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Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. 1. Teil - Der Plan
  7. 1
  8. 2
  9. 3
  10. 4
  11. 5
  12. 6
  13. 7
  14. 8
  1. 2. Teil - Die Jagd
  2. 9
  3. 10
  4. 11
  5. 12
  6. 13
  1. 3. Teil - Der Kampf
  2. 14
  3. 15
  4. 16
  5. 17
  6. 18
  7. 19
  8. 20
  1. Danksagungen und Quellen

Über den Autor

Peter Sasgen diente in der U. S. Navy und arbeitete später als Grafikdesigner und Fotograf in Washington, D. C. Heute lebt er mit seiner Frau in Philadelphia und arbeitet an seinem nächsten Roman.

Tschetschenische Selbstmordattentäter
töten über 1000 Geiseln in
Moskauer Konzerthalle

Separatisten verschärfen Auseinandersetzungen mit russischen Streitkräften

MOSKAU (RIA-Novosti: 15. September 2006) ZUR SOFORTIGEN VERÖFFENTLICHUNG – Tschetschenische Separatisten haben bei einem Sprengstoffanschlag auf die Tschaikowsky-Konzerthalle, der Heimat des staatlichen Symphonieorchesters, über 1000 Geiseln getötet. Die Halle war anlässlich eines Konzerts mit Werken von Rachmaninow mit 1600 Männern, Frauen und Kindern völlig überfüllt.

Der Überfall in der russischen Hauptstadt wurde von 50 schwer bewaffneten Männern und Frauen durchgeführt. Sie gehörten zu einer Gruppe tschetschenischer Selbstmordattentäter, deren Ziel der Rückzug der russischen Streitkräfte aus ihrem Land ist. Die Terroristen waren mit automatischen Waffen, Handgranaten und Sprengstoff bewaffnet. Sie drohten den russischen Sicherheitskräften an, sämtliche Geiseln zu töten, falls ihre Forderungen nicht erfüllt würden.

Einer der vermummten Terroristen teilte einem Korrespondenten der amtlichen Nachrichtenagentur RIA-Novosti mit, dass im ganzen Theater Sprengsätze angebracht worden und die Geiselnehmer bereit seien, »sich für Tschetscheniens Unabhängigkeit zu opfern«. Sie drohten an, die Sprengsätze zu zünden, falls der Versuch unternommen würde, das Theater zu stürmen. Die Weigerung des russischen Präsidenten, mit den Terroristen zu verhandeln, hatte Anklagen vonseiten des bisher nicht identifizierten Anführers der Geiselnehmer zur Folge, der die Beendung der russischen Besetzung Tschetscheniens gefordert hatte.

Die Pattsituation endete, als Sicherheitskräfte versuchten, durch einen unterirdischen Wartungstunnel in die Konzerthalle einzudringen und das Feuer auf die Terroristen eröffneten, die daraufhin die Sprengsätze zündeten.

1

MURMANSK, KOLA-HALBINSEL, RUSSLAND

Radschenko zog die Schultern hoch, um sich vor dem bitterkalten Wind aus der Arktis zu schützen, und sprang aus dem Elektrobus Nr. 8, der nach Ulitsa Kipnowitsch fuhr. Seine Stiefel knirschten im Schnee, der jetzt, Anfang Oktober, von der Barentssee über die Taiga und die umliegenden Hügel mit ihren silbern glänzenden Birken herübergeweht war. Der weiße Mantel der Stadt verhüllte ihr düsteres, zerfallendes Herz. Wie eine geschminkte Hure, die einen arglosen Freier täuschen will. Eine Hure, die für ihre Bemühungen bezahlt wird, dachte Radschenko.

Die spärlich beleuchtete Straße lag vor ihm wie eine Schlucht zwischen den leeren Mietshäusern, die von den glänzenden Kabelsträngen der Elektrobusse durchzogen wurde. Radschenko fühlte sich völlig einsam, und einen Augenblick lang kam ihm der Verdacht, er könnte in eine Falle gelaufen sein. Er überquerte die Straße, blieb in einem schattigen Winkel abrupt stehen und lauerte auf eine Bewegung. Radschenko zündete sich eine Zigarette an, wartete noch einen Augenblick und ging dann weiter. Er hielt sich dabei sorgfältig im Schatten.

Das Hotel Nowi Poljarnii war ein hässlicher gelber Backsteinklotz. Radschenko betrat es durch einen unverschlossenen Hintereingang. Er ging an dem betrunkenen Nachtportier vorbei, der in der schäbigen Empfangshalle in dem unheimlichen blauen Licht eines alten Schwarz-Weiß-Fernsehgeräts vor sich hin döste. Vor dem Aufzug hielt er kurz an, dachte über den Lärm nach, den dieser verursachen würde, entschied sich dann dagegen und nahm stattdessen die Treppe, deren Geländer und Stufen unter seinem Gewicht knarrten. Als er im ersten Stock ankam, blieb er stehen und lauschte, hörte aber nur gedämpfte Stimmen hinter geschlossenen Türen. Irgendwo rauschte die Wasserspülung einer Toilette.

Im zweiten Stock wandte sich Radschenko nach links, suchte die richtige Zimmernummer und blieb vor der Tür stehen. Er holte tief Luft und klopfte zweimal. Die Tür wurde zögernd aufgezogen, und Radschenko glitt in das Zimmer. Er blickte sich rasch um: ein Doppelbett, ein abgestoßener Toilettentisch, vor dem ein Stuhl stand, ein angerostetes Waschbecken und herabgelassene Jalousien.

»Entspannen Sie sich. Wir sind allein.«

Radschenko wendete sich dem Amerikaner zu. Er war groß, hatte ein wettergegerbtes Gesicht und kurz geschnittenes, eisengraues Haar. Er trug eine gut geschnittene Khakihose und einen dicken Rollkragenpullover. Sein Russisch war elegant, fehlerfrei.

Vielleicht hatte er eine schöne blonde Frau. Hatten nicht alle amerikanischen Männer blonde Frauen? Was sie wohl denken würde, wenn sie wüsste, dass ihr Mann sich mit einem russischen Matrosen in einem Hotel in Murmansk traf?

»Wodka?« Der Amerikaner öffnete eine neue Flasche Sinopskaya, eine Edelmarke, die Radschenko noch nie getrunken hatte. »Zigarette?« Er deutete auf eine Stange Marlboro, die aufgerissen auf dem Bett lag.

Radschenko stürzte ein Glas von dem Wodka runter, der süßer schmeckte und glatter seine Kehle hinunterlief als jeder andere, den er bisher getrunken hatte. Der Amerikaner schenkte ihm nach.

»Ich sagte, entspannen Sie sich. Niemand weiß, dass Sie hier sind«, versuchte der Amerikaner ihn zu beruhigen.

»Haben Sie das Geld dabei?«, fragte Radschenko. Er ging zum Fenster und blickte durch einen Spalt an einer Seite der Jalousie nach draußen. Dort war nur das Gewirr von Fernsehantennen und Satellitenschüsseln auf dem Dach des Apartmentgebäudes nebenan zu sehen.

»Ja.«

»Dollar?«

»Ja.«

Der Amerikaner beobachtete Radschenko, der unruhig in dem Zimmer hin und her ging und dabei Wodka trank. Er blieb stehen, riss eine Schachtel Zigaretten auf und steckte sich eine an.

»Sie können sich die ganze Stange nehmen. Ich rauche nicht.«

Radschenko hatte gehört, dass die amerikanischen Männer und ihre blonden Frauen nicht rauchten. Zu gesundheitsschädlich. Alkohol und Sex aber gefielen ihnen. Normalerweise miteinander kombiniert. Er musterte den Amerikaner durch den Rauch, der von der Zigarette aufstieg.

Der Amerikaner setzte sich auf das Bett. Seinen Drink hatte er nicht angerührt. Schließlich sagte er: »Sind Sie ohne Probleme herausgekommen?«

»Die Idioten, die an dem Stützpunkt Wache stehen, passen überhaupt nicht auf. Wir kommen und gehen, wie es uns passt«, gab Radschenko verächtlich zurück.

»Niemand sonst hat gesehen, dass Sie fortgegangen sind? Vielleicht ein anderes Besatzungsmitglied?«

»Niemand.«

»Stehen Sie auf dem Flottendienstplan?«

»Ich habe heute die Mitternachtswache: von null Uhr bis vier Uhr früh.«

Der Amerikaner zog einen Ärmel seines Pullovers hoch und sah auf eine große Armbanduhr aus Edelstahl. »Dann haben wir viel Zeit. Ziehen Sie Ihre Jacke aus, und machen Sie es sich bequem.«

Radschenko blieb stehen. Er goss sich noch einen Wodka ein, behielt die Jacke aber an. »Wie viel zahlen Sie?«, fragte er, ohne die Zigarette aus dem Mund zu nehmen.

Der Amerikaner schwang die Beine auf das Bett, lehnte sich an das Kopfbrett und stellte sein Wodkaglas auf die Brust. Er trug ein Paar abgestoßene Gummistiefel. »Wie versprochen: Fünfhundert. Noch mal fünfhundert, wenn Sie machen, was ich will.«

Ein Vermögen, überlegte Radschenko. Mehr, als er jemals als Matrose in der russischen Marine verdienen könnte, der offensichtlich das Geld für die Bezahlung ihrer Mannschaftsdienstgrade ausgegangen war – ihrer Offiziere allerdings auch. Fahnenflucht und Selbstmorde waren allgegenwärtig, und man sprach bereits von Meuterei. Um die Lage noch zu verschlimmern, schien Radschenkos Vorgesetzter, der bisher mit eiserner Hand für Disziplin gesorgt hatte, nun ebenfalls seine Illusionen zu verlieren. Radschenko erinnerte sich daran, wie ihn ein tödlicher Schrecken durchzuckt hatte, als er ihn bei Diskussionen mit anderen Offizieren in der Messe des U-Boots K-363 belauschte. Und als dann die norwegischen Atomwissenschaftler, die den Atommüll auf dem U-Boot-Stützpunkt in der Olenya-Bucht erfassten, den Amerikaner und seinen Assistenten mit an Bord gebracht hatten, um die Mannschaft zu befragen, hatte Radschenko die Gelegenheit gewittert, etwas Geld zu verdienen, und ihn angesprochen.

