnte, dass wir nicht mehr miteinander reden. Wahrscheinlich bin ich verrückt, wenn ich glaube, ich könnte mit einer großen Geste alles in Ordnung bringen, aber ich muss es versuchen. Es tut mir leid, es tut mir so leid …

Der Brief war auf ihrem persönlichen Briefpapier von Hand geschrieben und an die Stelle geklebt worden, wo der Picasso gehangen hatte. Im Wohnzimmer ihrer Eltern. Eine Unterschrift fehlte, aber ihre Handschrift war eindeutig identifiziert worden.

Zwei Picassos waren gestohlen, eine Entwurfszeichnung und das daraus entstandene Gemälde eines Mädchens mit Katze. Es waren frühe Arbeiten, bevor der Künstler begonnen hatte, die Körper zu zerhacken. Die Zeichnung allein war etwa dreißigtausend Dollar wert, das Gemälde mindestens eine Million. Der Wert für beide Kunstwerke zusammen lag sogar noch wesentlich höher.

Die Zeichnung hatte man in Brennas Wohnung unterm Bett entdeckt. Heath war bei der Durchsuchung dabei gewesen.

Die Beweise waren erdrückend, dennoch hielt er es für möglich oder sogar für wahrscheinlich, dass Brenna unschuldig war. Vielleicht hatte Marvin die Spuren gelegt, um von sich abzulenken. Aber dann blieb immer noch dieser Brief, und den konnte er unmöglich gefälscht haben.

Heaths Handy klingelte. Er meldete sich.

„Was zum Teufel machen Sie da eigentlich?“, war Flemming Ketchers erste Frage.

Heath nickte Brenna entschuldigend zu und ging zum Ende der Terrasse, wo ihn niemand hören konnte.

„Ich führe eine Untersuchung durch“, erwiderte Heath beherrscht, obwohl sein Puls sich merklich beschleunigte, wenn er mit Ketcher sprach. Viele Mitarbeiter reagierten so auf seinen Chef. Ketcher galt als einer der größten Tyrannen beim FBI.

„Wo ist die Thompson-Tochter?“

„Ungefähr zehn Meter von mir entfernt. Ich lasse sie nicht aus den Augen, obwohl sie nicht weiß, dass sie unter Verdacht steht. Sie glaubt, sie hilft mir, Marvin zu fangen.“

„Ich verstehe die Verzögerung nicht“, sagte Ketcher gereizt. „Bringen Sie sie her. Wir nehmen sie hier ein paar Stunden in die Mangel. Damit kommen wir schneller ans Ziel als Sie mit Ihren Methoden.“

„Ich mache Fortschritte“, beharrte Heath. Er berichtete von Alice und ihrem verdächtigen Verhalten. „Das Labor hier arbeitet an ihren Fingerabdrücken. Lassen Sie mich das Ergebnis abwarten. Vielleicht ist sie eine Komplizin von Carter.“

Ketcher seufzte leidend. „Halten Sie mich auf dem Laufenden.“ Er zögerte einen Moment. „Diese Brenna Thompson ist wohl sehr attraktiv, oder?“

Es gefiel Heath nicht, welche Wendung das Gespräch nahm. „Sie ist ein bisschen bizarr, aber nicht hässlich.“ Er wusste, dass es keinen Zweck hatte, Ketcher zu belügen. Brennas Foto war in den Akten.

„Muss ich mir Sorgen machen?“, fragte Ketcher beiläufig. „Ich meine, angesichts Ihrer Vergangenheit.“

Heath biss die Zähne zusammen. Am liebsten hätte er einfach aufgelegt und sich nicht dazu erniedrigen lassen, diese Frage zu beantworten. Aber es gab Spielregeln beim FBI. „Nein, Sir. Es gibt absolut keinen Grund zur Beunruhigung.“

Heath wusste, dass er in ernsthaften Schwierigkeiten war, als Brenna ihr kleines rotes Kleid aus dem Koffer nahm und über einen Bügel hängte. Warum hatte er nur zugestimmt, heute Abend mit ihr auszugehen? Er hatte doch gewusst, dass es ein Fehler war.

