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Heisse Stunden in Mendocino

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CARRIE ALEXANDER

HEISSE STUNDEN IN MENDOCINO

Rory erlebt in einem Hotel in Mendocino ein sinnliches Wochenende der Leidenschaft. In diesen zauberhaften Stunden verliert sie ihr Herz an Justin. Doch am Sonntagabend heißt es Abschied nehmen. Wird sie Justin jemals wiedersehen?

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Erst als ihr Exverlobter Jack auftaucht, erkennt der gut aussehende Cowboy Hardy, dass sein Herz schon lange Trish gehört. Doch der reiche Jack kann ihr ein viel schöneres Leben bieten als er. Hardy entschließt sich, Trish nicht zu sagen, was er für sie fühlt ...

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CARRIE ALEXANDER

HEISSE STUNDEN IN MENDOCINO

Justin mag zierliche Blondinen, die zu einem Liebesabenteuer nicht Nein sagen. Frauen mit üppigen Kurven und festen Grundsätzen wie Rory Constable sind eigentlich gar nicht sein Typ. Doch als Rory auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung ein Wochenende mit ihm gewinnt, erlebt er eine Überraschung nach der anderen. Plötzlich sehnt er sich danach, ihre herrlichen Rundungen zu erkunden. Und obwohl er weiß, dass sie Affären ablehnt, kann er sich ihrer starken Anziehungskraft nicht entziehen. Hals über Kopf stürzt Justin sich in das Abenteuer Liebe …

1. KAPITEL

„Möchtest du’s mal bei mir probieren?“, fragte eine gebräunte Blondine Justin McColey am Eingang des Clementine’s, wo ein ziemliches Gedränge herrschte. Als er stehen blieb und sie erstaunt ansah, kicherte sie. „Ob dein Schlüssel passt“, sagte sie und strich ihm mit der Hand über den Bauch. „Na ja, zumindest für den Anfang. Deine Bauchmuskeln sind übrigens nicht schlecht.“

Justin sollte ausprobieren, ob sein Schlüssel in das Schloss passte, das im Dekolleté der Blondine baumelte.

„Ich komme später auf dich zurück“, antwortete er der willigen Blonden. Er selbst war erstaunlich unwillig. Die Tanzclubs im Yachthafen waren eben nicht seine Szene. Andererseits passte es absolut nicht zu ihm, eine Frau abzuweisen, die ihm ein eindeutiges Angebot machte.

„Erklär mir noch mal, was ich hier soll!“, rief er seinem alten Freund Nolan Baylor über den Partylärm hinweg zu. Das Clementine’s war ein beliebter Nachtclub, und auf der Tanzfläche tummelten sich unzählige junge, trendige Singles aus San Francisco. Heute Abend wurde eine Schlüsselparty zu wohltätigen Zwecken veranstaltet, entsprechend herrschte eine erotisch aufgeladene Atmosphäre.

„Siehst du die da drüben?“ Nolan stieß Justin mit dem Ellbogen an und nickte zu einer Chinesin. „Deshalb bist du hier. Wegen der heißen Bräute.“

Justin stieß einen leisen Pfiff aus. „Nein, deshalb bist du hier. Aber hattest du nicht eine ganz bestimmte heiße Braut im Auge?“

„Wer verbietet mir, mich umzusehen?“, fragte Nolan.

„Mikki, wenn sie dich erwischt“, sagte Justin lachend, während ein Kellner mit einem Tablett voller schmutziger Gläser an ihnen vorbeiging. „Sie wird deinen Kopf auf einem Silbertablett fordern.“

Nolan quittierte diese Bemerkung mit einem Grinsen. Um seine Exfrau Mikki Corelli wiederzusehen, hatte er dem Baufonds der Wohltätigkeitsorganisation ein kleines Vermögen gespendet und diese Schlüsselparty angeregt. Und natürlich hatte er dafür gesorgt, dass sein Schlüssel in Mikkis Schloss passte.

Justin würde sich jetzt lieber zu Hause bei einem kalten Bier das Spiel der Giants gegen die Mariners ansehen, aber wenn ein Freund Hilfe brauchte …

„Du wirst meinen Bodyguard spielen müssen“, sagte Nolan.

„Auf keinen Fall! Ich werde einen Teufel tun, mich zwischen dich und Mikki zu stellen.“ Nolan und Mikki waren seit dem Studium verheiratet, und nun war Nolan hier, um Mikki zu erklären, dass ihre mexikanische Schnellscheidung keinesfalls rechtsgültig war. Diese Mitteilung dürfte ein Erdbeben auslösen.

„Du hast mein aufrichtiges Mitgefühl“, fügte Justin hinzu, während sie sich durch die Menschenmenge kämpften. Mikki Corelli konnte Männer allein mit Blicken bis ins Mark treffen –selbst wenn sie keine schlechten Neuigkeiten überbrachten.

Nichtsdestotrotz waren Nolan und Mikki füreinander geschaffen. Ihre Hassliebesbeziehung verlief für Justins Geschmack zwar etwas zu stürmisch, aber für die beiden war es genau das Richtige.

Justin hingegen zog Flirts vor und mied echte Beziehungen. Seine Strategie bewährte sich. Inzwischen war er zweiunddreißig und blickte auf siebzehn Jahre mit erfolgreichen One-Night-Stands zurück.

Im Nachtclub herrschte eine brütende Hitze, und Justin zupfte ärgerlich an dem roten Seidenhemd, das ihm seine ältere Schwester Didi aufgezwungen hatte. Entweder war er zu alt für diese Spielchen, oder die wöchentlichen – manchmal sogar täglichen – Predigten seiner vier Geschwister wurden ihm allmählich zu viel. Sie waren alle glücklich verheiratet und meinten, Justins Leben wäre nicht vollkommen, solange er nicht in festen Händen war. Und das sagten sie ihm immer und immer wieder.

Immerhin hatten sie erreicht, dass er inzwischen einen festen Wohnsitz vorweisen konnte. Mehrere Familienmitglieder hatten in ein Wohnhaus investiert, das Justin verwaltete und zumindest für die Dauer der umfangreichen Renovierungsarbeiten bewohnte.

Heirat war der nächste logische Schritt. Didi hatte auch schon eine geeignete Kandidatin gefunden, ihre alleinstehende Freundin Charla, deren Vorzüge sie in den höchsten Tönen anpries. Falls Justin nicht aufpasste, in welches Bett er hüpfte, endete er noch eines Tages mit einer Ehefrau und einem Haufen Kinder.

Nolan blieb abrupt stehen. „Da ist sie.“

Justin sah an ihm vorbei. „Geh schon“, sagte er und schob Nolan weiter. Der Mann war Anwalt und konnte reden, dass einem schwindlig wurde. Da sollten ihm Mikkis scharfe Zunge und ihr heißblütiges Temperament eigentlich keine Angst einjagen.

Mikki blickte auf und wandte sich halb von dem Tisch ab, an dem sie mit zwei anderen Frauen saß. Für einen Moment erstarrte sie, als sich ihre und Nolans Blicke trafen.

Justin beobachtete die Szene interessiert. Jetzt würde jeden Moment eine Explosion folgen.

Nolan sah angespannt aus. „Sie ist wunderschön, wie immer“, raunte er leise.

„Umwerfend“, bestätigte Justin. Er persönlich mochte lieber blonde Frauen, aber an der dunkelhaarigen Mikki hätte er auch nichts auszusetzen gehabt – außer dass sie seinem besten Freund von dem Moment an verfallen war, als sie sich erstmals an der Uni begegneten.

Nolan ging langsam zu dem Tisch. In seiner Hand funkelte ein kleiner goldener Schlüssel.

Justin folgte ihm. Er wusste zwar genau, was geschehen würde, wenn Nolan diesen Schlüssel in Mikkis Schloss steckte, aber er wollte trotzdem in der ersten Reihe dabei sein.

„Was machst du hier?“, fragte sie verärgert.

„Ich freue mich auch, dich wiederzusehen, Mikki.“ Nolan war klug genug, den Schlüssel wieder in seine Tasche zu stecken. Wie immer wollte er den richtigen Moment abwarten.

Justin betrachtete die beiden anderen Frauen an Mikkis Tisch. Laut Nolan handelte es sich um Mikkis Schwestern. Stiefschwestern, genauer gesagt, was erklärte, warum sie Maureen Baxters Übergangspflegeheim unterstützten. Beide trugen ihre Schlösser an einer Kette um den Hals. Die Schlösser in Form winziger Koffer sollten Symbole für die weiblichen Teenager in Not sein, um die Maureen Baxter sich kümmerte.

„Erinnerst du dich noch an Justin?“, fragte Nolan.

Es funktionierte, denn Mikkis Miene hellte sich sofort auf. Sie und Justin hatten sich von Anfang an gut verstanden, und sie verübelte ihm nicht einmal, dass er während der bitteren Trennung zu seinem Freund gestanden hatte.

Jetzt stieg sie von ihrem Barhocker und umarmte Justin, bevor sie ihn mit ihren Schwestern bekannt machte.

Den Namen der Ersten hatte er gleich wieder vergessen, als Mikki ihm die andere vorstellte. „Und das ist Lauren Massey“, erklärte Mikki. „Justin McColey. Nolan und er sind schon ewig befreundet.“

„Länger als ich denken kann“, ergänzte Justin und lächelte der Blonden zu. Lauren war eine schlanke Frau mit honigfarbenen Locken, die ein sehr hübsches ärmelloses Kleid aus pfirsichfarbener Seide trug.

Sie entsprach eher seinem Typ als die andere Schwester. Leider entschuldigte sie sich kurz darauf und verschwand, bevor Justin seinen Schlüssel in ihrem Schloss ausprobieren konnte.

Er zuckte mit den Schultern und sah auf den leeren Barhocker, auf dem Lauren gesessen hatte. Dort wäre er in einem halbwegs sicheren Abstand zu dem Feuerwerk zwischen Mikki und Nolan. Er setzte sich und winkte einen Kellner heran, bei dem er ein Bier bestellte. Erst jetzt fiel ihm die andere Schwester wieder auf, die am Tisch geblieben war. Sie hatte ein Glas Weißwein vor sich stehen. Soweit Justin sich erinnerte, musste sie die Älteste ein.

Justin musterte sie. Nussbraune Locken umrahmten ihr Gesicht. Ihre vollen Lippen wurden durch glänzenden, pflaumenroten Lippenstift betont. Obwohl sie saß, konnte Justin erkennen, dass sie groß und ziemlich kräftig gebaut sein musste – fast etwas matronenhaft, vermutete er. Und sie strahlte die Gelassenheit einer Frau aus, die an teure Salons und Designermode gewöhnt waren.

Normalerweise zog Justin weniger bodenständige Frauen vor, aber Mikkis Schwester hatte etwas. Je länger er sie ansah, desto besser gefiel sie ihm. Ihre langen, schmalen Finger wirkten elegant. Er konnte sich lebhaft vorstellen, wie sie über seinen Körper …

Sie hob ihr Weinglas und blickte ihn fragend an.