Nun zog Radschenko doch seine Jacke aus und warf sie auf das Bett. Der Amerikaner sah ihn erwartungsvoll an. Radschenko spürte bereits die Wirkung des Wodkas, schenkte sich aber trotzdem nach. Der Alkohol würde es ihm leichter machen, die Leistung zu erbringen, für die der Amerikaner so bereitwillig zahlen wollte. Der Wind ließ die losen Scheiben klappern. Irgendwo wurde eine Tür zugeschlagen. Radschenko hörte, dass sich der Fahrstuhl in Gang setzte. Er kaute nervös an einem Fingernagel. So etwas hatte er bisher noch nie gemacht, und er wusste nicht recht, wie er anfangen sollte.

Der Amerikaner hielt fünf zusammengefaltete Hundertdollarscheine in der Hand. »Für Sie.«

Radschenko spürte die steigende Spannung. Er griff nach dem Geld und bemerkte im gleichen Augenblick, dass irgendetwas nicht stimmte. Der Amerikaner sprang aus dem Bett, und einen Augenblick später zersplitterte die Tür, wurde aus den Angeln gerissen, und zwei Männer stürmten in das Zimmer.

Regentropfen prasselten wie ein Trommelfeuer auf den schwarzen Stahl herab. Die Männer der Deckwache im Hauptquartier der US-Atlantik-Flotte in Norfolk, Virginia, zogen das Kinn tiefer in ihre triefnassen Matrosenjacken, um sich vor dem Wetter an diesem Morgen zu schützen. Unter Deck war es warm und trocken, aber dafür roch dort die eingeschlossene klimatisierte Raumluft nach Ozon. Commander Jake Scott winkte seinen Stellvertreter, Commander Manny Rodriguez, in die kleine Kabine, die in der USS Tampa, einem Kampf-Atom-U-Boot der Los-Angeles-Klasse, zugleich als Unterkunft und Privatbüro diente.

»Was gibt’s, Skipper?«, fragte Rodriguez.

»ComSubLant (Admiralität U-Boot-Atlantik-Flotte), das ist los!«, sagte Scott. »Der Squadron Commodore hat gerade angerufen. Ellsworth will mich sprechen.«

»Haben Sie Probleme?«

»Nicht mehr als sonst.«

»Hat der Commodore Ihnen gegenüber eine Andeutung gemacht, weshalb der Chef Sie sprechen will?«, fragte Rodriguez.

»Neue Befehle möglicherweise.«

»Mein Gott, Skipper, wir haben unsere Befehle doch schon.«

»Neue Befehle für mich

»Was?«

Die Tampa hatte gerade eine komplette Instandsetzung hinter sich und ihre Marschbefehle bereits erhalten. Nach einem Probelauf sollte sie für den späteren Einsatz aus Norfolk auslaufen. Scott war nun seit mehr als zwei Jahren der Kapitän der Tampa, und sie war seine Heimat. Was auch immer Ellsworth mit ihm vorhatte, der Admiral konnte sich auf einen Kampf gefasst machen. Insbesondere falls er den Oberbefehl über die Tampa aufgeben sollte. Sie war sein Schiff, und er wollte sie sich von niemandem wegnehmen lassen. Er dachte an Tracy. Jemand hatte sie ihm weggenommen, und jetzt das. Nein, das stimmte nicht: Tracy hatte ihn verlassen. Ein großer Unterschied.

Da waren alle diese Fahrten in feindliche Gewässer gewesen, um dort Informationen zu sammeln, all diese Wochen und Monate getrennt von ihr. Sie hatte sich beklagt, dass er mit der Mannschaft seines Boots eine engere Beziehung hatte als mit ihr. Auch die Anrufe hatten ihn verletzt. Wie dieser eine während des ersten Landgangs nach einer höllischen, sechzig Tage dauernden Patrouille vor Nordkorea. Er hatte den Hörer abgenommen und am anderen Ende im Hintergrund laute Musik gehört. Eine Männerstimme sagte: »Tracy, es ist Rick. Er fragt, ob du heute Abend einen mit draufmachen willst und wieder dieses scharfe rote Kleid anziehst.« – »Heute Abend nicht«, hatte Scott kalt erwidert und aufgelegt. Zumindest war er nicht zur Tür hereinspaziert und hatte sie in flagranti erwischt, mit Ricks Kopf zwischen ihren Beinen. Warum sollte er ihr Vorwürfe machen? Sie wollte schließlich nicht mehr als ein normales Leben, nicht so eines, wie er es ihr gegeben hatte. Er fragte sich, ob sie mit ihrem neuen Leben zufrieden war, ob die Dinge, die sie im Bett aufregend fand, auch dem Mann gefielen, mit dem sie jetzt zusammen war … Gerade noch rechtzeitig riss er sich zusammen, bevor er wieder in gefährliche Depressionen verfiel.

Scott stand auf. »Ich soll mich um fünfzehn Uhr bei Ellsworth melden.«

»Was ist mit der Party im Offiziersclub?«, wollte Rodriguez wissen. »Findet sie trotzdem statt?«

»Die sagen Sie besser erst mal ab.«

Scott betrachtete den ganzen unerledigten Papierkram, der sich auf seinem Schreibtisch stapelte, Berichte und Korrespondenz, die auf seine Beurteilung und Unterschrift warteten. Am liebsten hätte er alles im Klo heruntergespült und wäre wieder auf See. Er nahm eine schmutzige Arbeitsjacke von einem Haken am Schott. »Passen Sie auf mein Schiff auf, Manny.«

Vizeadmiral Carter Ellsworth, Oberbefehlshaber der U-Boot-Atlantikflotte, musterte ihn durch eine Brille mit Drahtgestell und dicken Gläsern, die seine hellblauen Augen vergrößerten. Sein gütiger Gesichtsausdruck verbarg eine hinterlistige Persönlichkeit. Abgesehen von einer Kaffeetasse aus dünnem Porzellan war sein Schreibtisch leer. Flaggen, ein gerahmtes Bild des Präsidenten, eines des Verteidigungsministers und Plaketten mit den Namen von US-U-Booten waren der einzige Schmuck in Ellsworths’ spartanischem Büro.

»Betrachten Sie sich als von der Tampa abkommandiert«, eröffnete ihm der Admiral ohne Einleitung.

Scott hatte das Gefühl, als hätte er einen Schlag in den Magen erhalten.

»Sie sind vorübergehend für einen Sondereinsatz abgestellt. Der Stabschef hat Ihre Befehle. Sie können sie mitnehmen, wenn Sie gehen, Captain

»Captain?«, fragte Scott nach.

»Sie sind für Ihren neuen Auftrag befördert worden.« Ellsworth warf Scott einen Plastikbeutel zu, in dem sich zwei Adler für den Kragenspiegel befanden. »Inzwischen können Sie schon mal ausprobieren, ob die passen.«

Scott nahm seine Beförderung mit gemischten Gefühlen entgegen. Er hatte damit geprahlt und es sogar als Ehrenzeichen getragen, dass er wahrscheinlich der älteste Commander in der Navy war. Einmal war er bereits bei der Beförderung zum Captain übergangen worden, und wenn ihm das noch einmal passieren würde, dann wäre seine Karriere beendet. Ein neuer Einsatzbereich bedeutete jedoch, dass er den Oberbefehl über die Tampa abgab, und er hatte zu hart daran gearbeitet, sich zu rehabilitieren, um das zu tun.

»Karl Radford möchte Sie sprechen«, sagte Ellsworth. Er hob die Tasse an seine Lippen. Die Goldlitzen an seinem Ärmel leuchteten wie ein Blitzstrahl auf.

Diese Eröffnung gab Scott zu denken. Karl Radford, ein pensionierter Major General der US Air Force, war der Leiter des Strategic Reconnaissance Office, des Amtes für Strategische Aufklärung. Dieser ultrageheime Nachrichtendienst besaß auf der ganzen Welt Informations-Sammelstellen. Scott hatte schon immer den starken Verdacht gehabt, dass die meisten, wenn nicht sogar alle seine Aufträge auf See von der SRO angeordnet worden waren. Vielleicht sogar derjenige, der fast mit einer Katastrophe geendet hätte. Und ihm hatte man die Schuld dafür gegeben.

Ellsworth musterte Scott. Er sah einen Mann von Anfang vierzig vor sich, groß, mit dunklem Haar, in das sich bereits die ersten grauen Strähnen mischten. Das scharf geschnittene Gesicht und die Haltung verrieten, dass er mit Krisensituationen umzugehen wusste. »Haben Sie eine Ahnung, warum er mit Ihnen sprechen möchte?«

Scott zuckte mit den Achseln. »Nein, Sir. Und Sie?«

Ellsworth ignorierte die Frage und fuhr fort: »Schließen Sie noch Ihre zu erledigenden Aufgaben ab. Radford möchte Sie übermorgen in Washington sehen. Ist das ein Problem für Sie?«

»Er könnte sich vielleicht jemand anderen als mich aussuchen.«

Ellsworth machte ein entschlossenes Gesicht. »Was wollen Sie damit sagen, Scott?«

»Dass ich es vorziehen würde, das Kommando über die Tampa zu behalten. Was immer General Radford auch für mich vorgesehen hat, es kann nicht wichtiger sein als das, was ich gerade mache.«

Ellsworth schob die Tasse zur Seite. Seine hellblauen Augen waren dunkler geworden. »Lassen Sie sich mal was von mir sagen, Scott. Sie hängen nach wie vor an einem seidenen Faden. Sie haben Ihre zweite Chance bekommen, und Sie haben das Beste daraus gemacht, das will ich zugeben. Eine Menge Männer, die in der gleichen Lage waren wie Sie, mussten die Navy verlassen. Manche sind Vertreter bei Sears, andere lesen die Stellenanzeigen.«

Scott spürte, wie sich in seinem Hinterkopf Druck aufbaute.

