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Codename Jonathan

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Bahrein

Bärau

DDR

Nordkorea

Russland

Belp

Togo

Angola

Südafrika

Chile

Brasilien

Sri Lanka

Bützberg

Gstaad

Zaire

Dominikanische Republik

Kenia

London

Vietnam

Rumänien

Ex-Jugoslawien

Bern

Zürich

Kirgistan

Rohrbach

Basel

Kuba

Schlusswort

Bildnachweis

Vorwort

Das Leben von Melchior Roth gleicht einer langen Reise zu den Brennpunkten der jüngeren Zeitgeschichte. Doch er war nicht als Tourist, sondern als Geheimagent, Katastrophenhelfer und Funktionär unterwegs. Der Schweizer mit Jahrgang 1950 sammelte Informationen in Nordkorea, half in Afrika, hantierte in Diktator Mobutus Privatvilla im ehemaligen Zaire, spionierte in der ehemaligen DDR und in Russland, nahm während des Zweiten Golfkriegs in Bahrain Bodenproben und ging als Monteur auf dem Stützpunkt der geheimen Schweizer Kaderorganisation P-26 ein und aus. Nicht nur für die Schweiz war er undercover auf Achse, auch militärische Dienste der USA, die von Deutschland aus agierten, belieferte er mit Informationen. So gab er etwa US-amerikanischen Stellen in Heidelberg zu Protokoll, was er auf seinen Fahrten durch die DDR – meist in einem Citroën mit Berner Nummer – herausgefunden hatte.

Seit unserer ersten Begegnung im Jahr 2003 – damals gab Roth als Informant für einen journalistischen Artikel Auskunft über Rüstungsgeschäfte von Schweizer Händlern mit dem angolanischen Militär – erwies sich Roth wiederholt als zuverlässige Quelle für Auslandsaktivitäten der Schweiz. Seine fragmentarischen Schilderungen tönten häufig abenteuerlich, die zentralen Angaben stellten sich aber jeweils als faktentreu heraus. Dokumente belegen Roths Erlebnisse im Zweiten Golfkrieg, seine Reisen und Festnahmen in der ehemaligen DDR sowie seine Einsätze mit Sonderpass; Fotos zeigen ihn auf dem Roten Platz in Moskau, in Militäranlagen auf Kuba oder in Gesellschaft mit hohen ausländischen Militärs.

Erst mit den Jahren ergab sich aus den Puzzleteilen ein Gesamtbild. Auch deshalb, weil Roth erst 2017 offener zu erzählen begann. Doch Dokumente und Fotos, die seine Erlebnisse belegen würden, waren teilweise verschwunden. Der Sammler warf nie etwas weg; nicht ohne Grund bezeichnet er sich selbst als Messie. In Dutzenden von Treffen und Telefongesprächen liessen sich Einsätze rekonstruieren und vermisste Unterlagen wiederfinden. Zudem konnten Weggefährten Roths sowie Experten Informationslücken füllen.

Roth war in den letzten 30 Jahren zumindest in Statistenrollen Teil der Geschichte, seine «oral history» erlaubt faszinierende Einblicke in verborgene Welten. Gewisse Fragen bleiben dennoch unbeantwortet und einige weit zurückliegende Begebenheiten verschwommen. Das liegt auch daran, dass in der Geheimwelt der Nachrichtendienste nicht gerne Namen und Auftraggeber preisgegeben werden.

Von wie weit oben kamen die Aufträge jeweils? Waren es Anordnungen von hoher Stelle oder verselbständigten sich einzelne Amtsträger? Wer hat die gesammelten Informationen verwertet? Was wurde damit gemacht? Mit welchen ausländischen Diensten arbeitete die Schweiz zusammen, und was wurde an Daten ausgetauscht? Wer erteilte Katastrophenhelfern Spionageaufträge, obwohl das verpönt ist und offiziell nie praktiziert wurde? Solche Fragen stellen sich. Roths Tun und Wirken gibt einige Antworten, seine Verbindungen ins Aussen- und ins Militärdepartement sowie in zahlreiche Botschaften decken Zusammenhänge auf. Weil aber vieles, was war, nicht sein durfte, lassen sich nicht alle dunklen Stellen erhellen. Erwiesene Vorgänge sowie vorhandene Dokumente und Fotos zeichnen jedoch deutliche Konturen ins Bild dieser Geheimwelt.

Roth ist ein Sonderling mit grenzenloser Leidenschaft für alles, was mit Militär und Polizei zu tun hat. Dies nutzten seine Auftraggeber aus, und sie zählten darauf, dass man ihn unterschätzte. Manchmal betraute sich der dienstuntaugliche Roth aber auch selbst mit heiklen Aufgaben. Unglaublich, aber wahr sind jene Geschichten, in denen er als falscher Offizier in ausländischen Uniformen die Schweizer Armee düpierte. Erfinden könnte man diese zu fantastischen Anekdoten nicht.

Andreas Schmid, Mai 2020

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Bahrain

Auftritt Melchior Roth. Mittendrin im Golfkrieg. Der damals 41-jährige Schweizer hielt sich Anfang 1991 auf dem Luftwaffenstützpunkt der US-amerikanischen Truppen in Bahrain auf. Er zeigte sich in der Fremde in US-Uniform, wie wenn er seine gewöhnliche Arbeitskleidung tragen würde.

Rund drei Wochen lang war Roth laut eigenen Angaben bei der Operation Desert Storm mit dabei. Wie es dazu kommen konnte? Das in Frankfurt stationierte 5. US-Korps, das in den Zweiten Golfkrieg delegiert worden war und zu dessen Führungskräften Roth seit Jahren gute Kontakte pflegte, bot ihn als Zivilperson auf. Vom Vertreter eines neutralen Landes versprachen sich die Amerikaner Vermittlungsdienste und Zugang zu gegnerischen Truppen. Dass der Uniformennarr dann in einem US-Kampfanzug erschien, war allerdings nicht im Sinn der Auftraggeber.