Er nickte. „Entschuldige, ich habe deinen Namen nicht richtig verstanden.“

„Aurora Constable“, sagte sie stolz. „Aber ich werde Rory genannt.“

Er beugte sich zu ihr, um sie besser zu verstehen. Ihre Stimme war tief und sanft, wohltuend anders als das hohe Piepsen mancher anderer Frauen. „Aurora ist ja ein seltsamer Name“, stellte er fest, wobei er ziemlich laut sprechen musste, um den Lärm der Band zu übertönen, die eine Mischung aus Jazz, Swing und Pop spielte.

„Von Aurora Borealis, den Nordlichtern. Meine Mutter behauptet, sie hätte sie in der Nacht meiner Zeugung über Woodstock gesehen, doch daran habe ich meine Zweifel“, erklärte Aurora achselzuckend.

Justin lachte. „Wenigstens ist es eine hübsche Anekdote. Du bist also ein echtes Woodstock-Baby. Ich kann mich nicht erinnern, schon mal einem begegnet zu sein.“

„Nun, viele Leute behaupten, sie wären in Woodstock gezeugt worden, aber bei den wenigsten trifft es zu. Außerdem war meine Mutter berühmt für ihre wilden Geschichten. Diese glaube ich allerdings, weil mein Geburtsdatum dazu passt. Ich bin in einer Kommune in Oregon aufgewachsen. Nach Kalifornien sind wir erst gezogen, als ich schon sechs Jahre alt war.“ Sie biss sich auf die Unterlippe. „Entschuldige. Ich rede zu viel.“

„Kein Problem.“ Er schaute sich im Club um. Allmählich gingen immer mehr Paare, die über Schlüssel und Schlösser zusammengefunden hatten. Insgesamt herrschte eine angenehme Flirtatmosphäre, und es wurde viel gelacht. Eigentlich sollte Justin sich unter die Menge mischen und seine Seelenverwandte für heute Nacht suchen. Aber schließlich wusste er sich zu benehmen, und so blieb er zunächst bei Rory.

„Was ist mit dir?“, fragte sie und schob ihm eine Platte mit Kleingebäck hin. „Probier mal.“

Er nahm sich einen kleinen Sahnewindbeutel mit reichlich Schokoladenglasur. „Ich habe mein ganzes Leben hier verbracht.“

„Das hört man selten.“

„Meine Eltern leben in demselben viktorianischen Haus, solange ich denken kann. Da haben sie uns fünf Kinder aufgezogen. Heute sind die meisten Zimmer unbewohnt, aber die Enkelkinder nutzen sie oft an den Wochenenden und in den Ferien.“

Sie sah auf seine Hand. „Du bist nicht verheiratet.“

Er schüttelte den Kopf. „Nein, die Enkelkinder stammen alle von meinen Geschwistern. Ich bin der letzte Single in der Familie.“

„Wenigstens bist du Onkel.“ Rory hatte plötzlich einen Ausdruck tiefer Sehnsucht in den Augen. Diesen Blick kannte Justin von seiner Schwester Jenny. Genauso hatte sie ausgesehen, wenn sie verträumt über ihren gewölbten Babybauch strich.

Normalerweise reichte so ein Blick, um Justin sofort in die Flucht zu treiben. Andererseits war Rory für ihn keine Gefahr. Sie war auf ihre Art durchaus attraktiv, aber eben nicht sein Typ.

„Wie viele Nichten und Neffen hast du?“, fragte sie.

„Bis jetzt sind es acht, aber es kündigen sich weitere an.“

„Toll! Eine richtig große Familie.“

„Damit dürftest du dich auskennen. Mikki hat mir viele Geschichten vom Leben bei Emma Constable erzählt. Dort gingen ständig neue Pflegekinder ein und aus, wenn ich es richtig mitbekommen habe. War Maureen Baxter nicht auch eines von ihnen?“

„Ja.“ Rory blickte sich unter den flirtenden Singles um und schien sich nicht recht wohl zu fühlen. „Deshalb bin ich hier. Sie braucht jede Unterstützung für das Baxter-Haus, die sie kriegen kann.“ Sie hob eine Hand. „Diese Schlüsselgeschichte reizt mich dagegen weniger.“

„Hab ich mir gedacht“, sagte Justin. „Du bist nicht der Typ dafür.“

Rory blinzelte. „Und welcher Typ wäre das?“

„Du weißt schon, auf der Suche nach dem unverbindlichen Kick.“

Sie hob eine Augenbraue. „Du schon, vermute ich.“

Er lächelte. „Ich bin jung, männlich und Single.“

„Natürlich.“ Sie fingerte an der Kette mit dem Schloss, die an ihrem Hals hing. Dabei verrutschte ihr Schal, sodass Justin ihren weiten Ausschnitt und die Andeutung eines Schattens zwischen ihren Brüsten sah.

Große Brüste, stellte er fest. Runde, schwere Brüste, zwischen denen man das Gesicht vergraben konnte …

Verdammt! Zwar kam es bei ihm nicht selten vor, dass er beim Anblick einer Frau an Sex dachte, aber in diesem Fall waren solche Fantasien fehl am Platz. Nolan war wie ein Bruder für ihn, was Rory quasi zu seiner … nun ja, nicht direkt Schwester, aber fast zu einer Cousine machte. Wie dem auch sei, er sollte besser nicht an Sex mit ihr denken.

Schuld war das Schloss an ihrem Hals, mit dem sie spielte. Er musste kein Psychologe sein, um zu begreifen, dass sie ihn herausforderte, wenn auch vielleicht nur unbewusst.

Steck deinen Schlüssel hinein, schienen ihre braunen Augen zu sagen.

Justin griff in seine Tasche. Was war schon dabei?

Bevor er den Schlüssel hervorgeholt hatte, kam ein Mann an den Tisch, beugte sich über Rorys Barhocker und strich ihr über die bloßen Arme. Es handelte sich um einen großen, muskulösen Kerl, der kahl geschoren war. Über dem weißen Hemd trug er eine lässig geknotete Krawatte, und an seinem Handgelenk prangte eine Platinuhr, die mindestens ein paar Pfund wiegen musste. „Hallo, schöne Frau. Wartest du auf mich?“

Rory drehte sich zu ihm um und lächelte ihn herausfordernd an. Justin war erstaunt, dass sie so offen flirtete.

Vielleicht war er doch zu langsam gewesen.

Lachend hielt Rory dem anderen ihr Schloss hin. „Ich bin bereit und warte nur auf den passenden Schlüssel.“

Der große Glatzkopf tippte auf das Schloss. „Dann wollen wir doch mal sehen.“ Er steckte seinen Schlüssel hinein, doch der passte nicht. „So ein Pech.“

Rory ließ die Kette los und zupfte ihren Schal zurecht, sodass er die beeindruckendsten Brüste verhüllte, die Justin je gesehen hatte. „Vielleicht beim nächsten Mal“, tröstete sie den Mann.

Der warf Justin einen prüfenden Blick zu, bevor er sagte: „Willst du nicht trotzdem mit mir kommen? Ich verspreche auch …“ Er beugte sich zu ihr und flüsterte ihr etwas ins Ohr.

Sie lachte wenig überzeugend und sah zu Justin. „Nein, danke.“

Justin machte mit den Fingern eine Bewegung in Richtung des Glatzkopfs, als würde er den Abzug einer Waffe betätigen. „Okay. Du bist raus.“

Der Mann richtete sich auf. „Die Dame darf ja wohl selbst entscheiden.“

„Und das hat sie getan.“

Für einen Augenblick schwiegen sich alle drei an, dann sagte der große Glatzkopf: „Tja, sie weiß gar nicht, was ihr entgeht.“ Mit diesen Worten tauchte er in der Menge unter.

Justin wartete, bis er außer Sicht- und Hörweite war, bevor er sich zu Rory beugte. „Was hat er gesagt?“

Sie senkte den Blick. „Ach, nur etwas darüber, wie er sich fit hält.“

Justin sah rot. Er zwang sich, ein weiteres Stück Kuchen zu nehmen, doch es wollte ihm nicht schmecken. Er schluckte und fragte betont beiläufig: „Kennst du ihn?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, aber ich bin ziemlich sicher, dass er schon öfter in meiner Bäckerei war.“ Dabei blickte sie ihm direkt in die Augen, und Justin wurde klar, dass sie nichts von Spielchen hielt. „Es war schön, dass überhaupt einer gefragt hat. Bisher hat mich erst ein ziemlich unbekannter Schauspieler angesprochen, und der war so klein und hager, dass ich ihn mit einer Hand in der Mitte durchbrechen könnte.“

Justin maß über einsneunzig und wog zweiundneunzig Kilo. Er war nicht so muskelbepackt wie der Glatzkopf, aber ziemlich durchtrainiert. Eigentlich würde er hervorragend zu Rory passen. Vielleicht spielte seine Fantasie verrückt, doch ihm war, als ginge eine verführerische Hitze von Rory aus. Sie war zweifellos eine sehr reizvolle Frau.

Nach ihrer letzten Bemerkung konnte er unmöglich seinen Schlüssel hervorholen, weil es wie ein peinlicher Trostversuch aussehen würde.

Stattdessen aß er den Rest von seinem Kuchen und fragte: „Du hast also eine Bäckerei?“

„Mehrere. Lavender Field. Du isst gerade einen meiner Kuchen.“

Er schluckte. „Schmeckt prima.“

„Danke.“

Die Musik verstummte. Sie sahen sich an, doch ihnen wollte nichts mehr einfallen, was sie sagen könnten.

Justin wischte sich den Mund mit einer Serviette ab und sah sich im Club um. Die Glastüren zum Hafen hinaus waren weit offen. „Nolan scheint hinter Mikki hergegangen zu sein.“

„Sie ist draußen.“

„Was ist mit der anderen passiert?“

„Mit Lauren, meiner Schwester? Vermutlich sammelt sie gerade Material für einen Artikel, an dem sie schreibt.“ Wieder sah sie ihm direkt in die Augen. „Willst du sie suchen gehen? Ich hatte den Eindruck, dass sie dir gefiel.“

„Nein, das war nichts weiter.“ Inzwischen war die Erinnerung an Laurens Gesicht so gut wie verblasst.

„Sie ist sehr schön, oder nicht?“

„Ja, ist sie.“

„Und sie ist Single.“

„Willst du mich mit ihr verkuppeln?“

„Kann ich, wenn du interessiert bist.“

„Nein, im Moment nicht.“ Auf einmal war sein Mund sehr trocken, und der Schlüssel schien ihm ein Loch in die Tasche zu brennen.

Kurz darauf setzte die Musik wieder ein. Sollte er Rory zum Tanz auffordern? Das Stück hatte einen schnellen Rhythmus, und Justin würde schwören, dass sie langsame Tänze bevorzugte.