Ellsworth war noch nicht fertig. »Diese Männer haben im Gegensatz zu Ihnen keine zweite Chance verdient. Ich habe aber nicht die Absicht, Ihnen noch eine zu geben.«

»Sir, ich habe hart darum gekämpft, und ich habe nicht die Absicht, meine Laufbahn, völlig mit meinen Kräften am Ende, an Land zu beenden.«

»Offensichtlich ist General Radford der gleichen Meinung. Er würde nicht einen der besten Kapitäne von SubLant anfordern, wenn es nicht verdammt wichtig wäre. Ganz sicher wichtiger als die Führung eines U-Boots. Er kennt Ihren Hintergrund, und alles andere weiß er auch. Er will jemanden, der Verstand hat und ihn auch zu gebrauchen weiß. Ich habe ihm gesagt, Sie würden ihn nicht enttäuschen.«

»Danke.«

»Jetzt lassen Sie sich einen Rat geben, Scott. Es gibt hier eine ganze Menge Leute, die Sie für einen Held halten und finden, dass Sie die Arschkarte gezogen haben – dass wir hohen Tiere einen Sündenbock gebraucht haben, und der waren eben Sie. Wir müssen hier das Ganze nicht noch einmal durchkauen. Was passiert ist, ist passiert. Aber denken Sie immer daran: Ich kenne Radford, und Helden beeindrucken ihn überhaupt nicht. Er wird Sie fertigmachen, wenn er auch nur eine Sekunde lang glaubt, dass Sie die Befehle, die er Ihnen gibt, so interpretieren und ausführen könnten, wie es Ihnen in den Kram passt. Versuchen Sie dieses Mal, sich an die Bestimmungen zu halten – und zwar an seine Bestimmungen, nicht an die von Jake Scott. Ich glaube nicht, dass Sie als Vertreter sehr viel Erfolg hätten.« Ellsworth erhob sich. »Das wäre dann alles. Ach ja, noch eines. Ist Rodriguez Ihrer Meinung nach voll für ein Kommando qualifiziert?«

Auch Scott stand auf. »Das ist er.«

»Ich begleite die Tampa auf ihrer Probefahrt. Ich will mir mal ansehen, wie er damit fertig wird. Mit dem Druck, meine ich.«

Scott griff sich mit der Hand an den Hinterkopf.

Ellsworth begleitete ihn zur Tür und schüttelte ihm unpersönlich die Hand. »Übrigens, es war Radford, der beim Personalamt Ihre Beförderung durchgedrückt hat, nicht ich.« Ellsworth legte einen Finger an seine Nase. »Leicht war es nicht, nehme ich an.«

Scott trank sein Bier aus und wickelte die Überreste einer chinesischen Mahlzeit in eine Papiertüte. Er sah wortlos auf eine CNN-Sprecherin mit einer kunstvollen Frisur und blendend weißen Zähnen, die leise über das bevorstehende Gipfeltreffen zwischen dem Präsidenten und seinem russischen Amtskollegen in der Zarenstadt St. Petersburg plapperte. Inzwischen hatte der Mehrheitsführer des Senats im Capitol … Er drückte auf die Austaste, und sie verschwand.

Nudelreste, fettiges Papier und Pappbehälter landeten in einem Abfalleimer. Wurde der Müll donnerstags abgeholt? Oder war das der Tag, an dem der Recycling-Müll abgeholt wurde? Er hatte das Zeitgefühl für den Alltagsrhythmus des Lebens an Land verloren. Das Apartment war billig und lag nahe beim Stützpunkt, und das war alles, worauf es ihm ankam. Und dass seine Nachbarn sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmerten. Zwei Türen weiter wohnte ein Colonel vom Marine Corps, der bisher noch kein einziges Wort mit ihm gesprochen hatte.

Scott machte sich daran, eine Tasche für Washington zu packen. Radfords Anforderung war, wie alles an ihm und der SRO, für Scott ein Rätsel. Verdeckte Operationen und ein Geheimbudget für ihre Durchführung verliehen Radford eine enorme Macht, Ereignisse in der ganzen Welt zu beeinflussen. Wie die Operation im Gelben Meer. Scott schüttelte sich innerlich. Ein Albtraum war das gewesen. Und obwohl die Untersuchungskommission ihn entlastet hatte, hatte das bei vielen seiner Vorgesetzten nicht die Zweifel an seiner Eignung beseitigt, ein Atom-U-Boot zu führen. Vielleicht würde die Anforderung durch Radford bei manchen etwas daran ändern.

Scott packte zu Ende und sah sich dann noch einmal um, um sich davon zu überzeugen, dass er nichts vergessen hatte. Sein Blick wanderte unwillkürlich zur Tür des Gästezimmers, in dem die Kisten mit den Überresten seines früheren Ehelebens standen. Er ließ die Tür verschlossen, um nicht daran erinnert zu werden. Es fiel ihm trotzdem schwer, besonders wenn er das Paar nebenan streiten hörte, deren Zankereien nur durch das Scheppern von zerbrechendem Geschirr unterbrochen wurden. Ganz anders als bei den Scotts, überlegte er. Sie hatten ihre Auseinandersetzungen immer in ohrenbetäubender Stille ausgetragen.

Die Erinnerung an das letzte Mal, als er Tracy gesehen hatte, war für immer in sein Gedächtnis eingebrannt. Ihr schöner voller Mund war zu einem schmalen, zornigen Strich zusammengepresst gewesen, und sie hatte ihn mit vor Wut dunkelviolett gefärbten Augen durchdringend angesehen. Um eine Szene zu vermeiden, wenn Rick sie mit seiner neuen Corvette abholen kommen würde, hatte sie mit ihrem Handy wie mit einer Pistole auf ihn gezielt und geschrien: »Raus hier! Verschwinde, oder ich rufe die Polizei!« Als Scott am nächsten Morgen wiedergekommen war, war Tracy verschwunden.

In dieser Nacht träumte Scott, er würde eine nordkoreanische Fregatte durch ein Periskop betrachten. Aus den beiden Schornsteinen quoll dichter Rauch, als sie herumschwang und Fahrt aufnahm. Herrgott, sie haben uns entdeckt! Einen Herzschlag später begann der Bug der Fregatte bereits das Gesichtsfeld des Periskops auszufüllen. Angst fuhr ihm durch die Glieder. Zu spät für Ausweichmanöver: Er hatte sich festgelegt. Die Kampfschwimmer mussten zurückgeholt werden. Er musste Torpedos abfeuern, die Männer retten, aber seine Befehle blieben unbeachtet, wurden von Tracys Kreischen übertönt: »Raus hier! … Raus hier!«

2

ST. PETERSBURG, RUSSLAND

Dicke Wolken hingen tief über den vergoldeten Türmen und Kuppeln der alten Hauptstadt. Dichter Verkehr schlängelte sich um den Moskowski-Bahnhof und den Platz des Aufstands, mit seinem Gewirr aus nach Süden führenden Eisenbahngleisen, Oberleitungsbussen und Straßenbahnen. Am Newski-Prospekt schob sich der Verkehr zentimeterweise an einer schmalen Seitenstraße vorbei. Einige rostige Wolgas, Moskwitschs und Schigulis standen vor einer heruntergekommenen Reparaturwerkstatt am Ende der Sackgasse. Auf einem Grundstück daneben waren hinter einer Ansammlung von verbeulten Stoßstangen und Autotüren eine burgunderrote BMW-Limousine und ein grauer Volvo Kombi versteckt abgestellt.

Alikhan Zakajew wärmte sich an einem Ölofen in einer Ecke der Werkstatt. Auf dem Boden und den Werkbänken lagen ölverschmierte Werkzeuge, Ersatzteile und zerlegte Getriebe herum. Zakajew, ein ziemlich kleiner Mann, trug einen Marinemantel aus Kaschmir wie ein Cape über seinem zweireihigen Anzug. Er musterte mit zusammengekniffenen Augen eine Gruppe von kräftig gebauten, unrasierten und bedrohlich wirkenden Männern, die vor ihm auf einer Bank saßen. Einer von ihnen streichelte eine dürre schwarz-weiße Katze, die zufrieden ihre Krallen an seinem Hosenbein schärfte. Ein anderer spielte mit einer SIG-220-Pistole Kaliber .45 mit einem Laser-Visier, dessen roter Zielpunkt über die Wände, die Decke und Zakajew wanderte.

»Steck sie weg«, sagte Zakajew.

Die SIG verschwand sofort.

Zakajew passte es nicht, dass seine Anhänger gern mit ihren Waffen und teuren deutschen Autos protzten. Der Volvo Kombi war mehr nach seinem Geschmack.

Er strich sich über seinen bleistiftdünnen Schnurrbart. »Was machst du da?«, fragte er.

Eine attraktive junge Frau in einem Leder-Minirock, der durch ein sauberes Tuch unter ihrem Hinterteil vor Ölflecken geschützt wurde, saß auf einem Hocker und sah von einem dünnen Taschenbuch auf. »Ich lese.«

»Lesen kannst du später.« Zakajew deutete mit einer kurzen Kopfbewegung zu einem Lagerraum neben der Werkstatt, aus dem ein klägliches Wimmern zu hören war. »Sieh mal nach, was da so lange dauert.«

Das Mädchen war sehr groß und hatte riesige, stark geschminkte Augen. Sie trug eine dunkelrote Strumpfhose und hohe Stiefel mit Pfennigabsätzen, die ihre langen, schönen Beine betonten. Sie hielt sich ein Taschentuch vor die Nase, ging durch die Werkstatt in den Lagerraum und kam schon einen Augenblick später wieder zurück.

»Er sagt, es hat keinen Zweck«, berichtete das Mädchen durch das Taschentuch.

»Keinen Zweck?«

»Sieh es dir selbst an.«

Zakajew ging durch die Werkstatt und wich dabei vorsichtig Dreck- und Ölflecken aus. Der durchdringende Gestank von Fäkalien und Urin stach ihm in die Nase, aber er beachtete ihn nicht. Einen anderen Gestank konnte er nicht ignorieren: den nach verbranntem Fleisch und Haaren. Ein nackter Mann mit einem Körperbau wie ein Ringer hing an Drahtschlingen, die um seine Handgelenke gewickelt waren, von einem Flaschenzug, der an einem Balken in der Decke festgeschraubt war. Die Mechaniker in der Werkstatt benutzten ihn, um Motoren aus Autos zu heben. Die Last, die er im Augenblick zu tragen hatte, sah eher aus wie eine halb verkohlte Rinderhälfte.

Der Hüne war schwer verprügelt worden, und sein Haar hatte man zusammen mit seiner Kopfhaut weggebrannt, sodass nur noch die angesengte Schädeldecke zu sehen war. Zakajews Blick richtete sich auf den Schritt des Mannes, wo früher einmal dessen Genitalien gewesen waren. Nun sah er nur noch den Stumpf eines Penis und die verkohlten Überreste der Hoden. Nur seiner ausgezeichneten körperlichen Verfassung war es zu verdanken, dass er überhaupt noch am Leben war, oder vielleicht lag es auch an dem vielen Wodka, den er trank.