Er stand vor der Wahl, eine Verdächtige zu verhaften und zum Verhör nach Dallas zu bringen oder sich mit ihr in New Orleans einen schönen Abend zu machen. Nun, wie würde ein guter FBI-Agent sich entscheiden? Und welche Entscheidung würde in seinen Akten besser aussehen?

Vielleicht hatten die da oben recht, und er hatte wirklich eine fatale Schwäche für hübsche Frauen, die es ihm unmöglich machte, seinen Job vernünftig auszuüben.

„Ich hänge das Kleid ins Bad, während ich dusche“, sagte Brenna lächelnd. „Im Dampf verschwinden die Falten.“ Damit ließ sie ihn stehen und ging ins Bad.

Heath stellte sich Brenna unter der Dusche vor. Er versuchte erst gar nicht, dieses Bild zu verscheuchen.

Wenn er nur eine Spur hätte. Wenigstens irgendeinen Hinweis. Dann könnte er ihre Verhaftung hinauszögern. Er wollte ihr diesen Abend wirklich gern schenken.

Am besten, er sah mal nach Grif. Vielleicht gab es etwas Neues.

Nach einem kurzen Klopfen öffnete er die Badezimmertür einen Spalt. Brenna vertraute ihm so sehr, dass sie nicht einmal abgeschlossen hatte. „Brenna?“

Sie stellte den Wasserhahn ab. „Haben Sie etwas gesagt?“

„Ja. Ich gehe noch mal weg. In einer Stunde bin ich wieder da, okay?“

„Sicher. Okay.“

Grif saß in seinem Jeep, der halb von einem Magnolienbaum verdeckt wurde. Bei offenen Fenstern las er in einem Magazin. Aber er hatte die Straße trotzdem beobachtet, denn er legte das Magazin beiseite, lange bevor Heath den Wagen erreichte.

„Nun, wie ist der Plan?“, fragte Grif gut gelaunt.

„Es gibt keinen. Das ist das Problem. Sie wird uns nicht zu Marvin und dem gestohlenen Picasso führen. Ich habe keine einzige Spur mehr.“

„Wie unangenehm. Ich hatte gehofft, dass dieser Job noch ein paar Tage dauert.“

„Macht Ihnen anscheinend Spaß.“

„Wer würde sich beklagen, wenn er eine Frau wie Brenna Thompson Tag und Nacht beobachten müsste? Soll es also jetzt passieren?“

„Ich schätze, ja. Sie ist gerade unter der Dusche. Sie glaubt, dass wir uns einen netten Abend im French Quarter machen und morgen unverrichteter Dinge nach Hause fahren.“

„Sie ahnt also nicht, dass Sie dabei sind, die Handschellen zu zücken?“

„Absolut nicht.“

„Wie unangenehm“, sagte Grif noch einmal. Dann überlegte er einen Moment. „Wissen Sie, ich glaube, sie hat vor, diesen Marvin heute Abend zu treffen.“

„Wirklich?“, fragte Heath so hoffnungsvoll, dass er selbst darüber erschrak. Etwas ruhiger fuhr er fort: „Warum? Haben Sie etwas bemerkt?“

„Nun, also, ich habe gesehen, wie sie telefoniert hat.“

„Wann?“ Heath hatte Brenna den ganzen Tag nicht eine Sekunde aus den Augen gelassen, außer …

„Als Sie in diesem Kaffee auf der Toilette waren. Ich glaube, ich habe gehört, wie sie den Namen Marvin erwähnt hat und French Quarter … und ‚wir treffen uns heute Abend‘.“

Heath schüttelte den Kopf. „Sehr komisch.“

Grif lachte leise. „Nun mal ehrlich, warum wollen Sie die Kleine unbedingt heute noch verhaften? Sie würden die halbe Nacht brauchen, um sie nach Dallas zu bringen.“

„Was springt für Sie dabei heraus, wenn ich warte?“ Er spürte, dass Grif eigene Pläne hatte.