„Du wirkst unruhig“, sagte sie. „Meinetwegen musst du nicht hier sitzen bleiben. Geh schon, sieh dich um. Such nach niedlichen Schlössern.“ Sie lächelte ihn an. „Du weißt doch, dass du es willst.“

„Nein.“ Er trank sein Bier aus. „Ich würde gern tanzen. Machst du mit?“

Sie legte eine Hand auf ihre Brust und zwinkerte ihm theatralisch zu. „Ich?“

„Ja, du. Komm schon.“

Sie nahm seine Hand und schwang sich vom Barhocker. Dabei fiel sein Blick in ihren Ausschnitt, und ihm wurde sehr heiß.

Als er sie zur Tanzfläche führte, musste er sich ein weiteres Mal daran erinnern, dass sie nicht sein Typ war. Sie war Mikkis Schwester, und er war der beste Freund von Mikkis Ehemann. Beide waren sie dazu bestimmt, sich gelegentlich bei Grillpartys und Familienfesten zu begegnen.

Ein Flirt kam selbstverständlich nicht infrage, denn dadurch würden alle künftigen Begegnungen belastet. Und Justin sprach aus Erfahrung. Vor Jahren hatte er einmal etwas mit Didis bester Freundin gehabt, die ihn bis heute mit tödlichen Blicken bedachte, wann immer sie sich bei seiner Schwester trafen.

Aber ein Tanz konnte schließlich nicht schaden.

Rory gab sich auf der Tanzfläche erstaunlich unbeschwert. Sie bewegte sich fließend zu den Sambarhythmen von „Hot, Hot, Hot“, und ihr Kleid schwang bei jeder Drehung um ihre langen Beine.

Irgendwann umfasste Justin ihre Taille, sodass Rory ihm nicht mehr entkommen konnte. Er sah ihr in die Augen, während sie Seite an Seite, Hüfte an Hüfte tanzten.

Rorys Wangen leuchteten. „Du bist ein guter Tänzer.“

„Nur wenn die Stimmung die Richtige ist.“

„Dann muss die Stimmung gut sein“, sagte sie. „Ich habe lange nicht mehr so getanzt.“

Ihr Haar streifte seine Wange, und Justin schloss die Augen, als er ihren Duft von süßem Salbei und Lavendel einatmete. Die Wärme ihres Körpers erregte ihn mehr, als er erwartet hätte.

Am liebsten würde er die Nacht mit ihr verbringen. Vielleicht sogar noch mehr …

Er nahm sie nun in beide Arme. Auf ihren hohen Schuhen war Rory beinahe genauso groß wie er. Ja, sie passte hervorragend zu ihm und füllte seine Arme ebenso vollständig aus wie seine Sinne.

Die Musik hörte er gar nicht mehr, doch der Rhythmus war in ihm und in ihr. Er fühlte Rorys weiche Brüste und ihre sinnlich schwingenden Hüften.

Seine Lippen strichen über ihre Wange, und sie wand den Kopf ganz leicht, sodass sein Kuss ihr Ohr traf. Er knabberte zärtlich an ihrem Ohrläppchen, dann küsste er ihren Hals.

„Justin“, seufzte Rory und vergrub das Gesicht an seiner Schulter. „Was machst du denn mit mir?“

„Vorspiel“, sagte er, wobei die Hitze seines Atems und das Vibrieren seiner Stimme Rorys Körper zum Erbeben brachten.

Vorspiel auf der Tanzfläche? War er verrückt?

Falls ja, musste sie es ebenfalls sein. Sie hatte nämlich nicht vor, ihn davon abzuhalten.

„Vorspiel“, wiederholte sie und mühte sich vergeblich, einen klaren Gedanken zu fassen. „Ist das eine Frage, oder deutest du damit irgendwelche Absichten an?“

„Muss ich denn Absichten haben?“

„Jeder hat bestimmte Absichten.“

„Nun, ich habe jedenfalls nicht die, über die ein Vater mit dem Freund seiner Tochter reden würde.“

„Ah.“ Allmählich wurde ihr Kopf wieder klarer. „Keine Sorge. Ich wollte dich nicht bitten, mich zu heiraten.“

Justin lachte leise und kniff sie sanft in die Taille.

Rory blieb in seinen Armen und lehnte das Kinn an seine Schulter.

Er trat einen Schritt zurück. „Vielen Dank für den Tanz.“

Sie öffnete den Mund, sagte aber nichts. War das alles?

„Entschuldige, dass ich … du weißt schon.“ Justin fuhr sich mit einer Hand durchs dichte, dunkelbraune Haar. Er hatte einen jungenhaften Charme, und Rory vermutete, er könnte mit allem durchkommen, solange er nur so unwiderstehlich lächelte. Einem solchen Mann verzieh eine Frau einfach alles.

„Wofür entschuldigst du dich?“, fragte sie, da sie ihn so leicht nicht davonkommen lassen wollte. Wenn er sie auf der Tanzfläche küsste und anschließend weglief, sollte er wenigstens höflich genug sein, sich nicht zu entschuldigen.

„Dafür, dass ich mich hinreißen ließ.“ Er lächelte reumütig. „Ich hätte nicht so aufdringlich sein dürfen.“

Sie folgte ihm von der Tanzfläche. „Bitte, sieh mich nicht so an. Ich bin nicht deine alte Tante.“

„Nein, aber wir sind praktisch Cousin und Cousine.“

„Das glaube ich nicht.“

„Vielleicht nicht.“ Justins Blick wanderte zu ihren Brüsten. Sie zupfte an dem Schal, der sich beim Tanz gelockert hatte, widerstand dann jedoch dem Impuls, ihr Dekolleté zu verhüllen. Schließlich lernte sie gerade, ein besseres Verhältnis zu ihrem Körper zu entwickeln. Sie schaffte es sogar schon, für ihren Zeichenkurs am Freitagnachmittag Modell zu sitzen. Und deshalb wollte sie Justin McColey auch auf keinen Fall merken lassen, wie sehr er sie erregte.

Innerlich bettelte sie jedoch darum, dass er sie auf eine lange, sinnliche Reise entführen möge.

„Nolan und Mikki …“ begann Justin und verstummte wieder. Seine Augen waren immer noch auf ihren Busen gerichtet, und er benetzte sich die Lippen, worauf es Rory sehr heiß wurde.

„Was ist mit Nolan und Mikki?“

Justin wandte den Blick ab. „Ich überlasse es Mikki, dir das zu erklären, aber fest steht, dass wir …“ Er lächelte sie achselzuckend an. „Wir sollten besser nur Freunde sein.“

„Wenn überhaupt“, konterte sie.

Überrascht ergriff er ihre Hand. „Rory, bitte.“

Wider besseres Wissen schmolz sie dahin. Trotzdem blieb sie ernst. „Setzt du jedes Mal deinen jungenhaften Charme ein, wenn es schwierig wird?“

„Meistens wirkt es.“

Sie lachte und knuffte ihn leicht. „Schon gut. Du kannst gehen.“

Er drehte sich um, sah aber noch mal über die Schulter zu ihr. „Freunde, okay? Ich bin sicher, dass wir sehr gute Freunde werden könnten.“

„Klar.“

Typisch. Rory fingerte an der Kette, während Justin sich entfernte. Sofort wurde er von einer kurvenreichen Rothaarigen angesprochen, die ihm ihr Schloss hinhielt.

Sie seufzte. Für einen kurzen Moment hatte Justin eine schöne, begehrenswerte Frau in ihr gesehen, und dann hatte sie alles ruiniert. Sie war immer noch außerstande, sich selbst attraktiv zu finden.

Beinahe zehn Jahre waren vergangen, seit Bradley Carr, ihr langjähriger Freund aus Collegezeiten, sie wenige Tage vor der Hochzeit hatte sitzen lassen. Er hatte eine andere kennengelernt und war mit ihr nach Cozumel geflogen. Wenigstens waren die Tickets für seine und Rorys Flitterwochen so doch noch genutzt worden.

Und dass beide von Montezumas Rache heimgesucht wurden und sich auf dem Rückflug bereits wieder trennten, war nur ein kleiner Triumph für Rory gewesen.

Seitdem nahm sie sich unzählige Male vor, sich den Rest ihres Lebens nicht von dieser einen fehlgeschlagenen Beziehung beeinflussen zu lassen. Sie war durch damit, sich selbst zu bemitleiden – endgültig.

Rory blickte sich im Club um, wo es von superschlanken Frauen nur so wimmelte.

Zeit für etwas Selbstbestärkung. Ich bin eine selbstbewusste, erfolgreiche Frau mit einer fantastischen Haut und supertollen Kurven. Ich komme auch ohne Mann klar, aber ich werde eines Tages einen finden, der mich respektiert.

Allerdings wohl kaum auf einer Party wie dieser.

2. KAPITEL

Eine Stunde später löste sich die Veranstaltung allmählich auf. Einige Gäste suchten sich noch Partner, andere gingen allein nach Hause. Rory wollte ebenfalls gehen, aber sie hatte Mikkis Autoschlüssel und wollte ihre Schwester nicht allein lassen, schon gar nicht mit dem Mann, der ihr das Herz gebrochen hatte.

Justins Bemerkungen hatten Rory neugierig gemacht. Bislang wich Mikki allen Fragen aus, und das war ein überaus besorgniserregendes Verhalten.

Rory saß allein da und wartete. Ein weiteres Paar fand zusammen und ging zur Bühne, wo Maureen Baxter ihnen einen Preis überreichte und ihr Los in eine Drahttrommel warf.

Den Höhepunkt des Abends sollte die Verlosung eines Wochenendes im Painter’s Cove Resort in Mendocino bilden. Danach könnte Rory anstandslos verschwinden. Lauren war bereits mit einem hinreißenden Johnny-Depp-Doppelgänger fortgegangen. Einige Frauen hatten eben immer Glück.

Ein ziemlich angetrunkener Mann stolperte von der Tanzfläche auf Rory zu, eine Flasche Bier in der Hand, und wedelte mit seinem Schlüssel.

„Warum nicht?“, sagte sie seufzend und hielt ihm ihr Schloss hin.

Der Mann zielte mit dem Schlüssel auf das Schloss, verfehlte es aber und piekste ihr stattdessen ins Dekolleté. „Daneben“, kicherte er glucksend.

„Lass mich mal.“ Sie nahm ihm den Schlüssel aus den klebrigen Fingern und steckte ihn ins Schloss. Er passte nicht.

Sie lächelte erleichtert und gab ihm den Schlüssel zurück. Dem Himmel sei Dank.

Wieder sah sie sich um, wobei sie sich einredete, dass sie nach Mikki Ausschau hielt und nicht nach Justin. In der letzten Stunde hatte sie ihn mehrmals gesehen. Er probierte seinen Schlüssel bei so ziemlich jeder Frau aus.

Hatte er seine passende Partnerin schon gefunden?

Nicht dass es sie interessierte. Das Leben war zu kurz, um es mit Männern zu verplempern, die im einen Moment ganz hingerissen von ihr waren und im nächsten beschlossen, dass sie vor ihren Freunden nicht mit „einer Dicken“ gesehen werden wollten.