Ein weiterer Mann, ein riesiger, haariger Gorilla mit dunkler Brille und einem schwarzen Stirnband um den Kopf, trat von seinem Werk zurück. Er trug eine Lederschürze über seiner schwarzen Kleidung und hielt einen Schweißbrenner in der Hand, der mit seiner zischenden weißblauen Flamme durch gehärteten Stahl schneiden konnte.

Schweißtropfen blitzten wie Diamanten auf der Stirn des Gorillas. Er zuckte mit den Achseln und stellte mit einem Daumen die Gaszufuhr ab. Die Flamme stotterte, es knallte leise, und sie erstarb. »Aus dem kriegen Sie nichts mehr raus, General«, erklärte er.

»Es ist also der Winterpalast«, sagte Zakajew.

»Das hat er geschworen. Und ich glaube ihm.« Der Gorilla hängte das Schweißgerät und die Schläuche über zwei Gasflaschen, die an eine Lafette geschnallt waren, und wischte sich den Schweiß aus den Augen.

Zakajew musterte den Hünen – oder vielmehr das, was noch von ihm übrig war –, der vor ihm am Haken hing. Der Gestank war überwältigend. Er erinnerte ihn an eine andere Situation in Tschetschenien. Er hatte damals mit seinen Männern die ganze Nacht im Nieselregen gewartet, der langsam die Kleidung durchweichte. Sie hatten sich in Grosny in den Ruinen an der Hauptstraße versteckt, an der Stelle, wo sie den großen Platz und die Sunja Newa überquert.

Hinter ihnen lag der Minutka-Platz, auf dem sich Flüchtlinge trafen, um Familienangehörige zu suchen oder Nahrungsmittel und Medikamente zu kaufen. Die russischen Streitkräfte hatten ihn schon wiederholt mit Artilleriefeuer und Luftangriffen belegt. Im Verlauf von mehr als acht Jahren Krieg waren dort Tausende von tschetschenischen Zivilisten getötet worden.

Nach dem russischen Angriff, der am Abend begonnen hatte, lagen mehr als ein Dutzend Frauen und Kinder niedergemetzelt auf dem Markt, der jetzt nur noch aus einem Haufen zerborstener Balken und zusammengeschossener Mauern bestand. Zakajew nahm an, dass sich die russischen Speznaz – die Spezialeinheiten – mit einem Nachfolge-Spähtrupp über das Ausmaß des Schadens informieren würden. Er sah sich seine Leute an, die zum größten Teil jung genug waren, um seine Söhne zu sein. Sie duckten sich in der Kälte, hielten ihre Waffen fest gepackt und dürsteten nach Rache. Es war eine Szene wie in einem Film: die gezackten Ruinen, beleuchtet von gelben Gasflammen aus gebrochenen Rohren, der Rauch, der schwärzer als die Nacht zum Himmel aufstieg. Nichts rührte sich, außer ein paar streunenden Katzen und Hunden und einem obdachlosen alten Mann auf Krücken, der nach einer Unterkunft suchte.

Er hörte es als Erster. »Sie kommen!«, zischte er.

Das nagelnde Geräusch eines Dieselmotors kam näher. Ein russischer gepanzerter Truppentransporter vom Typ BTR-80 schob seinen mit Tarnfarben gestrichenen Bug wie ein Boot um eine scharfe Kurve und kam dort schaukelnd zum Halten. Er schwenkte seine Kuppel mit den daraufmontierten MGs über die freie Fläche vor ihm. Zakajew signalisierte den Russen per Handzeichen, weiterzufahren. Er wusste, dass sie besonders bei Nacht äußerst vorsichtig waren.

Wieder röchelte der Motor auf, und der BTR schob sich vorwärts. Entweder waren diese Russen ja Neuankömmlinge und hatten noch keine Angst, oder vielleicht waren sie auch ganz einfach nur dumm. Wie auch immer – Zakajew machte sich bereit. Er schob die Plastikabdeckung von einer RPG-7-Panzerfaust, zog den Sicherungsstift aus dem konischen Sprengkopf, hob die Waffe auf die Schulter und schob die Spitze durch eine Lücke in dem Gemäuer. Nun nahm er das schwerfällige Fahrzeug ins Visier, und als es direkt aus seinem Versteck vorbeikam, zog er den Abzug durch.

Zakajew duckte sich hinter eine Mauer, spürte aber trotzdem, wie ihm der Hitzeschwall der Explosion über Gesicht und Hände fuhr. Die Munition in dem BTR ging hoch, und die drei Mann Besatzung und sieben Speznaz stürzten aus den offenen Luken des Fahrzeugs nach draußen, wo sie von dem heftigen Feuer der Tschetschenen empfangen wurden.

Zakajew stand vor einem russischen Soldaten, der schwere Verbrennungen erlitten hatte. Ein halbwüchsiger Wehrpflichtiger, der nach seiner Mutter winselte. Der Gestank von brennendem Dieselöl, verbranntem Fleisch, Scheiße und Pisse hing schwer in der Nachtluft. Die anderen Russen waren tot. Wie lange war dieser Junge wohl schon in Tschetschenien?, fragte sich Zakajew. Höchstens ein paar Tage, der neuen Uniform und den blank geputzten Stiefeln nach zu urteilen. Seine Augen aber waren schon alt und voller Angst und Schmerzen. Auch Kummer. Aber nicht darüber, was seine Kameraden den Frauen und Kindern auf dem Minutka-Platz angetan hatten, sondern wegen seines Pechs, ausgerechnet in diese Hölle von einem Land geschickt worden zu sein. Er hatte wahrscheinlich gar keine Ahnung, warum die Tschetschenen von Russland die Freiheit wollten. Vielleicht hatte er an seine Freundin in Moskau gedacht und davon geträumt, ein Rockstar zu werden. Jetzt aber konnte er nur noch immer wieder wimmern: »Mat’, Mat’ Mat’.«

Zakajew schoss ihm in den Kopf.

»Wer war das?«, fragte sie.

»Wer?«

»Der Kerl da.« Das Mädchen trug einen herrlichen schwarzen Zobelmantel. Das seidenweiche Fell liebkoste ihre Schenkel, die von den dunkelroten Strumpfhosen bedeckt waren. Der Anblick zog einen Augenblick lang Zakajews Aufmerksamkeit auf sich. Wie sie so zusammen in dem Volvo saßen und von der Reparaturwerkstatt wegfuhren, sahen sie aus wie zwei erfolgreiche russische Unternehmer, die zu einer Konferenz mit ausländischen Investoren unterwegs waren. Oder wie ein älterer Mann mit seiner jungen Geliebten.

»Niemand.« Zakajew richtete seinen Blick wieder auf die Straße. Es herrschte noch immer lebhafter Verkehr. Verschraubte Metallbarrieren waren entlang dem Prospekt aufgestellt worden, denn man erwartete mit Sicherheit eine riesige Menschenmenge, wenn die Präsidenten mit ihren Begleitfahrzeugen durch die Stadt fuhren. Er wechselte die Spur, achtete dabei aber genau darauf, ob das Kapick-kapick-kapick des Blinkers vorher zu hören gewesen war. Ein Verstoß gegen die Verkehrsregeln könnte die Aufmerksamkeit der Miliz erregen. Ihre Ausweise sollten einer Überprüfung eigentlich standhalten, aber er wollte es nicht darauf ankommen lassen.

»Ali, sag es mir!« Sie drehte sich auf ihrem Sitz herum, zog sich langsam einen tiefroten Lederhandschuh aus, streckte ihre Hand nach ihm aus und streichelte ihn im Schritt.

»Ein FSB-Offizier.«

Das Mädchen stellte ihre Liebkosungen ein. Sie zog ihre Hand zurück und setzte sich wieder gerade hin. »Ali, ein FSB-Offizier?« Der russische staatliche Sicherheitsdienst – Federal’naja Sluschba Bezopasnosti, oder FSB – trug die Verantwortung für die Sicherheitsmaßnahmen während der Gipfelkonferenz.

»Wir haben die Risiken abgewogen«, sagte Zakajew. »Sie waren akzeptabel.«

Sein Instinkt hatte ihm verraten, dass der Winterpalast – das Versailles Russlands, das erst kürzlich restauriert worden war und nun wieder in seiner kaiserlichen Pracht erstrahlte – der Mittelpunkt der bevorstehenden Gipfelkonferenz zwischen den Präsidenten der USA und Russlands sein würde.

»Eine Tschetschenin arbeitet bei einem Catering Service in St. Petersburg. Diese Leute liefern die Mahlzeiten für den FSB«, erklärte Zakajew ihr. »Sie hat uns verraten, dass einer der Männer dort bei der Fahrbereitschaft der Presse arbeitet und Zugang zu den Ablaufplänen für die Gipfelkonferenz hat. Sie hat gesagt, der Mann würde manchmal nicht zu seiner Arbeit auf dem Parkplatz kommen, weil er betrunken ist. Die Aufpasser vom FSB würde das aber anscheinend nicht stören, weil dann seine Freunde für ihn einspringen.«

»Und den habt ihr euch geholt?«

»Gestern Abend, nach seiner Schicht. Ich nehme an, er wird tagelang nicht vermisst werden, wenn er plötzlich verschwunden ist.«

Das Schneetreiben war inzwischen in Regen übergegangen. Die Scheibenwischer mühten sich ab, die verschmierte Windschutzscheibe zu säubern.

Seit mehr als einem Monat wimmelte es in St. Petersburg von amerikanischen und russischen Sicherheitsexperten, die die Gipfelkonferenz vorbereiteten. Teile des Dworzowaja Ploschad waren abgesperrt, und der Zugang zur Eremitage und dem Winterpalast, der ehemaligen Residenz von Zar Nikolaus II. und der russischen kaiserlichen Familie, war massiv beschränkt worden. Bereits ein ganzes Viertel der Stadt, von der Newa an südlich bis zum Obwodni-Kanal, war sowohl für den Verkehr als auch für Fußgänger gesperrt.

»Er hat uns erzählt, was wir über das Gipfeltreffen wissen wollten«, informierte Zakajew sie. »Den Ablauf. Zeiten und Daten. Alles.«

Zakajew hatte erfahren, dass nach den Feierlichkeiten zur Begrüßung des amerikanischen Präsidenten der russische Präsident mit seiner Frau für seinen amerikanischen Amtskollegen eine Führung durch den Winterpalast veranstalten würde. Sie würden zusammen Stücke aus dem persönlichen Besitz der Zarenfamilie besichtigen, die in dem Malachit-Zimmer ausgestellt waren, und dann würden sie zum Weißen Speisesaal weitergehen, wo die Bolschewiken 1917 von der Übergangsregierung Kerenskis die Macht übernommen hatten. Nach den Festlichkeiten und einem Staatsbankett fand das Gipfeltreffen in einer der Privatwohnungen Katharinas der Großen in der Eremitage statt.