Umso mehr, als Roth in Bahrain anfangs das Camp der Franzosen aufsuchte, weil dieses zuerst fertiggestellt war. Erst recht erbost waren die Amerikaner dann, als sich Roth auch noch mit einem hohen französischen Offizier im Helikopter herumfliegen liess. «Es hat ein ‹Gstürm› gegeben», sagt der umtriebige Söldner. Doch die Ausflüge blieben für ihn, der von den Amerikanern mit dem Decknamen Jonathan Pride versehen worden war, folgenlos.

Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten erhielt auf unbekanntem Weg Kenntnis von Roths Reise zur Operation Desert Storm nach Bahrain. Er sei, sagt der Abenteurer selbst, über einen Mittelsmann damit betraut worden, Bodenproben für das AC-Labor in Spiez zu entnehmen. Diese Einrichtung des Bundes soll die Schweiz vor nuklearen, chemischen und biologischen Bedrohungen schützen. Mit der Untersuchung von Bodenproben erforscht das Labor, ob und welche Giftstoffe in Kriegen eingesetzt werden.

«Der Auftrag für das Labor Spiez war geheim, offiziell gab es diesen nie», hält Roth fest. Er wisse denn auch nicht, ob je Ergebnisse von den Bodenproben publik geworden seien. Klar wurde jedenfalls, dass im Zweiten Golfkrieg Geschosse benutzt wurden, die Uran enthielten. Die Folge waren gravierende Umweltschäden.

Der als Zweiter Golfkrieg bezeichnete bewaffnete Konflikt war ausgebrochen, nachdem Irak Anfang August 1990 die Eroberung Kuwaits eingeleitet und das Land knapp vier Wochen später annektiert hatte. Die Verhandlungen mit Saddam Hussein scheiterten, US-Präsident George Bush und eine breite Koalition Verbündeter zogen ab Mitte Januar 1991 in den Krieg, um Kuwait zu befreien. Eine Resolution der UNO hatte die Legitimation zum Angriff erteilt. In der Operation Desert Storm wurden modernste Rüstungsgüter eingesetzt, von der Dimension der beteiligten Truppen und deren Bewaffnung her waren es die schwersten militärischen Auseinandersetzungen seit dem Zweiten Weltkrieg. Sie forderten auf irakischer Seite mehrere Zehntausend Opfer.

Roth erzählt, er habe nach seiner Rückkehr aus Bahrain nicht nur die Bodenproben für das Spiezer Labor abgeliefert, sondern sei von den Amerikanern auch für ein Debriefing nach Frankfurt beordert worden. «Sie haben mich zu meinen Erfahrungen befragt und Informationen gesammelt.» Auskünfte zur Operation Desert Storm erteilte Roth zudem der NATO-Zentrale in Brüssel. Er sagt, dort habe man sich ebenfalls stark für die Sicht des neutralen Schweizers interessiert.

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Roths Doppelrolle in Bahrain verblüfft. Dokumente sowie seine Souvenirs vom Zweiten Golfkrieg beseitigen jedoch Zweifel an den erstaunlichen Begebenheiten. Roth legt Bilder vor, die ihn sowohl auf dem Stützpunkt der Amerikaner als auch im Camp der Franzosen zeigen, jeweils umgeben von Offizieren und Soldaten. Uniformsticker der USA von der Operation Desert Storm hat Roth aufbewahrt, und er hat die Gefässe behalten, in denen er einst die Bodenproben transportiert hatte. Vor allem aber wurde sein Einsatz im Zweiten Golfkrieg aktenkundig, als später – in einem anderen Zusammenhang – sowohl die Bundesanwaltschaft als auch die Militärjustiz gegen Roth ermittelten.

Bärau

So gerne Melchior Roth von seinen Abenteuern erzählt, so ungern spricht er über seine Familiengeschichte. Seine Kindheit und seine späteren Liebesbeziehungen klammert er lieber aus. Das liegt wohl daran, dass er seinen Vater nicht kannte und seine beiden Ehen zerbrachen.

Geboren am 31. März 1950, wuchs Melk – so nennen ihn noch heute alle Bekannten – bei seinen Grosseltern in Bärau im Emmental auf. Als Melchior Pfäffli, mit dem Familiennamen seiner Mutter. Sie arbeitete als Serviertochter. Von seinem leiblichen Vater, den er nie kennenlernte, weiss der Sohn nicht einmal den Namen. Nach einer Liebesnacht mit der Mutter war Melchiors Erzeuger entschwunden.

Weil Roth nicht über private Angelegenheiten berichten mag, erzählt sein Jugendfreund Heinz Junker. Junker wuchs im nahen Schwarzhäusern auf und lebt nach wie vor dort. Die ersten zehn Lebensjahre habe Melk bei den Grosseltern verbracht, dann habe ihn ein Fritz Roth, der Lebenspartner seiner Mutter, adoptiert. Der Knabe gehörte nun zu einer Familie und wurde mit zwei Halbschwestern sowie einem Halbbruder gross. In ihrer Jugend schon schlossen der wenig ältere Junker und Roth Bekanntschaft, denn sie besuchten beide die Gesamtschule in Schwarzhäusern. In der Freizeit sei Kollege Melk häufig zu seinem Vater gekommen, um diesem bei der Entsorgung und Verschrottung von Metall zur Hand zu gehen, sagt Junker. Roth habe als «Plätzlibueb» gearbeitet; so habe man damals die jugendlichen Aushilfen bezeichnet. Schon damals sei Melk ein «Eigener» und Einzelgänger gewesen.