Lauren würde jetzt entsetzt ausrufen: „Du bist doch nicht dick!“

Mikki würde sagen: „Vergiss ihn, wenn er dich nicht zu schätzen weiß.“

Ihre Mutter, Emma Constable, verstand ohnehin nicht, was Rory für ein Problem hatte. Emma war genauso groß und üppig gebaut wie ihre Tochter und hatte rein gar nichts an ihrer Figur auszusetzen. Als Teenager litt Rory hingegen sehr darunter, dass sie einen Kopf größer und dreißig Pfund schwerer als alle anderen Mädchen war. Aber wenigstens hatte sie Emmas Offenheit in Bezug auf Sexualität geerbt.

Ihre Mutter sammelte männliche Verehrer mit einer erstaunlichen Unbeschwertheit. Sie war der lebende Beweis dafür, dass Attraktivität nicht nur mit dem Körper, sondern auch mit dem Kopf zu tun hatte.

Wie dem auch sei, Rory war nicht verzweifelt. Deshalb nahm sie kurzerhand die Kette mit dem Schloss ab.

Sie wusste, dass sie nicht unattraktiv war. Im Laufe der Jahre hatte sie einige Verehrer gehabt. Allerdings war sie nie ein Barbiepüppchen mit einer 60-cm-Taille gewesen, und das schmälerte ihre Chancen doch sehr.

Auf einmal beschleunigte sich ihr Puls. Da war Justin, an der Bar, der offenbar noch keine Partnerin gefunden hatte.

Er sprach mit einem Mann, der Rory heute Abend schon öfter aufgefallen war, weil er von einer Frau zur Nächsten lief.

Der Mann gestikulierte. Justin sprach schnell und sah für mehrere Sekunden zu Rory, ehe er sich abwandte. Sie wurde rot, als sie erkannte, dass die beiden die Schlüssel tauschten.

„Können wir gehen?“, fragte Mikki, die sich auf den Barhocker neben Rory fallen ließ und das Kinn in die Hand stützte. „Wo siehst du denn hin?“

„Nirgends“, antwortete Rory. Wieso tauschte Justin den Schlüssel ein, den er absichtlich nicht in ihrem Schloss ausprobiert hatte? Wollte er sie mit dem anderen Mann verkuppeln?

„Dann lass uns gehen“, sagte sie.

„Warte.“ Mikki strich sich das zerzauste Haar zurück. „Hast du schon deinen Schlüsselpartner gefunden?“

„Nein, und ich gebe es auf. Ich lasse mein Schloss hier, falls jemand anderes es will.“

„Und was ist mit den Preisen? Es gibt Kinokarten.“

Rory war eine begeisterte Kinogängerin, doch nicht einmal Karten für eine Premiere könnten sie reizen, noch länger hierzubleiben. „Danke, mir reicht’s. Und falls du nicht mit Nolan fahren willst, solltest du mitkommen.“

„Nolan. Dieser …“, Mikki stieß eine ganze Liste von wüsten Beschimpfungen aus, während sie von ihrem Barhocker stieg. Offensichtlich hatte sie nicht nur Coca Cola getrunken.

Rory hakte ihre Schwester unter. „Jetzt kommst du mir nicht davon. Ich will sofort wissen, was zwischen dir und Nolan passiert ist.“

„Reden wir lieber davon, was nicht passiert ist.“ In Mikkis blauen Augen funkelte es gefährlich. „Die Scheidung ist nicht passiert.“

„Was?“

„Der Mistkerl hat mir eröffnet, dass unsere Scheidung nie rechtsgültig war. Und gleich darauf steckt er lächelnd seinen Schlüssel in mein Schloss.“ Mikki war zweifellos aufgebracht. „Und dann geht er weg und lässt mich stehen, ohne dass wir unseren Preis abgeholt haben! Aber was soll’s?“ Sie klopfte auf ihre Abendtasche. „Ich werde mich in der Pension in Napa sehr viel wohler fühlen, wenn er nicht dabei ist.“

Rory versuchte ihr zu folgen. „Ihr seid noch verheiratet?“

„Rein technisch gesehen schon. Aber nicht mehr lange. Ich werde dafür sorgen, dass wir sehr schnell geschieden werden. Verlass dich drauf.“

„Bevor du irgendetwas überstürzt, solltest du in Ruhe über alles nachdenken.“ Rory war nach wie vor überzeugt, dass Mikki zwar in ihrem Stolz verletzt sein mochte, Nolan aber immer noch liebte.

Allerdings war Rorys Schwester momentan nicht in der Verfassung, auf vernünftige Ratschläge zu hören. „Justin, alter Junge!“, rief Mikki. „Komm her! Ich möchte mich verabschieden.“

Er kam auf sie zu.

Super.Vielleicht wollte er ja jetzt seinen Schlüssel ausprobieren. Da würde er leider Pech haben, denn der Mann, mit dem er getauscht hatte, war so ziemlich bei jeder Frau außer Rory gewesen.

„Keine gefunden?“, fragte Mikki.

„Offenbar ist es nicht mein Abend.“

Mikki lächelte nachdenklich. „Rory ist noch ungebunden.“

Rory warf ihr einen strengen Blick zu, doch Mikki ließ sich nicht beirren. Vielleicht wollte sie sich dafür rächen, dass Rory ihr die Autoschlüssel abgenommen hatte, als Nolan aufkreuzte.

„Versuch’s mal“, forderte Mikki Justin auf. „Womöglich gehört ihr zwei zusammen.“

Justin sah Rory fragend an, die missmutig nickte und sich dem Unvermeidlichen fügte. Sie nahm die Kette und hielt sie ihm hin.

„Sehr gern“, sagte er und steckte seinen Schlüssel ins Schloss. Es klickte leise, und der winzige Koffer sprang auf. Darin lag ein Los mit der Nummer 178.

Rory starrte Justin an, der nicht im mindesten überrascht wirkte. Was für ein Schauspieler!

Mikki applaudierte. „Ich wusste doch, dass ihr zwei füreinander bestimmt seid.“

Rory rang sich ein Lächeln ab. „Seit wann glaubst du an Schicksal?“

„Ich nicht, aber du“, konterte Mikki schlagfertig.

Damit hatte sie nicht ganz Unrecht, denn Rory war unter dem Einfluss Emmas aufgewachsen, die an alles Mögliche glaubte – den Dalai Lama, die Bibel, Runen, Tarot-Karten.

„Ich überlasse es euch zu klären, wer an was glaubt, und gehe mal unseren Preis holen“, sagte Justin.

Sobald er fort war, sagte Rory: „Ich bringe dich um.“

„Wieso?“, fragte Mikki harmlos. „Justin ist ein wundervoller Mann.“

„Er wollte seinen Schlüssel nicht in meinem Schloss ausprobieren.“

„Von wegen.“

„Glaub mir, ich bin nicht sein Typ.“

Mikki sah sie prüfend an. „Woher willst du das wissen?“

„Er erinnert sich nicht mal an mich“, gestand Rory. „Wir sind uns schon begegnet, als Lauren und ich die Party für Nolan und dich gegeben haben. Und heute Abend hatte Justin keine Ahnung, wer ich bin.“

„Du hast dich sehr verändert, Rory. Und die Party ist Jahre her. Ich erinnere mich ja selbst kaum daran.“

„Du lügst. Na ja, wenigstens bekommt eure Ehe jetzt eine zweite Chance.“

„Zweite Chancen sind für Frauen, die sich nicht entscheiden können. Und so eine bin ich nicht.“

„Du weißt, was Mom sagen würde, oder?“

Sie sahen sich an und sagten im Chor: „Die Welt dreht sich immer weiter. Alles kommt wieder dahin, wo es vorher schon war.“

Mikki lachte spöttisch.

Die restlichen Gäste im Clementine’s versammelten sich vor der Bühne, wo Maureen die Gewinner des ersten Preises auslosen wollte. Rory und Mikki applaudierten mit, als Maureen verlas, wie viel Geld die Wohltätigkeitsorganisation heute Abend eingenommen hatte. Es war eine beträchtliche Summe. Das Haus für die jungen Mädchen in Not konnte also fertiggestellt werden.

„Wir haben unsere Pflicht getan“, sagte Rory und fasste Mikkis Arm. „Lass uns verschwinden, bevor Justin wiederkommt.“

„Genau deshalb hast du nie einen Liebhaber“, protestierte Mikki. „Du gibst beim kleinsten Hindernis auf.“

„Im Gegensatz zu dir, meinst du, denn du wälzt ja bekanntlich alles platt, was sich dir in den Weg stellt.“

In diesem Moment ertönte Justins Stimme. „Wo wollt ihr hin?“

„Nach Hause“, antwortete Rory und ging weiter Richtung Tür.

„Zur Toilette“, sagte Mikki, die stehen blieb und an ihrem Minirock zupfte. „Pass du so lange auf Rory auf.“

Widerwillig wandte Rory sich zu Justin um. Trotz der großen Ventilatoren an der Decke war es sehr heiß im Club. Ihr Make-up war wahrscheinlich längst verlaufen.

„Ich habe unser Los in die Trommel geworfen.“ Justin hielt zwei Karten hoch. „Und wir haben zwei Kinokarten gewonnen.“

„Prima.“ Sie nahm eine der Karten. „Wir müssen nicht mal zusammen sitzen.“

Er sah sie mit einem seltsamen Blick an. Bedauern? Auf jeden Fall raubte er ihr für einen Moment den Atem.

„Oder wir gehen als Freunde“, fügte sie hinzu.

„Schon besser.“

Natürlich. Er war ein netter Kerl und Nolans bester Freund. Er wollte ihre Gefühle nicht verletzen, also verlegte er sich auf diese Freundschaftsgeschichte. Natürlich konnte sie das Spiel mitmachen. Sie könnten beide so tun, als hätte er nicht ihren Hals geküsst und es sich danach anders überlegt.

Sie konnte auch so tun, als wüsste sie nichts davon, dass er die Schlüssel getauscht hatte, um sie zu meiden.

„Und nun findet die Auslosung des Hauptpreises statt“, verkündete Maureen von der Bühne. Sie zeigte in die Menge. „Du Hübscher da, komm rauf und dreh mich.“

Ein blonder Surfertyp kletterte auf die Bühne und wirbelte Maureen einmal herum. „Oh, mir ist auf einmal ganz schwindlig“, hauchte Maureen ins Mikrofon und fächelte sich mit der Hand Luft zu.

Die Leute lachten und klatschten, während der Blonde die Lostrommel drehte. Rory sah zum Toiletteneingang. Mikki würde nicht einfach verschwinden und sie mit Justin allein zurücklassen, oder?

Er legte eine Hand auf ihren Rücken.

„Der erste Preis heute Abend ist ein Wochenende mit allem inklusive im Painter’s Cove Resort in Mendocino. Unser glückliches Paar wird in einer der Luxussuiten wohnen.“

Ein Raunen ging durch die Menge. „Die Einteilung der Betten bleibt natürlich den Gästen überlassen“, fügte Maureen hinzu.