»Aber Ali«, sagte das Mädchen, »irgendwann werden sie doch nach ihm suchen.«

»Bis die das organisiert haben, ist es längst zu spät«, sagte Zakajew verächtlich.

Er bog in den Newski-Prospekt ein und hielt vor dem Newski Palast Hotel an. Es war beliebt bei erfolgreichen europäischen Geschäftsleuten, die hier gern ihre Geliebten in der Eingangshalle vorführten oder in dem Restaurant bei Kaviar und Stör-Mousse ihre Geschäfte abschlossen. Es war der perfekte Ort für einen gesuchten Mann wie Zakajew, da er sich hier in der Öffentlichkeit verstecken konnte.

Scott richtete seinen Blick auf die fünf Zentimeter dicke Akte, die auf dem Deckel diagonale schwarze Streifen und die Beschriftung DIREKTOR – PURPUR trug.

Karl Radford stand hinter seinem Schreibtisch. Ohne sich um die Bestimmung zu kümmern, die das Rauchen in allen Regierungsgebäuden verbot, wechselte er seine Zigarette in die linke Hand, um mit der rechten die Akte aufzunehmen. Mit einer kräftigen Stimme, die zu seinem gedrungenen Körperbau passte, sagte er: »Man hat mir berichtet, dass Sie Frank Drummond kennen.«

»Konteradmiral Frank Drummond? Ja, Sir, den kenne ich.«

Radford musterte Scott durch einen Schleier aus Zigarettenrauch. »Wie gut kennen Sie ihn?«

»Er ist ein alter Freund. Mein Mentor. Ich habe bei zwei Fahrten unter ihm gedient – als stellvertretender Kommandeur auf der Nevada, und dann bei einem Verwaltungsposten in der Elektronischen Kriegsführung. Drummond hat außerdem ein paar Probleme bereinigt, die ich vor einer Weile hatte … Aber ich nehme an, das wissen Sie bereits.«

Radford nickte.

Scotts Instinkt sagte ihm, dass hier Probleme in der Luft lagen, und er befand sich in höchster Alarmbereitschaft. »Warum die Fragen über Frank?«

Radford gab ihm darauf keine Antwort und fragte stattdessen: »Wie gut kennen Sie seine Frau?«

»Sehr gut. Sie und Frank sind vom gleichen Schlag. Sie machen sich immer Gedanken um Untergebene oder Personal. Vivian ist eine wunderbare, freundliche Frau. Sie haben zwar keine Kinder, aber sie hätten tolle Eltern abgegeben.« Was er nicht erwähnte, waren die Probleme, die lange Kommandos zur See mit sich brachten – größere Probleme noch für Kinder, die ohne den Vater aufwachsen mussten. »Die beiden lieben sich jedenfalls sehr.«

Radford sah tief in Gedanken versunken aus dem Fenster seines Büros in Crystal City, Alexandria, Virginia, auf den ununterbrochenen Strom von Scheinwerfern und Rücklichtern, die dort unten auf der I-395 am Pentagon vorbeizogen. Er beobachtete die Spätankömmlinge, die unten auf dem Parkplatz um die Pfützen herumgingen. Auf der anderen Seite des Potomac reichte die Spitze des Washington-Denkmals bis in die Wolken, die dunkel und regenschwer am Himmel hingen. Scott überlegte, dass die Szene draußen ein perfektes Spiegelbild seiner eigenen Stimmung wiedergab.

Radford wendete sich Scott zu und fragte abrupt: »Wissen Sie, ob Drummond homosexuell war?«

Scott schnappte nach Luft. Hatte er da richtig gehört? Sagte Radford wirklich, dass Drummond homosexuell war? Homosexuell war?

»Nun?«, fragte Radford nach.

»Frank Drummond ist kein Homosexueller«, sagte Scott bestimmt.

»Woher wissen Sie das?«

»Weil ich den Mann genau kenne. Ich habe jahrelang mit ihm zusammengearbeitet –«

»Das heißt nichts. Viele Männer verbergen das. Männer in der Navy.«

»Was soll das alles, General? In meinem Befehl, mich bei Ihnen zu melden, war keine Rede von Admiral Drummond.«

Radford schlurfte zu seinem Schreibtisch zurück. Er drückte seine Zigarette heftig in einem schweren Glasaschenbecher aus und betrachtete dann den verdrehten, platt gedrückten Stummel. Schließlich sagte er: »Frank Drummond ist tot.«

Scott sah Radford lange direkt in die Augen. »Tot? Wie ist es passiert?«, fragte er schließlich.

»Selbstmord. In Murmansk«, gab Radford knapp zurück.

Ein hässliches Bild formte sich vor Scotts Augen, aber er weigerte sich zu glauben, was er da vor sich sah.

Scott war seit über zehn Jahren mit Drummond befreundet. Sie hatten sich kennengelernt, als er als stellvertretender Kommandeur auf die USS Hampton abkommandiert worden war, einem Kampf-U-Boot der verbesserten Los-Angeles-Klasse. Drummond hatte sofort Scotts besondere Begabung als U-Boot-Mann erkannt und ihn bei seiner Karriere unterstützt, bis auch er ein eigenes Kommando bekommen hatte. Die Chemie zwischen den beiden hatte von Anfang an gestimmt, und später, als Scott Drummond an Land folgte, hatten sich Schnittstellen in ihren beruflichen Interessen ergeben, und ihre Freundschaft und der gegenseitige Respekt waren tiefer geworden. Drummond war mit Rat und Tat zur Stelle gewesen, als Scott die Schmerzen einer zerbrochenen Ehe ertragen musste und als wegen der Affäre im Gelben Meer beinahe seine Karriere zerstört worden war.

Scott konnte nicht glauben, was er da hörte. Er sprang auf. »Unmöglich!«, donnerte sein Protest über Radfords Schreibtisch. »Frank würde nie Selbstmord begehen. Niemals!«

Radford schlug die Purpur-Akte auf. Einzelne Passagen auf darin abgehefteten Blättern waren mit einem gelben Marker hervorgehoben. »Vor drei Tagen haben wir eine Eilmeldung von unserer Botschaft in Moskau bekommen. Frank Drummond ist tot in einem Hotel in Murmansk aufgefunden worden. Bei ihm war ein junger russischer Matrose, ebenfalls tot, der in dem U-Boot-Stützpunkt in der Olenya-Bucht auf der Halbinsel Kola stationiert war. In dem FSB-Bericht heißt es, dass die beiden Männer« – Radford setzte eine halb in schwarzem Horn gerahmte Lesebrille auf und sah in dem markierten Text nach – »nackt zusammen im Bett lagen und beide eine Schusswunde im Kopf hatten. Die verwendete Waffe, eine kleinkalibrige Pistole russischer Herstellung, wurde in Drummonds Hand gefunden.«

»Das ist Blödsinn!«

Radford warf Scott über den Rand seiner Brille einen grimmigen Blick zu, als wäre er ein Professor, der sich über einen starrsinnigen, aber brillanten Studenten ärgert. »Da, lesen Sie selbst.«

Es stand alles dort. Das Hotel Nowi Poljarnii. Wodka, Zigaretten, Geld. Ein amerikanischer Offizier, der als Konteradmiral Frank Drummond, US Navy identifiziert worden war. Der tote Seemann war ein gewisser Andre Radschenko, neunzehn Jahre alt, Vollmatrose, zugewiesen dem U-Boot K-363 von der russischen Nordmeerflotte. Die Selbstmordwaffe war eine russische PSM-Automatik, Kaliber 5,45 mm. Drummonds Leiche lag im zentralen Leichenschauhaus Moskaus, wo man auf Anweisungen von der Botschaft der USA wartete, wie damit zu verfahren sei.

Der Bericht war von dem untersuchenden FSB-Offizier, einem gewissen Yuri Abakow erstellt und vom zweiten Botschaftssekretär gegengezeichnet worden. Scott kannte den FSB, die Nachfolgeorganisation des alten KGB, und wusste von seinem Ruf, er wäre unfähig, wenn nicht korrupt. Der Bericht aber war unmissverständlich, und Scott sah keine Möglichkeit, wie man aus Unfähigkeit diesen offensichtlichen Selbstmord mit einem Mord hätte verwechseln können, und aus Korruption schon gar nicht. Was Frank Drummond in Murmansk zu tun gehabt hatte, wurde in dem Bericht nicht erwähnt.

»Weiß Mrs. Drummond schon, dass Frank tot ist?«, fragte Scott, sichtlich mitgenommen.

»Sie ist gestern informiert worden«, antwortete Radford. »Allerdings unter Auslassung bestimmter, äh, Einzelheiten. Man hat ihr gesagt, er sei im Verlauf eines versuchten Raubüberfalls getötet worden.«

»Haben Sie mit ihr gesprochen?«

»Nicht persönlich. Mein Stellvertreter. Mrs. Drummond war gerade aus London zurückgekommen. Sie hatte eine Woche mit ihrem Mann in St. Petersburg verbracht und war dann nach London geflogen, um dort vor ihrem Rückflug in die Staaten Freunde zu besuchen. Sie wollte auf der Stelle umkehren und nach Moskau zurückfliegen, aber wir haben sie davon überzeugt, dass das für sie nicht die beste Lösung wäre. Ich habe ihr gesagt, dass ich stattdessen Sie nach Moskau schicken würde, um Drummonds Leiche für das Begräbnis zurück in die Staaten zu begleiten. Da Sie fließend Russisch sprechen und sich dort drüben auskennen, war sie mit meiner Entscheidung einverstanden. Sie wollte noch mit Ihnen sprechen, wusste aber nicht, wo sie Sie erreichen konnte.«

»Dann möchte ich sie heute besuchen.«

»Vorher müssen Sie noch einiges erfahren«, sagte Radford. »Bitte setzen Sie sich.«

Scott bemerkte, dass sich ein weicherer Tonfall in Radfords eisige Stimme eingeschlichen hatte. Er bot Scott eine Zigarette an, die dieser ablehnte. Dann zündete er sich selbst eine an und stieß zwei Rauchschwaden durch die Nase aus. »Ich hätte Ihnen sofort mein Mitgefühl aussprechen müssen. Bitte akzeptieren Sie es jetzt. Es ist mir klar, dass es nicht angenehm ist, auf solche Art von Drummonds Tod zu erfahren.«

Scott sagte kein Wort. Radford nahm seine Brille ab und massierte sich den Nasenrücken mit Daumen und Zeigefinger.