„Ich bin heute Abend verabredet. Und ich wollte meine Freundin zu einer Überwachung mitnehmen. Sie findet dieses FBI-Zeug absolut spannend. Mit Kino und Dinner kann ich bei ihr nicht landen, verstehen Sie?“

Leider verstand Heath nur zu gut.

„Tun Sie doch einfach so, als gäbe es eine neue Spur. Ich stehe hinter Ihnen. Außerdem können Sie mir nicht erzählen, es würde Ihnen keinen Spaß machen, Brenna auszuführen, ihr ein paar Drinks zu spendieren …“ Er ließ den Satz im Raum stehen.

Oh, Mann.

„Gönnen Sie ihr eine Nacht in New Orleans“, beharrte Grif. „Und wenn Sie schon dabei sind, amüsieren Sie sich auch ein bisschen. Unser Job zieht uns doch meistens nach unten. Warum sollten wir es uns nicht auch mal für ein paar Stunden ein bisschen nett machen dürfen.“

Es war der schlechteste Rat, den Heath je bekommen hatte. Er hielt sich daran fest wie ein Ertrinkender an einem Strohhalm.

Heath ging in sein Zimmer im Magnolia Guest House, duschte und zog die einzigen Sachen an, die ihn nicht als FBI-Mann identifizierten, eine Khakihose und ein bunt bedrucktes Hemd. Dazu Leinenschuhe ohne Socken und sein Leinenjackett, mit dem er das Schulterhalfter verdeckte. Zufrieden blickte er in den Spiegel. Nun fehlte nur noch ein Dreitagebart, dann wäre sein Miami-Vice-Outfit perfekt.

Er klopfte an Brennas Tür. Nach kurzer Zeit öffnete sie und ging in einem merkwürdigen Watschelgang zu ihrem Bett zurück. Zwischen den Zehen hatte sie seltsame Gummikeile. Heath runzelte die Stirn.

„Ich habe mir gerade die Nägel lackiert“, erklärte sie. „Sie sind noch nicht trocken.“

„Nur keine Eile. Zum Essen ist es sowieso noch zu früh.“

„Aber ich habe schon Hunger. Dabei habe ich heute Morgen noch gedacht, ich würde nie wieder etwas essen können.“

Heath atmete tief ein. Es duftete in diesem Zimmer fantastisch nach Bodylotion, Nagellack und Erdbeershampoo. Eine einzigartige, aufregende Mischung, die er bei keiner anderen Frau finden würde.

Nach einer Weile erlaubte er sich einen Blick auf Brenna, die eifrig pustete, um ihre Nägel zu trocken. Sie saß mit angezogenen Knien auf dem Bett, sodass sich das kurze rote Kleid fest um ihre Hüften spannte.

Die Haare fielen ihr frech in die Stirn. Hellblonde Haare und ein dunkler Haaransatz. Heath hatte keine Ahnung, warum dieser Look so sexy wirkte, aber er fand ihn äußerst anregend. Auch ihr Make-up war dramatisch. Hellblauer Glitzerlidschatten und ein schwarzer Lidstrich. Auf den Lippen nur etwas rosa Lipgloss.

Heath steckte in echten Schwierigkeiten.

„Okay, ich bin fertig.“ Sie schlüpfte in ihre Sandaletten mit Pfennigabsätzen. „Vielleicht sollten wir ein Foto machen und es Sonya schicken. Sie fand meinen Grunge-Look immer ein bisschen geschmacklos.“

„Sie wäre beeindruckt“, bemerkte Heath. Er gab sich alle Mühe, möglichst cool zu klingen.

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