Sie zählte eine ganze Liste von Annehmlichkeiten auf, die das Paar dort erwartete – Privatpool, Wellnessbereich, Massagen und sogar ein Golfplatz. Schließlich ertönte ein Trommelwirbel, und Maureen griff in die Lostrommel.

Sie angelte ein rosa Ticket heraus und schwenkte es über dem Kopf. „Und der Gewinner ist …“, sie nahm das Los und faltete es auseinander, „Nummer einhundertachtundsiebzig!“

Rory wühlte gerade in ihrer Tasche nach Mikkis Autoschlüsseln.

Justin fasste sie am Ellbogen. „Das sind wir.“

„Ach was. Du musst dich irren.“

„Justin McColey“, las Maureen laut vor. „Und Rory Constable. Gratuliere, Rory!“ Sie legte eine Hand über die Augen und sah sich im Saal um. „Da seid ihr ja! Kommt rauf und holt euren Preis.“

Plötzlich war Mikki wieder da und drängte Rory zur Bühne. Justin gab ihr die Hand und half ihr die Stufen hinauf. Rory spürte, wie sie errötete und unsicher wurde. Sie fühlte sich unwohl, wenn sie im Mittelpunkt des Geschehens stand.

„Rory gehören die Lavender Field Bäckereien in San Francisco, von denen auch die Desserts heute Abend stammen. Wer von euch gerade keine Diät macht, wird sie sicher genossen haben.“ Maureens Lachen hallte durch den Saal. Sie umarmte Rory und sprach wieder ins Mikrofon. „Und Justin ist ein Elektriker, der versprochen hat, sämtliche Leitungen im Baxter-Haus umsonst zu verlegen. Applaudieren wir dem glücklichen Paar! Keines hat den Preis so verdient wie diese beiden.“

Justin sagte „Danke“ ins Mikrofon.

Rory zwang sich zu lächeln und winkte Mikki zu, die jubelnd die Faust durch die Luft schwang.

Nun übernahm Maureen wieder, die sich bei allen für die Unterstützung ihrer Initiative bedankte.

Inzwischen ging Rory aus dem Rampenlicht zur Seite der Bühne. „Ich fasse nicht, dass wir gewonnen haben. Und dabei wolltest du gar nicht …“ Sie sprach nicht weiter.

Justin stand direkt vor ihr, die Hände auf ihren bloßen Armen. „Was wollte ich nicht?“

„Mein Schlüsselpartner sein.“

„Wie kommst du darauf?“

„Ich habe gesehen, wie du die Schlüssel mit einem Betrunkenen getauscht hast. Vorhin, an der Bar.“

Er sah sehr schuldbewusst aus. „Ich wollte dich nicht meiden, Rory. Der Typ an der Bar ist auf mich zugekommen. Ich kenne ihn nicht, aber er hatte kein Glück mit seinem Schlüssel gehabt und eine bestimmte Frau ins Auge gefasst.“

„Und dein Schlüssel passte in ihr Schloss? Das ergibt keinen Sinn.“

Justin zögerte. „Ich weiß nicht. Sein Schlüssel jedenfalls passte nicht, und alle anderen Schlösser hatte er schon durchprobiert.“

„Bis auf meines.“ Rory hob das Kinn, damit er nur ja nicht merkte, wie sehr es sie verletzte, dass sie die am wenigsten begehrenswerte Frau im Clementine’s war. Das war schlimmer, als beim Sportunterricht als Letzte in eine Mannschaft gewählt zu werden.

„Er hat dich überredet, mich zu nehmen … ich meine, mein Schloss?“

„Da brauchte es nicht viel Überredung“, sagte Justin lächelnd. „Ich war sehr gern bereit zu tauschen.“

„Ah.“ Erst jetzt wurde ihr klar, dass Justin die Schlüssel in dem Wissen getauscht hatte, dass er damit zu ihrem Partner wurde.

Aus lauter Freundlichkeit, sagte sie sich. Justin war eben nicht nur extrem attraktiv, sondern auch noch freundlich.

Er sah sie an. „Okay?“

„Okay“, antwortete sie.

Er lächelte. „Du bist meine Glückszahl. Wir werden uns in Mendocino bestens amüsieren.“

Rory erwiderte nichts. Wenn es sein musste, konnte sie mit einer lockeren Freundschaft leben. Aber drei Tage mit ihm in einer Umgebung, in der vornehmlich Badekleidung getragen wurde?

Das war zu viel verlangt.

Oder zu wenig – falls er es ernst damit meinte, dass sie nichts miteinander anfangen würden.

Ein kalter Wasserstrahl ergoss sich über Justins Schienbeine und Flip-Flops. „He!“ Er machte einen Satz rückwärts, zog die nassen Sandalen aus und schüttelte sie auf dem Grasflecken aus. „Was soll das?“

„Du brauchtest eine kalte Dusche“, erklärte Sam, Justins älterer Bruder, der den Gartenschlauch in der Hand hielt. „Niemand lehnt ein Gratiswochenende in Mendocino ab.“

Es war Sonntagnachmittag, und sie standen im Garten ihrer Eltern hinter dem großen viktorianischen Reihenhaus. Nach der Kirche waren sie mit den Kindern am Strand gewesen.

Sobald die Großfamilie mit ihren diversen Wagen zurückgekehrt war, verschwanden alle Frauen in der Küche, um das Abendessen vorzubereiten, und die Männer wurden in den Garten geschickt, damit sie die sandigen Kinder absprühten. Justins Nichten und Neffen hatten tatsächlich den halben Strand in ihren sandigen Kleidern und Haaren. Die andere Hälfte befand sich auf den Fußmatten seines Pick-ups.

„Gratis kann teuer werden, wenn damit zu viele Verpflichtungen verbunden sind“, sagte er. Es tat ihm schon leid, dass er überhaupt von der Schlüsselparty erzählt hatte. Aber seine Schwester Didi hatte einen vollständigen Bericht verlangt.

„Was für Verpflichtungen?“, fragte Sam. „Du bist so ungebunden, dass du nicht mal Schuhe mit Schnürbändern trägst.“

Justin warf einen seiner Flip-Flops nach ihm, den Sam auffing und dem Familienhund, Chuckie Doll, zuwarf. Der Golden Retriever vergrub sogleich die Zähne in der Gummisohle und rannte schwanzwedelnd mit seiner Beute davon.

„Tausend Dank, du Idiot.“

„Das war die Strafe fürs Lügen“, sagte Sam ungerührt.

„Wer lügt denn?“

„Du. Du willst nämlich da hin.“

Justin fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Er wusste selbst nicht, warum er so furchtbar durcheinander war, wenn es um Rory ging. Ständig überlegte er sich neue Gründe dafür und dagegen, sie wieder zu sehen. „Überleg doch mal. Bist du jemals einer Frau begegnet, die übers Wochenende mit dir wegfährt und nichts weiter erwartet?“

„Die gibt’s.“ Sam sah verträumt in die Ferne. Er war heute zwar ein durchschnittlicher, braver Familienvater von Anfang vierzig, aber früher war er ein berüchtigter Draufgänger gewesen. Alle Frauen hatten ihm zu Füßen gelegen, wenn er in seiner Feuerwehruniform erschien.

„So eine ist sie aber nicht.“ Justin schüttelte den Kopf. Rory war auf der Suche nach einem Ehemann. Keine Frage, sie war sinnlich und verführerisch, aber das Leuchten in ihren Augen, als das Thema Kinder aufkam, machte ihm Angst.

Sam blieb skeptisch. „Du hast sie auf einer Schlüsselparty getroffen, Mann. Ich hätte nie gedacht, dass du dich mal auf so eine Veranstaltung verirrst.“

„Ich musste hin, wegen Nolan. Er wollte Mikki dort treffen.“

Sam nickte. Nolan war praktisch bei den McColeys aufgewachsen. Und bis heute schien er häufiger bei ihnen als bei sich zu Hause zu sein.

„Den hat es schwer erwischt“, sagte Sam. „Das kann übrigens ein echt gutes Gefühl sein, sofern man die richtige Frau hat. Falls du ihr eines Tages begegnen solltest, wirst du wissen, was ich meine.“

Justin grinste. „Ich mag das Gefühl auch bei der falschen Frau.“

„Ah, dann ist die mysteriöse Fremde so eine?“

„Nein. Sie ist eher wie eine von Didis Freundinnen.“

Ihre ältere Schwester hatte eine Menge Freundinnen, die allesamt klug, direkt und vor allem heiratswillig waren.

„Wow, Pech für dich, dass du sie am Hals hast.“ Sam richtete den Wasserstrahl wieder auf die Kinder, die hinter seinem Ältesten herjagten, weil er ihnen einen Fußball weggenommen hatte.

„Pech? Nein, das würde ich nun auch wieder nicht sagen.“

Sam lachte. Immerhin hatte er eine von Didis Freundinnen geheiratet. „Was hat sie, das du so offensichtlich willst?“

„Nichts – außer unserer Zimmerreservierung für Painter’s Cove.“

„Wie heißt sie?“, mischte sich Gabe ein, der mit seinem Jüngsten in der Hängematte gelegen hatte und nun zu ihnen kam. Er war der zweitälteste der Brüder, ein ehemaliger Baseballer, der inzwischen als Trainer am College arbeitete, mit einer rothaarigen Südstaatlerin namens Lula verheiratet war und zwei Kinder hatte.

„Das verrate ich nicht“, sagte Justin. „Du erzählst alles deiner Frau, und plötzlich wollen mich alle in eine feste Beziehung drängen.“

„Stimmt“, pflichtete Gabe ihm lachend bei.

„Warum wolltet ihr noch gleich, dass ich mich binde?“

„Meine Frau will es“, antwortete Sam.

Sie lachten.

„Was ist denn schon dabei?“, fragte Gabe. „Gönn dir den Kurzurlaub. Du musst sie ja nicht gleich heiraten, nur weil ihr in einer Suite wohnt.“

„Genau“, sagte Justin, obwohl er wenig überzeugt war.

Normalerweise sollte er sich keine Sorgen machen, da Rory ja nicht sein Typ war. Zugegeben, sie reizte ihn, aber …

„Ich werde gleich klarstellen, dass wir als Freunde hinfahren“, erklärte er seinen Brüdern.

Sam runzelte die Stirn. „Ja, das funktioniert sicher.“

„Was ist?“

„Ich rate dir bloß, vorsichtig zu sein. Dann kann dir nichts passieren.“

„Und achte darauf, was du mit deinen Händen anstellst“, riet Gabe. „Erinnerst du dich, wie wir ihn auf der Wohnzimmercouch mit Mary-Anne Shanahan erwischten?“

„Ja, und er meinte, er wollte für ein T-Shirt maßnehmen.“

„Worauf Mary-Anne sagte …“

Sam und Gabe sprachen das Finale im Chor: „Sie sind 34C.“

„Hört schon auf!“, rief Justin über ihr brüllendes Gelächter hinweg. Als jüngstes von fünf Geschwistern war er sein Leben lang von ihnen gehänselt worden. Er hatte gelernt, ihre Scherze mit Humor zu nehmen und sich hier und da zu rächen – wie etwa mit dem Stripper, den er Gabe und Lula in die Flitterwochen nachschickte.