»Drummond war auf einem Spezialeinsatz der SRO«, fuhr er fort. »Ich habe persönlich seine Abkommandierung dafür genehmigt. Er hat eine makellose Akte, völlig lupenrein. In jeder Beziehung ein außergewöhnlicher Offizier. Brillant sogar. Wie Sie wissen, war er außerdem Experte für Kernphysik und spaltbares Material. Aber die Akte eines Mannes – die harten Fakten, wenn Sie so wollen – erzählt einem nicht alles. Man muss auch die Unwägbarkeiten in Betracht ziehen, versuchen, den Charakter zu lesen, sich auf die Intuition zu verlassen und so weiter. Angesichts der Probleme, die Sie in der Vergangenheit hatten, werden Sie das sicher verstehen.

Ich akzeptiere Ihre Überzeugung, dass Drummond kein praktizierender Homosexueller war«, gab Radford ruhig zurück. »Ich muss aber andererseits das Beweismaterial prüfen, das der FSB vorgelegt hat. Und in diesem Fall hat ihr Beweismaterial Sie widerlegt. Bis mir gegenteilige Beweise vorgelegt werden, bleibt mir keine andere Wahl, als zu glauben, was ich über Drummond gelesen habe. In diesem Zusammenhang werden Sie in Ihrem Gespräch mit Mrs. Drummond keine Informationen aus dem Bericht weitergeben. Ist das klar?«

»Das ist klar.«

Radford unterbrach kurz, um mit einer Computermaus einen Flachbildschirm zu aktivieren. Datenmaterial erschien, dann ein Bild von Drummond. Radford gab ein Wort ein, klickte mit der Maus und wartete dann ab. Das Datenmaterial änderte sich, und er richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf Scott.

»Wir haben es hier mit einer delikaten Situation zu tun. Wie Sie wissen, soll der Präsident in zehn Tagen in St. Petersburg an einem Gipfeltreffen mit dem russischen Präsidenten teilnehmen. Viele Themenbereiche sollen diskutiert werden, vor allem aber die Wirtschaftshilfe und der internationale Terrorismus. Der Präsident wird wahrscheinlich Russlands Bemühungen, den tschetschenischen Terrorismus auszuradieren, seine Unterstützung zusagen. Er ist bekanntlich für das Massaker verantwortlich, das neulich in dieser Konzerthalle in Moskau stattgefunden hat. Wir brauchen Russlands Unterstützung, wenn wir die Weiterführung unserer Reformbestrebungen im Mittleren Osten und besonders im Iran vor dem UN-Sicherheitsrat durchbekommen wollen. Ein weiteres Thema auf der Agenda des Präsidenten ist die Sicherung des russischen spaltbaren Materials von ihren zerlegten U-Booten. Es lagert noch in ihren Flottenstützpunkten auf der Halbinsel Kola und wächst ständig an.«

»Spaltbares Material aus stillgelegten U-Boot-Reaktoren«, warf Scott ein.

»Richtig. Drummond hat in Russland mit einer norwegischen Gruppe namens Earth Safe zusammengearbeitet. Sie versuchen zurzeit, das spaltbare Material zu inventarisieren und es für den Transport in sichere Lagerstätten vorzubereiten, die derzeit mit US-Mitteln gebaut werden. Er hat also mit Earth Safe zusammengearbeitet, als er verschwunden ist und später tot aufgefunden wurde.«

Es war Scott klar, dass Drummond und Earth Safe sich eine herkulische Aufgabe vorgenommen hatten. Russlands chaotischer Umgang mit der Zerlegung ihrer ausgedienten Atom-U-Boote und der Entnahme des Kernbrennstoffs aus ihren Reaktoren hatte nicht nur riesige Landstriche in und um nordrussische Städte verstrahlt. Das spaltbare Material stellte außerdem ein verlockendes Ziel für Terroristen dar, die es sich zum Ziel gesetzt hatten, eine Kernwaffe zu bauen. Russland hatte von solchen Terroristen ebenso viel zu befürchten wie die USA. Die Vorstellung, dass tschetschenische Terroristen eine Atomwaffe in ihren Besitz bringen könnten, war zu schrecklich, um sie auch nur in Betracht zu ziehen. Da die russische Wirtschaft sich aber zurzeit erst langsam von den Jahren der Kontrolle durch die Kommunisten zu erholen begann, waren die Mittel für die Entsorgung dieser gefährlichen Materialien versiegt.

»Und Sie meinen, dass sich Drummond oben in Murmansk die Möglichkeit zu einer heimlichen Affäre geboten hat«, sagte Scott. »Und dann hat er die Gelegenheit genutzt, ja?«

»Ja, so sehe ich die Sache.«

»Also, ich nicht«, verkündete Scott bestimmt. »Drummond würde niemals für Sex bezahlen. Nicht bei einem erstklassigen Callgirl, und schon gar nicht bei einem jungen Mann. Außerdem hatte ihn seine Frau doch gerade erst in St. Petersburg besucht.«

»Was auch immer«, sagte Radford, den Scotts Meinung nicht zu beeindrucken schien. »Auf jeden Fall darf Drummonds Tod in keinster Weise das Gipfeltreffen stören oder zu einer peinlichen Situation führen.«

»Ich nehme an, der Präsident ist informiert worden.«

»Ich habe Paul Friedman von der Sache berichtet. Ich hielt es für besser, wenn der nationale Sicherheitsberater zuerst davon erfährt, damit er den Präsidenten um irgendwelche Minen herumführen kann, die ihn vielleicht in Russland erwarten.«

»Wissen die Russen Bescheid?«

»Wenn Sie damit den Kreml meinen, kann ich es Ihnen nicht sagen. Ich gehe davon aus, dass der FSB die Leute dort immer auf dem Laufenden hält, aber ob speziell über diese Sache, wer kann das sagen? Es könnte sich aber in jedem Fall für beide Seiten als peinlich erweisen.«

Scott vermochte an Drummonds Tod nichts Peinliches zu erkennen. Er wollte vor allem den Beweis erbringen, dass der FSB sich irrte, und damit den Namen dieses Mannes sauber halten. Und am besten fing er damit in Moskau an.

Wieder klickte Radford mit der Maus. »Drummond war im Besitz von sensitivem Material: Dokumente, CD-ROMs. Er hat es in der Botschaft untergebracht. Sie werden dieses Material also dort suchen, es versiegeln und so bald wie möglich mit der Diplomatenpost zurückschicken. Sorgen Sie außerdem dafür, dass sein persönlicher Besitz bereinigt wird. Wir wollen doch nicht, dass Mrs. Drummond eine unangenehme Überraschung erlebt.«

Scott ignorierte diese letzte Aufforderung. »Wer ist meine Kontaktperson in der Botschaft?«

Radford warf einen Blick auf den Monitor. »Ein Typ namens Alex Thorne. Zweiter Wissenschaftsattaché. Ich weiß nichts über ihn, nur dass er offensichtlich mit Drummond zusammengearbeitet hat und mit Earth Safe in Verbindung steht. Es könnte sein, dass er etwas über Drummonds Aktivitäten in und um Murmansk weiß. Seien Sie aber diskret. Laut Ihrem Befehl sind Sie ein CACO – Casualty Assistance Control Officer –, also ein Kontrolloffizier zur Unterstützung bei Todesfällen. Das Botschaftspersonal könnte Ihnen außerdem dabei behilflich sein, bürokratische Hindernisse bei der Freigabe von Drummonds Leiche zu überwinden.«

»Wo bin ich untergebracht?«, fragte Scott.

»In einem Hotel in Moskau. Wir möchten, dass Sie möglichst wenig auffallen. Die Russen beobachten die Botschaft nach wie vor, und es ist am besten, wenn sie Sie nicht täglich dort ein und aus gehen sehen. Sie haben die Erlaubnis, Zivilkleidung zu tragen, was Ihnen dabei helfen könnte, möglichst unauffällig zu bleiben. Das steht aber alles in Ihrem Befehl. Die Begleitpapiere für die Überführung der Leiche mit einer US-Frachtmaschine sind beigefügt. Sie werden mir Ihre Fortschritte melden. Dafür wird Ihnen der Sicherheitschef der Botschaft ein abgeschirmtes und gepanzertes Mobiltelefon aushändigen. Es wird zwar vorher eingestellt, aber benutzen Sie es nur im Notfall. Die Russen beherrschen die Entschlüsselung unseres Funkverkehrs inzwischen besser.«

»Wann reise ich ab?«, wollte Scott zum Schluss noch wissen.

Darauf folgte erneut ein Blick auf den Monitor. »Morgen Abend. Von Dulles nach London, dann zum Scheremetjewo II. Ein Mitglied der Botschaft wird Sie abholen. Ach ja, eines noch: Sie werden mit diesem Abakow zusammenarbeiten, dem FSB-Offizier, der den Bericht verfasst hat. Sehen Sie sich bei ihm vor. Eine Menge von ihren Leuten sind ehemalige KGB-Agenten, denen man nicht trauen kann.«

»Aye, aye, Sir.«

Ein strenger Ausdruck trat in Radfords Gesicht. »Admiral Ellsworth hat mir gesagt, Sie wären einer seiner besten Kapitäne, trotz allem, was in Ihrer Akte steht.«

Scott sah ihn an. »Na ja, wie Sie ja selbst meinten, General, sagt einem die Akte eines Mannes nicht alles.«

»Richtig. Jetzt erweisen Sie sich nur nicht als Fehleinschätzung von mir.«

Endlich erreichte Scott die Einkaufsmeile an der Route 7 am Stadtrand von Falls Church, Virginia. Eine Viertelmeile danach bog er in eine schmale Straße ein und fuhr an einer Reihe Bungalows aus den 60er Jahren und an Ranchhäusern vorbei, bis er ein Haus erreichte, das von einem reparaturbedürftigen Zaun umgeben war. Er bog in die Einfahrt und parkte hinter einem silberfarbenen Buick.