Didi kam in den Garten. „Hört auf, ihn zu ärgern“, sagte sie. Sams Finger am Gartenschlauch zuckte, doch ein strenger Blick von Didi genügte, und er packte den Schlauch brav wieder weg.

Gabe sollte die Kinder einsammeln. „Brathähnchen!“, rief er quer durch den Garten. „Wer als Erster am Esstisch ist, kriegt eine Keule.“

Justin wich dem Ansturm aus, indem er sich an den Gartentisch setzte. Didi hockte sich neben ihn. „Wollen deine Brüder dich wieder verkuppeln?“

Er stöhnte. „Als wenn du das nicht selbst dauernd versuchen würdest.“

„Natürlich nicht.“ Sie legte ihm einen Arm um die Schultern. „Ich will nur, dass du glücklich bist.“

„Danke, mir geht’s bestens.“ Und das stimmte. Nach dem College hatte er vorgehabt, als Profi-Surfer zu arbeiten, war dann aber im Baugewerbe gelandet. Dort hatte er alle möglichen Jobs gemacht, bis er schließlich Elektriker wurde. Mittlerweile arbeitete er seit sieben Jahren selbstständig. Vor kurzem hatte er sich mit Sam und Didi das Vierfamilienhaus gekauft und war sogar bereit gewesen, als Verwalter und Hausmeister dort einzuziehen. Was wollte sie denn noch von ihm?

Als müsste er das fragen.

„Du tust es schon wieder.“ Er streckte eine Hand aus und wuschelte ihr durchs Haar.

Sie wich zurück und strich sich die Haare glatt. „Was denn? Ich habe ja noch nicht mal angefangen.“

„Ich sehe diesen Blick“, sagte er. „Du wolltest gerade Charla ansprechen.“

„Ich gucke mir nur den Garten der Andersons an. Ihr Phlox blüht sehr schön.“ Als Unschuldslamm versagte Didi auf der ganze Linie. Sie war viel zu schlau, um sich dumm zu stellen.

„Und ich glaube, deine Nase wird länger“, sagte er in Anspielung auf Pinocchio.

„Na gut, ich werde dir nicht sagen, was du tun sollst. Aber ich finde, du solltest lieber mit Charla ausgehen als mit einer Kneipenhockerin aus dem Clementine’s. In solchen Clubs lernt man keine anständigen Frauen kennen.“

„Tja, du hast die Miniröcke und die neckischen Tätowierungen nicht gesehen.“

„Ich sprach auch nicht von gut aussehend, sondern von anständig. Du brauchst eine Frau wie Charla, Justin.“ Charla war eine von Didis Freundinnen, die sich bis in eine Führungsposition hochgearbeitet hatte. Jetzt tickte ihre biologische Uhr, und sie hatte sich vorgenommen, innerhalb der nächsten fünf Jahre einen Ehemann zu finden und Kinder zu bekommen.

„Didi, Charla hat mir deutlich klargemacht, dass ein einfacher Elektriker nicht gut genug für sie ist. Sie wollte, dass ich Bauunternehmer werde, damit ich irgendwann im Anzug im Büro sitzen kann. Ich will keine Frau, die mir erzählt, was ich werden soll.“

„Ich weiß wie Charla sein kann, aber ihr beide passt gut zusammen. Sie braucht jemanden, der weniger ernst ist, und du brauchst dringend eine Frau, die dich diszipliniert.“

„Eine Domina?“

„Mach dich nicht lustig, Justin. Was ist denn verkehrt daran, ein bisschen Ehrgeiz zu entwickeln?“

Justin fiel keine flapsige Antwort ein. „Nichts. Ich brauche nur keine Frau, die Ehrgeiz für drei hat.“

Sie lächelte. „Schon gut. Wenn ich Charla sage, dass sie weniger Druck machen soll, würdest du dann …“

„Tut mir leid. Die Chemie zwischen uns stimmte einfach nicht.“

„Wie kannst du da so sicher sein? Es muss nicht gleich beim ersten Treffen funken.“

„Nein.“ Justin dachte an Rory. „Aber ich bin zweimal mit Charla aus gewesen und habe sie in den letzten Monaten mindestens ein Dutzend Male gesehen. Wann immer ich zu dir kam, war sie auch da.“

Er sah seine Schwester an, die keinen Anflug von Schuldbewusstsein zeigte. „Ich werde nicht wieder mit ihr ausgehen, Didi. Du kannst dir die Mühe sparen.“

„Okay. Ich weiß, wann ich geschlagen bin.“ Sie seufzte. „Erzähl mir von dieser Frau aus dem Clementine’s, die es auf dich abgesehen hat. Ich wette, sie hat manikürte Finger und ständig einen Kondomvorrat in ihrem winzigen Handtäschchen.“

Er lachte. „Du wirst auf deine alten Tage richtig prüde.“

Didi sah ihn entsetzt an. „Sag mir bitte, dass ich Unrecht habe.“

„Ja, hast du. Sie ist nicht so, wie du denkst.“

„Ja, klar, sie hat innere Werte.“ Didi verdrehte die Augen.

„Erinnerst du dich, wie Max dich zum ersten Mal abgeholt hat? Er fuhr auf einem Motorrad vor, hatte auf beiden Armen Tätowierungen und einen Pferdeschwanz. Und obwohl er alles andere als das ideale Date für eine Siebzehnjährige war, ließen Mom und Dad dich mit ihm ausgehen.“

„Haben sie nicht! Ich musste mich aus dem Fenster schleichen, bis ich achtzehn war.“

„Na gut, aber du weißt, was ich meine. Sieh dir Max heute an.“ Inzwischen war Max ein Kiefernorthopäde mit schütterem Haar. Didi und er waren seit fast zwanzig Jahren verheiratet, und ihr Ältester würde im kommenden Herbst aufs College gehen.

„Ich hasse es, wenn du mir mit sachlichen Argumenten kommst“, beschwerte Didi sich.

„Tja, ich bin eben reifer geworden“, scherzte Justin.

Ihre Mutter öffnete das Küchenfenster und rief, sie sollten sofort hereinkommen, bevor das Essen kalt war. Wie in alten Zeiten, als sie alle noch hier wohnten und der Schrecken der Nachbarschaft waren.

3. KAPITEL

Emma Constables Haus war erfüllt vom Duft der Jasminräucherstäbchen. Rory saß im Sessel am Fenster, umgeben von weichen Kissen, wo sie nach dem Brunch etwas ausgeruht hatte. Sie war sogar kurz eingenickt, nachdem Lauren und Mikki nach Hause gefahren waren. Nun kam Emma aus dem Garten herein und ging in die Küche, wo sie mit Eiswürfelformen klapperte und dazu „Light My Fire“ vor sich hinsang.

Rory streckte sich genüsslich und gähnte. Kräutertee, frisches Brot, Räucherstäbchen. Das waren die typischen Düfte im Haus ihrer Mutter.

„Möchtest du Sangria, Kleines?“, fragte Emma, die mit einem großen Glas voller Eiswürfel und einer pinkfarbenen Flüssigkeit aus der Küche kam. Sie hatte den grellbunten Kaftan von vorhin ausgezogen und trug nun Jeans und T-Shirt. „Ich kann dir auch ein Sandwich machen.“

„Nein, danke.“ Rory richtete sich auf und gähnte erneut. „Ich sollte besser gehen. Wie spät ist es?“

„Kurz nach fünf.“

„Oh, dann hab ich länger geschlafen, als ich dachte.“

Emma sah sie prüfend an. „Geht es dir gut? Nimm lieber etwas von meinem Ginseng.“

„Nein, mir geht’s gut. Ich musste nur ein bisschen Schlaf nachholen. Die letzten beiden Tage bin ich sehr früh aufgestanden.“

„Du arbeitest zu viel.“

„An der Arbeit lag’s nicht.“ Viel mehr an ihrer Rastlosigkeit.

„Was dann? Du warst so still beim Essen.“ Emma stellte ihren Drink auf den Beistelltisch.

„Still? Wir haben stundenlang geredet.“

„Über Laurens Blitzverabredungen und Mikkis Drama mit Nolan Baylor.“ Emma seufzte aus tiefstem Herzen und sank in ihren Schaukelstuhl. „Über dich haben wir überhaupt nicht gesprochen. Wenn Lauren nicht zufällig erwähnt hätte, dass du den ersten Preis gewonnen hast …“

Rory zuckte mit den Schultern.

Ihre Mutter nahm ein Knäuel handgesponnener Wolle aus dem Korb neben sich und begann zu stricken. Rory tastete mit den Füßen nach ihren Schuhen, hatte es jedoch nicht eilig. Die vertraute Umgebung tat ihr im Moment sehr gut.

„Es ist so still im Haus“, stellte Rory fest.

„Arun arbeitet.“ Arun war ein ehemaliges Pflegekind Emmas und inzwischen volljährig. Er suchte nach einer eigenen Wohnung, hatte aber noch keine gefunden. „Und Ernie verbringt die meiste Zeit meditierend auf seinem Zimmer.“ Ernesto Modesta, ein alter Freund aus Emmas Tagen in der Kommune, hatte letzten Monat plötzlich vor ihrer Tür gestanden und um einen Schlafplatz gebeten. Eigentlich wollte er längst weitergezogen sein. „Du weichst mir aus, Liebes.“

„Weil es nichts zu erzählen gibt.“

Emma lächelte. „Hältst du mich für senil?“ Sie tippte sich mit einer Stricknadel an die beinahe faltenfreie Stirn. „Ich mag vielleicht eine Brille brauchen, aber mein sechster Sinn funktioniert so gut wie eh und je, Aurora. Je weniger du sprichst, desto sicherer bin ich, dass dir etwas wirklich Wichtiges durch den Kopf geht. Warum redest du es dir nicht von der Seele?“

„Nicht jeder von uns möchte alles immer gleich publik machen.“

Emma ließ sich nicht beirren. „Seine Gefühle zu unterdrücken ist ungesund. Wann hattest du deine letzte Darmspülung?“

Oh Gott! Rory warf sich in die Kissen zurück, betrachtete die antike Decke und zählte bis zehn. „Mir geht es gut, Mom, körperlich und seelisch. Hör auf, überall Probleme zu sehen.“

Ihre Mutter zuckte mit den Schultern und strickte weiter. „Dann gibt es noch keine Entscheidung in der Babyfrage?“

Die letzten paar Tage hatte Rory überhaupt nicht mehr daran gedacht. „Ich sagte bloß, dass ich in Erwägung ziehe, Kinder zu kriegen. Von einer Entscheidung kann gar keine Rede sein.“

„Meine Freundinnen Deena und Azure sind zu einer Samenbank gegangen.“

Rory verzog das Gesicht. „Weil Jerry Garcia nicht mehr verfügbar ist.“

„Jerry war ein ausgesprochen großzügiger Mann“, sagte Emma. „Ich meine nur, dass du dir alle Möglichkeiten offen halten solltest.“

„Ich bin nicht so verzweifelt, dass ich nicht selbst einen Spender finden könnte.“ Obwohl Rory da ihre Zweifel hatte. Außerdem sehnte sie sich insgeheim nach der traditionellen Kleinfamilie.