Das Anwesen der Drummonds machte einen ungepflegten Eindruck und war voller Unkraut, aber das Haus war offenbar kürzlich gestrichen worden. An die Garage gelehnt standen ein Grill und einige Gartenstühle, die nach Ende des Sommers vergessen worden waren. Wer sich wohl jetzt um solche Dinge kümmern würde, jetzt, da Frank tot war?

Die Heizung war eingeschaltet und verursachte Klopfgeräusche, aber trotzdem fühlte sich das Haus innen kühl und feucht an. Irgendwie hatte das mit Franks Abwesenheit zu tun. Dieses Gefühl war fast greifbar. Alles hier im Haus kam ihm vertraut vor: die vanillefarbige Holztäfelung, der unscheinbare Teppichboden, eine Glasvitrine mit Nippesfiguren aus dem Fernen Osten, Geschirr, Elfenbein-Buddhas, Reisschalen mit Perlmutt-Intarsien. Auf Regalen im Arbeitszimmer hatte Drummond seine Sammlung von Navy-Erinnerungsstücken verteilt: ein beschädigter Kaffeebecher, ein vernickelter Aschenbecher, Sturmfeuerzeuge mit den Emblemen der U-Boote, auf denen er gedient hatte. Belege für ein erfülltes Leben.

»Ich habe uns etwas zu essen gemacht«, sagte Vivian Drummond. Sie sah abgehärmt aus, und ihr standen Tränen in den Augen.

Sie saßen in der Küche, von der aus man in einen breiten, an einem Ende von einer Gruppe kahler Ahornbäume begrenzten Hof hinaussehen konnte. Vivian schob die Ärmel ihres violetten Pullovers hoch und goss Scott Kaffee ein. Sie servierte ihm frisch gemachten Geflügelsalat und gekühlten Weißwein, wie immer ganz die perfekte Gastgeberin. Alles war genau richtig, sogar zu diesem tragischen Anlass. Dann aber verlor sie ihre Selbstbeherrschung.

Scott nahm sie in die Arme und schaukelte sie wie ein Kind.

»Ich verstehe das nicht«, sagte sie. »Ich habe mich gerade in St. Petersburg mit ihm getroffen. Wir hatten einen wunderbaren Aufenthalt, voller Romantik, mit Abendessen und Theaterbesuchen. Er freute sich schon darauf, seine Arbeit dort abzuschließen und wieder heimzukommen. Es ist unfasslich. Ich kann nicht verstehen, wie so etwas passieren konnte. All die Jahre in den Booten, diese gefährlichen Fahrten, die ihm eine Höllenangst gemacht haben, und mir erst recht – nicht ein Kratzer, und jetzt das! Ein Raubüberfall in Murmansk.«

Es war Scott klar, dass die vom SRO erfundene Geschichte von dem Überfall, der aus dem Ruder gelaufen war, Vivians Schmerzen nicht lindern würde. Und nichts, was er sagen konnte, würde sein Schuldgefühl verringern, weil er sie hinterging.

»Vivian, hat Frank Ihnen erzählt, was er in Murmansk gemacht hat?«, erkundigte sich Scott.

Vivian tupfte sich die Augenwinkel ab, um den Schaden an ihrem Make-up möglichst gering zu halten. »Ich sehe furchtbar aus!«, brach es aus ihr heraus. »Nein. Er hat nie über Dienstliches gesprochen. Niemals. Und eine gute Navy-Ehefrau fragt nicht.«

Sie versuchten, weiterzuessen, aber plötzlich war ihnen der Appetit auf die Mahlzeit vergangen. Vivian trank stattdessen ein Glas Wein. Sie stand auf, setzte sich hin und stand gleich wieder auf. »Ich glaube, hier kann ich nicht bleiben, Jake. Nicht mehr. Zu viele Erinnerungen. Ich werde das Haus verkaufen und in den Süden ziehen. Oder vielleicht nach Kalifornien.«

»Vielleicht sieht ja später alles anders aus«, sagte Scott. »Wir können darüber sprechen, wenn ich wieder zurück bin.«

Vivian ging zu ihm. »Jake, ich weiß nicht, wie ich meine Dankbarkeit zum Ausdruck bringen soll. Für Sie muss es doch auch furchtbar schwer sein, ihn zurückzubringen.«

»Ich bin ihm etwas schuldig. Ich bin ihm alles schuldig. Er wusste, was sie mit mir vorhatten. Er hat sie gezwungen, die Wahrheit zuzugeben. Sie wussten genau, dass wir von Glück sagen konnten, diese Sache lebendig überstanden zu haben und auch das Schiff zu retten. Alle, die an dem Unternehmen beteiligt waren, kannten die Risiken, die wir eingehen mussten – Ellsworth, die anderen auch …« Er fing sich wieder. »Tut mir leid, Viv. Ich wollte nicht davon anfangen. Nicht ausgerechnet jetzt. Es ist nur so, dass …«

»Ich verstehe das«, unterbrach sie ihn. »Frank würde das verstehen. Hat er das nicht immer getan?«

»Sicher.«

Jake spürte, dass Vivian den Anschein von stoischer Gelassenheit kaum noch aufrechterhalten konnte. Sie sackte in sich zusammen und stand kurz davor, erneut in Tränen auszubrechen. Er küsste sie auf die Wange und trat einen Schritt zurück. »Es dürfte nicht länger als eine Woche dauern. Ich kümmere mich um alles.«

»Werden sie Franks Mörder fangen?«

»Soweit ich gehört habe, arbeiten die russischen Behörden eng mit der Botschaft zusammen. Ich sehe mir das an.« Mit dieser Lüge würde er leben können.

Als es den Anschein hatte, dass Vivian nicht mehr weiter darüber sprechen wollte, wurde Scott klar, dass es für ihn Zeit zu gehen war. Doch sie nahm seinen Arm und sagte: »Eines ist da noch.«

Scott war bereits dabei, seinen Mantel überzuziehen. Er hielt inne.

»Als ich Frank in St. Petersburg getroffen habe, kam es mir so vor, als würde ihn etwas beschäftigen«, sagte Vivian. »Oh, wir hatten unseren Spaß, aber unter der Oberfläche hat etwas an ihm genagt, das habe ich bemerkt. Schließlich kannte ich ihn und seine verflixte Fähigkeit, zwei Menschen zugleich zu sein. Er verstand es, sich hinter einer Maske von absurd guter Laune zu verbergen, während ihn irgendetwas in seinem Inneren stark beschäftigte.«

»Hat er etwas darüber gesagt – irgendetwas, ganz gleich, was –, was ihm Kopfzerbrechen bereitet hat?«

»Nein. Nur einmal hat er etwas gesagt, das er scherzhaft meinte, das wusste ich: dass meine Anwesenheit in St. Petersburg ihn vor ihm selbst gerettet hätte.«

»Was genau hat er gesagt?«

»Dass er in Murmansk ein Blind Date hätte.«

3

ST. PETERSBURG, INNENSTADT

Das Mädchen mit den langen Beinen kam mit großen Schritten näher. Nur ein falscher Tritt in ihren Stiefeln mit den Pfennigabsätzen auf den Pflastersteinen, und es hätte schlecht für sie ausgesehen. Es wurde aber mit der Haltung eines routinierten Models ohne einen Fehltritt mit der schmalen Straße fertig. Sie verlief parallel zu dem Flüsschen Fontanka, südlich der Newa, und mündete in einen schönen kleinen Park mit Ruhebänken und einem Springbrunnen. Von ihm aus führten wie von der Nabe eines Rades drei weitere, ebenso schmale Straßen in andere Teile der Stadt. Einige Fußgänger schlenderten mit Einkaufsnetzen oder mit ihren Hunden gedankenverloren über den Platz.

Zakajew saß auf einer Bank in der Nähe des Springbrunnens, der zu Beginn der kalten Jahreszeit abgestellt worden war. In seinem Kaschmirmantel, den er sich eng um die Schultern gezogen hatte, sah er wie ein erfolgreicher Geschäftsmann aus, der sich eine kurze Erholung von der Hektik der Stadt gönnte. Neben ihm auf der Bank lag eine schmale Tasche aus weichem Leder mit Reißverschluss, wie sie bei den Besuchern aus dem Westen beliebt waren. Seine aber enthielt weder Vertragsentwürfe noch ein Mobiltelefon, sondern eine P7 – 9mm-Automatik von Heckler & Koch und eine tschechoslowakische Splitterhandgranate.

Zakajew verfolgte mit bewundernden Blicken die Vorstellung des Mädchens, das mit klackenden Absätzen und dem weit schwingenden Zobelmantel näher kam, als ginge sie auf einem Laufsteg. Ihre in der Mitte gescheitelten schwarzen Haare fielen ihr auf die Schultern wie Flügel.

Damals, als er sie in seine Obhut genommen hatte, war sie vierzehn gewesen, hatte auf den Straßen von Grosny gelebt und war wegen ihrer Ruhr-Erkrankung halb verhungert. Sie war von den russischen Soldaten auf jede erdenkliche Weise vergewaltigt und liegen gelassen worden, weil sie sie für tot gehalten hatten. Ihre Familie war einfach verschwunden. Eines Nachts waren die Speznaz in ihrem Haus erschienen und hatten sie alle mitgenommen. Sie selbst konnte sich in der Scheune verstecken. Nachdem man ihre Familie mit vorgehaltener Waffe in einen Lastwagen verfrachtet hatte, musste sie mit ansehen, wie die russischen Halbwüchsigen in Uniform das Vieh erschossen, alles Essbare mitnahmen und dann Phosphorgranaten in das Haus und die Scheune warfen. Bei ihrer Flucht hatte sie nichts weiter retten können als die Kleider am Leib und das in Öltuch eingeschlagene Hochzeitsalbum ihrer Eltern.

Das Mädchen hatte sein Leben an Zakajew gebunden und betrachtete sich sogar als seine »Frau«, wogegen er keine Einwände vorbrachte. Persönlich gestattete er sich wegen seiner Verpflichtung für die Sache keine Bindung, denn die könnten Feinde benutzen, um ihn zu vernichten. Liebe bedeutete in seinen Augen Schwäche, und wenn ein Mann sich ganz der Sache gewidmet hatte, musste er stark sein. Er hatte schon früh gelernt, jede Gefühlsregung in sich zu unterdrücken. Für Zakajew war das Mädchen nur ein schönes Objekt, das ihm Vergnügen verschaffte. Trotzdem gab es auch für ihn Augenblicke, in denen er erkannte, was hätte werden können, wenn die Welt, wie er sie kannte, nicht zerstört worden wäre.