Ein seltsamer Wunsch, wenn man bedachte, wie sie aufgewachsen war. Ihr Vater, einer von Emmas zahlreichen Liebhabern, war in unregelmäßigen Abständen in Rorys Leben aufgetaucht, hatte sich allerdings eher wie ein netter entfernter Onkel verhalten als ein Vater. Emma war im Grunde alles für sie gewesen – Vater, Mutter, Lehrer, Förderer und beste Freundin.

Andererseits wunderte Rory sich nicht, dass sie ausgerechnet die Form von Familienleben suchte, die Emma ihr nie bieten konnte. Sie hatte zwar großen Respekt vor ihrer Mutter, aber nicht jede Frau konnte deren Beispiel folgen.

„Ein Enkelkind wäre schön.“ Jedes Kind, das in der Garrison Street angekommen war, hatte bald begriffen, dass Emma trotz ihrer Philosophie vom Treiben mit dem Strom des Lebens eine verlässliche Konstante war. „Du musst die Sache nicht wie eine Geschäftsentscheidung angehen, Liebes. Ein Baby ist Mutter Natur in Bestform. Pflanze einen Samen, und er wird sprießen. Die praktischen Details ergeben sich von selbst.“

Rory würde gern das Thema wechseln, aber die einzige Alternative, die ihr einfiel, war Sex. Ihre Schwestern sprachen gern mit Emma über ihr Liebesleben, Rory hingegen nicht. „Ich fasse nicht, dass du mich überreden willst, allein ein Baby zu bekommen. Was ist mit Familienwerten?“

„Politische Moralklischees.“ Emma zupfte an ihrem Strickgarn. „Lauren, Mikki und ich werden jederzeit da sein, um dir zu helfen. Es braucht ein ganzes Dorf …“

„Ich weiß, aber darum geht es nicht.“

„Erzähl mir nicht, dass du erst einen Ehemann willst.“

„Ja, auch wenn es für dich eine abwegige Vorstellung sein mag.“

Ihre Mutter stieß einen spöttischen Laut aus. „Ich habe nichts gegen Lebensgemeinschaften.“

„Und gegen Treueschwüre?“

Emma sah Rory über den Rand ihrer Brille hinweg an. „Wenn du unbedingt willst.“

„Keine Angst. Es gibt derzeit keinen Kandidaten.“

„Und was ist mit dem jungen Mann, mit dem du nach Mendocino fährst? Ich habe seinen Namen vergessen.“

„Nein, ich habe ihn dir nicht gesagt.“

„Aber eines der Mädchen hat ihn beim Essen erwähnt.“

Schweigen war zwecklos. „Justin McColey. Und bevor du auf irgendwelche Ideen kommst, er will nichts weiter als Freundschaft.“

Emma musterte Rory, die rot wurde. „Mikki kennt ihn?“

„Er ist Nolans bester Freund.“

„Interessant.“

„Nein, ist es nicht. Zumindest nicht für mich.“ Aber ihrer Mutter machte Rory nichts vor. Sie konnte ihr Interesse an Justin leugnen, wie sie wollte, Emma ließ sich nicht täuschen.

Nach einer Weile klimperten die Stricknadeln weiter. „Es ist nichts dabei, als Freunde hinzufahren.“

Und ob, dachte Rory. Mikki sprach zwar immer noch davon, dass sie die Scheidung neu einreichen wollte, aber Rory glaubte ihr nicht. Sie kannte Mikki zu lange.

Was bedeutete, dass Justin recht hatte. Wenn sie sich auf einen Wochenendflirt einlassen würden, müssten sie sich hinterher immer wieder begegnen. Einige Frauen schafften es, mit ihren Exlovern befreundet zu bleiben – Emma zum Beispiel. Rory fürchtete, sie könnte das nicht. Noch Jahre, nachdem Brad sie verlassen hatte, machte sie einen Riesenbogen um sein Viertel und die gemeinsamen Freunde. Als er schließlich wegzog, war sie enorm erleichtert gewesen.

Aber nun ging es um Justin, nicht um Brad. Hatte sie solche Angst vor den möglichen Folgen, dass sie dafür die gewonnene Reise aufgeben wollte?

Die Chemie zwischen ihnen war nicht zu leugnen. Vielleicht lohnte es sich, dafür ein paar seltsame Wiedersehen bei gemeinsamen Freunden zu riskieren.

Beinahe zwei Wochen später wurde Rory in ihrer Bäckerei in der Chestnut Street ans Telefon gerufen. Zwar gab es durchaus Zeiten, in denen sie entspannen und sich über die erstklassige Organisation ihres Betriebes freuen konnte. Aber es gab eben auch solche, in denen sich Millionen kleiner Probleme auftaten, die sie lösen musste.

Heute war so ein Tag. Rory war bereits seit dem frühen Morgen auf den Beinen und hatte Hunderte von Anrufen erledigt.

„Ich rufe zurück“, sagte sie zu ihrer Angestellten, die das Küchentelefon in der einen und einen großen, verschmierten Kochlöffel in der anderen Hand hielt.

„Es ist Maureen Baxter, und sie meint, sie muss dich unbedingt sprechen.“

Rory krabbelte unter dem großen Waschbecken hervor. „Das ist hoffnungslos verstopft. Wir müssen einen Klempner rufen. Kümmerst du dich darum, Katya?“

„Bin schon dabei“, sagte Katya, die Geschäftsführerin des Ladens. Sie warf den Kochlöffel in den Abwasch und reichte Rory ein weißes Handtuch.

Rory wischte sich die Hände sauber und nahm den Hörer. „Maureen?“

„Rory, meine Liebe, ich musste dich einfach anrufen und dir für alles danken. Ich komme gerade von der Baustelle des Baxter-Hauses. Sie haben dort enorme Fortschritte gemacht.“

„Freut mich, das zu hören, aber du musst mir nicht immer wieder danken. Ich bin froh, dass ich helfen konnte.“ Rory hatte nicht nur das Brot und die Kuchen für die Veranstaltung gespendet, sondern auch noch einen recht beachtlichen Scheck geschickt.

„Du solltest mal an der Baustelle vorbeifahren. Wie es scheint, sind wir in irgendeinem Internetforum erwähnt worden, und seitdem kommen die freiwilligen Helfer in Scharen zu uns. Barry Bonds und der Bürgermeister arbeiten mit. Und du weißt, was es heißt, wenn wir Barry für unsere Sache gewinnen.“

„Das ist ja wundervoll.“ Rory verriet natürlich nicht, dass Lauren hinter dem Internetforum steckte.

„Ja, jetzt muss ich nur noch dafür sorgen, dass alles planmäßig fertig wird“, sagte Maureen.

„Viel Glück“, wünschte ihr Rory, die aus eigener leidvoller Erfahrung wusste, dass Bauarbeiten nie plangemäß abliefen.

„Ein paar der Restaurants in der Nähe haben sich auf meine Bitte bereit erklärt, mittags Gratisessen zur Baustelle zu bringen“, fuhr Maureen fort. „Unsere Freiwilligen sollen schließlich nicht hungern.“

Ah. „Da helfe ich gern mit“, sagte Rory, bevor Maureen sie bitten musste.

„Tausend Dank, Rory! Damit dürften wir die glücklichsten Bauarbeiter der Stadt haben. Die Reste vom Vortag dürften ausreichen.“

Reste vom Vortag gab es in Rorys Bäckereien nicht. „Na klar. Du kannst dich auf mich verlassen. Wir hören dann …“

„Warte! Ich habe gesehen, dass du noch kein Datum für das Wochenende im Painter’s Cove festgelegt hast. Gibt es Probleme?“

„Nein, gar nicht. Es ist ein toller Preis.“

„Liegt es an deinem Partner?“

„Hm …“

„Ich habe Justin McColey nämlich auf der Baustelle getroffen, und abgesehen davon, dass er einfach zum Anbeißen aussah …“

„Es gibt kein Problem“, unterbrach Rory sie. „Ich habe im Moment nur viel zu tun, das ist alles.“

„Ja, dasselbe behauptet Justin auch.“

Ach ja? Sie hatte ein einziges Mal versucht, Justin zu erreichen, und ihm eine Nachricht hinterlassen. Er hatte nicht zurückgerufen.

Rory fand sein Schweigen unverschämt und reagierte mit Trotz. Sie war fest entschlossen, sich nicht zu rühren, bevor er sich nicht meldete. Dass er bereit war, auf einen teuren Preis zu verzichten, nur um ihr aus dem Weg gehen, empfand sie als erniedrigend.

„Müssen wir eine bestimmte Frist einhalten?“, fragte sie.

Maureen zögerte mit der Antwort: „Ich glaube, ihr habt ein Jahr.“

„Ein ganzes Jahr! Wieso sagen mir dann alle, ich soll sofort einen Termin abmachen?“

„Alle?“, wiederholte Maureen amüsiert.

„Ich meine dich und meine übereifrigen Schwestern. Haben Mikki und Lauren gesagt, du sollst mich anrufen?“

Maureen lachte nur.

„Ich wette, es war Mikki.“ Sie redete unentwegt auf Rory ein, pries ihr die besonderen Vorzüge Justins an und betonte in einem fort, dass seine Freundschaft mit Nolan nicht gegen eine Beziehung zwischen ihm und Rory sprach.

„Ich möchte nur sicherstellen, dass alle mit ihren Preisen zufrieden sind“, sagte Maureen.

„Mo, nicht einmal du kannst die Zufriedenheit aller garantieren.“

„Aber Justin ist so süß! Was gefällt dir an ihm nicht?“

„Nichts. Ich mag ihn.“

„Und er mag dich.“

„Hat er das gesagt?“, fragte Rory.

„Ich hatte den Eindruck. Mach einfach einen Termin mit ihm ab, ja?“

Mikki, Mo, Lauren und Emma hatten recht. Sie wäre verrückt, sich Justin entgehen zu lassen.

„Ruf ihn an“, drängte Maureen und verabschiedete sich.

Nun kam Rory eine Idee. Sie sprach kurz mit Katya über den Klempner und die Bestellungen für den nächsten Tag, zog sich die schmutzige Schürze aus, die sie in den Korb der Wäscherei warf, und bat dann eine der Verkäuferinnen, ihr Kuchen einzupacken.

Rory mochte vielleicht keine kunstfertige Verführerin sein, aber sie hatte auch ihre Stärken.

Zum Glück herrschte wenig Verkehr, und Rory konnte gefahrlos ein paar Telefonate per Handy erledigen, während sie quer durch die Stadt zu ihrem anderen Geschäft fuhr. Kurze Zeit später stapelten sich Lavender-Field-Schachteln auf der Rückbank ihres Wagens. Jede der Schachteln war mit einer Bastschnur zugebunden und mit einem getrockneten Lavendelzweig sowie dem ovalen Firmenetikett verziert.

Ihr Handy trillerte, als Rory ihren Wagen wieder auf die Straße lenkte. Sie sah auf das Display und sagte: „Hallo, Lauren.“

„Rory, endlich! Wieso hast du mich nicht angerufen? Mikki ist den ganzen Tag beschäftigt, und ich will doch unbedingt wissen, was am Wochenende war.“

„Ich dachte, sie hat es dir längst erzählt. Sie waren in Napa.“

„Sie? Mikki und Nolan?“

„Wer sonst?“ Wutentbrannt war Mikki weggefahren, um ihren Preis von der Schlüsselparty, ein Wochenende in Napa, ganz allein zu genießen. Dort war Nolan unerwartet aufgekreuzt. Oder vielleicht auch nicht unerwartet. Rory jedenfalls überraschte Mikkis Geständnis nicht, dass sie sich von Nolan hatte verführen lassen. Die beiden waren immer schon vollkommen wild aufeinander gewesen.

„Tss“, machte Lauren. „Wir reden hier über Mikki. Sie hätte ebenso gut aus Rache etwas mit dem Türsteher anfangen können.“

„Nie im Leben. Nolan kam an, und die beiden sind direkt ins Bett gefallen.“

„Na, ich bin froh, dass sie ihn nicht erwürgt hat.“

„Erwürgen könnte sie ihn trotzdem noch. Sie hatten schließlich nur Sex. Damit sind ihre Probleme nicht aus der Welt.“ Rory sah in den Rückspiegel und setzte rückwärts in eine Parklücke direkt vor der Baxter-Haus-Baustelle, die gerade von einem Truck frei gemacht worden war.

Lauren musste ihr Handy heruntergenommen haben, denn Rory hörte sie aus der Ferne sagen: „Einen Caramel-Latte, bitte.“

„Bist du in einem Café?“, fragte Rory.

„Ja, ich und mein Laptop.“

„Ich habe ‚Laurens Lügen‘ heute Morgen gelesen, den Artikel darüber, der Liebe abzuschwören. Gehe ich recht in der Annahme, dass es zwischen Josh und dir kriselt, seit er über Blitzverabredungen geschrieben hat?“

Josh McCrae, ein Journalist, war Laurens Schlüsselpartner gewesen und hatte die Party offensichtlich genutzt, um daraus einen Artikel zu machen.

„Bingo.“

„Mehr hast du nicht zu sagen?“

„Über Josh? Nein. Aber es interessiert dich vielleicht, dass ich für meinen neuen Auftrag über Cybersex recherchiere. Ich werde für Left Coast berichten, und das heißt, ich könnte richtig groß rauskommen.“

„Gratuliere! Du führst wirklich ein aufregendes Leben. Ich hingegen karre eine Wagenladung Doughnuts durch die Stadt.“

„Glaub mir, an manchen Tagen würde ich meinen Laptop gern gegen einen guten Doughnut eintauschen“, sagte Lauren. „Wo bist du gerade?“

„Ich parke vor der Baustelle vom Baxter-Haus.“

„Ah.“

„Und ich habe die Rückbank voll mit Kuchenkartons.“

„Ist das die Anfangsszene in einem Film über Bauarbeiter und ihre Vorlieben?“

Rory lachte. „Um Gottes willen! Nein, ich verteile Kuchen an die freiwilligen Helfer. Es geht nichts über etwas Süßes, nachdem man einen Tag lang in der prallen Sonne geschuftet hat.“

Lauren schwieg einen Moment. „Du hoffst, Justin McColey dort zu treffen, oder?“

„Nein.“ Rory sah sich auf der Baustelle um. „Ich weiß, dass er hier ist. Mo hat’s mir gesagt.“

Lauren kicherte. „Du willst ihn verführen!“

„Nein, eigentlich nicht. Vielleicht stopfe ich ihm den Mund mit Früchtebrot und zwinge ihn, mir die Reise zu überschreiben.“

„Rory, sei ja nicht abweisend.“

„Nein, ich werde mich bemühen, lieb und zuvorkommend zu sein und seine allerbeste Freundin zu werden, falls er das will.“

„Brr.“

„Ganz meine Meinung. Aber man kann ja nie wissen.“ Rory nahm ihre Sonnenbrille ab und sah von einem Arbeiter zum anderen. Justin war nirgends zu entdecken. „Seine Absichten ändern sich womöglich, wenn wir erst allein sind.“

„Dann glaubst du, es wird nicht mehr als ein heißes Wochenende dabei herauskommen?“ Lauren klang besorgt.

„Vielleicht. Es gibt für alles ein erstes Mal. Und eventuell reicht mir ja eine kurze, stürmische Affäre.“

„Rory, sei nicht naiv“, warnte Lauren.

„Vertrau mir, ich weiß, was ich tue“, erwiderte Rory, die damit eher sich selbst als ihre Schwester beruhigen wollte.

„Ja, aber melde dich gleich danach. Ich will alles wissen.“

„Natürlich.“ Rory klappte das Handy zu und steckte es in ihre Hosentasche. Dann stieg sie aus dem Wagen.

„Guckt euch den Klassehintern an“, sagte einer der Männer, als Justin gerade die Leiter heraufkam, die aus dem Park- und Wartungsstockwerk des Rohbaus ins Erdgeschoss führte.

Ein anderer stieß einen Pfiff aus. „Ist der knackig!“

„Nun benehmt euch gefälligst“, sagte Justin, der zu dem Cabrio hinübersah und plötzlich einen sehr trockenen Mund hatte.

Während die anderen Männer lachten, kletterte Justin zu dem schmalen Kiesstreifen zwischen Rohbau und Fußweg hinunter. Er stieß mit dem Fuß gegen einen Zementblock und stolperte fast, aber seine Augen wichen keine Sekunde von der Besucherin.

Alles was recht war, aber „Klassehintern“ war angesichts dieser Kurven noch untertrieben.

Die Frau lud Stapel weißer Schachteln aus.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte er. Die anderen Bauarbeiter drängten sich hinter ihm, um ebenfalls ihre Hilfe anzubieten.

„Danke.“ Sie richtete sich auf und drehte sich zu Justin um, beide Arme voller Kuchenkartons.

Rory.“

„Ach, du bist’s.“ Sie blies sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Ich habe dich gar nicht gesehen. Ich … ich bringe Kuchen für die Arbeiter.“ Sie drückte ihm die Kuchenpakete in den Arm. „Ich habe genug für alle dabei.“

„Wie aufmerksam.“

Sie lächelte kurz und bedeutete den anderen, sich selbst zu bedienen. Binnen Minuten waren alle Kartons ausgeladen und auf der Baustelle, wo sich die Freiwilligen von überallher um sie scharten und sich dankbar von den Köstlichkeiten nahmen.

Justin öffnete die letzte noch verbliebene Schachtel. Unter einer Schicht roten Wachspapiers lagen glasierte Doughnuts. Sie sahen verlockend aus – wie Rory.

„Was ist denn? Magst du keine Doughnuts?“

„Doch, sehr sogar.“ Er hielt ihr die Schachtel hin. „Möchtest du einen?“

Sie schüttelte den Kopf. „Lieber nicht.“

Er betrachtete sie. Sie trug einen taupefarbenen Hosenanzug, dessen Jacke in der Taille von einem geflochtenen Ledergürtel zusammengehalten wurde. Justin kannte sich zwar nicht in Modefragen aus, doch selbst ein Blinder erkannte, dass dieser Hosenanzug maßgeschneidert war. Rory sah darin elegant und ungemein sexy zugleich aus.

„Du siehst gut aus.“ Er nickte zu den Arbeitern, die in einer Reihe an der Stützwand standen und zu ihnen herübersahen. „Das finden die anderen auch. Guck doch nur, wie sie schon zu sabbern anfangen.“

Rory wurde rot. „Nein, sie freuen sich über die Kuchen.“

„Glaub ich nicht. Du machst es einem schwer, sich zwischen dir und den Kuchen zu entscheiden.“

Justin verteilte die restlichen Doughnuts und wandte sich wieder an Rory. „Bist du vielleicht an einer Führung interessiert?“

„Ja, sehr.“

„Noch ist nicht viel zu sehen, aber du kannst zumindest einen groben Eindruck gewinnen.“ Er fasste ihren Ellbogen, als sie die Rampe zum Erdgeschoss hinaufgingen. Dabei sah er auf ihre hochhackigen Schuhe. Als sie ausrutschte, legte er ihr eine Hand auf den Rücken und schob sie behutsam nach oben.

„Huch!“, rief sie überrascht.

Einer der studentischen Helfer sprang von der Stützmauer und streckte ihr die Hand hin. „Erlauben Sie, dass ich Ihnen helfe?“

Rory sah den jungen Mann an und nickte. „Vielen Dank.“

„Finger weg“, befahl Justin und schob den Jungen beiseite. „Hier bestimme ich.“

„Du bist doch der Elektriker, nicht der Vorarbeiter, oder?“, fragte Rory, als sie sich von Justin an den grinsenden Studenten vorbeiführen ließ.

„Stimmt. Ich bin heute nur hier, um ein paar Sachen auszumessen und zu sehen, wo der Schaltkasten stehen kann. Das eigentliche Verlegen folgt erst später.“

Sie lehnte sich über die Grundmauer. „Wohin geht es da?“

Justin hatte Mühe, nicht ständig auf ihren Po zu starren. Auf einer Baustelle war der Testosteronspiegel ohnehin schon viel zu hoch. Weibliche Besucher trugen hier besser weite Overalls.

Er erklärte ihr alles und führte sie einmal um das Gebäude. Die anderen Arbeiter und Freiwilligen packten langsam zusammen und machten für heute Feierabend.

„Es ist sehr nett von dir, dass du hier umsonst mitarbeitest“, sagte Rory und sah ihn bewundernd an. Ihre Wangen leuchteten im sanften Licht der Abendsonne. „Wie bist du überhaupt darauf gekommen?“

„Nolan. Er hat früher mit mir auf dem Bau gearbeitet, bevor er Jura studierte. Ich war nicht so ehrgeizig und blieb dabei. Na ja, und als Nolan Maureen überreden wollte, ihm Mikkis Schlüssel zu geben, hat er mich als Bestechungsmittel eingesetzt.“

„Dachte ich mir’s doch.“

„Versteh mich nicht falsch. Ich helfe gern, und ich arbeite schon seit Jahren für Habitat for Humanity, wie übrigens meine ganze Familie. Wohltätigkeit hat bei den McColeys gewissermaßen Tradition. Im Gegensatz zu den Baylors spenden wir unsere Zeit und nicht unser Geld.“ Er zuckte mit den Schultern. „Weil wir nämlich mehr Zeit als Geld haben.“

„Aber du bist doch mit Nolan zur Schule gegangen, dachte ich. Ich glaube, Mikki ...

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