Das Mädchen hatte Zakajew erreicht. Er sah ihr zu, wie sie sich achtlos mit einer Hand durch die Haare fuhr, und überlegte sich fasziniert, wie sie es wohl schaffte, dieser Handlung eine so enorm erotische Qualität zu verleihen. »Hast du ihn gesehen?«, fragte er sie.

»Ja«, antwortete sie. »Er ist unterwegs. Und er ist allein.«

»Er ist nie allein unterwegs«, widersprach er ihr und strich mit einer Hand leicht über die Ledertasche. Dann klopfte er neben sich auf die Bank. »Setz dich. Das wird ihn ablenken, während wir reden.«

Das Mädchen setzte sich, schlug seine langen Beine übereinander und begann, eine spitze Stiefelspitze provokativ in Richtung eines gedrungenen Mannes zu schwenken, der vom Fluss her langsam auf sie zukam. Er hinkte leicht, die Folgen einer russischen Tretmine in Grosny. Der zerschmetterte Knochen war nicht richtig eingerichtet worden, aber darüber beklagte er sich nie. Für ihn gab es wichtigere Probleme. Das Gespräch mit Zakajew zum Beispiel.

Iwan Serow. Die bescheidene Art, seine einfache Alltagskleidung und sein unsteter Gang täuschten über die Tatsache hinweg, dass er der Anführer einer der gnadenlosesten Mafija-Gangs von ganz Russland war. Sie war mit ihrem Netz nicht nur tief mit der russischen Wirtschaft verflochten, sondern handelte außerdem mit allem, von Drogen und Waffen bis hin zu menschlichen Organen. Zakajew wusste, dass Serow hinter vielen hohen russischen Regierungsbeamten stand und in Bank- und Kreditbetrug, Kreditwucher und Schmuggeloperationen verwickelt war. Für Serow war die Kontrolle über sein milliardenschweres Imperium jeden Kampf wert, auch wenn es dabei um sein Leben ging.

»Fast hätte ich dich ohne deinen Bart nicht erkannt, Alikhan Andrejewitsch«, sagte Serow. »Und mit diesem eleganten Schnurrbart.« Er ließ seinen Blick über Zakajews Gesicht, seine Kleidung und die Ledertasche mit ihrer Wölbung wandern. »Anscheinend bist du ja plötzlich reich geworden, was?« Er nickte dem Mädchen leicht zu und musterte es kurz.

»Was macht das Bein, Iwan Iwanowitsch?« Zakajew sah in ein Paar dunkle Augen unter buschigen Augenbrauen. Das übel zugerichtete Gesicht war blass und teigig, die Haut von der Kälte aufgeraut. Serow trug einen dicken Daunenmantel, und Zakajew fragte sich, ob der Mafioso darunter wohl eine kugelsichere Weste trug.

Das Bein? Serow zuckte mit den Achseln. Das war gar nichts. Er sah sich auf dem Platz um. Vielleicht schätzte er jetzt die Entfernungen ab und überlegte sich Fluchtwege. Nun setzte er sich neben die junge Frau. Sie wollte aufstehen, aber Serow legte ihr eine Hand auf den Schenkel und sagte: »Bleib doch, bitte.«

Nach einer längeren Pause sagte Serow: »Es ist eine weite Reise von Moskau nach St. Petersburg. Ich war schon eine ganze Weile nicht mehr in der Zarenstadt. Ich erkenne sie kaum noch wieder, so sehr hat sie sich verändert. All die Neubauten. Der Winterpalast ist schön. Ich hoffe, der amerikanische Präsident wird ihn zu schätzen wissen. Es heißt ja, Kultur interessiert ihn nicht, nur Geld.«

»Seine Frau soll ja angeblich Kunst lieben«, sagte Zakajew und schnaubte verächtlich.

»Sie war doch mal Filmschauspielerin«, gab Serow zurück. »Dann hat sie einen schwarzen Politiker geheiratet, der angeblich mit diesem – wie heißt er doch gleich wieder? – King marschiert sein soll. Und dann ist er Präsident geworden. So etwas ist nur in Amerika möglich. Doch er kommt nach Russland, weil er über Geschäfte sprechen will. Das kann nichts schaden. Wenn die Geschäfte zwischen den USA und Russland gut gehen, profitieren wir alle davon. Sogar du, Ali.«

»Er will außerdem dem Kreml zusichern, dass die USA im Gegenzug für Vorzugsbehandlung im Ölgeschäft und die Fortführung der Unterstützung des amerikanischen Kriegs gegen den Mittleren Osten nichts gegen das Massaker der tschetschenischen Zivilbevölkerung und die Zerstörung unseres Landes unternehmen.«

Serow runzelte die Stirn. »Wir müssen alle unsere geschäftlichen Interessen schützen, Ali«, wandte er ein. »Manche von uns waren sogar zu Kompromissen bereit, um die Vereinbarungen zu erreichen, die wir wollten. Vielleicht solltest du dir das auch überlegen. Den Amerikanern sind eure Sorgen nicht gleichgültig, aber ihnen sind die Hände gebunden. Sie meinen, sie könnten den Kreml dazu bringen, einzusehen, dass auf lange Sicht die Unabhängigkeit für Tschetschenien unausweichlich ist. Es wird aber Zeit brauchen.«

»Die haben wir nicht«, gab Zakajew barsch zurück. »Unser Volk wird ermordet. Die Russen foltern Kinder und alte Frauen, sie zerstören unsere Städte und Häuser … Aber das weißt du ja alles.«

»Du bist zu ungeduldig.«

»Ach, wirklich? Der Krieg dauert jetzt schon über zehn Jahre. Er wird nicht vorbei sein, bis die Russen besiegt und auch ihre Städte und Menschen vernichtet sind.«

»Das habt ihr versucht, aber es hat nicht funktioniert. Die Aktion in der Tschaikowsky-Konzerthalle war ein Desaster. Der Tod von tausend russischen Zivilisten – darunter auch Frauen und Kinder – hat ihre Entschlossenheit nur gefestigt.«

Zakajew drehte sich um und sah Serow mit flammendem Blick an. »Aber jetzt wissen sie, dass unsere Entschlossenheit nicht zu brechen ist. Jetzt werden sie das Schlimmste befürchten.«

»Was denn?«, fragte Serow höhnisch. »Dass ihr eine Million Russen tötet statt tausend?«

»Das sind nur Zahlen«, wich Zakajew aus.

»Dieses Mal wird der Kreml das Kriegsrecht ausrufen, wenn ihr auch nur hundert tötet.«

»Und das ist schlecht fürs Geschäft. Iwan Serows Geschäft.« Der Tschetschene lachte höhnisch auf.

»Genau«, gab Serow ungerührt zurück.

Eine ältere Frau, die einen Schnauzer an der Leine führte, ging an ihnen vorbei. »Dobry den’!«, sagte sie höflich.

Zakajew nickte ihr einen Gruß zu.

Serow lehnte sich an das Mädchen, das zwischen ihnen saß, und drehte seinen dicken Kopf Zakajew zu. Er roch nach Tabak und Knoblauch. »Ich habe um dieses Gespräch gebeten, Ali, um geschäftliche Dinge zu besprechen, die uns beide betreffen, nicht, um mir eine deiner Reden anzuhören.«

»Und ich habe dir gesagt, es gibt nichts zu besprechen! Außerdem halte ich keine Reden mehr. Dafür ist es zu spät.«

Serow ließ nicht locker. »Wenn es um Geschäfte geht, mein Freund, ist es nie zu spät«, sagte er jedoch in freundlichem Tonfall. »Besonders, wenn beide davon profitieren.« Er stand auf. »Komm, machen wir drei doch einen Spaziergang. Mein Bein tut mir weh, wenn ich zu lange sitze.«

Serow hakte sich bei Zakajew unter und lenkte ihn auf eine der schmalen Straßen zu, die zum Fluss führten. Mit einer plötzlichen, geschickten Bewegung, mit der Zakajew nicht gerechnet hatte, nahm er die dicke Ledertasche an sich und gab sie an das Mädchen weiter. »Sie kann sie doch für dich tragen, oder? Dein Handy könnte klingeln. Ich möchte keine Ablenkungen bei unserem Gespräch.«

Serow lenkte Zakajew auf die Anischkow-Brücke, eine der schönsten der Stadt. »Ich habe eine Nachricht von der Bruderschaft für dich.« Er meinte damit die Moslem-Bruderschaft, eine islamistische Organisation, mit Basis im Mittleren Osten, die Zakajew und seine Leute mit Geld für Waffen versorgte. Die Zahlungen wurden über eine von Serows vielen Tarnorganisationen abgewickelt, wofür dieser eine enorme Gebühr verlangte. »Sie versprechen, dir alles zu geben, was du brauchst, um deinen Kampf gegen die russische Herrschaft über Tschetschenien innerhalb der Landesgrenzen fortzusetzen. Sie sind aber nicht bereit, irgendeinen Plan zu unterstützen, den du für einen weiteren Angriff gegen Russland selbst gefasst haben solltest. Mit anderen Worten, sie werden eine weitere Operation in der Größenordnung des Massakers in der Konzerthalle nicht unterstützen.«

»Glauben sie – glaubst du, der Kreml würde seine Truppen zurückziehen, wenn wir auf einmal aufgeben und Friedensverhandlungen anbieten?«, fragte Zakajew empört. »Niemals! Solange die russische Armee unser Land besetzt hält und dort Gräueltaten begeht, werden wir unseren Kampf fortsetzen. Was den Entwurf für eine neue Verfassung betrifft, so werden wir niemals eine akzeptieren, die der Kreml aufgesetzt hat. Wenn sie dort nämlich erst einmal glauben, dass wir unsere Entschlossenheit verloren haben, werden sie sofort mit voller Gewalt angreifen. Das ist das Einzige, was sie verstehen – Gewalt. Und wir werden ihnen mit der gleichen Gewalt begegnen. Wenn die Bruderschaft uns nicht unterstützen will, dann ist es eben so. Wir werden Unterstützung von anderen Organisationen bekommen, die für unsere Sache sind.«

»Der Augenblick könnte bald kommen, Alikhan Andrejewitsch, in dem du Alternativen ins Auge fassen solltest«, warnte Serow. »Es wird für die islamistische extremistische Bewegung immer schwieriger, Mittel zu beschaffen.

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